{"id":8108,"date":"2006-07-03T19:30:00","date_gmt":"2006-07-03T17:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/reform-des-bundesnachrichtendienstes\/"},"modified":"2021-09-04T00:05:12","modified_gmt":"2021-09-03T22:05:12","slug":"reform-des-bundesnachrichtendienstes","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/reform-des-bundesnachrichtendienstes\/","title":{"rendered":"Reform des Bundesnachrichtendienstes?"},"content":{"rendered":"<p><i>Mitteilungen Nr. 193, S. 4-5<\/i><\/p>\n<p>Wieder einmal ersch&uuml;ttert ein Geheimdienstskandal die Republik. Und das schon seit Monaten. Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat Journalisten bespitzelt und teilweise als V-Leute benutzt, m&ouml;glicherweise soll er im Irak-Krieg trotz der offiziellen Position der Bundesregierung die Amerikaner unterst&uuml;tzt haben, vielleicht hat er von amerikanischen Fl&uuml;gen &uuml;ber Deutschland und auf deutschen Flugh&auml;fen mit geheimen Gefangenen gewusst, anscheinend war er &uuml;ber die Entf&uuml;hrung eines deutschen Staatsb&uuml;rgers durch die amerikanischen Geheimdienste &uuml;ber Montenegro nach Afghanistan informiert, ohne dar&uuml;ber der Bundesregierung zu berichten, damit diese ihre Pflichten zum Schutze ihres Staatsb&uuml;rgers wahrnehmen konnte. Ein Untersuchungsausschuss tagt, das parlamentarische Kontrollgremium hat den Vorsitzenden Richter am Bundesgerichtshof a.D. Dr. Gerhard Sch&auml;fer als Sachverst&auml;ndigen mit der Untersuchung der Journalistenbeobachtung beauftragt.<\/p>\n<p>Wer erinnert sich da von uns &Auml;lteren nicht an die fr&uuml;heren spektakul&auml;ren Geheimdienstskandale: Die Traube-Aff&auml;re, als ein Atommanager gesetzwidrig abgeh&ouml;rt wurde. Das Celler Loch, als der Nieders&auml;chsische Verfassungsschutz mit logistischer Hilfe des BND ein Loch in die Gef&auml;ngnismauern der Justizvollzugsanstalt Celle sprengte, um einen terroristischen Befreiungsversuch vorzut&auml;uschen? Den Mordfall Schm&uuml;cker, bei dem der Berliner Verfassungsschutz die Tatwaffe verschwinden lie&szlig; und die gerichtliche Aufkl&auml;rung &uuml;ber 16 Jahre nach Kr&auml;ften behinderte? Der BND als Waffenh&auml;ndler, der als landwirtschaftliche Maschinen deklarierte Panzer nach Israel exportieren wollte, was der Zoll im Hamburger Hafen aufdeckte?<\/p>\n<p>Diesmal geht es &#8222;nur&#8220; darum, dass der Bundesnachrichtendienst wissen wollte, woher der Journalist Schmidt-Eenboom seine internen BND-Kenntnisse hatte, als er 1993 sein Buch &#8222;Schn&uuml;ffler ohne Nase&#8220; ver&ouml;ffentlichte, in dem interne Details, Pannen und Aff&auml;ren des Geheimdienstes ausgebreitet wurden. &#8222;Ma&szlig;nahmen zur Eigensicherung&#8220; nannte der BND das, was er von da an bis teilweise in den Herbst 2005 hinein tat, um herauszufinden, wo das Leck im BND war, welches Informationen an Journalisten weitergab. Observationen verschiedenster Journalisten, &#8222;Absch&ouml;pfung&#8220; von Journalisten und auch Beauftragung von Journalisten als V-Leute z&auml;hlten dazu.<\/p>\n<p>Immerhin hat dieser Fall so viel Aufsehen erregt, dass nach Erinnerung des Verfassers dieser Zeilen das Parlamentarische Kontrollgremium, vielleicht das geheimste Gremium dieser Republik, nach seinen Kontrollsitzungen &ouml;ffentliche Erkl&auml;rungen abgab, was nur einstimmig m&ouml;glich ist, und schlie&szlig;lich einen ehemaligen Bundesrichter als Sachverst&auml;ndigen mit der Untersuchung beauftragte &ndash; ja dann sogar diesen Bericht ver&ouml;ffentlichte.<br \/>Mit teilweise fragw&uuml;rdiger Auslegung des BND-Gesetzes (was sind sicherheitsgef&auml;hrdende neben geheimdienstlichen T&auml;tigkeiten, die sich gegen den BND und seine Quellen richten, &sect; 2 BND-Gesetz) kommt Herr Sch&auml;fer zu dem Ergebnis, dass eine Reihe von Observationsma&szlig;nahmen durchaus zul&auml;ssig war, da auch die Presse von &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen der Geheimdienste nicht ausgenommen sei, dass aber umgekehrt eine Reihe von Ma&szlig;nahmen, insbesondere zur Erkenntnisgewinnung &uuml;ber das journalistische Umfeld, rechtswidrig war, da zwischen dem legitimen Schutzbed&uuml;rfnis des BND auch die Pressefreiheit nach Artikel 5 Grundgesetz ber&uuml;cksichtigt werden m&uuml;sse und die Ma&szlig;nahmen nach dem Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeitsgrundsatz zu bewerten seien.<\/p>\n<p>Regierung und Parteien stellen sich hinter diesen Bericht und fordern unisono eine Reform des Bundesnachrichtendienstes, die solche Verst&ouml;&szlig;e in Zukunft ausschlie&szlig;t. Aber wie soll dies m&ouml;glich sein? Nat&uuml;rlich kann man neue Dienstanweisungen erlassen &ndash; aber auch bisher schon gab es Dienstanweisungen, die nur schlicht nicht eingehalten wurden, bis hin zu der Tatsache, dass der Pr&auml;sident und das Aufsicht f&uuml;hrende Bundeskanzleramt (angeblich) nicht informiert wurden, wo sie h&auml;tten informiert werden m&uuml;ssen. Doch selbst wenn Dienstanweisungen immer eingehalten w&uuml;rden: Wie will man selbst dann verfassungsrechtliche Verst&ouml;&szlig;e gegen Artikel 5 Grundgesetz verhindern, wenn nur der Ma&szlig;stab der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit hierzu herangezogen werden soll? Dies sind doch nur &#8222;juristische Zwirnsf&auml;den&#8220;, die in der Realit&auml;t leicht zerrissen werden.<\/p>\n<p>Insbesondere deshalb, weil die Einhaltung dieser Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit, die Einhaltung etwaiger Dienstanweisungen doch nur durch den Geheimdienst selbst &uuml;berwacht werden kann. Und wo auf Erden funktioniert eine Kontrolle, wo der zu Kontrollierende sich selbst kontrolliert?<\/p>\n<p>Der BND ist ein Geheimdienst. Das Wesentliche eines Geheimdienstes ist, dass er geheim arbeitet &ndash; und wenn niemand erf&auml;hrt und niemand erfahren darf, was eine geheime Beh&ouml;rde tut, weil ihr Handeln dann ja nicht mehr geheim w&auml;re und folglich nicht effektiv sein k&ouml;nnte, wer soll dann kontrollieren k&ouml;nnen? Dies geht ja so weit &ndash; vermutlich sogar zu Recht &ndash;, dass aus Gr&uuml;nden des Quellenschutzes neben dem V-Mann-F&uuml;hrer nicht einmal der Vorgesetzte erf&auml;hrt, wer denn der V-Mann ist.<\/p>\n<p>In Band 17 ihrer Schriftenreihe, in der Brosch&uuml;re &#8222;Weg mit dem Verfassungsschutz, der unheimlichen Staatsgewalt&#8220; (Erstauflage 1990, 4. Aufl. 1993) hat die Humanistische Union nachgewiesen, dass Geheimbeh&ouml;rden einerseits, Demokratie und Rechtsstaat andererseits wie Feuer und Wasser sind. Demokratie und Rechtsstaat basieren auf &Ouml;ffentlichkeit und durch &Ouml;ffentlichkeit erm&ouml;glichte Kontrolle. Geheimdienste verhindern diese per se. Sie sind eine &#8222;(un)heimliche Staatsgewalt&#8220; (so schon der Titel des Memorandums der HU zum Verfassungsschutz von 1981). Ebenso ist die alte These der Humanistischen Union, dass Geheimdienste &uuml;berfl&uuml;ssig sind, weil sie zur Sicherheit in Wirklichkeit nichts beitragen, heute so richtig wie fr&uuml;her. Ja, Geheimdienste sind gef&auml;hrlich f&uuml;r die Demokratie: In seinem Volksz&auml;hlungsurteil (BVerfG 65, 1, 43) hat das Bundesverfassungsgericht ausgef&uuml;hrt: &#8222;Wer nicht mit hinreichender Sicherheit &uuml;berschauen kann, welche ihn betreffenden Informationen in bestimmten Bereichen seiner sozialen Umwelt bekannt sind, kann in seiner Freiheit wesentlich gehemmt werden (&#8230;) Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen. Wer damit rechnet, dass etwa die Teilnahme an einer Versammlung oder einer B&uuml;rgerinitiative beh&ouml;rdlich registriert wird und dass ihm dadurch Risiken entstehen, wird m&ouml;glicherweise auf die Aus&uuml;bung seiner entsprechenden Grundrechte (Artikel 8, 9 Grundgesetz) verzichten. Dies w&uuml;rde nicht nur die individuellen Entfaltungschancen des Einzelnen beeintr&auml;chtigen, sondern auch das Gemeinwohl, weil Selbstbestimmung eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungs- und Mitwirkungsf&auml;higkeit seiner B&uuml;rger begr&uuml;ndeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist.&#8220; Die Zentralaussage dieses Urteils lautet: Die geheime Beobachtung von B&uuml;rgern verhindert deren freie Entfaltung und unbek&uuml;mmerte Nutzung ihrer Grundrechte und schadet damit der Demokratie. <br \/>Damals im Fokus waren in erster Linie die Grundrechte der Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Nach den jetzt aufgedeckten Aktionen des BND bei Journalisten steht die Pressefreiheit nach Artikel 5 Grundgesetz auf dem Spiel: Welcher Journalist und welcher Informant wird sich noch ungesch&uuml;tzt und ohne Argwohn mit Journalisten unterhalten, wenn er f&uuml;rchten muss, dass dieser Journalist eine Quelle des Geheimdienstes ist? Nur die Abschaffung der &uuml;berfl&uuml;ssigen Geheimdienste vermag diese Gef&auml;hrdung der Demokratie zu beseitigen.<\/p>\n<p><i>Till M&uuml;ller-Heidelberg<br \/>langj&auml;hriger Vorsitzender und Beiratsmitglied der HU<br \/><\/i><\/p>\n<p><b>Literatur:<\/b><\/p>\n<p>M&uuml;ller-Heidelberg, Till: Geheime Nachrichtendienste und Rechtsstaat, in: Humanistische Union (Hg.), Innere Sicherheit als Gefahr (Schriftenreihe der Humanistischen Union, Band 23), S. 151-155.<\/p>\n<p>Die gek&uuml;rzte Fassung des &#8222;Sch&auml;fer-Berichts&#8220; zur Bespitzelung von Journalisten durch den BND ist abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/parlament\/gremien\/kontrollgremien\/parlkon\/bnd_bericht.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bundestag.de\/parlament\/gremien\/kontrollgremien\/parlkon\/bnd_bericht.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-8108","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-innere-sicherheit"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Reform des Bundesnachrichtendienstes? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/reform-des-bundesnachrichtendienstes\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Reform des Bundesnachrichtendienstes? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 193, S. 4-5 Wieder einmal ersch&uuml;ttert ein Geheimdienstskandal die Republik. 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