{"id":7022,"date":"2000-12-12T11:52:00","date_gmt":"2000-12-12T10:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zukunft-der-drogenpolitik\/"},"modified":"2000-12-12T12:00:00","modified_gmt":"2000-12-12T11:00:00","slug":"zukunft-der-drogenpolitik","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zukunft-der-drogenpolitik\/","title":{"rendered":"Zukunft der Drogenpolitik"},"content":{"rendered":"<p>[Dezember 2000]<\/p>\n<p>von Dr. Till M\u00fcller-Heidelberg, Bundesvorsitzender der HUMANISTISCHEN UNION<\/p>\n<p><b>1. Zun\u00e4chst einige Zahlen:<\/b><\/p>\n<p>5 Millionen Drogenabh\u00e4ngige in Deutschland (andere sprechen von 20 Millionen), mindestens 150.000 Drogentote in Deutschland im Jahr! Welch immenses pers\u00f6nliches Elend, welch riesiger volkswirtschaftlicher Schaden. Unter den Kosten bricht das Gesundheitssystem zusammen. Wer h\u00e4tte nicht angesichts dieser viel zu wenig bekannten Zahlen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Notwendigkeit staatlicher Ma\u00dfnahmen, f\u00fcr die h\u00e4rtesten staatlichen Eingriffe, um diesen untragbaren Zustand einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Nur: Nichts geschieht! Keiner spricht dar\u00fcber. Denn es handelt sich um die legalen Drogen, die der Staat nicht bek\u00e4mpft, an denen er sogar verdient.<\/p>\n<p>Die Sch\u00e4tzungen \u00fcber Alkoholabh\u00e4ngige schwanken zwischen 1 &#8211; 10 Millionen. Hinzu kommen 5 &#8211; 10 Millionen Nikotinabh\u00e4ngige. Dann 1,4 Millionen Medikamentenabh\u00e4ngige &#8211; aber nur ca. 100.000 Abh\u00e4ngige von illegalen Drogen. Wir haben etwa 130.000 Tote allein durch Alkohol und Nikotin &#8211; bei etwa 1.500 Toten durch illegale Drogen.<\/p>\n<p><b>2. Dies bedeutet<\/b>: Alle Begr\u00fcndungen, warum die heute illegalen Drogen weiterhin verboten bleiben und bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen, sei es deren Gef\u00e4hrlichkeit f\u00fcr den Einzelnen, f\u00fcr die Gemeinschaft, die Kosten, sind schlicht verlogen. Denn wenn diese Begr\u00fcndungen richtig w\u00e4ren, m\u00fc\u00dfte man doch viel energischer gegen Alkohol, Nikotin und Medikamentenabh\u00e4ngigkeit vorgehen.<\/p>\n<p>Schon das Gebot der Gerechtigkeit zwingt also dazu, entweder den verfassungsrechtlich gesch\u00fctzten freien Entscheidungsraum einer jeden B\u00fcrgerin, eines jeden B\u00fcrgers zu akzeptieren, ob sie\/er sich selbst gef\u00e4hrden will, oder aber, wenn man auf die Gef\u00e4hrlichkeit von Drogen abstellt, dann mit dem Verbot bzw. der Strafbarkeit bei den gef\u00e4hrlichsten Drogen Alkohol und Nikotin anzufangen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Verlogenheit ist dabei das Argument von der Einstiegsdroge Haschisch. Schon im Band 24 der BKA-Forschungsreihe &#8222;Beschaffungskriminalit\u00e4t Drogenabh\u00e4ngige&#8220; von 1991 ist diese Behauptung in das Reich der Fabel verwiesen worden. Haschisch macht nicht s\u00fcchtig, es gibt keinen einzigen Fall, in dem Haschisch-Genu\u00df zwangsl\u00e4ufig zu Heroin oder anderen Drogen gef\u00fchrt h\u00e4tte. Die wirklichen &#8222;Einstiegsdrogen&#8220; sind Nikotin und Alkohol.<\/p>\n<p><b>3. Nicht nur das Gerechtigkeitsgebot <\/b>verbietet die Illegalisierung und Strafbarkeit heute illegaler Drogen, sondern auch die Moral: Drogenabh\u00e4ngigkeit bedeutet ja eben die Abh\u00e4ngigkeit der Person, d.h. ihre Krankheit. Sie kann gar nicht anders. Damit ist Drogenabh\u00e4ngigkeit die einzige Krankheit in Deutschland, die nicht mit \u00e4rztlicher Hilfe, sondern mit Strafe &#8222;behandelt&#8220; wird. So wie vor fast 250 Jahren in L\u00fcneburg im Jahr 1762 die letzte Todesstrafe f\u00fcr Tabakraucher ausgesprochen wurde !<\/p>\n<p><b>4. Die Behauptung, Drogengenu\u00df<\/b>, Drogenhandel bedrohten uns, die Gesellschaft, ist falsch. Die Illegalit\u00e4t und Strafbarkeit bedroht uns !<\/p>\n<p>Weil illegale Drogen illegal sind, sind sie teuer. Der Erzeugerpreis von Heroin liegt bei unter einem Prozent des Verbraucherpreises. Dies bedeutet, da\u00df ein Drogenabh\u00e4ngiger DM 5.000,&#8211; bis DM 10.000,&#8211; monatlich ben\u00f6tigt, die er kaum in der Tasche hat. Er ist also als Kranker zur sog. mittelbaren Beschaffungskriminalit\u00e4t gezwungen. Durchschnittlich begeht jeder Drogens\u00fcchtige pro Jahr 273 Ladendiebst\u00e4hle, also fast jeden Tag einen, insgesamt pro Jahr 27 Millionen F\u00e4lle. Durchschnittlich begeht jeder Drogens\u00fcchtige pro Jahr 92 Autoaufbr\u00fcche, insgesamt j\u00e4hrlich 1.045.000 F\u00e4lle. Durchschnittlich begeht jeder Drogens\u00fcchtige pro Jahr 20,5 Wohnungseinbr\u00fcche, insgesamt 350.000 F\u00e4lle j\u00e4hrlich (alles BKA-Forschungsreihe Band 24, Seite 219, 346, 340). Zwischen 30 &#8211; 50 % aller F\u00e4lle von Wohnungseinbruch, von Handtaschenraub, von Diebstahl aus oder von Autos, also der Delikte, die die breite Bev\u00f6lkerung wirklich betreffen, gehen auf das Konto der mittelbaren Beschaffungskriminalit\u00e4t von Drogens\u00fcchtigen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: Mit der Legalisierung heute illegaler Drogen fallen die Preise in sich zusammen, da es keinen Schwarzmarkt mehr geben mu\u00df und das strafrechtliche Risiko nicht bezahlt werden mu\u00df. Die Sicherheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger steigt drastisch, da die Drogenabh\u00e4ngigen nicht mehr in die Illegalit\u00e4t getrieben werden. Das Hauptbet\u00e4tigungsfeld der sog. Organisierten Kriminalit\u00e4t f\u00e4llt ersatzlos weg mangels Gewinnspanne. Die OK bricht zusammen. Originalton des Polizeichefs von Bochum, Wenner: &#8222;Die Drogenbek\u00e4mpfungspolitik ist das gr\u00f6\u00dfte F\u00f6rderprogramm, das die OK je erlebt hat, eigentlich die staatliche Erfindung des perpetuum mobile f\u00fcr die OK.&#8220;<\/p>\n<p><b>5. Die Zukunft der Drogenpolitik<\/b> kann folglich nur in der Legalisierung liegen &#8211; wie die Legalisierung anderer gef\u00e4hrlicher Produkte wie etwa Alkohol\/Medikamente\/Nikotin. Das hei\u00dft Verkaufsbeschr\u00e4nkung etwa auf Vollj\u00e4hrige, evtl. nur in Apotheken.<\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrchtung einer Ausweitung von Drogenabh\u00e4ngigen ist unbegr\u00fcndet. Die Beispiele der Prohibition der Drogen Alkohol und Nikotin in USA und Skandinavien haben gezeigt: Nur die staatliche Illegalisierung\/Verknappung\/Strafbarkeit schafft den Schwarzmarkt, schafft die Mafia, schafft Verelendung. Die Legalisierung l\u00e4\u00dft die verbrecherischen Strukturen zusammenbrechen und es gibt hinterher nicht mehr Abh\u00e4ngige als vorher.<\/p>\n<p>Der schweizerische Versuch der staatlich kontrollierten Heroinabgabe beweist die positiven Folgen (Prof. Adams in Zeitschrift f\u00fcr Rechtspolitik 1997, 52 ff.): Bereits nach einem halben Jahr war (immer im Gegensatz zu vorher) kaum noch jemand obdachlos, die Arbeitsf\u00e4higkeit war von knapp 29 % auf 50 % gestiegen, gegen\u00fcber vorher 53 % hatten jetzt nur noch 13 % Eink\u00fcnfte aus lillegalen Quellen, die Straftaten hatten um 60 % abgenommen, Prostitution als Erwerbsquelle der beteiligten Frauen war fast auf ein Viertel gesunken, der Gesundheitszustand der Beteiligten war drastisch verbessert.<\/p>\n<p><b>6. Zusammenfassung<\/b>:<\/p>\n<p>Gerechtigkeit, Moral, Gesundheits- wie auch Kriminalit\u00e4tspolitik zwingen zur Legalisierung heute illegaler Drogen.<\/p>\n<p><i>Dieses Referat wurde auf einer Veranstaltung des Ortsverbandes D\u00fcsseldorf der HUMANISTISCHEN UNION am 12. Dezember 2000 gehalten<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[47],"tags":[],"class_list":["post-7022","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-lebensweisen-pluralismus"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zukunft der Drogenpolitik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zukunft-der-drogenpolitik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zukunft der Drogenpolitik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"[Dezember 2000] von Dr. Till M\u00fcller-Heidelberg, Bundesvorsitzender der HUMANISTISCHEN UNION 1. 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