{"id":7741,"date":"2016-04-13T11:00:00","date_gmt":"2016-04-13T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/der-neue-217-strafgesetzbuch-unverhaeltnismaessig-schlecht-begruendet-unnoetig\/"},"modified":"2021-08-24T21:45:57","modified_gmt":"2021-08-24T19:45:57","slug":"der-neue-217-strafgesetzbuch-unverhaeltnismaessig-schlecht-begruendet-unnoetig","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/der-neue-217-strafgesetzbuch-unverhaeltnismaessig-schlecht-begruendet-unnoetig\/","title":{"rendered":"Der neue \u00a7 217 Strafgesetzbuch: Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig \u0096 Schlecht begr\u00fcndet \u0096 Unn\u00f6tig!"},"content":{"rendered":"<p>Gemeinsame Erkl\u00e4rung<\/p>\n<p>Die acht im &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr Selbstbestimmung bis zum Lebensende&#8220; vertretenen humanistischen Organisationen Deutschlands sind besorgt \u00fcber die Folgen des im Dezember 2015 in Kraft getretenen Strafgesetzes zur gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung. Sie lehnen dieses Gesetz  nach wie vor als schlecht begr\u00fcndet und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig strikt ab.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"suizidbeihilfe-nur-noch-in-einzelfaellen-erlaubt\">Suizid&shy;bei&shy;hilfe nur noch in Einzel&shy;f&auml;llen erlaubt<\/span><\/h2>\n<p>Auch mit dem neuen Paragraphen 217 StGB bleibt die Selbstt\u00f6tung an sich straffrei. Bislang galt im deutschen Recht der Grundsatz, wonach die Beihilfe zu einer straffreien Tat ebenfalls straffrei ist. Diesen sinnvollen Grundsatz hat der Gesetzgeber in rechtswidriger Weise missachtet: Die Straffreiheit der Beihilfe zum Freitod gilt nur noch f\u00fcr Einzelf\u00e4lle. So darf nun bei einem selbstbestimmten Freitod nur noch straffrei helfen, wer mit dem Sterbewilligen verwandt oder eng befreundet ist, unabh\u00e4ngig von seinen Qualifikationen und Gr\u00fcnden f\u00fcr eine derartige Hilfe. Angeh\u00f6rige und Freunde sind auch von Strafe ausgenommen, wenn sie den Schwerstkranken zum Freitod in die Schweiz begleiten. Der teure Weg in die Schweiz, der zudem beizeiten -&#8222;vor der Zeit&#8220; &#8211; anzutreten ist, steht jedoch nur Wenigen offen.<\/p>\n<p>Es ist davon auszugehen, dass diese Straffreiheit nicht gilt f\u00fcr Gespr\u00e4chsangebote durch Organisationen oder \u00c4rzte zu Suizidgedanken oder -vorhaben, wenn diese best\u00e4rkt bzw. der Wunsch nach Hilfe zur Selbstt\u00f6tung dabei gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"erhebliche-verunsicherung-durch-das-neue-gesetz\">Erhebliche Verun&shy;si&shy;che&shy;rung durch das neue Gesetz<\/span><\/h2>\n<p>Unser &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr Selbstbestimmung bis zum Lebensende&#8220; sieht seine Bef\u00fcrchtung best\u00e4tigt, dass die Aufnahme des Straftatbestandes &#8222;Gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung&#8220; in das Strafgesetzbuch bei Patienten und \u00c4rzten zu erheblichen Verunsicherungen gef\u00fchrt hat. Denn &#8222;gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig&#8220; handelt bereits, wer etwas wiederholt und organisiert tut, auch wenn kein finanzielles Interesse vorliegt.<\/p>\n<p>Ein offenes Gespr\u00e4ch mit Suizidwilligen ist unter diesen Umst\u00e4nden kaum m\u00f6glich. Dies gilt f\u00fcr \u00c4rzte ebenso wie f\u00fcr Hilfskr\u00e4fte, die z.B. auf Palliativ- oder Hospiz-Stationen mit Suizidw\u00fcnschen konfrontiert werden. Und: Machen sich Kliniken, Hospize oder Heime strafbar, die Sterbefasten dulden oder erm\u00f6glichen?<\/p>\n<p>Unklar ist ebenfalls, wie weit palliativ t\u00e4tigen \u00c4rzten eine F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung unterstellt werden kann, wenn sie ihren Schmerzpatienten, z.B. \u00fcber das Wochenende, ausreichende Mengen an Schmerzmitteln \u00fcberlassen, mit denen bei entsprechender Dosierung auch eine Selbstt\u00f6tung m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Vertreter von in der Schweiz auch f\u00fcr Ausl\u00e4nder t\u00e4tigen Sterbehilfe-Organisationen haben j\u00fcngst \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt, dass sie &#8222;<i>keinen Fu\u00df auf deutsches Gebiet mehr setzen werden<\/i>&#8220;. Sie f\u00fcrchten, dass ihre in Deutschland gegebenen Informationen \u00fcber ihre Hilfe in der Schweiz als Werbung gedeutet und als &#8222;gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung&#8220; strafrechtlich verfolgt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-gang-zum-verfassungsgericht-ist-noetig\">Der Gang zum Verfas&shy;sungs&shy;ge&shy;richt ist n&ouml;tig&nbsp; <\/span><\/h2>\n<p>Es ist nicht abzusch\u00e4tzen, wie weit die Rechtsprechung im konkreten Fall dem Wortlaut des Gesetzes oder den in der Gesetzesbegr\u00fcndung dargelegten Zwecken folgen wird. Die dadurch f\u00fcr alle Beteiligten geschaffene Rechtsunsicherheit ist mit dem verfassungsm\u00e4\u00dfigen Bestimmtheitsgebot unvereinbar. Ein Urteil, das von der \u00fcberwiegenden Mehrheit der deutschen Strafrechtswissenschaftler\/-innen geteilt wird. Das hat auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages unterstrichen.<\/p>\n<p>Inzwischen hat Sterbehilfe Deutschland Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Weitere Klagen durch renommierte Strafrechtsprofessoren und \u00c4rzte sind angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Das B\u00fcndnis unterst\u00fctzt die von verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen eingereichten oder vorgesehenen Verfassungsbeschwerden gegen den \u00a7 217 des StGB beim Bundesverfassungsgericht.<\/p>\n<p>Die dem B\u00fcndnis angeh\u00f6renden Organisationen werden sich in ihrer T\u00e4tigkeit vorerst an das Gesetz halten. Sie werden aber in ihrer Beratungst\u00e4tigkeit nicht darauf verzichten, neben den in Deutschland legal verf\u00fcgbaren Optionen f\u00fcr ein selbstbestimmtes Lebensende auch auf die im Ausland bestehenden Hilfsm\u00f6glichkeiten hinzuweisen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-gesetz-schuetzt-nicht-sondern-es-knebelt\">Das Gesetz sch&uuml;tzt nicht, sondern es knebelt<\/span><\/h2>\n<p>Die Sorge, Menschen k\u00f6nnten durch &#8222;Manipulation und Beeinflussung&#8220; zu einem Suizid gedr\u00e4ngt werden, nehmen wir ernst. Die Antwort des Gesetzgebers, ein Verbot jeglicher gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfiger, also wiederholt angebotener Hilfe f\u00fcr Sterbewillige, sch\u00fctzt jedoch nicht vor einer m\u00f6glichen Bedr\u00e4ngung durch Nahestehende. Dar\u00fcber hinaus beraubt es den ernsthaft zur Leidensverk\u00fcrzung durch Freitod entschlossenen Menschen nahezu jeder professioneller Hilfe. Damit werden \u00c4ngste vor dem Sterbeprozess nicht abgebaut, sondern im Gegenteil werden unkontrollierbare, verzweifelte, Dritte gef\u00e4hrdende Freitodversuche noch zunehmen.<\/p>\n<p>Dieses Gesetz basiert auf einer in der christlichen Tradition verankerten, l\u00e4ngst \u00fcberholten\u00a0 Verurteilung der Selbstt\u00f6tung und dient v. a. der Durchsetzung kirchlicher Sozialethik. Aber es tr\u00e4gt dem Bed\u00fcrfnis und dem Recht der Bev\u00f6lkerung unseres Landes auf ein selbstbestimmtes Sterben nicht Rechnung.<\/p>\n<p>Das strafrechtliche Verbot organisierter Suizidbeihilfe ist daher aufzuheben!<\/p>\n<p><i>Berlin, im April 2016<\/i><\/p>\n<p><i>Das &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr Selbstbestimmung bis zum Lebensende&#8220; wurde 2014 gegr\u00fcndet. Es besteht aus: Bund f\u00fcr Geistesfreiheit (bfg) Bayern, Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e. V. (DFW), Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Humanes Sterben e. V. (DGHS), Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), Humanistische Union (HU), Humanistischer Verband Deutschlands (HVD), Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten e. V. (IBKA), Koordinierungsrat s\u00e4kularer Organisationen (KORSO).<\/i><\/p>\n<p>Der Wortlaut des neuen \u00a7 217 StGB: <br \/>&#8222;(1)Wer in der Absicht, die Selbstt\u00f6tung eines anderen zu f\u00f6rdern, diesem hierzu gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig die Gelegenheit gew\u00e4hrt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. <br \/>(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig handelt und entweder Angeh\u00f6riger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[32],"tags":[],"class_list":["post-7741","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-sterbehilfe"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der neue \u00a7 217 Strafgesetzbuch: Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig \u0096 Schlecht begr\u00fcndet \u0096 Unn\u00f6tig! - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/der-neue-217-strafgesetzbuch-unverhaeltnismaessig-schlecht-begruendet-unnoetig\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der neue \u00a7 217 Strafgesetzbuch: Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig \u0096 Schlecht begr\u00fcndet \u0096 Unn\u00f6tig! - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gemeinsame Erkl\u00e4rung Die acht im &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr Selbstbestimmung bis zum Lebensende&#8220; vertretenen humanistischen Organisationen Deutschlands sind besorgt \u00fcber die Folgen des im Dezember 2015 in Kraft getretenen Strafgesetzes zur gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung. 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