{"id":7229,"date":"2005-06-12T12:44:00","date_gmt":"2005-06-12T10:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-entscheidung-des-xii-zivilsenats-des-bgh-vom-08062005\/"},"modified":"2021-08-30T15:37:48","modified_gmt":"2021-08-30T13:37:48","slug":"die-entscheidung-des-xii-zivilsenats-des-bgh-vom-08062005","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-entscheidung-des-xii-zivilsenats-des-bgh-vom-08062005\/","title":{"rendered":"Die Entscheidung des XII. Zivilsenats des BGH vom 08.06.2005"},"content":{"rendered":"<p>In dieser Entscheidung des Zivilsenats wurde nur &uuml;ber die Kosten des Rechtsstreites entschieden, da der Kl&auml;ger w&auml;hrend des Rechtsstreites verstarb. Deshalb erfolgte auch nur eine zusammen-fassende Pr&uuml;fung der Erfolgsaussichten des Kl&auml;gers. Dies veranlasste den Zivilsenat den Ausgang des Rechtsstreites offen zu lassen, und die durch den Rechtsstreit angefallenen Kosten gegeneinander aufzuheben.<\/p>\n<h5><span id=\"sachverhalt-der-entscheidung\">Sachverhalt der Entschei&shy;dung<\/span><\/h5>\n<p>Nach einem Suizidversuch litt der Kl&auml;ger an einem appalischen Syndrom im Sinne eines Wachkomas. Er wurde in einem Pflegeheim versorgt. Der behandelnde Arzt ordnete mit dem Einvernehmen des Betreuers (der Vater des Betroffenen) an, die k&uuml;nstliche Ern&auml;hrung einzustellen. Das Pflegeheim des Betroffenen lehnte die Umsetzung der &auml;rztlichen Anordnung jedoch ab. Grund daf&uuml;r war die Verweigerung seitens des Pflegekr&auml;fte der Anordnung nachzukommen. Daraufhin klagte der Kl&auml;ger vor den Zivilgerichten gegen das Pflegeheim auf Einstellung der k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung, um ihn sterben zu lassen.<\/p>\n<h5><span id=\"die-entscheidung\">Die Entschei&shy;dung<\/span><\/h5>\n<p>Der Kostenbeschluss des BGH enth&auml;lt eine klare Entscheidung &uuml;ber die Gr&uuml;nde, aus denen die Einstellung der k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung im Hinblick auf den Pflegevertrag verweigert wurde. Der BGH erteilte diesen Gr&uuml;nden jedoch eine klare Absage:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;Verlangt der Betreuer in &Uuml;bereinstimmung mit dem behandelnden Arzt, dass die k&uuml;nstliche Ern&auml;hrung des betreuten einwilligungs-unf&auml;higen Patienten eingestellt wird, so kann das Pflegeheim diesem Verlagen jedenfalls nicht den Heimvertrag entgegensetzten. Auch die Gewissensfreiheit des Pflegepersonals rechtfertigen f&uuml;r sich genommen die Fortsetzung der K&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung in einem solchen Fall nicht.&#8220;<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Gericht f&uuml;hrte weiterhin aus:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;Das vom Betreuer wahrgenommene Recht des Kl&auml;gers zur Bestimmung &uuml;ber den eigenen K&ouml;rper ist einem antizipierten Verzicht nicht zug&auml;nglich.&#8220;<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<h5><span id=\"die-entscheidungsgruende-des-zivilsenats\">Die Entschei&shy;dungs&shy;gr&uuml;nde des Zivilsenats <\/span><\/h5>\n<p>Seine Entscheidung begr&uuml;ndete der Zivilsenat damit,&nbsp; dass eine im Heimvertrag vereinbarte Leistungspflicht zur k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung keine Rechtspflicht f&uuml;r den Kl&auml;ger darstellt, die geschuldete Leistung seitens des Pflegeheims anzunehmen. Die Leistungspflicht gibt den Pflegekr&auml;ften erst recht keine Befugnis, die Annahme dieser Leistung gegen den Willen des Ern&auml;hrten zu erzwingen.<\/p>\n<p>Weiterhin erkl&auml;rte das Gericht, dass dem Pflegepersonal gegen&uuml;ber des Unterlassungswunsches des Kl&auml;gers auch kein Verweigerungs-recht zusteht, dass sich aus den in den Art. 1, 2 und 4 GG verb&uuml;rgten Rechten des Pflegepersonals ableiten l&auml;sst.<\/p>\n<p>In seinem Beschluss bekr&auml;ftigt der Zivilsenat, dass Pflegekr&auml;fte Tr&auml;ger der Menschenw&uuml;rde (Art. 1 Abs. 1 GG) sind. Dennoch schlie&szlig;t der Schutzbereich des Art. 1 Abs. 1 GG nicht die ethischen oder medizinischen Vorstellungen des Pflegepersonals ein. Aufgrund dessen findet mit dem verlangten Unterlassen der k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung auch kein Eingriff in ihre Menschenw&uuml;rde statt.<\/p>\n<p>Das Selbstbestimmungsrechts der Pflegekr&auml;fte (Art. 2 GG) findet nach Ansicht des Zivilsenats am entgegenstehenden Willen des Kl&auml;gers (bzw. des f&uuml;r ihn handelnden Betreuers) seine Grenze.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Auch in Bezug auf die Gewissensfreiheit ( Art. 4 Abs. 1 GG) erfolgt eine klare Stellungnahme im Beschluss des Zivilsenats: Das Pflegepersonal hat kein Recht, sich durch aktives Handeln &uuml;ber das Selbstbestimmungsrecht des durch seinen Betreuer vertretenen Kl&auml;gers hinwegzusetzen und in dessen Recht auf k&ouml;rperliche Unversehrtheit einzugreifen.<\/p>\n<h5><span id=\"zivilrechtliche-rechtslage-fuer-einen-behandlungsabbruch-bei-wachkomapatienten\">Zivil&shy;recht&shy;liche Rechtslage f&uuml;r einen Behand&shy;lungs&shy;ab&shy;bruch bei Wachko&shy;ma&shy;pa&shy;ti&shy;enten<\/span><\/h5>\n<p>Ausgehend von den oben aufgef&uuml;hrten Entscheindungsgr&uuml;nden des Zivilsenats scheint die zivilrechtliche Rechtslage f&uuml;r einen Behandlungsabbruch bei Wachkomapatienten gekl&auml;rt zu sein:<\/p>\n<p>Gegen&uuml;ber &auml;rztlichen Anweisungen (in diesem Fall die Einstellung der k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung), die im Einvernehmen mit dem Patienten bzw. dessen Betreuer getroffen wurden, hat das Pflegepersonals aufgrund seines Pflegevertrags kein Recht die Ausf&uuml;hrung diese Anweisungen zu verweigern. Die Verpflichtung zur Pflege aufgrund des Pflegevertrags kann einem zivilrechtlichen Anspruch auf Unterlassung einer Behandlung bzw. Ern&auml;hrung nicht entgegengesetzt werden.<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass die Reichweite und G&uuml;ltigkeit von Patientenverf&uuml;gungen &#8211; folgt man diesem Teil der Entscheidung des BGH &#8211; nicht durch einen Pflegevertrag eingeschr&auml;nkt werden d&uuml;rfen.<\/p>\n<h5><span id=\"durchsetzung-des-zivilrechtlichen-anspruchs-auf-unterlassung-einer-behandlung-ernaehrung\">Durch&shy;set&shy;zung des zivil&shy;recht&shy;li&shy;chen Anspruchs auf Unter&shy;las&shy;sung einer Behandlung\/ Ern&auml;hrung<\/span><\/h5>\n<p>Der BGH h&auml;lt in seiner Entscheidung jedoch fest, dass der zivilrechtliche Anspruch auf die Unterlassung der weiteren k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung nicht durchsetzbar ist. Grund daf&uuml;r ist die noch fehlende Klarheit &uuml;ber die strafrechtliche Zul&auml;ssigkeit des Behandlungsabbruchs:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Die <i>&#8222;strafrechtlichen Grenzen einer Sterbehilfe im weiteren Sinne (&#8222;Hilfe zum Sterben&#8220; vgl. im einzelnen BGHSt 40, 257), auf die das kl&auml;gerische Verlangen zielt, &#8230; sind bislang nicht hinreichend gekl&auml;rt.&#8220;<\/i><b>&nbsp;<\/b><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>F&uuml;r den Zivilsenat war dieser Umstand f&uuml;r die Entscheidung &uuml;ber die Kostenteilung des Rechtsstreits von gro&szlig;er Bedeutung:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;denn die Beklagte kann nicht zivilrechtlich zu einem Verhalten verurteilt werden, mit dem die Organe und Besch&auml;ftigten der Beklagten Gefahr laufen, sich zu den Geboten des Strafrechts in Widerspruch zu setzen. &#8230; Der Ausgang des vorliegenden Rechtsstreits war danach letztlich ungewi&szlig;&#8220;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In dieser Entscheidung hat der BGH auch erstmalig offen gelegt, dass die strafrechtlichen Grenzen von Sterbehilfe nicht gekl&auml;rt sind. Dies bedeutet auch weiterhin Unklarheit &uuml;ber die G&uuml;ltigkeit und Reichweite von Patientenverf&uuml;gungen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Art=en&amp;Datum=2005-6&amp;Gericht=bgh&amp;Seite=8&amp;nr=33300&amp;pos=2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Der vollst&auml;ndige Beschluss des XII. Zivilsenats des BGH vom 08.06.2005<br \/><\/b><\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-7229","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-recht"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Entscheidung des XII. 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