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	<title>vorgänge Nr. 181: Achtundsechzig Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 22:45:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 181 (Heft 1/2008), Achtundsechzig, S. 1 &#8211; 3 Auch im vierzigsten Jahr ihrer Geschichte bleiben sich die Achtundsechziger treu. Mit dem untrüglichen Instinkt für die provokante Geste hat der seinerzeitige SDSler und heutige Historiker Götz Aly zum Auftakt des Jubiläumsjahres sein Buch &#8222;Unser Kampf&#8220; auf den Markt geworfen, dessen titelgebende Konnotation prompt [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/editorial-6/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 181 (Heft 1/2008), Achtundsechzig, S. 1 &#8211; 3</p>
<p>Auch im vierzigsten Jahr ihrer Geschichte bleiben sich die Achtundsechziger treu. Mit dem untrüglichen Instinkt für die provokante Geste hat der seinerzeitige SDSler und heutige Historiker Götz Aly zum Auftakt des Jubiläumsjahres sein Buch &#8222;Unser Kampf&#8220; auf den Markt geworfen, dessen titelgebende Konnotation prompt die schon leicht rostende Deutungs- und Aufarbeitungsmaschinerie wieder in Gang setzte. Einmal mehr gilt es, Vergangenheit zu bewältigen, diesmal die der Söhne, die sich nach Alys Ansicht bei der Bewältigung der Vergangenheit der Väter diesen allzu sehr angewandelt haben. Eigentlich hatte dazu ein der Mittäterschaft gänzlich Unverdächtiger, der Merkur-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer bereits vor sieben Jahren alles gesagt, als er anlässlich der Auseinandersetzung um die militante Vergangenheit des damaligen Außenministers Joschka Fischer befand, &#8222;die vielleicht trostloseste Wende zum regressiven, unanalytischen Moralismus ist die landauf, landab Bedenken auslösende Erwägung, die zurzeit betroffenen 68er müssten sich ihrer Vergangenheit stellen, so wie die Deutschen sich ihrer Nazivergangenheit gestellt hätten.&#8220; 2001 war dieser Stellungsbefehl noch von konservativer Seite ergangen, nun also von einem Mittäter.</p>
<p>Stand der dreißigste Jahrestag noch ganz unter dem Eindruck einer sich mit dem Antritt der rot-grünen Regierung erfüllenden Geschichte des langen Marsches durch die Institutionen und wurde dem entsprechend seinerzeit vornehmlich über die politische Wirkmächtigkeit der 68er räsoniert, so dokumentiert das Werk des Historikers Aly zumindest, dass sie nun endgültig Geschichte geworden sind. </p>
<p>Als solcher will sich auch diese Ausgabe der <i>vorgänge</i> der Ziffer 68 widmen. Aber statt alles über einen Deutungsleisten zu brechen, sollen in diesem Heft einzelne Stücke zusammengetragen werden, die zwar kein komplettes Bild, wohl aber einen Eindruck davon vermitteln, was mit 68 verbunden ist.</p>
<p>Die Vorhaltung von Götz Aly, die 68er seien Wiedergänger der 33er, ist alles andere als neu. <i>Jens Hacke</i> weist in seinem Beitrag darauf hin, dass es zeitgenössische konservative, liberale und sozialdemokratische Intellektuelle waren, welche bereits 68 diese Parallele sahen und auch mit anderen Selbstmythisierungen der Rebellen kritisch zu Gericht gingen. Viele von ihnen standen dabei den Anliegen der Studenten zunächst durchaus wohlwollend gegenüber, gingen jedoch bald auf Distanz. Doch die Kontroverse über und mit den Studenten setzte eine Auseinandersetzung über das Selbstverständnis der Bundesrepublik in Gang, das in eine produktive intellektuelle Streit- und Versöhnungsgeschichte mündete. So sehr die Studenten gegen den Wohlfahrtsstaat der sechziger Jahre rebellierten, so sehr war ihr Denken doch in ihrer Zeit verhaftet. <i>Michael Ruck</i> legt dar, dass der Glauben an die Möglichkeit einer planmäßigen Steuerung sozioökonomischer Entwicklungsprozesse die neomarxistischen Fortschrittspropheten mit den modernen Macht- und Funktionseliten der sechziger Jahre verband.</p>
<p>Auf die besondere Aneignung der NS-Zeit durch die RAF weist <i>Christian Schneider</i> hin. Deren Protagonisten insinuierten in ihrem Kampf, vor allem in dem gegen ihre Haftbedingungen, eine Wiederkehr von Auschwitz und sprachen sich selbst die Opferrolle zu. Der darin liegende maßstabslose Moralismus, den sie auch gegeneinander wendeten, war ein wesentlicher Baustein des Mythos der RAF.</p>
<p>Diese Anmaßung der RAF korrespondiert auf eigene Weise mit dem Antisemitismus, der nicht nur bei ihr und anderen Terroristen zum Tragen kam, sondern immer durchschien, wenn im Namen eines Antiimperialismus anti-israelische Positionen bezogen wurden. <i>Michael Brumlik</i> geht in seinem Beitrag dem Antisemitismus der westdeutschen Linken nach. </p>
<p>Zu den gesellschaftlichen Tiefenwirkungen der 68er, die in keiner Erfolgsbilanz fehlen, gehören die sexuelle Befreiung und die antiautoritäre Erziehung. Aber stimmt diese Zuordnung so ohne weiteres und wie groß ist der Erfolg aus zeitlicher Distanz betrachtet. <i>Gunter Schmidt</i> lässt noch einmal fünfzig Jahre Sexualität und Sexualforschung Revue passieren und ordnet die Studenten des Jahres 68 als die ein, die gar nicht so permissiv waren, wie sie redeten. Sie maßen der Sexualität eine transformative Kraft bei und beförderten deren Liberalisierung. Mittlerweile ist das Verhältnis von Studenten zur Sexualität weniger programmatisch denn pragmatisch.</p>
<p><i>Lutz von Werder</i> kommt zu dem Fazit, dass die antiautoritäre Erziehung bereits 1973 faktisch tot war. Erst jetzt scheint die schon damals geforderte &#8222;Vergesellschaftung der Vorschulerziehung&#8220; in Deutschland auf fruchtbareren Boden zu fallen. In anderen Ländern wie Finnland oder Frankreich wurde hingegen die Modernisierung der Kleinkinderziehung eine Erfolgsgeschichte. </p>
<p>Auch die Umweltbewegung wird unter die gesellschaftlichen Veränderungen, die mit der Studentenbewegung ihren Ausgang nahmen, subsumiert. Das scheinen schon die personellen Kontinuitäten beider Bewegungen nahe zu legen. Doch <i>Friedemann Hahn</i> weist in seinem Beitrag nach, dass die 68er keineswegs grün waren. Das ökologische Anliegen hatte andere Protagonisten und die Linken verwendeten einige antikapitalistische Rabulistik darauf, es der Systemfrage unterzuordnen. </p>
<p>Hingegen datiert der Beginn der Frauenbewegung landläufig auf 1971, als Frauen sich öffentlich im <i>Stern</i> der Abtreibung bezichtigten. <i>Felix Brühl</i> hinterfragt diese Datierung und erinnert an die erste Keimzelle der Frauenbewegung, die bereits im Januar 1968 aktiv wurde: Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, bei dem zunächst auch Männer mitmachten. <i>Hanning Voigts</i> porträtiert den früh verstorbenen SDSler Hans-Jürgen Krahl, dessen Versuch, die Kritische Theorie zu einer revolutionären Praxis zu öffnen, auf das Unbehagen deren Begründer Theodor W. Adorno und Max Horkheimer stieß. 1968 in der DDR, das waren wenige Aktive, die die vielen mit dieser Jahreszahl verbundenen Impulse umso begieriger aufnahmen. Es war eine ungleich individuellere und risikoreichere Revolte, als es dies im Westen war. Dieses 68 endete mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei und für <i>Florian Havemann</i> im Gefängnis. Ein Rückblick eines der wenigen 68er in der DDR. <i>Ulrich Finckh</i> erlebte die Umbrüche der sechziger Jahre als Studentenpfarrer in Hamburg, er war gleichermaßen Fürsprecher wie Vermittler zwischen den Lagern.</p>
<p>Im ersten Essay analysiert <i>Florian Hartleb</i> den widersprüchlichen Charakter der Partei &#8222;Die Linke&#8220;. Sie ist in sich zerrissener als es den öffentlichen Anschein hat, doch vermag sie, auch dank ihres Populismus, sich in der ehedem sozialdemokratischen Wählerschaft zu verankern. Im zweiten Essay kritisiert <i>Michael Dellwing</i> die wissenschaftliche Anmaßung, die in dem Versuch liegt, das wahre Wesen des Islam aus seinen Schriften zu filtern.</p>
<p><i>Sandra Pingel-Schliemanns</i> Rezension zweier neuer Biografien über Ulrike Meinhof und <i>Kristin Wesemanns</i> Besprechung der Bücher über die 68er von Götz Aly und Norbert Frei runden diese Ausgabe der vorgänge ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lektüre wünsche.  </p>
<p>Ihr <br />Dieter Rulff</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/editorial-6/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Katalysator der Verständigung über die Bundesrepublik</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/katalysator-der-verstaendigung-ueber-die-bundesrepublik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anmerkungen zum politischen Denken nach 68, aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S. 4-12 Die Achtundsechziger haben mittlerweile einen schweren Stand. Nicht nur in den Feuilletons werden sie für alle Formen sittlicher Degeneration und Werteverfall verantwortlich gemacht, auch hinsichtlich ihrer politischen Vorstellungen lassen die Kommentatoren kaum eine Sünde unerwähnt. 1968 wird als Auftakt für ein &#8222;rotes [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Anmerkungen zum politischen Denken nach 68,</p>
<p>aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S. 4-12</p>
<p>Die Achtundsechziger haben mittlerweile einen schweren Stand. Nicht nur in den Feuilletons werden sie für alle Formen sittlicher Degeneration und Werteverfall verantwortlich gemacht, auch hinsichtlich ihrer politischen Vorstellungen lassen die Kommentatoren kaum eine Sünde unerwähnt. 1968 wird als Auftakt für ein &#8222;rotes Jahrzehnt&#8220; gesehen, dessen Folgen schließlich in totalitären Abirrungen und Sektierertum mündeten, ja als &#8222;Endstation Terror&#8220; auch die RAF hervorbrachten. </p>
<p>Das war nicht immer so. Noch für die intellektuelle Stimmung in der Kohl-Ära &#8211; womöglich als Gegengewicht zur befürchteten &#8222;geistig-moralischen Wende&#8220; &#8211; war es eher kennzeichnend, die befreienden Aspekte der &#8222;Studentenrevolution&#8220; zu betonen. Übrigens beurteilt sogar der Langzeitkanzler selbst die Wirkungen von 1968 differenziert, denn als Modernisierer der Post-Adenauer-CDU besaß er durchaus Verständnis für den Protest gegen die Verkrustungen der Nachkriegsgesellschaft &#8211; und seine späteren Mitarbeiter rekrutierte er vielfach aus den Reihen der &#8222;alternativen Achtundsechziger&#8220; des RCDS. Das Jahr 1968 wertet der Historiker Manfred Görtemaker als &#8222;Umgründung der Republik&#8220;, und Jürgen Habermas sieht in der studentischen Protestszene den &#8222;ersten Schub einer Fundamentalliberalisierung&#8220;.</p>
<p>Die in solchen Wertungen durchschimmernde Überzeugung der bundesrepublikanischen Linken, ihren Beitrag zur Verwestlichung des Landes geleistet zu haben, steht inzwischen auf dem Prüfstand. Konservative Abwehr der Achtundsechziger hat es immer gegeben. Neu ist seit einigen Jahren die scharfe (Selbst)Kritik ehemaliger Protagonisten, die in ihrer schonungslosen Aufarbeitung (eigener) ideologischer Verblendung ihre ehemaligen Gegner aus dem &#8222;Establishment&#8220; an Schärfe zum Teil weit übertreffen. Die verdienstvollen Arbeiten von Wolfgang Kraushaar, Gerd Koenen und neuerdings auch von Götz Aly heben hervor, wie viel moralische Selbstüberhebung, totalitäres Gedankengut und Gewaltbereitschaft das politische Denken radikaler Achtundsechziger prägten. &#8222;Dass schon die Ideologeme der originären 68er-Bewegung &#8211; und keineswegs erst die neokommunistischen Plattformen der siebziger Jahre &#8211; einen entschieden antiliberalen, antidemokratischen (jedenfalls antiparlamentarischen) und antiwestlichen Charakter getragen haben, ist eine unschwer nachzuweisende Tatsache&#8220;, befindet Koenen.[1] Wolfgang Kraushaar, der unbestechliche Chronist von Protestbewegung, Neuer Linken und RAF, hat in vielen Studien die Grundzüge der politischen Vorstellungswelt bei den Protagonisten &#8211; von Agnoli bis Dutschke, von Krahl bis Mahler &#8211; ideologiekritisch nachgezeichnet, so dass man kaum länger lediglich von einer &#8222;verspielten Revolution&#8220; (Uwe Wesel) sprechen kann, die auf unschuldige Weise die &#8222;Phantasie an die Macht&#8220; befördern wollte.[2] Wenn einstige Gegner in dieser Weise übereinstimmen, dann scheint die Wahrheit gefunden zu sein.</p>
<p>Vornehmlich an den kulturellen und sozialen Folgen von 1968 interessierte Historiker einer jüngeren Generation sind daran gegangen, diese Urteile weiter zu differenzieren, in gesamtgesellschaftliche Kontexte einzubetten und transnational zu erweitern.[3] Sie kommen &#8211; ohne die politische Theorie der Aktivisten im Einzelnen über zu bewerten &#8211; zu einer komplexen Bestandsaufnahme. Man sollte sich vor allzu simplen Thesen über die Folgen dessen, was man unter der Chiffre 1968 rubriziert, hüten: Sympathisanten eines libertären Lebensstils mussten nicht gleichzeitig ein Bekenntnis zum Maoismus abgeben!</p>
<p>Zu den nicht intendierten Nebenfolgen von 1968, zu den kaum überschätzbaren Wirkungen gehört auch die Dynamisierung, Ex-und Intensivierung politischer Debatten &#8211; und dies naturgemäß in allen politischen Lagern. Unabhängig von den Ergebnissen dieser geistigen Auseinandersetzungen ist zunächst bedeutsam, dass sie stattgefunden und das Spektrum politischer Meinungsbildung erheblich erweitert haben. Es ist deshalb angebracht, das Auftreten der Neuen Linken, ihre radikaldemokratischen, neomarxistischen, teilweise auch totalitären oder anarchistischen Strömungen nicht nur isoliert zu analysieren, sondern sie auch als eine Herausforderung für das heterogene Feld der Gegner, von der gemäßigten Linke, den Sozialdemokraten und Linksliberalen bis hin zur konservativen Rechten zu begreifen. Die von den studentischen Aktivisten aufgeworfene Systemfrage setzte gewissermaßen alle (vorher oft nur implizit) staatstragenden politischen und geistigen Eliten unter Verteidigungs- und Begründungszwang. Die intellektuellen Auseinandersetzungen dieser Jahre erzwangen somit zwei Jahrzehnte nach der Staatsgründung die nachträgliche Legitimation der Bundesrepublik als liberale und parlamentarische Demokratie. Dies muss man im Nachhinein als Gewinn werten. Überdies befreit eine solche Perspektive aus der Selbstreferenzialität kritischer oder apologetischer Aufarbeitungsbemühungen.</p>
<p>Auch Götz Aly, der als ex-linker Aktivist die kritische Selbsterkenntnis in fast exorzistischer Manier noch einmal zuspitzt, stellt in seiner Darstellung drei Aspekte in den Mittelpunkt, die über die Binnendiskurse der Achtundsechziger hinausweisen[4]: Erstens will er die &#8222;sehr vernünftigen lebenserfahrenen Menschen&#8220; gewürdigt wissen, die als liberale bis liberalkonservative Mittler im Aufruhr buchstäblich zerrieben worden sind; dazu zählt er exemplarisch die Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal, aber auch viele Angehörige der von Aly so apostrophierten &#8222;Generation Kohl&#8220;. Ihnen soll nun verspätet historische Gerechtigkeit widerfahren. Zweitens betont Aly die strukturellen Analogien zwischen der rechtsradikalen Studentenschaft im Jahr 1933 und den linksradikalen Achtundsechzigern. Damit erneuert er die Totalitarismustheorie in ideengeschichtlicher Absicht und vernachlässigt die Frage nach den Ursachen für den studentischen Protest zugunsten eines totalitarismustheoretischen Erkenntnisinteresses. Drittens schließlich möchte Aly, der in den 1980er Jahren selbst zum NS-Historiker wurde, mit der Legende aufräumen, dass die konsequente Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit ein Verdienst der kritischen Achtundsechziger sei. Deren krude Faschismustheorie, die ja bekanntlich das Kapital für das Abgleiten in den Faschismus verantwortlich machte, ein rabiater Antizionismus, aber auch psychologische Verspannungen gegenüber der nationalsozialistisch geprägten Elterngeneration, so Alys Argument, behinderten die bereits seit einiger Zeit im Gange befindliche juristische und zeithistorische Aufklärung eher, als dass sie positiv zu ihr beitrugen.</p>
<p>Alys Thesen beruhen auf Einsichten, die nun, da sie die ehemaligen Aktivisten erreichen, von diesen umso entschiedener artikuliert werden. Mit dieser Entschiedenheit wird wohl auch der späte Zeitpunkt der Erkenntnis kompensiert, zumal auf bereits vielfach bemühte Argumente der zeitgenössischen Debatte rekurriert wird. Ohne dies immer ausreichend zu kennzeichnen, macht sich Aly mit einiger Verzögerung genau jene Gedanken zu Eigen, die damals schon den liberalkonservativen intellektuellen Abwehrkampf ganz wesentlich prägten. Ob Helmut Schelsky, Hermann Lübbe, Wilhelm Hennis, Kurt Sontheimer oder der von Aly häufig zitierte Richard Löwenthal: Unter diesen Professoren gehörte es zum Standardrepertoire, die ideologische Gläubigkeit der neuen Jugendbewegung auf den Untergang der Weimarer Republik zu beziehen. Schelsky tat dies explizit mit Bezug auf seine eigene NS-Vergangenheit, Löwenthal urteilte zusätzlich vor dem Erfahrungshintergrund seiner kommunistischen Vergangenheit im &#8222;ideologischen Bürgerkrieg&#8220;. Auch Kurt Sontheimer war davon überzeugt, dass in ähnlichem Maße wie die politische Rechte der Weimarer Republik geistig den Boden entzog, in der Bundesrepublik die Ideen der Linken die Legitimität des politischen Systems in Frage stellten.[5] Der Analogieschluss zu &#8222;philosophisch inspirierten Geschichtssinnvollstreckern&#8220; (Lübbe) von den Jakobinern über die Bolschewiki bis hin zu den Nationalsozialisten war unter den Gegnern der Achtundsechzigern common sense, ohne dass man sich allerdings ausschließlich &#8211; wie dies Aly nun vorführt &#8211; auf die &#8222;33er&#8220; versteifte.</p>
<p>Auch die Legende von der Verdrängung nationalsozialistischer Vergangenheit hat Hermann Lübbe schon Anfang der 1980er Jahre wirksam entkräftet. In seiner damals umstrittenen Rede anlässlich des 50. Jahrestages der &#8222;Machtergreifung&#8220; unterschied er die sozialpsychologische Integrationswirkung eines alltäglichen &#8222;Beschweigens&#8220; der NS-Vergangenheit angesichts von Millionen Ex-Parteigenossen und Mitläufern von der ausdifferenzierten, aber auch publikumswirksamen historischen Forschung und einer intensiven Beschäftigung mit der NS-Diktatur in der politischen Didaktik, die für das moralische Selbstverständnis der Bundesrepublik von jeher prägend war.[6]</p>
<p>Es geht nun gar nicht darum, inwiefern diese von Götz Aly aktualisierten Deutungen Wahrheit für sich beanspruchen können. Festzuhalten bleibt aber, dass sie schon lange im Umlauf sind, wie ein Blick in den von Aly als Erweckungslektüre präsentierten Band &#8222;Die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft&#8220; (1968) belegt.[7]</p>
<p>Interessanter erscheint, dass derlei Bewertungen (Verantwortungslosigkeit, ideologische Verblendung bei den Linken versus nachträgliches Rechthaben, Vernunft bei den Gegnern) die Strukturen des politischen Denkens so statisch erscheinen lassen, dass die Konflikte der damaligen Zeit in ihren Ursachen intellektuell kaum mehr nachvollziehbar sind. Zu diesen Ursachen gehört, dass die Achtundsechziger &#8211; zwar in vielerlei Hinsicht auf völlig überzogene Weise &#8211; auf Defizite der politischen Kultur und mithin auf Leerstellen konservativer und liberaler Politikbegründungen reagierten, die auch vorher in der politischen Theorie der frühen 1960er Jahre schon zur Sprache gekommen waren, ohne dass sich daraus öffentlichkeitswirksame Debatten ergeben hätten. Es war vor allem die &#8222;skeptische Generation&#8220;, die erste Akademikerkohorte der Nachkriegszeit, die sich zu Wort gemeldet hatte, um die unpolitische Konsumorientierung der späten Adenauer-Ära aufzubrechen und für partizipatives bürgerliches Engagement in der liberalen Staatsordnung zu werben. Hermann Lübbe wandte sich früh gegen das verbreitete Modell des technokratischen Konservatismus, Entscheidungen als Verwaltungshandeln einer Elite, die Einsicht in die Logik der Sachzwänge habe, wegzudefinieren. Ihm ging es um die Neugewichtung des voluntaristischen bzw. dezisionistischen Moments in der Politik, die immer von Parteienstreit und Auseinandersetzung um verschiedene Interessen geprägt sein sollte. Seine Kritik an den konservativen Vordenkern formulierte er bereits Anfang der 1960er Jahre.[8] Als Verfechter des Godesberger Programms setzte er auf Reform. In der Demokratie sollten die staatlichen Institutionen als liberalitätsgarantierender Ordnungsrahmen ihre Prägekraft entfalten, um das Grundgesetz durch demokratische Praxis nach und nach geistig bei den Bundesbürgern zu verankern.</p>
<p>Auch Wilhelm Hennis, ebenfalls von der Sozialdemokratie her kommend, hatte sich seit Mitte der 1950er Jahre für gesellschaftspolitische Modernisierung eingesetzt.[9] Sein neoaristotelischer Appell an Bürgersinn und Bürgertugend orientierte sich an angelsächsischen Vorbildern und an Tocqueville, wie übrigens auch Ralf Dahrendorf, der in seinen einflussreichen Bücher &#8222;Gesellschaft und Freiheit&#8220; (1961) und &#8222;Gesellschaft und Demokratie in Deutschland&#8220; (1965) mit dem deutschen Sonderweg der Staatshörigkeit und Untertanenmentalität abrechnete und kraftvoll für eine liberale Bürgergesellschaft plädierte. Dass Jürgen Habermas ebenfalls frühzeitig als intellektueller Stichwortgeber für den studentischen Protest linksliberale und neomarxistische Motive einer Sozialphilosophie in kritischer Absicht entwickelte und lange vor 1968 eine wichtige Rolle spielte, ist weithin bekannt.[10] Habermas stand als Mentor, Vermittler, aber auch als Kritiker &#8211; &#8222;Die Linke antwortet Jürgen Habermas&#8220; (1969) &#8211; im engen Austausch mit der Protestbewegung. Ohne ihn hätten sich verschiedene Ableger der Neuen Linken anders entwickelt; ohne die Erfahrung von 1968 wäre seine politische Theorie gewiss einen anderen Weg gegangen. Dieses Interdependenzverhältnis trifft aber nicht nur auf Habermas zu, der dem SDS immerhin &#8222;linken Faschismus&#8220; vorwarf, sondern gilt auch für seine eher der liberalen Mitte zugeneigten Generationsgenossen, die sich bald auf Seiten des Staates wieder fanden. Die Affirmation einer wehrhaften Demokratie bedeutete für sie auch theoretische &#8222;Kampfbereitschaft&#8220; &#8211; und keine resignierte Verbitterung, wie sie häufig bei den älteren Konservativen (z.B. Arnold Gehlen, Helmut Schelsky) oder eben Ernst Fraenkel anzutreffen war.</p>
<p>Die jungen Professoren der Flakhelfergeneration agierten 1967/68 noch nicht in der ersten Reihe, aber sie bestimmten die Post-1968-Diskurse in hohem Maße. Dabei überdeckt die nachträgliche Attribuierung als Gegner der Achtundsechziger, dass viele Vertreter der liberalen Kulturintelligenz &#8211; bevor sie zu Kombattanten im Meinungsstreit wurden &#8211; dem studentischen Protest mit Verständnis, wenn nicht sogar mit Sympathie begegneten. So schrieb der Soziologe Erwin K. Scheuch noch im Juli 1967 in Springers Welt: &#8222;Vielleicht ist eine der wesentlichen Ursachen für die jetzige Unruhe an den Hochschulen, dass uns diese Generation beim Wort nimmt, dass sie praktisch Freiheit und Demokratie dort erwartet, wo wir Freiheit und Demokratie nur sagen.&#8220;[11] Was dann freilich die marxistisch inspirierte Linke unter Freiheit und Demokratie verstehen sollte, das konnte sich auch Scheuch zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen.</p>
<p>Aber den kommenden, hart geführten Auseinandersetzungen um politische Grundbegriffe kann man durchaus einen Eigenwert beimessen. Sie führten zu Klärungen und sorgten dafür, das vorher so wahrgenommene geschichtslose Land mit geistigen Traditionslinien zu versehen. Es ist auch unübersehbar, dass diese öffentliche Inventur revolutionären, sozialdemokratischen und liberalen Gedankenguts einherging mit geisteswissenschaftlichen Großprojekten &#8211; dazu gehörten die von Reinhart Koselleck vorangetriebenen &#8222;Geschichtlichen Grundbegriffe&#8220;, das aus der Schule Joachim Ritters erwachsene &#8222;Historische Wörterbuch der Philosophie&#8220; oder die umfangreiche Neuentdeckung verschüttet gegangener progressiver historiographischer Traditionen jenseits des Historismus, um die sich vor allem Hans-Ulrich Wehler verdient gemacht hat. Es ging nicht zuletzt darum, an den Universitäten in einem umfassenden Sinne für Modernisierung und Liberalisierung zu sorgen, und das hieß auch, die Bedürfnisse der Studenten nach Orientierung, nach aktuellen Theorien und Methoden ernst zu nehmen. Die Vielzahl der neuen Publikationsreihen und Zeitschriften dieser Jahre legen davon ein beeindruckendes Zeugnis ab, im Positiven wie im Negativen. Auch hier hat man es mit wissenschaftlichen Initiativen zu tun, die vieles, was man pauschal zum neuen Geist der 1960er Jahre zählen kann, vorbereitet und begleitet haben, die aber wiederum selbst mittelbar von 1968 beeinflusst worden sind. Einige Positionskämpfe, in denen sich die intellektuellen Kombattanten aufrieben, sollen wenigstens kurz erwähnt werden, um die Behauptung zu stützen, dass die Folgen der &#8222;Kulturrevolution&#8220; (wie es in absichtsvoller Analogie zu Maos China hieß) divers waren. Wilhelm Hennis unternahm es beispielsweise in seiner viel beachteten Schrift &#8222;Demokratisierung &#8211; Zur Problematik eines Begriffs&#8220;, die Grenzen der &#8222;universalsten gesellschaftlichen Forderung unserer Zeit&#8220; abzustecken. Wie viele andere liberale Gegner der Achtundsechziger sah er die Gefahr neulinker Ideologie darin, dass Demokratisierung tendenziell als Prozess der Aufhebung von Herrschaft überhaupt verstanden würde. Dagegen setzte Hennis den Eigenwert der gewaltenteiligen politischen Institutionen: &#8222;Politische Institutionen sind seit eh und je nur auf zweierlei zu gründen: auf Amtspflichten und Freiheiten.&#8220;[12] Mit ganz ähnlicher Methodik zerlegte der Philosoph Robert Spaemann verbreitete Vorstellungen von Emanzipation: Spaemann hob hervor, dass der Rechtsbegriff Emanzipation sich stets auf Diskriminierung und Ungleichbehandlung bezieht. Man müsse benennen können, welcher Zustand der Unmündigkeit emanzipativ überwunden werden solle; andernfalls bewege man sich in befreiungsideologischen Utopien, die Freiheit nur noch antiinstitutionell denkbar machen.[13]</p>
<p>Es spricht für die nachhaltige Wirkung der studentischen Proteste, dass sie eine vormals relativ homogene Intellektuellenkohorte, innerhalb derer keine größeren Streitfragen vorhanden waren, zur Positionierung zwang. Im Gefolge von 1968 verlagerten sich die gehaltvollen theoretischen Debatten nämlich zusehends auf die älteren, schon arrivierten Wissenschaftler. Meist war Jürgen Habermas als Vertreter einer kritischen Linken beteiligt, der, flankiert von seinen Mitarbeitern Oskar Negt und Claus Offe, seine politischen Vorstellungen in Auseinandersetzungen an beiden Fronten schärfte &#8211; gegenüber der Protestbewegung und gegenüber seinen liberalkonservativen Generationsgenossen. Gegen die &#8222;Sozialtechnologie&#8220; Luhmanns entwickelte er eine kritische Gesellschaftstheorie der kommunikativen Kompetenz (eine Vorform der Theorie des kommunikativen Handelns); mit dem bereits erwähnten Robert Spaemann stritt er über die Utopie der Herrschaftsfreiheit; mit Wilhelm Hennis duellierte er sich über die Legitimationsprobleme im bundesrepublikanischen Spätkapitalismus; mit Kurt Sontheimer setzte er sich über Anspruch und Ziel &#8222;kritischer&#8220; Theoriebildung auseinander.[14]</p>
<p>Habermas führte damit einen intellektuellen Kampf gegen die so genannte &#8222;Tendenzwende&#8220;, als deren &#8222;neokonservativer&#8220; Kopf der Philosoph Hermann Lübbe galt. Gegenüber den Gesellschaftsutopien der Linken, aber auch später gegenüber einem selbstgewissen &#8222;Projekt der Moderne&#8220;, das der Aufklärungserbe Habermas in den 1980er Jahren anmeldete, meldete Lübbe &#8211; wie auch sein Philosophenkollege und enger Mitstreiter Odo Marquard &#8211; Zweifel an. &#8222;Fortschritt als Orientierungsproblem&#8220; &#8211; das war Lübbes einprägsame Formel, um darauf aufmerksam zu machen, wie problematisch eine ideologisch inspirierte Überbrückung der Gegenwart sei in einer Zeit, in welcher der technologische Fortschritt ohnehin rasant verlief und unbeabsichtigte Nebenfolgen zeitigte. Lübbes Kulturphilosophie der Moderne setzte auf lebensweltliche Widerlager, auf die Orientierungs- und Kompensationsfunktion von Traditionspflege und auf vernünftige Reflexion. In der überhitzten Debatte machten sich die vermeintlichen &#8222;Tendenzwende-Konservativen&#8220; mit bestimmten Reizworten schnell verdächtig: Institutionentreue wurde zum Etatismus, Reflexion über die Notwendigkeit politischer Entscheidung wurde gleichgesetzt mit dem Dezisionismus Carl Schmitts, eingeforderter &#8222;Mut zur Erziehung&#8220; galt in den bildungsreformerischen 1970er Jahren als hoffnungsloses Festhalten an Sekundärtugenden, das Beharren auf der Bedeutung zivilreligiöser Praktiken erschien als irrationale Geisterbeschwörung &#8211; und für eine &#8222;Apologie der Bürgerlichkeit&#8220; (Marquard) war der Vorwurf der Biedermeierlichkeit noch harmlos.</p>
<p>Natürlich waren die Statements der Liberalkonservativen, die gegen die Neue Linke, Habermas und die Nachkommen der Frankfurter Schule opponierten, nicht minder mit Provokationen und ätzender Polemik gewürzt. Für die diffuse Revolutionsbegeisterung, für die schwarzmalerische Kapitalismuskritik und die ideologische Selbstgewissheit besaßen sie kein Verständnis. &#8222;Die Aufgabe der Politik&#8220;, so formulierte Hennis aufreizend abgeklärt, &#8222;kann nie etwas anderes sein als die Schaffung eben eines gesicherten Kreises von Bürgerlichkeit, von Ordnung, von Ruhe, von Sicherungen der Privatrechte, in denen der Einzelne nach seinem Gusto, nach seiner Fasson leben mag, wie er will und wie er es für schön und richtig findet.&#8220;[15] Diese reduktionistische Aufgabenbeschreibung wollte man ebenso wenig hören wie Hermann Lübbes nüchterne Auffassung, dass Politik die Kunst sei, &#8222;Machtlagen, das heißt zum Beispiel Mehrheitsverhältnisse auszubauen, auf deren Grundlage es dann möglich wird, was man in jeder Hinsicht gut begründet will, durchzusetzen&#8220;.[16] Im Rückblick wird jedoch deutlich, dass sich in Reaktion auf die hochfliegenden Systemveränderungsutopien der Linken eine praktische politische Philosophie ausgebildet hat, die mit common sense und Pragmatismus davor warnten, die Politik mit Moralismus zu überfrachten.</p>
<p>Anstatt sich mit moralischen Neubegründungen und Zielsetzungen zu belasten, galt es für die Liberalkonservativen stets, die Grenzen des Politischen deutlich zu machen und daran zu erinnern, dass der Mensch durch keine politische oder soziale Vorleistung von eigenverantwortlichen Entscheidungen erlöst werden kann. &#8222;Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann&#8220;, hat Ernst-Wolfgang Böckenförde bereits 1967 formuliert.[17] Aber das Aushalten einer für die Moderne konstitutiven Entzweiung, die stets gefährdet erscheint, weil der Fortschritt immer neue Möglichkeitsräume erschließt, die Herkunft und Zukunft, Erfahrungsraum und Erwartungshorizont auseinander treten lassen, blieb das Motiv dieser Intellektuellengeneration. Viele Themen, die von ihnen gesetzt wurden, haben mit Verspätung Eingang in den allgemeinen politischen Diskurs erhalten, sei es die notwendige Verankerung des Einzelnen in kommunalen, traditionsgewissen Lebenswelten, die Religion als konstante Sinnressource im liberalen Staat, der Identifikationswert von Geschichte oder das Festhalten an einem auf den Bürger bezogenen Freiheitsbegriff, der von institutionell garantierten Rechten und Pflichten abhängig bleibt. Einige dieser Problemstellungen erreichten die Frankfurter Linke erst über die amerikanische Kommunitarismusdebatte, wodurch aufs Ganze gesehen eine Annäherung der ehemals sich befehdenden Lager erkennbar geworden ist.</p>
<p>Aber auch umgekehrt haben die liberalkonservativen Gegner der Achtundsechziger einige ihrer Positionen modifiziert. Ihnen ist gewiss keine übertriebene Sympathie für neue soziale Bewegungen oder &#8222;zivilen Ungehorsam&#8220; nachzusagen, doch im Verlauf der bundesrepublikanischen Geschichte fassten sie immer mehr Vertrauen in bürgerschaftliches Engagement. Während Habermas mit &#8222;Faktizität und Geltung&#8220; (1992) als nunmehr überzeugter Verfassungspatriot die Institutionen und das Recht für sich entdeckte, hat sich der Zürcher Emeritus Hermann Lübbe immer mehr den Formen der direkten Demokratie zugewandt. &#8222;Von der Verwissenschaftlichung unserer Lebenswelten geht ein Zwang zur Demokratisierung aus&#8220;, weiß Lübbe, weil sich &#8222;mit dem entsprechenden Ausmaß unserer Angewiesenheit auf Sachverständigenkompetenz [&#8230;] zugleich die gemeine Meinung [intensiviert&#8220; &#8211; und schließlich die Stimmbürgermehrheit entscheidet.[18] Demokratisierung fungiert also nicht als programmatische Heilsformel oder moralisches Postulat, sondern bewährt sich als nüchterner Sachzwang für eine legitimierte Entscheidungsfindung in der modernen Welt.</p>
<p>Wenn sich Habermas und Lübbe &#8211; hier stellvertretend für zwei wesentliche Strömungen bundesrepublikanischer politischer Philosophie &#8211; schließlich beide in dem Modell einer Zivilgesellschaft wieder finden, das auf Partizipation, aber eben auch auf liberaler Bürgerlichkeit gegründet ist, dann blicken wir auf eine produktive Streit- und Versöhnungsgeschichte, die zwar nicht in 1968 angelegt war, jedoch ohne die damit verbundenen Ereignisse, Fraktionierungen und Folgekämpfe kaum vorstellbar wäre.</p>
<p>An diese mittelbaren Wirkungen von 1968 sollte ebenfalls erinnert werden, denn die politischen Ideen der Achtundsechziger, die auf ihre Weise das Unbehagen an einer fraglos hingenommenen demokratischen Ordnung artikulierten, sind für sich genommen von geringem Interesse. Der von einigen ideologisch ambitionierten Aktivisten ausgelöste Radikalisierungsschub, der sich schließlich gegen den liberalen parlamentarischen Staat selbst richtete, entfernte sich rasch von den meisten Sympathisanten der Protestbewegung.</p>
<p>Die Legitimitätsfrage bewegte aber auch die gemäßigten Intellektuellen jenseits der Barrikaden. In Jahren harter theoretischer Auseinandersetzungen, die auch tiefe persönliche Kränkungen und dauerhafte Verfeindungen nach sich zogen, stritten sie um die geistigen Grundlagen der Bundesrepublik und trugen dazu bei, eine politische Identifikation mit diesem Gemeinwesen möglich zu machen. Vermutlich hängt es auch mit diesem produktiv gewendeten, in seinen Folgen zivilen Erbe der Achtundsechziger zusammen, dass keine Radikalopposition gegen den liberalen Staat mehr vorstellbar erscheint. Wider ihre eigene Intention haben die Achtundsechziger intellektuelle Reflexionsprozesse ausgelöst, die das zweifellos bis in die 1960/70er Jahre vorhandene virulente politische Identifikationsdefizit der Bundesrepublik auf lange Sicht beheben konnten. Es ist deswegen angebracht, dieser Geschichte des politischen Denkens in der Bundesrepublik einen nicht unerheblichen Anteil an &#8222;vernünftiger&#8220; politischer Identitätsbildung zuzumessen.</p>
<p>[1] Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Frankfurt/ M. 2001, S. 24.</p>
<p>[2] Vgl. aus der Vielzahl seiner Veröffentlichungen insbesondere Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000, sowie ders., Achtundsechzig. Eine Bilanz, Berlin 2008.</p>
<p>[3] Vgl. als Überblick Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008.</p>
<p>[4] Götz Aly, Unser Kampf. 1968 &#8211; Ein irritierter Blick zurück, Frankfurt/M. 2008.</p>
<p>[5] Vgl. Helmut Schelsky, Systemüberwindung, Demokratisierung und Gewaltenteilung, München 1973; ders. Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen, Opladen 1975; Richard Löwenthal, Der romantische Rückfall, Stuttgart 1970; ders., Gesellschaftswandel und Kulturkrise. Zukunftsprobleme der westlichen Demokratien, Frankfurt/M. 1979; Kurt Sontheimer, Das Elend unserer Intellektuellen. Linke Theorie in der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 1976.</p>
<p>[6] Siehe Hermann Lübbe, Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewusstsein, Historische Zeitschrift 236 (1983), S. 579-599, und neuerdings als Rückblick auf die Debatte: ders. Vom Parteigenossen zum Bundesbürger. Über beschwiegene und historisierte Vergangenheiten, München 2007.</p>
<p>[7] Erwin K. Scheuch (Hg.), Die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft. Eine kritische Untersuchung der &#8222;Neuen Linken&#8220; und ihrer Dogmen, Köln 1968.</p>
<p>[8] Die frühe Auseinandersetzung mit der Technokratiethese liegt vor in Hermann Lübbe, Theorie und Entscheidung. Studien zum Primat der praktischen Vernunft, Freiburg 1971. &#8211; Die politische Philosophie Lübbes und der Ritter-Schule habe ich eingehender dargelegt in Jens Hacke, Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberalkonservative Begründung der Bundesrepublik, Göttingen 2006.</p>
<p>[9] Seine gesammelten Studien aus dieser Zeit liegen jetzt vor in Wilhelm Hennis, Politikwissenschaft und politisches Denken. Politikwissenschaftliche Abhandlungen II, Tübingen 2000. Vgl. zu seinem Denkweg insgesamt die hervorragende Studie von Stephan Schlak, Wilhelm Hennis. Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik, München 2008.</p>
<p>[10] Vgl. vor allem die einflussreichen Aufsatzsammlungen Jürgen Habermas, Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien, Neuwied 1963; ders., Technik und Wissenschaft als &#130;Ideologie&#8216;, Frankfurt/M. 1968.</p>
<p>[11] Zitiert nach Clemens Albrecht u.a., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt/M. 1999, S. 332.</p>
<p>[12] Wilhelm Hennis, Die missverstandene Demokratie. Demokratie &#8211; Verfassung &#8211; Parlament. Studien zu deutschen Problemen, Freiburg 1973, S. 27, 34f.</p>
<p>[13] Robert Spaemann, Emanzipation &#8211; ein Bildungsziel?, in: Clemens Graf Podewils (Hg.), Tendenzwende? Zur geistigen Situation in der Bundesrepublik, Stuttgart 1975, S. 75-93.</p>
<p>[14] Diese Auseinandersetzungen sind vor allem dokumentiert in Jürgen Habermas, Kleine Politische Schriften I-IV, Frankfurt/M. 1981; zum Streit um die Legitimationsfrage vgl. Peter Graf Kielmansegg (Hg.), Legitimationsprobleme politischer Systeme, Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 7, Opladen 1976.</p>
<p>[15] Wilhelm Hennis, Die deutsche Unruhe. Studien zur Hochschulpolitik, Hamburg 1969, S. 134.</p>
<p>[16] Lübbe, Theorie und Entscheidung, S. 60.</p>
<p>[17] Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation (1967), in: ders., Staat, Gesellschaft, Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht, Frankfurt/M. 1976, S. 42-64, hier S. 60.</p>
<p>[18] Hermann Lübbe, Modernisierungsgewinner. Religion, Geschichtssinn, Direkte Demokratie und Moral, München 2004, S. 160.</p>
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		<title>Planung als Utopie</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 21:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Gesellschaftsutopien der 68er und gesellschaftliche Planungseuphorie in den sechziger Jahren, aus: vorg&#228;nge Nr.181, Heft 1/2008, S. 13-22 I. Einleitung[1] &#8222;Die wahre Trag&#246;die der 68er ist der Sieg des Sozialdemokratismus &#252;ber ihren rebellischen Geist. Organization Man schl&#228;gt Soul Man. Planung vernichtet Spontaneit&#228;t.&#8220;[2] Dererlei apodiktische Deutungen werden gerade auch von Veteranen der Protestbewegung gerne kolportiert, die sich [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Gesellschaftsutopien der 68er und gesellschaftliche Planungseuphorie in den sechziger Jahren,</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr.181, Heft 1/2008, S. 13-22</p>
<p><b>I. Einleitung</b>[1]</p>
<p>&#8222;Die wahre Trag&ouml;die der 68er ist der Sieg des Sozialdemokratismus &uuml;ber ihren rebellischen Geist. Organization Man schl&auml;gt Soul Man. Planung vernichtet Spontaneit&auml;t.&#8220;[2]</p>
<p>Dererlei apodiktische Deutungen werden gerade auch von Veteranen der Protestbewegung gerne kolportiert, die sich l&auml;ngst b&uuml;rgerlich eingerichtet haben. Doch sind &#8222;die 68er&#8220; tats&auml;chlich Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre der regierungsoffiziellen Planungskonjunktur zum Opfer gefallen? Oder versiegte die links-liberale Hauptstr&ouml;mung der fr&uuml;hen Protestbewegung bereits im Zuge jener Wendung &#8222;von der antiautorit&auml;ren Bewegung zur sozialistischen Opposition&#8220;,[3] die sich seit 1967/68 beschleunigt vollzog? Immerhin wurde deren &#8222;antikapitalistische(r), antib&uuml;rokratische(r) und antihierarchische(r)&#8220; Impetus[4] zusehends von einer Hinwendung zur sozialistischen Orthodoxie &uuml;berformt. Die neomarxistischen Gegenwartsanalysen und Zukunftsprojektionen schienen teils durchaus anschlussf&auml;hig f&uuml;r jene drei Leitbegriffe der Planungsdekade von 1963 bis 1973 zu sein, welche das gleitende Ende der Nachkriegszeit in Westdeutschland umschlie&szlig;en: Prosperit&auml;t &#8211; Planung &#8211; Partizipation.</p>
<p>Die planvolle Sicherung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prosperit&auml;t wurde von den bundesrepublikanischen Macht- und Funktionseliten zumal der mittleren und j&uuml;ngeren Generationen w&auml;hrend der 1960er Jahre zusehends als unverzichtbare Voraussetzung sozialer wie politischer Stabilit&auml;t im beschleunigten Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft begriffen und zugleich vision&auml;r auratisiert: &#8222;Nicht nur die Prognose,&#8220; proklamierte Georg Picht 1967, &#8222;auch die Planung, die wir brauchen, ist heute eine Utopie&#8220;.[5]</p>
<p>Deren &#8222;etatistische Ma&szlig;nahmen&#8220; interpretierten die Vordenker der Studentenbewegung als ein &#8211; wiewohl letzten Endes vergebliches &#8211; Unterfangen, in der &#8222;Bundesrepublik am Ende des so genannten Wirtschaftswunders&#8220;[6] den immer h&auml;ufiger ins Stocken geratenden Prozess sp&auml;tkapitalistischer Akkumulation in den jeweils &#8222;bedrohten Produktionszweigen&#8220; zu perpetuieren.[7] Freilich schien diese Krisenstrategie der antiautorit&auml;ren Avantgarde in den Universit&auml;ten auch die gro&szlig;e Chance zu bieten, w&auml;hrend der im Fr&uuml;hjahr 1967 angebrochenen &#8222;kulturrevolution&auml;ren &Uuml;bergangsperiode&#8220; im B&uuml;ndnis mit der &#8222;revolution&auml;re(n) Wissenschaft [&#8230;] als Produktivkraft&#8220;[8] und den &#8222;gelernten Arbeiter(n)&#8220;[9] in der Wirtschaft die &#8222;Befreiung des Menschen von den unbegriffenen und unkontrollierten M&auml;chten der Gesellschaft und der Natur&#8220;[10] entscheidend voran zu bringen: &#8222;Es w&auml;chst [&#8230;] die steigende Unentbehrlichkeit dieser relativ kleinen Schicht der Produktionsintelligenz, das hei&szlig;t die Bedeutung der technischen und &ouml;konomischen Intelligenz f&uuml;r den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess&#8220;, brachte Rudi Dutschke die &#8222;revolution&auml;re Dialektik der richtigen &Uuml;berg&auml;nge&#8220;[11] im Fr&uuml;hjahr 1968 auf den Punkt: &#8222;Eine revolution&auml;re Strategie f&uuml;r die hochentwickelten kapitalistischen L&auml;nder kann von dieser Schicht nicht abstrahieren, m&uuml;ssen sich doch gerade aus ihr jene revolution&auml;ren Spezialisten herausbilden, die die zentrale Leitung der &Ouml;konomie und die Entfaltung der Masseninitiative nicht als sich ausschlie&szlig;enden Gegensatz, sondern als dialektische Einheit des sozialistischen Transformationsprozesses praktisch begreifen.&#8220;[12]</p>
<p>Den charismatischen Studentenf&uuml;hrer trieb die Vision, &#8222;die Totalit&auml;t der die Menschen von langer Arbeitszeit, Manipulation und Elend befreienden Produktivkr&auml;fte endlich von den Fesseln des Kapitals und der B&uuml;rokratie zu befreien&#8220;[13]. Gegenw&auml;rtig werde &#8222;der technische Fortschritt immer mehr zum entscheidenden Akkumulationsmotor&#8220;. Zugleich b&uuml;&szlig;ten &#8222;im &Uuml;bergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus breite b&uuml;rgerliche Schichten den harmonischen Zusammenhang zwischen dem individuellen Leben und einer sinngebenden &uuml;bergreifenden Ordnung&#8220; ein.[14] Daraus ergebe sich die Chance, im B&uuml;ndnis mit revolutionierten Angeh&ouml;rigen der technisch-&ouml;konomischen Intelligenz die geschichtliche Mission der Bourgeoisie unter sozialistischen Auspizien zu vollenden: &#8222;Der b&uuml;rgerliche Charakter (schuf) ungeheuren Reichtum, der die historisch einzigartige Chance begr&uuml;ndete, ein Leben jenseits materieller Notdurft zu f&uuml;hren, ein Leben einzurichten, in der die Losung sein kann: &sbquo;Alle Menschen sollen essen und wenig arbeiten&#8216; (Horkheimer).&#8220;[15]</p>
<p>Das war mitnichten ein Bekenntnis zur real existierenden Konsumgesellschaft. Mit solchen eschatologischen Wendungen stellte sich Dutschke nahtlos in die Tradition einer &#8222;sozialistische(n) Utopie, als deren Eckpfeiler seit gut einhundertf&uuml;nfzig Jahren soziale Demokratie, das hei&szlig;t ein m&ouml;glichst ausgeglichener und auf Gerechtigkeit gegr&uuml;ndeter innergesellschaftlicher Friedenszustand&#8220; galt. Diese Utopie hatte &#8222;seit ihren Urspr&uuml;ngen, die reiche Gesellschaft zu ihrer Grundlage, nicht die Notwendigkeit einer gerechten Verteilung der Armut&#8220;.[16]</p>
<p>In dieser Hinsicht ber&uuml;hrten sich die Visionen der Protagonisten einer modernisierten &#8222;affluent society&#8220; kapitalistischer Provenienz und der neomarxistischen Fortschrittspropheten ebenso wie in dem Glauben an die M&ouml;glichkeit einer planm&auml;&szlig;igen Steuerung sozio&ouml;konomischer Entwicklungsprozesse. Ansonsten standen ihre politischen Aspirationen diametral gegeneinander. W&auml;hrend Dutschke und andere Wortf&uuml;hrer der studentischen Linken die Protestbewegung in eine systematische Transformation der privatkapitalistisch gepr&auml;gten Wirtschafts- und Gesellschaftsverh&auml;ltnisse Westdeutschlands &uuml;berleiten wollten, betrieben sozialdemokratische Planer wie der Sozialphilosoph und zeitweilige Staatssekret&auml;r in D&uuml;sseldorf Hermann L&uuml;bbe die anpassende Modernisierung der marktwirtschaftlichen und liberal-demokratischen Strukturen ausdr&uuml;cklich in antitotalit&auml;rer Absicht.[17]</p>
<p>Unter Verweis auf den fundamentalen Gegensatz von &#8222;liberaler Marktrationalit&auml;t&#8220; und &#8222;totalit&auml;rer Planrationalit&auml;t&#8220; verwarf der Soziologe Ralf Dahrendorf beide Positionen als Ausfluss einer illiberalen &#8222;Gesinnung der Planrationalit&auml;t&#8220;, welche geradewegs in einen b&uuml;rokratischen &#8222;Zirkel der Pl&auml;ne&#8220; f&uuml;hren m&uuml;sse. Dabei leiste der unverr&uuml;ckbare &#8222;Glaube an die M&ouml;glichkeit der Gewissheit&#8220; in unheilvoller Verbindung mit dem generellen &#8222;Misstrauen in die Kraft der dezentralisierten, autonomen Instanzen&#8220; einer Ideologie gesellschaftspolitischer Allzust&auml;ndigkeit Vorschub, deren Planfixiertheit unvereinbar sei mit der &#8222;Verfassung der Freiheit&#8220;.[18]</p>
<p>Eine gewisse N&auml;he dieser radikalliberalen Planungsskepsis zu anti-autorit&auml;ren Planungskritikern ist unverkennbar. Den Zeitgeist der sp&auml;ten 1960er trafen beide nicht. So n&auml;herte sich Dahrendorfs Mitstreiter auf dem Feld der Bildungsreform, Georg Picht, dem prek&auml;ren Verh&auml;ltnis von Planung und Demokratie aus liberalkonservativer Perspektive deutlich aufgeschlossener. Einerseits hielt der Heidelberger Religionsphilosoph ausdr&uuml;ckliche Distanz zu der &#8222;heute modisch gewordene(n) Diskussion &uuml;ber Planung&#8220;, erinnerte auch daran, dass erfahrungsgem&auml;&szlig; &#8222;die gr&ouml;&szlig;ten Planungserfolge der wissenschaftlich-technischen Welt aus irrationalen Impulsen und aus weitgehend irrationalen Prozessen&#8220; hervorzugehen pflegten: &#8222;Krieg und Terror neben dem Gewinnstreben&#8220;. Andererseits bezweifelte Picht keineswegs die existentielle Notwendigkeit steuernder Eingriffe in die Entwicklung der &#8222;technischen Welt&#8220;: &#8222;nicht was geplant werden soll, ist das gr&ouml;&szlig;te Problem, das gr&ouml;&szlig;te Problem ist, wie geplant werden soll&#8220;. Das eigentliche Dilemma der Gegenwart erblickte Picht darin, dass &#8222;zwischen den heutigen M&ouml;glichkeiten der Planung und den unaufschiebbaren Aufgaben der Planung ein riesiger Abstand&#8220; klaffe. In dessen Angesicht formulierte Picht den emphatischen Appell, &#8222;heute noch&#8220; damit zu beginnen, aus dem Dreischritt: &#8222;wissenschaftliche Prognose&#8220; &#8211; &#8222;wissenschaftliche Utopie&#8220; &#8211; &#8222;wissenschaftliche Planung&#8220; heraus konkrete &#8222;Direktiven des Handelns&#8220; zu entwerfen.[19] Allerdings m&uuml;sse dieses Handlungsgebot &#8222;streng pragmatisch interpretiert&#8220; werden, um nicht einem &#8222;Herrschaftsmonopol von partikul&auml;ren Interessengruppen&#8220; oder gar einem &#8222;Monopol der Wissenschaftler und der technischen Spezialisten&#8220; Vorschub zu leisten. Inspiriert durch die &#8222;Utopie der Erhaltung von Vernunft und Freiheit&#8220; habe &#8222;rationale&#8220; Planung im &#8222;Kontext sozialer Praxis&#8220; jederzeit die gesellschaftlichen &#8222;Voraussetzungen f&uuml;r ihre Realisierung&#8220; mitzudenken.</p>
<p>W&auml;hrend Dahrendorf seinen Freiheitsbegriff in klassisch liberaler Manier vom Individuum her definierte und der wirtschaftsliberale Bundeskanzler Ludwig Erhard den Planungsbef&uuml;rwortern sein kryptisches Integrationskonzept einer &#8222;Formierten Gesellschaft&#8220; entgegenhielt, stellte sich Picht konsequent auf den Boden der gruppenpluralistischen Wirklichkeit. Aus dieser Perspektive stand das unabweisbare Erfordernis &#8222;rasche(r) und effektive(r) Planung&#8220; keineswegs im grunds&auml;tzlichen Widerspruch zu jenen Forderungen nach Teilhabe und Ver&auml;nderung, die sich seit dem Abtritt Adenauers immer h&ouml;rbarer artikulierten. F&uuml;r Picht geh&ouml;rte &#8222;die Integration der Gruppeninteressen (deshalb) notwendig zum Prozess der Planung selbst&#8220;.[20] Sein Planungsbegriff nahm die Partizipationsbed&uuml;rfnisse im demokratisch-pluralistischen Parteien- und Verb&auml;ndestaat nicht blo&szlig; als (retardierende) Randbedingung widerwillig zur Kenntnis, er ma&szlig; ihnen den Stellenwert funktionaler Unverzichtbarkeit zu.</p>
<p>Der sozialdemokratische Planer Klaus von Dohnanyi hatte diese Erkenntnis bereits 1964 in einen Appell gekleidet: &#8222;Vorausschauende politische Arbeit ist in einer parlamentarischen Demokratie davon abh&auml;ngig, dass W&auml;hler und Interessengruppen f&uuml;r die Notwendigkeit langfristiger &Uuml;berlegungen und Investitionen Verst&auml;ndnis haben. [&#8230;] Aus diesem Grunde darf das Gespr&auml;ch &uuml;ber Notwendigkeit und Grenzen planender politischer Arbeit nicht auf die Planungsexperten der Parteien, Parlamente und der B&uuml;rokratie beschr&auml;nkt bleiben. [&#8230;] Nur wenn die Notwendigkeit der Planung politisch verst&auml;ndlich und &uuml;berzeugend begr&uuml;ndet werden kann, werden wir ausreichende Kr&auml;fte f&uuml;r langfristige Ziele einsetzen k&ouml;nnen. Der W&auml;hler bleibt der unerl&auml;ssliche Verb&uuml;ndete.&#8220;[21]</p>
<h2 class="auto-created">II. Diskursive Entta&shy;bui&shy;sie&shy;rungen der Planung in den 1960er Jahren </h2>
<p>Diese Debatten brachen ziemlich unvermittelt &uuml;ber die bundesdeutsche Szenerie herein. Um 1960 waren gesamtwirtschaftliche und gesellschaftspolitische Planungen in der Bundesrepublik Deutschland ein Tabuthema. Noch Mitte des Jahrzehnts erblickte der Marburger Politikwissenschaftler Kurt Lenk im &#8222;Weiterwirken der traditionellen Planungsphobie einen cultural lag&#8220; &#8211; mit Blick sowohl auf die &#8222;sozialstrukturelle Basis&#8220; in der Bundesrepublik als auch auf den internationalen Diskussionsstand.[22] Ganz in diesem Sinne hatte Robert Jungk kurz zuvor das offenkundige Modernit&auml;tsdefizit des heimischen Planungsdiskurses gegen&uuml;ber anderen westlichen Industriel&auml;ndern beklagt: &#8222;Im deutschen Sprachgebiet &#8211; und das kennzeichnet seinen historischen R&uuml;ckstand &#8211; ist diese Etappe der Auseinandersetzung mit der Planung noch keineswegs erreicht. Erst jetzt beginnt sich auch bei uns die Erkenntnis durchzusetzen, dass der prinzipielle Streit um die Planung, wie er zwischen Marxisten und Liberalen ausgefochten wurde &#8211; und unter zum Teil neuen Etiketten noch immer ausgefochten wird -, in Wahrheit von zweitrangiger Bedeutung ist. Denn auch die offiziell noch liberalen Systeme planen l&auml;ngst, weil sie den Schritt von irrationaler Schicksalsgl&auml;ubigkeit zu rationaler F&uuml;hrung ihrer Gesch&auml;fte tun mussten, um in der Industriegesellschaft existieren zu k&ouml;nnen. Umso dringender sollte auch bei uns die Frage nach der Planungspraxis erhoben werden, die nun nicht l&auml;nger dem Zufall einer mehr oder weniger begabten Improvisation &uuml;berlassen werden darf.&#8220;[23]</p>
<p>Zu dieser Zeit bahnte sich in Westdeutschland eine durchgreifende Enttabuisierung jener Ordnungskategorie an, welche nirgendwo anders konsequenter dem repressiven Instrumentarium totalit&auml;rer Einparteiendiktaturen zugerechnet worden war. Zwar nicht hinreichende, aber doch notwendige Bedingung dieses Prozesses zun&auml;chst diskursiver, dann zunehmend auch praktischer Durchsetzung des Planungsgedankens war die rasche Deeskalation des Kalten Krieges nach der Doppelkrise von 1961/62.</p>
<p>&Uuml;berdies baute die neue US-Administration seit 1961 mancherlei Planungselemente in ihre Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik ein, w&auml;hrend in der Sowjetunion und in den anderen Zentralverwaltungswirtschaften die starren Planvorgaben gelockert zu werden schienen.[24] Als sozialtechnische Handlungskategorie ihrer denunziatorischen Konnotationen entkleidet, avancierte die &#8222;Planung&#8220; auch im westlichen Frontstaat des Kalten Krieges zum Gegenstand systeminterner Diskurse &uuml;ber Chancen und Risiken ihres praktischen Einsatzes. An die Stelle der milit&auml;rischen Blockkonfrontation setzten optimistische Vordenker von &#8222;Modelle(n) f&uuml;r eine neue Welt&#8220; nun die Vision eines friedlichen &#8222;Wettkampf(s) der Planungen in Ost und West&#8220;.[25]</p>
<p>Die sozialdemokratische Opposition wagte zun&auml;chst nicht, dem Publikum eine planungsstaatliche Reformpolitik als Alternative anzubieten. Stattdessen gab sich die SPD im Zeichen des 1961 eingeschlagenen &#8222;Gemeinsamkeitskurses&#8220; bevorzugt als &#8222;westlich&#8220; orientierte, pluralistisch aufgelockerte &#8222;Volkspartei der linken Mitte&#8220;. Vor dem Hintergrund von Vollbesch&auml;ftigung und kr&auml;ftig steigenden Arbeitnehmereinkommen schrieb die Partei 1963 &#8211; im Einklang mit den Gewerkschaften &#8211; eine marktwirtschaftliche &#8222;Wohlstandspolitik, die sich gerechten Wohlstand zum Ziel setzt&#8220; auf ihre Fahnen.[26] Solche semantischen Anleihen bei Ludwig Erhard verboten einstweilen jeden R&uuml;ckgriff auf die eigene Planungsrhetorik fr&uuml;herer Jahre.[27] Trotzdem bahnte sich eine &#8222;Entideologisierung des Planungsbegriffs&#8220; an.[28] Gleichzeitig drohte er zur Projektionsfl&auml;che widerstreitender Bekenntnisse zu den Chancen und Risiken der Moderne zu werden. An Intensit&auml;t gewannen diese Auseinandersetzungen, als diejenigen, welche den &#8222;systematische(n) Entwurf einer rationalen Ordnung auf der Grundlage alles verf&uuml;gbaren Wissens&#8220; als das zeitgem&auml;&szlig;e &#8222;Instrument zum Bau einer besseren und gerechteren Ordnung&#8220; schlechthin propagierten, die diskursive Offensive ergriffen.[29]</p>
<p>Dagegen wandten sich zun&auml;chst konservative Gesellschaftstheoretiker wie Helmut Schelsky. Schon mit dem Titel seines Traktats &uuml;ber &#8222;Planung der Zukunft. Die rationale Utopie und die Ideologie der Rationalit&auml;t&#8220;[30] setzte der weit &uuml;ber sein Fach hinauswirkende Soziologe 1966 einen Kontrapunkt zu Joseph Kaisers Loblied auf die &#8222;Systematik als die planvoll geordnete Totalit&auml;t unseres jeweiligen Wissens, Rationalit&auml;t und vor allem Wissenschaft&#8220;.[31] Seit Jahren hatte Schelsky vor technokratischen Eingrenzungen individueller wie politischer Entscheidungsfreiheit gewarnt. Umso vehementer wandte er sich nun dagegen, diese ohnehin &uuml;berm&auml;chtige Tendenz auch noch ideologisch zu &uuml;berh&ouml;hen. Ihre Bekenntnisse zur umfassend-planm&auml;&szlig;igen Gestaltung der Zukunft offenbarten einen bedenklichen Mangel an kritischer Reflexion drohender Fehlentwicklungen, hielt Schelsky den Planungsbef&uuml;rwortern entgegen. Und ihr umfassender Gestaltungsanspruch setze eine spezifische Utopie absolut: den funktionalistischen Konstruktivismus. Damit einher gehe ein Verlust anderer Utopien, aus deren Konkurrenz der gesellschaftliche und kulturelle Fortschritt bislang seine Dynamik gewonnen habe.[32]</p>
<p>Doch die mittlerweile geschrumpfte Schar totalitarismustheoretisch inspirierter Modernisierungsskeptiker kam schon Mitte der 1960er Jahre nicht mehr aus der Defensive des westdeutschen Planungsdiskurses heraus. Die Mehrheit der moderaten Bef&uuml;rworter &ouml;ffentlicher Interventionen auf wirtschaftlichem Gebiet wie im Bildungsbereich oder auf dem weiten Feld der &#8222;Daseinsvorsorge&#8220; (Ernst Forsthoff) sahen in staatlichen Planungsaktivit&auml;ten je l&auml;nger desto weniger eine Gefahr f&uuml;r die freiheitliche Verfassungs- und Gesellschaftsordnung, sondern im Gegenteil unverzichtbare Garanten der Prosperit&auml;t. In der Tat berge eschatologisch inspirierte Gesamtplanung den Keim totalit&auml;rer Herrschaft, r&auml;umte Hermann L&uuml;bbe warnend ein. Doch von einer &#8222;utopiefrei sich haltende(n) Planung&#8220; drohten solche Anfechtungen keineswegs. Denn jene &#8222;Zukunftserfahrung, die der pragmatischen Planung&#8220; zugrunde liege, speise sich aus &#8222;der Erfahrung eines beschleunigt ablaufenden technischen, &ouml;konomischen, wissenschaftlichen, sozialen Fortschritts&#8220;. Der aber sei &#8222;subjektlos&#8220; und &#8222;nur im planungstechnischen Ausgang vom technologisch durchrationalisierten Detail ausgreifend beherrscht&#8220;. Von dieser &#8222;evolutionistischen&#8220; Disposition f&uuml;hre kein Weg zu einer &#8222;geschichtsphilosophisch inspirierte(n) Totalplanung&#8220;, deren holistischer Gestaltungsanspruch &#8222;sich unter den Wirkungen der Sachzw&auml;nge, denen die pragmatische Planung gehorcht&#8220;, alsbald zersetzen m&uuml;sse.[33]</p>
<h2 class="auto-created">III. Der westdeut&shy;sche Planungs&shy;boom seit Ende der 1960er Jahre </h2>
<p>Die abrupte Vehemenz dieser Planungsdebatten in liberalkonservativen und sozialliberalen Kreisen l&auml;sst vermuten, dass gegen Mitte der 1960er Jahre ein lange aufgestauter Bedarf an diskursiver &Uuml;berbr&uuml;ckung jener Kluft zwischen wettbewerbswirtschaftlicher Theorie und gemischtwirtschaftlicher Praxis freigesetzt wurde, welche sich seit 1950 immer weiter ge&ouml;ffnet hatte. Denn praktisch lag Westdeutschland zwar im internationalen Vergleich weit zur&uuml;ck &#8211; planerisches Niemandsland freilich stellte die Bundesrepublik l&auml;ngst nicht mehr dar. Diese fr&uuml;hen Aktivit&auml;ten konzentrierten sich auf den Komplex Forschung, Wissenschaft und Bildung. Anfang der 1960er Jahre drohte ein wachsender Mangel an geeignetem &#8222;Humankapital&#8220; den Modernisierungsprozess nachhaltig zu verz&ouml;gern und die internationale Konkurrenzf&auml;higkeit wie die Wachstumschancen der westdeutschen Volkswirtschaft zu verringern.[34] Anstelle des Wiederaufbaukonsenses der 1950er Jahre einte nunmehr die Wohlstands- und Wachstumsorientierung weite Teile der Arbeitnehmerschaft, die drei ma&szlig;geblichen Parteien und die j&uuml;ngeren Kohorten der Funktionseliten.</p>
<p>Im Windschatten der Konflikte &uuml;ber die Reform des Bildungswesens und der Hochschulen wurden seit den fr&uuml;hen 1960er Jahren planerische Fakten vor allem auf einem Feld der Wissenschafts- und Forschungspolitik geschaffen, das erst ein Jahrzehnt sp&auml;ter im Zentrum erbitterter Konflikte dar&uuml;ber stand, auf welche Weise und um welchen Preis die westdeutsche Prosperit&auml;t langfristig gew&auml;hrleistet werden sollte. Schon im Laufe der 1950er Jahre hatte sich dazu ein internationaler Elitenkonsens herausgebildet, in dessen Zentrum die Gew&auml;hrleistung einer ubiquit&auml;ren Versorgung mit elektrischer Energie stand. Binnen weniger Jahre sollten gro&szlig; angelegte Programme zur zivilen Nutzung der Kernkraft die westlichen Industriegesellschaften in diesem Sinne zukunftsf&auml;hig machen. Im Rahmen von EURATOM, aber auch auf nationaler Ebene investierte auch die Bundesrepublik schon fr&uuml;hzeitig in diese atomgest&uuml;tzte Vision immerw&auml;hrenden Wachstums.[35] Nennenswerter Widerstand gegen den Einstieg in die kerntechnische Entwicklungsplanung regte sich auch in der Studentenbewegung nicht. Zu verlockend erschien der kapitalismuskritischen Linken das Zukunftsszenario einer schier unbegrenzten Entfaltung der Produktivkr&auml;fte.[36] Erst als in den fr&uuml;hen 1970er Jahren deutlich wurde, dass die gro&szlig;technologische Planungslogik jegliche Korrektur des atomaren Wachstums- und Modernisierungsparadigmas aus der Gesellschaft heraus rundweg zu negieren drohte, schlug die Stimmung in Teilen der &Ouml;ffentlichkeit um.[37]</p>
<p>Ohne die diskursive Anbahnung des Planungsgedankens und seine sektorale Durchsetzung von Anfang bis Mitte der 1960er Jahre h&auml;tte sich der westdeutsche Planungsboom anschlie&szlig;end nicht entfalten k&ouml;nnen. Der eigentliche Durchbruch erfolgte jedoch auf dem strategischen Feld der Wirtschaftspolitik. Bald schon sollte die neu entdeckte Planung als unentbehrliches Instrument der technokratischen Verstetigung einer Nachkriegsprosperit&auml;t gelten,[38] die weithin als unverzichtbare, doch nicht mehr selbstverst&auml;ndliche Voraussetzung sozialer wie politischer Stabilit&auml;t im beschleunigten Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft angesehen wurde: &#8222;Der Nomos des Wachstums ist die Planung.&#8220;[39] Die &Uuml;berwindung der Rezession von 1966/67 wurde von den meisten Zeitgenossen der Globalsteuerung des sozialdemokratischen Wirtschaftsministers Karl Schiller zugeschrieben.[40] Und so umgab dieses Unwort der Nachkriegszeit fortan ein &#8222;Flair des Fortschrittlichen&#8220;.[41]</p>
<p>Doch der qualitative Sprung von Erhards &#8222;&Uuml;berredungsdirigismus&#8220; zu Schillers &#8222;Globalsteuerung&#8220; war gar nicht so gro&szlig;. Umso dr&auml;ngender stellte sich gegen Ende der 1960er Jahre das doppelte Problem, die Verpflichtungsf&auml;higkeit &ouml;ffentlicher Planung zu erh&ouml;hen und den grassierenden Planungseifer zu kanalisieren. Was blieb, war in erster Linie der ambitionierte Versuch, durch eine mehrj&auml;hrige Ressourcenplanung zumindest mittelbaren Einfluss auf die Aktivit&auml;ten der einzelnen Ressorts und der verschiedenen Gebietsk&ouml;rperschaften zu erlangen. Deren offenkundige Defizite der &uuml;bergreifenden Budgetsteuerung machten sich besonders schmerzlich bemerkbar, weil an den sozial(demokratisch)en Interventions- und Zukunftssicherungsstaat laufend h&ouml;here Anspr&uuml;che gestellt wurden. Doch schon im Laufe des Jahres 1970 scheiterte das organisatorische Kernst&uuml;ck des sozialliberalen Reformprojekts, die ressort- und l&auml;nder&uuml;bergreifende Aufgabenplanung mit einem reorganisierten Kanzleramt als faktischer Bundesplanungszentrale, an unrealistischen Annahmen &uuml;ber die technisch-administrativen Voraussetzungen und Kapazit&auml;ten, an mangelnder Einsicht in die Beharrungskraft der hergebrachten Verwaltungsstrukturen und -routinen wie an der Geringsch&auml;tzung sowohl regierungskollegialer als auch f&ouml;deraler Reservate.[42]</p>
<h2 class="auto-created">IV. &bdquo;1968&ldquo; als Impulsgeber sozial&shy;tech&shy;no&shy;kra&shy;ti&shy;scher Reform&shy;pla&shy;nun&shy;gen? </h2>
<p>K&ouml;nnte zumindest die Vehemenz der sozialliberalen Planungsanstrengungen auch eine Antwort auf die Protestbewegung von 1967/68 gewesen sein? Wom&ouml;glich haben sich die technokratischen &#8222;Diskurskoalitionen&#8220; in Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft durch das gesellschaftlich-politische &#8222;Unruhe&#8220; &#8211; Szenario zu Zeiten der Gro&szlig;en Koalition in ihrem Streben nach pr&auml;ventiver Prosperit&auml;tssicherung zus&auml;tzlich angetrieben gef&uuml;hlt.[43] Das Beispiel des Fr&uuml;hkoordinationssystems der Bundesregierung deutet in eine ganz andere Richtung. Stand es doch, wie nahezu s&auml;mtliche anderen Planungsvorhaben der Jahre 1969/70, ersichtlich in der Kontinuit&auml;t dessen, was seit 1963/66 an Vorarbeiten geleistet worden war &#8211; sowohl inhaltlich, als auch personell. Nicht nur die sozialistische Linke, auch manche ihr nahe stehende Sozialwissenschaftler erblickten gerade darin ein Hauptproblem des sozialliberalen Planungsbooms. Denn einerseits kamen sie nicht umhin, den j&uuml;ngeren Kohorten der Verwaltungsleute sowohl eine nachhaltig demokratisch-pluralistische Sozialisation als auch gro&szlig;e Aufgeschlossenheit gegen&uuml;ber systemoptimierenden Staatsinterventionen zu bescheinigen. Andererseits w&auml;ren solche Strategien durch die Handlungsdispositionen gerade auch dieses Personals von vornherein auf &#8222;affirmative&#8220; Eingriffe begrenzt. Aus &#8222;linker&#8220; Perspektive musste sich daraus eine neue Konfliktlinie zwischen modernisierungswilligen Administratoren auf der einen und den Protagonisten planm&auml;&szlig;iger Ver&auml;nderungen der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf der anderen Seite entwickeln. Die werde entweder in eine neue Welle grunds&auml;tzlicher Systemkritik m&uuml;nden oder in &#8222;resignativer Anpassung&#8220; versinken.[44] Beide Voraussagen traten so nicht ein. Es folgte eine Dekade heftiger Auseinandersetzungen &uuml;ber den planerischen Nachlauf der 1960er Jahre. Doch die Zeit holistischer Entw&uuml;rfe war vorbei &#8211; auch auf Seiten der Kritiker.</p>
<p>Im &Uuml;brigen wurde der konflikttr&auml;chtige Widerspruch von ausgreifender Planungsszenarien und b&uuml;rgerlichen Partizipationsanspr&uuml;chen seit den fr&uuml;hen 1970er Jahren immer h&auml;ufiger nicht mehr innerhalb konventioneller Institutionen demokratischer Repr&auml;sentation ausgetragen. Stattdessen erhob eine rasch wachsende Zahl informeller &#8222;B&uuml;rgerinitiativen&#8220; jeweils vor Ort vehementen Einspruch gegen Flurbereinigungen im Bereich der kommunalen Selbstverwaltung oder gro&szlig; dimensionierte Bauvorhaben, fl&auml;chenhafte Stadtsanierungen und andere Manifestationen hochfliegender Fortschrittsund Wachstumsphantasien. Diese dezentrale Protestbewegung zwang das Augenmerk der Planer in Verwaltung und Wissenschaft auf einen Aspekt zivilgesellschaftlicher Demokratisierung, den sie aus ihrer institutionell respektive spezialistisch verengten oder auf gesamtgesellschaftliche Makrostrukturen gerichteten Perspektive bisher noch kaum wahrgenommen hatten: die Widerst&auml;ndigkeiten unmittelbar Betroffener und ihrer aktivistischen Anw&auml;lte aus dem versprengten Potential der studentischen Protestbewegung. Je l&auml;nger desto deutlicher zeigte sich, dass in dem Konfliktdreieck &#8222;Planung &#8211; Prosperit&auml;t &#8211; Partizipation&#8220; einander entfremdete Tr&auml;ger kultureller Codes aufeinander trafen, deren konkrete Utopien ebenso im fundamentalen Widerspruch zueinander standen wie ihre Rationalit&auml;tsbegriffe. W&auml;hrend die einen den Planungs- und Implementationsprozess durch die Hereinnahme partizipativer Elemente vor &auml;u&szlig;eren Hemmungen bewahren wollten, stellten die anderen das Wachstumsparadigma der 1960er Jahre mit dem dazugeh&ouml;rigen Steuerungsinstrumentarium grunds&auml;tzlich in Frage.</p>
<p>Weder mit den sozialistischen Gesellschaftsutopien der studentischen Protestbewegung von 1967/68 noch mit der sozialtechnokratischen Planungseuphorie des vorausgegangenen Jahrzehnts hatten diese Initialkonflikte der Neuen Sozialen Bewegungen noch viel zu tun.</p>
<p>[1] Dieser Versuch kn&uuml;pft an &Uuml;berlegungen an, die ich in diesen Beitr&auml;gen ausf&uuml;hrlicher formuliert und belegt habe: Ein kurzer Sommer der konkreten Utopie. Zur westdeutschen Planungsgeschichte der langen 60er Jahre; in: Axel Schildt u.a. (Hg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Staaten, 2. Aufl., Hamburg 2003 (zuerst 2000), S. 362-401; Westdeutsche Planungsdiskurse und Planungspraxis der 1960er Jahre im internationalen Kontext, in: Heinz-Gerhard Haupt/J&ouml;rg Requate (Hg.), Aufbruch in die Zukunft. Die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie und kulturellem Wandel. DDR, CSSR und Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich, Weilerswist 2004, S. 289-325; Die Republik der Runden Tische: Konzertierte Aktionen, B&uuml;ndnisse und Konsensrunden, in: Andr&eacute; Kaiser/Thomas Zittel (Hg.), Demokratietheorie und Demokratieentwicklung. Festschrift f&uuml;r Peter Graf Kielmansegg, Wiesbaden 2004, S. 333-356.</p>
<p>[2] Alan Posener (Kommentarchef der Welt am Sonntag), Die 68er in der Schule, weblog (25.10.05), <a href="http://debatte.welt.de/forward/emailref/8525?go=weblogs/148/apocalypso/8525/die+68er+in+der+schule" target="_blank" rel="noopener">URL:http://debatte.welt.de/forward/emailref/8525?go=weblogs/148/apocalypso/8525/die+68er+in+der+schule</a> (21.03.2008).</p>
<p>[3] Bernd Rabehl, Von der antiautorit&auml;ren Bewegung zur sozialistischen Opposition, in: Uwe Bergmann u.a., Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition, Reinbek 1968 (u.&ouml;.), S. 151-178.</p>
<p>[4] Hans G. Hockerts, Rahmenbedingungen: Das Profil der Reform&auml;ra, in: ders. (Bandhg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland, Bd. 5: Bundesrepublik Deutschland 1966-1974. Eine Zeit vielf&auml;ltigen Aufbruchs, Baden-Baden 2006, S. 1-155, hier S. 151.</p>
<p>[5] Georg Picht, Prognose -Utopie -Planung. Die Situation des Menschen in der Zukunft der technischen Welt, 2. Aufl., Stuttgart 1968 (zuerst 1967), S. 59 f.</p>
<p>[6] Rudi Dutschke, Die geschichtlichen Bedingungen f&uuml;r den internationalen Emanzipationskampf, in: Bergmann u.a., Rebellion der Studenten, S. 85-93, hier S. 87.</p>
<p>[7] Rudi Dutschke, Die Widerspr&uuml;che des Sp&auml;tkapitalismus, die antiautorit&auml;ren Studenten und ihr Verh&auml;ltnis zur Dritten Welt, in: Bergmann u.a., Rebellion der Studenten, S. 33-57, hier S. 51 f.</p>
<p>[8] Dutschke, Die geschichtlichen Bedingungen f&uuml;r den internationalen Emanzipationskampf, S. 88, 91.</p>
<p>[9] Dutschke, Die Widerspr&uuml;che des Sp&auml;tkapitalismus, S. 53.</p>
<p>[10] Dutschke, Die geschichtlichen Bedingungen f&uuml;r den internationalen Emanzipationskampf, S. 91.</p>
<p>[11] Ebd., S. 89.</p>
<p>[12] Dutschke, Die Widerspr&uuml;che des Sp&auml;tkapitalismus, S. 53.</p>
<p>[13] Dutschke, Die geschichtlichen Bedingungen f&uuml;r den internationalen Emanzipationskampf, S. 91.</p>
<p>[14] Dutschke, Die Widerspr&uuml;che des Sp&auml;tkapitalismus, S. 51, 55.</p>
<p>[15] Rudi Dutschke, Vom Antisemitismus zum Antikommunismus, in: Bergmann u.a., Rebellion der Studenten, S. 58-85, hier S. 75.</p>
<p>[16] Oskar Negt, Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht, G&ouml;ttingen 1995, S. 132.</p>
<p>[17] Vgl. dazu Hans-Ulrich Thamer, Sozialismus als Gegenmodell. Theoretische Radikalisierung und Ritualisierung einer Protestbewegung, in: Mathias Frese u.a. (Hgg.), Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit in der Bundesrepublik, 2. Aufl., Paderborn u.a. 2005 (zuerst 2003), S. 741-758, hier S. 741, 756 f.</p>
<p>[18] Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, M&uuml;nchen 1965 (u.&ouml;.), S. 359, 459f.; vgl. ebd., S. 68f., 128, 458, 459f., 463, 479.</p>
<p>[19] Picht, Prognose -Utopie -Planung, S. 48f., 55-58, 61.</p>
<p>[20] Ebd., S. 15.</p>
<p>[21} Klaus von Dohnanyi, Grundlagen des W&auml;hlerverst&auml;ndnisses f&uuml;r Planungsaufgaben, in: Robert Jungk/Hans J. Mundt (Hgg.), Der Griff nach der Zukunft. Planen und Freiheit. Neunzehn Beitr&auml;ge internationaler Wissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten. (Modelle f&uuml;r eine neue Welt, Bd. 1), M&uuml;nchen u.a. 1964, S. 497-504, hier S. 497.</p>
<p>[22] Kurt Lenk, Aspekte der gegenw&auml;rtigen Planungsdiskussion in der Bundesrepublik, in: Politische Vierteljahresschrift 7 (1966), S. 364-376, hier S. 374 f.</p>
<p>[23] Robert Jungk, Gesucht: ein neuer Mensch. Skizze zu einem Modell des Planers, in: Robert Jungk/Hans J. Mundt (Hgg.), Der Griff nach der Zukunft. Planen und Freiheit. Neunzehn Beitr&auml;ge internationaler Wissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten. (Modelle f&uuml;r eine neue Welt, Bd. 1), M&uuml;nchen u.a. 1964, S. 505-516, hier S. 505.</p>
<p>[24] Vgl. f&uuml;r vieles Hermann L&uuml;bbe, Herrschaft und Planung. Die ver&auml;nderte Rolle der Zukunft in der Gegenwart, in: Heinrich Rombach (Hg.), Die Frage nach dem Menschen. Aufriss einer philosophischen Anthropologie. Festschrift f&uuml;r Max M&uuml;ller zum 60. Geburtstag, Freiburg/M&uuml;nchen 1966, S. 188-211, hier S. 205f.</p>
<p>[25] Robert Jungk/Hans J. Mundt (Hgg.), Wege ins neue Jahrtausend. Wettkampf der Planungen in Ost und West. Achtzehn Beitr&auml;ge internationaler Wissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten. (Modelle f&uuml;r eine neue Welt, Bd. 2), M&uuml;nchen u.a. 1964.</p>
<p>[26] SPD-Bundeskongress, Dezember 1963; zit. nach: Hans-J&ouml;rg von Berlepsch, &#8222;Sozialistische Sozialpolitik&#8220;? Zur sozialpolitischen Konzeption und Strategie der SPD in den Jahren 1949 bis 1966, in: Klaus Tenfelde (Hg.), Arbeiter im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1991, S. 461-482, hier S. 470.</p>
<p>[27] Vgl. Walter Dirks kritischen Appell an die &#8222;Sozialisten&#8220;, das traditionelle &#8222;Element der Utopie&#8220; nicht vollends preiszugeben und &#8222;keine Angst vor dem Wort &sbquo;Plan'&#8220; zu hegen; ders., Die Zukunft als Tabu, in: Robert Jungk/Hans J. Mundt (Hgg.), Deutschland ohne Konzeption? Am Beginn einer neuen Epoche. Zwanzig Beitr&auml;ge internationaler Wissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten. (Modelle f&uuml;r eine neue Welt, Bd. 3), M&uuml;nchen u.a. 1964, S. 35-54, hier S. 52 f.</p>
<p>[28]&nbsp;Helmut Klages, Planungspolitik. Probleme und Perspektiven der umfassenden Zukunftsgestaltung, Stuttgart u.a. 1971, S. 7; vgl. Lenk, Aspekte der gegenw&auml;rtigen Planungsdiskussion, S. 364, 376.</p>
<p>[29] Joseph H. Kaiser, Vorwort, in: ders. (Hg.), Recht und Politik der Planung in Wirtschaft und Gesellschaft. (Planung, Bd. 1), Baden-Baden 1965, S. 7-9, hier S. 7 f.</p>
<p>[30] Helmut Schelsky, Planung der Zukunft. Die rationale Utopie und die Ideologie der Rationalit&auml;t, in: Soziale Welt 17 (1966), S. 155-172.</p>
<p>[31] Kaiser, Recht und Politik, Vorwort, S. 7.</p>
<p>[32] Schelsky, Planung der Zukunft.</p>
<p>[33] L&uuml;bbe, Herrschaft und Planung, S. 207, 210f.</p>
<p>[34] Vgl. dazu Ludger Lindlar, Das missverstandene Wirtschaftswunder. Westdeutschland und die westeurop&auml;ische Nachkriegsprosperit&auml;t, T&uuml;bingen 1997, S. 310f.</p>
<p>[35] Vgl. f&uuml;r Vieles Klaus Barthelt/Klaus Montanus, Begeisterter Aufbruch. Die Entwicklung der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland bis Mitte der siebziger Jahre, in: Jens Hohensee/Michael Salewski (Hgg.), Energie -Politik -Geschichte. Nationale und internationale Energiepolitik seit 1945, Stuttgart 1993, S. 89-100.</p>
<p>[36] Vgl. etwa Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975. Verdr&auml;ngte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse, Hamburg 1983, S. 102.</p>
<p>[37] Vgl. dazu jetzt auch Albrecht Weisker, Systemwettstreit oder Konvergenz durch Sachzw&auml;nge? Die Ausbaupl&auml;ne der Kernenergie in der Bundesrepublik und der DDR in den 1960er Jahren, in: Haupt/Requate, Aufbruch in die Zukunft, S. 185-206, hier S. 205 f.</p>
<p>[38] Vgl. dazu eingehend Gabriele Metzler, &#8222;Geborgenheit im gesicherten Fortschritt&#8220;. Das Jahrzehnt von Planbarkeit und Machbarkeit, in: Frese u.a., Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch, S. 777-797; dies., Konzeptionen politischen Handelns von Adenauer bis Brandt. Politische Planung in der pluralistischen Gesellschaft, Paderborn u.a. 2005.</p>
<p>[39] Joseph H. Kaiser, Europ&auml;isches Gro&szlig;raumdenken. Die Steigerung geschichtlicher Gr&ouml;&szlig;en als Rechtsproblem, in: Hans Barion u.a. (Hg.), Epirrhosis. Festgabe f&uuml;r Carl Schmitt, Bd. 2, Berlin 1968, S. 529-548, hier S. 548.</p>
<p>[40] Vgl. dazu jetzt auch Torben L&uuml;tjen, Karl Schiller (1911-1994). &#8222;Superminister&#8220; Willy Brandts, Bonn 2007.</p>
<p>[41] Thomas Ellwein, Politik und Planung, Stuttgart u.a. 1968, S. 7.</p>
<p>[42] Vgl. dazu nun Winfried S&uuml;&szlig;, &#8222;Rationale Politik&#8220; durch sozialwissenschaftliche Beratung? Die Projektgruppe Regierungs- und Verwaltungsreform 1966-1975, in: Stefan Fisch/Wilfried Rudloff (Hg.), Experten und Politik: Wissenschaftliche Politikberatung in geschichtlicher Perspektive, Berlin 2004, S. 329-348.</p>
<p>[43] Vgl. etwa Wagner, Sozialwissenschaften und Staat, S. 418; vgl. schon Th. Ellwein Politik und Planung, S. 7; Hermann L&uuml;bbe, Der Mythos der &#8222;kritischen Generation&#8220;. Ein R&uuml;ckblick, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20/88, S. 17-25, hier S. 23.</p>
<p>[44] Peter Grottian, Strukturprobleme staatlicher Planung. Eine empirische Studie zum Planungsbewusstsein der Bonner Ministerialb&uuml;rokratie und zur staatlichen Planung der Unternehmenskonzentration und des Wettbewerbs (GWB), Hamburg 1974, S. 164f., 256.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/planung-als-utopie/">Planung als Utopie</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<item>
		<title>Der Feind in mir</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/der-feind-in-mir/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Wiederkehr von Auschwitz &#8211; der Mythos der RAF, aus: vorgänge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 23-29 Seinen ersten großen Auftritt hatte Andreas Baader 1958. Es ging um die Liquidation eines Volksfeindes. Der blutjunge Mann fühlte sich dem politischen Auftrag verpflichtet, spürte aber Skrupel und einen seltsamen Widerwillen: Das Zielobjekt erinnerte ihn irgendwie an seinen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Wiederkehr von Auschwitz &#8211; der Mythos der RAF,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 23-29</p>
<p>Seinen ersten großen Auftritt hatte Andreas Baader 1958. Es ging um die Liquidation eines Volksfeindes. Der blutjunge Mann fühlte sich dem politischen Auftrag verpflichtet, spürte aber Skrupel und einen seltsamen Widerwillen: Das Zielobjekt erinnerte ihn irgendwie an seinen Vater. Seine Lage verbesserte sich nicht, als es per Zufall zu einem flüchtigen Kontakt zwischen ihnen kam. Andreas, damals führte er den Namen Maciek, gab ihm im Hotel, das beide bewohnten, Feuer. Maciek gehörte zur nationalistischen Fraktion des polnischen Widerstands, die verhindern wollte, dass die Kommunisten die moralische Autorität der Widerstandsbewegung gegen die Deutschen monopolisierten und für die Eroberung der Macht im neuen Staat missbrauchten.</p>
<p>Als Asche und Diamant 1958 in die westlichen Kinos kam, war das Echo groß. Mit Andrzej Wajdas Film verwandelte sich Jerzy Andrzejewskis Roman über das Chaos der polnischen Nachkriegssituation in ein existenzialistisches Szenario. Das kam an, denn damals war alles irgendwie existenzialistisch. Für die nun adoleszente Generation der Kriegsgeborenen sprangen die Identifikationsfiguren mitunter direkt von der Leinwand in ihr Leben. Das sich in Deutschland vor der bizarren Kulisse von Neubauten in Trümmerlandschaften abspielte. Was war eigentlich Phantasie, was Realität?</p>
<p>Kaum ein Jahr später jedenfalls findet sich Andreas als kleiner Gauner und Anarch in Paris wieder. Diesmal heißt er Michel, tritt ebenso in Schwarzweiß auf wie Maciek, aber ohne jeden politischen Auftrag. Er möchte einfach nur durchkommen, ohne allzu viel Arbeit, mit möglichst viel Spaß. Er ist weiß Gott kein Intellektueller, glänzt aber mit philosophisch-fatalistischen Sprüchen über die Hierarchie von Liebe, Leben und Tod. Am Ende wird er, genauso wie sein polnisches Pendant, überraschend zum Opfer: Außer Atem rennt er mit einer Kugel im Bauch, wie im Jahr zuvor Maciek, noch entsetzlich weit, bevor er in der Gosse verreckt. Michel stirbt unter Jean Luc Godards Regie mit einem letzten Luftkuss an seine Liebste, die ihn verraten hat und nun verwirrt seinem Sterben zuschaut, Wajdas Maciek dagegen einsam in der gekrümmten Haltung eines Embryos auf einer Müllhalde. In beiden Fällen erscheint der Tod kontingent und doch schicksalhaft vorgezeichnet.</p>
<p>So war das halt bei Typen ihres Schlages. Sie trugen den Tod in sich. &#8222;Er war ein dunkler Typ, sah aus wie ein Franzose oder Ire, und er wirkte irgendwie romantisch. Eine Zeitlang hat er uns vorgespielt, Krebs oder Tuberkulose zu haben. Er lief in München herum, mit dem Gesicht eines Mannes, der wusste, dass er sterben muss, aber das Beste daraus machen will. Er tat immer so, als würde er Blut in sein Taschentuch husten, aber das Tuch blieb weiß.&#8220;[1] So erinnert sich ein Mitschüler von Andreas Baader. Weiß, die Farbe der Unschuld.</p>
<p>Während Andreas-Maciek-Michel eingebildetes Blut in blütenweiße Tücher spuckte, Motorräder stahl und sich in der Schwabinger Szene herumprügelte, erschien in Hamburg ein Text, der die existenzialistisch verspielte Jugend an die politische Bedeutung der Farbe Braun erinnerte: &#8222;Von Heusinger bis Foertsch, von Oberländer bis Globke, von Heyde/Sawade bis Eichmann hat sich erwiesen, dass im Deutschland von 1961 nicht ungeachtet (&#8230;) von Auschwitz und Buchenwald gelebt werden kann.&#8220; Jeder, insbesondere aber die Jugend habe darüber zu wachen, dass sich das Nazimonster nicht wieder erhebe. Es gelte Widerstand zu leisten. &#8222;Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus kann nicht durch antifaschistische Sandkastenspiele nachgeholt werden, weder für die nachgewachsene Generation noch für die Älteren. (&#8230;) Wie wir unsere Eltern nach Hitler fragen, so werden wir eines Tages nach Herrn Strauß gefragt werden.&#8220;[2]</p>
<p>Die eigene Generation wird sich, so insinuiert Ulrike Meinhofs Text, nicht herausreden können wie die der Eltern. Er trägt den Titel &#8222;Hitler in euch&#8220;. Bei der schmalen Schicht antifaschistischer (damals hatte der Begriff seine Unschuld noch nicht vollständig verloren) Deutscher, die seinerzeit versuchten, die Erinnerung an die NS-Vergangenheit wach zu halten, waren solche Wendungen, die den Nationalsozialismus noch als Gegenwart sahen, üblich. Die Radikalsten vermuteten ihn sogar als eine Art Gift in sich selber. Aber Meinhofs Text heißt nicht &#8222;Hitler in uns&#8220;. Er ist in seiner anklagenden Warnung nicht selbstreflexiv, sondern markiert eine Grenzziehung, die die Welt, generationenübergreifend, in Wir und Ihr aufteilt. Die Analogie von Hitler und Strauß &#8211; eine Assoziationsfigur, die die westdeutsche Linke fast ein Vierteljahrhundert zusammenhielt &#8211; war damals noch neu, und man muss schon historisch altklug sein, um heute die Verzeichnung zu kritisieren, aus dem caudillohaftkorrupten Bayern einen neuen Hitler zu machen. Man brauchte damals bühnenfähiges Personal, um in der seltsam abstrakten Nachkriegsrepublik das Lehrstück von der Wiederkehr der braunen Gefahr eindringlich zu inszenieren. Denn letztendlich war es, trotz der ruhig im Lande lebenden NS-Verbrecher, eine Republik ohne zurechenbare Gesichter. Eichmann stand nicht in Berlin, sondern in Jerusalem vor Gericht. &#8222;Mag sein, dass manchem der Maßstab verloren ging angesichts der Millionen, um deretwillen Eichmann verurteilt wurde&#8220;, schreibt Meinhof in einer &#8222;Auf Anhieb: Mord&#8220; übertitelten Kolumne, die den Skandal kommentiert, dass ein Nazirichter zum Bundesanwalt bestallt worden war. &#8222;Aber den Betroffenen ist es gleichgültig, ob er einer unter Millionen oder nur einer unter drei Dutzend ist.&#8220;[3] Es wirkt divinatorisch. Tatsächlich, mit Auschwitz war der Maßstab verloren gegangen: Niemand, kein Einzelner, keine Gesellschaft, verträgt so viel gewaltsamen Tod.</p>
<p>Am Abend des 2. Juni 1967 versammelte sich im Berliner SDS-Zentrum am Kurfürstendamm eine Gruppe tief schockierter Demonstranten. Wenige Stunden vorher war der Student Benno Ohnesorg während einer Protestaktion gegen den Schah durch die Kugel aus einer Polizeipistole gestorben. Man diskutierte erregt die Lage. Ein Beitrag lautete: &#8222;Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Dies ist die Generation von Auschwitz &#8211; mit denen kann man nicht argumentieren.&#8220; Die Sprecherin hieß Gudrun Ensslin.[4]Sie formulierte damals, ob sie es wusste oder nicht, das Kernprogramm der RAF: Widerstand ist &#8211; in der Konfrontation mit den Verantwortlichen für Auschwitz &#8211; notwendigerweise gewaltsamer Widerstand. Politisches Handeln ist in diesem Programm Notwehr: Gegengewalt scheint die einzig verbliebene Chance der prospektiven Opfer.</p>
<p>Andreas Baaders theatralische Inszenierung des eigenen Todes, Ulrike Meinhofs Angst vor der Wiederkehr der mörderischen NS-Gewalt, Gudrun Ensslins Opferphantasie sind Variationen eines Generationsthemas. Das Phantasma, Opfer einer nicht enden wollenden, sich immer wieder erneuernden, gewalttätigen Geschichte zu sein, war in der politischen Generation nach Auschwitz eine zentrale untergründige Kollektivphantasie. Dass Baader, Meinhof und Ensslin sich als Köpfe einer Gruppe zusammenfanden, die unter dem wuchtigen Namen Rote Armee Fraktion eine wilde Mischung höchst ungleichnamiger Erfahrungen, Phantasien und Ängste zusammenführte, ist letztlich kontingent &#8211; nicht dagegen sind es die Ingredienzien dieses Cocktails: sie bringen exemplarisch intellektuelle Kraftlinien der deutschen Nachkriegskultur zum Ausdruck. Die existenzialistische Spielfreude des narzisstischen Machos Baader gehörte ebenso zu diesem Generationsrepertoire wie Meinhofs und Ensslins messerscharfe protestantische Ethik. Nur blieben diese unterschiedlichen Lebensphilosophien normalerweise durch den Abstand ihrer Ursprungsmilieus strikt voneinander getrennt. So gab es auch wenige Chancen, ihre heimlichen Ähnlichkeiten wahrzunehmen. Zum Beispiel den enormen Kältekern, der sowohl in der existenzialistischen Antimoral wie im protestantischen Gewissenspathos stecken konnte; und vor allem das beide unterirdisch bewegende Thema: der Tod, der nach Weltkrieg und völkischer Vernichtungspolitik eine neue Vorstellungsdimension gewonnen hatte. Eine Verbindung dieser beiden Positionen war der krasse Ausnahmefall, in der nervösen Republik der Jahre 1967 und 1968, in der plötzlich wieder &#8211; staatliche und außerstaatliche &#8211; Gewalt auf der Agenda stand, wirkte sie wie die Zusammenführung von kritischer Masse und Zünder. Das Codewort für diese Synthese hieß: Auschwitz.</p>
<p>Das Geheimnis der RAF liegt in dieser Synthese. Denn solche wie Baader, Meinhof- und Ensslin gab es damals mehr als man denkt, wenn auch meist weniger grell in Überzeugung und Auftreten. Die beiden Frauen etwa waren so sehr vom protestantischen Geist durchdrungen, dass sie voreinander erschraken, als sie sich kennen lernten. Das war 1968, als Gudrun Ensslin zusammen mit Baader angeklagt war, in Frankfurt ein Kaufhaus angezündet zu haben. &#8222;Wir taten es aus Protest gegen die Gleichgültigkeit, mit der die Menschen dem Völkermord in Vietnam zusehen&#8220;, sagte sie und überließ es Baaders Verteidiger Horst Mahler, die Parallele zum Nationalsozialismus zu benennen. &#8222;Wir haben gelernt&#8220;, sagte sie, &#8222;dass Reden ohne Handeln unrecht ist.&#8220; Es muss, berichten Augenzeugen, von einer beinahe überirdischen Überzeugungskraft gewesen sein. Ihr Vater, ein evangelischer Pastor, sprach danach von der &#8222;ganz heiligen Selbstverwirklichung&#8220; seiner Tochter: &#8222;Das ist für mich das größere Fanal als die Brandlegung selbst, dass ein Menschenkind, um zu seiner Selbstverwirklichung zu kommen, über solche Taten hinweggeht.&#8220; Und ihre Mutter spürte, &#8222;dass sie mit ihrer Tat auch etwas Freies bewirkt hat, sogar in der Familie&#8220;. Selbst der Gerichtspsychiater fasste es in für seine Profession erstaunlich emphatische Worte: &#8222;Sie leidet unter dem Ungenügen unserer Existenz. Sie wollte nicht mehr warten. Sie wollte in die Tat umsetzen, was sie letztlich im Pfarrhaus gelernt hatte. Sie wollte den Nächsten en gros umfassen &#8211; gegen seinen Willen.&#8220; Ihr Verteidiger formulierte das etwas anders: &#8222;Die Angeklagte ist nicht nur Überzeugungstäterin, sondern Gewissenstäterin.&#8220; Tatsächlich wurde sie das Gewissen der RAF, ihre Mühewaltung reichte von der Kassenführung bis zur Aufstellung von Moralregeln für den revolutionären Alltag. Woran beinahe wichtige politische Koalitionen gescheitert wären. &#8222;Was macht ihr denn&#8220;, fragte Gudrun Ensslin ihre Terrorkollegen von der &#8222;Bewegung 2. Juni&#8220;, &#8222;ihr rennt durch die Wohnungen, fickt kleine Mädchen, raucht Haschisch. Das macht Spaß. Das darf es nicht. Dieser Job, den wir machen, der ist ernsthaft. Es darf keinen Spaß machen.&#8220;[5] Es klingt nach Missionarsstellung und revolutionärer Pflichterfüllung. Für die Ulrike Meinhof &#8211; bei Blanqui &#8211; die entscheidende Formulierung fand: &#8222;Es ist die Pflicht eines Revolutionärs, immer zu kämpfen, trotzdem zu kämpfen, bis in den Tod zu kämpfen.&#8220; Womit wir wieder ein paar Jahre weiter und zurück beim Tod wären.</p>
<p>Im Juni 1972 waren alle drei in Haft &#8211; 25 Monate nach der Initialaktion der &#8222;Roten Armee Fraktion&#8220;, der Befreiung Andreas Baaders aus der Haft. Als Ulrike Meinhof dem fliehenden Baader mit einem Sprung aus dem Fenster folgte, blieben am Ort der dilettantisch durchgeführten Aktion ein Mann mit Lebersteckschuss und ihre Handtasche zurück. In ihr fanden sich, wie die Beweisstücke eines &#8211; lange vor diesem Schritt in den Untergrund &#8211; gespaltenen Lebens, ein Revolver und ein Hypothekenbrief für ihr Grundstück in Hamburg-Blankenese.</p>
<p>Als Berufsrevolutionäre waren die RAF-Gründer Stümper. Ihre zweijährige Aktionsphase diente faktisch nur der Selbstreproduktion, und die &#8222;Bomben ins Bewusstsein der Massen&#8220; hatten wenig mehr als die Isolation von vermeintlich Gleichgesinnten zur Folge. Politische Wirkung entfalteten sie erst in der Haftzeit: als sie sich endlich und endgültig als Opfer fühlen konnten. In dieser Rolle fanden sie zu sich selbst &#8211; und die Bestätigung des Phantasmas, das sie erst in den Untergrund und schließlich ins Gefängnis getrieben hatte: &#8222;Der politische begriff für den toten trakt, köln, (des Kölner Gefängnisses, in dem Meinhof saß, C.S.), sage ich ganz klar ist: das gas.&#8220; So Ulrike Meinhof in konsequenter Kleinschreibung. &#8222;meine auschwitzphantasien da drin waren realistisch.&#8220;[6] Gudrun Ensslin schrieb: &#8222;Unterschied toter Trakt und Isolation: Auschwitz zu Buchenwald. Der Unterschied ist einfach: Buchenwald haben mehr überlebt als Auschwitz&#8230; Wie wir drin ja, um das mal klar zu sagen, uns nur darüber wundern können, dass wir nicht abgespritzt werden.&#8220; Andreas Baader, den kein geringerer als das Haupt des französischen Existenzialismus, Jean Paul Sartre persönlich im Stammheimer Hochsicherheitstrakt besuchte, fasste es am knappsten: &#8222;Wir sollen vernichtet werden&#8220;, sagte er vor Gericht. Seinen Mitgefangenen schrieb er: &#8222;Ich denke, wir werden den Hungerstreik diesmal nicht abbrechen. Das heißt, es werden Typen dabei kaputtgehen.&#8220; Die phantasierten Opfer einer faschistischen Vernichtungsmaschinerie blieben sich in diesem Punkt bis zum Schluss treu. Noch in ihrem Auschwitz bewahrten sie sich die souveräne Entscheidung über Leben und Tod. Sie waren Opfer &#8211; und omnipotent: Baader drohte missliebigen Wärtern schon mal damit, ihre Ehefrauen töten zu lassen.</p>
<p>Aus der Position des omnipotenten Opfers konnten sie ein letztes Mal intransigente Moralvorstellungen formulieren. Und fanden nun bei vielen ihrer Generationsangehörigen, die mit ihnen dasselbe Phantasma, dieselbe Opferidentifikation teilten, Aufmerksamkeit und Solidarität. Drei Tage vor seinem Hungertod schrieb Ensslin an Holger Meins, wie man abzutreten habe: &#8222;Ohne zu trauern. Das &#8211; das Ziel. Du bestimmst, wann Du stirbst. Freiheit oder Tod.&#8220; Die Freiheit über den Tod &#8211; das war der existenzialistische Rest der großen moralischen und politischen Entscheidung von einst. Aber selbst diese Freiheit wurde vom Phantasma der Vernichtung konterkariert. In Meins´ Testament heißt es: &#8222;Für den Fall, dass ich in der Haft vom Leben in den Tod komme, war´s Mord. Gleich, was die Schweine behaupten werden.&#8220;[7] Die &#8222;Auschwitzphantasien&#8220; waren wirklich vernichtend: sie zerstörten selbst noch den letzten moralischen Triumph der freien Entscheidung.</p>
<p>In ihrem letzten Gefecht wendeten die Gründer der RAF die mörderische Kehrseite ihrer Opferidentifikation wie eine destruktive fremde Macht gegen sich selbst. &#8222;Mord gleich Selbstmord gleich Mord&#8220; riefen ihre Sympathisanten nach Ulrike Meinhofs Freitod. Ein Jahr später ging diese grausige Gleichung in der (Selbst-)Mordinszenierung von Ensslin, Baader und zwei weiteren RAF-Angehörigen auf. Alles war bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt, Phantasie und Realität, Täter und Opfer nicht mehr zu unterscheiden.</p>
<p>Das berühmteste aller RAF-Papiere, &#8222;Das Konzept Stadtguerilla&#8220; vom April 1971 beginnt mit dem Mao-Motto &#8222;Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen!&#8220; und bezeichnet wohl die größte Schwierigkeit der Gruppe: eben diese Trennung vorzunehmen, um eindeutig den Feind bestimmen zu können. Denn, das war der Selbstverdacht ihrer Protagonisten, diese Trennung war nicht klar.</p>
<p>Ihre Ursprungsparole umzusetzen, gelang ihnen im Leben nicht. Und auch nicht im Tod. Tatsächlich enthält sie eine unmögliche Forderung. Jedenfalls dann, wenn der vermeinte Feind im eigenen Inneren sitzt. Spätestens seitdem sie in Haft war, spielte der Mangel an klarer Trennung für Ulrike Meinhof eine eminente Rolle. Es gibt Selbstbeschreibungen aus dieser Zeit, die diesen Mangel an Getrenntheit als lebenslanges Leiden verständlich machen. In einem Brief an Baader und Ensslin hält sie fest, &#8222;was hier bei mir Sache ist&#8220;: &#8222;Meine Sozialisation zu Faschist, durch Sadismus und Religion, die mich eingeholt hat, weil ich mein Verhältnis dazu, d.h. zur herrschenden Klasse, mal ihr Schoßkind gewesen zu sein, nie vollständig aufgelöst, restlos in mir abgetötet habe&#8230; Die Scheiße in meinem Wahn&#8230; sich zur RAF verhalten, wie ich mich zur herrschenden Klasse verhalten habe: Arschkriecher; d.h. Euch behandeln wie Bullen, das heißt einfach: Selbst längst ´n Bulle sein, in den psychischen Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung, Angst und Klammern an die Vorschrift. Eine scheinheilige Sau aus der herrschenden Klasse, das ist einfach die Selbsterkenntnis. Alles nur ´als ob´ &#8230;&#8220;[8]</p>
<p>Sie war nicht die Einzige, die mit diesem Selbstverdacht haderte. Kampfkollege Helmut Pohl schreibt in Versalien vom &#8222;TODFEIND IN MIR SELBST&#8220; und Holger Meins spricht von der Notwendigkeit einer &#8222;revolution in einem selbst: in einem selbst die herrschende klasse stürzen (&#8230;) &#130;unter meiner haut beginnt das befreite gebiet, die selbständige rote macht&#8216;. selbstkritisch muss man die alte klasse, soweit sie einen noch beherrscht, besitzt und besetzt hält, rausschmeissen, widerstand zuerst (&#8230;), dann befreiungskrieg, die besetzten gebiete zurückerobern, seine dimension als mensch, seine ehre zb wiedergewinnen und schließlich sieg bis zur restlosen vernichtung der klasse.&#8220;[9]</p>
<p>Die Selbstbeschreibungen und -anklagen der RAF-Angehörigen während der Haftzeit wirken so, als gehöre ein Teil des eigenen Selbst immer &#8222;den anderen&#8220;. Als sei einer Herkunft nicht zu entgehen, die einen immer wieder zurück ins Alte zieht. Nimmt man Holger Meins´ Rede ernst, wäre der Sieg über den Feind letztlich mit dem eigenen Tod identisch. Er starb, 1,83 Meter groß und 39 Kilogramm schwer, an den Folgen eines Hungerstreiks. Vielen Betrachtern des veröffentlichten Obduktionsphotos gruselte, weil sie meinten, Bilder solch ausgemergelter Körper schon einmal, in einem anderen historischen Kontext, gesehen zu haben.</p>
<p>&#8222;Mord gleich Selbstmord gleich Mord&#8220;: In der finalen Selbstmord-Inszenierung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller verdichtete sich die gespenstische Wiederkehr von Auschwitz als agierter Vernichtungsphantasie der Nachgeborenen: die phantasmagorische Wiederkehr jener Gewalt, die zum negativen Ursprungsmythos der zweiten deutschen Republik wurde. Die Gründer der RAF richteten in Stammheim das geschichtlich verdrängte Potenzial an Destruktivität, dessen Rückkehr doch alle fürchteten, demonstrativ, verzweifelt und eine falsche Realität vortäuschend gegen sich selbst. Der &#8222;Mythos&#8220;, den man der RAF später andichtete, hat hier seinen Ursprung. Die Verschlingung von Tod und Mord, von Täter und Opfer, von Realität und Phantasie gehört ebenso zur mythologischen Rede wie die phantasmatische Verschlingung der Zeiten: Was ist Gegenwart, was Vergangenheit? Unterm Gesetz der exzessiven Gewalt(phantasie) bleibt auch dies unklar, irisierend. Wer das Phänomen RAF verstehen will, muss sich als erstes daran machen, dieses falsche Ineinander aufzulösen. Es geht darum zu trennen, was die Mythografie zusammen zwingt. Eben dies heißt: Analyse.</p>
<p>Die immense sozialpsychologische Bedeutung der RAF für die Bundesrepublik liegt darin, dass mit ihr ein Kapitel der mörderischen Geschichte, die ihrer Gründung vorausging, wieder aufgeschlagen wurde &#8211; und ein neues begonnen wurde. Was wir erst noch zu begreifen haben. Denn die Geschichte der RAF ist sowenig beendet wie ihre Gründer es von der Geschichte des Nationalsozialismus meinten. Nach wie vor gibt es auf der einen Seite einen ungeheuren Solidarisierungsdruck. Nach wie vor wird die notwendige Aufarbeitung auf der anderen Seite tabuiert. Nach wie vor dominiert im Umgang mit dem Phänomen allerorts die mythische die analytische Rede. Es ist zuviel darin gefangen, zuviel gewaltsamer Tod für unsere Fassenskraft. Was sich nur unangemessen in den Zahlen spiegelt. Zu Lebzeiten der RAF-Gründer gingen 47 Tote auf das Konto des &#8222;bewaffneten Kampfs&#8220;. Diese Realität, für sich grausam genug, bleibt phantasmatisch mit den unübersehbaren Leichenhaufen verknüpft, die der Vorgängerstaat der Bundesrepublik zu verantworten hat. Eine falsche Verknüpfung? In all diesen Punkten hat die kritische, die trennende Arbeit der Analyse anzusetzen.</p>
<p>[1] Zitiert nach Stefan Aust, Der Baader Meinhof Komplex, Hamburg 1997, S. 25f.</p>
<p>[2] Ulrike Meinhof, Hitler in euch. In: Ulrike M. Meinhof, Deutschland, Deutschland unter anderem. Aufsätze und Polemiken, Berlin 1995, S. 38ff.</p>
<p>[3] ebd., S. 55ff.</p>
<p>[4] So die Version von Stefan Aust. Ensslins Autorschaft wird inzwischen in Zweifel gezogen. Unstrittig bleiben indes die damalige Aktualität der &#8222;Argumentationsfigur&#8220; und der Angstaffekt.</p>
<p>[5] Alle Zitate nach Stefan Aust, a.a.O., S. 78ff und S. 204.</p>
<p>[6] P.B. Schut (Hg.), das info. Briefe von gefangenen aus der raf, Hamburg 1987, S. 21.</p>
<p>[7] Zitiert nach Aust, S. 292 und 303.</p>
<p>[8] Aust, S. 298f.</p>
<p>[9] Schut, a.a.O., S. 72 und 83.</p>
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		<title>Wie antisemitisch waren die 68er?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 20:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S.30-36 1. Neue Forschungen und Meinungen Die schon seit längerem vor allem durch die Forschungen von Wolfgang Kraushaar aus den Quellen belegten Vorwürfe der judenfeindlichen Haltungen und Handlungen von Protagonisten der ´68er Bewegung weiten sich &#8211; nach Erscheinen von Götz Alys Buch &#8222;Unser Kampf&#8220; &#8211; zu einer Generaldebatte über die [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S.30-36</p>
<h2 class="auto-created">1. Neue Forschungen und Meinungen </h2>
<p>Die schon seit längerem vor allem durch die Forschungen von Wolfgang Kraushaar aus den Quellen belegten Vorwürfe der judenfeindlichen Haltungen und Handlungen von Protagonisten der ´68er Bewegung weiten sich &#8211; nach Erscheinen von Götz Alys Buch &#8222;Unser Kampf&#8220; &#8211; zu einer Generaldebatte über die Stellung von &#8222;1968&#8220; in der (west)deutschen Geschichte sowie über die &#8211; anders kann man es nicht mehr ausdrücken &#8211; Ehre all jener aus, die damals mehr oder minder aktiv waren, heute vor oder kurz nach dem Eintritt ins Rentenalter stehen und stets wähnten, mindestens ihren Absichten nach und allen jugendlichen Torheiten zum Trotz, Wesentliches zur demokratischen Entwicklung der Bundesrepublik beigetragen zu haben.</p>
<p>Eigentlich könnte angesichts des großen Zeitabstands Gelassenheit herrschen. Wenn heute ob der Arbeiten von Kraushaar, Aly oder auch Koenen, in denen ja die Geschichte der Protestbewegung in allen Verästelungen erforscht wurde, eine erbitterte Diskussion über den Antisemitismus in der westdeutschen Linken geführt wird, wenn trotz des nur vermeintlichen Schlussstrichs von Peter Eisenmans Denkmal dererlei Fragen nach wie vor heftig erörtert werden, liegt das daran, dass vor dem Hintergrund eines nicht nur gefühlten, sondern tatsächlichen Linksrucks der Bevölkerung die Legitimität von &#8222;1968&#8220; und damit des Weges einer Generation erneut auf dem Prüfstand steht.</p>
<p>Da mit dem Vorwurf des &#8222;Antisemitismus&#8220; hierzulande notwendig die Gaskammern von Birkenau assoziiert werden, da er mithin für jede Person moralisch vernichtend sein muss, kann die Reaktion auf Kraushaar und Aly gar nicht anders als von Empörung und Wut getragen sein. Eine nüchterne Betrachtung des Antisemitismusvorwurf gegen Teile der damaligen Protestbewegung muss drei Fragen beantworten: was ist, erstens, überhaupt &#8222;Antisemitismus&#8220;; ist es, zweitens, denkbar, dass die europäische &#8222;Linke&#8220;, seit ihrem Entstehen im neunzehnten Jahrhundert in weiten Teilen antisemitisch war; sollte daher, drittens, die westdeutsche neue Linke, in diesen Traditionen stehend, wesentlich antisemitisch gesonnen sein?</p>
<h2 class="auto-created">2. Juden&shy;feind&shy;schaft und ihre Formen </h2>
<p>Sofern an Staatsverbrechen neben ökonomischen, territorialen und demographischen Interessen auch politische Ideologien mitbeteiligt sind, war Antisemitismus die wesentliche Ursache eines weltgeschichtlich einmaligen Verbrechens: der vom nationalsozialistischen Deutschland arbeitsteilig betriebenen Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden. Darin kulminierten unterschiedlich bemäntelte Formen von Judenfeindschaft und Judenhass, die der abendländischen Kultur von Anfang an eingeschrieben waren.</p>
<h2 class="auto-created">2.1. Was ist also Antise&shy;mi&shy;tis&shy;mus? </h2>
<p>1. Antike, pagane Schriftsteller, z.B. der römische Historiker Tacitus, hielten die Juden für illoyal und abergläubisch, weil sie als Monotheisten den Kaiserkult ablehnten sowie Speise- und sexuellen Reinheitsgeboten folgten, die Angehörigen anderer Religionen nicht zugänglich waren.</p>
<p>2. Das Christentum, im Schoß unterschiedlicher jüdischer Glaubensrichtungen in der Zeit des Zweiten Tempels entstanden, konkurrierte unter dem Verfolgungsdruck der römischen Kaiser zunächst mit dem Judentum, um es dann zu beerben und ihm die historische Berechtigung abzusprechen. Unter Bezug auf die Evangelien und andere Schriften des Neuen Testaments wurden die Juden als die für die Kreuzigung Jesu verantwortlichen Gottesmörder, als Kinder des Satans und als ob ihres Unglaubens die Erlösung der Welt verhindernde Gruppe angesehen.</p>
<p>3. Im frühen christlichen Mittelalter spielte Judenfeindschaft ausweislich der überlieferten Quellen zunächst keine wesentliche Rolle. Erst mit der Krise der feudalen Welt im elften Jahrhundert, die sich in den ersten Kreuzzügen entlud, wuchs den Juden die Rolle des idealen Feindbildes noch vor den Muslimen zu. Allerdings: Die religiös gerichtete Ideologie des &#8222;Antijudaismus&#8220; ließ verfolgten und bedrohten Juden noch immer die Möglichkeit offen, zum Christentum überzutreten und sich so vor Verfolgung zu schützen.</p>
<p>4. Die Zeit der Renaissance und der Reformation wies in Beziehung auf die Juden gegensätzliche Tendenzen auf: Während ein Teil der Christen begann, einen Begriff von der Würde des Menschen, jedes Menschen zu entfalten, verschärfte das reformatorische Denken Martin Luthers die theologische Judenfeindschaft ein weiteres Mal. Indem Luther dem Gott der Hebräischen Bibel und damit dem Glauben des Judentums Gerechtigkeit und Gesetz, dem Christentum und dem als Christus bekannten Jesus von Nazareth jedoch Liebe und Gnade zuordnete, rückte das Judentum an die Stelle all jener Kräfte, die eine menschliche Emanzipation verhinderten und wurde geradezu zu deren Inbegriff.</p>
<p>5. Die Zeit der Aufklärung zeichnete sich nicht nur durch eine scharfe Religionskritik, sondern auch durch eine von den entstehenden Naturwissenschaften inspirierte Entzauberung des Menschen aus, der nun nicht mehr als die von Gott gewollte Krone der Schöpfung galt, sondern auch als eine zoologische Gattung neben anderen. Indem die frühen Antisemiten des neunzehnten Jahrhunderts ihre Weltanschauung vor dem Hintergrund dieses quasi pseudowissenschaftlichen Weltbildes sowie der vorgefundenen antijudaistischen Tradition artikulierten, gaben sie schon im 19. Jahrhundert Metaphern Raum, die die Juden als auszurottendes Ungeziefer darstellten. Indem Juden nicht mehr als einem falschen Glauben anhängende Sünder, sondern als Angehörige einer sprachlich charakterisierbaren Rasse bestimmt wurden, sollte deutlich werden, dass es jetzt nicht mehr um Gesinnungen, sondern um objektive, schädliche biologische Einflüsse ging, die nur durch Entfernung von Juden aus den jeweiligen Volkskörpern behoben werden konnten.</p>
<p>Als Weltanschauung reagiert dieser moderne Antisemitismus auf die krisenhafte Entwicklung der kapitalistischen Moderne: auf Industrialisierung, Modernisierung, auf den Verlust verbindlicher Weltbilder und die Versachlichung menschlicher Beziehungen. Ihm erscheinen die Juden in einer paranoid verschwörungstheoretischen Sicht der Dinge, wie sie etwa in den vom zaristischen Geheimdienst erstellten &#8222;Protokollen der Weisen von Zion&#8220; zum Ausdruck kommen, vor allem als geborene &#8222;Zersetzer&#8220;: Zersetzer der traditionalen Handwerks- und bäuerlichen Wirtschaft durch das Geld, Zersetzer von Religion und Sitte durch Wissenschaft und Aufklärung, Zersetzer des Staates durch Verrat und Illoyalität, Zersetzer gesellschaftlicher Autorität durch unbotmäßigen Journalismus sowie Zersetzer von Volk und Rasse durch Einbringen kranken Blutes. Nur eine solche Ideologie konnte das menschheitsgeschichtlich einzigartige Staatsverbrechen der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden in den Jahren 1939 &#8211; 1945 für wenige motivieren und bemänteln.</p>
<p>6. Damit ist das Thema &#8222;Antisemitismus&#8220; jedoch keineswegs vom Tisch &#8211; im Gegenteil. Heute hat der Antisemitismus vielfach die Form des &#8222;Antizionismus&#8220; angenommen. Der Staat Israel erscheint als der &#8222;Jude der Völkerwelt&#8220;, von dessen Elimination man sich eine heilsame Entwicklung auf dem ganzen Globus erwartet. In Verbindung mit einer so erst im frühen 20. Jahrhundert ausgebildeten radikalislamistischen Judenfeindschaft sind so neue, antisemitische Massenbewegungen entstanden. Es zeigt sich, dass im Raum der globalisierten Welt antisemitische Massenbewegungen und Politiker wie zuletzt im Europa der Zwischenkriegszeit existieren. Sie finden sich freilich &#8211; mit Ausnahme Frankreichs und einiger Immigrantenmilieus in den Niederlanden, Belgien und Schweden &#8211; weniger in Europa als in der islamischen Welt. In Syrien und Ägypten laufen im staatlich kontrollierten Fernsehen unbeanstandet politische Soaps über die &#8222;Protokolle der Weisen von Zion&#8220; sowie über jüdische Ritualmorde, während terroristische Ideologen wie der von der israelischen Armee umgebrachte Hamas Führer Rantisi zustimmend den französischen Holocaustleugner Roger Garaudy und die Hamas Charta ihrerseits zustimmend aus den &#8222;Protokollen&#8220; zitieren. Was in der beschränkten Welt der Banlieus von Paris der Brandsatz gegen eine Synagoge ist, ist in den Krisenzonen der globalisierten Welt die &#8222;islamische&#8220; Bombe. Der radikale Islamismus gefährdet nicht nur &#8211; wie in Frankreich &#8211; die innenpolitische Stabilität, sondern auch &#8211; wie in Pakistan und im Iran mit seinen nuklearen Ambitionen &#8211; den Weltfrieden.</p>
<h2 class="auto-created">2.2. Die Linke und der Antise&shy;mi&shy;tismus </h2>
<p>War die europäische Linke in Teilen antisemitisch? Diese Frage ist schnell beantwortet, die Geistes- und Ideologiegeschichte lässt keinen Zweifel: Schon der französische Frühsozialismus war &#8211; mit geringen Ausnahmen &#8211; antisemitisch und wähnte in den Rothschilds sowie einem angeblichen &#8222;jüdischen Finanzfeudalismus&#8220; die Wurzel allen Übels. Viele russische Anarchisten &#8211; etwa Bakunin &#8211; waren glühende Judenhasser und auch deutsche Frühsozialisten wie der Komponist Richard Wagner, der junge Karl Marx und etwa später Eugen Dühring schrieben Sätze, deren antijüdisches Ressentiment und Hass mit noch so vielen Interpretationskünsten und Kontextuierungen nicht ausgelöscht werden kann. Dass der späte Karl Marx, der Verfasser des &#8222;Kapitals&#8220; später die Kritik der &#8222;jüdischen&#8220; Geldwirtschaft durch eine Kritik des abstrakten Kapitalverhältnisses ersetzte und einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, August Bebel, sinnvoll, aber nicht unbedingt richtig, den Antisemitismus als den &#8222;Sozialismus des dummen Kerls&#8220; bezeichnete, beweist nur, dass die real existierende Linke nicht in jedem Fall die Höhe ihres möglichen Gedankens erreicht hat. Was für die Geschichte der Linken im Allgemeinen gilt, gilt umso stärker für die westdeutsche Nachkriegslinke.</p>
<h2 class="auto-created">2.3. Antise&shy;mi&shy;tismus in der westdeut&shy;schen Linken </h2>
<p>Nicht erst seit Wolfgang Kraushaars Rekonstruktion des von dem Kommunarden Dieter Kunzelmann geplanten und angeregten sowie von dem Politdesperado Albert Fichter, der noch ein Jahr zuvor in einem israelischen Kibbuz arbeitete, geplanten Bombenanschlags auf ein jüdisches Gemeindezentrum 1969 in Berlin, sondern schon seit Martin Klokes profunder Arbeit über &#8222;Israel und die deutsche Linke&#8220; aus dem Jahr 1990 ist der Befund klar: der vermeintlich politisch korrekte Antizionismus und Antiisraelismus, der keineswegs nur von radikalen Splittern der Linken vertreten wurde, war in den meisten Fällen ein Fall von Judenhass, wenngleich das Feindbild der jüdischen Wucherer nun gegen den kollektiven Juden, den so genannten &#8222;Vorposten des US Imperialismus&#8220; ausgetauscht wurde. Dieter Kunzelmann fand in seinen (angeblichen) Briefen aus Amman nach dem missglückten Anschlag die passenden Sätze: &#8222;Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das&#8220;, so Kunzelmann im November 1969 in der Szene Postille, &#8222;noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax&#8230;.Dass die Politmasken vom Palästinakomitee die Bombenchance nicht genutzt haben, um eine Kampagne zu starten, zeigt nur ihr rein theoretisches Verhältnis zu politischer Arbeit und die Vorherrschaft des Judenkomplexes bei allen Fragestellungen.&#8220;</p>
<p>Überwunden hatte diesen &#8222;Judenknax&#8220; der wie Kunzelmann aus dem fränkischen Bamberg stammende Wilfried Böse, der im Sommer 1976 bei einer Flugzeugentführung jüdische und nichtjüdische Passagiere selektierte. Und Ulrike Meinhof, die zunächst flüchtige, dann eingekerkerte Ikone eines linksradikalen Terrorismus hatte noch aus der Haft, 1972, gemeinsam mit Horst Mahler den mörderischen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft als &#8222;mutiges Kommando gegen zionistische Soldaten, die in München als Sportler auftraten&#8220;, gefeiert. An anderer Stelle meinte Ulrike Meinhof gar, dass der Antisemitismus in Wirklichkeit nichts anderes als Antikapitalismus sei, Ausdruck der unbewussten Sehnsucht der Menschen nach dem Kommunismus. &#8222;Auschwitz&#8220;, das hieß in Meinhofs Augen, dass &#8222;sechs Millionen Juden ermordet und auf die Müllkippen Europas gekarrt wurden als das, als was man sie ausgab &#8211; als Geldjuden.&#8220; Eine verdrehte Reprise von August Bebels Einsicht oder die Apologie eines industriellen Massenmordes?</p>
<p>Diese Fakten sind nicht zu bezweifeln, streitig können alleine die Verbreitung derartiger Einstellungen sowie ihre systematische Deutung sein. Repräsentieren Kraushaars Funde lediglich die bizarre Geschichte einiger randständiger Desperados, die mit ihrem Irrsinn der ganzen Linken nachhaltig schadeten? Oder hat eine Variante der Totalitarismustheorie Recht, die allen revolutionären Welterlösungsideologien ein letztlich hasserfülltes, immer wieder in Mord ausbrechendes Ressentiment unterstellt?</p>
<p>Man kann Kraushaars Recherche entsprechend klinisch lesen: als Anfangssequenz eines Textes, als Vorspiel zu einem Drama gleichsam, in dem sämtliche späteren Motive &#8211; wenn auch unbewusst und noch verhüllt &#8211; schon vorliegen, als Grundierung, die die Strahlkraft des Bildes noch lange bestimmen sollte: Vom Termin der geplanten Bombenexplosion, dem 9. November, die ja nur wiederholt hätte, was einunddreißig Jahre zuvor massenhaft geschehen ist, über die offene Verbindung von Gewaltphantasie, geplantem bewaffneten Kampf und Judenhass zur Wahnidee, das eigene Bewusstsein sei von Juden besetzt (&#8222;Judenknax&#8220;); von der Herkunft einiger Täter aus dem notorisch antisemitischen Franken bis zu Vorstufen der Planung des Anschlags auf die israelischen Olympioniken; vom Zusammenspiel des westdeutschen Verfassungsschutzes mit einer terroristischen Linken, die wiederum von der DDR unterstützt wurde. Von einem Plan des Verfassungsschutzes also, der noch 1969 den Tod von Juden in Kauf zu nehmen bereit war.</p>
<h2 class="auto-created">3. Aus der Distanz von vierzig Jahren </h2>
<p>Aus der Entfernung von mehr als vierzig Jahren zeichnet sich so ein den einzelnen Akteuren vermutlich unbewusster Gesamtzusammenhang ab, der das linksradikale Aufbegehren gegen die Generation nationalsozialistischer Eltern als widersprüchlichen Identifikationsprozess mit ihnen und ihrem Judenhass offenbart. Zumal Götz Aly hat diesem Umstand, sieht man einmal von der streckenweise geifernd überzogenen Polemik seines Textes ab, Rechnung getragen: am Ende seines Pamphlets entfaltet er einen komplexen, sozialpsychologischen Zusammenhang, gemäß dessen die Eltern der &#8222;68er&#8220;, Aly bezeichnet sie als die &#8222;33er&#8220; ihrerseits in einer Situation der Kälte und &#8222;Vaterlosigkeit&#8220; aufgewachsen seien, die es ihnen nach der Begeisterung für den Nationalsozialismus, nach der Verstörung einer vom Krieg geprägten Adoleszenz sowie einer durch die deutsche Niederlage bewirkten Zerstörung aller Orientierungen unmöglich gemacht habe, den eigenen Kindern Vertrauen und Orientierung zu vermitteln. Somit wurden deren Kinder &#8211; die künftigen &#8222;68er&#8220;, so Aly &#8211; zu einer &#8222;emotional frierenden Generation.&#8220;, die ihr Heil &#8222;in der Simplizität&#8220; suchte: &#8222;im Ausstieg, im gewaltsamen Absprung, in der widerspruchsarmen ideologischen oder prinzipiell &#8222;alternativen&#8220; Selbstausrichtung&#8230;&#8220;</p>
<p>Das, was damals und in den Jahren danach als &#8222;Antisemitismus&#8220; bezeichnet wurde, wies demnach zwei Komponenten auf: eine außerordentlich schlichte Theorie des Imperialismus sowie eine vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte nur als projektiv zu bezeichnende Wahrnehmung der in vielen Fällen tatsächlich diskriminierenden israelischen Politik gegenüber den Palästinensern sowie &#8211; auch dieser Nachweis gelingt Aly &#8211; ein in der Tat erstaunliches Desinteresse an der seit Beginn der 1960er Jahre mindestens juristisch höchst intensiv geführten Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Wenn überhaupt, so ließe sich sagen, wurde dieser Teil der Geschichte vor allem dazu verwendet, einen bitter ausgetragenen Generationenkonflikt gegen Eltern, die meist Täter oder Mitläufer waren, auszufechten. Deren Opfer interessierten dabei kaum.</p>
<p>Indes: ist das ein wirklich erstaunliches Ergebnis? Was anders wäre realistischerweise zu erwarten gewesen? Hätte eine Generation, die ja wie jede andere von ihren Eltern geprägt wurde, überhaupt die Chance gehabt, anders zu agieren? Die Revolte war, lässt man sich auf eine psychoanalytische Betrachtung ein, von einer tiefen Ambivalenz getragen. Der ödipale Aufstand gegen den Vater (und in diesem Fall auch gegen die Mütter) erfolgte mit deren eigenen Mitteln: mit einem zwar oberflächlich linken, aber dennoch in vielen Fällen unerbittlichen, dichotomen Weltbild, begleitet von einem hasserfüllten Ressentiment gegen &#8222;die USA&#8220; und &#8222;den Zionismus&#8220; sowie einer vielfach unbedachten Identifikation mit jenen politischen Kräften, die entweder von den USA oder dem Staat Israel bekämpft und unterdrückt wurden oder gar als Hoffnungsträger für eine befreite Gesellschaft galten. Spätestens bei der identifikatorischen Stellungnahme mit solchen Staaten und Bewegungen gingen denn auch Ressentiment und erfahrungsresistente Ideologie ein unauflösliches Amalgam ein. Das war jedoch in den Zeiten des Kalten Krieges keineswegs nur eine Angelegenheit der `68er.</p>
<h2 class="auto-created">4. &hellip; und der Kalte Krieg </h2>
<p>In den ersten Junitagen des Jahres 1967 kam es zu einem Zerwürfnis zwischen damals etwa 60 Jahre alten sozialistischen Intellektuellen über die Haltung zu Israel und dem Nahen Osten. Im Juni 1967 wechselten der jüdische Linkssozialist und Professor für Pädagogik in Frankfurt/Main, Berthold Simonsohn und der Marburger Politologe Wolfgang Abendroth Briefe, in denen Simonsohn Wolfgang Abendroth um eine Solidaritätsbekundung zu Gunsten des Staates Israel bat. Abendroth lehnte dies in einem Brief, der in einer neuen, aus der Feder von Wilma Grossmann stammenden Biographie von Simonsohn enthalten ist, mit folgenden Worten ab:</p>
<p>&#8222;Auch bei dem gegenwärtigen Präventivkrieg muss daher Israel keineswegs nur den Feudalherren der monarchischen arabischen Staaten, sondern vor allem der Bevölkerung der im Wesentlichen progressiven republikanischen Militärdiktaturen als Vortrupp amerikanischer imperialistischer Interessen erscheinen. Deshalb ist eine Identifikation des sozialistischen Internationalismus in den kapitalistischen Staaten Europas mit der gegenwärtigen Politik Israels bei aller Sympathie für die israelische Bevölkerung völlig unmöglich.&#8220;</p>
<p>Simonsohn antwortete enttäuscht: &#8222;Niemand verlangt eine einseitige Identifikation des Internationalen Sozialismus mit der israelischen Politik, aber ich dachte, dass eine eindeutige Stellungnahme gegen Chauvinismus und Kriegshetzerei der Araber, gegen deren bedingungslose Aufrüstung durch die Sowjetunion und für ein Programm der Verständigung mit dessen Grundsätzen durchaus vereinbar sei. Ich bin der Meinung, dass es für Sozialisten auch in der Politik einen Grundtatbestand an moralischen Prinzipien gibt, die man nicht ungestraft verletzen darf.&#8220;</p>
<p>Dieser Briefwechsel zeigt, dass es bei dem, was man als (in vielen, nicht allen Fällen judenfeindlichen) &#8222;Antizionismus&#8220; bezeichnen kann, nicht nur um ein Generationenphänomen, sondern um eine weltanschauliche Differenz ging. Eine Differenz, die von einer unterschiedlichen Betrachtung der deutschen Geschichte getragen war, einer Geschichte, in der damals der Holocaust noch nicht jene Bedeutung hatte, die ihm heute auf Grund intensiver Lern- und Diskussionsprozesse zu Recht zukommt.</p>
<p>Viele Angehörige der Protestbewegung, es stimmt ja, haben anders, nicht so &#8222;antizionistisch&#8220; gehandelt oder lebten doch wenigstens in Umständen, die ihnen das Ausleben destruktiver Energien und die Übernahme elterlicher Delegation unmöglich machte. Darauf stolz zu sein, wäre ebenso töricht, wie sich im Rückblick von über vierzig Jahren als in jeder Hinsicht politisch zurechnungsfähige Individuen zu betrachten. Ebenso töricht wäre es freilich, die genannten judenfeindlichen Haltungen mit leichter Hand als vernachlässigbare Jugendsünde abzutun. Weise wäre es stattdessen, die eigene Bedingtheit anzuerkennen und zu realisieren, dass die unmittelbare, noch von den nationalsozialistischen Eltern geprägten Jahre ebenso vergangen sind wie die Zeiten des Kalten Krieges, der dieser Form der Judenfeindschaft erst politischen und moralischen Sukkurs verliehen hat.</p>
<p>Nicht vergangen, Gegenwart ist hingegen, dass derzeit mehr als 50 Prozent aller Deutschen glauben, dass Israel mit den Palästinensern im Prinzip dasselbe tut wie Nationalsozialisten mit den Juden.</p>
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		<title>Sexualität</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/sexualitaet/</link>
		
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 20:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Rede an die Nachgeborenen, aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S. 37-46 In Tom Wolfes jüngsten Roman &#8222;Ich bin Charlotte Simmons&#8220;, der das Treiben heutiger Studentinnen und Studenten an einem US Elite-College porträtiert, wird Adam, ein Student, zu Professor Quat zitiert. Er betritt dessen Dienstzimmer, bunte Poster prangen an den Wänden, Bob Dylan, Grateful Dead, Pink [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Rede an die Nachgeborenen,</p>
<p>aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S. 37-46</p>
<p>In Tom Wolfes jüngsten Roman &#8222;Ich bin Charlotte Simmons&#8220;, der das Treiben heutiger Studentinnen und Studenten an einem US Elite-College porträtiert, wird Adam, ein Student, zu Professor Quat zitiert. Er betritt dessen Dienstzimmer, bunte Poster prangen an den Wänden, Bob Dylan, Grateful Dead, Pink Floyd, The Who usw. &#8222;Gefallen Ihnen meine Poster? Sagen Sie Ihnen was?&#8220;, fragt Quat. &#8222;Nicht so richtig, Sir. Sechzigerjahre?&#8220; antwortet Adam verunsichert. &#8222;Wie kommt es, dass Sie etwas über die Sechzigerjahre wissen?&#8220;, wundert sich der Professor. <i>&#8222;Für die meisten Studenten könnten die genauso gut im achtzehnten Jahrhundert stattgefunden haben&#8220;</i>[1].</p>
<p>Für Studentinnen und Studenten heute ist 1968 eine ferne und blasse Vergangenheit, die mit ihnen nur wenig zu tun zu haben scheint. Das aber ist eine falsche Annahme. Die Art und Weise, wie sie (und andere junge Leute) Ihr Liebesleben und ihre Beziehungen organisieren, die Art und Weise, wie sie sexuell handeln und in Fragen der Sexualität moralisch urteilen, ist ohne das, was man mit der Chiffre &#8222;68&#8220; bezeichnet, nicht denkbar, auch wenn ihnen die alten Helden ganz und gar unbekannt sind oder ein wenig verstaubt und komisch vorkommen. Ich will versuchen, den Bogen zu schlagen von der sexuellen Revolte der 1960er Jahre zu den Enkeln der &#8222;Sexuellen Revolution&#8220;.</p>
<p>Was für Jugendliche wie eine Zeitreise &#8222;ins achtzehnte Jahrhundert&#8220; sein mag, um Professor Quat noch einmal zu zitieren, ist für mich eine Reminiszenz an die gerade vergangene Gegenwart. Ich war 1968 30 Jahre alt und arbeitete schon seit einigen Jahren als junger Assistent an der Abteilung für Sexualforschung der Uni Hamburg. Ich war also nicht mehr Student, als die Studentenbewegung begann. Von meiner Generation sind nur diejenigen &#8222;68er&#8220;, die über den zweiten Bildungsweg, also schon etwas älter, an die Uni gelangten und 1968 noch studierten &#8211; wie zum Beispiel Günter Amendt, Reimut Reiche oder Martin Dannecker, die zu den herausragenden Protagonisten des Sexualdiskurses der Studentenbewegung gehören. Doch sehr schnell wurden meine jungen Kollegen und ich in den Strudel hineingerissen. Das Thema &#8222;Sexualität&#8220; hatte eine hohe Valenz bei den Studentinnen und Studenten, unsere Seminare über &#8222;Sexuelle Sozialisation&#8220;, &#8222;Sexualität und Aggression&#8220;, über &#8222;Pornographie&#8220; und &#8222;Ungewöhnliche Sexualformen&#8220; waren übervoll. Es wurde hitzig diskutiert und gestritten, und nie wieder habe ich erlebt, dass Dozenten zumindest ebenso viel von den Studierenden lernten wie diese von jenen. Damit ist des Schwärmens von alten Zeiten genug. Nur noch soviel: Professionell wie persönlich brachten mich die Ereignisse auf einen anderen Weg, es war eine am eigenen Leib erfahrene und bisweilen durchlittene Zeitenwende.</p>
<h2 class="auto-created">Sexuelle Restau&shy;ra&shy;tion: die 1950er </h2>
<p>Doch beginnen wir mit dem Vorabend der Ereignisse. Als ich in den 1950ern in das Alter kam, in dem man sich für Präservative interessiert, verschwanden (auf Grund einer Verfügung der Bundesregierung) die klapprigen und rostigen Automaten mit der Aufschrift &#8222;Männer, schützt Eure (!) Gesundheit&#8220; gerade aus den Pissoirs der Republik. Man wollte lieber die Moral der Jugendlichen schützen als ihre Gesundheit. Das war <i>meine </i>Begegnung mit der sexuellen Restauration der Adenauer-Ära.</p>
<p>Andere traf es härter, zum Beispiel schwule Männer. 1949 wurde nicht der §175 der Weimarer Republik, der homosexuelle Handlungen auch unter erwachsenen Männern unter Strafe stellte, ins Strafgesetzbuch der BRD übernommen, geschweige denn der Paragraph aufgehoben, sondern ohne Scham der 1935 von den Nationalsozialisten noch einmal verschärfte Paragraph rechtstaatlich legitimiert, obwohl die Alliierten alle nationalsozialistischen Strafgesetzänderungen kassiert hatten. Und die Rechtspraxis folgte nun wieder dieser Gesinnung. Razzien in der Subkultur, die nach Kriegsende wieder ein wenig erblüht war, mit zahllosen Verhaftungen und Denunziationen, standen auf der Tagesordnung.2 <br />Und zum Beispiel Frauen. Eine Familienpolitik, die die kleine Familie, vor allem bei den &#8222;besseren&#8220; Leuten, restaurieren wollte, erklärte die Erwerbstätigkeit der verheirateten Frau, Kindergärten und Schulhorte zu einem abstoßenden Spezifikum der &#8222;kommunistischen&#8220; DDR und des Bolschewismus. Hausfrauen- und Mutterrolle wurden systematisch gefördert &#8211; ideologisch, finanziell und durch das Austrocknen der Möglichkeiten, Kindererziehung und Arbeit zu verbinden3. Ehen sollten mit Staatsgewalt verlängert werden, Scheidungen wurde erschwert, sie waren gegen den Widerspruch eines Partners nun nicht mehr möglich, auch bei amtlich festgestellter Zerrüttung nicht. <br />Die offizielle Moral von Kirchen und Staat trennten damals schon Abgründe von dem, was Männer und Frauen dachten und machten. Nach der ersten &#8222;Umfrage in der Intimsphäre&#8220;, 1949 im Gründungsjahr der Republik von Allensbach erhoben, gingen schon damals 90 Prozent der Männer und 72 Prozent der Frauen nicht mehr jungmännlich oder -fräulich in die Ehe; 85 Prozent der unter 30jährigen befürworteten ausdrücklich &#8222;intime Beziehungen zwischen unverheirateten Menschen&#8220;.4 Es war ein liberaler Vormärz, denn die Einstellungen wurden in den 1950ern noch einmal kurzfristig muffiger, eine Wiederholung der Allensbacher Befragung Anfang der 1960er Jahre zeigt das deutlich.[5]</p>
<p>Trotz manch aufmüpfiger Gesinnung und unerwünschtem Tun &#8211; die damalige Ahnungslosigkeit in Sexualfragen ist heute unvorstellbar. &#8222;Camelia gibt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen&#8220; &#8211; stundenlang habe ich als Junge über diesen Slogan gegrübelt und konnte sein Geheimnis nicht ergründen; Mädchen wurden massenhaft von ihrer Regel überfallen und standen entsetzt im Blutbad; Abiturienten diskutierten allen Ernstes, ob ein Taschentuch, um den Penis geschlungen, nicht so nützlich sein könnte wie ein Kondom, dessen Erwerb in der Drogerie Jüngling wie Verkäuferin bodenlos peinlich war. Desinformation, Verdummung, sexuelle Behinderung und die Verschwörung des Schweigens waren massiv, einerseits; andererseits hatte das Abschieben der Sexualität in den Untergrund aber auch etwas Aufregendes, ereignislos und bleiern waren die Zeiten keineswegs: Kindliche Sexualspiele, bei denen man sich nicht erwischen lassen darf, sind atemberaubender als sexualpädagogisch vor- und nachbereitete Doktorspiele unter den wohlwollenden Blicken der Eltern; puberale Masturbation zwischen Verlangen, Angst, Schuld und Triumph über Verbote ist aufwühlender als die auf- und abgeklärte Nutzung einer Lustmöglichkeit des Körpers, deren man sich bedient oder nicht. Alle Klischees über die 1950er sind richtig: der Sex auf dem Rücksitz des Käfers oder im Wald und auf der Heide, und wenn es schneite, eben im Schnee. Selbst wenn sie&#8217;s gedurft hätten, ins &#8222;Kinderzimmer&#8220; der elterlichen Wohnung, mit Kaffee trinkenden Eltern in der Küche nebenan, wie heute üblich, wären sie mit ihrer Liebsten oder ihrem Liebsten damals nicht gezogen. Rebellion, Abgrenzung von der Erwachsenenwelt, auch die Verachtung für deren verknöcherte Scheinheiligkeit, waren Stachel der Lust.</p>
<h2 class="auto-created">1968 und einige Folgen </h2>
<p>Vor Ausbruch der Studentenbewegung war der Widerspruch zwischen der offiziellen Moral einerseits und der sexuellen Realität und Moral junger Erwachsener andererseits ins Groteske gewachsen und nicht mehr auszuhalten. Und genau zu diesem Zeitpunkt, 1966, machten wir unsere erste umfangreiche Studie zur studentischen Sexualität. Ich nehme schon einmal vorweg, dass wir von da ab die Sexualität der Studentinnen und Studenten nicht mehr aus dem Blick verloren und im Abstand von jeweils 15 Jahren 1981 und 1996 wieder untersuchten.[6]</p>
<p>Doch zurück zu 1966. Schon die Begleitumstände unserer Studie zeigten, dass sie in Zeiten des Umbruchs erfolgte. Während der Rektor der Universität Freiburg unsere Bitte, auch an seiner Hochschule die Befragung durchführen zu dürfen, ebenso verbindlich wie klar mit dem Hinweis ablehnte, solche Fragen möge er seinen Student<i>innen</i> nicht zumuten, schickte der Präsident der Freien Universität Berlin eine Delegation des SDS-ASTAs nach Hamburg. Die Kommilitonen diskutierten mit den Sexualforschern lange darüber, ob solche Erhebungen nicht neue Normen installieren und den Anpassungsdruck erhöhen würden, ob also hinter der liberalen Fassade des Unternehmens repressive Gefahren lauerten. Es gelang uns nur knapp, die Berliner für das Projekt zu gewinnen; darüber hinaus hatten die Hamburger Forscher eine eindrucksvolle sexualpolitische Lektion erhalten und begannen, Herbert Marcuse zu lesen.</p>
<p>Die Ergebnisse unserer Studie fassten Hans Giese und ich damals so zusammen (ich zitiere wörtlich, weil ich den aus heutiger Sicht etwas antiquierten Sprachduktus nicht verhehlen will):</p>
<p><i>&#8222;Die Studenten (gemeint waren Studenten und Studentinnen, G.S.) zeigen nicht nur Verhaltensweisen, die nach der offiziellen Moral als &#8218;unsittlich&#8216; oder &#8218;unzüchtig&#8216; gelten, sie bejahen sie zugleich: Das gilt insbesondere für die voreheliche Sexualität. Die &#8218;Verstöße&#8216; gegen die offizielle Moral erfolgen ohne Bewusstsein einer Normverletzung. Die sexuelle &#8218;Devianz&#8216; (in Sachen traditioneller Moral) wird nicht einmal mehr als konflikthaft erlebt. Die offizielle Moral ist durch informelle Standards als normativer Bezugsrahmen längst ersetzt, nach ihnen, nicht nach den überkommenen Moralvorstellungen wird gewertet&#8220;.[</i>7]</p>
<p>Zugleich machten wir eine Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten aus, das heißt, die Studentinnen und Studenten erlaubten sich viel mehr als sie tatsächlich taten. Mit ein wenig liberalem 68er Pathos fuhren wir fort:</p>
<p><i>&#8222;Fast 50% der ledigen Studenten, Erwachsenen und seit Jahren geschlechtsreife Menschen, haben keine Koituserfahrung, das heißt, sie haben eine prominente Form und Möglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen nicht vollzogen. Diejenigen mit Erfahrungen, haben sexuelle Beziehungen mit geringen Frequenzen und beschränken ihre Aktivität in der Mehrzahl auf einen Partner&#8220;.</i>[8] (Die Missbilligung dieser Zustände ist unüberhörbar.)</p>
<p>Es gab einen doppelten Hiatus: Zwischen der offiziellen Moral und dem, was die Leute dachten einerseits und zwischen dem sexuellen Wünschen und sexuellen Machen andererseits Die 68er machten &#8211; neben vielem anderen &#8211; die sexuelle Heuchelei öffentlich und fegten sie beiseite. Eine sexualpolitische und -moralische Erschütterung ging durch <i>alle </i>westlichen Industriegesellschaften, und doch gab es deutsche Eigentümlichkeiten. Die Wohlanständigkeit der Eltern war in den Augen der Studentinnen und Studenten die Wohlanständigkeit von Mittätern und Mitläufern der Nazis, die über Sexualmoral tönten, um nicht über Kriegsschuld und Völkermord reden zu müssen. Ihre Fassade war besonders fadenscheinig.[9]</p>
<p>Deshalb faszinierte die deutschen StudentInnen Wilhelm Reich viel stärker als ihre US-amerikanischen oder europäischen Kommilitonen. Sie hatten auch das Glück, Raubdruck sei dank, Reich im Original lesen zu können und waren nicht auf seine verworrenen und verqueren im US-amerikanischen Exil entstandenen Revisionen angewiesen. Reichs &#8222;Massenpsychologie des Faschismus&#8220;[10] wurde so atemlos gelesen wie seine sexualpolitischen Werke aus den 1930er Jahren. In seiner Person verband sich das Nachdenken über bürgerliche Kleinfamilie, autoritärem Charakter und Faschismus mit dem Nachdenken über sexuelle Unterdrückung und Befreiung. Seine Botschaft war verlockend einfach: Sexualunterdrückung führt zum Bösen bis hin zum Faschismus; Sexualbefreiung erlöst vom Übel, von Aggression, sexuellen Verirrungen (für Reich gehörte auch die Homosexualität dazu) und der Lust an der Unterwerfung. Sexualität war das Primäre und darin steckt ihre Mystifizierung. Und diese teilten die Studenten mit ihren konservativen Widersachern: Letztere sahen in der Befreiung den Untergang des Abendlandes und beteten 1970 vor dem Bayerischen Kultusministerium in München gegen die Einführung der Sexualpädagogik an den Schulen; erstere (die Studenten) erhofften von der sexuellen Befreiung die Geburt des neuen (und das hieß: sozialistischen) Menschen und &#8222;beteten&#8220; auf ihren Demonstrationen für die Einführung nicht repressiver Sexualerziehung von der ersten Klasse an &#8211; nicht weil es vernünftig, sondern weil es &#8222;heilsbringend&#8220; schien.</p>
<p>Und beide (Konservative wie Studenten) glaubten einträchtig und inbrünstig an die transformative Kraft des Sexuellen: Sex war nicht nur Sex, sondern Aufbruch in eine bessere Welt oder Ruin der bürgerlichen Gesellschaft.</p>
<p>Was die Studentinnen und Studenten taten, war dabei ganz weltlich. Sie rissen Mauern ein, doch sie schleiften eine Burg, die ohnehin nur noch Ruine war und störte: Die Burg &#8222;frühkapitalistische Prüderie und Triebverzicht&#8220;, genauer Konsumverzicht. Sie fegten Verbote beiseite, die in der entwickelten Marktwirtschaft, in der Demokratie der Konsumenten, längst dysfunkional geworden waren und betrieben ein Stück bürgerlicher oder kapitalistischer Modernisierung. Objektiv waren die 68er systemkonformer als ihre Väter, die sich als Bewahrer und ihre Söhne und Töchter als Zerstörer des Systems begriffen, denn sie, die rebellischen Studenten, initiierten systemsichernde Reformen. Die Studentinnen und Studenten begriffen das allerdings schnell und folgten nun eher Herbert Marcuse, der in seinem Werk &#8222;Triebstruktur und Gesellschaft&#8220;[11] wohl als Erster beschrieben hatte, wie <i>freigegebene Sexualität </i>&#8211; die orgastische Potenz Reichs hin und her &#8211; vereinnahmt und als Mittel gesellschaftlicher Kontrolle und kapitalistischer Effizienz genutzt werden kann. &#8222;Repressive Entsublimierung&#8220; war ein zentraler Topos in Reimut Reiches &#8222;Sexualität und Klassenkampf&#8220;[12], der theoretisch anspruchvollsten Äußerung der 68er zum Thema &#8222;Sexualität&#8220;.</p>
<p>Doch die sexuelle Modernisierung der späten 1960er und 1970er Jahre, die bei aller Begrenzung und &#8222;Systemimmanenz&#8220; Ketten sprengte, war nicht nur eine Sache der Studentinnen und Studenten. Sie war schicht-, generations- und vorliebenübergreifend. Jede Gruppe hatte ihre Agenten: <i>Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten </i>hatten Günter Amendt und seine &#8222;Sexfront&#8220;[13], für mich der schönste, frechste und un-verklemmteste Beitrag der 68er zur sexuellen Frage. (Er sprach, wohl als erster, mit Ironie und Witz über Sex, inszenierte ihn gelegentlich auch als Groteske und begründete eine Kommunikation über Sexualität, die die Massenmedien heute längst adoptiert haben.) <i>Bürgerliche Erwachsene</i> hatten Oswald Kolle, untere Ausbildungsschichten Beate Uhse. Und <i>Schwule </i>hatten Rosa von Praunheim, der mit seinem Film &#8222;Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt&#8220; die zweite Schwulenbewegung zündete, und sie hatten Martin Dannecker und Reimut Reiche, die in einer großen und originellen empirischen Studie den &#8222;gewöhnlichen Homosexuellen&#8220;[14] beschrieben. Kolle und Uhse werden in ihrer Bedeutung gleichermaßen unterschätzt: Kolle versuchte behutsam, Paaren das Sprechen über Sexualität nahe zu bringen, und zwar solchen, denen die Studentenbewegung fremd und unheimlich blieb; Uhse besorgte mit Macht und Umsicht die Kontrazeption in der Republik, bis hin zur Entwicklung einer Kosten sparenden Trockenvorrichtung für ausgewaschene, wieder verwendbare Präservative.</p>
<p>Bis Mitte der 1970er war der Prozess der Liberalisierung im Großen und Ganzen abgeschlossen. Unsere 1981er Untersuchung an Studentinnen und Studenten machte Ausmaß und Grenzen des Liberalisierungsprozesses empirisch beschreibbar und dokumentierte erhebliche Veränderungen innerhalb eines kurzen Zeitraums von nicht einmal eineinhalb Jahrzehnten. Wir resümierten:</p>
<p><i>&#8222;Das 1966 relevante Spannungsverhältnis zwischen permissiven Einstellungen zur vorehelichen Sexualität und einer relativ geringen vorehelichen Koituserfahrung, besonders bei Frauen, ist 1981 nivelliert zu einer kongruenten Einstellungs-Verhaltens-Permissivität. &#8230; Die voreheliche Sexualität &#8230; ist in einem relativ kurzen Zeitraum zu einer ubiquitären Erscheinung geworden.&#8220;[</i>15]</p>
<p>Der Kern der &#8222;Sexuellen Revolution&#8220; lässt sich in der Tat einfach benennen: Die Ehe verlor ihr Monopol, Sexualität zu legitimieren, eheliche und nichteheliche Sexualität wurden gleich gestellt. Dieser Prozess hat viele Erscheinungsformen: Verheiratete und unverheiratete Erwachsene unterschieden sich nun kaum noch in ihrer sexuellen Aktivität; nichteheliche Beziehungs- und Familienformen wurden häufiger und salonfähig; schwule und lesbische Sexualität brachen aus dem Ghetto des Verbotenen und Abnormen und wurden zu &#8222;gesunden&#8220; Variationen menschlicher Sexualität; und Jugendsexualität wurde üblich und gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Der Umbruch jugendlichen Sexualverhaltens erfolgte Ende der 1960er, Anfang der 1970er, eben auf der Höhe der &#8222;Sexuellen Revolution&#8220;. Die &#8222;Pille&#8220;, die in den 1960ern auf den Markt kam, trug zu dieser Entwicklung bei. Doch ihr Einfluss sollte nicht überschätzt werden, denn nur jedes fünfte Mädchen verhütete in den 1970ern beim ersten Verkehr mit der Pille. Die Liberalisierung war kein pharmakologisches Ereignis, wie gelegentlich behauptet wird. Seit den 1970ern ist im Hinblick auf das Alter beim ersten Geschlechtsverkehr übrigens nicht mehr so viel passiert.[16] Die &#8222;Subjekte&#8220; der Jugendsex-Revolution sind heute gut 50 Jahre alt, also die Eltern der heutigen jungen Generation.</p>
<p>Aus den Experimenten der Berliner Kommunen 1 und 2 entwickelte sich eine neue, solide Lebensform Jugendlicher und junger Erwachsener: die WG, in der heute gut 20 Prozent der Studentinnen und Studenten wohnen, ganz pragmatisch, ganz unideologisch, ganz un-promisk. In meiner Generation hatten nun (Anfang der 1970er) die meisten ihr Coming out gehabt oder sich aus ihrer Ehe verabschiedet, die in der Regel gar nicht zerrüttet war. Das Beziehungsparadigma wurde gewechselt: Es folgte nun, wie Zygmunt Bauman zufolge das Leben überhaupt, dem Prinzip der Fitness, nicht mehr dem Prinzip der Gesundheit.[17] Bis dahin galt eine Beziehung als gut, solange sie nicht schlecht war, Langeweile und begrenzter Austausch, sexuell und emotional, galten nicht als &#8222;ungesund&#8220;. Nun aber fragten Mann und Frau sich, ob es nicht höher und weiter ginge, ob irgendwo mehr Abenteuer, mehr Nähe, mehr Intimität, mehr Aufregung, mehr Auseinandersetzung warteten. Lust und Drang sich umzusehen, nicht zu rosten, wurden größer. Aus dem Paar, das ehemals durch Institutionen, basale Aufgaben und rollenbedingte wechselseitige Abhängigkeiten zusammengehalten wurde, wurde ein rekreatives und Erlebnisteam. Beziehungen wurden &#8222;pur&#8220;, ihnen fehlen seitdem äußere Anker und sie bestehen in der Regel nur so lange sie für beide ein befriedigendes Maß an Intimität und Sich-Wohlfühlen gewährleisten. Sie sind potenziell periodisch und so wurde serielle Monogamie zur gängigen Verkehrsform. Zwischen den Monogamien ist man Single. Der Single entstand als neue Figur, Held und Heroine unabhängiger und unbändiger Sexualität &#8211; in der Phantasie und in den Medien; in der Realität meist unglücklich, nur im Wartestand auf den Nächsten oder die Nächste, sexuell eher depraviert und missgestimmt, eine Nebenfolge serieller Beziehungen. Die Ehe verlor ihr zweites Monopol: das Monopol, Beziehungen zu definieren. Ein Paar ist nun dort, wo zwei Menschen sagen, dass sie eines sind, unabhängig vom Personenstand &#8211; und vom Geschlecht der Partner. Als Folge dieser Entwicklungen leben immer mehr Kinder in einem Kunterbunt von Lebens- und Familienformen, ihre familiäre Welt wird vielfältiger, unübersichtlicher, fluider.[18]</p>
<h2 class="auto-created">Entmy&shy;sti&shy;fi&shy;zie&shy;rung </h2>
<p>Doch zurück in die Vergangenheit. Ende der 1970er Jahre begann sich der Blues über Liebeslandschaften zu legen. Sex und Beziehungen hatten sich geändert, aber hohes Hoffen nicht erfüllt, das Glück &#8211; politisch wie privat &#8211; wollte sich nicht einstellen. Der Abgesang auf die &#8222;sexuelle Befreiung&#8220; wurde am schönsten in den von Volkmar Sigusch und Hermann Gremliza herausgegebenen Heften &#8222;Sexualität konkret&#8220; (19791986) [19] intoniert. &#8222;Erotik ist nur noch Alleinsein&#8220;, hieß es dort ebenso kulturpessimistisch wie wehleidig, und Bod Dylan nuschelte im Hintergrund. Tieftraurig begann einwichtiger Prozess: die Entmystifizierung der Sexualität von ihrer Überfrachtung mit Bedeutungen.</p>
<p>Doch vorher gab es noch etwas anderes zu erledigen, und das nahmen die Frauen in die Hand: Die Zivilisierung des durch die Liberalisierung deregulierten freien Liebesmarktes und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen auf diesem Markt. Feministinnen setzten auf den <i>liberalen Diskurs </i>der 1960er Jahre den Selbstbestimmungsdiskurs der späten 1970er und 1980er. Sie thematisierten sexuelle Herrschaft und Gewalt von Männern und eröffneten ein Thema nach dem anderen: Vergewaltigung, Prostitution, Kindesmissbrauch, Pornographie, sexuelle Belästigung und &#8211; allen voran Alice Schwarzer mit ihrem Buch &#8222;Der kleine Unterschied und seine großen Folgen&#8220;[20] &#8211; Machtausübung und -demonstration in der alltäglichen und herkömmlichen Heterosexualität.</p>
<p>In der Umgestaltung der Heterosexualität war der Feminismus schließlich ein überaus erfolgreiches Projekt. Die Gewaltdebatten brachten einen Sensibilsierungsschub bei Frauen, aber auch bei Männern, gegenüber Zwang und Herrschaftsausübung in der Sexualität hervor &#8211; und einen neuen Sexualcode, der die alten Verbote nicht wieder beleben, sondern den sexuellen Umgang ziviler machen wollte. Das Ergebnis habe ich Verhandlungsmoral, andere Konsensmoral genannt. Beurteilte die alte Moral <i>sexuelle Akte </i>&#8211; nichtehelichen Sex, gleichgeschlechtlichen Sex usw. &#8211; weitgehend unabhängig vom Kontext als &#8222;verwerflich&#8220;, so kommt es heute nicht mehr darauf an, <i>was </i>zwei (oder auch mehr) Partner miteinander machen, sondern <i>wie </i>es zu Stande kommt. Ob hetero-, bi- oder homosexuell, oral oder anal, zart oder ruppig, bieder oder raffiniert, normal oder pervers, mit Liebe oder ohne, ist moralisch ohne Belang. Von Belang ist, dass es vereinbart wird. Nicht äußere Autoritäten &#8211; der Staat, die Kirche &#8211; bestimmen das Richtig oder Falsch, sondern die Akteure. Insofern ist die Verhandlungsmoral demokratisch, sie ist eine Moral &#8222;von unten&#8220;, ein &#8222;Grassroots&#8220;-Phänomen. Auch Kondome und<i> safe sex </i>können ausgehandelt werden, und so wurde Verhandlungsmoral zu einem wichtigen Faktor der Vorbeugung von HIV-Infektionen und AIDS &#8211; und trug dazu bei, dass nach anfänglichen Irritationen, Ängsten und katastrophistischen Übertreibungen der Gefahr für die gesamte Bevölkerung Mitte der 1980er Jahre[21], die Bedrohung realistisch wahrgenommen werden konnte und dass die Krise das Sexualverhalten heterosexueller Männer und Frauen hier zu Lande nur wenig beeinflusste.</p>
<p>Das zeigte unter anderem unsere 1996er Studentenstudie. Die Verhaltensänderungen zwischen 1981 und 1996 sind sehr viel geringer als die zwischen 1966 und 1981. Auf den ersten Blick erscheinen die 1996er wieder etwas konventioneller zu sein, so nimmt z.B. die Treueneigung in festen Beziehungen wieder leicht zu. Diese Veränderungen hielten wir eher für pragmatisch als für moralisch motiviert und argumentierten so:</p>
<p><i>&#8222;Suchte man nach einer Formel für ihre (der 1996er Studenten/innen, G.S.) Sexualität, so träfe &#8218;pragmatisch&#8216; und &#8218;folgenabgeschätzt&#8216; die Verhältnisse wohl am besten. Sexualität wird als ein Bereich der Planbarkeit und Kommunikation konzipiert. Noch nie wurde so gut verhütet, noch nie gab es so wenige ungewollte Schwangerschaften und Abtreibungen, noch nie so wenige Geschlechtskrankheiten wie 1996. Die Sensibilität der Männer &#8211; die der Frauen ohnehin &#8211; für sexuelle Grenzverletzungen ist groß&#8220;.[</i>22]</p>
<p>Lange glaubte ich, eine solche Pragmatik im Sexuellen oder Konzepte wie die Verhandlungsmoral gründeten sich auf einen beinahe rührenden Glauben an die Rationalisierbarkeit der Sexualität. Aber konfrontiert sie uns nicht vielmehr mit unserem rührenden Glauben an deren Irrationalität? Ehrwürdige Bilder und Konzepte unserer Kultur werden heute in Frage gestellt: Sexualität als Trieb und Wildheit, als schicksalsträchtige Kraft, teuflisch verlockend und höllisch gefährlich; Sexualität als letzter Hort unverstellter menschlicher Natur, als unbändige tabusprengende und transformative Kraft; Sexualität als ewiges Drama, als Verstrickung auf Leben und Tod. Diese alten Geschichten über den Sex &#8211; jenseits von Gut und Böse, jenseits der Vernunft, jenseits von allem &#8211; sind keineswegs verschwunden, wir hören sie gelegentlich noch von der Psychoanalyse, bisweilen auch von der Sexualwissenschaft, wir sehen sie im Kino und wir lesen sie in der schönen Literatur. Die Autoren oder Regisseure sind meistens ältere Männer (man denke an Verhoevens &#8222;Basic instinct&#8220;, Stanley Kubricks &#8222;Eyes wide shut&#8220;, Roman Polanskis &#8222;Bitter moon&#8220; oder an Philip Roths letzte Romane), und ihre Geschichten wirken wie ein trauriges Hello and Good bye an die kulturelle Form der Erotik ihrer Jugend, an den Sexualmythos ihrer (und auch meiner und der 68er) Generation. Ich goutiere ihre Geschichten gerne und mit nostalgischem Schauer und weiß doch, dass diese Form der Erotik wie der Protagonist in Roths Roman ein &#8222;Dying animal&#8220; ist. Wir haben uns längst verabschiedet von dem schaurig-schönen, schwarzromantischen bürgerlichen Drama der Sexualität, vom Mythos der Verdammung und Erlösung durch den Sex, der Mythos, der die rebellischen Studenten und die Fundamentalisten so innig einte.</p>
<p>Kein &#8222;Trieb&#8220; treibt uns mehr zum Sex, sondern die Suche nach Affekten, Reizen, Vergnügungen, &#8222;thrills&#8220;, Bedeutungen verlockt uns; nicht Befriedigung im Sinne von Ruhe oder Bedürfnislosigkeit ist das Ziel, sondern das Spiel mit Erregungen, Erlebnissen und Empfindungen, die Nutzung der Ressource Sex. Zygmunt Bauman hat die Quintessenz zeitgenössischer, spätmoderner Sexualität besonders treffend formuliert: &#8222;Verlangen verlangt nicht nach Befriedigung. Im Gegenteil, Verlangen verlangt Verlangen&#8220;.[23] Die Studenten im Jahr 1966 hätten mit diesem Satz vermutlich nichts anfangen können, wir beginnen ihn zu verstehen.</p>
<p>&#8222;Sex ist so schön wie Skifahren, und das will was heißen&#8220; schreibt ein Student unserer letzten Studie auf die Frage, was ihm Sexualität bedeute; &#8222;gehen wir ins Bett oder ins Kino&#8220;, erwägt ein junges Paar und täte beides gleich gerne. Oberflächlich und ein wenig banal, könnte man nörgeln. Aber es ist entmystifizierter, entdramatisierter Sex. Entdramatisierung geht einher mit der Option, über seine Sexualität verfügen zu können, sie auf die Tagesordnung zu setzen und wieder runter, ihre Kosten und Gewinne pragmatisch und effektiv zu kalkulieren. Das designierte Verlangen ist die Metapher, die an die Stelle der alten Metapher des mächtigen, irrationalen Triebes tritt. Und so scheint es, als hätten wir die Sexualität zu Beginn des Jahrtausends gründlich entrümpelt: von religiösen Vorschriften, vom Patriarchat (fast) und von der schwarzen Romantik des Bürgertums und der Psychoanalyse. Das ist nicht wenig für einen Zeitraum von 50 Jahren. Und die 68er haben diesen Wandel, wenn nicht bewirkt, so doch kräftig beschleunigt.</p>
<p>[1] Tom Wolfe. Ich bin Charlotte Simmons. Blessing, München 2005, S. 732 f.</p>
<p>[2] Dieter Schiefelbein. Wiederbeginn der juristischen Verfolgung homosexueller Männer in der Bundesrepublik Deutschland. Die Homosexuellen-Prozesse in Frankfurt am Main 1950/51. Zeitschrift für Sexualforschung 5, 59-73, 1992.</p>
<p>[3] Dietrich Haensch. Repressive Familienpolitik. Sexualunterdrückung als Mittel der Politik. Rowohlt, Reinbek 1969.</p>
<p>[4] Ludwig v. Friedeburg. Die Umfrage in der Intimsphäre. Enke, Stuttgart 1953.</p>
<p>[5] STERN Nr. 45-50, 1963.</p>
<p>[6] In den drei Erhebungen wurden jeweils zwischen 2000 und 3600 Studentinnen und Studenten von 12 bis 15 Universitäten befragt (Geburtsjahrgänge 1936 bis 1976); vgl. Hans Giese und Gunter Schmidt. Studenten-Sexualität. Verhalten und Einstellung. Rowohlt, Reinbek 1968; Ulrich Clement. Sexualität im sozialen Wandel. Eine empirische Vergleichsstudie an Studenten 1966 und 1981. Enke. Stuttgart 1986; Gunter Schmidt (Hg.) Kinder der sexuellen Revolution. Kontinuität und Wandel studentischer Sexualität.1966-1996. Psychosozial, Gießen 2000.</p>
<p>[7] Giese und Schmidt, a.a.O., S. 392.</p>
<p>[8] ebd., S. 395.</p>
<p>[9] Vgl. dazu Dagmar Herzog. Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Siedler, München 2005.</p>
<p>[10] Wilhelm Reich. Massenpsychologie des Faschismus. Sexpol, Kopenhagen 1933.</p>
<p>[11] Herbert Marcuse. Triebstruktur und Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1967.</p>
<p>[12] Reimut Reiche. Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung. Neue Kritik, Frankfurt a. M. 1968.</p>
<p>[13] Günter Amendt. Sexfront. März, Frankfurt a. M. 1970.</p>
<p>[14] Martin Dannecker und Reimut Reiche. Der gewöhnliche Homosexuelle. Fischer, Frankfurt a. M. 1974.</p>
<p>[15] Ulrich Clement, a.a.O., S. 76 f., S. 79.</p>
<p>[16] BZgA (Hg.). Jugendsexualität. Wiederholungsbefragung von 14-bis 17-Jährigenund ihren Eltern. Ergebnisse der Repräsentativbefragung aus 2005. BZgA, Köln 2006.</p>
<p>[17] Zygmunt Bauman. Über den postmodernen Gebrauch der Sexualität. In Gunter Schmidt und Bernhard Strauß (Hg.). Sexualität und Spätmoderne. Psychosozial, Gießen 2001.</p>
<p>[18] Vgl. zu dieser Entwicklung u.a. Gunter Schmidt, Silja Matthiesen, Arne Dekker und Kurt Starke. Spätmoderne Beziehungswelten. Report über Partnerschaft und Sexualität in drei Generationen. Verlag Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006.</p>
<p>[19] Volkmar Sigusch und Hermann Gremliza (in Verbindung mit Ingrid Klein) (Hg.). Sexualität konkret. Heft 1-7, konkret Verlag, Hamburg 1979 &#8211; 1986.</p>
<p>[20] Alice Schwarzer. Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Fischer, Frankfurt a. M. 1975</p>
<p>[21] Gunter Schmidt. Aids, Moral und Volksgesundheit. In ders. Das große Der Die Das. Über das Sexuelle. Reinbek, Rowohlt 1988.</p>
<p>[22] Schmidt (Hg.), a.a.O., S. 32.</p>
<p>[23] Zygmunt Bauman, a.a.O., S. 20.</p>
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			</item>
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		<title>Die antiautoritäre Erziehung</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/die-antiautoritaere-erziehung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 19:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Bilanz nach vierzig Jahren von einem Mitbegründer der Berliner Kinderläden, aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S. 47-53 1. Die verbrei&#173;teten Bilanzen der antiau&#173;to&#173;ri&#173;t&#228;ren Erziehung Die Bilanzen der antiautoritären Erziehung sind unübersehbar. Sie sind aber immer noch aufregend. Sie reichen vom Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka (1973) über den Berliner Schulrat Herbert Bath (1974) bis zum pensionierten [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Bilanz nach vierzig Jahren von einem Mitbegründer der Berliner Kinderläden,</p>
<p>aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S. 47-53</p>
<h2 class="auto-created">1. Die verbrei&shy;teten Bilanzen der antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung </h2>
<p>Die Bilanzen der antiautoritären Erziehung sind unübersehbar. Sie sind aber immer noch aufregend. Sie reichen vom Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka (1973) über den Berliner Schulrat Herbert Bath (1974) bis zum pensionierten Direktor des Edelinternats Salem am Bodensee Martin Bueb (2007). Die vielen Bilanzen können hier nicht bilanziert werden. Nur die wichtigsten Bilanzen, die zeigen, wer die Macht im Ausbildungssektor in Deutschland hatte und hat, sollen vorgestellt werden.</p>
<h2 class="auto-created">1.1 Die P&auml;dagogik der neuen Linken </h2>
<p>Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka ordnet die antiautoritäre Erziehung in die &#8222;Pädagogik der neuen Linken&#8220; ein:</p>
<p>Sie hat den Charakter, die Gesellschaftsordnung der BRD zu gefährden.</p>
<p>Die antiautoritäre Erziehung umfasst drei Themenkreise:</p>
<blockquote>
<p class="bodytext">1. Die Kritik der kapitalistischen Autorität <br />2. Die Utopie einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft <br />3. Die Erziehung als Mittel, diese Utopie zu verwirklichen. </p>
</blockquote>
<p>Die antiautoritäre Erziehung interpretiert die &#8222;kapitalistische Autorität&#8220; als ein für die Erziehung freier Menschen &#8222;ungünstiges Milieu&#8220;. (W. Brezinka: Die Pädagogik der neuen Linken. Stuttgart 1973, S. 29) Dieses Milieu lässt den Einzelnen seine Potentiale nicht voll entfalten. Der neue Mensch kann im Kapitalismus nicht entstehen.</p>
<p>Die Utopie einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft denkt an den allseitigen Menschen. Dieser allseitige Mensch ist Ziel der antiautoritären Erziehung. Dieser Mensch soll sich aus den Abhängigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft lösen. Er soll die bestehende Gesellschaft total negieren lernen. Er soll sich &#8222;vor dem Kapitalismus ekeln&#8220;. (S. 41) Die antiautoritäre Erziehung pflegt deshalb einen Erziehungsstil, der durch &#8222;Verzicht auf Führung, auf Strenge, auf Strafen besteht und extreme Toleranz gegenüber dem kindlichen Fehlverhalten beinhaltet.&#8220; (S. 46) Das freie Ausleben von Sexualität und Aggression im Kindesalter wird Mittel der antiautoritären Erziehung (S. 47).</p>
<p>Die Bilanz von Wolfgang Brezinka lautet: &#8222;Die antiautoritäre Erziehung lehnt die BRD ab und will zum Widerstand gegen die Demokratie erziehen. Sie bekämpft das Nationalgefühl und unterminiert die Zugehörigkeit des Einzelnen zum deutschen Volk.&#8220; (S. 59) Die antiautoritäre Erziehung muss deshalb mit allen Mitteln bekämpft werden. Denn: &#8222;Sie will den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat durch einen sozialistischen Gesinnungsstaat ersetzen.&#8220; (W. Brezinka: Erziehung und Kulturrevolution. München 1974, S. 220)</p>
<h2 class="auto-created">1.2 Die P&auml;dagogik der sexuellen Revolution </h2>
<p>Der Berliner Schulrat Herbert Bath ordnet die antiautoritäre Erziehung in die Modeströmung &#8222;Emanzipatorische Erziehung&#8220; der 60er Jahre ein:</p>
<p>Das Wesen der antiautoritären Erziehung ist das Ermöglichen des &#8222;sofortigen sexuellen Paradieses&#8220;. (H. Bath: Emanzipation als Erziehungsziel. Regensburg 1974, S. 111) Da die bürgerliche Familie die Sexualität unterdrückt, will die antiautoritäre Erziehung sie durch freie Sexualität ersetzen. Sexuelle Freiheit besteht in der Befreiung von Herrschaft vom Erzieher. Nachdem diese Illusion gescheitert war, erklärt Bath, wandten sich die antiautoritären Erzieher dem Neo-Stalinismus zu.</p>
<p>Baths Bilanz: Antiautoritäre Erziehung ist für Bath seit 1969 ein klarer &#8222;Angriff auf die Legitimität unserer Lebensordnung.&#8220; (S. 147)</p>
<h2 class="auto-created">1.3 Die P&auml;dagogik des Hasses </h2>
<p>Der Pädagoge Karl Erlinghagen meint, die Forderung nach Abbau von Autorität sei das Wesen der Kinderläden:</p>
<p>Autorität wurde von den Kinderläden mit &#8222;einer ans Psychopathische grenzenden Aggression in Frage gestellt.&#8220; (K. Erlinghagen: Autorität und Antiautorität. Heidelberg 1973, S. 43) Die Kinderläden entstanden aus dem Wunsch studentischer Mütter, die &#8222;mit den Kinderläden von ihren Kindern frei sein wollten, um ihre radikalen Überzeugungen in politischen Protestaktionen äußern zu können.&#8220; (S. 47) Das Mittel der antiautoritären Erziehung war das &#8222;Kollektivleben&#8220; (S. 48). Hier wurden die Kinder &#8222;zu Protest und Kritik gegenüber der Erwachsenenwelt erzogen und gegen jeglichen Ordnungszwang immun gemacht.&#8220; (S. 48)</p>
<p>Erlinghagens Bilanz: Die antiautoritäre Erziehung ist eine &#8222;Erziehung zu Protest, Auflehnung, Hass, Konflikt und Kampf.&#8220; (S. 52)</p>
<h2 class="auto-created">1.4 Die P&auml;dagogik des Wahnsinns </h2>
<p>Der Salemer Internatsdirektor Martin Bueb fasst 2006 in seinem pädagogischen Bestseller &#8222;Lob der Disziplin&#8220;, der Ausdruck neuer Rückschritte in der Erziehungswissenschaft ist, seine Bilanz der antiautoritären Erziehung folgendermaßen zusammen:</p>
<blockquote>
<p class="bodytext">1. &#8222;Der Begriff der antiautoritären Erziehung war schon deswegen absurd, weil Erziehung ohne Autorität keine Erziehung ist.&#8220; (S. 58f.)
</p>
<p class="bodytext">2. &#8222;Erziehung ohne Autorität war eine pädagogische Heilslehre.&#8220; (S. 67) Alle antiautoritären Erziehungsmodelle &#8222;verhedderten sich im Geflecht ihrer romantischen Prämissen und gingen ein.&#8220; (S. 68)
</p>
<p class="bodytext">3. Die antiautoritäre Erziehung &#8222;führte zu neuen psychischen Verwirrungen, die junge Menschen auf neue Art liebes- und arbeitsunfähig machten&#8230; Viele Neurosen in der damaligen Zeit entpuppten sich als Folge mangelnder klarer Führung und Disziplin.&#8220; (S. 69)
</p>
<p class="bodytext">4. Die einzige Heilung für die neurotische Jugend besteht in autoritärer Erziehung, &#8222;der Heilung durch Disziplin.&#8220; (S. 69)
</p>
<p class="bodytext">5. &#8222;Wir müssen uns dazu durchringen, legitime Macht als Autorität anzuerkennen, die Macht Gottes, die Macht des Staates und die Macht der Erziehungsberechtigten.&#8220; (S. 60)
</p>
<p class="bodytext"> </p>
</blockquote>
<h2 class="auto-created">2. Wissen&shy;schaft&shy;liche Forschungen zur antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung </h2>
<p>Nach diesen ideologischen Bilanzen wird es jetzt Zeit, auf die wissenschaftliche Erforschung der antiautoritären Erziehung einzugehen.</p>
<h2 class="auto-created">2.1 Das Konzept der antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung nach Wera Schmidt im Kinder&shy;la&shy;bo&shy;ra&shy;to&shy;rium Moskau und die prole&shy;ta&shy;risch-re&shy;vo&shy;lu&shy;ti&shy;o&shy;n&auml;re Wende </h2>
<p>Die ersten Kinderläden bezogen sich auf das Konzept antiautoritärer Erziehung von Wera Schmidt aus dem Kinderlaboratorium Moskau, das von 1921 bis 1925 arbeiten konnte.</p>
<p>Wera Schmidt ging bei der Kleinkinderziehung vom 3. bis 5. Lebensjahr von folgenden Grundsätzen aus, die aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds gewonnen worden waren:</p>
<blockquote>
<p class="bodytext">1. Das Kleinkind steht stärker als der Erwachsene unter dem Einfluss des Unbewussten.
</p>
<p class="bodytext">2. Das Kleinkind steht unter der Herrschaft des Lustprinzips.
</p>
<p class="bodytext">3. Das Kind äußert das Lustprinzip in einem reichhaltigen Sexualleben, das polymorph-<br />pervers genannt werden kann.
</p>
<p class="bodytext">4. Die Sexualentwicklung des Kleinkindes durchläuft im Alter von 3-5 Jahren die Stufen des Autoerotismus bis zur Objektwahl.
</p>
<p class="bodytext">5. Im Streit zwischen Sublimierung und Verdrängung setzt die antiautoritäre Erziehung auf Sublimierung.
</p>
<p class="bodytext">6. Die sich entwickelnde Objektwahl ermöglicht es, dass das Kind das Lustprinzip aufgibt und sich dem Realitätsprinzip annähert. Dabei spielt die Bindung an die Erziehungsperson eine entscheidende Rolle.
</p>
<p class="bodytext">7. Der Erfolg der antiautoritären Erziehung hängt von folgenden Faktoren ab: </p>
<ul>
<li>Herstellung einer engen Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson. </li>
<li>Integration des Kindes in eine altershomogene Gruppe.                </li>
<li>Herstellung günstiger äußerer Verhältnisse. </li>
</ul>
<p class="bodytext">8. Die antiautoritäre Erziehung zielt auf folgende Entwicklungsziele: </p>
<ul>
<li>Anpassung an Realität.</li>
<li>Beherrschung der Reinlichkeit.                         </li>
<li>Anbahnung der Sublimation infantiler Sexualtriebe. </li>
</ul>
<p class="bodytext">9. Die Erziehungsmittel der antiautoritären Erziehung heißen:</p>
<ul>
<li> Es gibt keine Strafen.</li>
<li>Triebbeschränkungen müssen kindgemäß entwickelt werden.</li>
<li> Das Kind soll aus Liebe zu den Bezugspersonen auf gewisse Triebbefriedigungen verzichten. </li>
</ul>
<p class="bodytext">10. Die Erzieher müssen im Umgang mit den Kindern ihre sexuelle Frustration überwinden. </p>
</blockquote>
<p>(Wera Schmidt: Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland. Leipzig 1924)</p>
<p>Dieses Konzept von Wera Schmidt wurde in den ersten Kinderläden durch gruppenanalytische Elternarbeit gestützt. Von politischer Indoktrination, sexueller Revolution, Erziehung zum Hass und zum Wahnsinn kann bei der antiautoritären Erziehung der Jahre 1968-1970 gar keine Rede sein. Es wurde Sigmund Freud ebenso gelesen wie Nelly Wolfheim: &#8222;Psychoanalyse und Kindergarten&#8220; oder Siegfried Bernfeld: &#8222;Antiautoritäre Erziehung und Psychoanalyse&#8220; oder A.S. Neill: &#8222;Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill.&#8220; Ab 1970 gab es den Übergang von der antiautoritären zur proletarisch-revolutionären Erziehung, die allerdings für die Kinderladenpraxis keine Bedeutung gewann. Einige Kinderläden lasen aber die einschlägigen Schriften der Revolutionspädagogen der 20er Jahre: Edwin Hoernle, O.F. Kanitz, Otto Rühle (L. v. Werder 1972, 1974, 2007). Eine Umsetzung dieser revolutionären Theorie in die Kinderladenpraxis blieb aus.</p>
<h2 class="auto-created">2.2 Autorit&auml;t im Vorschul&shy;alter in der Bundes&shy;re&shy;pu&shy;blik um 1970 </h2>
<p>Die empirische Studie von Gertrud Beck &#8222;Autorität im Vorschulalter&#8220; von 1973 zeigt: Vorschulkinder in der BRD &#8222;erfahren die Realität von Familie und Umwelt nur durch Autorität vermittelt.&#8220; (S. 117) Sie können Autoritäten nicht hinterfragen. (S. 118)</p>
<p>Becks Bilanz ist: Kleinkinder agieren im Vorschulalter in den staatlichen Kindergärten ihre Aggression ziellos aus und entwickeln damit die Basis für typische Sündenbock-Projektion oder für Apathie. Von der Gesellschaft wissen sie nichts. (S. 120)</p>
<p>Zwei Studien befassen sich speziell mit der Realität der antiautoritären Erziehung in Kinderläden in den Jahren 1973 und 75. Die Erziehungswissenschaftlerin Franziska Henningsen hat 1973 antiautoritär und konventionell erzogene Kinder im Vergleich untersucht. Ihre Ergebnisse lauteten:</p>
<p>1. Die antiautoritär erzogenen Kinder waren origineller. Ihre triebhaften Impulse waren weniger zensiert. Sie hatten eine gute Disposition zur Ich-Entwicklung und verfügten über einen erhöhten Ideenreichtum.</p>
<p>2. Die konventionell erzogenen Kinder hatten ein schwaches Ich, einen geringen Grad an Gedankenoriginalität. Das stärkere Über-Ich führte bei ihnen zur Beschränkung von Neugier und Wissensaneignung.</p>
<p>Henningsens Bilanz lautete: &#8222;Von Perversität, entmenschter Apo-Pest und Sittenverfall konnte bei antiautoritär erzogenen Kindern keine Rede sein.&#8220; (F. Henningsen: Kooperation und Wettbewerb. Antiautoritär und konventionell erzogene Kinder im Vergleich. München 1973, S. 158f.)</p>
<p>Eine Untersuchung des Erzieherverhaltens in Kinderläden von der Pädagogin Ulrike Dolezal von 1975 unter dem Titel &#8222;Erzieherverhalten in Kinderläden&#8220; (Wiesbaden 1975) kommt zu folgendem Ergebnis:</p>
<p>Die Erzieher in Kinderläden sind weniger lenkend. Positiv fällt bei ihnen auf: &#8222;Das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Erziehern und Kindern, das Ernstnehmen der kindlichen Probleme, das Mehr an Zuwendung und der vermehrte körperliche Kontakt sind signifikant.&#8220; (S. 194f.) Allerdings &#8222;klaffen zwischen den erzieherischen Soll-Vorstellungen und dem tatsächlichen Handeln der Erzieher noch Lücken.&#8220; (S. 195)</p>
<p>Diese positiven Resultate der Kinderläden im Übergang der Kinder in die Schule lassen sich ergänzen. Noch 1975 stellte Ilse Reichel, Senatorin für Familie, Jugend und Sport in Berlin fest: &#8222;Vor allem aufgeschlossene Lehrer berichten von positiven Erfahrungen mit Kindern und Eltern aus Kinderläden.&#8220; (J. Roth: Eltern erziehen Kinder, Kinder erziehen Eltern. Frankfurt 1976, S. 145) Jürgen Roth stellt 1976 fest: &#8222;Schüler aus den Kinderläden der Anfangszeit zählen heute zu den in den Schulen stabilen Schülern.&#8220; (J. Roth, a.a.O.)</p>
<p>Antiautoritär erzogene Kinder waren auch deshalb die besseren Schüler, weil ihr Interesse intensiver und ihre sozialen Kontakte freier waren. Diese Resultate scheinen den autoritären Bilanzierern der antiautoritären Kinderläden von Brezinka bis Bueb bis heute völlig unbekannt geblieben zu sein.</p>
<h2 class="auto-created">3. Meine Bilanz der antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung </h2>
<p><b>3.1. Aspekte der Kritik </b></p>
<p>1. Die antiautoritäre und proletarisch-revolutionäre Erziehung war spätestens seit 1973, zusammen mit der antiautoritären Studentenbewegung, tot. Sie wurde in etwa 100 Kinderläden praktiziert und erreichte damit 1200 Kleinkinder, etwa 2400 Eltern und etwa 200 Erzieher. Das Experiment antiautoritärer Erziehung blieb angesichts der konservativen Kräfte absolut marginal. Es blieb Inselpädagogik wie A. S. Neills Summerhill.</p>
<p>2. Die antiautoritäre Erziehung entstand erst in der Phase politischer Resignation der Studentenbewegung von 1968. Die Organisation von selbstbestimmten Kinderkollektiven war somit eine Illusion.</p>
<p>3. Die subjektive Kreativität und der flexible Sozialcharakter, auf den die antiautoritäre Erziehung zielte, hatte gegen den Missbrauch der Autorität in Deutschland vor 40 Jahren überhaupt keine Chance.</p>
<p>4. Die Kinder in den Kinderläden sollten Verhaltensweisen der Emanzipation entwickeln, die die Eltern dieser Kinder selber noch nicht entwickeln konnten.</p>
<p>5. Das Kinderkollektiv als Gegenmilieu war kaum in der Lage, zugleich Anpassung an die bestehende Gesellschaft und Widerstand gegen dieselbe zu vermitteln.</p>
<p>6. Das Problem notwendiger Grenzen, Versagungen und Frustration in der Erziehung wurden in der antiautoritären Erziehung durchaus diskutiert, aber nicht konsequent praktiziert. (R. Dermitzel: Thesen zur antiautoritären Erziehung. Kursbuch 17, 1969, S. 179ff.)</p>
<p>7. Die Illusion einer Über-Ich-Bildung ohne konstante Bezugspersonen wurde zu lax behandelt. Die Notwendigkeit von Anpassung an Konventionen wurde öfters überspielt.</p>
<p>8. Ein antiautoritär erzogenes Kind wurde kreativ und sozial, aber niemals politisch. (Vgl. D. Dehm: Schulreport. Frankfurt 1970, S. 217-257)</p>
<p>9. Die großen Ziele der proletarisch-revolutionären Phase einiger Kinderläden &#8222;Widerstand und revolutionäres Verhalten&#8220; wurden kaum pädagogisch in alltägliche Spiel- und Lernszenarien der Kleinkinder transformiert.</p>
<p>10. Das Konzept der antiautoritären Erziehung war richtig. Es scheiterte aber an den konservativen politischen und pädagogischen Kräften in Deutschland.</p>
<h2 class="auto-created">3.2 Lob der antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung </h2>
<p>11. Die antiautoritäre Erziehung wurde zum großen Sündenbock für die in Deutschland fehlende Modernisierung der Vorschul- und Kleinkindererziehung. Die Pisa-Studien stellen der BRD heute, 40 Jahre später, das Resultat vor Augen: Der Impuls der antiautoritären Erziehung, kreative Menschen wie in Finnland zu schaffen, wurde vertan.</p>
<p>12. Die heutige verquere Diskussion um die Krippenplätze, das resignative Bild von der romantischen Kleinfamilie der CDU zeigt, die antiautoritäre Erziehung mit ihren Kinder- und Elternkollektiven war ihrer Zeit weit voraus. Diese antiautoritäre Erziehung ist in Deutschland nie angekommen. In anderen Ländern wie Finnland, Frankreich usw. hatten dagegen die Modernisierungsimpulse der Kleinkinderziehung kompletten Erfolg. Die Schatten des Hitlerismus sind in Deutschland länger als der neue Streit um die 68er vermuten lässt.</p>
<p>13. Die schon 1970 als Konsequenz der Kinderladen-Erfahrung geforderte &#8222;Vergesellschaftung der Vorschulerziehung&#8220; (G. Heinsohn) erscheint noch heute wie eine unerreichbare Utopie. Ihre Durchsetzung in der großen Bildungsreform 1970-74, unter Willi Brandt, hätte Deutschland enorme Standortvorteile in der heutigen intellektuellen globalen Konkurrenz vermittelt.</p>
<p>14. Die Verteufelung der antiautoritären Erziehung, ohne Kenntnisse ihrer wissenschaftlichen Evaluation, durch Presse, Wissenschaft, Pädagogen und Politik, hat Deutschland enorm geschadet und niemanden genützt. Deutschland wurde dadurch noch mehr zur Provinz des Rückschritts, wie es Deutschland schon seit 1933 unangefochten ist.</p>
<p>15. Da klingt es wirklich wie eine maßlose Übertreibung, wenn der Erziehungswissenschaftler Erich Weber 1974 feststellte: &#8222;Die antiautoritäre Erziehungsbewegung hat ein Umdenken ausgelöst und Innovationsprozesse in Gang gesetzt, die kaum mehr völlig rückgängig zu machen sind.&#8220; (E. Weber: Autorität im Wandel. Donauwörth 1974, S. 181)</p>
<p>* Eine umfassende Schilderung der antiautoritären Erziehung finden Sie in dem neuen Roman von Lutz von Werder &#8222;1968. Ein Bildungsroman&#8220;, Schibri-Verlag Berlin 2008.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Bath, Herbert </i>(1974): Emanzipation als Erziehungsziel. Regensburg.</p>
<p><i>Beck, Gertrud </i>(1973): Autorität im Vorschulalter. München.</p>
<p><i>Brezinka, Wolfgang </i>(1974): Erziehung und Kulturrevolution. München.</p>
<p><i>Brezinka, Wolfgang </i>(1973): Die Pädagogik der neuen Linken. Stuttgart.</p>
<p><i>Bueb, Martin </i>(2006): Lob der Disziplin. Frankfurt.</p>
<p><i>Dehm, Dieter </i>(1970): Schulreport. Frankfurt.</p>
<p><i>Dermitzel, Regine</i> (1969): Thesen zur antiautoritären Erziehung. Kursbuch 17.</p>
<p><i>Dolezal, Ulrike </i>(1975): Erzieherverhalten in Kinderläden. Wiesbaden.</p>
<p><i>Erlinghagen, Karl </i>(1973): Autorität und Antiautorität. Heidelberg.</p>
<p><i>Henningsen, Franziska </i>(1973): Kooperation und Wettbewerb. Antiautoritär und konventionell erzogene Kinder im Vergleich. München.</p>
<p><i>Hoernle, Edwin</i>.(1973): Grundfragen proletarischer Erziehung. Frankfurt.</p>
<p><i>Kanitz, Otto Felix</i>.(1974): Das proletarische Kind in der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt.</p>
<p><i>Roth, Jürgen </i>(1976): Eltern erziehen Kinder, Kinder erziehen Eltern. Frankfurt.</p>
<p><i>Schmidt, Wera. </i>(1924): Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland. Leipzig.</p>
<p><i>Weber, Erich </i>(1974): Autorität im Wandel. Donauwörth.</p>
<p><i>Werder, Lutz von </i>(1972): Von der antiautoritären zur proletarischen Erziehung. Frankfurt.</p>
<p><i>Werder, Lutz von </i>(1974): Sozialistische Erziehung in Deutschland. 1848-1973. Frankfurt.</p>
<p><i>Werder, Lutz von </i>(2008): 1968. Ein Bildungsroman. Berlin.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/die-antiautoritaere-erziehung/">Die antiautoritäre Erziehung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Die Grenzen des Wachstums und die Systemfrage</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/die-grenzen-des-wachstums-und-die-systemfrage/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die studentische Linke war nicht gr&#252;n, aus: vorg&#228;nge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 54-62 Umweltschutz, &#214;kologie und Nachhaltigkeit gelten sp&#228;testens seit Gr&#252;ndung der Gr&#252;nen Partei im Januar 1980 als von links besetzte Themen. Die Gr&#252;nen selbst entstanden aus verschiedenen Str&#246;mungen der Neuen Sozialen Bewegungen und b&#252;ndelten Kr&#228;fte der Umwelt-, Frauen- und Friedensbewegung. Viele Aktivisten und [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/die-grenzen-des-wachstums-und-die-systemfrage/">Die Grenzen des Wachstums und die Systemfrage</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die studentische Linke war nicht gr&uuml;n,</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 54-62</p>
<p>Umweltschutz, &Ouml;kologie und Nachhaltigkeit gelten sp&auml;testens seit Gr&uuml;ndung der Gr&uuml;nen Partei im Januar 1980 als von links besetzte Themen. Die Gr&uuml;nen selbst entstanden aus verschiedenen Str&ouml;mungen der Neuen Sozialen Bewegungen und b&uuml;ndelten Kr&auml;fte der Umwelt-, Frauen- und Friedensbewegung. Viele Aktivisten und Gruppen der Neuen Sozialen Bewegungen haben ihre Wurzeln in den Studentenprotesten und Ereignissen der Jahre um 1968. So liegt es nahe, einen direkten Bogen von den f&uuml;r Ho Chi Min und gegen den Vietnam-Krieg protestierenden Studenten bis hin zu Protesten gegen AKWs und den ersten Wahlerfolgen der Gr&uuml;nen gegen Ende der 1970er Jahre zu schlagen.</p>
<p>Doch wie stand die Neue Linke um und nach 1968 zum Umwelt- und Naturschutz? Gelang es &uuml;berhaupt, diese erst seit Ende der 1960er Jahre aufkommenden Themen in das eigene Weltbild und die eigenen Interpretationsmuster zu integrieren und wenn ja, wie? Anschaulich l&auml;sst sich eine Umweltdebatte in linken Kreisen anhand der Diskussion um den Club of Rome und die Studie <i>Die Grenzen des Wachstums </i>von 1972 nachzeichnen (Hahn 2006).</p>
<p><b>Eine Bombe im Taschenbuchformat: </b><i><b>Die Grenzen des Wachstums </b></i></p>
<p>Die fr&uuml;hen 1970er Jahre bezeichnen einen Wendepunkt der deutschen Umweltgeschichte: Immer mehr Artikel in verschiedenen Medien berichteten &uuml;ber Luft- und Wasserverschmutzung; zahlreiche B&uuml;rgerinitiativen prangerten Umweltprobleme an, und auch die sozial-liberale Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt entdeckte den Umweltschutz. Es war besonders die FDP, die unter dem damaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher den Begriff &bdquo;Umweltschutz&ldquo; vom englischen &bdquo;environmental protection&ldquo; ins Deutsche &uuml;bertrug, um sich durch dieses neue Politikfeld ein sch&auml;rferes Profil zu verleihen (H&uuml;nem&ouml;rder 2004). 1971 verabschiedete die Koalition ein &bdquo;Sofortprogramm der Bundesregierung f&uuml;r den Umweltschutz&ldquo;.</p>
<p>Im Fr&uuml;hjahr 1972 platzte in Deutschland eine &bdquo;Bombe im Taschenbuchformat&ldquo;, wie Die Zeit vom 19. M&auml;rz 1972 titelte: Die knapp 200 Seiten starke Studie <i>Die Grenzen des Wachstums</i>, erstellt am MIT im Auftrag des Club of Rome, sorgte mit apokalyptischen Thesen zu Umweltschutz und Wirtschaftswachstum f&uuml;r eine breite gesellschaftliche Debatte. Ein Team von jungen Wissenschaftlern um den Systemanalytiker Dennis Meadows errechnete mit Hilfe von damals hochmodernen Computern und den ihnen zug&auml;nglichen weltweiten Bev&ouml;lkerungsdaten den Weg in den Weltuntergang: &bdquo;Wenn die gegenw&auml;rtige Zunahme der Weltbev&ouml;lkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von nat&uuml;rlichen Rohstoffen unver&auml;ndert anh&auml;lt, werden die absoluten Wachstumsgrenzen der Erde im Laufe des n&auml;chsten Jahrhunderts erreicht. Mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit f&uuml;hrt dies zu einem ziemlich raschen und nicht aufhaltbaren Absinken der Bev&ouml;lkerungszahl und der industriellen Kapazit&auml;t&ldquo; (Meadows 1972). Einen Ausweg aus der Krise legte Meadows ebenfalls dar: Wenn es gel&auml;nge, rasch ein Gleichgewicht zwischen &Ouml;kologie und &Ouml;konomie herzustellen, k&ouml;nnte die materielle Lebensgrundlage f&uuml;r jeden Menschen auf der Erde sichergestellt werden. Der Wissenschaftler sah in der Studie einen Denkansto&szlig; f&uuml;r eine &bdquo;riesige Aufgabe [&hellip;] den &Uuml;bergang vom Wachstum zum Gleichgewicht&ldquo; (Meadows 1972).</p>
<p>Hinter der Studie stand der Club of Rome, ein internationaler Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Intellektuellen. Der italienische Industrielle Aurelio Peccei (19081984) gr&uuml;ndete den Club 1968 in der italienischen Hauptstadt mit dem Ziel, die politischen Entscheidungstr&auml;ger weltweit zur Reflexion &uuml;ber globale Bedrohungen der Menschheit durch Umweltzerst&ouml;rung, Bev&ouml;lkerungswachstum und Rohstoffverbrauch anzuregen. Geschichte und Hintergr&uuml;nde des Clubs selbst blieben weitgehend unbekannt; dennoch verk&ouml;rperte der Club of Rome f&uuml;r viele Zeitgenossen ein &bdquo;moralischwissenschaftliche[s Weltgewissen&ldquo; (Br&uuml;ggemeier 1998).</p>
<p>Die zeitgen&ouml;ssische Literatur &uuml;ber die Grenzen des Wachstums w&uuml;rde &bdquo;ganze Bibliotheken f&uuml;llen&ldquo; (Hahn 2006). Einen H&ouml;hepunkt erreichte die Debatte in der Bundesrepublik im Oktober 1973: Der Verband des Deutschen Buchhandels verlieh dem Club of Rome in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis f&uuml;r &bdquo;den Mut und die geistige Energie zum Entwurf einer lebenswerten Zukunft&ldquo; (B&ouml;rsenverein des Deutschen Buchhandels 1973). Demonstrationen linker Gruppen gegen den Club of Rome begleiteten die &Uuml;bergabe. Wie lassen sich die Proteste gegen den Club of Rome und die <i>Grenzen des Wachstums </i>erkl&auml;ren, wenn doch aus heutiger Sicht Umweltschutz und &Ouml;kologie von Linken besetzte Themen sind?</p>
<h2 class="auto-created">Fehler im System: Umwelt&shy;dis&shy;kus&shy;si&shy;onen in linken Publi&shy;ka&shy;ti&shy;onen </h2>
<p>Die Umweltdiskussion in den Medien und die umweltpolitischen Ambitionen der sozial-liberalen Koalition verk&ouml;rperten f&uuml;r viele linke Kommentatoren nichts anderes als eine Alibi-Funktion. Umweltschutz sei ein weiteres Feigenblatt, das von den &bdquo;tieferliegenden Widerspr&uuml;chen der Gesellschaft&ldquo; (Kade 1971) ablenken sollte. Die Umweltdebatte bleibe an der Oberfl&auml;che, da es so nicht gelinge, die Wurzel zu bek&auml;mpfen: die kapitalistische Produktionsweise. Ziel sei es, das System zu stabilisieren und zu konservieren.</p>
<p>Umfang und Ausma&szlig; der Umweltdiskussion beruhte nach Meinung vieler Kommentatoren auf Einfluss und Macht der Massenmedien. Aus einem &bdquo;eingrenzbaren objektiven Systemproblem [ist] [&hellip;] eine &ouml;ffentliche Meinungswelle geworden, [die] das Krisenausma&szlig; pauschal &uuml;bertrieben hat und [&hellip;] erheblich &uuml;berh&ouml;hte Reformforderungen erhebt&ldquo; (Ronge 1972). Da das Umweltprogramm der Bundesregierung besonders auf Grenzwerte und das Verursacherprinzip setzte, bestand f&uuml;r viele Kommentatoren ein Zusammenhang zwischen den Interessen des Gro&szlig;kapitals auf der einen und den Massenmedien auf der anderen Seite. Dass sich die Artikel &uuml;ber Umweltph&auml;nomene h&auml;uften, galt als &bdquo;Argument f&uuml;r das Bestehen einer St&ouml;rung&ldquo; (Ronge 1972) im kapitalistischen System. Die politischen Ma&szlig;nahmen zum Umweltschutz seien nichts anderes als Krisenmanagement, da die Umweltkrise an sich auf &bdquo;strukturelle Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten kapitalistischer Produktionsweise&ldquo; zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei. Die Krise k&ouml;nne, so die <i>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und Internationale Politik </i>1972, nur verschoben, nicht aber verhindert werden.</p>
<p>Dass Umweltverschmutzung ein Problem aller gesellschaftlichen Systeme darstellte, wie Hans-Dietrich Genscher 1971 betonte (Genscher 1971), stie&szlig; bei Kommentatoren wie Kade und Ronge auf wenig Gegenliebe. Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung in der DDR und anderen sozialistischen L&auml;ndern stellte Kade in den<i> Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik </i>nicht in Abrede &ndash; allerdings sei dies noch keine &bdquo;Garantie f&uuml;r die Gleichheit der Ursachen&ldquo; (Kade 1972). Der Verweis auf die Ostblockstaaten sei nichts anderes als eine &bdquo;billig, auf wissenschaftlich aufgeputzte Abschirmungstaktik&ldquo;, um &bdquo;von den eigenen Widerspr&uuml;chen&ldquo; abzulenken. Ein Blick nach Osten f&uuml;hrte au&szlig;erdem dazu, dass die Diskussion &uuml;ber Umweltsch&auml;den im Westen oberfl&auml;chlich blieb und nicht zu einer historisch fundierten Kapitalismus-Kritik wurde. Vielmehr diene der Systemvergleich dazu, das &bdquo;dominierende[&hellip;] Lenkungskonzept des staatsmonopolistischen Kapitalismus &sbquo;Sozialisierung der Kosten &ndash; Privatisierung der Profite&rsquo;&ldquo; (Kade 1972) zu tarnen. Sch&auml;den in Luft, Wasser und Boden, wie sie auch in den Planwirtschaften sozialistischer L&auml;nder auftraten, seien nichts anderes als ein Erbe der kapitalistischen Produktionsweise aus Zeiten vor der Revolution.</p>
<p>Die Linke ging Umweltschutz und Umweltverschmutzung weiter auf einer rein theoretischen Ebene an; sie habe sich der Umweltthematik &bdquo;haupts&auml;chlich mit den Mitteln der Ideologiekritik&ldquo; (Enzensberger 1973) gen&auml;hert, wie Hans-Magnus Enzensberger in der 1973 erschienenen Ausgabe des <i>Kursbuchs </i>schrieb. Enzensberger rechnete in dem Artikel &bdquo;Kritik der politischen &Ouml;kologie&ldquo; mit der bisherigen Debatte ab. So helfe es wenig, die Vorgeschichte der Luftverschmutzung im viktorianischen England mit Marx-und Engels-Zitaten zu referieren, wenn der Schadstoffgehalt der Luft oder des Rheins in der Gegenwart akut ansteige. Enzensberger kam zu dem Schluss, dass &bdquo;Ideologiekritik, die sich &uuml;ber die Grenzen ihrer Wirkungsm&ouml;glichkeiten hinwegt&auml;uscht [&hellip;] selbst zur Ideologie&ldquo; werde. So ging Enzensberger nicht nur mit der &bdquo;&ouml;kologischen Bewegung&ldquo; hart ins Gericht, indem er &bdquo;das Denken der &ouml;kologischen Gruppen [&hellip;] als tr&uuml;bes und begriffloses Durcheinander&ldquo; bezeichnete und in den B&uuml;rgerinitiativen zum gro&szlig;en Teil &bdquo;Angeh&ouml;rige der Mittelklasse [und] des neuen Kleinb&uuml;rgertums&ldquo; sah, sondern auch mit linken Kritikern und Wissenschaftlern wie Kade. Der Schriftsteller und Intellektuelle warnte n&auml;mlich eindringlich davor, dass der Marxismus zu einem &bdquo;Abwehrmechanismus&ldquo; verkomme, der als &bdquo;Talisman gegen die Anspr&uuml;che der Realit&auml;t&ldquo; fungiere. In Anbetracht der Tatsache, dass wegen der &ouml;kologischen Krise die Zeit immer knapper werde, gelte es zu erkennen, dass sich &bdquo;Katastrophen [&hellip;] nicht mit Zitaten bek&auml;mpfen&ldquo; lassen.</p>
<p>Die &bdquo;Kritik der politischen &Ouml;kologie&ldquo; trug dazu bei, die Umweltdebatte von orthodoxen und neomarxistischen Fesseln zu befreien (H&uuml;nem&ouml;rder 2004). Enzensberger selbst sah sich in den <i>Bl&auml;ttern f&uuml;r deutsche und internationale Politik</i> harter Kritik ausgesetzt: Er habe sich &bdquo;von einem hintergr&uuml;ndigen politischen Schriftsteller zum vordergr&uuml;ndig argumentierenden schriftstellernden &Ouml;kologen&ldquo; gewandelt. Es sei nun an der Zeit, &bdquo;wichtige umwelt-theoretische Zusammenhangs-Begriffe so zu rekonstruieren, dass [&hellip;] der Unterschied zwischen wissenschaftlichem und literarischem Marxismus einsichtig&ldquo; werde. Die Kritik gipfelte in dem Vorwurf, dass Enzensberger nicht Willens sei, &bdquo;seine eigene Position marxistisch zu reflektieren&ldquo;. Enzensberger selbst wisse nicht, &bdquo;ob er als Literat, als Unternehmer oder als linker Theoretiker&ldquo; argumentieren solle (Krusewitz 1974). Gerade die Kritik an neomarxistischen Dogmen macht Enzensbergers Aufsatz zu einem wichtigen Dokument, an dem sich zwei weitere Elemente der Umweltdiskussion festmachen lassen: zum einen die Sicht vieler linker Zeitgenossen auf den Club of Rome und die Grenzen des Wachstums und zum anderen die Idee, dass die Volksrepublik China unter dem Vorsitzenden Mao einen Weg aus der Umweltkrise weisen k&ouml;nne.</p>
<p><b>Kapitalistische Weltuntergangspropheten: <br />Die Linke und der Club of Rome </b></p>
<p>Nach Erscheinen der Grenzen des Wachstums kamen auch die <i>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik</i> nicht umhin, sich mit den Thesen des Club of Rome auseinander zu setzen. Zu den produktivsten Autoren zum Thema Wirtschaftswachstum und Umweltschutz geh&ouml;rte zweifelsohne Edgar G&auml;rtner. Wie auch Kade und Ronge leugnete G&auml;rtner nicht, dass es Umweltprobleme gab. In seinem 1973 in den <i>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik</i> erschienenen Aufsatz &uuml;ber Wachstumsdiskussion und Umweltkrise stellte er jedoch fest, dass zwar viel &uuml;ber den Zustand der Umwelt geschrieben werde, die Anzahl der Publikationen jedoch &bdquo;im umgekehrten Verh&auml;ltnis zur Einsicht in das Wesen der aufgetretenen Probleme und zu praktischen Ma&szlig;nahmen, die deren Beseitigung dienen k&ouml;nnte&ldquo; (G&auml;rtner 1973), stehe. Diesen B&uuml;chern, zu denen G&auml;rtner neben den <i>Grenzen des Wachstums </i>auch Paul Ehrlichs <i>Die Bev&ouml;lkerungsbombe </i>von 1968 z&auml;hlte, sei gemeinsam, dass sie die g&auml;ngigsten Umweltprobleme auf den globalen technischen Fortschritt und das daraus resultierende Bev&ouml;lkerungswachstum zur&uuml;ckf&uuml;hrten. Die Idee des Club of Rome, durch einen Wachstumsstopp zu einem Gleichgewicht zwischen &Ouml;kologie und &Ouml;konomie zu gelangen, hatte laut G&auml;rtner eine rein ideologische Funktion und sei praktisch so gut wie wertlos. Die <i>Grenzen des Wachstums </i>sollten eine Weltuntergangsstimmung verbreiten, um die Massen auf entbehrungsreiche Zeiten im Kampf gegen die Umweltverschmutzung vorzubereiten, denn die Kosten, die den Unternehmen durch das Verursacherprinzip entst&uuml;nden, w&uuml;rden immer an die Endverbraucher weiter gegeben.</p>
<p>Den gro&szlig;en Erfolg der <i>Grenzen des Wachstums </i>f&uuml;hrte G&auml;rtner darauf zur&uuml;ck, dass Meadows und seine Kollegen eine Methode verwendeten, &bdquo;die nur den Anschein erweckt, als arbeite man mit [&hellip;] der Systemanalyse&ldquo; (G&auml;rtner 1973). Die Grundlage des Meadow&rsquo;schen Modells sei kein wirkliches statistisches Material, sondern vielmehr nur ein auf Annahmen basierendes Rechenbeispiel.</p>
<p>Die <i>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik </i>kritisierten au&szlig;erdem, dass in Meadows Weltmodell kein Platz f&uuml;r gesellschaftliche Variablen sei. Die &bdquo;Widerspr&uuml;che zwischen Produktivkr&auml;ften und Produktionsverh&auml;ltnissen [&hellip;] [sowie] Klassen und Klassenkampf&ldquo; (G&auml;rtner 1973a) tauchten im Modell des MIT gar nicht auf. Der Mensch an sich gelte &ndash; wie in vielen anderen Darstellungen zur Umweltkrise auch &ndash; nicht viel mehr als das &bdquo;Krebsgeschw&uuml;r eines ungez&uuml;gelten Bev&ouml;lkerungswachstums&ldquo; (G&auml;rtner 1973b).</p>
<p>Eng verbunden mit der gesellschaftlichen Variable war nach Ansicht vieler linker Kritiker die Frage nach der Rolle des technischen Fortschritts und der &bdquo;wissenschaftlich-technischen Revolution&ldquo; (WTR). Weltuntergangspropheten wie der Club of Rome seien gepr&auml;gt durch eine &bdquo;panische Angst vor der Technik&ldquo;. Durch die WTR war es der Menschheit, so hielt G&auml;rtner Meadows entgegen, bis jetzt immer gelungen, weltweite Probleme, wie z.B. Hunger, anzugehen und zu l&ouml;sen. Durch Wissenschaft und Technik sei der Mensch in der Lage, die &bdquo;Wachstumsgrenzen&ldquo; zu umgehen, denn technische und gesellschaftliche Entwicklungen h&auml;tten diese Grenzen jedes Mal nach vorne verschoben, so dass &bdquo;es f&uuml;r den Menschen keine Wachstumsgrenzen gibt, [denn] seine Vervollkommnungsf&auml;higkeit st&uuml;tzt sich [&hellip;] auf seine sozialen Organe, die Produktivkr&auml;fte&ldquo; (G&auml;rtner 1973a).</p>
<p>Autoren wie Kade und G&auml;rtner untersuchten au&szlig;erdem die Rolle des Club of Rome im kapitalistischen System insgesamt. Sie kamen zu dem Schluss, dass sich nach der &Ouml;lpreiskrise von 1973 die &bdquo;internationale Krise des Kapitalismus&ldquo; in hohem Ma&szlig;e versch&auml;rft habe. Die Aufgabe der <i>Grenzen des Wachstums </i>und des Club of Rome lag nach Meinung der <i>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik </i>darin, eine allgemeine Katastrophenstimmung zu verbreiten. Diese Stimmung sei unabdingbare Grundlage f&uuml;r eine &bdquo;m&ouml;glichst reibungslose Umstrukturierung der Kapitalverwertung&ldquo;.</p>
<p>Die vom Club of Rome geforderte Umwertung der Werte und der Aufbau einer Gleichgewichtsgesellschaft mit Nullwachstum stellten nach Meinung der <i>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik </i>nichts anderes als eine Neuauflage Malthusianischer Theorien dar. Der britische Geistliche Thomas Malthus (1766-1834) ging in seinem 1798 ver&ouml;ffentlichen <i>Essay on the Principle of Population</i> davon aus, dass die Bev&ouml;lkerung und die Nahrungsmittelproduktion nicht in gleichem Ma&szlig;e steigen: W&auml;hrend die Zahl der Menschen exponentiell wachse, steige der Ertrag des Bodens nur linear. Um weiteres Bev&ouml;lkerungswachstum zu vermeiden, empfahl Malthus vor allem sexuelle Enthaltsamkeit. Dementsprechend war es f&uuml;r G&auml;rtner nur ein kleiner Schritt von Malthus zum Club of Rome: <i>Die Grenzen des Wachstums </i>seien in der Absicht geschrieben, &bdquo;die Lohnabh&auml;ngigen in den kapitalistischen L&auml;ndern einzustimmen auf den Abbau des Reallohns und [auf] Konsumverzicht&ldquo; (G&auml;rtner 1973b). Ferner handele es sich bei den <i>Grenzen des Wachstums </i>um den Versuch, &bdquo;mit sozialer Demagogie und einigen Zugest&auml;ndnissen die Arbeiterklasse zum Stillhalten zu bringen, um die kapitalistische Krise auf kapitalistische Weise l&ouml;sen zu k&ouml;nnen.&ldquo; So verwundert es G&auml;rtner nicht, zwischen dem Club of Rome auf der einen und der Dritten Dimension &ndash; ein 1958 ins Leben gerufene Wissenschaftsprogramm &ndash; der NATO auf der anderen Seite eine Verbindung herstellen zu k&ouml;nnen, wie er an &auml;hnlich lautenden Zitaten und ideologischer &Uuml;bereinstimmung darzulegen glaubte.</p>
<p>Zwischen den Thesen des Club of Rome und herk&ouml;mmlichen b&uuml;rgerlichen Wirtschaftstheorien gab es laut den<i> Bl&auml;ttern f&uuml;r deutsche und internationale Politik</i> kaum Unterschiede, da alle &bdquo;gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen bestimmte Wachstumsziele durchgesetzt werden m&uuml;ssen&ldquo;, &auml;hnlich seien. Gesellschaftliche Faktoren, unter denen bestimmte Wachstumsziele durchgesetzt worden seien, so die <i>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik,</i> w&uuml;rden nicht beachtet und m&uuml;ssten deshalb &bdquo;in Konflikt mit der Realit&auml;t geraten&ldquo; (Goldberg 1973).</p>
<p>Ein Vergleich mit den Artikeln von Ronge und Kade aus den Jahren 1971 und 1972 zeigt, dass auch der Club of Rome in den <i>Bl&auml;ttern f&uuml;r deutsche und internationale Politik </i>seine Spuren hinterlie&szlig;: Hielt es Ronge noch 1972 f&uuml;r verfehlt, &bdquo;an der Spitze der Umweltbewegung marschieren zu wollen&ldquo; (Ronge 1972), war laut G&auml;rtner eine aktive Umweltdebatte gefordert, &bdquo;um den ideologischen Strategien der herrschenden Klasse wirkungsvoll entgegentreten zu k&ouml;nnen und die Aktionseinheit im praktischen Kampf herzustellen&ldquo; (G&auml;rtner 1973).</p>
<p><b>Blaue Fl&uuml;sse im roten China: <br />Das chinesische Gegenmodell zum Club of Rome </b></p>
<p>Ein &bdquo;umfassender Schutz der Natur ist nur im Sozialismus m&ouml;glich&ldquo;, konstatierten die <i>Marxistischen Bl&auml;tter </i>im Herbst 1972. Dies galt sowohl f&uuml;r die L&auml;nder des Ostblocks als auch besonders f&uuml;r die maoistische Volksrepublik China. Diese Faszination beschr&auml;nkte sich keinesfalls auf eingefleischte Marxisten; auch bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie John K. Galbraith und William K. Kapp zeigten Sympathien f&uuml;r die Volksrepublik. Die Faszination des Reichs der Mitte ging in diesen F&auml;llen mehr von China selbst aus als vom kommunistischen Regime. F&uuml;r viele Kommentatoren jedoch lieferten Galbraith und Kapp Sch&uuml;tzenhilfe, wenn es galt, den Vorbildcharakter Chinas auf dem Gebiet des Umweltschutzes hervorzuheben (Hahn 2006).</p>
<p>Hans-Magnus Enzensberger konkretisierte in der &bdquo;Kritik der politischen &Ouml;kologie&ldquo; den Zusammenhang zwischen Maos China und dem Natur- und Umweltschutz: Da eine &ouml;kologische Krise vermeidbar sei, m&uuml;ssten Gegenma&szlig;nahmen ergriffen werden: F&uuml;r die kapitalistischen L&auml;nder des Westens prognostizierte Enzensberger, dass &bdquo;die zuk&uuml;nftige Umwelt-, Rohstoff-, Energie- und Bev&ouml;lkerungspolitik des Kapitalismus den letzten liberalen Illusionen den Garaus machen&ldquo; werde und in Zeiten der Aufl&ouml;sung und Panik nicht davor zur&uuml;ckschrecken k&ouml;nne, auf faschistische L&ouml;sungsans&auml;tze zur&uuml;ck zu greifen. Kontrolle und Verteilung des Mangels h&auml;tten hingegen in L&auml;ndern wie der Sowjetunion eine lange Tradition, so dass diese Staaten wesentlich besser ger&uuml;stet seien als der Westen. Enzensbergers Kommentar zu China klang beinahe euphorisch: &bdquo;Die besten Chancen f&uuml;r das &ouml;kologische &Uuml;berleben der Menschen bietet aber sicherlich die chinesische Gesellschaft.&ldquo; Die jahrtausende alte Tradition im sparsamen Umgang mit Natur und Ressourcen sei durch den Sieg der Revolution nicht bedroht, sondern vielmehr &bdquo;auf den Begriff gebracht worden&ldquo;. Die chinesische Regierung sei sich der &ouml;kologischen Probleme bewusst und habe &bdquo;als einzige Regierung der Welt [&hellip;] konsequente Strategien zur Verhinderung der Katastrophe entwickelt&ldquo; (Enzensberger 1973).</p>
<p>Besonderen Eindruck machte die chinesische Delegation auf der UN-Umweltkonferenz im Juli 1972. China nutzte den Boykott der Ostblockstaaten, um sich selbst als Anwalt der Dritten Welt darzustellen (Hahn 2006). Im Laufe der UN-Konferenz erwiesen sich viele Positionen von Industrie-und Entwicklungsl&auml;ndern als nicht vereinbar. Die Differenzen zwischen Umweltschutz und Entwicklungspolitik sollten auch in den folgenden Jahren auf Nord-S&uuml;d-Konferenzen zum beherrschenden Thema werden (H&uuml;nem&ouml;rder 2004). Viele, nicht nur maoistisch gesonnene Zeitgenossen hielten China f&uuml;r ein Vorbild f&uuml;r andere Entwicklungsl&auml;nder, weil es gelungen sei, Umweltpolitik als oberste Maxime in der Ziel- und Interessenstruktur des Gesamtsystems zu verankern. Zwar lag es vielen Autoren fern, China zu glorifizieren; vielmehr wollten sie anhand des Vorbildes darstellen, dass es m&ouml;glich gewesen sei, in gut 20 Jahren ein Volk aus der Lethargie zu rei&szlig;en und zu einer Nation zusammen zu schwei&szlig;en.</p>
<p>Der Umweltschutz wurde thematisch vom deutschen Maoismus aufgenommen, einem Maoismus, der &bdquo;fast nichts mit China zu tun hatte&ldquo; (Koenen 1990). Viel wichtiger als ein reales Abbild der Verh&auml;ltnisse in China zu zeichnen, war die M&ouml;glichkeit, Alternativen aufzuzeigen. So erschienen auch nach Maos Tod 1976 und der &Ouml;ffnung der Volksrepublik in Deutschland Publikationen zum Umweltschutz im Reich der Mitte: &bdquo;[Allein], dass Alternativen, praktische konkrete Alternativen zu unserem verkorksten Industriesystem vorstellbar werden, verlangt eine Ver&ouml;ffentlichung&ldquo; (Strohm 1978).</p>
<h2 class="auto-created">Fazit </h2>
<p>Umweltschutz war kein Thema f&uuml;r die Linke um 1968. Zwar bezogen die <i>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik </i>Stellung zur Umweltdebatte; neue Impulse aber gingen von linker Seite kaum aus. Die Interpretation der Umweltschutzpolitik baute immer auf &auml;hnlichen Argumenten auf, n&auml;mlich dass die Umweltzerst&ouml;rung ein deutliches Indiz f&uuml;r eine Krise im kapitalistischen System sei und dass alle politischen Reaktionen nur Scheinma&szlig;nahmen seien, solange die wirkliche Ursache, die Produktionsverh&auml;ltnisse, unangetastet blieben. Das Umweltprogramm der Bundesregierung und der damit einhergehende technische Umweltschutz geh&ouml;rten aufgrund ihrer planerischen Ausrichtung zum sozialen Liberalismus, der sich im Kontext der marktwirtschaftlichen Ordnung als &bdquo;links&ldquo;, &bdquo;fortschrittlich&ldquo; und &bdquo;modern&ldquo; verstand. F&uuml;r die Linke in der Bundesrepublik gab es auf keiner Ebene einen Kompromiss mit dem Konsensliberalismus, da dieser den Kapitalismus stabilisierte und mit den Vereinigten Staaten verbunden wurde (Doering-Manteuffel 2003).</p>
<p>Der Club of Rome und die <i>Grenzen des Wachstums </i>befanden sich zwischen allen Fronten, wenn konservative Kritiker die Thesen vom Nullwachstum als kommunistisch verschrien, w&auml;hrend das gegen&uuml;berliegende politische Spektrum Peccei und den &uuml;brigen Mitgliedern des Clubs vorwarf, eben diesen Kommunismus verhindern zu wollen. Nicht zu untersch&auml;tzen jedoch ist Enzensbergers Kritik der politischen &Ouml;kologie von 1973. Dadurch, dass Enzensberger die Umweltdebatte in linken Kreisen von ideologischem Ballast befreite, bereitete er den Weg f&uuml;r neue Impulse und Publikationen, wie sie sich in der Zeitschrift <i>Technologie und Politik </i>manifestierten. Im Zentrum dieser Reihe stand neben einer &bdquo;Vertiefung der Wachstumsdebatte&ldquo; auch der &bdquo;Gesamtkomplex des nach wie vor bei Gewerkschaften wie bei Kapitaleignern [&hellip;] unersch&uuml;tterlichen Konsensus &uuml;ber Sinn des technischen Fortschritts&ldquo;. Der Herausgeber Freimut Duve gestand ein, dass zum einen niemand mehr genau bestimmen k&ouml;nne, was Fortschritt sei. Zum anderen gab er zu bedenken, der Behandlung von Themen wie Wachstum, Technologie-Transfer, Wachstum des Energiebedarfs und der Industrialisierung der Dritten Welt &bdquo;kein festes dogmatisches Deutungsnetz&ldquo; &uuml;bergeworfen werden d&uuml;rfe, denn: &bdquo;Marx hilft nur begrenzt, wo sich die endg&uuml;ltigen Grenzen bei der Entfaltung der Produktivkr&auml;fte auftun&ldquo; (Duve 1975). Am Club of Rome, den <i>Grenzen des Wachstums </i>und dem Umweltschutz kam &ndash; mit etwas Versp&auml;tung &ndash; die deutsche Linke nicht vorbei.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>B&ouml;rsenverein des Deutschen Buchhandels </i>1973: The Club of Rome, Frankfurt.</p>
<p><i>Br&uuml;ggemeier, Franz-Josef </i>1998: Tschernobyl 26. April 1986. Die &ouml;kologische Herausforderung, Frankfurt/Main.</p>
<p><i>Doering-Manteuffel, Anselm</i> 2003: Politische Kultur im Wandel. Die Bedeutung der sechziger Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik, in: Andreas Dornheim et al. (Hg.); Identit&auml;t und politische Kultur. Festschrift f&uuml;r Hans-Georg Wehling, Stuttgart, S. 146-158.</p>
<p><i>Duve, Freimut </i>1975: Editorial; in: Technologie und Politik, H. 1, S. 2.</p>
<p><i>Enzensberger, Hans Magnus</i> 1973: Zur Kritik der politischen &Ouml;kologie; in: Kursbuch, H. 33, S. 1-42.</p>
<p><i>G&auml;rtner, Edgar</i> 1973: Wachstumsdiskussion und Umweltkrise; in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, Jg. 18, H. 6, S. 612-631.</p>
<p><i>G&auml;rtner, Edgar </i>1973a: Wachstumsdiskussion und Umweltkrise (II); in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, Jg. 18, H. 8, S. 880-891.</p>
<p><i>G&auml;rtner, Edgar </i>1973b, Zur Funktion des Club of Rome. Sonderdruck aus &bdquo;Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik&ldquo;, H. 10/1973, K&ouml;ln.</p>
<p><i>Genscher, Hans-Dietrich </i>1971: Europ&auml;ische Initiativen f&uuml;r einen aktiven Umweltschutz; in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, H. 312, S. 1441-1444.</p>
<p><i>Hahn, Friedemann</i> 2006: Von Unsinn bis Untergang. Die Rezeption des Club of Rome und der Grenzen des Wachstums in der Bundesrepublik der fr&uuml;hen 1970er Jahre, Freiburg (<a href="http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2722/" target="_blank" rel="noopener">http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2722/</a>).</p>
<p><i>H&uuml;nem&ouml;rder, Kai</i> F.<i> </i>2004: Die Fr&uuml;hgeschichte der globalen Umweltkrise und die Formierung der deutschen Umweltpolitik (1950-1973), Stuttgart.</p>
<p><i>Kade, Gerhard </i>1971: &Ouml;konomische und gesellschaftliche Aspekte des Umweltschutzes; in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Jg. 22, H. 5, S. 3-15.</p>
<p><i>Kade, Gerhard </i>1972: Systemvergleiche in der Umwelt-Diskussion, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, Jg. 17, H. 10, S. 846-852.</p>
<p><i>Koenen, Gerd </i>1990: Unsere kleine deutsche Kulturrevolution, in: Ulrich Menzel (Hg.), Nachdenken &uuml;ber China, Frankfurt/Main, S. 242-253.</p>
<p><i>Krusewitz, Knut et al.</i> 1974: Die Umweltkatastrophe des Hans Magnus Enzensberger. Von den Grenzen literarischer Krisenbew&auml;ltigung; in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, Jg. 19, H. 9, S. 934-956.</p>
<p><i>Meadows, Dennis </i>1972: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart.</p>
<p><i>Ronge, Volker</i> 1972: Umwelt und Umweltschutz im Sp&auml;tkapitalismus; in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, Jg. 17, H. 10, S. 831-846.</p>
<p><i>Strohm, Holger (Hg.)</i> 1978: Umweltschutz in der VR China, Hamburg.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/die-grenzen-des-wachstums-und-die-systemfrage/">Die Grenzen des Wachstums und die Systemfrage</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>„An die sich permanent und zu Tode emanzipierenden Frauen im SDS“</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/an-die-sich-permanent-und-zu-tode-emanzipierenden-frauen-im-sds/</link>
		
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 18:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#220;ber die Keimzelle der Frauenbewegung, aus: vorg&#228;nge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 63-69 Die Worte des Titelzitates finden die M&#228;nner des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in West-Berlin, um das erste Mal auf die Arbeit des &#8211; wie sie es nennen &#8211; Frauenarbeitskreises hinzuweisen.[1] Sie entstammen dem Protokoll einer Sitzung des West-Berliner SDS vom 15. Januar [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>&Uuml;ber die Keimzelle der Frauenbewegung,</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 63-69</p>
<p>Die Worte des Titelzitates finden die M&auml;nner des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in West-Berlin, um das erste Mal auf die Arbeit des &ndash; wie sie es nennen &ndash; Frauenarbeitskreises hinzuweisen.[1] Sie entstammen dem Protokoll einer Sitzung des West-Berliner SDS vom 15. Januar 1968. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Aktionsrat findet an dieser Stelle nicht statt. Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen war zu diesem Zeitpunkt gerade einen Monat alt und hatte am selben Tag die erste Flugschrift mit dem Titel &bdquo;Wir sind traurig und wir sind neidisch gewesen&ldquo; und einen Aufruf zu der ersten Frauenvollversammlung am 26. Januar 1968 an der Freien Universit&auml;t Berlin (FU Berlin) herausgebracht. Die Flugschrift enthielt eine beschreibende Selbstbezichtigung und die Ank&uuml;ndigung einer Verweigerung, eine theoretische Analyse der Situation der Frau und eine Abgrenzung von bisherigen Frauenbewegungen, hingegen keinen Angriff auf die M&auml;nner. Warum sich die Frauen gen&ouml;tigt sahen, sich vorerst allein zu emanzipieren und zu organisieren, mag an diesen Worten der M&auml;nner deutlich werden. &bdquo;Frauen waren im Sozialistischen Deutschen Studentenbund von vornherein Mitglieder minderen Rangs,&ldquo; res&uuml;miert Peter Mosler (1977: 159) die Situation der Frauen im SDS.</p>
<p>Eine breite &ouml;ffentliche Wahrnehmung erfuhr die neue Frauenbewegung in West-Deutschland Mitte 1971 mit der Anti-&sect;218-Kampagne. Der fr&uuml;hste bekanntere Text des West-Berliner Aktionsrates zur Befreiung der Frauen stammt jedoch bereits aus dem September 1968. Die ersten Frauen, die sich als bald Bewegung begriffen, gab es jedoch bereits zur Jahreswende 1967/68. Nach der Arbeit im SDS war die Gr&uuml;ndung des Aktionsrates mehr eine ultima ratio denn ein erster politischer Schritt. Sollbruchstelle des Aktionsrates war von Beginn an der als zentral empfundene Widerspruch zwischen dem verfassungstranszendierenden Ziel von nichts Geringerem als der sozialistischen Revolution und dem Versuch innerhalb der bestehenden Gesellschaft politisch werden zu k&ouml;nnen und eine antiautorit&auml;re Erziehung zu erm&ouml;glichen. Zudem versuchten sie als Antiautorit&auml;re ohne den &bdquo;autorit&auml;ren Ruf nach dem Gesetzgeber&ldquo; (SAR 332) auszukommen, was ihnen, nicht aber der sp&auml;teren Anti-&sect;218-Bewegung gelang. Auch f&uuml;r die M&auml;nner war der Aktionsrat und die damit aufkommende neue Frauenbewegung eine Herausforderung, an der viele scheiterten, wie das titelgebende Protokollzitat von J&ouml;rg Schlotterer und die (Nicht-)Reaktionen der SDSler auf die weitere Arbeit des Aktionsrates zeigten. Der Blick in die Quellen verr&auml;t jedoch, dass der Aktionsrat in der Anfangszeit weder eine m&auml;nnerfreie noch eine m&auml;nnerfeindliche Gruppierung war.</p>
<h2 class="auto-created">Kinder und Utopie </h2>
<p>Die erste Aktion des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen diente der L&ouml;sung der Kinderbetreuungsfrage. Wobei er daf&uuml;r nicht den &uuml;blich tradierten Namen Kinderl&auml;den w&auml;hlte, sondern vorerst von Kinderkommunen sprach. War auch das erste, was sie unternahmen, sehr pragmatisch, so waren die M&uuml;tter des Aktionsrates keineswegs theoretisch unterbelichtet. Sie handelten aus einer politisch-theoretisch reflektierten Position heraus. Diese zu entwickeln fiel ihnen keineswegs leicht, lag doch in ihrem Handeln ein zumindest latenter Widerspruch zu ihren Zielen und Vorstellungen. Ihr erstes Ziel war und blieb eine sozialistische Revolution. Zugleich sahen sie, dass ob mit oder ohne Revolution die Befreiung der Frau in weiter Ferne lag. Sie standen also vor der Wahl zwischen einem Kampf f&uuml;r eine Revolution, die die Befreiung der Frau nicht garantieren mochte, und dem Kampf innerhalb einer Gesellschaft in der die Frau unterdr&uuml;ckt wurde und Kinder autorit&auml;r erzogen wurden. Dies war die Situation in der sich die SDS-Frauen befanden: Das Notwendige war nicht das Hinreichende. Eine antiautorit&auml;re Erziehung konnte aber &bdquo;von keinem noch so fortschrittlichen Kindergarten in unserer Gesellschaft&ldquo; (SAR 333) erreicht werden. Sie entschieden sich schweren Herzens nicht f&uuml;r das Hoffen auf die Revolution, sondern f&uuml;r das Handeln.</p>
<p>Die zwei bekanntesten Texte der fr&uuml;hen neuen Frauenbewegung enthalten ihre wesentlichen Positionen, wenn man so will, ihre politische Theorie: Die am 13. September 1968 auf der 23. Delegiertenversammlung des bereits auseinanderbrechenden SDS in Frankfurt gehaltene Rede Helke Sanders und der in dem von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Kursbuch 17 mit dem Titel &bdquo;Frau &middot; Familie &middot; Gesellschaft&ldquo; im Juni 1969 erschienene Artikel &bdquo;Die kulturelle Revolution der Frau&ldquo; von Karin Schrader-Klebert. Ihre dort formulierten theoretischen Standpunkte lassen sich bereits deutlich fr&uuml;her, im ersten Flugblatt vom 15. Januar 1968 belegen. So war schon zu Beginn ihrer Arbeit ihr politisches Denken sehr differenziert und elaboriert, die zentralen Positionen bereits herausgearbeitet. Es brauchte jedoch einiges an Leidensdruck, damit die Frauen sich als Frauen organisierten. Es waren M&uuml;tter, die dies taten, aber sie haben sich nicht als M&uuml;tter-Organisation sehen wollen.</p>
<h2 class="auto-created">Der Beginn der neuen Frauen&shy;be&shy;we&shy;gung in Deutschland </h2>
<p>Die Geschichte der Frauen wurde in der Erinnerungskultur um ihre Anf&auml;nge beschnitten. Anfang 1968 begann die neue Deutsche Frauenbewegung. Doch nicht Anfang 1968, sondern erst Mitte 1971 wird der Beginn oder sogar nur der &bdquo;erste Kristallisationskern&ldquo; (Kraushaar 2001: 27) der neuen Frauenbewegung in Deutschland verortet. Mit dem &bdquo;Stern&ldquo;-Titel &bdquo;Wir haben abgetrieben&ldquo; aus dem Juni 1971 erlangte die neue Frauenbewegung erstmals eine breite &ouml;ffentliche Wahrnehmung. In Frankreich gab es kurz zuvor ebenfalls eine solche Abtreibungs-Selbstbezichtigungskampagne mit gro&szlig;er Medienresonanz. Alice Schwarzer hatte die Kampagne in Frankreich miterlebt und sp&auml;ter in Deutschland initiiert. Die Zeit vom Januar 1968 bis zum Juni 1971 wird hingegen landl&auml;ufig nicht zur neuen Frauenbewegung gerechnet, mitunter mit Verweis auf die mediale und gesellschaftliche Reaktion auf die Unterschriftenkampagne.</p>
<p>Dabei war der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen f&uuml;r die neue Frauenbewegung in Deutschland die Organisationsform der ersten Stunde. Mit ihm wurde die neue Bewegung zum ersten Mal greifbar. Denn &bdquo;schon 1968 gab es Stunden des Aufstands der Frauen, eine Revolte in der Revolte.&ldquo; (Mosler 1977: 159) So zumindest noch die Erinnerung im Jahre 1977 von Peter Mosler, der zum Zehnj&auml;hrigen der Revolte einen Erinnerungsband mit dem Titel &bdquo;Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte &ndash; zehn Jahre danach&ldquo; ver&ouml;ffentlichte. Auch das &bdquo;Kursbuch&ldquo; brachte 1977 eine Ausgabe &bdquo;Zehn Jahre danach&ldquo;. &bdquo;Man kann den Prozess der Bildung neuer Arten von autonomen Frauengruppen seit 1968 als ,Neue Frauenbewegung&lsquo; bezeichnen.&ldquo; (Linnhoff 1975: 8)</p>
<p>Diese Einsch&auml;tzung hat sich nicht gehalten. Der Beginn der neuen Frauenbewegung in Deutschland wurde um drei Jahre verschoben. In der Geschichtsschreibung &uuml;ber 68 werden der Aktionsrat und die sp&auml;ter gegr&uuml;ndeten Weiberr&auml;te meist nur als Stichwort genannt. So wurde zu dem legend&auml;ren Tomatenwurf auf dem SDS-Kongress lapidar festgestellt: &bdquo;Danach wurden &uuml;berall in Deutschland ,Weiberr&auml;te&lsquo; gegr&uuml;ndet.&ldquo; Die Frauen haben zum Teil selbst zu einer Mythenbildung beigetragen. Die Vielstimmigkeit der sich selbst erinnernden &uuml;bert&ouml;nt die Bestrebungen einer geschichtswissenschaftlich fundierten Deutung dieses Teils der j&uuml;ngeren Deutschen Ereignisse.</p>
<p>Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen bildete den Anfang. Auch wenn der Aktionsrat sich bald aufl&ouml;ste und als Organisationsform nicht stilbildend war, hatten die aktiven und bewegten Frauen des Aktionsrates und der sp&auml;ter entstandenen Weiberr&auml;te eine notwendige Basis geschaffen, auf der die sp&auml;tere &sect;218-Bewegung aufbauen konnte. Die durch den Aktionsrat und die nachgegr&uuml;ndeten Weiberr&auml;te geleistete Arbeit ist nicht unbedeutend, denn &bdquo;diese Einrichtungen, die die 68er-Bewegung zeitlich &uuml;berdauerten, trugen zu einer raschen Mobilisierung der bundesrepublikanischen Frauenbewegung im Protest gegen den Paragraphen 218 bei.&ldquo; (Schulz 12.04.2002: 3f.) Die Frauen der ersten Stunde waren theoretisch, aber auch praktisch politisch auf einem Stand, der sp&auml;ter in der Bewegung kaum mehr erreicht wurde. Die sp&auml;tere Frauenbewegung und die Anti- &sect;218-Kampagne hatten sich schnell zu Gunsten eines verfassungsimmanenten Vorgehens und f&uuml;r den &bdquo;autorit&auml;ren Ruf nach dem Gesetzgeber&ldquo; (SAR 332) entschieden. Auf diese Weise hat die neue Frauenbewegung viel erreicht, jedoch eine nachhaltige gesellschaftliche Ver&auml;nderung, wie sie die Frauen des Aktionsrates im Blick hatten, aus den Augen verloren.</p>
<h2 class="auto-created">Das erste halbe Jahr </h2>
<p>Im Dezember 1967 begann die Geschichte des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen in der K&uuml;che von Marianne Herzog und Peter Schneider. Einige in Ost- und West-Deutschland sozialisierte M&uuml;tter aus dem SDS gr&uuml;ndeten das &bdquo;Aktionskomitee zur Vorbereitung der Befreiung der Frau&ldquo;, wie es zuerst hie&szlig;. Unter diesem Namen ver&ouml;ffentlichten sie auch noch im Januar 1968 ihre erste bereits erw&auml;hnte Flugschrift. Konkretes Ziel der Frauen des Aktionsrates zur Vorbereitung der Befreiung der Frauen war es, politisch werden zu k&ouml;nnen. Konkreter Anlass war die Kinderfrage, die sie daran hinderte, an Demonstrationen und Veranstaltungen teilzunehmen. Doch die ersten L&ouml;sungsans&auml;tze &ndash; das mitbringen der Kinder zum Vietnam-Kongress in Berlin im Februar und die daraus entstehenden Kinderl&auml;den &ndash; brachten nicht das intendierte Ergebnis, die erhoffte Entlastung, um politisch arbeiten zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Auch am Kampf gegen die Notstandsgesetze (SAR 296) beteiligten sich die Frauen im Mai 1968. Sie sahen sich in der gleichen Lage wie &bdquo;unterdr&uuml;ckte Klassen und Rassen.&ldquo; (ebd.) Anl&auml;sslich der Bundestagsdebatte &uuml;ber die Notstandsgesetze wurde in einigen st&auml;dtischen Kinderg&auml;rten in Berlin gestreikt. In einem ersten formulierten &bdquo;Selbstverst&auml;ndnis&ldquo; (SAR 301) vom 8. Mai 1968 verorten sich die Frauen im &bdquo;antiautorit&auml;ren Lager&ldquo;. Sie haben erkannt, &bdquo;dass wir die gesellschaftliche Unterdr&uuml;ckung der Frau nicht individuell l&ouml;sen k&ouml;nnen&ldquo;, und &bdquo;dass die bisherigen Frauenorganisationen daran gescheitert sind, dass sie im autorit&auml;ren Ruf nach dem Gesetzgeber stecken geblieben sind, dass sie auf staatliche Hilfe angewiesen waren, dass sie somit kein politisches Bewusstsein entwickeln konnten, dass den systemsprengenden Widerspruch ihrer Forderungen erkannt h&auml;tte&ldquo;. Doch es gibt auch bereits erste konkrete Ergebnisse: Zwei Kinderkommunen existierten bereits, jeweils einen Tag der Woche &bdquo;arbeiten Mutter <b>oder Vater </b>eines jeden Kindes&ldquo; (ebd.) in der Kommune. M&auml;nner waren von der Mitarbeit im Aktionsrat nicht ausgeschlossen, es gab auch tats&auml;chlich welche die mitarbeiteten. Die Geschichte des Aktionsrates stark gepr&auml;gt von dem revolution&auml;ren Dilemma, einerseits in einer abgelehnten Gesellschaftsform f&uuml;r Verbesserung zu k&auml;mpfen und anderseits der Einsicht, dass innerhalb einer Klassengesellschaft die angestrebte Emanzipation per se unm&ouml;glich sei. Es ist der &bdquo;Widerspruch zwischen der Realit&auml;t, in der sich die Kinderkommune befinden und der Realisierung eines utopischen Modells.&ldquo;(ebd.)</p>
<p>Ende Mai 1968 (SAR 297) wurde dann der Name &bdquo;Aktionsrat zur Befreiung der Frauen&ldquo; angenommen, auch nannten sich die Kinderkommunen jetzt Kinderl&auml;den. Am 20. Mai 1968 wandten sich die Frauen in einem Brief an die bisherigen Teilnehmer. (SAR 297ff.) Mit dem Bau des FU-Kindergartens f&uuml;r 120 Kinder sollte immerhin im Sommer begonnen werden. Die Bezirks&auml;mter unterst&uuml;tzten die Kinderl&auml;den sogar finanziell. Jedoch fiel es den Frauen bereits schwer, &Uuml;berblick &uuml;ber die &bdquo;einigen 100 Leute&ldquo; (SAR 298) zu behalten, die inzwischen die regelm&auml;&szlig;igen Treffen besucht hatten. Aktivposten der Anfangszeit waren Helke Sander (sie kam &uuml;ber die Anti-Springer-Proteste zum SDS) und Marianne Herzog. Diese beiden Namen fanden sich auf fast jedem Protokoll des Aktionsrates. Bereits im Juni war Hans Magnus Enzensberger an die Frauen des Aktionsrates wegen einer f&uuml;r Oktober geplanten Ausgabe des Kursbuches zum Thema &bdquo;Ehe und Familie&ldquo; herangetreten.</p>
<p>Es gab aber innerhalb des Aktionsrates auch Aktionen nur f&uuml;r Frauen, so etwa ein Diskussions-Wochenende. &bdquo;Die ganze Diskussion um das ,Private&lsquo; ist ja noch nicht gef&uuml;hrt worden&ldquo; (SAR 299) hie&szlig; es zu diesem Wochenende, auf dem die Frauen gemeinsam arbeiten wollten &bdquo;ohne unterbrochen zu werden.&ldquo; (ebd.) Die Ertr&auml;ge dieser Diskussionen sind nicht zuletzt in der ber&uuml;hmten Rede Helke Sanders wiederzufinden, als Forderung nach einer &bdquo;Politisierung des Privatlebens.&ldquo; Die revolution&auml;re Perspektive war klar: &bdquo;Da die Frauen es sind, die die Familie aufl&ouml;sen, m&uuml;ssen wir es auch sein, die neue Modelle entwickeln. [&#8230;] Wir m&uuml;ssen damit anfangen, das Bestehende umzufunktionieren.&ldquo; (ebd.) Die geplante Utopie sollte in einer Berliner Kinderladen- WG Realit&auml;t werden.</p>
<p>Das erste Res&uuml;mee fiel begeistert aus: &bdquo;Wir sind immerhin schon einige hundert.&ldquo; (ebd.) Daraus Pl&auml;ne f&uuml;r eine sozialistische Revolution zu schmieden, die aus West-Berlin auf West-Deutschland &uuml;bergreifen sollte, mag heute &uuml;berzogen erscheinen. Bedenkt man jedoch, dass &bdquo;der Sozialistische Deutsche Studentenbund damals bundesweit kaum mehr als 2000 Mitglieder z&auml;hlte&ldquo; (Kraushaar 2007: 8) und dennoch &bdquo;vielen als der eigentliche Urheber der Unruhen, die die Republik ersch&uuml;tterten&ldquo; (ebd.) galt, wird deutlich, dass die SDS-Frauen auch eine kr&auml;ftige Brise Zeitgeist geatmet hatten.</p>
<p>Im Juni 1968 war die Einsch&auml;tzung der Arbeitslage nicht mehr so positiv. (SAR 273ff.) Mehr als zwanzig Arbeits-, Aktions- und Untergruppen hatten bereits die Arbeit aufgenommen. Zu vielf&auml;ltigen Themen wie Kinderb&uuml;chern, Psychoanalyse des Kindes, psychologischer Beratung, dem Modell einer Gegenschule und der Erziehung zu weiblichem Rollenverhalten wurde in verschiedensten Arbeitskreisen gearbeitet, was von den Frauen des Aktionsrates kaum noch &uuml;berschaut und koordiniert werden konnte. Zudem gab es eine Diskussion, ob M&auml;nner mitarbeiten durften. Es wurde bei den zentralen Treffen haupts&auml;chlich &uuml;ber Organisationsmodelle geredet. Mittlerweile waren f&uuml;nf Kinderl&auml;den entstanden. Auch die Gr&uuml;ndung des Zentralrates der Sozialistischen Kinderl&auml;den West-Berlin im August 1968 f&uuml;hrte zu theoretischen Spannungen, l&ouml;ste aber keine praktischen Probleme (nicht in dem von den Aktionsr&auml;tinnen intendierten Ausma&szlig;.) Die meisten Frauen konzentrierten sich auf die Arbeit der Kinderl&auml;den und der Arbeitskreise, so dass eine zentrale Organisation nicht gelingen wollte und konnte.</p>
<p>All das ist allein im ersten halben Jahr geschehen. Es sollte noch drei Jahre bis zum Beginn der so viel pr&auml;senteren &sect;218-Bewegung dauern und die bekanntesten Texte aus dem Aktionsrat waren noch nicht ver&ouml;ffentlicht. Die bekannteste politische Aktion geschah am 13. September 1968 im Anschluss an die Rede Helke Sanders vor den Delegierten des SDS. Da die M&auml;nner des SDS die Gespr&auml;chsaufforderung nicht annahmen, sondern zur Tagesordnung &uuml;bergehen wollten, warf Sigrid R&uuml;ger einige Tomaten in Richtung des Podiums. Diese Aktion &ndash; nicht, was sie davor getan und erreicht hatten &ndash; fand Eingang in die Geschichtsb&uuml;cher. Im Anschluss wurden in mehreren St&auml;dten Weiberr&auml;te gebildet, eine &bdquo;halb ironisch, halb offensiv&ldquo; (G&ouml;rtemaker 2004: 635) gemeinte Bezeichnung.</p>
<p>Wie der Aktionsrat ging auch der Frankfurter Weiberrat, der im November 1968 unter der Wirkung von Sander-Rede und Tomaten-W&uuml;rfen gegr&uuml;ndet wurde, aus dem SDS hervor. Der Frankfurter Weiberrat hatte vor seiner vorl&auml;ufigen Aufl&ouml;sung im Wintersemester 1968/69 nur einen Gro&szlig;en Auftritt: Ein Flugblatt, verteilt im November auf der 23. Delegiertenversammlung des SDS,[2] welches mit dem inzwischen legend&auml;rem Satz endet &bdquo;Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren b&uuml;rgerlichen Schw&auml;nzen.&ldquo; In M&uuml;nchen bildeten sich die Rote Frauen Front und die Sozialistische Frauenorganisation M&uuml;nchen.</p>
<p>Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen wurde vom SDS nicht angenommen. In der SDS-Zeitschrift &bdquo;Neue Kritik&ldquo; erschien bis zur Aufl&ouml;sung des SDS kein Artikel von dem oder &uuml;ber den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Ab Oktober 1968 war der Aktionsrat de facto gespalten. Versuche, den unterschiedlichen Arbeitsgruppen einen gemeinsamen Zentralrat zu geben, scheiterten. Aus einer der Abspaltungen entwickelte sich im Dezember 1970 der Sozialistische Frauenbund Westberlin.</p>
<h2 class="auto-created">&bdquo;Die, die Kinder hatten, begriffen schneller&ldquo; </h2>
<p>Die Ziele des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen waren keine geringeren als die der M&auml;nner des SDS. Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen kritisierte die von der Neuen Linken nicht hinreichend reflektierte hierarchische Geschlechterordnung. Den SDS kritisierten sie als &bdquo;elit&auml;re Gruppe&ldquo;, w&auml;hrend sie sich selbst als &bdquo;Basis-Gruppe&ldquo; sahen. (SAR 196) Entscheidend aber war: &bdquo;Die, die Kinder hatten, begriffen schneller.&ldquo; (SAR 332) Es waren M&uuml;tter, die meinten, &bdquo;uns brauchte keine wissenschaftliche Analyse erst klar zu machen, dass sich diese Gesellschaft grundlegend &auml;ndern muss.&ldquo; (ebd.) Keine der zentralen Ideen der Frauen kann dabei mit Fug und Recht origin&auml;r genannt werden. Was hat also zu dem politischen Moment gef&uuml;hrt, das die Frauen tun lie&szlig;, was sie getan haben? Sie haben die &bdquo;konkrete Fraglichkeit der eigenen Lebenssituation&ldquo; (Siegfried Landshut) politisch-theoretisch begriffen und hatten die M&ouml;glichkeit danach politisch zu handeln. Sie befanden sich eben nicht in einem totalit&auml;ren System, welches das nicht zugelassen h&auml;tte &ndash; auch wenn einige SDSlerinnen das anders gesehen haben m&ouml;gen. Es gab den politischen Raum, den die Frauen betraten. Sie konnten handeln und waren in der Lage, anhand ihrer theoretischen und politischen Reflexionen, ihre eigenen gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse so zu schauen, dass ihre Handlungen zwar einen utopischen Impetus und auch &ndash; das soll hier nicht vergessen werden &ndash; verfassungstranszendierende Ziele hatten, ihr Handeln dabei aber auf das konkrete hier und jetzt gerichtet war. Das mag ein wesentlicher Faktor ihres Erfolges gewesen sein.</p>
<p>Auch die politischen Einordnung der Frauenfrage als Nebenwiderspruch wird behandelt: &bdquo;Wir wurden ,links&lsquo; und stimmten in den Chor unserer m&auml;nnlichen Genossen ein, dass die Emanzipation der Frau nur in einer Gesellschaft verwirklicht werden kann, die frei von Unterdr&uuml;ckung ist. Doch dieser allgemeine Singsang nutzte uns wenig, wenn es an die konkrete Arbeit ging. Wir hinkten st&auml;ndig hinterher in diesem autorit&auml;ren antiautorit&auml;ren Kampf. Und die, die Kinder hatten, konnten nichts weiter tun als mal zu demonstrieren. Wir bekamen Angst und wurden immer lahmer. Wir begannen, politische Veranstaltungen zu hassen, da sie nichts daran &auml;nderten, dass uns die allt&auml;glichen Probleme zu einem reaktion&auml;ren Verhalten zwangen. Da wir nicht l&auml;nger passiv, verkrampft, wehleidig, einsam bleiben wollten, nicht mehr auf den unverbindlichen Zufall eines verst&auml;ndnisvollen Verh&auml;ltnisses angewiesen sein wollten, m&uuml;ssen wir trotz aller Interessengleichheit unsere ungleiche Situation aufnehmen, artikulieren und organisieren. Diese ungleiche Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass uns die kommende Generation ,am Halse h&auml;ngt&lsquo;. Hier m&uuml;ssen wir aufh&ouml;ren, die Misere individuell l&ouml;sen zu wollen, oder damit auf Zeiten nach der Revolution zu warten.&ldquo; Die Frauen des Aktionsrates folgten ihrer Einsicht und haben es geschafft, obwohl sie Ende 1967 noch weniger als 20 Frauen waren und obwohl der Aktionsrat bald auseinanderbrach, die Gesellschaft an einem nicht unwesentlichen Punkt zu ver&auml;ndern. Diese Leistung sollte heute, vierzig Jahre danach, gew&uuml;rdigt werden.</p>
<p>[1] Die in diesen Artikel erw&auml;hnten Quellen sind Teil der Sammlung Aktionsrat (im Folgenden: SAR) im Berliner FFBIZ. (Als Teil des so genannten Handapparats Tr&ouml;ger, Signatur A Rep 400 Berlin 20) Die Rechtschreibung habe ich stillschweigend angepasst. SAR 257.</p>
<p>[2] Die 23. und letzte ordentliche Delegiertenkonferenz wurde nach einem Tagungswochenende im September 1968 in Frankfurt unterbrochen und im November in Hannover fortgesetzt.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>G&ouml;rtemaker, Manfred</i> (2004): Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gr&uuml;ndung bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Kraushaar, Wolfgang </i>(2001): &bdquo;Denkmodelle der 68er-Bewegung&ldquo;, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 22-23, S. 14&ndash;27.</p>
<p><i>Kraushaar, Wolfgang</i> (2007): Vorwort, in Fichter, Tilman P./L&ouml;nnendonker, Siegward (2007): Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von Helmut Schmidt bis Rudi Dutschke, Essen.</p>
<p><i>Linnhoff, Ursula </i>(1975): Die Neue Frauenbewegung. USA &#8211; Europa seit 1968, K&ouml;ln.</p>
<p><i>Mosler, Peter</i> (1977): Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte &ndash; zehn Jahre danach, Reinbek bei Hamburg.</p>
<p><i>Schulz, Kristina</i> (2002): &bdquo;Der lange Atem der Provokation&ldquo;. oder: Was die Heinrich-B&ouml;ll Stiftung mit der neuen Frauenbewegung zu tun hat, in: <a href="http://www.glow-boell.de/media/de/txt_rubrik_3/Vortrag_Schulz.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.glow-boell.de/media/de/txt_rubrik_3/Vortrag_Schulz.pdf</a>; 05.03.2008.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/an-die-sich-permanent-und-zu-tode-emanzipierenden-frauen-im-sds/">„An die sich permanent und zu Tode emanzipierenden Frauen im SDS“</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Vom revolutionären Willen, „ohne den die Kritische Theorie nichts mehr ist“</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2008 17:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zum politischen Denken des Adorno-Schülers und SDS-Mitglieds Hans-Jürgen Krahl, aus: vorgänge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 70-78 &#8222;Er ist unersetzlich und meiner Überzeugung nach, wäre er ein höchst bedeutender Mensch geworden. Mag Ihnen das Bewusstsein, dass er ein unendlich intelligentes Wesen war, neben dem Schmerz, auch eine gewisse Befriedigung gewähren&#8220;.[1] Diese Zeilen schrieb Max Horkheimer [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zum politischen Denken des Adorno-Schülers und SDS-Mitglieds Hans-Jürgen Krahl,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 70-78</p>
<p>&#8222;Er ist unersetzlich und meiner Überzeugung nach, wäre er ein höchst bedeutender Mensch geworden. Mag Ihnen das Bewusstsein, dass er ein unendlich intelligentes Wesen war, neben dem Schmerz, auch eine gewisse Befriedigung gewähren&#8220;.[1] Diese Zeilen schrieb Max Horkheimer an die Eltern von Hans-Jürgen Krahl, nachdem dieser in der Nacht auf den 15. Februar 1970 tödlich verunglückt war. Der anerkennende Ton des Briefes ist überraschend, da Horkheimer Krahl und den SDS seit Beginn der Studierendenrevolte stets scharf kritisiert und mehrfach in die politische Nähe faschistischer Bewegungen gerückt hatte. Krahl seinerseits hatte der frühen Kritischen Theorie immer wieder die Kapitulation vor den gesellschaftlichen Zuständen vorgeworfen. Krahl war außerdem weniger mit Horkheimer verbunden, sondern Musterschüler und Doktorand von dessen Freund und Kollegen Theodor W. Adorno, der ein halbes Jahr vor Krahl verstorben war. Um Hans-Jürgen Krahl, den Adorno-Schüler, den SDS-Agitator, den Alkoholiker mit dem Glasauge, rankten sich schon zu Lebzeiten zahlreiche Mythen. Die Anerkennung Horkheimers trotz aller politischen und theoretischen Differenzen wirft dagegen ein Schlaglicht auf den Philosophen und Theoretiker Krahl, dessen Konzeption einer kritischen Gesellschaftstheorie und politischen Praxis im Folgenden rekonstruiert und kritisch gewürdigt werden soll.</p>
<p>Einige Informationen zu Krahls Werdegang: Hans-Jürgen Krahl wurde am 17. Januar 1943 in Sarstedt bei Hannover geboren.[2] Nach einem politischen Engagement im rechtsradikalen &#8222;Ludendorffbund&#8220; und in der CDU begann er 1963 in Göttingen Philosophie, Geschichte, Germanistik und Mathematik zu studieren. Ein Jahr später trat Krahl dem Göttinger SDS bei.[3] Nach Frankfurt kam er 1965 und begann bei Adorno eine Dissertation zum Thema &#8222;Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung bei Marx&#8220;. In der Hauptphase der Studentenbewegung ab Juni 1967 wurde Krahl ein wichtiger Sprecher des antiautoritären Flügels des SDS, den er durch sein gemeinsam mit Rudi Dutschke gehaltenes &#8222;Organisationsreferat&#8220; (Krahl 1984: 53 ff) entscheidend prägte. Schnell bundesweit bekannt, versuchte &#8222;der Krahl&#8220; in zahllosen Debatten und Podiumsdiskussionen, die entstehende Neue Linke in seinem Sinn zu prägen. Dabei machte er sich für eine auf das Individuum und seine Befreiung zielende politische Praxis stark und kritisierte autoritäre, marxistisch-leninistische Tendenzen in der Linken in aller Schärfe als &#8222;dogmatische Regression&#8220; (Krahl 1971: 283).[4] Krahls plötzlicher Tod &#8211; er wurde nur 27 Jahre alt &#8211; traf den SDS unerwartet. Die nach Hannover zur Beerdigung angereisten Genossinnen und Genossen beschlossen noch am Tag der Trauerfeier informell das Ende des Verbandes, der zu dieser Zeit schon längst durch Flügel- und Grabenkämpfe gelähmt und in Auflösung begriffen war.</p>
<h2 class="auto-created">Zur M&ouml;glichkeit der Revolution im Sp&auml;tka&shy;pi&shy;ta&shy;lismus </h2>
<p>Wer Zugang zu Krahls Denken sucht &#8211; die meisten Aufsätze, Reden und Skizzen wurden postum im mittlerweile vergriffenen Band &#8222;Konstitution und Klassenkampf&#8220;[5] veröffentlicht &#8211; wird über den fragmentarischen Charakter seiner hinterlassenen Schriften stolpern. Einen bedeutenden Teil von &#8222;Konstitution und Klassenkampf&#8220; machen Exzerpte aus, die Krahls kritische Rezeption von Marx, Adorno, Horkheimer, Sartre, Lukács, Lenin, Habermas und Marcuse dokumentieren. Sein unorthodoxer Umgang mit Schriften aus fünf Jahrzehnten marxistischer Theoriebildung erklärt sich aus seinem zentralen theoretischen wie politischen Anliegen, das sich wie ein roter Faden durch seine Schriften zieht und die oberflächliche Zerrissenheit seines Werkes widerlegt: Krahl versuchte in der Rekonstruktion der marxschen Kritik der Politischen Ökonomie, der durch den Nationalsozialismus verschütteten marxistisch-philosophischen Debatten der zwanziger Jahre und in Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie Frankfurter Prägung eine antiautoritäre Revolutionstheorie für die zeitgenössische Gesellschaft zu entwerfen. Die bürgerliche Gesellschaft, das stand für Krahl außer Frage, stand mit ihrer Tendenz zur Unterdrückung des Individuums, zur sinnentleerten Lohnarbeit und zu Krieg und Faschismus einem menschenwürdigen Leben grundsätzlich im Wege. Die Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft wie Freiheit und Emanzipation waren für ihn erst durch eine sozialistische Revolution einzulösen (Krahl 1971: 27).</p>
<p>Krahl arbeitete an der &#8222;Rekonstruktion revolutionärer Theorie als einer Lehre, deren Aussagen die Gesellschaft unter dem Aspekt radikaler Veränderbarkeit begreifen&#8220; (ebd.: 343). Zentral für sein Verständnis einer Einheit von Theorie und Praxis war die Organisationsfrage, er suchte in Anlehnung an Georg Lukács&#8217; Überlegungen aus &#8222;Geschichte und Klassenbewusstsein&#8220; (vgl. Lukács 1988: 452 ff) nach einer Form für &#8222;die gemeinsame und solidarische Erhebung der proletarisch Ausgebeuteten&#8220; (Krahl 1971: 230). Der marxistisch-leninistische Fetisch einer &#8222;proletarischen Partei&#8220; war für Krahl dabei historisch überholt (ebd.: 182 ff). Während Lenin wie auch Marx noch von der Existenz einer Arbeiterbewegung hätten ausgehen können, bestehe die Aufgabe heute darin, Bewusstseinsgruppen zu konstituieren, die eine radikale Kritik an der Gesellschaft wieder formulieren könnten (ebd.: 155). Zentral war für Krahl die Bedeutung des Individuums, das zur Kritik am Bestehenden und zur Wahrnehmung der eigenen Unterdrücktheit befähigt werden müsse. Eine emanzipatorische Bewegung sollte für ihn das &#8222;Reich der Freiheit&#8220; der Tendenz nach schon durch solidarischen internen Umgang einlösen und damit dem Individuum die Erfahrung ermöglichen, dass Gesellschaft ganz anders sein könnte. &#8222;Wir demgegenüber haben erkannt, dass es, wenn man gegen diese Gesellschaft kämpft, notwendig ist, die ersten Keimformen der künftigen Gesellschaft schon in der Organisation des politischen Kampfes selbst zu entfalten &#8211; die ersten Keimformen anderer menschlicher Beziehungen (&#8230;)&#8220; (ebd.: 26).</p>
<p>Die Notwendigkeit einer neuen Revolutionstheorie stellte sich für Krahl vor allem, weil der Spätkapitalismus noch nicht theoretisch durchdrungen sei, die Kritische Theorie als einzig erfolgversprechender Ansatz aber den revolutionären Willen verloren habe. Krahl wollte diesen in seinen Augen passiven Standpunkt umgehen und gab der Kritischen Theorie einen voluntaristischen und organisatorischen Dreh. Sie sollte das Scheitern der Arbeiterbewegung und den autoritären Realsozialismus analysieren, sich aber gleichzeitig wieder als Teil einer radikalen Opposition verstehen. Die Lage vieler Intellektueller als besser bezahlte Lohnabhängige war für Krahl die materielle Grundlage dieser Parteinahme der Intelligenz. Die fortschreitende Produktivkraftentwicklung subsumiere, so Krahl, die geistige Arbeit mittlerweile so sehr unter das Kapital, dass der Begriff der produktiven Arbeit weiter gefasst werden müsse (ebd.: 295). &#8222;Der Klassenverrat ist organisierbar geworden, die wissenschaftliche Intelligenz gehört ihrer objektiven Lage zufolge tendenziell der herrschenden Klasse nicht mehr an, nur ihrer sozial zurechenbaren geschichtlichen und sozialen Herkunft noch&#8220; (Krahl 1970: 72). &#8222;Proletariat&#8220; war für ihn ein noch zu Bildendes, das auch Intellektuelle umfassen sollte, die &#8222;zum kollektiven Theoretiker des Proletariats&#8220; (ebd.: 345) werden sollten.</p>
<p>Im Gegensatz etwa zu Adorno oder Horkheimer war Krahl nicht bereit, die Veränderbarkeit der Gesellschaft durch revolutionäre Praxis grundsätzlich in Frage zu stellen. Für ihn bewiesen die antikolonialen Befreiungsbewegungen in der so genannten Dritten Welt und die Protestbewegungen in Westeuropa, dass gesellschaftliche Strukturen stets veränderbar seien. In seinen &#8222;Angaben zur Person&#8220; vor Gericht führte Krahl aus: &#8222;Die Solidarisierung mit den sozialrevolutionären Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt war entscheidend für die Ausbildung unseres antiautoritären Bewusstseins. Denn dort liegt die Unterdrückung offen zutage; dort ist sie noch nicht verschleiert durch einen schon etablierten bürgerlichen Tauschverkehr. So lehrte uns die Dritte Welt einen Begriff kompromissloser und radikaler Politik (&#8230;)&#8220; (Krahl 1971: 23). Krahl wollte den scheinbar revolutionären Impetus der Dritten Welt auf die europäischen Metropolen ausweiten, dabei erlag auch er einer Romantisierung der Dekolonisierungsbewegungen (ebd.: 145 ff). Krahls politischer Ansatz lässt sich vielleicht mit einem Zitat gut zusammenfassen, das aus Max Horkheimers Frühschrift &#8222;Dämmerung&#8220; stammt: &#8222;Wenn der Sozialismus unwahrscheinlich ist, bedarf es der um so verzweifelteren Entschlossenheit, ihn wahr zu machen&#8220; (Horkheimer 1933: 343).[6]</p>
<h2 class="auto-created">Die Ausein&shy;an&shy;der&shy;set&shy;zung mit der Kritischen Theorie </h2>
<p>Hans-Jürgen Krahl war von der Kritischen Theorie geprägt, wie sie von Adorno, Horkheimer und auch Marcuse entwickelt worden war.7 Er fühlte sich ihrer &#8222;Heimatlosigkeit&#8220; verpflichtet, weil er die westlichen Demokratien ebenso wie den Realsozialismus und dessen Apologeten kritisierte. Eine befreite Gesellschaft war auch für ihn im Hier und Jetzt nicht positiv bestimmbar (Krahl 1971: 27). Einig mit der Kritischen Theorie war Krahl sich ebenso in der Bedeutung der Theoriebildung für jede Gesellschaftsveränderung: Seine Schriften lassen das Bemühen um die theoretische Herleitung der Möglichkeit emanzipatorischer Praxis erkennen, purer Aktionismus war Krahl stets fremd, selbst wenn einige Reden Anderes vermuten lassen (ebd.: 145 ff).</p>
<p>Zentral für Krahls politisches Denken waren Marcuses Überlegungen zum &#8222;Eindimensionalen Menschen&#8220; und Horkheimers frühe Texte wie &#8222;Autoritärer Staat&#8220;. Die analytischen Konzepte dieser Texte bezog Krahl als Gegenwartsanalyse auf die BRD der sechziger Jahre, was zumindest für Horkheimers frühe Werke ein durchaus fragwürdiges Vorgehen war. &#8222;Beide theoretische Konzeptionen bieten einander ergänzende systematische Ansätze, die auf das veränderte Ganze der kapitalistischen Gesellschaftsformation zielen&#8220; (ebd.: 216). Dieses veränderte Ganze begriff Krahl in einer Weise, die schon in den dreißiger Jahren im Institut für Sozialforschung diskutiert worden war. Für Friedrich Pollock und Max Horkheimer war damals eindeutig, dass die Tendenz zur Monopolisierung sowie die totalitären Regime mit ihren staatlichen Eingriffen in die Ökonomie einen neuen Kapitalismus eingeläutet hatten. Der liberale Frühkapitalismus war dahin, so die Analyse, das bürgerliche Individuum als autonomes Subjekt war durch die Macht der Trusts, durch Kulturindustrie und Volksgemeinschaft endgültig zur Ideologie geworden. Der Faschismus war die politische Ordnung, die den Kapitalismus durch die Krise rettete. In den USA der vierziger Jahre erblickte Horkheimer einen &#8222;integralen Etatismus&#8220;, der durch die psychische Internalisierung der Herrschaft seine autoritäre Macht sogar ohne direkte Unterdrückung absichern könne (vgl. Horkheimer 1940).</p>
<p>Krahl übernahm diese Thesen vom monopolisierten Kapitalismus und vom Ende des Individuums. Die veränderte Situation versuchte er zu erfassen und klassisch marxistische Fragestellungen, wie die zu Klassenkampf und kritischem Bewusstsein, neu zu stellen. Dabei konnte er weder an Lukács noch an die Kritische Theorie einfach anknüpfen, selbst wenn letztere den Studierenden &#8222;Emanzipationsbegriffe an die Hand geliefert&#8220; (Krahl 1971: 234) habe. Die Trauer um das untergegangene Individuum war für Krahl einer der Ausgangspunkte der antiautoritären Studentenbewegung (ebd.: 25 f). Diese habe die &#8222;Vertierung des Menschen&#8220; (ebd.: 24) in den westeuropäischen Gesellschaften bemerkt: &#8222;Denn nicht anders ist es zu erklären, dass selbst das bürgerliche Individuum (&#8230;) durch den Prozess des Faschismus hindurch vernichtet wurde; dass, wie es Theoretiker der Frankfurter Schule einmal gesagt haben, sich einige Menschen schämen müssten, wenn sie &#8218;ich&#8217; sagen, &#8211; das bedeutet, dass im bürgerlichen Ich, so wie Marcuse es ausführte, immer noch die Fähigkeit zur Kritik, zur Erfahrung, zur Erinnerung und zum Begreifen enthalten war, dass aber heute (&#8230;) die Menschen auf bloße Reaktion, gleichsam nach dem Pawlowschen Reflex, reduziert werden (&#8230;)&#8220; (ebd.: 24 f).</p>
<p>Die für Krahl entscheidenden Fragen, die Fragen nach der Organisation politischer Praxis, die die Vereinzelung des Individuums überwinden könne, stellten die Denker der Kritischen Theorie zu Krahls Enttäuschung nicht. Stattdessen gab Horkheimer Interviews, in denen er die Möglichkeit zur Gesellschaftsveränderung leugnete und den Schutz der Individualität vom Bestehen der warenproduzierenden Gesellschaft abhängig machte (vgl. Der SPIEGEL, 5.1.1970).</p>
<p>Adorno, in diesen Fragen vorsichtiger, mochte sich vom Ideal einer gerechten Gesellschaft nicht verabschieden. Dennoch war seine Kritik an der sich als revolutionär verstehenden Studentenbewegung vernichtend. Die Studierenden ergingen sich in blinder und theoriefeindlicher &#8222;Pseudo-Aktivität&#8220; (Adorno 1969: 772), die letztlich regressive und autoritäre Tendenzen hervorbringe. Bereits 1965 hatte Adorno in seinen &#8222;Vorlesungen über Negative Dialektik&#8220; ausgeführt, die Umwälzung der Gesellschaft sei nach Auschwitz nicht mehr wie im 19. Jahrhundert als politische Revolution zu denken (vgl. Adorno 2007: 71 ff). Auch für ihn war eindeutig, dass es irgendwann einmal sozialistischer Praxis bedürfe (vgl. ebd.: 75 f), für den Moment aber konstatierte er ein &#8222;Zurückgeworfensein auf die Philosophie&#8220; (ebd.: 88).</p>
<p>Krahl wandte sich mit seinen Überlegungen zur Praxis und zur Organisationsfrage daher von Adorno und Horkheimer ab und kritisierte deren Ansichten zur Praxis hart und oft polemisch.[8] Adornos Prägung durch den Nationalsozialismus und das Exil, so Krahl, &#8222;ließ seine progressive Furcht vor einer faschistischen Stabilisierung des restaurierten Monopolkapitals in regressive Angst vor den Formen praktischen Widerstands gegen diese Tendenz des Systems umschlagen&#8220; (Krahl 1971: 385). Adorno bleibe wider besseren Wissens in der Ruine des bürgerlichen Individuums gebannt. Seine Kritik an der Studentenbewegung wies Krahl zurück: &#8222;Damit [mit Adornos Vorwurf der &#8222;Pseudo-Aktivität&#8220;, H.V.] aber ist jede Praxis a priori als blind aktionistisch denunziert und die Möglichkeit politischer Kritik schlechthin boykottiert nämlich die Unterscheidung zwischen einer im Prinzip richtigen vorrevolutionären Praxis und deren kinderkranken Erscheinungsformen in entstehenden revolutionären Bewegungen&#8220; (ebd.: 285).</p>
<p>Adornos und Horkheimers Denken, wie es sich in der Kritik an der Studentenbewegung zeigte, war für Krahl eine praktische Resignation und damit ein Widerspruch: &#8222;(&#8230;) das Elend der Kritischen Theorie ist auf einer bestimmten Ebene einfach auch das Fehlen der Organisationsfrage (&#8230;). Die Erfahrung des Faschismus scheint der Kritischen Theorie und Adorno suggeriert zu haben, dass kollektive Praxis notwendig bewusstseinsdestruktiv ist (&#8230;). Im Grunde genommen ist die resignative Position bis hin zur Aussage von der fixierten Intergration der Arbeiterklasse ins kapitalistische System orientiert an einem traditionellen Begriff des unmittelbaren Industrieproletariats (&#8230;)&#8220; (ebd.: 294 f). Da politische Praxis und Gesellschaftstheorie für Krahl nie trennbar waren, kamen für ihn auch der soziale Status der Frankfurter Denker und dessen Auswirkungen auf die Theorie in den Blick. Seine Forderung an Adorno und Horkheimer war, den akademischen Elfenbeinturm zu verlassen und sich als &#8222;kritische Autoritäten&#8220; (Krahl 1971: 257 ff) an einem Aufklärungsprozess und einer langfristigen Organisation zu beteiligen. &#8222;Wenn man schon davon spricht, dass Studenten, Intellektuelle und Theoretiker das Bewusstsein und den Willen bekunden müssen, sich auf den &#8218;Standpunkt des Proletariats&#8216; zu stellen, so kann das nur heißen: eine praktische Periode revolutionärer Aufklärung zu entfalten (&#8230;)&#8220; (Krahl 1970: 70 f).</p>
<p>Zumindest bei Horkheimer schien Krahl aber Zweifel zu haben, ob dieser an befreiender Praxis überhaupt noch interessiert war: &#8222;Zwar war einst für Horkheimer die Zurechnung der Theorie zur befreienden Praxis des Proletariats programmatisch; doch die bürgerliche Organisationsform der Kritischen Theorie brachte schon damals Programm und Durchführung nicht zur Deckung&#8220; (Krahl 1971: 287). Seine Kritik an Horkheimer fasste Krahl daher derart zusammen, &#8222;(&#8230;) dass schließlich in den Schriften des Alternden dieses unglückliche spätbürgerliche Bewusstsein resignativ den revolutionären Willen zersetzt, ohne den die Kritische Theorie nichts mehr ist&#8220; (ebd.: 230).</p>
<h2 class="auto-created">Machtloses Individuum, autorit&auml;rer Staat und emanzi&shy;pa&shy;to&shy;ri&shy;sche Organi&shy;sa&shy;tion </h2>
<p>Parallel zur Rekonstruktion einer revolutionären Theorie der Gesellschaft ging es Krahl darum, ein &#8222;politisches Realitätsprinzip zu entfalten&#8220; (ebd.: 278). Dieses sollte in einer neuen Form von Organisation langfristige Perspektiven für die Veränderung der Gesellschaft aufweisen. Die These von der veränderten kapitalistischen Vergesellschaftung ging hier ebenso konstitutiv ein wie sein weiter Begriff des Proletariats. Eine endgültige Fassung seiner politischen Überlegungen hat Krahl nicht mehr entwerfen können, seine Vorstellungen sind aber in einer frühen, dichten Form im &#8222;Organisationsreferat&#8220; (Krahl 1984: 53) festgehalten, das er zusammen mit Rudi Dutschke für die 22. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1967 verfasste.[9] Während Dutschke das Referat vortrug und strategische Überlegungen beisteuerte, stammte der analytische Teil des Referates weitgehend von Krahl (vgl. Lönnendonker et al. 2002: 382). Darin wird die BRD der sechziger Jahre mit dem Begriff Horkheimers als ein System des &#8222;integralen Etatismus&#8220; analysiert, in dem die Menschen durch autoritäre Denkstrukturen und die systemkonforme Propaganda in Presse und Fernsehen nicht in der Lage seien, ihre eigene Unterdrücktheit adäquat wahrzunehmen (Krahl 1984: 58). Gegen Ende des &#8222;Wirtschaftswunders&#8220; greife die Große Koalition mit der &#8222;konzertierten Aktion&#8220; der Ära Kiesinger und besonders mit der Notstandsgesetzgebung verstärkt in den Produktionsprozess ein, der Staat hebe die kapitalistische Konkurrenz auf (ebd.: 55). Letztlich drohe sogar die Gefahr eines neuen Faschismus, der im Gewand einer formalen Demokratie erscheinen könne.</p>
<p>Aus dieser Analyse folgern Krahl und Dutschke, jede Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel müsse wieder auf den revolutionären Willen der Menschen setzen. Da die Produktivkraftentwicklung nicht zu einer Revolution geführt habe, sei Marx&#8217; ökonomische Kritik des Anarchismus hinfällig und anarchistische Ideen in der Tradition etwa von Michail Bakunin müssten rehabilitiert werden (ebd.: 58). Der SDS müsse sich daher als bürgerliche Mitgliederpartei auflösen und die Aufklärung breiter Bevölkerungsschichten in Form von &#8222;revolutionären Bewusstseinsgruppen&#8220; (ebd.: 58) vorantreiben. &#8222;Die Agitation in der Aktion, die sinnliche Erfahrung der organisierten Einzelkämpfer in der Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutivgewalt bilden die mobilisierenden Faktoren in der Verbreiterung der radikalen Opposition (&#8230;)&#8220; (ebd.: 58). Das Vorbild dieses Einzelkämpfers war für Krahl und Dutschke in Anlehnung an Che Guevara der Guerillero der Dritten Welt: &#8222;Die &#8218;Propaganda der Schüsse&#8217; (CHE) in der &#8218;Dritten Welt&#8217; muss durch die &#8218;Propaganda der Tat&#8217; in den Metropolen vervollständigt werden, welche ein Urbanisierung ruraler Guerilla-Tätigkeit geschichtlich möglich macht. Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität (&#8230;). Die Universität bildet seine Sicherheitszone, genauer gesagt, seine soziale Basis (&#8230;)&#8220; (ebd.: 58 f).</p>
<p>Besonders durch die Artikel von Wolfgang Kraushaar, auch für die <i>vorgänge </i>(Kraushaar 1998), ist die Debatte um das &#8222;Organisationsreferat&#8220; auf den Begriff der Stadtguerilla, die Gewaltbereitschaft der APO und ihre Beziehung zur RAF zugespitzt worden. Zwar zieht auch Kraushaar keine direkte Linie von den &#8222;irregulären Aktionen&#8220; (Krahl 1984: 58) des Organisationsreferates zum Terror der RAF (vgl. Kraushaar 1987: 23; 31), dennoch deutet er Krahl und Dutschke als Vordenker einer militanten linksradikalen Opposition. Zu Krahls Verhältnis zur Gewalt ist zu sagen, dass es ihm um die Verbreiterung von Protest ging, um eine &#8222;Kultur- und Bewusstseinsrevolution in den Metropolen&#8220; (Lönnendonker 2002: 381). Im &#8222;Organisationsreferat&#8220; ist mit der Stadtguerilla daher vor allem ziviler Ungehorsam und ein neuartiges Aufklärungskonzept gemeint, und nicht militante Aktionen als Selbstzweck. Selbst wenn er sich zum Beispiel gegenüber Habermas von Gewaltanwendungen distanzierte (vgl. Lönnendonker 2002: 351), war für Krahl die Anwendung von Gewalt aber generell durchaus legitimierbar (vgl. Krahl 1971: 26). Irreguläre, auch illegale Aktionen waren dabei aber stets nur als Mittel zur Verbreiterung radikalen Protests gedacht. Der maoistische Ansatz der RAF, die blinden Terrorakte gegen einzelne Repräsentanten des Staates, sind dagegen mit Krahls Denken, das um die Befreiung des vereinzelten Individuums, langfristige Organisation und Theoriearbeit kreiste, in keiner Weise in Einklang zu bringen. &#8222;Marxistische Kritik und Selbstkritik hat mit &#8218;Selbstbefreiung&#8217; nichts, dagegen mit revolutionärer Disziplin sehr viel zu tun&#8220; (Hoffmann 1997: 28) &#8211; Phrasen wie diese aus einem Flugblatt der RAF stehen für genau die Form von autoritärem Bewusstsein und ontologisiertem Marxismus, die Krahl unter Verweis auf die Notwendigkeit antiautoritärer Ansätze immer wieder kritisiert hat (vgl. Krahl 1971: 311 ff).</p>
<h2 class="auto-created">Fazit </h2>
<p>&#8222;Nicht an allem, was in dem Buch gesagt ist, halten wir unverändert fest. Das wäre unvereinbar mit einer Theorie, welche der Wahrheit einen Zeitkern zuspricht, anstatt sie als Unveränderliches der geschichtlichen Bewegung entgegenzusetzen&#8220; (Horkheimer / Adorno 1988). Dieses Zitat aus dem Vorwort zur Neuauflage der &#8222;Dialektik der Aufklärung&#8220; macht deutlich, dass Adorno und Horkheimer die in ihrem gemeinsamen Schlüsselwerk getroffenen Aussagen über die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft nicht für endgültige Wahrheiten hielten. Hans-Jürgen Krahl, durch die Kritische Theorie beeinflusst und doch ein völlig anders sozialisierter Denker, hielt den praktischen Pessimismus der Kritischen Theorie für nicht mehr zeitgemäß. Es bedeutete es für ihn sogar ein Widerspruch, nicht nach den Möglichkeiten einer revolutionären Politik zu suchen &#8211; in diesem Punkt war er sich etwa mit Herbert Marcuse durchaus einig. Krahls Kritik an der Kritischen Theorie &#8211; so wie Lukács Polemik gegen die Frankfurter Theoretiker, die es sich im &#8222;Grand Hotel Abgrund&#8220; bequem gemacht hätten &#8211; ist wegen der Zuspitzung auf die individuelle Lebensführung Horkheimers und Adornos teilweise durchaus fragwürdig. Dennoch benannte sie sehr präzise die Aporien der Kritischen Theorie und ihre Beeinflussung durch die Erfahrung des Exils und des Faschismus. Indem er dem alternden Horkheimer dessen eigene Schriften aus den dreißiger Jahren vorhielt, erinnerte Krahl an die reale Hoffnung auf eine befreite Gesellschaft, die die Kritische Theorie ursprünglich inspiriert hatte. Dass Krahl im Gegensatz zu seinen Professoren eine Revolution für möglich hielt, erklärt sich einerseits aus seinen anderen Lebenserfahrungen, andererseits aus dem Kontext einer sich radikalisierenden Studentenbewegung, die jedoch in vielen Punkten völlig an der Realität vorbeiging. Krahls praktische Vorschläge, wie sie im &#8222;Organisationsreferat&#8220; festgehalten sind, bildeten eine nachvollziehbare Konsequenz aus seiner Analyse der spätkapitalistischen Gesellschaft, auch wenn seine Ansprüche oft wenig mit der realen Situation des SDS oder der APO zu tun hatten. Sein voluntaristischer Dreh in der Kritischen Theorie und sein Avantgardedenken, das teilweise noch leninistische Züge trug, müssen heute aber ebenso wie die völlige Fehleinschätzung der sozialen Lage zum Zeitpunkt des &#8222;Organisationsreferates&#8220; einer deutlichen Kritik unterzogen werden. Der Gedanke, dass der Weg zu einer befreienden Praxis tatsächlich für den Moment versperrt sein könnte, wurde von Krahl nicht ausreichend reflektiert. &#8222;Aber die Behauptung, daß die Menschen ihre Geschichte bewußt gestalten können, schließt weder die Behauptung ein, daß sie es stets tun, noch, daß sie es jeweils zum Besseren richten. Kritische Theorie hält aber den Gedanken an diese Möglichkeit fest&#8220; (Greven 1994: 15). Hans-Jürgen Krahl steht für den Versuch, eine kritische Gesellschaftstheorie trotz der Übermacht des Bestehenden voranzutreiben und die Möglichkeit praktischer Veränderung aus der Kritik abzuleiten. Eine Aufgabe, vor die sich Kritische Theorie auch heute noch gestellt sieht.</p>
<p>[1] Das Kondolenzschreiben Horkheimers vom 19.02. 1970 ist im Horkheimer-Archiv der Universität Frankfurt unter der Signatur V.97/270 einzusehen. Die falsche Zeichensetzung und Rechtschreibung sind dem Original entnommen.</p>
<p>[2] Zu Krahls Biographie vgl. Claussen 1998; Kraushaar 1998.</p>
<p>[3] Über die Hintergründe von Krahls Kehrtwende zum Linksradikalismus lässt sich hier nur spekulieren. Er selbst erklärte sie in seinen &#8222;Angaben zur Person&#8220; als Annahme eines proletarischen Klassenstandpunktes: &#8222;Nachdem mich die herrschende Klasse rausgeworfen hatte, entschloss ich mich dann auch, sie gründlich zu verraten, und wurde Mitglied im SDS&#8220; (Krahl 1971: 22).</p>
<p>[4] Zu leninistischen und maoistischen Tendenzen in der Studierendenbewegung hat Krahl sich verschiedentlich kritisch geäußert, vgl. unter anderem Krahl 1971: 311 f; 278 ff; 303 ff.</p>
<p>[5] Der Band &#8222;Konstitution und Klassenkampf&#8220; ist in einer eigenwillig falschen Rechtschreibung verfasst, die aber durch die Ersetzung des &#8222;ß&#8220; durch &#8222;ss&#8220; teilweise der neuen deutschen Rechtschreibung gleicht. Eine kritische Neuauflage des Bandes, vom Verlag Neue Kritik schon vor Jahren angekündigt, lässt leider weiter auf sich warten. Im Folgenden wird auf die Korrektur der Zitate aus &#8222;Konstitution und Klassenkampf&#8220; durch [sic] verzichtet.</p>
<p>[6] Auch Kraushaar bringt das Zitat mit dem Denken Krahls in Verbindung, vgl. Kraushaar 1987: 26.</p>
<p>[7] Obwohl Krahl in seiner Gegenwartsanalyse einige zentrale Topoi von Marcuse übernahm, kritisierte er ihn scharf als von Heidegger beeinflussten Existentialisten (vgl. Krahl 1971: 98 ff; 122 ff). Die Kritik an Marcuse scheint Krahl aber insgesamt nicht so wichtig gewesen zu sein wie die an seinen Frankfurter Lehrern Adorno und Horkheimer.</p>
<p>[8] Krahls Kritik an der Kritischen Theorie ist vor allem zu finden in seinen Textfragmenten &#8222;Der politische Widerspruch in der Kritischen Theorie Adornos&#8220; (Krahl 1971: 285 ff), &#8222;Kritische Theorie und Praxis&#8220; (ebd. 289 ff) sowie in einem Diskussionsbeitrag zur Kritischen Theorie bei Max Horkheimer (ebd.: 230 ff).</p>
<p>[9] Das Organisationsreferat galt jahrelang als verschollen und wurde nach seiner Wiederentdeckung seit den späten achtziger Jahren besonders von Wolfgang Kraushaar immer wieder zur Diskussion gestellt. Kraushaar legt in seinen Interpretationen den Fokus auf Rudi Dutschke und dessen Gewaltbereitschaft, ihm geht es besonders um die Verbindungslinien zwischen der antiautoritären Studentenbewegung und dem Terror der RAF. Vgl. zum Organisationsreferat auch Lönnendonker et.al. 2002: 379 ff., Kraushaar 1987, Kraushaar 2005.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Adorno, Theodor W. </i>1969: Marginalien zu Theorie und Praxis, in: ders. Gesammelte Schriften 10.2: Kulturkritik und Gesellschaft II, Frankfurt a.M., S. 759-782.</p>
<p><i>Adorno, Theodor W.</i> 2007: Vorlesungen über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66, Frankfurt a.M.</p>
<p><i>Claussen, Detlev</i> 1998: Hans-Jürgen Krahl -Ein philosophisch-politisches Profil, in: Kraushaar, Wolfgang (Hg.) 1998: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946-1995. Band 3: Aufsätze und Kommentare, Register, Hamburg, S. 65-70.</p>
<p><i>Der SPIEGEL,</i> 5. Januar 1970: &#8222;Was wir &#8218;Sinn&#8217; nennen, wird verschwinden&#8220; SPIEGEL- Gespräch mit dem Philosophen Max Horkheimer, Hamburg, S. 79-84.</p>
<p><i>Dutschke, Rudi / Hans-Jürgen Krahl </i>1967: Organisationsreferat, in: Hans-Jürgen Krahl 1984: Vom Ende der abstrakten Arbeit, Frankfurt a.M., S. 53-59; außerdem in: Wolfgang Kraushaar (Hg.) 1998: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 19461995, Band 2: Dokumente, Hamburg, S. 287-290.</p>
<p><i>Greven, Michael Th. </i>1994: Kritische Theorie und historische Politik, Theoriegeschichtliche Beiträge zur gegenwärtigen Gesellschaft, Opladen.</p>
<p><i>Hoffmann, Martin (Hg.) </i>1997: Rote Armee Fraktion, Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin. Horkheimer, Max 1933: Dämmerung. Notizen in Deutschland, in: ders. Gesammelte Schriften 2: Politische Frühschriften 1922-1932, Frankfurt a.M., 309-452.</p>
<p><i>Horkheimer, Max </i>1940: Autoritärer Staat, in: ders. Gesammelte Schriften 5: &#8222;Dialektik der Aufklärung&#8220; und Schriften 1940-1950, Frankfurt a.M., 293-31 9.</p>
<p><i>Horkheimer, Max / Theodor W. Adorno </i>1988: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a.M.</p>
<p><i>Krahl, Hans-Jürgen </i>1970: Ausgewählte Werke &#8211; Aufsätze, Fragmente, Exzerpte, Notizen, Helsinki.</p>
<p><i>Krahl, Hans-Jürgen</i> 1971: Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolution, Schriften, Reden und Entwürfe aus den Jahren 19661970, Frankfurt.</p>
<p><i>Krahl, Hans-Jürgen </i>1984: Vom Ende der abstrakten Arbeit. Die Aufhebung der sinnlosen Arbeit ist in der Transzendentalität des Kapitals angelegt und in der Verweltlichung der Philosophie begründet, Frankfurt a.M Kraushaar, Wolfgang 1987: Autoritärer Staat und Antiautoritäre Bewegung. Zum Organisationsreferat von Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl auf der 22. Deligiertenkonferenz des SDS in Frankfurt (4.-8. Sept. 1867), in: ders. 1998: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946-1995, Band 3, Hamburg, S. 15-33.</p>
<p><i>Kraushaar, Wolfgang</i> (Hg.) 1998: Einleitung: Kritische Theorie und Studentenbewegung, in: ders. 1998: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946-1995, Band 1, Hamburg, S. 17-32.</p>
<p><i>Kraushaar, Wolfgang </i>2005: 1968 und die RAF -Ein umstrittenes Beziehungsgeflecht, in: vorgänge 171/172, Sept./Dez. 2005, Heft 3/4, S. 208-220.</p>
<p><i>Lönnendonker, Siegward / Rabehl, Bernd / Staadt </i>Jochen 2002: Die antiautoritäre Revolte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund nach der Trennung von der SPD, Band 1: 1960-1967, Wiesbaden.</p>
<p><i>Lukács, Georg </i>1988: Geschichte und Klassenbewusstsein, Studien über marxistische Dialektik, Darmstadt / Neuwied.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/181-vorgaenge/publikation/vom-revolutionaeren-willen-ohne-den-die-kritische-theorie-nichts-mehr-ist/">Vom revolutionären Willen, „ohne den die Kritische Theorie nichts mehr ist“</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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