{"id":7932,"date":"2010-10-28T13:00:00","date_gmt":"2010-10-28T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/gesetzentwurf-der-koalition-zur-sicherungsverwahrung-ist-verfassungs-und-europarechtswidrig\/"},"modified":"2021-09-04T00:04:45","modified_gmt":"2021-09-03T22:04:45","slug":"gesetzentwurf-der-koalition-zur-sicherungsverwahrung-ist-verfassungs-und-europarechtswidrig","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/gesetzentwurf-der-koalition-zur-sicherungsverwahrung-ist-verfassungs-und-europarechtswidrig\/","title":{"rendered":"Gesetzentwurf der Koalition zur Sicherungsverwahrung ist verfassungs- und europarechtswidrig"},"content":{"rendered":"<p><i>Aus Anlass der am 29. Oktober 2010 stattfindenden ersten Lesung des Gesetzentwurfs der Fraktionen von CDU\/CSU und FDP im Bundestag zur Neuordnung des Rechts der Sicherungsverwahrung und zu begleitenden Regelungen (Bundestags-Drucksache 17\/3403) erkl\u00e4rt Dr. Jens Puschke, Mitglied im Bundesvorstand der Humanistischen Union:<\/i><\/p>\n<p>&#8222;<i>Der Gesetzentwurf zur Sicherungsverwahrung wird europa- und verfassungsrechtlichen Vorgaben nicht gerecht. Die vorgeschlagenen &Auml;nderungen schaffen zudem nicht mehr Sicherheit. Die Humanistische Union fordert stattdessen die vollst&auml;ndige Abschaffung der Sicherungsverwahrung und eine erhebliche Ausweitung therapeutischer Ma&szlig;nahmen im Strafvollzug.<\/i>&#8220;<\/p>\n<p>Der am 20. Oktober 2010 vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf geht laut der Entwurfsbegr&uuml;ndung haupts&auml;chlich von drei Ansatzpunkten zur Reformierung des bestehenden Systems der Sicherungsverwahrung aus. Die prim&auml;re, also die im Urteil angeordnete Sicherungsverwahrung soll nur noch bei besonders schweren Straftaten verh&auml;ngt werden d&uuml;rfen. Die im Urteil vorbehaltene Sicherungsverwahrung soll ausgebaut werden und die nachtr&auml;gliche Sicherungsverwahrung nur noch in eng begrenzten F&auml;llen zur Anwendung kommen k&ouml;nnen. Dar&uuml;ber hinaus sollen die M&ouml;glichkeiten der F&uuml;hrungsaufsicht (also einer Kontrolle und Begleitung nach der Haftentlassung) erweitert werden, was insbesondere die Einf&uuml;hrung der sogenannten elektronischen Aufenthalts&uuml;berwachung umfasst. Zudem soll ein sogenannten Therapieunterbringungsgesetz geschaffen werden, das es erm&ouml;glicht, Personen, gegen die eine weitere Vollstreckung der Sicherungsverwahrung wegen der Rechtsprechung des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte nicht mehr zul&auml;ssig ist, in geschlossenen Anstalten unterzubringen.<\/p>\n<p>&#8222;<i>Der Gesetzentwurf ist eine Mogelpackung<\/i>&#8222;, kritisiert Jens Puschke. &#8222;<i>Von der urspr&uuml;nglichen Ank&uuml;ndigung, dass die prim&auml;re Sicherungsverwahrung nur noch f&uuml;r schwere Sexual- und Gewaltstraftaten verh&auml;ngt wird und die nachtr&auml;gliche Sicherungsverwahrung im Einklang mit der Entscheidung des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte abgeschafft wird, ist nicht mehr viel &uuml;brig.<\/i>&#8220;<\/p>\n<p>So sieht der Gesetzentwurf unter anderem vor, dass die prim&auml;re Sicherungsverwahrung bei entsprechenden Vorverurteilungen auch dann anzuordnen ist, wenn jemand mindestens zu einer zweij&auml;hrigen Freiheitsstrafe wegen bestimmter schwerwiegender Verm&ouml;gensdelikte verurteilt wurde und ein Hang zu weiteren solchen Taten besteht, durch die ein schwerer wirtschaftlicher Schaden angerichtet wird. Dies betrifft etwa Delikte wie bandenm&auml;&szlig;igen Diebstahl oder Betrug. &#8222;<i>Dass ein so schwerwiegender Eingriff wie die Sicherungsverwahrung weiterhin auch gegen&uuml;ber Personen vorgenommen werden darf, deren Taten sich ausschlie&szlig;lich gegen das Verm&ouml;gen bzw. das Eigentum richten, ist unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig<\/i>&#8222;, beklagt Jens Puschke. &#8222;<i>Hier sind andere Wege der Wiedergutmachung und der Pr&auml;vention wesentlich sinnvoller als ein unbefristetes Wegsperren, mit dem weder Opfer noch T&auml;ter geholfen ist.<\/i>&#8220;<\/p>\n<p>Die im Entwurf vorgesehene weitgehende Beschr&auml;nkung der nachtr&auml;glichen Sicherungsverwahrung ist grunds&auml;tzlich zu begr&uuml;&szlig;en. Jedoch zeigt die Beibehaltung dieses Instrumentariums f&uuml;r Personen, die aufgrund gerichtlicher Entscheidung zun&auml;chst in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wurden, dass auch bei besonders behandlungsbed&uuml;rftigen Menschen Wegsperren im Vordergrund stehen soll. Eine &Uuml;berweisung in andere therapeutische Einrichtungen w&auml;re demgegen&uuml;ber vorzuziehen. Zudem widerspricht die Vorschrift der Rechtsprechung des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte. Hiernach ist es notwendig, dass eine freiheitsentziehende Ma&szlig;nahme aus Anlass einer Straftat eng mit der Verurteilung wegen dieser Tat, hier also dem Unterbringungsurteil verkn&uuml;pft ist. Dies ist jedoch bei einer nachtr&auml;glichen Anordnung der Sicherungsverwahrung gerade nicht der Fall. Zudem wenn sie auf Grundlage einer ver&auml;nderten Sachlage ergeht, n&auml;mlich des Wegfalls des Zustandes der Schuldunf&auml;higkeit oder verminderten Schuldf&auml;higkeit.<\/p>\n<p>Besonders kritikw&uuml;rdig ist, dass die nachtr&auml;gliche Sicherungsverwahrung weiterhin f&uuml;r sogenannte Altf&auml;lle gilt. Nach dem Entwurf kann sie nach wie vor gegen alle die Voraussetzungen erf&uuml;llenden Personen verh&auml;ngt werden, deren Taten vor dem Inkrafttreten der Neuregelung begangen wurden. &#8222;<i>Die nach Ansicht der meisten Experten gegen die Europ&auml;ische Konvention f&uuml;r Menschenrechte versto&szlig;ende Regelung soll somit noch f&uuml;r viele Jahre Bestand haben<\/i>&#8222;, bem&auml;ngelt Puschke. &#8222;<i>W&uuml;rde das Gesetz vom Bundestag so beschlossen, n&auml;hme Deutschland erneut eine Verurteilung durch den Europ&auml;ischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte in Kauf.<\/i>&#8220;<\/p>\n<p>Der Gesetzentwurf enth&auml;lt zudem eine massive Erweiterung der vorbehaltenen Sicherungsverwahrung, die jedes Bem&uuml;hen um eine Restriktion dieser Form der Freiheitsentziehung konterkariert. Liegen die Voraussetzungen bez&uuml;glich der begangenen Straftaten vor, soll nun bereits die Wahrscheinlichkeit eines Hanges zu Straftaten und eine daraus resultierende Gef&auml;hrlichkeit f&uuml;r die Allgemeinheit ausreichen. Die Anforderungen an die ohnehin h&ouml;chst unzuverl&auml;ssige Gef&auml;hrlichkeitsprognose werden somit noch einmal reduziert. Da nach dem Entwurf die Sicherungsverwahrung nunmehr auch bei Erstt&auml;tern vorbehalten werden kann, d&uuml;rfte sich die Anzahl der Vorbehalte damit erheblich erh&ouml;hen.<\/p>\n<p>&#8222;<i>Die Ungewissheit &uuml;ber eine m&ouml;glicherweise unbefristete Inhaftierung, die nach dem Entwurf teilweise bis zum Ende der Strafhaft bestehen soll, erschwert Wiedereingliederungsbestrebungen von Gefangenen und Vollzugsanstalten erheblich. Diese Verringerung von Resozialisierungsbem&uuml;hungen wird die Sicherheit der Allgemeinheit insgesamt nicht verbessern, sondern verschlechtern<\/i>&#8222;, bef&uuml;rchtet Puschke.<\/p>\n<p>Auch der Umgang mit denjenigen Personen, die aufgrund des seit dem 10. Mai 2010 endg&uuml;ltigen Urteils des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte vom 17. Dezember 2009 teilweise bereits aus der Sicherungsverwahrung entlassen wurden bzw. noch zu entlassen sind, st&ouml;&szlig;t auf erhebliche Bedenken. Der Entwurf sieht die M&ouml;glichkeit der Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt vor, wenn die Betroffenen, die wegen einer Anlasstat rechtskr&auml;ftig verurteilt wurden &#8211; also schuldf&auml;hig waren -, an einer psychischen St&ouml;rung leiden und die Unterbringung zum Schutz der Allgemeinheit erforderlich sein soll. Diese Regelung stellt eine Umgehung der Vorgaben des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte dar und ist eine Sonderregelung, um eine Entlassung zu verhindern bzw. bereits Entlassene wieder wegzusperren. Die M&ouml;glichkeit einer r&uuml;ckwirkenden Ankn&uuml;pfung der Inhaftierung an eine Straftat, wie sie im Entwurf vorgesehen ist, ist nach dem Urteil jedoch grunds&auml;tzlich ausgeschlossen. Zudem werden die Voraussetzungen f&uuml;r eine Unterbringung gegen&uuml;ber den bisherigen Unterbringungsgesetzen der L&auml;nder deutlich herabgesetzt.<\/p>\n<p><i>F&uuml;r R&uuml;ckfragen stehen Ihnen Dr. Jens Puschke, Mitglied im Bundesvorstand der Humanistischen Union, unter (0761) 203 2211 oder die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin Martina Kant, unter (030) 204 502 56 oder per E-Mail<br \/>unter <\/i><a href=\"mailto:info%40humanistische-union.de\"><i>info@humanistische-union.de<\/i><\/a><i> zur Verf&uuml;gung.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-7932","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-rechtspolitik"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gesetzentwurf der Koalition zur Sicherungsverwahrung ist verfassungs- und europarechtswidrig - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/gesetzentwurf-der-koalition-zur-sicherungsverwahrung-ist-verfassungs-und-europarechtswidrig\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gesetzentwurf der Koalition zur Sicherungsverwahrung ist verfassungs- und europarechtswidrig - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus Anlass der am 29. 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