{"id":7674,"date":"1997-08-12T11:56:00","date_gmt":"1997-08-12T09:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/thema-drogen-sucht-als-gesellschaftliches-phaenomen\/"},"modified":"2021-08-30T15:37:42","modified_gmt":"2021-08-30T13:37:42","slug":"thema-drogen-sucht-als-gesellschaftliches-phaenomen","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/thema-drogen-sucht-als-gesellschaftliches-phaenomen\/","title":{"rendered":"Thema: Drogen. Sucht als gesellschaftliches Ph\u00e4nomen"},"content":{"rendered":"<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" width=\"100%\" bgcolor=\"#ffffff\" border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"122\">\n<p class=\"bodytext\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/modules.php?op=modload&#038;name=News&#038;file=index&#038;catid=&#038;topic=10\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.humanistische-union.de\/modules.php?op=modload&#038;name=News&#038;file=index&#038;catid=&#038;topic=10<\/a><\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\" align=\"left\">\n<p class=\"bodytext\"><b><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=106&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.humanistische-union.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=106&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0<\/a><\/b><\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"10\" width=\"100%\" bgcolor=\"#ffffff\" border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">[August 1997]<\/p>\n<p>von Prof. Dr. Johannes Neumann(Soziologisches Institut der Universit&auml;t T&uuml;bingen, Zentrum zur Erforschung Lebenswelten behinderter Menschen)<\/p>\n<p>Fast t&auml;glich k&ouml;nnen wir von Sucht und Suchtgefahren in Zeitungen lesen und in anderen anderen Medien sehen oder h&ouml;ren. Dabei ist die Wahrnehmung der Probleme selektiv. Bereits die Medien bieten uns ausgew&auml;hlte, gesteuerte Informationen. Nicht, da&szlig; sie bewu&szlig;t irref&uuml;hren wollten, vielmehr sind sie &#8211; genau wie wir &#8211; Teile dieser Gesellschaft und sehen darum vielfach die Dinge so, wie sie gesehen werden sollen.<\/p>\n<p><b>1. Mechanismen selektiver Wahrnehmung<\/b><\/p>\n<p>Gerade bez&uuml;glich &auml;ngstigender, weil diskreditierender Ph&auml;nomene, zu denen zweifellos auch die S&uuml;chtigkeit geh&ouml;rt, versucht der Mensch einerseits, seine eigene Situation zu verharmlosen, wie andererseits die Gesellschaft, etwa in Gestalt der Politik bzw. der Massenmedien, nicht zu leugnende Probleme bestimmten auff&auml;lligen oder auff&auml;llig &#8222;gemachten&#8220; Minderheiten anlastet, um die wahren Ursachen nicht angehen zu m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Solche Verdr&auml;ngungsvorg&auml;nge beherrschen den Alltag auch &#8211; und gerade &#8211; von Gesellschaften, die glauben, sie w&auml;ren &#8222;aufgekl&auml;rt&#8220;. Die Kriminalisierung des Drogenkonsums ist nichts anderes als die Dokumentaion der Gesellschaft: &#8222;Ihr geh&ouml;rt nicht mehr zu uns!&#8220; (Lempp, 153). Hier mag das &auml;rgerliche Ph&auml;nomen seine Ursache haben, da&szlig; die meisten und tonangebenden Suchtbek&auml;mpfungsma&szlig;nahmen der Politik und der politischen Diskussion sich auf die sog. illegalen Drogen und ihre repressive Bek&auml;mpfung beziehen. Dabei wird vors&auml;tzlich &uuml;bersehen, da&szlig; noch nie &#8211; weder in den USA noch in Skandinavien oder sonst wo &#8211; repressive Prohibition zum Erfolg gef&uuml;hrt hat. Im Gegenteil, weil auf diese Weise der Stoff knapp gehalten wird, sind die Preise hoch, lohnt sich das Gesch&auml;ft und erreicht die Beschaffungskriminalt&auml;t enorme Ausma&szlig;e. In der einschl&auml;gigen Forschung herrscht heute darin weitgehend &Uuml;bereinstimmung, da&szlig; der Drogengebrauch durch soziale Faktoren gepr&auml;gt ist, insbesondere durch die Peergruppen, wie andererseits die Erkenntnis der relativen Bedeutungslosigkeit repressiver Ma&szlig;nahmen Gemeingut ist.<\/p>\n<p><b>2. Kulturell gef&auml;rbter Umgang mit Drogen<\/b><\/p>\n<p>Es ist soziologisch zun&auml;chst nicht verwunderlich, da&szlig; auch in bezug auf die Dramatisierung von Sucht und die soziale Bewertung der Drogen sowie den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen, soziale &Uuml;blichkeiten bestimmend sind. Solche gesellschaftlich vermittelten Traditionen sind auch f&uuml;r die wissenschaftliche Auseinandersetzung und die politische Wertung bestimmend.<br \/>Der Genu&szlig; von Rauschmitteln wie Coca oder Opium ist in manchen Kulturen selbstverst&auml;ndlich und oft rituell eingebunden, formalisiert und dadurch gesellschaftlich kontrolliert. In der mediteran-abendl&auml;ndischen, j&uuml;disch-christlichen Tradition geh&ouml;rte und geh&ouml;rt beispielsweise der Weingenu&szlig; zum Wesensbestandteil religi&ouml;ser bzw. gesellschaftlicher Rituale: Das j&uuml;dische Pascha wie das christliche Abendmahl sind ohne Wein ebenso wenig vorstellbar wie gesellige Feste. Der Gebrauch von Medikamenten geh&ouml;rt zu unserer Alltagsgewohnheit.<\/p>\n<p>Solche kulturell tradierten Muster pr&auml;gen das Verhalten der Gesellschaften tief. Oft schlie&szlig;en sie eine rationale, unvoreingenommene Auseinandersetzung sowohl mit den fremden als auch mit den eigenen Traditionen aus. Diese gesellschaftlich-kulturelle Voreingenommenheit ist weithin rationaler Reflexion unzug&auml;nglich. Dies vor allem deshalb, weil es nicht um einzelne, isoliert nebeneinander bestehende Verhaltens- und Wertfragen geht, sie vielmehr ein ineinander verwobenes Geflecht darstellen: Wie Menschen sich kleiden, was und wie sie essen und trinken, wie sie sich zueinander verhalten, welche Wertvorstellungen sie haben: Alles dies pr&auml;gt ihr Denken und damit auch ihr Wesen. Es ist ihre Kultur, die insofern ein St&uuml;ck menschlicher Natur ist. &Auml;ndert sich eines dieser kulturellen Merkmale, sind &#8211; wie in einem Regelkreis &#8211; alle anderen mitbetroffen. Das spielt eine bedeutsame Rolle bei den sehr unterschiedlichen Reaktionen der Gesellschaft und ihrer Agenten gegen&uuml;ber dem Konsum und den Konsumenten der verschiedenen Drogen.<\/p>\n<p><b>3. Lebensformen einer konsumistischen Gesellschaft<\/b><\/p>\n<p>Der Zwang zur Arbeitsteilung hat nicht nur zu einer neuen Form gegenseitiger Abh&auml;ngigkeit in Form der &#8222;organischen Solidarit&auml;t&#8220; gef&uuml;hrt, sondern auch auf sehr komplizierte Weise eine tiefgreifende, ja monadenhafte Individualisierung bewirkt. Sie ist keineswegs nur der &ouml;konomisch-arbeitsteiligen Arbeitsform verdankt, vielmehr hat sie ihre Wurzeln auch in der europ&auml;ischen und christlichen Tradition: Wenn der Verlauf der menschlichen Geschichte &#8211; als Heilsgeschichte &#8211; auf die schlu&szlig;endliche Vollendung ausgerichtet ist, dann dr&auml;ngt ein solches Welt- und Menschenverst&auml;ndnis geradezu nach immer gr&ouml;&szlig;erem Fortschritt in allen Bereichen des Seins und des Daseins. So ist die Idee des immer gr&ouml;&szlig;eren Fortschritts eine durchaus folgerichtige Konsequenz aus der kulturellen europ&auml;ischen Tradition. Max Weber hat diese Entwicklung in seinen Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber &#8222;Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus&#8220; dargestellt.<\/p>\n<p>Die Idee des immer schneller, immer weiter, immer h&ouml;her, immer besser, immer kosteng&uuml;nstiger und rationeller war und ist ungeheuer wirksam und effizient. Im Zuge der heute &uuml;berall und stets beschworenen &#8222;Globalisiserung&#8220; kolonialisiert sie alle Bereiche unseres Daseins und alle Kontinente dieses Erdballs. Ihre materiellen, wissenschaftlich begr&uuml;ndeten Erfolge sind un&uuml;bersehbar.<\/p>\n<p>Eine solche Gesellschaft, die den Profit und das Gl&uuml;ck des einzelnen durch st&auml;ndigen Fortschritt zum zentralen Wert erhebt, mu&szlig;te andererseits &#8211; paradoxerweise &#8211; die hohe Wertung der W&uuml;rde der Person relativieren. Die Maxime Kants, wonach der Mensch niemals Mittel zum Zweck sein d&uuml;rfte, da er selbst Zweck seines eigenen Daseins sei, wurde au&szlig;er Kraft gesetzt durch den Gebrauch der menschlichen Arbeitskraft als &#8222;Ware&#8220; in Folge des Gebots der Profitmaximierung. Nicht mehr der Biorhythmus bestimmt den Lebensablauf des Menschen, nicht mehr seine nat&uuml;rlichen Bed&uuml;rfnisse, sondern der Takt des Flie&szlig;bands und die Geschwindigkeit der Maschinen oder die Software des Computers. Es entwickelte sich eine soziale Allergie gegen alles, was nicht dem &raquo;Fortschritt&laquo; dient. Denn die Erfolge in Medizin und Pharmakologie schienen die Vision einer &#8211; nun vom Menschen und nicht von Gottheiten &#8211; geschaffenen heilen Welt Wirklichkeit werden zu lassen. Und wer von uns freut sich nicht der Erfolge der technischen Entwicklung? Darum wird oft hurtig alles, was in dieses Muster heilenden Fortschritts nicht pa&szlig;te, h&auml;ufig als &#8222;abweichendes Verhalten&#8220; definiert.<\/p>\n<p>In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob es wirklich zu weit hergeholt ist, wenn man die Strukturen unserer Konsumgesellschaft, deren einziger Sinn die Produktion von G&uuml;tern zu sein scheint, ohne R&uuml;cksicht auf deren humanen Nutzen zu achten, mit den Strukturen der Sucht vergleicht?<\/p>\n<p>Der Konsumismus unserer Gesellschaft &#8211; in fast allen Bereichen &#8211; ist tats&auml;chlich der Kreislauf von nicht stillbaren Bed&uuml;rfnissen, die nach st&auml;ndiger Dosissteigerung verlangen. St&auml;ndige Dosissteigerung, ohne je Befriedigung zu verschaffen, aber ist das Wesen der Sucht (Amendt, S. 52). Friedrich K. Tenbruck hat darauf aufmerksam gemacht, da&szlig; die Befriedigung des einen Wunsches stets einen neuen provoziert; er hat dieses Ph&auml;nomen als &#8222;Gratifikationsverfall&#8220; bezeichnet: Das neue Auto wird durch das neueste ersetzt, der schnelle PC durch den noch schnelleren, die sch&ouml;ne Frau durch eine noch sch&ouml;nere. Diese Anlage des Menschen, die seine Bed&uuml;rfnisse nie gestillt sein l&auml;&szlig;t, ist einerseits Antrieb allen Fortschritts, aber andererseits in ihrer &uuml;berschie&szlig;enden Form auch eine Weise, wie der Mensch sein Wesen zerst&ouml;ren und seine eigene Identit&auml;t verlieren kann. Denn der Mensch ist &#8211; wie Arnold Gehlen ihn beschrieb &#8211; ein instinktreduziertes und weltoffenes Wesen, das mit seinem Antriebs&uuml;berschu&szlig; nicht nur die M&ouml;glichkeit zu Entwicklung und Fortschritt, sondern auch die Anlage zur Sucht impliziert.<\/p>\n<p><b>4. Zuschreibung, Ausgrenzung und Abgrenzung<\/b><\/p>\n<p>Je nachdem, um welche Droge es sich handelt, reagieren soziale Umwelt und ihre gesellschaftlichen Agenten auf den ersten Konsumversuch ebenso unterschiedlich wie auf dauernden Konsum: W&auml;hrend die erste Zigarette und das erste Bier in der Regel kaum sanktioniert werden, vielmehr oft bei der Konfirmation und dem 18. Geburtstag dazugeh&ouml;ren, ist der erste Joint meist gesellschaftlich ge&auml;chtet.<\/p>\n<p>Das hat Folgen: Der Etikettierung durch die Gesellschaft folgt die Selbstetikettierung, der sozialen Ausgrenzung die tats&auml;chliche Abgrenzung durch das betroffene Individuum. Die Stigmatisierten werden gewisserma&szlig;en durch die ihnen widerfahrene Ausgrenzung zu einer sich abgrenzenden eigenen Gruppe; die &#8222;Szene&#8220; ist nun der Raum gemeinsamer Erfahrung. Die erlebte Ausgrenzung von seiten des bisherigen Umfelds initiiert die Entwicklung zum eigenen, selbststilisierten &#8222;Milieu&#8220;:<\/p>\n<p>Alle Signale aus der &#8222;normalen&#8220; Gesellschaft werden in der Weise gedeutet, wie sie der eigenen oder der von der Gruppe tradierten Erfahrung entsprechen: &#8222;Ihr seid schlecht, verworfen!&#8220; Die Ausgegrenzten solidarisieren sich dagegen in ihrer Welt, die von &#8211; schier umfassender &#8211; Nicht-Solidarit&auml;t gepr&auml;gt ist. In diesem Sinn leben alle S&uuml;chtigen in einer eigenen &#8211; f&uuml;r nicht s&uuml;chtige Menschen kaum verstehbaren &#8211; Lebenswelt, als einem f&uuml;r sie realen Lebenszusammenhang, mit grupppeneigenen Deutungsschemata.<br \/>Auf diese Weise entsteht neben der physiologischen und psychischen Abh&auml;ngigkeit noch die soziale. F&uuml;r sie gen&uuml;gt die Erfahrung des Ausgegrenztseins und &#8211; im konkreten Fall &#8211; ihre Begr&uuml;ndung in dem &#8222;s&uuml;chtigen&#8220;, diskriminierten Verhalten. Im Augenblick ihrer &#8222;Sichtbarwerdung&#8220; ( E.K. Scheuch, 1965) provoziert die daraus folgende Selbststigmatisierung ihrerseits eine mentale Abgrenzung gegen die Umwelt, ein Gef&uuml;hl der Andersartigkeit, das mit Gleichgestellten verbindet, auch wenn die Ausgegrenzten sonst nichts miteinander verbindet. Das ist einer der Gr&uuml;nde, weshalb Rehabilitation so schwer gelingt. Die sozial bedingte Notwendigkeit zum Zusammenschlu&szlig; entf&auml;llt &#8222;erst dann, wenn das Verhalten nicht mehr in der Gesellschaft als abweichend g&auml;lte. Dies w&uuml;rde gleichzeitig dem Verhalten den Nimbus der Abweichung nehmen und es gesellschaftlich akzeptabel machen.&#8220; (Reuband, S.197) Hier liegt soziologisch auch der Grund f&uuml;r die Notwendigkeit einer neuen Drogenpolitik, weil die schiere Repression unter den obwaltenden gesellschaftlichen Voraussetzungen nur noch mehr ins Abseits und in die Delinquenz dr&auml;ngt. Die S&uuml;chtigen, auf solche Weise kriminalisiert, verlieren Beruf und soziale Bindung und werden dadurch zum sozialen Problem (Lempp, 135). Diese Schlacht ist auf die bisherige Weise nicht zu gewinnen!<\/p>\n<p><b>5. Glaube und Wunder: Die Gesundheitsexperten als Wegbereiter der Sucht:<\/b><\/p>\n<p>Der Mensch erhoffte sich schon immer in schwierigen Lebenslagen, &#8211; und sie waren fr&uuml;her oftmals noch aussichtsloser als wir es uns heute vorstellen k&ouml;nnen,- rasche Hilfe durch numinose M&auml;chte und Praktiken. Rausch und Ekstase waren dabei wohl schon immer Formen, die den Menschen halfen, das Elend ihrer Trostlosigkeit zu vergessen. Der Schnelllebigkeit unserer, dem Fortschritt verschriebenen Zeit und ihrer Wissenschaftsgl&auml;ubigkeit, entsprechen Wunsch und M&ouml;glichkeit, den Menschen durch den gezielten Einsatz von Medikamenten bei gleichbleibender Leistungsf&auml;higkeit tempor&auml;res Wohlbefinden zu vermitteln: Das Pharmakon ersetzt weithin tr&ouml;stendes Gespr&auml;ch, befreiendes Lachen, entspannendes Weinen und regenerierende Ruhe. Allgemein wird heute erwartet, da&szlig; kleine Unp&auml;&szlig;lichkeiten und schwere Leiden schnell, effizient und ohne gro&szlig;e eigene M&uuml;he gebessert werden. Wir bem&uuml;hen uns weithin nicht mehr selbst um Besserung und Linderung, vielmehr erwarten wir sie von Medikamenten. Mit der Entdeckung der Amphetamine und &auml;hnlicher Verbindungen in den drei&szlig;iger Jahren glaubte man, ideale &#8222;Muntermacher&#8220; und &#8222;Hungerd&auml;mpfer&#8220; entdeckt zu haben. Sie halfen Soldaten, wachzubleiben und sich dabei noch gl&uuml;cklich zu f&uuml;hlen (Ernst\/ F&uuml;ller, 35). Durch viele Industriegesellschaften ziehen diese Substanzen seither ihre Spur. Als Psychostimulantien geh&ouml;ren sie neben den Neuroleptika, den Antidepressiva und Tranquilizern zur gro&szlig;en Gruppe der Psychopharmaka.<br \/>Diese Medikamente k&ouml;nnen im Einzelfall in der Hand des informierten und verantwortlichen Experten hilfreich sein. Aber es ist bekannt, da&szlig; nicht jede und jeder, der diese Mittel verschreiben darf, hinl&auml;nglich informiert ist (Glaeske, 71).<\/p>\n<p>Medikamentenabh&auml;ngigkeit (dependence) bedeutet gem&auml;&szlig; der Definition der WHO, da&szlig; Medikamente nicht indikationsbezogen angewandt, sondern um ihrer selbst willen eingenommen werden. Abh&auml;ngigkeit in unserem Sinn soll hier bestimmt sein als &#8222;die mi&szlig;br&auml;uchliche chronische Gabe von Arzneimitteln mit Abh&auml;ngigkeitspotential.&#8220; (Remien\/Raber, 3f.). Die Gefahr, da&szlig; Medikamente mi&szlig;br&auml;uchlich verordnet, eingenommen und schlie&szlig;lich abh&auml;ngig machen k&ouml;nnen, ist altbekannt (u.a.: Binder, 8o f.). Wenn wahr sein sollte, da&szlig; bestimmte L&auml;nder und Zeiten ihre jeweils spezifischen &#8222;Krankheiten&#8220; und &#8222;Pharmakoi&#8220; haben (Payer u.a. 172 f.), dann wundert es kaum, wenn in modernen Industriegesellschaften schnell wirkende, entlastende, angstl&ouml;sende und leistungssteigernde Medikamente Konjunktur haben.<br \/>In einer immer &auml;lter werdenden Gesellschaft kann es dann erst recht nicht verwundern, da&szlig; etwa 80% der Psychopharmaka Menschen &uuml;ber 55 Jahren verschrieben werden und &uuml;ber 50% der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen mit Pr&auml;paraten mit Suchtpotentialen versorgt werden. Das soll als Feststellung gen&uuml;gen und hier nicht weiter problematisiert werden.<\/p>\n<p>Da&szlig; aber auch junge Menschen immer h&auml;ufiger zur &#8222;Pille&#8220; greifen, ist besorgniserregend: 14 % aller Sch&uuml;ler nehmen Beruhigungs- bzw. Schlafmittel. Ca. 40 % der 12j&auml;hrigen und 53 % der 17j&auml;hrigen nehmen Schmerzmittel.<\/p>\n<p>In Einzelf&auml;llen mag die Indikation angezeigt sein. Doch die sch&auml;tzungsweise 1,1 bis 1,4 Millionen medikamentenabh&auml;ngigen Menschen &#8211; das sind etwa 1,75% der Gesamtpopulation &#8211; sind zu einem nicht geringen Teil auch durch das Zutun der &Auml;rzte in diese Situation geraten (Remien\/ Raber, 48 ff.). Soziologisch interessant daran ist, da&szlig; sich &uuml;ber diese Tatsache &#8211; au&szlig;er auf regelm&auml;&szlig;igen Tagungen der DHS und der DKA &#8211; kaum jemand aufregt. Es scheint selbstverst&auml;ndlich zu sein, obwohl allgemein bekannt ist, da&szlig; beim Medikamentenkonsum der &Uuml;bergang zu Mi&szlig;brauchs- und Abh&auml;ngigkeitsverhalten flie&szlig;end und nicht selten ist.<\/p>\n<p>Es geh&ouml;rt offensichtlich in hohem Ma&szlig;e zur selbstverst&auml;ndlichen, gesellschaftlich akzeptierten und standesm&auml;&szlig;ig tolerierten Routine (Glaeske, 71), Medikamente dieser Art zu verschreiben und zu konsumieren. Das wiederum d&uuml;rfte darauf hindeuten, wie sehr diese Verhaltensmuster gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen.<\/p>\n<p>F&uuml;r Medikamente insgesamt trugen die Deutschen vor der Budgetierung etwa 40 Milliarden DM in die Apotheken (Schw&auml;b.Tagblatt v. 1.9.94). Nach einem R&uuml;ckgang im Jahr 1993 um 16% stieg der Gesamtverbrauch im Jahr 1995 auf 45,6 Mrd. DM. Seit 1993 avancierte erstmals die Gruppe der Psychopharmaka, Schlaf- und Beruhigungsmittel zur Spitzenposition (Burmester). Insgesamt schluckten die Westdeutschen 1993 &#8211; vom Kleinstkind bis zum Greis &#8211; drei Dosen pro Tag (Glaeske,1995, 64) und liegen damit weltweit in der Spitzengruppe. Obwohl die Verordnungen von Benzodiazepin-Derivaten 1994 auf insgesamt 660 Mio. Tagesdosen p.a. zur&uuml;ckgegangen sind, reichen sie doch aus, um 1, 8 Mill. Menschen, immerhin 6% aller Versicherten, mit einer ausreichenden Tagesdosis zu &#8222;versorgen&#8220; (Glaeske, 1997, 42 f.)<\/p>\n<p>Oft verbreiten die Arzneimittelhersteller wie auch die &Auml;rzte und Apotheker den Eindruck, Krankheiten ebenso wie gro&szlig;e und kleine Unp&auml;&szlig;lichkeiten k&ouml;nnten mittels Pillen einfach &#8222;weggeschluckt&#8220; werden.Der umfangreiche Konsum von Medikamenten im allgemeinen, von Psychopharmaka im besonderen, kann als ein Symptom f&uuml;r die &#8211; gewisserma&szlig;en &#8211; konstitutionelle S&uuml;chtigkeit unserer Gesellschaft gelten, die davon lebt, da&szlig; die Werbung st&auml;ndig neue W&uuml;nsche, man k&ouml;nnte auch sagen, &#8222;neue Begierden&#8220; weckt, deren Stillung stets neues Begehren nach sich zieht.<\/p>\n<p>Stichwort Prozac (= Fluoxetin; D: Fluctin) als f&uuml;r die Bed&uuml;rfnisse der Menschen der 90iger Jahre entwickelte Designer-Droge. Das Wundermittel, das aus Pessimisten Optimisten macht, schlank werden l&auml;&szlig;t, Dynamik schenkt und lange Gespr&auml;chstherapien auf den M&uuml;llhaufen der Geschichte werfen und angeblich nicht s&uuml;chtig machen soll, ist das Idealpharmakon moderner Industriegesellschaften (Schw&auml;b. Tagbl. v. 21.4.94).<br \/>Die rasante Akzeptanz dieser neuen Universaldroge Prozac\/Fluctin deutet darauf hin, da&szlig; S&uuml;chtigkeit und Abh&auml;ngigkeit gewisserma&szlig;en zu den modernen Industriegesellschaften geh&ouml;ren, in sofern sie erm&ouml;glichen, leicht und selbstverst&auml;ndlich, Angst, Schmerz und Verzweiflung durch Pharmaka zu bet&auml;uben. Sie l&ouml;sen Religion und Bier als Opium des Volks ab: Suchtverhalten kann auf Krankenschein gelebt werden. Zugleich bieten die &auml;rztliche Verschreibung und der Erwerb in der Apotheke &#8211; und nicht auf dem schmuddeligen Dealer-Markt &#8211; die M&ouml;glichkeit, sich von jenen abzugrenzen, die &#8222;drogens&uuml;chtig&#8220; sind, da man der eigenen Sucht legal, weil unter Aufsicht der Gesundheitsexperten fr&ouml;nt.<\/p>\n<p><b>6. Gesellschaftlicher Nebel: Alkohol und Nikotin<\/b><\/p>\n<p>Eingangs wurde darauf hingewiesen, da&szlig; unsere Gesellschaft sowohl durch eine Alkohol- als auch eine Nikotinkultur gepr&auml;gt ist: Kinder erfahren weithin bereits in fr&uuml;hen Jahren Alkohol- und Nikotin als sozial eingewobene und akzeptierte Genu&szlig;mittel. Durch Erleben in der Herkunftfamilie, der Verwandtschaft und meist im gesamten Bekanntenkreis der Erwachsenen erleben sie die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Konsums dieser Stoffe. Sie geh&ouml;ren zur Normalit&auml;t des Alltags.<\/p>\n<p>Der Konsum von Alkohol und Nikotin bedeutet f&uuml;r junge Menschen eine pr&auml;gende Statushaltung; er ist ein Konformit&auml;tshandeln durch das der jugendliche Mensch Anerkennung seiner Peers erlangt; er ist schlie&szlig;lich eine Ersatzhandlung zur Vertreibung der Langeweile, zur Bew&auml;ltigung von Problemen oder schlicht zur Entspannung.<\/p>\n<p>Wenn Goethe sagte, &#8222;Jugend sei Trunkenheit ohne Wein&#8220;, so hat heute nicht selten der erste Suff initiatorischen Charakter. Rauchen und Trinken dienen den Jugendlichen zur Bildung einer eigenen Cliquen- und Freizeitkultur und sind weithin Merkmale der Identit&auml;tsbildung (zum Ganzen: Sieber 22 ff.).<\/p>\n<p>Die Folge: Es gibt in Deutschland etwa 2,5 Millionen behandlungsbed&uuml;rftige Alkoholabh&auml;ngige, also etwa 3,13% der Gesamtbev&ouml;lkerung! Die Zahl der alkoholbedingten Todesf&auml;lle wird nach der DHS auf j&auml;hrlich etwa 40 000 gesch&auml;tzt, und der Frauenanteil steigt kontinuierlich.<\/p>\n<p>Die finanziellen Kosten sind betr&auml;chtlich: Allein die Krankenhauskosten betrugen 1989 etwa 1,4 Milliarden DM plus 3,2 Milliarden DM Verluste aufgrund alkoholbedingter Arbeitsunf&auml;higkeit. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber beziffert den durch die Droge Nr. 1 angerichteten volkswirtschaftlichen Schaden auf ca. 17 Mrd. DM, wobei allerdings die alkoholbedingten Minderleistungen nicht eingerechnet sind. &#8211; Nach anderen Sch&auml;tzungen betrage der j&auml;hrliche volkswirtschaftliche Gesamtverlust 30 bis 50 Milliarden DM (Prof. Fr&uuml;hmorgen, 1994\/ Brockhoff, 31).<\/p>\n<p>Die Einnahmen des Bundes aus Steuern auf Sekt, Bier und Schnaps belaufen sich auf etwa 6,5 Mrd. DM p.a. (FR v. 21.5.94). Selbst unter einem zynischen Gesichtspunkt &#8222;rentiert&#8220; sich diese Sucht weder f&uuml;r den einzelnen noch die Gesellschaft:<\/p>\n<p>Der Verband der Technischen &Uuml;berwachungs-Vereine sch&auml;tzt, da&szlig; die H&auml;lfte der Verkehrstoten (4956 von 9913 Toten) auf Alkoholeinflu&szlig; zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei; Heinrich\/Jo&aacute;&sup3; gehen bei den Verkehrsunfalltoten von 18,6 % aus und bemerken, da&szlig; nicht bei jedem Unfall eine Blutprobe entnommen werde (204).<\/p>\n<p><b>7. &#8222;Neue&#8220; = nicht kultur&uuml;bliche, illegale Drogen<\/b><\/p>\n<p>In Verbindung mit Alkohol und chemischen Substanzen hat sich in Deutschland ein gro&szlig;er und un&uuml;bersichtlicher Drogenmarkt entwickelt, zu dem allerdings weder die Polizeistatistik noch Befragungen genaue Zahlen zu liefern verm&ouml;gen. Alle Zahlen beruhen auf Sch&auml;tzungen bzw. Hochrechnungen. DerRauschgiftbericht des BKA 1993 sch&auml;tzt die Zahl der (gelegentlichen) Konsumenten harter Drogen auf zwischen 139 000 bis 184 000 liegend (S. 97). Die der Hasch-Konsumenten auf 120 000. Nach Berechnung von Leune konsumieren etwa 65 000 Menschen Kokain, 45 000 Opiate und 850 000 Hasch, insgesamt etwa 960 000 Personen (117).<\/p>\n<p>Aber, was hei&szlig;t &#8222;konsumiert&#8220; haben? Niemand k&auml;me auf die Idee, solche, die ein- oder zweimal im Jahr rauchen als nikotinabh&auml;ngig, und solche, die gelegentlich Bier oder Wein trinken, als Alkoholiker oder gar als alkoholabh&auml;ngig zu bezeichnen. Gleichwohl wird im Bereich der illegalen Drogen &#8211; insbesondere wegen der sichtbaren Heroin-Szene &#8211; zur Bestimmung der gesellschaftlichen Gef&auml;hrlichkeit der Lage mit solchen Zahlen operiert. Noch immer wird die Gef&auml;hrlichkeit des Rausch&#8220;giftes&#8220; mit dem Bild des auf der Stra&szlig;e vegetierenden Abh&auml;ngigen dargestellt, der in einem ungesunden und kriminellen Umfeld sein Dasein fristen mu&szlig;. Die unsichere Datenlage leistet der bewu&szlig;t gepflegten Mythenbildung zweifellos Vorschub (Leune, 118).<\/p>\n<p>Dazu kommt, da&szlig; es gesellschaftlich sehr unterschiedliche Konsumentengruppen gibt: auf der einen Seite die Heroin-Fixer auf der Stra&szlig;e und auf der anderen die nicht auff&auml;lligen Abh&auml;ngigen und Gelegenheitskonsumenten, die keineswegs abh&auml;ngig zu sein brauchen. Aber auch die konsumierten Drogen &auml;ndern ihre Priorit&auml;ten: Bet&auml;ubung (Opiate) ist out, angesagt sind &#8211; insbesondere im Disco-Milieu und in der Schickeria &#8211; stimulierende Stoffe (z.B. Ecstasy und Designerdrogen (Leune, 120 f.). Ihre Gef&auml;hrlichkeit wird vor allem von den &#8211; jugendlichen &#8211; Konsumenten untersch&auml;tzt. Sie machen die Bedrohlichkeit dieser Entwicklung deutlich: Wie Hydra geb&auml;ren sie stets neue und noch gef&auml;hrlichere Varianten!<\/p>\n<p>Selbst wenn man die Zahl der amtlich festgestellten Rauschgifttoten pro Jahr (1991 = 2025; 1993 = 1738) (BKA: Jahrb. 95, 102); 1994 = 1624; 1995 = 1565; 1996 = 1712 (&aacute;&not; 9,4%) verdoppeln w&uuml;rde, h&auml;tten wir eine Gr&ouml;&szlig;enordnung von etwa viertausend Toten. Kein Zweifel, das w&auml;ren und sind viertausend zuviel. Doch angesichts der Zahl der aufgrund von Alkohol (ca. 40 000 p.a.) und Nikotinabusus (ca. 90 000 p.a.) Verstorbenen &#8211; und der (mindestens) 1680 alkoholbedingter Verkehrsopfer (1995) wird ein Mi&szlig;verh&auml;ltnis der &ouml;ffentlichen Reaktionen sichtbar.<\/p>\n<p><b>8. Individualisierung und Pathologisierung<\/b><\/p>\n<p>Die Warenhaftigkeit der menschlichen Beziehungen moderner Gesellschaften mit ihrem Zwang zu immer schnellerer Entwicklung, zur Steigerung der Produktion, zur Mehrung des Konsums und Optimierung der Tr&ouml;stungen und des Vergn&uuml;gens bewirken auch, da&szlig; die Menschen die Vermehrung ihrer Bed&uuml;rfnisse ebenso wie ihre &#8211; freilich sehr begrenzte &#8211; Erf&uuml;llung in ihrem Dasein als selbstverst&auml;ndlich erleben. bzw. glauben, ihre Frustrationen in einem Lebensbereich durch vergessenmachenden Genu&szlig; in einem anderen ausgleichen zu k&ouml;nnen. Erfahrungen dieser Art lassen Erwartungen erwachsen, die jenen der Sucht zumindestens nahekommen, zumal sie den Menschen oft bereits im fr&uuml;hen Sozialisationsproze&szlig; vermittelt werden. Einzelne verm&ouml;gen diesen Trends vielleicht zu widerstehen; es kann ihnen als einzelnen gelingen, anders zu leben; doch bereits bei der Erziehung ihrer Kinder ist die einzelne Familie den vielf&auml;ltigen sozialisatorischen Einfl&uuml;ssen anderer Vorstellungen ausgesetzt: Das beginnt nicht erst im Kindergarten, sondern bei der noch vorbewu&szlig;t aufgenommenen Fernsehreklame (Esser\/Maschewsky-Schneider, 60) und den &#8222;Spontan-Angeboten&#8220; an den Kassen der Gesch&auml;fte und reicht zum Konkurrenzdruck, dem schon Kinder bez&uuml;glich der modischen Kleidungs- und Lebensstile ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Ungeachtet dieser gesellschaftlich induzierten Neigungen zu s&uuml;chtigem Verhalten, werden bei der Pr&auml;vention und bei der Bek&auml;mpfung von Suchtverhalten die gesellschaftlichen Voraussetzungen oft ignoriert. Die am einzelnen erkennbare S&uuml;chtigkeit wird &#8211; allein &#8211; diesem zugerechnet.<\/p>\n<p>Erst wenn medizinisch bzw. gesellschaftlich pathologisch erscheinendes Verhalten, als &#8222;abweichendes Verhalten&#8220; offenkundig wird, gelten in der Regel therapeutische Ma&szlig;nahmen als angezeigt. Damit aber gibt die Gesellschaft die von ihr &#8211; zumindest mit &#8211; zu verantwortende Beteiligung an dieser Entwicklung an das Individuum als Vorwurf pers&ouml;nlichen Versagens zur&uuml;ck. Allein die tats&auml;chliche Sichtbarkeit, also die erkennbaren Folgen eines Abusus, werden geahndet; dagegen wird kaum versucht, die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die ein solches Verhalten nicht nur erm&ouml;glichen, sondern oft geradezu auch provozieren, weder zu thematisieren noch gar zu reduzieren.<\/p>\n<p><b>9. Sucht als Ausdruck nekrophiler Gesellschaftsstrukturen<\/b><\/p>\n<p>Weil die moderne Industriegesellschaft sich als &#8222;ehrenwerte&#8220; versteht, leugnet sie ihren Anteil an der Entstehung solch individueller Problemlagen, deren Auswirkungen sowohl f&uuml;r das betroffene Individuum und sein soziales Umfeld verheerend als auch f&uuml;r die Gesellschaft belastend sind. Wie oben angedeutet, schafft das der Gesellschaft inh&auml;rente Mehr- und Schneller-Habenwollen nicht nur allgemein individuelle Suchtpotentiale, sondern konkretisiert durch ihre Rahmenbedingungen, wie etwa Arbeitslosigkeit, unbezahlbaren Wohnraum, mangelnde Hilfe bei chronischer Krankheit oder Behinderung oder durch die Doppel- und Mehrfachbelastung der Frauen, s&uuml;chtiges Verhalten. Die sozialen und individuellen Defizite summieren sich beim einzelnen zu einem Syndrom der Suchtpotentiale. Obwohl die gesellschaftlichen Voraussetzungen die ausschlaggebenden Faktoren f&uuml;r das tats&auml;chliche S&uuml;chtigwerden darstellen, wird in der offiziellen Rede &uuml;ber das Sucht- und Drogenproblem allein das Individuum f&uuml;r seine Situation haftbar gemacht; die gesellschaftlichen Anteile werden, wenn nicht geleugnet, so doch &uuml;berschwiegen. Dabei wissen wir, da&szlig; immer dann, wenn Menschen ihr eigenes Handeln als sinnlos erleben, die Sucht vor der T&uuml;r lauert. Wer will es einem Menschen verdenken, der hundert oder mehr Bewerbungsschreiben verschickt hat, verzweifelt und sich schlie&szlig;lich mit Drogen &#8211; welcher Art auch immer &#8211; zu bet&auml;uben versucht.<\/p>\n<p>Nicht die Tatsache, da&szlig; die modernen Gesellschaften besser leben wollen und nach Fortschritt streben und dies immer ungeduldiger tun, ist die Ursache des Problems, sondern, da&szlig; die fortschreitende Ungeduld in der industriellen Moderne zum Selbstzweck geworden ist. Der einzelne Mensch, formal Zielpunkt aller Werbung und Subjekt des Konsums, ist tats&auml;chlich den Einfl&uuml;ssen gesellschaftlichen Zwangs, dem allgemeinen Konformit&auml;tsdruck und Gruppenzwang, ausgesetzt. Der Genu&szlig; wird zur Pflicht (Bourdieu).<\/p>\n<p>Die besondere Qualit&auml;t des neuzeitlichen Gl&uuml;cksstrebens ist dadurch gekennzeichnet, da&szlig; es zum einen in bestimmten vordergr&uuml;ndigen Bereichen erf&uuml;llt zu werden scheint und zum anderen nicht aus der Person selbst kommt, sondern ihr in vielf&auml;ltigen M&ouml;glichkeiten von au&szlig;en angesonnen wird. Die solcherma&szlig;en durch Werbung und sozial gebotenes Verhalten (etwa in der Mode) implantierten W&uuml;nschen werden &#8211; geradezu industriell &#8211; &#8222;produziert&#8220;. Dadurch verlieren sowohl das Bed&uuml;rfnis als auch seine Befriedigung ihre Basis in der menschlichen Person. Sehnsucht wie Erf&uuml;llung werden &#8222;kolonisiert&#8220;, sind also anderen Interessen dienstbar. Die selbstproduzierte Abh&auml;ngigkeit der Menschen moderner Gesellschaften von industriellen Kr&uuml;cken, von Werbung f&uuml;r den Kreislauf von Produktion und Konsum zur Aufrechterhaltung einer Scheinlebendigkeit, bezeichnet Erich Fromm als das un-lebendige, nekrophile Potential un-menschlicher Sinnmuster. Sie verordnen dem Menschen ein Leben aus zweiter Hand: aus gekauftem, zeitweiligem, weil rasch vergehendem Gl&uuml;ck. Solche Lebenslagen provozieren Angst, die &#8211; entsprechend dem Zeitgeist &#8211; eben wieder nur durch &#8222;technische&#8220; Mittel verdr&auml;ngt werden k&ouml;nnen. Tief drinnen in Individuen und Gesellschaft aber bleiben Sehnsucht und Angst. Der Kreislauf schlie&szlig;t sich.<\/p>\n<p><b>10. Notwendig ist eine neue umfassende Drogenpolitik und ein neues Denken<\/b><\/p>\n<p>Wenn das stimmt, dann st&ouml;&szlig;t jegliche individuell ausgerichtete Sucht-Pr&auml;vention und -Therapie notwendig an ihre Grenzen. Das gibt diesen Bem&uuml;hungen etwas deprimierend Sisyphusartiges. Denn die Abweichungen oder Erkrankungen werden zwar in Individuen sichtbar und auff&auml;llig, haben ihre Ursachen jedoch in den dominierenden gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen. Ob und inwieweit die modernen Gesellschaften durch &ouml;kologische und &ouml;konomische Zw&auml;nge veranla&szlig;t werden (k&ouml;nnen), von diesen Daseinsvorstellungen abzulassen, liegt weder in der Hand des staatlichen Machtapparates noch der therapeutischen Experten. Bei aller dem Soziologen gebotenen Vorsicht, darf festgehalten werden: Die bisherige Drogenpolitik der blo&szlig;en Repression hat sozialp&auml;dagogisch, politisch und juristisch in die Sackgasse gef&uuml;hrt. Wir m&uuml;ssen mit Mut und Phantasie nach besseren Wegen suchen. Alles andere k&auml;me einer Kapitulation vor den Drogen und der Macht der hinter ihnen stehenden Interessen gleich! Allerdings m&uuml;ssen dazu individuelle und gesellschaftliche Mentalit&auml;ten und Verhaltensweisen ge&auml;ndert werden. Ob wir das wollen und k&ouml;nnen &#8211; das ist die Frage! <\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[47],"tags":[],"class_list":["post-7674","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-lebensweisen-pluralismus"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Thema: Drogen. 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