{"id":7421,"date":"2008-10-31T15:11:00","date_gmt":"2008-10-31T14:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/religion-in-der-pluralistischen-gesellschaft\/"},"modified":"2008-10-31T12:00:00","modified_gmt":"2008-10-31T11:00:00","slug":"religion-in-der-pluralistischen-gesellschaft","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/religion-in-der-pluralistischen-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Religion in der pluralistischen Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Als ein junges M\u00e4dchen aus Ost-Berlin kurz nach dem Fall der Mauer gefragt wurde, ob sie denn religi\u00f6s sei, antwortete sie: &#132;N\u00f6, ich bin eigentlich v\u00f6llig normal.&#147; Diese kleine Episode ist der Auftakt des ersten Teils meines Vortrages.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte n\u00e4mlich hier auf Missverst\u00e4ndnisse im Umgang mit dem Ph\u00e4nomen Religion aufmerksam machen. Im zweiten Teil werde ich die gegenw\u00e4rtige religi\u00f6se Lage in Deutschland beschreiben, wie sie sich aus einer religionssoziologischen Sicht darstellt. Im dritten Teil geht es schlie\u00dflich darum, wie denn die allzeit gef\u00e4hrdeten religionspluralistischen Verh\u00e4ltnisse im Lande erhalten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>Das Ost-Berliner M\u00e4dchen wuchs offensichtlich mit der kulturellen Selbstverst\u00e4ndlichkeit auf, nicht religi\u00f6s zu sein sei die Norm, und religi\u00f6s zu sein sei die Ausnahme. Das ma\u00dfgebliche kulturelle Konzept von Religion in der DDR lautete: Religion ist ein sozialer Sachverhalt, der mit geschichtsphilosophischer Notwendigkeit im Zuge des sozialistischen Fortschrittes untergehen wird. Das hat nicht nur Honecker so formuliert, sondern das war auch g\u00e4ngige Theorie der Soziologie. Dieses Verst\u00e4ndnis von Religion ist von der Geschichte selbst falsifiziert worden. Aber nicht nur im Osten dachte man so, auch im Westen war die Mehrheit der Sozialwissenschaftler bis vor kurzem davon \u00fcberzeugt, dass die politische, soziale und \u00f6konomische Modernisierung den Niedergang der Religion zur Folge h\u00e4tte. Das Schlagwort, mit dem das beschrieben wurde, lautete S\u00e4kularisierung. Je mehr sich jedoch der Blick in die Welt hinaus weitete, umso mehr wuchs die Einsicht, dass nirgendwo sonst auf diesem Globus Modernisierungsprozesse mit einem Niedergang der Religion einhergingen; lediglich in Europa konnte man das beobachten, so dass mittlerweile die Soziologen der Meinung sind, S\u00e4kularisierung ist ein europ\u00e4ischer Ausnahmefall.<\/p>\n<p>Aber selbst diese Sicht der Dinge ger\u00e4t immer mehr unter Druck, denn der Einfluss des Papstes beispielsweise auf die Umw\u00e4lzungen in den 80er Jahren ist nicht zu bestreiten. Die Orthodoxie in Osteuropa w\u00e4chst und w\u00e4chst und auch der Katholizismus ist ein paar Kilometer weiter \u00f6stlich lebendig wie eh und je. Zugunsten einer spezifisch europ\u00e4ischen S\u00e4kularisierung machen die Sozialwissenschaftler gerne auf die gravierenden Unterschiede zwischen den USA und Deutschland aufmerksam. Immer weist man darauf hin, dass der Gottesdienstbesuch in Deutschland doch ein erschreckend niedriges Niveau h\u00e4tte. Das ist so. Knapp 10% der Deutschen gehen noch zur Kirche. Das sind zwar immer noch mehr Menschen, als jene die ins Stadion gehen, aber im Vergleich zu den Amerikanern ist das doch eine gravierend niedrige Zahl. Bei den Amerikanern liegen die Zahlen des Gottesdienstbesuchs zwischen 60 und 70%. Zumindest geben das die Amerikaner an. Nun gab es einige findige Soziologen in den USA, die einmal gegen gerechnet haben, ob denn wirklich so viele Amerikaner in der Kirche sind, wie sie es zu tun behaupten. Und siehe da, das Ergebnis lautete: Bei weitem nicht. <\/p>\n<p>Wie soll man sich diesen Sachverhalt erkl\u00e4ren? Offensichtlich ist der Kirchgang in den USA ein positiv besetztes Sozialverhalten. Das Ich-Ideal der Befragten erzeugt sozusagen die Erwartung an sich selbst, \u00f6fter in die Kirche zu gehen, als man es tats\u00e4chlich tut. Kirche-Gehen ist in Amerika ein positives kulturelles und soziales Konzept. In Deutschland hingegen f\u00fchlt sich kein Befragter gen\u00f6tigt, irgendjemandem irgendetwas vorzumachen. Denn jeder in Deutschland wei\u00df: Wer seinen Kummer in der Kneipe im Alkohol ertr\u00e4nkt, genie\u00dft mindestens so viel Anerkennung wie jemand, der Gott in der Kirche sein Leid klagt. Kirche-Gehen hat mit Sozialprestige nichts zu tun. Es gibt in Deutschland eine kulturelle Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die man vielleicht so formulieren k\u00f6nnte: Religi\u00f6s sind immer die Anderen. Noch hat sich die Einsicht nicht durchgesetzt, dass religi\u00f6s zu sein eine ebenso rationale Wahl darstellt wie die Wahl, an den Fortschritt, an die Demokratie oder an die Natur zu glauben. Sozialismus, Darwinismus, Nihilismus, Buddhismus, Judentum, Islam und Christentum haben dieses eine gemeinsam: &#132;Es handelt sich jedes Mal&#147; &#150; ich leihe hier eine Formulierung meines T\u00fcbinger Kollegen Eilert Herms &#150; &#132;um zielwahlorientierende Gewissheiten vom Ursprung, von der Verfassung und von der Bestimmung unseres Daseins, ohne die kein Mensch handlungsf\u00e4hig w\u00e4re.&#147;<\/p>\n<p>Religionen und Weltanschauungen stimmen in dieser Hinsicht vollkommen \u00fcberein. Man k\u00f6nnte es so formulieren: Religionen sind Weltanschauungen, die den Gedanken Gottes in ihre Daseinsgewissheiten integriert haben. Die Formulierung &#132;Daseinsgewissheit&#147; ist mit Bedacht gew\u00e4hlt. Sicherheit gibt es n\u00e4mlich, wenn es ums Ganze geht, nicht. Gewissheiten sind also nur Annahmen hinreichender Evidenz, die aber notwendig sind, um \u00fcberhaupt in unserem Leben handlungsf\u00e4hig zu werden. Wir nennen das Orientierung. Religionen sprechen vom Glauben. Dieser Glauben ist selbstverst\u00e4ndlich kein Gegensatz zum Wissen oder zur Wissenschaft, denn die Bedingung aller Wissenschaft ist die Gewissheit von der \u00dcberholbarkeit allen unseres Wissens und die selbstkritische Bereitschaft, zwischen unseren Modellen von Wirklichkeit und der Wirklichkeit selbst zu unterscheiden. Seit Kant ist uns, wenn man so will, der unmittelbare Zugang zur Wirklichkeit verschlossen. Jedoch ist es ganz unvermeidlich, dass sich jeder von uns einen Reim auf seine Welt machen muss. Ganz offensichtlich ist es auch so, dass es eine Vielzahl von Daseinsgewissheiten, also konkurrierenden Daseinsverst\u00e4ndnissen gibt, sofern man dem Menschen nur die Freiheit dazu einr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Die Anerkennung von Pluralismus ist daher in einer Gesellschaft kein Ausdruck billigen Relativismus oder billiger Subjektivit\u00e4t, vielmehr nimmt sich das erkennende Subjekt in seiner Endlichkeit und in seiner Erkenntnisleistung ganz ernst. Papst Benedikt XVI. richtete den Vorwurf des Relativismus und des Subjektivismus &#150; \u00fcbrigens schon lange vor seiner Wahl zum Papst &#150; gerne an die Adresse der Protestanten. Ich selbst bin protestantischer Theologe und kann deshalb auch von innerchristlicher Pluralit\u00e4t durchaus einiges erz\u00e4hlen. In der Aufregung \u00fcber die Regensburger Rede des Papstes ging geflissentlich unter, dass sein Hauptgegner gar nicht die Muslime, sondern die Reformation und die aus ihr hervorgegangene westliche Welt waren. Diese h\u00e4tte n\u00e4mlich mit ihrer Betonung des individuellen Glaubens und der Freiheit des einzelnen Christenmenschen daf\u00fcr gesorgt, dass die ewigen universalen Wahrheiten des Christentums und der Antike der Beliebigkeit und einem gef\u00e4hrlichen Dezessionismus ausgeliefert worden seien. Es haben aber zu viele protestantische Christen ihr Leben f\u00fcr die Freiheit ihres Glaubens lassen m\u00fcssen, als dass ich es erlauben w\u00fcrde, dass man so die Geschichte der Neuzeit erz\u00e4hlt. Es ist eine pers\u00f6nliche Entscheidung, die man trifft und es ist eben gerade nicht Beliebigkeit und Relativismus, wenn man zu seinem eigenen Glauben individuell steht. Ich habe deshalb als Reaktion auf die Rede des Papstes einen Artikel verfasst mit dem Titel &#132;Wann protestieren eigentlich die Protestanten?&#147; gegen diese Erz\u00e4hlung der Geschichte der Neuzeit.<\/p>\n<p>Dieser grunds\u00e4tzliche Unterschied zwischen protestantischem und katholischem Christentum weist auf ein weiteres Missverst\u00e4ndnis im Umgang mit Religion hin: Religion gibt es n\u00e4mlich nur im Plural. Die religi\u00f6se Welt ist so plural wie beispielsweise die philosophische. Der blo\u00dfe Gattungsbegriff Religion ist also nichtssagend, genauso nichtssagend wie der Gattungsbegriff Philosophie, wenn man nicht dazu sagt, was f\u00fcr eine Philosophie es denn nun ist, auf die man Bezug nimmt. Gattungsbegriffe helfen uns einerseits, unsere Welt zu ordnen, sie k\u00f6nnen aber auch die Wirklichkeit verzerren. Man kann nur \u00c4pfel, Birnen und Bananen essen und nicht Fr\u00fcchte \u00fcberhaupt. Analog kann man eben nur in einer ganz bestimmten Weise religi\u00f6s sein und nicht religi\u00f6s \u00fcberhaupt. Diesen Sachverhalt kann man sich auch\u00a0 anhand der Sprache verdeutlichen: Man kann nicht Sprache \u00fcberhaupt lernen, sondern eben nur eine ganz bestimmte, und diese auch nur dann, wenn man mit einer ganz bestimmten Sprache beginnt. Das war f\u00fcr mich immer das Argument f\u00fcr religi\u00f6se Erziehung unter einer bestimmten Perspektive und ein Gegenargument gegen eine allgemeine Religionskunde. Dieses Allgemeine gibt es nicht. Es wird immer eine bestimmte Perspektive eingenommen. Religion ohne bestimmte Perspektivierung kann es nicht geben. <\/p>\n<p>Der heute \u00fcbliche Religionsbegriff, der als Gattungsbegriff f\u00fcr eine Vielzahl von Konfessionen verwendet wird, ist eigentlich ein politischer Begriff. Er entstand im Zeitalter der Konfessionskriege, als die entstehenden Nationalstaaten mit dem Faktum umgehen mussten, dass sich auf ihrem Territorium eine Pluralit\u00e4t von Konfessionen befand. Aus Gr\u00fcnden der Gleichbehandlung ben\u00f6tigte der Staat diesen Gattungsbegriff. Bis dahin war religio Ausdruck der Intensit\u00e4t einer Fr\u00f6mmigkeit. Nun aber wurde religio Ausdruck f\u00fcr eine Vielzahl von Konfessionen. Aber wie wir wissen und erfahren, unterl\u00e4uft die Realit\u00e4t unsere Gattungsbegriffe immer wieder. Der Streit um Scientology zeigt dies z. B. ganz deutlich, aber auch in der Fr\u00fchen Neuzeit hatten die Gesetzgeber durchaus Probleme bei der Frage, wie sie zwischen anerkannten und nicht anerkannten Religionen unterscheiden sollten. Wir wissen, wie viele Menschen ins Exil in die Vereinigten Staaten gezwungen worden sind. <br \/>Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde ist es nicht erlaubt worden, seinen 1964 ver\u00f6ffentlichten Satz, dass der Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren k\u00f6nne, wieder zu vergessen. Zumal Kirchenf\u00fchrer zitieren ihn wieder und wieder.<\/p>\n<p>Unausgesprochen verbinden sie damit die Hoffnung, dass die Rolle der Religion f\u00fcr das Politische mehr Anerkennung findet. Vielleicht wirkt dieser Satz aber auch nur deshalb so plausibel, weil er von einer schlicht un\u00fcberbietbaren Allgemeinheit ist. Vor allem ist er auch vielfach variierbar. Auch die \u00d6konomie lebt selbstverst\u00e4ndlich von Voraussetzungen, die sie nicht selbst garantieren kann. Kein System kann das, und ganz selbstverst\u00e4ndlich kann man diesen Satz auch auf die Religion anwenden. Er w\u00fcrde dann lauten: &#132;Religionen in einem pluralistisch verfassten Gemeinwesen leben von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren k\u00f6nnen&#147;.<\/p>\n<p>Die elementarste Voraussetzung des religi\u00f6sen Lebens in einem Gemeinwesen ist die Religions- und Gewissensfreiheit. Ohne diese staatliche Garantie g\u00e4be es auch kein bl\u00fchendes religi\u00f6ses Leben im Lande. Ohne Religionsfreiheit, zugespitzt formuliert, g\u00e4be es keine Religion. Wenn das aber so ist, dann m\u00fcssen alle Religionsgemeinschaften ein Interesse daran haben, dass die Religions- und Weltanschauungsfreiheit aller, eben auch die der Konkurrenten, gesch\u00fctzt und gew\u00e4hrleistet wird. Die Kirchen hatten daran nicht immer ein Interesse, und wir wissen auch, dass in anderen Kulturkreisen mit der Religionsfreiheit des Individuums durchaus anders umgegangen wird. Das kann aber eigentlich nur ein umso gr\u00f6\u00dferer Grund f\u00fcr uns sein, dieses Fundament unseres geistigen Lebens gemeinsam zu sch\u00fctzen und zu verteidigen. <br \/>Die Religionsfreiheit ist freilich nicht nur durch Religionen bedroht, die fundamentalistische Absolutheitsanspr\u00fcche erheben, und die nicht erkennen, dass sie aus dieser Freiheit leben. Sie ist auch bedroht, wenn der Begriff der Pluralit\u00e4t faktisch entleert wird. <\/p>\n<p>Die Debatten im Bildungsbereich legen davon manchmal Zeugnis ab. So gibt es die These, dass angesichts der zunehmenden religi\u00f6sen Pluralit\u00e4t die \u00f6ffentlichen Schulen nicht mehr auf diese Vielfalt R\u00fccksicht nehmen k\u00f6nnen. Besser sei es, wenn nicht die konkreten vielen, sondern irgendwie alle Religionen f\u00fcr alle in den Blick genommen w\u00fcrden. Aber dann wird Pluralit\u00e4t zu einem vollkommen leeren Begriff. Denn ohne eine Vielzahl von real existierenden Positionen ist der Pluralismusbegriff sinnlos. Es gibt Pluralismus nur, sofern es verschiedene Positionen gibt. Also muss jeder, der f\u00fcr Pluralit\u00e4t eintritt, gleichzeitig daf\u00fcr eintreten, dass es eine Vielzahl von wirklich erfahrbaren unterschiedlichen Positionen gibt. Ein Kampf gegen Positionalit\u00e4t im Namen von Pluralit\u00e4t ist ein Widerspruch in sich. Ich weise auch darauf hin, dass jemand, der eine eigene Position vertritt, noch lange kein Fundamentalist ist.<\/p>\n<p>Ich komme nun zu einem letzten Punkt, der meinen ersten Teil abschlie\u00dfen soll. In den letzten Jahren ist es bei uns zu einer \u00dcberdehnung des Religionsbegriffes gekommen. Ich m\u00f6chte das an folgendem Beispiele erl\u00e4utern: Noch vor zehn Jahren bezeichneten wir die Migranten nach ihrem Herkunftsland. Wir hatten also T\u00fcrken, Bosnier, Iraner in Deutschland. Heute sprechen wir ganz selbstverst\u00e4ndlich von 3,3 Millionen Muslimen in Deutschland, obwohl wir \u00fcber keinerlei valide Daten zur Religiosit\u00e4t dieser Menschen verf\u00fcgen. Im Gegensatz zu den Christen, die man \u00fcber die Kirchensteuerstatistik z\u00e4hlen kann, wissen wir n\u00e4mlich nicht, wie viele Muslime es in Deutschland gibt. Gleichwohl nennen wir sie Muslime, obwohl wir gar nicht wissen, ob der T\u00fcrke, der aus Istanbul oder Ankara nach Deutschland gezogen ist, wirklich als Moslem angesprochen werden m\u00f6chte. Der Wechsel von einem ethnischen in ein religi\u00f6ses Kategoriensystem hat \u00fcberhaupt nichts mit einer gewachsenen Fr\u00f6mmigkeit im Lande zu tun. Vielmehr handelt es sich um eine Zuschreibungspraxis der Mehrheit gegen\u00fcber einer Minderheit. Ehrlicherweise muss man nat\u00fcrlich dazu sagen, dass es nicht wenige Migranten gibt, die ihrerseits mithilfe des Religionsbegriffes Identit\u00e4tspolitik betreiben, so dass es manchen ganz recht ist, dass sie nun als Muslime bezeichnet werden. Aber trotzdem m\u00fcssen wir uns genau \u00fcberlegen, wann wir den Religionsbegriff einsetzen wollen und wann nicht.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Ich komme nun zu meinem zweiten Teil. Was l\u00e4sst sich \u00fcber die gegenw\u00e4rtige religi\u00f6se Lage in unserem Land sagen? Ist Religion eigentlich zur Privatsache geworden? Die Aussage &#132;Religion ist Privatsache&#147; findet sich im Erfurter Programm der SPD aus dem Jahre 1891. Sie beschrieb damals keinen realen Sachverhalt, sondern zielte darauf, den Einfluss der Kirchen auf die Politik zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Und auch heute muss man sich fragen, ob der Satz &#132;Religion ist Privatsache&#147; nicht eher eine Parole und ein Programm als Realit\u00e4t ist. Ich m\u00f6chte an einen ganz schlichten Sachverhalt erinnern: Es gibt weltweit 1,1 Milliarden r\u00f6misch-katholische Christen. Ihr Oberhaupt ist der Papst, er hat das Petrusamt inne. Dieses Amt ist ein eigenst\u00e4ndiges, unabh\u00e4ngiges V\u00f6lkerrechtssubjekt. Es tr\u00e4gt im diplomatischen Sprachgebrauch den Namen &#132;Heiliger Stuhl&#147;. Der Heilige Stuhl ist ordentliches, auf eigenen Wunsch beobachtendes Mitglied der Vereinten Nationen. Er hat Rederecht in den Vollversammlungen. 174 von 192 in der UN vertretenen Staaten unterhalten diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl. Der Apostolische Nuntius in Deutschland ist der Doyen des Diplomatischen Corps. Die Bundesrepublik Deutschland und ihre L\u00e4nder haben eine Reihe von Konkordaten, also v\u00f6lkerrechtlich verbindliche Staatsvertr\u00e4ge, mit dem Heiligen Stuhl.<\/p>\n<p>Kann man da ernsthaft noch von &#132;Religion ist Privatsache&#147; sprechen? Auch ein Blick in die \u00f6ffentlichen R\u00e4umen zeigt, wie wenig plausibel die Aussage von der Privatheit der Religion ist: Kirchen bestimmen nach wie vor das Stadtbild an stadtplanerisch signifikanten Orten. Die Dresdner Frauenkirche zieht Millionen von Besuchern an. Sie ist Gottesdienstraum der s\u00e4chsischen Protestanten, aber gleichzeitig sind Dresden und das Land stolz darauf, dass sie ein \u00f6ffentliches Symbol f\u00fcr Vers\u00f6hnungsbereitschaft und den Friedenswillen in Deutschland und Europa ist. Bei \u00f6ffentlichen Katastrophen und Gedenktagen versammeln sich Politiker aller Glaubensrichtungen, Konfessionslose eingeschlossen, im Berliner Dom, der mittlerweile so etwas wie das zivilreligi\u00f6se Heiligtum der Berliner Republik geworden ist. <\/p>\n<p>Richtig an der Aussage &#132;Religion ist Privatsache&#147; bleibt freilich, dass niemand mehr zu einem \u00f6ffentlichen Bekenntnis gezwungen werden darf. Dieses Recht nehmen unsere Abgeordneten in Anspruch: Mittlerweile behalten 192 von 614 Abgeordneten des Deutschen Bundestages ihre Konfessionszugeh\u00f6rigkeit f\u00fcr sich, was freilich nicht hei\u00dft, dass sie konfessionslos sind. Nur 28 bekennen sich zur Konfessionslosigkeit, einer ist erkl\u00e4rter Atheist, dar\u00fcber hinaus gibt es vier muslimische, 180 katholische und 209 protestantische Abgeordnete. Interessant ist hierbei, dass sich konfessionslose Protestanten und Katholiken in allen Parteien des Bundestages finden. Aber wie gesagt, &#132;Religion ist Privatsache&#147; &#150; da muss man sehr genau erkl\u00e4ren, was man damit meint, will man diesen Satz aufrechterhalten.<\/p>\n<p>War Deutschland fr\u00fcher religi\u00f6s-weltanschaulich homogener als heute? Das wird h\u00e4ufig unterstellt. Wir haben eine schwer ausrottbare Vorstellung davon, dass in den guten alten Zeiten irgendwie alle fr\u00f6mmer waren &#150; was aber nicht stimmt. Deutschland hat n\u00e4mlich allein in den letzten 100 Jahren unter religi\u00f6s-weltanschaulichen Konflikten weitaus mehr gelitten als heute. Bis 1989 war das Land weltanschaulich-religi\u00f6s zerkl\u00fcftet. Vor 100 Jahren lieferte sich die Regierung im protestantisch gepr\u00e4gten Preu\u00dfen einen Kulturkampf mit der katholischen Kirche. Wie bei allen Kulturk\u00e4mpfen gewann die Religion und der Staat verlor. Die SPD und das Zentrum haben in der Weimarer Republik scharfe Weltanschauungsk\u00e4mpfe miteinander gef\u00fchrt. Die Weimarer Republik zerbrach daran. Die politische Religion des Nationalsozialismus bek\u00e4mpfte die Sozialisten und die Christen und rottete das Judentum nahezu aus. <\/p>\n<p>Mit der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik Deutschland trat im Westen eine Befriedung der religi\u00f6s-weltanschaulichen Lage ein. Sowohl der Katholizismus als auch der Sozialismus verabschiedete sich von einer weltanschaulichen Politik. In der Weimarer Republik verteilte die SPD in den Arbeitervierteln noch Kirchenaustrittsformulare. Das hat sich sp\u00e4testens mit dem Godesberger Programm ge\u00e4ndert. Die SPD wurde zur Volkspartei, genauso wie auch die CDU sich von ihrer weltanschaulichen Pr\u00e4gung verabschiedet hat. Insofern leben wir in religi\u00f6s weitaus befriedeteren Verh\u00e4ltnissen als beispielsweise im 19. Jahrhundert. Bis 1989 gab es ein Weltanschauungsregime im Osten. Der Blick zur\u00fcck macht deutlich, dass der religi\u00f6se Friede noch nie h\u00f6her war als heute. Insofern warne ich auch davor, im Hinblick auf die Muslime apokalyptische Bilder zu malen. Unser Gemeinwesen ist religionspolitisch gesehen weitaus stabiler als das in der Vergangenheit der Fall war.<\/p>\n<p>Wie plural ist die religi\u00f6se Landschaft in Deutschland wirklich? Der Marburger Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst (REMID) liefert in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Mitgliederzahlen der religi\u00f6sen Gemeinschaften in Deutschland. F\u00fcr das Jahr 2006 verzeichnete REMID etwa 130 religi\u00f6se Gruppierungen in Deutschland. Die Liste reicht von der R\u00f6misch-katholischen Kirche mit 25 Millionen Mitgliedern \u00fcber die Evangelische Kirche in Deutschland mit ebenfalls 25 Millionen Mitgliedern bis hin zur germanischen Glaubensgemeinschaft wesensm\u00e4\u00dfiger Lebensgestaltung mit 140 und dem Dachverband f\u00fcr traditionelle Naturreligionen mit 120 Mitgliedern. Sieht man einmal von allen Splittergruppen ab und z\u00e4hlt lediglich die religi\u00f6sen Gemeinschaften, die mehr als 50 000 Mitglieder z\u00e4hlen, dann ist die religi\u00f6se Pluralit\u00e4t in Deutschland durchaus ausgepr\u00e4gt, aber auch nicht \u00fcberbordend gro\u00df. Im protestantischen Milieu haben wir noch die Neuapostolische Kirche, die Baptisten, die Zeugen Jehovas, die Methodisten und die Mennoniten. Die weltweit wachsenden Pfingstgemeinden \u00fcbrigens kommen in Deutschland nur auf einen Mitgliederbestand von 40 000 Mitgliedern. <\/p>\n<p>Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Pfingstgemeinden vor allem in den L\u00e4ndern wachsen, wo die sozialen Verh\u00e4ltnisse weitaus unsicherer sind als in Deutschland. Es gibt 1,4 Millionen orthodoxe Christen, 110.000 Juden in Deutschland und die Gesamtzahl der Muslime sch\u00e4tzt man auf 3,3 Millionen &#150; mit allen Unsicherheiten, auf die ich hingewiesen habe. 90.000 Hinduisten, sowie 240.000 Buddhisten gibt es in Deutschland. Die neueren religi\u00f6sen Bewegungen, die Jugendreligionen, um die man in den 80er Jahren so viel Aufhebens machte, fallen zahlenm\u00e4\u00dfig kaum ins Gewicht. Die transzendentale Meditation z\u00e4hlt etwa 1.000 Mitglieder und auch die Scientology Church hat trotz ihres gro\u00dfen Geb\u00e4udes an der Otto-Suhr-Allee nur etwa 6.000 Mitglieder in Deutschland. <\/p>\n<p>Bemerkenswert ist aber, dass die religi\u00f6sen Verh\u00e4ltnisse in Deutschland auffallend stabil sind. Von einer religi\u00f6sen Dynamik ist in Deutschland weit und breit nichts zu sp\u00fcren. Religi\u00f6se Pluralit\u00e4t gibt es im Wesentlichen nur als Folge der Migration. Das f\u00fchrt mich zu der These, dass das Bed\u00fcrfnis der Deutschen nach religi\u00f6s-weltanschaulicher Stabilit\u00e4t ausgesprochen gro\u00df ist. Und das l\u00e4sst sich am besten an den Menschen im Osten nach der Wende zeigen. Sowohl die Hoffnungen der Kirchen im Westen, dass jetzt die Kircheneintritte wachsen w\u00fcrden, als auch die Hoffnungen amerikanischer Freikirchen, dass sie durch aggressives Missionsmanagement nun ein gro\u00dfes religi\u00f6ses Revival im Osten hervorrufen k\u00f6nnten, haben sich nicht erf\u00fcllt. Die Menschen im Osten blieben n\u00e4mlich nach der Wende das, was sie vor der Wende auch schon waren, n\u00e4mlich konfessionslos. Wenn sich also die Stabilit\u00e4t der Volkskirchen im Westen darauf st\u00fctzen kann, dass man seine Konfessionszugeh\u00f6rigkeit oder Konfessionslosigkeit sozusagen erbt, so hat sich das im Osten wie im Westen auch best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Konfessionslosigkeit im Osten ist eine genauso konservative Haltung wie die Konfessionszugeh\u00f6rigkeit im Westen. Das l\u00e4sst sich besonders gut an der Jugendweihe studieren: Obwohl das weltanschauliche Fundament der Jugendweihe voll und ganz weg gebrochen ist, ist es einfach Familientradition, die Jugendweihe weiterhin als Familienfest zu feiern. An der Normalit\u00e4t der Konfessionslosigkeit halten im Osten 73 Prozent aller B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger stabil fest, 27 Prozent der Bev\u00f6lkerung im Osten geh\u00f6ren also nur noch einer christlichen Kirche an.<\/p>\n<p>Nehmen eigentlich die Bindungen an die Kirche und der Einfluss der Kirchen in Deutschland stetig ab? Auch dazu einige Zahlen: Im Jahr 2004 traten 61.744 Menschen in die evangelische Kirche ein. Dem stand eine Zahl von 141.567 Kirchenaustritten gegen\u00fcber; die Mitgliederzahlen der Kirchen schrumpfen also. Sie schrumpfen aber nicht nur wegen der Austritte, vor allem schrumpfen sie aufgrund der demographischen Kurve. Damit stehen die Kirchen nicht allein da. Gewerkschaften, Sportvereine, vor allem aber die politischen Parteien haben massive Mitgliederverluste zu beklagen. Vergleicht man die Zahl der Konfessionslosen mit der Zahl der Parteilosen in Deutschland, dann ergibt sich folgendes Bild: In Deutschland gibt es knapp 30 Prozent Konfessionslose und 70 Prozent Mitglieder christlicher Kirchen. Dem stehen 97,82 Prozent Parteilose (bezogen auf die Zahl der Parteieintrittsberechtigten) und nur 2,18 Prozent Parteimitglieder gegen\u00fcber. Die Parteien halten das aber merkw\u00fcrdigerweise f\u00fcr gar keinen dramatischen, schon gar nicht \u00f6ffentlich zu diskutierenden Sachverhalt, da sie damit rechnen, dass die parteilosen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger bei den Wahlen ihrer Neigung zu der einen oder anderen Partei durchaus Ausdruck verleihen werden. Deshalb nennen sich die Parteien auch trotz ihres verschwinden geringen Mitgliederbestandes munter Volksparteien.<\/p>\n<p>Mit 27 Prozent Mitgliedschaft liegen die Kirchen im Osten der Republik weit vor den Parteimitgliedschaftszahlen, und bei den fast 70 Prozent Konfessionslosen kann die Kirche nicht nur auf Zustimmung bei Gelegenheit hoffen, also z. B. an Weihnachten oder bei anlassbezogenen Gottesdiensten. Vielmehr kann die Kirche darauf bauen, dass ihre Bildungsangebote sehr reichlich in Anspruch genommen werden. Dazu geh\u00f6ren die kirchlichen Kinderg\u00e4rten, dazu geh\u00f6ren die Schulen und vor allem die diakonischen Einrichtungen. Aktuelle statistische Daten der Berlin-Brandenburgischen Kirche zeigen, dass die Attraktivit\u00e4t von Kindertagesst\u00e4tten in kirchlicher oder diakonischer Tr\u00e4gerschaft ungebrochen ist. Im Jahre 2002 gab es 17.570 Pl\u00e4tze in 370 Einrichtungen, im Jahr 2006 gab es bereits 21.000 Pl\u00e4tze in 411 Einrichtungen. Ein Zuwachs um 20 Prozent also innerhalb von vier Jahren. Bedenkt man ferner, dass mehr als 80 Prozent aller Kinderg\u00e4rten in Deutschland von den Kirchen und ihren Einrichtungen getragen werden und dass die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern gr\u00f6\u00dftenteils an Fachschulen kirchlicher Tr\u00e4gerschaft geschieht, dann kann von einem schwindenden Einfluss der Kirchen eher nicht gesprochen werden. Der Einfluss der Kirchen auf die Erziehung der Kinder wird \u00fcbrigens von vielen Konfessionslosen gutgehei\u00dfen. <\/p>\n<p>Am Religionsunterricht in Th\u00fcringen und Sachsen nehmen bis zu einem Drittel Kinder konfessionsloser Eltern teil. Die Schulen in kirchlicher Tr\u00e4gerschaft sind f\u00fcr konfessionslose Eltern genauso attraktiv wie f\u00fcr konfessionelle, und ihre Zahl steigt stetig an. Zu diesem Befund passt \u00fcbrigens eine Feststellung in Wilhelm Heitmeyers Studie &#132;Deutsche Zust\u00e4nde 4&#147;, dass sich n\u00e4mlich 32 Prozent aller Konfessionslosen eine st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung christlicher Werte in der Politik w\u00fcnschen. \u00dcbrigens w\u00fcnschen sich nur 56 Prozent aller Protestanten mehr christliche Werte in der Politik und 63 Prozent der Katholiken.<\/p>\n<p>Der Begriff &#132;konfessionslos&#147; suggeriert noch die Existenz einer Gruppe von Menschen, die in Analogie zu den Protestanten und den Katholiken gemeinsame \u00dcberzeugungen teilen. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Umgekehrt muss aber auch zugegeben werden: Wer einer Kirche angeh\u00f6rt, teilt nicht unbedingt die gleichen \u00dcberzeugungen wie der Bischof der jeweiligen Kirche.<br \/>Einen Blick m\u00f6chte ich noch auf die Kirchbauvereine im Osten Deutschlands werfen:<\/p>\n<p>Wir beobachten das interessantes Ph\u00e4nomen, dass sich fl\u00e4chendeckend in fast allen D\u00f6rfern im Osten Kirchbauvereine zum Erhalt der Dorfkirchen konstituiert haben. Das Interessante hierbei ist, dass in diesen Vereinen die Mehrzahl der Mitglieder Konfessionslose sind und diese Menschen die Kirche nicht wieder herrichten wollen, damit dort wieder Gottesdienste stattfinden. Diese Kirchen sind eher Ausdruck eines Bewusstseins f\u00fcr Tradition, einer Verantwortung f\u00fcr das Gemeinwesen, aber auch f\u00fcr Familientraditionen. Wenn man die Mitglieder der Vereine fragt, warum sie das denn machen, dann antworten sie: &#132;Meine Oma liegt auf dem Friedhof beerdigt und die Kirche soll nicht verfallen, weil auch ein St\u00fcck unserer Familiengeschichte daran h\u00e4ngt.&#147; Von einem rapiden Verfall religionskultureller Best\u00e4nde in Deutschland kann man eigentlich nicht reden.<\/p>\n<p>Es ist richtig, dass Menschen in Deutschland eher nicht zur Kirche gehen, sondern ihre Kirchenmitgliedschaft eher passiv verstehen. Das hat aber mit der Mentalit\u00e4t in Deutschland \u00fcberhaupt zu tun. So, wie man vom Staat erwartet, dass er die soziale Versorgung \u00fcbernimmt, so erwartet man auch von der Kirche, dass sie einen sozusagen religi\u00f6s versorgt. Man hat ein Verh\u00e4ltnis zur Kirche wie zur Feuerwehr und zum Arzt: Man geht nur hin oder ruft sie nur, wenn man sie unbedingt braucht und m\u00f6chte ansonsten in Ruhe gelassen werden. W\u00e4hrend man beispielsweise in den USA f\u00fcr seinen Glauben aktiv t\u00e4tig wird, herrscht bei uns eine Versorgungsmentalit\u00e4t vor. Meine Kollegin Grace Davie hat das\u00a0 &#132;believing without belonging&#147; genannt &#150; eine typisch europ\u00e4ische Weise des Glaubens. Aber auch das Umgekehrte gilt: man pflegt auch das belonging without believing.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Ich komme zu meinem letzten Punkt: Was ist zu tun, um die religionspluralen Verh\u00e4ltnisse in Deutschland zu erhalten? Gesellschaft und Staat haben die Aufgabe, den Religionen dabei zu helfen, sich im Pluralismus zu beheimaten. Ich bin ein dezidierter Vertreter islamischen Religionsunterrichts an \u00f6ffentlichen Schulen, weil ich glaube, dass der Religionsunterricht in Deutschland ein Erfolgsmodell war und ist. Ich habe das auf die Formel der &#132;Zivilisierung der Religionen durch Bildung&#147; gebracht. Je gebildeter ein Mensch ist, umso f\u00e4higer ist er, mit anderen Religionen so umzugehen, wie es ein Gemeinwesen erfordert.<\/p>\n<p>An die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften muss die Forderung gestellt werden, den Anderen als Anderen anzuerkennen und nicht mit falschen Absolutheitsanspr\u00fcchen ihr Daseinsrecht zu bestreiten. In nach wir vor un\u00fcbertroffener Weise hat das Lessing in seinem Nathan dem Weisen zum Ausdruck gebracht. Lessing wird immer wieder der Vorwurf gemacht, er rede dem Relativismus und der Beliebigkeit das Wort. Aber das ganze Gegenteil ist der Fall. Der Muslim Saladin befragt den Juden Nathan ja gerade deshalb nach der wahren Religion, weil er ihn f\u00fcr einen wirklichen Weisen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>&#132;Ha! das nenn&#145; Ich einen Weisen! <br \/>Nie die Wahrheit zu Verhehlen! <br \/>f\u00fcr sie alle alles auf das Spiel Zu setzen! <br \/>Leib und Leben! Gut und Blut!&#147;<\/p>\n<p>Das ist kein billiger Relativismus. Nathan findet die Frage Saladins nicht angemessen:<\/p>\n<p>&#132;Und er will &#150; Wahrheit! <br \/>Und will sie so &#150; so bar, so blank &#150; <br \/>als ob die Wahrheit M\u00fcnze w\u00e4re!&#147;<\/p>\n<p>Und daraufhin entscheidet sich dann Nathan der Weise, die Geschichte vom Ring zu erz\u00e4hlen, also von dem Vater, der drei S\u00f6hne so sehr liebte, dass er den wahren Ring, der die Kraft hatte, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug, vervielf\u00e4ltigen lie\u00df und jedem einen Ring vermachte. Er lie\u00df aber jeden Sohn im Glauben, sein Ring w\u00e4re der Einzige. Daraufhin hob nach seinem Tod ein gro\u00dfer Streit an, wer nun die Kopie und wer den echten Ring hatte. Schlie\u00dflich ging man vor Gericht. Der Richterspruch hat eine sowohl ethische als auch eine eschatologische Spitze. Der Richter sagte n\u00e4mlich: <\/p>\n<p>&#132;Wohlan! Es eifere jeder seiner unbestochenen,<br \/>von Vorurteilen freien Liebe nach! <br \/>Es strebe jeder von euch um die Wette,<br \/>die Kraft des Steins in seinem Ring an den Tag zu legen, <br \/>und wenn sich dann der Steine Kr\u00e4fte bei euren Kindes-Kindeskindern \u00e4u\u00dfern: <br \/>So lad&#145; ich \u00fcber tausend tausend Jahre <br \/>sie wieder vor diesen Stuhl. <br \/>Da wird ein weiserer Mann auf diesem Stuhle sitzen als ich, und sprechen.&#147; <\/p>\n<p>Erst am Ende der Zeiten wird sich also zeigen, ob die Wahrheitsanspr\u00fcche der Religionen und Weltanschauungen wirklich Wahrheit sind. Bis dahin soll die Konkurrenz einer Ethik, die der jeweiligen Botschaft entspricht, den Menschen zugute kommen. Angesichts von Kriegen, die auch heute noch im Namen von Religionen gef\u00fchrt werden, ist und bleibt die Ringparabel ein alternativloses Koexistenz-Paradigma. Jeder sollte es so ernst und aufrichtig wie nur m\u00f6glich mit seinen Glaubensgewissheiten meinen, und gerade darum auch Andersgl\u00e4ubigen zugestehen, dass auch sie es mit ihrem Glauben ernst nehmen. Vielleicht h\u00e4tte Lessing seine Ringparabel heute nur um eine kleine Nuance modernisiert: Vielleicht h\u00e4tte er die humanistische Weltanschauung noch in seine Parabel aufgenommen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-7421","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-3-berliner-gespraeche"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Religion in der pluralistischen Gesellschaft - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/religion-in-der-pluralistischen-gesellschaft\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Religion in der pluralistischen Gesellschaft - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Als ein junges M\u00e4dchen aus Ost-Berlin kurz nach dem Fall der Mauer gefragt wurde, ob sie denn religi\u00f6s sei, antwortete sie: &#132;N\u00f6, ich bin eigentlich v\u00f6llig normal.&#147; Diese kleine Episode ist der Auftakt des ersten Teils meines Vortrages. 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