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	<title>vorgänge Nr. 169: Qualitätsjournalismus in der Krise Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Wie fördert man am besten erneuerbare Energien?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 12:20:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anmerkungen zur Auseinandersetzung zwischen Hermann Scheer und dem Öko-Institut aus: Vorgänge Nr.169 ( Heft 1/2005 ), S-100-103 Ein für Außenstehende kaum nachvollziehbarer Streit wurde Ende Dezember 2004 in der taz ausgetragen: Der auch in seiner Schärfe ungewöhnliche Disput zwischen Hermann Scheer, SPD-Bundestagsabgeordneter und als Eurosolar-Präsident gleichsam der deutsche &#132;Solar-Papst&#148;, und Christoph Timpe vom aus der [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Anmerkungen zur Auseinandersetzung zwischen Hermann Scheer und dem Öko-Institut</p>
<p>aus: Vorgänge Nr.169 ( Heft 1/2005 ), S-100-103</p>
<p><i>Ein für Außenstehende kaum nachvollziehbarer Streit wurde Ende Dezember 2004 in der taz ausgetragen: Der auch in seiner Schärfe ungewöhnliche Disput zwischen Hermann Scheer, SPD-Bundestagsabgeordneter und als Eurosolar-Präsident gleichsam der deutsche &#132;Solar-Papst&#148;, und Christoph Timpe vom aus der Anti-Atom-Bewegung hervorgegangenen Öko-Institut kreiste um die Frage nach dem besten Fördersystem für erneuerbare Energien (taz vom 10., 13. u. 20. Dezember). Auf der einen Seite standen Einspeisevergütungssysteme wie etwa das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), auf der anderen Seite Quotensystem in Verbindung mit Ökostromzertifikaten.</i></p>
<h5>Zwei unter&shy;schied&shy;liche F&ouml;rder&shy;mo&shy;delle</h5>
<p>Das Ziel der Erhöhung des Anteils regenerativer Energien (REG) am Primärenergieverbrauch und an der Stromproduktion der EU-Mitgliedsstaaten wird meist mit einem Mix aus verschiedenen Förderinstrumenten zu erreichen versucht. Die beiden wichtigsten Instrumente sind hier so genannte Einspeisevergütungsmodelle (EVM) sowie so genannte Quotenmodelle. Einspeisevergütungsmodelle (auch als Fest-preis- oder Mindestpreissystem bezeichnet)verpflichten Energieversorgungsunternehmen nicht nur, den Regenerativ-Strom abzunehmen und in ihr Netz einzuspeisen, sondern auch einen festen Preis dafür zu zahlen, oftmals über einen bestimmten Zeitraum hinweg, in Deutschland beispielsweise 20 Jahre lang. Die konkreten Bestimmungen etwa zu den einzelnen Technologien, zur Vergütungshöhe oder zu Fragen des Netzzugangs sind meist per Gesetz geregelt oder über eine eigene Verordnung.</p>
<p>Bei Quotenmodellen schreibt der Staat eine Menge oder einen fixen Anteil erneuerbarer Energien am nationalen Strommarkt fest. Diese Menge muss eine Gruppe von Akteuren &#150; Produzenten, Zwischenhändler, Netzbetreiber oder Verbraucher &#8211; innerhalb eines bestimmten Zeitraums produzieren, verkaufen oder abnehmen. Um die Einhaltung der Mengenverpflichtung zu kontrollieren, wird der Strom aus regenerativen Quellen zertifiziert. Anhand der Zertifikate muss jeder an einem festgelegten Stichtag nachweisen, dass er seine Verpflichtungen erfüllt hat; die zugehörigen Zertifikate werden dann eingezogen. Wer seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist, muss mit Sanktionen rechnen. Die konkreten Bestimmungen wie die Festlegung von Einzelquoten für verschiedene Technologien oder die Höhe der Strafgebühren sind meist Bestandteil eines eigenen Gesetzes oder einer Verordnung. Quotenmodelle werden in der Regel in Verbindung mit einem Zertifikatshandel eingeführt.</p>
<h5>Scheer vs. &Ouml;ko-In&shy;stitut &ndash; Nationaler Widerhall einer europ&auml;&shy;i&shy;schen Debatte</h5>
<p>Die Auseinandersetzung zwischen Hermann Scheer und dem Öko-Institut, vertreten durch Christoph Timpe, um das vermeintlich beste Fördermodell für erneuerbare Energien im Strommarkt ist für Außenstehende nur verständlich, wenn man weiß, dass auch auf europäischer Ebene bereits seit Jahren ein ähnlicher Kampf ausgetragen wird. Als im Herbst 2001 nach langem Ringen eine Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien im Strombinnenmarkt der EU in Kraft trat, wurde darin &#150; aufgrund der (damals) noch geringen Erfahrung mit den unterschiedlichen Förderinstrumenten &#8211; bewusst auf die Festlegung eines einheitlichen Fördermodells verzichtet. Da es jedoch zuvor so aussah, als sollte die entsprechende Richtlinie ein europaweites Quotenmodell zur Förderung der Regenerativenergien festschreiben und dies nur durch heftigen Widerstand insbesondere der deutschen und spanischen REG-Verbände verhindert wurde, legte die Richtlinie als eine Art Entgegen-kommen der Quotenbefürworter einen Erfahrungsbericht zur Umsetzung der Förderrichtlinie fest. Darin sollen die nationalstaatlichen Förderinstrumente hinsichtlich ihrer Effektivität und Kosteneffizienz überprüft und gegebenenfalls ein einheitliches europäisches Förderinstrumentarium vorgeschlagen werden. Dieser Bericht muss im Oktober 2005 von der EU-Komission vorgelegt werden und schon seit Monaten versuchen die unterschiedlichen Lager, Einfluss auf das endgültige Meinungsbild der Kommission zu nehmen.</p>
<p>Der konkrete Streit zwischen Scheer und Öko-Institut bezog sich auf das so genannte Renewable Energy Certificate System (RECS)&#150; eine Art europäisches Verrechnungssystem für Grünstromzertifikate &#150;, das das Freiburger Öko-Institut zusammen mit konventionellen Energieunternehmen wie etwa EdF, E.ON oder RWE initiiert hat, die sich für ein europaweites Quotenmodell mit Zertifikatshandel stark machen. Scheer warf dem Öko-Institut vor, nicht nur mit eben jenen Stromkonzernen gemeinsame Sache zu machen, die sich so-wohl mit RECS gegen die bisher etwa in Deutschland oder Spanien sehr erfolgreichen Einspeisevergütungsregelungen positionieren, als auch mit jenen, die wie etwa EdF &#8211; dem weltgrößten Atomstromkonzern &#8211; die europaweite Bewegung für eine Renaissance der Kernkraft anführen. Bezogen auf RECS unter-stellte Scheer dem Öko-Institut zudem, dass dieses sich, da es die deutschen RECSMitglieder vertritt, davon einen &#132;enormen Geschäftsbereich&#148; verspreche. Durch ihre Mitarbeit am RECS-System versetze das Öko-Institut dem deutschen EEG &#132;den Todesstoß&#148; und die Ersetzung des EEG durch einen Zertifikatshandel wäre laut Scheer &#132;der größte denkbare Rückschlag für erneuerbare Energien, weit über Deutschland hinaus.&#148;</p>
<p>Christoph Timpe vom Öko-Institut wies die Kritik von Scheer zurück und unterstellte seinerseits, dass Scheer &#132;an verschiedenen Stellen Unkenntnis in der Sache erkennen [..,] lässt&#148;. Auch er zähle sich &#132;zu den Freunden des EEG&#148; und finde zudem, dass &#132;zu den heutigen Rahmenbedingungen ein Quotenmodell eine schlechte Lösung&#148; sei. Würden aber die Preisunterschiede zwischen Kohle- und Windkraft kleiner, könne ein Quotenmodell besser sein. &#132;Es geht auch darum, wie man das EEG zukunftsfähig macht.&#148; &#132;Es wäre jedoch ein Fehler, sich auf den bisherigen Erfolgen auszuruhen und eine Weiterentwicklung des Fördermodells zu verweigern. Denn es ist erforderlich, die Förderung mit den künftigen Herausforderungen auf europäischer Ebene besser kompatibel zu machen.&#148;</p>
<h5>Energie&shy;po&shy;litik Weitere Bedingungen f&uuml;r eine erfolg&shy;reiche REG-F&ouml;r&shy;de&shy;rung</h5>
<p>Die Diskussion zwischen Scheer und Öko-Institut übersieht dabei aber, dass Erfolg oder Misserfolg bei der Nutzung erneuerbarer Energien keineswegs nur von der Wahl eines bestimmten Förderinstruments abhängen, ebenso wenig wie es eine &#132;natürliche&#148; Überlegenheit eines bestimmten Ansatzes gibt. Zwar ist der Erfolg von Ländern wie Deutschland, Spanien oder auch Dänemark bei der Förderung der Windenergie unbestritten und die installierten Kapazitäten ein eindrucksvoller Beweis für ein solches Förderinstrument: Bis Ende 2004 waren in den drei Ländern zusammen 28.009 MW bzw. rund 82 Prozent der gesamten Windkraftkapazität der EU installiert, wobei jeweils EVM zum Einsatz kamen. Andererseits haben jedoch Länder wie Griechenland oder Frankreich, die ebenfalls ein EVM eingeführt haben, bisher keine vergleichbaren Erfolge bei der Windenergie erzielt.</p>
<p>Damit wird erkennbar, dass eine Reihe weiterer Faktoren die Effektivität des REG-Ausbaus in einem Land beeinflussen. In ihren jüngsten Forschungsarbeiten haben die Autoren diesbezüglich folgende Kriterien identifiziert: Neben dem spezifischen Design des jeweiligen Förderinstruments sind dies die geografischen, politischen, ökonomischen, technischen und kognitiven Rahmenbedingungen..</p>
<p>Bezüglich der Ausgestaltung der Förderinstrumente hat sich etwa bei EVM insbesondere Planungssicherheit als wichtiges Erfolgskriterium gezeigt, die sich bei diesem Förderinstrument sehr einfach durch die Garantie der Stromabnahme über einen bestimmten Zeitraum &#8211; etwa 20 Jahre &#150; in Verbindung mit einem festen Vergütungssatz erreichen lässt. Ein zweites sehr wichtiges Kriterium für die Entwicklung erneuerbarer Energien im Strommarkt besteht darin, dass das Mindestpreissystem eine technologie- spezifische Vergütung vorsieht. Auf diese Weise kann den unterschiedlichen Kostenstrukturen der einzelnen regenerativen Technologien Rechnung getragen und ein breiter Mix aller Ökostrom-Produktionsarten erreicht werden. Mit einem einheitlichen Vergütungssatz würde sich die Entwicklung hingegen im wesentlichen auf die zur Zeit wirtschaftlichsten erneuerbaren Energien stützen.</p>
<p>Bei den Ausgangsbedingungen im jeweiligen nationalen Energiesektor hat beispielsweise die Frage nach der Abhängigkeit von Energieimporten einen deutlichen Einfluss auf die Marktchancen erneuerbarer Energien. So können einheimische regenerative Energieträger die Versorgungssicherheit erhöhen und damit die Abhängigkeit vom Mittleren Osten (Öl) und Russland (Gas) verringern.<br />Auch die politischen Rahmenbedingungen beeinflussen erheblich den Erfolg des Ausbaus der Regenerativenergien. So etwa der Druck durch eine internationale Verpflichtung wie in Form der EU-Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien, die eine starke Antriebskraft für die Entwicklung des Ökostrommarktes in den alten wie auch insbesondere in den neuen EU-Ländern darstellt, da sie ambitionierte Ziele vorsieht.</p>
<p>Der Erfolg bei der Marktdurchdringung erneuerbarer Energien hängt zudem sehr stark vom öffentlichen Bewusstsein ab. Das kognitive Umfeld für erneuerbare Energien ist insbesondere in Nordeuropa sehr günstig. In Dänemark werden beispielsweise mehr als 3.000 Windkraftanlagen durch Kooperativen betrieben, die im Eigentum von 100.000 bis 150.000 Bürgern sind. Im Gegensatz dazu ist das öffentliche Bewusstsein hinsichtlich erneuerbarer Energien in den neuen EU-Staaten noch nicht so stark ausgeprägt.</p>
<p>Schließlich ist die weitere Ausbreitung erneuerbarer Energien auch von technischen Rahmenbedingungen abhängig. So stellt etwa der Zustand der Stromnetze noch in zahlreichen EU-Ländern ein großes Hindernis dar. In Frankreich beispielsweise sind die Netze nicht auf die dezentrale Stromabnahme ausgerichtet. In Schweden wird die Windkraft durch die Tatsache behindert, dass die lokalen Netze noch verstärkt werden müssen, bevor sie größere Mengen an Windstrom aufnehmen können. Dies trifft auch für Spanien, Portugal, Griechenland und Großbritannien zu.</p>
<p>Die Frage, wie es mit der Entwicklung erneuerbarer Energien in der EU weitergeht, ist somit von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängig, wobei die sachgerechte Ausgestaltung des jeweiligen Förderinstruments sicherlich&#8220;eine sehr prominente Rolle spielt. Deutlichen Einfluss auf das zukünftige Schicksal der Regenerativenergien werden dabei sicherlich auch die Empfehlungen im oben erwähnten Erfahrungsbericht zur Effizienz und Effektivität der nationalen Fördermodelle haben, den die EU-Kommission im Oktober 2005 vorlegen wird. Jedoch wird darin unseres Erachtens kaum ein europaweit einheitliches Fördermodell festgelegt werden, da vor allem die Regulierungstraditionen der EU-Mitglieder sowie die Erfolge mit dem Einsatz von REG Förderinstrumenten noch zu unterschiedlich sind. Diese Einschätzung wird im übrigen auch durch entsprechende aktuelle Äußerungen des neuen EU-Energie-Kommissars Piebalgs bestätigt, der die zukünftige Aufgabe der EU vielmehr in einer besseren Koordination der nationalen REG-Fördersysteme sieht.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Bechberger, MischalReiche, Danyel 2004: The<br />spread of renewable energy feed-in tariffs (refits) in the EU-25, paper presented at the Berlin Conference 2004 &#132;Greening of Policies Interlinkages and Policy Integration&#148;, Berlin 3-4 Dezember 2004<br />European Commission &#150; Directorate-General for Energy and Transport 2005: European Energy Priorities &#150; An outline of the European Commission&#8217;s plans for 2005, Brussels<br />Scheer, Hermann 2004: Kommerzieller Kurzschluss; in: die tageszeitung, 13. Dezember, 5.11<br />Timpe, Christof 2004: Kein kommerzieller Kurzschluss; in: die tageszeitung, 20. Dezember, 5.11<br />Urbach, Matthias 2004: Scharfe Angriffe auf das Öko-Institut, in: die tageszeitung, 10. Dezember, S. 9</p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/editorial-39/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005), S. 1 Die Hiobsbotschaften aus der Medienlandschaft wollten in den letzten Jahren kein Ende nehmen: Redakteure wurden entlassen, Qualitätszeitungen reduzierten ihre Umfänge und gaben ganze Zeitungsteile völlig auf. Die SPD wurde Eigentümerin der Frankfurter Rundschau, nachdem diese linke Tageszeitung zuvor eine Bürgschaft von der Regierung Roland Kochs annehmen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005), S. 1</p>
<p>Die Hiobsbotschaften aus der Medienlandschaft wollten in den letzten Jahren kein Ende nehmen: Redakteure wurden entlassen, Qualitätszeitungen reduzierten ihre Umfänge und gaben ganze Zeitungsteile völlig auf. Die SPD wurde Eigentümerin der<i> Frankfurter Rundschau</i>, nachdem diese linke Tageszeitung zuvor eine Bürgschaft von der Regierung Roland Kochs annehmen musste, um zu überleben. Medienkonzerne wollen Kartellregelungen aushebeln und ringen um eine Ministererlaubnis für geplante Fusionen, die mit der Zeitungskrise begründet werden. Textlieferanten ersetzen Redaktionen, der Anzeigenmarkt bricht als Folge der ökonomischen Krise zusammen. Anspruchsvolle intellektuelle Nischenprodukte mit Tradition werden abgestoßen: der Rowohlt Verlag trennte sich vom <i>Kursbuch</i>, der DGB stellte die <i>Gewerkschaftlichen Monatshefte </i>ein. Die Lage der &#132;Vierten Gewalt&#148; scheint gefährdet wie kaum je zuvor.</p>
<p>Jedoch relativiert sich das Bild bei genauerem Hinsehen: Die Krise der Tageszeitungen folgte auf einen beispiellosen Boom Ende der 1990er Jahre; Qualitätsmedien wie die <i>Zeit oder der Spiegel </i>stehen zudem weiterhin ökonomisch gut da. Zwar beklagen kulturkritisch gefärbte Diagnosen &#8211; die übrigens die Medien seit jeher begleiten &#8211; einen Verfall der öffentlichen Kommunikation und verweisen dabei mit Recht auf die ebenso unbestreitbare und wie unaufhaltsame Trivialisierung der Medienwelt <i>ä la Dschungelcamp </i>oder Schönheits-OP-Shows im Fernsehen. Doch zugleich waren die Möglichkeiten, sich fundiert und tiefschürfend zu informieren, noch nie so gut wie heute; die Zugangsmöglichkeiten zu hochwertigem Wissen haben sich enorm demokratisiert. Solche scheinbar gegenläufigen Tendenzen sind zum einen Indizien für reale gesellschaftliche Spaltungsprozesse zwischen bildungsorientierten Medieneliten und zappenden Dauerkonsumenten. Zum anderen spiegeln sie das eherne Gesetz der Moderne: Zunehmende Individualisierung emanzipiert und ermöglicht die freie Wahl; dauerhafte Bindung über den Moment hinaus nimmt dadurch jedoch ab. Die Ressource Aufmerksamkeit wird nicht mehr kontinuierlich und längerfristig verteilt, intellektuelle Konzentration erfolgt situativ. Ist damit der &#132;kritische Aufklärungsjournalismus überholt&#148;, müssen Journalisten endlich &#132;Abschied nehmen von ihrem alten Aufklärungsideal&#148;, wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz jüngst forderte?</p>
<p>Die <i>vorgänge </i>verteidigen unverdrossen das alte kritische Aufklärungsideal: Die Philosophin<i> Simone Dietz </i>überprüft das Potential, das die Fernsehkritik in Günter Anders&#8216; <i>Antiquiertheit des Menschen </i>(1956) für eine Analyse der heutigen Medienlandschaft besitzt. <i>Thomas Jäger </i>und <i>Henrike Viehrig </i>interpretieren in ihrem empirisch fundierten Beitrag die Berichterstattung über die Flutkatastrophe Ende 2004, die eine veränderte Politik bewirkt habe. Dem komplexen Wechselverhältnis zwischen massen-medialem System und Journalismus geht <i>Garsten Brosda </i>nach; er betont die autonome Eigenlogik des Journalismus, die auch künftig Chancen für kommunikative Qualität böte. Aus journalistischer Sicht fasst <i>Rüdiger Soldt</i> die Wandlungsprozesse in der Realität überregionaler Tageszeitungen zusammen. <i>Thomas Leif </i>verweist auf die Gefahren für die Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148;: wachsender PR-Einfluss, Dauerinszenierungen und Verlust kritischer Recherchekompetenz. Schließlich wirft <i>Gottfried Oy </i>einen differenzierten Blick auf Alternativmedien, deren Krise schon Ende der 1970er Jahre einsetzte und die dennoch ihre Rolle als Produzenten eines kritischen Gegendiskurses erfüllten. Ein aktueller Literaturbericht steht wie immer am Ende des Thementeils.</p>
<p>Der<i> Essay </i>von Reinhard Rürup beschäftigt sich sechzig Jahre nach Kriegsende mit einem besonderen Erinnerungsort: der Topographie des Terrors in Berlin. Als langjähriger Direktor schildert er anhand eigener Erfahrungen ihren bis heute schwierigen Werdegang vor dem Hintergrund deutscher Gedenkkultur. In den Kommentaren und Kolumnen plädiert Robin Celikates für die gesellschaftskritische Funktion von Sozial-und Kulturwissenschaften; <i>Ulrich Finckh </i>fordert eine Vereidigung der Soldatinnen und Soldaten auf die Verfassung; <i>Mischa Bechberger </i>und Danyel Reiche erklären die Instrumente zur Förderung erneuerbarer Energien. Am Ende erinnert die Schriftstellerin Inge Deutschkron in einem großen Porträt an Gustav Heinemann. Rezensionen beschließen wie gewohnt das Heft.</p>
<p>Intellektuell anregende und aufklärende Lektüre wünscht</p>
<p>Alexander Lammann</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/editorial-39/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Weltverlust und Medienwirklichkeit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/weltverlust-und-medienwirklichkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 20:20:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Aktualität von Günther Anders&#8216; Fernsehkritik aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005), S.3-10 1956, als man in Deutschland noch stolz darauf sein konnte, überhaupt einen Fernsehapparat zu besitzen, als die Zapperwelt der Fernbedienung, der 24-Stunden-Programme und der über zwanzig Fernsehkanäle noch ein ferner Traum war und der Begriff der virtuellen Realität noch keine Verbreitung [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/weltverlust-und-medienwirklichkeit/">Weltverlust und Medienwirklichkeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Aktualität von Günther Anders&#8216; Fernsehkritik</p>
<p>aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005), S.3-10</p>
<p>1956, als man in Deutschland noch stolz darauf sein konnte, überhaupt einen Fernsehapparat zu besitzen, als die Zapperwelt der Fernbedienung, der 24-Stunden-Programme und der über zwanzig Fernsehkanäle noch ein ferner Traum war und der Begriff der virtuellen Realität noch keine Verbreitung hatte, veröffentlichte der aus dem amerikanischen Exil nach Europa zurückgekehrte Philosoph Günther Anders sein Buch <i>Die Antiquiertheit des Menschen.</i> Unter dem Titel <i>Die Welt als Phantom </i>und Matrize verknüpfte er darin ein seit Rousseau bekanntes Motiv der Kulturkritik, die Entfremdung des Menschen von der Welt, mit dem damals neuen Phänomen des Fernsehens. Durch Massenmedien werde uns die Welt entfremdet und in einem Vorgang der Pseudofamiliarisierung verbiedert, meinte Günther Anders schon damals. Wir selbst entwickelten uns dabei zu &#132;Masseneremiten&#148; und &#132;voyeurhaften Herrschern über Weltphantome&#148; (Anders 19801: 116).</p>
<p>Auf die behaglichen Puschenkinozuschauer der 1950er Jahre musste diese unversöhnliche Kritik am Fernsehen als moralinsaure Spielverderberei wirken. Wie ist sie heute, fast fünfzig Jahre später zu beurteilen, in einer Zeit, in der das Fernsehen für uns alle so selbstverständlich zum Alltag gehört, dass die Kritik daran keine bloße Warnung mehr sein kann, sondern der unbequemen Aufforderung gleichkommt, unser Leben zu ändern? Von heute aus betrachtet erzeugen Günther Anders&#8216; Thesen über das Fernsehen ein überraschend widersprüchliches Bild: Seine Kritik wirkt sowohl überzogen und überholt als auch prophetisch und aktuell, und diese Ambivalenz ist es wert, näher betrachtet zu werden.</p>
<h5>Die gesendete Schla&shy;raf&shy;fen&shy;welt</h5>
<p>&#132;Wenn die Welt zu uns kommt, statt wir zu ihr&#148;, schreibt Günther Anders, &#132;so sind wir nicht mehr ,in der Welt&#8216;, sondern ausschließlich schlaraffenlandartige Konsumenten. [&#8230;] Wenn sie zu uns kommt, aber doch nur als Bild, ist sie halb an- und halb abwesend, also phantomhaft. [&#8230;] Wenn die dominierende Welterfahrung sich von solchen [mobilen und virtuell zahllosen] Serienprodukten nährt, dann ist (sofern man unter ,Welt` noch dasjenige versteht, worin wir sind), der Begriff ,Welt` abgeschafft, die Welt verspielt&#8220; (Anders 1980 I: 11 lf.).<br /> </p>
<p>Allein der Hinweis, dass Anders&#8216; These vom Weltverlust in der Tradition kulturkritischer Entfremdungstheorien steht, reicht nicht aus, um sie zu adeln. Im Gegenteil &#150; seine Formel vom Weltverlust muss zunächst einmal unter Sinnlosigkeitsverdacht gestellt werden. Denn wenn ,Welt` im Sinn einer Totalität verstanden wird, einer Allheit dessen, was der Fall ist, dann ist die These ihres Verlusts absurd. Um &#132;Weltverlust&#148; zu konstatieren, muss man einen außerweltlichen, einen &#132;extramundanen&#148; Standpunkt einnehmen können, zum Beispiel durch die Wendung vom Irdischen zum Göttlichen. Aber einen göttlichen Standpunkt hat der Atheist Günther Anders gewiss nicht im Sinn gehabt. Was also markiert den Gegenpol zur Welt, aus dem die These vom Weltverlust ihren Sinn bezieht?</p>
<p>Günther Anders&#8216; ,Welt` ist weder eine ontologische Kategorie im Sinn einer Allheit des Seins, noch ist sie, im Sinn Kants, eine regulative Idee, die auf Ganzheit zielt. Gemeint ist auch keine spezifische Seinsregion im phänomenologischen Sinn. ,Welt` ist für Anders vielmehr eine bestimmte Art der Erfahrung, die er mit Heideggers Begriff des &#132;In-der-Welt-seins&#148; bezeichnet. Genau genommen geht es um ein bestimmtes Weltverhältnis des Menschen, um das Verhältnis zu einem &#132;Außen&#148;, das nicht durch uns bestimmt und uns nicht gefügig ist, in dem wir uns verorten als in einem unbequemen, widerständigen Ansich. Dieses Weltverhältnis bildet die normative Basis für Anders&#8216; Kritik an der falschen, der phantomhaften Welt der Fernsehkonsumenten, die nach seiner Deutung der uralten Idee des Schlaraffenlands nachgebildet ist:</p>
<p>&#132;Dieses Schlaraffenland ist, wie man sich erinnert, im <i>ganzen essbar</i>&#148;, schreibt Anders, &#132;mit Haut und Haaren, weil [&#8230;] [diese Welt] ungenießbare Reste schon nicht mehr enthält. Und jener letzte ,Widerstand`, den die räumliche oder geldliche Distanz der Ware vom Konsumenten gewöhnlich darstellt, ist dort gleichfalls vernichtet, weil sich die Gegenstände, die ,gebratenen Tauben&#8216; selbst ,senden`, nämlich in die bereits offenen Mäuler hineinfliegen. Da die Stücke dieser Welt keinen anderen Zweck haben als den, einverleibt, verzehrt und assimiliert zu werden, besteht der Daseinsgrund der Schlaraffenwelt ausschließlich darin,<i> ihren Gegenstandscharakter zu verlieren</i>; also nicht als Welt dazusein. Und damit ist die heutige ,gesendete` Welt beschrieben.&#148; (Anders 1980I: 195).</p>
<h5>Verbie&shy;de&shy;rung, Phantom, Matrize</h5>
<p>Verbiederung, Phantom, Matrize &#150; das sind die Stichworte, mit denen Anders die entfremdete, falsche Welt des Fernsehens beschreibt, die als Ganze zur Lüge wird.</p>
<p>Verbiedert ist die Fernsehwelt in der Scheinvertrautheit, mit der sie in unser Zuhause kommt, in der nun auch das Ferne so nah liegt und den konzentrischen Aufbau von Nah und Fern des natürlichen Weltverhältnisses neutralisiert (Anders 1980 I: 110). Inder anbiedernden Heuchelei der Moderatoren, die uns begrüßen wie gute Freunde und sich verabschieden mit der Hoffnung, uns in der nächsten Sendung wieder zu sehen, als sähen sie uns wirklich und nicht nur wir sie, werden Fremde zu Schein-Bekannten. In der konsumgerechten Zurichtung zum gut verdaulichen Serienprodukt ist die Welt scheinbar für uns da, wann immer wir es wünschen.</p>
<p>Als <i>Phantome </i>sind die Fernsehbilder weder Wirklichkeit noch Schein, weder Gegenwärtiges noch bloße Repräsentanten von Abwesendem, sondern in ihrer Phantomhaftigkeit zweideutig: Sie sind wirklich und scheinbar, gegenwärtig und abwesend. Wirklichkeit und lebendige Gegenwart erfordern direkte sinnliche Erfahrung und die Fähigkeit zur Stellungnahme; beides aber bleibt uns vor dem Fernsehbild versagt. Was wir sehen, sehen wir sozusagen aus zweiter Hand, unsere Stellungnahme findet vor dem Fernseher kein Gehör. Und dennoch ist das, was wir sehen und hören, <i>wirklich</i> im Sinn von etwas, &#132;was uns treffen kann und wovon wir abhängen&#148; (Anders 1980 II: 251), und es ist gegenwärtig im Sinn eines fast ohne Zeitdifferenz ablaufenden Geschehens.</p>
<p>Günther Anders hat seine Deutung der phantomhaften Fernsehwelt als einer dritten Qualität neben Wirklichkeit und Schein noch überboten mit der These, die Differenz zwischen Wirklichkeit und Schein selbst werde durch das Fernsehen schließlich aufgehoben. Weil im Fernsehen zwischen Ernst und Scherz, Information und Unterhaltung und unserer Rolle &#132;als moralisch-politisches Wesen oder Mußekonsument&#148; (Anders 1980 I: 143) nicht mehr unterschieden werden könne, würden wir systematisch &#132;der Fähigkeit beraubt, Realität und Schein zu unterscheiden&#148; (Anders 1980 II: 252). Als Beispiel führt er die &#132;vereinsamten alten Damen&#148; an, die an den Ereignissen der Familienserien so lebhaften Anteil nehmen, dass sich in den Rundfunkhäusern Pakete voll gehäkelter Jäckchen für die Fernsehbabys stapelten (Anders 1980 I: 144). In der neueren Literatur wird das gleiche Phänomen illustriert durch die Zuschaueranfragen, die an den Fernsehsender gerichtet werden, sobald in der <i>Lindenstraße</i> eine Wohnung frei geworden ist.</p>
<p>An die These von der Aufhebung des Unterschieds zwischen Wirklichkeit und Schein knüpft Günther Anders&#8216; drittes Stichwort an, das der <i>Matrize</i>. &#132;Wenn das Ereignis in seiner Reproduktionsform sozial wichtiger wird als in seiner Originalform, dann muss das Original sich nach seiner Reproduktion richten, das Ereignis also zur bloßen Matrize ihrer Reproduktion werden.&#148; (Anders 1980 I: 111). Weniger abstrakt gesprochen: Wenn nicht mehr das Ereignis selbst zählt, sondern erst die Verbreitung seiner Bilder im Fernsehen, dann ist es nur konsequent, wenn das Ereignis gleich fernsehgerecht inszeniert wird. Wenn Studierende auf die dramatisch schlechten Bedingungen ihres Studiums aufmerksam machen wollen, dann tragen sie einen Sarg mit der Aufschrift &#132;Studium&#148; über den Campus, nicht ohne vorher das Fernsehen eingeladen zu haben. Und erst wenn diese Bilder in den abendlichen Nachrichten erscheinen, hat die Demonstration ihren Sinn gefunden. Die Welt als Matrize &#150; damit bezeichnet Anders ein Phänomen, das Daniel Boorstin in seinem Buch Das <i>Image</i> einige Jahre später, 1961, unter dem Begriff der &#132;Pseudo-Ereignisse&#148; zusammengefasst hat, und das bis heute Gegenstand der Medienkritik und der empirischen Medienwirkungsforschung ist.</p>
<h5>Zwischen Verpro&shy;vin&shy;zi&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rung und falscher Globa&shy;li&shy;sie&shy;rung</h5>
<p>Wie ist nun Günther Anders&#8216; Sicht auf das Fernsehen heute zu beurteilen? Seine Begriffe der ,Verbiederung`, der ,Phantom- und Matrizenwelt&#8216; bieten m.E. auch nach fünfzig Jahren einen geeigneten Rahmen für die Analyse der Fernsehwelt &#150; wenn man auf den irreführenden Begriff des &#132;Weltverlusts&#148; verzichtet sowie auf die überzogene These, die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Schein selbst würde durch das Fernsehen aufgehoben.</p>
<p>Dass die Nivellierung von Nah und Fern, die er als &#132;Verbiederung&#148; kritisiert, auch positive Wirkungen haben könnte, hat Anders in der <i>Antiquiertheit</i> <i>des Menschen </i>zugestanden: Insofern die Gefahr der &#132;Verprovinzialisierung&#148; nicht geringer sei, als die der &#132;falschen Globalisierung&#148;, wären Techniken erforderlich, die unseren moralischen Gegenwartshorizont über den sinnlichen Umkreis hinaus erweitern könnten (Anders 1980 I: 134). Seine pessimistische Einschätzung, das Fernsehen sei für eine solche Erweiterung kein geeignetes Medium, hat Anders später teilweise revidiert. Unter dem Eindruck der weltweiten Proteste gegen den Vietnam-Krieg räumt er 1979 ein, &#132;dass Fernsehbilder doch in gewissen Situationen die Wirklichkeit, deren wir sonst überhaupt nicht teilhaftig würden, ins Haus liefern und uns erschüttern und zu geschichtlich wichtigen Schritten motivieren können. Wahrgenommene Bilder sind zwar schlechter als wahrgenommene Realität, aber sie sind doch besser als nichts.&#148; (Anders 1980 I: VIII)</p>
<p>Welche Konsequenz hat dieses Zugeständnis für Anders&#8216; Kritik? Greift seine Revision nicht zu kurz &#150; sind wahrgenommene Fernsehbilder tatsächlich in jedem Fall schlechter als wahrgenommene Realität? Können wir nicht in manchen Fällen froh sein, manche Ereignisse nur <i>als Bilder</i>, aber immerhin als solche gesehen zu haben? Warum führt das Fernsehen in manchen Fällen zur Erweiterung unseres moralischen Horizonts und in anderen nicht? Hat Anders das Fernsehen, das nach seiner Überzeugung weit mehr als nur ein Mittel ist, in seiner Manipulationswirkung überschätzt, unsere Möglichkeiten der Mediennutzung hingegen unterschätzt?</p>
<p>Weil der Kulturkritiker Anders das Fernsehen zur beherrschenden Signatur der Gesellschaft erhebt, der alle anderen Weltverhältnisse untergeordnet werden, fallen Welt und Fernsehwelt, Mensch und Fernsehkonsument in falschen Totalisierungen zusammen. Im Stil einer paternalistischen Verblendungskritik verweist er auf die häkelnden Damen, die zwischen Fernsehwelt und wirklicher Welt nicht mehr unterscheiden können und damit symptomatisch für uns, aber nicht für ihn, den Kritiker stehen. Denn nur weil er zwischen Sein und Schein trotz allem unterscheiden kann, ist seine Kritik am Verschwinden dieser Differenz möglich. Wenn zumindest der Kulturkritiker in der Lage ist, sich dem suggestiven Schein der Fernsehbilder zu entziehen, dann muss das als Beleg dafür genommen werden, dass nicht das Medium Fernsehen selbst die Verblendung diktiert, sondern dass der falsche, nämlich unaufgeklärte oder missbräuchliche Umgang damit zum Realitätsverlust führen kann.</p>
<p>Heute, fünfzig Jahre später, sind die häkelnden alten Damen trotz der gesteigerten Verbreitung des Fernsehens, trotz der Zunahme der Sender und Sendungen und trotzdes aktuellen Beispiels aus der Lindenstraße eine Randerscheinung geblieben, mit der sich kein Fernsehkritiker und kein Leser fernsehkritischer Texte im Ernst identifiziert. Selbst wenn wir gelegentlich in den Irrtum verfallen mögen, einen Schauspieler mit seiner Rolle, einen Moderator mit seinem Image zu identifizieren, sind unsere Kategorien von Wirklichkeit und Schein doch noch soweit intakt, dass wir dies als Irrtum aufklären können. Anders&#8216; Kategorie der Phantomwelt als einer dritten Qualität zwischen Realität und Schein bietet dagegen eine viel überzeugendere Grundlage für die Interpretation unserer Medienwirklichkeit &#150; eine Kategorie, die auch unser moralisches Dilemma in der Nivellierung zwischen Nah und Fern, zwischen &#132;Verprovinzialisierung&#148; und &#132;falscher Globalisierung&#148; beleuchten kann.</p>
<p>Die Flutkatastrophe in Südostasien im Dezember 2004, die in Europa ausschließlich als Fernsehbild erlebt wurde, ist für die Fernsehzuschauer weder wirklich erfahrbar gewesen, noch ließ sie sich als bloßer Schein, als bloßes Bild aus der Wirklichkeit ausgrenzen. Diese Bilder sind genau das, was Günther Anders als &#132;Phantome&#148; beschreibt: Sie sind keine wirkliche Erfahrung, sondern Erfahrung aus zweiter Hand und sind doch wirklich als etwas, was uns treffen kann; sie sind keine lebendige Gegenwart, weil wir in unseren Wohnzimmern gar nicht beteiligt sind, und sind doch gegenwärtig, weil wir wissen, dass etwas jetzt geschieht, das Handeln erfordert. Die Fernsehphantome erzeugen eine so unvermeidliche wie obszöne Gleichzeitigkeit von behaglicher Sicherheit und schreiender Not, die in manchen Fällen schwer auszuhalten ist, die wir aber in der Regel gleichmütig hinnehmen.</p>
<p>Wenn in den Tagen oder Wochen nach einer solchen Katastrophennachricht die Bilder der verwüsteten Landstriche und der verstörten Menschen sich nur noch zu wieder-holen scheinen, wenn schließlich alle erdenklichen Aspekte in allen einschaltbaren Fernsehrunden erörtert sind, haben wir unsere Möglichkeiten als Fernsehkonsumenten ausgeschöpft und gehen zu anderen Themen über &#150; was sollten wir anderes tun? Sollten wir das Leid der Welt von Anfang an aus unseren Wohnzimmern verbannen, weil wir ihm doch nicht gerecht werden können? Das wäre, mit Anders gesprochen, der Weg der &#132;Verprovinzialisierung&#148;, der für niemanden heute mehr eine reale Option darstellt. Die Option kann nur sein, die &#132;falsche Globalisierung&#148; zu einer richtigen zu machen. Aus dieser Perspektive sind die Phantombilder des Fernsehens, die wir als eine eigene Medienwirklichkeit längst in unseren Alltag integriert haben, kein Weltverlust, sondern ein Gewinn für unsere Welt, mit dem umzugehen wir allerdings erst lernen müssen.</p>
<h5>Die virtuelle &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit der Masse&shy;n&shy;e&shy;re&shy;miten</h5>
<p>Die Frage nach unseren Umgangsformen mit dem Fernsehen im Dienst einer richtigen Globalisierung, nämlich einer real gestalteten und moralisch vertretbaren Globalisierung, verweist auf eine weitere Facette der Kritik von Günther Anders, für die sein Stichwort des Masseneremiten steht. Auch der &#132;Masseneremit&#148; ist bei Anders das Produkt eines Verlusts, nämlich des Verlusts der lebendigen Gegenwart der Welt, in der Erfahrung und Stellungnahme ein gegenseitiges Verhältnis bilden.</p>
<p>Masseneremiten, die massenhaft aber jeweils allein in ihren Wohnzimmern mit Nachrichten über die Welt beliefert werden, sind wir in der Tat erst durch das Fernsehen geworden. Zwar konfrontieren uns auch Zeitung oder Radio als vereinzelte Medienkonsumenten mit Nachrichten über die Welt, ohne eine Möglichkeit zur direkten Stellungnahme zu bieten. Aber erst das Fernsehen als Bild- und Tonmedium mit der Möglichkeit zu sogenannten &#132;Live-Übertragungen&#148; hat die Suggestion eines echten Kommunikationserlebnisses so gesteigert, dass es mehr und mehr als Ersatz realer Kommunikation fungiert.</p>
<p>&#132;In politisch brenzlichen [sich] Zeiten eilen wir nachhause, um durch die Medien zu erfahren, was es ,draußen` gibt&#148;, konstatiert Anders (Anders 1980 II: 84). Und er ergänzt in diesem Zusammenhang seine Diagnose der Verbiederung durch die These von der &#132;Zellenmentalität&#148; der Masseneremiten (Anders 1980 II: 82), die auch in der Außenwelt ihr Solistentum nicht mehr ablegen: &#132;So wie die Außenwelt durch die Medien ins Haus gebracht wird, so wird umgekehrt die Zuhause-Mentalität in die Außenwelt mithinausgenommen.&#148; (Anders 1980II: 85)</p>
<p>Nicht die Tatsache, dass durch das Fernsehen &#132;Meinungen heute genauso geliefert werden wie alle anderen Fertigwaren&#148;, entzieht den bestehenden Demokratien die Basis, wie Anders meint, sondern die Tatsache, dass es neben diesem Supermarkt der Fertigwaren allenfalls noch elitäre Nischen des Kunsthandwerks für Meinungen gibt, aber keinen politisch relevanten, als öffentlich erfahrbaren Raum lebendiger Auseinandersetzung. Der eigentliche Verlust, oder weniger rückwärtsgewandt formuliert: die eigentlich gravierende Lücke, die das Fernsehen geschlagen hat, liegt hier, in der politischen Öffentlichkeit. Nicht das Verschwinden der Differenz von Wirklichkeit und Schein ist das Problem, das wir durch die verwirrende Mixtur von Ernst und Unernst der Fernsehbilder zu bewältigen haben, sondern der fließende Übergang von der moralisch-politischen Teilhabe zum unterhaltungsorientierten Konsum. Dies ist aber nicht, wie es u.a. die Thesen Neil Postmans nahe legen, in erster Linie ein Problem der Qualität der Sendungen und ihrer Neigung zum infotainment. Es ist vielmehr ein strukturelles Problem der Situation, in die wir uns als Fernsehzuschauer gebracht haben.</p>
<p>Das moralisch Anstößige der Gleichzeitigkeit unserer behaglichen Sicherheit im Fernsehsessel und der schreienden Not, die uns manche Phantombilder des Fernsehens liefern, liegt nicht darin, dass es auf der Welt gleichzeitig glückliche und unglückliche Menschen gibt. Auch das erleben wir durchaus als moralisch anstößig, wenn wir uns verantwortlich fühlen für das allgemeine Wohl. Aber das ist keine Anstößigkeit, die das Medium verursacht. Die vom Fernsehen verursachte moralische Anstößigkeit liegt darin, dass wir vor dem Fernseher zu bloßen Voyeuren des Unglücks anderer werden, und zwar auch dann, wenn die Journalisten sich um einen seriösen und respektvollen Stil der Berichterstattung bemühen. Ohne die konkrete Gegenwart der Situation, ohne die Gegenseitigkeit der Kommunikation und damit die Möglichkeit, auf das phantomhaft Erlebte zu reagieren, sind wir, wie Günther Anders es ausdrückt, &#132;der Lieferung ausgeliefert&#148; (Anders 1980 II; 130, 197).</p>
<p>Das Internet als Massenmedium hat diese &#132;Einwegkommunikation&#148; in mancherlei Hinsicht durchbrochen und mit der Möglichkeit der massenhaften Teilnahme an globalen Kommunikationsprozessen eine ,virtuelle Öffentlichkeit&#8216; geschaffen, die nicht an die Identität von Raum und Zeit gebunden ist. Im Verbreitungsgrad allerdings kann das Internet mit dem Fernsehen noch nicht konkurrieren &#151; und deshalb bleibt bis auf weiteres das Fernsehen das Leitmedium der politischen Öffentlichkeit.</p>
<h5>Spenden&shy;samm&shy;lung, Verbre&shy;cher&shy;jagd und die Lust am Handeln</h5>
<p>Die Flutkatastrophe in Südostasien ist ein außergewöhnliches Beispiel einer Fernsehnachricht, die uns beeindruckt und den moralischen Impuls zum Handeln weckt. Die meisten Informationen und Bilder des Fernsehens hinterlassen keinen in seiner Wirksamkeit vergleichbaren Eindruck. Es gelingt ihnen gar nicht erst, die Aufmerksamkeit einer relevanten Gruppe von Zuschauern zu bündeln. Bei Naturkatastrophen in fernen Gegenden sind außerdem nicht nur unsere unmittelbaren Handlungsmöglichkeiten begrenzt, auch die Suche nach Schuldigen und die Resignation vor unüberschaubaren politischen Verhältnissen bleiben begrenzt. So gelingt es dem Fernsehen in diesem Fall sogar, durch Spendenaufrufe und Berichte über die Arbeit der Hilfsorganisationen vor Ort uns nicht nur Phantombilder, sondern auch reale Handlungsoptionen zu zeigen. Betrachten wir aber die verschiedenen langfristigen Probleme, die durch eine solche Naturkatastrophe und mehr noch durch andere Ereignisse wie zum Beispiel gewalttätige Konflikte aufgeworfen werden, wird das Feld der Handlungsmöglichkeiten wieder unübersichtlich. Diese Unübersichtlichkeit selbst ist sicher keine neue, die uns erst das Fernsehen beschert hätte. Die Wirkung des Fernsehens besteht darin, dass es uns handlungsrelevante Nachrichten liefert, ohne einen Raum zu eröffnen, in dem unsere Reaktionen darauf stattfinden könnten.</p>
<p>In Fällen wie der Flutkatastrophe, in denen es dem Fernsehen gelingt, uns nicht allein als Zuschauer anzusprechen, sondern auch zum Handeln zu bringen, eröffnen sich allerdings neue Probleme: Das Fernsehen wird selbst zum Akteur im politischen Prozess, der eine bestimmte Strategie vertritt und seine Berichte und Sendungen dieser Strategie unterordnet. So werden Berichte über ineffektive Verwendungen von Spendengeldern vermutlich eher vermieden. Zudem mündet die politische Strategie unvermeidlich auf das Feld, auf dem das Fernsehen immer schon Akteur ist, nämlich auf den Markt der Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Die Zählung der Spenden, der Charity-Count, verselbständigt sich parallel zum Body-Count zum Aufmerksamkeitsmagnet. Die fortgesetzte Berichterstattung über die Katastrophenregion auf allen Kanälen er-zeugt bei den Zuschauern den gleichen Effekt wie Reality-Serien: Wir schalten uns ein, um zu sehen, wie es dort unten nun weitergeht. Trotzdem ist gerade die Spendensammlung durch das Fernsehen sicher ein Beispiel, das nicht Kritik, sondern Unterstützung verdient. In anderen Fällen, in denen das Fernsehen zum Handeln aufruft, ist die Kritik eher angebracht, z.B, wenn XY ungelöst die Zuschauer zur Verbrecherjagd animiert. Letztlich kann es nicht darum gehen, dem Fernsehen selbst abzuverlangen, uns auch noch die Arena zu bereiten, in der wir real handeln könnten, und uns die Optionen vorzugeben, nach denen wir handeln sollen &#151; das Ergebnis solcher Verknüpfung ist, wie Günther Anders gezeigt hat, die Welt der Matrize, die fernsehgerecht inszenierte Wirklichkeit.</p>
<p>Es geht aber umgekehrt auch nicht um die Forderung nach Abschaffung des Fernsehens, die Günther Anders nahe legt. Auch geht es nicht allein um seine Verbesserung oder Ergänzung durch andere Technologien wie das Internet, um die Einseitigkeit der Kommunikation und die erzwungene Sprachlosigkeit der Zuschauer aufzuheben. Wenn wir nicht dem fatalistischen Tenor eines Weltverlustschmerzes verhaftet bleiben wollen, müssen wir das demokratische und globalisierende Potential der neuen Medienwirklichkeit nutzen und ihr eine lebendige politische Öffentlichkeit zur Seite stellen. Worauf es heute wie damals vor allem ankommt, ist die Ergänzung der technisch vermittelten durch eine lebendige Kommunikation, die sich als öffentliche erfahren kann.<br />Im Prozess der richtigen, also realen und moralisch vertretbaren Globalisierung ist das Fernsehen nicht nur ein Gewinn, sondern bis auf weiteres unverzichtbar. Den Zeitpunkt des Absprungs zu bestimmen, den Moment, bevor die Medienkommunikation beginnt, als Ersatz statt als Vermittler lebendiger Kommunikation zu fungieren, diese Leistung müssen wir selbst erbringen. Es bleibt zu hoffen, dass das von Hannah Arendt so emphatisch hervorgehobene Charakteristikum des Menschen als eines zur Politik begabten Wesens, nämlich die Lust am Handeln, zumindest hin und wieder dafür sorgen wird, dass uns dieser Absprung gelingt.</p>
<p>Weil es praktisch nicht um die Abschaffung des Fernsehens geht, sondern um seine richtige Nutzung und Ergänzung als Medium der Öffentlichkeit, greift der philosophische Ansatz der Kulturkritik allein zu kurz. Die Kulturkritik fragt nach den strukturellen Auswirkungen eines solchen Massenmediums auf unsere Kultur. Ergänzt werden muss sie um die gesellschaftstheoretische Perspektive, die die Massenmedien als Institution in das übergeordnete Gefüge der gesellschaftlichen Institutionen einordnet. Beide Perspektiven bedürfen drittens der Ergänzung durch empirische Medienforschung und durch Medienethik, die die praktischen Voraussetzungen und Normen der Mediengestaltung und -nutzung in den Blick nimmt. Günther Anders&#8216; Kategorien der Verbiederung, der Phantom- und Matrizenwelt und des Masseneremiten können für diese verschiedenen Ebenen der Medientheorie einen übergreifenden Rahmen bieten, der dazu beitragen mag, dass wir unsere Welt nicht verlieren, sondern verstehen und gestalten.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Anders, Günther 1980 [1956]: Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution; Bd. II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München</p>
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		<title>Medienpräsenz und Aufinerksamkeitssteuerung</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 20:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Flutkatastrophenberichterstattung und ihre politischen Folgen aus: Vorgänge Nr.169 ( Heft 1/2005), S.11-19 Kein anderes Ereignis der letzten vier Jahre hat im deutschen Fernsehen derart die Agenda bestimmt wie die Flutkatastrophe in Südostasien im Dezember 2004. Die Terroranschläge in New York und Washington vom 11. September 2001 waren 13 Tage lang ununterbrochen die erste Nachricht [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Flutkatastrophenberichterstattung und ihre politischen Folgen</p>
<p>aus: Vorgänge Nr.169 ( Heft 1/2005), S.11-19</p>
<p>Kein anderes Ereignis der letzten vier Jahre hat im deutschen Fernsehen derart die Agenda bestimmt wie die Flutkatastrophe in Südostasien im Dezember 2004. Die Terroranschläge in New York und Washington vom 11. September 2001 waren 13 Tage lang ununterbrochen die erste Nachricht der ARD-Tagesschau; die Elbeflut im August 2002 nahm 14 Tage lang diese Position ein, die Flut in Südostasien erreichte nun diese Aufmerksamkeit sogar 15 Tage und damit länger als alle anderen Nachrichtenereignisse. Dabei haben vergleichbare Naturkatastrophen im Ausland bisher keine so große Aufmerksamkeit erfahren, wie etwa das Erdbeben in Bam (Iran) ein Jahr zuvor, über das 7 Tage lang an erster Stelle berichtet wurde. Zudem verdrängte die Tsunami-Berichterstattung andere wichtige Entwicklungen wie den Krieg im Irak, den Regierungswechsel in der Ukraine und die Implementation von Hartz IV in Deutschland fast völlig aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Zwar ist generell festzustellen, dass über plötzliche, dramatische und zeitlich scharf begrenzte Ereignisse in den Medien eher berichtet wird und deshalb der Zugang zur wichtigsten deutschen Informationssendung durchaus zu erklären ist. Die Intensität der Berichterstattung ist jedoch überraschend und stellt eine neue Qualität dar.</p>
<p>Diese neue Art und Weise der Fokussierung öffentlicher Aufmerksamkeit hat nämlich zu einer enormen Spendenbereitschaft im privaten wie öffentlichen Bereich geführt und damit praktische Folgen in den Handlungen der Medienrezipienten ausgelöst, die wiederum politische und institutionelle Konsequenzen nach sich zogen. Privates, öffentliches und politisches Handeln wurde durch die intensive Form der Medienfokussierung provoziert. Die privaten Spenden in Deutschland stellen mit ca. 500 Mio. Euro weltweit die höchsten Zuwendungen dar. Dies erstaunt vor allem deshalb, weil parallel in Deutschland ein Diskurs über eingeschränkte private Einkommen geführt und später wieder aufgenommen wurde.</p>
<p>Auch Unternehmen sahen sich angesichts dieser großen Aufmerksamkeitsfokussierung, die einen sozialen Druck zum Spenden auslöste, veranlasst, Beträge in Millionenhöhe bereitzustellen. Aus deutscher Perspektive traten dabei die Deutsche Bank (10 Mio. Euro) und Michael Schumacher (10 Mio. USD) sowie Daimler-Chrysler (2 Mio. USD), Telekom, Siemens, Allianz, BASF, AXA (jeweils 1 Mio. Euro) und Bayer (0,5 Mio. Euro) hervor. Allein in den USA überstiegen die privaten und öffentlichen Spenden ebenfalls den Betrag von 1 Mrd. USD, gefolgt vom Anrainerstaat des Katastrophengebietes, Australien, knapp unter dieser Marke.</p>
<p>Die kollektive Spendenmobilisierung in Deutschland erfasste nicht nur Einzelpersonen, sondern parallel zur Berichterstattung mehr und mehr Vereine, Schulklassen oder Kommunen. Es verging Ende Dezember und Anfang Januar kein Tag, an dem nicht mannigfache Spendenaufrufe die Haushalte erreichten und in TV-Shows für die Opfer der Flutwelle gesammelt wurde. Die einzelnen Fernsehsender traten hierzu in Konkurrenz auf, während sich die Hilfsorganisationen in Bündnissen zusammengeschlossen hatten.</p>
<p>Die Regierung Schröder sah sich angesichts dieser Dynamik gezwungen, die anfängliche Hilfszusage von 1 Mio. Euro auf 500 Mio. Euro zu erhöhen. Allein die australische Regierung stellt mit ca. 650 Mio. Euro mehr öffentliche Mittel zur Verfügung, die amerikanische Regierung sagte &#151; trotz offen formulierter militärischer und ökonomischer Interessen, die Paul Wolfowitz, früherer amerikanischer Botschafter in Indonesien, bei einem Besuch darlegte &#151; hingegen 280 Mio. Euro zu.</p>
<p>Über die Hilfszusagen hinaus hat die Bundesregierung inzwischen mit Christina Rau eine Fluthilfe-Koordinatorin als persönliche Beauftragte des Bundeskanzlers eingesetzt, um die öffentliche Aufmerksamkeit für die Hilfsmaßnahmen aufrechtzuerhalten und vom Arbeitsstab des Auswärtigen Amtes auf das Bundeskanzleramt zu lenken.</p>
<p>Die Bundesregierung bereitet sich darauf vor, die Erinnerung an die enorme öffentliche Wirkung der Berichterstattung in Zukunft zur Steigerung ihres Renommees bei den deutschen Wählern zu nutzen. Mit den finanziellen Zusagen und der Einrichtung der Koordinatorenstelle erhält die Region Südostasien dabei eine politische Bedeutung, die sie für die deutsche Außenpolitik zuvor nicht hatte.</p>
<p>Das entwicklungspolitische Engagement der Bundesregierung vor der Flutkatastrophe beschränkte sich in der Region Südostasien auf Länder wie Vietnam, Kambodscha, Laos und Osttimor, wobei ausdrücklich der Aufbau von Basisinfrastruktur und die Armutsbekämpfung im Vordergrund standen (Auswärtiges Amt 2002: 11). In dieser Zeit beliefen sich die für die gesamte Region Asien und Ozeanien zugesagten Mittel der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit auf 1.044 Mio. Euro; die tatsächlich ausgezahlte Summe betrug lediglich 60 Prozent der ursprünglichen Zusagen, nämlich 631 Mio. Euro (BMZ 2005). Die am 6. Januar 2005 im Zeichen von erhöhter öffentlicher Aufmerksamkeit zugesagten 500 Mio. Euro Wiederaufbauhilfe unterscheiden sich von der bisherigen Politik in zwei Aspekten: zum einen richtet sich die Entwicklungszusammenarbeit auf bisher nicht berücksichtigte Länder und Regionen aus (Sri Lanka und die indonesische Provinz Aceh), und zum anderen bekommt die Realisierung der Hilfe unter dem Stichwort Partnerschaftsinitiative für Südasien eine neue, öffentlichkeitswirksame Gestalt. Von der Entwicklung der Aufmerksamkeit und dem öffentlichen Interesse an den konkreten Hilfsleistungen der Bundesregierung wird auch abhängen, wie hoch der Prozentsatz an den zugesagten Mitteln ist, der tatsächlich ausgezahlt werden wird.</p>
<p>Warum zeitigten die Ereignisse von Südostasien in Deutschland eine derartige Wirkung? Denn aufgrund der geographischen Distanz ist die Bundesrepublik für diese Frage eigentlich nicht mit Australien, aufgrund der weltpolitischen Rolle nicht mit den USA gleichzusetzen; gleichwohl engagieren sich die deutsche Gesellschaft und der deutsche Staat in ähnlichem Maß wie die regionale Mittelmacht und die Weltmacht. Fernab vom Katastrophengebiet und ähnlich wie andere europäische Staaten durch den Verlust von Bürgerinnen und Bürgern betroffen, unterscheidet sich die Reaktion in Deutschland zudem erheblich von den anderen europäischen Staaten und Gesellschaften. Die französische Regierung stellt für die Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen ca. 53 Mio. Euro zur Verfügung, die Regierung Ihrer Majestät ca. 77 Mio. Euro. Private Spenden aus Frankreich belaufen sich auf 45 Mio. Euro, im Vereinigten Königreich betragen sie 143 Mio. Euro &#151; und belaufen sich damit auf 10 (Frankreich) bzw. 20 (Großbritannien) Prozent der deutschen Zusagen.</p>
<p>Unsere These ist, dass durch die spezifische Art und Weise der Berichterstattung über die Flutkatastrophe nicht nur die Spendenbereitschaft in Deutschland enorme Ausmaße angenommen hat, sondern auch unerwartete (und deshalb zufällige) Änderungen in der deutschen Außen- und Entwicklungspolitik ausgelöst wurden und darüber hinaus institutionelle Veränderungen im Ansatz zu beobachten sind. Die Ursache für diese Prozesse liegt aber in der Art und Weise, wie die deutschen Medien über die Flutkatastrophe berichtet haben.</p>
<h5>Die besonderen Bedingungen der Tsuna&shy;mi-&shy;Be&shy;richt&shy;er&shy;stat&shy;tung</h5>
<p>Die Rolle der Medien ist gerade bei internationalen Entwicklungen nicht zu überschätzen, denn anderweitig erlangen die wenigsten Menschen Kenntnisse über die Geschehnisse. Verstärkt wird ihre Bedeutung dadurch, dass internationale Prozesse häufig sehr komplexe Gestalt annehmen, viele (meist unbekannte) Akteure involviert sind und eigene Erfahrungen zur Einschätzung der medial vermittelten Situationen fehlen. Der lang anhaltende Krieg im Kongo beispielsweise, der bisher weit über die zehnfache Opferzahl der Flutkatastrophe gefordert hat, steht deshalb völlig außerhalb des Blickfeldes deutscher Medien; die Komplexität des Konfliktes ist kaum zu vermitteln, die sich abspielenden Prozesse sind nur schwer zu beurteilen. Dies war bei der Flutkatastrophe ganz anders. Im Unterschied zu den meisten internationalen Geschehnissen handelte es sich dabei um eine einfache Konstellation: Natur gegen Mensch. Alle Menschen waren Opfer, weshalb die Lage einheitlich beurteilt werden konnte und sich keine moralischen Dilemmata eröffneten. Berichte über die politischen und ökonomischen Bedingungen der Frühwarnung, verzögerte Hilfsmaßnahmen oder gar kriminelle Handlungen im Umfeld der Katastrophe traten völlig in den Hintergrund. Da die Flutwelle zudem nicht vorhergesehen wurde, kam die Nachricht völlig überraschend und hatte einen entsprechend extrem hohen Neuigkeitswert. Die Aufmerksamkeit war zu Beginn sicher, musste dann jedoch gesteuert werden. Dies ist in einer bisher beispiellosen Weise gelungen.</p>
<p>Da konkurrierende Themen wie der Krieg im Irak oder die Demonstrationen in der Ukraine schon länger im Fokus der Berichterstattung standen, hatten sie an Attraktivität für Medienmacher und Zuschauer verloren. Und gleichzeitig war der Zeitpunkt günstig, um die hohe Aufmerksamkeit dauerhaft erzielen, denn die Mediennutzung und insbesondere der Fernsehkonsum liegen an Feiertagen erheblich höher als zu anderen Zeiten. Ein quasi-persönlicher Bezug zwischen Betrachter und Ereignis konnte darüber hinaus hergestellt werden, weil über Deutsche in der Krisenregion bzw. über ihre Angehörigen und Freunde in Deutschland berichtet werden konnte.</p>
<p>Zerstörte Hotelanlagen lösten bei den Betrachtern schließlich greifbarere Assoziationen aus als Bilder aus fremden Kulturen. Verstärkt wurde diese Wahrnehmung da-durch, dass &#132;Urlaubsvideos&#148; von der hereinbrechenden Flut gezeigt wurden: unprofessionelle Bilder, die den Blick des Urlaubers auf das freie Meer schlagartig in den Hotelinnenhof verengten und dann an einzelnen Personen hängen blieben. Unterlegt waren diese Filme durch Schreie und entsetzte Reaktionen. Dadurch entstand ein Surrogat des Authentischen, das entlang ähnlicher Urlaubsblicke der Betrachter Anschlussfähigkeit herstellte. Während ein Kriegsberichterstatter ein fremdes Auge in fremder Umgebung ist, handelte es sich bei den privaten Aufnahmen von der hereinbrechenden Flut um eine glaubhafte Vermittlung, die Ereignisse in gewohnter Umgebung mitzuerleben.</p>
<p>Es bestanden demnach keine Assoziationsbarrieren gegenüber fremdartigen Kulturen, weil die Bilder zerstörter Gebiete aus Touristenräumen stammten und diese sich weltweit ähnlich sind. Deswegen wirkten die Bilder der Flutwelle intensiver auf die Betrachter ein, als dies bei ähnlich verheerenden Naturkatastrophen, beispielsweise dem Erdbeben in Bam 2003 oder dem Wirbelsturm in Bangladesh 1991 der Fall war. Diese überstiegen der fremdartigen Lebenswelt wegen das Vorstellungsvermögen der deutschen Betrachter. Entgegen der in den Medien weit verbreiteten Äußerung von der &#132;unvorstellbaren Zerstörung&#148; reduzierten die Fernsehbilder die Zerstörungen durch die Flutwelle gerade auf ein vorstellbares Maß.</p>
<p>Weiterhin bestand zwischen den Bildern zerstörter Strände und der Vorstellung vom Urlauberparadies eine so große Distanz, dass die Zerstörungen verstärkt ins Bewusst-sein treten konnten, anders beispielsweise als in der Berichterstattung zum Krieg in der sudanesischen Provinz Darfur, bei der Hunger, Elend und Krieg quasi Charakteristika der Lebensverhältnisse sind, zumindest in den Augen der Betrachter. Die Flutwelle war von der angenommenen Normalität hingegen drastisch zu unterscheiden.</p>
<h5>Die Realit&auml;t der Medien&shy;be&shy;richt&shy;er&shy;stat&shy;tung in den nachfol&shy;genden Wochen</h5>
<p>Unter diesen Bedingungen &#150; ein dramatisches Ereignis mit einfacher Konstellation, dem auch noch ein &#132;deutsches&#148; Gesicht gegeben werden konnte &#150; entfaltete die Flutkatastrophe ihre Medienwirkung. Die enorme Aufmerksamkeit in den ersten Tagen wurde durch eine geschickte Inszenierung der Dramatik &#150; zuerst über die Opferzahlen, später über die Spendenhöhe &#150;, eine zupackende Personalisierung &#150; mit deutlichem Schwerpunkt auf dem eigenen Land &#150; und die konstante Botschaft der einfachen Menschgegen-Natur-Konstellation für lange Zeit aufrecht erhalten. Die empirische Analyse belegt dies.<br />Für die Untersuchung der Medienberichterstattung in Deutschland wurden sowohl Printmedien als auch Fernsehberichte in der Zeit vom 26. Dezember 2004 bis 18. Januar, 2005 betrachtet. Ausgewählt wurden für die Printmedien drei Tageszeitungen &#150; die<br />Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und Die Welt; die Fernsehberichterstattung wurde anhand der 20-Uhr-Tagesschau der ARD analysiert.l Bei beiden Medienformen stand die Frage im Mittelpunkt, welche Bezugspunkte das berichtete Geschehen für den Zuschauer erfahrbar und verständlich machen sollten. Wir haben daher alle Tagesschau-Beiträge und Zeitungsartikel über die Flutkatastrophe nach ihrem Bezug entweder zu Berichten über die betroffenen Regionen (Zerstörung vor Ort, Situation der Einheimischen etc.), zu deutschen Themen (vermisste Urlauber, Schicksale von Hinterbliebenen, Reaktionen der Bundesregierung, Einsatz deutscher Helfer im Katastrophengebiet etc.) oder zu Spendenaktionen und Hilfsmaßnahmen kategorisiert (vgl. Anhang, Tabelle 1).</p>
<p>27,2 Prozent der Beiträge in den Printmedien stellten einen direkten Bezug der Ereignisse in Südostasien zu Deutschland her. Besonders in den ersten Tagen nach der. Katastrophe ist dieses Phänomen zu beobachten, das durch die erhöhte Aufmerksamkeit aufgrund der Feiertage zusätzliche Wirkung entfalten konnte. Berichte über die Lage in den betroffenen Ländern nahmen den gleichen Stellenwert (27,2 Prozent) ein. Über die Frage, wie den Betroffenen geholfen werden könne, wurden Artikel in größerer Zahl hingegen erst am vierten Tag der Berichterstattung veröffentlicht. Am Ende nahmen sie mit 24,2 Prozent einen ähnlichen Raum wie die Deutschland- und situationsbezogenen Berichte ein.</p>
<p>Insgesamt konzentrierte die Berichterstattung ihre Aufmerksamkeit fast zwei Wochen mit sehr hoher Frequenz auf die Ereignisse in Südostasien und die damit in Zusammenhang gebrachten Vorgänge.</p>
<p>Das Erdbeben im iranischen Bam am 26. Dezember 2003 erfuhr im Vergleich zur Berichterstattung über die Flutwelle eine weit geringere Aufmerksamkeit (in der Spitze 60 Prozent der Tsunami-Berichte), die auch nur wenige Tage eine hohe Frequenz aufwiesen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und der Welt erschienen 611 Artikel zur Flutkatastrophe und lediglich 159 Artikel zum Erdbeben im Iran (jeweils im Vergleichzeitraum 27. Dezember bis 18. Januar 2003/04 bzw. 2004/05).</p>
<p>Noch ausgeprägter ist die Berichterstattung im deutschen Fernsehen, für das wir die Ausgaben der Tagesschau (ARD, 20 Uhr) ausgewertet haben. Dabei nehmen die Bei-träge mit Deutschlandbezug einen Anteil von fast 40 Prozent ein. Auch hier stellen wir eine Konzentration in den ersten Tagen nach dem Ereignis fest, mit Spitzen nach Weih-nachten und zu Silvester, an denen dies die Hälfte der Katastrophen-Berichterstattung ausmacht (vgl. Anhang, Tabelle 2).</p>
<p>Länger als eine Woche umfasste mehr als die Hälfte der Informationsbeiträge der Tagesschau Ereignisse, die mit der Flutkatastrophe zusammenhingen. Die mit Deutschland in Beziehung gesetzten Berichte überragen die Berichterstattung aus der betroffenen Region deutlich (39,3 zu 30,1 Prozent). Zum Ende des Untersuchungszeitraums nehmen Beiträge zur internationalen Hilfsleistung einen deutlich größeren Raum ein und erreichen insgesamt 28,1 Prozent. Nur knapp drei Prozent der Beiträge setzen sich mit anderen Themen (Papstmesse für die Flutopfer, Entwicklung eines Frühwarnsystems) auseinander. Hier ist ein deutlicher Unterschied zu den Printmedien festzustellen, in denen 21,4 Prozent der Beiträge sich mit der Naturkatastrophe auf andere Weise, z.B, durch die Erklärung ihres Entstehens, beschäftigten.</p>
<h5>Die komplexen Wirkungen der Tsuna&shy;mi-&shy;Be&shy;richt&shy;er&shy;stat&shy;tung</h5>
<p>Wie stets bei dramatischen Ereignissen beinhaltet die Berichterstattung auch die Selbstbeobachtung der Medien. Bis auf wenige Ausnahmen entstand der Eindruck einer ebenso realistischen wie den Ereignissen angemessenen Berichterstattung (Tagesspiegel 2005). Die Suggestion einer ethisch sauberen Dokumentation der Ereignisse konnte da-durch geweckt und aufrechterhalten werden, dass die Dramatik in zwei sukzessiv ablaufende und sich gleichzeitig überschneidende Prozesse kanalisiert wurde. Angesichts der anfangs nur spärlich verfügbaren Informationen und der Tatsache, dass zerstörte Gebiete großflächig lange nicht begehbar waren, musste keine eigene Ereignisdramatik aufgebaut werden. Die zu Beginn der Berichterstattung nahezu stündliche Zunahme der Opferzahlen lieferte eine ausreichende Projektionsfläche für die Vermittlung der situativen Dramatik. Parallel hierzu &#150; und schließlich diesen Prozess ablösend &#150; wurden die stetig aktualisierten Spendenhöhen zu einem zweiten Maßstab, diesmal in der Reaktion der Betrachter. Gepaart mit einem ständigen Bezug zu den Aspekten des Unglücks, die für die deutschen Rezipienten als bedeutsam dargestellt wurden, verlief die gesamte Tsunami-Berichterstattung entlang der beiden Handlungsstränge &#132;Katastrophe&#148; und &#132;Hilfe&#148;.Einsamkeit vor allem in der Fernsehberichterstattung erfuhr. Dabei ist der bruchlose Wechsel der Berichterstattung über das Erdbeben und die Folgen der Flutwelle zur internationalen Hilfe besonders auffällig. Daraus konnte die simultane Dramatik aus Opfern und Spenden konstruiert werden.</p>
<p>Um die Aufmerksamkeit immer wieder neu fokussieren zu können, ließen sich Medien auch für die partikularen Interessen der verschiedenen Gruppen vor Ort instrumentieren, etwa wenn die amerikanischen Streitkräfte den Hilfseinsatz zur Verbesserung des weltweiten Images der USA und speziell ihres Militärs nutzen. Seit dem 2. Januar 2005 &#150; also schon sechs Tage nach der Flut &#150; war das amerikanische Militär im Einsatz, ins-besondere mit dem Flugzeugträger Abraham Lincoln, auf dem Präsident Bush das Ende der Kampfhandlungen im Irak verkündete und der nun erneut als Symbol für eine gute Sache stehen sollte.</p>
<p>Die amerikanischen Hilfsmaßnahmen führten jedoch zur Verdrängung anderer Organisationen, die sich nun ihrerseits über die Medien Gehör verschafften und beklagten, dass sie mit ihren eigenen Hilfsmaßnahmen nicht beginnen könnten.</p>
<p>Diese Auseinandersetzungen eröffneten den Medien die Möglichkeit, die Berichterstattung entlang stets neu konstruierter, jedoch dem Hauptthema untergeordneter Konfliktlinien weiterzuführen. Eine Analyse anhand der Beiträge zur Lage in Aceh ergibt, dass zu Beginn der Hilfsmaßnahmen Opfer und Helfer vereint gegen die anscheinend inkompetente indonesische Regierung stehen. Im weiteren Verlauf der Berichterstattung werden die Hilfsmaßnahmen der USA kritisiert und vermeintlich uneigennützigen eigenen Hilfsvorhaben entgegen gestellt, insbesondere durch das deutsche Lazarettschiff Berlin. Gleichzeitig wurde die Präsenz islamischer Nichtregierungsorganisationen als gefährlich dargestellt, weil diese die Notlage der Bevölkerung für ihre Zwecke missbrauchten. Der seit Jahrzehnten gewaltsam ausgetragene, jedoch von der deutschen Öffentlichkeit wenig beachtete Konflikt um die Region Aceh fand durch die Berichterstattung gesteuerte Aufmerksamkeit: Regierung und Rebellen müssten sich unter dem Eindruck der Katastrophe einander annähern und den Konflikt friedlich beilegen. Dies war der stärkste Beleg einer von der politischen Realität Indonesiens abgekoppelten Berichterstattung, die &#150; sieht man von dem Aufruf der Organisation Ärzte ohne Grenzen zur Einstellung der Spenden für diese Region ab &#150; keinen der Konflikte politisierte.</p>
<p>Wenn man die in der deutschen Fernsehlandschaft am meisten um Objektivität und Sachlichkeit bemühte Nachrichtensendung zum Maßstab nimmt, bezogen sich knapp 40 Prozent der Berichte auf deutsche Aspekte der Katastrophe. Es ist davon auszugehen, dass die übrigen öffentlich-rechtlichen sowie privaten Nachrichtenformate diesen Bezug noch stärker in das Blickfeld ihrer Zuschauer gerückt haben und somit der Eindruck entstand, die Auswirkungen der Flutwelle beträfen deutsche Bürgerinnen und Bürger in besonderem Maße. Die Spendenbereitschaft der deutschen Öffentlichkeit liefert nun den Beleg für die Wirksamkeit dieser Berichterstattung. Durch das ständige Rekurrieren auf die deutsche Perspektive der Südostasien-Flut entstand für den Betrachter das Gefühl des Betroffenseins, auch wenn im persönlichen Umkreis keinerlei Auswirkungen der Flut zu spüren gewesen waren.</p>
<p>Allein die Tatsache, zu einer bestimmten Zeit am Strand gewesen zu sein &#150; eine Erfahrung, die die meisten Menschen in Deutschland teilen &#150;, machte die Menschen zu potentiellen Opfern. Und zwar nicht zu Opfern einer abstrakt absehbaren Gefahr, sondern einer urplötzlich hereinbrechenden Naturgewalt. Diese Situation konstruierte das Grundthema der Berichterstattung &#132;Natur gegen Mensch&#148;, in der es keine Schuldigen geben konnte. Dadurch wurden alle unmittelbar oder eben über die Medien vermittelt Betroffenen zu einer großen Opfergemeinschaft. Dies war eine wesentliche Bedingung dafür, dass die der Flutwelle nachfolgenden Ereignisse allein als menschliche Schicksale dargestellt werden konnten, ohne die politische Dimension der Ereignisse zu thematisieren. Nicht nur politische und sozioökonomische Konflikte in der Region Südostasien wurden dadurch aus dem Blickfeld der Betrachter verbannt, auch die politische Dimension der Hilfsmaßnahmen wurde der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/medienpraesenz-und-aufinerksamkeitssteuerung/">Medienpräsenz und Aufinerksamkeitssteuerung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Kommunikative Qualität als Grundlage journalistischer Autonomie</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 19:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Alternativen zur Kolonialisierung des Journalismus durch die Massenmedien aus: Vorgänge Nr.169 ( Heft 1/2005), S.20-29 Die Debatte über den Zustand der Medien ist fast so alt wie der Journalismus selbst. In periodischen Abständen wird die Krise der Medien und/oder des Journalismus sowie ein Verfall der öffentlichen Kommunikationskultur beklagt. In letzter Zeit allerdings hat das Thema [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/kommunikative-qualitaet-als-grundlage-journalistischer-autonomie/">Kommunikative Qualität als Grundlage journalistischer Autonomie</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Alternativen zur Kolonialisierung des Journalismus durch die Massenmedien</p>
<p>aus: Vorgänge Nr.169 ( Heft 1/2005), S.20-29</p>
<p>Die Debatte über den Zustand der Medien ist fast so alt wie der Journalismus selbst. In periodischen Abständen wird die Krise der Medien und/oder des Journalismus sowie ein Verfall der öffentlichen Kommunikationskultur beklagt. In letzter Zeit allerdings hat das Thema vor dem Hintergrund der ökonomischen Krise der Medienbranche wieder erheblich an Bedeutung gewonnen. Die diagnostizierte Tendenz scheint eindeutig: Sinkende Werbeeinnahmen erzwingen Rationalisierung in Form von Stellenabbau und Effizienzsteigerung. Der Erhalt ökonomischer Leistungsfähigkeit der Medienbetriebe steht im Mittelpunkt; journalistische Qualitätserwägungen spielen allenfalls mit Blick auf diese übergeordnete Wirtschaftlichkeit eine Rolle. Die Ressourcen für einen qualitativ hochwertigen, an gesellschaftlichen Aufgaben orientierten Journalismus geraten dadurch unter Druck. In personell ausgedünnten Redaktionen fehlt die Zeit zur gründlichen Recherche ebenso wie die Gelegenheit, sich in ein Thema derart einzuarbeiten, dass wirkliche Hintergrundberichterstattung möglich ist. Unter solchen Bedingungen werden journalistische Leistungen nicht mehr anhand ihrer kommunikativen oder emanzipatorischen Qualität bewertet, sondern zunehmend nur noch anhand ihrer kommerziellen Verwertbarkeit. Es zeigt sich, dass sich journalistische Rationalität dort weniger gut entfalten kann, wo Marktimperative ein uneingeschränktes Primat besitzen. Wieder einmal bewahrheitet sich die alte Einsicht, dass der Markt zwar als ökonomisches Steuerungsinstrument konkurrenzlos ist, dass er aber zur Reproduktion öffentlicher Güter nur wenig taugt. Der Journalismus wird durch rigide kommerzielle Medienimperative in ein Korsett gezwungen, das ihm zunehmend den Atem raubt.</p>
<p>Das klingt plausibel und ist in weiten Teilen zutreffend. Zugleich aber übergeht eine derart apodiktische Kritik das prinzipiell vorhandene Widerstandspotenzial des Journalismus gegen die Haken und Ösen des massenmedialen Korsetts. Dieses Potenzial anzusprechen bedeutet zugleich auch, es zu stärken und die Bedingungen der Möglichkeit eines autonomen Journalismus in den Massenmedien zu verbessern. Die dieser These zugrundeliegende Annahme eines komplexen Wechselverhältnisses lässt sich nur beschreiben, wenn analytisch zwischen Journalismus und Massenmedien getrennt wird, um normative Anforderungen an den Journalismus mit einer ,realistischen` Perspektive auf die Kommerzialisierung der Massenmedien zu verbinden. Unter Journalismus wird deshalb hier ein kommunikatives Handeln verstanden, das gesellschaftliche Koordination und Verständigung im Blick hat. Massenmedien hingegen sollen einen technischen und wirtschaftlichen Rahmen bereit stellen, in dem journalistisches Handeln neben anderen Inhalten seinen Platz hat und der vorwiegend nach wirtschaftlichen Erwägungen betrieben wird.</p>
<p>Im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen steht nicht die allfällige Kritik am Output des Mediensystems oder an Einseitigkeiten im journalistischen Handeln, sondern das komplexe Binnenverhältnis von Mediensystem und Journalismus. Gefragt wird, ob im massenmedialen System ein Journalismus erhalten werden kann, der gesellschaftliche ,Aufgaben` erfüllt, und ob nicht aus Krisen des Mediensystems Chancen für den Journalismus erwachsen können.</p>
<h5>Journa&shy;lis&shy;ti&shy;sches Handeln und massen&shy;me&shy;di&shy;ales System</h5>
<p>Die Analyse medialer Leistungen für die öffentliche Kommunikation gewinnt an Präzision, wenn sie einem Modell folgt, das zwischen massenmedialem Systemrahmen und kommunikativem journalistischem Handeln innerhalb der aus dem System erwachsen-den Zwänge zu differenzieren vermag. Journalismus und Massenmedien gehören im Zusammenspiel von kommunikativ strukturierter Lebenswelt und ausdifferenzierten Handlungssystemen, das moderne Gesellschaften kennzeichnet (vgl. Habermas 1995 [1981]),1 unterschiedlichen Bereichen an: Journalistisches Handeln ist der Lebenswelt verbunden, während Massenmedien zunehmend unter Systemeinfluss geraten. Daraus erklärt sich, dass beide immer wieder in Rationalitätskonflikten zueinander stehen, wenn z.B. der Zwang eine verkaufsträchtige Titelzeile zu produzieren mit dem Wunsch nach weiterer Recherche in Konflikt gerät.</p>
<p>Journalistisches Handeln ist kommunikatives Handeln. Es ist nicht zweckrational auf die Erreichung eines vorab definierten Zieles ausgerichtet, sondern basiert idealtypisch auf der Verständigungsorientierung, die einem unverkürzten Sprachgebrauch inhärent ist. Diese nehmen Journalistinnen und Journalisten unweigerlich in Anspruch, wenn sie sich jenseits systemischer Spezialsemantiken der Alltagssprache bedienen, um Öffentlichkeit herzustellen. Das ist gemeint, wenn der Journalismusforscher Achim Baum davon spricht, dass &#132;[&#8230;] auch der Originalmodus journalistischen Handelns verständigungsorientiertist&#148; (Baum 1994: 395).</p>
<p>Journalismus als kommunikatives Handeln entfaltet gesellschaftliche Leistungen durch Beiträge zur Reproduktion von Lebenswelt, während er zugleich deren symbolische Ressourcen, z.B. internalisierte Wertemuster, in Anspruch nimmt. Er ist Teil der sozialen und kommunikativen Integration von Gesellschaft, indem er kulturelle Wissens- und Interpretationsressourcen überliefert und entwickelt. Durch journalistische Kommunikation erfahren wir, was wir wissen müssen, um uns in unserer Gesellschaft zu orientieren und an ihr teilhaben zu können. Im formalpragmatischen Sinne strukturiert Journalismus den lebensweltlichen Hintergrund zwischenmenschlicher Kommunikation und hält ihn verfügbar. Aufgabe journalistischen Handelns ist demnach die durch Herstellung entsprechender öffentlicher Kommunikationsstrukturen gewährleistete &#132;kommunikative Koordinierung gesamtgesellschaftlichen Handelns&#148; (ebd.: 161).</p>
<p>Massenmedien hingegen sind weitgehend Bestandteil des ökonomischen Systems und folgen einem Marktmodell. Selbst die durch gesellschaftliche Akteure gesteuerten öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten (Integrationsmodell) können sich der Logik des Marktes im Vergleich mit kommerziellen Anbietern kaum mehr entziehen. Mit dem hier anzulegenden Systembegriff lassen sich ausdifferenzierte Organisationen beschreiben, die nicht mehr kommunikativ, sondern funktional über entsprachlichte Steuerungsmedien integriert werden. Insbesondere das private Wirtschafts- und das staatliche Verwaltungshandeln konstituieren sich heutzutage auf diese Weise über die entsprachlichten Medien Geld (Wirtschaft) und Macht (Staat). Ökonomische Steuerungsimperative sind zunehmend für Entscheidungen in den Medien ausschlaggebend; das symbolisch generalisierte Medium ,Geld` ersetzt letztlich die koordinierende Funktion der Sprache (vgl. Jarren/Meier 2002: 112). Dabei handelt es sich nicht um fundamentale ,Umpolungen` etablierter Ordnungen, sondern um graduelle Veränderungen, die Entscheidungsprämissen und -programme genauso betreffen wie die Ressourcenallokation und das produzierte mediale Angebot (vgl. Altmeppen 2001: 198ff.). Medienunternehmen richten ihre Abläufe und Strukturen so ein, dass sie die erwünschte Gewinnmehrung gewährleisten können. Sie formulieren dabei auch Erwartungen an das journalistische Handeln ihrer Organisationsmitglieder, das sie durch entsprechende Ressourcenallokation ermöglichen und durch Ablauf- und Strukturvorgaben einschränken. Im ganzen bewegt sich das Mediensystem der Gesellschaft immer mehr nach den Prämissen wirtschaftlichen Erfolgs und immer weniger nach den Prämissen ethisch-politischer Zielsetzungen oder kommunikativer Rationalität. Dabei sind die Systeme aber nicht vollständig dem lebensweltlichen Zugriff entzogen, sondern bleiben prinzipiell, wenn-gleich faktisch oft nur noch eingeschränkt gestaltbar.</p>
<p>In der Beziehung von Journalismus und Massenmedien sind realistische und normative Annahmen paradox ineinander verwoben. Massenmedien und Journalismus bedürfen einander, stehen aber trotzdem in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander.<br />Einerseits benötigt Journalismus für seine Berichterstattung die technische Infrastruktur der Massenmedien. Massenmedien wirken entgrenzend, indem sie Kommunikation aus zeitlichen oder räumlichen Restriktionen herausheben können. Andererseits werden kommunikative Möglichkeiten des Journalismus durch eben diese technischen Bedingungen der Massenmedien sowie durch deren rechtliche und ökonomische Fundierung eingeschränkt. Massenmedien begrenzen und hierarchisieren Kommunikation, indem sie Zugang zu gesellschaftlicher Kommunikation beschränken und durch formale Vorgaben kommunikative Kreativität einengen.</p>
<p>Emanzipation und Vermachtung sind in der Struktur der Massenmedien eng miteinander verflochten und begründen so ihr &#132;ambivalentes Potential&#148; (Habermas 1995 [1981], Bd. 2: 573). Die empirische Journalismusforschung nimmt Massenmedien in dieser doppelten Bedeutung zur Kenntnis: Mediensystem, Medieninstitutionen und die Spezifika von Medienaussagen bilden den Rahmen, der die Rollendefinition journalistischer Akteure mit bestimmt (vgl.Weischenberg 1990: 53). Sie machen Journalismus möglich und schränken ihn zugleich ein. Sie stellen seine materielle Basis bereit und limitieren seine Möglichkeiten zur Reproduktion symbolischer Ressourcen.</p>
<p>Mitten durch den organisatorischen Komplex, der auf die gesellschaftlich notwendige Herstellung von Öffentlichkeit gerichtet ist, zieht sich somit ein fundamentaler Bruch zwischen lebensweltlicher und systemischer Rationalität, der dazu führt, dass der kommunikative Output journalistischer Medienberichterstattung vom jeweiligen Primat einer Rationalität abhängig ist. Wenn mediensystemische Imperative dominieren, wirkt medial vermittelte Kommunikation angesichts der vorherrschenden Profitlogik vermutlich ,vermachtend`. Wenn journalistische Imperative der Verständigungsorientierung vorherrschen, dann besitzt sie das Potenzial, emanzipativ-kommunikative Relevanz zu entfalten. Der mediensystemische Rahmen bestimmt maßgeblich die Möglichkeiten eines kommunikativen und diskursiven Journalismus. Genauso aber kann ein selbstbewusster Journalismus sich Freiräume bewahren.</p>
<h5>Verlust journa&shy;lis&shy;ti&shy;scher Autonomie</h5>
<p>Angesichts einer gesamtgesellschaftlichen Situation, in welcher die Dynamik wirtschaftlicher Logik gegenüber gesellschaftlichen Interessen an Dominanz gewinnt, ist nachvollziehbar, dass auch ein lebensweltlich verhafteter Journalismus systemischer Rationalität ausgesetzt ist. Erkennbar sind viele Veränderungen in der journalistischen Arbeitswelt heutzutage nicht dem Wunsch nach besserer journalistischer Berichterstattung, sondern nach effizienterer ökonomischer Performance geschuldet. Die gängige Medienkritik richtet sich daher dagegen, dass der angesichts gesellschaftlicher Umbrüche notwendige Strukturwandel von Betrieb, Technik und Beruf im Journalismus überwiegend nach massenmedial systemischen Erwägungen gestaltet wird.</p>
<ol>
<li>Redaktionelle Strukturen ändern sich: Dabei stehen insbesondere Entdifferenzierung und Effizienzorientierung im Zentrum. Ressortgrenzen verschwinden, Projekt- und Rechercheteams werden eingerichtet. Prototypisch dafür sind die Newsdesks, die medienübergreifend in fast allen Redaktionen zur Verarbeitung von Agenturberichten eingerichtet worden sind.</li>
<li>Journalistische Berufsrollen verändern sich: Dabei werden insbesondere funktionalistische Vorstellungen gestärkt. Die Produktion von Medieninhalten und die Auswahl von Nachrichten werden wichtiger, das Herstellen von Zusammenhängen rückt in den Hintergrund. Nachrichtenjournalismus gewinnt an Bedeutung, während kritisches Räsonnement auf die Kulturseiten abgedrängt wird.</li>
<li>Die Bedeutung technischer Rationalität im Redaktionsalltag verändert sich: Den An-fang markierte die Einführung rechnergestützter Produktionssysteme, in deren Folge Produktionsschritte zunehmend in den redaktionellen Ablauf integriert werden. Mittlerweile finden bei Zeitungen alle Produktionsvorgänge bis zur Druckvorstufe in der Redaktion statt, in vielen Radiosendern müssen die Moderatoren in sogenannten &#132;Selbstfahrer-Studios&#148; auch komplexe technische Abläufe allein bewältigen.</li>
</ol>
<p>Diese ,Innovationen` journalistischen Arbeitens können prinzipiell sowohl der Steigerung journalistischer Qualität wie der Erhöhung der wirtschaftlichen Effizienz journalistischer Produktion dienen. Empirische Untersuchungen zeigen aber, dass sich zunehmend der &#132;Organisationszweck Programmproduktion&#148; gegen publizistische Konzepte wie die Informationsfunktion durchsetzt (Rager/Werner/Weber 1992: 19). Journalistische Produktion wird auf ökonomische Effizienz ausgerichtet. Profiterwägungen prägen redaktionelles Handeln.</p>
<p>Neben wirtschaftliche Überlegungen tritt die Notwendigkeit einer technischen Effizienz, welche die Möglichkeit journalistischer Kommunikativität noch weiter schwächt. Angesichts der Masse extern produzierter Nachrichten und Berichte, die in der Redaktion verarbeitet werden müssen, hat sich die journalistische Rolle zunehmend zu der eines Schleusenwärters (Gatekeeper) gewandelt, der aus den Nachrichten auszuwählen hat. Im Prozess dieser Auswahl werden organisatorische und technische Aspekte zunehmend wichtig und prägen ein funktionalistisches Bild des Journalismus, in dem Kreativität und Diskursivität kaum mehr eine Rolle spielen. Journalismus wird zum Handwerk der Nachrichtenselektion, zu einer Teilaufgabe im zergliederten Prozess der Produktion eines verkäuflichen Medienprodukts. In modernen, arbeitsteiligen Redaktionsstrukturen wird journalistisches Handeln, so der Journalistikwissenschaftler Michael Haller, &#132;zu einer abhängigen Variablen der redaktionellen Organisation [&#8230;], die wiederum auf die funktionalen Vorgaben des Mediensystems und seiner Ökonomie ausgerichtet ist&#148; (Haller 1996: 40). Über das Mediensystem induzierte ökonomische oder technische Zweckrationalität setzt damit einen Prozess der Verdrängung ehemals verständigungsorientierter Kommunikationslogik in Gang. Zugespitzt lässt sich formulieren: Journalismus wird durch die Massenmedien kolonialisiert. Massenmediale Logik überlagert journalistische Kommunikationsrationalität. Journalismus wird zur bloßen Funktionserfüllung herabgewertet.</p>
<p>&#132;Gerade die ,Alimentierung` und ,Protektion` des Journalismus nämlich bedeutet die Austrocknung der ihn tragenden Idee, eine Umstellung auf ,Steuerungsmedien`, die nicht einer auf Verständigung gerichteten Vernunft entsprechen, sondern aus der Perspektive einer technischen, das heißt an Verfügungsgewalt interessierten Zweckrationalität installiert werden und so die ,Sprache in ihrer Koordinationsfunktion ersetzen&#8216;.&#148; (Baum 1994: 90) Die Kehrseite der Zunahme an Effizienz in der Allokation materieller Ressourcen und in der Produktion ist ein Trend zu einem mit dem Gewinnstreben kompatiblen &#132;Unterhaltungs-, Nutzwert-, Werbeumfeld-, Grenzgewinn-, Kauf-, Konzern-und Kaskadenjournalismus&#148; (Heinrich 2001: 165). Von diesem Journalismus wird nichtviel mehr verlangt als die Produktion von Medieninhalten; das Blatt muss abends voll sein, das Sendematerial in nachrichtengerechte 30-Sekunden-Häppchen zerlegt.</p>
<p>Ein solcher ,Journalismus`, der nur noch nach Medienlogik ,funktioniert`, spricht auch nicht mehr politische Staatsbürger an, sondern Konsumenten. Gesellschafts- und demokratierelevante Informationen werden funktionalisiert, um Werbung und Public Relations zur Herstellung von absatzrelevanten Teilöffentlichkeiten zu dienen. Diese Entwicklung bedroht einen gemeinwohlorientierten Journalismus, der Information und Orientierung als Voraussetzungen der Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern im Blick hat. Die Möglichkeiten demokratischer Öffentlichkeit und partizipativer politischer Gestaltung des Gemeinwesens und damit auch der Verfasstheit des Medienwesens werden durch die Ökonomisierung erschwert.</p>
<h5>Lebens&shy;welt&shy;li&shy;cher Widerstand gegen das massen&shy;me&shy;diale System</h5>
<p>Die skizzierten Entwicklungen erwecken zunächst den Anschein einer irreversiblen Transformation des medialöffentlichen Raumes, der sich Journalismus nicht entziehen kann. Journalismus muss im Lichte der Medienökonomie geradezu &#132;unzurechnungsfähig&#148; erscheinen, wenn er versucht sich von der Zweckorientierung einer ökonomischen Rationalität zu emanzipieren (Baum 1996: 241). Aber in die Rationalität journalistischen Handelns sind Widerstandspotenziale gegen eine allzu uferlose systemische Rationalität der Massenmedien eingelassen. Journalismus gehört zu den gesellschaftlichen Bereichen, die sich nicht vollständig kolonialisieren, d.h. auf eine systemische Steuerung umstellen lassen, sondern die ein unhintergehbares kommunikatives Moment besitzen. Journalistische Produkte haben nicht nur eine wirtschaftliche Dimension, sondern auch eine gesellschaftliche; sie sind meritorische Güter, die als konstitutiv für unser Gemeinwesen angesehen werden. Ihr demokratisch-kommunikatives Moment ist der Kern einer bis heute wirksamen regulativen Idee deliberativer Öffentlichkeit (vgl. Habermas 1992).</p>
<p>Diese Kommunikativität zeigt sich in journalistischen Nischenformen wie Alternativ- und Bürgermedien oder dem New Journalism, in denen Orientierung oder Zusammenhang eine weit wesentlichere Rolle spielen als im Mainstream-Journalismus. Doch auch in kommerziell organisierten Medien lassen sich diese Widerstandspotenziale ausmachen. Schließlich stecken Journalistinnen und Journalisten selbst hier &#132;nicht von morgens bis abends in einer Zwangsjacke von Systemzwecken&#148; (Prott 1994: 493f.). Die zur Verfügung stehende technische Infrastruktur wirkt nicht prinzipiell vermachtend und hierarchisierend, sondern kann von Journalistinnen und Journalisten, die ihre Spiel-räume nutzen und verbreitern, zur Durchsetzung kommunikativer Verständigung genutzt werden. Reine Zerfallsszenarien gesellschaftlicher Kommunikation haben angesichts der skizzierten grundlegenden Ambivalenzen keinen Sinn.</p>
<p>Die Inkongruenzen zwischen journalistischem Berufshandeln und mediensystemischen Anforderungen verweisen darauf, dass Journalismus keine medial vordefinierbare Form beruflichen Handelns ist, sondern eine lebensweltliche Handlungslogik besitzt, die beruflich überformt wird und deren gesellschaftliche Leistungsfähigkeit gefährdet ist, wenn sie zu sehr unter das Profitprimat systemisch gesteuerter Medieninstitutionen gerät. Wolfgang R. Langenbucher hat darauf hingewiesen, dass sich Journalismus eben nicht in den Tätigkeiten des organisatorischen &#151; weitgehend des redaktionellen &#151; Journalismus erschöpft, sondern noch andere Rollenmuster umfasst (Langenbucher 1993: 135). Er hebt diesbezüglich insbesondere einen &#132;autonomen Journalismus&#148; hervor, den er als Kulturleistung sieht, während der organisatorische Journalismus Dienstleistung sei. Beide können unter den Bedingungen kommerzieller Massenmedien nebeneinander ihren Platz finden, doch während sich der organisatorische Journalismus funktionalistisch-systemischen Imperativen unterordnet, hebt der autonome Journalismus auf seine gesellschaftlichen und demokratierelevanten Aufgaben ab und verteidigt sie auf Basis einer dezidiert selbständig formulierten Ethik gegen Einengungsversuche.</p>
<p>Ein derart selbstbewusster Journalismus, der seine eigene Legitimation kommunikativ selbst generiert, kann die Kraft finden, sich qualitativ selbst zu regulieren und damit der Starrheit einer rechtlichen Regulierung zuvorzukommen oder sich &#151; in Maßen &#151; auch von ökonomischen Imperativen abzugrenzen. Diese Selbstregulierung verspricht, dass kommunikative Leistungen auch mit den Maßstäben kommunikativen Handelns bearbeitet werden. Auf diese Weise wird eine weitergehende Kolonialisierung durch andere gesellschaftliche Funktionsbereiche, sei es der Markt, sei es das Recht, eingedämmt. Journalismus setzt sich mit dem Anerkenntnis seiner Selbstregulierungsfähigkeit auch einer alltagssprachlichen Laienkritik aus, da er letztlich öffentlich kritisierbar bleibt, wenn er sich nicht einer spezifischen Systemlogik unterwirft. Das gewährleistet die demokratisch gewünschte Kommunikationsoffenheit einer gesellschaftlichen Institution, für die Öffentlichkeit und Kritik komplementäre Anforderungen darstellen.</p>
<h5>Kreative Labore statt kommer&shy;zi&shy;eller Massenware?</h5>
<p>Die vollständige Kommerzialisierung des Mediensystems würde die Spielräume eines solchen autonomen Journalismus und seiner kulturschöpferischen Kraft zum Verschwinden bringen. Um das zu verhindern bietet es sich an, auf der Ebene des Mediensystems mit Mitteln des Ordnungsrechts einer kommunikationspolitischen Gestaltung neue Wege zu bahnen, während auf der Ebene des journalistischen Handelns vorwiegend ethische Diskurse als Möglichkeit der Selbstregulierung zu sehen sind. Klassische Forderungen der Medienkritik zum Beispiel nach einer Entkapitalisierung der Massenmedien scheinen dagegen endgültig passe zu sein. Denn hinter den. jetzt entwickelten Stand der Massenmedien zurück gelangt nur, wer die höchst fragwürdige Rückkehr der Exklusivität in die gesellschaftliche Kommunikation in Kauf nimmt. Demokratische Öffentlichkeit bedarf jedoch der medialen und journalistischen Voraussetzungen für einen Qualitätsjournalismus, der nicht nur in alternativen Nischen stattfindet Gerade konventionelle, aber in geringerem Maße kommerzialisierte Medienangebote wie die überregionalen Qualitätszeitungen oder der öffentlichrechtliche Rundfunk bilden &#132;das Rückgrat für die diskursive Innenausstattung einer freien politischen Meinungs- und Willensbildung&#148;, indem sie notwendige &#132;argumentative Substanz&#148; für den öffentlichen Diskurs bereitstellen; sie sind &#132;lebenswichtig für eine politische Kommunikation, die ihren Eigensinn behält&#148; (Habermas 2003: 20).</p>
<p>Mit Blick auf die Massenmedien kann daher die Rückkehr zu einer aktiveren, gestaltenden Kommunikationspolitik gefordert werden. Staat und gesellschaftliche Akteure haben demzufolge ihre Verantwortung für das öffentliche Gut gesellschaftlicher Kommunikation wahrzunehmen, da die bislang politisch gewollte Marktsteuerung dieses Bereiches dazu erkennbar nicht ausreicht (vgl. Kopper/Rager et.al. 1994). Notwendig ist auch künftig die Sicherung von medialer Freiheit und publizistischer Vielfalt so-wie darüber hinaus in zunehmendem Maße die auch materielle Gewährleistung derjenigen medialen Bereiche, in denen eine journalistische Kommunikationsrationalität überhaupt noch zur Entfaltung gelangen kann. Unter den Mainstream-Medien sind das vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und die überregionalen Qualitätszeitungen, die jeweils noch nicht in letzter Konsequenz einer medialen Profitlogik unterworfen sind, sondern einer öffentlichen Aufgabe verpflichtet bleiben. Werden diese Bereiche weiter geschwächt, dann würde das eine gravierende Einschränkung der strukturellen Möglichkeiten demokratischer Öffentlichkeit bedeuten. Politische Gestaltung bedeutet zum Beispiel die kartellrechtliche Begrenzung faktischer Medienmacht, die Stärkung öffentlichrechtlicher Finanzierungsmodelle und die gezielte Unterstützung qualitativ hochwertiger journalistischer Produkte. Einmischung in Marktabläufe ist im demokratisch sensiblen Medienmarkt notwendig, wenn Marktmechanismen nicht alleine dazu in der Lage sind, Vielfalt und Qualität zu generieren und zu garantieren.</p>
<p>Mit Hinblick auf die Bewahrung journalistischer Handlungsspielräume, die solche öffentlichen Diskurse ermöglichen können, bieten sich in erster Linie engagierte Debatten von Journalistinnen und Journalisten über ihr ethisches Selbstverständnis an. Diese versetzen zumindest einen autonomen Journalismus in die Lage, sich von anderen Bereichen medialer Content-Produktion zu differenzieren und die eigenen Leistungen für gesellschaftliche Kommunikation herauszustellen. Debatten über eine Erweiterung des bestehenden Pressekodex hin zu einem Journalismuskodex mit positiver Leitbildfunktion können als erste Schritte in diesem Prozess der Schärfung des journalistischen Qualitäts-Profils verstanden werden (vgl. Brosda et.al. 2004). Journalistisches Handeln kann, abgesehen von straf- und zivilrechtlich relevanten Eingriffen, durch staatliche oder gesellschaftliche Steuerung nur begrenzt reguliert werden. Zentrale Ausnahme ist die Gewährleistung adäquater Ausbildungsvoraussetzungen durch eine universitäre Journalistik. Abgesehen davon steuert sich der Journalismus im Rückgriff auf eine lebensweltliche Kommunikationsrationalität selbst: Ethische Selbstbindungen stellen &#132;Handlungsorientierung und kritische Maßstäbe der Reflexion&#148; bereit und stecken den Rahmen legitimen journalistischen Handelns ab (Debatin 1997: 300). Maßstäbe der Kritik und der Selbstregulierung eines kommunikativen Journalismus unter den Bedingungen und Zwängen moderner Medienbetriebe sind nach den Prinzipien einer verfahrensorientierten Diskursethik zu behandeln (vgl. Thomaß 2000). Die Formulierung eines solchen diskurstheoretischen Fundaments des Journalismus dient der Steigerung der Unabhängigkeit und Rationalität des Journalismus, indem ethische Postulate eine immanente Begründung erhalten und nicht mehr ,importiert` werden müssen (vgl. Brosda 2000). Immerhin könnten so Spielräume eines gesellschaftlich relevanten Qualitätsjournalismus markiert werden.</p>
<p>Journalismus muss die Qualität seines eigenen Handelns und seiner Produkte in seiner eigenen ,Währung`, der Kommunikation, ausweisen können. Journalismuskritik muss Journalismus entsprechend in dieser Währung taxieren. Das heißt: Guter Journalismus hat gute Gründe für sein Tun und macht diese guten Gründe öffentlich. Gegenüber gesellschaftlicher Kritik kann und darf sich Journalismus daher nicht immunisieren. Gezielt Gründe für journalistisches Handeln einzufordern und nicht nur Erfolgskennziffern zu messen bedeutet, Journalismus in seiner eigenen Logik anzusprechen und ihn dadurch gegenüber medialen Imperativen zu stärken. Ziel einer emanzipatorischen Medien- und Journalismuskritik ist es daher, beide Bereiche analytisch zu trennen. Kommunikative Rationalität ist im Journalismus nicht nur als regulative Idee normativ unabdingbar, sondern darüber hinaus eine konstitutive Grundlage journalistischen Handelns. Dann informiert die Analyse nicht nur über den medialen ökonomischen Erfolg, sondern auch über journalistische kommunikative Qualität (zu Qualitätskonzepten des Journalismus vgl. Rager 1994 sowie die Beiträge in Bucher/Altmeppen 2003). Auf dieser Basis ist es möglich, die Grundlagen zu benennen, die einen demokratisch relevanten Journalismus auch innerhalb eines kommerzialisierten Mediensystems am Leben erhalten können.</p>
<p>Die Frage ist, wie sich ein kommunikativer Journalismus die emanzipatorischen Aspekte medialer Kommunikation zu nutze machen kann, ohne sich dabei massenmedialer Logik auf ganzer Linie unterzuordnen. Impulse dafür können aus der journalistischen Praxis kommen &#151; und zwar aus denjenigen medialen ,Reservaten`, die gesellschaftlich und politisch bewahrt werden müssen. Wenn ein autonomer Journalismus in Distanz zur medialen Profitlogik verbleibt, dann ist seine Qualität auch nicht per se von medialen Leistungen abhängig. In medialen Krisen gibt es somit zwei Szenarien: Rationalisierungs- und Effizienzoffensiven von medienbetrieblicher Seite engen journalistische Spielräume weiter ein. Diese Entwicklung war in den letzten Jahren deutlich zu beobachten. Denkbar ist aber zugleich auch eine Renaissance journalistischer Qualität &#151; als Differenzierungsoption auf einem enger werdenden Markt, als kreative Alternative zur Massenware kommerzialisierter Medien oder als Labor für neue, erfolgreiche Medienprojekte. Ansätze dazu sind auf dem Zeitschriftenmarkt zu beobachten. Erkennbar zielen Neugründungen im Bereich zeitkritischer Magazine wie Dummy nicht auf die soziale Nische der Alternativmedien, sondern auf das Segment des Qualitätsjournalismus. Mit ihnen wollen die &#132;Verleger aus Verlegenheit&#148; (Handelsblatt) genügend Geld verdienen, um sich qualitativ hochwertige Berichterstattung und Räsonnement leisten zu können. Die am Markt erzielten Einnahmen sollen in diesem und vergleichbaren Projekten primär einen qualitativ hochwertigen Journalismus ermöglichen. Vielleicht steckt in solchen Antworten auf die Krise der kommerziellen Medien eine Chance für einen autonomen Journalismus, der sich seiner kommunikativen Rationalität entsinnt.</p>
<p>[1] Beide Begriffe sind bei Habermas von Unschärfen geprägt, die sich aus der je unterschiedlichen Verwendung in Beobachter- und Teilnehmerperspektive ergeben, die hier allerdings nicht näher erörtert werden (vgl. dazu die Studie von Dietz 1993).</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Altmeppen, Klaus-Dieter 2001: Ökonomisierung aus organisationssoziologischer Perspektive. Der Bei-trag der Medienunternehmung zur Ökonomisierung; in: Medien &#038; Kommunikationswissenschaft<br />49. Jg., H. 2, S,195-205<br />Baum, Achim 1994: Journalistisches Handeln. Eine Kritik der Journalismusforschung, Opladen<br />Baum, Achim 1996: Inflationäre Publizistik und mißlingender Journalismus. Über das journalistische<br />Handeln in einer entfesselten Medienwirtschaft; in: Altmeppen, Rüdiger (Hg.): Ökonomie der Me-<br />dien und des Mediensystems, Opladen, S. 237-249<br />Brosda, Carsten 2000: Doppelrolle im Diskurs. Journalisten als Diskursvermittler und -teilnehmer &#150; Ethische Implikationen; in: Schicha, Christian/Brosda, Carsten (Hg.): Medienethik zwischen<br />Theorie und Praxis, Münster/Hamburg/London, S. 109-123<br />Brosda, Carster+JHaller, MichaeUlzif, Thomas/Schicha, Christian 2004: Leitlinien für einen seriösen<br />Journalismus; in: Frankfurter Rundschau vom 21. April<br />Bucher, Hans-Jürgen/Altmeppen, Klaus-Dieter (Hg.) 2003: Qualität im Journalismus. Grundlagen &#150;<br />Dimensionen &#150; Praxismodelle, Wiesbaden<br />Debatin, Bernhard 1997: Medienethik als Steuerungsinstrument? Zum Verhältnis von individueller und kooperativer Verantwortung in der Massenkommunikation; in: Weßler, Hartmut (Hg.): Perspektiven der Medienkritik, Opladen, S. 287-303<br />Dietz, Simone 1993: Lebenswelt und System. Widerstreitende Ansätze in der Gesellschaftstheorie von Jürgen Habermas, Würzburg<br />Habermas, Jürgen 1995 [1981]: Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde., Frankfurt/Main Habermas, Jürgen 1992: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt/Main<br />Habermas, Jürgen 2003: Elixier der Demokratie; in: Süddeutsche Zeitung vom 18. März<br />Heinrich, Jürgen 2001: Ökonomisierung aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive; in: Medien &#038;<br />Kommunikationswissenschaft, 49. Jg., H. 2, S. 159-166<br />Hienzsch, Ulrich 1990: Journalismus als Restgröße. Redaktionelle Rationalisierung und publizistischer Leistungsverlust, Wiesbaden<br />Jarren, OtfriedlMeier, Werner A. 2002: Mediensysteme und Medienorganisationen als Rahmenbedingungen für den Journalismus; in: Jarren, OtfriedlWeßler, Hartmut (Hg.): Journalismus &#150; Medien &#150; Öffentlichkeit, Wiesbaden, S. 99-163<br />Kopper, Gerd G,/Rager, Günther et.al. 1994: Steuerungs- und Wirkungsmodelle; in: Bruck, Peter<br />(Hg.): Medienmanager Staat, München, S. 35-181<br />Langenbucher, Wolfgang R. 1993: Autonomer Journalismus. Unvorsichtige Annäherungen an ein (Un-) Thema heutiger Publizistik- und Kommunikationswissenschaft; in: Mahle, Walter (Hg.): Journalisten in Deutschland, München, S. 127-135<br />Prott, Jürgen 1994: Ökonomie und Organisation der Medien; in: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J. /4Veischenberg, Siegfried (Hg.): Die Wirklichkeit der Medien, Opladen, S. 481-505<br />Rager, Günther 1994: Dimensionen der Qualität. Weg aus den allseitig offenen Richter-Skalen?; in:<br />Bentele, Günter/Hesse, Kurt R. (Hg.): Publizistik in der Gesellschaft, Konstanz, 5.189-209<br />Rager, Günther/Werner, Petra /Weber, Bernd 1992: Arbeitsplatz Lokalradio. Journalisten im lokalen<br />Hörfunk in Nordrhein-Westfalen, Opladen<br />Thomaß, Barbara 2000: Vor Aristoteles zu Habermas. Theorien zur Ethik des Journalismus; in: Löffel-holz, Martin (Hg.): Theorien des Journalismus, Wiesbaden, S. 351-362<br />Weischenberg, Siegfried 1990: Das ,Paradigma` Journalistik. Zur kommunikationswissenschaftlichen Identifizierung einer hochschulgebundenen Journalistenausbildung; in: Publizistik, 35. Jg., H. 1, S.<br />45-61</p>
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		<title>Die Zukunft des politischen Journalismus</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/die-zukunft-des-politischen-journalismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 18:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Policy-Analysen versus Boulevardisierung aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005), S.30-33 Wie wichtig Qualität im Journalismus sein kann, war zuletzt im Sommer des Jahres 2004 zu sehen. Auch Reporter, die eigentlich eher geübt darin waren, über die neuesten Szene-Clubs der Stadt zu berichten, kannten plötzlich nur noch ein Thema: die Arbeitsmarktreform der rot-grünen Bundesregierung. Jede [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Policy-Analysen versus Boulevardisierung</p>
<p>aus: Vorgänge  Nr. 169 ( Heft 1/2005), S.30-33</p>
<p>Wie wichtig Qualität im Journalismus sein kann, war zuletzt im Sommer des Jahres 2004 zu sehen. Auch Reporter, die eigentlich eher geübt darin waren, über die neuesten Szene-Clubs der Stadt zu berichten, kannten plötzlich nur noch ein Thema: die Arbeitsmarktreform der rot-grünen Bundesregierung. Jede regionale Arbeitsagentur wurde ausgeleuchtet, und einige weniger genau arbeitenden Journalisten prangerten die sozialen Härten der Reform an. Nun enthält die Reform zweifelsohne Zumutungen, Ungerechtigkeiten und Konstruktionsfehler. Kritik lässt sich aber gerade bei einem so heiklen und für die politische Gemütslage der Republik wichtigen Thema nur richtig gewichten, wenn die Fakten stimmen. Das war oftmals nicht der Fall. So wurde in Fernsehreportagen und Artikeln immer wieder behauptet, wer künftig das neue Arbeitslosengeld erhalte, der müsse (im Westen) von 345 Euro leben. Dass zusätzlich hierzu auch Mietund Heizungskosten übernommen werden, fiel unter den Tisch. Wer aber aus Unkenntnis harte Fakten noch schlimmer macht, der ist &#8211; freiwillig oder unfreiwillig &#8211; ein fahrlässiger Populist und muss sich vorwerfen lassen, die ohnehin schon schwierig gewordene Beziehung zwischen den Bürgern und der Politik zu belasten. Natürlich gibt es in den öffentlichrechtlichen Programmen, den überregionalen Zeitungen und in den Regionalblättern dennoch viele kompetente Artikel zu diesem Thema. Aber man kann an diesem kleinen Beispiel erkennen, warum eine Demokratie &#8211; zumal eine, in der den Menschen Veränderungen zugemutet werden &#8211; einen Qualitätsjournalismus mit hohem Verantwortungsbewusstsein braucht.</p>
<p>Viele Jahre lang ist der Medienmarkt &#8211; wie die alte Bundesrepublik auch &#8211; eine ziemlich statische Angelegenheit gewesen: Die Zahl der Meinungsmacher war über-schaubar, die Verweildauer auf wichtigen Positionen relativ lang, Alter und Erfahrung zählten viel, Behäbigkeit war eine geschätzte Tugend. Darin lassen sich viele Vorteile sehen. Gleichwohl ist der Vorwurf, es habe sich damals um ein abgeschottetes journalistisches Kastenwesen gehandelt, nicht von der Hand zu weisen. In der deutschen Medienlandschaft hat es dann in den letzten Jahrzehnten zwei entscheidende Veränderungsschübe gegeben: die Einführung des Privatfernsehens Mitte der 80er sowie die Umwälzung der Medienlandschaft in den 90er Jahren durch Wiedervereinigung, Regierungsumzug, die politische Kraftlosigkeit der Spaß-Generation sowie eine geradezu orgiastische Expansionsphase durch die sogenannte New Economy. Das Ergebnis dieser Umwälzungen ist paradox: Hatte man noch gegen Ende der 90er Jahre an das grenzenlose Wachstum der Informationsgesellschaft geglaubt und prognostiziert, nur mit der Spielart des teuren Edelfedern-Popjournalismus ließe sich die Qualitätstageszeitung &#150; bedroht vom Internet und allerlei Nachrichtenkanälen &#8211; retten, war man sich nach dem Zusammenbruch der Internetwirtschaftplötzlich nicht mehr sicher, ob der alte politische Qualitätsjournalismus überhaupt eine Zukunft habe.</p>
<p>Die 90er Jahre waren ein Gründerjahrzehnt. Nie zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte haben sich die Medienlandschaft und das Verständnis von Journalismus so stark verändert. Es gab reihenweise Zeitschriften- und Zeitungsneugründungen &#150; Focus, Die Woche, Tango, brand eins und Econy, um nur einige zu nennen. Ziel der Verleger war es, neue Marktsegmente, neue Leser zu gewinnen. Das ging einher mit bislang in Deutschland unüblichen neuen Formen: Auch in der politischen Berichterstattung sollten nicht nur Gesetzesvorhaben referiert werden; stärker gefragt waren nunmehr theatralisierende Darstellungsformen. Die Politiker entsprachen diesem Bedürfnis gern und befriedigten die Nachfrage. Sie ließen sich wie Guido Westerwelle in den Big-Brother-Container einladen oder inszenierten Politik, wo sie in ihrer Komplexität den meisten Bürgern nur noch schwer zu vermitteln war. Das bekannteste Beispiel ist hier wohl die Abstimmung im Bundesrat über das Zuwanderungsgesetz, über deren inszenatorischen Charakter der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) kurze Zeit später (wiederum mit eigenem politischen Kalkül) Auskunft gab. &#132;Wer komplexe Sachverhalte darlegt, kommt als Umstandskrämer an. Wer zuhört, gilt schnell als Schlaffi. Wer zuviel weiß, wirkt wie ein Streber. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der im letzten Bundestagswahlkampf als Kanzlerkandidat der Union in einer Christiansen-Talkshow mit Prozentzahlen um sich warf wie ein Zirkusclown mit Torten, [&#8230;] fing sich eine vernichtende Presseschelte ein.&#148; (Leinemann 2004: 65ff.) Die Professionalisierung der politischen Kommunikation durch die Akteure, also Ministerien, Parteien und Verbände, hat mit dem Regierungsumzug stark zugenommen. Weit verbreitet ist der Versuch der Zeitungen, mit Exklusivmeldungen Aufmerksamkeit in anderen Medien zu erzielen. Das hat Hintergrundrunden, in denen zu Bonner Zeiten sehr vertraulich gesprochen wurde, entwertet, weil die Korrespondenten dort kaum noch etwas erfahren. Richard Meng, Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin, beschreibt den Strukturwandel der Öffentlichkeit seit dem Regierungsumzug treffend: &#132;Jedenfalls wächst der Markt für politische PR rapide, während der für politischen Qualitätsjournalismus seit Jahrzehnten eng begrenzt und in etwa gleich groß blieb. [&#8230;] Auch im politischen Journalismus übertrumpft von jeher die thematische Allzuständigkeit der Machtberichterstattung den Fachjournalismus.&#148; (Meng 2002: 89, 92)</p>
<p>Das Privatfernsehen, die Vielzahl der Reporter in Berlin, die Suche nach publikumsfreundlichen Darstellungsformen, um die immer politikmüder werdenden Bürger überhauet noch zu erreichen, haben der Boulevardisierung &#8211; auch in den alten Qualitätsverlagen &#8211; Vorschub geleistet. Die Zeit musste Ende der 90er Jahre eine Antwort auf die knappere, buntere und grafikverliebte Woche finden. Die Woche hat nicht überlebt, aber für eine formative Phase der Medien in der Berliner Republik war sie stilbildend. Sogar die Frankfurter Allgemeine hat in gewisser Weise mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf neue Bedürfnisse reagiert und hiermit vor allem jüngere Leser gewonnen.</p>
<p>Die Mehrzahl der optimistisch begonnenen Projekte der 90er Jahre hatte ökonomisch keinen Erfolg, abgesehen von Focus. Die Berlin-Beilagen der überregionalen Zeitungen wurden eingestellt, auf dem Berliner Markt haben sich weder die Berliner Zeitung noch der Tagesspiegel zu neuen überregionalen Mitbewerbern entwickeln können. Die Medienkrise der Jahre 2000 und 2001 hat vielmehr zu einer Konzentration und &#8211; verursacht durch eine rigide Sparpolitik großer Verlagshäuser &#151; zu einer Qualitätsverschlechterung geführt. Man muss nicht so pessimistisch sein wie Franziska Augstein, für die der Journalismus nunmehr eine von &#132;Geldmangel, Jugendwahn und falschem Populismus&#148; beherrschte Branche ist (Augstein 2004: 31). Gleichwohl ist aber völlig unstrittig, dass die Voraussetzungen für Qualitätsjournalismus nach der (vorläufigen) Überwindung der Medienkrise sehr viel schlechter geworden sind: Es wird in absehbarer Zeit wohl nur noch zwei große überregionale Tageszeitungen in Deutschland geben: Die Welt ist trotz erheblicher Anstrengungen chronisch defizitär und die Frankfurter Rundschau ist dabei, sich stärker auf die Regionalberichterstattung zu konzentrieren. Bleiben also die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche, die ihre unterschiedlichen Profile, auch das ist ein Ergebnis der Krise, eher geschärft haben.</p>
<p>Was können aber Zeitungen tun, um sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen? Welche Zukunft hat der Qualitätsjournalismus in der Tageszeitung &#8211; vor allem in Konkurrenz zu Internet und Fernsehen? Das sind Fragen, die sich nur beantworten lassen, wenn man noch einmal einen Blick auf die schon angesprochenen Bedrohungen wirft.</p>
<ol>
<li> Mehr Geld für mehr Qualität wird es vermutlich in den nächsten Jahren nicht geben.<br />Weder die Umfänge der Zeitungen noch die Zahl der Redakteure werden spürbar<br />wachsen. Einige Werbemärkte, zum Beispiel Rubrikenanzeigen für Immobilien oder<br />gebrauchte Autos, haben sich in das Internet verlagert.</li>
<li>Die Nachrichtengrundversorgung werden zunehmend Rundfunksender, Fernsehen und vor allem Angebote wie SpiegelOnline übernehmen, auch wenn sie vielfach ökonomisch wenig einbringen.</li>
<li>Die politischen Prozesse bleiben kompliziert, aber der Trend zur Zuspitzung und Personalisierung, mithin also zur Boulevardisierung wird anhalten.</li>
<li> Das Leseverhalten ändert sich dramatisch. Zwar verbringen die Bürger immer mehr Zeit mit Mediennutzung, aber die Zeitungen profitieren davon nicht. 1980 betrug die durchschnittliche Lesezeit von Tageszeitungen 38 Minuten, im Jahr 2000 waren es nur noch 30 Minuten (Glotz/Meyer-Lucht 2004).<br />Auf diese Entwicklung kann es nur zwei Antworten geben: konservatives Beharren oder die Anpassung an vermeintlich modernere Medien. Letzteres scheint wenig Erfolg versprechend zu sein, denn mit jeder weiteren Anpassung der Tageszeitung an das Internet &#8211; wie sie zum Beispiel bei Welt kompakt oder News zu sehen ist &#8211; macht sie sich über-flüssig. Eine Chance hat sie nur mit überlegener Analyse und vor allem einer wesentlich zuverlässigeren und umfangreicheren Recherche. Das Monopol zu informieren haben die Zeitungen immer stärker verloren; selbst den Lokalzeitungen erwächst heute Konkurrenz durch Internet-Angebote, Stadtmagazine und kostenlose Anzeigenblätter. Das beste Unterscheidungsmerkmal, das Zeitungen haben, ist die Qualität der Information. Ein neuer journalistischer Empirismus und policy-Analysen, wie man sie weder im Fernsehen noch im Internet findet, könnten Qualitätszeitungen ihr Überleben und ausreichende Auflagezahlen sichern.</li>
</ol>
<p>Gleichzeitig mit der Wirtschaftskrise zu Beginn des neuen Jahrtausends ist auch die postmoderne Überflussgesellschaft an ihr Ende gekommen. Ihr medialer Ausdruck war der sogenannte Pop-Journalismus, der das Phänomenologische wichtiger nahm als die Fakten. Für ihn muss es auch künftig Reservate geben &#151; im Feuilleton oder im Gesellschaftsteil. Irrpolitischen Teil der Zeitung hat er nichts (mehr) zu suchen.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Augstein, Franziska 2004: Wo der Stuss sich drängen darf &#8211; Rede zur Lage des Feuilletons; in: Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft, 51. Jg., H. 12, S. 31-34<br />Glotz, Peter/Meyer-Lucht, Robin (Hg.) 2004: Online gegen Print. Zeitung und Zeitschrift im Wandel, Konstanz<br />Leinemann, Jürgen 2004: Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker, München Meng, Richard 2002: Der Medienkanzler. Was bleibt vom System Schröder?, Frankfurt/Main</p>
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		<title>Dienstleister oder Aufklärer?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 17:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nivellierung, Inszenierung und Public Relations als Gefahr für die &#132;Vierte Gewalt&#148;` aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005), S. 34-48 Die Vorschuss-Lorbeeren für eine ungehinderte journalistische Arbeit in Deutschland sind gewaltig, der rechtliche Rahmen für die so genannte &#132;Vierte Gewalt&#148; kaum zu beanstanden. &#132;Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nivellierung, Inszenierung und Public Relations als Gefahr für die &#132;Vierte Gewalt&#148;`</p>
<p>aus: Vorgänge  Nr. 169 ( Heft 1/2005), S. 34-48</p>
<p>Die Vorschuss-Lorbeeren für eine ungehinderte journalistische Arbeit in Deutschland sind gewaltig, der rechtliche Rahmen für die so genannte &#132;Vierte Gewalt&#148; kaum zu beanstanden. &#132;Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates; insbesondere ist eine freie, regelmäßig erscheinende politische Presse für die moderne Demokratie unentbehrlich&#148;, heißt es in der Spiegel-Entscheidung des BVG vom 5. August 1966. Zwar ist dieses Urteil des Bundesverfassungsgerichts schon fast 40 Jahre alt, aber auch die Rechtsprechung der folgenden Jahre orientierte sich an dieser Leitlinie. Später wurde auch der Informantenschutz und die Vertraulichkeit der Redaktionsarbeit abgesichert (BVG, 25.1.1984). Im Laufe der Zeit bildete sich die Faustregel heraus: Je größer das Informationsinteresse der Öffentlichkeit an einem bestimmten Vorgang, desto wichtiger ist das Grundrecht der Pressefreiheit vor den übrigen Grundrechten und den allgemeinen Gesetzen (vgl. Kredithai-Entscheidung des BVG vom 20.4.1982).</p>
<p>Das so genannte Informationsinteresse ist aber kein statischer, unveränderbarer Begriff. Deshalb stellt sich die Frage, ob die rechtlichen Privilegien der &#132;Vierten Gewalt&#148; sich nicht mit dem veränderten Informationsinteresse der Gesellschaft &#8211; und den gesamten medialen Rahmenbedingungen &#8211; wandeln. Ungeklärt ist, ob, zugespitzt formuliert, die &#132;Vierte Gewalt&#148; am Ende nur noch viertklassig ist und die Schutzrechte der Pressefreiheit langsam bröckeln. Das breite Interpretations-Spektrum zum &#132;Caroline-Urteil&#148; illustriert, wie sich Veränderungen in der Medien- und Gesellschaftskultur auf die Spruchpraxis hoher Gerichte auswirken.</p>
<p>Da sich zusätzlich der gesamte Politikprozess und die Kompetenzverteilung zwischen den verschiedenen politischen Ebenen grundlegend verändert hat, wird die Frage aufgeworfen, welche Rolle den Medien als &#132;Vierter Gewalt&#148;, als Kontroll- und Kritikinstanz künftig noch zukommt.</p>
<p>Die etablierte Politik befindet sich schon seit Jahren im Zustand einer Dauerkrise, auf-geregt und nervös &#8211; aber oft auch folgenlos &#8211; begleitet von den Medien. Politik ist ein zähes, schwerfälliges, kompliziertes, verschachteltes und meist sehr belastendes Geschäft. Die handelnden Akteure &#151; selbst im Bundestag &#8211; kennen ihre Grenzen. Das Ende der Politik und die Dominanz der Ökonomie wird mittlerweile nicht nur auf Akademietagungen thematisiert. Der tägliche Politikbetrieb, die unendliche Papierproduktion, die oft unkoordinierten Sitzungen bis tief in die Nacht, das Gefühl der Ohnmacht und der Einflusslosigkeit, der Druck der Überforderung und der Inkompetenz, die Abhängigkeit von Fraktionsspitzen oder Ministern &#8211; all das lässt sich kaum vermitteln. Viele relevante Entscheidungen spielen sich im Verborgenen &#8211; hinter den Kulissen &#8211; unter dem bestimmenden Einfluss von Ministerialbürokratie und mächtigen Lobbygruppen ab. Jürgen Leinemann hat diese Zusammenhänge anschaulich in seinem Buch Höhenrausch &#8211; Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker ausgeleuchtet. Der frühere Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Konrad Schacht, bilanzierte im Lichte dieser Entwicklungen und von 30 Jahren aktiver Politikerfahrung, es sei durchaus rational, sich nicht politisch zu engagieren.</p>
<p>Die Folge dieses Politikbetriebs, in dem die Wirtschafts-Lobby faktisch den Ton angibt und mit ihrem &#132;Ökonomisierungs- und Privatisierungsdiskurs&#148; schon längst Querschnitts-Politik betreibt, ist ein Zuwachs von &#132;Darstellungspolitik&#148; &#8211; quasi der Ersatz für die klassische Politikvermittlung der &#132;Vierten Gewalt&#148;. Der DGB-Vorsitzende Sommer hatte in seiner ersten öffentlichen Präsentation die &#132;Meinungsführerschaft&#148; der Wirtschaftsverbände beklagt. Ihnen sei es gelungen, ihre &#132;ökonomischen Interessen&#148; in der Öffentlichkeit als &#132;allgemeine Interessen&#148; darzustellen. Seitdem hat sich dieses Zerrbild noch verschärft. Gerade in ökonomischen Fragen gibt es mittlerweile in Wissenschaft und Publizistik einen gedanklichen Mainstream, der das Denken in Alternativen von vorneherein ausschließt. Nicht nur Minister, Ministerpräsidenten und Oberbürgermeister verlegen sich auf Grund reduzierter Handlungsspielräume zunehmend aufs Repräsentieren als Politikersatz, hecheln von Termin zu Termin, haben kaum Zeit zum Denken oder gar die Muße, ein Problem wirklich zu durchdringen. Die mediale Außendarstellung hat stets Vorrang vor der konzeptionellen Innenausstattung. Politik &#151; so lautet ein geflügeltes Wort in der Berliner Republik &#8211; ist nur das, was in den Medien stattfindet. Allein Medienpräsenz bietet heute die Legitimationsgrundlage für den politischen Betrieb. Medienbeachtung ist die Währung, in der politischer Erfolg gemessen wird; sie ist die Orientierungsmarke, in der sich Beliebtheit und Bekanntheit in den wöchentlichen Rankings spiegeln. In unserer &#132;Erfolgsgesellschaft&#148; werden die Medien folglich auch Fluchtpunkt für Politiker, die mit Medienpräsenz ihre eigene Ohnmacht, aber auch ihre Schwäche im parlamentarischen System überspielen. Die Darstellung von &#132;inszenierter Politik&#148; überwiegt gegenüber der kritischen Reflexion von &#132;tatsächlichen Politik-Prozessen&#148;.</p>
<p>Die Tendenz zur Medien-Sucht haben die Akteure auf der anderen Seite längst erkannt. Der Medienforscher Horst Röper hat das Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den Medien ganz nüchtern analysiert und festgestellt, dass &#132;die Medienkonzerne einflussreicher sind als die Parlamente&#148;. Auch der Bundestagspräsident hat wiederholt den Einflussverlust der Parlamente gegenüber den Talkshows beklagt. Dabei haben wir in Deutschland eine auf den ersten Blick paradoxe Situation: Der Medienmarkt ist in den vergangenen Jahren explodiert, und gleichzeitig haben sich zwischen den Print-, Hörfunk- und Fernsehmärkten unbemerkt gewaltige Konzentrationsprozesse vollzogen. Diese kämpfen unter enormem Konkurrenzdruck um die Gunst der Werbekunden und der Zuschauer, Zuhörer und Leser &#150; bevorzugt in der von der Werbewirtschaft ikonisierten jungen, konsumstarken Zielgruppe unter 40 Jahren. Die medieninternen Konzentrationstendenzen &#150; etwa durch die zunehmende Zentralisierung von redaktionellen Entscheidungen &#150; in großen Regionalzeitungen oder Sendern, werden kaum registriert. Auch wenn Lokalredaktionen nicht mehr autonom entscheiden können, reduziert sich der Pluralismus von Meinungen und Positionen.</p>
<p>Diese Tendenzen in der Bundesrepublik greifen wie ein großes Zahnrad ineinander und bedingen sich wechselseitig. Es gibt eine konsistente Linie, die vom blockierten Politikbetrieb zur Ersatzfunktion der medialen Präsenz und schließlich zur Verkürzung der Realität führt. Zugespitzt lautet die These, dass die Entscheidungsschwäche der Politik die Flucht in die mediale Welt begünstigt und die daraus entstehende Realitätsverkürzung ein verzerrtes Bild von Politik und Gesellschaft bietet. Der Kanzler hat dies anschaulicher ausgedrückt, als er von dem politikbestimmenden Dreieck &#132;Bild, BamS und Glotze&#148; sprach.</p>
<p>Es erscheint also nicht übertrieben, wenn wir heute von der &#132;Medien-Demokratie&#148; sprechen, in der die parlamentarische Demokratie aufgegangen ist. Dies steht zwar noch nicht in den Sozialkundebüchern und auch nicht in den Schriften der Bundeszentrale für politische Bildung. Ulrich Sarcinelli sieht die Parteien-Demokratie nach dem exemplarischen Studium des NRW-Wahlkampfes 2000 lediglich &#132;auf dem Weg zur Mediendemokratie&#148;. Aber &#150; jenseits von Düsseldorf &#150; werden selbst die Akteure im Berliner Reichstag der eindeutigen Tendenz zur medial bestimmten Demokratie nicht widersprechen. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, plädiert dafür, dass die Politik ihr Verhältnis zu den Medien neu bestimmt und empfiehlt, &#132;die Medien als eigenständige Machtsphäre statt als verlängerten Arm des Politischen zu begreifen&#148;. Dieser überfällige Diskurs-Prozess würde zumindest die Lage in der Berliner Mitte verklaren. Der zunehmenden Mediatisierung von Politik hat auch die Zeitschrift Cicero Rechnung getragen: Sie misst dem Feld der Medien eine ähnliche Bedeutung zu wie der Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik.</p>
<h5>Infor&shy;ma&shy;ti&shy;ons&shy;-E&shy;lite und Unter&shy;hal&shy;tungs&shy;-Pro&shy;le&shy;ta&shy;riat</h5>
<p>Im Lichte dieser Ausgangslage und eingebettet in eine permanente Reizüberflutung und Aufmerksamkeits-Beanspruchung der Bürger suchen Politiker folglich nach Momenten der Publikumszuwendung zwischen Reklame, Kino, Musik, Konzerten etc, im Konsum-Paradies Deutschland. Das höchste Gut für einen Politiker ist heute das Produkt &#132;Aufmerksamkeit&#148;. Um dies zu erreichen, ist kein Weg zu steinig, kein Kompromiss zu schwer, keine Anbiederung zu plump.</p>
<p>Die Folge dieser Entwicklung ist, dass Politiker auch auf die Unterhaltungs-Bühne treten müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Auffällig ist, dass etwa für die Einladung in Talkshows immer noch der Faktor Prominenz entscheidend ist. Mehr als die Hälfte aller Auftritte bestreiten etwa 20 Politiker, ermittelte das Kölner Institut für empirische Medienforschung. Die Zuschauer bemängeln zwar die &#132;Selbstinszenierung&#148; von Politkern und auffällig auch die mangelnde Kompetenz der &#132;Talkmaster&#148; &#150; dies scheint aber den Konsum der Shows nicht zu beeinträchtigen. Sabine Christiansen gilt unter den Vertretern der politischen Klasse in Berlin immer noch als die &#132;wichtigste Bühne&#148;. Tissy Bruns vom Berliner Tagesspiegel hat die Lage so zusammengefasst: &#132;Die Medien (reagieren) immer überhitzter, die Politiker immer flacher, das Volk wird immer dümmer, weil alle Politik zur Unterhaltung, zum Schlagabtausch nach Reiz-Reaktions-Schema wird.&#148; Wir haben es also mit einer kleinen Informations-Elite und einem großen, wahlentscheidenden Unterhaltungs-Proletariat zu tun.</p>
<h5>Die wichtigsten Trends innerhalb der Trivi&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rungs&shy;spi&shy;rale</h5>
<p>                                                                                                                                  Auchdie Bürger fliehen zunehmend in ihr visuelles Unterhaltungs-Paradies. Selbst journalistische Enthüllungen sind in diesem hitzigen Klima immer öfter eine weitere Spielart der Unterhaltung. Auch die Nachrichtenproduktion in Deutschland hat sich dem Trend zum Entertainment angepasst. Der Rausch der Nachrichtenbilder aus aller Welt wird nicht selten zu einem rasanten Bilder-Cocktail vermengt, der kaum mehr etwas vermittelt, aber das gute Gefühl hinterlässt, man wisse ja, was gerade rund um den Globus passiert.</p>
<p>Nicht nur mit &#132;moderierten Nachrichten&#148; haben sich die Medien auf die Bedürfnislage des Publikums und die gleichzeitige Randlage der Politik eingestellt. Entscheidende Veränderungen im Nachrichtengeschäft hat Georg Ruhrmann (Universität Jena) in seiner Studie &#132;Info mit -tainment&#148; festgestellt: &#132;Vorallem die Nachrichtenfaktoren Konflikt, Negativität sowie Nutzen und Prominenz beeinflussen die Auswahl der Journalisten.&#148; &#132;Es gibt eine zunehmende Orientierung der Nachrichtenredakteure an Sensationalismus und Emotionen.&#148; Die Nachrichtenfaktoren &#132;Vereinfachung, Identifikation und Sensationalismus befördern die Rezeption&#148;. Ingesamt bestätigen seine Untersuchungen die These der Konvergenz von öffentlich-rechtlichen und privaten Programmanbietern. Ihre Angebote sind für viele Zuschauer nicht mehr unterscheidbar; 30 Prozent vergessen bzw, vermeiden Nachrichten und sind kognitiv nicht mehr erreichbar. Fraglich ist, ob die Medien im Feld dieser Koordinaten die ihnen zugewiesene Rolle als &#132;Kontrollinstanz&#148; noch wirksam wahrnehmen können. Denn die Chancenstruktur und der Raum für die zugewiesene anspruchsvolle Aufgabe werden immer brüchiger.Folgende Trends fügen sich zu einem medialen Bildschirm:Es gibt eine Komplexitätsfalle, der man selbst in journalistischen Formaten entgehen will. Politik soll Spaß machen, nachvollziehbar sein, betroffen machen. Eine Vereinfachungs-Spirale dreht sich mit beeindruckendem Tempo immer weiter. In Kursen zum Thema Boulevard-Journalismus für Politikjournalisten (in der ARD) wird deshalb auch konsequent die erlösende Losung vermittelt: &#132;Informations-Reduzierung bedeutet Quotensteigerung.&#148; Selbst unter den Machern der politischen Magazine hat sich das böse Wort der &#132;Politik-Politik-Themen&#148; eingeschlichen. Übersetzt heißt das: Reine Politikberichterstattung über Prozesse, Hintergründe und ungeklärte Konflikte ist schlecht verkäufliche Ware. Ratgeber-Themen &#132;laufen besser&#148;.</p>
<p>Hier schließt sich eine Personalisierungsfalle an. Themen, die keine durchgehende Personalisierung zulassen, fallen durch das Raster der &#132;Planer&#148;, die formatgerechte Kriterien erfüllen müssen. Die Expansion der Talkshows auf allen Kanälen und Wellen stützt diesen Trend. Auffällig ist hier, dass es eine Korrelation gibt zwischen der Bereitschaft von Politikern, an &#132;weichen Sendungen&#148; von Kerner bis Christiansen teilzunehmen, und gleichzeitig konventionelle Interviewwünsche politischer Magazine oder von Hintergrund-Sendungen abzulehnen.</p>
<p>Im Sog der nahezu besinnungslosen Service-Orientierung ist eine Nutzwert-Falle festzustellen. Die Kriterien, wann ein Thema zur Nachricht oder zum vertiefenden Bericht wird, haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Statt der üblichen Relevanzkriterien und bewährten Nachrichtenfaktoren geht es nun um Gesprächswert, Nutzwert, Unterhaltungswert einer Nachricht. Der Informationswert &#150; im politischen Sinne &#150; gerät in eine Randposition. In seiner fortgeschrittenen Vollkommenheit ist diese Tendenz in den Privatradios an Standorten mit hoher Konkurrenz &#150; wie etwa Berlin &#150; hörbar: die Ergebnisse der geistigen Selbstverdünnung zwischen Quiz, Hits und Clips. Aber auch die populären Wellen der öffentlichrechtlichen Konkurrenz bewegen sich mitten in dieser Konkurrenzspirale. Mit wachsendem Publikumserfolg, was die Hörer-Resonanz angeht; dies weisen aktuelle Media-Analysen aus. Kein Wunder: Beide Systeme beschäftigen seit Jahren die gleichen Beratungsfirmen, die den Radiomarkt &#150; von den Kultur- und Infowellen abgesehen &#150; normiert haben. Der Wortanteil ist in den vergangenen Jahren auch bei seriösen Wellen um rund 25 Prozent reduziert worden. Die alte Konvergenz-These &#150; also die erwartete Anpassung der beiden Systeme in Inhalt, Stil und Anmutung &#150; wird heute wohl niemand mehr ernsthaft bestreiten. Alle Medien bedienen sich am Supermarkt der Wirklichkeit und haben dabei einen besonderen Blick auf das Leichte, Seichte, Schräge und natürlich Unterhaltsame. Zerstreuende und kommerzorientierte Programmangebote sind in den Mssenprogrammen eindeutig programmprägend.</p>
<p>Zu all diesen Tendenzen kommt &#150; sozusagen als verbindendes Glied zwischen Politik und Journalismus &#150; die Kompetenz/alle. Nicht wenige professionelle Beobachter haben beobachtet, dass Politiker in der Regel den Journalisten überlegen sind. Sie haben meist &#132;leichtes Spiel&#148; mit Journalisten, die froh sind, einen soundbite oder eine oneliner abzufangen und den dann in der Redaktion abzuliefern. Insgesamt gibt es die Tendenz &#150; vor allem in den elektronischen Medien &#150; hin zum Producer, der Themen nach Vorgabe umsetzt und überhaupt kein Interesse mehr an eigener Einordnung oder gar individueller, aus Erfahrung gespeister Kommentierung hat. Der Journalistentyp eines Karl Feldmeyer (FAZ) scheint langsam auszusterben.</p>
<p>Ergänzt wird dieser Werkstattbericht durch zunehmende Bemühungen der Pressestellen und beauftragten PR-Agenturen, in den Prozess des Agenda-Settings und Agenda-Cuttings einzugreifen. Das bedeutet: Das Ausmaß an gesteuerter und blockierter Information wird immer größer. Versierte Medienprofis verfolgen das Ziel der Erwartungs-Steuerung des Publikums. Kombiniert wird dieser Trend mit dem Bemühen der Themen-Ausblendung und der Themen-Akzentuierung mit einem bestimmten, vorher geplanten wording. Dass dies immer reibungsloser und selbstverständlicher funktioniert, beweisen die täglichen, knappen &#132;Statements ohne Nachfrage&#148; der wichtigsten Akteure in den elektronischen Medien und Nachrichtenagenturen. Die Hektik des Politikbetriebs in Berlin verschärft diesen Trend zur Oberflächlichkeit. Professionelle Medienstrategen konzentrieren sich bei ihrem Geschäft gerne auf die mächtigen Nachrichtenagenturen und die relevanten Fernsehkanäle und versuchen, über sie ihre Botschaften zu platzieren. Gegen die Macht der Agenturen kommt dann selbst etwa ein gutwilliger und kompetenter Hörfunk-Redakteur nicht mehr an. Die Zentralen stützen sich in der Praxis in der Regel allein auf das Agenturmaterial, ohne zu prüfen, auf welcher Grundlage dieser Service entstanden ist.<br />Zu dem Spiel auf der Medienbühne gehören auch der rasche Wechsel von Themen, die kaum aufgeworfen &#150; in der Fachsprache heißt das &#132;angeteast&#148;&#150; sind und schon wieder von der Agenda verschwinden. Es gibt also einen großen Themenverschleiß; die Spirale des aktuellen &#132;News-Durchlaufs&#148; dreht sich immer schneller. Nur wenige Themen können sich mittel- und langfristig &#132;halten&#148;, meist nur, wenn ihre Sinnstruktur einfach ist und gleichzeitig polarisiert zwischen den politischen Lagern diskutiert wird. Wolfgang Schäuble hat diesen Trend beklagt, aber auch kein Gegenrezept verraten, wie man auf die immer rascher aufeinander folgenden Themenkonjunkturen reagieren könnte. Ernsthaftere Themen haben in diesem Raster nur noch einen Platz am Rand.</p>
<p>Was wichtig und was unwichtig ist, welche Themen interessieren und welche lang-weilen, geht immer wieder auf die in der &#132;Quote&#148; gemessene Zuschauer- oder Zuhörer-Resonanz zurück. Im Print-Bereich entscheiden die Auflagenzahlen. Selbst bei den Agenturen liegen morgens schon die Abdruck-Ergebnisse der einzelnen Geschichten auf dem Tisch. Sogar Alfred Biolek beklagt den Trend zur Quotenfixierung. Früher sei er gefragt worden, ob er eine gute Sendung produziert habe. Heute würde er nur noch nach der Quote gefragt. WDR-Redakteure wollten in ihrem Hause den Leitsatz &#132;Die Qualität hat der Quote voranzugehen&#148; durchsetzen. Dieser einfache Satz kam einer Palastrevolution gleich, unannehmbar für die Unternehmensleitung. Die Folge: Rein quantitative Kriterien bestimmen das Ranking im journalistischen Alltag und damit die Ressourcenausstattung.</p>
<p>Der Trend zur Unterhaltung hat in den elektronischen Medien aber noch einen anderen simplen Grund. Talk-Formate, Call-In- und Service-Sendungen aller Art sind billiger zu produzieren. Da auf Grund teurer Show-Sendungen, explodierender Sport- und Spielfilmrechte etc. die Budgets immer knapper werden, geraten journalistisch aufwendigere Produktionen stärker in den Hintergrund. Die immer wieder aufkeimende Diskussion über die Reduzierung und neuerdings auch die Verkürzung (auf 30 Minuten) der politischen Magazine in der ARD ist ein Sinnbild für diesen Medien-Trend. Die (Kontroll-) Gremien schauen weitgehend zu, verstehen sich als Teil des Managements und interessieren sich allenfalls für branchenspezifische oder regionale Partikularinteressen. Wissen sie, was mit der Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148; gemeint ist?</p>
<h5>Public Relations als Gefahr f&uuml;r den Journa&shy;lismus</h5>
<p>Am wirksamsten wird die vermeintliche Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148; jedoch von einer stillen Macht ausgehöhlt, die auf leisen Sohlen den Journalismus zunehmend bedroht. Und dies, ohne dass es öffentlich bemerkt würde. Es geht um den Einfluss der PR-Industrie, zu der die meisten Journalisten ein naives, unkritisches Verhältnis pflegen. In fast keinem journalistischen Lehrbuch findet sich auch nur ein Kapitel zum Thema &#132;PR&#148;, in dem die Motive und Methoden der florierenden Branche untersucht werden. Keine Warnungen, keine Hinweise, keine skeptischen Gedanken. Vielleicht liegt das daran, dass viele PR-Berater sich selbst als Journalisten sehen und vielleicht sogar ihre Mitgliedsbeiträge an die gleiche &#132;Gewerkschaft&#148; (DJV) abführen. Die meisten Journalisten haben längst die &#132;Vermittler- und Service-Rolle&#148; der PR-Agenturen akzeptiert, &#132;verkaufen&#148; gerne weiter, was ihnen zuvor &#132;verkauft&#148; wurde. Nicht nur für den Schweizer Publizisten Rene Grossenbacher steht der publizistische Sieg der PR-Branche über den recherchierenden Journalismus fest: &#132;Das Public-Relations-System hat auf Kosten der Medien und der Journalisten gewonnen; dieser Trend wird anhalten.&#148; Fast zwei Drittel der Berichterstattung basieren auf &#132;offiziellen Verlautbarungen, Pressekonferenzen, Pressemitteilungen und anderen PR-Quellen&#148;. Weil nur noch jeder zehnte Artikel aus eigener journalistischer Initiative entstehe, so Grossenbacher, mutiere der Journalist zunehmend zum &#132;Textmanager&#148;, der sich &#132;aufs Kürzen und oberflächliches Neutralisieren von Texten&#148; beschränke. Die viel beschriebenen Tendenzen im Journalismus &#151; wie die Nutzwert-Orientierung, die Unterhaltungs-Orientierung oder die Personalisierungs-Orientierung &#151; fördern diese Entwicklung. Andere Zwänge des Medienbetriebs führen meist zu der Frage: &#132;Lässt sich die Story rasch, unkompliziert und ohne großen Aufwand umsetzen?&#148; Bei der Beantwortung dieser Frage sind die PR-Referenten auf allen Ebenen gerne behilflich. Sie fungieren gleichsam als Informations-Transformatoren, als intellektuelle Sauerstoff-Oasen und (kostenlose) Stoff-Lieferanten für die Medien. Am sinnfälligsten für diesen Trend ist die Arbeit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), finanziert u.a, von dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Die Imagebroschüre vom Oktober 2004 wurde von zwölf Schülern der Kölner  Journalistenschule für Politik und Wirtschaft gemacht. Vertrieben wurde die 20-seitige Broschüre als Beilage der Zeitschrift Journalist. Besonders wirksam ist der wöchentliche Redaktionsservice der von den Unternehmerverbänden finanzierten &#132;Initiative&#148;. Die Journalisten werden mit aufbereiteten &#132;Themenangeboten&#148; versorgt. Lapidar heißt es am Ende: &#132;Der TV-Redaktionsservice der INSM produziert sendefertige Beiträge, stellt 0-Töne und Schnittbilder zur Verfügung und vermittelt Interviewpartner.&#148; Diese Initia-. tive ist der Vorbote für eine Professionalisierung von journalistischer PR, die ahnungsund fraglos übernommen wird.</p>
<p>Wie sich dieses System in der Fernsehpraxis auswirkt, hat der HR-Redakteur Ingo Nathusius dokumentiert. Distanzlosigkeit, Faulheit, mangelhafte Berufsauffassung und die soziale Nähe sind demnach die Grundlagen für die Manipulations-Mechanismen, auf die sich viele Journalisten einlassen. Wie perfekt das System von &#132;Geben und Nehmen&#148; mittlerweile organisiert ist, beschreibt Nathusius anhand von zahlreichen Praxisbeispielen. Doch die Mischung aus &#132;Bilderwahn und Zeitdruck&#148; &#151; sozusagen das Gleitmittel der bestellten Wahrheiten &#151; kommt nicht ohne die Produzenten im schnellen Geschäft aus: &#132;Es lockt wenig Dichter und Denker an. Eher mögen vorbehaltlose Einsatzfreude, Flexibilität, ein Hauch Oberflächlichkeit und eine Prise Eitelkeit vorherrschen. In solchen Strukturen ist das Bedürfnis nach Selbstkritik und Reflexion gering.&#148;</p>
<p>In einer Zeit, in der nach dem großen Boom erstmals die Berufsgruppe der Journalisten mit Entlassungen zu kämpfen hat und PR-Unternehmen sich als Jobmaschinen präsentieren, werden früher gültige Tabuzonen geöffnet, gelten bewährte Standards nicht mehr. Der private Rundfunk &#151; besonders in den Metropolen &#151; müsste sich eigentlich als &#132;Dauerwerbesendung&#148; etikettieren; denn nirgendwo sonst wird so schamlos zwischen redaktionellen und &#132;gekauften&#148; Beiträgen changiert. Bei Rockland-Radio gibt es im Programm sogar regelmäßig gekaufte &#132;Info-Minuten&#148;. Renommierte Tageszeitungen wie der Tagesspiegel oder die Süddeutsche Zeitung räumen sogar ihre Titelseiten für die Werbung. Aber längst ist es kein Geheimnis mehr, dass bestimmte Publikationen nicht mehr für den Lesermarkt, sondern allein für den Anzeigenmarkt kreiert werden. Nicht selten liefern die Redaktionen das ansprechende Umfeld für die Werbung; zu diesem Zweck gibt es langfristige Beilagen-Planungen und kurzfristige Absprachen zwischen Redaktion und Anzeigen-Abteilung. Nicht wenige Verlage unterhalten noch eigene Konkurrenz-Blätter in ihrer Region, um einen ernsthaften publizistischen Wettbewerb zu unterbinden. In diesem Rahmen ist der Spielraum der Public Relations schier grenzenlos. Thomas Gierse von der Rhein-Zeitung beklagt die entsprechenden Tendenzen im Almanach für Journalisten (2002). Sein pragmatisches Fazit: &#132;Passives Hinnehmen solcher Trends, Kapitulieren vor den immer wieder neu formulierten Ansprüchen der PR-Macher muss dennoch nicht sein.&#148; Am Ende empfiehlt der Lokalredakteur &#132;einen ehrlichen Umgang miteinander&#148; und warnt vor dem Verfall der Sitten. Vielleicht hilft auch der wachsweiche Hinweis des Deutschen Presserates, der im Pressekodex mahnt, die Grenze zur Schleichwerbung nicht zu überschreiten. Im Presserat ist man in jüngster Zeit etwas hellhöriger geworden, nachdem Journalistenvereinigungen eine strikte Trennung von PR und Journalismus gefordert hatten. Aber auch ein Blick in die Landespressegesetze wäre nützlich; hier wird immerhin die Kennzeichnung entgeltlicher Leistungen gefordert. Stumpfe Gesetze, professionelle PR-Leute, überforderte Produzenten &#150; das ist das Klima, in dem die Informations-Setzung der bezahlten Kommunikation vortrefflich gedeiht. Manchmal verdichtet sich der Eindruck, dass Journalismus zunehmend zur Kommentierung von Marketing verkommt. Den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts liegt ein anderes Verständnis von Journalismus zu Grunde.</p>
<h5>Die Medien als viertes Rad der PR-In&shy;dus&shy;trie?</h5>
<p>Der Kampf um Aufmerksamkeit der Kunden wird im Zeitalter der Reizüberflutung künftig wesentlich auf dem Feld der PR ausgetragen. Die Ausgaben für klassische Werbung sind in den vergangenen Jahren bereits um etwa 5 Prozent geschmolzen. Sponsoring, Sonderwerbeformen, PR, Gewinnspiele und andere versteckte Werbeformen wachsen dagegen. Ziel ist die möglichst &#132;kreative inhaltliche und formale Vernetzung unterschiedlicher Werbeträger&#148;, wie Annette Coumont (&#132;Spezialistin für vernetzte Kommunikationslösungen&#8220;) in der WDR-Hauszeitschrift Print (9/2002) schreibt: &#132;Ziel ist die Verzahnung von klassischen und nicht-klassischen Medien, um den maximalen werblichen Gesamtnutzen zu erreichen.&#148; Konzepte für diese gewinnträchtigen Crossmedia-Aktivitäten entstehen unter anderem in PR-Agenturen. Es besteht also die ernst zu nehmende Gefahr, dass publizistische Aufgaben mit kommerziellen Interessen vermischt werden, ohne dass dies für die Mediennutzer erkennbar wäre. Volker Lilienthal hat diese kommerziellen Verknüpfungen unter anderem am Beispiel des ZDF detailliert dokumentiert. Damit konnten zwar einige Korrekturen eingeleitet werden, aber das Grundproblem der kommerziellen Durchdringung bleibt. Die Medien &#150;&#132;Vierte Gewalt&#8220; oder viertes Rad am Wagen der PR-Industrie? Eine Frage, die sich viele Journalisten überhaupt nicht stellen. Wie die Verschmelzung von Journalismus und PR in der Praxis aussieht, hat Andrea Köhler am Beispiel der US-Pharmaindustrie in der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben. Veronika Hackenbroch ergänzt dieses Stimmungsbild mit ihrem Spiegel-Beitrag über die Pharmaindustrie, die Allerweltsleiden immer häufiger zu bedrohlichen Krankheiten aufbauscht (Spiegel 36/2002). Jörg Blech (Der Spiegel) hat ebenfalls zahlreiche Fallbeispiele in seinem Sachbuch zu den &#132;erfundenen Krankheiten&#148; beigesteuert. Viele PR-Insider werden wissen, wie man Selbsthilfegruppen für bestimmte Krankheits-Profile gründet und begleitet &#150; nur um neue Märkte zu schaffen und die Nachfrage zu stimulieren. Die Anzeigen- und PR-abhängige Medizinpresse spielt bei diesen &#132;Aufklärungs-Kampagnen&#148; gerne mit. Die Kassenärztlichen Vereinigungen stellen zudem die &#132;passenden Moderatoren&#148; für die &#132;patientenorientierten Gesundheits-Magazine&#148;.</p>
<p>Wie diese Tauschbeziehungen wirklich funktionieren, haben britische Kollegen am Beispiel der Tabak-Lobby detailliert nachgezeichnet. In Deutschland gibt es nur ganz wenige gründliche Recherchen über die Praktiken der PR-Industrie.</p>
<p>Auffällig ist, dass die PR besonders im Konsumgütermarkt (Tabak, Autos, Reisen, Musik, Film) längst akzeptiert ist. So investierten die Produzenten von Pearl Harbour 5 Millionen Dollar für eine ausgefallene Pressekonferenz zum Start des Films. PR-Etats von 50 bis 100 Millionen Dollar sind in dieser Branche keine Ausnahme.</p>
<p>Sicher gibt es die ehrenwerten PR-Abteilungen etwa von Universitäten oder Bibliotheken. Ihre Absicht ist allein die unvoreingenommene, faire, ehrliche und umfassende Information der Journalisten. Solche Ausnahmen mag es in der PR-Szene geben. Der Normalfall ist allerdings durch den klaren Auftrag eines Kunden an den Dienstleister definiert. PR-Firmen sind ihren kommerziellen Auftraggebern verpflichtet, die für die Durchsetzung ihrer Interessen in der Öffentlichkeit bezahlen. Die Medien haben allerdings einen entgegengesetzten Auftrag. Sie sollen möglichst unvoreingenommen die Leser, Zuhörer oder Zuschauer über wichtige Vorgänge informieren und aufklären. PR und Journalismus verhalten sich also wie der Teufel zum Weihwasser. PR-Vertreter müssen interessengeleitet die &#132;halbe Wahrheit&#148; verkaufen, Journalisten müssen unabhängig ein Thema umfassend ausleuchten, also die &#132;ganze Wahrheit&#148; vermitteln.</p>
<p>Wenn Konflikte im Spiel sind, haben PR-Agenturen die Aufgabe, Journalisten bei ihrer Arbeit zu behindern und sie möglichst mit Teilinformationen abzuspeisen. Die Informations-Blockade bis hin zur Verweigerung gehört zum ganz normalen Geschäft. Es liegt im Kalkül der PR-Agenturen und im Interesse der Auftraggeber, nur Ausschnitte ihrer Realität zu präsentieren, während Journalisten &#132;alle Seiten hören sollen&#148; und keine Favoriten in der Berichterstattung haben sollen. Selbst die kleinste Kreisverwaltung hat. Mittlerweile das Handwerk der subtilen Desinformation, der Teilinformation oder der hybriden Nicht-Information gelernt. Die in den Landespressegesetzen niedergelegte &#132;Auskunftspflicht&#148; ist für sie eine Farce. Die hartnäckigen Widerstände der Industrie und von einzelnen Ministerien gegen ein Informationsfreiheitsgesetz auf Bundesebene illustrieren zudem die Bedeutung des Informationszugangs für Journalisten. Die gravierenden Veränderungen in diesem Sektor haben das Bundesverfassungsgericht und andere höhere Gerichte in jüngster Zeit noch nicht aufgegriffen. Defizite in der meist affirmativen Kommunikationswissenschaft führen dazu, dass solche Erkenntnisse auch nicht in den wissenschaftlichen Diensten der Gerichte ankommen. Die &#132;Vierte Gewalt&#148; zehrt noch von ihrem in der Vergangenheit erarbeiteten Mythos.</p>
<p>Zum Repertoire mancher PR-Agenturen gehört natürlich auch die juristische Beratung der öffentlichkeitsscheuen Kundschaft. Wie können Recherchen im Keim erstickt, wie können Autoren verunsichert und Texte verhindert werden? Der Capital-Gründer Adolf Theobald hat die Königsform der PR-Agenten damit beschrieben, dass fertige Geschichten erst gar nicht veröffentlicht werden. Natürlich gegen Honorarzahlung. Wer einen tiefen Einblick in die Präzisionsarbeit der PR-Branche werfen will, sollte das Portrait-Buch von Peter Glotz über Ron Sommer lesen. Glotz hat jahrelang die Telekommunikations-Politik im sozialdemokratischen Umfeld geprägt. Auch Stefan Aust war Mitglied in Sommers Medienrat. Das genaue Studium der Telekom-Berichterstattung im &#132;Sturmgeschütz der Demokratie&#148; ist deshalb besonders erhellend. Anschaulich ist auch das Beispiel eines &#132;PR-Managers des Jahres&#148;, Klaus Walter, Leiter der Konzernkommunikation von Lufthansa. Auch er verhinderte die Sanktionen gegen die Süddeutsche Zeitung beim Ankauf von Kontingenten für die Fluggäste durch sein Unternehmen nicht. Er wurde für sein &#132;transparentes und reaktionsschnelles&#148; Krisenmanagement ausgezeichnet. Ausgewählt wurde er von den Kollegen Kommunikationsdirektoren der Deutschen Post, Siemens, RWE und der Bundesregierung.</p>
<p>Das Thema PR und der Einfluss auf die Funktionsfähigkeit der &#132;Vierten Gewalt&#148; wird in Zukunft ganz vorne auf der Tagesordnung der Medien-Diskussionen stehen.</p>
<h5>Verzerrung, Verein&shy;fa&shy;chung und Verwand&shy;lung: Auswir&shy;kungen auf Politik</h5>
<p>Für die politische Kommunikation bedeuten all diese ineinander greifenden Prozesse zunächst einmal eine Vereinheitlichung der Kommunikationsangebote und eine Verzerrung der politischen Realität durch die Betonung einfacher, eingängiger, unkomplizierter Stoffe. Die hintergründige, stimmige, analytisch eingeordnete Information in den Massenmedien wird Mangelware. Dies betrifft vor allem den flüchtigen Massenkonsum; selbstverständlich gibt es ein überragend gutes Informationsangebot in den zweiten Hörfunkprogrammen und dem Deutschlandfunk, im Fernsehen oft nach Mitternacht oder aber im Print-Sektor in den Qualitäts-Zeitungen. Im europäischen Vergleich nimmt der Qualitäts-Sektor nach wie vor eine führende Stellung ein.</p>
<p>Die wichtigste Erkenntnis aus diesen Medientendenzen ist aber eine andere Tagesordnung der Politik. Die Medienresonanz und die Medienthematisierung wird zur bestimmenden Größe der Politikgestaltung. Die Abbildung in den Medien hat eine Ersatzfunktion, die den immer enger werdenden Gestaltungsspielraum im politischen Geschäft kompensieren soll. Die Medien geben also mit ihren skizzierten Filter- und Akzentuierungsprozessen die Richtung im öffentlich beachteten Politikprozess an. Die Medien bestimmen mit ihrer inneren Logik überwiegend die Agenda, nicht die Politik selbst. Nur was in den Medien behandelt wird, ist überhaupt Gegenstand öffentlicher Debatten und damit der Politik. Dies führt im Umkehrschluss dazu, dass die politischen Akteure zunehmend weniger auf ihre eigenen Wurzeln, Ideen und Konzepte vertrauen, sondern bereits in der ersten Stufe der Entwicklung politischer Überlegungen an den medialen Wirkungshorizont denken. Kommt dieses oder jenes an oder fällt Forderung X und Konzept Y schon durchs (vermutete) Raster des Möglichen?</p>
<p>Natürlich haben die Akteure in der politischen Arena einen erheblichen Einfluss auf die Themensetzung. Über die Ausgestaltung eines Themas im Wechselspiel mit den Medien, entscheiden sie aber nicht selbst. In der Studie zur &#132;Mediendemokratie&#148; im Auftrag der NRW-Landesanstalt für Rundfunk wurde beispielsweise herausgefunden, dass die Wahlkampfmanager verstärkt versucht hatten, fernsehgerechte Ereignisse zu inszenieren. Dieser Trend zur Inszenierung mit dem Kernziel, &#132;Bilder für Bildermacher&#148; (Goergen) herzustellen, hat deutlich zugenommen. Die Medien haben auf Grund ihrer Filterfunktion &#150; wer und was kommt an &#150; folglich auch einen indirekten Einfluss auf die Personal-Rekrutierung der Parteien. Die Faktoren &#132;Tele-Charisma&#148;, Inszenierungsfähigkeit, Medien-Vertrautheit etc, werden immer wichtiger. Auf- und Abstieg von Politikern sind oft verbunden mit ihrer jeweiligen Medienkarriere. Am Beispiel der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel konnte man die Inszenierungsfähigkeit der Medien im Herbst 2004 sehr anschaulich verfolgen.</p>
<h5>Darstel&shy;lungs&shy;po&shy;litik und Insze&shy;nie&shy;rungs&shy;druck</h5>
<p>&#132;Ein Bild sagt mehr als tausend Worte&#148; &#150; diese Volksweisheit begründet den Boom der skizzierten Bilderproduktion zur Vermittlung politischer Botschaften. Eine Untersuchung der University of Columbia belegt, dass über die persönliche Ausstrahlung zu 55 Prozent nonverbale Signale und zu 38 Prozent die Stimme entscheiden. Nur zu 7 Prozent wirkt sich der Inhalt in der Beurteilung der persönlichen Ausstrahlung aus. Diese Ergebnisse korrespondieren mit der Erkenntnis, dass der Mensch seine Umwelt mit etwa 75 Prozent über das Auge und mit etwa 10 Prozent über das Ohr wahrnimmt. Auf diese Befunde baut die Darstellungspolitik auf. Kein Wunder, dass in diesem Umfeld die Farbe der Haare des Kanzlers zwischen Natur und Grau keine unwesentliche Rolle spielt und sogar die Gerichte beschäftigt. Der medienerfahrene Politikwissenschaftler Jürgen Falter hat den politischen Betrieb immer wieder von innen besichtigt und kommt zu einem Befund, der als Leitsystem für die Entwicklung von Medienstrategien gelten kann:<br />&#132;Politik besteht heute viel stärker als früher aus einer Abfolge von Inszenierungen. Das liegt nicht zuletzt an der Ausbreitung des Fernsehens, das dem Betrachter eine scheinbar direkte Beziehung zwischen Politikern und Bürgern über den Bildschirm vorgaukelt. Scheinbar deshalb, weil das Medium mit seinen Machern, seinen Gesetzmäßigkeiten und Manipulationsmöglichkeiten ja immer dazwischengeschaltet ist. Die Gesetzmäßigkeiten des Mediums Fernsehen wiederum begünstigen bestimmte Inszenierungsformen der Politik: schnelle Statements vor laufender Kamera, 20-fach wiederholt und Talkshows in scheinbar wechselnder und doch längerfristig gesehen immer gleicher Besetzung mit 50 bis maximal 75 Gesichtern und bestenfalls zehn verschiedenen Meinungen. «</p>
<p>Mit dieser Einschätzung ist die Mahnung an den Journalismus verbunden, sich dem zunehmenden Inszenierungsdruck zu verweigern. Die entscheidende Frage ist, wie mit einem hintergründigen Journalismus auf diese Herausforderungen reagiert werden könnte. Nur durch die Verbesserung der Recherchefähigkeit &#150; sozusagen als Qualitätsscharnier für die Medien &#150; könnte ein wirksamer Gegentrend befördert werden. Würden verschiedene Aktivitäten ineinander greifen, könnte das Prinzip der &#132;Vierten Gewalt&#148; auf diese Weise wieder belebt werden.</p>
<p>Recherchefähigkeit als Qualitätsprogramm für die &#132;Vierte Gewalt&#148;<br />Berühmten Schriftstellern verzeiht man gerne, wenn sie schonungslos mit der benachbarten Disziplin des Journalismus umgehen. Henning Mankell bringt die Medien-Misere auf den Punkt: &#132;Zu viele Autoren verschwenden ihr Können auf einen verkrüppelten Journalismus, der zu nichts verpflichtet&#148;, kritisierte er harsch. &#132;Sie liefern Nachrichten als Unterhaltung.&#8220; Eine lebendige Demokratie brauche aber &#132;nachforschende, detektivisch arbeitende Journalisten&#148;.</p>
<p>Sein Appell blieb jedoch &#150; wie viele andere Mahnungen &#150; ziemlich unbemerkt und verdunstete rasch. Kein Wunder: Journalistische Selbst-Kritik, die eigene Reflexion des Gewerbes oder gar medienethische Debatten werden in Deutschland nicht gepflegt.<br />Die Folge: Im Medien-Treibhaus der Unverbindlichkeit, Schnelligkeit und Oberflächlichkeit gedeihen Mythen vortrefflich. Dazu gehört auch der Mythos des &#132;investigativen Journalismus&#148;, aber auch das Klischee der &#132;Vierten Gewalt&#148;.</p>
<p>Darauf hat jüngst der US-Journalist Seymour Hersh hingewiesen. Sey Hersh, kürzlich noch zu Recht als &#132;bester investigativer Journalist unserer Tage&#148; gepriesen, sagte ganz lakonisch in die ZDF-Kamera: Das Wichtigste sei sein Informanten-Netz. Nur gute Quellen führten zu wirklichen Enthüllungen. Schon bei seinen früheren Jobs als Pentagon-Korrespondent der Nachrichten-Agentur AP beschaffte er sich Informationen lieber in der Offiziers-Cafeteria, als in den Pressekonferenzen. Neue Kontakt-Nummern für sein Adressbuch sammelte er in internen Hauszeitschriften oder Telefonverzeichnis-sen der Ministerien. Sein Augenmerk galt besonders pensionierten oder auffälligen Mitarbeitern, die eigene Positionen formulierten. Sie könnten gute Quellen sein.</p>
<p>Erinnern wir uns: Wichtige Informationen im Dunkelfeld von Korruption und Amtsmissbrauch werden selten selbst von Journalisten &#132;ausgegraben&#148;, sie werden meist gesetzt. Scharpings verhängnisvolle Verbindung mit dem PR-Lobbyisten Hunzinger wurde zunächst dem Spiegel offeriert. Anschließend dem Stern; das Hamburger Magazin ließ sich dann auf den Deal ein. Weltekes Adlon-Ausflug wurde von seinen politischen Gegnern im Finanzministerium mit Hilfe der Rechnungsbelege skandalisiert. Ein Mitarbeiter des Bundes der Steuerzahler organisierte im Verbund mit der Bild-Zeitung den Aufschrei gegen den &#132;Miles-and-More-Missbrauch&#148; unserer Parlamentarier. Der frühere CDU-Schatzmeister Leisler Kiep &#132;verkaufte&#148; seine Informationen in der CDU Spenden-Affäre ganz gezielt, um im Gegenzug seine Schwarzgeld-Rolle etwas aufzuhellen. Die Kette dieser interessengeleiteten Pseudo-Enthüllungen ließe sich noch fortsetzen: Sie funktioniert im Geflecht der Lokalpolitik genauso wie im Kanzleramt, in Ministerien oder Behörden. Im Kampf um Machterwerb oder Machterhalt ist die Steuerung von kritischer Öffentlichkeit eine zentrale Ressource. Die privilegierte Rolle der &#132;Vierten Gewalt&#148;, gestützt von den Verfassungsvätern und -müttern, aber auch den Richtern des Bundesverfassungsgerichts, hat für eine lebendige Demokratie also eine konstituierende Funktion. Diese Aufgabe muss allerdings auch wahrgenommen werden. Unabhängige Quellenpflege und die Erschließung neuer Quellen ist folglich einer der wichtigsten Beschäftigungen von Journalisten, die mehr sein wollen, als die Textmanager von Agentur- oder PR-Material.</p>
<p>Mit jedem veröffentlichten Skandal wird die Luft aber dünner. Für Behörden-Chefs ist jedes (noch so kleine) Informations-Schlupfloch ein Risiko. Nachdem die Welt über interne Vermerke der hessischen Landesregierung zum Thema &#132;NPD-Verbot&#148; berichtete, wurde sogar das BKA eingeschaltet, um die Quelle künftig stillzulegen. Auch in den Staatsanwaltschaften werden häufig &#132;interne Ermittlungen&#148; aufgenommen, wennwichtige Schriftstücke den Postweg verlassen. Die EU-Anti-Korruptionsbehörde OLAF schaltete die belgische Justiz ein und beschlagnahmte die kompletten Akten des Brüsseler Stern-Korrespondenten. Die Botschaft dieser Aktionen richtet sich nicht in erster Linie an die kritisch berichtenden Journalisten; die Warnung geht an die Informanten. Nach der Veröffentlichung wichtiger Recherche-Ergebnisse kommt es immer häufiger dazu, dass dienstliche Erklärungen von potenziellen Informanten verlangt werden. Zu der politischen Einschüchterung kommt oft noch die juristische Verfolgung vor und nach unliebsamen Veröffentlichungen.</p>
<p>Klaus Bednarz (WDR), der frühere Monitor-Chef, hat diesen Trend schon früh erkannt und gemahnt, dass der Anteil investigativer Eigenleistungen sinke. Chefredakteure und Verlagschefs bremsten kritische Recherchen, &#132;da sie kostspielige Klagen oder unliebsame politische, sprich unternehmenspolitische Folgen fürchten&#148;. Der Autor Marc Pitzke spitzt noch zu: &#132;Investigativer Journalismus ist bei uns eine verlernte Kunst. Intensive Recherche ist nicht gefragt.&#148; Mustert man die Veränderung der Medienlandschaft, kann man dieser Einschätzung nicht widersprechen.</p>
<h5>Aufkl&auml;rer statt Dienst&shy;leister; die n&ouml;tige innere Haltung der Journa&shy;listen</h5>
<p>Sicherlich schrumpft der Markt für soliden Hintergrund-Journalismus und für meist finanziell aufwendige Recherchen. Dies liegt jedoch nicht nur an den &#132;äußeren&#148; Bedingungen, sondern auch an der &#132;inneren&#148; Haltung vieler Journalisten. Das Berufsbild hat sich im Laufe der Jahre im Windschatten des volljährigen Privatfunks verändert. Viele Journalisten sehen sich als Dienstleister für Service-Informationen, nicht als Aufklärer von Missständen oder Mahner gegen Korruption, Machtmissbrauch und Ämterpatronage. Der Broadway-Kolunmnist Walter Winchell hat diese Haltung zynisch so beschrieben: &#132;Zu viel Recherche macht die schönste Geschichte kaputt.&#148; All diese Faktoren beeinflussen, beeinträchtigen und behindern den sogenannten &#132;investigativen Journalismus&#148;, der in Deutschland immer noch eine Ausnahme-Gattung ist.</p>
<p>Es gibt aber keinen Grund, sich von dieser nüchternen Bilanz entmutigen zu lassen. Vielmehr sollte man den Blick auf soliden und seriösen Recherche-Journalismus richten. Wenn es gelänge, bei allen journalistischen Produkten die Quellenvielfalt zu erhöhen, wenn es gelänge, gesteuerte PR-Informationen zu filtern und zu hinterfragen, und wenn es gelänge, die richtigen Fragen an die richtigen Leute zu richten &#150; dann würden wir die Fundamente eines verantwortlichen Journalismus erneuern und die Kritikfunktion der Medien stärken. Und dies wäre dann vielleicht das solide und stabile Fundament, auf dem sich dann &#132;investigativer Journalismus&#148; entwickeln könnte, der diesen anspruchsvollen Namen auch wirklich verdient.</p>
<p>Fazit: Die Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148; ist nicht akut bedroht, aber doch durch die skizzierten Tendenzen im Medienbetrieb gefährdet. Dieser Gefährdung kann nur entgegengesteuert werden, wenn die beschriebenen Entwicklungen ernst genommen werden. Alle Tendenzen, den Medienbetrieb weiter zu kommerzialisieren und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen für recherchierenden Journalismus zu begrenzen, müssen abgewehrt werden. Auf der Tagesordnung der Medien müsste &#151; erstens &#151; eine intensive Selbstverständnis-Debatte über die Chancen und Grenzen des Journalismus in der Demokratie stehen. Einzelne Rundfunkanstalten und Verlage haben in dieser Sache erste Gehversuche unternommen. Noch ist das Sinnvakuum aber nicht gefüllt. Wir benötigen &#151; zweitens &#151; eine Renaissance der professionellen Weiterbildung von Journalisten. Die Verantwortung der Medien für den demokratischen Diskurs braucht Fundamente, die Wissen, Werte und Haltungen mit einbeziehen. Und schließlich geht es &#151; drittens &#151; darum, die Arbeitsmöglichkeiten für einen unabhängigen, recherchierenden Journalismus auf allen Ebenen zu sichern und die kommerzielle Durchdringung der Medien zu stoppen. Nur in der Verknüpfung dieser drei Grundlinien wird Journalismus mehr sein als die Kommentierung von Marketing. Nur so werden es &#132;bestellte Wahrheiten&#148; künftig wieder schwerer haben, den öffentlichen Diskurs zu bestimmen.</p>
<p><b>* </b>Der Beitrag ist ein überarbeiteter und aktualisierter Vorabdruck aus der Festschrift für Michael Haller zum 60. Geburtstag, die im April 2005 erscheint: Christoph Fasel (Hg.): Qualität und Erfolg<br />im Journalismus (UVK Verlag, Konstanz).</p>
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		<title>Neuer Hunger nach vertiefenden Texten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 16:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Gegen&#246;ffentlichkeit als Qualit&#228;tssicherung der Qualit&#228;tsmedien Vorg&#228;nge Nr. 169 (1/2005), S.49-57 Die Krise der Qualit&#228;tsmedien ist auch eine Krise der Kritik an Medien und &#214;ffentlichkeit, wie sie &#252;ber Jahrzehnte durch die Medienprojekte der Neuen Sozialen Bewegungen vertreten wurde. Der Sammelbegriff Gegen&#246;ffentlichkeit bedeutete einmal, die Kritik praktisch werden zu lassen und den medialen Produkten eigene Gegenprodukte entgegenzusetzen, [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Gegen&ouml;ffentlichkeit als Qualit&auml;tssicherung der Qualit&auml;tsmedien</p>
<p>Vorg&auml;nge Nr. 169 (1/2005), S.49-57</p>
<p><i>Die Krise der Qualit&auml;tsmedien ist auch eine Krise der Kritik an Medien und &Ouml;ffentlichkeit, wie sie &uuml;ber Jahrzehnte durch die Medienprojekte der Neuen Sozialen Bewegungen vertreten wurde. Der Sammelbegriff Gegen&ouml;ffentlichkeit bedeutete einmal, die Kritik praktisch werden zu lassen und den medialen Produkten eigene Gegenprodukte entgegenzusetzen, wie das Oskar Negt und Alexander Kluge formulierten (Negt/Kluge 1972). Nischen der Aufkl&auml;rung, die es auch innerhalb der Massenmedien immer gab, sind keineswegs von selbst erstanden, sondern mussten durch eben diese praktische Medienkritik erk&auml;mpft werden &#8211; eine etwas andere Art der Qualit&auml;tssicherung. Die Politik einer &bdquo;Gegenmanipulation&rdquo; mit den eigenen &bdquo;wahreren&rdquo; Informationen, wie sie zu Zeiten der studentischen Protestbewegung Ende der 1960er Jahre etwa Johannes Agnoli einforderte (Agnoli 1990), hatte allerdings den unangenehmen Beigeschmack, die Empf&auml;ngerinnen von Nachrichten zum Ziel von Manipulation zu degradieren, nur dieses Mal mit guten, weil fortschrittlichen Absichten. Die Umw&auml;lzung der bestehenden Verh&auml;ltnisse, die man sich von der Verbreitung unterbliebener Nachrichten &mdash; so der zweite Teil des Titels einer der einflussreichsten Periodika der westdeutschen Linken von 1973 bis 1981: Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (ID) &mdash; versprach und heute noch verspricht (siehe indymedia; vgl. Hamm/Zaiser 2000), blieb jedoch aus. Stattdessen zeigte sich ein anderer (Neben-)Effekt: Durch die Besch&auml;ftigung mit Medien und &Ouml;ffentlichkeit steigerte sich die Medienkompetenz der beteiligten Akteure immens. Ein anderer Umgang, eine andere Rezeption der durch die Massenmedien vermittelten Inhalte wurde m&ouml;glich. Es deutete sich zudem an, dass der bislang vernachl&auml;ssigte Bereich der Medienrezeption bzw. Medienwirkung ein weit st&auml;rkeres Eigenleben aufzuweisen hat, als bislang angenommen.</i></p>
<p>Allerdings ist diese Art der Medienpolitik nicht erst seit heute in der Krise. Soziale Bewegungen sind weggebrochen; ihre Medien laufen Gefahr, zu blo&szlig;en Vereins-Mitteilungsbl&auml;ttern oder publizistischen Trutzburgen des Recht-Habens zu werden (vgl. H&uuml;hner 2005). Der &ouml;konomische Druck auf die wenigen &uuml;brig gebliebenen Akteure ist zu gro&szlig;, als dass sie sich weiterhin ehrenamtlich gegen &ouml;ffentlicher Medienproduktion widmen k&ouml;nnten. Einzig die Mangelwirtschaft der Gegen&ouml;ffentlichkeit mangels Werbeeinnahmen wurde zur Blaupause f&uuml;r die neoliberale Zeitungsproduktion, so hat es den Anschein.</p>
<p>Nach einem Internet-Boom im Zuge der aufkommenden globalisierungskritischen Bewegung Ende der 1990er Jahre existiert heute eine bunte Mischung aus alten und neuen Projekten einer kritischen Publizistik in den Bereichen Print- und Onlinemedien, Rundfunk, Video, Fernsehen und Medienwerkst&auml;tten, die sich weiterhin den Zielen einer oppositionellen Gegen&ouml;ffentlichkeit &ndash; selbst verwaltet, unabh&auml;ngig und nicht-kommerziell &ndash; verpflichtet f&uuml;hlen, diese aber anders akzentuieren. Statt eines emanzipatorischen, rein auf Aufkl&auml;rung bedachten Mediengebrauchs, wie ihn noch Hans Magnus Enzensberger einforderte (Enzensberger 1970), ist inzwischen von taktischen Medien oder taktischem Mediengebrauch die Rede. Was n&uuml;tzt das beste Flugblatt, wenn es keiner lesen will? Je nach Kommunikationsziel werden heute unterschiedliche, vernetzte Medien &ndash; Print, Internet, Video, oder Radio &ndash; mittels differierender Kommunikationsstrategien &ndash; Ironie, Fake oder &bdquo;Klartext&#8220;-Information &ndash; bespielt, um <i>agenda setting </i>zu betreiben (vgl. autonome a.f.r.i.k.a. gruppe et al. 1997; &reg;y 2005).</p>
<p>Gerade weil sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Sender und Empf&auml;nger von medialen Botschaften zwei nahezu eigenst&auml;ndige Pole eines komplexen Kommunikationsprozesses sind, stellt sich immer wieder die Frage nach dem Publikum. Ist ein ma&szlig;geblicher Bestandteil der Krise der Qualit&auml;tsmedien ein in Befragungen immer wieder ausgemachtes Desinteresse neuer Leserschichten, so machen andere, wie etwa die <i>&Auml;sthetik&amp;Kommunikation</i>-Redakteurin Elisabeth von Haebler angesichts einer konstatierten inhaltlichen Verflachung der Medien einen &bdquo;neuen Hunger nach vertiefenden Texten aus&rdquo; (zit. n. Aguigah 2004). W&auml;hrend Medienwissenschaftler nicht m&uuml;de werden zu betonen, dass die Kernkompetenz von Qualit&auml;tsmedien gerade darin l&auml;ge, wohl&uuml;berlegte Themenwahl und Interpretationen als Orientierungspunkte in einer zunehmenden Informationsflut anzubieten, so geben sich diese alle M&uuml;he, jene Erkenntnisse der Publizistik zu ignorieren: Redaktionen werden ausged&uuml;nnt, Texte k&uuml;rzer und oberfl&auml;chlicher, Grenzen zwischen Werbung und redaktionellen Beitr&auml;gen durchl&auml;ssiger. Ob es tats&auml;chlich ein Interesse an Qualit&auml;t gibt oder das nur der Wunschtraum einer im dem Abstieg befindlichen, um kulturelle Lufthoheit ringenden bildungsb&uuml;rgerlichen Schicht ist, steht in Frage.</p>
<h2 class="auto-created">Die Medienkrise in ihren verschie&shy;denen Auspr&auml;&shy;gungen</h2>
<p>Es erscheint sinnvoll, sich zun&auml;chst einen &Uuml;berblick &uuml;ber die unterschiedlichen Interpretationen der Medienkrise zu verschaffen. Da ist zun&auml;chst die an Fakten orientierte Deutungsweise der Publizistik, wie sie etwa Hermann Meyn in der Neuauflage seines Standardwerks <i>Massenmedien in Deutschland </i>vertritt (Meyn 2004). Seine Krisendefinition konzentriert sich auf die &ouml;konomischen Aspekte: 2001 sei die durch Wachstum verw&ouml;hnte Branche erstmals mit sinkenden Verkaufsauflagen und drastische Einbr&uuml;chen bei den Werbeeinnahmen konfrontiert gewesen. Die Auflage der Tageszeitungen sei zwischen 1990 und 2002 um 6 bis 9 Prozent gesunken; die Reichweite ging von 1979, als noch 75 Prozent der 14- bis 29-j&auml;hrigen angaben, am Vortag eine Zeitung gelesen zu haben, auf 53 Prozent im Jahr 2002 zur&uuml;ck. Die Standardkalkulation kommerzieller Printmedien, zwei Drittel der Einnahmen aus Anzeigen zu erzielen, wurde 2001 mit einem Minus von 14 Prozent und 2002 mit einem Minus von 12 Prozent bei den Werbeeinnahmen ersch&uuml;ttert. Allerdings, so schr&auml;nkt Meyn ein, gab es die gr&ouml;&szlig;ten Einbr&uuml;che bei den Stellenanzeigen: &bdquo;Im Kern handelte es sich um eine Stellenmarkt-Krise der &uuml;berregionalen Qualit&auml;tszeitungen&rdquo; (ebd.: 73). W&auml;hrend diese Stellenmarkt-Krise lediglich eine kaum zu beeinflussende Folgeerscheinung der Krise des Arbeitsmarktes ist, macht Meyn weit mehr der R&uuml;ckgang der Verkaufszahlen und die geringere Reichweite der Qualit&auml;tszeitungen Sorgen. Er f&uuml;hrt dies auf ver&auml;nderte Nutzungsgewohnheiten zur&uuml;ck: Regionale Bindungen, f&uuml;r Tageszeitungen mit ihren Lokalteilen besonders wichtig, seien in Aufl&ouml;sung begriffen, zudem gebe es eine zunehmende Aufsplitterung von Interessen und W&uuml;nschen, die das Medium Zeitung nicht mehr erf&uuml;llen k&ouml;nne. Dennoch h&auml;tten Zeitungen eine Zukunft, weil sie das einzige reflexive Massenmedium mit &bdquo;Zeit f&uuml;rs Nachdenken&rdquo; (ebd.) seien.</p>
<p>Im Feuilleton hingegen wird die Krise weit mehr auf den Bedeutungsverlust der Qualit&auml;tsmedien hin zugespitzt. Rene Aguigah hat beispielhaft die in diesem Zusammenhang vier zentralen Thesen formuliert: Zun&auml;chst ist von einem grundlegenden Strukturwandel die Rede. Klassische Leser- und Autorenmilieus, sowohl bildungsb&uuml;rgerlicher wie kulturrevolution&auml;rer Ausrichtung, seien in Aufl&ouml;sung begriffen, die traditionelle Figur des &bdquo;freien Intellektuellen&rdquo; sei zur aussterbenden Spezies geworden. Schlie&szlig;lich sei an den Qualit&auml;tsmedien, zu denen Aguigah in erster Linie intellektuelle Zeitschriftenprojekte wie das<i> Kursbuch </i>oder <i>Lettre </i>z&auml;hlt, der Medienwandel vorbeigegangen; kritischer Geist finde sich aktuell eher im Netz als in gedruckten Publikationen. Und nicht zuletzt sei auch eine &Ouml;ffnung der Massenmedien zu verzeichnen. Debatten, f&uuml;r die es vor Jahren noch spezieller Publikationen bedurft h&auml;tte, f&auml;nden heute in den Feuilletons der gro&szlig;en Tageszeitungen statt (Aguigah 2004).</p>
<p>Die politische Gegen&ouml;ffentlichkeit thematisiert ihre Krise in Abgrenzung zu den Massenmedien unter einem anderen Fokus. Im Kontext der &ouml;ffentlich gemachten Existenzkrise der Wochenzeitung <i>Jungle World</i> entstand 2004 ein Internetforum, in dem die zentralen Thesen versammelt waren &mdash; das aber bezeichnenderweise mangels Teilnahme nach einigen Monaten wieder geschlossen wurde (vgl. N.N. 2004). Neben dem &ouml;konomischen Druck, den Publikationen, die noch nie von einer Zweidrittelkalkulation ausgehen konnten, nat&uuml;rlich anders erleben, war dort von einer &bdquo;Wagenburgmentalit&auml;t&rdquo; der verbliebenen gegen &ouml;ffentlichen Zeitschriftenprojekte die Rede. Es g&auml;be innerhalb der Linken, die sich ma&szlig;geblich um ihre Medien gruppiere, kaum noch das Interesse an Szene und Spektren &uuml;bergreifenden Debatten. Dar&uuml;ber hinaus zeige sich auch hier das Problem eines ver&auml;nderten Informationsverhaltens. Zudem sei die politische Rolle gegen&ouml;ffentlicher Medien oft ungekl&auml;rt: Verstehe man sich als kollektiver Organisator, als Organ einer Bewegung oder Ort des &Uuml;berwinterns in bewegungslosen Zeiten, oder entspricht das Selbstverst&auml;ndnis eher dem einer Plattform f&uuml;r die verschiedensten Positionen? Ebenso offen sei das Selbstverst&auml;ndnis der Redakteure und freien Mitarbeiter, die zwischen der Selbstwahrnehmung als Lohnschreiber, Meinungsmacher oder Mittler zwischen Medien und Akteuren sozialer Bewegungen schwanken w&uuml;rden. Kurz und gut: So wie in den Massenmedien hat sich auch innerhalb der gegen&ouml;ffentlichen Medien der Diskurs &uuml;ber die Krise der Medien etabliert. W&auml;hrend allerdings innerhalb der Massenmedien &ouml;konomische Fragen im Vordergrund stehen, nutzen die Organe der Gegen&ouml;ffentlichkeit die Krise zum Rundumschlag. Ist das Konzept Gegen&ouml;ffentlichkeit endg&uuml;ltig &uuml;berholt? Macht es &mdash; provokativ formuliert &mdash; noch weiterhin Sinn, in der Regel journalistisch-handwerklich schlechte Produkte herzustellen, nur wegen eines, zudem noch permanent in Frage gestellten, politischen Mehrwerts?</p>
<h2 class="auto-created">Die Krise der Alter&shy;na&shy;tiven Medien &mdash; ein Spezialfall</h2>
<p>Krisenph&auml;nomene der Gegen&ouml;ffentlichkeit und der Alternativen Medien werden schon Ende der 1970er Jahre, kurz nach ihrer Bl&uuml;tezeit, diagnostiziert (vgl. Stamm 1988). F&uuml;r Christina Holtz-Bacha, die die Alternative Presse als Teil der Mediengeschichte der Bundesrepublik analysiert, ist die Sache klar: &bdquo;25 Jahre nach ihren Anf&auml;ngen, rund 20 Jahre nach einer kurzen Bl&uuml;tezeit &mdash; Mitte der neunziger Jahre hat sich die Alternativpresse in der Bundesrepublik &uuml;berlebt&rdquo; (Holtz-Bacha 1999: 345). Nur &uuml;ber Inhalte, zudem noch unprofessionell dargeboten, lasse sich das Stammpublikum aus den Anfangstagen nicht mehr halten, Anpassungsprozesse ver&auml;nderten die alternative Medienlandschaft. &Uuml;berlebende dieser Krise seien lediglich die Stadtmagazine und die<i> tageszeitung </i>als &uuml;berregionale Publikation. F&uuml;r die Publizistik verschwindet die Alternativpresse also schon vor mehr als einem Jahrzehnt aus dem Fokus des Forschungsinteresses.</p>
<p>Gerade da, wo es interessant wird, h&ouml;rt eine solche Art der Analyse allerdings auf: Wieso haben sich die Alternativen Medien &uuml;berlebt? Weil ihre Ziele Eingang in die Massenmedien gefunden haben? Weil sich oppositionelle Medien inzwischen an anderen als den Gegen&ouml;ffentlichkeit-Modellen orientieren? Statt sich mit Fakten wie Auflage, Verbreitungsgrad oder Leserbindung herumzuschlagen, ginge es darum, die verschiedenen politischen Konzepte, die im Sammelbegriff Gegen&ouml;ffentlichkeit zusammenlaufen, herauszuarbeiten und zu verfolgen, wo &mdash; in welch verdrehter Form auch immer &mdash; sich diese in der heutigen Medienlandschaft wiederfinden. Drei idealtypische Formen von kritischen Theoremen von &Ouml;ffentlichkeit, Medien und Demokratie und den mit ihnen korrespondierenden Praxisformen der letzten 30 Jahre lassen sich in diesem Kontext bestimmen: Gegen&ouml;ffentlichkeit als Sorge um die Demokratie, Betroffenenberichterstattung als Kritik an der Massendemokratie und Kommunikation als emanzipative Strategie (vgl. Oy 2001: 191ff.).</p>
<p><i>a ) Gegen&ouml;ffentlichkeit als Sorge um die Demokratie</i></p>
<p>Im September 1967 wird auf einer Delegiertenkonferenz des SDS als Reaktion auf die Berichterstattung &uuml;ber die studentische Protestbewegung in den Massenmedien eine &bdquo;Resolution zum Kampf gegen Manipulation und f&uuml;r die Demokratisierung der &Ouml;ffentlichkeit&rdquo; verabschiedet (SDS 1967). Hier ist zum ersten Mal im Kontext bundesrepublikanischer sozialer Bewegungen von Gegen&ouml;ffentlichkeit die Rede. Nach Ansicht des SDS ist es die &ouml;konomische Krise, die nach dem Ende der Restaurationsphase der Nachkriegszeit Repression und Manipulation als Herrschaftsmittel beg&uuml;nstigt. &Ouml;ffentlichkeit sei in dieser historischen Phase nicht mehr &bdquo;Widerspiegelung des grundlegenden gesellschaftlichen Konflikts&rdquo; (ebd.: 29), sondern &bdquo;funktionale Beherrschung der Massen&rdquo; (ebd.). Herrschaft beruhe auf der &bdquo;erkauften Zustimmung der Beherrschten&rdquo; (ebd.). Somit werde der Kampf um die &bdquo;Befreiung des Bewusstseins&rdquo; (ebd.) die zentrale gesellschaftliche Auseinandersetzung &ndash; nicht nur auf einer manifesten Ebene, sondern auch bis hin zur psychischen Konstitution der Individuen. Die &bdquo;Enteignet-Springer&#8220;-Kampagne mit ihren Zielen Entflechtung der Monopole, Abschaffung der Werbung, Schutz vor staatlichen Eingriffen, innere Pressefreiheit und Recht auf Artikulation in den Medien wird zur ersten umfassenden und offensiven Aktion gegen Meinungsmanipulation erkl&auml;rt. Das Aktionsprogramm beinhaltet den Kampf um das Grundrecht auf Freiheit der Information und die Aufforderung zur Bildung einer &bdquo;praktisch-kritischen&rdquo; (ebd.: 34) &Ouml;ffentlichkeit: &bdquo;Es kommt darauf an, eine aufkl&auml;rende Gegen&ouml;ffentlichkeit zu schaffen, die Diktatur der Manipulateure muss gebrochen werden&rdquo; (ebd.).</p>
<p>Auf Grundlage einer solchen Vorstellung von Gegen&ouml;ffentlichkeit sollten die 1970er Jahre zum Jahrzehnt der alternativen Publizistik werden. Treffend wurde sie von Geert Lovink im kritischen Sinn mit dem Begriff &bdquo;Megaphonmodell&rdquo; (Lovink 1992) charakterisiert: Vom Aktivismus weniger und der Verbreitung der richtigen Informationen wird sich eine Art gesellschaftsver&auml;ndernde Kettenreaktion versprochen.</p>
<p><i>b ) Betroffenenberichterstattung als Kritik der Massendemokratie</i></p>
<p>Das zweite gro&szlig;e Konzept innerhalb der Theorie und Praxis alternativer &Ouml;ffentlichkeit stellt sich &ndash; anders als das Konzept Gegen&ouml;ffentlichkeit, welches eine explizit moderne, an der Philosophie der Aufkl&auml;rung orientierte politische Theorie ist &ndash; in die ambivalente Tradition der Kritik der Massengesellschaft. Hinter dem Ansatz der authentischen Kommunikation, welcher die &bdquo;eigentlichen&rdquo; Bed&uuml;rfnisse der Individuen in den Mittelpunkt stellen m&ouml;chte, steht eine fundamentale Kritik an den Informations- und Kommunikationsangeboten der Massenmedien. Ihnen wird vorgeworfen, sie w&uuml;rden auf Grund ihrer anonymen und einseitigen Struktur einen realen Meinungs- und Wissensaustausch verhindern und somit dazu beitragen, dass es den Individuen nicht mehr m&ouml;glich sei, &bdquo;wirkliche&rdquo; Erfahrungen zu machen. Eine solche Kritik rekurriert insbesondere auf fr&uuml;hb&uuml;rgerliche Formen der kommunikativen Praxis und auf die Etablierung konkreter geografischer statt abstrakter Orte des kommunikativen Austauschs.</p>
<p>Drei Momente stehen bei dieser Art Medienkritik im Mittelpunkt: Das ist zun&auml;chst die Vorstellung der Authentizit&auml;t selbst, das hei&szlig;t der Propagierung einer &bdquo;wirklichen&rdquo; Kommunikation statt einer durch die Massenmedien vermittelten, die als eine verf&auml;lschte Form angesehen wird. Zum Zweiten geh&ouml;rt zu diesem Konzept ein positiver Bezug auf den Begriff der Kreativit&auml;t. Rezeption wird innerhalb des Theorems der authentischen Kommunikation als eigenst&auml;ndige kreative T&auml;tigkeit nicht anerkannt, insbesondere die Rezeption massenmedialer Angebote f&auml;llt unter das Verdikt des unkritischen, passiven Konsumierens. Schlie&szlig;lich ist die Vorstellung der Authentizit&auml;t eng mit dem Betroffenheitskonzept verbunden. Gem&auml;&szlig; dem Postulat der Politik in erster Person wurde einer als authentisch eingesch&auml;tzten &Auml;u&szlig;erung eines Betroffenen mehr Glauben geschenkt als Berichten aus den etablierten Medien. Durch die kategorische Ablehnung von Journalismus sollte der Zusammenschluss von authentischer Meinungs&auml;u&szlig;erung, Bericht der Betroffenen, Kollektivit&auml;tserfahrungen und politischer Aktion gewahrt bleiben (vgl. Stamm 1988: 71ff.).</p>
<p>Dar&uuml;ber hinaus geht es den Akteuren der alternativen Medien auch um den Organisierungs- und Mobilisierungseffekt, der die authentische von der Massenkommunikation abhebt. Eine Art Selbstaufkl&auml;rung der Beteiligten soll im Gegensatz zu klassischen anonymen Aufkl&auml;rungsprozessen die Ber&uuml;cksichtigung individueller Erfahrungs- und Lebenswelten verb&uuml;rgen.</p>
<p><i>c) Kommunikation als emanzipative Strategie</i></p>
<p>Das dritte gro&szlig;e Konzept innerhalb der Theorie und Praxis alternativer &Ouml;ffentlichkeit schlie&szlig;lich ist das R&uuml;ckkanal- oder Interaktivit&auml;tsmodell. Von der sowjetischen Avantgarde in den 1920er Jahren &uuml;ber Brecht und Benjamin bis zu den Netzwerktheorien der 1990er Jahre zieht sich der Gedanke, nur ein grundlegender Wandel des Verh&auml;ltnisses von Medienproduzenten und -rezipienten k&ouml;nne eine Umw&auml;lzung der Struktur der Medien und somit der Gesellschaft hervorbringen. Dieser Wandel wurde zum einen &ndash; zun&auml;chst am Radio, wesentlich sp&auml;ter dann am Internet &ndash; an der technischen M&ouml;glichkeit, zugleich senden und empfangen zu k&ouml;nnen, als Chiffre f&uuml;r wahrhaft demokratische Verh&auml;ltnisse und zum anderen an der theoretischen Besch&auml;ftigung mit dem Rezeptions-verhalten &ndash; ma&szlig;geblich angeleitet durch Stuart Hall und seine Unterscheidung in affirmierende, kritische und oppositionelle Lesarten &ndash; deutlich.</p>
<p>Grunds&auml;tzlich eint die Ans&auml;tze der Interaktion, dass Kommunikationsprozesse als Gegenpol zu den als vermachtet beschriebenen Strukturen der klassischen Massenmedien angesehen wird. Historisch bezieht sich diese Betonung von Kommunikation auf die Durchsetzung der Meinungsfreiheit als eine der zentralen Forderungen der b&uuml;rgerlichen Revolutionen (vgl. Schuster 1995). Die Etablierung von Kritik und die Entstehung der Medien sind historisch untrennbar miteinander verbunden. Im Prozess der Ausdifferenzierung der kommunikativen Techniken setzte sich jedoch eine Art &bdquo;Gest&auml;ndniszwang&rdquo; (Dorer 1997: 248) durch, die ehemals freie Meinungs&auml;u&szlig;erung wurde in eine Art &bdquo;Verpflichtung zur medialen Selbstrepr&auml;sentation&rdquo; (ebd.: 249) transformiert. Wenn also heute von einer Diskursivierung der Macht ausgegangen werden kann, sollten dementsprechend andere politische Strategien eingefordert werden. Kommunikation kann demnach nicht mehr an sich als demokratisierend beschrieben werden. Es geht vielmehr darum, benennen zu k&ouml;nnen, welche Aspekte von Kommunikation &ndash; ehemals in emanzipativem Sinne eingefordert, heute machtkonform integriert &ndash; &ouml;ffentliche R&auml;ume anders strukturieren w&uuml;rden und welche inzwischen fester Bestandteil dieser R&auml;ume sind.</p>
<h2 class="auto-created">Die Zukunft eines Modells alter&shy;na&shy;tiver &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit</h2>
<p>Wo finden sich nun die in diesen drei idealtypischen Konzepten formulierten politischen Ziele wieder? Inwieweit deren Praxis Eingang in Inhalt und Konzept moderner Medien gefunden hat, soll an deren Grundlagen &uuml;berpr&uuml;ft werden. Diese sind (vgl. Oy 2001: 191ff.): Politik in erster Person, Betroffenheit und Authentizit&auml;t, Verbreitung zur&uuml;ckgehaltener Nachrichten, Verwirklichung des R&uuml;ckkanal-Theorems, nichthierarchische Arbeitsteilung und schlie&szlig;lich parteipolitische und &ouml;konomische Unabh&auml;ngigkeit.</p>
<p>Der Einzug von Politik in erster Person, Betroffenheit und Authentizit&auml;t in die Massenmedien ist sicherlich am deutlichsten zu beobachten. Losgel&ouml;st von politischen Inhalten, werden Betroffenheit und authentische Meinungs&auml;u&szlig;erung selbst zum Inhalt und verleihen den Medien ein kritisches Image. Hier zeigt sich die Vereinbarkeit von Betroffenheit und Personalisierung, eine der Grundlagen des Journalismus. Was auf den ersten Blick wie eine &Ouml;ffnung einer ehemals monokulturellen Hegemonie hin zu nicht-hegemonialen Lebensl&auml;ufen oder einfach nur abseitigen Themen wirkt, stellt lediglich eine neue Form der erweiterten Selbstdisziplinierung in der geforderten permanenten Rede &uuml;ber sich selbst dar. Inwieweit die Normierung massenmedialer Lese-, Seh- und H&ouml;rgewohnheiten das in erster Linie alltagskulturelle Rezeptionsverhalten bestimmt, kann allerdings nicht allein &uuml;ber die Analyse der Medieninhalte, sondern nur &uuml;ber die Besch&auml;ftigung mit der kulturellen Hegemonie selbst gekl&auml;rt werden.</p>
<p>Die Verbreitung zur&uuml;ckgehaltener Nachrichten: Rein quantitativ kann davon ausgegangen werden, dass mittels zunehmender Anzahl von Printmedien, Fernsehkan&auml;len, H&ouml;rfunksendern und Onlineangeboten die Zahl der ver&ouml;ffentlichten und auch relativ breit zug&auml;nglichen Informationen zunimmt. Allerdings zeigt sich ebenso, dass auch die vermehrte Anzahl an Publikationsm&ouml;glichkeiten kein Verlassen des vorher festgesteckten hegemonialen Terrains erm&ouml;glicht. Insbesondere im globalen Kontext zeigt sich doch allzu oft eine erschreckende Fixierung auf eine bornierte nationale Perspektive. Zu beobachten ist zudem eine zunehmende Passivierung der &Ouml;ffentlichkeit und eine Zusammenhangs- und Folgenlosigkeit kritischer &Auml;u&szlig;erungen.</p>
<p>Verwirklichung des R&uuml;ckkanal-Theorems: Ging es bei Brecht noch darum, anhand der nicht genutzten technischen M&ouml;glichkeiten des Radios aufzuzeigen, inwiefern die Vermachtung eines neuen Massenmediums zur machtf&ouml;rmigen Verknappung der demokratisierenden Potenziale f&uuml;hrt, so ist diese Argumentationsweise angesichts der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in gewisser Weise obsolet geworden. Zwar gibt es auch heute ebenso Vermachtungsprozesse neuer Medientechnologien, welche die Spielr&auml;ume f&uuml;r emanzipative M&ouml;glichkeiten verkleinern &ndash; wie die Massenmedialisierung des Internets zeigt &ndash;, aber der &bdquo;R&uuml;ckkanal&rdquo; als technische M&ouml;glichkeit ist l&auml;ngst eingef&uuml;hrt, eine tats&auml;chliche Umw&auml;lzung der Verh&auml;ltnisse in der Medienwelt l&auml;sst aber weiter auf sich warten.</p>
<p>Auch die Aspekte der angestrebten nichthierarchischen Arbeitsteilung und der damit zusammenh&auml;ngenden &ouml;konomischen und parteipolitischen Unabh&auml;ngigkeit innerhalb der Projekte der alternativen Medien fungierten &ndash; neben ihrer utopischen Rolle, die sie sicherlich auch spielten &ndash; als Innovationspotenzial f&uuml;r die Umstrukturierung der Produktion &ndash; nicht nur im Bereich der Medien (vgl. Hirsch 2002; Negri/Hardt 2004). Selbstausbeutung und ein hoher ldentifikationsgrad mit Arbeit und Betrieb waren die betriebswirtschaftlichen Vorteile der Alternativen Medien. So konnten handwerkliche und materielle Schw&auml;chen durch gro&szlig;e Innovativkraft ausgeglichen werden. Indem nun die Massenmedien diese ehemaligen alternativen Konzepte &ndash; und auch die dazugeh&ouml;rigen, entsprechend hoch motivierten Seiteneinsteiger &ndash; &uuml;bernehmen, wird das gesamte Konzept &uuml;berarbeitungsbed&uuml;rftig.</p>
<p>Ist diese Auseinandersetzung mit Medientheorie und -praxis nun als ein Pl&auml;doyer f&uuml;r die &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit linker Gegen&ouml;ffentlichkeit und Alternativer Medien zu verstehen? Mit Sicherheit nicht: Denn die Notwendigkeit der Auseinandersetzung um Realit&auml;tsdeutungen und deren informationelle Grundlagen &ndash; einer Arbeit am Diskurs &ndash; besteht in jeder gesellschaftlichen Situation, so auch heute. Es geht dabei um eine R&uuml;ckbesinnung auf die St&auml;rken der Alternativen Medien: Sie unterscheiden nicht zwischen den Aspekten der Information, Kontextualisierung und Vernetzung. Es gelingt ihnen somit, zumindest f&uuml;r einen begrenzten Zeitraum, Elemente eines kritischen Gegendiskurses zu etablieren. Das Modell Alternative &Ouml;ffentlichkeit als gesellschaftskritisches Konzept kann seine Wirkung nur entfalten, indem es nicht als isolierte Medientheorie, sondern als umfassende Gesellschaftstheorie begriffen wird. Eine Theorie, die sich immer wieder praktisch umsetzen l&auml;sst, zeitlich und &ouml;rtlich begrenzt, ohne Hoffnung auf gro&szlig;en politischen oder &ouml;konomischen Mehrwert &ndash; aber dennoch Erfolg versprechend, so paradox das klingen mag.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Agnoli, Johannes 1990: Die Transformation der Demokratie und andere Schriften zur Kritik der Politik. Gesammelte Schriften Bd. 1, Freiburg<br />Aguigah, Rene 2004: Gestalt im Experiment. Auf Schlingerkurs: Zur Lage der Kulturzeitschriften; in: Frankfurter Rundschau v. 28. August<br />autonome a.f.r.i.k.a. gruppe et al. 1997: Handbuch der Kommunikationsguerilla. Hamburg, Berlin Dorer, Johanna 1997: Das Inteniet und die Genealogie des Kommunikationsdispositivs. Ein me&#8209;<br />dientheoretischer Ansatz nach Foucault; in: Hepp, Andreas/Winter, Rainer (Hg.): Kultur &ndash; Medien<br />&ndash; Macht. Cultural Studies und Medienanalyse, Opladen, S. 247-258<br />Enzensberger, Hans Magnus 1970: Baukasten zu einer Theorie der Medien; in: Kursbuch , Jg. 6, H. 20, S. 159-186<br />Hanzzn, Marion/Z,czisez-, Michael 2000: com.une.farce und indymedia.uk &ndash; zwei Modi oppositioneller Netznutzung; in: Das Argument, Jg. 42, H. 238, S. 755-764<br />Hirsch, Joachim 2002: Herrschaft, Hegemonie und politische Alternativen, Hamburg<br />Holtz-Bacha, Christina 1999: Alternative Presse; in: Wilke, J&uuml;rgen (Hg.); Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, S. 330-349</p>
<p>H&uuml;ttnej; Bernd et al. (Hg.) 2005: Vorw&auml;rts und viel vergessen. Beitr&auml;ge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen, Neu-Ulm (i.E.)<br />Lovink, Geert 1992: H&ouml;r zu &ndash; oder stirb! Fragmente einer Theorie der souver&auml;nen Medien, Berlin/Amsterdam<br />Meyn, Hermann 2004: Massenmedien in Deutschland (Neuauflage), Konstanz<br />N.N. 2004: Brauchen wir ein &uuml;bergreifendes Zeitungsprojekt; in: <a href="http://www.debattez.de.vu/" target="_blank" rel="noopener">www.debattez.de.vu</a><br />Negri, Antorzio/Hardt, Michael 2004: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/Main/New York<br />Negt, Oskar-/Kluge, Alexander 1972: &Ouml;ffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von b&uuml;rgerlicher und proletarischer &Ouml;ffentlichkeit, Frankfurt/Main<br />Oy, Gottfried 2001: Die Gemeinschaft der L&uuml;ge. Medien- und &Ouml;ffentlichkeitskritik sozialer Bewegungen in der Bundesrepublik, M&uuml;nster<br />Ders. 2005: &bdquo;Haut dem Springer auf die Finger&rdquo; &ndash; Neue Soziale Bewegungen und ihre Medienpolitik; in: H&uuml;ttzaer, Bernd et al. (Hg.): Vorw&auml;rts und viel vergessen. Beitr&auml;ge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen, Neu-Ulm (i.E.)<br />Schuster, Thomas 1995: Staat und Medien. &Uuml;ber die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit, Frankfurt/Main<br />SDS 1967: 22. ordentliche Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Resolutionen und Referate; in: neue kritik, Jg. 8, H. 44, S. 12-66<br />Stamm, Karl-Heinz 1988: Alternative &Ouml;ffentlichkeit. Die Erfahrungsproduktion neuer sozialer Bewegungen, Frankfurt/Main/New York</p>
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		<title>Strukturwandel der Medienwelt</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 15:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht aus: Vorg&#228;nge Nr. 169 (Heft 1/2005), S. 58-74 Die Rettung der Schriftkultur vor der totalen Visualisierung erw&#228;chst aus der Analyse ihrer Anf&#228;nge. W&#252;rde dieser Einstiegssatz Sie zum Weiterlesen des Literaturberichts animieren? Dieser Frage ist Dorothee Krings in ihrer empirischen Untersuchung &#252;ber die Wirkungen von Anfangss&#228;tzen in Pressekommentaren und Reportagen nachgegangen: Dorothee Krings: [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 169  (Heft 1/2005), S. 58-74</p>
<p><i>Die Rettung der Schriftkultur vor der totalen Visualisierung erw&auml;chst aus der Analyse ihrer Anf&auml;nge. W&uuml;rde dieser Einstiegssatz Sie zum Weiterlesen des Literaturberichts animieren? Dieser Frage ist Dorothee Krings in ihrer empirischen Untersuchung &uuml;ber die Wirkungen von Anfangss&auml;tzen in Pressekommentaren und Reportagen nachgegangen:</i></p>
<p><i>Dorothee Krings</i>: Den Anfang machen. Einstiegss&auml;tze in Reportage und Kommentar und ihr Einfluss auf die Rezeptionsentscheidung von Lesern, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissensch&auml;ften: Wiesbaden 2004, 164 S., ISBN 3-531-14254-2; 19,90 Euro</p>
<p>Sie ordnete Einstiegss&auml;tze beider Genres aus der S&uuml;ddeutschen Zeitung und lie&szlig; sie von Probanden bewerten. Die Konzentration auf die Pr&auml;ferenzen der Rezipienten, also der Leser, ergibt allerdings kein grunds&auml;tzlich neues Bild: Viele Leser w&uuml;nschen informative, nur in Ma&szlig;en verr&auml;tselte Anf&auml;nge, die Information statt Sch&ouml;nheit in den Mittelpunkt stellen, um die Entscheidung &uuml;ber das Weiterlesen rasch f&auml;llen zu k&ouml;nnen. Derart prosaische Erkenntnisse werden nicht alle von Krings nach praktischen Schreiberfahrungen mit &bdquo;Ersten S&auml;tzen&rdquo; befragten SZ-Redakteure erfreuen, zumal jene &#8211; wie wohl jeder Schreibende &#8211; von schlaflosen N&auml;chten berichten k&ouml;nnen, die ihnen Gr&uuml;beleien &uuml;ber passende Anf&auml;nge bereiteten.</p>
<p>Welche Rolle spielen &#8211; gut oder schlecht begonnene &#8211; Pressekommentare f&uuml;r die politische &Ouml;ffentlichkeit in Deutschland? Diese Frage r&uuml;hrt an das Herz der demokratischen Ordnung, weil in der Demokratie nach herk&ouml;mmlicher Interpretation der &bdquo;Vierten Gewalt&rdquo; entscheidende Kontrollfunktion zukommt. K&ouml;nnen Kommentare angesichts von Trivialisierung und Krisenanf&auml;lligkeit der Medien &uuml;berhaupt noch ihre kritische Rolle wahrnehmen? Der Sammelband von Christiane Eilders/Friedhelm Neidhardt/Barbara Pfetsch (Hgg.): Die Stimme der Medien. Pressekommentare und politische &Ouml;ffentlichkeit in der Bundesrepublik, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 431 S., ISBN 3-531-14217-8; 39,90 Euro pr&auml;sentiert dazu die mehrj&auml;hrige Forschungsarbeit der Abteilung &Ouml;ffentlichkeit und soziale Bewegungen am Berliner Wissenschaftszentrum. Anhand von f&uuml;nf &uuml;berregionalen Tageszeitungen von rechts bis links (Welt, Frankfurter Allgemeine, S&uuml;ddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, taz) wurden f&uuml;r den Untersuchungszeitraum 1994 und 1998 8.946 politische Kommentare gesammelt und ausgewertet. Der Band stellt somit eine empirisch ges&auml;ttigte, einzigartige Fundgrube dar: So r&uuml;cken die Herausgeber in Kapitel 2 der zahlenm&auml;&szlig;ig kleinen, aber redaktionell einflussreichen Gruppe von meinungsf&uuml;hrenden Kommentatoren <br />(der &bdquo;&Ouml;ffentlichkeitselite&rdquo;) zu Leibe, inklusive ihrer wechselseitigen kollegialen Wahrnehmungen. In Kapitel 4 untersucht Neidhardt die Kommentare auf die dominanten Themen und Inhalte. Im zweiten Teil des Buches finden sich dann umfassende Abschnitte zur Kommentierung der Schwerpunkte Recht und Justiz, Medienpolitik, Wissenschaft, Rechtsextremismus oder zur Gemeinwohlrhetorik. Wen der Einfluss der Qualit&auml;tspresse auf die politische &Ouml;ffentlichkeit interessiert, muss k&uuml;nftig diesen Band studieren.</p>
<p>Barbara Pfetsch, Professorin f&uuml;r Kommunikationswissenschaft an der Universit&auml;t Stuttgart-Hohenheim, hat &uuml;ber mehrere Jahr hinweg die Politikvermittlungsprozesse in Amerika und Deutschland vergleichend untersucht. Aufgrund von 112 Interviews (leider bereits aus den Jahren 1992-95 stammend), die auf insgesamt 3.000 Seiten transkribiert wurden, stellt sie die Rolle von Pressekonferenzen und Hintergrundkreisen, von Meinungsumfragen und den Einfluss der Pressesprecher sowie regierungsamtlicher Kommunikationsinstitutionen in beiden L&auml;ndern dar:</p>
<p><i>Barbara Pfetsch</i>: Politische Kommunikationskultur. Politische Sprecher und Journalisten in der Bundesrepublik und den USA im Vergleich, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 273 S., ISBN 3-531-13708-5; 32,90 Euro</p>
<p>Es ist ein theoretisch wie empirisch anspruchsvolles Projekt, das &uuml;berzeugend und detailliert das N&auml;hverh&auml;ltnis zwischen Journalismus und politischen Sprechern hierzulande belegt; die Autorin konstatiert ein &bdquo;Harmoniebed&uuml;rfnis auf beiden Seiten&rdquo;. In Amerika dagegen sei das Verh&auml;ltnis distanzierter, wenngleich die Sprecher dort sich von vorneherein den Eigenlogiken des medialen Systems viel st&auml;rker unterordneten. Noch st&uuml;nden aber einer oft voreilig als &bdquo;Amerikanisierung&rdquo; begriffenen Ver&auml;nderung in der deutschen politischen Kommunikationskultur wesentliche Faktoren entgegen: die verfassungsrechtlich gesicherte, starke Rolle der Parteien sowie die differenzierte Medienlandschaft mit einem starken Anteil &ouml;ffentlich-rechtlicher Strukturen.</p>
<p>Einer, der dieses Wechselspiel zwischen Politik und Journalisten lange Jahrzehnte miterlebte (und mit betrieb), hat nun ein dickes Buch &uuml;ber seine Erfahrungen geschrieben. J&uuml;rgen Leinemann, Reporter des Spiegel in Bonn und Berlin, kennt die politische Klasse wie kaum ein zweiter und hat viele ihrer zentralen Figuren portr&auml;tiert:</p>
<p><i>J&uuml;rgen Leinemann</i>: H&ouml;henrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker, Blessing: M&uuml;nchen 2004, 491 S., ISBN 3-89667-156-1; 20 Euro</p>
<p>Es ist ein ambivalentes Buch mit einem f&auml;lschlicherweise ein Pamphlet verhei&szlig;enden Titel geworden: Stellenweise liest es sich wie ein &ndash; passend nach Generationen gegliederter &ndash;&bdquo;Kurzer Lehrgang&#8220; in bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte. Die vielen raumgreifenden Exkurse in Kultur und Zeitgeist hat man allerdings anderswo schon pr&auml;ziser beschrieben gefunden. Zuviele Lesefr&uuml;chte aus dem Zettelkasten (von Jacob Burckhardt bis Sloterdijk), vielleicht einem zu ehrgeizigen Deutungsanspruch geschuldet, d&auml;mpfen die Lust am Notizblock des Reporters, aus dem oft brillante Erz&auml;hlungen und kluge Interpretationen stammen. Auch wenn sich der Autor an manchen Stellen autobiographisch einbringt, h&auml;tte ein wenig mehr Selbstanalyse dem Buch gut getan: Denn was w&auml;re die Welt der Politiker ohne ihre medialen Interpreten wie Leinemann?</p>
<p>Wissenschaftler und Praktiker beider Seiten (Journalisten, Politikberater, Untemehmenssprecher) f&uuml;hrt der Sammelband<br />Lothar RolkeNolker Wolff (Hgg.): Die Meinungsmacher in der Meinungsgesellschaft. Deutschlands Kommunikationseliten aus der Innensicht, Westdeutscher Verlag: Wies-baden 2003, 189 S., ISBN 3-531-14089-2; 22,90 Euro zusammen.</p>
<p>In den Aufs&auml;tzen von Miriam Meckel und Walter Bajohr treffen wir noch einmal auf die Fernsehduelle zwischen Schr&ouml;der und Stoiber 2002; die Interaktionen von Politik und Medien werden anhand dieses Beispiels oberfl&auml;chlich rekapituliert. Der ehemalige Chefredakteur des Spiegels und des manager magazins, Wolfgang Kaden verweist auf die hermetische bis irref&uuml;hrende &Ouml;ffentlichkeitsarbeit deutscher Unternehmen, die Wirtschaftsjournalisten die Arbeit erschweren. Martin L&ouml;ffelholz fordert die st&auml;rkere Verkn&uuml;pfung von handlungs- und systemtheoretischen Modellen, um die Funktion und Organisation von Politik- und Wirtschaftsjournalismus besser zu beschreiben. Hans Matthias Kepplinger versucht empirisch, die Unterschiede zwischen den medialen Kompetenzen von Managern und Politikern herauszuarbeiten.</p>
<p>Passen die wesentlichen Befunde der Journalismus- und Medienforschung auf knapp 600 Seiten zwischen zwei Buchdeckel? Obwohl dies kaum vorstellbar erscheint, ist es den Herausgebern des Handbuchs G&uuml;nter Bentele/Hans-Bernd Brosius/Otfried Jarren (Hg.): &Ouml;ffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003, 607 S., ISBN 3-531-13532-5; 38,90 Euro gelungen, den Stand der neueren Kommunikationsforschung mit beeindruckender Vollst&auml;ndigkeit abzubilden. Alle wesentlichen kommunikationsgeschichtlichen Teildisziplinen werden hier mit ihrer Forschungsprogrammatik und ihren leitenden Fragen skizziert, die wesentlichen Forschungsfelder &ndash; etwa: Kommunikatorforschung, Medienwirkungsforschung, Medieninhaltsforschung &ndash; beschrieben. Meist stammen die ca. 15 Seiten langen Eintr&auml;ge aus der Feder der f&uuml;r das jeweilige Gebiet wichtigsten Fachvertreter, so dass die Darstellung durchgehend kompetent und souver&auml;n ist. F&uuml;r jeden Leser auch au&szlig;erhalb der Kommunikationswissenschaft, der sich ein Bild vom Forschungsstand dieser Disziplin machen will, ist dieser Band eine mehr als lohnenswerte Anschaffung.</p>
<p>Die deutsche Medienwirtschaft ist sp&auml;testens seit der gro&szlig;en Medienkrise von 2001 Gegenstand zahlreicher Debatten. Wer sich mit dem Gebiet Medien&ouml;konomie systematisch befassen will, kommt um die folgende Publikation nicht herum:</p>
<p><i>Klaus-Dieter </i>Altmeppen/Matthias Karmasin (Hg.): Medien und &Ouml;konomie. Bd. 1/l: Grundlagen der Medien&ouml;konomie. Kommunikations- und Medienwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft; Bd. 1/2: Grundlagen der Medien&ouml;konomie. Soziologie, Kultur, Politik, Philosophie; Bd. 2: Problemfelder der Medien&ouml;konomie (Bd. 3 u. 4 in Vorbereitung), VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003ff., ISBN 3-531-13631-3; je 22,90 Euro (112; 2) bzw. 24,90 Euro (1/1)</p>
<p>In den insgesamt vier B&auml;nden werden die Grundlagen der Medien&ouml;konomie als einer Hybrid-Disziplin aus Medien- und Wirtschaftswisssenschaften dargestellt. Ausgehend von der Charakterisierung von Medien als meritorische G&uuml;ter (sowohl Kulturgut als auch Ware) wird die Medien&ouml;konomie als eigenst&auml;ndige Wissenschaft entwickelt und auf aktuelle Problemfelder des Medienmanagements angewandt.</p>
<p>Wer nach detaillierten Informationen zur wirtschaftlichen Krise der Tageszeitungen sucht, kann sich durch eine ebenso umfassende wie n&uuml;tzliche Artikel- und Interviewsammlung der taz arbeiten, die deren Recherchedienst anhand der in den letzten sechs Jahren in der taz zum Thema erschienenen Artikel zusammengestellt hat:</p>
<p>Zeitungsd&auml;mmerung. Die Presse, die Krise und der ganze Rest, hg. v. RechercheDienst der taz, taz: Berlin, September 2004, 136 S., Bestellm&ouml;glichkeiten: <a href="http://www.taz.de/" target="_blank" rel="noopener">www.taz.de</a>; e-mail: <a href="mailto:recherche%40taz.de">recherche@taz.de</a>; Tel. 030/2590 2284; Fax: 030/2590 2684;10 Euro zuz&uuml;gl. Versand<br />Vom Boom am Ende der 1990er Jahre, als alle &uuml;berregionalen Bl&auml;tter ihre Berlin-Seiten lancierten, &uuml;ber den beinharten Kampf einiger Verleger gegen die bisherigen Kartellrichtlinien, die Fusionen verhindern sollen, um noch gr&ouml;&szlig;ere Pressekonzentrationen zu vermeiden, bis zum Zusammenbruch des Anzeigenmarktes finden sich hier alle Tendenzen der letzten Jahre in thematischen Kapiteln geordnet. Am Ende steht ein umfangreicher Statistikteil, der Orientierung &uuml;ber die Werbeeinnahmen und Auflagenh&ouml;hen der letzten Jahre, die Beteiligungen der diversen Verlagsgruppen an der regionalen und &uuml;berregionalen Presse u.v.m. verschafft.</p>
<p>Trotz einiger Krisensymptome waren bis vor kurzem die Regionalzeitungen ein festes Standbein der deutschen Presselandschaft. Doch auch hier k&uuml;ndigen sich dramatische Ver&auml;nderungen an: Bereits Mitte der 1990er Jahre abonnierte nur ein Drittel aller 20- bis 29j&auml;hrigen eine regionale Tageszeitung, in Gro&szlig;st&auml;dten gar nur jeder sechste aus dieser Altersgruppe. Da Leser in sp&auml;teren Jahren kaum hinzugewonnen werden k&ouml;nnen, stehen auch hier unvermeidlich empfindliche Einbu&szlig;en in der Leserschaft bevor. Welche Gr&uuml;nde nun f&uuml;r jene aussterbende junge Minderheit an Abonnenten entscheidend sind, versucht die Dortmunder Dissertation von <i>Lars Rinsdorf</i>: Einflussfaktoren auf die Abonnemententscheidung bei lokalen Tageszeitungen, LIT Verlag: M&uuml;nster/Hamburg/London 2003, 201 S., ISBN 3-8258-6753-6; 19,90 Euro u.a. anhand von Interviews mit Probanden aus unterschiedlichsten Lebenswelten herauszufinden. Wichtig sind vor allem die einstigen Leseerfahrungen im Elternhaus. Je-doch erschwert eine wachsende Mobilit&auml;t die Entscheidung, dann im ersten eigenen Haushalt eine Zeitung zu abonnieren; der Preis ist &uuml;berraschenderweise eher nebens&auml;chlich. Genutzt wird die Regionalzeitung &ndash; entgegen landl&auml;ufigen Vorstellungen &ndash; weniger als lokales Servicemedium. Vielmehr steht die &uuml;berregionale Information in Mittelpunkt des Interesses; die im Vergleich zu den &Uuml;berregionalen einfachere Sprache wird hier offenbar goutiert.</p>
<p>Wer sich einen ersten &Uuml;berblick &uuml;ber die Geschichte deutscher Tageszeitungen in den letzten zweihundert Jahren verschaffen m&ouml;chte, kann sich in der ausf&uuml;hrlich bebilderten Einf&uuml;hrung von Konrad Dussel: Deutsche Tagespresse im 19. und 20. Jahrhundert, LIT Verlag: M&uuml;nster 2004, 272 S., ISBN 3-8258-6811-7; 19,90 Euro informieren. In zehn historisch angelegten Kapiteln (nur Kapitel 4 widmet sich systematisch den technischen Umw&auml;lzungen Ende des 19. Jahrhunderts) schildert der Mannheimer Lehrstuhlinhaber mitunter etwas betulich die Entwicklung der Zeitungslandschaft hierzulande. Die Parallelisierung mit der politischen Geschichte macht Sinn, doch h&auml;tte man sich einige vergleichende Betrachtungen &uuml;ber andere L&auml;nder gew&uuml;nscht. Ebenso f&auml;llt die weiterf&uuml;hrende Literatur am Ende jedes Kapitels zu kursorisch aus; die konkrete Nennung einiger Titel w&auml;re sinnvoller gewesen. Doch im ganzen kann man den Band f&uuml;r einen ersten Einstieg in die Pressegeschichte gut verwenden.</p>
<p>Zur harten Theoriearbeit: Ein Standard-Referenztitel k&ouml;nnte Bertram Scheufele: Frames &ndash; Framing &ndash; Framing-Effekte. Theoretische und methodische Grundlegung des Framing-Ansatzes sowie empirische Befunde zur Nachrichtenproduktion, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003, 248 S., ISBN 3-531-14040-X; 25,90 Euro werden. Denn auch wenn der Autor mit dem sperrigen Titel dieses Bandes wohl kaum einen Preis zur Sprachpflege in den Sozialwissenschaften gewinnen wird, leistet er doch mit diesem Buch erstaunliches. Framing ist ein relativ neues Konzept der Medienwirkungsforschung und bedeutet, dass Medienberichterstattung in den K&ouml;pfen der Zuschauer und Leser &bdquo;rahmende&rdquo; Effekte hat. Kulturelle und politische Vorlieben werden &uuml;ber Jahre und kontinuierlich durch Medienberichterstattung aufgebaut und bestimmen dann auch, wie ein aktuelles Ereignis von den Rezipienten aufgenommen wird. Das ist insoweit sehr plausibel &ndash; und erinnert schon als Walter Lippmanns ber&uuml;hmte pictures in their heads &ndash;, hatte aber bislang den Nachteil, dass die verschiedenen Framing-Modelle unterschiedlicher Wissenschaftszweige nie zu einem Konzept zusammengef&uuml;hrt wurden. Diese Arbeit hat nun Scheufele unternommen und seine systematischen Ergebnisse auch noch empirisch unterlegt. Die produktive Diskussion um die verschiedenen Framing-Modelle und ihre Effekte kann dadurch nur befl&uuml;gelt werden.</p>
<p>Der Zusammenhang zwischen der jeweils vorherrschenden Medienkultur und ihrer Reflexion in der Kulturkritik ist sp&auml;testens seit G&uuml;nter Anders&#8216; Antiquiertheit des Menschen ein g&auml;ngiger Topos auch der kommunikationswissenschaftlichen Diskussion:<br />Klaus Neumann-Braun (Hg.): Medienkultur und Kulturkritik. VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2002, 234 S., ISBN 3-531-13772-7; 24,90 Euro</p>
<p>Der vorliegende Sammelband beleuchtet dieses Wechselspiel aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Im Zentrum der Beitr&auml;ge stehen Studien zur gegenw&auml;rtigen Medienkultur, aber auch zu literaturwissenschaftlichen Themen wie &bdquo;Novalis und die Reflexivit&auml;t des H&ouml;rens&rdquo; (Harro Zimmermann). Interessant vor allem der Beitrag von J&ouml;rn Ahrens zum Thema &bdquo;Code &ndash; Anmerkungen zu einer ubiquit&auml;ren Kategorie&rdquo;, die einen ersten Versuch darstellt, eine Ordnung in die diversen Code-Begriffe der Medienwissenschaften zu bringen. Insgesamt jedoch fehlt dem Band &ndash; der als Festschrift f&uuml;r Stefan M&uuml;ller-Doohm konzipiert wurde &ndash; ein klares thematisches Zentrum. Die klassische Kulturkritik, die ja eine starke und wichtige Denkrichtung eigenen Rechts darstellt, findet hier &ndash; obwohl titelgebend &ndash; so gut wie keine Erw&auml;hnung.</p>
<p>Ein ubiquit&auml;rer Allgemeinplatz gegenw&auml;rtiger Kulturkritik ist jedenfalls das laute Klagelied &uuml;ber die ARD-Polit-Talkshow Sabine Christiansen. Das demokratiegef&auml;hrdende Potential dieses Sendeformats ist innerhalb der gebildeten St&auml;nde unumstritten (&bdquo;Parlamentsersatz&#8220;). Wer in der Hoffnung auf eine Erkl&auml;rung von Wesen und Erfolg, oder wenigstens auf eine intelligent-demaskierende Kritik dieser Sendung nach dem Buch Walter van Rossum: Meine Sonntage mit &bdquo;Sabine Christiansen&rdquo;. Wie das Palaver uns regiert, Kiepenheuer &amp; Witsch: K&ouml;ln 2004, 185 S., ISBN 3-462-03394-8; 8,90 Euro greift, wird entt&auml;uscht. Es ist ein Pamphlet, das in weiten Teilen nur am Rande mit der Sendung zu tun hat. Stattdessen breitet der Autor aus, was er ohnehin zum Zustand der Republik schon immer einmal sagen wollte oder sich hier und dort zusammengelesen hat &ndash; und das auch noch h&ouml;chst unoriginell, weil man die Kritik an Sozialabbau, Steuerflucht, Gro&szlig;kapital und neoliberalen Meinungseliten in dieser inhaltsfreien Form schon zu oft vernommen hat, als dass sie nicht irgendwann erm&uuml;dete. R&auml;tselhaft bleibt vor allem, wie der Autor, der immerhin 1988 den Ernst-Robert-Curtius-Preis f&uuml;r Essayistik erhielt, stilistisch auf das niedrige Niveau seines attackierten Objekts herabsinken konnte: eine Einladung als Gast in die Sendung w&auml;re allemal gerechtfertigt.<br />Wenn Journalisten &uuml;ber die T&auml;tigkeit von Journalisten schreiben, dient das auf der einen Seite dem Branchenklatsch und der Selbstbeweihr&auml;ucherung. Zunehmend ist aber in den letzten Jahren erkannt worden, dass &bdquo;Journalismusjournalismus&rdquo; auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion einnimmt: Wenn Medien der Gesellschaft die Selbstbeobachtung und -korrektur erm&ouml;glichen, muss auch die Beobachtungsinstanz Beobachtungen ausgesetzt sein, um einwandfrei zu funktionieren. Es geht um die Frage, wer die Kontrolleure kontrolliert.</p>
<p><i>Maja Malik</i>: Journalismusjournalismus. Funktionen, Strukturen und Strategien der journalistischen Selbstthematisierung, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 429 S., ISBN 3-531-14205-4; 38,90 Euro</p>
<p><i>Die Autorin</i> legt mit dieser preisgekr&ouml;nten Dissertation die erste gro&szlig;e Studie &uuml;ber den deutschen Medienjournalismus vor. Sie untersucht die Kommunikationsmechanismen des Journalismus &uuml;ber Journalismus im Kontext einer allgemeinen, funktionalen Journalismustheorie, kn&uuml;pft dabei an kognitionstheoretische und sozialpsychologische Erkenntnisse zur Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung an und fundiert ihre theoretischen Konzepte empirisch.</p>
<p>Vielleicht ist dem Forschungsfeld des Medienjournalismus mit Werken wie dem von Malik eine bessere Zukunft zu prophezeien als einer anderen kommunikationswissenschaftlichen Disziplin, der Zeitschriftenforschung:</p>
<p><i>Andreas Vogel</i>/Christina Holtz-Bacha (Hg.): Zeitschriften- und Zeitschrifteinforschung, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2002 (= Sonderheft 3/2002 der Publizistik. Vierteljahreshefte f&uuml;r Kommunikationsforschung), 291 S., ISBN 3-531-13661-5; 28 Euro</p>
<p>Bei dem vorliegenden Heft handelt es sich um einen neuerlichen Versuch, einer zentralen, doch wenig erforschten Pressegattung zu einer systematischen Begleitforschung zu verhelfen. In zumeist sehr &uuml;berzeugenden Aufs&auml;tzen pl&auml;dieren Autoren wie Hans Bohrmann, Rudolf St&ouml;ber, Ulrike R&ouml;ttger, Michael Schmolke und Patrick R&ouml;ssler f&uuml;r eine Integration der Zeitschriftenforschung in die Kommunikationswissenschaft, skizzieren den Forschungsstand, untersuchen einzelne Gattungen wie die Kirchenpresse oder Kundenzeitschriften und pr&auml;sentieren empirische Forschungsergebnisse. Es ist verdienstvoll, dass so der Blick einmal mehr auf den Komplex der Zeitschriften gelenkt wird. Ob dies aber zu einer nachhaltigen Vitalisierung des Forschungsfeldes f&uuml;hrt, muss angesichts des Schicksals vorheriger Versuche bezweifelt werden.</p>
<p>&bdquo;Mannsein ist kein Zuckerschlecken.&rdquo; Dieser universellen Erkenntnis f&uuml;hlen sich die Macher von Men&#8217;s Health verpflichtet, die als f&uuml;hrende deutsche M&auml;nnerzeitschrift gelten kann und immerhin mehr als 280.000 Exemplare verkaufte, &uuml;brigens zu 61 Prozent an Angestellte und Beamte (Stand: Ende 2001). Eine Dortmunder Examensarbeit hat sich nun den M&auml;nnlichkeits- und Weiblichkeitsbildern dieser Zeitschrift sowie deren Folgen f&uuml;r die dort verhandelten Liebe-und-Sexualit&auml;t-Fragen gewidmet:</p>
<p><i>Lars Bregenstroh</i>: Tipps f&uuml;r den modernen Mann. M&auml;nnlichkeit und Geschlechterverh&auml;ltnis in der Men&#8217;s Health, LIT Verlag: M&uuml;nster/Hamburg/London 2003, 175 S., ISBN 3-8258-6831-1;19,90 Euro</p>
<p>Vorbildlich wird hier Theorie mit empirischer Analyse verkn&uuml;pft: Die drei umfassenden einleitenden Kapitel referieren im Schnelldurchgang die Konstruiertheit und historische Bedingtheit der Geschlechterverh&auml;ltnisse sowie deren Widerspiegelung in den Massenmedien. Dann werden vier Ausgaben des Jahres 2001 detailliert untersucht, was dem Leser viele komische Momente verschafft. Sichtbar wird, wie dieses Produkt bekannte Vorbilder von Frauenzeitschriften erfolgreich auf eine neue Zielgruppe &uuml;bertr&auml;gt: M&auml;nner seien durch die Irritationen der Geschlechterfragen &bdquo;reif&rdquo; f&uuml;r eine solche Zeitschrift geworden &ndash; was traditionelle, allenfalls geringf&uuml;gig modernisierte M&auml;nnlichkeitsstereotype hinsichtlich K&ouml;rperlichkeit und Sexualit&auml;t gerade nicht ausschlie&szlig;t.<br />Medien und bewaffnete Konflikte: In den vergangenen Jahren wird in Fachkreisen viel &uuml;ber den Sinn und das Probleml&ouml;sungspotenzial eines &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; diskutiert. Dass die klassische Kriegsberichterstattung, in der Reporter von Krisenschauplatz zu Krisenschauplatz ziehen, nicht mehr zeitgem&auml;&szlig; ist, wird anhand der Lekt&uuml;re von <i>Bettina Gaus</i>: Frontberichte. Die Macht der Medien in Zeiten des Krieges, Campus Verlag: Frankfurt/Main/New York 2004, 193 S., ISBN 3-593-37543-5;19,90 Euro mehr als deutlich. Auf Grundlage eigener Beobachtungen weist die langj&auml;hrige Afrika-Korrespondentin der taz detailliert nach, wie Kriegsberichterstatter aus Krisenregionen durch kulturelles und politisches Unwissen, unzureichende Arbeitsbedingungen und Beeinflussung durch Kriegsparteien immer wieder ein falsches Bild vom Krieg zeichnen, das dann den Diskurs in der Heimat pr&auml;gt.</p>
<p>Ob allerdings wie auch immer gearteter &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; eine bessere Berichterstattung garantieren kann, ist umstritten. Den bislang existierenden normativen Bestimmungen des Begriffs &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; zumindest erteilt Martin L&ouml;ffelholz eine klare Absage. Dahinter stecke ein medienp&auml;dagogisches Konzept, das weder mit den realen Aufgaben und Arbeitsbedingungen von Kriegsberichterstattern noch mit der theoretischen Aufgabenzuweisungen an den Journalismus in Einklang zu bringen sei, schreibt der Ilmenauer Kommunikationswissenschaftler in der Einleitung zu:</p>
<p><i>Martin L&ouml;ffelholz </i>(Hg.): Krieg als Medienereignis II. Krisenkommunikation im 21. Jahrhundert, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-13997-5; 34,90 Euro</p>
<p>Dieser Band, Nachfolger eines &auml;hnlich angelegten Werkes aus den fr&uuml;hen 1990er Jahren, enth&auml;lt viele bemerkenswerte Beitr&auml;ge zum Verh&auml;ltnis von Journalismus und Krieg aus historischer und systematischer Perspektive, die naturgem&auml;&szlig; in ihrer Qualit&auml;t stark differieren. Herausragend der einleitende Beitrag aus L&ouml;ffelholz&#8216; Feder, in der systematisch in das Forschungsfeld Kriegs- und Krisenkommunikation eingef&uuml;hrt wird und Perspektiven f&uuml;r die Forschung aufgezeigt werden.</p>
<p>Zur&uuml;ck in die Vergangenheit: Die bundesdeutsche Nachkriegsmediengeschichte zehrt bis heute von ihren Gr&uuml;ndungsmythen. Hier waren Aufstiege aus dem scheinbaren Nichts m&ouml;glich, die in anderen, st&auml;rker von Kontinuit&auml;ten gepr&auml;gten Wirtschaftszweigen so nicht denkbar waren. Zwanzig Jahre nach dem Tod eines der umstrittensten deutschen Medienunternehmer widmet sich eine Biographie dem Wirken seiner Witwe:</p>
<p><i>Inge Kloepfer</i>: Friede Springer. Die Biographie, Hoffmann und Campe: Hamburg 2005, 319 5., ISBN 3-455-09489-9; 22 Euro</p>
<p>Das Erbe Axel Springers, das viele Konkurrenten von Kirch bis Burda gerne unter sich aufgeteilt h&auml;tten, wurde von der oft untersch&auml;tzten Friede Springer gesichert &ndash; zumindest bis auf weiteres. Der Werdegang des friesischen Kinderm&auml;dchens im Hause Springer zur M&auml;tresse, dann f&uuml;nften und letzten Ehefrau des Verlegers bis hin zur heutigen Mehrheitseignerin der AG tr&auml;gt zweifellos filmreife Z&uuml;ge. Ihre Biographin, Wirtschaftskorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat denn auch tief in die Farbeimer gelangt und manche Passage penetrant-blumig ausgemalt. Das liest sich unterhaltsam, doch h&auml;tte man die Medienmacht des Weltanschauungskonzerns Springer unter Friedes &Auml;gide &ndash; und mit Mathias D&ouml;pfner an der Spitze &ndash; gerne einmal jenseits von &bdquo;Wer gegen Wen&#8220;-Betrachtungen pr&auml;sentiert bekommen.</p>
<p>Geschickt ausge&uuml;bte Medienmacht (und eine mindestens so ambitionierte Vergangenheitspolitik) l&auml;sst sich am Beispiel des Bertelsmann-Konzerns demonstrieren. In ihrem Buch &uuml;ber die Geschichte des Mediengiganten skandalisieren Frank B&ouml;ckelmann und Hersch Fischler den aus ihrer Sicht bislang geschickt camouflierten politischen Einfluss des ostwestf&auml;lischen Konzerns. Dabei kultivieren die Autoren den aufkl&auml;rerischen Gestus:</p>
<p><i>Frank B&ouml;ckelmann/Hersch Fischler</i>: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums, Eichborn Verlag: Frankfurt/Main 2004, 348 S., ISBN 3-8218-5551-7; 19,90 Euro</p>
<p>So sehr der Einfluss von Bertelsmann ein spannendes, allemal diskutierenswertes Thema ist, so sehr verfehlt B&ouml;ckelmanns und Fischlers Enth&uuml;llungsst&uuml;ck sein Ziel. Statt den heutigen Einfluss des Medienhauses in den Mittelpunkt des Buches zu stellen, referieren sie langatmig die Unternehmensgeschichte, wobei sie sich vornehmlich auf den erst vor wenigen Jahren publizierten Bericht der Unabh&auml;ngigen Historikerkommission zur Geschichte von Bertelsmann im &bdquo;Dritten Reich&rdquo; st&uuml;tzen. Zwar gelingt es ihnen dabei, dem Konzern zahlreiche kleine und gr&ouml;&szlig;ere L&uuml;gen im Umgang mit seiner Historie nachzuweisen, doch zu einer Erhellung der Frage, wie und zu welchem Nutzen Bertelsmann heute wirtschaftlichen mit politischem Einfluss kombiniert, tr&auml;gt diese Darstellung wenig bei. Dort dagegen, wo man gerne mehr &uuml;ber die Netzwerke der G&uuml;tersloher erfahren h&auml;tte &ndash; vor allem die T&auml;tigkeit der Bertelsmann Stiftung &ndash;, verharrt die Darstellung an der Oberfl&auml;che und wird oft geradezu peinlich d&uuml;nn.</p>
<p>&bdquo;Fahl, staubgrau, dazu noch ungenau bis schlampig&rdquo; &ndash; Fritz J. Raddatz&#8216; Verdikt &uuml;ber ein Portr&auml;t des gro&szlig;en Verlegerantipoden Springers, Rudolf Augstein, f&auml;llt viel-leicht &uuml;bertrieben eindeutig aus. Jedoch ist Dieter Schr&ouml;der, einstiger Spiegel-Reporter und sp&auml;ter Chefredakteur der S&uuml;ddeutschen Zeitung, tats&auml;chlich der erratischen R&auml;tsel-natur Augsteins nicht wirklich auf den Grund gegangen:</p>
<p><i>Dieter Schr&ouml;der: </i>Augstein. Siedler: M&uuml;nchen 2004, 319 S., ISBN 3-88680-782-7; 22,90 Euro</p>
<p>Viele der zahllosen Legenden um den Spiegel-Gr&uuml;nder, die der Autor mitteilt, sind schon l&auml;nger bekannt. Zu kl&auml;ren w&auml;ren Wandel und Kontinuit&auml;ten im Leben des Verlegers gewesen, des &bdquo;Nationalliberalen&rdquo; (Ralf Dahrendorf) und &bdquo;Nationalisten&rdquo; (Erich<br />Kuby), den man &bdquo;linker gelesen [habe], als er war&rdquo; (Iring Fetscher). Interessant w&auml;re auch ein Vergleich des fr&uuml;hen mit dem sp&auml;ten Augstein: Sind die Marotten, Unberechenbarkeiten, Unsicherheiten und Unsinnigkeiten nicht erst Ausw&uuml;chse desjenigen, der alles erreicht hat und nicht mehr m&auml;chtiger und kaum noch reicher werden kann? Augsteins multipler Pers&ouml;nlichkeit kam jedenfalls j&uuml;ngst Joachim Fest in der Portr&auml;tskizze in seinem Erinnerungsbuch Begegnungen um vieles n&auml;her.</p>
<p>Augstein hatte der Sportwagenliebhaberin Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff einst einen Porsche zum Geburtstag geschenkt, den sie jedoch l&auml;chelnd zur&uuml;ckwies. Bei ihrem Arbeitgeber war sie da weniger ablehnend: Verleger Gerd Bucerius schenkte ihr ein Haus, zu ihrem 70. Geburtstag 70.000 DM und zu ihrem 80. entsprechend 80.000 Mark. Auch ansonsten ist beider Beziehung nicht unbedingt von hanseatischer bzw. preu&szlig;ischer Zur&uuml;ckhaltung gepr&auml;gt, wie man dem Briefwechsel der beiden entnehmen kann:<br />Ein wenig betr&uuml;bt, Ihre Marion. Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff und Gerd Bucerius. Ein Briefwechsel aus f&uuml;nf Jahrzehnten, hg. v. Haug von Kuenheim u. Theo Sommer, Siedler: Berlin 2003, 303 S., ISBN 3-88680-798-3; 22 Euro</p>
<p>Immer intensiv, zumeist herzlich, nicht selten aber auch leidenschaftlichemp&ouml;rt &uuml;bereinander haben beide gemeinsam das Schicksal ihrer Wochenzeitung, der Zeit, er&ouml;rtert. Rund 160 der 280 erhaltenen, zwischen 1954 und 1993 gewechselten Briefe haben die Herausgeber mit knappen Erkl&auml;rungen versehen und ver&ouml;ffentlicht, einige wohl gek&uuml;rzt um die heftigsten Invektiven &uuml;ber Redakteure des Blattes oder sonstige Personalia, von denen sich ohnehin viel in den Briefen finden. &bdquo;Was blo&szlig; ist mit der Zeitung los?&rdquo;, sorgt sich der Verleger st&auml;ndig, nicht nur in 20seitigen Blattkritiken einzelner Zeit-Ausgaben: &bdquo;wir k&ouml;nnen zwischen Spiegel und FAZ zerrieben werden.&rdquo; Beide schenkten sich nichts: &bdquo;Warum hassen Sie mich?&rdquo;, fragte er die Gr&auml;fin, die nach &bdquo;Gutsherrinnenart&rdquo; herrschen wolle, was sie mit dem Vorwurf des &bdquo;Schlotbarons&rdquo; konterte. Fast vierzig Jahre deutscher Pressegeschichte spiegeln sich in diesem ebenso sch&ouml;nen wie wichtigen Buch.</p>
<p>Zweifellos geh&ouml;ren die einzigartigen Gestalten Augstein, Axel Springer, D&ouml;nhoff einer unwiederbringlich vergangenen Epoche an. Wie sehen die heute und k&uuml;nftig pr&auml;genden Figuren des Medienbetriebs aus? 24 Studierende des Hamburger Instituts f&uuml;r Journalistik und Kommunikationswissenschaft haben erfolgreiche Journalisten interviewt, nach ihren Erfahrungen in der Branche befragt und diese Gespr&auml;che in gut gestreuter Pressearbeit schon vorab in vielen Medien untergebracht:</p>
<p><i>Bernhard P&ouml;rksen </i>(Hg.): Trendbuch Journalismus. Erfolgreiche Medienmacher &uuml;ber Ausbildung, Berufseinstieg und die Zukunft der Branche, Herbert von Halem Verlag: K&ouml;ln 2005, 299 S., ISBN 3-9311606-87-2; 16 Euro</p>
<p>Das &Uuml;berschriftenmachen will zwar noch gelernt werden: selten ist ein Buch so irref&uuml;hrend, ja resonanzverhindernd betitelt worden, da die von den Profis offerierten Trends selten &uuml;ber Allgemeinpl&auml;tze hinaus kommen. Dennoch ist es ein h&ouml;chst interessantes und &auml;u&szlig;erst kurzweiliges Buch geworden, das facettenreiche biographische Selbstausk&uuml;nfte bietet. Vergn&uuml;gt liest man, wie die Mode- und Lifestyle-Redakteurin der SZ-Wochenendbeilage Rebecca Casati von ihren unwesentlich j&uuml;ngeren Gespr&auml;chspartnerinnen mit dem fragw&uuml;rdigem Sinn ihres Schreibens konfrontiert wird oder mit ihrer Liaison mit FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Nicht alle Interviews sind derart anregend-aggressiv, trotzdem verm&ouml;gen Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, Bild-Chef Kai Diekmann, Zeit-Herausgeber Michael Naumann, Tagesthemen-Moderatorin Anne Will, Talkmasterin Sandra Maischberger und ihr Kollege Reinhold Beckmann, taz-Chefin Bascha Mika, die Reporter Cordt Schnibben und Helge Timmerberg, Klatsch-Kolumnistin Katja Ke&szlig;ler, Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg, Politik- und Medienberater wie Michael Spreng und viele andere die Probleme und Un&uuml;bersichtlichkeiten der Medienlandschaft sowie die Krisenanf&auml;lligkeit des journalistischen Berufslebens vor Augen zu f&uuml;hren.</p>
<p>Von der Krise der Tagespresse besonders betroffen scheint das Feuilleton &ndash; oder vermag es nur theatralischer als andere zu wehklagen? Schon war von Subventionierung die Rede, da es unverzichtbares Kulturgut sei. Dass es tats&auml;chlich einmal ein intellektuelles Leitmedium des Kulturjournalismus gab, das unabh&auml;ngig von den Pressionen des Marktes das geistige Bewusstsein Deutschlands nach 1945 pr&auml;gen konnte, daran erinnert die verdienstvolle und zudem gut geschriebene zeitgeschichtliche Untersuchung von <i>Monika Boll</i>: Nachtprogramm. Intellektuelle Gr&uuml;ndungsdebatten in der fr&uuml;hen Bundesrepublik, LIT Verlag: M&uuml;nster 2004, 270 S., ISBN 3-8258-7108-8; 24,90 Euro</p>
<p>Nach 22 Uhr sendeten die &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten NWDR, HR, SWF, BR und der RIAS bis in die 1960er Jahre hinein sogenannte Nachtprogramme, die den Kulturhunger der geistigen Eliten nach 1945 befriedigen sollten. Zwar blieb dieses Radioprogramm naturgem&auml;&szlig; eine Minderheitenveranstaltung, doch immerhin erreichte es beispielsweise im Sendegebiet des NWDR 100.000 Personen. Die Autorin stellt zum einen mit dem Instrumentarium der intellectual history die geistigen Traditionen der Redaktionen und Redakteure dar, wobei sie wenig &uuml;berzeugend eine &uuml;berkommene elit&auml;r-kulturkritische Dominanz herausarbeiten will. Zum anderen geht es ihr um die intellektuellen Diskurse, die via Nachtstudio in die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft wirkten und in denen sich vorzugsweise Soziologen tummelten: Plessner, Gehlen, Adorno, K&ouml;nig, Schelsky machten erst durch ihre Radiodiskussionen und -vortr&auml;ge die Soziologie zur Leitwissenschaft, so k&ouml;nnte man zugespitzt formulieren. Ihre wirksamsten Unterst&uuml;tzer sind dabei die KuIturredakteure der Rundfunkanstalten, was Boll anhand zahlreicher Archivmaterialien illustriert &ndash; nicht zuletzt der einflussreiche Nachtstudioleiter des Bayrischen Rundfunks und Gr&uuml;nder der vorg&auml;nge, Gerhard Szczesny.<br />Kulturkritik erscheint da als einziger Ausweg, wenn man nach dieser Lekt&uuml;re zur&uuml;ck aus l&auml;ngst versunkenen Zeiten in der tristen Gegenwart des Kulturjournalismus angelangt ist. In einem Sammelband reflektieren Praktiker und Theoretiker dessen aktuelle Bedeutung:</p>
<p><i>Michael Haller </i>(Hg.): Die Kultur der Medien. Untersuchungen zum Rollen- und Funktionswandel des Kulturjournalismus in der Mediengesellschaft, LIT Verlag: M&uuml;nster 2002, 234 S., ISBN 3-8258-5907-x; 20,90 Euro</p>
<p>R&uuml;diger Steinmetz deutet noch einmal die Trash-Fernsehshow Big Brother als endg&uuml;ltigen Beleg f&uuml;r den Wandel der Fernseh-Programms vom Kulturgut zur Ware; Hans-J&uuml;rgen Bucher beschreibt in einem klugen, weit in die Geschichte ausgreifenden Aufsatz den Wandel der journalistischen Schriftkultur hin zur gegenw&auml;rtig immer st&auml;rker werdenden Visualisierung von Texten durch Grafiken usw. &ndash; diese m&uuml;ssten endlich in eine Kommunikationstheorie miteinbezogen werden. Manfred Eichel, Verantwortlicher f&uuml;r Kultur beim ZDF, zeichnet das durchwachsene Schicksal der Kulturmagazine im Fernsehen nach. Und Jens Jessen, Feuilleton-Chef der Zeit, vermag in der kurzen Bl&uuml;te-zeit des Feuilletons in den 1990er Jahren nur die Glanzzeit einer seiner Untergruppen, des politischen Feuilletons, zu entdecken. Doch die Anfeindungen durch alles Popul&auml;re seien existenzgef&auml;hrdend f&uuml;r ein Genre, das Kenntnisse, Bildung und Tradition zur Voraussetzung hat: &bdquo;Wenn die Vorstellung um sich greift, Kultur m&uuml;sse anstrengungslos und Vorbildungslos f&uuml;r alle zug&auml;nglich sein, beginnt das Totengl&ouml;cklein f&uuml;r das Feuilleton zu l&auml;uten&rdquo;; es solle eine Sporenform annehmen, um im &bdquo;Dauerfrost des eskalierenden Populismus&rdquo; zu &uuml;berleben.</p>
<p>Um sich gegen diese sibirische K&auml;lte ein wenig zu w&auml;rmen, hilft auch dem individualistischen Feuilletonisten das Wir-Gef&uuml;hl, zumal wenn es mit staatlichen Finanzmitteln, in diesem Falle der Bundeskulturstiftung, wenigstens f&uuml;r ein Wochenende erzeugt wird. Eine Tagung im September 2003 wurde zum Klassentreffen des deutschen Kulturjournalismus, auf dem intensiv die Krise des Feuilletons diskutiert wurde; Vor-tr&auml;ge und Diskussionen kann man jetzt in einem ebenso intelligenten wie preiswerten Taschenbuch nachlesen:<br />Thomas Steinfeld (Hg.): Was vom Tage bleibt. Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen &Ouml;ffentlichkeit in Deutschland, Fischer Taschenbuch: Frankfurt/Main 2004, 190 S., ISBN 3-59b-16329-3;10,90 Euro</p>
<p>Die illustre Schar der Referenten &ndash; Redakteure (u.a. Patrick Bahners, Ina Hartwig, Gustav Seibt, J&uuml;rgen Kaube, Jens Jessen, Eckhard Fuhr, Thomas Steinfeld, Stephan Speicher, Lothar M&uuml;ller), publizistisch pr&auml;sente Wissenschaftler (Heinrich Detering, Heinz Bude, Moritz Ba&szlig;ler) und auch essayistisch t&auml;tige Schriftsteller (Martin Mosebach, Feridun Zaimoglu, Georg Klein) &ndash; weist wie zu erwarten kaum Auswege, aber bietet &ndash; ebenso erwartbar &ndash; zahlreiche lohnende Reflektionen. Gustav Seibts unschwer zu akzeptierende conclusio am Ende des Bandes und seiner Ausf&uuml;hrungen zur verschwindenden Bildungsb&uuml;rgerlichkeit: &bdquo;Das Feuilleton lebt von Grundlagen, die es nicht garantieren kann.&rdquo;</p>
<p>Die Grenzen werden heute vielfach &uuml;berschritten: Attackiert wurde und wird auch das herk&ouml;mmliche Feuilleton formal und stilistisch von einer relativ &bdquo;hei&szlig;en&rdquo; Spielart des Schreibens, die als New Journalism eher umschrieben denn definiert ist.</p>
<p>In Amerika aufgekommen, mit Autoren wie Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson verkn&uuml;pft, bedeutet der Begriff am ehesten wohl die Neuverkn&uuml;pfung literarischer mit journalistischen Arbeitsweisen; zugleich unter Einbeziehung fiktionaler und stark subjektiv gef&auml;rbter Momente. In einem ausgezeichneten Sammelband mit durchweg lesenswerten, oft brillanten Beitr&auml;gen kann man sich einen umfassenden &Uuml;berblick verschaffen:</p>
<p><i>Joan Kristin Bleicher/Bernhard P&ouml;rksen (Hg.): </i>Grenzg&auml;nger. Formen des New Journalism, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004; 443 S., ISBN 3-531-14096-5; 39,90 Euro</p>
<p>Bernhard P&ouml;rksen erz&auml;hlt die Geschichte des Magazins Tempo, das hierzulande einen deutschsprachigen New Journalism zu kreieren versuchte; die Popliteratur und deren Zwitterstellung zwischen Journalismus und Literatur analysiert Dirk Frank; Hans J. Kleinsteuber dekonstruiert ebenso energisch wie nachhaltig den Mythos Tom Wolfe, Niels Werber untersucht aus systemtheoretischer Perspektive die lange Geschichte der Factual Fiction, bis hin zu Daniel Defoe.</p>
<p>Verschiedenen &Uuml;berg&auml;ngen bzw. Ber&uuml;hrungspunkten zwischen Literatur und Journalismus widmet sich auch der instruktive Sammelband<br />Bernd Bl&ouml;baum/Stefan Neuhaus (Hg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 341 S., ISBN 3-531-13850-2; 34,90 Euro</p>
<p>Neben systematischen Beitr&auml;gen, u.a. zum Bild des Journalisten in der Literatur, zur Theorie und Praxis von Literaturkritik und von Hans J. Kleinsteuber &uuml;ber die Gattung des Medienthrillers, st&ouml;&szlig;t man hier auf Texte zu den Fallbeispielen Erasmus und Montaigne, Defoe, Heinrich Heine, Egon Erwin Kisch, Erich K&auml;stner u.a. Literarisch inspirierte Journalisten und Feuilletonisten von einst scheinen gegenw&auml;rtig ohnehin eine Renaissance zu erleben, werden gar in den Rang von Klassikern erhoben &ndash; vielleicht weil sich in ihren Texten Qualit&auml;ten entdecken lassen, die unter den schwierigen journalistischen Bedingungen heute nur noch selten anzutreffen sind? Das bewundernswerte und verdienstvolle Gro&szlig;projekt einer Tucholsky-Gesamtausgabe, die im Rowohlt Verlag erscheint, hat hier vor Jahren einen Anfang gemacht. Zuletzt er-schien Band 8 mit Tucholskys Texten aus dem Jahr 1926, der knapp 550 Seiten Text und 450 Seiten Anhang mit ausf&uuml;hrlichen Stellenkommentaren und Registern umfasst:</p>
<p><i>Kurt Tucholsky</i>: Gesamtausgabe Bd. 8: Texte 1926, hg. v. Gisela Enzmann-Kraiker u. Christa Wetzel, Rowohlt: Reinbek 2004, 1.012 S., ISBN 3-498-06531-9; 49,90 Euro</p>
<p>In jenem Jahr der Weimarer Republik, das der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht vor einiger Zeit als Jahr am Rande der Zeit portr&auml;tiert hat, weilt Tucholsky in Paris als Korrespondent f&uuml;r Ullstein; die meisten seiner Feuilletons ver&ouml;ffentlicht er als Peter Panter in der Vossischen Zeitung, aber auch in der Weltb&uuml;hne. Die szenisch starken 218 Texte aus diesem Jahr, grundiert von lauter Ironie, wirken f&uuml;r eine deutsch-franz&ouml;sischen Auss&ouml;hnung, kommentieren scharf die Verh&auml;ltnisse in der Weimarer Republik. Der l&auml;rmend-scheppernde Tonfall mag heute befremden, vermittelt jedoch stilistisches Zeitkolorit aus einer umk&auml;mpften Epoche.</p>
<p>Im gleichen Verlag wurden als preiswerte Taschenb&uuml;cher die Schriften Alfred Polgars wiederaufgelegt, jenes 1873 in Wien geborenen, legend&auml;ren Gro&szlig;meisters der kleinen Form:</p>
<p><i>Alfred Polgar: Kleine Schriften</i>. Bd. 1: Musterung, Bd. 2: Kreislauf, Bd. 3: Irrlicht, hg. v. Marcel Reich-Ranicki in Zusammenarbeit mit Ulrich Weinzierl, Rowohlt Taschen-buch: Reinbek 2003/2004 [EA: 1982], 461 S., 416 S. 451 S., ISBN 3-499-13506-X, 3-499-23808-X, ISBN 3-499-23809-8; je 9,50 bzw. 9,90 Euro</p>
<p>Keine Facette des Daseins scheint Polgar in der hier dargebotenen F&uuml;lle an Texten aus den 1920er bis 1950er Jahren zu &uuml;bersehen, ob es nun Schlafwagen, sp&auml;te Geburtstage oder die verschiedenen Abschiede im Leben sind. Hier verteidigt er brillant jene &bdquo;kleine Form&rdquo;: sie sei &bdquo;mit mancher Qual verkn&uuml;pftes schriftstellerisches Bem&uuml;hen, aus hundert Zeilen zehn zu machen&rdquo;, was ungerechterweise dazu gef&uuml;hrt h&auml;tte, zum &bdquo;Autor f&uuml;r Nachspeise- und Vorschlummerst&uuml;ndchen&rdquo; degradiert zu werden. Tats&auml;chlich ist es schwer, den Zauber seiner Texte zu beschreiben, der auf einer extremen Verdichtung, dem Weglassen jenes &bdquo;Schw&auml;nzelns&rdquo; beruhte, das sein Kollege Victor Auburtin doch als die wichtigste Technik des Feuilletonisten benannt hatte. Polgars Licht dagegen &bdquo;erhellt, ohne je zu blenden&rdquo;, wie Herausgeber Reich-Ranicki treffend formuliert.</p>
<p>Zu den bemerkenswertesten Wiederentdeckungen der Feuilletongeschichte geh&ouml;ren die fr&uuml;hen Texte von Sebastian Haffner, die dieser in den 1930er Jahren f&uuml;r solche Magazine wie Die Koralle oder Die Dame, aber auch die Vossische Zeitung verfasste:<br />Sebastian Haffner: Das Leben der Fu&szlig;g&auml;nger. Feuilletons 1933-1938, hg. v.<i> J&uuml;rgen Peter Schmied</i>, Hanser : M&uuml;nchen 2004, 397 S., ISBN 3-446-20490-3; 23,50 Euro</p>
<p>Einer der einflussreichsten Starpublizisten der Bundesrepublik, der erst in der Welt, dann im Stern vorzugsweise die Weltpolitik kommentierte, zudem aufsehenerregende B&uuml;cher wie seine Anmerkungen zu Hitler schrieb, hatte sich in den Anf&auml;ngen seiner journalistischen Arbeit mit Themen wie der Zigarette, der Ansichtspostkarte, der Hose, den Vorteilen der Geldverschwendung sowie den Unterschieden zwischen Fensterschlie&szlig;ern und Fenster&ouml;ffnern in Zugabteilen besch&auml;ftigt. Die Wiederentdeckung dieser Texte, von denen manche nie erschienen, ist ein Gl&uuml;cksfall, auch weil sich in ihren scheinbaren Abseitigkeiten eine &bdquo;subversive Geste&rdquo; gegen den NS-Zeitgeist verbarg: das &bdquo;Beharren auf der privaten Perspektive&rdquo; (S&uuml;ddeutsche Zeitung). &bdquo;Mit der Zigarette zwischen den Fingern ist es unm&ouml;glich, den &Uuml;bermenschen zu spielen&rdquo; &ndash; mancher oberfl&auml;chliche Rezensent hat solche und &auml;hnliche Anspielungen Haffners &uuml;berlesen. F&uuml;r die Medienlandschaft der Bundesrepublik war es dennoch eine List der Vernunft, dass Haffner 1938 in die Emigration gezwungen wurde: Er endete vielleicht ihretwegen nicht als &bdquo;Redakteur in der R&auml;tselecke&rdquo;, wie er Joachim Fest das Schicksal junger Genies beschrieb.</p>
<p>Ein Medium f&uuml;r eine solche feuilletonistisch-literarische Kultur war klassischerweise die intellektuelle Zeitschrift. Sie hat sich im Laufe der Zeit grundlegend gewandelt, bis hin zur heutigen prek&auml;ren Situation angesichts sinkender Abonnentenzahlen und eines schwindenden Lesepublikums; die Einstellung der Gewerkschaftlichen Monatshefte oder die unklare Zukunft des Kursbuchs mag das illustrieren. Tr&ouml;stlich ist hier einmal mehr der Blick in die Vergangenheit. So hat beispielsweise Sylvia Kall in ihrer Bochumer Dissertation die vier ma&szlig;geblichen literarischen Zeitschriften Ende des 18. Jahrhunderts (Allgemeine Literatur-Zeitung, Horen, Deutschland, Athenaeum) und deren explosionsartigen Boom untersucht &ndash; und ihr jeweiliges Ende nicht ausgespart:</p>
<p><i>Sylvia Kall:</i> &bdquo;Wir leben jetzt recht in Zeiten der Fehde&rdquo;. Zeitschriften am Ende des 18. Jahrhunderts als Medien und Kristallisationspunkte literarischer Auseinandersetzung, Peter Lang: Frankfurt/Main 2004, 420 S., ISBN 3-631-52396-3; 68,50 Euro</p>
<p>Das Zeitschriftengr&uuml;ndungsfieber profitierte vom &bdquo;Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit&rdquo; (Habermas) in jenen Jahrzehnten, den es zugleich bef&ouml;rderte. Ein interessiertes Publikum entstand, das lebhaften Anteil an den zwischen den Zeitschriften und ihren Autoren ausgetragenen heftigen Kontroversen nahm. Die Autorin widmet sich neben den literarischen Inhalten auch den finanziellen Aspekten und der Redaktionsorganisation der Zeitschriften.</p>
<p>Goethe hatte sich mit vielen Beitr&auml;gen an den Horen, dem Zeitschriftenprojekt seines Freundes Schiller, beteiligt und diesen ermutigt, auf die heftige Kritik an der Zeitschrift mit einem gemeinsamen Rundumschlag gegen literarisch-kritische Zeitgenossen, den ber&uuml;hmten Xenien, zu antworten. Hansj&uuml;rgen Koschwitz, emeritierter Professor f&uuml;r Kommunikationswissenschaft in G&ouml;ttingen, hat nun Goethes Umgang mit der Presse untersucht:</p>
<p><i>Hansj&uuml;rgen Koschwitz</i>: Wider das &bdquo;Journal- und Tageblattverzeddeln&rdquo;. Goethes Pressesicht und Pressenutzung, LIT Verlag: M&uuml;nster 2002, 284 S., ISBN 3-8258-4896-5; 25,90 Euro</p>
<p>In einer immensen Flei&szlig;arbeit hat der Autor alle denkbaren &Auml;u&szlig;erungen des Klassikers zur Presse zusammengetragen, wobei auch die t&auml;gliche Lekt&uuml;repraxis ber&uuml;cksichtigt wird. Dass der Geheimrat und Minister eine &bdquo;weise und kr&auml;ftige Diktatur&rdquo; gegen&uuml;ber der &bdquo;Press-Anarchie&rdquo; bef&uuml;rwortete und den &bdquo;Unfug der Pressfreiheit&rdquo; monierte, erstaunt nicht wirklich. Bei seiner privaten Lekt&uuml;re sto&szlig;en wir dagegen auf bekannte Parallelempfindungen: einerseits die Klage &uuml;ber unsinnig mit Zeitungsstudium vergeudete Zeit, andererseits die lebenslange neugierige Begeisterung f&uuml;r alles, was die Journale t&auml;glich, w&ouml;chentlich oder monatlich aus der Welt berichten.</p>
<p>Der kleine Hamburger Verlag Edition Nautilus erinnert durch Wiederankn&uuml;pfung und Fortf&uuml;hrung an ein legend&auml;res linksradikales Zeitschriftenprojekt der 1920er Jahre:</p>
<p>Die Aktion. Zeitschrift f&uuml;r Politik, Literatur, Kunst, Edition Nautilus: Hamburg, ISSN 0516-340X, Vier Lieferungen im Jahr zu je 8 Euro (23. Jg., Zweite Lieferung 2004, Heft 209: Franz Pfemfert. Zur Erinnerung an einen revolution&auml;ren Intellektuellen) Heft 209 widmet sich dem einstigen Herausgeber der Zeitschrift, dem revolution&auml;ren Irrlicht Franz Pfemfert (1879-1954), der die Aktion 1911 gr&uuml;ndete und bis 1918 auf ihren Seiten gegen den Krieg und die Sozialdemokratie k&auml;mpfte, um nach 1918 bis zur letzten Ausgabe 1932 von links gegen Lenin und die Moskauer Parteidiktatur zu agitieren. Lutz Schulenburg, der aktuelle Herausgeber, schildert mit durch N&auml;he getr&uuml;btem Blick das umtriebige Leben Pfemferts, zitiert leider viel zu ausf&uuml;hrlich aus den Pamphleten dieses Feuerkopfs. Sein Verdienst bleibt es dennoch, diese wilde Episode deutscher Zeitschriftengeschichte zwischen Expressionismus und zunehmend dogmatischerem Anarchismus ins Ged&auml;chtnis zur&uuml;ckzurufen.</p>
<p>Einer Legende der deutschen Nachkriegspublizistik hat sich der Schriftsteller und Publizist Marko Martin verschrieben: der zwischen 1948 und 1971 (mit einem kurzzeitigem Wiederaufleben 1978-1986) erschienenen Zeitschrift Der Monat:</p>
<p><i>Marko Martin: </i>&bdquo;Eine Zeitschrift gegen das Vergessen&rdquo;. Bundesrepublikanische Traditionen und Umbr&uuml;che im Spiegel der Kulturzeitschrift Der Monat, Peter Lang: Frankfurt/Main u.a. 2003, 106 S., ISBN 3-631-51105-1; 24,50 Euro</p>
<p>Martin st&uuml;tzt sich in seiner Magisterarbeit auf die ver&ouml;ffentlichten Artikel im Monat sowie Gespr&auml;che mit den ehemaligen Redakteuren Melvin Lasky, Peter H&auml;rtling und Klaus Harpprecht. Einerseits war die Zeitschrift ein Produkt der Nachkriegskultureuphorie, die geistige Erzeugnisse aller Art befl&uuml;gelte. Andererseits formierte sich hier eine breite Str&ouml;mung einer liberal grundierten, antitotalit&auml;ren Ausrichtung: Im offenen Monat schrieben Emigranten wie Hans Sahl, Siegfried Kracauer, Golo Mann und Peter de Mendelssohn; internationale Autoren wie W. H. Auden, Ignazio Silone, Raymond Aron und Isaiah Berlin und viele andere. Der Geist des amerikanischen Pragmatismus im Sinne des Philosophen John Dewey pr&auml;gte die weltoffene Zeitschrift und machte sie unter der &Auml;gide von Lasky und Hellmut Jaesrich zum Instrument von Verwestlichung und Reeducation. Melancholischer Anwandlungen vermag sich der heutige Leser nicht zu erwehren, angesichts des Themenspektrums und der glanzvollen Autorenschaft (und nicht zuletzt angesichts einer Auflage von 25.000 Exemplaren in den 1950er Jahren).</p>
<p>Die Kollegen vom seit 1947 erscheinenden und traditioneller, weniger politisch orientierten Merkur bem&uuml;hten sich um einen Autor ganz besonders: den Dichter Gottfried Benn. Wer die gemeinhin nicht immer spannungsfreie Beziehung zwischen Autor und Redakteur in all ihren Nuancen studieren m&ouml;chte, dem sei dringend geraten, exemplarisch den k&uuml;rzlich ver&ouml;ffentlichten Briefwechsel zwischen Benn und den Merkur-Herausgebern zu lesen:</p>
<p><i>Gottfried Benn</i>: Briefwechsel mit den Merkur-Herausgebern Hans Paeschke und Joachim Moras 1948-1956 (Briefe, Bd. 7), Klett-Cotta: Stuttgart 2004, 253 S., ISBN 3-608-93697-1; 23 Euro</p>
<p>Da wird beiderseits verf&uuml;hrt, geworben, gedroht, geschmeichelt, gew&auml;hrt, gebettelt, gez&uuml;rnt, gewedelt, gehuldigt und gelobt. Verstimmungen bleiben nicht aus, denn die Konkurrenz will auch mit Texten bedacht werden. Die Redakteure dr&auml;ngen stets untert&auml;nig, gieren h&ouml;flich nach Neuem und nach exklusiver Bindung; der Dichter ziert sich. Bald streift die Korrespondenz neben den Zeitl&auml;uften viel Privates und Branchentratsch. Dieser Briefwechsel ist, abgesehen von seiner Benns R&uuml;ckkehr in die Nachkriegs&ouml;ffentlichkeit geschuldeten literaturgeschichtlichen Bedeutung, ein wundersch&ouml;nes Beispiel interner Zeitschriftenkommunikation.</p>
<p>Doch wer das wahre Geheimnis einer Intellektuellenzeitschrift entschl&uuml;sseln m&ouml;chte, der sollte den kurzen Roman des amerikanischen Schriftstellers Charles Simmons lesen. Der Autor war drei&szlig;ig Jahre Redakteur der New York Times Book Review und hat als Bilanz eine hinrei&szlig;end komische Mediensatire vorgelegt:</p>
<p><i>Charles Simmons</i>: Beiles Lettres. Roman, C.H. Beck : M&uuml;nchen 2003, 183 S., ISBN 3-406-50870-3 ; 17,90 Euro</p>
<p>Frank Page, junger Redakteur bei der bedeutenden New Yorker Literaturzeitschrift Belles Lettres, erlebt kautzige Kollegen, borniert-ignorante Eigent&uuml;mer, die auf Rendite dr&auml;ngen, B&uuml;roboten, die Rezensionsexemplare verkaufen und die Bestsellerlisten manipulieren, einen Illiteraten Sanierer als neuen Chef, der den vertr&auml;umt-zynischen Alten abl&ouml;st, un&uuml;bersichtliche Aff&auml;ren und Intrigen sowie all die sonstigen Unsinnigkeiten eines Redaktionsalltags. Dieser intelligente und feinsinnige Roman offenbart das Wesen der Medien: Es ist selbstreferentielles interpersonales Chaos.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/strukturwandel-der-medienwelt/">Strukturwandel der Medienwelt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Die Berliner Topographie des Terrors in der deutschen NS-Gedenkstättenlandschaft</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/die-berliner-topographie-des-terrors-in-der-deutschen-ns-gedenkstaettenlandschaft/</link>
		
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		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 14:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Erfahrungen als wissenschaftlicher Direktor aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005 ), S.75-92 Das öffentliche Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus ist in Deutschland mit dem wachsenden zeitlichen Abstand nicht schwächer, sondern stärker geworden. Allerdings war das alles andere als ein kontinuierlicher Prozess. In der alten Bundesrepublik, die sich in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/die-berliner-topographie-des-terrors-in-der-deutschen-ns-gedenkstaettenlandschaft/">Die Berliner Topographie des Terrors in der deutschen NS-Gedenkstättenlandschaft</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Erfahrungen als wissenschaftlicher Direktor</p>
<p>aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005 ), S.75-92</p>
<p><i>Das öffentliche Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus ist in Deutschland mit dem wachsenden zeitlichen Abstand nicht schwächer, sondern stärker geworden. Allerdings war das alles andere als ein kontinuierlicher Prozess. In der alten Bundesrepublik, die sich in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches verstand, gab es auf der normativen Ebene der Politik von Anfang an eine klare Abgrenzung vom &#132;Dritten Reich&#148; und den in ihm und von ihm verübten Verbrechen. Auch wurde seit den 1960er Jahren an Schulen, Universitäten und Einrichtungen der politischen Bildung ernsthafte historische Aufklärungsarbeit geleistet, deren Wirkungen allerdings zunächst begrenzt blieben. In der bundesdeutschen Gesellschaft war vielmehr jahrzehntelang das Verlangen übermächtig, sich nicht konkret und schon gar nicht im Detail mit der NS-Geschichte auseinandersetzen zu müssen, sondern &#132;endlich&#148; einen &#132;Schlussstrich&#148; zu ziehen und die nationalsozialistische Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. &#132;Antifaschismus&#148; als politische Grundeinstellung oder gar als politisches Programm blieb eine Angelegenheit von relativ kleinen Minderheiten. Die große Mehrheit war davon überzeugt, dass eine demokratische Gesellschaft, die erfolgreich sein will, ihren Blick in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit richten müsse.</i></p>
<h5>Die geteilte NS-Ver&shy;gan&shy;gen&shy;heit: Bundes&shy;re&shy;pu&shy;blik und DDR</h5>
<p>In der DDR war für den öffentlichen Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus von Anfang an die Auffassung bestimmend, dass Kommunisten und Sozialisten nicht nur &#132;Opfer des Faschismus&#148;, sondern auch &#132;Kämpfer gegen den Faschismus&#148; gewesen seien und diesen Kampf mit Hilfe der Sowjetunion schließlich gewonnen hätten. Man sah sich deshalb, anders als in der Bundesrepublik, nicht in der Nachfolge des Reiches, sondern als dessen revolutionäre Alternative, als radikalen Neuanfang der deutschen Geschichte. Der &#132;Antifaschismus&#148; war ein zentraler Bestandteil des politischen Selbstverständnisses der DDR. Die monumentalen &#132;Nationalen Mahn- und Gedenkstätten&#148;, die seit Mitte der 1950er Jahre an den Orten der ehemaligen Konzentrationslager in Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen geschaffen wurden, gehörten drei Jahrzehnte lang zu den wichtigsten politischen Symbolorten der DDR, für die es in der alten Bundesrepublik nichts Vergleichbares gab.</p>
<p>Allerdings wurde der &#132;Antifaschismus&#148; schon sehr früh im Interesse der SED-Politik instrumentalisiert. Die &#132;Entnazifizierung&#148; wurde in den Dienst des &#132;Klassenkampfes&#148; gestellt und für die Durchsetzung einer planwirtschaftlich-sozialistischen Gesellschaftsordnung genutzt. Da der Nationalsozialismus als extreme Form des Faschismus und dieser als der politische Arm des &#132;Finanzkapitals&#148; galt, wurde der &#132;Antifaschismus&#148; unter den Bedingungen des Kalten Krieges in erster Linie zu einer Waffe im Kampf gegen die angeblich &#132;faschistische&#148; Bundesrepublik. Entsprechend gering war das Interesse an einer konkreten Aufarbeitung der NS-Geschichte, an anderen Opfer- und Widerstandsgruppen als denen, die zur unmittelbaren Vorgeschichte der SED gerechnet werden konnten, und auch an einer &#132;Täter-Geschichte&#148;, die über pauschale Zuordnungen und Verurteilungen hinausging. Für Initiativen von unten bestand so gut wie gar kein Spielraum, selbst die Einflussmöglichkeiten der Fachwissenschaft waren gering. Der &#132;Antifaschismus&#148; galt als eine Angelegenheit der Politik, über die auf höchster Ebene zu entscheiden war. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus wurde zentral gelenkt &#150; bis hin zu einzelnen Tafeltexten in den &#132;Nationalen Mahn- und Gedenkstätten&#148;.<br />Während in der DDR trotz einiger Differenzierungen in den späteren Jahren die grundsätzlichen Positionen bis 1988/89 unverändert blieben, kamen die Dinge in der alten Bundesrepublik zunächst langsam, dann immer schneller in Bewegung. In den 1960er Jahren fanden vor allem der Eichmann-Prozess in Jerusalem und der Auschwitz-Prozess in Frankfurt/Main öffentliche Aufmerksamkeit, ehe die studentische Bewegung in den Jahren um 1968 für Unruhe auch hinsichtlich der NS-Vergangenheit sorgte &#150; dabei allerdings zwischen einfallsreichen Provokationen (&#132;Unter den Talaren der Muff von Tausend Jahren&#8220;) und engstirnigem Dogmatismus schwankend. Der Regierungsantritt des früheren Emigranten und linken Antifaschisten Willy Brandt leitete einen politischen Klimawechsel ein, und der Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghetto-Aufstandes wurde zum weltweit beachteten Symbol eines neuen Verhältnisses zum Nationalsozialismus, des Mitgefühls mit den Opfern, des Eingeständnisses von nationaler Schuld und der Übernahme von moralischer und politischer Verantwortung. Seit Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre wurde die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu einer öffentlichen Angelegenheit.</p>
<p>Es waren engagierte Bürger, nicht zuletzt Jugendliche, die nun nach den Spuren des Nationalsozialismus in ihrem unmittelbaren Lebens- und Erfahrungsbereich suchten, sich den &#132;vergessenen Opfern&#148; widmeten, die Orte der Verfolgung und des Leidens wieder sichtbar machten, die Fragen nach den Tätern und den Verantwortlichen nicht abstrakt, sondern konkret stellten. Diese Geschichtsbewegung, die auch eine Demokratisierungsbewegung war, fand die Aufmerksamkeit und Unterstützung der Medien und &#150; nach anfänglichem Zögern &#150; schließlich auch der Politik. So entwickelte sich von den 1980er Jahren an in der alten Bundesrepublik eine breit aufgefächerte Erinnerungslandschaft, die sich an den Orten orientierte, an denen die Geschichte geschehen war, und die deshalb in ihrer Struktur notwendigerweise dezentral sein musste. Die Gedenkstätten, Denkmäler, Gedenktafeln, die jetzt entstanden, waren Proteste gegen die bis dahin praktizierte Verdrängung der NS-Geschichte, aber auch Dokumente des Willens, sich dieser Vergangenheit künftig zu stellen, die kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus zu einem unverzichtbaren Bestandteil der demokratischen Kultur der bundes-. deutschen Gesellschaft zu machen.</p>
<h5>Nach 1989: Ver&auml;nderung und Ausweitung des Gedenkens</h5>
<p>Die verbreitete Befürchtung, dass das Ende der DDR und die Vereinigung zu einem neuen deutschen Nationalstaat ein rasches Abflauen des öffentlichen Interesses an der kritischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus bewirken würden, erfüllte sich erfreulicherweise nicht. Das Interesse an den verschiedenen Formen der Erinnerungskultur, nicht zuletzt an der Pflege der historischen Orte und der historisch-politischen Bildungsarbeit, hat vielmehr weiter zugenommen. Die Präsenz der NS-Zeit in den Medien ist heute beinahe überwältigend (und manchmal beunruhigend); die Bereitschaft der großen Wirtschaftsunternehmen, aber auch führender Wissenschaftseinrichtungen, die jeweils eigene NS-Vergangenheit aufzuarbeiten bzw. aufarbeiten zu lassen, ist geradezu, sprunghaft angewachsen, und auch die Sensibilität der Politik bzw. der Politiker ist weiter gestiegen. Die Bundesregierung hat sich seit Anfang der 1990er Jahre verpflichtet gefühlt, zumindest für eine Übergangszeit einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der früheren &#132;Nationalen Mahn- und Gedenkstätten&#148; zu leisten, und sie hat in dieses &#132;Gedenkstätten-Programm&#148; einer 50prozentigen Bundesbeteiligung auch die Berliner Einrichtungen einbezogen, in denen es nicht um Fragen der Lokal- oder Regionalgeschichte geht, sondern &#150; wie in der Topographie des Terrors, der Gedenkstätte Deut-scher Widerstand und dem Haus der Wannseekonferenz &#150; um die großen Fragen der deutschen und europäischen Geschichte unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. 1999 ist schließlich, Anregungen und Forderungen des Deutschen Bundestages folgend, in parteiübergreifendem Konsens eine &#132;Gedenkstättenkonzeption&#148; der Bundesregierung verabschiedet worden, die den Beginn einer auf Dauer ausgerichteten nationalen Gedenkstättenpolitik bedeutet. Ohne die grundsätzliche Zuständigkeit der Bundesländer in Frage zu stellen, beteiligt sich der Bund seitdem ohne zeitliche Befristung an der Finanzierung wichtiger Einrichtungen in Berlin und den neuen Bundesländern, und er stellt darüber hinaus im Rahmen der &#132;Projektförderung&#148; jährlich beträchtliche Mittel zur Strukturverbesserung anderer Gedenkstätten zur Verfügung.</p>
<p>Das alles geschah, wie nicht übersehen werden darf, vor dem Hintergrund vielfältiger Entwicklungen in anderen Ländern, die in die gleiche Richtung wiesen. In den 1980er und 1990er Jahren entstanden in den USA in rascher Folge Holocaust-Professuren, Holocaust-Lehr- und Forschungsprogramme und nicht zuletzt auch Holocaust Museen, an deren Spitze das 1993 eröffnete United States Holocaust Memorial Museum in Washington steht. Auch in zahlreichen anderen europäischen und außereuropäischen Ländern machte sich in diesen Jahren ein neues Interesse an der Geschichte des Holocaust bemerkbar, das seinen Ausdruck unter anderem in der Schaffung groß an-gelegter nationaler Holocaust-Zentren in Großbritannien und Frankreich fand: dem im Sommer 2000 in London eröffneten Holocaust Museum und dem im Januar 2005 in Paris der Öffentlichkeit übergebenen Memorial de la Shoah. Ein starkes Nachholbedürfnis zeigte sich seit Anfang der 1990er Jahre in den früher kommunistisch regierten Ländern Osteuropas, in denen die Erinnerungskultur streng normiert war und eine besondere Herausstellung der Juden und anderer deutlich abgrenzbarer Opfergruppen nicht zuließ.</p>
<p>Die Parallelitäten zwischen der deutschen Erinnerungskultur und den Entwicklungen in anderen Ländern enden freilich da, wo es um die Fragen von Schuld und Verantwortung geht. Man nimmt zwar seit einigen Jahren das Phänomen der Kollaboration und der Mitschuld einheimischer Verwaltungen oder bewaffneter Verbände an den NS-Verbrechen sehr viel ernster, als es jahrzehntelang geschehen ist. Dennoch bleibt die Grenze unübersehbar: In fast allen Ländern waren die Einheimischen die Opfer und die Deutschen die Täter, waren die Verbrechen von Fremden, von Eroberern und Besatzern, zu verantworten. Das Deutsche Reich dagegen war keiner Fremdherrschaft unterworfen, das NS-Regime kam nicht von außen, sondern war aus der Mitte der deutschen Gesellschaft entstanden. Die Deutschen hatten die NSDAP zwar nicht mehrheitlich gewählt, aber sie hatten sie doch zur deutlich stärksten Partei gemacht. Sie unterstützen die &#132;nationale Revolution&#148; von 1933, soweit sie nicht zu den unmittelbar Verfolgten gehörten, und sie bejubelten in den folgenden Jahren die innen- und außenpolitischen Erfolge Hitlers. Sie wurden in ihrer großen Mehrheit zu Mitträgern des politischen Systems, seiner rassistischen Ideologie, seiner Ausgrenzungen, seiner außenpolitischen Aggressionen, seiner Kriegführung und schließlich, in kleinerer Zahl, auch seiner Verbrechen. Wer in Deutschland der Opfer gedenkt, muss deshalb immer auch die Täter im Blick haben, muss sich mit der Geschichte seines eigenen Landes kritisch auseinandersetzen. Das macht die Erinnerungsarbeit schwieriger und gleichzeitig dringlicher als in anderen Ländern. Diese Einsicht sollte uns davor hüten, die Parallelen in der Erinnerungskultur der verschiedenen Länder allzu stark zu betonen und dabei die prinzipiellen Unterschiede zwischen dem Gedenken an die Opfer und der Aufklärung über die Täter zu verwischen. Natürlich muss unsere Gesellschaft der Opfer gedenken, aber sie muss sich mit nicht geringerer Intensität der Frage nach den Tätern und nach den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen, unter denen die Taten möglich wurden, stellen.</p>
<h5>Der historische Ort der Topographie des Terrors</h5>
<p>Das ist gewissermaßen das Stichwort für die Berliner Topographie des Terrors, bei der es um einen sogenannten &#132;Täterort&#148; geht. Zunächst soll die Geschichte dieses Projekts rekapituliert werden &#150; vor dem Hintergrund der bisher skizzierten allgemeinen Entwicklungen. Es geht hier um ein seit nunmehr einem halben Jahrhundert unbebautes Areal im Zentrum Berlins mit einer Fläche von etwas mehr als vier Hektar, auf dem sich zwischen 1933 und 1945 die wichtigsten Terrorzentralen des NS-Systems befanden: die Gestapo-Zentrale, die Reichsführung der SS, der Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführers der SS und das Reichssicherheitshauptamt. Hier standen die Schreibtische von Himmler, Heydrich und Kaltenbrunner, von Werner Best und Gestapo-Chef Heinrich Müller. Von diesem Ort aus wurde die Verfolgung und Ermordung der politischen Gegner und der Angehörigen der als &#132;schädlich&#148;, &#132;gefährlich&#148; oder &#132;überflüssig&#148; definierten &#132;Rassen&#148; im gesamten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich zentral gelenkt, d.h. zu-nächst innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches und während des Krieges auch in großen Teilen Europas. Das gilt für die europäischen Juden ebenso wie für die Roma und Sinti, für die polnische Intelligenz, die bolschewistischen Funktionäre, die sowjetische Zivilbevölkerung und viele andere mehr. Es gibt keinen anderen Ort, der in gleicher Weise für die Planung und Organisation der großen NS-Verbrechen stehen könnte.</p>
<p>Von den Gebäuden, die von den genannten Einrichtungen genutzt wurden, existiert keines mehr. In der Schlussphase des Krieges durch Bomben und Artilleriebeschuss teils schwer beschädigt, teils vollständig zerstört, wurden die Ruinen bis Mitte der 1950er Jahre gesprengt, die Überreste entfernt. Mit der Teilung der Stadt gerieten die Grundstücke an die Peripherie West-Berlins, und ab 1961 lagen sie im unmittelbaren Schatten der Mauer. Die &#132;enttrümmerten&#148; Flächen wurden von einer Bauschuttverwertungsfirma und einem &#132;Autodrom&#148;, in dem man ohne Führerschein Auto fahren konnte, genutzt. So war die Geschichte allmählich unsichtbar geworden und in nahezu vollständige Vergessenheit geraten. Erst Ende der 1970er Jahre kam es im Zusammenhang mit der Internationalen Bauausstellung Berlin zu ersten Wiederentdeckungen und bald auch zu ersten öffentlichen Diskussionen. Man begann nun vom &#132;Gestapogelände&#148; zu sprechen und ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus an dieser Stelle zu fordern. Als sich der Berliner Senat 1983 anlässlich des 50. Jahrestages der nationalsozialistischen &#132;Machtergreifung&#148; entschloss, einen Wettbewerb für &#132;das Gelände des Prinz-Albrecht-Palais&#148; auszuschreiben, blieb das jedoch ein halbherziger Schritt, weil man einerseits im Hinblick auf die Opfer des NS-Terrors ein &#132;Mahnmal&#148; wollte, andererseits aber auch ein &#132;Naherholungsgebiet&#148;, einen &#132;Stadtteilpark&#148; für das &#132;mit Grün unterversorgte Kreuzberg&#148;. Es fehlte zu diesem Zeitpunkt, wie sich bei dem Wettbewerb deutlich zeigte, eine öffentliche Diskussion, die der historischen Dimension des Ortes gerecht geworden wäre und sorgfältig durchdachte Konzepte für dessen künftige Nutzung formuliert hätte. So war beispielsweise in dem Antrag der SPD-Fraktion des Abgeordnetenhauses, mit dem der Senat aufgefordert wurde, sich des Geländes anzunehmen, davon die Rede gewesen, dass mit dem Mahnmal &#132;eine Ausstellungs- und Forschungsstätte&#148; verbunden werden sollte, &#132;in deren Mittelpunkt die Opfer des Antisemitismus stehen&#148; sollten. Durch diesen Zusatz wurde dem Senat die Gelegenheit gegeben, auf das 1982 an der TU Berlin gegründete Zentrum für Antisemitismusforschung zu verweisen und damit den Gedanken, das Gedenken durch Forschung und Aufklärung am historischen Ort zu ergänzen, insgesamt beiseite zu schieben.</p>
<h5>Neue Geden&shy;ki&shy;n&shy;i&shy;tia&shy;ti&shy;ven: Wettbe&shy;werbs&shy;ideen, B&uuml;rger&shy;in&shy;itia&shy;tiven und Politik</h5>
<p>Angesichts der unklaren Ausgangslage war es kaum verwunderlich, dass der Wettbewerb, in dem 194 Entwürfe vorgelegt wurden, letztlich scheiterte, obwohl &#151; oder eher: weil &#151; der von der Jury mit dem 1. Preis bedachte Entwurf sich durch eine bemerkenswerte Radikalität auszeichnete. Die &#132;Freizeitbedürfnisse&#148; souverän ignorierend, schlugen die Verfasser (Nikolaus Lang und Jürgen Wenzel) vor, das ganze Gelände gleichsam zu versiegeln, d.h. es mit Metallplatten zu bedecken, auf denen jeweils Texte nationalsozialistischer Verfolgungsdokumente zu lesen sein sollten. Obwohl man zwischen den Platten Kastanien pflanzen wollte, wurde damit der Blick auf die Opfer durch den Blick auf die Täter ersetzt, wurde der Ort als das kenntlich gemacht, was er war: ein Täterort. Das war mehr als die Politik und auch große Teile der interessierten Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt zu akzeptieren bereit waren. Allerdings begann nun die Diskussion intensiver und auch heftiger zu werden. Interessierte Organisationen und Einzelpersonen schlossen sich schon 1983 in dem Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand zusammen. 1985 folgte die Initiative für den Umgang mit dem Gestapogelände, in der sich Vertreter der Akademie der Künste, der Hochschule der Künste, der Evangelischen Akademie, des Vereins Aktives Museum, des DGB (Landesverband Berlin), der Internationalen Liga für Menschenrechte, des Werkbundes und anderer Einrichtungen zusammenfanden, um nicht nur die Diskussion, sondern auch die Entscheidungen über das Gelände voranzutreiben. Es waren diese Bürgerinitiativen, die in den nächsten Jahren weitgehend die Diskussion bestimmten. Doch kam es nicht zu einer Bündelung der verschiedenen Überlegungen und Interessen in einem eindeutigen gemeinsamen Aktionsprogramm.</p>
<p>Für die Berliner Politik entstand ein Handlungszwang daraus, dass man entschieden hatte, zur 750-Jahr-Feier der Stadt im Jahre 1987 in Anknüpfung an die &#132;Preußen-Ausstellung&#148; von 1981 im Martin-Gropius-Bau eine große kulturhistorische Ausstellung zur Berlin-Geschichte zu präsentieren. Es bedurfte keines großen Nachdenkens, um zu begreifen, dass es politisch unmöglich war, die Geschichte Berlins aufwendig zu rekonstruieren und gleichzeitig die NS-Geschichte auf den unmittelbar benachbarten Grundstücken zu ignorieren. Angesichts des gescheiterten Wettbewerbs und der inzwischen teilweise hitzigen Diskussionen lag es nahe, zum Jubiläumsjahr für das sogenannte &#132;Gestapogelände&#148; eine provisorische Lösung zu suchen. Anfang 1985 übertrug der Senat die Zuständigkeit für das Gelände dem Kultursenator Volker Hassemer und dem &#132;Beauftragten des Senats für die 750-Jahr-Feier&#148;, dem Intendanten der Berliner Festspiele Ulrich Eckhardt. Dabei nannte er für die &#132;provisorische Gestaltung des Geländes&#148; folgende Eckpunkte: &#132;Beseitigung der Ärgernisse des derzeitigen Zustands [womit die Aktivitäten der Bauschuttfirma und des Autodroms gemeint waren], Freihaltung und Markierung der Grundrisse der Gebäude ehemaliger NS-Standorte, [&#8230;] Einbeziehung der Vegetation und Wegeführung im Südostbereich [das waren offen-sichtlich die Reste des früheren &#132;Stadtteilpark&#8220;-Konzepts]&#148;.<br />Erinnerungen an die Vorgeschichte der Topographie des Terrors</p>
<p>An diesem Punkt beginnt meine eigene Beteiligung an der Geschichte. An den früheren Diskussionen war ich nur am Rande, als Berater der &#132;Preußen-Ausstellung&#148; und im Rahmen einer Anhörung des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker zur Vorbereitung des Wettbewerbs von 1983, beteiligt gewesen. Der &#132;Preußen-Ausstellung&#148; von 1981 war es übrigens gelungen, zum ersten Mal das Interesse einer größeren, nicht nur Berliner Öffentlichkeit auf das benachbarte &#132;Gestapo-Gelände&#148; zu lenken. Im Frühjahr 1985 wurde mir, gemeinsam mit dem Tübinger Ausstellungs- und Museumsfachmann Gottfried Korff, die wissenschaftliche Leitung der Berlin-Ausstellung übertragen. Zeitgleich wurde eine Planungsgruppe geschaffen, mit der die Ausstellungskonzeption beraten werden sollte. Schon in der ersten Sitzung dieser Gruppe wurde, unter meinem Vorsitz, auf Anregung von Ulrich Eckhardt beschlossen, dass die historische Erschließung und Kommentierung des benachbarten Geländes von dem Team der Berlin-Ausstellung zu leisten sei. Da ich der leitende Historiker in dem Team war, fiel die Zuständigkeit für diesen Teilbereich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, ohne eigentlichen Beschluss, an mich. Dass daraus eine &#151; bis zu meinem Rücktritt vom Amt des Wissenschaftlichen Direktors im Frühjahr 2004 &#151; zwanzigjährige Beschäftigung mit der Topographie des Terrors werden würde , war damals nicht vorauszusehen. Die Aussicht<br />hätte mich zweifellos erschreckt und sehr viel vorsichtiger in meinen Entscheidungen gemacht. Dennoch gestehe ich auch an dieser Stelle gern, dass ich das so überaus lange und intensive Engagement in dieser Sache nie bereut habe &#151; wenngleich man angesichts der ständigen Verzögerungen in der Konsolidierung des Projekts und der unsäglichen Bauprobleme gelegentlich schon ins Grübeln kommen konnte.</p>
<p>Die Voraussetzung dafür, dass daraus eine so lange Geschichte geworden ist, war zunächst der Erfolg des 1987 geschaffenen Provisoriums. Dieser Erfolg hatte, wie üblich, viele Mütter und Väter. Da war die Anfang 1986 gebildete, von mir geleitete Arbeitsgruppe (Frank Dingel, Thomas Friedrich, in den letzten Monaten verstärkt durch Klaus Hesse), die die historische Recherche betrieb, Fotos und Dokumente sammelte, die Informationstafeln auf dem Gelände und die Ausstellung vorbereitete, dabei wesentlich unterstützt durch Wolfgang Scheffler und Gerhard Schoenberner, die als wissenschaftliche Berater gewonnen werden konnten. Da war die ständige, oft kontroverse Diskussion mit der Initiative für den Umgang mit dem Gestapogelände, die unseren Bemühungen eher skeptisch und grundsätzlich misstrauisch gegenüber stand, obwohl die inhaltlichen Positionen gar nicht sehr weit von einander entfernt waren, da wir die in den vorangegangenen Diskussionen erarbeiteten Positionen in unsere Planungen einbezogen hatten. Die größte Wirkung ging, rückblickend betrachtet, von dem hartnäckigen Drängen der Initiative aus, Grabungen auf dem Gelände durchzuführen, um die noch vorhandenen Gebäudereste zu sichern. Ich selber war in dieser Hinsicht durchaus zögernd, weil ich von dem aufwendigen Unternehmen keine wesentliche Erweiterung unserer Kenntnisse erwartete. Dabei unterschätzte ich, wie sich zeigte, nicht nur den Umfang dessen, was bei der um 1960 vorgenommenen &#132;Enttrümmerung&#148; übrig geblieben war, sondern auch die emotionale Wirkung der im Sommer 1986 wieder ans Licht gebrachten materiellen Spuren der Geschichte. Einen großen Anteil an dem Erfolg hatten Jürg Steiner, der Architekt des Ausstellungspavillons, der auf den überraschend entdeckten Kellermauern eines Kantinengebäudes für den &#132;Persönlichen Stab des Reichsführers SS&#148; errichtet wurde, Claus-Peter Gross und Margret Schmitt als erfahrene Ausstellungsgestalter sowie Hendrik Gottfriedsen als Verantwortlicher für die &#132;provisorische Herrichtung&#148; des gesamten Geländes, der Freiflächen und Hügel, der Wege und der Einzäunung. Nicht zuletzt wurde der Erfolg durch das politische Gespür und die Standfestigkeit Volker Hassemers und Ulrich Eckhardts und die ebenso phantasievolle wie engagierte Arbeit ihrer Mitarbeiter, einschließlich des Teams der Berlin-Ausstellung, ermöglicht. Es waren in der Tat viele beteiligt, und sie alle haben, wie der unvoreingenommene Blick zurück deutlich zeigt, einen unverzichtbaren Beitrag geleistet.</p>
<h5>Weit mehr als eine Ausstel&shy;lung: Merkmale eines Marken&shy;zei&shy;chen</h5>
<p>Das, was im Juli 1987 als Topographie des Terrors der Öffentlichkeit übergeben wurde, war mehr als eine Ausstellung. Es war die Präsentation eines historischen Ortes, der an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert, an die Opfer und an die Täter. Es handelt sich dabei übrigens nicht, wie häufig zu lesen und zu hören ist, um einen &#132;authentischen&#148; Ort, denn ein solcher Ort würde nicht nur voraussetzen, dass die Gebäude noch stehen, sondern dass auch die Uniformen noch präsent sind, die Angehörigen von SS und Gestapo ihrer Tätigkeit nachgehen und die damaligen Machtverhältnisse weiter bestehen. Wohl aber handelt es sich um den Ort, an dem die Verbrechen konzipiert, vorbereitet und in Gang gesetzt wurden. Es ist deshalb kein &#132;authentischer&#148;, aber ein historischer Ort, und zwar ein historischer Ort von herausragender, ja einzigartiger Bedeutung.</p>
<p>Die Topographie des Terrors des Jahres 1987 bestand aus vier Grundelementen: der Sicherung der historischen Spuren, also der noch vorhandenen Gebäudereste, der Öffnung des Geländes für ein interessiertes Publikum, den Informationstafeln auf dem Gelände (am Standort der jeweiligen Einrichtungen) und schließlich der historischen Ausstellung. Die uns damals leitende Vorstellung war, dass der Besucher auf ein ihm fremdes, in seiner Wirkung irritierendes Geländes stößt, es voller Neugier betritt und mit Hilfe der Informationstafeln vorläufig erkundet, ehe er sich schließlich der Ausstellung zuwendet, um sich an Hand der dort gezeigten Bild- und Textdokumente genauer auf die Geschichte des NS-Terrors einzulassen. Das ist ein topographischer Zugang, bei dem der Ort und seine Erschließung im Vordergrund stehen, der Zugang zur Geschichte über den Ort gesucht wird. Die von Frank Dingel damals eher beiläufig geprägte Formulierung &#132;Topographie des Terrors&#148; bringt dieses Konzept auf den Begriff. Ich gestehe aber, dass ich diesen Titel für das ganze Unternehmen seinerzeit nur mit großen Bauchschmerzen &#150; und weil mir nichts Besseres einfiel &#150; akzeptiert habe, da ich davon ausging (und auch heute noch ausgehe), dass es nur wenige Menschen gibt, die ohne Hilfe eines Nachschlagewerkes sagen können, was eine &#132;Topographie&#148; ist oder bedeutet. Solcher Bedenken ungeachtet setzte sich die Bezeichnung sofort durch. Die Alliteration war offensichtlich sehr verführerisch, und das Nebeneinander von &#132;Terror&#148; und &#132;Topographie&#148; stimulierte die Phantasie.</p>
<p>Inzwischen ist die Topographie des Terrors geradezu zum Markenzeichen geworden.An vielen Orten und in den unterschiedlichsten sachlichen Zusammenhängen sind in den letzten Jahren &#132;Topographien&#148; entworfen worden, in manchen Städten sogar &#132;Topographien des Terrors&#148; als Rundwege zu den lokalen Adressen der NS-Geschichte. Allerdings wird man sorgfältig prüfen müssen, ob der topographische Zugang zur Geschichte langfristig die gleiche Wirkung haben wird, wenn die Topographie des Terrors in baulicher Hinsicht einmal kein Provisorium mehr sein wird und nahezu jeder Besucher wegen des hohen Bekanntheitsgrades dieser Einrichtung im voraus weiß, was ihn dort er-wartet. Dann wird der Gang über das Gelände zwar immer noch seinen besonderen Reiz haben, weil es sich um einen bedeutenden historischen Ort handelt, aber er wird für die meisten Besucher allenfalls im Detail noch Überraschungen enthalten. Wenn der Ort all-gemein bekannt ist, verliert der topographische Ansatz an Faszination, während der systematische Zugriff auf die Geschichte umso größeres Gewicht bekommt.</p>
<p>Es war übrigens nicht von Anfang an geplant, die Topographie des Terrors als selbständige Ausstellung in einem eigenen Ausstellungsgebäude zu zeigen. Ursprünglich dachten wir, dass es genügen würde, in einem der ebenerdigen Eckräume des <br />Martin-Gropius-Baus die nötigen Informationen zur Verfügung zu stellen. Erst während der Vorbereitung erkannten wir allmählich, dass es hier um weit mehr ging als um die Gestapo-Zentrale. Parallel dazu stellte sich heraus, dass die Überlieferung von Bild- und Textdokumenten sehr viel reichhaltiger war, als wir zunächst angenommen hatten. So fiel die Entscheidung, für das Vorhaben eine eigene Ausstellung zu schaffen und für sie auf dem Gelände ein temporäres Gebäude zu errichten, erst relativ spät. Damit verbunden war die Überlegung, die Topographie des Terrors nicht gemeinsam mit der Hauptausstellung, sondern schon einige Zeit früher zu eröffnen, um ihr größere Aufmerksamkeit zu sichern und sie nicht als bloßen Annex zur &#132;Berlin-Ausstellung&#148; erscheinen zu lassen. Das Medienecho war überaus groß, sehr positiv und anhaltend. Man verstand die Topographie des Terrors als einen ernsthaften und überzeugenden Versuch West-Berlins, sich endlich der nationalsozialistischen Vergangenheit der Stadt in aller Öffentlichkeit zu stellen. Von vielen Besuchern und Beobachtern, nicht zuletzt der ausländischen Medien, wurde das offensichtlich als ein befreiender Vorgang empfunden.</p>
<p>Angesichts der begrenzten Vorbereitungszeit und des sehr geringen Personaleinsatzes ist es bemerkenswert, dass die Ausstellung bis heute im wesentlichen unverändert gezeigt werden kann und auch nach fast zwei Jahrzehnten noch immer erfolgreich ist, ja sogar erfolgreicher als je zuvor, da die Besucherzahlen inzwischen bei rund 350.000 pro Jahr angekommen sind. Das kann nicht durch einen besonders hohen Aufwand an Material und modernen Medien erklärt werden, hat aber mit Sicherheit mit der Präsentation am historischen Ort zu tun, wobei die durch die Bauarbeiten 1997 erzwungene Verlagerung in die Ausgrabungen entlang der Niederkirchnerstraße die Aufmerksamkeit auf die Ausstellung noch einmal verstärkt hat. Zustimmung finden noch immer die zurückhaltende Präsentation der Materialien und die Beschränkung auf Fotos und Faksimiles von Dokumenten neben knappen Einführungen in die einzelnen Sachkomplexe. Zurückhaltung bedeutet dabei nicht Unentschiedenheit in der Sache oder interesselose Distanz. Das Material wird nicht einfach ausgebreitet, sondern ist sorgfältig ausgewählt und einer Argumentation zugeordnet. Die Ausstellung ist parteilich im Sinne einer liberalen und demokratischen Gesellschaftsordnung, in der die Menschen- und Bürgerrechte an-erkannt und praktiziert werden. Sie ist auch unmissverständlich in ihrer Sprache: Mord wird Mord genannt, und Verbrechen werden als Verbrechen bezeichnet. Was auch immer sich über die jetzige Fassung sagen lässt: Sicher ist, dass die Ausstellung, wenn sie endlich einmal zur Dauerausstellung werden soll, nicht nur überarbeitet, sondern neu gedacht und erarbeitet werden muss. Dabei ist dem veränderten Forschungsstand, nicht zuletzt aufgrund der Öffnung der osteuropäischen Archive, Rechnung zu tragen, dem sich wandelnden öffentlichen Interesse, den veränderten ästhetischen Bedürfnissen und auch den neuen technischen Möglichkeiten.</p>
<h5>Der schwierige Werdegang eines Provi&shy;so&shy;riums nach 1987</h5>
<p>Der besondere Reiz der Topographie des Terrors, wie sie sich 1987 darstellte, bestand in ihrem provisorischen Charakter. Das Ganze wirkte vorläufig, unabgeschlossen, experimentierend, die Öffentlichkeit zur Mitgestaltung einladend. Allerdings zeigte sich schon nach wenigen Jahren, dass sich die ursprüngliche Offenheit nicht beliebig lange bewahren ließ. Das Gelände veränderte sich, mit dem Erfolg wuchsen die Erwartungen, es entstanden neue Aufgaben, und aus der Improvisation wurde Routine. Schon im Herbst 1987 war entschieden worden, dass das Experiment Topographie des Terrors<br />nicht mit dem Ende des Jubiläumsjahres zu ende sein würde. Senator Hassemer prägte damals die Formulierung, dass das Provisorium so lange bestehen bleiben werde, &#132;bis etwas Besseres an seine Stelle gesetzt werden kann&#148;. Das war eine Bestandsgarantie und zugleich eine Aufforderung, sich um dauerhafte Lösungen zu bemühen. Ein Jahr später setzte der Senat eine sogenannte &#132;Fachkommission&#148; ein, die den Auftrag erhielt, &#132;Vorschläge für die künftige Nutzung des Prinz-Albrecht-Geländes&#148; zu machen. Es wäre ein Thema für sich, die Arbeit dieser Kommission, deren Vorsitz mir als dem Verantwortlichen für die Topographie des Terrors übertragen wurde, und die von ihr im März 1990, unter Berücksichtigung der inzwischen eingetretenen politischen Veränderungen, vorgelegten Empfehlungen vorzustellen und zu diskutieren. Hier genügt der Hinweis, dass die Kommission nicht nur nationale und internationale Experten in ihre Beratungen einbezogen hat, sondern sich mit Nachdruck und Erfolg auch um eine größtmögliche Öffentlichkeit für die Diskussion über die Zukunft der Topographie des Terrors bemühte.</p>
<p>Die Empfehlungen, die die Grundlage oder zumindest den Ausgangspunkt aller nachfolgenden Entscheidungen bildeten, sahen vor, das Gelände im wesentlichen in dem Zustand von 1987 zu belassen, die Ausstellungshalle durch ein Besucher- und Dokumentationszentrum sowie ein Internationales Begegnungszentrum zu ergänzen und dem Projekt Topographie des Terrors eine dauerhafte Form zu geben. Es vergingen allerdings weitere Jahre, ehe es dem neuen Kultursenator Ulrich Roloff-Momin gelang, die öffentlich-rechtliche Stiftung Topographie des Terrors zu gründen &#150; 1992 in einer Übergangsregelung als unselbständige Stiftung, 1995 als selbständige Stiftung. Es handelt sich dabei um eine Stiftung des Landes Berlin unter Beteiligung des Bundes, der seit 1994 auch die Hälfte der Kosten trägt. Das war ein großer Schritt nach vorn, zumal mit der Gründung der Stiftung die Absicht verbunden war, den Bau eines Besucher- und Dokumentationszentrums unverzüglich in Angriff zu nehmen. Tatsächlich wurde der internationale Wettbewerb, dessen Teilnehmer vom Senat eingeladen wurden, in den ersten Monaten des Jahres 1993 durchgeführt. Ende März stand mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor der 1. Preisträger fest, und wenig später war entschieden, dass der Zumthor-Entwurf auch gebaut werden sollte.</p>
<h5>Leidens&shy;ge&shy;schichte und endg&uuml;ltiges Scheitern: der Zumthor-Bau</h5>
<p>Die &#132;unendliche&#148; Leidensgeschichte des Zumthor-Baus kann hier nur gestreift werden, obwohl sie zum Kernbereich meiner Erfahrungen als Direktor der Stiftung Topographie des Terrors gehört. Richtig ist, dass die Vertreter der Stiftung, die der Jury als Sachpreisrichter angehörten (darunter auch ich), nicht für den Zumthor-Entwurf gestimmt haben, weil er in mehreren Punkten gegen die Ausschreibungsbedingungen verstieß und den funktionalen Anforderungen der Stiftung weniger als andere Entwürfe zu entsprechen schien. Der Wettbewerb wurde von der Mehrheit der Architekten entschieden, die von Anfang an die ästhetischen Qualitäten des Entwurfs zum alleinigen Kriterium machten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Stiftung, wie Peter Zumthor behauptet hat, den Bau auch in der Folgezeit nicht gewollt und mehr behindert als gefördert hat. Das Gegenteil ist richtig: Ich selber habe gleich nach der Preisverleihung den Kontakt zu dem Architekten gesucht, um gemeinsam mit ihm für die Topographie des Terrors das Beste daraus zu machen. Unmittelbar darauf hat der &#132;Arbeitsausschuß&#148; der Stiftung öffentlich erklärt, dass dieser Entwurf realisiert werden soll. Es hat in den folgenden Jahren immer wieder Auseinandersetzungen in der Sache gegeben, aber die Stiftung hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie den Zumthor-Bau wollte. Ich selber habe mich in mehreren Krisensituationen bei den zuständigen Politikern nachdrücklich &#150; und mit Erfolg &#150; dafür eingesetzt, das Vorhaben trotz aller Planungs- und Finanzprobleme nicht aufzugeben, und ich habe im Frühjahr 2000 als erster darauf hingewiesen, dass man das Denkmal für die ermordeten Juden, das Jüdische Museum und die Topographie des Terrors als ein Ensemble spezifisch hauptstädtischer Erinnerungskultur sehen müsse und dass unter diesem Gesichtspunkt die Architektur Zumthors &#150; neben Daniel Libeskind und Peter Eisenman &#150; zusätzliche Bedeutung gewonnen habe. In allen Gremien und in der Öffentlichkeit hat die Stiftung mehr als zehn Jahre lang trotz immer neuer Krisen unbeirrt an Zumthor und seinem in der Fachwelt nahezu uneingeschränkt bewunderten Entwurf festgehalten &#150; bis zum Frühjahr 2004, als der Baustopp in sein fünftes Jahr ging und weder der Architekt noch die Bauverwaltung in der Lage waren, ein auch nur halbwegs verlässliches Datum für die Wiederaufnahme der Bauarbeiten und für die Übergabe des fertigen Gebäudes an die Stiftung zu nennen. Ich bin aus diesem Grunde zurückgetreten, und die Stiftung hat einige Wochen später die Entscheidung der Senatorin für Stadtentwicklung und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, sich von Zumthor zu trennen, offensichtlich als Befreiung empfunden. Das war ein schmerzhafter Vorgang für alle Beteiligten, auch für mich persönlich, da das elfjährige Ringen um den Bau und seine Vollendung nicht zu dem erhofften Erfolg geführt hatte. Es war auch das Eingeständnis einer Niederlage.</p>
<p>Vom Architekten ist diese Entscheidung mit so viel Unverständnis und Unwillen aufgenommen worden, dass er im Spätjahr 2004 sogar den Versuch unternommen hat, dagegen vor dem Bundesverfassungsgericht wegen der Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte Klage zu erheben, wenn auch ohne jeden Erfolg. Was immer man im einzelnen ins Feld führen und möglicherweise kontrovers diskutieren könnte: Es ist unbestreitbar, dass elf Jahre nach dem Wettbewerb von dem geplanten Gebäude lediglich das Fundament und drei Erschließungstürme vorhanden waren. Und man sollte sich daran erinnern, dass für die gesamte Bebauung am Potsdamer Platz, d.h, für einen ganzen neuen Stadtteil mit vielen Prestigebauten, der seit einer Reihe von Jahren in voller Funktion ist, der erste Spatenstich auch erst 1993 getan wurde. Vor diesem Hintergrund erscheint es verständlich, dass sich die Proteste gegen die Kündigung Zumthors in engen Grenzen hielten und alles in allem bald abflauten. Der große Kredit, den Peter Zumthor als Architekt aus guten Gründen hat, war hinsichtlich der Topographie des Terrors im Laufe der Jahre offenbar selbst in Fachkreisen weitgehend aufgebraucht worden.</p>
<p>In einem Teil der Öffentlichkeit und besonders unter Architekten und Architekturkritikern ist allerdings teils unter wirtschaftlichen, teils unter ästhetischen Gesichts-punkten der inzwischen erfolgte Abriss der schon gebauten Gebäudeteile scharf kritisiert worden. Ich halte diesen Abriss für unbedingt nötig und die Gegenargumente für wenig durchdacht. Die Nutzung des Fundaments und der Erschließungstürme durch einen anderen Architekten, wie manche gefordert haben, hätte schwierige urheberrechtliche Probleme aufgeworfen. Vor allem aber: der Gebäudegrundriss von 17 m Breite und 125 m Länge ist für ein Ausstellungsgebäude außerordentlich problematisch und war nur im Hinblick auf die besonderen Qualität des von Zumthor entworfenen Baus akzeptabel. Es wäre völlig abwegig, einen solchen Grundriss zur Grundlage neuer Entwürfe zu machen. Andere Forderungen liefen darauf hinaus, die Gebäudeteile als ein Denkmal ihrer selbst, als eine, wie es hieß, weithin sichtbare Erinnerung an die Schwierigkeiten im Umgang mit den NS-Terrorzentralen in unserer Gesellschaft zu bewahren. Einem gescheiterten Bauvorhaben ein Denkmal zu setzen, ist ein sehr ungewöhnlicher, in keiner Hinsicht überzeugender Vorschlag. Ein solches Denkmal würde mit der eigentlichen Bestimmung des Geländes, die Aufmerksamkeit auf die Geschichte der nationalsozialistischen Terror-Zentralen zu lenken, allzu offensichtlich konkurrieren und damit den historischen Ort entwerten.</p>
<p>Fragt man nach den Ursachen des Scheiterns, so muss zuerst vom Architekten die Rede sein. Die von ihm entworfene Architektur war offensichtlich sehr viel komplizierter, als sie auf den ersten und auch auf den zweiten Blick wirkte. Die Anforderungen an die Baumaterialien waren sehr hoch, vor allem aber warf die Gebäudekonstruktionaußerordentlich schwierige technische Probleme auf, deren Lösung Zeit und Geld erforderte. Man wollte anders bauen, als es üblich ist, und das bedeutete, dass immer wieder Genehmigungen im Einzelfall erforderlich wurden, die umfangreiche und aufwendige technische Prüfungen und Versuche voraussetzten. Ich will hier nicht in die Einzelheiten gehen, aber darauf hinweisen, dass der Architekt selber nach rund zehn Jahren voller Stolz erklärte, man habe nicht gewusst, wie bestimmte Aufgaben technisch zu lösen seien, habe aber schlussendlich die damit verbundenen Herausforderungen doch bestanden. Man wollte ausdrücklich nicht konventionell, sondern experimentell bauen und unterschätzte offensichtlich immer wieder die damit verbundenen Risiken.</p>
<p>Die Hauptverantwortlichen für das Bau-Desaster und die damit verknüpften Belastungen der Arbeit der Stiftung Topographie des Terrors sind allerdings bei der Berliner Bauverwaltung zu suchen. Die Bauverwaltung hätte spätestens im Jahre 1995 darauf aufmerksam machen müssen, dass der Zumthor-Bau mit sehr schwierigen technischen Problemen verbunden war, dass er sehr viel teurer als geplant werden würde und dass er sehr viel länger dauern würde. Das alles hat sie nicht getan. Sie hat die Baugenehmigung erteilt, ohne dass wichtige Fragen hinreichend geklärt waren, und sie hat in den folgenden Jahren immer wieder die nicht zu verheimlichenden Probleme klein bzw. schön geredet. Sie hat weder die Stiftung als Nutzer noch die Senatskulturverwaltung als Bauherrin in ausreichendem Maße in die Planungen einbezogen, hat immer wieder unrealistische Termine für die Bauarbeiten und deren Abschluss genannt. Kurzum: sie hat versucht, den Zumthor-Bau, den sie unbedingt wollte, um nahezu jeden Preis und ohne die anderen Beteiligten angemessen einzubeziehen durchzusetzen. In der Spätphase des Projekts hat es im Rahmen eines personal- und zeitaufwendigen &#132;Baubegleitenden Ausschusses&#148; zeitweise ernsthafte Versuche gegeben, diesen Tendenzen entgegen-zutreten und auch für mehr Transparenz zu sorgen. Doch blieb diesen Bemühungen der durchschlagende Erfolg versagt. Inzwischen ist die naheliegende Schlussfolgerung gezogen worden, das Bauvorhaben der Topographie des Terrors der Berliner Bauverwaltung zu entziehen und der Bundesbauverwaltung zu übertragen.</p>
<p>Es bleibt die Frage, warum die Stiftung zu all diesem so lange geschwiegen hat. In den Medien ist diese Frage gelegentlich in vorwurfsvollem, anklagendem Ton formuliert worden. Nachdem die Entscheidung gegen Zumthor gefallen ist, liegt es in der Tat nahe zu fragen, warum das nicht schon sehr viel früher geschehen oder zumindest von der Stiftung gefordert worden ist. Der verstorbene Ignatz Bubis, der Vorsitzender des Internationalen Beirats der Stiftung und als solcher auch Mitglied des Stiftungsrats war, hat schon sehr früh vor den unkalkulierbaren Risiken des Zumthor-Baus gewarnt, aber er blieb stets allein, und seine Argumente wurden von den anwesenden Vertretern der Bauverwaltung scheinbar zwingend widerlegt. Wichtig ist, dass die Probleme niemals gebündelt auf den Tisch kamen, sondern allenfalls einzeln und auch dann noch geschönt. So hieß es 1995, dass man statt 36 Mio. DM nunmehr 45 Mio. benötige, und es dauerte dann einige Jahre, ehe Gerüchte über 130 Mio. Gesamtkosten in Umlauf kamen, die Anfang 2000 zur Sperrung der Baumittel durch den Berliner Haushaltsausschuss führten. 2001 einigten sich die Sachverständigen und die Politiker schließlich darauf, dass man das Gebäude für 76 Mio. DM fertig stellen könne. Bald darauf wurde auch diese Summe schon wieder in Zweifel gezogen. Mit den zeitlichen Verzögerungen war es ähnlich: Zunächst war, allzu optimistisch, von einer Eröffnung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1995 die Rede (man feierte dann immerhin zu diesem Zeitpunkt im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses den symbolischen Baubeginn), dann wurde der 50. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 als Eröffnungsdatum genannt. Als das Datum näher rückte, sprach man von 2000, dann von 2001, schließlich von 2004 (und unmittelbar vor dem Ende war von 2007 oder 2008 die Rede). Die Stiftung wurde von Mal zu Mal vertröstet, und je länger es dauerte, umso stärker wurde das Argument, dass man, nachdem man so lange gewartet und so viele Krisen überstanden habe, nun nicht kurz vor Schluss aufgeben dürfe. Genaue, verlässliche Kosten- und Zeitangaben hat die Stiftung ohnehin nie erhalten &#150; das lässt sich aber erst im Rückblick eindeutig feststellen. Vielleicht ist es nötig, darauf zu verweisen, dass die Stiftung über kein eigenes Baureferat verfügt und deshalb von den Fachleuten in der Bauverwaltung abhängig war, und dass sie nicht Bauherr, sondern lediglich der künftige Nutzer des Bauvorhabens war, der zwar Wünsche äußern, aber keine Aufträge erteilen oder zurückziehen, also nicht entscheiden kann.</p>
<h5>Fehlender politischer Enthu&shy;si&shy;asmus f&uuml;r die dauerhafte Gedenk&shy;st&auml;tte</h5>
<p>Natürlich kann man und muss man auch nach der Politik fragen. Die historischpolitische Bedeutung der Topographie des Terrors ist von den Politikern in Berlin und im Bund seit 1987 niemals ernsthaft in Frage gestellt worden. Dennoch war die Unterstützung, abgesehen von einzelnen Senatoren und Staatssekretären, einigen führenden Bundestagsabgeordneten und der Mehrheit des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, eher lahm und ohne große Dynamik. Es fehlte der Enthusiasmus, der unbedingte Wille, die Sache voranzubringen. Das mag damit zu tun haben, dass es schwieriger ist, sich mit den Tätern auseinander zu setzen, als der Opfer in repräsentativem Rahmen zu gedenken oder die zerstörte jüdische Geschichte in ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum zu rekonstruieren. Es mag auch damit zu tun haben, dass es sich bei der Topographie des Terrors um einen Ort handelt, der sperrig und eher unscheinbar ist, sich für große öffentliche Auftritte nur wenig eignet.</p>
<p>Leicht vorstellbar ist übrigens auch, dass der Erfolg des Provisoriums die Politiker dazu verleitet hat, sich gleichsam zurückzulehnen und die Entwicklungen abzuwarten. Die hohen Besucherzahlen, die vielfältigen Aktivitäten der Stiftung auf anderen Gebieten, die ständig zunehmende nationale und internationale Anerkennung und Vernetzung der Stiftung konnten durchaus zu der Annahme verleiten, dass hier kein unmittelbarer Handlungsbedarf bestehe. Hinzu kam und kommt, dass führende Berliner Politiker &#150; von Diepgen bis Wowereit, von Stölzl bis Flierl &#150; immer wieder die Auffassung vertreten haben, dass es in der Topographie des Terrors ebenso wie in einigen anderen Einrichtungen um deutsche und europäische Geschichte gehe, für die nicht das Land Berlin, sondern der Bund zuständig sei. Der Bund dagegen verweist darauf, dass er im Rahmen seiner Gedenkstättenpolitik bereits zu 50 Prozent an der Finanzierung dieser Einrichtungen beteiligt sei, und die von Bundesregierung und Bundestag gemeinsam verabschiedete &#132;Gedenkstättenkonzeption&#148; eine höhere Beteiligung nicht zulasse. In Zeiten leerer Kassen auf der Bundes- und erst recht der Landesebene führen solche wechselseitigen Zuschreibungen der Zuständigkeit und der Verantwortung nur allzu leicht zu Verzögerungen bei dem an sich vereinbarten Ausbau einer Einrichtung. Bauprobleme oder gar ein langfristiger Baustopp kommen gar nicht ungelegen, indem sie den jeweiligen Haushalt zumindest vorläufig entlasten. Unter Kulturstaatsminister Michael Naumann gab es übrigens Pläne, im Anschluss an das Jüdische Museum und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas auch die Stiftung Topographie des Terrors zu einer Bundeseinrichtung zu machen. Sie waren allerdings noch nicht entscheidungsreif, als er aus dem Amt schied, und sein Nachfolger Nida-Rümelin verfolgte eine sehr viel strengere Linie hin-sichtlich der im Grundgesetz verankerten Zuständigkeit der Länder in allen Kulturfragen.</p>
<h5>Trotz allem: Verdienste und Leistungen der Topographie des Terrors</h5>
<p>Trotz dieser Schwierigkeiten sind die bisherigen Leistungen der Stiftung Topographie des Terrors unbestreitbar. In der Diskussion der Bauprobleme begegnete man nicht selten dem Missverständnis, dass die Stiftung &#132;endlich arbeitsfähig&#148; gemacht werden müsse. Dazu kann ich nur feststellen, dass die Stiftung ohne ein eigenes Gebäude zweifellos unter erschwerten Bedingungen arbeitet. Ebenso zweifelsfrei ist jedoch, dass sie seit vielen Jahren auf vielen Gebieten sehr erfolgreich, teilweise bahnbrechend tätig ist. Ich nenne nur drei Beispiele für diese Entwicklungen:</p>
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<p>Der Ausstellungsbereich: Hier gibt es nicht nur die provisorische Dauerausstellung auf dem &#132;Topographie-Gelände&#148; und gelegentliche Ausstellungen am Bauzaun. Die Ausstellung Topographie des Terrors konnte 1989, noch vor der Wende, an vier Orten der DDR gezeigt werden und ist dort auf ein großes und nachhaltiges Interesse gestoßen. Englische und italienische Versionen waren in Chicago, Mailand und Genua zu sehen. Die Ausstellung Der Krieg gegen die Sowjetunion wurde 1991192 in Berlin, Hamburg,<br />Dortmund und Sachsenhausen gezeigt. Die russische Fassung ist von rund 1,5 Millionen Menschen gesehen worden. Sie ist zu den wichtigen Jahrestagen des Krieges u.a, in Moskau, St. Petersburg und Wolgograd, in Moskau allein dreimal, in St. Peterburg zweimal an prominenter Stelle gezeigt worden. Andere zeitgeschichtliche Ausstellungen, davon einige als Wanderausstellungen, sind in Berlin, aber auch in vielen anderen Städten präsentiert worden. Die Stiftung Topographie des Terrors gilt spätestens seit<br />Mitte der 1990er Jahre national, aber auch international als eine der besten Adressen für präzise erarbeitete, sorgfältig gestaltete zeitgeschichtliche Ausstellungen. </p>
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<p>Eine ausgesprochene Sonderstellung nimmt das Gedenkstättenreferat ein. Mit diesem 1993 von der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste übernommenen Referat &#150; eine relativ spontane Entscheidung, auf die ich noch heute stolz bin &#150; leistet die Stiftung einen wichtigen, inzwischen ganz und gar unverzichtbaren Beitrag zur Entwicklung der Erinnerungskultur in Deutschland und zum Teil sogar über die deutschen Grenzen hinaus. Das Gedenkstättenreferat nimmt Koordinierungsaufgaben für alle Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Deutschland wahr, die sich der Aufarbeitung der NS-Geschichte widmen. Es führt jährlich zwei Seminare für Gedenkstättenmitarbeiter durch, dazu Fachseminare, aber auch große internationale Konferenzen. Es veranstaltet Studienreisen in andere europäische Länder, lädt ausländische Gedenkstättenmitarbeiter nach Deutschland ein, gibt sechsmal im Jahr die Zeitschrift GedenkstättenRundbrief heraus, unterhält ein Gedenkstättenforum im Internet mit täglichem Pressedienst, berät nationale und internationale Organisationen vom Auswärtigen Amt bis zur Task Force for International Cooperation an Holocaust Education. Es gibt keine andere Einrichtung in Deutschland, die in einem vergleichbaren Umfang, wenn überhaupt, Personal- und Sachmittel für allgemeine Belange der Gedenkstättenarbeit aufwendet, wie es die Stiftung Topographie des Terrors seit vielen Jahren tut. </p>
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<p>Als letztes Beispiel sei die Bibliothek der Stiftung genannt, die inzwischen mit ca. 20.000 Titeln zur Geschichte, Vor- und Nachgeschichte des Nationalsozialismus zu einer respektablen Spezialbibliothek geworden ist. Der Katalog ist im Internet verfügbar, die Vernetzung mit anderen einschlägigen Bibliotheken ist fortgeschritten. Auf der Grundlage eines im Hause erarbeiteten &#132;Thesaurus&#148; zur NS-Geschichte, eines systematisch entwickelten, streng normierten Schlagwortverzeichnisses, sind die Bestände in vorbildlicher Weise elektronisch erschlossen. Die Bibliothek ist nicht zuletzt auch Mitinitiator und -organisator einer inzwischen gut funktionierenden Arbeitsgemeinschaft von Gedenkstättenbibliotheken. Die großflächigen, gut ausgestatteten Räume, die der Bibliothek seit Ende 2004 zur Verfügung stehen, können einen ersten Eindruck davon vermitteln, was den Besuchern im Neubau der Stiftung auf dem &#132;Topographie-Gelände&#148; künftig zum Nachschlagen oder auch zu intensiverem Studium zur Verfügung stehen wird.</p>
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<h5>Die Zukunft der Topographie des Terrors</h5>
<p>Nachdem der Abriss erfolgt ist und das Gelände wieder in den Zustand gebracht sein wird, in dem es sich vor Beginn der Arbeiten für den Zumthor-Bau befand, ist der wichtigste Schritt die Ausschreibung des neuen Wettbewerbs. Dabei müssen die Angaben über den historischen Ort, die Aufgaben und Ziele der Stiftung, das Ausstellungs-, Informations-, Bildungs- und Veranstaltungsprogramm, die Sammlungen und die beabsichtigten Forschungsaktivitäten so präzise sein, dass Missverständnisse, wie sie bei der ersten Ausschreibung aufgetreten sind, vermieden werden. Hier ist vor allem an die seit 1993 enorm gestiegenen Besucherzahlen und an die neu hinzugekommenen Arbeitsbereiche zu denken. Das gilt für das Gedenkstättenreferat, aber auch für die Bildungsarbeit, die immer wichtiger werden und damit auch immer mehr Raum benötigen, sowie für die ständig zunehmende Bedeutung der neuen Medien. In allen diesen Bereichen wird bei den begrenzten Mitteln, die für den Bau zur Verfügung stehen werden, die Versuchung groß sein, zu klein zu planen und dadurch neue Probleme zu schaffen.</p>
<p>Kaum weniger wichtig für den Erfolg des Wettbewerbs ist die Besetzung der Jury. Dabei muss aufgrund der Erfahrungen des ersten Wettbewerbs sorgfältig darauf geachtet werden, dass unter den Fachpreisrichtern, den Architekten, auch solche sind, die über Erfahrungen mit Gedenkstätten und ähnlichen Einrichtungen verfügen. Darüber hinaus sollte die Gruppe der Sachpreisrichter so stark wie möglich besetzt werden, und in dieser Gruppe müssen die Gedenkstättenerfahrungen besonders stark vertreten sein. Bei dem letzten großen einschlägigen Wettbewerb, der für den Neubau der Gedenkstätte Bergen-Belsen durchgeführt wurde, kam es auf der Basis einer entsprechenden Auswahl der Jurymitglieder zu einer engen Zusammenarbeit der beiden Preisrichtergruppen, die von allen Beteiligten als besonders produktiv und der Sache dienend empfunden wurde.</p>
<h5>Eine Topographie der k&uuml;nftigen deutschen Gedenk&shy;st&auml;t&shy;ten&shy;land&shy;schaft</h5>
<p>Es gibt zur Zeit mehrere Ansätze, die Gedenkstättenlandschaft in Deutschland, insbesondere in Berlin, neu zu ordnen. Dabei handelt es sich zum einen um den Antrag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der inhaltlich vor allem auf eine stärkere Förderung der Gedenkstätten für die Opfer der kommunistischen Herrschaft zielt und organisatorisch die Bildung einer umfassenden Bundes Gedenkstätten-Stiftung zur Diskussion stellt. Es gibt in der Tat noch immer einen deutlichen Nachholbedarf im Hinblick auf die kommunistische Diktaturgeschichte; insofern sind viele dieser Vorschläge und Forderungen im einzelnen durchaus unterstützenswert. Wenig hilfreich ist jedoch die Rede von den &#132;beiden deutschen Diktaturen&#148;. Es ist nicht zu bestreiten, dass es in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zwei Diktaturen gab, doch sind die Unterschiede zwischen diesen Diktaturen nicht weniger wichtig als die Gemeinsamkeiten. Auf der Ebene der alltäglichen Diktaturerfahrung, der Verfolgung der politischen Gegner und der Überwachung der gesamten Bevölkerung gab es gewiss viele Gemeinsamkeiten. In beiden Fällen handelte es sich um totalitäre Systeme. Andererseits ist von der DDR kein Eroberungs- und Vernichtungskrieg begonnen, kein Völkermord begangen worden. Auch war die DDR von An-fang an Teil eines größeren, von der Sowjetunion eindeutig dominierten politischen und gesellschaftlichen Systems, dessen Entstehung und Charakter nicht aus der deutschen Geschichte, sondern nur aus der Entwicklung der kommunistischen Bewegung und des Sowjetsystems zu erklären ist. Das alles war bekanntlich ganz anders beim Nationalsozialismus, dessen Aufstieg und Herrschaft in erster Linie zu kritischen Fragen an die deutsche Geschichte zwingt. Auch blieb die SED-Herrschaft auf das Gebiet der DDR beschränkt, während die NS-Verbrechen zum größten Teil außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches verübt wurden und selbst unter den Häftlingen der deutschen Konzentrationslager in der Schlussphase des Krieges über 90 Prozent eine nicht-deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Es gibt deshalb viele Gründe, nicht nur zwischen den beiden Systemen, sondern auch zwischen den Einrichtungen, die der Erinnerung an die jeweiligen Verbrechen und deren Opfer dienen, deutlich zu unterscheiden.</p>
<p>Ganz davon abgesehen, würde eine Bundesstiftung, die sich auf alle Gedenkstätten und Erinnerungsorte erstrecken soll, gegen die Kulturhoheit der Länder und damit gegen die Verfassung verstoßen.</p>
<p>Was die Neuordnung der Verhältnisse in Berlin angeht, an der vor allem die Bundesregierung im Rahmen ihrer Gedenkstättenförderung, aber auch das Land Berlin interessiert sind, geht es hier in sehr viel unmittelbarerer Weise auch um Interessen und<br />Entwicklungsmöglichkeiten der Stiftung Topographie des Terrors. Zunächst ist festzuhalten, dass die Bundesregierung in ihren gegenwärtigen Überlegungen davon ausgeht, dass eine allgemeine Bundesstiftung mehr Probleme schaffen als lösen würde und dass es vor allem im Hinblick auf das hauptstädtische Berlin sinnvoll ist, klar zu unterscheiden zwischen den Einrichtungen, in denen es um die NS-Geschichte geht, und den Einrichtungen, die der Geschichte der SBZ und der DDR gewidmet sind. Eine volle Übernahme der Topographie des Terrors in die Verantwortung des Bundes gilt weiterhin als nicht wünschenswert. Angestrebt wird dagegen eine organisatorische Zusammenfassung der Stiftung Topographie des Terrors, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (mit dem &#132;Ort der Information&#8220;). Gedacht ist offensichtlich an eine Art &#132;Stiftung Berliner NS-Gedenkstätten&#148;, unter deren Dach die bisherigen Einrichtungen eine größtmögliche Eigenständigkeit, vor allem in ihrer inhaltlichen Arbeit, behalten und ihr je spezifisches Profil weiter schärfen sollen. Solche Pläne sind von den gemischt finanzierten Einrichtungen, auch von der Stiftung Topographie des Terrors, bisher entschieden abgelehnt worden. Man war mit den nur historisch erklärbaren unterschiedlichen Organisationsformen (Stiftung, Trägerverein, nachgeordnete Behörde &#151; alle aus öffentlichen Mitteln alimentiert, mit jeweils 50 Prozent Bundesbeteiligung) zufrieden und sah keinen Anlass für Änderungen, von denen man vor allem Einschränkungen der eigenen Bewegungs- und Gestaltungsfreiheit befürchtete. Inzwischen dürften die Widerstände jedoch etwas geringer geworden sein. Eine noch engere Abstimmung der Aktivitäten als bisher erscheint durchaus sinnvoll. Auch könnten eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit und eine gemeinsame Publikationsstelle manche Vor-teile bieten. Vor allem aber scheint es der Bundesregierung darum zu gehen, durch eine gemeinsame Organisation bzw. eine gemeinsame Adresse die in Berlin geleistete Erinnerungsarbeit noch stärker als bisher nach außen, nicht zuletzt im Ausland, sichtbar zu machen. Dafür gibt es zu einem Zeitpunkt, an dem in Europa neben dem eindrucksvollen Londoner Holocaust Museum nun auch eine groß angelegte Holocaust-Gedenkstätte in Paris eröffnet worden ist, in der Tat gute Gründe. Es wird deshalb nötig sein, das Für und Wider solcher Entwicklungen schon sehr bald sorgfältig zu prüfen.</p>
<p>Es bleibt der Wunsch, dass die neue Dynamik, die durch meinen Rücktritt und vor allem durch die Trennung von Zumthor entstanden ist, nun nicht mehr verloren geht, dass die Politik auf Bundes- und auf Landesebene sich eindeutig für die Topographie des Terrors erklärt, dass der Wettbewerb sorgfältig vorbereitet wird und dann auch die gewünschten Ergebnisse zeitigt, dass das Programm angesichts der veränderten Rahmenbedingungen noch einmal durchdacht wird &#151; und dass schließlich in drei bis vier Jahren alle heute diskutierten Probleme vergessen sein werden und die Stiftung Topographie des Terrors mit dem neuen Gebäude am historischen Ort ihre Aufgaben wahrnehmen kann.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/die-berliner-topographie-des-terrors-in-der-deutschen-ns-gedenkstaettenlandschaft/">Die Berliner Topographie des Terrors in der deutschen NS-Gedenkstättenlandschaft</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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