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	<title>vorgänge Nr. 187: 20 Jahre Einheit in Uneinigkeit Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/editorial-24/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 21:45:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 1-3 Die Einheit kennt nur einen angemessenen Zustand, die Vollendung. Glaubt man der Präambel des Grundgesetzes, so wurde dieser bereits am 3. Oktober 1990 erreicht. Denn dort steht geschrieben: &#8222;Die Deutschen in den Ländern (sie werden aufgezählt) haben in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet.&#8220; Viele [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 1-3</p>
<p>Die Einheit kennt nur einen angemessenen Zustand, die Vollendung. Glaubt man der Präambel des Grundgesetzes, so wurde dieser bereits am 3. Oktober 1990 erreicht. Denn dort steht geschrieben: &#8222;Die Deutschen in den Ländern (sie werden aufgezählt) haben in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet.&#8220; Viele dieser Deutschen hat in den zwanzig Jahren danach allerdings ein gelinder Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Feststellung gepackt und mittlerweile wird die Vollendung von den verantwortlichen Politikern auf das Jahr 2019 terminiert. Auch dieses Datum bleibt vage und es machen sich Zweifel breit, ob dieser Zustand überhaupt erreichbar ist. Woran wollte man ihn messen und vor allem, wem ist gedient, sollte er eintreten?</p>
<p>Bei dem Versuch, diese Fragen zu beantworten, stößt man schnell auf die systemische Schieflage, die dem Streben nach Einheit innewohnt. So wie bereits ihre erste Vollendung lediglich aus der Übertragung des westdeutschen Grundgesetzes auf das Gebiet der vormaligen DDR bestand, so zielten alle nachfolgenden Einheits-Bekundungen auf die Angleichung eines Zustands Ost an sein Vorbild West. Kaum eine Differenz wird bis heute in Deutschland so minutiös erforscht, wie die durch die ehemalige Zonengrenze markierte. Und bei kaum einer Differenz ist so klar, auf welcher Seite Bonus und auf welcher Malus zu finden ist. Diese normative Aufladung ist der Selbstanmaßung einer Politik geschuldet, die noch immer vorgibt, einen Prozess steuern zu können, dessen Entgleiten sie nicht einzugestehen vermag. So wie im Gegenzug die Betroffenen nur allzu gerne und bisweilen auch allzu blauäugig von dem juristischen Versprechen der Einheit auf eine faktische Gleichheit der Lebensverhältnisse schließen und in den bestehenden Unterschieden vornehmlich Vollzugsdefizite eben jener Politik sehen.</p>
<p>Statt die Messlatte der Angleichung hoch zu halten, will die vorliegende Ausgabe der <i>vorgänge </i>den Blick auf die womöglich dauerhaften Eigenheiten der ostdeutschen Länder schärfen. Dabei werden Differenzen nicht negiert, doch soll die Pfadabhängigkeit ihrer Entwicklung im Vordergrund stehen. Die Frage, der die Beiträge nachgehen, ist weniger die nach dem, was sein soll, als nach dem, was ist und sein wird. Weniger (An-)Klage als vielmehr Bestandsaufnahme einer Gesellschaft im zwanzigsten Jahr ihrer radikalen Selbstveränderung.</p>
<p>Für <i>Michael Thomas</i> wiegen die erheblichen Herausforderungen, vor denen Deutschland insgesamt steht, schwerer als die innerdeutschen Unterschiede. Statt Letztere immer wieder zu messen, sollte eine gemeinsame Gestaltungsperspektive entwickelt werden, in welcher der Osten eine experimentelle Vorreiterrolle einnehmen könnte.</p>
<p><i>Ilse Helbrecht </i>plädiert für die Beibehaltung des Verfassungsgrundsatzes von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, dessen Interpretation aber, ihrer Meinung nach, der Divergenz der Lebensräume mehr Rechnung tragen und sich auf die Festlegung von Mindeststandards beschränken sollte.</p>
<p>Für <i>Ulrich Busch </i>sind ein selbsttragendes Wachstum und eine Konvergenz mit der westdeutschen Wirtschaft Voraussetzungen für die Erfüllung des Verfassungssatzes von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Beides werde Ostdeutschland ohne Förderung nicht erreichen.</p>
<p><i>Michael Hofmann </i>zeichnet die Entwicklung der sozialen Milieus Ostdeutschlands in den letzten fünfzig Jahren nach. Die Sozialstrukturen unterscheiden sich auch heute noch von den westdeutschen erheblich.</p>
<p><i>Gunnar Winkler </i>hat die ostdeutsche Bevölkerung nach ihrer (Selbst-)Wahrnehmung befragt. Sein Fazit: Es gehe insgesamt darum, keine pauschale &#8222;Angleichung&#8220; zu erwarten, sondern differenziertere Strategien zu entwickeln, um Richtung, Zeitpunkt und Wege zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse festzulegen bzw. um existente Unterschiede auch als &#8222;normal&#8220; anzuerkennen. Pauschal zu fordern, Ost muss werden wie West, sei kein Programm.</p>
<p><i>Peter Alheit </i>ist einem Phänomen nachgegangen, das Ost &#8211; nicht nur von Westdeutschland unterscheidet, sondern auch von benachbarten Transformationsländern. Es gibt eine erstaunliche Kontinuität in Einstellung und Habitus zwischen der Großeltern- und der Enkelgeneration.</p>
<p>Für <i>Christine Steiner </i>hat bei Jugendlichen die Absehbarkeit der beruflichen Integration insbesondere in den neuen Ländern erkennbar abgenommen. Nach nunmehr 20 Jahren ähnlicher Problemlagen beim Ausbildungs- und Erwerbseinstieg mache die Bezeichnung &#8222;verlorene Generation&#8220; für die davon Betroffenen kaum noch Sinn. Sie sind in der neuen, flexiblen Arbeitswelt Angekommene.</p>
<p><i>Michael Meyen </i>und <i>Olaf Jandura </i>führen die unterschiedliche Mediennutzung der West- und Ostdeutschen darauf zurück, dass Letztere ihre Biographie in ihnen nicht widergespiegelt sehen und ihre soziale Stellung anders einschätzen.</p>
<p><i>Armin Pfahl-Traughber </i>hat bei der rechtsradikalen Szene in den letzten fünfzehn Jahren eine Verschiebung nach Osten und eine gleichzeitige Radikalisierung beobachtet. Diese Entwicklung korrespondiert mit einer über das Wählerpotenzial hinausgehenden Akzeptanz entsprechender Einstellungen in der Bevölkerung.</p>
<p><i>Monika Wohlrab-Sahr, Uta Karstein</i> und <i>Thomas Schmidt</i>&#8211;<i>Lux </i>erkennen in der Säkularisierung Ostdeutschlands eine Tatsache, die sich nicht allein mit dem diktatorischen Charakter der DDR erklären lässt. Deren Vorgehen gegen die Kirche konnte vielmehr auf die aufklärerischen Tendenzen der Moderne und einen durch das Wort geprägten Protestantismus aufbauen.</p>
<p>Für <i>Oliver D`Antonio </i>ist die Politik in der Berliner Republik durch komplexere Rahmenbedingungen und Akteurskonstellationen bestimmt, sie ist weniger Aufbruch als bestenfalls gelingendes Management.</p>
<p>In seinem Essay widerspricht <i>Christoph Egle </i>dem Eindruck, die Große Koalition habe nur Politik des kleinsten Nenners betrieben. Sie habe einige grundlegende Reformen auf den Weg gebracht, falle aber in der Bilanz hinter der Ära Schröder zurück.</p>
<p><i>Thomas Leif </i>geht den Gründen für das eklatante Legitimationsdefizit der Parteien nach und fordert, das Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft wieder zur Geltung zu bringen, die Bürger stärker an ihr zu beteiligen und eine Jugendquote einzuführen.</p>
<p>Eine Rezension der Biographie des NS-Anklägers Fritz Bauer von Stephan A. Glienke schließt diese Ausgabe der <i>vorgänge </i>ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lektüre wünsche.</p>
<p>Ihr</p>
<p>Dieter Rulff</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/editorial-24/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Der Osten bleibt der Osten, bleibt der Osten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 4-12 In ihrer Form und Zuspitzung mag Maxim Billers Meinungsäußerung vom Frühjahr dieses Jahres eher als singulär oder gar absurd erscheinen. Unter dem Titel &#8222;Deutsche deprimierende Republik&#8220; hatte er im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben: &#8222;Nein, man kann nicht alles, was heute an Deutschland nervt, auf den [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/der-osten-bleibt-der-osten-bleibt-der-osten/">Der Osten bleibt der Osten, bleibt der Osten</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 4-12</p>
<p>In ihrer Form und Zuspitzung mag Maxim Billers Meinungsäußerung vom Frühjahr dieses Jahres eher als singulär oder gar absurd erscheinen. Unter dem Titel &#8222;Deutsche deprimierende Republik&#8220; hatte er im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben: &#8222;Nein, man kann nicht alles, was heute an Deutschland nervt, auf den lähmenden Einfluss der xenophoben, deutschnationalen, provinziellen, für immer bolschewisierten Duckmäuserossis zurückführen. Aber vieles, sehr vieles.&#8220; (Biller 2009) Allerdings erinnert der allgemeine Gehalt dieser und anderer Textstellen nicht nur an frühe Ressentiments und Beschimpfungen (bei Arnulf Bahring waren es die &#8222;verhunzten&#8220; und &#8222;verzwergten&#8220; Ossis); die Tonlage ist vielmehr heute weit verbreitet. Noch immer werden deutsch-deutsche Konflikte und Befindlichkeiten zumeist auf einer West-Ost-Schiene abgearbeitet, oder wenigstens auf eine solche geschoben.</p>
<p>So recht überraschen kann das nicht. In der Tat zeigen die unterschiedlichsten kartografischen Darstellungen aus dem Bundesamt für Raumordnung konstant Konturen der alten DDR; die jährlichen Rankings zur wirtschaftlichen Entwicklung und zu Zukunftsrisiken positionieren nach wie vor die östlichen Landkreise und Städte recht einheitlich im unteren Drittel und selbst die zunehmend veröffentlichten Prognosen über Veränderungen bis 2020 oder gar bis 2050 zeigen nur leichte Verwischungen solcher markanten Grenzziehungen. Der Osten hebt sich insgesamt in Status quo wie Tendenz nach BIP, Langzeitarbeitslosigkeit, Armutsquoten etc. ab (vgl. Busch/Kühn/Steinitz 2009) &#8211; ein anhaltender <i>Nachholbedarf </i>ist nicht zu übersehen.</p>
<p>Während also die kartografischen Darstellungen, die Rankings oder die Prognosen für den Osten nach wie vor erhebliche Nachhol- und damit freilich auch Unterstützungsbedarfe signalisieren, wird dieser Osten von einem großen Teil der wirtschaftlichen und politischen Eliten, von Meinungsmachern wie wachsenden Teilen der Bevölkerung abgeschrieben und werden Möglichkeit und vor allem Sinn, Nutzen weiterer Unterstützungen in Frage gestellt. Deren Effekt scheint zu gering. Und neben einzelnen Ursachendiskussionen haben in der Tonlage generelle Schuldprojektionen, Abwertungen und Stigmatisierungen der DDR, der DDR-Bürger oder der Ostdeutschen zugenommen. Es ist nicht zu vermuten, dass diese sich nur aus einem Überdruss an Feiern und Festivitäten angesichts der Jahre 1989 und 1990 speisen: <i>Irgendetwas nervt. </i></p>
<p>Deutlich wird ein Dilemma, zu dem sich Politik und Wissenschaft höchst unterschiedlich in Beziehung setzen. Entweder wird ein Scheitern des bisherigen Weges konstatiert und der Osten in seinem Status als auf Dauer unterentwickelter Landesteil festgeschrieben,[1] oder es werden anhaltende Ungerechtigkeiten, die Benachteiligungen der Ostdeutschen, beklagt und rasche Angleichungen verlangt. Die gefühlte Rücksetzung als &#8222;Bürger zweiter Klasse&#8220; könnte zu einer dauerhaften Ethnifizierung der Ostdeutschen führen (vgl. Heitmeyer 2009; Koch et al. 2009). Offizielle Regierungspolitik (in welcher konkreten politischen Konstellation auch immer) wie die Mehrheit der politischen Parteien und Mehrheiten in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften haben sich allerdings auf eine Interpretationsfolie eingeschworen, die seit Jahren schrittweise Erfolge im Aufhol- und Angleichungsprozess konstatiert und so für weitergehende (wenngleich schwierigere und längerfristigere) Aufholprozesse die Instrumente einsetzen und nachjustieren will. Schrittweise Erfolge, wie sie etwa in den Jahresberichten der Bundesregierung vermerkt werden, sind nicht zu leugnen. Ebenso sind Versuche und Ansprüche, die markanten Unterschiede zwischen den beiden Großregionen in Deutschland weiter abzubauen, nur zu begrüßen.</p>
<p>Was aber ist damit erreicht? Kommt man so aus dem aufgezeigten Dilemma heraus? Zu leugnen sind nicht ernsthafte Probleme im Westen des Landes, zu übersehen sind nicht die Hindernisse für weitere Aufholprozesse im Osten. Dabei geht es nicht nur um den auslaufenden Solidarpakt und die prekäre Haushaltslage in Ländern und Kommunen. Selbst wenn wir nicht die Meinung teilen, dass alle diese Probleme und Hindernisse als Erblast des Ostens und als Folgekosten der Vereinigung anzusehen sind &#8211; die Probleme und Hindernisse verschwinden damit nicht. Einfach Hoffnungen in einen <i>irgendwie </i>weitergehenden Prozess der Angleichung zu setzen, erscheint dann aber als höchst fragwürdig. Der Angleichungsprozess stagniert, die Voraussetzungen für eine Fortsetzung verschlechtern sich.</p>
<p>Vielleicht aber sind wir in mancher Hinsicht mit der Einheit schon viel weiter, als Stimmungsbilder, Karten und Indikatoren vermuten lassen? Eher verborgen steckt wohl in der Ignoranz, mit der Beobachter außerhalb unseres Landes die innerdeutschen Unterschiede mittlerweile strafen (vgl. Strubelt 2007), eine tiefere Wahrheit: Diese belegt, dass die erheblichen Herausforderungen, vor denen <i>Deutschland insgesamt </i>steht, schwerer wiegen als die innerdeutschen Unterschiede. Statt also an letztere nur immer wieder die Messlatte zu legen, wäre für diese Herausforderungen eine gemeinsame Gestaltungsperspektive zu gewinnen.</p>
<p>Mit den aufgezeigten Befunden und Reflexionen erscheint das aber schwierig. Sowohl die erheblichen Ungleichzeitigkeiten zwischen West- und Ostdeutschland wie viele der Schlussfolgerungen &#8211; bei Biller, um ihn noch einmal anzuführen, stünde <i>zunächst </i>die Errettung des Westens &#8222;wie er mal war&#8220; an, <i>um dann </i>die &#8222;Ossis &#8230; zu besseren Menschen&#8220; machen zu können &#8211; verstellen den Blick. Lässt man sich aber auf eine solche gemeinsame Gestaltungsperspektive ein, so sind zwei übergreifende Klärungen hilfreich, ja, unerlässlich: Ernsthafter als bisher ist nach den Ursachen der über die vergangenen zwanzig Jahre unbefriedigenden Entwicklung zu fragen, aufzudecken sind die mit diesen Entwicklungen verbundenen Begrenzungen. Und weiter sind dann die Voraussetzungen für eine solche Gestaltungsperspektive zu benennen. Dies soll nachfolgend knapp geschehen.</p>
<h2 class="auto-created">Fallstricke einer idealen Konstel&shy;la&shy;tion </h2>
<p>Angesichts der aufgezeigten und offensichtlichen Dilemmasituation &#8211; was auch immer man tut: der Osten bleibt der Osten! &#8211; muss es schon als erstaunliches Faktum festgehalten werden, dass der Transformationsprozess in (Ost-)Deutschland bereits vor mehr als zehn Jahren für abgeschlossen erklärt und so als nicht mehr untersuchungsrelevant behauptet wurde: Ausreichend angehäuft waren Datenmassen, ein breiter Fundus an Detailwissen. Die Prozesse deutsch-deutscher Vereinigung galten als stabil und als in ihrer Richtung bestimmt. Und nicht nur das: Wurden zunächst die mit der Transformationsforschung ausbleibenden theoretischen Innovationen mit Überraschung zur Kenntnis genommen und gelegentlich beklagt (vgl. Mayntz 1994; Friedrichs/Lepsius/Mayer 1998), so wurden und werden diese nunmehr eher als rational und folgerichtig eingeschätzt: Wie denn hätte es zu theoretischen Innovationen kommen können, wenn die Transformation doch weitestgehend die alten Konzepte und Paradigmen nur bestätigt hat? &#8222;Einschlägige Experten folgern &#8230;, dass sich der überlieferte Theoriefundus im Großen und Ganzen bewährt habe &#8230; und alle diversen Theorievarianten irgendwie relevant blieben &#8230;&#8220; (Wiesenthal 2009: 13)</p>
<p>Gleichsam in einer Aufspaltung der Leitdiskurse zwischen &#8222;kulturalistischen Pessimisten&#8220; und &#8222;kreativistischen Optimisten&#8220; wurde insbesondere das Konzept einer linearen und nachholenden Modernisierung verteidigt, als bestätigt angesehen (vgl. Pollack 2008). Dieser übergreifenden, makrosystemischen Frage des Nachvollzugs eines Modernepfades sollte sich die paradigmatische Gewissheit verdanken.</p>
<p>Nur am Rande: Eigentlich muss doch eine solche Gewissheit schon deshalb als irritierend erscheinen, weil die Sozialwissenschaften angesichts des auch für sie unerwarteten, nicht vorhergesehenen Zusammenbruchs realsozialistischer Gesellschaften ihren &#8222;schwarzen Freitag&#8220; konstatiert hatten. Angesagt erschien also nach 1989 eine grundlegende Inventur, und es kam ja auch zu einer Phase kreativer Suche. Nunmehr allerdings, als Fazit und Rückblick auf knapp zwanzig Jahre Forschung, sollte sich der überlieferte Theoriefundus doch &#8222;im Großen und Ganzen bewährt&#8220; haben?</p>
<p>Weit mehr noch erscheint eine solche Kernaussage, ohne sie in allen Punkten zu bestreiten, angesichts der oben skizzierten Dilemmasituation als zweifelhaft. Indikatoren, Daten oder Karten, nicht nur Meinungen oder Diskurse, zeigen ein kritisches Bild für die bisherige und eben auch die weitere Transformation oder Vereinigung in Deutschland. Der Kontrast ist deutlich.</p>
<p>Ostdeutschland schien mit dem Anschluss an die Bundesrepublik nach Grundgesetz-Artikel 23 gegenüber den anderen Transformationsländern einen unvergleichlichen Vorteil zu besitzen: Die Möglichkeit der vollständigen Übernahme eines fertigen und funktionierenden Regel- und Institutionensystems. Nicht langfristige Umbau- und Suchprozesse, sondern &#8222;institutionelle Inkorporation&#8220;; Ostdeutschland als ein besonders einfacher und gleichsam idealer Fall der Transformation. Gerade durch diesen Modus der Anpassung und Adaption sollten sich Turbulenzen vermeiden lassen. Eine &#8222;übergangslose Systemtransformation&#8220;; die sich als &#8222;kreativistische Optimisten&#8220; bezeichnenden Akteure finden darin ihre Argumente. Dieser Modus steht für die paradigmatische Konstanz.</p>
<p>Vorzüge einer solchen &#8222;Einbettung&#8220; bzw. Regelsicherheit, zugleich einer finanziellen und förderpolitischen Unterfütterung sind nicht zu übersehen. Mit Recht stützen sie die positiven Interpretationen zu Ostdeutschland. Zugleich aber sind Nachteile und Blockaden offensichtlich und lassen sich zu zwei zentralen Argumenten bündeln. Zum einen nämlich hat der Modus der institutionellen Inkorporation offensichtlich zu institutionellen Verhärtungen, zu nicht dem Kontext angemessenen oder auch zu &#8222;sklerotischen&#8220; (also längst nicht mehr funktionierenden) Institutionen geführt, die fatale Folgewirkungen hatten und haben.</p>
<p>Beispiele einer solchen Überanpassung finden sich für alle gesellschaftlichen Bereiche in Ostdeutschland. Das gravierendste und folgenreichste ist zweifellos die plötzliche Schaffung einer Währungsunion zum 1. Juli 1990. Gerade für die ostdeutsche Wirtschaft war diese schockartige Marktöffnung und einfache Ausdehnung des Geltungsgebietes der D-Mark zerstörerisch. Aber auch die angestrebte arbeitsmarktpolitische Abfederung der einsetzenden Massenarbeitslosigkeit erfolgte auf Grundlage einer bloßen Übertragung institutioneller Prämissen, die andere Funktionslogiken zur Voraussetzung hatten. Da eben im Osten der Arbeitsmarkt nicht mehr funktionierte, brachten die übertragenen Instrumente nicht wieder Beschäftigung und Integration in den Arbeitsmarkt, sondern sie führten in Maßnahmeschleifen, dauerhafte Ausgrenzung oder eben lediglich zur &#8222;sekundären Integration&#8220; (vgl. Bericht 2006). Die nachfolgenden einschneidenden Änderungen &#8211; Hartz IV wie Agenda 2010 &#8211; verblieben in dieser Logik: Aktivierung für einen weitgehend nicht vorhandenen Markt.</p>
<p>Investitionen in die Infrastruktur folgten schließlich, dies als ein drittes Beispiel, weitgehend etablierten Wachstumsstandards, mit denen beleuchtete Kuhweiden (leere Gewerbegebiete), überdimensionierte Kläranlagen oder auch Spaßbäder zur Kehrseite der Deindustrialisierung wurden. Auch blieben nachfolgende Änderungen und Korrekturen zunächst ebenso schematisch und überholten institutionellen Leitorientierungen verpflichtet. Belege liefern die ersten Jahre im Programm &#8222;Stadtumbau Ost&#8220;.</p>
<p>Dann aber, als zweites Argument und gleichsam Gegenstück zu den institutionellen Verhärtungen, hat dieser Modus der Inkorporation zugleich durchaus mögliche eigenständige Lern- und Suchprozesse, kreative Regelauslegungen oder innovative Entwicklungen weitgehend ausgeschlossen. Es sind also nicht nur Fehlsteuerungen und Fehlanreize festzuhalten, sondern deutliche Blockaden. Statt Lernprozesse und auch eigensinnige Anpassungen (hybride Formen, gesellschaftliche Zwischenetappen &#8230;) im Osten zuzulassen, musste <i>jede Abweichung </i>von der institutionellen Vorlage als Störung erscheinen.</p>
<p>Beispiele hierfür sind etwa durchaus eigenständige Marktbildungen, wie sie sich mit den Neuen Selbständigen in Ostdeutschland gezeigt haben (vgl. Thomas 2003). Deren vielfach festzustellende Eigenlogiken mussten sich mit den institutionellen Vorgaben übertragener Kammern und Förderinstitutionen vielfach brechen. Handlungsspielräume wurden beschnitten, der darin auch versteckte grundlegende Wandel sozialer Existenzformen wurde zumeist ignoriert. Ähnlich sieht es mit den Eigenständigkeiten im Bereich von Klein- und Mittelunternehmen (KMU) aus, oder auch mit der öffentlichen Industrieforschung. Beides erfuhr und erfährt nur mühsam Aufmerksamkeit, Unterstützung (siehe Programme wie InnoRegio oder Inno-Watt), zu starr blicken Wissenschaft und Politik vielfach nur auf fehlende Großunternehmen und Forschungsabteilungen. In der Wirtschaftskrise erschien dann zwar eine solche Schwäche als &#8222;Vorteil&#8220; der ostdeutschen Wirtschaft, gerade darin aber Innovationschancen zu sehen, wäre skurril. Schließlich lässt sich auf Bereiche wie Bildung, Kinderbetreuung oder medizinische Versorgung knapp verweisen. Diese sind trotz erheblicher ideologischer Kontroversen mittlerweile vorzeig- und politisch verhandelbar.</p>
<p>Natürlich sind diese Beispiele stilisiert, und es soll keinesfalls bestritten werden, dass es Veränderungen gegeben hat oder gibt. Die Politik hat sich an manchen Problemen immer wieder abgearbeitet, wie auch die aufgeführten Programme im Bereich von KMU und Regionalförderung zeigen. Im Kern aber ändert selbst das nichts daran, dass sich hier die Grenzen einer bloßen Inkorporation oder Anpassung zeigen. Und zugleich ist mit diesen Grenzen ein Rahmen gesetzt (eine Pfadabhängigkeit), in dem (der) sich auch politische Gestaltung weiterhin bewegt. Damit bleibt der Osten auf nachholende Adaption fixiert, der Westen das nicht zu hinterfragende Vorbild. Auswege aus dem aufgezeigten Dilemma müssten anders aussehen; der Osten bleibt blockiert und ist zudem Ursache vieler Konflikte, die stärker auf den Westen zurückwirken. Das nervt.</p>
<p>Wie aber, wenn die Anpassung eben nicht als ultima ratio angesehen wird, sondern &#8211; im produktiven Anschluss an die &#8222;kulturalistischen Pessimisten&#8220; &#8211; als das eigentliche Problem, als Fehlsteuerung? Vielleicht liegt in einer solchen Fehlsteuerung eine größere Gefährdung der Errungenschaften der Moderne, als in deren kulturalistischer Kritik und Öffnung? Einiges spricht dafür. Vermeintlich stabile Sozialitäten sind aufzubrechen, &#8222;um die moderne Kultur als ein &#8218;offenes Rennen&#8216; zu pointieren&#8220; (Reckwitz 2003: 76). Dies aber nicht als Flucht in Beliebigkeit oder Pessimismus, sondern Gewinn einer gemeinsamen Gestaltungsperspektive.</p>
<p>Fehlsteuerung, Blockaden und Herausforderungen für eine solche Gestaltungsperspektive werden verständlich und lassen sich erklären, wenn man die globalen wie eben auch die innerdeutschen Entwicklungen seit den späten 1970er Jahren als eine Folge von Umbruchsprozessen versteht, die sich aus dem Zusammenbrechen eines bis dato leitenden und funktionierenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells ergeben haben. Der Zusammenbruch dieses so genannten &#8222;fordistischen Modells&#8220; war eine gewichtige Ursache für die Implosion sozialistischer Staaten und Gesellschaften, also auch der DDR. Andererseits erhielt genau dadurch dieses Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell im Westen eine scheinbare Legitimation und Stabilität, hatte es doch &#8222;den Sieg&#8220; davongetragen. Also wurden Logiken des Modells fortgeschrieben und Korrekturen verblieben in diesen Logiken. In der Konsequenz, so etwas vereinfacht und zugespitzt, musste der Modus einer nachholenden Inkorporation für Ostdeutschland genau diese Grenzen aufnehmen, sie nachvollziehen: Der spezifische Modus der Transformation hat im Westen kaum Lernmöglichkeiten stimuliert, im Osten zusätzliche Barrieren errichtet. Gegenüber einer so sichtbaren gemeinsamen Gestaltungsherausforderung sind die innerdeutschen Unterschiede in der Tat sekundär.</p>
<h2 class="auto-created">Voraus&shy;set&shy;zungen f&uuml;r eine solche Perspektive </h2>
<p>Die Transformation nach dem Modus &#8222;institutioneller Inkorporation&#8220; stellt sich als &#8222;lock in&#8220; in einen blockierten Entwicklungspfad dar. Errungenschaften und Vorzüge moderner, um Marktwirtschaft und Demokratie zentrierter Gesellschaften werden mehr durch diesen lock in gefährdet als durch die Suche nach einem anderen Pfad gesellschaftlicher Entwicklung, auf den die Umbruchsprozesse zwingend verweisen. Aus der Umbruchsperspektive erfährt die kritische Sicht auf Transformationslogik und Transformationskonzepte ihre Zuspitzung wie Systematisierung.</p>
<p>Die Umbruchsperspektive bietet gegenüber den mit dem fordistischen Gesellschaftsmodell gesetzten Entwicklungsgrenzen einen Perspektivengewinn, darin liegt ihr Vorteil. Insofern ist diese Perspektive auch nicht als eine marginale oder auf bestimmte Bereiche gerichtete Korrektur anzusehen, sondern als Suche nach einem <i>grundlegend anderen </i>Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Kern als Konsequenz nicht bewältigter Umbruchsprozesse angesehen werden kann, verschärft die Herausforderung noch einmal. Zugleich aber zeigen dominierende politische und wissenschaftliche &#8222;Antworten&#8220; auf diese Krise, dass für einen tatsächlichen Pfadwechsel noch viel zu tun ist. Auch deshalb sollen Konturen wie Voraussetzungen eines solchen Pfadwechsels skizziert werden.</p>
<p>Kern eines neuen gesellschaftlichen Entwicklungsmodells, das mit einseitigen und zerstörerischen Prämissen des fordistischen bricht, ist die Wende zu einem ressourceneffizienten, ressourcensparenden Pfad. Gegenüber dem ressourcenblinden und ressourcenverschleißenden Pfad fordistischer Massenproduktion geht es um eine gleichsam revolutionäre Wende, einen Wandel in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Basisprozessen, bei denen das Prinzip einer effizienten Ressourcenverwendung leitend ist. In der Wirtschaft muss es beispielsweise gelingen, dass Ressourceneffizienz deutlicher steigt, als die Arbeitsproduktivität und so die wirtschaftlichen Prozesse auf nachhaltige Weise mit Naturprozessen und Naturressourcen verbunden sind. Dies ist der Kern eines Paradigmenwechsels, zu dem ebenso grundlegende Veränderungen in der gesamten Reproduktionsweise in Gesellschaft und Lebenswelt gehören. Insofern sprechen wir begründet von einem Modellwechsel, oder von einem gesamtgesellschaftlichen Umbauprozess in europäischer oder globaler Dimension. Ostdeutschland ist in einen solchen nicht nur eingebettet, sondern hat Chancen, hierbei einen wichtigen Part zu spielen. Und es hat damit zugleich Voraussetzungen, tatsächlich &#8222;aufzuholen&#8220; und selbsttragende Entwicklungen zu induzieren.</p>
<p>Setzen wir einmal die offensichtlichen Grenzen einer ressourcenfressenden, umweltzerstörenden Produktions- und Lebensweise wie die offensichtlichen funktionalen Grenzen des fordistischen Modells voraus (Land 2005; Zukunftsfähiges Deutschland 2008), so sind die mit einem ressourceneffizienten Modell gegebenen Entwicklungschancen wie die Voraussetzungen eines Pfadwechsels herauszuarbeiten (vgl. Akteure 2008).</p>
<p>Entwicklungschancen liegen darin, dass industrielle, wirtschaftliche Bereiche auszumachen sind, die unmittelbar zu Gewinnern einer solchen Perspektive gehören. Beispielsweise sind das High-Tech -und IT-Industrie; Handwerk; Bereiche der ökologischen Produktion oder der Recycling-Industrie, aber auch Bildung, Kultur. Letztlich ergeben sich für die meisten Wirtschaftszweige entsprechende Gewinnanreize. Scheinbar zwangsläufig als Verliererbranchen auszumachende Bereiche &#8211; etwa der Automobil- oder der Grundstoffindustrie &#8211; sind das vor allem, wenn sie eingefahrene Orientierungen beibehalten. Entwicklungschancen sind auch darin zu sehen, dass insgesamt ein Umbau der Wirtschaft möglich ist, der Konkurrenzen zwischen Standorten und Regionen in produktiven Wettbewerb um sehr unterschiedliche Ansätze für Produktion, Konsum und Lebensweise bringt. Disparitäten und Fragmentierungen zwischen wenigen Ballungsräumen und wirtschaftlich potenten Wachstumskernen auf der einen Seite, peripheren und schrumpfenden Räumen auf der anderen Seite, sind nicht zwangsläufig. Der sozialökologische Umbau erschließt Chancen in sehr unterschiedlichen Regionen, gerade so lassen sich spezifische Potenziale in Wert setzen und jeweils auf ihre Art lebenswerte Räume finden. Das ist eine zukunftsfähige Alternative zum ruinösen Wettbewerb.</p>
<p>Mit einem ressourceneffizienten, sozialökologischen Gestaltungsansatz lassen sich die einzelnen gesellschaftlichen Lebensbereiche &#8211; Arbeit, Bildung, Gesundheit, Kultur etc. &#8211; zukunftsfähig gestalten. Zu verweisen ist auf Einspareffekte im Gesundheitsbereich wie neue Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten, auf den Ausbau von Bildung oder kulturelle Lernprozesse. Entworfen wird nicht das Bild einer idealen, sondern das einer &#8222;offenen&#8220;, eben zukunftsfähigen Gesellschaft.</p>
<p>Deren konkrete Gestaltung muss sich in einem weitgehend offenen Lern- und Suchprozess, verbunden mit vielfältigen Selektionen ergeben. Einige der Voraussetzungen sollen benannt werden. Neben so konkreten Fragen wie die nach zu setzenden wirtschaftlichen Anreizen und evtl. auch Kompensationen, nach (Risiko-)Finanzierung und Absicherungen werden insgesamt und für die einzelnen Bereiche die demokratische Legitimation der zu treffenden Entscheidungen und eine breite soziale Teilhabe an solchen Lernprozessen wichtig. Gerade weil institutionelle Akteure, herrschende Politik und funktionale Eliten kaum bereit und in der Lage sind, sich etablierten Logiken zu entziehen, erhalten zivilgesellschaftliche Akteure und basisdemokratische Prozesse eine besondere Bedeutung (vgl. Hamm 2008). Insofern ist die Perspektive einer solidarischen Gesellschaft Bedingung wie Bestandteil des Pfadwechsels.</p>
<p>Zugleich mit diesen generellen Bedingungen kann darauf hingewiesen werden, dass es im Osten Deutschlands Voraussetzungen gibt, die diesen Landesteil eben durchaus in eine gewisse experimentelle Vorreiterrolle <i>bringen könnten</i>. In negativer Hinsicht sind es die oben als Blockaden und Fehlsteuerungen aufgezeigten institutionellen Verhärtungen. Denn mit diesen bilden sich Konflikte, Defizite notwendig markanter, schärfer oder auch früher und mit einer zeitlichen Beschleunigung ab. Der Osten hat viele der Probleme in einer Zuspitzung, und er hat schon jetzt einige der Probleme, die der Westen in ähnlicher Form bald haben wird. Zugespitzt sind etwa die Finanzlage vieler Kommunen, verfestigte Arbeitslosigkeit oder Armut, gleichsam im Zeitraffer laufen die demografischen Veränderungen ab. Im Osten zeigt sich ein besonderer Problemlösungs- und Handlungsdruck. Progressive Antworten sind möglich.</p>
<p>Es haben sich im Osten einige eigenständige Entwicklungen vollzogen, die direkte Anknüpfpunkte bieten. Dazu gehört der ganze Bereich der regenerativen Energien (insbesondere Photovoltaik und Windenergie), dazu gehören produktive Formen von Kooperationen und Vernetzungen zwischen KMU, wie auch zwischen KMU und regionalen Forschungseinrichtungen, dazu gehören verschiedene experimentelle Ansätze in ländlichen und peripheren Regionen (vgl. Links/Volke 2009). Einige der unterdrückten Eigensinnigkeiten, auf die wir oben verwiesen haben, erfahren mit den aufgemachten Perspektiven plötzlich breite Aufmerksamkeit.</p>
<h2 class="auto-created">Der Osten? Der Westen? Oder was? </h2>
<p>Bisher, das wurde erwähnt, stehen die Zeichen für die Durchsetzung eines solchen neuen, ressourceneffizienten Entwicklungspfades in Deutschland nicht gut; der Umgang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist nur das offensichtliche Beispiel. Paradoxerweise scheint dies zurzeit in den USA oder in China und anderen Ländern, die lange als Umweltsünder und Blockierer par excellence galten, anders zu sein. Für Deutschland besteht die Gefahr, bisherige Vorsprünge und Vorteile zu verspielen. Zugleich kann darin eine Ermutigung gesehen werden, denn eine Wende zu einer ressourceneffizienten Produktionsweise kann nur global begonnen werden &#8211; und neben Europa kommen den USA und etwa China in der Tat eine besondere Rolle zu -, wie sie auch nur als globaler Prozess gestalten werden kann. Insofern muss man Rückwirkungen auf Deutschland ja nicht ausschließen.</p>
<p>Für unsere Betrachtung, die mit einer scheinbar lediglich innerdeutschen Nabelschau gestartet ist, hat diese Entwicklung darüber hinaus aber noch ihre eigenständigen Konsequenzen. Mit den umfassenden und zukunftsfähigen Herausforderungen lässt sich vielleicht eine größere Gelassenheit gegenüber unterschiedlichen Befindlichkeiten wie auch ein deutlich produktiverer Umgang mit Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten finden. Nichts davon muss ignoriert oder tabuisiert werden, vermeiden lassen sich aber falsche Schuldzuweisungen und nach Antworten ließe sich gemeinsam suchen. Die Wissenschaft schließlich, die sich am Transformationsprozess immer wieder aufgerieben hat, kann sich über die deutsche Provinz erheben, statt negativ oder positiv auf das goldene Zeitalter von Wirtschaftswachstum und immerwährender Prosperität fixiert zu bleiben. Denn diese Korsettstangen der Moderne haben sich längst als zu starr erwiesen; für den Westen, für den Osten wie auch generell. Die Fragen sind noch nicht beantwortet.</p>
<p>[1] Die wirtschaftliche Vereinigung erscheint als gescheitert (vgl. Sinn 2003: 221).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Akteure </i>(2008): Akteure in Ostdeutschland. Heftschwerpunkt. Berliner Debatte Initial 19 (3).</p>
<p><i>Bericht </i>(2006): Zur Lage in Ostdeutschland. Bericht des Netzwerkes und des Innovationsverbundes Ostdeutschlandforschung, in: Berliner Debatte Initial 17 (5): 3-96.</p>
<p><i>Biller, M. </i>(2009): Deutsche deprimierende Republik, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.3.: 27.</p>
<p><i>Busch, U./Kühn, W./Steinitz, K.</i> (2009): Entwicklung und Schrumpfung in Ostdeutschland. Aktuelle Probleme im 20. Jahr der Einheit, Hamburg.</p>
<p><i>Friedrichs, J./Lepsius, M.R./Mayer, K.U.</i> (1998): Diagnose und Prognose in der Soziologie. In: Dies.(Hg.): Die Diagnosefähigkeit der Soziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 38: 9-31.</p>
<p><i>Hamm, B. </i>(2006): Die soziale Struktur der Globalisierung. Ökologie, Ökonomie, Gesellschaft. Berlin.</p>
<p><i>Heitmeyer, W. </i>(Hg.) (2009): Deutsche Zustände, Bd. 7., Frankfurt a.M.</p>
<p><i>Koch, Th./Kollmorgen, R./Dienel, L.</i> (Hg.) 2009: Wahrnehmung und Bewertung der deutsch-deutschen Einheit. Projektbericht (Ms.), Berlin.</p>
<p><i>Kollmorgen, R. </i>(2005): Ostdeutschland als Übergangs- und Teilgesellschaft, Wiesbaden.</p>
<p><i>Land, R.</i> 2005: Ostdeutschland. In: SOFI, IAB, ISF, INIFES (Hg.): Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland &#8211; Arbeit und Lebensweisen. Erster Bericht, Wiesbaden: 7883</p>
<p><i>Links, Chr./Volke, Kr.</i> (Hg.) (2009): Zukunft erfinden. Kreative Projekte in Ostdeutschland, Berlin</p>
<p>Mayntz, R. (1994): Die deutsche Vereinigung als Prüfstein für die Leistungsfähigkeit der Sozialwissenschaften, in: BISS public, H. 13: 21-24.</p>
<p><i>Pollack, D.</i> (2008): Theoriefortschritte in der Transformationsforschung? Erfahrungen mit der Schwerkraft der Modernisierungstheorie beim Versuch ihrer Überwindung. In: Bönker, F./Wielgohs, J. (Hg.): Postsozialistische Transformation und europäische (Des-)Integration, Marburg: 41-62</p>
<p><i>Reckwitz, A. </i>(2003): Die Grenzen des Sozialen und die Grenzen der Moderne. Niklas Luhmann, die Kulturtheorien und ihre normativen Motive, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, 12. Jg., Aug./Sept.: 61-79.</p>
<p><i>Sinn, H.-W. </i>(2003): Ist Deutschland noch zu retten? München.</p>
<p><i>Strubelt, W.</i> (2007): &#8230; ein paar Worte zuvor, in: Regionalbarometer neue Länder. Bundesamt für Raumordnung, Bonn: 11-12.</p>
<p><i>Thomas, M.</i> (2003): Neue Selbständige in Ostdeutschland &#8211; ein soziales Phänomen quer zur Transformationslogik? In: Brussig, M./Ettrich, F./Kollmorgen, R. (Hg.): Konflikt und Konsens: Transformationsprozesse in Ostdeutschland, Opladen: 49-80.</p>
<p><i>Wiesenthal, H.</i> (2009): Transformation oder Wandel? Impressionen aus (fast) zwei Jahrzehnten Transformationsforschung, in: SFB 580. Mitteilungen 2009, Jena: 8-20.</p>
<p><i>Zukunftsfähiges Deutschland</i> (2008): Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt. Ein Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte. Eine Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Frankfurt a. M.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/der-osten-bleibt-der-osten-bleibt-der-osten/">Der Osten bleibt der Osten, bleibt der Osten</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Deutschland, einig Vaterland?</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 20:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wer die Gleichwertigkeit der Lebensverh&#228;ltnisse erhalten will, muss sie neu definieren; aus: vorg&#228;nge Nr. 187. Heft 3/2009, S. 13-22 Einleitung Glauben Sie an die Verfassung? Oder &#8211; handeln Sie auf dem Boden der Verfassung? Dies ist f&#252;r einen Politiker im Staatskleide ebenso wie f&#252;r einen B&#252;rger in Zivil zuweilen eine heikle Frage. Denn dort steht [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/deutschland-einig-vaterland/">Deutschland, einig Vaterland?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wer die Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse erhalten will, muss sie neu definieren;</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 187. Heft 3/2009, S. 13-22</p>
<h2 class="auto-created">Einleitung </h2>
<p>Glauben Sie an die Verfassung? Oder &#8211; handeln Sie auf dem Boden der Verfassung? Dies ist f&uuml;r einen Politiker im Staatskleide ebenso wie f&uuml;r einen B&uuml;rger in Zivil zuweilen eine heikle Frage. Denn dort steht geschrieben: &#8222;Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Pers&ouml;nlichkeit&#8220; (Artikel 2 Grundgesetz). Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland legt Bindungen f&uuml;r die Gestaltung der Republik fest, denen Folge zu leisten weder dem Einzelnen noch dem Gemeinweisen immer m&ouml;glich ist. Dies gilt in j&uuml;ngster Zeit &#8211; angesichts von zwanzig Jahre deutscher Wiedervereinigung &#8211; vor allem f&uuml;r die Frage nach der r&auml;umlichen Gerechtigkeit und Teilhabe im Lande. Denn die Raumplanung hat aus dem Verfassungsrecht auf freie Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit klassischerweise geschlussfolgert: &#8222;Entfaltungsfreiheit aber setzt Chancengleichheit und Chancengleichheit setzt gleichwertige Lebensverh&auml;ltnisse in allen Teilr&auml;umen des Bundesgebietes voraus. Es handelt sich um eine Gerechtigkeitsnorm. Sie verpflichtet Bund und L&auml;nder, regionale Disparit&auml;ten in den Lebensverh&auml;ltnisse (sic) abzubauen, sie zumindest nicht zu verst&auml;rken&#8220; (Gatzweiler/Strubelt 2006, S. 1).</p>
<p>Das Ziel der Chancengleichheit durch die Herstellung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse in Deutschland wird seit einigen Jahren intensiv diskutiert (vgl. Hahne 2005). Von manchen wird es pragmatisch relativiert, weil es aufgrund der knappen Kassen des Sozialstaates heute kaum noch realistisch erscheint. Andere sehen prinzipieller, mit theoretischen Argumenten munitioniert, das Ziel der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse im Wanken. Nicht nur der Osten und der Westen sind als Teilgebiete Deutschlands in ihrer Entwicklung zunehmend differenziert oder vielleicht sogar polarisiert. Vielmehr konstatieren die Raumentwickler, sei es nun in der Profession der Regional&ouml;konomen, Geographen oder Stadtsoziologen auch zwischen dem S&uuml;den und Norden der Republik zunehmend divergierende Entwicklungen. Ebenso, wie sich in ganz Europa unter den Bedingungen von Globalisierung die Entwicklungen auf den Arbeits- und Wohnungsm&auml;rkten zunehmend polarisieren und Wachstums- und Schrumpfungsgebiete sich gegen&uuml;berstehen, lassen sich auch in Deutschland schon seit der Vor-Wende-Zeit zunehmend polarisierende Entwicklungen etwa zwischen einem prosperierenden M&uuml;nchen und dem schrumpfenden Bremerhaven feststellen (vgl. Enquete-Kommission 2004).</p>
<p>Die Raumstruktur der Bundesrepublik ist zunehmend mit Unregelm&auml;&szlig;igkeiten, mit Ecken und Kanten versehen. Es bildet sich ein regionales Potpourri unterschiedlicher Entwicklungen mit geographisch ausgepr&auml;gt scharfen Konturen. Das &#8222;Ganze des Landes&#8220; ist in seinen Teilr&auml;umen &#8211; nicht erst seit der Wiedervereinigung -zunehmend ein Flickenteppich &ouml;rtlich zu Teilen sehr unterschiedlicher Lebensbedingungen. Sind wir bereit, dieses als B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu dulden? Wie geht der Sozialstaat mit der wachsenden territorialen Differenzierung um? Welchen rechtlichen Auftrag gibt die Verfassung? Und welche Chancen und Formen der Umsetzung von r&auml;umlicher Gerechtigkeit und r&auml;umlicher Teilhabe sind heute noch denkbar? Ich m&ouml;chte also in diesem Beitrag die Frage diskutieren: Wie viel Einheit ist im Lande heute r&auml;umlich noch m&ouml;glich? Und welche Formen der Verfassungsinterpretation, der Sozialstaatspolitik in der Fl&auml;che und Raumordnung w&uuml;rden dem entsprechen?</p>
<h2 class="auto-created">Warum gibt es die Verfas&shy;sungs&shy;norm von der &bdquo;Gleich&shy;wer&shy;tig&shy;keit der Lebens&shy;be&shy;din&shy;gungen&ldquo;? </h2>
<p>Das Selbstbewusstsein der alten BRD fu&szlig;te zu einem Gutteil auf dem Verst&auml;ndnis eines interventionsbereiten und solidarischen Staates. Ruhend auf der allgemeinen finanziellen St&auml;rke der Nachkriegsperiode in den westlichen Industriestaaten hat sich in Westdeutschland ein spezifisches Modell der Sozialpartnerschaft herausgebildet. Staatliche Subventionen und Interventionen waren sowohl in der Sozial-, Bildungs-, Forschungs-, Industrie- und Konjunkturpolitik von den B&uuml;rgern wie auch den Politikern gleicherma&szlig;en getragene und bef&uuml;rwortete Elemente eines fordistischen Staates. Dieses westdeutsche Sozialstaatsverst&auml;ndnis trug die Werte Solidarit&auml;t, Chancengleichheit und Gerechtigkeit wie selbstverst&auml;ndlich auch immer in die Fl&auml;che durch den kraftvollen Ausbau der &ouml;ffentlichen Infrastruktur in den Teilr&auml;umen des Landes. Ob es der Autobahnbau, die Entwicklung von Freib&auml;der- und Theaterlandschaften in den St&auml;dten, die Verbreitung von Volkshochschulen oder die Expansion des Universit&auml;tswesens in die Provinzst&auml;dte waren (z.B. Bayreuth, Passau, Oldenburg, Trier), die 1960er und 1970er Jahre erwiesen sich als Bl&uuml;tezeit &ouml;ffentlich finanzierter Regionalentwicklung.</p>
<p>Die massive Intervention des Staates in Teilr&auml;ume des Landes zur nachholenden Entwicklung fu&szlig;te stabil und solide auf einer weit reichenden rechtlichen Basis: dem Grundgesetz. Das Grundgesetz formuliert als politisches Leitbild die &#8222;Herstellung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse&#8220; (Art. 72 Abs. 2 GG). Die zitierte Grundgesetzbestimmung ist Teil einer Regelung &uuml;ber die konkurrierende Gesetzgebung. Sie soll zum Ausdruck bringen, dass zentralstaatliche Regulierung nur zul&auml;ssig ist, wenn vorhandene Ungleichwertigkeit sie &#8222;erforderlich macht&#8220;.[1] So diese Erforderlichkeit besteht, sind beispielsweise &uuml;ber einen Finanzausgleich alle Bundesl&auml;nder ungeachtet ihrer Steuerkraft angemessen auszustatten. Auch hier bezieht sich das Grundgesetz ausdr&uuml;cklich auf die &#8222;Einheitlichkeit der Lebensverh&auml;ltnisse&#8220; (Art. 106 GG). Deshalb wird es auch als &#8222;Solidargesetz&#8220; bezeichnet (vgl. Rohlfs 2008, Reichel 2009).[2]</p>
<p>Das Raumordnungsgesetz (1965) greift dies auf und macht die Forderung nach &#8222;gleichwertigen Lebensverh&auml;ltnissen in allen Teilr&auml;umen&#8220; (&sect; 1 Abs. 2 Nr. 6 ROG) nicht nur zu einer Leitvorstellung der Raumordnung. Dar&uuml;ber hinaus werden im Raumordnungsrecht die gleichwertigen Lebensverh&auml;ltnisse zu einer aktiven Handlungsanweisung, indem sie &#8222;in allen Teilr&auml;umen herzustellen&#8220; sind. Der Gesetzgeber folgt hier dem Bild des &#8222;planenden und versorgenden Staates&#8220; (Komm. ROG 1994, 19), der mit den Instrumenten der Raumordnung &#8222;gesunde Strukturen im Bundesgebiet&#8220; schaffen will. Der Kommentar zum Raumordnungsrecht unterstreicht diesen Zeitgeist: &#8222;Bliebe die r&auml;umliche Entwicklung sich selbst &uuml;berlassen, m&uuml;sste dies zu erheblichen Belastungen und Verschiebungen in der Erwerbs- und Infrastruktur der Bundesrepublik f&uuml;hren, die soziale Benachteiligungen und ungleiche Behandlung nach sich z&ouml;gen&#8220; (a. a. O., S. 19).</p>
<p>So stark also die normative Vorgabe des Grundgesetzes und die bisherige Interpretation der Raumordnung sind, so offen und unbestimmt sind aber auch gleichzeitig die Begriffe. Dies betrifft sowohl den Begriff &#8222;Teilraum&#8220; wie auch den Terminus &#8222;Lebensverh&auml;ltnisse&#8220;. Die begriffliche Mehrdeutigkeit ist ein Problem aus juristischer Sicht. Sie bildet in der Sache aber zugleich einen wichtigen Ankn&uuml;pfungspunkt f&uuml;r eine zeitgem&auml;&szlig;e Neuinterpretation. Aus juristischer Sicht bleibt offen, welche Teilr&auml;ume und welche Lebensverh&auml;ltnisse entsprechend dem Grundgesetz gegebenenfalls aufzuwerten sind. Denn tats&auml;chlich sind die bei der materiellen Umverteilung ber&uuml;cksichtigten &#8222;Teilr&auml;ume&#8220; zum einen die L&auml;nder z. B. &uuml;ber den L&auml;nderfinanzausgleich und die sonstigen Verteilungsregelungen der Finanzverfassung. Zum anderen sind dies die Gemeinden durch die jeweils l&auml;nderspezifisch geregelten Finanzausgleiche der Gemeinden und Gemeindeverb&auml;nde untereinander und mit dem jeweiligen Land.</p>
<p>Der Zielbereich der &#8222;Lebensverh&auml;ltnisse&#8220; ist als Interventionsobjekt des Sozialstaates ebenfalls begrifflich breit und unspezifisch. Er umfasst die Gesamtheit der Lebensbereiche, vom Wohnen &uuml;ber das Arbeiten bis zur Bildung, Erholung, der Versorgung mit privaten und &ouml;ffentlichen G&uuml;tern und Dienstleistungen. Einigkeit herrscht in der Rechtsauffassung dar&uuml;ber, dass sich die Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse nicht auf individuell artikulierte Bed&uuml;rfnisse, sondern auf gesellschaftlich akzeptierte Standards bezieht. In der Geschichte der alten Bundesrepublik hat sich zumeist ein praktikabler Kompromiss ergeben zwischen der Leistungsf&auml;higkeit des Staates einerseits und den Bed&uuml;rfnissen der Menschen. Hieraus haben Fachpolitiker und Raumordner Standards abgeleitet f&uuml;r die Versorgung mit sozialer Infrastruktur. Wurden diese selbst gesetzten Standards eingehalten, konnte von gleichwertigen Lebensverh&auml;ltnissen gesprochen werden. Der Wunsch der Grundgesetzautoren, einheitliche bzw. gleichwertige Lebensverh&auml;ltnisse in der Republik zu fordern, ist eng mit dem normativen Ziel der Nationenbildung verbunden. Territoriale Integrit&auml;t ist sp&auml;testens seit dem 19. Jahrhundert in Europa ein essenzieller Bestandteil der F&ouml;rderung nationaler Identit&auml;t. Im Falle der Bundesrepublik Deutschland war das nationale, staatliche Projekt der territorialen Integrit&auml;t zudem legitimiert durch die Werte der Teilhabe und r&auml;umlichen Gerechtigkeit.</p>
<h2 class="auto-created">Verteilung von Reichtum in der Fl&auml;che </h2>
<p>&#8222;Raumordnung&#8220; ist also ein politischer Prozess, in dem der Staat Verantwortung &uuml;bernimmt f&uuml;r eine planerisch durchdachte und politisch gestaltete Entwicklung der Teilr&auml;ume des Landes. Der Staat selbst tr&auml;gt als Akteur bewusst Infrastrukturverantwortung. Er initiiert Umverteilungsprozesse und l&ouml;st damit Raumwirkungen aus, die rechtfertigungsbed&uuml;rftig sind. In Deutschland gibt es eine &#8222;formelle Raumordnung&#8220; durch gesetzlich geregelte Planungen als &#8222;Legitimation durch Verfahren&#8220;. Daneben besteht eine &#8222;materielle Raumordnung&#8220; als staatliche Umverteilung zugunsten bestimmter Infrastrukturen und Wirtschaftsaktivit&auml;ten im Raum (z.B. Ansiedlung von Beh&ouml;rden, Verteilung von Hochschulen im Land, Autobahnbau). Diese materielle Raumordnung besteht aus einem komplizierten Finanzausgleichssystem auf Bund-L&auml;nderebene und Landkommunaler Ebene (vgl. Junkernheinrich 2006). Die Gemeinden sind dabei in eine nahezu vollst&auml;ndige Abh&auml;ngigkeit von den Verteilungsmechanismen auf L&auml;nderebene geraten, und die L&auml;nder wiederum befinden sich zunehmend in Abh&auml;ngigkeit von Verteilungsmechanismen auf Bundesebene. &#8222;Verlierer&#8220; ist jeweils die &#8222;schw&auml;chste&#8220; Ebene, in den L&auml;ndern sind es also oftmals die St&auml;dte und Landkreise, im Bund die strukturschwachen L&auml;nder. Inzwischen sind sowohl beim Bundesverfassungsgericht als auch bei verschiedenen L&auml;nderverfassungsgerichten Streitigkeiten anh&auml;ngig, die helfen sollen zu kl&auml;ren, wo die verfassungsrechtlichen Grenzen dieser Form von finanzieller Abh&auml;ngigkeit liegen und welche Pflichten den &uuml;bergeordneten Ebenen daraus erwachsen.</p>
<p>Zusammenfassend l&auml;sst sich sagen, dass die Raumordnung der Bundesrepublik eng mit dem sozialstaatlichen Ausgleichsgedanken verbunden ist. Die normative Vorstellung, die dem Prinzip der Gleichwertigkeit zu Grunde liegt, ruht zu Teilen auf einem Verst&auml;ndnis von Gerechtigkeit, das auf Umverteilungsgerechtigkeit zielt. Tats&auml;chlich wird aus den Wirtschaftszentren in die Fl&auml;che ohne engen Bezug zur formalen Ordnung der Fl&auml;chenstruktur umverteilt. Diese formale Ordnung (Bund, L&auml;nder, Gemeinden) bezieht sich n&auml;mlich meist auf andere Teilr&auml;ume als die materielle Raumordnung (zentrale Orte). Die Finanzausgleiche betreffen Bund, L&auml;nder und Gemeinden, aber keine &#8222;Regionen&#8220;, w&auml;hrend sich die materielle Raumordnung haupts&auml;chlich um eine regionale Sicht bem&uuml;ht, f&uuml;r die es selten reale Akteure gibt. Letztendlich ist sie damit in der Realit&auml;t oftmals mehr ideologischer &Uuml;berbau gewesen als reale Strukturordnung.</p>
<h2 class="auto-created">Gr&uuml;nde f&uuml;r die Gef&auml;hrdung und den m&ouml;glichen Verlust der Norm </h2>
<p>W&auml;hrend die gesellschaftliche Grundlage f&uuml;r ein planend-solidarisches Staatshandeln erodiert, vollziehen sich gleichzeitig Prozesse, die die Ungleichheit der Lebensverh&auml;ltnisse versch&auml;rfen. Drei Entwicklungen geben der Debatte um die Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse Auftrieb (vgl. Enquete-Kommission 2005, Groth/Helbrecht/Rommelspacher 2006):</p>
<ul>
<li>&Ouml;konomische Polarisierung: Die Spaltung des St&auml;dtesystems und die unter den Bedingungen der Globalisierung und versch&auml;rfter Standortkonkurrenz zunehmende Polarisierung der Raumentwicklung in prosperierende versus schrumpfende (Stadt)Regionen.</li>
<hr class="clearer-white"><!--
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		--></ul>
<li>Demographischer Wandel: Die demographische Herausforderung und die in manchen Teilr&auml;umen mit ihr verbundene Abnahme der Bev&ouml;lkerung.</li>
<li>Soziale Segregation: Das Entstehen fl&auml;chenhafter Armutsgebiete in den St&auml;dten infolge der Segregation, der zunehmenden Armut ist eine enorme Herausforderung st&auml;dtischer Quartiers-, Bildungs- und Integrationspolitik. Dies betrifft insbesondere deindustrialisierte Stadtregionen im Westen, im Saarland, an der Nordseek&uuml;ste, im n&ouml;rdlichen Ruhrgebiet, der Oberpfalz etc. Dem stehen die wachsenden Subventionsforderungen der l&auml;ndlichen R&auml;ume im Osten mit ihren Entleerungstendenzen unvermittelt gegen&uuml;ber. </li>
<p>Es zeichnet sich ab, dass grundlegende Konzepte der bundesrepublikanischen Raumordnung wie die fl&auml;chendeckende Anwendbarkeit des Prinzips der zentralen Orte, der dezentralen Konzentration und das Postulat gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse zu hinterfragen sind, weil wesentliche implizite Annahmen, auf denen sie fu&szlig;en, sich ver&auml;ndert haben. Sie setzen zum Beispiel voraus, dass es Wachstum gibt, das in Problemgebiete gelenkt werden kann; oder dass eine nach Zentralit&auml;t gestufte Ausstattung von Teilr&auml;umen zu einer insgesamt akzeptablen Versorgung der Einwohner f&uuml;hren w&uuml;rde. Dies trifft nur noch sehr eingeschr&auml;nkt zu: Verteilbares Wachstum ist kurzfristig nicht mehr zu erwarten, und ein polyzentrales St&auml;dtesystem gibt es im Deutschen Osten nur noch teilweise. Mit dem Aufkommen &#8222;zwischenst&auml;dtischer&#8220; Strukturen ohne klare Zentralit&auml;t sinkt die M&ouml;glichkeit, die dezentrale Konzentration zu erzeugen, in deren Rahmen eine Grundausstattung mit &ouml;ffentlichen Diensten in der Fl&auml;che gew&auml;hrleistet werden kann.</p>
<p>Damit ist festzuhalten, dass L&auml;nder und Kommunen, in deren Kompetenz die Bearbeitung der meisten im Zusammenhang mit Raumordnung auftretenden Probleme f&auml;llt, kaum Instrumente haben, um die hier skizzierten Prozesse wirksam zu bearbeiten. Ihnen fehlt zudem das Geld f&uuml;r umfangreiche und lang anhaltende staatliche Interventionen, analog etwa den gro&szlig;en Sanierungsprogrammen, die in den 1970er Jahren zur sozialen Durchmischung und Schaffung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse in den St&auml;dten der alten BRD durchgef&uuml;hrt wurden. Schlie&szlig;lich ist fraglich, ob derart intensive Eingriffe, die mit der Umverteilung knapper Ressourcen verbunden sind, &uuml;berhaupt noch politisch legitimierbar w&auml;ren.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund entz&uuml;ndete sich Ende der 1990er Jahre eine Debatte um die Sinnhaftigkeit der Norm von der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen. Mit Blick auf die Ver&auml;nderungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat werden das Postulat der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse und insgesamt der &#8222;Solidarf&ouml;deralismus&#8220; zunehmend in Frage gestellt. Hinterfragt wird nicht nur die Machbarkeit und Funktionalit&auml;t derartiger Regelungen. Der Diskurs hat auch eine stark normative Dimension. So schwingt in etlichen Beitr&auml;gen zu dieser Debatte auch die Frage mit, ob die im Jahre 1949 formulierte Gleichwertigkeitsnorm des Grundgesetzes noch in den aktuellen, stark gewandelten Wertekanon passt. Dabei wird hervorgehoben, dass die Norm der gleichwertigen Lebensverh&auml;ltnisse sowie das System des Finanzausgleichs f&uuml;r L&auml;nder und Kommunen keine Anreize f&uuml;r Eigenverantwortung enthalten, und als &#8222;Pr&auml;mie auf Verarmung&#8220; wirken. An ihre Stelle solle die Subsidiarit&auml;t (Hilfe zur Selbsthilfe), die F&ouml;rderung von Eigenverantwortlichkeit und Wettbewerb treten. Betont wird auch die Notwendigkeit, die Elemente von Kontrolle und Strafe zu verst&auml;rken. In zugespitzter Weise verdeutlichte Bundespr&auml;sident K&ouml;hler diese Argumentation, als er in einem Interview freim&uuml;tig bekannte, es gebe &#8222;nun einmal &uuml;berall in der Republik gro&szlig;e Unterschiede in den Lebensverh&auml;ltnissen. Das geht von Nord nach S&uuml;d wie von Ost nach West. Wer sie einebnen will festigt den Subventionsstaat und legt der jungen Generation eine untragbare Schuldenlast auf. Wir m&uuml;ssen wegkommen vom Subventionsstaat. Worauf es ankommt ist, den Menschen Freir&auml;ume f&uuml;r ihre Ideen und Initiativen zu schaffen&#8220; (K&ouml;hler 2004, zitiert in Focus 38/2004, S. 23).</p>
<p>So direkt, dass es nahezu schamlos wirkt, legt Horst K&ouml;hler in diesem Interview die Norm der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse auf den Scheiterhaufen der Geschichte. Er unterstellt den Vertretern der Forderung nach r&auml;umlicher Gerechtigkeit eine dreifache politische Fehleinsch&auml;tzung: a) festigten diese den Initiative l&auml;hmenden Subventionsstaat, b) erh&ouml;hten sie die Krise der &ouml;ffentlichen Finanzen sowie c) w&uuml;rde die nachfolgende Generation aufgrund der Schuldenlast unter dem demographischen Wandel zu Leiden haben.</p>
<p>Die Umstandslosigkeit, mit der der Bundespr&auml;sident eine im politischen Alltag weit interpretierbare Solidarnorm der Verfassung in einen Zusammenhang mit drei politischen Reizthemen stellen kann &#8211; und dabei f&uuml;r ein eher schlichtes Konstrukt durchaus positive Resonanz erntet &#8211; verweist darauf, dass es um mindestens Dreierlei geht: Erstens um eine politisch-fiskalische Realit&auml;t. Eine Disparit&auml;ten ausgleichende Regionalpolitik ist in dem Ma&szlig;e, wie es die bedrohliche Entwicklung in Teilen Ostdeutschlands erforderlich macht, schlicht schwer zu finanzieren. Zweitens geht es um Werte, um die Interpretationsmuster und Wahrnehmungen wie auch Bewertungen der derzeitigen Situation &#8211; also um eine im Kern politische Einsch&auml;tzung. Drittens geht es um die Frage einer realistischen Strategie. Wie kann die Norm von der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse als politisch w&uuml;nschenswertes Ziel heute neu interpretiert werden, so dass sie auch f&uuml;r die heutigen Verh&auml;ltnisse der Bundesrepublik &#8211; sowohl nach der Wiedervereinigung wie auch unter den Bedingungen von National- und Sozialstaatsentwicklung im 21. Jahrhundert &#8211; tragf&auml;hig ist?</p>
<p>Meine These dazu ist eine doppelte: Die Aufgabe des Leitbildes der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen w&auml;re ein uneinholbarer Verlust. Die politische Neuinterpretation des Leitbildes der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen ist eine Notwendigkeit.</p>
<h2 class="auto-created">Warum w&auml;re die Aufgabe des Leitbildes von der Gleich&shy;wer&shy;tig&shy;keit der Lebens&shy;ver&shy;h&auml;lt&shy;nisse ein Verlust? </h2>
<p>Mindestens drei Prozesse verweisen darauf, wie folgenreich und kritisch es sein k&ouml;nnte, zu fr&uuml;hzeitig die Norm der gleichwertigen Lebensverh&auml;ltnisse Preis zu geben:</p>
<p><i>Denationalisierung</i>: Zwar wird h&auml;ufig im Zuge von Globalisierungsdebatten die Schw&auml;chung des Nationalstaates thematisiert. Dennoch sind Nationalstaaten seit ihrer Entstehung vorwiegend im 19. Jahrhundert. in Europa bis heute zugleich Territorialstaaten. Der Begriff Nation ist ohne die Korrespondenz eines nationalen Territoriums kaum zu denken. Die Norm der &#8222;Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse&#8220; im Staatsgebiet ist so eine raumplanerische Entsprechung und F&ouml;rderung der politischen Nationenbildung durch die Integration des Territoriums. Damit steht diese raumplanerische Norm zugleich als Chiffre f&uuml;r den Zusammenhalt der Nation. Die Aufgabe dieses Leitbildes verweist auf eine als problematisch empfundene Ent-Nationalisierung. Gerade in Deutschland scheint die politisch wiedergewonnene Einheit des Landes 1989 bedroht zu sein, quasi emotional wieder verloren zu gehen, wenn man den Osten nicht auch territorial und regionalentwicklungspolitisch integriert. Kein einheitliches Vaterland ohne territoriale Integration.</p>
<p><i>Entsolidarisierung</i>: Der Grundsatz der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse im Staatsgebiet ist das r&auml;umliche Gesicht des Sozialstaates. Verabschiedet man sich von ersterem, l&auml;sst sich das als r&auml;umlicher Ausdruck der Ent-Solidarisierung interpretieren. Arbeitslose in entlegenen Gebieten, Alte in l&auml;ndlichen Peripherien Ostdeutschlands, w&uuml;rden quasi im Stich gelassen werden, lie&szlig;e man die Norm der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen fallen. W&uuml;stungen, wie wir sie aus dem Mittelalter kennen, k&ouml;nnten die Folge sein.</p>
<p><i>Entkr&auml;ftigung</i>: Die westdeutsche Raumordnung hat in der Nachkriegszeit einen Gro&szlig;teil ihrer planerischen und raumordnerischen Kraft daraus gezogen, eine in die Fl&auml;che gehende Raumordnung zu sein. Dass man es sich leisten konnte, fl&auml;chendeckende Versorgung durch das System der zentralen Orte zu avisieren, ist ein Zeichen gro&szlig;en Selbstbewusstseins. Es entsprach dem hohen Selbstbewusstsein und nahezu heldenhaften Selbstbild der westdeutschen Planerprofession, den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern die Freiheit versprechen zu k&ouml;nnen, in jedem Teil des Landes zu wohnen. &Uuml;berall Wohnstatt beziehen zu k&ouml;nnen und an nahezu jedem Punkte im Raum komfortabel zu leben ist ein Versprechen b&uuml;rgerlicher Freiheit. Die Planer waren die W&auml;chter und Verwirklicher dieser (territorialen) Freiheit. Der Reichtum der Infrastruktur im Raum legitimierte die Raumplanung vice versa. Eine Relativierung der Norm von der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse in allen Teilr&auml;umen des Landes k&auml;me einer Entkr&auml;ftung dieses Anspruches gleich. Die Tatsache, dass wir tats&auml;chlich schon im Empfinden und in der Akzeptanz der Entkr&auml;ftigung der Planung und staatlichen Handelns es weit gebracht haben, verdeutlicht die oft zitierte Aussage des gegenw&auml;rtigen Bundespr&auml;sidenten.</p>
<p>W&auml;hrend es also gute Gr&uuml;nde gibt, an der Norm festzuhalten, gibt es gleichzeitig ebenso gro&szlig;e Notwendigkeiten, diese vor dem Hintergrund der ver&auml;nderten Verh&auml;ltnisse neu zu interpretieren. Meine Argumentation lautet: die Norm sollte bleiben, aber sie muss anders verstanden und ausgef&uuml;hrt werden: Wie?</p>
<p><i>Wie ist die Neuinterpretation des Leitbildes m&ouml;glich? Differenz, Mindeststandards und Metropolitanisierung </i></p>
<p>Drei ver&auml;nderte Denkans&auml;tze k&ouml;nnten helfen, die Norm der Gleichwertigkeit als offenen Begriff zu wahren und gleichzeitig f&uuml;r die heutige Zeit angemessen zu interpretieren.</p>
<p>a) <i>Differenz</i>: Das Ziel der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse in Deutschland hat Verfassungsrang; und hieran sollte man auch nichts &auml;ndern. Gleich<i>wertig</i> ist jedoch nicht gleichartig. Der Begriff Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse setzt funktionale Differenzierung, also Diversit&auml;t und damit das an sich m&ouml;gliche Ungleichsein von Teilr&auml;umen gedanklich schon voraus. F&uuml;r eine solche Ungleichheit im Sinne der Differenz darf die zu erstrebende Gerechtigkeit nicht allein mit der Me&szlig;latte der Verteilungsgerechtigkeit gemessen werden &#8211; hiernach w&auml;re allein gerecht, wenn alle das gleiche bekommen. Vielmehr kann Ungleichheit, die als Differenz gedacht wird, auch bedeuten, dass Gerechtigkeit dann herrscht, wenn eine Politik der individuellen Situation eines Teilraumes &#8211; oder eine Gruppe, eines Menschen &#8211; gerecht wird (vgl. Young 1990). Danach beinhaltet r&auml;umliche Differenz auch je r&auml;umlich differenzierte Entfaltungsm&ouml;glichkeiten und setzt r&auml;umlich differenzierte Gestaltungschancen voraus. Ein solch differenztheoretisch begr&uuml;ndeter Begriff von Gerechtigkeit durch Gleichwertigkeit verlangt dann zentral, dass Teilr&auml;ume in ihrer Wertigkeit nicht auseinanderfallen d&uuml;rfen. Wer Natur liebt, lebt in der Uckermark besser als in Berlin; bei dem, der Kultur liebt, ist es umgekehrt. Beides ist gleichwertig, wenn man nicht jeweils Restriktionen unterliegt, die den spezifischen Wert des Raumes v&ouml;llig zunichte machen. Eine solche Restriktion w&auml;re, wenn es in den peripheren Regionen an den notwendigen Mindestangeboten eines verantwortlichen (Familien-) Lebens fehlen w&uuml;rde. &Uuml;berall m&uuml;ssen also Kernangebote der Bildung, der kommunikativen Erreichbarkeit und der medizinischen Grundversorgung gew&auml;hrleistet sein.</p>
<p>Diversit&auml;t nicht als bedrohliche Divergenz nur zu interpretieren, sondern in der regionalen Vielfalt auch Chancenreichtum, Optionenwachstum und M&ouml;glichkeitsr&auml;ume zu sehen, darin wird eine paradigmatische Herausforderung der Raumordnung in der Zukunft bestehen. Denn in den Eigenarten der Teilr&auml;ume liegen auch ihre St&auml;rken, gerade in einer globalisierten Welt. Das Besondere zu f&ouml;rdern und gleichzeitig das Allgemeine zu entfalten, diese Paradoxie zu bew&auml;ltigen wird zu einer Zukunftsaufgabe eines flexiblen, transformierten Sozialstaates werden. Die Menschen in den Regionen m&uuml;ssen darin unterst&uuml;tzt werden, die Eigenwertigkeit ihrer Lebensumwelten und Heimaten anzuerkennen und zu nutzen.</p>
<p>b) <i>Mindeststandards</i>: Eine sozial, kulturell und &ouml;kologisch w&uuml;nschenswerte Zukunft unserer St&auml;dte und Regionen l&auml;sst sich ganz ohne staatliche Regulierung, Verteilungspolitik und Wohlfahrtsstaat nicht darstellen. Das gilt f&uuml;r schrumpfende R&auml;ume ebenso wie f&uuml;r boomende St&auml;dte. Vor allem aber f&uuml;r Herausforderungen wie das Altern der Gesellschaft, die Integration von Minderheiten oder den Umgang mit der wachsenden sozialen Ungleichheit und Armut. Allerdings kann das nicht mehr in der gewohnten, auf Verteilungspolitik setzenden Art und Weise realisiert werden. Gefunden werden muss ein neuer Politik-Mix. In ihm kommen drei Elemente zum Tragen: Staat (Kommune, Region), Unternehmen sowie intermedi&auml;re und zivilgesellschaftliche Gruppen. &#8222;Raumgerechtigkeit&#8220; l&auml;sst sich dabei nicht mehr auf allen Ebenen als vollst&auml;ndige Teilhabe darstellen. Es wird auch R&auml;ume geben, in denen nur noch Mindeststandards garantiert werden. Staatlich garantierte Zug&auml;nge muss es in drei Bereichen geben:</p>
<ul>
<li>Eine wissensbasierte Gesellschaft muss den Zugang zu Bildung garantieren.</li>
<li>Eine zunehmend durch Alterung gepr&auml;gte Gesellschaft muss ein Mindestma&szlig; an Nahversorgung und basalen Gesundheitsdiensten sicherstellen. </li>
<li>Schlie&szlig;lich ist ein Mindestmass an Mobilit&auml;t und Kommunikation sicherzustellen. </li>
</ul>
<p>Was Zug&auml;nglichkeit bedeutet, wird k&uuml;nftig je nach Raum- und Problemtyp unterschiedlich geregelt werden: So stellt sich etwa in den Entleerungsbieten des Ostens der Zugang zu Bildung anders dar, als in den von ethnischen Minderheiten und Armen gepr&auml;gten marginalisierten R&auml;umen des westdeutscher St&auml;dte.</p>
<p>c) <i>Metropolitanisierung</i>: Der Blick in die territoriale Zukunft von Nationalstaaten in der Weltgesellschaft zeigt, dass Metropolitanisierung ein entscheidender Zug ist. St&auml;dte, insbesondere Gro&szlig;st&auml;dte, entwickeln sich zu kulturellen und &ouml;konomischen Zugpferden der Wissensgesellschaft (vgl. Helbrecht 2009). Sie sind gleichzeitig die Zentren von Zuwanderung und gesellschaftlicher Integration. Eine Politik der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse muss diesen durch und durch urbanisierten Charakter moderner Dienstleistungsgesellschaften anerkennen und in Deutschland explizit adressieren. Der Beginn der Entwicklung einer nationalen Stadtpolitik unter Minister Tiefensee und der Gro&szlig;en Koalition war deshalb ein richtiger und raumordnerisch bedeutender Schritt. Eine zukunftsf&auml;hige sozialstaatliche Territorialpolitik muss die funktionale Differenzierung des Landesgebietes in St&auml;dte und Nicht-St&auml;dte adressieren. Die bewusste Gestaltung der sich sowieso vollziehenden Metropolitanisierung des Landes ist zentraler Auftrag einer neu interpretierten Norm von der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse.</p>
<h2 class="auto-created">Fazit </h2>
<p>Wir befinden uns an einem Scheideweg. Die Bundesrepublik steht vor der Herausforderung, ein neues politisches Leitbild f&uuml;r die Entwicklung des Landes zu erarbeiten, in dem Gerechtigkeitsvorstellungen, Gleichwertigkeit, Differenz, Mindeststandards und Metropolitanisierung gemeinsam ihren Platz haben. Es bedarf nicht mehr und nicht weniger als einer Leitdebatte um die neue politische Geographie der Republik.</p>
<p>Die Europ&auml;ische Union fordert als Ziel der Union laut Art. I-3 in dem bisher nicht ratifizierten Verfassungsvertrag die F&ouml;rderung des wirtschaftlichen, sozialen, territorialen Zusammenhalts, die territoriale Koh&auml;sion. Die EU Politik der F&ouml;rderung des (territorialen) Zusammenhalts entspricht nicht deutschen Gleichwertigkeitsvorstellungen. Damit ist auch mit den Entwicklungen auf europ&auml;ischer Ebene ein Weg gewiesen, der eine Neuinterpretation des Verh&auml;ltnisses von Metropolitanisierung, Landesentwicklung und Gleichwertigkeit vorsieht. An der Neuinterpretation werden die Deutschen deshalb auch als gute Europ&auml;er nicht vorbeikommen. Ich meine jedoch, wir haben aus innerdeutscher Sicht alle guten Gr&uuml;nde, die Verfassungsnorm von der Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse weiterhin zu verfolgen &#8211; und sie zugleich neu und zeitgem&auml;&szlig; zu interpretieren.</p>
<p>[1] So seit der Grundgesetzreform vom 27.10.1994, BGBl I 3146. Bis dahin war der Bund zust&auml;ndig, wenn zur Wahrung der &#8222;Einheitlichkeit&#8220; (statt Gleichwertigkeit) ein &#8222;Bed&uuml;rfnis&#8220; (im Unterschied zur jetzigen &#8222;Erforderlichkeit&#8220;) f&uuml;r bundeseinheitliche Regelungen bestand.</p>
<p>[2] Art. 72 Abs.2 Satz 3 GG gibt dem Bund die konkurrierende Gesetzgebung, um die &#8222;Einheitlichkeit der Lebensverh&auml;ltnisse&#8220; herzustellen. Art 106 regelt u. a. den Finanzausgleich der L&auml;nder. &Auml;hnlich wirkt der Finanzausgleich unter den Kommunen auf L&auml;nderebene. Mit Blick auf diese Regelungen bezeichnet der fr&uuml;here Vizepr&auml;sident des Bundesverfassungsgerichts Mahrenholz das GG als &#8222;Solidargrundgesetz&#8220;. (<a href="http://www.zeit.de/politik/dlf/interview_040914" target="_blank" rel="noopener">www.zeit.de/politik/dlf/interview_040914</a>).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Bielenberg, W./Runkel, P./Spannowski, W. et al.</i> 2004: Raumordnungs- und Landesplanungsrecht des Bundes und der L&auml;nder, Berlin. Loseblattsammlung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften. 2 Bde.</p>
<p><i>Enquete-Kommission</i> 2004: Zukunft der St&auml;dte. Bericht der Enquete-Kommission des Landtags Nordrhein-Westfalen. D&uuml;sseldorf: ILS.</p>
<p><i>K&ouml;hler</i>, H. 2004: Interview mit dem Bundespr&auml;sidenten. In: Focus 38/2004 vom 13.09.2002, S. 20-24.</p>
<p><i>Gatzweiler, H./ W. Strubelt </i>2006: Gleichwertige regionale Lebensverh&auml;ltnisse? In: Informationen zur Raumentwicklung, H. 6/, S. 1-2.</p>
<p><i>Groth, K.-M./ I. Helbrecht / T. Rommelspacher</i> 2006: Von der Disparit&auml;t zur Differenz. Die Zukunft der &#8222;Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse&#8220;. In: Das neue Gesicht der Stadt. Strategien f&uuml;r die urbane Zukunft im 21. Jahrhundert. Empfehlungen der Fachkommission Stadtentwicklung der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung. Berlin: Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung, S. 37-53.</p>
<p><i>Hahne, U. </i>2005: Zur Neuinterpretation des Gleichwertigkeitsziels. In: Raumforschung und Raumordnung H. 4, 257-265.</p>
<p><i>Helbrecht, I.</i> 2009: Mehr Leadership! Wege in die Urban Governance am Beispiel von Creative City Politics. Eine Betrachtung im Lichte von Platons Staatstheorie. In: PlanungNeuDenken-Online (PNDonline), H. 1/2009, S. 1-14.</p>
<p>Internet Journal: <a href="http://www.planung-neu-denken.de/images/stories/pnd/dokumente/2009_1_helbrecht.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.planung-neu-denken.de/images/stories/pnd/dokumente/2009_1_helbrecht.pdf</a></p>
<p><i>Junkernheinrich, M.</i> 2006: In: Wege aus der finanziellen Handlungsunf&auml;higkeit. &Uuml;ber die Schwierigkeiten einer Reform der Gemeindefinanzen. In: Das neue Gesicht der Stadt. Strategien f&uuml;r die urbane Zukunft im 21. Jahrhundert. Empfehlungen der Fachkommission Stadtentwicklung der Heinrich B&ouml;ll-Stiftung. Berlin: Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung, S. 75-9.</p>
<p><i>Reichel, D.</i> 2009: Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse. Verfassungsauftrag und Raumordnungsrecht. M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Rohlfs, T.</i> 2008: Die Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse &#8211; ein Verfassungsprinzip des Grundgesetzes. Frankfurt/M.</p>
<p><i>Young, I.M.</i> 1990: Justice and the Politics of Difference. Princeton.</p>
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		<title>Weder einholend noch überholend</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 19:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ostdeutschlands Wirtschaft zwanzig Jahre nach dem Mauerfall aus: vorg&#228;nge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 23-36 Mit dem Sturz Erich Honeckers am 18. Oktober und dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 begann in der DDR eine Phase demokratischer Ver&#228;nderungen und marktwirtschaftlicher Reformen, welche den Weg f&#252;r die deutsche Vereinigung frei machte. Die wichtigsten [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ostdeutschlands Wirtschaft zwanzig Jahre nach dem Mauerfall</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 23-36</p>
<p>Mit dem Sturz Erich Honeckers am 18. Oktober und dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 begann in der DDR eine Phase demokratischer Ver&auml;nderungen und marktwirtschaftlicher Reformen, welche den Weg f&uuml;r die deutsche Vereinigung frei machte. Die wichtigsten Schritte auf diesem Wege waren die Vorschl&auml;ge Helmut Kohls und Hans Modrows zur Herstellung der deutschen Einheit, das Angebot des Bundeskanzlers vom 6. Februar 1990, in der DDR baldm&ouml;glichst die D-Mark einzuf&uuml;hren sowie die Volkskammerwahlen vom 18. M&auml;rz, welche zugleich ein Plebiszit &uuml;ber die W&auml;hrungsunion und die Wiedervereinigung waren. Mit dem Staatsvertrag &uuml;ber die Schaffung einer W&auml;hrungs-, Wirtschafts- und Sozialunion (WWSU) vom 18. Mai 1990 (BGBl. 1990 II, S. 537) und dessen Umsetzung am 1. Juli wurde die Einheit in &ouml;konomischer Hinsicht faktisch vollzogen. Der Beitritt der f&uuml;nf neuen L&auml;nder zur Bundesrepublik gem&auml;&szlig; Art. 23 GG (a. F.) am 3. Oktober 1990 war die staatsrechtliche Konsequenz des bereits mit der WWSU herbeigef&uuml;hrten wirtschaftlichen Anschlusses der DDR.</p>
<p>Das Konzept einer &#8222;stufenweisen Integration&#8220; bzw. eines &#8222;organischen Zusammenwachsens der beiden deutschen Staaten&#8220;, welches eine gemeinsame W&auml;hrung als kr&ouml;nenden Abschluss vorsah[1], war damit pass&eacute;. Die staatliche Vereinigung geriet f&uuml;r die ostdeutschen L&auml;nder zum &#8222;Anschluss&#8220;, die wirtschaftliche Integration zur &#8222;Rosskur&#8220; und die Sozialunion zum &#8222;Sozialfall&#8220; dauerhafter Transferabh&auml;ngigkeit. Die mentale, geistige und kulturelle Vereinigung, die so genannte <i>innere Einheit</i>, ist bis heute unvollendet.</p>
<p>Die Verantwortlichen verweisen in diesem Zusammenhang gern auf die historische Einmaligkeit der Situation 1989/90 und auf das &#8222;Zeitfenster&#8220;, das nicht ewig offen stand. Oder sie verbreiten die Legende von der vermeintlichen Alternativlosigkeit der getroffenen Entscheidung. Aber ihre Argumente &uuml;berzeugen nicht, solange die Interessenstrukturen sowie die Gewinne und Verluste der Einheit ausgeblendet bleiben. Kritiker der Wiedervereinigung wie G&uuml;nter Grass weisen deshalb immer wieder darauf hin, dass die &#8222;deutsche Einheit &#8230; ein gro&szlig;er Fehler (war). Man hat aus wahltaktischen Gr&uuml;nden und gegen alle Warnungen, auch von Fachleuten, ruck zuck die D-Mark in den Ostl&auml;ndern eingef&uuml;hrt, wodurch jegliches DDR-Produkt von einem Tag auf den anderen auf null gebracht wurde. Das brach alles weg &#8230; Das war keine Vereinigung, das war Anschluss, und zwar unter Missachtung des Grundgesetzes, in dem steht, dass das deutsche Volk im Falle der Einheit eine neue Verfassung bekommen m&uuml;sse, damit den siebzehn Millionen Ostdeutschen die M&ouml;glichkeit gegeben wird, sich einzubringen &#8230; Es hat im Osten eine Enteignung stattgefunden, wie es sie in der deutschen Geschichte noch nie gegeben hat, und das vererbt sich und wird nie aufh&ouml;ren.&#8220; (Grass 2009:3). Das ist zutreffend. Aber nichtsdestotrotz war die deutsche Vereinigung kein Fehlschlag, kein g&auml;nzlich misslungenes Unterfangen. Dies gilt auch und gerade in wirtschaftlicher Hinsicht.</p>
<p>Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist Ostdeutschland &#8222;kein Traditionskabinett der DDR&#8220; (Platzeck 2009: 87), sondern ein modernes Land, in dem sich viel entwickelt hat. Die ostdeutsche Wirtschaft war nach dem durch die W&auml;hrungsunion ausgel&ouml;sten Absturz einem radikalen Schrumpfungs-, Anpassungs- und Umstrukturierungsprozess ausgesetzt. Dieser ist inzwischen weitgehend abgeschlossen. Heute ist sie organischer Bestandteil der Volkswirtschaft der Bundesrepublik Deutschland und voll integriert in den Wirtschaftsraum der Europ&auml;ischen Union. Die Betriebe, die nicht abgewickelt, geschlossen oder liquidiert worden sind, wurden modernisiert und entsprechend den Bed&uuml;rfnissen des Marktes umstrukturiert. Zudem erfolgten zahlreiche Neugr&uuml;ndungen von Unternehmen.[2] Insbesondere das Verarbeitende Gewerbe, das im Ergebnis der Deindustrialisierung stark dezimiert worden war, zeichnet sich heute durch Stabilit&auml;t, Flexibilit&auml;t und Dynamik aus. Dies dokumentiert sich im gewachsenen Anteil desselben an der gesamtwirtschaftlichen Wertsch&ouml;pfung (2008: 19,6 Prozent gegen&uuml;ber 24,5 Prozent in den alten L&auml;ndern, jeweils ohne Berlin) sowie in der gestiegenen Exportquote der ostdeutschen Wirtschaft, welche mit 33,1 Prozent (2008) inzwischen bei rund 72 Prozent des westdeutschen Vergleichswertes liegt (BMWi: 2009: 5,12). Angesichts der gegenw&auml;rtigen Wirtschaftskrise wird der ostdeutschen Wirtschaft bescheinigt, &#8222;sehr gut aufgestellt&#8220; und deshalb weniger als andere Regionen von den Auswirkungen der Krise betroffen zu sein.[3] Dies ist kurzfristig als Erfolg zu werten, bedeutet aber nicht, dass Ostdeutschlands Wirtschaft rundum stabil und wettbewerbsf&auml;hig ist und alle Schw&auml;chen und Defizite bereits &uuml;berwunden w&auml;ren.</p>
<h2 class="auto-created">Zwiesp&auml;l&shy;tige Bilanz </h2>
<p>Trotz sichtbarer Erfolge und &uuml;berwiegend optimistischer Bewertungen f&auml;llt die Bilanz des Erreichten zwiesp&auml;ltig aus: Neben den positiven Ergebnissen gibt es nach wie vor langfristig wirkende strukturelle Defizite von nicht zu untersch&auml;tzendem Ausma&szlig;, ungel&ouml;ste Probleme und negative Tendenzen, welche die Zukunftsaussichten eintr&uuml;ben und einiges von dem, was in den letzten beiden Jahrzehnten geschaffen worden ist, k&uuml;nftig wieder in Frage stellen.</p>
<p>Die Defizite der ostdeutschen Wirtschaft resultieren aus der Teilung des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg, der mehr als vier Jahrzehnte andauernden Zweistaatlichkeit und den Besonderheiten und substanziellen M&auml;ngeln der Planwirtschaft der DDR. Zu einem beachtlichen Teil sind sie aber auch Folge der deutschen Vereinigung, insbesondere der &uuml;berst&uuml;rzten W&auml;hrungsunion und der einseitig an den Interessen der westdeutschen Industrie ausgerichteten Privatisierungspolitik der Treuhandanstalt. Dies betrifft insbesondere die fl&auml;chendeckende Deindustrialisierung und den daraus resultierenden unterproportionalen Besatz Ostdeutschlands mit Industrieunternehmen, zudem das weitgehende Fehlen von Konzernzentralen und Gro&szlig;betrieben sowie das &Uuml;berwiegen von Klein- und Kleinstbetrieben in der industriellen Produktion und im Dienstleistungsbereich. Ferner die geringe Vernetzung der Unternehmen untereinander und ihre relativ schwache Verankerung in der jeweiligen Region, den geringen Anteil ostdeutscher Unternehmen an Forschungs- und Entwicklungsleistungen, ihre oftmals wenig ausgebaute Pr&auml;senz auf regionalen, vor allem aber auf &uuml;berregionalen und internationalen M&auml;rkten[4], ihre nach wie vor ungen&uuml;gende Eigenkapitalausstattung und das vergleichsweise niedrige Lohn- und Einkommensniveau.</p>
<p>Einen belastenden Faktor stellt in diesem Zusammenhang die Berliner Wirtschaft dar, welche im Vergleich zur Wirtschaft anderer Metropolen eine unterproportionale Leistungskraft aufweist und durch eine ausgepr&auml;gte Fragmentierung gekennzeichnet ist (IHK 2008; DIW 2002; Busch 2007). Insgesamt ist die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands durch eine zunehmende regionale Disparit&auml;t charakterisiert, indem sich die westlichen und s&uuml;dlichen Landesteile besser entwickeln als die &ouml;stlichen und n&ouml;rdlichen. Dies findet in &ouml;konomischen und sozialen Indikatoren seinen Niederschlag und erlaubt es immer weniger, undifferenziert von &#8222;dem Osten&#8220; oder &#8222;den neuen Bundesl&auml;ndern&#8220; zu sprechen. Andererseits weisen die neuen Bundesl&auml;nder gerade in wirtschaftlicher Hinsicht bis heute eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten und typischen Defiziten auf, so dass sie gegen&uuml;ber Westdeutschland nach wie vor einen relativ eigenst&auml;ndigen unterentwickelten Wirtschaftsraum bilden. Dies wiederum rechtfertigt es, sie unter einen Begriff (neue L&auml;nder) zu subsumieren und unter Einbeziehung Berlins als eine regionale Einheit (Ostdeutschland) zu behandeln.[5]</p>
<p>Zu den <i>ungel&ouml;sten Problemen </i>der ostdeutschen Wirtschaft geh&ouml;rt die Abh&auml;ngigkeit eines Gro&szlig;teils der Unternehmen von westdeutschen und ausl&auml;ndischen Konzernen, aber auch von Banken, Verwaltungen, Handelsketten, Forschungseinrichtungen usw., die ihren Sitz im Westen haben. Ebenso ihr Angewiesensein auf &ouml;ffentliche F&ouml;rdermittel und Subventionen. Der Charakter der ostdeutschen Wirtschaft als Dependenz&ouml;konomie und Transferwirtschaft (Titze 2007; Busch 2002) hat sich zwar im Zeitverlauf abgeschw&auml;cht, ist aber keineswegs &uuml;berwunden. Noch immer liegt die gesamtwirtschaftliche Absorption &uuml;ber dem Umfang der Produktion, so dass eine Produktionsl&uuml;cke klafft bzw. ein Nachfrage&uuml;berhang besteht, der &uuml;ber &ouml;ffentliche und private Transferleistungen geschlossen werden muss (vgl. Abb. 1).</p>
<p>Der relative R&uuml;ckstand und das gegen&uuml;ber Westdeutschland geringere Leistungs- und Innovationspotenzial der ostdeutschen Wirtschaft werden vor allem in &uuml;berregionalen makro&ouml;konomischen Vergleichsdaten evident, weniger dagegen in einem mikro&ouml;konomischen Vergleich von Betrieb zu Betrieb, wo schon ein h&ouml;herer Grad der Angleichung erreicht ist (vgl. Busch/K&uuml;hn/Steinitz 2009: 171ff.). Dies unterstreicht den Wert volkswirtschaftlicher Analysen f&uuml;r die wirtschaftspolitische Expertise und Diskussion.</p>
<p>Abb. 1: Bruttoinlandsprodukt und Inlandsverwendung Ostdeutschlands (ohne Berlin) 1989 bis 2008 (Mrd. Euro, jeweilige Preise) <br />XXXXX Grafik</p>
<p>Abb. 2: Bruttoinlandsprodukt und Inlandsverwendung Ostdeutschlands (ohne Berlin) 2000 bis 2008, preisbereinigt, verkettet (Basis 2000=100) in Mrd. Euro <br />XXXXXXX Grafik</p>
<p>F&uuml;r die korrekte statistische Erfassung und Bewertung des erreichten Entwicklungsstandes Ostdeutschlands seit 1990 gibt es zwei aussagekr&auml;ftige Methoden: Zum einen den Ausweis des Konvergenzgrades durch Gegen&uuml;berstellung entsprechender ost- und westdeutscher Daten, wobei letztere als Referenzwerte gelten. Zum anderen die Konstruktion einer Zeitreihe f&uuml;r bestimmte Indikatoren von 1989 bis heute. Beide Modelle sind jedoch nicht unproblematisch. In ersterem Fall werden mit Ost- und Westdeutschland bzw. den neuen und den alten Bundesl&auml;ndern Gro&szlig;regionen verglichen, ohne dass deren innere Differenziertheit hinreichend Beachtung findet. Dies st&ouml;&szlig;t immer wieder auf Kritik, zumal die Heterogenit&auml;t unter den westdeutschen L&auml;ndern weit st&auml;rker ausgepr&auml;gt ist als unter den ostdeutschen. Bei der zweiten Methode wird mit Ausgangsdaten gearbeitet, die anders gemessen und erfasst wurden (in DDR-Mark und nach dem MPS-System) als die Folgedaten (SNA-System), so dass das Rechenwerk trotz inzwischen erfolgter aufwendiger Umrechnungen[6] teilweise mit inkommensurablen Gr&ouml;&szlig;en operiert. Dies beeintr&auml;chtigt die Validit&auml;t der Aussagen und es bedarf daher einiger Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse. Jedes andere Vorgehen jedoch f&uuml;hrt zu einer Verf&auml;lschung der Botschaft. Dies gilt insbesondere f&uuml;r Zeitreihen, welche das Jahr 1991 unkommentiert als Basisjahr setzen. Infolge des transformations- und vereinigungsbedingten massiven Einbruchs der wirtschaftlichen Entwicklung in den Jahren 1990 und 1991 impliziert dieses Vorgehen einen statistischen Basiseffekt, der eine realit&auml;tsnahe Interpretation des Wirtschaftsverlaufs geradezu unm&ouml;glich macht: Der Beginn der Reihe wird zeitlich um zwei Jahre verschoben, der Crash 1990/91 f&auml;llt aus der Analyse heraus, der Aufschwung nach 1991 erscheint dadurch statistisch &uuml;berh&ouml;ht und die Gesamtbilanz wird &uuml;ber Geb&uuml;hr gesch&ouml;nt.[7] Wenn diese verzerrten Daten dann auch noch extrapoliert werden, um Zukunftsszenarien zu erstellen, gelangt man schnell zu falschen Schl&uuml;ssen. Am Ende derartiger Projektionen steht jedoch immer eine Entt&auml;uschung, da die hierauf basierenden politischen Versprechen wirtschaftlich unm&ouml;glich einl&ouml;sbar sind.[8]</p>
<p>XXXXXXX Tabelle<br />Tabelle 1: Anteil der neuen L&auml;nder (ohne Berlin) 1989 &#8211; 2008 (Deutschland = 100)</p>
<p>Das Gewicht der neuen Bundesl&auml;nder an der Bev&ouml;lkerung, der Erwerbst&auml;tigkeit, der Wirtschaftsleistung usw. Gesamtdeutschlands hat sich seit 1990 <i>nicht </i>erh&ouml;ht (vgl. Tabelle 1). In einigen Positionen, so bei der Wohnbev&ouml;lkerung, ist es sogar sp&uuml;rbar geringer geworden. Dies hat Konsequenzen: die ostdeutschen Belange verlieren im politischen Tagesgesch&auml;ft an Relevanz. Der Anteil der neuen L&auml;nder am gesamtwirtschaftlichen Produktionsvolumen Deutschlands entspricht heute in etwa dem Wert von 1989: 11,6 Prozent. Das ist gut die H&auml;lfte dessen, was Nordrhein-Westfalen j&auml;hrlich produziert und ein Drittel weniger als der Beitrag Bayerns. Positiv ver&auml;ndert haben sich infolge des R&uuml;ckgangs der Bev&ouml;lkerung und der Erwerbst&auml;tigenzahl im Zeitverlauf jedoch die Pro-Kopf-Gr&ouml;&szlig;en. Auch sind der Anteil Ostdeutschlands am Konsum und dieser selbst im Aggregat gewachsen, was auf eine gestiegene Partizipation der Ostdeutschen am gesamtgesellschaftlichen Verbrauch hindeutet. Allerdings gilt dies nur bis Ende der 1990er Jahre. Nach 1999 hat sich auch diese Gr&ouml;&szlig;e nicht weiter erh&ouml;ht, wie der inl&auml;ndische Verbrauch seit 2000 &uuml;berhaupt stagniert bzw. in realer Rechnung sogar um 10,7 Prozent zur&uuml;ckgegangen ist (vgl. Abb. 2).[9]</p>
<p>Tabelle 2: Volkswirtschaftliche Indikatoren und Relationen neue L&auml;nder (ohne Berlin) zu alten L&auml;ndern 1989 &ndash; 2008<br />XXXXXXX Tabelle</p>
<p>Dem entspricht ein Stillstand bzw. sogar R&uuml;ckgang bei der Angleichung der Einkommen: Die H&ouml;he der durchschnittlichen Monatsverdienste vollbesch&auml;ftigter Arbeitnehmer in den neuen L&auml;ndern liegt seit dem Jahr 2000 bei knapp unter 70 Prozent des Westniveaus. In den Jahren zuvor waren es schon mal f&uuml;nf Prozent mehr gewesen (Ludwig et al. 2009: 320). Im Produzierenden Gewerbe betrug die Ost-West-Relation 2007 bei Ber&uuml;cksichtigung von Sonderzahlungen 63,7 Prozent (Sch&auml;fer 2008: 591). Etwas g&uuml;nstiger stellt sich dies bei den verf&uuml;gbaren Nettoeinkommen dar. Hier betr&auml;gt die Ost-West-Relation 2008 79,6 Prozent. Elf Jahre zuvor, 1997, waren es noch 82,7 Prozent gewesen (Goebel/Habich/Krause 2009: 125). Von einem fortschreitenden Angleichungsprozess kann also keine Rede sein. Eher geht die Schere wieder weiter auf, wie alle einschl&auml;gigen Statistiken belegen.</p>
<p>Der <i>Grad der Konvergenz </i>der ostdeutschen Wirtschaft betr&auml;gt derzeit, gemessen am Niveau der westdeutschen Wirtschaft, knapp drei Viertel. Dies bedeutet gegen&uuml;ber der Ausgangssituation (1989/90) von weniger als oder gerade mal der H&auml;lfte des Vergleichsniveaus einen beachtlichen Fortschritt.[10] Gemessen an der Zielstellung des Erreichens gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse, wof&uuml;r die Konvergenz der Produktivit&auml;t und des wirtschaftlichen Leistungsniveaus die entscheidende Voraussetzung bildet, ist dies jedoch nicht befriedigend. Die relative Ver&auml;nderung betr&auml;gt weniger als einen Prozentpunkt pro Jahr und hat sich im Zeitverlauf keineswegs beschleunigt, sondern eher verlangsamt. Die entscheidenden Fortschritte beim <i>Aufbau Ost </i>wurden von 1992 bis 1996 erzielt. Danach lie&szlig; die Dynamik des Aufholens erheblich nach. F&uuml;r ein Jahrzehnt, von 1997 bis 2005, war der Konvergenzprozess faktisch suspendiert. In j&uuml;ngster Zeit gab es wieder Aufholerfolge, die Konvergenzgeschwindigkeit ist aber au&szlig;erordentlich gering (vgl. Aumann/Scheufele 2009). An ein Einholen der wirtschaftsstarken L&auml;nder ist deshalb gar nicht zu denken. Bestenfalls n&auml;hern sich die neuen L&auml;nder allm&auml;hlich den strukturschwachen westdeutschen L&auml;ndern an. W&auml;hrend der Krise tritt diese Tendenz jedoch lediglich als ein geringeres Minus beim Wirtschaftswachstum, Export usw. in Erscheinung. F&uuml;r die Bundesregierung ist dies Grund genug, festzustellen, dass &#8222;der wirtschaftliche Aufholprozess wieder in Gang gekommen&#8220; sei und sich insbesondere in der Industrie &#8222;die dynamische Entwicklung der Vorjahre&#8220; fortsetze (BMVBS 2009: 5, 9).</p>
<p>In den vorstehenden Tabellen findet ein grundlegendes Problem der ostdeutschen Wirtschaftsentwicklung seinen Niederschlag: Die Ann&auml;herung beim Niveau der Arbeitsproduktivit&auml;t und beim BIP je Einwohner wurde erreicht, ohne dass sich der Anteil der neuen L&auml;nder am gesamtdeutschen BIP erh&ouml;ht hat. Das hei&szlig;t, sie wurde mit dem Abbau von Arbeitspl&auml;tzen erkauft. Zudem beruht die Entwicklung auf dem R&uuml;ckgang der Bev&ouml;lkerung durch Abwanderung und durch Verringerung der Geburtenzahl. Diese Strategie zur Erreichung von Konvergenz wird als <i>passive Sanierung </i>bezeichnet. Auf diese Weise ist es zwar m&ouml;glich, eine Region wirtschaftliche zu stabilisieren, nicht aber, sie erfolgreich zu entwickeln.[11]</p>
<p>Die <i>Zukunftsaussichten </i>der ostdeutschen Wirtschaft werden haupts&auml;chlich von zwei Tendenzen bestimmt: von der demografischen Entwicklung und vom Zur&uuml;ckbleiben der wirtschaftlichen Dynamik Ostdeutschlands gegen&uuml;ber Westdeutschland.</p>
<h2 class="auto-created">Demografie als Haupt&shy;pro&shy;blem </h2>
<p>F&uuml;r die k&uuml;nftige Entwicklung Ostdeutschlands erh&auml;lt die Bev&ouml;lkerungsentwicklung ein immer gr&ouml;&szlig;eres Gewicht. Ma&szlig;gebend daf&uuml;r sind der Negativsaldo der demografischen Wanderung, die zunehmende Alterung der Bev&ouml;lkerung und der anhaltende Geburtenr&uuml;ckgang. Diese drei Prozesse zusammen bewirken, dass die Einwohnerzahl im Zeitverlauf sichtlich schrumpft und die Altersstruktur sich sp&uuml;rbar verschiebt. Das absehbare Ausma&szlig; dieser als &#8222;demografischer Wandel&#8220; apostrophierten Ver&auml;nderung ist derart dramatisch, dass die neuen Bundesl&auml;nder von Experten der Bev&ouml;lkerungsstatistik als &#8222;das demografische Krisengebiet Europas&#8220; (Berlin-Institut 2008: 3) bezeichnet werden.</p>
<p>Die bestimmenden Faktoren hierf&uuml;r sind erstens der Fortzug gro&szlig;er Bev&ouml;lkerungsteile aus Ostdeutschland. Seit Herbst 1989 &uuml;bersteigt die Zahl der Fortz&uuml;ge die der Zuz&uuml;ge, so dass der Wanderungssaldo zwischen Ost- und Westdeutschland zwanzig Jahre in Folge negativ ist, was eine kontinuierliche Abnahme der Einwohnerzahl bewirkt.[12]</p>
<p>Zweitens die spezifische Alters- und Geschlechterstruktur der Fort- und Zuziehenden. Da mehr J&uuml;ngere fort- als zuziehen, darunter &uuml;berproportional viele Frauen, und umgekehrt mehr &Auml;ltere zu- als wegziehen, f&uuml;hrt die Wanderungsbewegung zu einer verst&auml;rkten Alterung der ostdeutschen Bev&ouml;lkerung. Drittens die niedrige Geburtenzahl von in den meisten Jahren weniger als 100.000 Lebendgeborenen im Jahr. Im Ergebnis schrumpft und altert die Bev&ouml;lkerung Ostdeutschlands mehr als jede andere Population in Europa.</p>
<p>Die Ost-West-Wanderung, verst&auml;rkt durch die damit verbundene alters-, geschlechts- und qualifikationsbezogenen Selektion, bedeutet f&uuml;r die neuen L&auml;nder einen gravierenden Verlust an Humankapital, einen dauernden &#8222;Aderlass&#8220;, wodurch sich ihr Zukunftspotenzial nachhaltig verringert. Neben der Wanderung ist die Geburtenentwicklung f&uuml;r die Bev&ouml;lkerungsreproduktion ausschlaggebend. Langfristig erweisen sich der R&uuml;ckgang der Fertilit&auml;tsrate[13] und die niedrige Geburtenzahl infolge des Fehlens geb&auml;rf&auml;higer Frauen aufgrund des starken Geburtenr&uuml;ckgangs und der hohen Abwanderungsquote in den Vorjahren als Hauptfaktoren f&uuml;r die demografische Entwicklung. Die Geburtenziffer in Ostdeutschland sank nach der Wiedervereinigung sprunghaft, von 1,57 (1989) auf den historischen Tiefstand von 0,77 im Jahr 1994. Danach stieg sie wieder an, bis auf aktuell 1,37.[14] Dies entspricht in etwa dem westdeutschen Niveau, sichert aber nicht einmal die einfache Reproduktion, wof&uuml;r eine Gr&ouml;&szlig;e von mindestens 2,1 erforderlich w&auml;re. W&auml;hrend die alten Bundesl&auml;nder die verbleibende Differenz zumindest partiell durch Zuwanderungen ausgleichen k&ouml;nnen, f&uuml;hrt die geringe Geburtenzahl im Osten zu einem dramatischen Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang. Jahr f&uuml;r Jahr &uuml;bersteigt die Zahl der Sterbef&auml;lle die Zahl der Neugeborenen (vgl. Tabelle 3). K&uuml;nftig wird jede Generation um <i>ein Drittel kleiner </i>sein als die vorherige, wodurch die Bev&ouml;lkerung im Zeitverlauf massiv abnimmt.</p>
<p>Diese Tendenz lie&szlig;e sich, wenn &uuml;berhaupt, nur <i>langfristig </i>korrigieren, durch verst&auml;rkten Zuzug von au&szlig;en oder/und durch eine sp&uuml;rbare Zunahme der Geburtenzahl. Ersteres d&uuml;rfte jedoch am politischen Klima scheitern, letzterem steht neben der allgemeinen Perspektivlosigkeit in weiten Teilen Ostdeutschlands der hohe Frauenanteil bei den Fortz&uuml;glern von 63 Prozent entgegen, welcher inzwischen zu einem &#8222;historisch einmaligen zahlenm&auml;&szlig;igen Missverh&auml;ltnis der Geschlechter&#8220;, wonach auf 100 M&auml;nner nur noch 90 Frauen kommen (Berlin-Institut 2006: 23f.), gef&uuml;hrt hat. Die Kombination aus geringer Geburtenziffer und anhaltender Abwanderung geb&auml;rf&auml;higer Frauen, die mit zeitlicher Verz&ouml;gerung zum &#8222;demografischen Echo&#8220; sinkender Geburtenzahlen f&uuml;hrt[15], erh&ouml;ht die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang auch in Zukunft unvermindert fortsetzt. Dabei verst&auml;rken sich die genannten Faktoren gegenseitig: Durch die Abwanderung sinkt die Lebensqualit&auml;t, was die Geburtenentwicklung negativ beeinflusst. Dies erh&ouml;ht die Perspektivlosigkeit, wodurch sich wiederum die Abwanderung verst&auml;rkt.</p>
<p>Tabelle 3: Lebendgeborene und Gestorbene in Ostdeutschland 1990 &ndash; 2006[1 ]</p>
<p>XXXXXXX Tabelle</p>
<p>Die Schrumpfung der Bev&ouml;lkerung ist seit 1989 zu einem bezeichnenden Charakteristikum Ostdeutschlands geworden. In den letzten beiden Jahrzehnten verringerte sich die Einwohnerzahl der neuen L&auml;nder von 15,2 auf 13,1 Millionen, das sind &uuml;ber zwei Millionen bzw. 14 Prozent weniger. Bis 2020 schrumpft sie um weitere 1,3 Millionen auf eine Gr&ouml;&szlig;e von dann weniger als zw&ouml;lf Millionen. Bis 2050 wird der Bev&ouml;lkerungsstand aller Voraussicht nach die 10-Millionen-Grenze unterschreiten. Das bedeutet, dass sich die ostdeutsche Bev&ouml;lkerung innerhalb eines Jahrhunderts (1950-2050) beinahe halbiert und seit 1989 um mehr als ein Drittel reduziert haben wird.</p>
<p>Mit der Schrumpfung steigt der Anteil der &Auml;lteren, w&auml;hrend der, der J&uuml;ngeren abnimmt. Dadurch erh&ouml;ht sich das Durchschnittsalter von 39 Jahren im Jahr 1989 auf 48 Jahre im Jahr 2020 und &uuml;ber 50 Jahre in der Zeit danach. Zwischen 2005 und 2020 w&auml;chst der Anteil der &uuml;ber 64-J&auml;hrigen in den neuen L&auml;ndern von 21 auf 28 Prozent. Der Anteil der unter 40-J&auml;hrigen dagegen schrumpft von 42 auf 35 Prozent.[16] Der Altersaufbau weicht damit immer st&auml;rker von der klassischen Pyramidenform ab: &#8222;Die j&uuml;ngere und mittlere Altersgruppe verlieren, die &auml;ltere gewinnt an Bedeutung.&#8220;[17] (vgl. Tabelle 4).</p>
<p>Der Schrumpfungsprozess ist keineswegs nur ein quantitatives Ph&auml;nomen. Er beinhaltet auch strukturelle und qualitative Komponenten, so die Verschiebung in den Geschlechterproportionen (M&auml;nner&uuml;berschuss), die Alterung und den R&uuml;ckgang des Bildungs-, Qualifikations- und Kulturniveaus der Residualbev&ouml;lkerung. Unter wirtschaftlichem und sozialem Aspekt wiegen diese Momente noch weit st&auml;rker als der rein quantitative R&uuml;ckgang der Einwohnerzahl.</p>
<p>XXXXXXX Tabelle<br />Tabelle 4: Bev&ouml;lkerungsentwicklung in den neuen Bundesl&auml;ndern nach Altersgruppen</p>
<p>Mit der Wohnbev&ouml;lkerung schrumpft und altert die Erwerbsbev&ouml;lkerung, was erhebliche Auswirkungen auf die Erwerbst&auml;tigkeit und damit auf Wirtschaftswachstum, Produktivit&auml;t, Innovativit&auml;t, Einkommen, Kaufkraft und Verm&ouml;gen hat. Als besonders problematisch erweist sich, dass die Zahl der Personen im erwerbsf&auml;higen Alter, das Erwerbspersonenpotenzial, und die Anzahl der <i>Erwerbst&auml;tigen </i>deutlich st&auml;rker zur&uuml;ckgehen als die Bev&ouml;lkerung insgesamt (vgl. Tabelle 5). Bis 2020 verringert sich das <i>Erwerbspersonenpotenzial </i>voraussichtlich um 20 %, bis 2050 sogar um 43 %. Im Jahr 2050 wird die Zahl der Erwerbspersonen in den neuen L&auml;ndern nur noch knapp vier Millionen betragen. Dies entspricht einem R&uuml;ckgang gegen&uuml;ber 1989 um fast 60 % (Deutsche Bank Research 2004: 40f.).</p>
<p>Tabelle 5: Erwerbst&auml;tige nach L&auml;ndern 1989 bis 2008 in 1000 Personen XXXXXXX Tabelle</p>
<h2 class="auto-created">Unzurei&shy;chende wirtschaft&shy;liche Dynamik </h2>
<p>Bei weitem nicht der einzige, aber doch der wichtigste Indikator f&uuml;r die Leistungsf&auml;higkeit einer Region ist das BIP. Ausschlaggebend f&uuml;r die wirtschaftliche Dynamik ist seine j&auml;hrliche Ver&auml;nderung, die Wachstumsrate. Unterzieht man diese einer komparativen Analyse, so lassen sich f&uuml;r die ostdeutsche Wirtschaftentwicklung bisher drei Phasen konstatieren: Zu Beginn, 1990/91, der Absturz mit zweistelligen negativen Raten, dann, von 1992 bis 1996, die Rekonstruktions- und Aufholphase mit hohen, die Entwicklung in Westdeutschland &uuml;berfl&uuml;gelnden Wachstumsraten und zuletzt, seit 1997, Stagnation mit geringen, in Ost- und West etwa gleich hohen (niedrigen) Zuwachsraten des BIP. Vergleicht man das Wirtschaftswachstum in Ost- und Westdeutschland seit 1990, so weisen die neuen L&auml;nder in zehn Jahren h&ouml;here Raten auf als die alten L&auml;nder und in neun Jahren geringere. Nimmt man Berlin hinzu, so verschlechtert sich die Bilanz f&uuml;r Ostdeutschland. Besser als die Gesamtwirtschaft schneidet das Verarbeitende Gewerbe ab: hier lagen die Wachstumsraten im vergangenen Aufschwung durchschnittlich bei 7,5 Prozent. Im Ergebnis dieser Entwicklung erh&ouml;hte sich das Leistungsniveau der ostdeutschen Wirtschaft in zwanzig Jahren von rund 55 Prozent auf 71 Prozent des westdeutschen Niveaus. Bei Fortschreibung der bisherigen Konvergenzgeschwindigkeit w&uuml;rde die Angleichung der Pro-Kopf-Einkommen in Ost und West &#8222;noch 320 Jahre&#8220; (Beyerle 2008) dauern. Um wirklich aufzuschlie&szlig;en, m&uuml;sste die Wachstumsrate Ost 15 bis 20 Jahre lang mindestens doppelt so hoch sein wie die westdeutsche. Das ist jedoch v&ouml;llig illusorisch, so dass es, n&uuml;chtern betrachtet, &#8222;keine Chance&#8220; f&uuml;r ein Aufholen mehr gibt (Ludwig 2009).</p>
<p>Tabelle 6: J&auml;hrliche Ver&auml;nderung des BIP in Prozent 2004-2009 <br />XXXXXX Tabelle</p>
<p>Die wirtschaftliche Dynamik Ostdeutschlands wird entscheidend vom Wachstum der Arbeitsproduktivit&auml;t bestimmt. 2008 lag das Produktivit&auml;tsniveau der neuen L&auml;nder bei 78,5 Prozent des Westniveaus. Bei Ber&uuml;cksichtigung der h&ouml;heren Arbeitszeiten waren es 75,1 Prozent (Gemeinschaftsprognose 2009: 58). Andere Berechnungen kommen zu &auml;hnlichen Ergebnissen (vgl. Paqu&eacute; 2009: 66). Die Ursachen f&uuml;r den nach wie vor beachtlichen R&uuml;ckstand der neuen L&auml;nder sind vor allem struktureller Natur (vgl. Busch/Mai 2007), aber auch in der geringeren Innovativit&auml;t der neuen L&auml;nder zu suchen. Ein besonders kritisch zu wertendes Faktum ist in diesem Zusammenhang der R&uuml;ckgang des relativen Niveaus der Ausr&uuml;stungsinvestitionen je Einwohner. Dabei hat sich nicht nur die Relation zu Ungunsten Ostdeutschlands verschoben, sondern es stagniert auch der Umfang der eingesetzten Mittel. Und dies ist keineswegs ein Krisenph&auml;nomen, denn selbst im Aufschwung 2004 bis 2007 hat sich die Investitionsl&uuml;cke gegen&uuml;ber den alten L&auml;ndern nicht verringert (vgl. BMVBS 2009: Anhang S. 20f.). Damit haben sich die materiell-technischen Voraussetzungen f&uuml;r den Aufholprozess zuletzt substanziell eher verschlechtert. Hinzu kommt die demografisch bedingte Ausd&uuml;nnung der personellen Ressourcen. Und nicht zuletzt der gegen&uuml;ber Westdeutschland zu verzeichnende R&uuml;ckgang der FuE-Besch&auml;ftigten sowie der FuE-Aufwendungen.[18] F&uuml;r ein forciertes produktivit&auml;tsgest&uuml;tztes Wirtschaftswachstum fehlen damit wichtige personelle und sachliche Voraussetzungen. Es ist daher mehr als fraglich, ob das Erreichen wirtschaftlicher Konvergenz selbst &#8222;zwischen den neuen L&auml;ndern und strukturschwachen westdeutschen L&auml;ndern bis zum Jahr 2019 &#8230; eine absehbare Perspektive&#8220; darstellt, wie im Bericht der Bundesregierung postuliert (BMVBS 2009: 6). Wahrscheinlicher ist eine Fortschreibung des bisherigen Abstandes.</p>
<p>Nach dem Ende der Wirtschaftskrise ist in den neuen L&auml;ndern wie in den alten mit einer wirtschaftlichen Belebung zu rechnen, nicht aber mit einer aufholenden, das westdeutsche Wirtschaftswachstum und Produktivit&auml;tsniveau &uuml;berfl&uuml;gelnden Entwicklung. Daf&uuml;r fehlen die materiellen wie personellen Voraussetzungen. Um den wirtschaftlichen Konvergenzprozess nicht g&auml;nzlich versiegen zu lassen, bedarf es auch weiterhin spezieller F&ouml;rderprogramme f&uuml;r den Osten und besonderer wirtschaftspolitischer Ma&szlig;nahmen. Die Erreichung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse wird aber trotzdem weiter auf sich warten lassen. Sie l&auml;sst sich ohne ein selbst tragendes Wachstum in Ostdeutschland und ohne wirtschaftliche Konvergenz gegen&uuml;ber dem westdeutschen Durchschnitt nicht realisieren. Davon aber ist die ostdeutsche Wirtschaft auch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall weit entfernt.</p>
<p>[1] Es sei hier auf den &#8222;Dreistufenplan&#8220; der deutschen Vereinigung von Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann (BMWi: Tagesnachrichten Nr. 9507 vom 08.02.1990), auf die &Auml;u&szlig;erungen von Bundesbankpr&auml;sident Karl Otto P&ouml;hl, der die Einf&uuml;hrung der D-Mark in der DDR 1990 f&uuml;r eine &#8222;phantastische&#8220;, aber wenig realistische, da &#8222;verfr&uuml;hte Idee&#8220; hielt (Handelsblatt vom 07.02.1990) sowie auf den urspr&uuml;nglichen Plan von Helmut Kohl (Rede vom 17.01.1990, in: Kohl 1990: 177) verwiesen.</p>
<p>[2] Per Saldo erfolgten bis 2005 in Ostdeutschland 850.000 Existenz- und Unternehmensgr&uuml;ndungen (DIW 2009: 14).</p>
<p>[3] So besitzt die ostdeutsche Wirtschaft nach Einsch&auml;tzung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) gute Chancen, der Krise zu trotzen. Sie sei &#8222;krisengest&auml;hlt&#8220; und &#8222;sehr gut aufgestellt&#8220; sagte BDI-Pr&auml;sident Hans-Peter Keitel (Berliner Zeitung, 18.5.2009, S. 10). Durch eine aktuelle Analyse des IWH wird diese Einsch&auml;tzung etwas relativiert (vgl. IWH Presse-Mitteilung 48/2009 v. 6.8.2009).</p>
<p>[4] Vgl. Prognos AG: Chancen und Hindernisse von Auslandsstrategien ostdeutscher Unternehmen. Studie f&uuml;r das BMVBS, 30.06.2009, Berlin.</p>
<p>[5] Vgl. hierzu die Argumentation in: Busch/K&uuml;hn/Steinitz 2009, S. 103ff. sowie die &Uuml;bersichten im Atlas zur Regionalstatistik (2008) und in der Publikation des kirchlichen Herausgeberkreises: Zerrissenes Land (2007).</p>
<p>[6] Vgl. hierzu die umfangreichen Arbeiten von Gerhard Heske aus den Jahren 2005 und 2009.</p>
<p>[7] Dies wurde in der Literatur mehrfach kritisch beleuchtet, zum Beispiel bei Thierse 2001, S. 95.</p>
<p>[8] Die Jahresberichte der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit bieten hierf&uuml;r mannigfaches Demonstrationsmaterial.</p>
<p>[9] Der R&uuml;ckgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage bzw. der Inlandsverwendung seit 2000 in Ostdeutschland ist vor allem dem kr&auml;ftigen R&uuml;ckgang der Investitionst&auml;tigkeit in den Jahren 2001 bis 2005 geschuldet. Aber auch der private und der staatliche Konsum weisen in realer Rechnung in fast allen Jahren seit 2000 eine negative Ver&auml;nderungsrate auf. Im ersten Jahrzehnt nach der Vereinigung dagegen waren beide Positionen kr&auml;ftig angestiegen (vgl. Ludwig et al. 2009: 334).</p>
<p>[10] Neuesten Berechnungen zufolge lag das BIP je Einwohner der DDR 1989 bei 55,5 Prozent des Niveaus der Bundesrepublik, das BIP je Erwerbst&auml;tigen (Arbeitsproduktivit&auml;t) bei 44,7 Prozent. Der Relation der inl&auml;ndischen Verwendung lag etwas h&ouml;her, bei 57,1 Prozent (Heske 2009: 302, 304).</p>
<p>[11] Vgl. hierzu die kritische Auseinandersetzung in: Busch/Land 2006 sowie in der dort zitierten Literatur des Netzwerkes Ostdeutschlandforschung.</p>
<p>[12] Dies stellt sich etwas weniger dramatisch dar, wenn man neben der Binnenwanderung auch die Auslandswanderung in die Betrachtung einbezieht (vgl. IWH/TU Dresden/ifo Institut 2006: 10f.).</p>
<p>[13] Die allgemeine Fertilit&auml;tsrate oder Fruchtbarkeitsziffer gibt die Zahl der lebend geborenen Kinder je 1.000 Frauen im geb&auml;rf&auml;higen Alter als durchschnittliche Kinderzahl je Frau an.</p>
<p>[14] Vgl. Statistisches Bundesamt: <a href="http://www.destatis.de/" target="_blank" rel="noopener">www.destatis.de</a> (Stand: 12.08.2009).</p>
<p>[15] Lag die Zahl der Geburten in den neuen Bundesl&auml;ndern und Berlin-Ost 1989 noch bei 199.000 und 1990 bei 178.000, so sackte sie bis 1992 auf 88.300 ab. In den Folgejahren, bis 1999, wurde dieser Wert kaum mehr &uuml;berschritten. 2007 betrug die Zahl der Lebendgeborenen in Ostdeutschland einschlie&szlig;lich Berlin 131.000. Dem standen jedoch 179.500 Sterbef&auml;lle gegen&uuml;ber, so dass der Saldo weiterhin negativ ist.</p>
<p>[16] Statistische &Auml;mter des Bundes und der L&auml;nder 2007, S. 24.</p>
<p>[17] Vgl. Statistisches Bundesamt 2006: Bev&ouml;lkerung Deutschlands bis 2050, S. 17f.</p>
<p>[18] 2006 waren in Ostdeutschland 10,5 Prozent der Erwerbst&auml;tigen in FuE t&auml;tig, in Westdeutschland dagegen 12,9 Prozent. Der FuE-Aufwand machte in Ostdeutschland 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, in Westdeutschland aber 2,6 Prozent. Ein Drittel der ostdeutschen FuE-Aktivit&auml;ten entfiel zudem auf Berlin, und zwar &uuml;berwiegend auf den Westteil der Stadt. Ostdeutschland verlor gegen&uuml;ber 1989, aber auch gegen&uuml;ber 1995 als FuE-Standort betr&auml;chtlich an Bedeutung (vgl. Eickelpasch 2009: 84f.).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Aumann, B./Scheufele, R. </i>(2009): Is East Germany Catching Up? A Time Series Perspective, IWH Diskussionspapiere Nr. 14, Halle.</p>
<p><i>Bahrmann, H./Links, C.</i> (Hg.) (2005): Am Ziel vorbei. Die deutsche Einheit &#8211; Eine Zwischenbilanz, Berlin.</p>
<p><i>Berlin-Institut f&uuml;r Bev&ouml;lkerung und Entwicklung</i> (2006): Die demografische Lage der Nation. Wie zukunftsf&auml;hig sind Deutschlands Regionen? M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Berlin-Institut f&uuml;r Bev&ouml;lkerung und Entwicklung </i>(2008): Das demografische Krisengebiet Europas. In: Berliner Zeitung, 22.08.</p>
<p><i>Beyerle, H. </i>(2008): Osten in 320 Jahren auf Westniveau, in: Financial Times Deutschland, 19.06.</p>
<p><i>Bundesministerium f&uuml;r Wirtschaft und Technologie</i> (2009): Wirtschaftsdaten neue L&auml;nder, Mai.</p>
<p><i>BMVBS </i>(2009): Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit 2009, Berlin.</p>
<p><i>Busch, U. </i>(2002): Am Tropf. Die ostdeutsche Transfergesellschaft, Berlin.</p>
<p><i>Busch, U. </i>(2007): Berlin &#8211; Weltstadtvisionen und Finanzrestriktionen, in: Utopiekreativ195, S. 20-30.</p>
<p><i>Busch, U./K&uuml;hn, W./Steinitz, K. </i>(2009): Entwicklung und Schrumpfung in Ostdeutschland. Aktuelle Probleme im 20. Jahr der Einheit, Hamburg.</p>
<p><i>Busch, U./Land, R.</i> (Hg.) (2006): Zur Lage in Ostdeutschland, in: Berliner Debatte Initial, 17. Jg., Heft 5, S. 1-96.</p>
<p><i>Busch, U./Mai, K. </i>(2007): Konvergenzbremse Produktivit&auml;t. Ursachen und Folgen zur&uuml;ckbleibender Arbeitsproduktivit&auml;t in Ostdeutschland. In: Berliner Debatte Initial. 18. Jg., Heft 4-5, S. 121-136</p>
<p><i>Deutsche Bank Research </i>(2004): Perspektiven Ostdeutschlands &#8211; 15 Jahre danach. Aktuelle Themen Nr. 306, Frankfurt a. M.</p>
<p><i>Deutsches Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) </i>(2002): Bausteine f&uuml;r die Zukunft Berlins, in: Wochenbericht, 69. Jg., 10, S. 163-180.</p>
<p><i>Deutsches Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) </i>(2009): Die Wirtschaft in Ostdeutschland 20 Jahre nach dem Fall der Mauer &#8211; R&uuml;ckblick, Bestandsaufnahme, Perspektiven, in: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 78. Jg., Heft 2.</p>
<p><i>Eickelpasch, Alexander</i> (2009): Forschung, Entwicklung und Innovation in Ostdeutschland, in: DIW: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 78. Jg., Heft 2, S. 78-109.</p>
<p><i>Goebel, J./Habich, R./Krause, P. </i>(2009): Zur Angleichung von Einkommen und Lebensqualit&auml;t im vereinigten Deutschland, in: DIW: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 78. Jg., Heft 2, S. 122-145.</p>
<p><i>Grass, G. </i>(2009): Ich mache keine Kopfst&auml;nde mehr. Interview, in: Berliner Zeitung 01./02.08..</p>
<p><i>Heske, G.</i> (2005): Bruttoinlandsprodukt, Verbrauch und Erwerbst&auml;tigkeit in Ostdeutschland 1970 &#8211; 2000, in: Historische Sozialforschung. Supplement No. 17, K&ouml;ln 2005.</p>
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<p><i>Kirchlicher Herausgeberkreis</i> (2007): Zerrissenes Land. Perspektiven der deutschen Einheit, Oberursel</p>
<p><i>Kohl, H. </i>(1990): Reden und Erkl&auml;rungen zur Deutschlandpolitik, Bonn.</p>
<p><i>Ludwig, U.</i> (2009): Keine Chance aufzuholen. Interview, in: Berliner Zeitung 04.08.</p>
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<p><i>Ludwig, U. et al. </i>(2009): Ostdeutsche Wirtschaft im Jahr 2009: Aufholen in der Weltfinanzkrise? Rechnerisch scheinbar, in Wirklichkeit nicht!, in: Wirtschaft im Wandel 8, S. 309-343.</p>
<p><i>Paqu&eacute;, K.-H. </i>(2009): Deutschlands West-Ost-Gef&auml;lle der Produktivit&auml;t: Befund, Deutung und Konsequenzen, in: DIW: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 78. Jg., Heft 2, S. 63-77.</p>
<p><i>Platzeck, M.</i> (2009): 1989 &#8211; 2009 &#8211; 2029. 10 Thesen &uuml;ber das neue Ostdeutschland, in: perspektive21, Heft 42, S. 75-88.</p>
<p><i>Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose </i>(2009): Im Sog der Weltrezession. Gemeinschaftsdiagnose Fr&uuml;hjahr, Essen.</p>
<p><i>R&ouml;hl, K.-H./v. Speicher, S.</i> (2009): Ostdeutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall, In: IW-Positionen. Beitr&auml;ge zur Ordnungspolitik aus dem Institut der deutschen Wirtschaft K&ouml;ln Nr. 41, K&ouml;ln.</p>
<p><i>Sch&auml;fer, Claus</i> (2008): Anhaltende Verteilungsdramatik &#8211; WSI-Verteilungsbericht 2008, in: WSI Mitteilungen, 61. Jg., Heft 11/12, S. 587-596.</p>
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<p><i>Statistisches Bundesamt u. a. </i>(<i>Hrsg</i>.) (2008): Datenreport 2008, Bonn.</p>
<p><i>Statistische &Auml;mter des Bundes und der L&auml;nder </i>(2008): Atlas zur Regionalstatistik, Wiesbaden.</p>
<p><i>Statistische &Auml;mter des Bundes und der L&auml;nder</i> (2007): Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 1, Wiesbaden.</p>
<p><i>Thierse, W. </i>(2001): Zukunft Ost. Perspektiven f&uuml;r Ostdeutschland in der Mitte Europas, Berlin.</p>
<p><i>Titze, M.</i> (2007): Strategien der neuen Bundesl&auml;nder im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe &#8222;Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur&#8220; &#8211; ein Vergleich, IWH-Diskussionspapier, Nr. 14, Halle.</p>
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		<title>Schwache Mitte, beharrliches Establishment</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/schwache-mitte-beharrliches-establishment/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Wandel der Sozialstruktur in Ostdeutschland in den letzten fünfzig Jahren aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 37-44 Die DDR ging nicht nur ökonomisch und ideologisch einen ganz anderen Weg als die Bundesrepublik Deutschland. Sie bildete auch eine ganz andere soziale Struktur heraus. Bis heute unterscheiden sich beide deutsche Teilgesellschaften in Ost und West [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Wandel der Sozialstruktur in Ostdeutschland in den letzten fünfzig Jahren</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 37-44</p>
<p>Die DDR ging nicht nur ökonomisch und ideologisch einen ganz anderen Weg als die Bundesrepublik Deutschland. Sie bildete auch eine ganz andere soziale Struktur heraus. Bis heute unterscheiden sich beide deutsche Teilgesellschaften in Ost und West in ihren sozialen Formationen und Schichtungen sowie den damit einhergehenden Orientierungen. Anders als in der Bundesrepublik, wird in der Gründungsphase der DDR nicht versucht, die soziale Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft wiederherzustellen. Die alten Eliten (wie Unternehmer, Bankiers, Richter, hohe Beamte und Offiziere, auch viele Wissenschaftler) werden, soweit sie nicht in den neuen Staatsapparat übernommen werden (wie etwa zahlreiche Mitglieder der Polizei- und Geheimdienste des NS-Regimes) entmachtet, entlassen und enteignet, der Entnazifizierung unterzogen und vertrieben. Außerdem gehen bis zum Bau der Mauer 1961 rund zwei Millionen DDR-Bürger, vorwiegend gut situierter Herkunft, in den Westen.</p>
<p>Die soziale Deklassierung und das Abwandern der alten Eliten führen im Ergebnis zu einer starken Ausdünnung der Oberschicht. In den 1950er und 1960er Jahren werden in der DDR in einer gewaltigen Bildungsanstrengung neue Lehrer, neue Techniker und Wirtschaftsfachleute sowie ein neues Führungskorps in öffentlicher Verwaltung und Sicherheit und von politischen Funktionären herangebildet. Zumindest anfangs kommen diese sozialistischen Bildungsaufsteiger in der Mehrheit aus den Reihen der Facharbeiterinnen und Facharbeiter. Diese frühe Öffnung der Bildungsschleusen und der massenhafte Aufstieg aus der Arbeiterschaft in verantwortliche Positionen verschaffen der DDR im oberen sozialen Raum loyale, Staats- und Parteitreue soziale Lebenswelten: Das sozialistische Establishment entsteht.</p>
<p>Es setzt sich aus drei Gruppen zusammen. Zum einen sind das die Verwalter der Macht (das <i>statusorientierte Milieu</i>), also Partei- und Staatsfunktionäre, die vor allem sozialistisches Recht, Marxismus-Leninismus oder politische Ökonomie studierten. Zum anderen sind das die Leiter der sozialistischen Industrie und Landwirtschaft (das <i>technokratische Milieu</i>), die vornehmlich technische Fächer, Agrarwissenschaft oder Ökonomie studierten. Zum dritten schließlich hat der Staat der DDR großen Bedarf an der Vermittlung von Kultur und Bildung, also an Hochschullehrern, Medizinern und Kulturschaffenden (das <i>humanistische Milieu</i>). Hier finden Menschen Aufstiegsmöglichkeiten, die Pädagogik, Naturwissenschaften oder Kunst- und Kultur studierten.</p>
<p>Das sozialistische Establishment ist eine wesentliche sozialstrukturelle Besonderheit der DDR. Diese breite sozialistische Oberschicht fühlt sich ihrem Staat für den persönlich erlebten sozialen Aufstieg verpflichtet und bleibt dies bis zum Untergang des Sozialismus.</p>
<p>Demgegenüber müssen sich andere Teile der Bevölkerung, d. h. die traditionellen Arbeitermilieus und insbesondere auch die kleinbürgerlichen Lebenswelten, an die politischen Verhältnisse in der DDR ohne vergleichbare Prämien sozialen Aufstiegs anpassen. Das soziale Leben der DDR bleibt allerdings von diesen traditionellen proletarischen und kleinbürgerlichen Lebenskulturen geprägt. Besonders die Arbeitermilieus werden in der DDR ideologisch hofiert und als Ausdruck eines fortschrittlichen Lebens- und Gesellschaftsentwurfs konserviert. Wolfgang Engler nennt die DDR deshalb auch eine &#8222;arbeiterliche&#8220; Gesellschaft&#8220;.[1]</p>
<p>Schematisch lassen sich die sozialstrukturellen Verhältnisse in der frühen DDR so abbilden:</p>
<h2 class="auto-created">DDR 1960 (H&ouml;hepunkt der Bildungs&shy;re&shy;vo&shy;lu&shy;tion)</h2>
<p>XXXXXX Grafik</p>
<p>Nach dem Ende der sozialistischen Bildungsrevolution in der Mitte der 1960er Jahre rekrutiert sich das sozialistische Establishment fast nur noch aus sich selbst heraus. In den späten Jahren der DDR legt es sich wie eine Bleiplatte über die traditionellen Lebenswelten. Weiterer massenhafter Aufstieg wird blockiert. Die soziale Mobilität der sozialistischen Gesellschaft geht in den 1970er und 1980er Jahren stark zurück. Die hofierten traditionellen Arbeiterlebenswelten bestimmen den offiziellen Arbeitsrhythmus und die Lebenskultur im kleinen Deutschland.</p>
<p>Dennoch entwickeln sich seit den 1970er Jahren auch in der DDR moderne Lebenswelten. Mit dem Wertewandel der siebziger Jahre, der Kulturalisierung der Lebensstile und vor dem Hintergrund der &#8222;Nischengesellschaft&#8220; (Gauss), bilden sich auch in der DDR neue Szenen und Milieus heraus, die wegen ihrer subkulturellen, autonomen und auch oppositionellen Intentionen nicht mehr staatstragende Sozialwelten darstellen. Zuerst sind hier die hedonistischen Arbeiter (das hedonistische Milieu) zu nennen. Diese modernisierten, freizeit- und konsumorientierten jüngeren Arbeiter sind ironischerweise die Ziehkinder der Honeckerschen Sozialpolitik und der Förderung junger Arbeiterfamilien in der DDR. Meist beschäftigt auf den Modernisierungsinseln der DDR-Industrie, haben sie von ihren traditionellen Eltern durchaus das Arbeitsethos und die Arbeitsdisziplin übernommen, orientieren sich in ihren Lebensstilen aber zunehmend an den Konsum- und Freizeitkulturen der westlichen Welt. Für sie bietet die DDR kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Die Vertreter dieses Milieus stellen deshalb den Kern der Antragsteller auf Ausreise aus der DDR: Es sind dies vorwiegend männliche, jüngere (im Schnitt 27 Jahre), gut ausgebildete Facharbeiter. Dieses Milieu wird bis in die Transformationsetappe hinein durch Ausreise stark dezimiert, kann sich aber durch die Rettung und Modernisierung industrieller Kerne in Ostdeutschland stabilisieren.</p>
<p>Zu den neuen Milieus zählt auch das linksalternative Milieu. Es ist die Lebenswelt vieler Vertreter der Bürgerbewegungen der DDR. Meist unter dem Dach der Kirche versuchen hier junge Leute ein alternatives Establishment in der DDR zu etablieren, intellektuellen und lebensweltlichen Einfluss zu gewinnen und die erstarrten Sozialverhältnisse aufzubrechen. Auch die jugendlichen (Musik-)Szenen, die sich in den achtziger Jahren in der DDR zu eigenen Lebenswelten verdichten, beanspruchen Autonomie. Sie wollen unabhängig von staatlicher und politischer Bevormundung ihre Szenen und Musikkulturen etablieren und schaffen sich Nischen ganz neuer Art in der DDR. Nicht Rückzug und Abschottung, sondern Anschluss an die internationale Kulturszene stehen hier auf der Tagesordnung.</p>
<p>Bildhaft kann man sich also die soziale Kernstruktur der späten DDR als eine vom sozialistischen Establishment überwölbte traditionelle gesellschaftliche Schichtung vorstellen, an deren lebensweltlichen Rand modernisierte Milieus und Subkulturen von jungen Facharbeitern und alternativen Intellektuellen entstanden sind.</p>
<h2 class="auto-created">DDR 1989 (Ende der DDR) </h2>
<p>XXXXXXX Grafik</p>
<p>Die Akteure der friedlichen Revolution von 1989/90 kommen nun im Wesentlichen aus den blockierten, neuen sozialen Milieus, die sich in den letzten 20 Jahren der DDR herausgebildet haben. Das &#8222;hedonistische&#8220; &#8211; was meint: genussorientierte, nicht auf Askese ausgerichtete &#8211; Arbeitermilieu stellt den größten Anteil an Antragstellern auf Ausreise aus der DDR, und das linksalternative Milieu ist das Rekrutierungsmilieu der Bürgerrechtler. Aber auch in den traditionellen sozialen Lagen der Arbeiter und Angestellten wird in den 1980er Jahren mit dem sichtbaren Niedergang der Industrie und der Städte das Arrangement mit dem System vielfach aufgekündigt und selbst im sozialistischen Establishment melden sich jetzt Reformer.</p>
<p>Die friedliche Revolution leitete in der DDR einen raschen sozialstrukturellen Wandel ein. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre ist die soziale Mobilität in Ostdeutschland außerordentlich hoch. Über Jahre hinweg werden im Zwölfmonatsschritt mehr als die Hälfte aller sozialen Positionen (Arbeitsstellen und Berufspositionen) gewechselt. Für die große Mehrheit bedeutet dies eher einen sozialen Abstieg, nämlich den Verlust beruflicher Stellungen bzw. des Arbeitsplatzes. 1993 zum Beispiel stehen 23 Prozent Aufstiege 77 Prozent Abstiegen gegenüber.[2]</p>
<p>Von den Abstiegen sind vor allem die traditionellen sozialen Formationen der Arbeiter und Angestellten betroffen. Die industrielle Basis des traditionellen Arbeitermilieus, des größten Sozialmilieus Ostdeutschlands, bricht ein. Zwar verfügen Menschen in traditionellen Lebensverhältnissen über beträchtliche soziale Ressourcen und Netzwerke, um die strukturellen Abstiege zu verarbeiten, aber &#8222;Nachwuchs&#8220; gab es für Facharbeitermilieus nicht. Die in den Industriegebieten üblichen &#8222;Facharbeiterdynastien&#8220;, in denen über Generationen hinweg zum Beispiel bestimmte Metallberufe an die Kinder weitergegeben werden, zerbrechen. Auf diese Weise schrumpfen die traditionellen Milieus im Verlauf der Transformation bis zum Jahr 2000 um die Hälfte.[3]</p>
<p>Auch die historisch langlebigste und stabilste der deutschen Lebenswelten, das kleinbürgerliche Milieu, schrumpft. Allerdings kommt es hier auch zu gegenläufigen Tendenzen einer Stabilisierung, weil sich nun ein selbständiger ostdeutscher Mittelstand neu bildet. Ebenso aber wächst ein Sozialmilieu, das in der Sozialforschung als &#8222;das traditionslose Arbeitermilieu&#8220; umschrieben wird. Gemeinsam mit dem hedonistischen Milieu bildet dieses eine immer größer werdende Unterschicht, die heute fast ein Viertel der ostdeutschen Bevölkerung umfasst. Diese ostdeutsche Unterschicht richtet sich stärker auf moderne Jobmentalitäten aus.</p>
<p>Entgegen manchen politischen Erwartungen und öffentlichen Selbstdarstellungen besteht das sozialistische Establishment hingegen im Transformationsprozess seine erste historische Bewährungsprobe bemerkenswert gut. In der Mehrheit finden die ihm Angehörenden im modernen Dienstleistungssektor neue, gut bezahlte Anstellungen.</p>
<p>Die Vertreter des alten technokratischen Milieus sind bei der Abwicklung der DDR- Industrien und für die Neuordnung der Wirtschaft gefragte Akteure. Der größte Teil der in Ostdeutschland in dieser Zeit im Durchschnitt fünfzigjährigen Existenzgründer kommt aus dem technokratischen Milieu. Hier hängen Abstiege vor allem mit politischer Ausgrenzung (etwa Stasi-Mitarbeit) oder mit dem Alter (Vorruhestand) zusammen. Ansonsten gibt es in diesem Milieu viele Aufstiege. Das technokratische Milieu geht durch diese Etablierung allmählich im Statusmilieu und im modernen bürgerlichen Milieu auf. Im statusorientierten Milieu werden in der Anfangsphase der Transformation viele als &#8222;Wendehälse&#8220; abgestempelt, weil sie aus sozialistischen Staatsfunktionen massenhaft in kapitalistische Dienstleistungsfunktionen abwandern.</p>
<p>In der DDR saßen viele junge, anpassungsbereite und aufstiegsorientierte Menschen in den wenigen Schleusen, die diese erstarrte Gesellschaft für einen schnellen Aufstieg bereit stellte: im Bereich Marxismus-Leninismus, in politischen Ämtern und Funktionen des DDR-Staates, in der Armee und bei der Staatssicherheit, im Leistungssport oder in einigen ingenieurtechnischen Bereichen. Nach der Wende gehören sie zu den ersten, die freigesetzt den neu entstehenden Arbeitsmarkt erobern können.</p>
<p>Trotz aller angebrachten politischen und moralischen Vorbehalte: Es sind diese alten Fachkader der DDR, welche die entsprechenden Voraussetzungen und Qualifikationen für den Aufbau neuer Verwaltungen, Banken und Versicherungen mitbringen. Die &#8222;good jobs&#8220; im neu auf- und ausgebauten Dienstleistungsbereich gehen deshalb in großer Zahl an die Vertreter des ehemaligen DDR-Establishments.</p>
<p>Im sozialistischen Bildungsbürgertum, dem so genannten humanistischen Milieu, treten wiederum die größten Anpassungsschwierigkeiten und -konflikte auf. Das rührt zum Teil daher, dass diese Menschen ihren Bildungsaufstieg und ihre vormals privilegierte gesellschaftliche Stellung ideell und biographisch eng an das Ethos einer sozialistischen Gesellschaftsutopie gebunden sehen. Das milieuspezifische Dilemma lässt sich so beschreiben: Einerseits verhilft nun die Transformation den bildungsbewussten Vertretern klassischer Bereiche der Medizin, Kunst oder Kultur zu einer sozialen Aufwertung. Die gegenüber den Arbeitern nun deutlich erhöhten Einkommen der Akademiker erlauben es den Vertretern dieses spezifisch ostdeutschen Bildungsmilieus, sich &#8222;nach unten&#8220; deutlicher abzugrenzen. Andererseits treten besonders im Hochschul- und Rechtsbereich westdeutsche Eliten als Konkurrenten um höhere berufliche Positionen auf. Hinzu kommt die Erfahrung, dass die sozialistische Gesellschaftsidee entwertet wird. Im humanistischen Milieu Ostdeutschlands bilden sich hinfort zwei Pole heraus: hier die in der Elitenkonkurrenz meist unterlegenen, beruflich nicht fest etablierten Intellektuellen, die an ihrem aufklärerischen und sozialistischen Ethos als Integrationsideologie festhalten. Sie bilden die &#8222;DDR-verwurzelte Fraktion des Milieus&#8220;[4]. Die Partei &#8222;Die Linke&#8220; stellt für diese Altbestände des sozialistischen Establishments eine Art &#8222;Milieupartei&#8220; dar. Im anderen, etablierteren Pol des Milieus, stabilisieren sich die Lebenswelten neu. Dort setzt sich die schon in der DDR in den achtziger Jahren spürbar gewordene &#8222;Verbürgerlichung&#8220; verstärkt fort.</p>
<p>Für die modernen, in der DDR wenig integrierten Sozialmilieus der hedonistischen Arbeiter und Subkulturen öffnen sich in der Phase des Systemwechsels breite Entfaltungsspielräume. Die hedonistischen Arbeiter, meist beschäftigt in den Industriekernen des Ostens, finden in der offenen Konsum- und Medienwelt neue Ufer. Sie verschmelzen mit den jugendlichen (Musik)Szenen und Jugendkulturen zum hedonistischen Milieu, das man in ähnlicher Ausprägung inzwischen in jeder mitteleuropäischen Gesellschaft antreffen kann. An diesem Pol des modernen sozialen Raumes gibt es inzwischen kaum mehr ostdeutsche Besonderheiten. Hier finden wir allerdings auch viele prekäre soziale Lagen.</p>
<p>Im linksalternativen Milieu (der Lebenswelt vieler Vertreter der Bürgerbewegungen der DDR) erzeugen die neuen Möglichkeiten der Demokratie ein Auffächern der Orientierungen und entsprechende Gegensätze. Die Mehrheit etabliert sich und wächst langsam aus dem einstmals staats-oppositionellen Milieu heraus und in eher technokratische oder liberal-bürgerliche Lebensweisen und Lebensvorstellungen hinein. An ihrem vormals alternativen Lebensstil halten vergleichsweise Wenige fest.</p>
<p>Schaut man nun insgesamt auf die sich im Ergebnis der Transformation herausgebildeten sozialen Strukturen in Ostdeutschland, so ergibt sich folgendes Bild:</p>
<h2 class="auto-created">Ostdeut&shy;sch&shy;land 2000 (nach der Trans&shy;for&shy;ma&shy;tion) </h2>
<p>XXXXXX Grafik</p>
<p>Der soziale Raum in Ostdeutschland zeigt eine deutliche horizontale Spaltung zwischen den traditionellen und den modernen Lebenswelten. In der sozialen Mitte des Ostens gibt es noch keinen integrierten Mainstream, der die Traditionalisten mit den Modernen verbindet. Auch das ehemalige sozialistische Establishment zerfällt in zwei Lager, die an traditionellen Werten orientierten Bildungsbürger und die liberal und effizienzorientierten Angehörigen des Statusmilieus. Zwar sind die traditionellen Lebenswelten von 58 auf 39 Prozent Anteil an der Bevölkerung geschrumpft, doch stellen sie noch immer Sozialverhältnisse dar, die wenige Berührungen mit den modernen Milieus und Jugendkulturen haben und die vor allem durch die Bearbeitung von Abstiegsprozessen und Statusverlusten geprägt sind. Demgegenüber steht eine moderne Mitte, die in Ostdeutschland ein knappes Drittel der Bevölkerung umfasst.</p>
<p>Auch in Ostdeutschland kommt es zur Bildung neuer, vor allem hedonistisch-orientierter Milieus. Die neuen und jungen sozialen Gruppen setzen sich aus Söhnen und Töchtern der gesellschaftlichen Mitte zusammen. Zur Übernahme gemeinschaftsbezogener Pflichtnormen und zum Konsumaufschub sind sie nur bedingt bereit. Dies ist ein soziales Merkmal aller westlichen Gesellschaften.</p>
<h2 class="auto-created">Fazit </h2>
<p>Nach der friedlichen Revolution ist die erstarrte DDR-Gesellschaft stark in Bewegung geraten. Das Hauptergebnis könnte man als eine rasche Modernisierung sozialer Strukturen in Ostdeutschland bezeichnen: die traditionellen Lebenswelten verkleinern sich, sie schmelzen auf die Hälfte ihre Größe von 1989 zusammen. Eine moderne Mitte entsteht auch in Ostdeutschland, die gleichwohl noch schwach ist. Im oberen sozialen Raum können sich die Vertreter des ehemaligen sozialistischen Establishments im Wesentlichen halten. Die friedliche Revolution war eine politische Revolution, keine soziale Umwälzung. Im Osten ist oben oben, Mitte Mitte und unten unten geblieben.</p>
<p>Für das soziale Klima, die Mentalitäten des Ostens haben diese sozialen Wandlungsprozesse ebenfalls Auswirkungen. Denn bisher bestimmen die milieuspezifischen Abwehr- und Etablierungskämpfe des humanistischen Milieus den Diskurs über Ostdeutschland. Das liegt natürlich daran, dass sich die harten sozialen Problemlagen der Gesellschaft in den traditionellen Milieus konzentrieren. Hier treffen wir auch verstärkt Verteidigungsstrategien an, die auch im humanistischen Milieu genutzt werden: eine Kultivierung des Unmuts, des Klagens und des Distanzierens. Dem Statusmilieu hingegen gelingt es kaum, Meinungsführerschaft zu erlangen. Überhaupt konnte die schwache moderne Mitte noch nicht zur sozialen Kernstruktur Ostdeutschlands werden. Strukturell gesehen ist der Osten Deutschlands noch nicht in der modernen Mittelschichtgesellschaft angekommen und es deutet vieles darauf hin, dass der Osten diese &#8222;Mittelschichtphase&#8220; der Gesellschaftsstruktur nicht vollständig ausbilden wird.</p>
<p>Es gibt aber noch ein anderes bemerkenswertes Ergebnis des Strukturwandels: die Entstehung neuer, starker postmoderner Milieus und Lebenswelten in Ostdeutschland. Diese Lebenskulturen pflegen Strategien kulturellen Genießens und beruflichen Durchwurstelns. Sie machen gewissermaßen aus der Krise eine Tugend. Hier entstehen Lebenserfahrungen und Patchwork Strategien, mit denen das Überleben und vor allem der Lebensgenuss unter schwierigen Sicherungs- und Etablierungsmöglichkeiten geprobt werden. Es ist zu erwarten, dass aus diesen Lebenswelten demnächst auch einmal ganz neue ostdeutsche Töne zu hören sein werden.</p>
<p>[1] Wolfgang Engler (1999): Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin.</p>
<p>[2] Die Zahlen stammen aus dem DFG-Projekt &#8222;Ostdeutschland: Soziallagen im Umbruch&#8220; von Frank Adler und Albrecht Kretzschmar. Siehe ihr Paper auf der Arbeitstagung der Gruppe Arbeitsmarkt/Sozialstruktur in Bremen am 01.12.1994. Die Zahlen wurden durch die aktuelle Sozialberichterstattung ergänzt. Vergleiche auch Thomas Buhlmann (1996): Sozialstruktureller Wandel. In: Zapf/Habich (Hg.)(1996): Wohlfahrtsentwicklung im vereinten Deutschland. Berlin, S. 25-49.</p>
<p>[3] Siehe dazu: Hofmann/Rink (1993): Die Auflösung der ostdeutschen Arbeitermilieus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 26-27/1993.</p>
<p>[4] Siehe dazu die unter maßgeblicher Beteiligung des Sinus-Institutes entstandene Studie &#8222;Out fit 4&#8220;, hrsg. vom Spiegel Verlag Rudolf Augstein GmbH, Hamburg 1998.</p>
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		<title>Zwanzig Jahre friedliche Revolution</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/zwanzig-jahre-friedliche-revolution/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 18:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wende und Wandel in der Wahrnehmung der Ostdeutschen* aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 45-56 Die zunehmende Zahl von Bürgern, welche ab September 1989 an den Demonstrationen in Leipzig und anderen Städten teilnahmen, die wachsende Welle von Zuflucht Suchenden in Botschaften der Bundesrepublik, das rasche Erstarken demokratischer Bewegungen und schließlich die Grenzöffnung als äußerer [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wende und Wandel in der Wahrnehmung der Ostdeutschen*</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 45-56</p>
<p>Die zunehmende Zahl von Bürgern, welche ab September 1989 an den Demonstrationen in Leipzig und anderen Städten teilnahmen, die wachsende Welle von Zuflucht Suchenden in Botschaften der Bundesrepublik, das rasche Erstarken demokratischer Bewegungen und schließlich die Grenzöffnung als äußerer Anlass für den Prozess eines friedlichen Widerstandes gegen ein diskreditiertes System &#8211; all das leitete im Osten Deutschlands eine Periode des demokratischen Aufbruchs ein, der erfolgreich und visionär war. Die friedliche Revolution mit ihrer Gewaltlosigkeit, mit ihren Runden Tischen auf allen Ebenen und ihrer Streitkultur ist und bleibt eine Sternstunde der Demokratie und des bürgerschaftlichen Engagements auf deutschem Boden. Mit dem Herbst 1989 begann eine Zeit, in der in der DDR in einem bis dahin nicht bekannten und später auch nicht wiederkehrenden Maße von vielen Bürgern unterschiedlichster sozialer Gruppen Interessen artikuliert und auf demokratischem Wege eingebracht wurden, in der sich Erwartungshaltungen auf progressive Reformen und Veränderungen herausbildeten, die wenig später kaum noch Beachtung fanden.</p>
<p>Inzwischen gibt es nicht nur eine mehrere Tausend Bücher und Studien umfassende Literatur zur friedlichen Revolution bzw. zum Vereinigungsprozess, sondern auch zur Entwicklung der Ostdeutschen, ihren Lebensbedingungen und -verhältnissen, zu den von ihnen vorgenommenen Wertungen und zur Bewertung ihrer Wertungen. Die Anzahl erfasster wissenschaftlicher empirischer Erhebungen, die sich u. a. mit den neuen Bundesländern befassen, liegt bei rd. 1.500 seit 1990 (GESIS).</p>
<p>Immer deutlicher wird, dass der demografische Wandel auch die Zahl jener Bürger begrenzt, welche Aussagen zur Zeit vor, während und nach dem Herbst 1989 aus eigenem Erleben vornehmen und Entwicklungen beurteilen können. Die Zeitzeugen werden immer weniger, da inzwischen eine Generation verstorben ist (3 Mio.), eine Generation, welche nie in der DDR gelebt hat, nachrückte (1,8 Mio.) und Millionen durch Ab- und Zuwanderung (2,7 Mill./1,6 Mio.) einen teilweisen Bevölkerungsaustausch vollzogen haben. Daraus folgt, dass nur noch rd. 60 Prozent der in den neuen Ländern Lebenden zu der Zeit vor und während des Herbstes 1989 Aussagen aufgrund eigenen Erlebens machen können. Acht von zehn der Jüngeren übernehmen bei Wertungen zum Leben im Osten vor 1989 vor allem die Auffassungen ihrer Eltern. Die Generationen, welche weitgehend die friedliche Revolution trugen, haben inzwischen das Renten- bzw. Vorrentenalter erreicht.</p>
<p>Vergleicht man Befunde der vergangenen 20 Jahre, so ist besonders hervorzuheben:[1]</p>
<p><b>Erstens</b>: Die friedliche Revolution und die damit ermöglichte Vereinigung Deutschlands sind das Ergebnis der umfassendsten demokratischen Aktivitäten in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Der Herbst 1989 war durch das Handeln Millionen Ostdeutscher geprägt &#8211; ohne die Rolle von Einzelpersonen in Ost und West und der sich befreienden Länder des Ostblocks dabei zu leugnen &#8211; und belegt bis in die Gegenwart die Wirksamkeit des gemeinsamen demokratisch-freiheitlichen Handelns Vieler.</p>
<p>Rd. 40 Prozent der heute ab 35-jährigen Ostdeutschen nahmen 1989 persönlich an Demonstrationen, betrieblichen sowie örtlichen Protestveranstaltungen und Aktivitäten teil und erzwangen den Mauerfall und eine friedliche Neugestaltung. Insbesondere Bürger mit abgeschlossener beruflicher Bildung und die städtische Bevölkerung waren Träger der Aktivitäten. Nur 12 Prozent der ab 35-Jährigen geben heute an, seinerzeit gegen Aktivitäten genannter Art gewesen zu sein.</p>
<p>Die mit der friedlichen Revolution bewirkten Veränderungen sind vielseitig und fast alle Lebensbereiche der Menschen erfassend. So richtig die Aussage ist, dass sich seitdem das Leben, die Lebensqualität der Menschen verbessert haben, so richtig ist auch, dass es Bereiche gibt, in denen &#8211; und das keineswegs nur für Einzelne &#8211; Verschlechterungen eingetreten sind.</p>
<p>Die Fakten, die reale positive Veränderungen zum Ausdruck bringen, sind unumstritten. Aber es stehen sich nach wie vor Darstellungen gegenüber, die einerseits alles was bis 1989 geschah nur unter dem Blickwinkel ausgeübten Unrechts darstellen, während andererseits sich die Mehrheit der Bürger auf den gelebten Alltag mit seinen persönlichen Unvergesslichkeiten und nur z. T. auf Begrenzungen konzentriert.</p>
<p>Die Bewertungen sozialer Entwicklungen in den neuen Bundesländern seitens deren Bürger für den Zeitraum 1990 bis 2009 weisen im Wesentlichen vier unterschiedliche &#8211; jedoch im Verlauf fast deckungsgleiche &#8211; Phasen auf [2]:</p>
<ul>
<li>Unmittelbar nach 1990 bis 1995 starker Zugewinn an allgemeiner Lebenszufriedenheit, steigende Hoffnungen und zunehmende positive Bewertung der individuellen wirtschaftlichen Lage beruhend auf den raschen, spürbaren Veränderungen des täglichen Lebens. Arbeitslosigkeit und noch nicht erreichte völlige Angleichung der Lebensverhältnisse werden als kurzzeitig zu überwindende &#8222;Nebenwirkungen des Vereinigungsprozesses&#8220; betrachtet (Angleichungsphase). </li>
<li>Relative Stabilisierung der sozialen Entwicklungen und der erfolgten Bewertungen bis 2000 auf dem 1995 erreichten Niveau bei damit verbundenen sinkenden Hoffnungen auf rasche Angleichung. Negative soziale Entwicklungen, wie z. B. die Arbeitslosigkeit, werden inzwischen zunehmend als &#8222;individuelles Versagen&#8220; und nicht als systembedingt erfasst (Stabilisierungsphase).</li>
<li>Im Zuge des von der rot-grünen Regierungskoalition in Gang gesetzten Reformwerkes (Agenda 2010, Gesundheits-, Renten-, Arbeitsmarktreformen) &#8211; von dem fast jeden Bürger betroffen ist &#8211; sowie der Euro-Umstellung erfolgte zwischen 2000 und 2003 eine rasche Abnahme sozialer Zufriedenheit gepaart mit steigenden Befürchtungen bezogen auf die Zukunft (Abschwungphase). </li>
<li>Nach 2003 folgen wechselnde, jeweils gering zunehmende bzw. abnehmende Bewertungen sozialer Entwicklungen mit einem insgesamt stagnierenden, zum Teil vorhandene Ungleichheiten erweiternden Angleichungsprozess (Stagnationsphase). </li>
</ul>
<p>XXXXXXX Grafik</p>
<p>Insgesamt sind 2009[3]</p>
<ul>
<li>44 Prozent der Bürger der neuen Bundesländer (inkl. Berlin-Ost) mit ihrem Leben alles in allem zufrieden, 38 % teilweise zufrieden, 17 Prozent sind unzufrieden. </li>
<li>32 Prozent bewerten ihre wirtschaftlichen Situation mit gut, 44 Prozent mit sowohl als auch und 25 Prozent mit schlecht; über die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass es ihnen in fünf Jahren noch schlechter gehen wird. </li>
<li>In Bezug auf die weitere Entwicklung haben 10 Prozent vor allem Hoffnungen und 31 Prozent Befürchtungen, 54 Prozent haben sowohl Hoffnungen als auch Befürchtungen. Es wurde in den letzten Jahren ein Klima der Zukunftsverunsicherung erzeugt, welches nicht zuletzt auch die weitere soziale Integration der Ostdeutschen in die Gesellschaft behindert. </li>
</ul>
<p><b>Zweitens</b>: Die Deutsche Einheit hat für alle Bürger in den neuen Bundesländern Zugewinne &#8211; wenn auch in unterschiedlichem Maße und unterschiedlichen Bereichen &#8211; gebracht, aber auch neue soziale Gruppen geschaffen (Arbeitslose/von Armut Betroffene), für welche sich vor allem Verluste mit der deutschen Vereinigung verbinden. Vielen Menschen in den neuen Bundesländern fehlt inzwischen der Glaube an das Erreichen gleichwertiger Lebensverhältnisse nicht eng bezogen auf Einkommens- und Vermögensentwicklungen, sondern bezogen auf Chancengleichheit in Bildung und Ausbildung, auf dem Arbeitsmarkt, beim Zugang zu Kultur und gesundheitlicher Vorsorge und Betreuung sowie beim bürgerschaftlichen Engagement und Mitbestimmung.</p>
<p>An Stelle der DDR-Mangelwirtschaft, in der erzieltes Einkommen nicht in gewünschte Erzeugnisse umgesetzt werden konnte, ist inzwischen ein kaum überschaubares Angebot an Waren und Leistungen getreten. Man kann inzwischen alles kaufen, wer viel Geld hat, kann nicht nur mehr kaufen, sondern auch gesünder und kulturvoller leben. Die Qualität des Lebens ist Einkommens- und Vermögensabhängiger geworden.</p>
<p>Als 1990 im Ergebnis des Herbstes 1989 die Angleichung der Lebensverhältnisse bis 1996 im Einigungsvertrag fixiert wurde, ging sicher kaum jemand davon aus, dass 2009 im Koalitionsvertrag erneut vereinbart werden würde, &#8222;an der Zielstellung festzuhalten, die Lebensverhältnisse in Deutschland bis 2019 bundesweit weitgehend anzugleichen&#8220;[4] (was auch immer &#8222;weitgehend&#8220; heißen mag).</p>
<p>Bereits im Oktober 1994 wurde im Grundgesetz bezüglich des Gesetzgebungsrechtes des Bundes die Orientierung auf &#8222;Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse&#8220; in &#8222;Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse&#8220; geändert[5]. Das Angleichungsniveau der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse wurde 2009 qualitativ verändert, indem festgestellt wurde, dass es ein Erfolg wäre, &#8222;bis zum Jahr 2019 die ostdeutschen Länder auch wirtschaftlich an die strukturschwächeren westdeutschen Länder heranzuführen&#8220;[6], d. h. die Angleichung ist dann erreicht, wenn das beste neue Bundesland das unterste Level eines der alten Bundesländer erreicht hat.</p>
<p>Von den Ostdeutschen sehen im Jahr 2009 nur fünf Prozent keine und 14 Prozent nur noch geringe Unterschiede zwischen Ost und West, während 53 Prozent noch große Unterschiede erkennen, für 8 Prozent werden diese größer bzw. für 21 Prozent auch in 50 Jahren noch nicht überwunden sein. Insofern reflektieren die Auffassungen der Bürger Realitäten und offizielle Verlautbarungen. Positivere Wertungen &#8211; im Sinne von keine/geringe Unterschiede &#8211; geben vor allem Jüngere (27 Prozent), Hochschulabsolventen (22 Prozent) und höhere Einkommensbezieher (32 Prozent) ab. 50-bis 60Jährige sehen eher zunehmende bzw. unüberwindbare Unterschiede (34 Prozent) ebenso wie Arbeitslose (51 Prozent).</p>
<p>Wenn es 1989/1990 z. T. auch illusionäre Erwartungen an die weitere Entwicklung gab, die von der Politik auch genährt wurden (&#8222;blühende Landschaften&#8220;), so wurden die ursprünglich vorhandenen Vorstellungen zur weiteren Entwicklung in vielen Bereichen erreicht, teilweise überboten. Mit &#8222;besser als 1989/90 erwartet&#8220; finden vor allem das erreichte Waren-und Dienstleistungsangebot Anerkennung (72 Prozent), ebenso wie veränderte Wohnverhältnisse und -bedingungen (62 Prozent), die Gestaltung freiheitlich-demokratischer Verhältnisse (56 Prozent) sowie neuer Freiheiten in Bezug auf Reisen (61 Prozent) und eine selbstbestimmte Lebensgestaltung (52 Prozent). Mit &#8222;schlechter als erwartet&#8220; werden die Einkommensentwicklung (41 Prozent), das Gesundheitswesen (44 Prozent), soziale Sicherheit und Gerechtigkeit (51 Prozent) sowie die Angleichung der Lebensverhältnisse generell (54 Prozent) bewertet.</p>
<p>Ostdeutsche sehen sich, bezogen auf den Zeitraum seit 1990, insgesamt als Gewinner (38 Prozent) und weniger als Verlierer (23 Prozent) bzw. stellen für sich sowohl Gewinne als auch Verluste fest (30 Prozent). Letztlich belegen detailliertere Untersuchungen, dass jeder Bürger der neuen Bundesländer Gewinne und Verluste hat, sich diese jedoch naturgemäß beim Einzelnen unterschiedlich proportionieren. Die spürbare Anhebung des Lebensniveaus ist verbunden mit zunehmender Differenzierung in den Lebenslagen. Soziale Polarisierungen führten zur Herausbildung neuer, bisher in den neuen Bundesländern unbekannter &#8222;Großgruppen&#8220;, die der besonderen Unterstützung und Hilfe bedürfen, weil durch sinkende bzw. stagnierende Einkommen eine zunehmende Erhöhung des Armutspotenzials zu beobachten ist.</p>
<p>Die einzelnen Sichten auf den Angleichungsprozess mögen unterschiedlich sein bzw. jeweils nur einen einzelnen Bereich betreffen, generell ist jedoch hervorzuheben, dass es insgesamt darum geht, keine pauschale &#8222;Angleichung&#8220; zu fordern oder zu erwarten. Es wird immer offensichtlicher, dass es differenzierterer Strategien bedarf, um Richtung, Zeitpunkt und Wege zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse festzulegen bzw. um existente Unterschiede auch als &#8222;normal&#8220; anzuerkennen. Pauschal zu fordern: Ost muss werden wie West ist kein Programm.</p>
<p>Das nachfolgende Tableau ist der Versuch,[7] die erreichten Ergebnisse &#8211; soweit möglich gemessen am Ausgangspunkt 1989 &#8211; aber auch deren Differenziertheit in den verschiedensten Lebensbereichen darzustellen. Dabei ist hervorzuheben, dass hinter geringen &#8222;Angleichungsquoten&#8220; z. T. ein enormer Gewinn an Lebensqualität steht &#8211; so z. B. in der Lebenserwartung, welche in den neuen Bundesländern um 5 Jahre gestiegen ist, obwohl sich die Angleichungsquote nur gering veränderte.</p>
<p>Das Tableau kann im Einzelnen durchgegangen werden und belegt, dass jeder Indikator einer eigenen Interpretation bedarf. Daraus folgt aber auch, dass es differenzierender Festlegungen über den weiteren Integrationsprozess bedarf. Insofern ist denen zuzustimmen, die sich für einen Rahmenplan der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse aussprechen. Noch nicht erreichte Angleichung wird mehrheitlich nicht mit allgemeiner Unzufriedenheit oder &#8222;Ostalgie&#8220; oder &#8222;ostdeutscher Lamorianz&#8220; verbunden, sondern mit empfundenen Begrenzungen von Möglichkeiten für Viele, eine Verbesserung der Lebensverhältnisse durch eigenes Handeln erreichen zu können. Entweder weil Arbeit fehlt und damit die Voraussetzung für ein der eigenen Leistung entsprechendes Einkommen oder weil &#8211; z.B. bei Senioren und künftigen Rentnern &#8211; eine fehlende hinreichende Alterssicherung nicht mehr rückwirkend erreicht werden kann.</p>
<p><i>Tabelle Angleichung der Lebensverhältnisse[8</i>]<br />XXXXXX Tabelle</p>
<p><b>Drittens </b>hat seit 1989 auch eine Positionsprüfung in Bezug auf Demokratie und demokratisches Verhalten stattgefunden. Der Herbst 1989 war eine Sternstunde der Demokratie mit hoher Mitwirkung und Interessenartikulation. Inzwischen gewinnt der Widerspruch zwischen Demokratie als Wert und Demokratierealisierung ein zunehmendes Gewicht.</p>
<p>Nach wie vor hat Demokratie einen hohen Stellenwert: 67 Prozent der Bürger der neuen Länder halten sie für sehr wichtig/wichtig und 10 Prozent für weniger bzw. unwichtig. Aber nur 11 Prozent sind mit der Demokratie zufrieden, und nur 11 Prozent mit ihrem eigenen politischen Einfluss.</p>
<p>So wie sich 1989 die Forderung nach mehr Demokratie vorrangig aber keineswegs nur auf Wahlen begrenzte, so gehen inzwischen die Bürger auf Distanz zu einer alles regelnden parlamentarischen Demokratie von Berlin bis Brüssel. Wahlen bedürfen der notwendigen Ergänzung durch plebiszitäre Elemente und Aktionen. Volksentscheide, Abstimmungen der Bürger zu Sachverhalten, die ihr Leben betreffen, sind im Grundgesetz verankert, aber in der Praxis werden sie eher stiefmütterlich behandelt, auf Bundesebene be- und auch verhindert. Nur 21 Prozent der Bürger reicht es völlig, alle vier bis fünf Jahre wählen zu gehen. 60 Prozent der Bürger wollen über Abstimmungen in Sachentscheidungen, die ihr Leben betreffen, einbezogen sein &#8211; Letztere gehen davon aus, dass man mit Volksabstimmungen viel bewegen könne (was allerdings z. T. im Widerspruch zur Teilnahme an Volksabstimmungen, ebenso wie der Wahlteilnahme steht).</p>
<p>Wenn in der Vergangenheit festgestellt wurde, dass in den neuen Bundesländern die Gefahr bestehe, dass sich bestimmte politische Einstellungen und Haltungen der Resignation und Zurückhaltung in der Partizipation dauerhaft verfestigen, so trifft dies nach wie vor zu. Der Rückzug in eine &#8222;Zuschauerdemokratie&#8220;, die sich auf reine Beobachter- und Kritikerpositionen begrenzt, der es aber auch weitgehend an Interessenartikulation, Konfliktaustragung und Nutzung von Chancen zur aktiveren Gestaltung der Verhältnisse mangelt, hält weiter an.</p>
<p>Es ist nicht zuletzt ein Ergebnis der Sozialreformpolitik, dass in immer stärkerem Maße festgestellt wird, dass sich der Wähler von den etablierten &#8222;Volksparteien&#8220; abwendet, entweder hin zu Wählervereinigungen und kommunalen Bündnissen oder durch Verzicht auf die Ausübung des Wahlrechtes (Europawahl 2009/Bundestagswahl 2009). Der Glaube an die Aussagen von Politikern ist zunehmend verloren gegangen. Nur 0,4 Prozent glauben an Aussagen der Politiker vor der Wahl, 38 Prozent teilweise, 59 Prozent glauben ihnen nicht. Auch hier hat sich in den Jahren seit 1989 ein Wandel vollzogen, als im Osten Wahlversprechen noch fast blind vertraut wurden. Das wird nicht zuletzt gefördert durch eine von-Wahl-zu-Wahl-Politik, die bei wechselnden Koalitionen das zurücknimmt, was vorher z. T. von den gleichen politischen Kräften eingebracht und beschlossen wurde.</p>
<p>Die Entwicklung zu einem Fünf-Parteien-System mit unterschiedlichen Koalitionsmöglichkeiten führt zu einem Aufkommen personenbezogener Strukturen. Anstelle des Abgleichens von Politikfeldern treten Macht- und Führungsansprüche von Parteiführern, anstelle von Sachfragen stehen Beziehungsanimositäten, steht die Frage, wer mit wem kann oder nicht, im Vordergrund.</p>
<p>Dem entspricht, dass das Vertrauen in die politischen Institutionen insgesamt gering ist. Nicht einmal jeder fünfte Bürger hat volles bzw. viel Vertrauen zur Bundesregierung, zum Bundestag und den jeweiligen Landesregierungen, fast die Hälfte hat kein bzw. geringes Vertrauen. Im Gegensatz dazu wird den kommunalen Institutionen ein höheres Vertrauen entgegengebracht.</p>
<p>Oft wird den Ostdeutschen eine tief verinnerlichte Institutionenskepsis zugeschrieben, die mit der Überpolitisierung gesellschaftlicher Verhältnisse in der DDR begründet wird. Die nur schwache Verankerung der untersuchten gesellschaftlichen Institutionen wurde durch den Institutionentransfer im Einigungsprozess weiter verstärkt. Unter den hohen, an das neue System gestellten Erwartungen und dem Eindruck nicht eingelöster Versprechen einerseits sowie weiteren radikalen Eingriffen in die sozialen Sicherungssysteme wird sich die kritische und auf Distanz gehende Haltung weiter fortsetzen.</p>
<p><b>Viertens </b>stehen die Bürger der neuen Bundesländer für eine Einheit der Grundwerte. Sie stellen nicht die Freiheit der Gerechtigkeit oder sozialen Sicherheit gegenüber, ebenso wenig wie sie ein &#8222;anstelle &#8211; von&#8220; akzeptieren. Es gibt keine soziale Sicherheit ohne Freiheit, das belegen die Erfahrungen der DDR. Es gibt aber auch keine Freiheit ohne soziale Sicherheit und Gerechtigkeit.</p>
<p><i>Tabelle: Welcher der nachfolgenden Werte ist Ihnen wichtig? <br />(Angaben: neue Bundesländer in Prozent)<br /></i>XXXXXX Tabelle</p>
<p>Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse belegen, dass Soziale Sicherheit für 47 Prozent der ab 18-jährigen Bürger an erster Stelle steht, Freiheit für 42 Prozent und Gerechtigkeit für 41 Prozent, während Solidarität und Gleichheit inzwischen eher nachrangig sind. Die Positionen zu den Grundwerten sind stark altersspezifisch ausgeprägt. Jüngere Bürger geben der Freiheit, ältere Bürger der sozialen Sicherheit ein höheres Gewicht &#8211; beide Grundwerte verhalten sich in den Denkstrukturen scheinbar altersgegensätzlich.</p>
<p>Die 1989/90 öffentlich artikulierten und demonstrierend erkämpften Freiheitsrechte wurden zunächst als Freiheitsgewinne empfunden, die Erwartungen, die zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich aus Defiziten des DDR-Systems (im Vergleich zum Westen) resultierten, schienen für die Mehrheit der Bevölkerung mit der Vereinigung zunächst erfüllt. Erst allmählich begannen sich grundlegende Freiheitsgüter wie Arbeit und Zukunfts- sowie soziale Sicherheit für Teile der Bevölkerung als defizitär herauszustellen &#8211; nicht vorrangig im Vergleich zur DDR, sondern vor allem gemessen an ihren Erwartungen an das neue, vereinigte Deutschland (z. B. in Bezug auf freie Arbeitsplatz- und Berufswahl) und damit verbundene spezifische Lebensverhältnisse in den neuen Bundesländern.</p>
<p>Über die Grundwerte hinaus hat sich die Wertestruktur der Bürger der neuen Bundesländer weiter stabilisiert. An der Spitze stehen seit Jahren Arbeit (sie ist für 71 Prozent der 18-bis 60-Jährigen &#8222;sehr wichtig&#8220;; 2009), Einkommen sowie Wohnen (64 Prozent), gefolgt von Partnerschaft und Kindern (59 Prozent) als jene Bereiche, die von den Bürgern für ihr Leben als besonders wichtig angesehen werden.</p>
<p>Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch Entwicklungen gibt, die den freiheitlich-demokratischen Werten entgegenstehen. So gibt es durchaus Veranlassung, dass jeder Bürger seine Positionen zu Ausländern und rechtsextremen Auffassungen kritisch prüfen sollte. Oft ungewollt und unbewusst gibt es Denk- und Verhaltensmuster, die Spielräume für antidemokratisches Wirken geben. Das Verhalten gegenüber Ausländern im Osten ist kein Relikt der DDR, sondern begründet sich vor allem in der spezifischen Arbeitsmarktsituation (Furcht vor Arbeitsmigration) und ist auch nur mitgrundlegenden Änderungen in diesem Bereich zu mindern. Es sind auch keineswegs vorrangig die Jungen, welche sich ausländerunfreundlich verhalten.</p>
<p><b>Fünftens</b>: Die Mehrheit der Ostdeutschen fühlt sich (noch) nicht hinreichend integriert. Integration heißt, nicht nur wirtschaftlich integriert zu werden (oder nicht), sondern heißt auch, anders gelebtes Leben mit anderen Wertvorstellungen, anderen sozialen Strukturen und sich unterscheidender kultureller Vielfalt anzuerkennen.</p>
<p>So wird im Jahresbericht der Bundesregierung &#8222;Zum Stand der Deutschen Einheit 2009&#8220; völlig richtig festgestellt, dass &#8222;es noch immer Defizite bei der inneren Einheit gibt&#8220;, dass es notwendig sei, &#8222;Fortschritte bei der gesellschaftlichen und sozialen Einheit zu erzielen. Hierzu zählen gegenseitige Anerkennung, Respekt und Verständnis für unterschiedliche Positionen, Überzeugungen und Lebensleistungen&#8220;.[9]</p>
<p>Begrenzte wirtschaftliche Integration, eine kulturelle Integration, die &#8222;Anderssein&#8220; und &#8222;Andersdenken&#8220; nicht akzeptiert, sondern eine &#8222;Leitkultur&#8220; einfordert, eine soziale und politische Integration, die soziale Ungleichheiten in einem Maße &#8222;stabilisiert&#8220;, dass nach wie vor zwei Teilgesellschaften existieren &#8211; all das behindert die Identifikation des einzelnen Bürgers im Osten mit den veränderten Verhältnissen und schafft soziales Konfliktpotenzial. Es ist auch für Ostdeutsche keine neue Erfahrung, dass wirtschaftliche Entwicklungen die soziale Stabilität und damit verbunden langfristig die politische Stabilität festigen, aber auch gefährden können.</p>
<p>Dass keine hinreichende Integration der Menschen in die neue Gesellschaft erreicht wurde, ist nicht zuletzt ein Ergebnis einseitiger Interpretationen des Lebens in der DDR, der Abwertung von Lebensbiografien vieler Bürger der neuen Länder und einer nach wie vor existenten Ungleichbehandlung in beiden Teilgesellschaften. So fühlen sich 47 Prozent der Bürger &#8222;stark&#8220; mit der Bundesrepublik verbunden, 40 Prozent wenig und 10 Prozent gar nicht, u. a. aufgrund einer für sie nicht hinreichenden Anerkennung ihrer Lebensaktivitäten.</p>
<p>Anerkennung hat aus Sicht der Ostdeutschen drei Aspekte: bezogen auf ihr Leben in der DDR, bezogen auf ihre historischen Leistungen im Herbst und im Frühjahr 1989/1990 und bezogen auf die von ihnen bewirkten wirtschaftlichen, politischen und damit verbundenen sozialen Entwicklungen seit 1990. Die Anerkennung des Lebens in der DDR, als selbstbewusstes Leben, das kein unrechtes Leben war, steht bei großen Teilen der Politik und der ihre Auffassungen reflektierenden Medien noch aus. Nur rd. ein Drittel der ab 35-jährigen Bürger fühlt sich hinsichtlich ihres Lebens in der DDR anerkannt, ein Drittel &#8222;teilweise&#8220;. Dazu tragen nicht zuletzt einseitige Darstellungen des Lebens in den Jahren vor 1989 bei, die sich mehrheitlich nicht mit den gelebten Erfahrungen decken.</p>
<p>Auf die politisch-demokratischen Aktivitäten der Bürger im Herbst/Frühjahr 1989/1990 und den Stellenwert für die deutsche Einheit und das Selbstbewusstsein der Bürger wurde schon eingangs hingewiesen. Im Besonderen seien jedoch die Umstellungs- und Anpassungsleistungen seit 1990 hervorgehoben:</p>
<ul>
<li>Der Anteil von Bürgern mit grundlegend veränderten/sich ändernden Erwerbs-, Berufs-, Einkommens- und betrieblichen Beziehungsstrukturen seit 1990 ist nahezu hundertprozentig. Der erfolgte soziale Umbruch beruht auf völlig neuen Wirtschafts- und Erwerbsstrukturen, die im Ergebnis der Wirtschaftsunion hergestellt wurden. Die veränderten Arbeitsverhältnisse und -bedingungen gehörten/gehören zu den radikalsten und vom Einzelnen am wenigsten beeinflussbaren Veränderungen. </li>
<li>67 Prozent der heute 35- bis 60-Jährigen verfügen inzwischen über eigene Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit von durchschnittlich 34 Monaten. 2,7 Millionen Bürger haben seit 1990 die neuen Länder Richtung Westen verlassen. Insbesondere junge Frauen mussten der Arbeit hinterher ziehen. 400.000 pendeln täglich/wöchentlich in die alten Länder. Das alles widerlegt die oft zitierte These von der fehlenden Flexibilität und Mobilität der Ostdeutschen. Von den Daheimgebliebenen übten bereits 1999 rd. 42 Prozent eine im Vergleich zum erlernten Beruf grundlegend andere Tätigkeit aus. </li>
<li>Hinzu kommen auch die enormen Anpassungsleistungen, die durch ein völlig anderes Sozialrecht, andere Bildungswege und zunehmende soziale Unterschiede erzwungen wurden. Die Sozialgesetzgebung der Bundesrepublik wurde als bewährt und für nicht reformbedürftig erklärt und für Ostdeutschland übernommen. So wurden10 mit dem Einigungsvertrag 777 bundesdeutsche Rechtsvorschriften (fast alle für DDR-Bürger unbekannt) in Kraft gesetzt und 237 Rechtsvorschriften der DDR erheblich verändert; von April 1990 bis Oktober 1990 wurden rd. 300 neue Gesetze und Verordnungen erlassen, die das Leben der DDR-Bürger beeinflussten. Bis in die Gegenwart bestehen in bestimmten Bereichen (Rentenrecht) zwei Rechtsgebiete bzw. Tarifgebiete. </li>
</ul>
<p>Das Leben mit völlig veränderten Rechtsgrundlagen und die Aneignung dazu erforderlicher Grundkenntnisse waren eine einmalige Anpassungs- und Integrationsleistung der Bürger der neuen Bundesländer.</p>
<p>Die genannten Entwicklungen tragen maßgeblich dazu bei, dass sich nur 25 Prozent der Bürger der neuen Bundesländer als &#8222;richtige Bundesbürger&#8220; fühlen, 10 Prozent die DDR wiederhaben wollen und 60 Prozent mit &#8222;weder &#8211; noch&#8220; antworten. Das ist seit 1997 ein Anstieg erreichter Integration von 16 auf 25 Prozent. Es sind als Ergebnis einer veränderten gesellschaftlichen Sozialisation vor allem die jüngeren Jahrgänge, welche sich zu 41 Prozent als richtige Bundesbürger fühlen (im Gegensatz zur Altersgruppe 50 bis 60 Jahre, in der sich nur 13 Prozent als vollwertige Bundesbürger fühlen &#8211; darunter 47 Prozent der Besserverdienenden). Arbeitslose wollen zu 26 Prozent, in prekären Arbeitsverhältnissen Tätige zu 24 Prozent die DDR wiederhaben. Natürlich will &#8211; von Ausnahmen abgesehen &#8211; de facto niemand die DDR wiederhaben, sondern Arbeit und ein auf eigener Arbeit beruhendes Einkommen.</p>
<p>Insgesamt sind die Entwicklungen in Ostdeutschland durch unterschiedliche, zum Teil gegensätzliche Momente charakterisiert. Neben Bevölkerungsrückgang stehen Einkommenszuwächse (besonders bis 2000), neben steigender Lebenserwartung und verlängertem Seniorendasein sinkende Rentenzahlbeträge bei Neurentnern, neben sinkenden Schülerzahlen ansteigende Haushaltsausstattungen. Wenn jedoch bilanziert wird, dann darf sich diese Bilanz nicht auf Wirtschaft und Einkommen begrenzen, sondern muss die seit 1989/90 gezeigten Aktivitäten, die den Vereinigungsprozess letztlich ermöglichten, ebenso wie die durchlebten Umstellungs- und Anpassungsprozesse einschließen. Die Ostdeutschen haben allen Grund, auf diese, ihre eigene Leistungen stolz zu sein.</p>
<p><b>*</b> Dem Beitrag liegt eine ausführliche Darstellung des Autors zugrunde: &#8222;20 Jahre später &#8211; 1989 bis 2009 &#8211; Die friedliche Revolution und ihre Ergebnisse&#8220;, herausgegeben vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg e.V., November 2009, 300 Seiten, zu beziehen über das SFZ.</p>
<p>[1] Die verwendeten Daten beruhen auf der seit Januar 1990 jährlich durchgeführten repräsentativen empirischen Erhebung &#8222;Leben in den neuen Bundesländern&#8220; seitens des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg e. V.</p>
<p>[2] Datenbasis: sfz/leben 1990-2009 (gew.).</p>
<p>[3] Datenbasis: sfz/leben 2009 (gew.).</p>
<p>[4] Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP &#8211; 17. Legislaturperiode, Oktober 2009.</p>
<p>[5] Grundgesetzänderung des Artikels 72 (2) vom 27.10.1994.</p>
<p>[6] Vgl. Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2009, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin, 10. Juni 2009, S 7.</p>
<p>[7] Vgl. hierzu auch bezogen auf ökonomische Parameter: Busch, Ullrich/Kühn, Wolfgang/Steinitz, Klaus: Entwicklung und Schrumpfung in Ostdeutschland, VSA Verlag 2009, S. 129/130.</p>
<p>[8] Tabelle im Detail mit absoluten Zahlen und Bezugsgrößen in Gunnar Winkler: 20 Jahre später 1989 bis 2009&#8230; a.a.O., S. 280/281.</p>
<p>[9] Vgl. Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2009, a.a.O., S. 30.</p>
<p>[10] Vgl. Bönniger, K.: Statement, in: Von der Einigung zur Einheit, Düsseldorf 1991, S. 17.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/zwanzig-jahre-friedliche-revolution/">Zwanzig Jahre friedliche Revolution</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ostdeutsche &#8222;Identitätsprofile&#8220;?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 18:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Spuren sozial-historischer Abgrenzungsmechanismen in ostdeutschen Biographien aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 57-65 I. Einleitung Die folgenden Überlegungen sind ein Nebenprodukt der von der Volkswagen-Stiftung geförderten international vergleichenden Studie zur Mentalitätsentwicklung in einer mittelosteuropäischen Grenzregion (Euroregion Neiße), an der ein polnisches Team der Universität Wroclaw[1], ein Team der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, Prag[2], und [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/ostdeutsche-identitaetsprofile/">Ostdeutsche &#8222;Identitätsprofile&#8220;?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Spuren sozial-historischer Abgrenzungsmechanismen in ostdeutschen Biographien</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 57-65</p>
<h2 class="auto-created">I. Einleitung</h2>
<p>Die folgenden Überlegungen sind ein Nebenprodukt der von der Volkswagen-Stiftung geförderten international vergleichenden Studie zur Mentalitätsentwicklung in einer mittelosteuropäischen Grenzregion (Euroregion Neiße), an der ein polnisches Team der Universität Wroclaw[1], ein Team der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, Prag[2], und ein Team der Universität Göttingen[3] mitgearbeitet haben.[4] Eines der provokantesten Ergebnisse ist zweifellos die Beobachtung, dass explizite Fremdheitskonstruktionen, sogar offene und subtile Rassismen, wenn man so will: &#8222;negative Identitätsmerkmale&#8220;, im deutschen Datenmaterial deutlich häufiger auftauchen als im Material der polnischen und tschechischen KollegInnen. Die Erklärung dieses Phänomens steht bei den nachfolgenden Überlegungen im Mittelpunkt. Sind diese Beobachtungen eine legitime Basis, von der Existenz eines typisch ostdeutschen &#8222;Identitätsprofils&#8220; auszugehen, pointierter noch: von der empirischen Nachweisbarkeit einer &#8222;ostdeutschen Identität&#8220;?</p>
<p>Vermutlich wäre diese Erwartung absurd. Soziale und ökonomische Modernisierungs- und Differenzierungsprozesse, Migration und Mobilität haben in den vergangenen beiden Dekaden die ostdeutsche Gesellschaft derart massiv verändert, dass plakative &#8222;Universalismen&#8220; die Situation auf dem Gebiet der ehemaligen DDR empirisch nicht angemessen beschreiben könnten. Und doch scheint es Parameter zu geben, die sich in den Biographien der betroffenen Gesellschaftsmitglieder niedergeschlagen haben und in den untersuchten drei postsozialistischen Teilgesellschaften unterschiedliche &#8222;Muster&#8220; erkennbar werden lassen, die zumindest Hinweise auf ein &#8222;ostdeutsches Identitätsprofil&#8220; nicht völlig ausschließen.</p>
<p>Das Untersuchungsdesign der Studie war intergenerational angelegt. Innerhalb eines Familienverbandes wurde mit dem Instrument des narrativen Interviews jeweils die Biographie eines Großelternteils und eines Enkels/einer Enkelin erhoben. Dieses Setting garantierte Einsichten in innerfamiliale Traditionsbildungen. Die deutsche Stichprobe (bezogen auf die Vergleichsregion Oberlausitz) umfasste insgesamt 86 ProbandInnen aus allen relevanten sozialen Milieus[5]. Auswahlprinzip war ein theoretisches Sampling unter Berücksichtigung systematischer Fallkontrastierungen (vgl. Strauss 1991; Alheit/Bast-Haider/Drauschke 2004).</p>
<p>Der konzeptionelle Ansatz der Untersuchung geht von einer figurationssoziologischen Beobachtung aus, die wir Norbert Elias verdanken: dass nämlich die Entwicklung moderner Gesellschaften durch eine drastische Verringerung der so genannten &#8222;Formalitäts-Informalitäts-Spanne&#8220; gekennzeichnet sei (vgl. Elias 1989, 33ff). Während vormoderne Gesellschaften typischerweise charakterisiert sind &#8222;durch die Gleichzeitigkeit einer Formalität im Verkehr von sozial über- und untergeordneten Menschen, die an zeremonieller Härte jede entsprechende Formalität unserer Tage weit übertrifft, und einer Informalität innerhalb der eigenen Gruppe, die ebenfalls weit über das hinausgeht, was gegenwärtig im geselligen Verkehr von relativ gleichgestellten Menschen möglich ist&#8220; (Elias 1989, 41), gilt für moderne Sozialgebilde, dass sie durch einen bemerkenswerten Informalisierungsprozess geprägt werden. Zu seinen Merkmalen gehören erhöhte Prosperität und Einkommenszuwächse aller gesellschaftlichen Gruppen, eine Veränderung der Machtbalance zwischen &#8222;Etablierten&#8220; und &#8222;Außenseitern&#8220;, die Verringerung spezifischer &#8222;Machtdifferenziale&#8220; (z.B. zwischen Männern und Frauen, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Regierenden und Regierten), aber auch die Verunsicherungen, die das Einebnen der konventionellen Hierarchien mit sich bringt (vgl. Elias 1989, 33-38). Symptomatischerweise lässt sich genau diese Beobachtung für die DDR-Phase &#8211; auch im Vergleich zu den Entwicklungen in Polen und vor allem in Tschechien &#8211; nicht machen.</p>
<p>Dies hat nun Entwicklungsdefizite zur Folge, die sich auch auf die Konstruktion des Eigenen und Fremden auswirken, wenn man so will, zumindest auf Umrisse einer Art &#8222;Ostidentität&#8220;. Die nachfolgenden Überlegungen werden vor allem drei Modernisierungs- und Informalisierungsdefekte der DDR-Gesellschaft ausführlicher beschreiben, die zumindest Fragmente solcher defensiven Identitätskonstruktionen in ostdeutschen Biographien nach der Wende andeuten:</p>
<blockquote>
<p class="bodytext">&#8211; eine gewisse &#8222;intergenerationale Modernisierungsresistenz&#8220;, <br />&#8211; ein DDR-typischer &#8222;egalitärer Habitus&#8220; und <br />&#8211; ein &#8222;innnerfamiliäres Tradierungsmilieu&#8220; für subtil rassistische Einstellungen.
</p>
<p class="bodytext"> </p>
</blockquote>
<h2 class="auto-created">II. Die Dominanz &bdquo;persis&shy;tenter&ldquo; Genera&shy;ti&shy;ons&shy;kon&shy;stel&shy;la&shy;ti&shy;onen </h2>
<p>Es erscheint erstaunlich, aber durchaus plausibel, dass gerade die DDR-Gesellschaft strukturell &#8222;vormodernen&#8220; Gesellschaften ähnlicher ist als informalisierten politischen Demokratien des 20. Jahrhunderts. Auch darin unterscheidet sich die DDR von Entwicklungen in der Volksrepublik Polen oder in der CSSR (vgl. ausführlicher Alheit/Szlachcicowa/Zich 2006, 517ff). Der extrem formalisierte Staatsapparat wird regiert durch eine &#8222;quasi-feudale&#8220; Funktionärsaristokratie, die allenfalls durch fragwürdige Akklamationsrituale legitimiert ist (vgl. ausführlich Alheit 1993; Alheit/Bast- Haider/Drauschke 2004). Im &#8222;Subraum&#8220; gesellschaftlicher Alltagsbeziehungen ist Bewegung und Entwicklung nur sehr eingeschränkt möglich. Das &#8222;freie Spiel der Kräfte&#8220;, die Konfrontation alter und neuer sozialer Milieus, ihre Veränderung und Ablösung, wird durch rigide öffentliche Kontrollen eingedämmt und blockiert. D.h. die Spanne zwischen &#8222;Formalität&#8220; und &#8222;Informalität&#8220; im Sinne des Elias&#8217;schen Modells gleicht quasi-vormodernen Bedingungen.</p>
<p>Unsere Studie hat &#8211; was die Beziehung der Großelterngeneration zu den Enkeln angeht &#8211; drei Konfigurationen deutlich identifizieren können: eine Konstellation, die wir &#8222;Persistenz-Typus&#8220; nennen (vgl. Alheit/Bast-Haider/Drauschke 2004) und die auf ein erstaunliches Beharrungsvermögen des jeweiligen sozialen Habitus oder Status über die Generationsgrenzen hinweg verweist, eine &#8222;Modernisierungs-Konstellation&#8220;, die vor allem mit intergenerationalen Bildungsaufstiegen verknüpft ist, und einen &#8222;Bruch-Typus&#8220;, der auf eine unübersehbare Statusdistanz zwischen erster und dritter Generation aufmerksam macht und gewöhnlich mit drastischen sozialen Abstiegen einhergeht.</p>
<p>Würde man in der alten Bundesrepublik eine vergleichbare Generationenbefragung unternehmen, wie wir dies in der Oberlausitz getan haben, müsste vermutlich die große Mehrzahl der Interviewtandems dem &#8222;Modernisierungs&#8220; &#8211; Typus zugeordnet werden. Die Sozialstruktur der westlichen Bundesrepublik hat sich nämlich seit dem Zweiten Weltkrieg dramatisch verändert. Und die interessanteste Beobachtung dabei ist, dass sich nicht eigentlich die quantitativen Relationen der großen Straten &#8211; Oberschichten, Mittelschichten und Unterschichten &#8211; nennenswert verschieben, sondern dass gleichsam innerhalb der Straten erstaunliche Ausdifferenzierungsprozesse zu beobachten sind (vgl. stellvertretend Vester et al. 1993; Alheit 1994). So nehmen die klassischen Milieus, etwa das konservative gehobene Milieu, das kleinbürgerliche Milieu oder das traditionelle Arbeitermilieu, allein zwischen 1980 und 1990 um durchschnittlich 25% ab (vgl. Vester et al. 1993, 16).</p>
<p>Skizze: Ungefähres Verteilungsprofil der Typen im qualitativen Sample <br />XXXXXX Grafik</p>
<p>Zugleich aber bilden sich seit Ende der 1960er Jahre und beschleunigt seit Beginn der 1980er Jahre große neue Milieus wie das aufstiegsorientierte Milieu in den Siebzigern oder das der postmodernen Hedonisten in den 1990er Jahren. Auch interessante kleinere Milieus &#8211; wie das alternative Milieu, das traditionslose und das neue Arbeitermilieu &#8211; entstehen neu. Gemeinsam ist diesen neuen Milieus, dass sie nicht die großen Ungleichheitsrelationen verändern, sondern eine horizontale Bewegung im sozialen Raum (vgl. Bourdieu 1987) in Gang setzen, wenn man so will: eine &#8222;Öffnung&#8220; in Richtung des kulturellen Pols des sozialen Feldes (vgl. Alheit 1994, 237ff). Diese Öffnung hat im Wesentlichen mit Bildungsaufstiegen zu tun, die nun auch konventionell bildungsfernere soziale Schichten erreichen. Die Gesamtentwicklung hat eine Modernisierung des sozialen Raums zur Folge, die individuelle Modernisierungsprozesse voraussetzt.</p>
<p>Betrachten wir nun das Material, das wir in Ostdeutschland erhoben haben, zeigt sich ein geradezu konträrer Befund. Ohne den Anschein erwecken zu wollen, quantitative Befunde zu suggerieren, müssen ca. zwei Drittel unserer Interviewtandems relativ eindeutig dem &#8222;Persistenz&#8220; &#8211; Typus subsumiert werden, je ein knappes Zehntel verteilen sich auf &#8222;Modernisierungs&#8220;- und &#8222;Bruch&#8220; -Typus bzw. sind nicht eindeutig zuzuordnen (s. Skizze).</p>
<p>Was bedeutet dieses Phänomen? Zunächst ist festzuhalten, dass der &#8222;Persistenz&#8220; Typus kein Milieuprofil hat. Er verteilt sich auf alle von uns untersuchte Milieus. Die Beobachtung, dass zwischen Großeltern- und Enkelgeneration in Ostdeutschland eine überraschende Habitus Persistenz besteht, bezieht sich &#8211; was das untersuchte Feld angeht &#8211; auf alle Gesellschaftsschichten. Wenn dieses Phänomen, wie wir plausibel vermuten, nun nicht nur breit gestreut ist, sondern außerdem auch noch als Massenerscheinung betrachtet werden muss, dann bedeutet dies, dass sich der soziale Raum eben nicht &#8222;modernisiert&#8220; hat wie in der westlichen Bundesrepublik, sondern in seiner inneren Dynamik blockiert war (und ist). Wir sprechen deshalb &#8211; und das ist die &#8222;Kernkategorie&#8220; unserer Entdeckungen &#8211; von einer intergenerationalen Modernisierungsresistenz.</p>
<p>Dieser Soziologismus muss näher erläutert werden, damit deutlich wird, welche lebenspraktischen Dimensionen er berührt. &#8222;Resistenz&#8220; ist zweifellos eine bestimmte Aktivität, die gesellschaftliche Energien bindet. Wenn große Gruppen der Bevölkerung moderner Gesellschaften sich gleichsam aktiv weigern, ihre soziale Situation zu verändern, und diese &#8222;Botschaft&#8220; auch an die Folgegeneration weiter vermitteln, muss es dafür einsichtige Gründe geben. Plausibel ist die Persistenzkonstellation zweifellos bei gesellschaftlichen Eliten. Sie geben sinnvollerweise die Routinen und Strategien des Prestigegewinns bzw. der Prestigesicherung an nachfolgende Generationen weiter und stabilisieren dabei ihre Position. Verständlich mag er noch bei marginalisierten Gruppen sein, die mit einer gewissen Trägheit der eigenen Ambitionen und der Genügsamkeit der Erwartungen einen Schutz vor häufig erlebten Enttäuschungen und der Erfahrung weiterer Deklassierung aufbauen. Auch diese Haltung hat sozial nachvollziehbare Persistenzeffekte. Wenn dagegen selbst die breite Mitte der Bevölkerung vergleichbare intergenerationale Reproduktionsstrategien wählt, entsteht ein Sonderfall, der erklärungsbedürftig ist.</p>
<p>Mit genau diesem Sonderfall haben wir es in der Gesellschaft der ehemaligen DDR zu tun. Und das Erstaunliche bleibt, dass dieses Persistenzverhalten offensichtlich nicht mit dem Zusammenbruch der DDR abrupt beendet ist, sondern auch mehr als eine Dekade nach der &#8222;Wende&#8220; noch beobachtet werden kann. Rein analytisch betrachtet entsteht dabei eine Art &#8222;Ständegesellschaft&#8220; ohne Stände. Denn die Reproduktionsbasis des Persistenzphänomens ist zumeist schmaler als in vormodernen Gesellschaften: kleine Traditionsrahmen, ethnische oder religiöse Besonderheiten, Betriebe, regionale Spezifitäten, gewöhnlich aber nur der mehr oder minder große familiale Kontext. Diese gleichsam &#8222;moderne&#8220; ständische Mentalität, die, die Grenzen zwischen den &#8222;Ständen&#8220; unsichtbarer macht als in vormodernen Gesellschaften, setzt &#8211; wie alle Ständegesellschaften &#8211; auf Besitzstandswahrung. Dabei geht es keineswegs nur um ökonomische Besitzstände, sondern zumeist um Vergemeinschaftung Traditionen, also um &#8222;kulturelle Kapitale&#8220;. Die sorbische Minderheit ist dafür ein Beleg.</p>
<p>Moderne &#8222;Stände&#8220; freilich entstehen, wo die Formalitäts-Informalitäts-Spanne künstlich ausgedehnt wird. Dann werden kleine soziale Einheiten, deren Bestand bedroht ist, gezwungen, ihre Reproduktionsstrategien zu konzentrieren, ihre innere Kohärenz zu stärken und Energien nicht auf Veränderung und Modernisierung zu verschwenden. Wirklich erstaunlich ist, dass dieses Verhalten eben auch auf die Arbeitermilieus der ehemaligen DDR zutrifft (vgl. Alheit et al. 1999, Bd. 2). Sie profitierten ja zumindest symbolisch am meisten vom neuen System (nach 1945). Aber gerade sie wurden auch zu intergenerationalem Persistenzverhalten gezwungen, um ihre berechtigten Besitzstände zu wahren (vgl. dazu Alheit/Haack 2004, bes. 431ff).</p>
<p>Im Transformationsprozess ist diese Mentalität nun zumal für die Arbeiter kontraproduktiv. Ihr klassisches Terrain ist drastisch reduziert, und die symbolischen Widerstandsformen von damals sind entwertet. Die Mentalitäten freilich scheinen langlebiger zu sein. Sie haben sich noch keineswegs den neuen Bedingungen angepasst. Und die den &#8222;quasi-ständischen&#8220; Widerstandsformen komplementären &#8222;quasi-feudalen&#8220; Rahmenbedingungen mögen heute der Enkelgeneration nicht wesentlich anders vorkommen als die staatssozialistische Willkür von damals den Großeltern. Intergenerationale Modernisierungsresistenz hat also durchaus plausible historische und soziale Gründe. Dass die Majorität der von uns Befragten diesem Typus zuneigt, bestätigt die figurationssoziologischen Vorüberlegungen.</p>
<p>Symbolische Besitzstandswahrung im kulturellen Nahbereich ist &#8211; konsequenterweise &#8211; mit Abgrenzungsstrategien verbunden. Und solche Strategien werden umso rigider, je mehr die Besitzstände gefährdet sind. Hier ergänzen sich die sozialen und ökonomischen Risikolagen der Nach-Wende-Situation mit den eingeübten Abgrenzungsmustern und bilden eine prekäre Melange nicht nur künstlicher Zugehörigkeit zu einer Art aufgenötigter &#8222;Schicksalsgemeinschaft&#8220;, sondern &#8211; problematischer noch &#8211; zu potenzieller Fremdenfeindlichkeit.</p>
<h2 class="auto-created">III. Nachwir&shy;kungen des &bdquo;egalit&auml;ren Habitus&ldquo; </h2>
<p>Wolfgang Engler, der in seiner Studie über &#8222;Die Ostdeutschen&#8220; (1999) den Begriff der &#8222;arbeiterlichen Gesellschaft&#8220; von Elias entlehnt hat, setzt ihn in Beziehung mit einer kollektiven Befindlichkeit nach dem Zusammenbruch des Faschismus: einer doppelten Scham gleichsam &#8211; wie die Westdeutschen einer Nation von Verlierern anzugehören und, als Ostdeutsche, in eine neue Nation von Verlierern einzumünden. &#8222;Diese Schmach galt es zu tilgen. Arbeiten, um auch moralisch zu gesunden, hieß die Devise&#8220; (ebd., 27/28).</p>
<p>Tatsächlich wurde die DDR eine &#8222;Arbeitsgesellschaft&#8220; fast im metaphysischen Sinn. Über Arbeit definierte sich der Alltag. Die heroische Arbeit prägte das politische Leitbild. Und Arbeit war auch Sujet der bildenden Kunst, der Literatur, des Theaters. Freilich, die konkreten Arbeitserfahrungen waren fatal: überall Fehlplanungen, immer wieder Desorganisation, ermüdende und widersinnige Verhandlungen um Löhne und Normen (vgl. ausführlich Alheit et al. 1999, Bd. 1, 573ff). Engler resümiert ganz zutreffend: &#8222;Da die Rationalisierung der heroisch überspannten Arbeitspraxis jedoch auf Dauer nicht gelang, die Metaphysik der Arbeit andererseits nicht wiederzubeleben war, endete das Unternehmen in der Auszehrung jeglicher Arbeitsmotivation.&#8220; (1999, 28)</p>
<p>Allerdings, ein mentalitäres Grundmuster dieser entmythologisierten Arbeitsgesellschaft setzt sich fest und wird zur kollektiven Identität der DDR-Bürger: die Standardisierung des Lebens, die Egalität der sozialen Reproduktion. Die &#8222;arbeiterliche&#8220; Gesellschaft, wie immer unproduktiv sie vor sich hin wirtschaftet, ist eine Gesellschaft der Gleichen. Und Gleichheit war keineswegs nur eine Ideologie der Herrschenden. Die Herstellung egalitärer Strukturen im Alltag, der Kleidung, des Auftretens, des Gesprächs war ein interaktiver Prozess. Dieser Prozess ließ Exposition nicht zu, verpönte das Besondere, Außergewöhnliche, stieß auch das Fremde ab, wenn es sich dem Egalitätssog widersetzte. Der sympathische Zug dieses egalitären Habitus, die Akzeptanz des &#8222;anderen Gleichen&#8220;, hat eine dunkle Seite: die kollektive Ausgrenzung des Anderen, Widerspenstigen, Eigensinnigen.</p>
<p>Der DDR-Alltag hat einen Aspekt der systemischen Formierung verinnerlicht und zur eigenen Sache gemacht: die Konformität &#8211; keineswegs als ideologische Konformität, sondern als eine Egalisierung des kollektiven Habitus. Und auch diese mentale Disposition ist &#8222;modernisierungsresistent&#8220; und sorgt für das Überdauern des ostdeutschen &#8222;Subraums&#8220; auch nach der Wiedervereinigung. Denn nun machen alle nicht nur die Erfahrung der Überschichtung durch westdeutsche Eliten, sondern zusätzlich noch die erzwungene Bekanntschaft mit Habituszumutungen, die den verinnerlichten egalitären Habitus notorisch entwerten. Dieses Gefühl führt nicht nur zu kollektiven Kränkungen, es fördert auch das Bedürfnis nach kollektiven Abgrenzungen gegen alles Fremde, von dem &#8222;das Westdeutsche&#8220; nur einen Aspekt darstellt. Fragmente dieser Identitätskonstruktion finden sich durchaus in der Enkelgeneration der von uns untersuchten Biographen.</p>
<h2 class="auto-created">IV. Die &bdquo;lange Dauer&ldquo; subtil reakti&shy;o&shy;n&auml;rer, rassis&shy;ti&shy;scher Orien&shy;tie&shy;rungen </h2>
<p>Diese mentalitäre Disposition verbindet sich nun mit einem in den biographischen Erzählungen der Großeltern nachweisbaren Fundus an reaktionären und rassistischen Einstellungen, der uns überrascht hat. Das Entscheidende waren dabei nicht einmal die Inhalte selbst (Erfahrungen aus Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel, aus Waffen-SS und Wehrmacht), viel erstaunlicher war der Modus der narrativen Präsentation dieser Inhalte: Nur in wenigen Fällen wurden die eigenen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus kritisch reflektiert. Die Spontaneität und in gewissen Sinn sogar &#8222;Schamlosigkeit&#8220;, mit der an Erlebnisse aus der Nazizeit oder aus dem Krieg angeschlossen wurde, erschienen uns symptomatisch. Offensichtlich hat es neben dem staatlich verordneten Antifaschismus, der sich in der Regel ja auf den kommunistischen Widerstand reduzierte, keinen öffentlichen Diskurs über den Nationalsozialismus gegeben, der Betroffene zur Problematisierung ihrer persönlichen Verstrickungen in das Nazi-Regime zwang. Im Gegenteil: es scheint, als habe der politisch motivierte Aufruf, sich als Bürger eines antifaschistischen Staates zu begreifen, eine Art äußerlicher Entlastung für alle Menschen in Ostdeutschland bewirkt, die umgekehrt alle Freiheit ließ, privat an die Erfahrungen und Einstellungen anzuknüpfen, die der nationalsozialistische Alltag mit sich brachte. D.h. wir haben einigen Grund zu der Vermutung, dass die ostdeutsche Gesellschaft über einen nicht thematisierten und schon gar nicht diskreditierten Wissensfundus an rechtsextremen und rassistischen Vorurteilen verfügt, der in den familialen Tradierungsprozess eingegangen ist.</p>
<p>Verknüpft man diese Beobachtung mit der Entdeckung der weit verbreiteten Persistenzkonstellation (s. o.), liegt der Schluss nahe, dass auch in der Enkelgeneration ein Teil dieses Fundus präsent ist &#8211; zumindest aber, dass bei den gerade in unserem Forschungsfeld häufig auftretenden rechtsextremen Ausschreitungen auf Bagatellisierungsbereitschaft, wenn nicht sogar auf Akzeptanz im sozialen Umfeld gezählt werden kann. Die Hypothese, dass der Verbreitungs- und der Intensitätsgrad rechtsextremer Aktivitäten in unserem Untersuchungsfeld eine entscheidende Ursache in der Langlebigkeit bestimmter affiner Einstellungen und in der Geradlinigkeit ihrer Tradierungen habe, kann durchaus Plausibilität für sich beanspruchen. Die Abwehr des Fremden hat also tiefe historische Wurzeln und gehört zu den Symptomen, die man dem Typus &#8222;ostdeutsche Identitätsprofile&#8220; zuschreiben könnte.</p>
<h2 class="auto-created">V. Knappes Fazit </h2>
<p>Ganz gewiss sind die vorgestellten Ergebnisse temporäre Befunde. Selbst die empirisch entdeckten Typen lassen zum Erhebungszeitraum bereits Dynamiken erkennen, konkreter: vermutbare Entwicklungen, die sich bei inner- bzw. intertypischen Vergleichen nahe legen. Und da zeigen sich erwartungsgemäß die deutlichsten Veränderungstrends bei dem dominanten &#8222;Persistenz-&#8220; Typus.</p>
<p>Wir beobachten einmal eine vorsichtige Öffnung der Persistenzkonstellation hin zur Modernisierung (vgl. Alheit/Bast-Haider/Drauschke 2004, 141ff, 319f). Die Enkelgeneration hält an den Werten und Orientierungen der Großelterngeneration fest. Durch den sozialen Wandel nach der Wiedervereinigung sind jedoch insbesondere im Bereich der Bildungs- und Berufskarrieren Zwänge und Möglichkeiten entstanden, die eine Art sanften Modernisierungsdruck erzeugen. Symptomatisch ist allerdings, dass solche vorsichtigen Modernisierungstrends &#8211; sozialstrukturell betrachtet &#8211; nur am oberen Rand des &#8222;Persistenz Clusters&#8220; beobachtet werden können, das sich im Übrigen auf den gesamten sozialen Raum verteilt. D.h. diese Öffnung scheint zumindest kulturelles und soziales Kapital vorauszusetzen.</p>
<p>Am unteren sozialen Rand des &#8222;Clusters&#8220; entsteht offensichtlich ein gegenläufiges Risiko. Hier scheint die Gefahr zu bestehen, dass der in den Vorgenerationen erworbene &#8222;Besitzstand&#8220; an sozialem, kulturellem, auch ökonomischem Kapital aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen von der Enkelgeneration nicht gehalten werden kann. Das Risiko eines sozialen Bruchs ist hier nicht auszuschließen (vgl. Alheit/Bast- Haider/Drauschke 2004, 229f).</p>
<p>Aber auch beim &#8222;Modernisierungs- Cluster&#8220; lassen sich Differenzierungen beobachten. Und auch hier spielen die sozialen Ressourcen eine entscheidende Rolle. Während Modernisierungskonstellationen im mittleren und oberen Bereich des sozialen Raums ein &#8222;pro-aktives Profil&#8220; zeigen &#8211; die Angehörigen der Enkelgeneration verstehen sich als Akteure des innerfamiliären Modernisierungsprozesses -, reagieren Betroffene am unteren Rand des &#8222;Clusters&#8220; eher defensiv. Sie sind häufig Opfer einer erzwungenen Modernisierung, die durchaus auch vom Scheitern bedroht sein kann. Auch bei dieser Konstellation ist das Risiko des intergenerationalen Bruchs nicht ausgeschlossen (vgl. Alheit/Bast-Haider/Drauschke 2004, 278ff).</p>
<p>Bei einer unübersehbaren Persistenz des mentalen Gesamtgefüges sind also durchaus Veränderungstendenzen erkennbar, die auf einen allmählichen Wandel der ostdeutschen Gesellschaft hinweisen. Die Konzentration auf eine problematische Region &#8211; eben die Oberlausitz &#8211; lässt pauschalisierende Verallgemeinerungen ohnehin nicht zu. In den Metropolen Dresden oder Leipzig mag die Situation deutlich anders aussehen. Dennoch bleiben die entdeckten Rahmenparameter wichtige Hinweise auf sozialhistorisch bedingte Ressourcen für charakteristische &#8222;Identitätsprofile&#8220; im Osten Deutschlands. Eine pauschale &#8222;ostdeutsche Identität&#8220; freilich ist auch für die künftige Entwicklung empirisch eher unwahrscheinlich.</p>
<p>[1] Unter Leitung von Prof. Dr. Zbigniew Kurcz und Dr. Irena Szlachcicowa, Wroclaw.</p>
<p>[2] Unter Leitung von Prof. Dr. Franti&#353;ek Zich, Prag.</p>
<p>[3] Unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Peter Alheit, Göttingen (Gesamtleitung).</p>
<p>[4] Die mehrschichtigen Ergebnisse dieser Forschungen sind in einer umfangreichen Veröffentlichung (Alheit/Szlachcicowa/Zich 2006) und für den deutschen Part gesondert zugänglich (Alheit/Bast- Haider/Drauschke 2004).</p>
<p>[5] Orientierend waren dabei die von SINUS für die neuen Länder leicht abgewandelten Milieukonstellationen der sich wandelnden Milieus in Westdeutschland (vgl. Becker/Becker/Ruhland 1992; Vester et al. 1995). Die Gesamtstichprobe umfasste mehr als 300 Interviews in den drei Teilsamples.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Alheit, Peter </i>(1993): Le &#8222;syndrome allemand&#8220;. Problèmes structurels de la &#8222;réunification culturelle&#8220;, in: Revue Suisse de Sociologie, Vol. 19, 365-387.</p>
<p><i>Alheit, Peter</i> (1994): Zivile Kultur: Verlust und Wiederaneignung der Moderne, Frankfurt am Main, New York.</p>
<p><i>Alheit, Peter, Hanna Haack, Heinz-Gerd Hofschen, Renate Meyer-Braun</i> (1999): Gebrochene Modernisierung &#8211; Der langsame Wandel proletarischer Milieus. Eine empirische Vergleichsstudie ost- und westdeutscher Arbeitermilieus in den 1950er Jahren, 2 Bände, Bremen.</p>
<p><i>Alheit, Peter, Hanna Haack </i>(2004): Die vergessene &#8222;Autonomie&#8220; der Arbeiter. Eine Studie zum frühen Scheitern der DDR am Beispiel der Neptunwerft, Berlin.</p>
<p><i>Alheit, Peter, Kerstin Bast-Haider, Petra Drauschke</i> (2004): Die zögernde Ankunft im Westen. Biographien und Mentalitäten in Ostdeutschland, Frankfurt am Main, New York.</p>
<p><i>Alheit, Peter, Irena Szlachcicowa, Franti&#353;ek Zich</i> (2006): Biographien im Grenzraum. Eine Untersuchung in der Euroregion Neiße, Dresden.</p>
<p><i>Becker, Ulrich, Becker, Heinz, Ruhland, Walter</i> (1992): Zwischen Angst und Aufbruch. Das Lebensgefühl der Deutschen in Ost und West nach der Wiedervereinigung, Düsseldorf, Wien, New York, Moskau.</p>
<p><i>Bourdieu, Pierre </i>(1987): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Elias, Norbert</i> (1989): Studien über die Deutschen: Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Engler, Wolfgang</i> (1999): Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin.</p>
<p><i>Strauss, Anselm L. </i>(1991): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung, München.</p>
<p><i>Vester, Michael et al. </i>(1993): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel: Zwischen Integration und Ausgrenzung, Köln.</p>
<p><i>Vester, Michael et al. </i>(1995): Soziale Milieus in Ostdeutschland, Köln.</p>
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		<title>Jung, ostdeutsch, verloren?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/jung-ostdeutsch-verloren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 17:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 66-75 Jahrestage sind ein beliebter Anlass, zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. Das ist beim 20. Jahrestag der Herbstereignisse von 1989 nicht anderes. Fraglich ist, ob die Würdigungen in diesem Jahr anders als zu den zurückliegenden Zusammenschauen ausfallen werden. Letztere zeichneten vor allem ein ernüchterndes Bild (Bahrmann&#38;Links 2005, Hufnagel&#38;Simon [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 66-75</p>
<p>Jahrestage sind ein beliebter Anlass, zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. Das ist beim 20. Jahrestag der Herbstereignisse von 1989 nicht anderes. Fraglich ist, ob die Würdigungen in diesem Jahr anders als zu den zurückliegenden Zusammenschauen ausfallen werden. Letztere zeichneten vor allem ein ernüchterndes Bild (Bahrmann&amp;Links 2005, Hufnagel&amp;Simon 2004, Thierse et al. 2000, Noll&amp;Habich 2000). Anhand der prominenten Themen wie dem Zurückbleiben der wirtschaftlichen Entwicklung, den anhaltenden Diskrepanzen in den Lebensverhältnissen und nicht zuletzt den mentalen Distanzen zwischen den Ost- und den Westdeutschen (&#8222;Mauer in den Köpfen&#8220;, &#8222;Bürger 2. Klasse&#8220;) lässt sich gut erkennen, dass die Fallhöhe zwischen anfangs gehegten Erwartungen und der real zu beobachtenden Lage recht hoch ist.</p>
<p>Dass die Konsequenzen der deutsch-deutschen Vereinigung die Neu-Bundesbürger in unterschiedlicher Weise treffen, dass es also Verlierer und Gewinner des Umbauprozesses geben würde, war rasch klar. Allerdings wurden diesbezügliche soziale Gefährdungen in erster Linie mit älteren Ostdeutschen verbunden. Vor allem die Männer und Frauen, die 1989 zwischen 45 und 55 Jahren alt waren, galten bald als &#8222;verlorene Generation&#8220;. Der Umbruch kam für sie sowohl zu früh als auch zu spät. Zu früh, weil sie noch nicht alt genug waren, um von der neuen Situation so wie die Rentner profitieren zu können, und nicht mehr jung genug, um in der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen (u.a. Geißler 1999:691f., Huinink&amp;Mayer 1993:167f.).</p>
<p>Diese und ähnliche Generationencharakteristiken wie etwa die von der &#8222;doppelt enttäuschten Generation&#8220; (Förster) kommen seit Mitte der 1990er auch zunehmend zur Beschreibung junger Ostdeutscher vor allem in den Medien, aber auch in der Forschung in Gebrauch (u.a. Golz 2000, Förster 2003). In der Öffentlichkeit hat sich daher längst das Bild einer ostdeutschen Defizit-Jugend festgesetzt[1]: Junge Ostdeutsche sind am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt häufig gescheitert, neigen nicht selten zur Gewaltbereitschaft und zum politischen Radikalismus vorzugsweise rechter Provenienz.</p>
<p>Ohne die Lebenssituation junger Menschen in Ostdeutschland, von der noch zu reden sein wird, beschönigen zu wollen: Angesichts der insbesondere in den neuen Ländern stark abnehmenden Zahl junger Menschen auf der einen Seite und einem dem Vernehmen nach bald steigenden Bedarfe an jungen Menschen in der ostdeutschen Wirtschaft (&#8222;drohender Fachkräftemangel&#8220;) ist dies schon ein erklärungsbedürftiger Wahrnehmungsdrift.</p>
<h2 class="auto-created">&bdquo;Kinder der Freiheit&ldquo; und &bdquo;Verlorene Generation&ldquo;: Chiffren der Jugend </h2>
<p>Heiner Keupp hat einmal angemerkt, dass die Jugend nicht immer im Gespräch ist, aber wenn es der Fall sei, dann liege in der Regel ein Hauch von Krise der Luft (Keupp 1997:38). Dass dies so ist, hat mit dem besonderen Verhältnis zu tun, das den Nachkommenden in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungen attestiert wird. Seit Karl Mannheim gelten sie als entscheidende Kraft gesellschaftlicher Veränderungen (Mannheim 1928 [1970]). Allerdings macht sie diese potenzielle Innovativität nicht automatisch zu begehrten <i>Erben</i>, sondern auch zu potenziellen <i>Sorgenkindern</i>, wenn nicht gar ängstlich beäugten <i>Fremden</i>[2].</p>
<p>Wenn also die Jugend &#8222;im Gespräch&#8220; ist, dann kann man ziemlich sicher sein, das irgendetwas droht, nicht mehr weiter zu gehen wie bisher. In so dynamischen wie krisenanfälligen Gesellschaften wie der unseren scheint dies häufiger zu drohen. Zumindest gehört die &#8222;verlorene Generation&#8220; seit den 1980er Jahren, seit die Aussicht auf eine &#8222;Normal(arbeits)biografie&#8220; angesichts zunehmender Bildungsbeteiligung, Lehrstellenmangel und Arbeitsmarkkrise weniger aussichtsreich als in den Jahrzehnten zuvor ist, zum festen Inventar der Jugendbeschreibung. Häufig betrifft sie nur eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen, beispielsweise Hauptschüler, Jugendliche mit Migrationshintergrund oder straffällig Gewordene. Das klingt eher nach den hinlänglich bekannten Problemgruppen, denen zwar durchaus attestiert wird, dass ihr Status als &#8222;Verlorene&#8220; zwar durchaus etwas mit Umständen, aber wohl auch etwas mit ihnen zu tun hat. Allzu leicht erscheint ihr Handeln in erster Linie als deviant und nicht als innovativ. Dagegen hält vor allem Ulrich Beck, der das Motiv des Innovativen und Avantgardistischen aufnahm. Er attestierte den &#8222;Kinder der Freiheit&#8220; mehr Zukunftsfähigkeit als den gesellschaftlichen Institutionen und ihren Repräsentanten (Beck 1997).</p>
<p>Nun also die Ostdeutschen. Dass die eingangs vorgestellte öffentliche Wahrnehmung dem Vollbild der sozialen Problemgruppe entspricht, muss nicht näher erläutert werden. Allerdings machten ostdeutsche Jugendliche in den vergangenen Jahren nicht, zumindest nicht nur wegen ihrer Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit und ihren politischen Einstellungen von sich reden. Sie erregten bundesweit, vor allem jedoch in den neuen Ländern selbst, dadurch Aufsehen, dass sie im starken Maße den ostdeutschen Regionen den Rücken kehrten, sei es der Ausbildung oder der Arbeit oder schlicht der Liebe wegen (u.a. Landua 2007, Friedrich&amp;Schulz 2005, Dienel et al. 2004). Der Begriff der &#8222;verlorenen Generation&#8220; bekommt damit noch einmal eine ganz andere Konnotation.</p>
<p>Die Fakten sind schnell genannt. Zwischen 1991 und 2005 wanderten gut 2,8 Millionen Personen ab, 1,9 Millionen Menschen zog es in die neuen Länder (Grobäcker u. a. 2007:49). Es bleibt also ein Nettoverlust von rund einer Million Menschen. Ein Gutteil der Fortzüge erfolgte in den Jahren 1989/1990. Nach einem leichten Rückgang in der ersten Hälfte der 1990er Jahre, stieg die Zahl der Fortzüge seit 1996 wieder an. Ihren Höhepunktpunkt erreichte diese neuerliche Welle von Fortzügen im Jahr 2001. Seither nehmen die Abwanderungszahlen zwar wieder ab, die Wanderungssalden fallen jedoch nach wie vor zu Gunsten der alten Bundesländer aus (Speck&amp;Schubarth 2009:22, Granato&amp;Niebuhr 2009:3). Die Ost-West-Binnenmigration ist sowohl alters- als auch geschlechtsselektiv. Etwas salopp formuliert: Es kommen vor allem Ältere und Männer in die neuen Bundesländer; es gehen in erster Linie Jüngere und Frauen (Mai 2006). Unstrittig ist, dass es sich bei den jungen Ostdeutschen, die gehen, in der Regel um gut Qualifizierte handelt. Als auch im internationalen Vergleich ungewöhnlich gilt die Wanderungsaktivität von Frauen. Rund 65 Prozent der zwischen 1991 und 2005 Abgewanderten in der Altersgruppe von 18 bis 24 waren weiblich (Kröhnert 2009:93). Die 8 ostdeutschen NUTS 2-Regionen, das ist die europäische Raumaufteilung Ostdeutschlands, weisen in den Geburtsjahrgängen von 1972 bis 1981 das größte &#8222;Frauendefizit&#8220; aller europäischen Regionen auf (ebd.). Nach Lage der Dinge ist damit weitere Mobilität vorprogrammiert.</p>
<p>Vor allem die Medien, aber auch die älteren Ostdeutschen setzen zwei Erscheinungsformen von Jugend zueinander in Bezug. Die Diskussion bewegt sich zum einen entlang der Differenz <i>Qualifizierte/Nichtqualifizierte</i>. Das überrascht wenig, ist doch praktisch in jedem Zeitungsartikel die Rede davon, dass vor allem qualifizierte junge Menschen die neuen Länder verlassen. Mehr ist allerdings gar nicht nötig, damit die Gebliebenen ein Erklärungsproblem haben. Zum anderen wird die Diskussion durch die Differenz von <i>Heimat/Fremde </i>bestimmt. So nehmen beispielsweise Eltern das Abwandern ihrer Kinder als pure Notwendigkeit wahr, die Letztere mit einem Verlust ihrer Heimat bezahlen (Merkel 2004:58). Auch in den Initiativen, Programmen und Projekten, die, die Landesregierungen der neuen Länder auf den Weg gebracht haben, um die Abwanderung und/oder ihre Folgen zu mindern, wird auf das <i>Heimatgefühl </i>der Mobilen rekurriert. Erinnert sei an die vor einigen Jahren vom Land Sachsen-Anhalt verschickten Heimatpäckchen, die mittels regionalspezifischer Produkte die Heimatbindung der Gegangenen stärken sollten. Noch jüngst warb die Agentur MV4YOU mit der rhetorischen Frage nach dem Heimweh unter den abgewanderten Landeskindern um Aufmerksamkeit für heimische Stellenangebote. Die Rede von Qualifizierten und Nichtqualifizierten, von Heimat und Fremde &#8211; das ist erkennbar das Vokabular, in dem problematisch gewordene Generationenbeziehungen zum Ausdruck kommen.</p>
<h2 class="auto-created">&bdquo;Gestern&ldquo; und &bdquo;heute&ldquo;: Ostdeut&shy;scher Genera&shy;ti&shy;o&shy;ne&shy;n&shy;aus&shy;tausch </h2>
<p>Im Grunde ist es schon überraschend, dass ein an sich normales, zudem noch als Vorrecht der Jugend geltendes Verhalten so viel Aufmerksamkeit bei Eltern, Wirtschaftsvertretern und ostdeutschen Landesregierungen auslösen konnte. Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht von Auswanderung, sondern von einer überwiegend <i>innerdeutsch </i>ausgerichteten Binnenwanderung. Noch merkwürdiger ist, dass die nicht unbeträchtliche und ebenfalls zu regionalen Disparitäten beitragende &#8222;innerostdeutsche&#8220; Binnenmigration praktisch nicht thematisiert wird (dazu Steiner 2004).</p>
<p>Es liegt nah, diese Perspektivverkürzung in erster Linie als Ausdruck der notorischen Ost-West-Mentalitätsdifferenzen anzusehen. Zwar lassen sich in der Tat Interpretationsunterschiede der durch Wanderung und Geburtenrückgang ausgelösten Bevölkerungsschrumpfung in Ostdeutschland erkennen. Sie sind auch durchaus dazu angetan, zu einer Emotionalisierung der Debatte und einer Verstärkung des Wanderungsgeschehens selbst beizutragen. Denn: Wer liest, dass in den ostdeutschen Regionen bald nur noch die &#8222;arbeitslosen Stadtdeppen ohne Chance auf Paarbeziehung&#8220; (DER SPIEGEL 2003:24) herumirren werden, wird zwangsläufig überlegen, ob er sich dem Risiko aussetzt, bald dieses fragwürdige Label zu tragen.</p>
<p>Trotzdem ist dies meines Erachtens nach nicht die Ursache für die spätestens mit der Abwanderungsdebatte offenkundig gewordenen Probleme des ostdeutschen Generationenaustausches. Sie resultieren daraus, dass bisher keine Form gefunden wurde, mit den stark schwankenden Jahrgangsstärken ostdeutscher Jugendlicher in Zeiten ausgeprägter sozialer Strukturbrüche und wirtschaftlicher Krise angemessen umzugehen.</p>
<p>Bekanntermaßen traf der 1990 beginnende soziale und wirtschaftliche Umbau junge Menschen besonders hart. So sie zum Zeitpunkt der Wende bereits eine berufliche Ausbildung abgeschlossen hatten, gehörten sie nicht zu den bevorzugten Gruppen betrieblicher Sozialpläne. Wenn sie die Schule gerade verlassen hatten, standen insbesondere betriebliche Ausbildungsplätze &#8211; in Ost und West damals wie heute der wichtigste Ausbildungspfad ins Erwerbsleben &#8211; nur noch in geringem Umfang zur Verfügung. Dies aufzufangen, wurde eine der Hauptaufgaben der Arbeitsmarktpolitik in den neuen Ländern. Erschwerend kam hinzu, dass in der ersten Hälfte der 1990er Jahre &#8211; gewissermaßen als Erbe der DDR-Familienpolitik &#8211; von Jahr zu Jahr mehr Schulabsolventen auf den von wirtschaftlichen Strukturbrüchen gezeichneten Ausbildungs- und Arbeitsmarkt strebten.</p>
<p>Die starke Nachfrage nach Ausbildung und Arbeit wurde durch öffentlich geförderte Ausbildungsplätze, Umschulungen und arbeitsmarktpolitische Beschäftigungsmaßnahmen aufgefangen. Ausdrückliches Ziel war es, den wirtschaftlichen Strukturwandel zu unterstützen und vor allem jungen Fachkräften eine (neue) berufliche Perspektive in den neuen Ländern zu geben.</p>
<p>Wenn es um Jugendliche geht, dann schätzten Ältere die Lage häufig bedrohlicher ein als die Betroffenen selbst (vgl. Schubarth&amp;Speck 2006). Über die Jugendlichen der Jahre 1989/1990 wird berichtet, dass sie den Untergang der DDR in der Regel nicht als Bruch, sondern als eigentlichen Beginn ihres Lebens wahrnahmen, und zwar <i>trotz </i>des damit verbundenen Obsoletwerdens ihrer privaten und beruflichen Pläne (Mayer&amp;Schulze 2009:230, Bürgel 2004:20, Lindner 2003:38). Ihre Orientierung an Selbstbestimmung, beruflichen und privaten Freiräumen sowie an materieller Sicherheit teilen die damals jungen Ostdeutschen mit ihren &#8222;jüngeren Geschwistern&#8220;. Wie Studien zu den Abwanderungsmotiven zeigen, wird Mobilität nicht nur durch den unbestreitbaren Mangel an beruflichen Gelegenheiten in den neuen Ländern motiviert, sondern auch durch aussichtsreiche berufliche Positionen, bessere Aufstiegsmöglichkeiten und höhere Verdienste. Seibert und Buch konnten in ihrer Untersuchung junger Erwachsener aus Brandenburg zeigen, dass regionale Mobilität in der Tat die berufliche Position deutlich verbessert, und zwar interessanterweise sowohl für Hoch- als auch für Geringqualifizierte (Seibert&amp;Buch 2009).</p>
<p>Vielleicht hat ja die Auffassung älterer Ostdeutscher, die Abwanderung ihrer Kinder sei vor allem dem Mangel an Arbeit zu Hause geschuldet, vor allem mit den seit Mitte der 1990er Jahre zu beobachtenden Stagnationstendenzen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt zu tun. Anders als in den turbulenten Anfangsjahren, wo zwar massenhaft Arbeitsplätze verloren gingen, sich jedoch gleichzeitig auch neue Gelegenheiten auch und gerade für junge Menschen eröffneten, blieb ein starker wirtschaftlicher Aufschwung aus, der zusätzliche neue Arbeitsplätze hätte bringen können. Darüber hinaus gab es in ostdeutschen Unternehmen auch nur vergleichsweise geringe Ersatzbedarfe, da der Beschäftigungsabbau neben den Jüngeren durch die Frühberentungen vor allem auch die Älteren betroffen hatte. Angesichts dessen ist regionale Mobilität eine nahe liegende Lösung, die nicht zuletzt die Agenturen für Arbeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen forderten und mittels Mobilitätsbeihilfen auch förderten (Dittrich 2003; 19ff.).</p>
<p>Bereits früh wurde darauf aufmerksam gemacht, dass eine auf berufliche Mobilität Junger setzende Arbeitsmarktpolitik und das &#8222;personalwirtschaftliche Moratorium&#8220; ostdeutscher Unternehmen zu einem Mangel an Fachkräften führen können (Felber 1996, Lutz 2000). Burkart Lutz befürchtet sogar, dass ein beträchtlicher Teil ostdeutscher Unternehmen angesichts der auf Grund des Geburteneinbruches in den neuen Ländern rasch sinkenden Jahrgangsstärken in eine &#8222;demografische Falle&#8220; gerate, wenn nicht rechtzeitig in die Ausbildung von Fachkräften investiert werde (ebd.).</p>
<p>Die möglichen Konsequenzen sind in den Unternehmen seit Längerem bekannt. Und sicherlich haben etliche Unternehmen ihre Personalstrategien auf den drastischen Nachfragerückgang ausgerichtet. Allerdings reicht dies nicht für eine generelle Trendwende auf dem ostdeutschen Ausbildungs-und Arbeitsmarkt. Noch 2006 erlernte über ein Viertel aller Auszubildenden ihren Beruf nicht in originären Unternehmen, sondern im Rahmen von öffentlich geförderten Ausbildungen. Die Übernahmequote ostdeutscher Unternehmen lag im selben Jahr bei rund 44 Prozent und damit unter dem Wert des Jahres 2000 (46 Prozent). Zum Vergleich: In den Altbundesländern wurde im Jahr 2006 mehr als jeder zweite Absolvent vom Ausbildungsunternehmen übernommen (57 Prozent) (alle Angaben Speck&amp;Schubarth 2009:25ff, dazu auch Lutz&amp;Wiekert 2008).</p>
<p>Zugenommen haben in den letzten Jahren jedoch die Klagen über Schwierigkeiten, geeignete Bewerber und ausgebildete Fachkräfte zu finden. Angesichts der eben vorgestellten Zahlen scheint mir das weniger eine Frage der Quantität als der Qualität der Gesuchten zu sein. Ostdeutsche Unternehmen sind vergleichsweise anspruchsvoll bei der Auswahl ihrer Auszubildenden und Mitarbeiter. Ein guter mittlerer Schulabschluss, der Erwerb zusätzlicher Qualifikationen und die Betrieblichkeit der absolvierten Ausbildung gehören zu den förderlichen Voraussetzungen für die Über- und Aufnahme ins Unternehmen (Steiner 2007:180ff.). Voraussetzungen, die viele junge Erwachsene nicht mehr erfüllen. Sie sollen sich zudem in Unternehmen einpassen können, deren Leistungs- und Sozialsystems erkennbar auf die lebensweltlichen und motivationalen Bestände der Älteren ausgerichtet sind (Behr 2004). Kein Wunder, dass die Suche nach geeigneten Fachkräften da schwer wird. Man kann auf mehr Marktförmigkeit und Mobilität setzen als es traditionell in der Bundesrepublik und in der DDR beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Erwerb üblich war, man kann aber nicht erwarten, dass die jungen Menschen dann genauso sind, wie sie früher einmal waren.</p>
<h2 class="auto-created">&bdquo;Oben&ldquo; und &bdquo;unten&ldquo;: Ausdif&shy;fe&shy;ren&shy;zie&shy;rung sozialer Lagen </h2>
<p>Dies wird umso deutlicher, wenn man die sozialen Lagen junger Menschen eingehender betrachtet. Um die weiter oben angeführte Diskrepanz zwischen der erwachsenen Sorge und die jugendliche Unbekümmertheit hinsichtlich der Zukunft hier noch einmal aufzugreifen: Die Sorge war durchaus nicht unberechtigt. Die Bildungs- und Erwerbsbiografien junger Menschen sind insbesondere an den Passagen in die Ausbildung und in die erste Erwerbstätigkeit erkennbar brüchig geworden. Junge Menschen sind häufiger als noch vor einiger Zeit in befristeten Beschäftigungsverhältnissen zu finden und investieren auch nach der Ausbildung mehr in Bildung als ihre Elterngeneration. Das gilt für junge Ostdeutsche ebenso wie für junge Westdeutsche, wenngleich die Abweichungen von der traditionellen Normal(arbeits-)biografie unter den Ostdeutschen deutlich ausgeprägter sind.</p>
<p>Karl Ulrich Mayer und Eva Schulze (2009) haben jüngst die Ergebnisse ihres Vergleiches der Lebensverläufe von 1971 geborenen Ost- und Westdeutschen vorgestellt. Bei den ostdeutschen Angehörigen dieses Geburtsjahrganges galt die Perspektive aufgrund des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandels als wenig aussichtsreich; in den alten Ländern erwartete man wegen des Lehrstellenmangels und der anhaltenden Arbeitsmarktkrise eine &#8222;verlorene Generation&#8220; (S. 22f).</p>
<p>Die beiden Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Phase der beruflichen Etablierung bei den Angehörigen dieses Geburtsjahrganges zwar insgesamt gesehen vergleichsweise positiv verlief, allerdings das Arbeitslosigkeitsrisiko hoch war: Bis zu ihrem 34. Lebensjahr hatten zwei Drittel der Ost- und ein Drittel der Westdeutschen Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit gesammelt. Mit Ausnahme der ostdeutschen Frauen summierte sich die Arbeitslosigkeitsdauer auf ein Jahr; für diese lag sei bei mehr als zwei Jahren (S. 231). Im Unterschied zu ihren westdeutschen Altersgefährten wurden die Ostdeutschen häufiger regional mobil. Das überrascht angesichts der bisher vorgestellten Befunde nicht. Allerdings musste sich die Mehrheit auch unter den Bedingungen des westdeutschen Arbeitsmarktes beruflich neu orientieren, in der Regel wurde daher eine weitere Ausbildung absolviert. Doppel- bzw. Mehrfachausbildungen waren auch für die jungen Westdeutschen typisch (140ff.). Ebenfalls im Unterschied zu den jungen Erwachsenen aus den Altländern waren Ostdeutsche seltener in gehobenen beruflichen Positionen und hatten geringere Einkommen (S. 232).</p>
<p>Es spricht Einiges dafür, dass die nachfolgenden Geburtsjahrgänge noch größere Schwierigkeiten hatten. So gelangten beispielsweise die ostdeutschen Angehörigen des Geburtsjahrganges 1980 zum überwiegenden Teil sehr schnell in eine berufliche Ausbildung. Rund 80 Prozent der Haupt- und Realschulabsolventen hatten innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Schulabschluss eine berufliche Ausbildung aufgenommen. Von den Verbleibenden fand der größte Teil in den nächsten 18 Monaten einen Ausbildungsplatz. Gänzlich ohne Zugang zum Ausbildungssystem blieben nur wenige Jugendliche. Allerdings kam diese Bilanz nur aufgrund der zusätzlichen öffentlichen Ausbildungskapazitäten zustande.</p>
<p>Ausgeprägte Probleme zeigten sich jedoch beim Einstieg ins Erwerbsleben. Selbst wenn eine berufliche Ausbildung erfolgreich abgeschlossen wurde, konnte rund ein Fünftel der Ausbildungsabsolventen in den ersten zwei Jahren nach Abschluss der Ausbildung keinerlei Beschäftigung finden (alle Angaben Steiner et al. 2004:14ff.). Besonders betroffen waren dabei die Absolventen der geförderten Ausbildungsgänge, und zwar zum einen, weil eine Übernahme-Option hier von Anfang an ausgeschlossen ist, zum anderen, weil auch unter Berücksichtigung der Unterschiede in den Ausbildungsberufen, der schulischen Fortbildung und der geschlechtsspezifischen Zusammensetzung der Absolventen, von der Tatsache, eine geförderte Ausbildung durchlaufen zu haben, ein negativer Effekt ausging. Dies spricht für eine erkennbare Diskriminierung (Prein 2005). Eine Interpretation, die nicht zuletzt durch die weiter oben vorgestellten Kriterien ostdeutscher Unternehmen für die Bewerberauswahl unterstützt wird.</p>
<p>Liest man den im vergangenen Jahr erschienenen Bildungsbericht für die Bundesrepublik, dann haben sich die Integrationsrisiken für Jugendliche generell, d.h. auch für junge Westdeutsche spürbar erhöht (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008: 153ff.). Auch im internationalen Vergleich zeichnet sich ab, dass junge Menschen nicht zu den Profiteuren der letzten Umdrehungen des globalen Kapitalismus gehören (u. a. Tham 1999, Warner-Weil u. a. 2005, Blossfeld 2006). Unruhen und Proteste wie in Frankreich im Jahr 2005 oder jüngst in Griechenland oder die Aufmerksamkeit, die ein Begriff wie &#8222;Generation Praktikum&#8220; in der Bundesrepublik auslöste, lassen erkennen, dass sich offenbar ein breiter Personenkreis von Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg bedroht sieht.</p>
<p>Wichtig scheinen mir in diesem Zusammenhang die umfangreicher gewordenen Bildungsanstrengungen (längere Bildungsdauern, Mehrfachausbildungen) zu sein, die sich offenbar weniger für soziale Aufstiege denn zur Statussicherung einsetzen lassen. Wichtig scheint mir jedoch auch die Kontextabhängigkeit der Verwertbarkeit von Ausbildungsgängen zu sein, wie sie am Beispiel der geförderten Ausbildungsgänge in Ostdeutschland deutlich wurde. Da beides von der Herkunft, insbesondere jedoch von den Ressourcen der Familie abhängt &#8211; längere Bildungszeiten muss man sich auch leisten können -, werden sich die bestehenden sozialen Ungleichheiten zwischen Ost und West wohl eher fortschreiben denn abbauen.</p>
<h2 class="auto-created">Fazit: Zwischen den Zeiten </h2>
<p>Ende der 1990er Jahre habe ich eine Reihe von Interviews mit ostdeutschen Jugendlichen und deren Eltern geführt. Wir haben vor allem über die Wünsche und Sorgen, die Pläne und damit verbundenen Schwierigkeiten für die Zeit nach der Schule gesprochen. Eine der Mütter sagte damals, dass man im Wesentlichen damit beschäftigt sei, soweit wie möglich ein normales Leben zu führen und irgendwie durch die Zeit zu kommen (Steiner 2005).</p>
<p>Das brachte das Lebensgefühl der meisten Familien, die ich besucht hatte, ganz gut zum Ausdruck. Und es ist eine gute Beschreibung der Situation in der sich Jugendliche, und zwar nicht nur ostdeutsche Jugendliche, befinden. Die für Jugendliche und junge Erwachsene einst geltende Absehbarkeit der beruflichen Integration, für die vor allem die betriebliche Ausbildung, aber auch der Ausbildungsberuf stand, hat insbesondere in den neuen Ländern erkennbar abgenommen. Ob und inwieweit persönliches Engagement weiterführt und die Lebensperspektive sicherer macht, hängt von den Wechselfällen des Arbeitsmarktes ab.</p>
<p>Nach nunmehr 20 Jahren ähnlicher Problemlagen beim Ausbildungs- und Erwerbseinstieg junger Menschen macht die Bezeichnung der &#8222;verlorenen Generation&#8220; für die davon Betroffenen kaum Sinn, und zwar weder in Ost noch in West. Sie scheinen mir eher in der neuen, flexiblen Arbeitswelt Angekommene zu sein.</p>
<p>Vielleicht sollte man daher Einschätzungen zum Stand der Einheit, wie sie beispielsweise im Rahmen der sächsischen Längsschnittstudie erhoben werden, als das nehmen, was sie sind: Einigermaßen realistische Einschätzungen zur Lage. Im Rahmen dieser Langzeituntersuchung werden seit 1987 damals zirka 14 Jahre alte Jugendliche bis heute zu verschiedenen Aspekten ihres Lebens wiederholt befragt. Während im Vereinigungsjahr 1990 die damals so um 17 Jahre alten Teenager der Ansicht waren, dass es lediglich sechs Jahre bis zur wirtschaftlichen und zirka acht Jahre bis zur &#8222;inneren Einheit&#8220; dauern würde, terminierten in der 20. Erhebungswelle (2006) die Befragten die wirtschaftliche Einheit auf das Jahr 2023 und die &#8222;innere Einheit&#8220; auf 2028. Dann werden die Jugendlichen des Jahres 1987 50 Jahre alt sein (Berth u.a. 2009).</p>
<p>[1] Auf eine Auflistung entsprechender Presseberichte wird an dieser wie auch an andere Stelle aus Platzgründen und um der besseren Lesbarkeit willen verzichtet. Ein guter Überblick über die Debattenlage findet sich in dem von Wilfried Schubarth und Karsten Speck (2009) herausgegeben Sammelband zur regionalen Abwanderung Jugendlicher.</p>
<p>[2] Man denke beispielsweise an Talcott Parsons, der die Integration der &#8222;barbarian invasions&#8220;, d.h. der Eintritt der neuen Generationen als einen für jede Gesellschaft kritischen Punkt ansah (Parsons 1951:208).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Autorengruppe Bildungsberichterstattung,</i> 2008: Bildung in Deutschland 2008. Bertelsmann Bielefeld.</p>
<p><i>Bahrmann, Hannes, Links, Christoph</i> (Hrsg.) 2005: Am Ziel vorbei. Die deutsche Einheit- eine Zwischenbilanz, Ch. Links Berlin.</p>
<p><i>Beck, Ulrich,</i> 1997: Die Kinder der Freiheit, Suhrkamp Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Behr, Michael,</i> 2004: Jugendentwöhnte Unternehmen in Ostdeutschland. Eine Spätfolge des personal-wirtschaftlichen Moratoriums, in: Lutz, Burkart et al. (Hrsg.): Jugend &#8211; Ausbildung &#8211; Arbeit, Bildung und Beschäftigung in Ostdeutschland, Bd.2, Berliner Debatte Wissenschaftsverlag Berlin, S. 143-188.</p>
<p><i>Berth, Hendrik </i>et al. 2009: Wie Jugendliche / junge Erwachsene die deutsche Einheit erleben. Die Sächsische Längsschnittstudie, Online-Dossier, Bundeszentrale für Politische Bildung.</p>
<p><i>Blossfeld, Hans-Peter</i> (ed.), 2006: Globalization, Uncertainty and Youth in Society. London Routledge.</p>
<p><i>Bürgel, Tanja,</i> 2004: Mauerfall-Kinder. Wie orientieren sich junge Ostdeutsche 15 Jahre nach der Wende? Berliner Debatte Initial 15(2004)4, S. 16-25.</p>
<p><i>DER SPIEGEL</i>, Nr. 43 vom 20.10.2003.</p>
<p><i>Dienel, Christiane</i> et al., 2004: Zukunftschancen junger Frauen in Sachsen-Anhalt. Abschlussbericht, Ms-Hochschule Magdeburg-Stendal.</p>
<p><i>Dittrich, Hans,</i> 2003: Förderung auf hohem Niveau. Das Jugendsofortprogramm zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit &#8211; 1999 &#8211; 2002, IAB-Werkstattbericht Nr. 9 vom 7.8.2003.</p>
<p><i>Felber, Holm</i> 1996: Berufsstart &#8211; Zukunft ohne Garantien, in: Nickel, Hildegard-Maria et al. (Hrsg.): Erwerbsarbeit und Beschäftigung im Umbruch, 2. durchgesehene Auflage, Leske+Budrich Opladen, S. 313-334.</p>
<p><i>Friedrich, Karl, Schulz, Andrea,</i> 2005: Mit einem Bein noch im Osten? Abwanderung aus Ostdeutschland in sozialgeografischer Perspektive, in: Dienel, Christiane (Hrsg.): Abwanderung, Geburtenrückgang und regionale Entwicklung, Ursachen und Folgen des Bevölkerungsrückgangs, VS-Verlag Wiesbaden, S. 203-216.</p>
<p><i>Förster, Peter</i> 2003. Junge Ostdeutsche heute: doppelt enttäuscht. Ergebnisse einer Längsschnittstudie zum Mentalitätswandel zwischen 1987 und 2002. Aus Politik und Zeitgeschichte, 15, S. 6-17.</p>
<p><i>Geißler, Rainer</i> 1999: Sozialer Wandel, in: Weidenfeld, Werner, Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit. 1949-1989-1999. Campus-Verlag Frankfurt am Main, aktualisierte Neuausgabe 1999, S. 681-695.</p>
<p><i>Granato, Nadia; Niebuhr, Annekatrin,</i> 2009: Verluste in Ostdeutschland gehen zurück. IAB-Kurzbericht 7/2009.</p>
<p><i>Grobäcker, Claire</i> et al. Bevölkerungsentwicklung 2005, Wirtschaft und Statistik 1/2007, S. 45-57.</p>
<p><i>Golz, Hans-Georg</i> 2000: Verlorene Generation Ost? Jugend in Ostdeutschland zehn Jahre nach der Vereinigung, in: Thierse,Wolfgang, Spittmann-Rühle, Ilse, Kuppe, Johannes (Hrsg.): Zehn Jahre deutsche Einheit, Leske+Budrich Opladen, S. 161-172.</p>
<p><i>Huinink, Johannes, Mayer, Karl Ulrich,</i> 1993: Lebensläufe im Wandel der DDR-Gesellschaft, in: Joas, Hans, Kohli, Martin (Hrsg.): Der Zusammenbruch der DDR. Soziologische Analysen, Campus-Verlag Frankfurt am Main, S. 151-171.</p>
<p><i>Hufnagel, Rainer, Simon, Titus</i> (Hrsg.) 2004: Problemfall Deutsche Einheit: interdisziplinäre Betrachtungen zu gesamtdeutschen Fragestellungen, VS-Verlag Wiesbaden.</p>
<p><i>Keupp, Heiner,</i> 1997: Von der (Un-)Möglichkeit, erwachsen zu werden. Jugend heute als &#8222;Kinder der Freiheit&#8220; oder als &#8222;verlorene Generation&#8220;, Journal für Psychologie, 5(1997)4, S. 36-54.</p>
<p><i>Kröhnert, Steffen,</i> 2009: Analysen zur geschlechtsspezifisch geprägten Abwanderung Jugendlicher, in. Schubarth, Wilfried, Speck, Karsten (Hrsg.): Regionale Abwanderung Jugendlicher. Theoretische Analysen, empirische Befunde und politische Gegenstrategien, Juventa Weinheim, S. 91-110.</p>
<p><i>Landua, Detlef, </i>2007: Migrationswünsche, in: Sturzbecher, Dietmar, Holtmann, Dieter (Hrsg.): Werte, Familie, Politik, Gewalt &#8211; Was bewegt die Jugend?, LIT Berlin, S. 197-210.</p>
<p><i>Lindner, Bernd,</i> 2003: Zwischen Integration und Distanzierung. Jugendgenerationen in der DDR in den sechziger und siebziger Jahren, Aus Politik und Zeitgeschichte, 45, S. 33-39.</p>
<p><i>Lutz, Burkart,</i> 2000: , Versuch einer ersten Bilanz. Der blockierte Generationenaustausch als dominierender Tatbestand, in: ders. u.a. (Hrsg.): Bildung und Beschäftigung in Ostdeutschland. Forschungsergebnisse aus dem zsh, Bd. 1, Berlin Berliner Debatte Wissenschaftsverlag, S. 199-215.</p>
<p><i>Lutz, Burkart, Wiekert, Ingo,</i> 2008: Ostdeutsche Unternehmen in der Falle oder im Paradigmenwechsel, Arbeits- und Industriesoziologische Studien, 1(2008)2, S. 6-26.</p>
<p><i>Mai, Ralf,</i> 2006: Die altersselektive Abwanderung aus Ostdeutschland, Raumforschung und Raumordnung (RuR), 5/2006, S. 355-369.</p>
<p><i>Mannheim, Karl,</i> 1927 [1970]: Das Problem der Generationen, in: Wolff, Kurt H. (Hrsg.): Karl Mannheim. Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk, Luchterhand Berlin, S. 509-565.</p>
<p><i>Mayer, Karl-Ulrich; Schulze, Eva,</i> 2009: Die Wendegeneration. Lebensverläufe des Jahrgangs 1971, Campus-Verlag Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Merkel, Ina,</i> 2004: Hiergeblieben! Jugend in Pensionopolis, Berliner Debatte Initial 15(2004)4, S. 56-63.</p>
<p><i>Noll, Heinz-Herbert, Habich, Roland</i> (Hrsg.) 2000: Vom Zusammenwachsen einer Gesellschaft. Analysen zur Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland, Campus-Verlag Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Parsons, Talcott, </i>1951: The Social System, Macmillan London.</p>
<p><i>Prein, Gerald, </i>2005: Die Maßnahme und die Folgen. Über die Konsequenzen der öffentlichen Förderung der Berufsausbildung in Ostdeutschland für die Einmündung in das Erwerbssystem, in: Wiekert, Ingo (Hrsg.): Zehn aus Achtzig. Burkart Lutz zum 80. Berlin: Berliner Debatte Wissenschaftsverlag, S. 191-208.</p>
<p><i>Schubarth, Wilfried; Speck, Karsten,</i> 2006: &#8222;Jugend Ost&#8220; &#8211; kein Thema mehr für die Jugendforschung? Ergebnisse einer Jugend- und Expertenstudie zur &#8222;Jugend und Jugendforschung in Ostdeutschland&#8220;, in: Ittl, Andrea et al (Hrsg.): Jahrbuch Jugendforschung, 6. Ausgabe 2006, VS-Verlag Wiesbaden.</p>
<p><i>Schubarth, Wilfried; Speck, Karsten,</i> 2009: Regionale Abwanderung Jugendlicher. Theoretische Analysen, empirische Befunde und politische Gegenstrategien, Juventa Weinheim.</p>
<p><i>Seibert, Holger; Buch, Tanja,</i> 2009: Analysen zur arbeitsmarktbedingten Abwanderung Jugendlicher, Regionale Mobilität zur Verbesserung der Arbeitsmarktplatzierung von jungen Erwachsenen aus Berlin-Brandenburg, in: Schubarth, Wilfried; Speck, Karsten, 2009: Regionale Abwanderung Jugendlicher. Theoretische Analysen, empirische Befunde und politische Gegenstrategien, Juventa Weinheim, S. 111-133.</p>
<p><i>Speck, Karsten; Schubarth, Wilfried,</i> 2009: Regionale Abwanderung Jugendlicher als Teil des demografischen Wandels &#8211; eine ostdeutsche oder gesamtdeutsche Herausforderung?, in. diess. (Hrsg.): Regionale Abwanderung Jugendlicher. Theoretische Analysen, empirische Befunde und politische Gegenstrategien, Juventa-Weinheim, S. 11-39.</p>
<p><i>Steiner, Christine</i> <i>et al., </i>2004: Land unter Ostdeutsche Jugendliche auf dem Weg ins Beschäftigungssystem, Forschungsberichte aus dem zsh 04-1.</p>
<p><i>Steiner, Christine</i>, 2004: Bleibst du noch oder gehst du schon?, Berliner Debatte Initial 15(2004)4, S. 42-55.</p>
<p><i>Steiner, Christine,</i> 2005: Bildungsentscheidungen als sozialer Prozess. Eine Untersuchung in ostdeutschen Familien, VS-Verlag Wiesbaden.</p>
<p><i>Steiner, Christine</i> 2007: Von Problemfällen und Hoffnungsträgern. Integrationsprobleme ostdeutscher Jugendlicher an der zweiten Schwelle, in Berger, Klaus, Grünert, Holle (Hrsg): Zwischen Markt und Förderung &#8211; Wirksamkeit und Zukunft von Ausbildungsplatzstrukturen in Ostdeutschland, Schriftenreihe des Bundesinstitutes für Berufsforschung Bonn, S. 167-186.</p>
<p><i>Tham, Barbara,</i> 1999: Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union: Integration oder Marginalisierung? Europa-Union-Verlag Bonn.</p>
<p><i>Thierse, Wolfgang, Spittmann-Rühle, Ilse, Kuppe, Johannes</i> (Hrsg.) 2000: Zehn Jahre deutsche Einheit, Leske+Budrich Opladen.</p>
<p><i>Warner-Weil, Susan</i> u. a., 2005: Unemployed youth and social exclusion in Europe: Learning for inclusion? Aldershot Ashgate</p>
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		<title>Die doppelte Öffentlichkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 17:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ursachen der Ost-West-Unterschiede bei der Mediennutzung aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 76-94 SuperIllu vs. Spiegel: Es gibt kaum ein besseres Bild für die unsichtbare Grenze zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands. Nachrichtenmagazine sowie überregionale Zeitungen kommen in den &#8222;neuen&#8220; Ländern nach wie vor auf deutlich geringere Reichweiten als im Alt-Bundesgebiet, und dass [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ursachen der Ost-West-Unterschiede bei der Mediennutzung</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 76-94</p>
<p><i>SuperIllu </i>vs. <i>Spiegel</i>: Es gibt kaum ein besseres Bild für die unsichtbare Grenze zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands. Nachrichtenmagazine sowie überregionale Zeitungen kommen in den &#8222;neuen&#8220; Ländern nach wie vor auf deutlich geringere Reichweiten als im Alt-Bundesgebiet, und dass die Ostdeutschen anders fernsehen als die Westdeutschen, ist schon deshalb Teil der Allgemeinbildung geworden, weil dieser kleine Unterschied vor allem die Medienforscher in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten stark beschäftigt hat (vgl. Spielhagen 1995, Darschin &amp; Zubayr 2000, Frey-Vor et al. 2002a, b). Die Intendanten Dieter Stolte (ZDF) und Hansjürgen Rosenbauer (ORB) sprachen bereits vor knapp anderthalb Jahrzehnten von einer &#8222;doppelten Öffentlichkeit&#8220; (vgl. Stolte &amp; Rosenbauer 1995). Wie kann ein Land zusammenwachsen, wenn die Menschen auf der einen Seite &#8222;themenmüde&#8220; sind, &#8222;kritische Dinge&#8220; verweigern und stattdessen eine &#8222;Ostille&#8220; kaufen, die &#8222;auf Schicksale, Klatsch und Service setzt&#8220; (Bouhs 2009)? Wie soll Gemeinsamkeit entstehen und wie ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis, wenn die Ostdeutschen andere Informationsquellen nutzen und damit zwangsläufig andere Relevanzstrukturen entwickeln als die Westdeutschen? Und vor allem: Was bleibt an Begründungen, wenn man kaum noch der DDR die Schuld geben kann, weil die Unterschiede sehr stabil sind und auch in den Geburtskohorten auftreten, die nicht mehr in einer gelenkten und kontrollierten Medienumgebung aufgewachsen sind?</p>
<p>Dieser Beitrag liefert zwei Deutungsangebote: Ostdeutsche nutzen Medien anders als Westdeutsche, weil sie erstens ihre soziale Position und ihre Aufstiegschancen schlechter einschätzen und weil die gesamtdeutschen Leitmedien zweitens ein Bild der DDR zeichnen, in dem sich viele einstige Bürger dieses Landes nicht wiederfinden und so auf andere Angebote ausweichen müssen, um diesen Teil ihrer Identität angemessen bearbeiten zu können. Um diese beiden Thesen zu untermauern, werden zunächst die aktuellen Muster der Mediennutzung skizziert sowie die Erklärungsversuche, die es für den Ost-West-Graben in diesem Bereich gibt. Es folgen die Befunde einer medienbiografischen Studie (vgl. Meyen 2003) und einer repräsentativen Telefonbefragung zur Mediennutzung (vgl. Jandura &amp; Meyen 2009), die zeigen, dass die Frage nach regionalen Unterschieden in die Irre führt, weil Ost und West lediglich Synonyme für die soziale Position der Menschen sind.</p>
<h2 class="auto-created">Medien&shy;nut&shy;zung im Osten: Unter&shy;hal&shy;tung und Identit&auml;t </h2>
<p>In Ostdeutschland wird seit der Wiedervereinigung anders ferngesehen als in Westdeutschland. An den drei wichtigsten Unterschieden hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren wenig geändert. Die Ostdeutschen sehen nach wie vor länger fern, sie bevorzugen andere Sender und sind dabei stärker auf Regionalangebote fixiert als die Westdeutschen (vgl. Abbildungen 1 und 2). Die Dominanz von RTL im Osten hat sich in den letzten Jahren zwar etwas verringert, Das Erste und das ZDF sind aber trotzdem lediglich gesamtdeutsche Marktführer und nicht ostdeutsche. In dieses Bild passt, dass die Ostdeutschen den öffentlich-rechtlichen Programmen deutlich weniger Nachrichtenkompetenz zuschreiben als die Westdeutschen und dass RTL hier sogar vor dem ZDF rangiert (vgl. Zubayr &amp; Geese 2009: 164).</p>
<p>Abbildung 1: Fernsehnutzungsdauer in Ost und West (2008) <br />XXXXXX Tabelle</p>
<p>Abbildung 2: TV-Marktanteile nach Programmen <br />XXXXXXX Tabelle</p>
<p>Wenn man das Fernsehen insgesamt als Unterhaltungsmedium begreift und den kommerziellen Anbietern gerade auf diesem Gebiet eine besondere Kompetenz zuschreibt, dann lassen sich die Unterschiede zu dem Befund verdichten, dass Ostdeutsche stärker unterhaltungsorientiert sind als Westdeutsche &#8211; ein Befund, der durch die Schwierigkeiten von (anstrengenden) Qualitätsblättern gestützt wird, im Osten Leser zu erreichen. Dazu kommt eine zweite Besonderheit: die Suche nach einer regionalen (ostdeutschen) Identität, die keineswegs nur von der <i>SuperIllu </i>bedient wird &#8211; unter anderem durch Berichte über DDR-Größen und aktuelle Stars und Sternchen aus dem Osten sowie durch eine Haltung, die Chefredakteur Jochen Wolff auf die Formel &#8222;Respekt vor der Lebensleistung der Menschen in der DDR&#8220; bringt (Bouhs 2009). Wer immer sich im Westen über die TV-und Hörfunkprogramme von MDR und RBB aufregt oder amüsiert (vgl. exemplarisch Tuma 2000): Genau wie die regionalen Abonnementzeitungen, die im Osten zwar mit Auflagenrückgängen kämpfen, aber kaum weniger Reichweite haben als ihre Pendants im Westen, spiegeln diese Sendungen offenbar die ostdeutschen Befindlichkeiten besser als die öffentlich-rechtlichen TV-Hauptprogramme.</p>
<h2 class="auto-created">Den Unter&shy;schieden auf der Spur: Erkl&auml;&shy;rungs&shy;ver&shy;suche in der Literatur </h2>
<p>Die Forschung bietet drei Erklärungen für die unterschiedliche Mediennutzung. Eine erste Gruppe von Studien argumentiert mit dem, was gesendet und gedruckt wird. Auf den Punkt gebracht: Die Ostdeutschen finden im Fernsehen weder ihre Probleme noch ihre Perspektiven, vor allem in den Sendungen nicht, die im Westen produziert werden, auch weil es zum Beispiel bei der <i>Tagesschau </i>in Hamburg nur wenige Journalisten mit ostdeutschen Wurzeln gibt. Inhaltsanalysen haben diese Behauptung zum Teil bestätigt, zum Teil aber auch deutlich differenziert, weil der Osten auch in den reichweitenstarken Unterhaltungsangeboten der kommerziellen Sender deutlich unterrepräsentiert war (vgl. Früh et al. 1999, Frey-Vor et al. 2002b, Früh &amp; Stiehler 2002).</p>
<p>Eine zweite Gruppe von Untersuchungen stellt eher soziodemografische Ursachen heraus. Auch hier wieder auf den Punkt gebracht: Im Osten Deutschlands sind die Bevölkerungsgruppen stärker vertreten, die überall in Deutschland eher unterhaltungsorientiert sind &#8211; Arbeitslose, Rentner und Menschen mit wenig Geld, die ihre Freizeit vor allem daheim verbringen (vgl. Spielhagen 1995, Stolte &amp; Rosenbauer 1995, Schulz 1997, Darschin &amp; Zubayr 2000). Wolfgang Donsbach hat vermutet, das sich &#8222;das Fiktionale&#8220; hier als &#8222;Scheinwelt&#8220; anbiete &#8211; als Gegenpol &#8222;zur eigenen, oft negativ erlebten Realität&#8220;, aber auch als Gegenpol zu der Realität, die in öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen oder Politiktalks konstruiert werde (Donsbach 2007: 53f.).</p>
<p>Die dritte Erklärung überschneidet sich mit diesem letzten Punkt, denn das häusliche Freizeitverhalten könnte in der DDR habitualisiert worden sein. Vor 1989 gab es dort zum einen deutlich weniger funktionale Alternativen zum Fernsehabend daheim (Sportplätze und Schwimmhallen, Gaststätten, Autos und Telefone), und zum anderen war das Freizeitbudget insgesamt knapper als in der alten Bundesrepublik, weil in der DDR länger gearbeitet wurde, weil die Menschen länger unterwegs waren und weil die Mangelwirtschaft und der geringe Technisierungsgrad der Haushalte zusätzlich Zeit kosteten (vgl. Donsbach 2007, Meyen 2003). Das Fernsehen dominierte den Feierabend der DDR-Bürger, weil Medienangebote und hier vor allem Fernsehsendungen besonders geeignet sind, wertlose Zeitlöcher zu stopfen, weil sie Entspannung bringen (vgl. Steinmetz &amp; Viehoff 2008) und weil es hier fast überall im Land mit den Westprogrammen eine Alternative zu den DDR-Medien gab.</p>
<p>Wie der Einfluss der Mediensozialisation interpretiert wird, hängt offenbar vom Auftraggeber ab. RTL-Vermarkter IP Deutschland (2000) präsentierte eine entsprechende Studie mit dem Slogan &#8222;Von den Ostdeutschen lernen, heißt genießen lernen&#8220;. In der DDR habe man die Debatten um das duale Rundfunksystem nicht verfolgt und könne deshalb weit unverkrampfter zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern wechseln. Was im Westen als &#8222;Quotenjagd&#8220; oft verpönt sei, werde im Osten als &#8222;direkte Zuschaueransprache&#8220; erlebt und honoriert. Der Informationsbegriff der Ostdeutschen sei außerdem weiter und schließe Seifenopern, Boulevardmagazine und Quizshows ein &#8211; Domänen der kommerziellen Stationen. ARD und ZDF hätten dagegen schon bald nach 1990 das Image des &#8222;Staatsfernsehens&#8220; bekommen. Die öffentlich-rechtlichen Medienforscher haben dagegen einen Nachholbedarf in Sachen Kommerz-Fernsehen vermutet und den Ostdeutschen unterstellt, in der politischen Kultur des Westens zu fremdeln. Man sei mit dem Informationsangebot überfordert, weil in der DDR erlernte Nutzungstechniken (etwa das Lesen von hinten oder das Umschalten zum &#8222;Klassenfeind&#8220;) nicht mehr funktionieren würden, weil man Ironie und Sarkasmus nicht erkenne, Streit nicht gewohnt sei und sich vor den &#8222;Strippenziehern&#8220; aus Politik und Wirtschaft fürchte. Außerdem würden sich die Ostdeutschen eher als Unterschichtangehörige wahrnehmen &#8211; als Menschen, für die Qualitätsmagazine genau wie Qualitätszeitungen nicht unbedingt bestimmt seien (vgl. Frey-Vor et al. 2002b).</p>
<h2 class="auto-created">Medien&shy;nut&shy;zung in der DDR: Unter&shy;hal&shy;tung und Zweifel </h2>
<p>In einer Serie von 100 medienbiografischen Interviews, die fast zeitgleich mit den gerade zitierten Studien gelaufen ist, war wenig zu spüren von einer Überforderung durch das Informationsangebot. Natürlich wurde in diesen Gesprächen über die Medien geklagt, über Gewalt und Sensationen, über Klatsch und Tratsch, über die vielen Werbespots und darüber, dass die Zeitung heutzutage so dick sei, dass man sie beim besten Willen nicht schaffen könne. Vielleicht liegt das tatsächlich auch an der Gewohnheit von einst, getrost jede Überschrift ansehen zu können und trotzdem nach 15 Minuten mit den acht Seiten fertig zu sein. Für fast alle Ostdeutschen gehörten aber westliche Funkmedien genauso zur Sozialisation wie die SED-Presse. Die biographischen Interviews haben gezeigt, dass die meisten DDR-Bürger nicht unbedingt &#8222;umgeschaltet&#8220; haben, um Informationen zu suchen. Man hat die Nachrichten und Magazine mitgenommen, in erster Linie aber ging es um Unterhaltung und Entspannung. Anders als oft angenommen worden ist, sind ARD und ZDF außerdem keineswegs mit einem Glaubwürdigkeitsbonus in die deutsche Einheit gestartet. In der DDR hat nur eine Minderheit ohne Einschränkungen den Nachrichtensendungen aus der Bundesrepublik vertraut &#8211; vor allem bestimmte Gruppen von Künstlern und Intellektuellen sowie Menschen, die mit dem Staat und ihrem Leben insgesamt unzufrieden waren (wie Teile der technischen und medizinischen Eliten) oder dem System schon deshalb fern standen, weil sie engen Kontakt zur Kirche hatten. Selbst diese Mediennutzertypen, die, die SED-Medienpolitik ablehnten und sich vor allem im Westen orientierten, haben auch hinter den Informationen von der anderen Seite bestimmte Interessen vermutet und folglich mit Vorsicht und Skepsis reagiert (vgl. Meyen 2003).</p>
<p>Der Uses-and-Gratifications-Approach, mit dem die Kommunikationswissenschaft Mediennutzung untersucht, geht davon aus, dass die Bedeutung der Medien ganz entscheidend von den Erfordernissen abhängt, die sich aus dem Alltag und aus der sozialen und aus der psychologischen Situation des Einzelnen ergeben. Zu dieser Situation gehören sicher immer auch erlernte Techniken im Umgang mit Medien, bei den DDR-Bürgern von einst etwa der Vergleich unterschiedlicher Quellen, das Suchen der &#8222;Wahrheit&#8220; in der Mitte und im Gespräch mit Nachbarn, Kollegen, Freunden. Die Bedeutung der sozialen Situation kann allerdings gar nicht überschätzt werden. Wo weniger verdient wird[1], bleibt weniger Geld übrig für mögliche Alternativen zum Fernsehen &#8211; für Theater und für Gaststätten, für Ausflüge und für Freizeitsport. Vielleicht erschwert die von Dörfern und kleinen Städten geprägte Siedlungsstruktur auch den Zugang zu solchen Freizeitmöglichkeiten. Und wo weniger verdient wird, gehen die Aktiven. Der Bevölkerungsrückgang in Ostdeutschland verteilt sich keineswegs gleichmäßig auf alle gesellschaftlichen Gruppen, sondern betrifft erneut, genau wie vor dem Mauerbau und wie vor dem Mauerfall, vor allem die Jungen, die Mobilen, die besser Ausgebildeten.</p>
<p>Die DDR war ohnehin ein Land der &#8222;kleinen Leute&#8220;. Gehörten die Ostdeutschen schon wegen ihrer Herkunft eher zu den unterhaltungsorientierten Mediennutzern, wurde diese Tendenz durch die Begleitumstände des Systemwechsels noch verstärkt. Die Mehrheit der Ostdeutschen hat allein dadurch einen Statusverlust erlitten, dass sie sich plötzlich mit Schichten konfrontiert sahen, die es in der DDR nicht oder bestenfalls in Ansätzen gegeben hatte. An die Spitze vieler Hierarchien sind Westdeutsche gerückt, und die privaten Netzwerke, die sich die Ost-Bürger über Jahrzehnte aufgebaut hatten, waren plötzlich nur noch die Hälfte wert, weil die Kontaktpersonen nicht mehr weiterhelfen konnten und weil viele den Arbeitsplatz wechseln mussten. Mit dem Verlust von Positionen und sozialen Funktionen sind die Chancen auf ein sinnerfülltes Leben geschwunden, besonders für diejenigen, das haben die biographischen Interviews gezeigt, die sich um die Früchte ihres Tuns gebracht sahen. Diese Machteinbußen haben natürlich zunächst die Generationen betroffen, die 1989/90 im Arbeitsleben standen, die Folgen aber spüren auch die Nachwachsenden &#8211; wenn Vaters Beziehungen nicht reichen, eine Karriere anzubahnen oder wenigstens eine Lehrstelle zu besorgen, wenn es nur um &#8222;sozialverträglichen&#8220; Stellenabbau geht und nicht um Aufstiegsperspektiven für die Jugend. Jeder Wandel von Machtverhältnissen verunsichert die Betroffenen und beeinflusst das Selbstwertgefühl. Schlagworte wie &#8222;Besserwessis&#8220; oder &#8222;westdeutsche Besatzer&#8220; spiegeln diesen Prozess. In Sonntagsreden zur &#8222;inneren Einheit&#8220; wird ebenso wie in Debatten über Politikverdrossenheit oder Fremdenfeindlichkeit ausgeblendet, dass sich viele der Ostbürger, vielleicht die meisten, als &#8222;Deutsche zweiter Klasse&#8220; bewertet sehen. Verwundert da die Anziehungskraft der Fernseh-Unterhaltung, verwundert da die Beliebtheit der &#8222;Heimatsender&#8220;, zumal wenn diese sich zum Anwalt der Bevölkerung machen und die wieder gefundene regionale Identität als Sachse oder Thüringerin bedienen?</p>
<h2 class="auto-created">Soziale Position, Aufstiegs&shy;mo&shy;ti&shy;va&shy;tion und Medien&shy;nut&shy;zung </h2>
<p>Die These, dass die Ostdeutschen Medien stärker unterhaltungsorientiert nutzen als die Westdeutschen, weil sie (objektiv und subjektiv) im sozialen Raum weiter unten stehen und ihre Aufstiegschancen schlechter einschätzen, wurde in einer repräsentativen Telefonbefragung geprüft, die sich auf Pierre Bourdieu (1987) stützt. Der französische Soziologe setzt bei einem Menschen an, der sich von anderen abheben will und nach Kapital strebt, um seine Position zu verbessern. Über Mediennutzung lassen sich dabei zwei Kapitalformen akkumulieren:</p>
<ul>
<li>Kulturelles Kapital. Hier geht es vor allem um die Fähigkeit, mitreden zu können, wenn über Politiker- und Trainerschicksale gesprochen wird, über Ausstellungen, Bauprojekte oder Trends auf dem Finanzmarkt. Wie jede Form der Kapitalakkumulation kostet diese Fähigkeit Aufwand und Mühe. </li>
<li>Symbolisches Kapital. In jeder Gesellschaft gibt es ein kollektives Wissen, welche Medienangebote mit Arbeit verbunden (und folglich anstrengend) sind und welche eher nicht. Dieses kollektive Wissen garantiert, dass Medienrepertoires und Medienwissen genau wie Automarke, Wohnform oder Kleidung signalisieren, welche soziale Position ein Mensch anstrebt und welcher Gruppe er sich verbunden fühlt, welche Einstellungen und Werte er teilt und welche nicht. </li>
</ul>
<p>Der Versuch, über Mediennutzung Kapital zu akkumulieren, macht nur dann Sinn, wenn es die reale Chance gibt, dadurch die eigene Position zu verbessern. Da in Bourdieus sozialem Raum ökonomisches Kapital dominiert, dürfte die Aufstiegsmotivation gering sein, wenn man wenig Geld hat und auch die anderen Voraussetzungen (etwa: das soziale Kapital) vergleichsweise schlecht sind. Die Dispositionen eines Menschen erfasst Bourdieu mit dem Habitus-Konzept. Der Habitus ist dabei nicht angeboren, sondern speist sich aus den Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht. Diese (individuellen und kollektiven) Erfahrungen wiederum hängen in erster Linie von der sozialen Position ab und führen zu &#8222;Systemen dauerhafter Dispositionen&#8220;, die als &#8222;strukturierende Strukturen&#8220; wirken (Bourdieu 1976: 165) und damit helfen können, Mediennutzung zu erklären.</p>
<p>In einer repräsentativen Telefonbefragung (Januar 2008, Grundgesamtheit: erwachsene Deutsche, N=479) wurden Habitus und soziale Position (Kapital) als unabhängige Variablen konzeptualisiert und Mediennutzung sowie Medienbewertung als abhängige. Es ist hier weder der Ort, die Operationalisierungen der komplexen Grundbegriffe Bourdieus sowie des Medienverhaltens im Detail vorzustellen, noch können die Ergebnisse in ganzer Breite diskutiert werden (vgl. Jandura &amp; Meyen 2009).</p>
<p>Abbildung 3: Soziale Position in Ost- und Westdeutschland <br />XXXXXXX Tabelle</p>
<p>Zunächst bestätigen die Daten das bekannte Bild &#8211; sowohl zur regionalen Verteilung der Schichtzugehörigkeit (Abbildung 3) als auch zu den Mustern der Mediennutzung. Befragte mit hoher sozialer Position meiden genau wie Westdeutsche unterhaltende Angebote und nutzen Medien deutlich stärker zur Distinktion (zur Akkumulation von kulturellem und symbolischem Kapital) als Befragte mit einer niedrigen sozialen Position und Ostdeutsche.</p>
<p>Da die Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland sowie zwischen Personen mit niedrigem und hohem sozialen Status sehr ähnlich waren, wurde mit einer multiplen hierarchischen Regression untersucht, was die soziale Position besser erklärt: Herkunft oder soziale Position. Grundlage war ein Modell, in dem die Dauer der Fernsehnutzung sowie die Zuwendung zu Medieninhalten, die sich zur Kapitalakkumulation eignen (abhängige Variablen), von zahlreichen unabhängigen Variablen beeinflusst werden. Gefragt wurde dabei, welche Gruppen unabhängiger Variablen die Varianz der abhängigen Variablen besser erklären können. Die Befunde sind eindeutig: Alle Variablen-Blöcke haben Einfluss &#8211; bis auf die regionale Herkunft. Bei der TV-Dauer zum Beispiel erklären Soziodemographie und soziale Position zusammen 60 Prozent der Varianz, die Nutzungsmotive neun Prozent, die Bedeutung der Medien für die Befragten 16 Prozent und die regionale Herkunft gerade einmal zwei Prozent.</p>
<h2 class="auto-created">Fazit und Ausblick</h2>
<p>Dass die Ostdeutschen ihre Aufstiegschancen schlechter einschätzen und dass sich hier 50 Prozent der Arbeiterschicht zuordnen (im Westen: 31 Prozent) sowie nur drei Prozent der Mittel- und Oberschicht (West: 13 Prozent, vgl. Gesis 2009: 16), könnte neben den objektiven Gegebenheiten auch mit dem subjektiven Blick auf den Einheitsdiskurs zu tun haben. &#8222;Stellen wir gleich eingangs das Selbstverständliche klar&#8220;, schrieb zum Beispiel Peter Paul Kubitz zum Thema &#8222;50 Jahre deutsches Fernsehen&#8220; Ende 2002. &#8222;Jawohl, das DDR-Fernsehen war zu 70, nein 80, 90 (oder sogar 99?) Prozent Propaganda&#8220; (Kubitz 2002: 24f.). Solche &#8222;Selbstverständlichkeiten&#8220; vernebeln den Blick dafür, dass viele der Sendungen aus Berlin-Adlershof sehr wohl bestimmte Bedürfnisse der Zuschauer erfüllt haben. <i>Der Polizeiruf </i>oder <i>Ein Kessel Buntes </i>gehörten in der DDR genauso zum Alltag wie <i>Radio DDR</i>, die SED-Bezirkszeitung, die <i>Wochenpost </i>und für nicht wenige auch die <i>Junge Welt </i>oder das <i>Neue Deutschland </i>&#8211; Dinge, die da sind, die einen hin und wieder ärgern, über die man sich ansonsten aber nicht sehr viele Gedanken macht. Der Systemwechsel hat auch diesen Teil des Alltags verändert &#8211; eine Veränderung, die in diesem Ausmaß niemand ohne Not von sich aus anstoßen würde.</p>
<p>Der Mensch braucht in seinem Tagesablauf Fixpunkte zur Orientierung, Gewohnheiten und Routinen. Die Stimme im Radio, die Sportmeldungen zu einer bestimmten Zeit, die Zeitung aus dem Kasten holen, die Kolumne der Lieblingsautorin. Es ist kein Zufall, dass die regionalen Tageszeitungen im Osten nach wie vor sehr viele Leser erreichen. In dem Bereich, in dem es formal die wenigsten Umstellungen gab (längst nicht alle SED-Blätter haben den Namen gewechselt, und je unattraktiver der Standort für westdeutsche Journalisten war, desto größer ist der Anteil der Redakteure mit Ost- und zum Teil mit Bezirkszeitungs-Herkunft), in diesem Bereich sind die Unterschiede am geringsten, und das, obwohl die wirtschaftliche Lage im Osten die Familien viel eher zwingt, über den Sinn eines Zeitungsabonnements nachzudenken.</p>
<p>Man mag Argwohn hegen gegen die &#8222;alten Seilschaften&#8220; in der Presse und man kann die Anzeigenblätter, die in den neuen Ländern hohe Reichweiten haben und vielen Lesern inzwischen die Tageszeitung ersetzen, als &#8222;ein Refugium für alte SED-Journalisten&#8220; beschreiben, wie der Filmregisseur Konrad Weiß, der die Unzufriedenheit im Osten als ein Produkt der &#8222;permanenten ideologischen Diversion&#8220; gesehen hat (vgl. Holzweißig 2002: 178f.). Man kann aber auch fragen, ob Bürgerrechtler und Journalisten aus der Bundesrepublik die Menschen genauso hätten erreichen können. Den Medien aus dem anderen Teil des Landes ist oft vorgeworfen worden, zu wenig über den Osten zu berichten und wenn, dann eher einseitig, durch die &#8222;Westbrille&#8220; (vgl. Früh et al. 1999). Bei allem Bemühen und bei ehrlichem Wollen dürfte es Menschen, die in der alten Bundesrepublik sozialisiert worden sind, nicht möglich sein, den Erfahrungshorizont der Ostdeutschen zu treffen, erst recht nicht von denen, die sich in der DDR eingerichtet hatten, dort zufrieden oder gar glücklich waren. Diese Situation dürfte sich nicht &#8222;biologisch&#8220; ändern lassen, sondern nur über einen Wohlstandsschub. &#8222;Die Unterschiede in der Mediennutzung zwischen Ost- und Westdeutschland&#8220; werden so lange &#8222;bestehen&#8220; bleiben (Zubayr 2009: 112), wie die sozialen Positionen in Ost und West unterschiedlich verteilt sind.</p>
<p>[1] Monatliches Haushaltseinkommen in Ost und West 2008. Unter 1500 Euro: 50,2 vs. 36,6 Prozent; 1500 bis 2600 Euro: 33,0 vs.</p>
<p>32,9 Prozent, über 2600 Euro: 16,5 vs. 29,9 Prozent. Quelle: Statistisches Bundesamt.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Bouhs, Daniel </i>2009: Super brisant: Boulevard aus dem Osten, in: taz vom 12. August.</p>
<p><i>Bourdieu, Pierre</i> 1976 : Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt.</p>
<p><i>Bourdieu, Pierre</i> 1987: Die feinen Unterschiede, Frankfurt.</p>
<p><i>Darschin, Wolfgang; Zubayr, Camille</i> 2000: Warum sehen die Ostdeutschen anders fern als die Westdeutschen? in: Media Perspektiven, S. 249-257.</p>
<p><i>Donsbach, Wolfgang</i> 2007: Möglichkeiten der Veränderung des politischen Klimas in den neuen Ländern. In: Borchard, Michael (Hrsg.) Politische Kultur in den Neuen Ländern., Sankt Augustin, Berlin, S. 43-59.</p>
<p><i>Frey-Vor, Gerlinde; Gerhard, Heinz; Mende, Annette</i> 2002a: Daten der Mediennutzung in Ost-und Westdeutschland. Ergebnisse von 1992 bis 2001 im Vergleich, in: Media Perspektiven, S. 54-69.</p>
<p><i>Frey- Vor, Gerlinde; Gerhard, Heinz; Mohr, Inge </i>2002b: Mehr Unterschiede als Annäherung? Informationsnutzung in Ost- und Westdeutschland, in: Media Perspektiven, S. 70-76.</p>
<p><i>Früh, Werner; Hasebrink, Uwe; Krotz, Friedrich; Kuhlmann, Christoph; Stiehler, Hans-Jörg</i> (1999): Ostdeutschland im Fernsehen, München.</p>
<p><i>Früh, Werner; Stiehler, Hans-Jörg </i>2002: Fernsehen in Ostdeutschland. Eine Untersuchung zum Zusammenhang zwischen Programmangebot und Rezeption, Berlin.</p>
<p><i>Holzweißig, Gunter</i> 2002: Die schärfste Waffe der Partei. Eine Mediengeschichte der DDR, Köln</p>
<p>IP Deutschland 2000: Deutschland &#8211; einig Fernsehland? Köln.</p>
<p><i>Jandura, Olaf; Meyen, Michael</i> 2009: Warum sieht der Osten anders fern? Eine repräsentative Studie zum Zusammenhang zwischen sozialer Position und Mediennutzung. Unveröffentlichtes Manuskript (bei Bedarf bei den Autoren anzufordern).</p>
<p><i>Kubitz, Peter Paul</i> 2002: DDR-Fernsehen birgt viele verlorene Schätze, in: Tendenz, H. 4, S. 24f.</p>
<p><i>Meyen, Michael </i>2003: Denver Clan und Neues Deutschland. Mediennutzung in der DDR, Berlin.</p>
<p><i>Schulz, Winfried</i> 1997: Vielseher im dualen Rundfunksystem. Sekundäranalyse zur Langzeitstudie Massenkommunikation, in: Media Perspektiven, S. 92-102.</p>
<p><i>Spielhagen, Edith </i>1995: Ergebnisse der Oststudie der ARD/ZDF-Medienkommission, in: Media Perspektiven, S. 362-392.</p>
<p><i>Steinmetz, Rüdiger; Viehoff, Reinhold </i>2008: Deutsches Fernsehen Ost, Berlin.</p>
<p><i>Stolte, Dieter; Rosenbauer, Hansjürgen</i> 1995: Die doppelte Öffentlichkeit, in: Media Perspektiven, S. 358-361.</p>
<p><i>Tuma, Thomas</i> 2000: Mach dich raus! Die DDR lebt &#8211; zumindest im TV-Programm des Mitteldeutschen Rundfunk, in: Der Spiegel, H. 20, S. 118-121.</p>
<p><i>Zubayr, Camille; Geese, Stefan</i> 2009: Die Informationsqualität der Fernsehnachrichten aus Zuschauersicht, in: Media Perspektiven, S. 158-173.</p>
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		<item>
		<title>Ostdeutsche und westdeutsche Identität</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/ostdeutsche-und-westdeutsche-identitaet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 16:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Über Gründe und Sinn einer Differenz; aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 85-93 Knapp zwanzig Jahre nach dem euphorisch als &#8222;Wiedervereinigung&#8220; gefeierten Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zeigt sich das vereinigte Deutschland als ein aufs Neue gespaltenes Land. Weder sind der westdeutsche und der ostdeutsche Bevölkerungsteil eins geworden, noch haben sich in der Fläche [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Über Gründe und Sinn einer Differenz;</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 85-93</p>
<p>Knapp zwanzig Jahre nach dem euphorisch als &#8222;Wiedervereinigung&#8220; gefeierten Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zeigt sich das vereinigte Deutschland als ein aufs Neue gespaltenes Land. Weder sind der westdeutsche und der ostdeutsche Bevölkerungsteil eins geworden, noch haben sich in der Fläche Ostdeutschlands die wirtschaftlichen Strukturen und Lebensverhältnisse den westdeutschen angeglichen. Es stellt sich also die Frage, woher die Unterschiede zwischen West-Identität und Ost-Identität kommen und wie sie sich heute reproduzieren. Wie ist die Situation in Ostdeutschland zu beschreiben? Welche Ressourcen bietet die ostdeutsche Identität beim Umgang mit historisch neuen Formen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schrumpfung?</p>
<h2 class="auto-created">I. Westdeut&shy;sche und ostdeutsche Identit&auml;t </h2>
<p><b>I.1. Zwei konkurrierende Leit-Erzählungen </b></p>
<p>Die Frage, warum Deutschland nach der erfolgreichen friedlichen Revolution und seiner Vereinigung immer noch so spannungsvoll die &#8222;innere Einheit&#8220; diskutiert, verweist in ideologische und mentale Tiefenschichten und damit auf die Geschichte der beiden rivalisierenden deutschen Nachkriegsgründungen. Während im Westen die Strukturen einer bürgerlichen Gesellschaft rekonstruiert und die Westdeutschen mental und ideologisch entsprechend geprägt wurden, entwickelte man die ostdeutsche Konkurrenzgründung in eine andere Richtung. In der ostdeutschen Diktatur entstand eine arbeiterliche Gesellschaft, die auch die Mentalität nichtarbeiterlicher Schichten bestimmte. Die Leit-Erzählungen beider Länder prägten mehrere West- und Ostdeutsche Generationen, insbesondere die &#8222;Kulturträger&#8220;, also jene Menschen, die in Politik und Administration, in Kultur, Bildung, Wissenschaft und in den Medien arbeiteten. Obwohl nach dem Beitritt die materiellen und die sozialpsychologisch bestimmenden Strukturen der arbeiterlichen Gesellschaft verschwanden, obwohl das Bildungs- und Mediensystem die Deutungsmuster der ostdeutschen Leit-Erzählung nicht mehr unterstützte, wirkte diese Sozialisation noch lange, auch transgenerationell, weiter. Das zeigt sich nicht nur an den anders codierten Werten und Sinnvorstellungen, sondern auch in der von den Westdeutschen abweichenden &#8222;subjektiven Schichteinstufung&#8220; der Ostdeutschen. Westdeutsche wie Ostdeutsche ordnen sich &#8211; im Vergleich zu objektiven soziologischen Schichtkriterien überproportional oft &#8211; jener Schicht zu, die entsprechend der jeweiligen Leit-Erzählungen als <i>ehrbare Stütze der Gesellschaft </i>galt und gilt. Im Osten war das die &#8222;Arbeiterklasse&#8220;, im Westen war und ist das der bürgerliche Mittelstand.</p>
<h2 class="auto-created">I.2. Kontur und Differenz der unter&shy;schied&shy;li&shy;chen Identit&auml;ten im Alltag </h2>
<p>In den Jahren nach dem Beitritt prallten die &#8211; bis dahin zumeist unreflektierten &#8211; westdeutschen und ostdeutschen Normalitätsvorstellungen aufeinander. Das ist inzwischen in einer kaum noch übersehbaren Fülle von Erfahrungsberichten, Reportagen und wissenschaftlichen Studien aufgearbeitet worden. Sehr instruktiv ist die Analyse des Politikwissenschaftlers und Therapeuten Wolf Wagner. Er wechselte von West-Berlin an eine Fachhochschule nach Erfurt und rekonstruierte dort die Spannungen, die sich in den neunziger Jahren zwischen westdeutschen und ostdeutschen Kommunikationsstilen aufgebaut hatten. In &#8222;Kulturschock Deutschland&#8220; illustriert er an einfachen Beispielen, wie sich in den neunziger Jahren die Unterschiede zwischen ostdeutscher und westdeutscher Sozialisation ebenso prägnant wie konfliktträchtig zeigten: Während es im ostdeutschen Kulturraum üblich ist, sich beim ersten Treffen am Tage sowie bei der Verabschiedung die Hand zu geben, tut man das in der westdeutschen Kultur seltener. Dies führt in den alltäglichen interkulturellen Interaktionen zu Frustrationen. So meinten die Ostdeutschen, dass die Westdeutschen ihnen den Händedruck &#8222;verweigern&#8220;, dass jene arrogant, distanziert und unhöflich seien. Die Westdeutschen hingegen erlebten die Ostdeutschen, welche ständig &#8222;nach ihren Händen griffen&#8220; als undistanziert, altmodisch und piefig. Ähnliche Differenzen zwischen der westdeutschen und der ostdeutschen Sozialisation zeigen sich in der Art, wie in Gruppen Konflikte behandelt werden. Während bei den Ostdeutschen die Tendenz zum stillschweigenden Ausgleich, zu Kompromissen aber auch zum Überdecken von Konflikten vorherrscht, orientieren sind die Westdeutschen stärker am Modell von miteinander konkurrierenden Individuen. Die Austragung von Konflikten gilt hier nicht als Störung, sondern als Normalität. Beim Zusammentreffen der beiden Kommunikationsstile nehmen die Ostdeutschen die Westdeutschen als aggressiv, dominant und egozentrisch wahr, während sie sich selbst als solidarisch, kompromissbereit und zum Blick aufs <i>große Ganze </i>befähigt beschreiben. Den Westdeutschen hingegen erscheinen die Ostdeutschen als feige, scheinheilig, konformistisch und verdruckst &#8211; während sie sich selbst als offen, mutig und authentisch bezeichnen.</p>
<p>Es scheint also, dass westdeutsche Identität stärker vom Streben nach Individualität und Selbstverwirklichung und mehr vom Konkurrenzverhalten geprägt ist. Ostdeutsche Identität hingegen zeigt sich Wagner zufolge eher darin, dass die Gemeinschaft und der Ausgleich über Individualität (auch die eigene) gestellt wird beziehungsweise werden soll, und dass der Zusammenhalt und die &#8218;Gestimmtheit&#8216; des Kollektivs höher angesetzt wird.</p>
<p>Die oben beschriebenen Dissonanzen sind typisch für die Konflikte zwischen Angehörigen der ostdeutschen und westdeutschen Mittelschicht. Die größte Lücke zwischen Kommunikationsstilen und Selbstpräsentationsformen tat sich zwischen Angestellten, qualifiziertem Fachpersonal und Akademikern auf. In der Welt der ostdeutschen Industriearbeiter hingegen zeigten sich andere West-Ost-Konflikte. Hier ging es weniger um Formen und Stile, sondern darum, dass die ostdeutsche Industriearbeiterschaft ihre Verhandlungsmacht, ihre in der DDR noch bestehende &#8222;passive Stärke&#8220; wie auch ihren symbolischen Status als wichtigste, als &#8222;führende&#8220; Klasse, verloren hatte. So beschreibt der Industriesoziologe Werner Schmidt nicht nur die üblichen Interessenskonflikte zwischen Arbeitern und Managern, sonder auch den Zusammenprall der durch die bürgerliche und die arbeiterliche Gesellschaft sozialisierten Akteure. In seinen Studien zum Transformationsprozess in der Metall verarbeitenden Industrie entdeckte er bei den ostdeutschen Industriearbeitern eine so genannte &#8222;Ideologie der produktiven Arbeit&#8220;. Hierzu gehöre Schmidt zufolge &#8222;die schwer korrigierbare Überzeugung, dass die eigene Gruppe die einzig wirklich produktive, (&#8230;) und damit wichtigste sei, auf die niemand verzichten könne.&#8220;[1] Zugleich wurden nach dieser Ideologie die Gruppen definiert, <i>die nicht wirklich arbeiteten</i>: Nach unten grenzte man sich von den &#8222;Faulen&#8220;, den &#8222;Assis&#8220; und den Arbeitsscheuen&#8220; ab und in der anderen Richtung von dem &#8222;Wasserkopf&#8220; und den &#8222;Pfeifen da oben.&#8220;[2] Dieses arbeiterliche Selbstbewusstsein und die &#8222;Ideologie der produktiven Arbeit&#8220; kollidierten nach 1990 mit den neuen Abläufen und Hierarchien. Eine leitende ostdeutsche Angestellte in einem Wälzlagerwerk kommentiert die 19921994 asymmetrische eingeführten Privilegien und den Abbau von Zuwendung an die Arbeiter so: &#8222;Wir haben also, wir haben immer gelernt: ein Mensch ist ein Mensch! Egal, ob der nun Werkleiter ist oder ein Kumpel an der Maschine, du hast die alle gleich behandelt. So. Und das ist hier (im nun westlich gemanagten Wälzlagerwerk &#8211; T.A.) nicht so.&#8220;[3]</p>
<p>Beide Beispiele aus den neunziger Jahren zeigen schlaglichtartig, wie man sich die Resultate der Sozialisation in der arbeiterlichen Gesellschaft im Unterschied zur bürgerlichen Gesellschaft &#8211; oder eben die Differenz zwischen westdeutscher und ostdeutscher Identität &#8211; vorstellen kann. Auch heute, zwei Jahrzehnte nachdem die DDR in der Bundesrepublik aufging, finden sich noch typische West-Ost-Unterschiede &#8211; vom Fertilitätsverhalten bis zur Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf. Ein weiteres Feld, wo sich West- und Ost-Identität unterscheiden, ist das gesellschaftsbezogener Werte. Insgesamt sind die Ostdeutschen etatistischer sowie stärker auf Gerechtigkeit und Chancengleichheit hin orientiert.[4] Die Unterschiede zwischen Ostdeutschland entspringen aber nicht nur sozialstrukturellen, sondern auch ideologischen und kulturellen Differenzen. Das illustriert der Politikwissenschaftler Gunnar Hinck in seinem systematischen Vergleich zwischen westdeutschen, ostdeutschen und schwedischen Wertvorstellungen: Ähnlich wie beispielsweise in Schweden definieren in Ostdeutschland deutlich mehr Menschen als in den alten Bundesländern&#8220; <i>Freiheit </i>&#8222;als Freiheit von Not&#8220;; während im Westen umgekehrt und mit gleich großem Abstand zum Osten &#8222;Freiheit als Handlungsfreiheit&#8220; verstanden wird.[5]</p>
<h2 class="auto-created">I.3. Die diskursive Konstruk&shy;tion westdeut&shy;scher und ostdeut&shy;scher Identit&auml;t </h2>
<p><b><i>Die Ost-Diskurse </i></b></p>
<p>Die Ost-Diskurse setzten 1990 ein und dauern bis heute an. Durch die Öffnung der Grenze zwischen der DDR und Bundesrepublik wurde die westdeutsche Bevölkerung und ihre Medien gewissermaßen <i>über Nacht </i>mit einem neuen Gegenstand konfrontiert: Ostdeutschland und die Ostdeutschen. Diese überschwemmten wortwörtlich die grenznahen Städte. Neu war aber nicht nur der Besucherstrom, der ja auch bald abbebte. Nach der Grenzöffnung und dem allmählichen Zusammenbruch der Diktatur war es nun auch möglich, die Ostdeutschen in ihrer heimischen Umgebung ihr Land und dessen Institutionen ungehindert zu erforschen.</p>
<p>Die Medien der Bundesrepublik näherten sich diesem neuen Gegenstand, wie es Medien einer modernen Reflexionskultur immer tun: Das Fremde wurde vermessen, erforscht, interpretiert und dabei dem Eigenen gegenübergestellt. So entwickelte sich eine diskursive Ko- Konstruktion westdeutscher und ostdeutscher Identität. In dem über die Ostdeutschen &#8211; Fremde, Andere, vom Eigenen Abweichende &#8211; gesprochen wurde, sprach man implizite über die eigene Identität. Alterität stabilisiert Identität. Seit November 1989 entfalteten sich lang anhaltende und von besonderen Rahmenbedingungen geprägte Diskurse, die Darstellungen über die Ostdeutschen und deren Kultur liefern &#8211; die so genannten &#8222;Ost-Diskurse&#8220;.[6]</p>
<p>Zu diesen Rahmenbedingungen gehörten unter anderem der Transfer von Eliten und Fachkräften nach Ostdeutschland. Nachdem die kleinere DDR den Beitritt zur größeren (Alt-)BRD und die vollständige Übernahme bundesdeutscher Institutionen und Normen beschlossen hatte, wurden die alten ostdeutschen Eliten, das Fach- und Führungspersonal durch Sonderrecht, Abwicklungen und durch den Aufbau neuer Strukturen verdrängt. Ihre Stelle nahmen Westdeutsche oder deren neuen ostdeutsche Statthalter ein, zum Teil auch Angehörige jener ostdeutschen Subelite, deren Professionalisierung oder Aufstieg durch die Machthaber in der DDR verhindert worden war. Insgesamt blieben jedoch Ostdeutsche auf der Ebene der Eliten und der Führungskräfte deutlich unterrepräsentiert.[7] Insgesamt lag die Leitung des ,operativen Geschäfts&#8216; der Behörden, der Wirtschaft, in Wissenschaft, Medien und Kultur der Neuen Bundesländer bei den sogenannten &#8222;Wessis&#8220;. Inzwischen reproduziert sich diese personelle und ideologische Struktur von selbst. So kann für das Jahr 2004 festgestellt werden, dass die Quote westdeutscher Führungspersonen in Wirtschaft und öffentlichem Dienst noch einmal angewachsen ist.[8] Zum anderen ist nach dem Ende der neunziger Jahre die erste Generation von ostdeutschen Journalisten, Sozialwissenschaftlern und Zeitgeschichtlern durch ihre westdeutschen Mentoren professionalisiert, promoviert und habilitiert worden, so dass sie nun selbst Einfluss auf die Ost-Diskurse ausüben. Insofern verliert die Frage ostdeutscher oder westdeutscher Herkünfte etwas an Bedeutung. Statt ihrer dürfte es in den folgenden Jahren mehr um Identifikationen gehen, also um die Frage, an welchen Werten und Leit-Erzählungen sich die neuen Angehörigen der &#8222;medienpolitischen Klasse&#8220; (Siegfried Jäger) orientieren werden.</p>
<p>Durch die Verwestlichung der ostdeutschen Medienlandschaft sahen die Ostdeutschen sich, ihre DDR-Vergangenheit, ihre Kultur sowie ihre &#8222;Erfolge&#8220; oder ihr &#8222;Versagen&#8220; beim &#8222;Aufbau Ost&#8220; vor allem aus westdeutscher Perspektive beschrieben und bewertet. So vermissten viele Ostdeutsche abermals ein Forum, auf dem ihre Sichtweisen verhandelt wurden &#8211; ihre besonderen Ost-Erfahrungen im Transformationsprozess oder ihre neu gewonnenen Einsichten zur DDR und zum vereinigten Deutschland.[9] Damit war eine regelrechte Diskurs-Lücke entstanden. Als Reaktionen darauf entwickelten sich verschiedene Formen von Ostalgie.</p>
<p><b><i>Ostalgie als Reaktion</i></b></p>
<p><i>Ersten: Ostalgie in der Werbebranche.</i> Paradigmatisch für eine kommerziell motivierte Nutzung dieser besonderen Diskurs-Situation ist die Werbekampagne für eine aus der DDR stammenden Cola-Marke. Im Jahr 1992 &#8222;verbrüderte&#8220; sich die <i>Club Cola </i>regelrecht mit den Ostdeutschen. Mit ihrem Slogan: &#8222;Hurra, ich lebe noch!&#8220; erklärte sie sich als eine der ihren. Die Cola wird als &#8222;Umbruchs-Überlebende&#8220; inszeniert. Der weitergehende Text der Anzeige &#8211; &#8222;Von einigen belächelt, ist sie doch nicht totzukriegen&#8220; &#8211; nimmt die Selbstverständigungsgespräche, die zu dieser Zeit in ostdeutschen Kantinen und Wohnzimmern geführten werden, auf. Der Text souffliert gewissermaßen: Wir haben es überstanden, wir lassen uns nicht unterkriegen.</p>
<p>Ein anderes Beispiel für ostalgische Werbung ist die der ostdeutschen Elektronikmarke RFT. Sie versucht die Aufmerksamkeit und Sympathie der Kunden zu gewinnen in dem sie mit ihrem Slogan die dahin gültigen Vorstellungen in ihr Gegenteil verkehrte: &#8222;ostdeutsch, daher gut.&#8220;[10]</p>
<p><i>Zweitens: Ostalgie als Praktiken von Laien</i>. Ostalgie war auch ein Medium, mit dem bestimmte Milieus und Generationen in laienhafter Weise wichtige Brüche bearbeiteten. Mit dem Besuch oder der Organisation von Ostalgie-Partys nahm ein Teil der Ostdeutschen eine nachholende Verabschiedung der DDR und eine Selbstvergewisserung in der neuen Gegenwart vor. Eine Ostalgie-Party glich einem &#8222;historischen Karneval&#8220;: Die Kostüme waren DDR-typische Kleidungsstücke oder Uniformen, die Räume dekoriert mit Fahnen, Politiker-Porträts und Transparenten, auf denen ironische Abwandlungen einstiger Propaganda-Sprüche standen. So, wie es ein karnevaltypisches Bühnen-Repertoire gibt, gab es auch eines für Ostalgie-Partys: Honecker- und Ulbricht-Imitatoren präsentierten noch einmal das groteske Pathos und die sperrige Sprache der DDR-Selbstzuschreibungen, es gab Schlager und Popsongs aus der DDR zu hören, karikierende Fassungen der sozialistischen Hymnen und &#8222;Arbeiter- und Kampflieder&#8220; &#8211; und manchmal tanzten die Easty-Girls zu modernisierten Pionier-Liedern. Man war wehmütig und zugleich feierte man, dass die dargestellte Vergangenheit ihre Macht verloren hatte.</p>
<p><i>Drittens: Ostalgie als Geschäftsfeld.</i> Schon seit über einem Jahrzehnt verdient eine ganze Branche in Ost und West daran, mit Büchern, Tonträgern, Spielen, Kult- und Designprodukten ostdeutsche Erinnerungen zu moderieren. Mit Ostalgie-Produkten werden aber auch ganz neue Moden bedient. Denn inzwischen sind für viele Jugendliche die Symbole und Formen aus der DDR-Zeit willkommenes Material, um sich stilistisch von anderen abzuheben.</p>
<p><i>Viertens: Ostalgie als marginalisierter Gegen-Diskurs.</i> Die Partys sind vorüber &#8211; geblieben ist eine Vielzahl laienhafter DDR-Museen, von denen einige wenige inzwischen auch an professionelle Standards heranreichen. Diese DDR-Museen folgten auch dem Impuls, einen Gegenentwurf zu den offiziellen und professionellen DDR-Museen zu liefern, in denen der Schwerpunkt auf der Darstellung der Unterdrückung und Indoktrination sowie der Ärmlichkeit und Hässlichkeit des DDR-Alltags liegt. Zum Gegen-Diskurs gehören außerdem etliche auflagenschwache Zeitungen, unterfinanzierte Journale und kleine Verlage. Sie bieten vielen, oft professionell wirkenden Akteuren jenes Forum, das ihnen in den etablierten Institutionen und Medien nicht gewährt wird.</p>
<p>Die genannten Facetten von Ostalgie konturieren jedoch nicht nur &#8222;im Stillen&#8220; die ostdeutsche Identität. Über ihre mediale Bespiegelung konturieren sie immer auch die Identität der Westdeutschen, für die, die abweichende Ost-Identität eine wichtige Alteritäts- Konstruktion darstellt. Die spezifische Verfasstheit der westdeutschen Ost-Diskurse, die in den neunziger Jahren die beschriebene Diskurs-Lücke und die darauf reagierende Ostalgie hervorrief, scheint sich bis heute nicht gewandelt zu haben. Das zeigen Publikationen, die Medien-Diskurse jüngeren Datums analysieren.[11] Sie kommen zu dem Ergebnis, dass das mediale Bild von den Ostdeutschen nach wie vor &#8211; und bisweilen mit höchst selektiver Faktennutzung[12] &#8211; dazu dient, westdeutsche Identitäten zu stützen. Für Ostdeutsche bedeutet diese Konstellation, dass sie in einer (Medien-)Welt leben, in welcher der Fremdblick auf ihre Gruppe die vorherrschende mediale Darstellung ist. Entworfen wird dieser Fremdblick von westdeutschen Positionen aus, die, wie der Germanist Kersten Sven Roth überzeugend nachweist, als &#8222;Normal Null&#8220;[13] fungieren. Das alles führt dazu, dass die aus der Zeit der deutschen Spaltung stammende Identitätskonkurrenz nicht allmählich eingeebnet, sondern reproduziert wird.[14]<br /> </p>
<p><i><b>Die Konstruktion von Identität durch Geschichtsdiskurse </b></i></p>
<p>Auch die heutige Aufarbeitung der DDR-Geschichte vertieft bisweilen die Lücke zwischen westdeutscher und ostdeutscher Identität. Im Wahl-Jahr 2009 geschah das durch die Forcierung der &#8222;Unrechtsstaat-Debatte&#8220;. Es schien dabei nun nicht mehr nur um ein gemeinsames Bekenntnis zu Demokratie und sozialer Marktwirtschaft zu gehen, sondern auch darum, die DDR &#8222;ohne Ausflüchte&#8220; als Unrechtsstaat zu bezeichnen. Sicherlich ist diese Art von Geschichtspolitik für die Westdeutschen identitätsstiftend und integrierend &#8211; die Ostdeutschen allerdings desintegriert sie mehrheitlich. Denn das &#8222;normale Leben ohne Widerstand und Verfolgung&#8220;, das sich die Mehrheit von ihnen zuschreibt, wird in dieser Perspektive zu einem Leben mit wissender Zustimmung zu einem Terror- und Unrechts-System. Eine jüngst erstellte repräsentative Bevölkerungsumfrage in Thüringen zeigt dagegen, dass die übergroße Mehrheit der Ostdeutschen sich rückblickend mit ihrem eigenen Verhalten in der DDR zufrieden zeigt.[15] Das heißt nicht, dass sie im vereinigten Deutschland nicht angekommen sind. Eine wachsende Mehrheit der Ostdeutschen hält &#8222;die Einführung einer politischen Ordnung nach westlichem Vorbild&#8220;[16] für richtig und nur ein Bruchteil will &#8222;am liebsten die DDR wieder haben.&#8220;[17]</p>
<p>Für diese zufriedene Sicht der Ostdeutschen auf ihr Verhalten und ihre Leistungen in der DDR und in den beiden Transformationsdekaden gibt es in den Ost-Diskursen keinen systematischen Platz. So kommt es, dass die Formen der Erinnerung an die DDR auseinanderdriften. Der Historiker Martin Sabrow beschreibt drei Formen der Erinnerung an die DDR: <i>Erstens </i>ein staatlich privilegiertes und im öffentlichem Gedenken vorherrschendes &#8222;Diktaturgedächtnis&#8220;, was die Unterdrückung in der DDR, den Widerstand und dessen Erfolg hervorhebt. Daneben besteht <i>zweitens </i>ein &#8222;Arrangementgedächtnis&#8220;, das vom richtigen Leben im falschen weiß und in Erinnerung ruft, wie man unter schwierigen Bedingungen den Alltag meisterte. <i>Drittens </i>schließlich gibt es ein &#8222;Fortschrittsgedächtnis&#8220;, das vor allem von den Protagonisten der sozialistischen Idee am Leben gehalten wird. Strukturell erinnert diese Spaltung an die Zeit der SED-Diktatur: Heute hört man in Schule, Hochschule und im Wesentlichen auch in den Medien <i>das Eine </i>über die DDR &#8211; und privaten und familiären Kreis <i>das Andere</i>.</p>
<h2 class="auto-created">II. Das wieder gespaltene Land </h2>
<p>Wenn die Landkreise der Bundesrepublik auf den aktuellen Karten farblich markiert werden &#8211; beispielsweise nach dem durchschnittlichen jährlichen Wanderungssaldo, nach der künftigen Entwicklung des Durchschnittsalters, der Beschäftigtenzahl pro Betrieb, der Quote der erwerbsfähigen Frauen oder der Dichte der de.-domains &#8211; dann ersteht das Abbild der untergegangenen DDR wieder. Das vereinte Deutschland zeigt sich als ein abermals geteiltes Deutschland.[18]</p>
<p>Die zurückliegende Kolonisierung Ostdeutschlands hat diesen Landstrich um seine Zukunft gebracht. Junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich etwas zutrauen, die Karriere machen wollen, gehen zumeist in den Westen. Bekanntermaßen reagieren junge Frauen am sensibelsten darauf, wenn Regionen an Attraktivität verlieren. Die Abwanderung der jungen Mütter verschärft wiederum langfristig den Trend der Entleerung und Überalterung Ostdeutschlands. Das führt zu einem Rückzug staatlicher Institutionen, beispielsweise durch das Zusammenlegen von Schulen und Verwaltungszentren, der Einsparung von Kulturangeboten, sowie zu einer durch wirtschaftliche Akteure zu verantwortenden Ausdünnung von Handels-, Dienstleistungs-, und Freizeitangeboten &#8211; wie sich beispielsweise in der fehlenden Anbindung der Ost-Provinz an das &#8222;schnelle Internet&#8220; zeigt.</p>
<h2 class="auto-created">III. Ost-I&shy;den&shy;tit&auml;t und die neuen Problemen Ostdeut&shy;sch&shy;lands </h2>
<p>Erfahrungen sind Ressourcen bei der Bewältigung von aktuellen Problemen. Mit der Schrumpfung des staatlichen Institutionen Netzes und dem partiellen Rückzug wirtschaftlicher Akteure &#8211; sowohl in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber wie auch als Anbieter &#8211; zeigen sich in Ostdeutschland Prozesse, wie sie in Deutschland seit der Nachkriegswachstumsphase nicht zu beobachten waren. Für den Umgang mit dieser Situation gibt es noch keine Rezepte und Richtlinien. Was werden die in ihren Regionen verbliebenen Ostdeutschen tun? Sie werden das tun, was ihnen ihre Ost-Identität, ihre Mentalität und Sozialisation ermöglicht &#8211; das, was schon bei der Bewältigung des problematischen DDR-Alltags dienlich war. Hierzu gehörten die Bildung von &#8211; durchaus statusheterogenen &#8211; partnerschaftlichen, familien- und betriebsorientierten Netzwerken sowie die Pflege des &#8211; von westdeutschen Beobachtern einst als &#8222;Chaosqualifikation&#8220; beschriebenen &#8211; Improvisationsvermögen. Es ist jene &#8222;Kombination von Familialismus und Deinstitutionalisierung&#8220;, die heute schon typisch ostdeutsche Muster sind, die Partner- und Elternschaft, die Berufstätigkeit und den Familienkontext zu managen.[19]</p>
<p>Das alles sind apolitische, streng genommen, nicht einmal gesellschaftliche, sondern privatistische Lösungsansätze &#8211; was den Ostdeutschen auch immer wieder angekreidet wird. Doch diese Kritik aus der westdeutschen Bürger-Gesellschaft, die im Gegensatz zur Ostdeutschen weiter ihren Wohlstand steigern konnte, geht an den Realitäten in der verarmenden, arbeiterlich und kleinbürgerlich geprägten Ost-Gesellschaft vorbei. Denn sie verkennt die besonderen Transformationserfahrungen der Ostdeutschen. Jene hatten in den letzten beiden Dekaden erlebt, dass familiäre und private Netzwerke oft mehr zur Problembewältigung beigetragen haben, als gesellschaftliche Institutionen oder west-dominierte Parteien. Insofern gehört für die Ostdeutschen die Mitarbeit in Parteien, Vereinen, der Aufbau von Stiftungen und ehrenamtliches, bürgerschaftliches Engagement nicht zum Arsenal der erfahrungserprobten Instrumente. Während sich die bürgerliche Mitte des Westens als selbstbewusste Gestalterin ,<i>ihrer Gesellschaft&#8216; </i>versteht, ist <i>,die Gesellschaft&#8216; </i>für die eher arbeiterlich und kleinbürgerlich orientierten Ostdeutschen viel mehr eine Gegebenheit, über die man nicht selbst verfügen, über dessen Verfasstheit &#8222;die da oben bestimmen.&#8220; Deswegen konzentriert man sich kräftesparend auf die eigenen Netzwerke. So hat der ostdeutsche Kapitalismus ohne einheimisches Kapital, ohne regionale Eliten mit schwach ausgeprägter bürgerlicher Mitte die einst in der DDR geprägten Identitäten prolongiert und reproduziert. Doch damit dürften die Ostdeutschen besser &#8222;in die Zeit passen&#8220;, als manche denken, &#8211; vor allem jene, die immer noch erwarten, dass der Osten den Westen einholen könnte. Die kommende Phase der Schrumpfung, Entleerung und Überalterung, die partiell auch über einige Regionen des Westens kommt, ist etwas Neues, ein <i>historisches Zwielicht</i>, in dem sich das &#8222;Nicht Mehr&#8220; mit dem &#8222;Noch Nicht&#8220; mischt. Hierfür scheint die zusammenbruchserfahrene Ost-Identität eine geeignete Disposition zu sein.</p>
<p>[1] Werner Schmidt, Klaus Schönberger: &#8222;Jeder hat jetzt mit sich selbst zu tun&#8220;. Arbeit, Freizeit und politische Orientierungen in Ostdeutschland. Konstanz 1999, S. 62f.</p>
<p>[2] Schmidt/Schönberger 1999, S. 59.</p>
<p>[3] Werner Schmidt: Betriebliche Sozialordnung und ostdeutsches Arbeitsnehmerbewusstsein im Prozess der Transformation. München/Mehring 1996, S. 79, siehe auch 301ff.</p>
<p>[4 ]Thomas Bulmahn: Das vereinte Deutschland -Eine lebenswerte Gesellschaft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 52 (2000) H. 3, S. 405-427.</p>
<p>[5 ]Gunnar Hinck: Ostdeutsche Marginalisierung. In: Deutschland Archiv 40 (2007) H. 5, S. 808-814, hier S. 811.</p>
<p>[6] Vgl. Thomas Ahbe: Ost-Diskurse. Das Bild von den Ostdeutschen in den Diskursen von vier überregional erscheinenden Presseorganen 1989/1990 und 1995. In: Kersten Sven Roth und Markus Wienen (Hrsg.): Diskursmauern. Aktuelle Aspekte der sprachlichen Verhältnisse zwischen Ost und West. Bremen 2008, S. 21-53; sowie: Thomas Ahbe, Rainer Gries und Wolfgang Schmale (Hrsg.): Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von <i>den Anderen </i>nach 1990. Leipzig 2009 (i. E.).</p>
<p>[7] Jörg Machatzke: Die Potsdamer Elitestudie &#8211; Positionsauswahl und Ausschöpfung. In: Wilhelm Bürklin und Hilke Rebenstorf (Hrsg.) Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration. Opladen 1997. S. 35-69.</p>
<p>[8] Gunnar Winkler (Hrsg.): Sozialreport 2004. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen Bundesländern. Berlin 2004, 72.</p>
<p>[9] Das zeigt auch eine Studie des MDR aus dem Jahr 2004. Vgl: Peer Pasternak: Wissenschaftsumbau. Der Austausch der Deutungseliten. In: Hannes Bahrmann und Christoph Links (Hrsg.): Am Ziel vorbei. Die deutsche Einheit &#8211; Eine Zwischenbilanz. Berlin 2005. S. 221-236, hier S. 224-225.</p>
<p>[10] Vgl.: Abbildung der RFT-Werbeanzeige. Veröffentlicht in: Horizont. Zeitung für Marketing und Medien. Nr. 45, 6. November 1992, S. 40.</p>
<p>[11] Vgl. hierzu Julia Belke: Das Bild der Ostdeutschen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Eine Diskursanalyse des ARD-Politmagazins KONTRASTE in der Zeit von 1987 bis 2005. In Ahbe/Gries/Schmale 2009 (Anm.6), S. 135-180 sowie Juliette Wedl: Ein Ossi ist ein Ossi ist ein Ossi &#8230; Regeln der medialen Berichterstattung über &#8222;Ossis&#8220; und &#8222;Wessis&#8220; in der Wochenzeitung <i>Die Zeit </i>seit Mitte der 1990er Jahre. In: ebenda, S. 113-134.</p>
<p>[12] Bettina Radeiski und Gerd Antos: ,Markierter Osten&#8216;. Zur medialen Inszenierung der Vogelgrippe auf Rügen und am Bodensee. In: Roth/Wienen (Anm. 6), S. 55-67.</p>
<p>[13] Kersten Sven Roth: Der Westen als ,Normal Null&#8216;. Zur Diskurssemantik von &#8222;ostdeutsch&#8220; und &#8222;westdeutsch&#8220;. In: Roth/Wienen (Anm. 6), S. 69-89.</p>
<p>[14] Thomas Ahbe : Du problème de &#8220; l&#8217;unité intérieure &#8220; dans l&#8217;Allemagne unifiée. In : Hans Stark et Michèle Weinachter (dir.): L&#8217;Allemagne unifiée 20 ans après la chute du Mur. Lille 2009, S. 71-89, siehe auch ders.: Deutschland &#8211; vereintes, geteiltes Land. Zum Wandel sozialer Strukturen und Meta-Erzählungen. In: Niels Beckenbach (Hrsg.): Fremde Brüder. Berlin 2008, S. 55-97.</p>
<p>[15] 16% &#8222;sehr zufrieden&#8220;, 47% &#8222;zufrieden&#8220;, 29% &#8222;teils-teils&#8220;, 6% &#8222;weniger zufrieden&#8220;, 1% &#8222;unzufrieden&#8220;, 1% &#8222;weiß nicht&#8220; &#8211; Jenaer Zentrum für empirische Sozial-&amp; Kulturforschung: Zur sozialen Lage der Opfer des SED-Regimes in Thüringern. Erfurt 2008 S. 52.</p>
<p>[16] 1995 waren das 77 Prozent. Vgl.: Thomas Gensicke: Die neuen Bundesbürger. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1998, S. 186. Im Jahr 2001 hielten 86 Prozent die Wiedervereinigung und 64 Prozent die Einführung der sozialen Marktwirtschaft für eine richtige Entscheidung. Klaus Schroeder: Die veränderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung. Stamsried 2006, S. 324.</p>
<p>[17] Im Jahr 2002 und im Jahr 2006 sind das 10% der Ostdeutschen, vgl.: Gunnar Winkler (Hrsg.): Sozialreport 2002. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen Bundesländern. Berlin 2002, S. 54 sowie: Klaus Schroeder: Der Preis der Einheit. Eine Bilanz. München 2000, S. 725.</p>
<p>[18] Steffen Maretzke: Die Bevölkerungsentwicklung in den Regionen Deutschlands. Ein Spiegelbild der vielfältigen ökonomischen Disparitäten. In: Insa Cassens, Marc Luy, Rembrandt Scholz (Hrsg.): Die Bevölkerung in Ost-und Westdeutschland. Demographische und gesellschaftliche Entwicklungen seit der Wende. Wiesbaden 2009 S. 223-260, hier S. 240-247.</p>
<p>[19] Jürgen Dorbritz; Kerstin Ruckdeschel: Die langsame Annäherung -Demografisch relevante Einstellungsunterschiede und der Wandel in den Lebensformen in West- und Ostdeutschland. In: Cassens/Luy/Scholz (Anm. 21), S. 261-294, hier S. 279, S. 287.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/ostdeutsche-und-westdeutsche-identitaet/">Ostdeutsche und westdeutsche Identität</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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