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	<title>vorgänge 195: Was ist heute Fortschritt? Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>An der Schwelle zur Postwachsturmsgesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 10:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S-42-53 1. Einleitung Die Idee des Fortschritts in der europäischen Moderne ermöglichte der Menschheit einen großen Sprung nach vorne, sie war aber zugleich verbunden mit Naturvergessenheit, einer steigenden Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Wachstum und einer Ökonomisierung des Denkens. Diese &#132;andere Seite&#148; des Fortschritts fällt heute wie ein Bumerang auf die [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/an-der-schwelle-zur-postwachsturmsgesellschaft/">An der Schwelle zur Postwachsturmsgesellschaft</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S-42-53</p>
<h5>1. Einleitung</h5>
<p>Die Idee des Fortschritts in der europäischen Moderne ermöglichte der Menschheit einen großen Sprung nach vorne, sie war aber zugleich verbunden mit Naturvergessenheit, einer steigenden Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Wachstum und einer Ökonomisierung des Denkens. Diese &#132;andere Seite&#148; des Fortschritts fällt heute wie ein Bumerang auf die unvollendete Moderne zurück.</p>
<p>Kapitalistische Marktwirtschaften waren in der Verwirklichung von Wachstum und Wohlstand bisher besonders &#132;<i>effizient</i>&#148;. Das bedeutet jedoch nicht, dass die kommunistischen Planwirtschaften oder diverse &#132;Dritte Wege&#148; weniger wachstumsorientiert waren oder sind. Natürlich gab es unterschiedliche Ausprägungen und Sichtweisen von Wachstum, Wohlstand und Fortschritt. Sie unterlagen immer einem Wandel, wobei die Dominanz der Ökonomie in der Entwicklung der Gesellschaft von zentraler Bedeutung war. <i>Karl Polanyi </i>kritisierte die &#132;Entbettung&#148; der Ökonomie als &#132;Marktgesellschaft&#148;. Sie wurde in der Zeit des Wohlfahrtsstaates im westlichen Teil der Welt halbwegs in Grenzen gehalten bis es zum neoliberalen Finanzkapitalismus kam. Mit ihm einher ging in den letzten vier Jahrzehnten eine Schwäche der europäischen Moderne, in der die ökologischen, sozialen und auch ökonomischen Grenzen des Wachstums immer sichtbarer wurden. Spätestens nach dem Zusammenbruch der zweigeteilten Welt wurde der finanzmarktgetriebene Kapitalismus zum Weltmodell und zugleich dessen selbst- und umweltzerstörende Kehrseite immer offensichtlicher. Um ihn zu überwinden, sind Strukturreformen notwendig, die den Weg in eine &#132;Postwachstumsgesellschaft&#148; weisen.</p>
<h5>II. Die Janus&shy;k&ouml;p&shy;fig&shy;keit der Moderne</h5>
<p>Im Zentrum der europäischen Moderne steht die Idee der Aufklärung mit der darin enthaltenen Lichtmetaphorik (Erleuchtung!). Die Lichtmetaphorik stellte dem &#132;finsteren Mittelalter&#148; ein neues &#132;helleres Zeitalter&#148; entgegen. Historisch kommt ihr eine stark religiöse Bedeutung zu, ursprünglich verstanden als Läuterung des Menschen auf dem Weg zu Gott. Beispielhaft steht dafür Pilgrim&#8217;s Progress von John Bunyan aus dem Jahr 1678, der &#132;Weg der Christenmenschen zu Gott&#148;. Die Auseinandersetzung zwischen dem &#132;Anciens et Modernes&#148;, der Streit zwischen der alten und neuen Zeit, war zwischen 1680 und 1720 ein tiefer Einschnitt in der Herausbildung der europäischen Moderne. Nach den dunklen Erfahrungen der Religionskriege verbanden sich mit der Aufklärung progressive wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Entwicklungen, deren Errungenschaften im 18. Jahrhundert epochal wurden. Die französische Revolution schuf die Voraussetzungen für die bürgerliche Gesellschaft und die Herausbildung des Nationalstaates. In Frankreich war es das Siecle des Lumieres. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich auch der englische Begriff Enlightenment durch.</p>
<p>Für Immanuel Kant ist Aufklärung der &#132;Ausgang des Menschen aus seiner selbst-verschuldeten Unmündigkeit&#148;. Die Annäherung an Freiheit und eine vernunftorientierte Gesellschaft wurden, wie Max Weber sie charakterisierte, zur &#132;europäischen Rationalität mit Weltbeherrschung&#148;. Sie wurde zum Sinn der Zivilisationsgeschichte, vorangetrieben durch die Enträtselung und Beherrschung der Materie und die Nutzung technischer Rationalität. Zur wichtigsten Aufgabe wurde die Emanzipation und Befreiung des Menschen von Kräften und Mächten, Lehren und Dogmen, die unterdrückten und abhängig machten. Zu den Mitteln ihrer Verwirklichung wurden Vernunft als universelle Urteilsinstanz, die Hinwendung zu den Naturwissenschaften in der Erkenntnistheorie, Toleranz gegenüber anderen Weltanschauungen und die Orientierung am Naturrecht.</p>
<p>Grundlagen der Emanzipation waren eine allgemeine Pädagogik, die Presse- und Meinungsfreiheit, ein modernes Staatswesen und die Garantie der Bürger- und Menschenrechte. Seitdem gilt Vernunft als das wichtigste Prinzip, das der Wirklichkeit Sinn, Struktur und Ordnung verleiht. Gemeint ist das Vermögen, aus eigenen Grundsätzen zu urteilen (theoretische Vernunft) und/oder zu handeln (praktische Vernunft).</p>
<p>Der theoretische Vernunftbegriff sieht das menschliche und/oder göttliche Erkenntnisvermögen als Voraussetzung, um allgemeine Schlüsse zu ziehen und regulative Prinzipien entwickeln zu können. Im engeren Sinne begründet Immanuel Kant Vernunft als die Fähigkeit, nach dem Unbedingten zu suchen, nach der objektivierenden Erkenntnis. Während die klassischen Rationalisten wie Rene Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz oder Benedictus Spinoza alle Wissenschaft und Philosophie ohne Sinnlichkeit als &#132;reine Vernunft&#148; verstehen, machte es sich Kant in seiner Kritik an den Rationalisten und Empiristen zur Aufgabe, den Gebrauch der reinen Vernunft zu relativieren und sie genauer in Umfang und Grenzen zu bestimmen.</p>
<p>Unter praktischer Vernunft verstand Kant das Vermögen, Handlungen an ethischen Prinzipien auszurichten. Sie haben bei ihm nicht nur einen von der Theorie abgeleiteten, sondern auch einen selbstständigen Status. Es sei nämlich nicht möglich, alles mit Hilfe theoretischer Vernunft zu begründen, so könne auch die Intensität der Intuition oder die Sinnlichkeit eine wichtige Rolle spielen.</p>
<p>Die dunklen Seiten einer kalten Rationalität arbeiteten später Max Horkheimer und Theodor Adorno heraus. Für sie war in der &#132;instrumentellen Vernunft&#148; auch ein Scheitern der Aufklärung angelegt. In dem Versuch, die Natur zu beherrschen, entfalte sich eine Form technischer Rationalität, die in einer verwalteten Welt als &#132;Herrschaft&#148; zurückschlage und durch ökonomische Macht sogar vollends annulliert werden könne.Mit dieser zugespitzten These reagierten Adorno und Horkheimer auf den &#132;Zusammenbruch der bürgerlichen Zivilisation&#148; und ihr Versinken in der Barbarei des Faschismus.</p>
<p>Auch Jürgen Habermas beschrieb eine Janusköpfigkeit der europäischen Moderne, zu der leider auch die menschenverachtende Pervertierung der technischen Rationalität gehört, deren schlimmste Auswirkungen die Menschheit im 20. Jahrhundert, dem &#132;Jahrhundert der Extreme&#148; (Eric Hobsbawm), erfahren musste.</p>
<p>Gegen diese &#132;dunkle Seite&#148; behauptete sich ein Begriff der Aufklärung, dessen Ziel die Emanzipation des Menschen und der gesellschaftliche Fortschritt war. Ihnen lag die aus der Antike stammende Vorstellung einer &#132;Stufenleiter des Seins&#148; (Scala naturae) zu Grunde, die die Lebewesen bis hin zu den komplexesten Erscheinungen hierarchisch ordnet und fortschreibt. Die europäische Moderne orientierte auf ein lineares Zeitverständnis und verband es mit einer Wendung der heilsgeschichtlichen Erwartungen ins Säkulare. Das ist die Folie, auf die sich die modernen Fortschrittsvorstellungen beziehen: fortschreitende Naturbeherrschung, wachsender Wohlstand, Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie die Vervollkommnung des Menschen, bei Philosophen der frühen Aufklärung auch die Ächtung von Spiel, Sinnlichkeit und Eros. Liebe habe sich, so beispielsweise der Naturphilosoph Francis Bacon, auf die Fortpflanzung zu beschränken und sei als Freundschaft gerade noch akzeptabel.</p>
<p>Die Theorie des Fortschritts ist die Verzeitlichung der Seinspyramide, eng verknüpft mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft. In dieser scheinbar selbstläufigen Fortschrittswelt ist die Naturvergessenheit (Günter Altner) in Erkenntnismustern und Handlungsgewohnheiten ebenso angelegt wie die im 19. Jahrhundert immer stärker werdende Wachstumsorientierung, die mit einer selbstgewiss demonstrierten Weltanschauung keine Rücksicht auf die &#132;begrenzte Kugelfläche&#148; der Erde (Immanuel Kant) nimmt und die vier Hauptsätze der Thermodynamik (der Wärmelehre) ignoriert.</p>
<p>Die ökologischen Krisen der Gegenwart &#150; Klimawandel, Rohstoffknappheit und die Ausrottung der Biodiversität &#150; sind ein Ergebnis dieses Zerstörungskrieges. Der ökologische Fußabdruck der Menschen ist bereits so groß, dass&#8217;schon im August eines Jahres die biologische Jahreskapazität verbraucht ist. Und in Deutschland nutzen allein die Menschen in den drei größten Städten Berlin, Hamburg und München natürliche Ressourcen in einem Umfang, die erst die gesamte Fläche unseres Landes hergibt. Der eindrucksvolle Aufruf &#132;Friede mit der Natur&#148; von Klaus Michael Meyer-Abich, Günter Altner und Udo Simonis nannte dieses Naturverständnis eine unausgesprochene Kriegserklärung.</p>
<p>Die Alternative ist nicht die romantische Vorstellung eines idyllischen Friedens zwischen dem Menschen und der nichtmenschlichen Natur. Die Menschen kommen gar nicht darum herum, die Natur für unsere Zwecke zu nutzen. Doch es geht um die Frage, wie das geschieht. Notwendig ist die Einsicht, dass wir uns selbst schädigen, wenn wir meinen, uns über die Natur erheben zu können. Als Teil der Natur können wir nur mit der Natur und nicht gegen sie überleben und in Würde leben.</p>
<p>Genau besehen war und ist das Verhältnis der Moderne zur Natur und zur Körperlichkeit des Menschen ambivalent. Neben dem beschriebenen kriegerischen Verhältnis gab und gibt es eine von Epikur herrührende positive Sicht des Materiellen und des Körperlichen, die eine gelassene und partnerschaftliche Art des Umgangs mit der Naturnahelegt. Freilich ist diese Strömung im Zuge des wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Fortschritts an den Rand gedrängt worden.</p>
<p>Die Ambivalenz im Verhältnis zur Natur ergab sich auch aus der konkreten Realität, denn mit der Pest erreichte die Sterblichkeit am Beginn der Neuzeit eine neue Dimension. Weil der Tod in der Natur angelegt ist, konnte sie nicht nur als Feind gesehen, sondern musste auch als Hilfsobjekt genutzt werden, um mit ihrer Hilfe Krankheiten zu bekämpfen und Leben zu schützen. Der Tod konnte nicht verdrängt werden. Sowohl in der religiösen als auch in der weltlichen Deutung des Fortschritts spielt zudem die Polarität der Geschlechter eine nicht unwichtige Rolle, ebenso in der Bewertung der Natur. Das Männliche steht gemeinhin für den Geist, das Weibliche für den Körper. Entsprechend wurde bei John Bunyan die Versuchung und Sünde symbolisiert durch die Körperlichkeit der Frau, der der Fortschrittspilger kraft seiner männlichen Geistigkeit zu widerstehen hatte.</p>
<p>Als Basis des innerweltlich verstandenen Fortschrittsprozesses galt spätestens seit dem 18. Jahrhundert die wissenschaftlich-technische und ökonomische Entwicklung. Sie wurde &#150; nicht nur für Marxisten, sondern auch für Liberale &#150; der feste Unterbau des Fortschritts, alles andere galt als abgeleitete Möglichkeit, Folgeerscheinung oder Über-bau. Entsprechend wurde Fortschrittspolitik ganz wesentlich zur Förderung des wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Fortschritts, für den frühen politischen Liberalismus und die sozialdemokratische Arbeiterbewegung immer auch, aber eben in Abhängigkeit von diesem Basisprozess, soziale, politische und kulturelle Emanzipation.</p>
<p>Hierin zeigt sich in ausgeprägter Weise, dass die Geschichte des Fortschritts in der europäischen Moderne sowohl janusköpfig als auch unvollendet geblieben ist. Dennoch ist sie nicht so falsch, wie sie manchmal in einer meist postmodern inspirierten Deutung hingestellt wird. Immanuel Kant und auch der angeblich so naive Aufklärer Ephraim Lessing teilten die ihnen häufig unterstellte totale Wissenschaftsgläubigkeit nicht.</p>
<p>Entscheidend für die Schwachstellen ist, dass der technische Fortschritt ursprünglich als Hebel zur Befreiung und Emanzipation der Menschen verstanden wurde, aber die Vordenker der europäischen Moderne vor 200 und mehr Jahren sich die Herausforderungen der heutigen &#132;überbevölkerten, verschmutzten, störanfälligen und ungleichen Welt&#148;, wie sie der Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen beschreiben hat, einfach nicht vorstellen konnten. Das traditionelle Fortschrittsdenken ging von einem fehlenden, zumindest einem falschen Naturverständnis aus. Die Natur wurde nicht als Mitwelt verstanden, sondern als etwas &#132;Weibliches&#148; gedacht, das beherrscht werden müsse. Es wurde ignoriert, dass Wertvermehrung immer auch Wertvernichtung ist. Alle ökonomischen Prozesse haben den &#132;doppelten Charakter&#148;, weil monetär bemessene Werte produziert und gleichzeitig unvermeidlich Stoffe und Energie verbraucht werden. So wer-den zwar gewünschte Gebrauchswerte produziert, aber auch Abfälle, Abgase und Abwasser, die in den Schadstoffsenken der Erde entsorgt werden. Daher gibt es einen Kipppunkt, an dem Vorteile in Gefahren umschlagen.</p>
<p>Die moderne Steigerungsprogrammatik mit ihrer Beschleunigungsdynamik und der falschen Gleichsetzung des Wachstums mit Fortschritt verdrängt die Grenzen, die sich aus der Endlichkeit der Erde ergeben, heute zugespitzt durch die nachholende Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum. Die &#132;Entbettung&#148; der Wirtschaft aus der Gesellschaft durch die ökonomische Dynamik führt zur &#132;Marktgesellschaft&#148;. Karl Polanyi sah hierin die Ursache für die großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts. Tatsächlich blieb die politische Modernisierung immer wieder hinter den wirtschaftlichen Prozessen zurück, was massive Erschütterungen und tiefe Krisen auslöste. Das ist auch heute der Fall, wo der Wachstumszwang Gesellschaft und Wirtschaft in Geiselhaft genommen hat und den Menschen zunehmend die Freiheit nimmt.</p>
<p>Dabei gab es in der ldeengeschichte der Moderne immer auch eine kritische Sicht auf den Fortschrittsgedanken. Jean-Jacques Rousseau sprach beispielsweise von der modernen Zivilisationsentwicklung als Verfallsgeschichte, Walter Benjamin deutete den Fortschritt als Prozess der Zerstörung, Novalis nannte die Moderne einen &#132;langsamen, wohldurchdachten Zerstörungskrieg gegen die Natur&#148;. Doch in erster Linie lieferte die Geschichte der europäischen Moderne eindrucksvolle Beispiele von Fortschrittlichkeit: Die fortschreitende Nutzung von Natur und Technik, die Verbesserung von Gesundheit und Nahrungsversorgung, ein längeres Leben, globale Mobilität oder die Steigerung des Wohlstands und verfügbarer Informationen. Über längere Zeiträume ist auch, wie Dieter Senghaas am Beispiel der europäischen Geschichte herausgearbeitet hat, eine Zivilisierung und Steigerung der Sittlichkeit festzustellen.</p>
<p>Natürlich war die Emanzipation des Menschen, die zur französischen Revolution, den großen Menschenrechtsbewegungen und der Entfaltung der Demokratie geführt hat, eine wertvolle Errungenschaft. Auf der anderen Seite gab es aber eben auch dunkle Perioden menschlicher Barbarei, die Eric Dunning, Schüler von Norbert Elias, als &#132;dezivilisatorischen Downswing&#148; bezeichnet hat und dessen schlimmstes Beispiel der Holocaust im letzten Jahrhundert war.</p>
<p>Das Wachstums- und Fortschrittsdenken ist also ambivalent: Ohne die &#132;Grenzenlosigkeit&#148; bis hin zur &#132;Maßlosigkeit&#148; wäre die okzidentale Dynamik des Fortschritts nicht vorstellbar gewesen. Kreativität, Innovationen oder Originalität sind mit dem Drang verbunden, Grenzen zu überschreiten. Die andere Seite sind jedoch Gier und Machstreben, Ausgrenzung der Natur und ein permanenter Verwertungszwang, die ohne institutionelle Arrangements, die von der Politik und der Zivilgesellschaft zu organisieren sind, in ökonomische Krisen, soziale Ungleichheiten und in ökologische Katastrophen führen.</p>
<h5>Die Idee des Forts&shy;chritts</h5>
<p>Im 19, und beginnenden 20. Jahrhundert verengte sich das Fortschrittsdenken immer stärker auf das Wachstum von Wirtschaft und Technik, nicht aus Selbstzweck, sondern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In dieser Vorstellung waren dem menschlichen Verstand und seiner Gestaltungskraft keine Grenzen gesetzt und der Mensch konnte &#150; in alle Zeiten hinein &#150; umgestalten, verbessern und sich vorwärts bewegen. Fort-schritt wurde zur Entdeckung und Enträtselung und damit zur Beherrschung von Natur und Technik.<br />Der Mensch kann schon auf Erden sein Glück finden, durch die &#132;Selbstproduktion von Gesellschaft&#148; (Alain Touraine), also der Gestaltung von Wirtschaft und Gesell-schaft nach sozialen und politischen Zielen. Darin liegt die Idee des Fortschritts: der Glaube, dass sich die Gesellschaft vorwärts bewegt &#150; und zwar in die erwünschte Richtung. Allein die Akkumulation der Errungenschaften muss einen Wissensfortschritt mit sich bringen, der eine höhere Qualität des Lebens möglich macht. Die große Hoffnung auf eine rational begründete, sichere und fortschreitende Welt, wie sie Gottfried Wilhelm Leibniz Ende des 17. Jahrhunderts definierte, hat sich tief im modernen Menschen- und Gesellschaftsbild eingenistet. Danach läuft alles im Sinne einer &#132;perfectibilite&#148; ab. Eine Vervollkommenbarkeit, ohne dass dieser Prozess zu Ende geht, wenn sich &#150; aufklärerisch gesprochen &#150; die Menschheit Tag für Tag für mehr &#132;Befreiung&#148; einsetzt<br />und sie verwirklicht.</p>
<p>Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Vernunft, bedeutete die Idee der Vervollkommnung die Entfaltung der Humanität, so beispielsweise beschrieben von Johann Gottfried Herder oder Ephraim Lessing. Auch die Enzyklopädisten der Französischen Revolution waren von dem Gedanken überzeugt, dass sich die Menschheit durch eine fortschreitende Weltkenntnis von den Grundübeln des Lebens befreien könne &#150; von Leid und Schmerz, von Elend und Krankheit.</p>
<p>Als entscheidende Basis des innerweltlich verstandenen Fortschrittsprozesses galt spätestens seit dem 18. Jahrhundert die wissenschaftlich-technische und ökonomische Entwicklung. Sie wurde nicht nur für Marxisten, sondern auch für Liberale der feste Unterbau des Fortschritts, alles andere abgeleitete Möglichkeit, Folgeerscheinung und Überbau. Entsprechend hieß Fortschrittspolitik im Wesentlichen die Förderung der ökonomisch-technischen Entwicklung. In Abhängigkeit von diesem Basisprozess stand für den frühen politischen Liberalismus und große Teile der Arbeiterbewegung immer auch die soziale, politische und kulturelle Emanzipation der Menschen.</p>
<p>Die Unterstellung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte unter allen Umständen positiv sei, weil sie prinzipiell den Fortschritt fördert, hat die Arbeiterbewegung nach den Anfängen der Maschinenstürmerei zum Vorreiter der modernen Industriegesellschaft gemacht. Selbstbewusst hieß es: &#132;Mit uns zieht die neue Zeit.&#148; Dabei wurde die auch vorhandene Gewalttätigkeit des Fortschrittsprozesses lange Zeit übersehen.</p>
<h5>Naturvergessenheit</h5>
<p>Instrumentelle Vernunft und technische Rationalität gehören zum modernen Fortschritts- und Freiheitsdenken, um von den Naturgewalten unabhängiger zu werden. Die europäische Moderne radikalisierte einen Gegensatz Mensch &#150; Natur. John Locke, Ideengeber der &#132;Bill of Rights&#148; vertrat schon Ende des 17. Jahrhunderts die Auffassung: &#132;Die Negation der Natur (ist) der Weg zum Glück&#148;. Kurz: Die Menschen müssten sich vollständig von der Natur befreien. Der französische Aufklärer Rene Descartes forderte, dass der Mensch &#132;Maitre et possesseur de la nature&#148; &#8211; &#132;Herr und Besitzer der Natur&#148; &#150; mittels der methodischen Anwendung von Wissenschaft und Rationalität werden müsse. Geist/Denken und Natur wurden als Gegensätze verstanden. In dieser Gedankenwelt gab es einerseits das Immaterielle, das allein dem Menschen gehört, und andererseits das Materielle, die Natur, die uns umgibt und von Descartes in das Bild einer Maschine gefasst wurde. Dahinter steht die Unterscheidung von immateriellem Denken im Menschen und materieller, unbeseelter Maschinenkörperlichkeit.</p>
<p>Der Geist (res cogitans) und die Materie (res extensa) sind nach Descartes radikal getrennte Sphären, zwischen denen es keinerlei Wechselbeziehung gibt. Die Materie ist die bloße Verfügungsmasse für den Geist. Ein Eigenrecht, eine eigene Würde des Körpers und der Natur ist in diesem Weltbild nicht vorgesehen. Hier schließt Descartes an eine Denktradition an, die im Christentum unter dem Einfluss des hellenistischen Philosophen Plotin erhebliche Bedeutung bekam: Das Natürliche als Ort der Sünde und Gegenstand asketischer Disziplinierung. Die Entgegensetzung zwischen intelligentem Menschen und nicht denkfähiger Natur war bereits im späten Mittelalter zu finden. So in den Forderungen nach Experimenten, in denen der Mensch die Natur auf die Erforschbarkeit hin zurichtet. Damals war das sogar ein kühner Gedanke, denn im jüdisch-christlichen Monotheismus herrschte die Vorstellung vor, in der Natur trete das Böse zu Tage. Schöpfer und Schöpfung seien voneinander getrennt. Der Mensch habe sich, um seines Heils willen, auf den nicht naturhaften Gott auszurichten. Von daher sei die Natur das dem Menschen Gegenüberstehende. Vor diesem Hintergrund kann man zu dem Ergebnis kommen, dass die Wissenschaft mit ihrem Objektivitätsanspruch gegenüber der Natur nur in einer monotheistischen Denktradition entstehen konnte, nicht als partnerschaftliche Mitwelt, sondern als eine zubereitete, isolierte, selektive Natur, die nicht wirklich wahrgenommen wird, schon gar nicht als partnerschaftliche Mitwelt.</p>
<p>In dem Geist der frühen Aufklärung war die Wissenschaft (samt Technik) nur als entfremdete und entfremdende denkbar. Die Natur wurde nicht als Miteinander verstanden und erfahrbar, sondern als gefügiger Gegenstand für menschliches Handeln. Francis Bacon dachte den Gedanken radikal: Die Natur zu beherrschen heißt, sie exakt zu er-kennen. Das steht hinter seinem berühmten Satz: &#132;Wissen jedoch ist Macht&#148;. Diese Macht war das Mittel, kein Ziel. Das Ziel war der Konsum. Die Erde wurde als Gebrauchs- und Verbrauchsgegenstand gedacht, ganz so wie Francis Bacon dies in seiner Utopie &#132;Neu-Atlantis&#148; beschrieb. Die Bewohner müssten nutzen, was überhaupt aus der Natur herauszuholen sei. Dafür müsse die Natur auf die &#132;Folterbank&#148; der Experimente gespannt werden. Nur so könne man ihr &#151; wie einer Hexe &#151; die Geheimnisse und Gesetze entreißen. Mit ökologischer Verantwortung und einem partnerschaftlichen Verhältnis zur natürlichen Mitwelt hatte das nichts zu tun. Friedrich Nietzsche, mit seiner zersetzenden Kritik an der Moderne, ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht zu werden, beschrieb diese Fragwürdigkeit in der &#132;Morgenröte&#148;: Dem &#132;Don Juan der Erkenntnis&#148; fehle die &#132;Liebe zu den Dingen, die er erkennt&#148;, aber er hat &#132;Kitzel und Genuss an Jagd und Intrigen der Erkenntnis, bis an die höchsten und fernsten Sterne hinaus&#148; &#151; so lange, bis er sich im Zustand des &#132;süchtigen Trinkers&#148; befinde.</p>
<p>In der Nachfolge Descartes führt ein Hauptstrang der europäischen Moderne einen permanenten &#132;Krieg&#148; mit der Natur. Die Entgegensetzung setzt sich bis heute fort, denn wir sprechen fälschlicherweise von der &#132;Umwelt&#148;, als sei nicht auch der Mensch ein Teil der Natur. Von daher ist richtig, sie als natürliche Mitwelt zu verstehen.</p>
<h5>Fixierung auf Wachstum</h5>
<p>Mit instrumenteller Vernunft und technischer Rationalität wurde zumindest in einem Teil der Welt gesellschaftlicher Fortschritt und die Emanzipation der Menschen möglich. Darin lagen allerdings auch erste Ursachen für die uns heute belastende Wachstumsabhängigkeit, die sich seit dem 19. Jahrhundert herausgebildet hat, wobei die Wurzeln sehr viel tiefer reichen. Gleichheit und Freiheit erforderten schon nach John Locke nicht nur die Loslösung von der Natur, sondern auch ein vermehrtes Nutzen, Benutzen und Vernutzen, also den Gebrauch und Verbrauch von Materie. Locke leitete das Ziel der Freiheit von der Gleichheit ab. Sie erst verbürge Demokratie und Freiheit. Zu den unabdingbaren Grundlagen gehöre das Recht auf Besitz, vor allem auf Mehrung des Besitzes. Diese Vorstellung von menschlicher Freiheit kann man auch als Besitz ergreifende Vernunft bezeichnen. Von daher kann die Wachstumsfrage nicht losgelöst von der jeweiligen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung gesehen werden.</p>
<p>Neben der Naturbeherrschung war Besitz (auch der Natur) ein zentrales Thema der europäischen Moderne. Bereits in der Entstehungszeit zeigt sich auch hier eine tiefgehende Ambivalenz: Zum einen steht das Streben nach Besitz in einem engen Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus, zum anderen bezieht es sich auf den neu entdeckten Gedanken der Freiheit der Menschen. In der puritanischen Gewinnsucht des frühen Kapitalismus zeigte sich bereits eine &#132;Eigentumsbessenheit&#148; (Eric Voegelin), Sie war eine wichtige Vorstellung schon in der damaligen Zeit, denn Besitzergreifung und Besitzvermehrung wurden als Zeichen für die Erwähltheit des Menschen durch Gott verstanden. Diese freiheitliche Besitzmehrung führte zum Streben nach &#132;Immer mehr&#148; und vor allem nach einem &#132;Immer mehr Haben&#148;. Wachstum wurde zu einer zentralen Leitidee für Fortschritt. Fortschritt war zuerst das Wachstum der äußeren Dinge, während die moralische Befreiung des Menschen, die Humanität verwirklichen sollte, an Bedeutung verlor. Fortschritt wurde zu einem &#132;Immer mehr&#148;, &#132;Immer weiter&#148; und &#132;Immer schneller&#148;. Ins Zentrum rückten die notwendigen Maschinen &#151; von der Dampfmaschine bis zu Computerzeitalter &#151; zur Ausweitung und Beschleunigung aller Prozesse. Wachstum wurde zu einer Ersatzreligion, die Niklas Luhmann als &#132;Suggestion&#148; bezeichnete.</p>
<p>Das macht deutlich, wie sehr die Fixierung auf Wachstum die Maßstäbe verschoben hat. Deshalb konnte sich nach dem Zusammenbruch der staatswirtschaftlichen Gesellschaftsexperimente fast überall auf der Welt die irrige Vorstellung durchsetzen, dass hohe Wachstumsraten am ehesten durch die Entfesselung des Kapitals und die Radikalisierung der Marktbeziehungen zu erzielen seien.</p>
<p>Doch die Beschleunigung hat nicht, wie die große Hoffnung war, überall mehr Freiheit und Wohlstand gebracht. Das Ergebnis ist auch Ungleichheit und Unsicherheit, Zeitdruck, Zeitnotstand und Entleerung der sozialen und kulturellen Beziehungen.Die Moderne ist immer tiefer in Abhängigkeit vom Wachstum geraten. Mehr noch: Heute stellt sich die Frage, ob der Kapitalismus ohne Akkumulation überlebensfähig ist? Wachstumsentschleunigung ist das Gebot der Stunde. Dafür müsste im Hinblick vor allem der &#132;Zeitverbrauch&#148; reduziert werden. Bereits im 18. Jahrhundert gab es Ideen für eine zeitsparende Effizienz, bis 1765 James Watt mit der Dampfmaschine die Voraussetzung für eine allumfassende Beschleunigung erfunden hat. Weitere Maschinen folgten: das Auto, das Flugzeug, sogar die Rakete. Die Grenzen in Zeit und Raum wurden radikal überwunden.</p>
<p>Hinzu kommt, dass der Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung trotz einer steigenden technischen Effizienz explosionsartig zunehmen, seit der industriellen Revolution eine exponentielle Kurve angenommen haben. Und der Trend ist ungebrochen. Beim Klimaschutz haben in den letzten zehn Jahren die Wärme stauenden CO2-Emissionen trotz des UN-Kyoto-Vertrages zum Klimaschutz um ein weiteres Drittel zugenommen. Der Trend ist ungebrochen. Auch die Steigerung der Energie- und Ressourcenproduktivität bleibt deutlich hinter der Steigerung der Arbeitsproduktivität zu-rück, obwohl technisch auch eine andere Entwicklung möglich wäre. Doch bis heute gibt es keine konsequente Strategie der Entkoppelung und Reduktion des Naturverbrauchs vom Wirtschaftswachstum. Vor allem die großen, marktbeherrschenden Konzerne sind parasitäre Unternehmen, die die Zukunft auszehren. So besteht die Gefahr der ökologischen Selbstzerstörung (Siegfried Lenz).</p>
<h5>Die gro&szlig;e Trans&shy;for&shy;ma&shy;tion 2.0</h5>
<p>Natürlich waren die großen Ideen der Aufklärung &#150; vor allem Emanzipation und Freiheit, Pluralismus, Toleranz und Demokratie &#150; wertvolle Errungenschaften. Sie sind das große europäische Erbe, das wir verteidigen, aber auch neu fundieren müssen. Doch die &#132;durchforschte Welt&#148; erweist sich als immer komplizierter, ökonomischer und undurchschaubarer, immer weniger verstehbar und gestaltbar &#150; die Funktionsfähigkeit ihrer Systeme wurde abhängig vom Wachstum. Deshalb muss das europäische Erbe auf neuen Wegen bewahrt werden, die sich nicht länger den Zwängen der Beschleunigungs- und Expansionsmaschine unterordnen müssen.</p>
<p>Mit einem Paukenschlag, der düsteren Weltprognose von Denis Meadows für den Club of Rome am Beginn der siebziger Jahre, wurden die Limits of Growths zu einem öffentlichen Thema. Zwar hatte zehn Jahre vorher Rachel Carson im stummen Frühling die weltweite Vergiftung der Natur beschrieben und vier Jahre zuvor auch der Richta-Report aus Prag mehr Lebensqualität gefordert. Doch erst mit der Botschaft aus den Rechenmaschinen des amerikanischen MIT wurde die alte Idee des Fortschritts erschüttert.Nicht allein die ökologischen Grenzen sondern auch die ökonomischen Krisen des Wachstums wurden sichtbar. 1973 kam das Ende der Bretton-Woods-Ära. Die alte Weltwirtschaftsordnung brach zusammen, weil die USA, um die Kosten des Vietnam-Krieges zu bezahlen, die Vorrangstellung des Dollars nutzten um dies auf andere Länder abzuwälzen.</p>
<p>Um den sinkenden Wachstumsraten ihrer Volkswirtschaften entgegenzuwirken, setzten die USA und Großbritannien in den letzten drei Jahrzehnten auf Neoliberalismus und Finanzkapitalismus. Vorbei war die Epoche, in der ein hohes wirtschaftliches Wachstum mit einem Ausbau des Sozialstaates verbunden wurde. Auch kam es nicht zu der überfälligen sozialökologischen Wende.</p>
<p>Dabei gab es zahlreiche Arbeiten, in denen das Wechselverhältnis zwischen Mensch und Natur neu bestimmt wurde, zum Beispiel Mesarovic/Pestel 1974; Tinbergen 1974; Pestel 1988; Global 2000; von Weizsäcker 1997 und 2010. Sie belegen, dass es sehr wohl Möglichkeiten für ein entschlossenes Umsteuern gibt. Doch eine solche Politik der &#132;Rückkehr zu einem menschlichen Maß&#148; wurde bisher nicht in Gang gesetzt. Im Gegenteil: Nach den siebziger Jahren, in denen klar wurde, dass ungebremstes Wachstum nicht nur die Chancen der Kinder aufzehrt, sondern schon den Wohlstand der Eltern, kam es erst einmal zu einer Verdrängung der Herausforderungen.</p>
<p>Heute, wo das Thema Grenzen des Wachstums in einer neuen und zugespitzten Form auf der Tagesordnung gekommen ist, ist die Gefahr noch immer groß, dass in der Abhängigkeit von dem &#132;überwältigenden Zwang&#148; des Wachstums, dem mächtigen &#132;Triebwerks der modernen Wirtschaftsordnung&#148; (Max Weber), dem sich &#132;niemand entziehen kann&#148;, Immanuel Kants programmatische Vorstellung, die Überwindung der Unmündigkeit; zu einer uneinlösbaren Utopie wird.</p>
<h5>Okono&shy;mi&shy;sie&shy;rung im Denken und Handeln</h5>
<p>Der finanzmarktgetriebene Kapitalismus ist nicht vereinbar mit Null-Wachstum oder Degrowth. Seine Software stürzt ab, wenn das Wachstum stockt. In den letzten zwei-hundert Jahren ist es zu einer immer stärkeren Ökonomisierung im Denken und Handeln gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist die Maßzahl, mit der nicht nur Produkte und Dienstleistungen bewertet werden, sondern auch Wohlstand, Leistungskraft und Zukunftsstärke einer Gesellschaft. Es entscheidet über Ansehen, Zahlungsfähigkeit und Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft. Wenn das Wachstum sinkt, schrillen die Alarmglocken. Weil nur das zählt, was einen Preis hat, drohen alle jene Produkte und Stoffe aus dem Gesichtskreis zu verschwinden, die keinen Preis und damit keinen Gebrauchswert haben. Und der Gebrauchswert ist der Träger von Wert. Werte, die keine Gebrauchswerte sind, werden aus dem monetären Kalkül möglichst externalisiert. Folglich findet, wie Elmar Altvater herausgearbeitet hat, beides zugleich statt: die qualitative Entwicklung der Gebrauchswertproduktion und das quantitative Wachstum im Verwertungsprozess des Kapitals. Darüber vollzieht sich auch die erweiterte Reproduktion des Kapitalverhältnisses und damit die vorherrschende Regulation in der Entwicklung der Gesellschaft. Das schließt das Nicht-Verhältnis zur Natur ein.</p>
<p>Von daher ist Wachstum die entscheidende Größe zur Stabilisierung der hergebrachten wirtschaftlichen Ordnung. Eine Wachstumsschwäche geht weit über eine ökonomische Herausforderung hinaus, sie wird zum Notfall der Gesellschaft und zur Frage, ob Strukturreformen möglich werden, die im Konflikt mit der heutigen Wirtschaftsordnung stehen. In diesem alten Denken ist Wachstum auch der Grund, warum dem Finanzsektor so viel Freiheit eingeräumt wurde und warum alles getan wird, die Finanzmärkte zu stützen. Diese Abhängigkeiten sind im System begründet.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund sind Ängste und Warnungen vor einer Degrowth-Strategie zu sehen. Aber wir kommen an der Tatsache tendenziell abnehmender Wachstumsraten nicht vorbei. Die Debatte über eine Postwachstumsgesellschaft ist keine modische Frage, die sich nur besser verdienende Mittelschichten leisten können. Sie ist zur harten Realität geworden. Deshalb geht es darum, sich .dieser Wirklichkeit zu stellen und zu einem neuen Modell des Fortschritts und zu neuen Maßstäben des Wohlstands zu kommen. Die Ökonomie muss wieder &#132;eingebettet&#148; werden &#151; in feste soziale und ökologische Bindungen. Das muss sowohl programmatisch als auch beispielgebend in wichtigen Einzelfeldern geschehen. Und dabei müssen auch die Systemfragen aufgezeigt werden. Für eine solche ökologische Wende sind acht Wegmarken zentral:</p>
<ol>
<li>Die Jahrhundertidee der Nachhaltigkeit muss aus ihrer inzwischen fast beliebigen Interpretation herausgeholt und als regulatives Prinzip konkretisiert werden. Grundlage ist die &#132;Fernstenliebe&#148; (Hans Jonas) als Maßstab politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen. Eine &#132;verbürgte Nachhaltigkeit&#148; ist eine zeitgemäße Ethik des Bewahrens und der Vermeidung sozialer und ökologischer Schäden, ohne die technisch-ökonomische Dynamik der Gestaltung aufzugeben, die Demokratie und Gerechtigkeit brauchen.</li>
<li>Wir brauchen ein Naturverständnis, das nicht anthropozentrisch ist und die Natur nur als Umwelt versteht, sondern sie als natürliche Mitwelt begreift.</li>
<li> Eine drastisch erhöhte Stoff- und Energieeffizienz ist die Brückentechnologie in<br />die Solar- und Kreislaufwirtschaft. Wir brauchen nicht nur eine solare Wirtschaft, sondern auch die 2.000-Watt-Gesellschaft.</li>
<li>Unverzichtbar ist ein kultureller Wandel, der neue Formen von Demokratie, Wohlstand und Lebensqualität begründet. Dazu zählen ein Zeitwohlstand und ein qualitativ besseres Leben, statt immer mehr haben zu wollen.</li>
<li> Wir brauchen neue Formen von Verteilungsgerechtigkeit, gute Arbeit und armutsfeste Sozialsysteme, die nicht abhängig sind von einem hohen Wachstum. Ein neuer<br />Fortschritt stellt unbedingt die Frage nach einem neuen Typus der Reichtumsverteilung in einer Kultur der Freiheit.</li>
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<li>Die Ausweitung von Demokratie, Mitbestimmung und Teilhabe vor allem in der Wirtschaft, um die Kreativität und Mitverantwortung der Menschen für den sozialökologischen Umbauprozess zu fördern.</li>
<li>Eine Sicherung und Stärkung der öffentlichen Güter und des Staates, insbesondere von Bildung, sozialer Sicherheit und Kultur, um die Zivilgesellschaft zu aktivieren.</li>
<li>Eine Europäische Union der Nachhaltigkeit, damit Europa in der Globalisierung eine gestaltende Rolle spielt und das Erbe der europäischen Kultur bewahrt.</li>
<p><b>Literatur</b></p>
<p><i>Adorno, Theodor W.</i> (1997): Gesammelte Schriften.<br /><i>Adorno, Theodor W./Max Horkheimer</i> (1944): Dialektik der Aufklärung. <i>Altner, Günter </i>(1991): Naturvergessenheit.<br /><i>Altvater, Elmar</i> (2011): Nullwachstum und (oder) die Welt geht unter. <i>Bacon, Francis</i> (1597): Meditationes sacres.<br /><i>Bacon, Francis</i> (1627): Nova Atlantis.<br /><i>Benjamin, Walter </i>(1977): Über den B egriff der Geschichte.<br /><i>Bunyan, John</i> (1678): Pilgrim&#8217;s Progress.<br /><i>Carson, Rachel </i>(1962) Der stumme Frühling.<br /><i>Cark, William </i>(2001): Learing to manage global environmental risks. <i>Daly, Herman</i> (1977): Steady-State Economics.<br /><i>Descartes, Rene</i> (1637) Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs.<br /><i>Diamond, Jared</i> (2005): Kollaps.<br /><i>Elias, Norbert </i>(1939): Über den Prozess der Zivilisation.<br /><i>Epikur </i>(2005): Wege zum Glück.<br /><i>Foster, John Bellamy</i>.(2010): Capitalism and Degrowth.<br /><i>Foucault, Michel </i>(1993): Wahnsinn und Gesellschaft.<br /><i>Gadamer, Hans-Georg </i>(1976): Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft.<br /><i>Global 2000 </i>(1998): Bericht an den Präsidenten.<br /><i>Habermas, Jürgen </i>(1962): Strukturwandel und Öffentlichkeit.<br /><i>Hauff, Volker</i>(1987) Unsere Gemeinsame Zukunft.<br />Hegel, Georg Friedrich Wilhelm (1970): Phänomenologie des Geistes.<br />Hirsch, Fred (1980); Die sozialen Grenzen des Wachstums. Hobsbam, Eric (1994): Das Jahrhundert der Extreme.<br />Hoeck, Wilhelm (1997): Die Entdeckung des Ich. Horkheimer, Max (1991): Gesammelte Schriften.<br />Hume, David (1748): Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand.<br />Kant, Immanuel (1784): Was ist Aufklärung?<br />Locke, John (1690) An Essay concerning Humane Understanding.<br />Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft.<br />Meadows, Dennis (1972): Die Grenzen des Wachstums.<br />Mihajlo Mesarovic/Eduard Pestel (1974): Menschheit am Wendepunkt.<br />Meyer-Abich, Klaus Michael (1990): Aufstand für die Natur.<br />Nietzsche, Friedrich (1884): Nachlass.<br />Polanyi, Karl (1978) Die große Transformation.<br />Pestel, Eduard (1988): Jenseits der Grenzen des Wachstums.<br />Richta, Radovan (1968): Zivilisation am Scheideweg.<br />Rockström, Johan et. al. (2009): A safe Operating Space for Humanity.<br />Rousseau, Jean-Jacques (1750): Abhandlung über die Wissenschaften und Künste.<br />Scherhorn, Gerhard (2009): Geld soll dienen.<br />Schneiders, Werner (1997): Das Zeitalter der Aufklärung.<br />Schumpeter, Joseph (1908): Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie.<br />Simonis, Ernst Udo (1986): Ökologie und Ökonomie.<br />Smith, Adam (1776): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations.<br />Stephan, Karl/Franz Mayinger (1998/99): Thermodynamik. Störig, Hans Joachim (1950): Weltgeschichte der Philosophie.<br />Strasser, Johano (2005): Fortschritt: Vieldeutigkeit und Wandelbarkeit eines Schlüsselbegriffs.<br />Tinbergen, Jan (1974): The dynamics of business cycles.<br />Touraine, Alain (1072): La Production de la Societe.<br />Voegelin, Eric (1975): From Enlightment to Revolution.<br />Weber, Max (1919): Wissenschaft als Beruf.<br />Weber, Max (1904): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.<br />Von Weizsäcker, Ernst Ulrich (2010): Faktor Fünf.<br />Welsch, Wolfgang (1996): Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik. Wissenschaft &#038; Umwelt (2009): Nachhaltiges Wachstum?<br />Zinn, Karl Georg (1980): Die Selbstzerstörung der Wachstumsgesellschaft.</p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/editorial-37/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.1 Die Katastrophe von Fukushima markiert den Umkehrpunkt einer großtechnologischen Entwicklung, deren Folgen sich als nicht beherrschbar erwiesen haben. Der Klimawandel verweist schon seit mehr als zwei Jahrzehnten auf die Grenzen einer wachstumsorientierten Wirtschaftsweise. Deutschland war über Jahrzehnte ein role-model dieses Fortschrittstypus. Mit dem Atomausstieg hat es nun national [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/editorial-37/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.1</p>
<p>Die Katastrophe von Fukushima markiert den Umkehrpunkt einer großtechnologischen Entwicklung, deren Folgen sich als nicht beherrschbar erwiesen haben. Der Klimawandel verweist schon seit mehr als zwei Jahrzehnten auf die Grenzen einer wachstumsorientierten Wirtschaftsweise. Deutschland war über Jahrzehnte ein role-model dieses Fortschrittstypus. Mit dem Atomausstieg hat es nun national eine Entwicklung eingeleitet und international ein Zeichen gesetzt, deren Aus- und Nachwirkungen noch nicht ab-sehbar sind. Denn was daraus folgt, ist nicht nur der Wechsel einer Technologie, sondern der Wandel einer Lebensweise. Das über zwei Jahrhunderte hegemoniale Fortschrittsmodell der westlichen Gesellschaft, welches in der Entfaltung der Produktivkräfte, der Wissenschaft und Forschung die Grundlage individueller Emanzipation, gesellschaftlicher Entwicklung und demokratischer Selbstverwirklichung des Volkes sah, steht auf dem Prüfstand. Denn von keinem der Bestandteile dieses Modelle ist gewiss, dass es ohne die anderen fortexistieren kann, und bislang war ihre gelingende Symbiose ein Fortschrittsmodell, das global ausstrahlte &#8211; ohne allerdings global akzeptiert zu sein. Doch erweist sich noch kein anderer nationaler oder kultureller Pfad als begehenswerter. Allein die Vernunft ist derzeit ein schwacher Kompass des Fortschritts. Diese Ausgabe der vorgänge will Pfade ausloten, deren Richtung dieser Kompass anzeigt.</p>
<p><i>Markus Holzfinger</i> sieht die moderne Gesellschaft kalkulierbaren Fortschritts abgelöst, durch die &#132;Kontingenzgesellschaft&#148; in der eingelebte Formen der Institutionalisierung und Kollektivität zunehmend durch Entscheidungen bestimmt sind, ohne über die Orientierungssicherheit zu verfügen, diese zu fällen. An die Stelle des homo oecononücusist der homo creator getreten, der die Paradoxie aushalten muss, in einer Welt zu leben, in der er zunehmend selbst sein Schicksal in die Hand nehmen muss, und gleich-zeitig zu reflektieren, dass er auf Grund just dieser Optionen weit verzweigte Kausalketten in Gang setzt, deren nicht intendierte Nebenfolgen er nicht mehr über-blickt und über die er in der nächsten Runde des Handelns erneut zu entscheiden hat.</p>
<p><i>Für Michael Th. Greven </i>ist in der Kontingenzgesellschaft eine ungefragte Geltung dessen, was genau als Fortschritt der oder in der Demokratie gelten könne, nicht mehr gegeben. Die Demokratie ist reflexiv geworden, das bedeutet, sie muss selbst über ihre eigene Verfasstheit entscheiden. Zugleich muss sie auf den Wandel ihrer sozialen Umwelt antworten, wovon ihre Verfahren, Organisationen und Institutionen nicht unbeeinflusst bleiben. In der Konsequenz ist eine Erosion ihrer legitimatorischen Grundlagen zu konstatieren, welche die Angemessenheit des Begriffs Demokratie zur Beschreibung der aktuellen Herrschaftsweise fragwürdig erscheinen lässt.</p>
<p><i>Matthias Zimmer </i>zeichnet die Entwicklung des Fortschrittsbegriffs von seinen Anfängen bis zu seiner Blüte- und Verfallszeit in der Moderne nach und macht seine weitere Entwicklung abhängig von einer Rückbindung seiner Potenzen an eine normative Leitidee außerhalb der reinen materiellen Bedürfnisbefriedigung. Ein daraus erwachsender ganzheitlicher Begriff des Fortschritts könne allerdings nicht verordnet werden, sondern könne sich nur als das Resultat einer auf den ganzheitlichen Menschen gerichteten Erziehung verstehen.</p>
<p>Für <i>Michael Müller</i> ist der Idee des Fortschritts immer schon eine dunkle Seite der Eigentumsversessenheit und Naturvergessenheit, der Expansion und der Beschleunigung eingeschrieben, deren zerstörerischen Potenziale zunehmend die Entwicklung bestimmen. Damit ist die Frage einer Postwachstumsgesellschaft aufgeworfen, die auf die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen mit einer ein kultureller Wandel antwortet, der neue Formen von Demokratie, Wohlstand und Lebensqualität begründet.</p>
<p><i>Konrad Ott</i> beschreibt vier politische Pfade, die in diese Postwachstumsgesellschaft führen, die wertkonservative Wachstumskritik, die industriepolitisch geprägte Effizienzrevolution, das Konzept eines neuen Gesellschaftsvertrages und die DegrowtlrStrategie der neuen Linken. Während er für Letztere keine tragfähige gesellschaftliche Basis sieht, eröffnen sich bei den Übrigen mögliche Überschneidungen und Allianzen.</p>
<p><i>Daniel Hausknost </i>bezweifelt, dass mittels technischer Innovationen der Klimakapitalismus das Klimaziel erreichen kann. Beim darüber hinausgehenden Modell einer stationären Wirtschaft ist hingegen die politische Durchsetzbarkeit zweifelhaft, denn es ist enorm konfliktträchtig, weil es nicht mehr auf die sozial ausgleichenden Potenziale einer Wachstumsökonomie zurückgreifen kann. Die Demokratie stünde von einer bislang ungeahnten Herausforderung.</p>
<p><i>Rolf Reißig</i> sieht die Gesellschaften der Nach-Moderne vor einer neuen &#132;Großen Transformation&#148; die in ihrem umwälzenden Charakter der von Karl Polanyi beschriebenen &#132;Großen Transformation&#148;, hin zum modernen Kapitalismus in nichts nachsteht. Sie soll auf einen sozialökologischen und solidarischen Entwicklungspfad führen, doch eine Gewähr dafür gibt es nicht.</p>
<p><i>Mathias Binswanger</i> sieht die treibenden Faktoren permanenten wirtschaftlichen Wachstums zum einen im subjektiven Zwang zu einer vermeintlichen Selbstoptimierung durch Konsum, Statussteigerung, Flexibilisierung und Beschleunigung &#8211; dem allerdings kein Mehr an Glück und Zufriedenheit entspricht. Zum Zweiten ermöglicht es eine Wohlstandsmehrung, die nicht zu Lasten anderer geht, und zum Dritten resultiert es aus den Zwängen einer Kreditgeldwirtschaft, Mehrwert und Kaufkraft schaffen, die dann einen erweiterten Geldkreislauf in Gang setzen.</p>
<p><i>Michael Daxner </i>analysiert am Beispiel Afghanistans die militärische Implementierung einer fortschrittlichen Rule of Law in ihrer kolonisierenden Rückwirkung auf dielebensweltlichen informellen Institutionen. Deren Resultat ist ein fragmentiertes Regime, das in dem Maße, wie die Lebenswelt ausgegrenzt bleibt, Gewaltpotenziale her-<br />vorbringt.</p>
<p><i>Ilse Lenz </i>zeigt auf, dass das lineare Fortschrittsdenken der Moderne auch in seinen progressiven Ausformungen immer auf der Ausgrenzung und teilweisen Unterdrückung der Lebenswelt der Frau basierte. Auch die verstärkte Flexibilisierung des Geschlechterregimes in den letzten Jahren ist keineswegs nur Befreiung, sondern birgt Ambivalenzen. Vor diesen Hintergrund gewinnen dekonstruktive Geschlechteransätze Bedeutung, die Fürsorge und Versorgung betonen und auf eine Balance von Staat, Arbeit und Familie abheben.</p>
<p><i>Veith Selk</i> folgt dem roten Faden utopischen Denkens, der sich von den gesellschaftsverändernden Entwürfen eines Saint-Simon und eines Karl Marx bis zu dem Ideal einer rational organisierten Gesellschaft spannt, das Jürgen Habermas seinem deliberativen Modell reiner kommunikativer Vergesellschaftung zu Grunde legt.</p>
<p>Ein Plädoyer von Kurt Bergmann und Leonard Novy, die wirtschaftlich angeschlagene deutsche Presselandschaft durch gemeinnützige Stiftungen wieder mehr zum Blühen zu bringen, rundet diese Ausgabe der vorgänge ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lektüre wünsche.</p>
<p>Ihr</p>
<p>Dieter Rulff</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/editorial-37/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Der Zwang zur Entscheidung</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/der-zwang-zur-entscheidung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 18:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die fragile Zukunft in der Kontigenzgesellschaft aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.4-16 1.&#160;Das Unwahr&#173;schein&#173;liche wird denkbar Als es am 11. März 2011 infolge des Töhoku-Erdbebens und des darauf folgenden Tsunamis im japanischen Kernkraftwerk Fukushima zu einer Unfallserie kam, bei der die Reaktorblöcke 1 bis 4 zerstört und erhebliche Mengen radioaktiven Materials freigesetzt wurden, war [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/der-zwang-zur-entscheidung/">Der Zwang zur Entscheidung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die fragile Zukunft in der Kontigenzgesellschaft</p>
<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.4-16</p>
<h5>1.&nbsp;Das Unwahr&shy;schein&shy;liche wird denkbar</h5>
<p>Als es am 11. März 2011 infolge des Töhoku-Erdbebens und des darauf folgenden Tsunamis im japanischen Kernkraftwerk Fukushima zu einer Unfallserie kam, bei der die Reaktorblöcke 1 bis 4 zerstört und erhebliche Mengen radioaktiven Materials freigesetzt wurden, war man sich sehr schnell der zeitdiagnostischen Bedeutung dieses Stör-falls gewiss. Die Katastrophe in Japan sei ein Einschnitt. Ein neuer Typus von Katastrophe bedrohe die global vernetzte Welt. Jetzt werde das Unwahrscheinliche denkbar. Die Lage nach dem dreimonatigen Moratorium, das die Regierung kurz nach dem Reaktorunfall verhängt hatte, werde &#132;eine andere sein&#148; als vor diesem Moratorium, sagte Kanzlerin Angela Merkel: &#132;Alles gehört auf den Prüfstand.&#148; Bundesumweltminister Norbert Röttgen konstatierte, dass das, was in Fukushima geschehen sei, eine &#132;Zäsur&#148; bedeute, weil das passiert sei, wovon man immer gesagt habe, dass es nicht passieren könne. Bislang wurde nur über die theoretische Möglichkeit von Reaktorunfällen gesprochen. Das, was vorher ein klitzekleines Risiko der Eintrittswahrscheinlichkeit war, ist jetzt erfahrbare Wirklichkeit geworden. &#132;Wir müssen unser Verhältnis zu elementaren Risiken neu bewerten, wir müssen Sicherheit neu verstehen.&#148; (Röttgen 2011: 30)</p>
<p>In Wahrheit ist eine solche Katastrophe, wie sie im März 2011 in Japan stattgefunden hat und als Zäsur markiert wurde, auch vorher denkbar und möglich gewesen. Unter dem noch frischen Eindruck der Fukushima-Katastrophe hatte die Weltgemeinschaft gerade versprochen, 550 Millionen Euro für einen neuen Mantel um den verstrahlten Unglücksreaktor in Tschernobyl zu spenden. Die Katastrophe im Kernkraft Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des örtlichen Reaktors. Innerhalb der ersten zehn Tage nach dem Super-GAU wurde eine Aktivität von mehreren Trillionen Becquerel freigesetzt. Ebenso waren auch die Schwachstellen der deutschen Atomkraftwerke seit Jahren bekannt. Lange vor dem schwerwiegenden Atomunfall in Japan wiesen Kritiker zum Beispiel darauf hin, dass es im Ernstfall auch in deutschen Atomkraftwerken Probleme mit den Notkühlsystemen geben könne. Diejenigen, die sich nun auf das Undenkbare berufen, waren häufig auch diejenigen, die vorher beteuerten, die deutschen Nuklearmeiler seien besonders sicher. Sie müssen sich jetzt die Frage gefallen lassen, ob sie die Gefahr damals fahrlässig unterschätzt haben. Dass eine solche Katastrophe denkbar ist, darauf hatten verschiedene Wissenschaftler immer wieder hinge-wiesen. Robert Jungk (1977: IX) hatte bereits 1977 über die Risiken der Kernkraft geurteilt, &#132;daß es niemals gelingen wird, sie ganz auszuschließen&#148;. Dass wir in einer Gesellschaft leben, die es mit schwer fassbaren Gefahren und Ungewissheiten zu tun hat, die alle betreffen und niemand mehr adäquat versichern kann, hatte Ulrich Beck (1986) zum Begriff der <i>Risikogesellschaft</i> inspiriert.</p>
<p>Und schließlich hatte eben erst die Finanzkrise am Ende des Jahres 2008 und die damit zusammenhängenden spektakulären Bankenzusammenbrüche demonstriert, wie weit systemische Kettenreaktionen in der global vernetzten Welt reichen. Das US-Investmenthaus Lehman Brothers war der Anlass gewesen, der die globale Finanzwirtschaft in einen Sog der Zerstörung hineingezogen hat, der in konzentrischen Kreisen immer weitere Bereiche der sozialen Landschaft erfasste und bis heute die Finanzwelt in Atem hält. Die Finanzkrise musste für alle diejenigen, die im Spiel um Immobilienkredite beteiligt waren, die Einsicht provozieren, &#132;dass stets andere Zukünfte als die er-warteten in die Gegenwart zurückkehren&#148; (Vogl 2010: 170).</p>
<p>Was in den Wirtschaftswissenschaften noch viel zu wenig reflektiert wird, ist die Tatsache, dass die globale Kernschmelze an den Finanzmärkten im Grunde genommen ein zentrales Paradigma der Wirtschaftstheorie destruierte: nämlich die Theorie rationaler Akteure unter dem Signum des homo oeconomicus. Die soziale Physik der Oikodizee der modernen Gesellschaft orientierte sich an einer elementaren Gründungsfigur: Diese schrieb vor, dass sich im Aufeinandertreffen der egoistischen Einzelinteressen durch die &#132;unsichtbare Hand&#148; des Marktes soziale Ordnung einstelle. Der Zusammenbruch der Immobilienblase und des Hypothekenmarktes im Herbst 2008 stellte gleichsam den Kontrapunkt der Profit- und Gewinnmaximierungshypothese der neoklassischen Ökonomie dar. Dieses Ereignis demonstrierte nämlich, dass die Banken ihre eigenen Risiken nicht richtig kalkulieren und dass sie mit (vermeintlich) rationalen Entscheidungsprozessen systematisch Irrationalität produzieren (vgl. Stiglitz 2010: 201 f; Vogl 2010: 174).</p>
<p>Nun zeigte sich, dass der Deriatenhandel weniger auf einer rationalen Ökonomie der Kalkulation, als auf den Regeln des verbotenen Glücksspiels basierte. &#132;Mit Derivaten handeln ist wie auf Pferde wetten&#148;, gibt ein Hedgefonds Manager zu bedenken (Arnoldi 2009: 71). Insofern spiegelt George Soros&#8216; Diktum, dass die Finanzmärkte des Hochfrequenzhandels einen sehr sicheren Weg besäßen, die Zukunft vorherzusagen: &#132;Sie schaffen sie selbst.&#148; (Der Spiegel, 33/2011: 71), noch den Geist von Machbarkeit und Kontrolle wider, von dem die Wirtschaftswissenschaften und Managementlehren häufig beseelt sind. Zwar ist Soros&#8216; These darin zuzustimmen, dass die neuen Derivatenmärkte Modelle der Preisbestimmung &#132;performativ&#148; herstellen (MacKenzie 2006). Aber die Krise auf demUS-Immobilienmarkt manifestiert, dass die Marktteilnehmer die turbulenten Binnenlogiken der Kapitalmärkte nicht kontrollieren können. Kurzum: Die Restrisiken, die man immer als unwahrscheinliche, zu vernachlässigende Restgröße interpretierte, waren längst Realität geworden. Niklas Luhmann konstatiert in seiner Soziologie des Risikos: &#132;Die Tür zum Paradies bleibt versiegelt. Durch das Wort Risiko.&#148; (Luhmann 2003: 26)</p>
<p>Und dennoch: obgleich viele Experten bereits vielfach auf die Gefahren hypothetischer Risiken hinwiesen, versinnbildlicht die Katastrophe in Fukushima (wieder einmal) <i>die Paradoxie der Moderne </i>paradigmatisch: Von Fukushima aus ist das Folgende erneut evident geworden: Die Moderne bezeichnet nicht nur dasjenige Zeitalter, das eine Kultur überschäumender Technologie und Innovation zu Stande gebracht hat, sondern das sich auf dem Höhepunkt ihrer Produktivitätssteigerung auch bewusst wird, dass vieles nicht mehr steigerbar ist. Im Glanz ihres ungeheuren Möglichkeitsraums reflektiert die moderne Gesellschaft vor dem Hintergrund globaler Gefährdungen, dass die Ressourcen für Innovationen in bestimmten Bereichen erschöpft sind. Das kontinuierliche &#132;Steigerungsspiel&#148; (Schulze 2003) als Leitziel neuzeitlicher Rationalisierung, offenbart einen paradoxen, ja zutiefst absurden Kern.</p>
<p>Es ist nun mein Eindruck, dass der Begriff der <i>Kontingenz</i> wie in einem Brennglas die eben skizzierte Paradoxie der Moderne auf den Begriff bringt. Kontingenz beschreibt nämlich ein <i>Spannungsverhältnis </i>zwischen unabwendbaren Schädigungen, die aus komplexen Ursache-Wirkungs-Beziehungen herrühren einerseits und Eigenverantwortung durch die menschlichen Akteure, die über ihre Zukunft stets auch entscheiden können, andererseits. Das Überraschende ist, dass Kontingenz in beiden Fällen &#150; so-wohl im Falle von Schicksals- als auch im Rahmen von <i>Beliebigkeitszufälligkeit</i> (wie Odo Marquard (1986: 128) die beiden Sachverhalte nennt) &#150; auf seine ursprüngliche Quelle rückverweist: nämlich auf den Zufall. Soziale Systeme sind stets eingebettet in ein &#132;Meer des Zufallsrauschens&#148; (Mainzer 2007: 225). Der Zufall weist darauf hin, dass dem Menschen keine notwendige Geschichte und Bestimmung eigen ist. Wo alles not-wendig ist, gibt es keine Unsicherheit, aber auch keine Handlungen. Man könnte sogar sagen, dass im<i> Zufall </i>als Variable, der die Konsistenz des Vorgegebenen durchbricht, das spezifisch Historische enthalten ist. Reinhart Koselleck (1995: 159) hat daher gesagt, dass Zufall gerade für die Geschichte &#132;das Bestürzende, das Neue, das Unvorhergesehene&#148; sei.</p>
<p>Um die oben angedeuteten typisierenden Rahmungen zu entfalten wird im Folgen-den zunächst kurz auf die handlungstheoretischen Implikationen des Kontingenzdiskurses eingegangen (II). In einem nächsten Schritt sollen die Faktoren und die soziostrukturellen Voraussetzungen im Zentrum stehen, die das Bewusstsein von Kontingenz im Prozess der europäischen Modernisierung befördert haben (III). Der thematische Horizont des vierten Punktes kreist um den paradoxen Kern von Kontingenz, indem auf aktuelle Problembereiche und Phänomene der &#132;Weltrisikogesellschaft&#148; (Beck 2009) hin-gewiesen wird (IV). Mit dieser Szenerie vor Augen werde ich die Frage stellen, wie die Last der Kontingenz von der Politik verarbeitet wird (V). Im letzten Abschnitt werden anschließend einige Schlussfolgerungen gezogen (VI).</p>
<h5>&nbsp;II. Der Begriff Kontingenz</h5>
<p>Wie ist der Begriff Kontingenz zu definieren? Als kontingent bezeichnet man etwas, das zufällig so ist, wie es uns erscheint, das aber auch anders sein kann. Aristoteles (2001: I.13, 32a 18-20) definierte das Kontingente als dasjenige, <i>was weder unmöglich noch notwendig ist und aus diesem Grund auch nicht oder auch anders sein kann.</i></p>
<p>Das ist zunächst die analytische Definition des Begriffs Kontingenz. Nun wird man nicht übersehen können, dass sich der Begriff Kontingenz gegenwärtig einer bündigen und verallgemeinerbaren Bedeutung entzieht. So bezieht sich der Begriff heute auf die kulturelle Ideengeschichte, auf handlungstheoretische Aspekte, auf epistemologische Probleme, auf anthropologische, organisationssoziologische sowie politiktheoretische Sachverhalte (vgl. Holzinger 2006; 2007). Herausheben möchte ich in dieser kurzen Betrachtung der Bedeutungsschichten von Kontingenz die <i>handlungstheoretische Perspektive </i>des Begriffs. Für unseren Zusammenhang &#150; also mit dem oben skizzierten Fokus auf die Risikothematik &#150; kann ein oberflächlicher Blick auf die Kontingenzthematik vor allem zwei Bedeutungen haben, die sich analytisch trennen lassen in die beiden Bereiche Kontingenz als <i>Widerfahrnis</i>, bei der sich Kontingenz auf einen systemischen Weltzusammenhang bzw. strukturelle Bedingungen bezieht und <i>Handlungskontingenz</i>, bei der menschliche Handlungen bzw. individuelle Handlungszusammenhänge im Zentrum stehen (Makropoulos 1997: 14f.).</p>
<h5>II.1. Kontingenz als Wider&shy;fahrnis</h5>
<p>Eine nahe liegende Begründung für eine eigenständige Sphäre im Rahmen menschlichen Verhaltens, die wir gewohnt sind Handlung zu nennen, ist das Postulat der Intention. Menschen handeln gemäß bewusster Intentionen. Absichten sind mentale Zustände, die Handlungen in der Regel verursachen, in dem der Handelnde seine besonderen Entwürfe und Pläne unter Selektion geeigneter Zwecke im Handlungsvollzug realisiert (z.B. Davidson 1990: 77ff.). Der Zufall ist nun etwas, das den menschlichen Willensakten zuwiderläuft. Anstelle einer Handlung tritt hier nämlich ein Ereignis ein, welches sich dem Akteur als &#132;Widerfahrnis&#148; (Kamlah 1972: 34ff.) entgegenstellt. In der Regel handelt es sich bei dem Widerfahrnis um ein Zusammentreffen zweier an sich nicht zu-fälliger Variablen. Neue kontingente Kontexte werden vor allem deswegen geschaffen, weil Teile eines Handlungssystems in unvorhergesehener Weise mit Elementen oder Segmenten eines anderen Systems in Interaktion getreten sind. Der Mensch handelt in-tendiert, in die Handlungen intervenieren jedoch Variablen, die er nicht gewollt hat. Zufall liegt also, gemäß Rüdiger Bubner (1998: 11), dann vor, &#132;wenn auf einer bestimmten Handlung, die ein Ziel verfolgt, ein Vorgang parasitär aufsitzt&#148;. Der amerikanische Organisationssoziologe Charles Perrow (1992) hat in seinem Buch &#132;Normale Katastrophen&#148; solche chaotisch, dynamischen Prozesse gerade in der Hochtechnologie nachgewiesen. Seine These lautet: großtechnische Systeme haben immanente Eigenschaften, die früher oder später zu Störungen und Unfällen führen müssen. Trotz effizienter Sicherheitsvorkehrungen wird es irgendwann zu &#132;unvermeidlichen Unfällen&#148; kommen. Dies liegt nach Perrow (1992: 107ff.) daran, dass derartige Systeme eine ungeheure Komplexität erreicht haben. Ihr Kennzeichen ist es, eine Vielfalt von Komponenten in sich zu vereinigen, die eng gekoppelt und mit zahlreichen Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet und mit zahlreichen Handlungssystemen rückgekoppelt sind.</p>
<p>Spätestens an dieser Stelle wird klar, warum der Kontingentbegriff unmittelbar mit dem Thema Ungewissheit verknüpft ist oder anders gesagt: wer über Kontingenz reflektiert für den ist evident, dass es absolute Sicherheit nicht geben kann. Denn ein großer Teil unserer spezifischen Entscheidungskontexte setzt sich aus jenen &#132;Handlungs-Widerfahrnis-Gemischen&#148;, zusammen, aus denen, wie Marquard (1986: 129) meint, die menschliche Geschichte besteht. Pointiert könnte man sagen: in einer kontingenten Welt erscheint die Zukunft schlechthin als Risiko.</p>
<h5>II. 2. Kontingenz als Handlungs&shy;kon&shy;tin&shy;genz</h5>
<p>Eine erste wichtige Dimension des Begriffs Kontingenz scheint somit, dass &#132;unvorhergesehene Kontingenz&#148; unsere Zugriffsmöglichkeiten auf die Welt reduziert. Nicht selten wurde dieser Aspekt von Kontingenz in Verbindung gebracht mit der schicksalhaf ten Vergänglichkeit des Handelns. Marquard nennt diese Art von Kontingenz das <i>Schicksalszufällige</i>&#8220; (Marquard 1986: 128).</p>
<p>Allerdings: Die im Alltagsbewusstsein fast natürliche Assoziation von Kontingenz mit Schicksal ist eine irrtümliche Vorstellung. Unmöglichkeit und Notwendigkeit bezeichnen in Wirklichkeit die <i>Gegenbegriffe</i> zum Terminus Kontingenz. Nur wer Kontingenz radikal verneint, endet bei totaler Faktizität. Wenn nämlich auf der einen Seite der Zufall für einen bestimmten Akteur als &#132;Widerfahrnis&#148; beschrieben werden soll, ist auf der anderen Seite davon auszugehen, dass eben jener Zufall, der uns zur Gefahr wird, in der Regel zur gleichen Zeit in ein strukturiertes System &#8211; gerade auch im Sinne des Dazwischenkommens &#151; Innovationen und produktive Störungen einspeist. &#132;Der <i>Zufall ist eine Bedingung der Möglichkeit von Kontrafaktizität</i>.&#148; (Hoffmann 2005: 158) Er ist eine konstruktive Variable bei der Entwicklung von Geschichte. Ohne Zufall und Störungen gibt es in einem System keinen Wandel und keine Innovation. Mit anderen Worten: Selbst wenn der Zufall auch nicht unbedingt kommt, wenn die humanen Akteure ihn herbeiwünschen, bedeutet es gerade dennoch, dass etwas von strukturierten und fest etablierten Pfaden abweicht und eben damit ein bestimmtes Muster durchbricht.</p>
<p>Es ist dann auch nicht sehr erstaunlich, dass es gerade der Zufall ist, der menschliches Handeln überhaupt erst möglich macht. Kontingenz und Handeln sind in Wirklichkeit untrennbar miteinander verknüpft. Denn die Entscheidung für eine bestimmte Möglichkeit des Handelns setzt voraus, &#132;daß es überhaupt einen Spielraum offener Möglichkeiten gibt&#148; (Bubner 1984: 35). Die Möglichkeit, dass Akteure in Ereignissen Handlungsmuster durchbrechen können, verweist eben genau darauf, dass sie in ihrem Handeln nicht stets und routinehaft statische Regeln des gesellschaftlichen oder biologischen Zusammenhangs aktualisieren.</p>
<h5>III. Options&shy;stei&shy;ge&shy;rung und Kontingenz in der modernen Gesell&shy;schaft</h5>
<p>Der letzte Abschnitt macht eines besonders deutlich: Gerade das Unbekanntsein der Zukunft erweist sich als unentbehrliche Variable des Entscheidens und ist für den Entscheider die Ursache seines Optionenspielraums. Nun scheint aus historischer und sozi-<br />alwissenschaftlicher Sicht Eines relativ sicher zu sein: Der Begriff Kontingenz ist in diesem letztgenannten Sinne der Handlungskontingenz &#8211; fasst man seine zeitliche Verortung ins Auge &#8211; ein zentraler Begriff des Zeitalters der Moderne. Kontingenz wurde zwar auf der einen Seite bereits in der antiken Philosophie reflektiert. Schon zu dieser Zeit war man sich der Größe des Risikos bewusst, welches &#132;die in die Zukunft nur tappenden Menschen eingehen&#148; (Theunissen 2008: 131). Man entlarvte das vermeintliche Wissen als ein prinzipielles Nichtwissen und beklagte die &#132;Blindheit unserer Sinne feit das Kommende&#148; (ebd.: 125). Im Übrigen impliziert, wie gesagt, der Begriff &#132;Kontingenz&#148; analytisch gesehen keine historische Zuordnung.</p>
<p>Auf der anderen Seite haben das Bild des virtuosen Spiels mit Chancen und die Erweiterung des eigenen Spielraums zugegebenermaßen erst in der Moderne Konjunktur. Und am Ende ist wahrscheinlich ein ausgesprochenes Kontingentbewusstsein &#132;als Grundbestand eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses&#148;, so Michael Makropoulos (1997: 156), &#132;wohl doch spezifisch modern und ,Kontingent` deshalb eine spezifisch moderne und gerade nicht eine spezifisch nachmoderne Kategorie&#148;. Die traditionale Gesellschaft ist, vergleicht man sie mit der neuzeitlich-kapitalistischen, eine in sich ruhende Gesellschaft. Die elementare gesellschaftliche Gruppe und zugleich wichtigster Arbeitsverband innerhalb der traditionalen Gesellschaft ist die Familie. Ursprünglich ist somit die Bindung an gemeinsame Normen auf die kleinsten Vergemeinschaftungsformen des Menschen beschränkt gewesen, auf die Gemeinschaft der Familie oder auf die Nachbarschaftsgemeinschaft. Die Menschen starben an den Stätten, wo sie auch gelebt hatten. &#132;So waren Leben und Tod eine ,platzierte` Einheit sozialer Befindlichkeit.&#148; (Lohmann 2000: 88) Kontingenz blieb in der Vormoderne ein Spielraum im Rahmen einer festen Ordnung. Zwar ist der Begriff der Kontingenz dem christlichen Mittelalter durchaus bekannt. Aber in dieser Episode menschlicher Geschichte ist das menschliche Handeln nur deswegen von Kontingenz umrandet, weil Gott die Welt &#132;nicht erschaffen mußte, sondern sie in freier Entscheidung aus dem Nichts heraufbefahl&#148; (Wetz 1998: 84).</p>
<p>Nach allgemeiner Auffassung konstituiert sich die Moderne durch einen Bruch mit der Tradition. Moderne Gesellschaften vollziehen einen radikalen Wandel im Kontingentbewusstsein. Die historischen Voraussetzungen für dieses massive Aufkeimen des Möglichkeitsbewusstseins sind vielfach beschrieben worden. Von zentraler Bedeutung war die Freisetzung des Menschen aus den engen Bindungen seiner bisherigen Erfahrungsräume, wie etwa der verwandtschaftlichen Vergemeinschaftung. Die, wie Georg Simmel (1993: 212) es benannt hat, &#132;Sprengung&#148; der überkommenen, gültigen Lebens-formen, die den vormodernen Menschen gebunden haben, war somit zugleich die Voraussetzung, überhaupt <i>Möglichkeiten zu erfahren und wahrzunehmen</i>.</p>
<p>Mit Sicherheit stellen die Industrialisierung und die mit ihr verbundene Marktvergesellschaftung einen Angelpunkt der Moderne dar. Es kristallisiert sich zunehmend das Modell einer marktvermittelten Existenz heraus, was gleichbedeutend ist mit dem Wechsel von einer Haushaltsökonomie zu einer Ökonomie der Erwerbsarbeit. Die Herauskristallisierung des &#132;Markt-Individuums&#148; geht somit mit der Herauslösung der Individuen aus den ökonomischen, personalen und ständischen Bindungen der vorindustriellen Gesellschaft einher. Für moderne Gesellschaften, die ja nicht mehr von kulturellen Einheitsvorstellungen geleitet werden, ist somit zu erwarten, dass ein erhöhtes Bewusstsein von Kontingenz im Sinne von Chancen- und Risikoexpansion zu erwarten ist.</p>
<p>Fast alle Wissenschaftler, die sich mit Modernisierung befassen, sind sich einig, dass eine konstitutive Erfahrung für die Moderne ein neues Zeitbewusstsein ist. Im 18. Jahr-hundert hat, so Koselleck (1995), ein Prozess der Verzeitlichung von Natur- und Humangeschichte begonnen. Es ist bekannt, dass sich im 16. und 17. Jahrhundert eine Beschleunigung von Handel und Transport realisiert und später dann auch eine Beschleunigung der Produktion in Gang setzt, die dann in der industriellen Revolution zu einem ersten Höhepunkt gelangt (vgl. Rosa 2005: 261ff.). Aber generell geht es in der Moderne um die Beschleunigung des Zeitbewusstseins. Bald schon wird sich aus dem permanenten Drang zu Beschleunigung das Krankheitsbild der Nervosität herausschälen.</p>
<p>Von maßgeblicher Bedeutung für die Ausbildung eines Kontingenzbewusstseins war ebenso die moderne Wissenschaft. Erst in der technologischen Zivilisation kann die Menschengattung, einst noch in der Position des physisch Schwächeren, das Verhältnis umkehren und ohne Schranken über die entzauberte Natur gebieten. Die moderne Technik als höchste Manifestation neuzeitlicher Vernunft, liefert dabei den notwendigen innovativen Hebel dieses Ziel zu erreichen. &#132;Die neuzeitliche physikalische Theorie der Natur&#148;, so Martin Heidegger (1990: 25), &#132;ist die Wegbereiterin nicht erst der Technik, sondern des Wesens der modernen Technik&#148;. Erst in der Neuzeit wird die Überzeugung realisiert, dass man, wie Max Weber sagt, &#132;alle Dinge &#150; im Prinzip &#150; durch Berechnen beherrschen könne&#148; (Weber 1991: 250).</p>
<h5>IV. Ende des Steige&shy;rungs&shy;spiels?</h5>
<p>Erstaunlich unverhohlen lässt sich allerdings bei Weber bereits ein zweites Motiv in der Bewertung der neuzeitlichen Rationalitätsgrundlagen für Innovationsprozesse identifizieren. Der Prozess der Rationalisierung ist in Webers Augen ein höchst dialektischer Vorgang. In seinem Gegenwartsbild weist er auf tief greifende gesellschaftliche Anomien und Sozialpathologien hin, die er für unvermeidliche Folgen des fortschreitenden Aufklärungsprozesses hält. Am Ende überwuchert eine kognitiv-instrumentelle Rationalität, die sich in Wirtschaft und Staatsbürokratie eine unanfechtbare Basis geschaffen hat, alle anderen Lebensbereiche und ist nicht mehr in der Lage, Sinnbezüge herzustellen.</p>
<p>Bei Weber wird bereits eines deutlich: Die Innovationsspirale rast in ungeheurem Tempo voran, aber gewiss nicht ewig (Schulze 2003). Denn die Vernichtungsfähigkeit des Menschen in der &#132;Weltrisikogesellschaft&#148; (Beck 2007), die er durch fortwährende technologische Vernutzung der ökologischen Sphäre unter Beweis stellt, wird, wenn man Weber zu Ende denken wollte, nicht eher Einhalt gebieten, bis &#132;der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht&#148; (Weber 1988: 203) ist. Dabei machen, wie wir heute wissen, nicht primär die ökologischen Ereignisse, sondern die damit verbundenen sozialen Folgen erst die soziale Katastrophe aus. Demnach stünden nicht nur Massenemig-rationen aus Ländern bevor, bei denen die Überlebensressourcen geschwunden sind. Auch Flüchtlingsprobleme, Konflikte um Wasser- und Abbaurechte seien die unmittelbare Konsequenz, wie Harald Welzer (2008) skizziert.</p>
<p>Zu den rapiden Umweltveränderungen, die bereits heute soziale Konflikte schüren. gesellen sich andere Probleme, die die soziale Kohäsion und das Ordnungsgefüge der Gegenwartsgesellschaft desavouieren. Wahr ist wohl, dass sich durch den &#132;Fahrstuhleffekt&#148; (Beck 1986) in den letzten dreißig Jahren das Sozialprodukt der Bundesrepublik etwa verdoppelt hat. Doch die Neuordnung des Kapitalismus ging Hand in Hand mit einer wachsenden Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse.</p>
<p>Die Nettorealeinkommen det abhängig Beschäftigten stagnieren heute oder rutschen zum Teil wieder nach unten. In manchen westlichen Staaten wird die Demarkationslinie zwischen Arbeits- und Armenbevölkerung immer deutlicher gezogen. Dazwischen wächst eine &#132;Zone der Prekarität&#148;. die eine Schar heterogener Beschäftigungsverhältnisse darstellt. Dazu zählen Zeit- und Leiharbeit, abhängige Selbstständigkeit, befristete Beschäftigung etc.</p>
<p>Die Expansion prekärer Beschäftigung führt zu einer &#132;Rückkehr der Unsicherheit&#148;. Und jetzt wird auch erfahrbar, dass die modernen Freisetzungsprozesse für die Lebens-entwürfe der Menschen nicht nur stimulierend, sondern ebenso überfordernd wirken können. Zwar ist nach wie vor die Unterstützungsleistung der Kernfamilie hoch, neben sie treten aber andere Formen wie beispielsweise Einelternfamilien. Lebenslange Partnerschaften verlieren als verbindliches Schema an Bedeutung und machen nicht ehelichen Lebensgemeinschaften Platz. Seit April 1996 hat sich deren Zahl in Deutschland um rund ein Drittel (35 Prozent) auf 2,5 Mio. Lebensgemeinschaften im Jahr 2005 er-höht (Statistisches Bundesamt 2006: 7). Scheidungen und Wiederverheiratungen wer-den immer alltäglicher. Angesichts der Tatsache, dass die Institutionen Familie und Ehe für die Lebensgestaltung tendenziell an Bedeutung verlieren und eine Orientierung an der Semantik der Individualität Platz macht, gerät die Normalfamilie als &#132;Stabilitätsrest&#148; (Schelsky 1980) der modernen Gesellschaft unter Druck. Die Folge ist: Die Betroffenen müssen nun &#132;mit sich selbst austragen (&#8230;), wofür armutserfahrene, klassengeprägte Lebenszusammenhänge entlastende Gegendeutungen, Abwehr- und Unterstützungsformen bereithielten und tradierten&#148; (Beck 1986: 144). Die Lebensrisiken der aus dem sozialen Netz Exkludierten finden infolgedessen keine kollektive Beachtung, zumal die Exkludierten sich selbst nicht zu organisierten Kollektiven und politischen Kampfverbänden zusammenschließen.</p>
<p>Dabei ist noch gar nicht über die materiellen Ungleichheiten im weltweiten Maßstab gesprochen worden. Angesichts seiner Erfahrungen mit der Weltarmut, die er nach einem Besuch brasilianischer Favelas persönlich vor Ort registrieren konnte, musste auch Luhmann (1997: 632) &#150; der Prognostiker funktionaler Differenzierung der Weltgesellschaft &#150; konstatieren, dass entgegen seiner Diagnose einer Weltgesellschaft, die aui globalisierten, auf <i>Inklusion aufsetzenden Funktionssystemen </i>gründet, sich wohl eher die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion im Sinne einer Primärdifferenzierung der modernen Gesellschaft, vor die funktionale Differenzierung schiebe.</p>
<h5>V. Die Anfor&shy;de&shy;rungen an die Politik</h5>
<p>Die Regulierung von globalen Risiken bedeutet, heute insbesondere für politische Entscheidungsträger deren Risikoübernahme. Auch für die Finanzkrise wurde konstatiert, dass die Gesellschaft möglicherweise akzeptieren müsse, &#132;dass der Staat in systemischen Bankenkrisen der Aktionär der letzten Instanz bleibt&#148; (Der Spiegel, 48/2009: 74). Michael Greven (1999) hat in seiner Studie &#132;Die politische Gesellschaft&#148; diesen Gedanken weitergesponnen. Er charakterisiert die moderne Gesellschaft als eine solche, in der alles von Entscheidungen abhängig geworden sei und die zunehmend erkenne, dass sie auf keine anderen Geltungsgründe als die sich aus ihren eigenen Verfahren selbst ergebenden rekurrieren könne. Die &#132;politische Gesellschaft&#148;, das ist nach Greven eine Gesellschaft, die vollständig auf Dezision und Kontingenz gebaut ist und deren Säulen auf kontingentem Grund errichtet sind: &#132;Alles ist prinzipiell entscheidbar geworden, alles Entscheidbare stellt sich als Interessenkonflikt dar, für alles kann die Politik ihre Zuständigkeit erklären und jedes erwachsene Gesellschaftsmitglied gilt als politisches Subjekt.&#148; (Ebd.: 55) Aber wie werden Weltrisiken vor diesem Hintergrund von der Politik wahrgenommen? Und was bedeuten diese für das politische Alltagsgeschäft?</p>
<p>Anders als der (immer noch?) der Steuerungstheorie verpflichtete &#132;Governance&#8220;-Begriff erwarten lässt, wird politisches Entscheiden, wenn die Zeichen nicht trügen, zweifelsohne <i>noch kontingenter</i>. Die Entscheidungsunsicherheit von Politik nimmt zu. Es ist eine Dynamik zu erwarten, in der mit einer ständigen Steigerung der Entscheidungspotentiale zu rechnen ist und in der sich die Betroffenen für ihre &#132;tragic choices&#148; verantworten müssen. Das Risiko des Entscheiders besteht immer mehr darin, sich angesichts der unabänderlichen Ungewissheit in der Prognose der Risiken und gegebener Alternativen falsch zu entscheiden.</p>
<p>Die globale Finanzkrise, welche die politischen Institutionen immer noch massiv unter Druck setzt, liefert dabei eine aufschlussreiche Illustration. Das Risiko des politischen Entscheiders liegt im Kontingenzdruck, der auf ihm lastet. Ging es in den ersten Monaten noch um ein kleines Konjunkturpaket, mit dem man den Banken einen Schirm aufspannen wollte, wurde im Frühjahr 2009 in Deutschland bereits über 100 Milliarden Euro an Bürgschaft debattiert. Der Rettungsschirm, der unter dem Druck anhaltender Spekulationswellen gegen den Euro am 09.05.2010 von den europäischen Regierungschefs entschieden wurde, belief sich ein Jahr später dann auf 750 Milliarden Euro. In den folgenden Monaten setzte sich die Euro-Krise fort; neben Griechenland waren in-zwischen auch Irland und Portugal vor drohenden Staatsinsolvenzen betroffen. Daher wurden Forderungen laut, auch nach dem Auslaufen des provisorischen Rettungsschirms 2013 einen Mechanismus für Krisenfälle zu etablieren. Der Vorschlag lautet, die Finanzmärkte über zusätzliche Leistungen wie Euro-Bonds zu stabilisieren (d. h. Staatsanleihen, die Mitgliedsländer in der Europäischen Währungsunion zur Finanzierung ihres staatlichen Haushalts einsetzen). Die Garantie und Haftung für diese Bonds übernimmt die Gesamtheit der Euro-Länder. Aber hat man damit die <i>richtige</i> Entscheidung gewählt?</p>
<p>Das Problem für die Politik besteht darin, dass auch sie die<i> Zukunft nicht kennt </i>(sonst wären Entscheidungen für sie keine Risiken). Auch sie agiert vor dem Hinter-grund prognostizierter, rein fiktiver, wahrscheinlicher Realitäten (Esposito 2007). Auch Politik kann Risiken nur wieder mit Risiken versichern (Vogl 2010: 168). Denn die Risiken der Rückzahlung der Staatsschulden werden &#150; wie im Falle der Euro-Bonds &#150; stabilitätsorientierten Ländern aufgebürdet. Wie soll man aber über weit reichende Schäden in der Zukunft jetzt entscheiden, wenn eine Prognose über die Wahrscheinlichkeit des zukünftigen Schadenausmaßes nicht möglich ist und wenn selbst die Experten uneinig sind, ob die eingesetzten Maßnahmen und Interventionen überhaupt greifen? Ein weitreichendes Problem besteht außerdem darin, dass heute zunehmend Risiken in den Mittelpunkt rücken, deren Entstehungsgründe und Bedrohungen nicht mehr alleine einzelne Nationalstaaten betreffen, sondern vielmehr als transnationale bzw. globale Risiken wahrgenommen werden. Durch mediale Aufbereitung und einer damit oftmals ein-hergehenden Verstärkung der Katastrophenerwartung werden Risikogemeinschaften geschaffen, die quer zu der nationalen &#132;Imprägnierung&#148; bisheriger politischer und rechtlicher Kategorien liegen. Dennoch werden aber alle politische Entscheidungen weiter-hin durch Modelle gerahmt, die auf nationaler Ebene anzusiedeln sind, obgleich sie nur in einem global koordinierten regulatorischen Ordnungsrahmen effizient angegangen werden könnten.</p>
<p>Die Folge ist: Die Adäquatheitsbedingungen für die rationale Rechtfertigung von Regeln und ihre Gründe, die eine Entscheidung intersubjektiv legitimieren können, erodieren. Für die Politik wird im Rahmen politikwissenschaftlicher Erörterungen häufig geltend gemacht, dass politische Handlungen und Entscheidungen stets in einem Raum der Gründe mit Hilfe formaler Regeln stattfänden. Im oben skizzierten Fall gilt das Gegenteil: Entscheidungen können immer seltener aus einem übergeordneten heuristischen Rahmen abgeleitet werden, weil ihnen kein Entscheidungskriterium vorausgeht. Für den politischen Entscheider gibt es weder ein adäquates epistemisches Gerüst, noch ein relevantes normatives Fundament für eine Entscheidung. Denn welche Normen und Regeln sind in der Risikosituation moralisch gerechtfertigt? Und dennoch &#150; und darin liegt das Dilemma &#150; besteht die Dringlichkeit und die Erwartung an das politische System, angesichts alternativer Handlungspfade den Graben der Kontingenz durch eine nicht weiter begründbare Entscheidung zu überspringen und zu entscheiden. &#132;Je größer die Gefahr, desto größer das Nichtwissen, desto notwendiger und unmöglicher die Entscheidung.&#148; (Beck 2007: 215). Wolfgang Kersting (2002: 257) nennt Entscheidungen in dieser eben skizzierten Konstellation &#132;dezisionistische Entscheidungen&#148;. Bei diesen gibt es, nach Kersting (2002: 257) &#132;keine entscheidenden Gründe, die uns die Entscheidung abnehmen. Bei dezisionistischen Entscheidungen müssen wir selbst entscheiden, weil der Vernunft die Gründe ausgegangen sind, ihre normalen prudentiellen und moralischen Entscheidungsverfahren versagen&#148;.</p>
<p>Eine solche Sichtweise von Politik wird ohne Zweifel umso adäquater, je situativer sich Politik gestaltet und je kurzfristiger sich das politische Handeln an neue Lagen an-passen muss. Eine unter Zeitdruck operierende Politik operiert zunehmend unter Zwang und situationsfixiert. Sie schreitet pragmatisch voran. Das &#132;Muddling Through&#148; wird zum Leitprinzip &#150; was nicht weiter verwundert. Schließlich schwinden die Zeiträume für Entscheidungen. Die Anzahl unerlässlicher Entscheidungen nimmt zu, die Zeitressourcen pro Entscheidung werden beschränkter. Was sind die Konsequenzen für das politische System? Die Politik verlagert Entscheidungen an andere, schnellere Entscheidungsinstanzen, damit &#132;zeitnäher&#148; und vielleicht auch effizienter entschieden werden kann (vgl. Rosa 2005: 415 ff.). Es wird outgesourct, dereguliert und privatisiert. Politische Akteure nutzen Ad-Hoc-Entscheidungen und neue informelle Kooperationsformen, um globalen Risiken zu steuern.</p>
<p>Doch diese Veränderungen bewirken nicht einfach nur einen politischen Machtverlust. Es kommt vielmehr zu einer schleichenden internen Transformation des Politischen (vgl. Holzinger u.a. 2010). Die Experten und die Exekutive gewinnen an Macht über die Legislative. Zentrale Beschlüsse wandern häufig von demokratisch gewählten Parlamenten in demokratisch nicht legitimierte supranationale Organisationen (wie z. B. die WTO, den IWF, ICSID-Panels oder die internationale Gerichtsbarkeit). Selbst die nationalen Parlamente erleben diesen Zustand &#150; wie etwa bei der Ratifizierung des Gesetzes über den Rettungsschirm von 750 Milliarden Euro, der am 21.05.2010 per Gesetz durch den deutschen Bundestag ging &#150; nur noch als Exekution der Sachzwänge. Das Parlament wird zum Akklamationsorgan. Ob die EU zu einer Fiskalunion wird oder ob die Schuldensünder, wie z. B. Griechenland, die Geldunion verlassen müssen, wird letztendlich in täglichen Telefonkonferenzen zwischen Berlin und Paris entschieden: Entscheidungen &#150; und sei es nur über einzelne Formulierungen &#150; unterlaufen oftmals heute die formalen Vorab-Bindungen der staatlichen Gewalt, wie etwa die Gewaltenteilung oder demokratische Legitimation des Staates.</p>
<h5>VI. Fazit</h5>
<p>Hier angekommen können wir das Verhältnis moderner Gesellschaften zum Phänomen der Kontingenz neu präzisieren. Die &#132;Kontingenzgesellschaft&#148; (Greven 2000: 273) bezeichnet einerseits eine Form von Gesellschaft, in der eingelebte Formen der Institutionalisierung und Kollektivität zunehmend durch Entscheidungen bestimmt sind. Auf der anderen Seite wird die Orientierungssicherheit und die Entscheidungsoption zunehmend problematisch, weil viele Wirklichkeitsbereiche in der Gegenwartsgesellschaft auch deswegen anders als bisher sein könnten, weil sie den Akteuren als nichtintendierte Nebenfolgen widerfahren. In der Regel beginnt zwar mit jeder Entscheidung eine neue Geschichte &#150; allerdings: eine Geschichte, die ihrerseits &#132;neue Geschichten erzeugen wird&#148; (Luhmann 2000: 166). Das hängt mit der Tatsache zusammen, dass moderne Gesellschaften es immer häufiger mit Komplexitäten zu tun haben, die einzelne Akteure kaum noch übersehen können. &#132;Es werden möglicherweise Schäden, ja vielleicht sogar Katastrophen eintreten, ohne daß man feststellen könnte, wessen Entscheidung sie aus-gelöst hat. In den schon eingeleiteten Klimaveränderungen hat man dafür ein anschauliches Beispiel.&#148; (Luhmann 1990, 167) Häufig geht es heute in sachlicher und sozialer Hinsicht zunächst gar nicht mehr um vorangegangene Entscheidungen, sondern vielmehr um &#132;deren Folgen, die sich in der Regel verselbständigen und die Gestalt von eigenen Risikosystemen annehmen&#148; (Bonß 1995: 31). Wenn heute diagnostiziert wird, dass die Logik der Unbestimmtheit als die eigentliche Infrastruktur des modernen Weltverständnisses gelten müsse (Gamm 1994), dann zeigt sich diese vielleicht darin, dass<br />in der Gegenwartsgesellschaft häufig das Entscheiden-Können und das Nicht-Entscheiden-Können fast ununterscheidbar zusammenfallen.</p>
<p>Es ist das Schicksal des modernen homo creator, diese grundlegende Paradoxie aushalten zu müssen: in einer Welt zu leben, in der er zunehmend selbst über sein Schicksal entscheiden muss und gleichzeitig zu reflektieren, dass er auf Grund just dieser Optionen, weit verzweigte Kausalketten in Gang setzt, deren nicht intendierte Nebenfolgen er nicht mehr überblickt und über die er in der nächsten Runde des Handelns erneut zu entscheiden hat.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/der-zwang-zur-entscheidung/">Der Zwang zur Entscheidung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Fortschritt der Demokratie</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 12:11:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 195 (Heft 3/2011), S. 17-29 Der &#132;Fortschritt&#148; ist wie &#132;Zukunft&#148; eine gedankliche und begriffliche Erfindung des 18. Jahrhunderts. Sie erfolgt, wie vor allem die begriffsgeschichtlichen Forschungen Reinhart Kosellecks und die in dem mehrbändigen Lexikon &#132;Geschichtliche Grundbegriffe&#148; niedergeschriebenen Einzelforschungen gezeigt haben, im Zuge der Wandlung des historischen Bewusstseins von einem Gedächtnis der Vergangenheit, [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 195 (Heft 3/2011), S. 17-29</p>
<p>Der &#132;Fortschritt&#148; ist wie &#132;Zukunft&#148; eine gedankliche und begriffliche Erfindung des 18. Jahrhunderts. Sie erfolgt, wie vor allem die begriffsgeschichtlichen Forschungen Reinhart Kosellecks und die in dem mehrbändigen Lexikon &#132;Geschichtliche Grundbegriffe&#148; niedergeschriebenen Einzelforschungen gezeigt haben, im Zuge der Wandlung des historischen Bewusstseins von einem Gedächtnis der Vergangenheit, das in &#132;Geschichten&#148; erzählt und tradiert wurde, hin zu dem neuen Kollektivsingular &#132;Geschichte&#148;. Erst als Geschichte betrachtet, lässt sich der als strukturell kontinuierlich unterlegte Zeitstrom aus der Vergangenheit durch die Gegenwart hindurch bis in die Zukunft projizieren, die ungewiss ist und in der etwas grundlegend Neues passieren könnte. Erst jetzt wird es möglich, diese zukünftige Geschichte als &#132;Fortschritt&#148; zu interpretieren und zu werten, wie es das überwiegend optimistische Aufklärungsdenken des 18. Jahrhunderts begonnen hat und wie es vor allem im wissenschaftsgläubigen 19. und 20. Jahrhundert lange Zeit dominant blieb.</p>
<p>Zwar gab es auch immer den fortschrittsskeptischen Blick der Konservativen, die den Akzent stärker auf die Verluste und die Gefahren als auf die Verbesserungen setzten, die die Zukunft bringen würde; sie begleiteten die Geschichte des Fortschritt spätestens seit Burkes Zerrbild der Französischen Revolution und stellten den Fortschrittsglauben unter Ideologieverdacht. Aber, wie die bekanntesten und einflussreichsten Beispiele des 19. Jahrhunderts, Hegels Geschichtsphilosophie einerseits und Tocquevilles Bericht über die Demokratie in Amerika anderseits zeigen: Befürworter und Kritiker gingen zumeist gleichermaßen davon aus, dass die Gegenwart eine Zukunft habe, die mit ständigen Veränderungen einherginge; die Anschauung, dass nichts bleibt, wie es ist, dass also alle jetzt und in der Zukunft ,in der Geschichte&#8216; leben und dass diese Zukunft ungewiss ist, liegt seitdem dem modernen Weltbild zugrunde. Das dynamische lineare Modell hat sich gegenüber dem älteren Kreislaufdenken durchgesetzt; &#132;Fortschritt&#148; und &#132;Dekadenz&#148; bezeichnen einerseits die extremen Gegenpositionen, werden aber schon früh von einer radikalisierten Aufklärung bei Nietzsche in ihrer Dialektik erkannt: &#132;Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen <i>Schritt für Schritt in die decadence </i>(&#151; dies <i>meine</i> Definition des modernen ,Fortschritts &#8230;)&#8220; (Nietzsche, zit. nach Fischer 1999, 48).</p>
<p>Die Anhänger des Forschritts, politisch erst mit der aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft gegen die Tradition von Feudalismus und Adelsherrschaft, dann seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch mit der Arbeiterbewegung gegen Kapitalismus und bürgerliche Herrschaft verbunden, erwarten von den Veränderungen, die die Zukunft bringt, Verbesserungen. Mal, weil sie als die unmittelbaren Folgen von Aufklärung, Wissenschaft oder allgemein dem Eindringen der Vernunft in alle gesellschaftliche Sphären erwartet werden, mal, weil sie durch diese objektiven Faktoren zwar ermöglicht werden, aber noch von den ,fortschrittlichen&#8216; Kräften erkämpft werden müssten. &#132;Fortschritt&#148; heißt dann also stets &#132;Verbesserung&#148;, die je nach der gesellschaftlichen Sphäre operational bestimmt werden muss: in der Technik effizienterer Energie- und Ressourceneinsatz, in der Wirtschaft höherer Gewinn, in der Medizin weniger Krankheit und mehr Heilung durch Prävention und Behandlung, im Sport ,schneller, höher, weiter&#8216; usw.</p>
<p>Komplizierter ist die Frage nach dem Fortschritt in der Politik im Allgemeinen und der Demokratie im Besonderen zu beantworten &#8211; und das insbesondere unter den Bedingungen einer durch Aufklärung selbstreflexiv gewordenen Moderne, die mit der Metaphysik als Begründung ihrer gesellschaftlichen und politischen Existenz abgeschlossen hat. In dieser &#132;politischen Gesellschaft&#148; (Greven 2009a) mit ihrer unreduzierbaren Pluralität von Milieus und Lebenslagen, Werten und Ideologien, Interessen und Anliegen, kann die funktional notwendige Geltung allgemeiner Normen und Regelungen nur noch politisch erzeugt, aufrechterhalten und weiter entwickelt werden. Wer immer seine Werte oder Auffassungen zur geltenden Regel oder zum Gesetz der Gesellschaft machen will, muss sie politisieren; umgekehrt kann alles vom Taschengeld, das Eltern ihren Kindern schulden bis zu historischen Fakten, wie im Gesetz gegen die Auschwitz-Lüge, durch Politisierung zur verbindlichen Anerkennung gebracht werden. Weil in der politischen Gesellschaft keine metaphysischen, allgemeiner vorpolitischen Ansprüche allgemeine Geltung erfolgreich beanspruchen können, weil insofern alles politisiert werden kann, sind die Politik und das Politische in ihr durch Kontingenz und Dezision gekennzeichnet.</p>
<p>Für die Frage nach der Bedeutung des Fortschritts der und in der Demokratie hat das gravierende Folgen, auf der allgemeinsten Ebene die, dass ein Konsens, eine ungefragte Geltung dessen, was genau als Fortschritt der oder in der Demokratie gelten können sollte, nicht zu erwarten ist. Denn die moderne Demokratie ist nicht nur der historisch einmal institutionalisierte und in bestimmte Verfahren geronnene gesellschaftliche Prozess der Herstellung verbindlicher gesellschaftlicher Entscheidungen über diese oder je-ne politisierten Sachverhalte, sondern auch über das, was ggf. den Fortschritt der Demokratie selbst ausmachte, könnte nur in ihr gestritten und letztlich entschieden werden. Mit einem Wort: die Demokratie ist reflexiv geworden, das bedeutet, in ihr ist ihr eigener kontingenter Entscheidungscharakter (fast) allen inzwischen bewusst geworden. In ihr weiß man, dass sie weder notwendig, noch selbstverständlich oder ,natürlich&#8216; ist &#151; aber eben auch nicht unmöglich. Weiß man deshalb auch, was sie in Zukunft sein wird? Das Bewusstsein von dieser Reflexivität schafft eine Reihe von praktischen Problemen und Paradoxien mit denen vormoderne Gesellschaften, auch wenn sie sich wie die athenische Polis als ,demokratisch&#8216; ansahen, nicht zu kämpfen hatten. Wer soll in der Gründungssituation einer Demokratie über die Mitgliedsrechte verfügen, um ihre Zukunft exklusiv zu bestimmen, wer danach, wenn sie einmal konstituiert und so selbstverständlich sind? Was heute am weltweiten Problem des Umgangs mit Migration ein praktisches Problem für alle demokratischen Regierungen aufwirft, macht man sich am besten rückwirkend in der Geschichte der Demokratie, mit Kosellecks (1979) berühmter Formulierung also ihrer ,vergangenen Zukunft&#8216; noch einmal deutlich: sollten die Frauen, denen über ein Jahrhundert und mehr die Mitgliedsrechte als Demokratinnen verweigert wurden, über die Frage, ob sie ihnen zukünftig zugebilligt werden sollten, mitbestimmen können oder nicht? Aus heutiger Sicht war es Unrecht, ihnen damals die Mitwirkung zu versagen. Wie steht es aber heute mit den Mitgliedsrechten der bereits im Inland lebenden Migranten, oder bei der Frage der Absenkung des Wahlalters? Nimmt man die umgekehrte Perspektive ein, so stellt sich das Problem, das beispielsweise seit Lockes entsprechender Kritik an Hobbes lange die Geschichte der Vertragstheorie begleitet hat: wenn es die Zustimmung der Einzelnen zum Gesellschaftsvertrag sein soll, die seine Legitimität begründet, wie kann dann der Vertrag oder heute die politische Verfassung eine legitime Bindungswirkung für die nachfolgenden Generationen entfalten, wie sie beispielsweise im Grundgesetz mit der so genannten ,Ewigkeitsklausel&#8216; des § 79 (3) scheinbar für alle Zeiten festgeschrieben wurde? Mag man den Versuch bei der Festschreibung der Menschen- und Grundrechte wegen ihres postulierten universalistischen Charakters noch logisch nachvollziehen können, so ist die Frage, ob beispielsweise die föderalistische Ordnung der Bundesrepublik oder der Schutz von &#132;Ehe und Familie&#148; ebenso selbstverständlich der Veränderung in der Zukunft kraft legaler Satzung entzogen bleiben können, nicht mehr so einfach zu beantworten. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich nicht mehr um das bewusste Ergebnis von Entscheidungen etwa des Gesetzgebers oder von Gerichten handelt.</p>
<p>Die Ursache dafür liegt nicht nur in den oft und lange diskutierten normativen Problemen, sondern &#8211; mindestens zum Teil &#150; in dem nicht-intentionalen Teil jener Veränderungen in der Gesellschaft die die Zukunft herbeiführt, die gemeinhin mit dem etwas hilflosen Titel &#132;sozialer Wandel&#148; überschrieben werden. Er scheint einfach zu passieren, ohne dass er von jemandem gewollt oder bewusst herbeigeführt wurde &#8211; und ist doch nichts anderes als das oft dem Zeitbewusstsein einer Gesellschaft erst spät oder nachträglich erkennbar und begrifflich zu fassende Ergebnis der Aggregation vieler einzelnen Entscheidungen, Handlungen und Verhaltensweisen. Wird dafür das ebenso unklare Wort &#132;Entwicklung&#148; benutzt, so schwingt immerhin noch die Vorstellung mit, dass sich die Veränderungen der Zukunft irgendwie aus dem Vorherigen ergeben, eben &#132;entwickelt&#148; haben und damit einen &#132;Fortschritt&#148; gebracht haben könnten. Aber &#132;sozialer Wandel&#148; bringt eben auch nicht selten ganz Neues hervor, das in ihm erst entsteht, also emergent ist &#8211; und dann stellt sich die Frage, an welchem Maßstab oder Kriterium gemessen zu beurteilen ist, ob es sich dabei um &#132;Fortschritt&#148; im Sinne einer Verbesserung handelt.</p>
<p>Die Frage ist, ob das, was wir uns gemeinhin als eine Demokratie vorstellen, von solchen Prozessen ausgenommen werden kann, oder ob auch sie dem sozialen Wandel unterliegt &#8211; und ob man in diesem Fall Anlass hat, von &#132;Fortschritt&#148; zu sprechen.</p>
<p>Einfach scheint der Fall zu liegen, wenn man als ihre normative Leitidee die Verwirklichung der &#132;gleichen Freiheit&#148; ihrer Mitglieder durch entsprechende grundrechtliche Garantien und Mitwirkungsrechte ansieht &#8211; was relativ unkontrovers sein dürfte. Als &#132;Fortschritt&#148; würde man dann sicher den steigenden Inklusionsgrad beschreiben können, durch den die Zahl der Mitwirkungsberechtigten jener der von gesetzlichen Regelungen unmittelbar Betroffenen immer mehr angeglichen wird &#8211; etwa durch Ausweitung des aktiven und passiven Wahlrechts unabhängig von ursprünglichen Besitzstandsanforderungen und vom Geschlecht.</p>
<p>Kompliziert wird es aber sofort, wenn es um den Inklusionsgrad der Regelungsprobleme und -materien geht, auf den das demokratische Entscheidungsverfahren anwendbar sein soll. Als in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter der Regierungsparole &#132;Mehr Demokratie wagen!&#148; Willy Brandts einige die &#132;Demokratisierung aller Lebensbereiche&#148; (Vilmar 1973) forderten, sahen andere genau darin eine Gefährdung der Demokratie (Hennis 1970), also keinen &#132;Fortschritt&#148;, sondern vielmehr eine &#132;Systemveränderung&#148; (Schelsky 1973). Schließlich geht es auch um die Entscheidungsverfahren und die mit ihnen verbundenen Erwartungen. War für die &#132;moderne Demokratie&#148; lange die Mehrheitsentscheidung nach vorangehender Diskussion und Meinungsbildung legitimatorisch zentral, so konkurrieren seit einiger Zeit &#132;Deliberation&#148; oder gar &#132;Konsensbildung&#148; zumindest in theoretischen Diskussionen und mancherlei praktischen Experimenten damit recht erfolgreich, sodass man heute von einer Dominanz der &#132;deliberativen Demokratietheorie&#148; (Habermas 1992) im Bereich der normativen Politiktheorie sprechen kann. Auch hier stellt sich die Frage des &#132;Fortschritts&#148;, das bedeutet, nach den Kriterien, die einer Beurteilung zugrunde gelegt werden können. Während die Vertreter der deliberativen Demokratietheorie &#132;eine Rationalisierung der Demokratietheorie&#148; behaupten, die &#132;der mangelnden Effektivität und Irrationalität der Demokratie&#148; Abhilfe schaffen können soll (Buchstein/Jörke 2003, 474ff), weisen Kritiker seit Langem darauf hin, dass sich ihr &#132;Partizipations- und Vernunftanspruch &#8230; hart im Raum stoßen&#148; (Abromeit 2002, 103) &#8211; was bedeutet, dass das eine nur auf Kosten des anderen zu haben sei. Vernunft generierende Deliberation lässt sich vor allem in exklusiven Expertengremien erwarten, ein Praxismodell fair gesellschaftsweite Partizipation ist sie kaum. Grundsätzlicher aber noch ist der Einwand gegen den zugrunde liegenden Politikbegriff handelt es sich bei freiheitlicher Politik um rationalisierbares Problemlösungshandeln, bei dem es eine zu ermittelnde &#132;beste&#148; Lösung gibt, oder sind die politischen Probleme nicht im Kern von der Art, bei der es darum geht, angesichts der unreduzierbaren Vielfalt der Meinungen und Wertungen durch gemeinsames Handeln und Entscheiden etwas zu bewirken, ohne dass jenen, die dabei momentan mit ihrer Auffassung unterliegen, zugemutet würde, ihr eigene Auffassung als falsch oder eben &#132;irrational&#148; anzusehen. Das Problem ist seit Rousseaus Auffassung, in der Demokratie gehe es um die Verwirklichung des vernünftigen Gemeinwillens, der volonte generale, bekannt und umstritten.</p>
<p>Da also, wo es um bewusste Entscheidungen geht, wie die &#132;Demokratie&#148; in die Zukunft fort zu entwickeln sei, zeigt sich bei allen angeführten Problemen, dass eindeutige Kriterien für den &#132;Fortschritt&#148; fehlen, dass der Streit darüber unvermeidlich ist und zur &#132;modernen Demokratie&#148; dazu gehört. Auch vermeintlich bloß theoretische Stellungnahmen innerhalb der Wissenschaft sind und bleiben Teil dieses Streits &#150; der letztlich auch nicht mit wissenschaftlichen Mitteln entschieden werden kann.</p>
<p>Nicht viel anders sieht es hinsichtlich des sozialen Wandels aus. Jeder komplexere Begriff von Demokratie begreift sie als ein Ensemble von anerkannten Normen, Institutionen und Organisationen sowie dazu auf der Ebene der Individuen komplementären Einstellung und Praktiken. Während es auf den ersten Blick noch so erscheinen mag, als beträfe der schleichende soziale Wandel nur die Einstellungen und Praktiken der Individuen, führt jedes weitere Nachdenken sofort zu der Anschlussfrage, ob von deren Wandel und dadurch herbeigeführten Änderungen denn die Normen, Institutionen und Organisationen unbeeinflusst oder im Falle der Normen ihre Geltung untangiert bleiben können. Im Falle der Institutionen und Organisationen ist die Antwort eindeutig, denn sie bestehen und reproduzieren sich ja nur durch die Praktiken, die wiederum von den bewussten wie unbewussten Einstellungen zumindest mitgeformt werden: ändern sich letztere und über die Zeit nachhaltig, so müssen auch Organisationen und letztlich Institutionen ihre Form und ihren ,Gehalt&#8216; und ihre Funktion verändern &#150; oder verschwinden.</p>
<p>Ein deutliches Beispiel, das für die Wahrnehmung und Zukunft der Demokratie nicht unbedeutend zu sein scheint, ist die Veränderung, die sich heute zunächst bei den politischen Parteien, dann weiterhin in jenem Bereich ergibt oder schon ergeben hat, der &#150; jedenfalls in Deutschland &#150; mit den Begriffen ,politische Willensbildung&#8216; einerseits, ,organisierte Interessenvertretung&#8216; andererseits beschrieben wird. Politische Willensbildung schien lange das unangefochtene Privileg der politischen Parteien gewesen zu sein, diese wiederum unverzichtbare Organisationen der modernen Demokratie. Damit ihre Mitwirkung an der Gesetzgebung über die parlamentarischen Fraktionen als legitim eingeschätzt wurde, galt innerparteiliche Demokratie, wie sie sogar das Grundgesetz und das Parteiengesetz in Deutschland vorschreiben, als unbedingte Voraussetzung &#150; eine Voraussetzung, der in den Praxis und empirischen Forschung schon immer mit berechtigter Skepsis begegnet wurde. Das System der in Verbänden organisierten Interessen hingegen, einerseits als unverzichtbarer Bestandteil einer pluralen freiheitlichen Zivilgesellschaft gerade im Gegensatz zu den monolithischen Strukturen totalitärer Systeme angesehen, sollte zwar in der Öffentlichkeit für seine jeweiligen Anliegen Unterstützung mobilisieren und für deren gesetzliche Verwirklichung werben dürfen, aber dessen unmittelbare Einflussnahme auf den Gesetzgebungsprozess oder gar verwaltungsmäßigen Umsetzungsprozess galt als illegitim. Folglich war Lobbyismus lange Zeit die Bezeichnung eines eher anrüchigen Gewerbes, stand oft unter Korruptionsverdacht und wurde noch vor wenigen Jahren keineswegs als Bestandteil einer legitimen Mitwirkung an der politischen Willensbildung des Gesetzgebers angesehen.Das alles hat sich heute faktisch und normativ doch sehr verändert. Handelt es sich um &#132;Fortschritte&#148; der Demokratie?</p>
<p>Die selbstmandatierte Mitwirkung gesellschaftlicher Organisationen gilt, solange ihr Anspruch, advokatorisch die Interessen der Allgemeinheit zu vertreten, als glaubwürdig erscheint, heute auch der normativen Demokratietheorie und einer durch sie gerechtfertigten Praxis von der kommunalen Ebene bis hinauf zur Europäischen Kommission als legitimer Bestandteil des demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesses. Seit Jahren wird es unter Begriffen wie &#132;Participatory Governance&#148; (Kommission 2001) propagiert und praktiziert. Davon zeugen zahlreiche institutionelle Beteiligungsarenen, die solchem zivilgesellschaftlichen Engagement bereitgestellt und zu dem sie sogar eingeladen und ermutigt &#150; und im Falle der EU sogar oft finanziert &#150; werden. Der eigentliche Legitimationsgrund für diese bisher noch als Ergänzung der parlamentarischen Demokratie angesehene Entwicklung scheint neben dem advokatorischen Anspruch gemeinwohlorientierter Interessenvertretung die normative Bewertung von Partizipation als solcher als positiv und effektiv zu sein. Kritische Stimmen, dass eine solche Mitwirkung an verbindlichen Entscheidungsprozessen nicht ebenso auf der Gleichheit als normativer Leitidee der Demokratie beruht wie die auf Wahlen basierende repräsentative Demokratie, dass somit ungleiche Ressourcen und Kompetenzen über den Erfolg des Einflusses entscheiden, finden kaum Gehör.</p>
<p>Die empirische &#132;Entzauberung partizipativer Demokratie&#148; (Kohler-Koch/Quittkat 2012) kommt gegen das erfolgreiche Selbstlob und Lobbying von EU-Kommission und NGOs wie dem &#132;Active Citizenship Network&#148; kaum zur öffentlichen Wirkung. Ebenso wenig beeindruckt das Argument, anders als in der repräsentativen Demokratie mit Parteienkonkurrenz und Mehrheitsherrschaft könnte die Bürgerschaft gegenüber den so genannten &#132;Governance-Networks&#148; keine Verantwortlichkeit mehr ausmachen, folglich auch keine wirksame Kontrolle ausüben. Was früher einmal gegenüber der Regierung durch &#132;Große Koalitionen&#148; als schlagkräftiges Argument galt, nämlich der Verlust an sichtbarer Opposition auf Zeit, wird im Regierungsmodus der &#132;Participatory Governance&#148; zur Regel auf Dauer, ohne dass es ähnlichen Protest hervorriefe. Networks kann man weder wählen noch abwählen. Schließlich öffnet die Praxis von Regierungen und Verwaltungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen mit Gemeinwohl-Anspruch die Teilnahme an Governance zu ermöglichen, der Opportunität der Regierenden Tor und Tür, darüber zu entscheiden, bei wem dieser Anspruch anerkannt und wem die Partizipation gewährt wird. Umgekehrt sind zivilgesellschaftliche Organisationen aus Eigennutz und zum Erhalt ihrer Mitwirkungs- und Einflussmöglichkeiten in der ständigen Versuchung, sich in die Vorgaben und Strukturen der angebotenen Partizipationsarenen einzufügen und nicht aus der Rolle des effizienten und Probleme lösenden Mitwirkenden am Governance-Prozess zu fallen.</p>
<p>Gerade der letzte Umstand hat inzwischen dazu geführt, dass aus der ursprünglich normativ so hoch bewerteten Partizipation von engagierten Bürgern und Bürgerinnen inzwischen das hoch professionalisierte Lobbying zivilgesellschaftlicher Organisationen geworden ist, die, mit beträchtlichen Budgets und dauerbeschäftigten Expertenstäben ausgerüstet, das Geschäft in Berlin und Brüssel betreiben &#150; oft genug ohne innerverbandliche Transparenz und Mitwirkungsmöglichkeiten, die auch nur den Ansprüchen des Parteiengesetzes entsprechen würden. Die Gefahr der machtorientierten Verselbständigung von Stäben und Vorständen, die Robert Michels vor einem Jahrhundert mit dem ,ehernen Gesetz der Oligarchie&#8216; erklären wollte, gibt es schließlich nicht nur in politischen Parteien. Sie wird in heutigen Zeiten wissenschaftlich eher als &#132;Principle-Agent-Problem&#148; theoretisiert und stellt ganz praktisch die Frage: wie können die &#132;Principles&#148;, also die Mitglieder oder Spender zivilgesellschaftlicher Organisationen gewährleisten, dass die von ihnen beauftragten oder mandatierten &#132;Agents&#148; in Gestalt von hauptamtlichen Funktionären und Vorständen dem Organisationszweck in der jeweiligen Interpretation des &#132;Principles&#148; folgen und nicht ihre eigene Ziele verfechten?</p>
<p>Wollte man dieses Beispiel für die schleichende Veränderung der Demokratie in die Zukunft hinein zu einem relativ vollständigen Bild über den laufenden Veränderungsprozess ergänzen, so müsste man wohl ein ganzes Buch schreiben. Viele Aspekte sind ja auch bekannt und in aller Munde: Die immer stärkere inter- und transnationale Interdependenz und im Falle der EU zusätzlich das Erstarken der supranationalen Kompetenzen der Europäischen Kommission und des Europäischen Gerichtshofes, lassen viele bereits von der &#132;Denationalisierung&#148; oder gar vom &#132;Ende des Nationalstaates&#148; als maßgeblicher Politikarena sprechen. In der Wissenschaft ist die Frage umstritten, ob und in welchem Maße die tatsächlich gewachsene Interdependenz und Verflechtung, die in allen gesellschaftlichen Dimensionen, vor allem in der Wirtschaft, dem Recht und letztlich auch der Politik als empirisches Faktum unumstritten ist, nicht längst die Vorstellung einer demokratisch legitimierten und verantwortlich zu machenden Regierung im nur vermeintlich noch geschlossenen politischen Raum des Verfassungsstaates zur Illusion hat werden lassen.</p>
<p>Zwei Argumente sprechen dafür, dass das jedenfalls bisher nicht vollständig der Fall sein kann: immer noch kann man die gravierend unterschiedlichen Effekte von nationalem Regierungshandeln, kann man Erfolg oder Misserfolg nationaler Regierungen vergleichend beobachten. Nationales Regieren hat also weiterhin unbestritten Wirkungen und Relevanz. Zweitens muss man berücksichtigen, dass mindestens einigen nationalen Regierungen auf der inter- und transnationalen Ebene und im Zusammenspiel mit supranationalen Institutionen auch neue Handlungsspielräume und Entscheidungsmacht zuwachsen, die sich auch im nationalen Rahmen auswirken. Das &#132;Spiel über die europäische Bande&#148; ist auch und gerade bei der deutschen Regierung, etwa im Zuge der Einführung des Euro oder im Zuge der &#132;Europäisierung&#148; der Sicherheitspolitik in der Vergangenheit oft thematisiert worden. Seit dem Ausbrechen der Finanzkrise 2008 kann man beobachten, welche Macht die deutsche Regierung, allenfalls noch moderiert durch das Zusammenspiel mit der Frankreichs, innerhalb der EU und der Eurozone ausübt. Für die Zukunft der Demokratie sind diese Beobachtungen auch normativ deshalb bedeutsam, weil das für dieses Regime legitimatorisch konstitutive: &#132;Kongruenzprinzip&#148; (Zürn 1998, 237) immer mehr erodiert. Auf der Partizipations- wie auf der Ergebnisseite der Politik stimmt der Kreis derjenigen, die auf eine Entscheidung Einfluss nehmen können und derjenigen, die von ihr betroffen sind, nicht mehr überein, wie es aktuell am deutlichsten vielleicht die Situation Griechenlands zeigt: wen können die griechischen Bürger und Bürgerinnen in Wahlen verantwortlich machen und wer bestimmt im Moment und für eine absehbare Zukunft die politischen Entscheidungen in ihrem Land? Damit wird auf europäischer Ebene eines der weniger Prinzipien verletzt, von denen oben noch behauptet werden konnte, es gäbe ein eindeutiges Fortschrittskriterium ab. Wenn das auch ein Extremfall ist, so wird an ihm doch eine allgemeine Tendenz deutlich, die auch andere wesentliche Funktionsprinzipien und Normen der Demokratie betrifft und die ihre Zukunft nicht unbeeinflusst lässt.</p>
<p>Auf diese und andere Entwicklungen, die zum Teil vielleicht sogar als sozialer Wandel unvermeidbar sind, wird in der Wissenschaft und der öffentlichen Diskussion vielstimmig unterschiedlich reagiert, aber folgende Antworten stechen hervor. Ihre jeweils unterschiedliche Reaktion auf die Erfahrungen der Vergangenheit und Gegenwart bedingen dabei auch ihren Ausblick auf die Zukunft und das was als &#132;Fortschritt&#148; angesehen wird.</p>
<p>Seit Langem schon erfreut sich eine Literatur, die davon ausgeht, dass man auf die als &#132;Globalisierung&#148; beschriebene wachsende Interdependenz mit einer ebensolchen Globalisierung der Demokratie, also mit &#132;Global&#148; oder auch &#132;Cosmopolitan Democracy&#148; (Archibugi/Held 1995) reagieren könne, großer Resonanz. Das entscheidende ist, dass die Vertreter dieser Auffassung der Meinung sind, dass sich die normativen Gehalte der modernen Demokratie auch auf globaler Ebene verwirklichen ließen, dass insofern die Globalisierung nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance für weltweite Demokratie und ihren Fortschritt böte. Hier nur zwei kritische Überlegungen zu dieser utopischen Version: Es ist das eine, anzunehmen, dass die Menschen überall auf der Welt nach Freiheit und Gerechtigkeit streben, aber das andere, anzunehmen, dass von China über Afghanistan bis Peru unabhängig von Geschichte und Kultur ihrer eigenen Region sie deren institutionelle Verwirklichung sich nach dem Muster dessen vorstellen, was bei aller Variation als ,westliche Demokratie&#8216; verallgemeinert werden könnte. Zu häufig wird bei diesem Optimismus vergessen, welche ganz konkreten Erfahrungen diese Länder oder ihre Bevölkerungen bis in die jüngste Vergangenheit mit eben dieser ,westlichen Demokratie&#8216; gemacht haben &#150; Erfahrungen, die sie auch davon abhalten könnten, genau so werden zu wollen. Vielmehr aber erscheint utopisch, dass die oft erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts politische Selbstständigkeit erlangt habenden ,Völker&#8216; mittelfristig bereit sein werden, ihre politische Selbständigkeit freiwillig wieder abzugeben und sich einem transnationalen Regime unterzuordnen &#150; demokratisch oder nicht. Und schließlich übersieht diese Hoffnung auf eine &#132;Global Democracy&#148; die Rolle von regionalen oder gar globalen Großmächten, die, wie ja heute schon das Beispiel des Verhaltens Chinas, der USA, aber auch Indiens und Brasiliens zeigt, nicht einmal bereit sind, sich einem Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen zu unterwerfen.</p>
<p>Die zweite Antwort, die auf die oben nur kurz angesprochenen Erosionserscheinungen der Demokratie gegeben wird, steht unter dem Schlagwort der &#132;Post-Demokratie&#148;. Zunächst und zuerst von Colin Crouch (2004) auf das Beispiel italienischer Verhältnisse gemünzt, kann man im Zusammenhang mit der Frage nach der Zukunft der Demokratie diese Argumentation auch verallgemeinern: danach sind wir in eine Phase eingetreten, wo die ehemals Demokratie verbürgenden Institutionen wie freie, gleiche und geheime Wahlen und parlamentarische Regierung in den demokratischen Verfassungsstaaten zwar der Form nach noch existieren, ihre normativen Versprechen, soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit zu realisieren aber nicht mehr verwirklichen. Insofern lebe man heute in einem formalen Gehäuse von &#132;Demokratie&#148; &#150; aber eben nach der Phase wirklicher Demokratie. Diese Sicht der Dinge hat viel mit meiner eigenen Erosionsthese gemeinsam, aber in ihr herrscht eine deutlich andere Zeitvorstellung, weil sie die Vergangenheit der Demokratie auch für eine Zukunft als beispielhaft ansieht und dadurch wieder erreichen will, dass ihre Funktionsdefizite, die zu den post-demokratischen Zuständen geführt haben, korrigiert werden sollen. Die Vorstellungen von der Vergangenheit und von der in der Kritik an der post-demokratischen Gegenwart angestrebten Zukunft sind in dieser Konzeption also weitgehend identisch &#150; die Zukunft wäre mehr oder weniger eine Rückkehr zur Vergangenheit. Fortschritt im eigentlichen Sinne wird hier gar nicht thematisiert.</p>
<p>Schließlich haben französische Intellektuelle wie Alain Badiou und Jacques Ranciere mit beträchtlicher internationaler Ausstrahlung bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Theorien im Einzelnen doch gleichermaßen das Argument popularisiert, dass es sich bei den &#132;westlichen Demokratien&#148; gar nicht um die &#132;wahre Demokratie&#148; handle oder jemals gehandelt habe, sondern um die Ordnung des &#132;Konsens&#148; und der &#132;Polizei&#148;, in der die Erscheinung des &#132;Politischen&#148;, in der sich die &#132;wahre Demokratie&#148; allererst manifestieren könnte, gerade zumeist verhindert wird. &#132;Diese Ordnung ist keine Demokratie &#8230; Sie (die Demokratie, M.G.) ist überhaupt keine Regierungsordnung, keine Gesamtheit von Regierungsformen&#148; (Ranciere 1997, 121). Es ist hier nicht der Raum, um sich mit diesen philosophischen Traktaten im Einzelnen auseinanderzusetzen, aber im Hinblick auf das Thema der Zukunft der Demokratie machen diese Ansätze klar, dass sie ihre jeweils momentane Verwirklichung nur im Widerstand, nur &#132;Demokratie als Protest&#148; (Jörke 2010, 21) gegen die historisch-reale Demokratie denken können &#150; wobei es irritierend anmutet, wie sehr diese Postmarxisten immer noch darauf vertrauen, dass der Widerstand und Protest des &#132;Volkes&#148;, das sich als &#132;demos&#148; spontan äußert, der Freiheit und Gleichheit aller den Weg bereiten würde. Die Demokratie als zukünftige Ordnung kann es demnach aber gar nicht geben, denn jede &#132;Ordnung&#148; trägt in sich angeblich schon wieder zum Ausschluss des &#132;Politischen&#148; bei, das sich nur als &#132;Streitsache&#148; gegen die &#132;Polizei&#148;, das heißt gegen die verfasste und alltägliche politische Problembehandlung (policy) manifestieren kann. Das ähnelt eher der Wiederkehr des Immergleichen als einem Begriff von Fortschritt. Man kann aus der Sicht der Politikwissenschaft wirklich nur von &#132;philosophischen Traktaten&#148; sprechen, weil diese Art philosophischer Widerstandsaufrufe gegen die schlechte Wirklichkeit sich einerseits umstandslos auf einen zeitlos gültigen philosophischen Demokratiebegriff bezieht, andererseits in institutioneller und praxistheoretischer Hinsicht jeder Konkretion ermangelt. Vielleicht macht gerade das ihre gegenwärtige Popularität aus, dass sie in utopielosenZeiten eine diffuse Unzufriedenheit mit vagen, aber radikal vorgetragenen Thesen artikulieren.</p>
<p>In der Politikwissenschaft schließlich dominiert eine Reaktion auf die schleichende Erosion der Demokratie, die neuerdings mit dem Begriff &#132;Redescription&#148; bezeichnet wird, der sogar einer politikwissenschaftlichen Zeitschrift als Name dient. Buchstein und Jörke nahmen in einem einflussreichen Aufsatz die &#132;semantischen Rochaden&#148; die &#132;Demokratie&#148; in seiner Geschichte vom negativ bewerteten Begriff der Antike seit Platon und Aristoteles bis zum derzeit normativ scheinbar unübertreffbaren Wertbegriff politischer Rede tatsächlich durchlaufen hat, zum Anlass, jene &#132;semantischen Transformationen &#8230; am Ende der gegenwärtigen Verschiebung, die dem Demokratiebegriff das Überleben sichern&#148; sollen, zu ermitteln. Ihre als Überlebenshilfe gedachte &#132;&#8217;Dynamisierung&#8216; des Demokratiebegriffs&#148; besteht im Kern darin, &#132;sich weitestgehend von den partizipativen Momenten, die bislang alle semantischen Transformationen des Demokratiebegriffs überlebt haben, zu verabschieden&#148; (Buchstein/Jörke 2003, 471), denn, so wird als Begründung festgestellt: &#132;In den modernen Massengesellschaften des 20. Jahrhunderts ist die partizipative Komponente jedoch zu einem Ballast des Demokratiebegriffs geworden&#8220; (Buchstein/Jörke 2003, 474). Politisch übersetzt bedeutet das nichts anderes als den Vorschlag, auch ein politisches Regime, das in Zukunft &#132;weitestgehend&#148; (?) auf die Partizipation der Bürger und Bürgerinnen verzichtet, weiterhin theoretisch und normativ als &#132;Demokratie&#148; zu bezeichnen. Was im Folgenden von den Autoren dann nur kurz unter der Überschrift &#132;Demokratie als Handlungsbegriff` skizziert und der herkömmlichen Sicht von &#132;Demokratie&#148; als einem &#132;Begriff der institutionellen Staatsformenlehre&#148; gegenüber gestellt wird (Buchtsein/Jörke 2003, 490f), ähnelt dann erstaunlich der Grundidee der bereits kritisierten französischen Philosophen: nicht die institutionell gewährleistete Partizipation der in ihren Rechten und Pflichten Freien und Gleichen, sondern das spontane, projektbezogene, von kontingenten Umständen und Anlässen geförderte &#132;enacting&#148; und &#132;empowering&#148; von Protest und Widerstand soll nun die Zukunft der Demokratie gewährleisten. &#132;Demokratie als Handlungsbegriff&#8216; gewinnt auch hier nur Kontur als Opposition gegen die verfasste und institutionalisierte Ordnung &#150; auch wenn die Autoren unauffällig die salvatorische Klausel einfügen, diese &#132;Dynamisierung&#148; des Demokratiebegriffs sei nur &#132;als kritische Ergänzung&#148;, nicht als &#132;Alternative&#148; zum Mainstream der Demokratietheorie gedacht (Buchstein/Jörke 2003, 491). Eine solche &#132;semantische Dynamisierung&#148; des Demokratieverständnisses würde die Frage nach der Zukunft oder dem &#132;Fortschritt&#148; der Demokratie bedeutungslos werden lassen, weil sich ja nahezu alle&#8216; zukünftigen Zustände, in denen überhaupt noch von den Bürgern und Bürgerinnen politisch gehandelt würde, als fortgeschriebene Demokratie interpretieren ließen. Die Sicherung ihrer Zukunft würde in diesem Gedankenspiel mit dem beliebig Werden ihres Inhalts erkauft &#150; es sei denn, man setzt ganz auf das Versprechen der Rationalität, die den deliberativen Verfahren angeblich inne wohnen soll. Wozu man dann aber überhaupt noch Beteiligungsverfahren von Bürgern brauchen und den ganzen Aufwand einer elektoralen Repräsentation betreiben sollte, bleibt offen. Genügte es nicht, einige wenige per Los zu ermitteln, die dann jeweils stellvertretend für die Bürgerschaft die rationalen Entscheidungen treffen?</p>
<p>In dieser hier nur grob verkürzt wiedergegebenen gegenwärtigen Diskussionslage habe ich in bewusster Provokation die Frage gestellt, ob es nicht wissenschaftlich und theoretisch fruchtbarer wäre, in streng historisierender Form die Frage zuzulassen, ob all&#8216; die tiefgehenden Änderungen und Transformationen der jüngsten Zeit nicht längst einen Zustand herbeigeführt haben, den man nicht mehr und länger als &#132;Demokratie&#148; oder als &#132;Fortschritt&#148; im Sinne des normativen Konzepts der &#132;modernen Demokratie&#148;, wie es sich seit dem 19. Jahrhundert in Wissenschaft wie Politik als relativ anerkannt durchgesetzt hatte, bezeichnen könne (Greven 2009b). Was polemische Kritiken sogleich als individuellen politischen &#132;Abschied von der Demokratie&#148; (Linden 2010) oder &#132;resignierende Überzeugung&#148; (Thaa 2011, 69) interpretierten, ist zunächst ein ganz normaler wissenschaftsimmanenter Problemansatz, dessen Validität nicht davon abhängig gemacht werden kann, ob er &#132;sich über den Kreis einiger weniger Politikwissenschaftler hinaus wird durchsetzen können&#148; (Jörke 2010, 23), denn noch wird in der Wissenschaft nicht mit Mehrheit über Wahrheit und Unwahrheit oder die Anerkennungswürdigkeit von Wertbegriffen entschieden. Hier wird nun der Einwand erhoben, dass gerade international vergleichende Meinungsbefragungen zeigten, dass die Bürger und Bürgerinnen Idee und Versprechen der Demokratie nach wie vor hochschätzen, ja dass sich eine partizipatorische Kultur immer mehr durchsetze (Dalton 2004). Ganz abgesehen davon, dass damit der post-partizipatorischen Dynamisierung der Demokratievorstellung von Buchstein und Jörke empirisch widersprochen wird, zeigen aber eben dieselben Umfragen in aller Regel, dass dieselben Bürger und Bürgerinnen der gegenwärtigen Praxis und den entscheidenden Akteuren der realen Demokratie, erst recht dem Demokratieversprechen der EU, immer weniger vertrauen, was sich in geringer Wahlbeteiligung, abnehmender Parteimitgliedschaft und -bindung und eben in einem eher als punktuellem Protest zu interpretierenden zeitweiligen ,Partizipationsverhalten&#8216; niederschlägt. Beides zusammen gesehen, bedeutet wohl, dass die Menschen an der traditionellen Idee von Demokratie normativ festhalten, aber gegen ihre Wahrnehmung der Veränderung in der Praxis protestieren. &#132;Wutbürger&#148; nehmen tatsächlich zu, ihre ,Partizipation&#8216; als Garantie der Zukunft der Demokratie zu interpretieren, scheint angesichts internationaler Erfahrungen waghalsig.</p>
<p>Der Begriff &#132;moderne Demokratie&#148; mag ja zu den &#132;essentially contested concepts&#148; gehören, wie Walter Gallie vor über fünfzig Jahren in einem den Begriff prägenden Aufsatz schrieb (Gallie 1956); in ihm mag das &#132;Gute und Vage&#148;, das mit ihm stets verbunden werde, gleichermaßen eine definitorische Festlegung verbieten wie Pierre Rosanvallon heute propagiert (Rosanvallon 2010) &#150; aber ganz so beliebig, wie manche Theoretiker (!) der Demokratie in jüngster Zeit propagieren, ist die inhaltliche Bedeutung des Begriffes nun auch wieder nicht. Schließlich ist &#132;Demokratie&#148; &#8222;nicht nur ein Wert- sondern auch ein Beschreibungsbegriff. Eher aus dem Bereich der politikwissenschaftlichen Systemanalyse stammende Darstellungen (Schmidt 2010) ebenso wie historische Überblicke (Saage 2005), die gerade in Absetzung zum antiken Begriff die Bedeutung der &#132;modernen Demokratie&#148; herausarbeiten, bestätigen dieses Urteil ebenso wie die Konvergenz demokratischer Verfassungen hinsichtlich der Garantie und Institutionalisierung spezifisch der &#132;modernen Demokratie&#148; eigentümlicher Rechte. Das deutsche Grundgesetz ist dafür nach wie vor nicht das schlechteste Beispiel &#150; auch wenn an ihm seit 1949 nicht nur Änderungen zum Guten und für mehr Demokratie vorgenommen wurden.</p>
<p>Die wissenschaftliche Frage ist nun, wie viele Veränderungen in ihrem Zusammenwirken und welche Veränderungen im Einzelnen, die wesentliche Elemente dieser seit dem 19. Jahrhundert in Verfassungen, Normen, institutionalisierten Praktiken und gewohnheitsmäßigen Verhaltensweisen zur &#132;modernen Demokratie&#148; zusammengefügten Wirklichkeit betreffen, sollten die Wissenschaft zu dem Urteil veranlassen, nun sei die &#132;moderne Demokratie&#148; zu etwas anderem geworden, das man besser auch mit einem anderen Namen bezeichne? Und stellt diese anders gewordene Wirklichkeit einen &#132;Fortschritt der Demokratie&#148; dar? Die erste Frage zielt zunächst auf die &#132;Demokratie&#148; als erfahrungswissenschaftlichen Beschreibungsbegriff, aber ein mögliches negatives Urteil, wonach es sich bei dem gegenwärtigen Zustand nicht mehr um eine &#132;moderne Demokratie&#148; handle, wirft natürlich auch wissenschaftlich die Frage nach einer Bewertung auf. Soll man, kann man aber auf Dauer eine neue, gegenüber der Vergangenheit grundlegend veränderte politische Wirklichkeit weiterhin an den normativen Maßstäben messen, die mit dem für die früheren Zustände angemessenen Beschreibungs- und Wertgriff unmittelbar verbunden sind? Erweckt man, wenn man dies tut, nicht entweder den Eindruck, als wolle man die neue Wirklichkeit, indem man sie positiv als Verwirklichung der oder Annäherung an die früheren Wertideen oder gar als &#132;Fortschritt&#148; interpretiert, nur rechtfertigen und mit einer Legitimität ausstatten, die ihr nicht zukommt? Oder aber, wenn man dies nicht tut, und das Urteil formuliert, dass die beobachtbare Wirklichkeit Beschreibungs- und Wertdimension des historischen Begriffs von &#132;moderner Demokratie&#148; nicht mehr entspricht, setzt man sich dann nicht dem Verdacht aus, reaktionär an einer Vergangenheit sich zu orientieren, die keine Zukunft mehr besitzt und den wirklichen &#132;Fortschritt&#148; zu verkennen?</p>
<p>Ich denke, dass die zweite Reaktion wissenschaftlich jedenfalls ehrlicher ist als die beständige Fortschreibung und Umdefinition einer semantisch dynamisierten &#132;Demokratie&#148;. Politisch birgt sie den Vorteil, dass sie für das Urteil über die Verletzung von Rechten und Garantien, die mit der &#132;modernen Demokratie&#148; seit dem 19. Jahrhundert für die Individuen einmal verbunden waren, jedenfalls noch einen einigermaßen auch bei den Bürgern und Bürgerinnen anerkannten Maßstab besitzt. Es ist demgegenüber zweifelhaft, ob die begrifflichen Transformationen, theoretischen Gedankenspiele und hochkomplexen Szenarios, die heute das vielstimmige Ergebnis von philosophischen und politikwissenschaftlichen &#132;Redescriptions&#148; der &#132;modernen Demokratie&#148; darstellen, jemals auf der realpolitischen Ebene der Bürger und Bürgerinnen zu ihrem Legitimationsglauben beitragen könnten.</p>
<p>Der allein aber und keine theoretische Abhandlung kann der Zukunft der Demokratie letztlich eine zuverlässige Basis verschaffen.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p><i>Abromeit, Heidrun</i> (2002): Wozu braucht man Demokratie? Opladen.</p>
<p><i>Archibugi, Daniele/Held, David </i>(1995): Cosmopolitan democracy: an agenda for a new world order, Cambridge.</p>
<p><i>Buchstein, Hubertus/Jörke, Dirk </i>(2003): Das Unbehagen an der Demokratietheorie, in: Leviathan, 31. Jg. Heft 4, 470-495.</p>
<p><i>Crouch, Colin </i>(2004): Post-Democracy, Cambridge.</p>
<p><i>Dalton, Russell </i>(2004): Democratic Challenges, Democratic Choices, Oxford.</p>
<p><i>Fischer, Karsten</i> (1999): &#132;Verwilderte Selbsterhaltung&#148;. Zivilisationstheoretische Kulturkritik bei Nietzsche, Freud, Weber und Adorno, Berlin.</p>
<p><i>Gallie, Walter B</i>. (1956): Essentially Contested Concepts, in: Proceedings of the Aristotelian Society, Vol. 56, 167&#150;198</p>
<p><i>Greven, Michael Th</i>. (2009a): Die politische Gesellschaft. Kontingenz und Dezision als Probleme des Regierens und der Demokratie, 2. aktualisierte Aufl., Wiesbaden.</p>
<p><i>Greven, Michael Th</i>. (2009b): War die Demokratie jemals ,modern&#8216;? Oder: des Kaisers neue Kleider, in: Berliner Debatte Initial, 20. Jg. Heft 3, 67&#150;73.</p>
<p><i>Habermas, Jürgen</i> (1992): Faktizität und Geltung, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Hennis, Wilhem </i>(1970): Demokratisierung. Zur Problematik eines Begriffs, Opladen.</p>
<p><i>Jörke, Dirk</i> (2010): Was kommt nach der Postdemokratie?, in: Vorgänge, 49. Jg., Heft 2, 17&#150;25.</p>
<p><i>Kohler-Koch, Beate/Quitt/rat, Christine</i> (2011): Die Entzauberung partizipativer Demokratie. Zur Rolle der Zivilgesellschaft bei der Demokratisierung von EU-Governance, Frankfurt/New York.</p>
<p><i>Kommission der Europäischen Gemeinschaften</i> (2001): Europäisches Regieren. Ein Weißbuch, Brüssel.</p>
<p><i>Koselleck, Reinhart </i>(1979): Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Linden, Markus</i> (2010): Kein Ende der Demokratie. Eine Einordnung und Kritik der Erosionsthese von Michael Th. Greven, in: Berliner Debatte Initial, 21. Jg. Heft 2, 105-115.</p>
<p><i>Ranciere, Jacques</i> (1997): Demokratie und Postdemokratie, in: Rado Riha (Hrsg.), Politik der Wahrheit, Wien, 94&#150;122.</p>
<p><i>Rosanvallon, Pierre</i> (2010): Demokratische Legitimität. Unparteilichkeit &#150; Reflexivität &#150; Nähe, Hamburg.</p>
<p><i>Saage, Richard </i>(2005): Demokratietheorien. Eine Einführung, Wiesbaden.</p>
<p><i>Schelsky, Helmut</i> (19739: Systemüberwindung. Demokratisierung und Gewaltenteilung: Grundsatzkonflikte der Bundesrepublik, München.</p>
<p><i>Schmidt, Manfred G</i>. (2010): Demokratietheorien. Eine Einfiihrung, 5. Aufl. Wiesb aden.</p>
<p><i>Thaa, Winfried</i> (2011): Kontingenz, Handeln und Entscheidung. Zur Kari Palonens und Michael Grevens kontingenztheoretischer Bestimmung des Politischen, in: Ders., Politisches Handeln, Baden Baden, 51&#150;76.</p>
<p><i>Vilmar, Fritz </i>(1973): Strategien der Demokratisierung, Darmstadt und Neuwied</p>
<p><i>Zürn, Michael</i> (1998): Regieren jenseits des Nationalstaates. Globalisierung und Denationalisierung als Chance, Frankfurt am Main.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/fortschritt-der-demokratie/">Fortschritt der Demokratie</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Fortschritt nach der Moderne</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 11:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.30-41 Fortschritt, der sich aus der Fortschrittserfahrung heraus über eine Fortschrittserwartung zu einem Fortschrittsglauben oder einer Fortschrittsideologie verfestigt, ist eine spezifische europäische Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts.[1] Antikes Denken war hin-gegen von ordnungspolitischen Kategorien der Stabilität bestimmt, nicht von der Idee einer permanenten gesellschaftlichen Dynamik. Insofern blieben die [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft  3/2011), S.30-41</p>
<p>Fortschritt, der sich aus der Fortschrittserfahrung heraus über eine Fortschrittserwartung zu einem Fortschrittsglauben oder einer Fortschrittsideologie verfestigt, ist eine spezifische europäische Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts.[1] Antikes Denken war hin-gegen von ordnungspolitischen Kategorien der Stabilität bestimmt, nicht von der Idee einer permanenten gesellschaftlichen Dynamik. Insofern blieben die geschichtsphilosophischen Gesamtentwürfe auch eher unverbindlich und ließen sowohl Platz für zyklische Geschichtsauffassungen, in denen sich Perioden des Auf- und Abschwungs abwechseln, als auch für Ideen eines goldenen Zeitalters, von dem sich die Menschen entfernt haben.</p>
<p>In der jüdisch-christlichen Perspektive überwog die geschichtliche Vorstellung von der Entfernung aus dem Paradies (als Beginn der Zeitrechnung) und eines späteren Einbruchs des Göttlichen in die Geschichte, die dann in die messianische Endzeit überführt wird. Freilich wurde durch die Parusieverzögerung Geschichte deutungsbedürftig. In der augustinischen Gegenüberstellung der <i>Civitas Dei</i> und der <i>Civitas Terrena </i>fand die christliche Geschichtsphilosophie eine wirkmächtige Formulierung. Innerhalb der Welt war das Heil oder eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte nicht mehr zu erwarten. Die Krisenerfahrungen des Mittelalters waren kaum dazu angetan, eine Fortschrittserfahrung auch nur begründen zu können. Der plötzliche Untergang des Römischen Reiches (und damit der Verlust an Zivilisation und Kultur) bestimmte über viele Jahrhundertedas Bild einer Historie, in der die den leuchtenden Vorbildern Griechenlands oder Roms nacheifernden Generationen nicht hoffen konnten, jemals zu ähnlicher Kulturblüte kommen zu können. Die säkularen Katastrophen wie etwa die Völkerwanderungen und die damit einhergehenden Verschiebungen oder die große Pest von 1348/49, aber auch die periodischen Hungersnöte und Kriege taten ein übriges, um eine optimistische Sicht auf die Zukunft einzutrüben. Die großen Gründerväter des Mittelalters in Europa suchten denn auch eher überkommenes Wissen zu sammeln, zu sichern und für die Nachwelt zu erhalten.</p>
<p>Erst seit der Renaissance kam es zu einer schrittweisen Neubestimmung der historischen Verortung. Die Entdeckungen und Erforschungen, auch die neuen wissenschaftlichen Ideen führten in sich noch nicht zu einer verfestigten Fortschrittsgewissheit; dazu bedurfte es der Verbindung mit der aufstrebenden Schicht des Bürgertums, die gegen die verfestigte soziale und politische Ordnung die Anwendung der neuen Techniken mit ihren ökonomischen, sozialen und politischen Interessen verbanden und damit das absolutistische Gehäuse sprengen konnten. Die Industrialisierung verdampfte alle ständischen Strukturen; das Bürgertum begründete seinen Herrschaftsanspruch nicht nur auf den aus den Menschenrechtsdiskursen entstandenen politischen Forderungen, sondern auch auf dem Versprechen einer besseren Zukunft, das schon durch die Fortschrittserfahrung eine hinreichende Legitimationsgrundlage erhielt. Dieser Prozess war zunächst ein europäischer, fasste aber im 19. Jahrhundert auch in den USA in einer eigenen Ausprägung Fuß.</p>
<p>Wesentlich für die Ausprägung des Fortschrittsbegriffs sind die Umwälzungen im Denken und in der modernen Wissenschaft als notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Eine der frühen Voraussetzungen modernen Denkens war die Abkehr von der aristotelischen Kausalitätslehre, die in der Spätscholastik vorbereitet wurde, sich aber ab der italienischen Renaissance auch breit durchsetzte. Die dadurch mögliche neue Sicht auf die Natur ermöglichte neue Fortschrittserfahrungen gegenüber der Umwelt, aber auch gegenüber der Vorwelt. Durch die Entdeckungen der Naturwissenschaften wurde das seit der Scholastik gängige Bild von den Zwergen, die auf Schultern von Riesen stehen, obsolet [2]Nicht mehr die &#132;Alten&#148; waren das hohe Vorbild, zumal sie weder über den Kompass, das Schießpulver, den Magneten oder den Buchdruck verfügten. Die geschichtsphilosophische Perspektive drehte sich um. Die &#132;Alten&#148; wurden in der historischen Neuinterpretation in den Status wissenschaftlicher Kindheit versetzt, während die Gegenwart durch die größere Reife, die höhere Erkenntnis geprägt war. Getreu der These von Francis Bacon, dass Wissen Macht sei, wurde die Organisation des Wissens nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern Gegenstand methodischer Planung und Steuerung.</p>
<p>Eines der wirkmächtigsten Bilder dieses neuen Selbstbewusstseins war das der Maschine. Wie eine Maschine wurde das Funktionieren der Natur beschrieben. Descartes sah selbst in Tieren bewegte Maschinen, die wie ein Uhrwerk funktionierten; auch die Menschen waren solche Maschinen, ergänzt allerdings um eine Seele. Wie eine Maschine sollte auch der Staat aufgebaut sein, der von Menschen geschaffene Leviathan.[3] Folglich stand auch rationale Planung im Vordergrund. Der Gedanke einer Politik, die nach dem Vorbild der Geometrie funktionieren könne, war in der frühen Aufklärung von Samuel Pufendorf bis Christian Thomasius staatsphilosophisches Leitbild.[4] Die Entstehung des souveränen Staates, der das alte System überlappender Loyalitäten spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg ablöste, schuf die Voraussetzung für einen einheitlichen Wirtschaftsraum ebenso wie für die planmäßige Förderung der Wissenschaf ten. Die Vorstellung, der Staat müsse den Fortschritt planen, bestimmte noch das Denken Kants, der die Fortschrittsgewissheit zum Postulat der praktischen Vernunft verklärte.</p>
<p>Wichtig in diesem Zusammenhang wurde auch ein neuer Begriff der Arbeit. Die menschliche Arbeit wurde zur Chiffre eines neuen Verständnisses von Mensch und Natur und zum Ausgangspunkt bürgerlicher Fortschrittssymbolik. Die Vertreibung aus dem Paradies (dem Naturzustand des Menschen nach der Schöpfung) war mit dem Fluch besiegelt, dass der Mensch nun im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen musste. In der neuzeitlichen Interpretation drehte sich das Verständnis von Naturzustand und Arbeit um. Bei Hobbes und Locke blieb der Naturzustand negativ konnotiert; das Leben dort sei, so die berühmte Charakterisierung von Hobbes, &#132;einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz&#8220;.[5] Auch Locke sah den Naturzustand (temperierter als Hobbes) als wenig erstrebenswert an, aber seine Wegweiser aus dem Naturzustand heraus (und für unseren Zusammenhang interessant) betonen den Begriff der Arbeit als Möglichkeit der Schaffung von Eigentum und seiner legitimen Akkumulation. Wenn die menschliche Arbeit mit den Objekten der Natur gemischt werde, entstehe Eigentum &#151; eine völlig andere Auffassung als die tradierte christliche, die ja immer vom Eigentum Gottes an der Schöpfung und einem dem Menschen lediglich bleibenden Nutzungsrecht ausgegangen war. Gerade diese Figur der Schaffung von Eigentum durch Arbeit erwies sich als eines der wirkmächtigsten Begründungen der modernen Gesellschaft.[6]</p>
<p>Dahinter steckten zwei Grundannahmen: Zum einen die Aufspaltung von Subjekt und Objekt als erkenntnistheoretische Leistung der Neuzeit, also von <i>res cogitans </i>und res extensa, die die Natur als etwas dem Menschen Gegenüberstehendes verstand. Daraus abgeleitet wurde die Natur zur Ressource menschlicher Zwecke. Die Aussage Bacons, man müsse die Natur foltern, damit sie ihre Geheimnisse preisgebe, war der Auftakt zu einem Naturverständnis, dem gegenüber die Erkenntnis, dass der Mensch eben selbst auch Teil der Natur ist, in den Hintergrund trat.</p>
<p>Die Industrialisierung, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse praktisch und gewinnbringend methodisch umsetzte, setzte sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts zunächst in England durch. Sie entstand aus drei wesentlichen Faktoren: Der Nutzung neuer E-nergien (Dampf, Kohle), der Neuorganisation von Arbeit in Fabriken und der maschinellen Verarbeitung von Rohstoffen in einer Massenproduktion. Dadurch wurde eine deutliche Steigerung der Produktivität möglich. Industrialisierung beruhte auf einem instrumentellen Verhältnis zu Natur und Arbeit unter Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Begleitet wurde die Industrialisierung durch eine Erschließung der Räume (Wasserstraßen- und Wegebau, Eisenbahn), einer zunehmenden sozialen Mobilität, Urbanisierung, Alphabetisierung, aber auch neuer Formen sozialer Disziplinierung und dem Aufkommen der nationalen Idee als Form der Vergemeinschaftung und des Nationalismus als Ideologie nationaler Selbständigkeit und Größe.[7]</p>
<p>Die verfestigte, also notwendige und hinreichende Fortschrittserwartung ruht auf einer geschichtsphilosophischen Gesamtsicht und beinhaltet mehrere Ebenen (politisch, sozial, wissenschaftlich, moralisch). Dies macht die besondere Durchschlagkraft des Begriffes und seine positive affektive Besetzung aus. Die großen Utopisten beschrieben perfekte und eben vollkommen rationale Alternativentwürfe zu einer vorgefundenen Wirklichkeit, die vor dem Bild dieser vernünftig aufgebauten Gegenwelt umso defizitärer erscheinen musste.[8] Freilich blieben diese Gegenwelten, in denen sich Kritik am Bestehenden mit der Sehnsucht nach dem vernünftigen (und Gerechten) verbanden, ausder Geschichte heraus gelagert, außerhalb eines benennbaren Weges, ein solches Ziel auch zu erreichen. Das galt auch noch für die Utopien der frühen Aufklärung. Die Fortschrittsideologie der Philosophen des 18. Jahrhunderts hingegen erklärte die innerweltliche und historische Möglichkeit der Realisierung des utopischen Geistes.</p>
<p>Fortschritt verhieß Macht und Freiheit: Macht über die Natur und die Wechselfälle des Lebens, Freiheit von den Notwendigkeiten, auch den Strukturen, die zuvor als gottgegeben fraglös akzeptiert waren: Der Mensch, und dies ist der Kern der neuzeitlichen Idee des Fortschritts, nimmt sein Schicksal in seine Hand ohne Bezug auf Gott. Der Begriff des Fortschritts in der Aufklärung ist ein säkularer, in dem zunächst durchaus aber noch die theologische Weltsicht nachhallt: Gott wurde durch die Menschheit ersetzt, das jüngste Gericht (und die Unsterblichkeit in der <i>Civitas Dei</i>) durch das Urteil der Geschichte und das Erinnern künftiger Generationen .[9]</p>
<p>Die Apologeten des Fortschritts haben diesen auf verschiedenen Ebenen konstatiert und eine zusammenhängende Fortschrittsideologie entworfen. Fortschritt war zunächst einmal (und das auch empirisch durchaus plausibel) im Bereich der Naturwissenschaften, also der Beherrschung der Natur, zu konstatieren. Dies bedeutete zum zweiten, dass die Möglichkeiten der Verbesserung des menschlichen Lebens, die Chance, dieses von Krankheiten, von Mühe und Armut zu befreien, ebenfalls deutlich zugenommen hatten; der Lebensstandard stieg. Schließlich trug all dies dazu bei, dass der Mensch seine Möglichkeiten besser entfalten konnte, er im umfassenden Sinn seine Humanität verwirklichen und damit auch zivilisatorisch sich über die Natur und ihre Begrenzungen und Imperative erheben konnte.</p>
<p>Vor allem in Frankreich verbanden sich der Glaube an die wissenschaftliche Methode und das Bewusstsein, an einer Epochenwende zu leben, in empirisch gebundenen geschichtsphilosophischen Gesamtentwürfen. Turgot konstatierte in seiner Rede 1750 an der Sorbonne ein allgemeines, universales Gesetz des Fortschritts, dem alle Kulturen, freilich in unterschiedlichem Tempo, unterworfen seien.[10] Aus der Geschichte heraus war auch für Condorcet der endlosen Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen keine Grenze gesetzt.[11] Condorcet bejahte die Anwendung mathematischer Methoden in der Kultur- und Gesellschaftswissenschaft, vor allem in Form der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung stand mit an der Wiege moderner Sozialwissenschaft. Wissenschaftlich geprägt, frei von den menschlichen Unberechenbarkeiten und einer Zufälligkeit des Schicksal sollte denn auch die abschließende zehnte Epoche der Menschheitsgeschichte sein: Eine Epoche unter dem Glanz der Voraussicht und der wissenschaftlich berechneten Genauigkeit.</p>
<p>Für Comte war es dann der erreichte Stand von Industrie und Technik, der das Niveau einer Kultur ausmachte, und damit auch die soziale und politische Verfassung bestimmte &#151; ein deutlicher Vorgriff auf die einige Jahre später formulierten Thesen von Marx. Comte, der ähnlich wie Marx und Spencer eine deterministische Soziallehre vertritt, gilt als Vater der Soziologie und als Begründer des Positivismus.[12] Seine Abfolge der Gesellschaftsformationen sind den Entwicklungsformen des Geistes nachempfunden: theologisch (fiktiv), metaphysisch (abstrakt) und wissenschaftlich (positiv). Mit dem Aufkommen des positiven Zeitalters wird für Comte auch die im metaphysischen Zeitalter verloren gegangene Ordnung im Geistigen und Sozialen wiedergewonnen, allerdings unter dem Signum des Fortschritts.</p>
<p>Fortschritt ist also &#8211; und hier wurden die französischen Systematisierer durch die empirisch gesättigten Untersuchungen der schottischen Moralphilosophen ergänzt &#8211; nicht nur Prinzip des geschichtlichen Erkennens, sondern auch Gegenstand gesellschaftlicher Planung. Diese aus dem sektoralen Fortschrittserkennen in das universalgeschichtliche ausgreifende Ideologie des Fortschritts durchbricht die Idee eines Endes der Weltzeit zugunsten einer offenen, von Menschen planend gestalteten Zukunft. Die Entwicklung der Menschheit mochte dabei linear oder dialektisch verlaufen, sie konnte sich als prinzipiell unabgeschlossen oder, wie in den geschichtsphilosophischen Spekulationen Condorcets oder Hegels, als begrenzte Stufenfolge erweisen, entscheidend war die Aufzeigbarkeit und Unvermeidbarkeit des Fortschritt, sein umfassender Anspruch der<br />Umgestaltung aller Lebensbeziehungen und die positive Grundeinstellung zu diesem Prozess, der als Selbstveredelung des Menschen beschrieben werden kann.</p>
<p>Für das Bürgertum, das sich des Fortschrittsgedankens bemächtigte, kam im Zuge der politischen Emanzipation als wichtiger Gedanke hinzu, dass der Fortschritt weniger der staatlichen Planung und Intervention bedürfe, sondern aus sich heraus manifest werde. In vielen Bereichen (Zunftwesen, Zollbestimmungen) war der Staat doch eher einer vollen Entfaltung der wirtschaftlichen Potenzen hinderlich. Die Begründung dazu hatte Adam Smith geliefert, der davon ausging, dass die wirtschaftlich freie Betätigung, die Verfolgung individueller Interessen, durch das Wirken einer unsichtbaren Hand der gesamten Gesellschaft zugute komme. Die Eigengesetzlichkeit historischer Kräfte und Entwicklungen war ein aus Sicht des Bürgertums grundsätzlich positives Faktum, und es bedurfte nur wenig staatlicher Intervention, um diesen Prozess zu perpetuieren und die nachteiligen Wirkungen auszugleichen. In den neuen Erkenntnissen der Wissenschaft und der Steigerung der industriellen Produktion manifestierte sich ein Fortschritt, der der Gesellschaft als Ganzes zugute kam. In dieser Grundüberzeugung liegt die eigentliche Schlüsselideologie des Bürgertums.</p>
<p>Die gesteigerte Fortschrittserwartung als Legitimationsideologie wurde, und das ist eine Ironie der Geschichte, Grundlage sowohl des bürgerlichen als auch des sozialistischen Selbstverständnisses. Die bürgerliche Fortschrittsideologie beruhte auf einer Anerkennung und Freisetzung des Individuellen, zugespitzt: Auf einer Veredelung der in der Antike und im christlichen Denken verpönten Leidenschaften zu bloßen Interessen, deren gemeinwohlförderliche Wirkung durch die Idee der unsichtbaren Hand von Adam Smith auf den Begriff gebracht wurde.[13] Folgerichtig wurden auch diejenigen philosophischen Leitideen zur Grundlage bürgerlichen Selbstverständnisses, die das Individum und seine Rechte schützten. Die Vertragstheorien von Hobbes und Locke leisteten wertvolle Schützenhilfe, weil hier die Idee vorstaatlicher Rechte des Menschen und ihre Rolle bei der Gründung von Gesellschaft und Staat thematisiert wurden. Die Idee, dass der Staat primär zum Schutz der Rechte des Einzelnen errichtet worden sei, entfaltete ihre Wirkung gegen den absolutistischen Staat und wurde zum Begründungskontext der bürgerlichen Freiheiten.</p>
<p>Die Erhaltung der natürlichen und unvergänglichen Menschenrechte bildete in der berühmten Formulierung der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der Französi-schen Revolution den Endzweck jeder politischen Vereinigung. Was diese seien, darüber gab es diesseits und jenseits des Atlantiks weitgehende Ubereinstimmung: Die französischen Aufzählung von Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung wurde in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung durch die stärker von der Anerkennung individualistischen Glücksstrebens geprägte Trias von &#132;<i>life , liberty and the pursuit of happiness</i>&#148; ergänzt. Fteilich blieb es nicht bei dem konstitutionellen Projekt, sondern das bürgerliche Selbstverständnis wurde geschichtsphilo- sophisch grundiert. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Diese Grundforderungen bürgerlicher Emanzipation seit der Französischen Revolution waren vom Begriff des Fortschritts durchtränkt.</p>
<p>Hegel brachte dies auf den Begriff, indem er die Weltgeschichte als Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit postulierte. Das Bürgertum konnte sich mit seinen politischen Forderungen als Avantgarde des Fortschritts verstehen. Aber auch der Anspruch, nicht nur welthistorisch, sondern tatsächlich durch die wissenschaftlichen Fortschritte und die Umgestaltung der Gesellschaft die Lage der Menschen zu verbessern. Zu besichtigen waren diese Fortschritte in den seit 1851 periodisch stattfindenden Weltausstellungen als Leistungsschauen bürgerlicher Potenz. Die dahinter stehende Ideologie brachte Prinz Albert treffend zum Ausdruck, als er die industrielle Technik und ihren Fortschritt eben auch als Quelle moralischen Fortschritts bezeichnete.[14] Die Freisetzung des Einzelnen und seiner kreativen Energien, das Projekt des bürgerlichen Verfassungsstaates und die Aneignung der Natur durch die Entwicklung der Wissenschaften, all dies diente somit auch der Hebung des allgemeinen materiellen Wohlstands und der moralischen Entwicklung des Menschengeschlechts und blieb potentiell unbegrenzt, solange sie eben im Rahmen der bürgerlichen Ordnung stattfand.</p>
<p>An dieser Stelle meldete die marxistische Sicht Widerspruch an &#8211; weniger an dem zugrunde liegenden Fortschrittsbegriff als vielmehr an der Gleichsetzung desselben mit der bürgerlichen Ordnung. Hegels Idee eines Gangs des Geistes durch die Weltgeschichte vom Kopf auf die Füße stellend präsentierte Karl Marx eine Geschichtsphilosophie, in der aus der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen her-aus die Geschichte nicht mit der bürgerlichen Gesellschaft, sondern erst mit der darauf folgenden kommunistischen Gesellschaft ein Ende haben sollte, genauer: Die Vorgeschichte der Menschheit war mit dem Heraufkommen der kommunistischen Gesellschaft beendet.</p>
<p>Bürgerliche Produktionsweise und Handel schaffen lediglich die materiellen Bedingungen der nachbürgerlichen Gesellschaft. Unklar blieb, ob sich diese Umwälzung zwangsläufig aus der Entwicklung der Produktivkräfte ergab oder doch des Tätigwerdens eines wie auch immer definierten revolutionären (oder später: evolutionären) Subjekts bedurfte. Entscheidend blieb die Möglichkeit der Aneignung der Produktivkräfte, mit dem nicht nur eine historische Entwicklung von Klassenkämpfen ihr Ende finden, sondern auch der Sprung vom Reich der Notwendigkeit in das der Freiheit gelingen sollte. Damit war auch die Aufhebung der mehrfachen Entfremdung des Menschen vollzogen.</p>
<p>Stärker noch als in der bürgerlichen Leitideologie war der Marxismus durch die um-fassende geschichtsphilosophische Fortschrittsgewissheit gegen empirisch fundierte Einwände immun; die Leitvorstellung industriell induzierten Fortschritts trübte sich im real existierenden Sozialismus auch dann nicht ein, als in westlichen Ländern schon längst über Grenzen des Fortschritts laut nachgedacht wurde. So blieben Kritiker des Fortschrittsgedankens im real existierenden Sozialismus randständig,[15] schon allein deshalb, weil mit Engels in der geschichtsphilosophischen Gesamtschau argumentiert werden konnte, dass es in der Geschichte nichts gebe, was nicht, wenn auch oft auf einem ungeheuren Umwege, letztlich in der einen oder anderen Weise dem menschlichen Fortschritt diene (MEW 38, 363).</p>
<p>Sowohl in der bürgerlichen als auch in der sozialistischen Grundsicht blieb die Möglichkeit des Missbrauchs der ldee des Fortschritts aber der dunkle Zwilling der im Fort-schritt enthaltenen Heilsversprechen. Schon Turgot hatte den hoch entwickelten Nationen die Rolle zugesprochen, Menschheitserzieher zu werden, und im Europa des frühen 19. Jahrhundert galt es als ausgemacht, dass sich das zivilisatorische Niveau der europäischen Staaten deutlich von dem in der arabischen oder afrikanischen Welt unterscheidet. Die Welt wurde mit der europäischen Elle vermessen; Kultur übergreifende Perspektiven, wie sie etwa in den<i> Lettres Persanes </i>von Montesquieu ihren Ausdruck fanden, blieben die Ausnahme.</p>
<p>Mit der Übernahme biologischer Kategorien in die Sozialwissenschaft &#150; der These, dass sowohl die Natur als auch die menschliche Gesellschaft ähnlichen Gesetzen unterworfen sind &#150; war vor allem mit den Schriften von Herbert Spencer ein neues Kapitel aufgeschlagen. Spencer prägte die später als sozialdarwinistisch diskreditierten Termini des &#132;<i>survival of the fittest</i>&#148; und des &#132;<i>struggle for existence</i>&#148;. Bei Spencer waren diese Prozesse eingebettet in ein allgemeines Fortschrittsgesetz, das sich prinzipiell in allen Lebensbereichen gleich vollzog, nämlich in der Entwicklung vom unzusammenhängenden Homogenen zum wechselseitig abhängigen Heterogenen. Wegen der Naturwüchsigkeit des Prozesses wollte Spencer dem Staat nur eine passive Rolle zuteilen, weil sich die Gesellschaft als System selbst regulierte, der Staat also nur störend sein konnte. Dieser in Fortschrittsgewissheit eingetauchte staatsferne Liberalismus diente als politische Legitimationsideologie, aber Versatzstücke dieser Theorie konnten dunkleren Zwecken zugeführt werden. So wurde die Biologisierung der sozialen Beziehungen zum Einfallstor rassistischer ldeen, die sich entweder kollektiv auf die unterschiedlichen Entwicklungsstufen menschlicher Rassen bezogen oder sich individuell mit eugenischen Lehren verbanden.</p>
<p>Aus Spencers Theorien konnte man auch das Gleichzeitige ungleichzeitiger Entwicklung ableiten. Anders als im 18. Jahrhundert, als die Zuordnung von frühen und späten Kulturen noch wesentlich in der Geschichtsphilosophie selbst stattfand, vollzog sie sich nun Kultur vergleichend, und hier hatten die europäischen Staaten durch die Praxis ihrer kolonialen und imperialen Politik reichhaltiges empirisches Anschauungsmaterial. Was aber war die Verpflichtung der &#132;höher entwickelten&#148;, also westlichen Kultur, gegenüber den &#132;niedriger&#148; entwickelten? Was war &#132;the white man&#8217;s burden&#148; (Rudyard Kipling)? Hatte man gegenüber weniger entwickelten Völkern eine Art Treuhandschaft, eine Verpflichtung, wie ein Erwachsener einem Kind gegenüber? Der Imperialismus war zwar zunächst ein Mittel der Selbstbehauptung, er ließ aber auch Raum für ethisch fundierte Missionsideen, die beinahe ein Jahrhundert hindurch imfür ethisch fundierte Missionsideen, die beinahe ein Jahrhundert hindurch im Namen des Fortschritts kulturelle Horizonte einer Zwangsmodernisierung unterzogen.</p>
<p>Der Export des westlichen Modernisierungsmodells endete nicht mit der Dekolonisierung.</p>
<p>Die Entwicklungstheorie postulierte unterschiedliche Stufen ökonomischer Entwicklung als Masterplan der Industrialisierung,[16] und noch in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts diente der so genannte &#132;Washington Consensus&#148; als universale Blaupause zur Überwindung von Überschuldungskrisen in Entwicklungsländern.</p>
<p>Aber auch das sozialistische Pendant zur bürgerlichen Fortschrittsideologie betrieb Zwangsmodernisierungen auf einer antizipierten imaginierten Entwicklungslinie, seien es die Methoden der Zwangsindustrialisierung in der Sowjetunion oder die Kulturrevolution in China. Immer aber konnten die Opfer in historischer Gesamtschau gerechtfertigt werden weil am Ende der Geschichte das Heilsversprechen alles menschliche Leiden als geschichtliche Notwendigkeit aufheben würde. Der ökonomische Sündenfall, die so genannte ursprüngliche Akkumulation, mit der die strukturelle Gewalt ökonomischer Abhängigkeiten in die Welt gekommen war (MEW 23, 741-791), konnte nur historisch, unter Führung einer aufgeklärten Elite, überwunden werden, sofern die materiellen Bedingungen vorlagen. Eben hier lag für Marx und Engels der geschichtliche Auftrag der großen historischen Völker gegenüber den weniger entwickelten, und deshalb war es in der Zukunftsperspektive der Befreiung auch richtig, dass Mexiko von den &#8218; USA erobert oder Algerien von Frankreich kolonisiert wurde: Nur so wurden die objektiven Voraussetzungen für eine (beschleunigte) Entwicklung geschaffen.</p>
<p>Mit der Entkopplung des Fortschritts von der geschichtsphilosophischen Generallegitimation wird der Fortschritt problematisch. In Deutschland entstand schon im 19. Jahrhundert durch den Historismus eine Gegenbewegung zu der ldeologie eines universalgeschichtlich wirksamen Fortschritts. Im Diktum Leopold Rankes, alle Epochen sei-en unmittelbar zu Gott, spiegelte sich auch eine Skepsis gegenüber dem Universalismus eines aufklärerischen Denkens, der die unterschiedlichen kulturellen Horizonte der Identitätsbildung außer Acht ließ. In der Tradition von Rousseau konnte die Frage gestellt werden, ob sich der Mensch durch die immer stärkere Entfernung von der Natur, durch den Versuch ihrer Beherrschung, nicht von seinem eigenen Wesen entferne. Schließlich griffen konservative Denker des 19. Jahrhunderts die Frage auf, ob eine vernünftige Ordnung angesichts der Dynamik der Veränderung noch möglich sei. In diesen fortschrittskritischen Affekten spielten sicherlich die Ressentiments gegen die Stadt, gegen die Auflösung der überkommenen Ordnung, die Lockerung der Sitten und Traditionen eine Rolle, aber auch das Unbehagen angesichts einer sozialen Frage, die sich nicht mehr durch bloße Caritas oder Philanthropie lösen ließ. Auch die Entwicklung der Soziallehre der katholischen Kirche mit ihrem Gründungsdokument &#132;De Re-rum Novarum&#148; 1891 ist in diesem Zusammenhang zu sehen. So lagen schon Ende des 19. Jahrhunderts all jene Versatzstücke der Technik- und Fortschrittskritik vor, derer sich die Alternativbewegungen ab den siebziger Jahren zunehmend bedienten.[17]</p>
<p>Zeitweise war mit dem technischen Fortschritt (der ja auch sich in der militärischen Technik niederschlug) die Hoffnung verbunden, dass der friedliche Austausch der Staaten untereinander der allgemeinen Befriedung der internationalen Beziehungen diente.Die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs hat diesen Hoffnungen eine deutliche Abfuhr erteilt. Mit dem Zivilisationsbruch des Holocaust im Zweiten Weltkrieg wurden zentrale Annahmen der Moderne und der Fortschrittsideologie fragwürdig. In der Kritik an der positivistisch halbierten Vernunft trafen sich die Zeitkritik der Frankfurter Schule und konservative Denkströmungen.[18]</p>
<p>Das zwanzigste Jahrhundert ist gegenüber den großen Narrativen skeptisch geworden, weil ein Grundwiderspruch erkennbar wurde. Der bürgerliche Staat zog seine Legitimation aus dem Versprechen, umfassende Sicherheit zu garantieren: Leben und Freiheit der Einzelnen zu schützen und auch die materielle Besserung der Lebensumstände herbeizuführen durch die Entfesselung der innovativen Kräfte. Am Ende des 20. Jahrhunderts stand die Erkenntnis, dass gerade dieser Prozess Sicherheit umfassend gefährden können. Mehr noch: Die Entwicklung der Technik, häufig auch aus der Notwendigkeit entstanden, Risiken zu minimieren, schuf neue und größere Risiken, auf die wiederum technische Antworten gesucht wurden. Hieraus konnten zwei beinahe entgegengesetzte Folgerungen gezogen werden: Entweder war die Krisenhaftigkeit der Technik eigen, ein unabwendbares Schicksal, dass fortzusetzen wir aus der Eigendynamik der technischen Entwicklung heraus gezwungen sein werden, weil neue Technik Folgetechnik von Technikfolgen ist[19] oder wir hatten die Mahnung Bacons noch nicht genügend beherzigt dass nur der die Natur beherrschen könne, der sie verstehe. Damit wären Technikfolgen ein vorübergehendes Problem, dem mit zunehmendem Verständnis der Natur beizukommen wäre. Die ökologische Krise wäre kein Argument gegen den technischen Fortschritt, sondern lediglich gegen Formen der Technisierung, denen das notwendige ökologische Wissen fehlt.[20]</p>
<p>Der Verlust der geschichtsphilosophischen Metanarrative ist heute eine wesentliche Belastung für die Akzeptanz von Technik und Fortschritt. Gerade zu einem Zeitpunkt, an dem nach der Überwindung des Ost-West-Konflikts das &#132;Ende der Geschichte&#148; (Francis Fukuyama) ausgerufen werden konnte und durch die Globalisierung und die Verflechtung aller Nationen eine eigentliche Weltgeschichte sich manifestiert, verliert<br />die dahinter stehende bürgerliche Leitvorstellung des Fortschritts zumindest in Teilen Europas an Kohäsionskraft. Diese Erschöpfung der utopischen Energie hatte sich schon im Absterben der säkularen Begründung des Fortschritts gezeigt; Technik erscheint als Möglichkeit der Zerstörung, der Manipulation, der Herrschaftsausübung, als Instrument des Eindringens in Freiheitsräume; nicht umsonst sind die großen negativen Utopien des 20. Jahrhunderts in diesem Themenbereich angesiedelt (J. Samjatin, A. Huxley, G. Orwell). Aber nicht nur die säkulare Begründung des Fortschritts ist zerbrochen, zudem findet in einer nun säkularisierten Welt keine <i>causa finalis </i>mehr verbindliche Antworten auf das &#132;Warum&#148; menschlichen Tuns, weil ja die moderne Fortschrittsidee schon auf einer Absage an jeglichen Telos begründet war. Die Sinngebung menschlichen Tuns vollzieht sich unter einem leeren Himmel, in einem Erwartungsraum ohne verbindliche normative Leitplanken.</p>
<p>Die theologische Diskussion nimmt darauf Bezug, indem sie von einem veränderten Bild von Wahrheit spricht, das das technische Denken transportiert: Die Welt erscheint nicht mehr als das feste Gehäuse des Seins, sondern als Ort der Möglichkeit; wahr ist, was der Mensch gemacht hat bzw, machen kann.[21] Von dieser mangelnden Seinsveran-kerung ist es nur ein kurzer Weg zu dem, was Günter Anders einmal als die &#132;prometheische Scham&#148; bezeichnet hat: dass sich der Mensch schäme, geworden statt gemacht worden zu sein.22 Sowohl für Ratzinger wie auch für Anders folgt aus diesem Befund die Möglichkeit der Selbstverdinglichung des Menschen, die freilich einem wirklichen <i>Humanum</i> feindlich gegenübersteht.</p>
<p>Aber auch die Frage nach dem &#132;Wohin&#148; des Fortschritts ist kaum zu beantworten, setzt sie doch nicht nur eine Verständigung über Ziele, sondern auch einen Konsens über Steuerungsmöglichkeiten voraus. Gerade die Frage der Steuerungsmöglichkeiten ist umstritten. Die Technisierung der Welt bis hinein in die sozialen Zusammenhänge hatte schon in der Sicht von Max Weber ein &#132;ehernes Gehäuse der Hörigkeit&#148; geschaffen. Dieser Befund scheint in den neueren Technikdiskussionen unter dem Begriff der technozentrischen Perspektive noch einer Verstärkung zu erfahren. Gegenüber soziozentrischen Ansätzen, die von einer gesellschaftlichen Steuerungsmöglichkeit der Technik ausgehen, betont die technozentrische Perspektive die Eigendynamik technischer Entwicklungen und die Tiefenumformung der Gesellschaft nach technischen Imperativen.[23]</p>
<p>Die Voraussage des Francis Bacon, dass sich der technische Fortschritt durch Erfindungen beschleunigen werde, ist längst zu einem exponentiellen Wachstum des Wissens geworden. Gleichzeitig hat man sich von der noch in der Logik Bacons liegenden Argumentation verabschiedet, dass die Annäherung an die ja gleichbleibende Natur eine Zielbestimmung beinhaltet, die den Fortschritt begrenzt. Technischer Fortschritt gebiert sich selbst, ohne Bezug auf einen Entwurf des guten Lebens. Freilich bleibt der Bezug zu Wachstum, der Steigerung wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und letztlich der Verteilung von Gütern, Ressourcen und Teilhabechancen erhalten. Diese Form des Wachstums ist aber normativ blind; Verteilung von Zuwächsen allein ist als normatives Ziel nicht ausreichend. Zu drängend sind die Fragen nach den Folgekosten: Für die Natur, für die kulturelle Identität, für die politische Ordnung. Wachstum erscheint heute als bloße Restgröße eines einstmals emphatischen Fortschrittsbegriffes, der auf den ganzen Menschen zielte und in ihm mehr sah als nur einen Kunden oder Konsumenten.</p>
<p>Ein affirmativer Begriff des Fortschritts kann deshalb heute nur ganzheitlich gedacht werden. Nach dem Ende der ldeologien und der Historisierung des bürgerlichen Fortschrittsoptimismus kann Fortschritt (und Wachstum) nicht mehr auf die im 18./19. Jahr-hundert entwickelten Sinnhorizonte als Generallegitimation von Wachstum, technischer Innovation und gesellschaftlicher Veränderung zurückgreifen. Der Hinweis auf die Risiken technologischer Entwicklung ist dabei so richtig wie der Befund der Globalisierung auch der Folgewirkung von Technologien und der möglichen Depletion natürlicher Ressourcen. Gleichzeitig gilt es festzuhalten, dass die tatsächlichen Freiheits- wie Lebensmöglichkeiten sich den Erfolgen von Naturwissenschaft und Technik in den letzten beiden Jahrhunderten verdanken. Deswegen wäre ein Ausstieg aus Naturwissenschaft und Technik und eine generelle Absage an die Idee des Fortschritts ebenso unrealistisch wie inhuman, zumal die heutige Situation keineswegs der paulinischen Endzeit unter negativen Vorzeichen gleicht. Die notwendige Rettung eines affirmativen und emphatischen Begriffs des Fortschritts lässt sich nur auf der Ebene erneuter begrifflicher Schärfung vollbringen. Dazu gehören:</p>
<ul>
<li> Eine Verabschiedung eines rein positivistischen Denkens in den Sozialwissenschaften.[24] Die Gesellschaft ist mehr als der Experimentierraum für Sozialingenieure, sie ist Sinnhorizont und damit aufgeladen mit Werten, die sich der sozialwissenschaftlichen Beurteilung entziehen. Gerade die Wirtschaftswissenschaften haben mit ihrer Verkürzung des Menschen zum Konsumenten und Marktteilnehmer und der falschen Heuristik des <em>homo oeconomicus </em>einen nicht zu unterschätzenden Flurschaden angerichtet.</li>
<li> Die Verabschiedung einer utilitaristischen Momentbetrachtung von Kosten und Nutzen zugunsten eines organischen Bildes von Geschichte und Gesellschaft, die in einer Ethik der Fernverantwortung gründet;[25]</li>
<li>Eine neue Demut im Umgang mit der Natur, die anerkennt, dass der Mensch zwar die Natur bearbeitet, aber als Teil der Natur damit aber auch letztlich in seine eigene Naturhaftigkeit eingreift (Idee der Mitgeschöpflichkeit und die Verbindung von Umwelt- und Humanökologie);[26]</li>
<li> Die Rückbindung der Potenzen des Fortschritts an eine normative Leitidee außerhalb der reinen materiellen Bedürfnisbefriedigung (qualitativer Fortschritt). Damit rücken die nicht-marktrelevanten Tätigkeiten des Menschen in den Mittelpunkt, die zu einem erfüllten Leben gehören: Familie, Ehrenamt, Kultur, Muse, kreatives Schaffen, Spiritualität, Naturerleben und vieles mehr &#151; also Tätigkeiten jenseits der Arbeitswelt. Freilich muss die Arbeitswelt selbst, angesichts der kulturellen Anomie von Produktionssphäre und Freizeit[27], ihren Beitrag leisten: Durch höhere Zeitautonomie, Änderungen der Arbeitsorganisation, Abgrenzung von Arbeit und Freizeit (work-life-balance), auch durch Schaffung von Bedingungen, die die Arbeit selbst als sinnstiftend erfahrbar macht, etwa durch Modelle der Teilhabe.</li>
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<li>Der Abschied von dem einen Modell der Modernisierung, das den Vorrang kultureller Horizonte gegenüber den Prozessen der Vereinheitlichung, Standardisierung und Rationalisierung erhält.</li>
<p>Ein solcher ganzheitlicher Begriff des Fortschritts kann allerdings nicht verordnet werden, sondern kann sich nur als das Resultat einer auf den ganzheitlichen Menschen gerichteten Erziehung verstehen.[28] Dies würde sicherstellen, dass die in dem bürgerlichen Fortschrittsmodell angelegte Verknüpfung von Wohlstand durch Wachstum, technischer Entwicklung und politischer Freiheit in einer demokratischen Ordnung auch unter geänderten Bedingungen erhalten bleiben kann. Zumindest dieses Versprechen der bürgerlichen en Fortschrittsideologie lohnt es, auch unter veränderten Bedingungen zu bewahren.[29]</p>
<p>[1] Zur Terminologie von Fortschrittsdimensionen vgl. Erwin Faul, &#132;Ursprünge, Ausprägungen und Krise der Fortschrittsidee&#148;, Zeitschrift für Politik 1984, S. 241&#150;290; 250f.<br />[2]Robert Merton, Auf den Schultern von Riesen. Frankfurt am Main 1983.<br />[3] Barbara Stollberg-Rilinger, Der Staat als Maschine. Zur politischen Metaphorik des absoluten Fürstenstaats. Berlin 1986.<br />[4] Wolfgang Röd, Geometrischer Geist und Naturrecht. München 1970.<br />[5] Thomas Hobbes, Leviathan. Frankfurt am Main 1989, S. 96.<br />[6] Hierzu Manfred Brocker, Arbeit und Eigentum. Der Paradigmenwechsel in der neuzeitlichen Eigentumstheorie. Darmstadt 1992.<br />[7] Ernest Gellner, Nations and Nationalism. Ithaca 1983.<br />[8] Richard Saage, Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt 1991, S. 77f£<br />[9] Carl L. Becker, The Heavenly City of the Eighteenth-Century Philosophers. New Haven und Lon-don 1932.<br />[10] Anne Robert Turgot, Über die Fortschritte des menschlichen Geistes. Frankfurt am Main 1990.<br />[11]Jean Antoine Nicolas de Condorcet, Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes. Frankfurt am Main 1963.<br />[12] Sein Hauptwerk, das Systeme de politique positive (1851&#150;1854) ist in der deutschen Ausgabe 1923 unter dem Titel &#132;Soziologie&#148; erschienen, der bei Comte selbst nur im Untertitel vorkommt. Dies ist eine eigentümliche Mischung einer aus dem Lateinischen stammenden Vorsilbe (societas) und einer griechischen Nachsilbe (logos); ähnliche Wortbildungen wie Psychologie und Theologie bedienen sich pur des Griechischen.<br />[13] Albert 0. Hirschmann, Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus<br />vor seinem Sieg. Frankfurt am Main 1987.<br />[14] Zitiert nach Bedrich Loewenstein, Der Fortschrittsglaube. Geschichte einer europäischen Idee. Göttingen 2009, S. 287.<br />[15] Unter den Ausnahmen: Wolfgang Harich, Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der Club of Rome. Hamburg 1975, aber auch die frühen, beinahe ökologischen Anklänge bei Karl Liebknecht; hierzu Ossip K. Flechtheim, Von Marx bis Kolakowski. Sozialismus oder Untergang in der Barba&#8216;<br />rei? Köln und Frankfurt am Main 1978, 5.133f£<br />[16] Walt W. Rostow, The Stages ofEconomic Growth. A Non-Communist Manifesto. Cambridge 1960.<br />[17] Vgl. Rolf Peter Sieferle, Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. München: Beck 1984.<br />[18] Paradigmatisch Theodor Adorno und Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am<br />Main 1969 (erstmals 1947); Hans Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. Stuttgart 1955.<br />[19] Ulrich Teusch, Die Katastrophengesellschaft. Zürich 2008, S. 210.<br />[20] Günter Ropohl, Technologische Aufklärung, Suhrkamp 1991, S. 251.<br />[21] Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das apostolische Glaubensbekenntnis. München 2005 (Erstausgabe 1968), S. 56&#150;59.<br />[22] Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. München 1968 (Erstausgabe 1956); S. 21ff.<br />[23] Grundlegend Ulrich Teusch, Freiheit und Sachzwang. Untersuchungen zum Verhältnis von Technik,<br />Gesellschaft und Politik. Baden-Baden 1993.<br />[24] Immanuel Wallerstein, Die Sozialwissenschaft &#132; kaputtdenken &#8222;. Die Grenzen der Paradigmen des<br />19. Jahrhunderts. Weinheim 1995.<br />[25] Grundlegend Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt am Main 1979.<br />[26] Aus Sicht der katholischen Soziallehre vgl. die Enzyklika Sollicitudo rei socialis (1987) bes. § 34.<br />[27] Daniel Bell, Die Zukunft der westlichen Welt. Kultur und Technologie im Widerstreit. Frankfurt am<br />Main 1976.<br />[28] Hierzu Martha Nussbaum, Not For Profit. Why Democracy Needs the Humanities. Princeton und<br />Oxford 2010.<br />29 In einem solchen Begriff des Fortschritts würden sich m. E. auch die Differenzen zwischen bürgerlichen Fortschrittsbefürwortern und ihren Kritikern vermutlich aufheben. Paradigmatisch in: Karl-Heinz Paque, Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus. München: Hanser 2010; sowie Meinhard Miegel, Exit. Wohlstand ohne Wachstum. Berlin: Propyläen 2010.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Vier Pfade ins Postwachstumszeitalter</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 09:40:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 195 (Heft 3/2011), S. 54-69 I. Die vier Trajekt&#173;o&#173;rien Angesichts der ökonomischen Dauerkrisen der letzten Jahre verfestigt sich bei vielen Personen die Überzeugung, dass die Wachstumsökonomien der Nachkriegszeit an Grenzen stoßen. All das, was seit den 1970er Jahren in diversen &#8222;grünen&#8221; Diskursen über Grenzen und Schattenseiten des Wachstums gesagt wurde, wird allmählich [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 195 (Heft 3/2011), S. 54-69</p>
<h2 class="auto-created">I. Die vier Trajekt&shy;o&shy;rien</h2>
<p>Angesichts der ökonomischen Dauerkrisen der letzten Jahre verfestigt sich bei vielen Personen die Überzeugung, dass die Wachstumsökonomien der Nachkriegszeit an Grenzen stoßen. All das, was seit den 1970er Jahren in diversen &#8222;grünen&#8221; Diskursen über Grenzen und Schattenseiten des Wachstums gesagt wurde, wird allmählich zum intellektuellen Gemeingut. Wir gelangen 2011 also zu keinen völlig neuen Einsichten, sondern erleben, dass die langjährige Verdrängung. dieser Einsichten sich an der Wirklichkeit zunehmend blamiert. Allerdings hat die Wachstumsökonomie hohe materielle Lebensniveaus geschaffen, die in westlichen Gesellschaften zur Hintergrunderfüllung und in den Gesellschaften des globalen Südens zu Sehnsuchtsbildern geworden sind. Damit ist nicht nur die Ausstattung der Privathaushalte mit den Konsumgütern gemeint, die &#8222;man so hat&#8221; (TV, Handy, PKW, PC, Waschmaschine usw.), sondern auch die durchschnittlichen Niveaus der Gesundheitsversorgung, der Wohnverhältnisse, der Lebenserwartung, der kulturellen Angebote, der Absicherung gegen Lebensrisiken usw. Wir durchschnittlichen Westeuropäer leben länger auf viel Wohnfläche, haben entfernungsintensive Lebensstile, wählen aus einer Palette von Nahrungsangeboten, wetteifern um optimale Ausbildung für unsere Kinder usw.[1] Kurzum: Massenwohlstand, Individualisierung von Lebensstilen und ein auskömmliches Leben auch für die Benachteiligten zählen zu den Errungenschaften der Wachstumsökonomie, auf die ernsthaft nur wenige verzichten mögen. Die neue Kunst politischer Ökonomik besteht also darin, möglichst viele solche Errungenschaften in veränderten Formen in eine Gesellschaft hinüberzuretten, die aus diversen Gründen, vornehmlich aus Gründen der Knappheit natürlicher Kapitalien und der Belastbarkeit natürlicher Systeme schon seit geraumer Zeit an Grenzen des physischen und wohl auch des ökonomischen Wachstums gestoßen ist.</p>
<p>Die Diagnose wird von vielen geteilt, nicht aber die Therapie. Es werden unterschiedliche therapeutische Vorschläge in die politische Debatte eingeführt. Eine Postwachstumsgesellschaft ist weder eine Retourkutsche in vormoderne Lebensumstände noch ein Schlaraffenland; sondern eine neue Gestalt innerhalb des Projekts der Moderne. Es ist daher wohl kein Zufall, dass im therapeutischen Teil der Debatte die politischen Grundoptionen der Moderne mit Blick auf eine Postwachstumsökonomie noch einmal durchgespielt werden: <i>Konservatismus, Technikoptimismus, Gesellschaftsvertrag, Anti-Kapitalismus</i>. Dadurch ist die Debatte zugleich genuin &#8222;modern&#8221; (und insofern normal) als auch politisch und moralisch stark &#8222;aufgeladen&#8221;. Insofern bedarf es, wie Max Weber in einer politisch noch stärker aufgewühlten Epoche sagte, zugleich der Leidenschaft als auch der Urteilskraft, um die unterschiedlichen Wege in die Postwachstumsgesellschaft in einer von unmittelbarem Handlungsdruck (noch) entlasteten Situation prüfen zu können. Eine kritische Prüfung bezieht sich einmal auf die normativen Grundlagen, zum anderen auf die wahrscheinlichen sozioökonomischen Konsequenzen dieser Transformationspfade, die sich allgemein als <i>Trajektorien</i> bezeichnen lassen.</p>
<p>Eine jede Trajektorie beansprucht eben dadurch, dass sie politisch zur Debatte gestellt wird, &#8222;gut und richtig&#8221;, zumindest ihren Alternativen gegenüber vorzugswürdig zu sein. Auf jeder Trajektorie werden Personenkreise (Gruppen, Schichten, Milieus, Klassen) in ihren faktischen Interessenlagen begünstigt oder geschädigt. Die Frage nach der Vorzugswürdigkeit einer Trajektorie muss daher aus einer Perspektive heraus erfolgen, die an die alte Idee des &#8222;<i>bonum commune</i>&#8221; erinnert. Allerdings ist das &#8222;<i>bonum commune</i>&#8221; eine transzendentalpragmatische Unterstellung für grundlegende politische Debatten und nichts, worüber eine Trajektorie vorgängig verfügt. Ein weiteres Problem liegt darin, dass die normativen Maßstäbe des Guten, Richtigen und der Vorzugswürdigkeit nicht unabhängig von den einzelnen Trajektorien sind, sondern mit ihnen variieren. Wir können also nicht allgemein anerkannte normative Maßstäbe voraussetzen und beurteilen, wie Trajektorien unter diesen Maßstäben abschneiden. Allgemein anerkannt werden zwar die Prinzipien von Demokratie, Menschenrechten und Nachhaltigkeit, aber schon die Interpretation dieser Prinzipien variiert je nach Trajektorie.</p>
<p><i>Trajektorien haben innere Formen</i>. Es kommt bei ihrer Beurteilung auf ein Verständnis für die Strömungen, Faltungen, Klippen, Pfadabhängigkeiten usw. an, die sich aus diesen inneren Formen ergeben (könnten).</p>
<p>Für die gesamte Debatte ist die Unterscheidung zwischen physischem und ökonomischem Wachstum <i>konzeptionell</i> wichtig, wenngleich beide Formen des Wachstums <i>faktisch</i> miteinander gekoppelt sind. Umstritten sind die Verhältnisse, in denen physisches und ökonomisches Wachstum zueinander stehen, stehen könnten und stehen sollten. Generell ist es einfacher, die Pole eines &#8222;aufgespannten&#8221; Verhältnisses zu bestimmen als deren mögliche Vermittlungen (wie etwa das Problem des Rebound-Effektes). Konsensfähig dürfte folgende Ausgangsdiagose sein: Das <i>physische</i> Wachstum des materiellen Durchsatzes (&#8222;<i>throughput</i>&#8222;) der westlichen Wirtschaftssysteme stößt an natürliche Grenzen. Es ist nicht global verallgemeinerbar und in temporaler Hinsicht nicht nachhaltig.[2] Wenn nun eine Praxis P aufgrund ihrer Konsequenzen nicht verallgemeinerbar ist, so hat jeder, der an P partizipiert, einen moralischen Grund, sein Verhalten zu ändern bzw. diese Praxis zu reformieren. Somit haben die Länder des Westens bzw. Nordens einen Grund, ihr physisches Wachstum zu reduzieren bzw. zu stoppen.[3] Der materielle Durchsatz des Systems von Produktion, Konsumption und Entsorgung soll auf allen vier Trajektorien deutlich reduziert werden. Das Paradigma hierfür ist die Reduktion der CO2-Emissionen um 80&#8211;90 Prozent gegenüber 1990 bis zum Jahre 2050. Entscheidend ist auch die Reduktion der Landnutzungseffekte (Überformung, Degradation) auf ökologische Systeme (Wälder, Böden, Feuchtgebiete usw.)</p>
<p>Das <i>ökonomische</i> Wachstum steht ebenfalls zur Disposition. Zum einen ist es bislang faktisch an hohen Ressourceneinsatz gekoppelt, zum andern hat es soziale und kulturelle Kosten. Das BIP ist nur ein Maß für wirtschaftliche Aktivität an Märkten, nicht für Wohlstand oder Glück. Die neue Glücksforschung relativiert die Bedeutung von steigenden Einkommen. Seit den 1960er Jahren wurden die Nachteile der Messgröße &#8222;Bruttoinlandsprodukt&#8221; (BIP) überzeugend dargelegt: Verbuchungen von Übeln als wachstumsförderlich, Ausblendung von Eigenarbeit und Verteilungsfragen, Trend zur Kommerzialisierung von Tätigkeiten, &#8222;<i>aspiration treadmills</i>&#8221; etc. Zudem erschwert in einer zahlenmäßig schrumpfenden und alternden Bevölkerung die in der Wachstumsära (zwischen 1950 und 2000) erreichte Größe des nationalen BIP zukünftige hohe Wachstumsraten. Die triftigsten Gründe für hohes ökonomisches Wachstum sind mittlerweile<i> funktionelle </i>Gründe, da Arbeitsmärkte, Steueraufkommen, Solidarversicherungen usw. sensibel auf sinkendes oder negatives ökonomisches Wachstum reagieren. Gleichwohl sind diese ökonomischen Strukturen reformierbar und könnten auf eine Post-Wachstumsökonomie umprogrammiert werden, sofern sich hierfür politische Mehrheiten ergeben.[4]</p>
<p>Sortiert man die Trajektorien einer Postwachstumsökonomie und -gesellschaft ideal-typisch, so kristallisieren sich in Deutschland folgende vier Positionen heraus[5]:</p>
<ul>
<li>Neokonservative Wachstumskritik </li>
<li>Effizienzrevolution</li>
<li>Neuer Gesellschaftsvertrag</li>
<li>Degrowth/Neue Linke</li>
</ul>
<p>Diese Trajektorien sollen im Folgenden in ihren Grundlagen skizziert werden. Zuletzt erfolgt eine Beurteilung.</p>
<h2 class="auto-created">II. Wertkon&shy;ser&shy;va&shy;tismus</h2>
<p>Die <i>wertkonservative Wachstumskritik</i>, wie sie gegenwärtig die Gruppe um Meinhard Miegel vertritt,[6] vertritt einen präsumtiv volksnahen sozialen Konservatismus, wie er im 19. Jh. von W.H. Riehl entwickelt wurde und sich gegenwärtig u. a. in den Schriften von Paul Nolte, Udo Di Fabio und Konrad Adam findet. Der Ausdruck &#8222;konservativ&#8221; ist nicht abwertend zu verstehen.</p>
<p>Die Lebenszufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten und die Massenloyalität zum System der parlamentarischen Demokratie sollen bei niedrigen BIP-Wachstumsraten, demographischem Wandel und vorhandenen ökonomischen Ungleichheiten erhalten und gestärkt werden. Es geht um Integration in Kultur und Gesellschaft und um individuelle Sinnfindung statt um die Steigerung von Güterkonsum. Die Grundlagen der Lebenszufriedenheit, der sozialen Kohäsion und der Funktionsfähigkeit sozialer Systeme sollen den neuen Bedingungen &#8222;angepasst werden&#8221; (Miegel et al. 2011, S. 8).</p>
<p>Der Ansatz geht davon aus, dass die &#8222;Konsumfähigkeit breiter Bevölkerungsschichten, die bereits seit geraumer Zeit sinkt, künftig beschleunigt abnehmen&#8221; wird (ebd., S. 7).[7] Als hochrangiges Ziel gilt zudem die Senkung der vorhandenen Staatsschulden. Da dem Staat nur die Möglichkeiten offen stehen, Leistungen zu reduzieren oder Steuern zu erhöhen, stellt sich hier ein Tradeoff, der zu Gunsten einer Reduktion von Transferleistungen gelöst wird. Die Höhe der Transfers wird bzw. soll tendenziell auf eine &#8222;Grundversorgung&#8221; sinken (ebd., S. 9, S. 56).</p>
<p>Diese Trajektorie ist <i>subsidiär</i> orientiert. Der Staat entledigt sich teilweise der Aufgaben, die er in der Wachstumsperiode an sich gezogen hat, d. h. er überträgt unter Berufung auf das Subsidiaritätsprinzip Aufgaben allmählich zurück an die Bürger und nimmt sie damit in die Verantwortung (ebd., S. 42). Eine moralische und tugendhafte Bürgerschaft soll verhindern, dass der Rückzug des Staates sozialpolitische Leerstellen hinterlässt. Daher spielen tugendethische und anerkennungstheoretische Überlegungen eine zentrale Rolle. Schlüsselkonzepte sind Haltungen, Sichtweisen, Tugenden und Werte. Die Massenloyalität, die im Wachstumsparadigma vor allem auch durch materielle Zuwächse für die Arbeiterschaft und durch Sozialtransfers gesichert wurde,[8] soll nun durch veränderte Einstellungen gesichert werden. Diese Trajektorie kombiniert heterogene Denkrichtungen: Die eher technokratische Richtung, die Massenloyalität durch intelligente Anpassungsprogramme &#8222;herstellen&#8221; möchte, wird mit einem tugendethischen Reformismus verbunden.</p>
<p>Es geht Miegel et al. um den Erwerb von Kompetenzen, die Menschen zu sinnvollem Umgang mit Zeit, zur Erhaltung von Gütern durch Pflege und Reparatur, zu bürgerschaftlichen Engagement, zu künstlerischer Produktivität, zur Selbstversorgung usw. befähigen. Zunehmend wichtig werden traditionelle Kompetenzen haushälterischen Wirtschaftens wie etwa das Kochen oder das Reparieren, durch die Kaufkraftverluste partiell kompensiert werden können (ebd., S. 30). In der schulischen Bildung sollen musische und praktische Fächer ausgebaut werden.[9] Kirchen, Ehrenämter, Familien, Freundschaften, Nachbarschaft, Vereine und Verbände sollen als Institutionen einer erneuerten substantiellen Sittlichkeit gestärkt werden und Bindungen stiften, die für viele Menschen als wertvoller erfahren werden als Zuwächse an Einkommen und Vermögen. Die Anfänge dieser neuen Kultur werden in den eher &#8222;alternativ-grünen&#8221; Projekten verortet (ebd., S. 23). Daher finden &#8222;alternative&#8221; Lebensstile lobende Worte. Kritischen Beobachtern fielen schon in den 1980er Jahren die kulturellen Parallelen zwischen einem subsidiären Wertkonservatismus und alternativen Projekten auf, die sich bei Miegel et al. wiederfinden.</p>
<p>Diese Wachstumskritik fordert eine neue Kultur sozialer Anerkennung: Die Anerkennung des Anderen soll sich nicht an den äußeren Gütern bzw. den Statussymbolen einer Person orientieren, sondern an lobenswerten Leistungen, die eine Person in moralisch anständigen Kontexten erbringt. Die Verbindung aus postkonsumistischen Lebensweisen und veränderten Anerkennungsverhältnissen soll zu &#8222;Schneeballeffekten&#8221; führen, die einen wirklichen kulturellen Wandel einleiten. Mitglieder vermögender Schichten sollen Vorbildfunktionen übernehmen. An die Stelle demonstrativen Luxuskonsums und des Lasters der Habgier soll die Tugend der Freigebigkeit treten. Mitgliedern vermögender Schichten wird empfohlen, sich im Bereich des philanthropischen Mäzenatentums zu betätigen oder Stiftungen zu gründen. Das Stiftungswesen würde in dieser Trajektorie ausgebaut und könnte staatliche Leistungen teilweise substituieren. Das Unternehmertum soll sich jenseits des <i>shareholder</i>-Paradigmas, der Abhängigkeit von Börsenkursen und Quartalsberichten neu erfinden. Hier verbinden sich altehrwürdige Ideen des &#8222;guten&#8221; Firmenchefs mit neuen Vorstellungen von sozial und ökologisch sensiblem Unternehmertum (ebd., S. 24), für das es in Deutschland bereits Vorbilder gibt.</p>
<p>Letztlich geht es um eine Konsolidierung des Erreichten und um eine kulturelle Erneuerung. Umwelt- und Naturschutz würden weiter entwickelt, da diese Trajektorie den Naturschutz als wesentliche Komponente von Sozialpolitik begreifen kann. Großer Wert wird auch auf Sicherheit vor Kriminalität und auf die Verhütung und Bekämpfung anomischer Tendenzen gelegt. Personen mit Migrationshintergrund sollen in die Gesellschaft inkludiert werden; Chancengleichheit soll gewahrt bleiben. Das Renteneintrittsalter soll über die Grenze von 67 erhöht werden. Im Steuerrecht soll die Förderung umweltschädlicher Wirtschaftsweisen beendet werden. Die Einkommenssteuer soll weiter progressiv verlaufen. Die Finanzierung von sozialer Sicherheit durch Steuern wird in Erwägung gezogen.</p>
<p>Legt man die bekannten Milieu-Studien zu Grunde, so dürften sich die Anhänger dieser Politik im Milieu der Rentner, Kleinbürger, des aufgeklärten Großbürgertums, der konfessionell gebundenen, der ländlichen und kleinstädtischen Milieus, wertkonservativer Umwelt- und Naturschützer und verwandter Milieus finden. &#8222;Linke&#8221; Kritiker sehen den Schwachpunkt der wertkonservativen Trajektorie darin, dass die bestehenden Einkommens- und Vermögensverhältnisse nicht in Frage gestellt werden. Vertreter der <i>Degrowth</i>-Bewegung haben klargestellt, dass die Position von Meinhard Miegel für sie nicht bündnisfähig ist.</p>
<h2 class="auto-created">III. Effizi&shy;enz&shy;re&shy;vo&shy;lu&shy;tion</h2>
<p>Es handelt sich hier um Varianten eines &#8222;grünen&#8221; Keynesianismus in Verbindung mit &#8222;starken&#8221; Umweltinnovationen. Die diversen Vorschläge zu einer &#8222;Green Economy&#8221; und einem &#8222;Green New Deal&#8221; sind Spezifikationen dieser Grundkonzeption. Der Fokus dieser Trajektorie liegt auf einer Schrumpfung des physischen <i>throughput</i>, also auf dem Ziel eines erst sinkenden, dann dauerhaft negativen physischen Wachstums und auf einem Rückgang der Emissionen. Ökonomisches Wachstum wird akzeptiert oder begrüßt, sofern es diesem Ziel dienlich ist. <i>Rebound</i>-Effekte gelten als überwindbar.[10] Vertreten wird dieser Ansatz von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Josef Huber und Martin Jänicke. Auch in den Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) wurde diese Position vertreten. So wurde im Umweltgutachten 2002 eine umweltpolitische Vorreiterrolle begründet, es wurden die Wachstumschancen von &#8222;<i>lead markets</i>&#8221; aufgezeigt und es wurde im Umweltgutachten 2008 ein Konzept starker Umweltinnovationen entwickelt (SRU 2002, 2008).</p>
<p>Der Begriff des BIP-Wachstums verschiebt sich hier in Richtung auf ein Konzept von umfassender Innovation mit vielen positiven <i>feed-backs </i>(Jänicke 2011). Der strategische Fokus ist das System der industriellen Produktion nach den Seiten der Maschinerien, der Infrastrukturen und der Massenkonsumgüter. Das entscheidende Konzept ist das der forcierten <i>investiven Innovation</i>, wobei dem Energiesystem häufig eine Schlüsselrolle zuerkannt wird. Die Umstellung auf ein post-nukleares und post-fossiles Energiesystem ist die Nagelprobe auf die Erfolgsaussichten dieser Trajektorie.[11]Dabei wird von hohen <i>upfront</i>-Investitionen ausgegangen. Der Staat soll Investitionen, die in die &#8222;richtige Richtung&#8221; gehen, aktiv fördern (WBGU 2011, insb. Kap. 4.5 mit genaueren Berechungen). Dies kann zu unternehmensfreundlichen Lösungen führen. Die Renditen transformativer Projekte sollen erhöht und nachhaltige Finanzanlagen sollen steuerlich gefördert werden (WBGU 2011, S. 178). Die stark investive Ausrichtung dieser Trajektorie lässt allerdings für eine Erhöhung eher konsumtiver Staatsausgaben (Transfersysteme, öffentlicher Dienste) nur wenig Spielraum. Die Transfersysteme können und sollen in etwa auf dem heutigen Niveau gehalten werden.</p>
<p>Die aktive Rolle des Staates wird betont (Jänicke 2007); temporäre Erhöhung der Staatsverschuldung gilt als zulässig, um Investitionen zu stimulieren und Gefahren der Rezession oder der Deflation entgegenzuwirken.[12] Der Massenkonsum wird nicht prinzipiell in Frage gestellt, soll aber dematerialisiert werden. Gestärkt werden sollen auch der Schutz kollektiver Güter und die nachhaltige Nutzung von Landnutzungssystemen im Klimawandel (SRU 2008). Flankiert werden soll der technologische Fokus des Konzeptes durch legislative Maßnahmen, Abbau falscher Anreize sowie durch entgegenkommende Lebensstile. Es wird davon ausgegangen, dass sich auch Wertvorstellungen bereits in die richtige, d. h. post-materielle Richtung verändern (WBGU 2011), allerdings recht langsam und keineswegs linear. Angesichts der Dringlichkeit der ökologischen Probleme sollte man daher nicht primär auf kulturellen Wandel vertrauen. Eine falsche Ausschließlichkeit (<i>entweder</i> Technik <i>oder</i> Suffizienz) sollte dieser Position jedoch nicht unterstellt werden.</p>
<p>In Bezug auf den umweltpolitischen Instrumentenmix ist diese Trajektorie pragmatisch: Entscheidend sind anspruchsvolle Umweltqualitätsziele, die politisch festgelegt werden müssen, wohingegen die Wahl der Instrumente (Ordnungsrecht, freiwillige Vereinbarungen, Steuern und Abgaben) eine Frage politischer Verhandlungen ist. Eine ökologische Steuer- und Finanzreform liegt auf der Linie dieser Konzeption: So wären in einem ersten Schritt sämtliche umweltschädlichen Subventionen und Privilegien zu streichen, der Naturverbrauch höher und Arbeit niedriger zu besteuern, dem Fleischkonsum der volle Mehrwertsteuersatz anzulasten usw. (hierzu umfassend FÖS 2011).</p>
<p>Auch in dieser Konzeption werden eine gestärkte Kohäsion der Gesellschaft und eine erhöhte Resilienz gegenüber ökonomischen und ökologischen Krisen angestrebt. Die Trajektorie intendiert, einer Wachstumskrise entgegenzuwirken (Jänicke 2011). Die Trajektorie geht von der Klugheit der Industrieverbände aus, deren aufgeklärte Vertreter wissen, dass eine staatliche Regulierung langfristig durchaus förderlich wirken kann (Porter-Hypothese). Umweltpolitik gilt hier als ein integraler Bestandteil von Sozialpolitik. Die Umsetzung dieser Trajektorie bedarf eines parteiübergreifenden Konsenses, Umweltreformen unter wechselnden Regierungen auf Dauer zu stellen. Dieser &#8222;stille&#8221; Konsens erscheint in der vergleichsweise konsensual orientierten deutschen Demokratie durchaus möglich. Unterstützung findet diese Strategie in Teilen des Unternehmertums und der Gewerkschaften, der Beamtenschaft, der technischen Intelligenz, in bildungsbürgerlichen Mittelschichten, den Kirchen und in urbanen akademischen Milieus.</p>
<h2 class="auto-created">IV. Green Social Contract</h2>
<p>Diese Trajektorie begreift politische, kulturelle und institutionelle Veränderungen als &#8222;Motor&#8221;, der hinter den technologischen Innovationen liegt (Schneidewind 2011, WBGU 2011, Ott 2007, 2009).[13] Die Grenzen des physischen Wachstums werden anerkannt. Es wird vorausgesetzt, dass eine Wirtschaft mit schrumpfendem physischem Wachstum und einem starken Rückgang der CO2-Emissionen hohe ökonomische Wachstumsraten nicht mehr generieren kann. Dieser noch zu wenig ausgearbeitete Ansatz stellt die Wichtigkeit technologischer Innovationen und kultureller Veränderungen nicht in Frage, begreift aber neue Institutionen bzw. Regelwerke, die das Wirtschaften im Sinne einer anspruchsvoll interpretierten Idee von Nachhaltigkeit regulieren können sollten, nicht lediglich als flankierende Maßnahmen technologischer Innovationen, sondern als politischen Kern eines umfassenden und tief greifenden Reformprozesses. Wenn es stimmen sollte, dass die Trajektorie nur mit den Transformationen verglichen werden kann, die sich in der neolithischen und der industriellen Revolution ereigneten, dann ist die diskursive Verständigung auf die normativen Grundlagen des zukünftigen Zusammenlebens zentral, d. h. auf die Institutionen und Regelwerke, auf die sich Bürgerinnen und Bürger einer Postwachstumsgesellschaft sollten verständigen können. Kulturellen Suchprozesse, neue Anerkennungsformen, innovative Projekte, die Schrumpfung von <i>throughput</i>, die Bekämpfung von <i>rebound</i>-Effekten, die Ökologisierung der Landnutzungssysteme und des Steuerrechts, die Unterstützung für die Länder des globalen Südens bei der Anpassung an den Klimawandel usw. müssen getragen werden von einem genuin normativ-politischen Konsens der Bürgerschaft. Die große Transformation (WBGU 2011) muss auf soliden normativen Pfeilern stehen. Die normativen Pfeiler dieser Trajektorie sind m. E.:</p>
<ul>
<li>Der wechselseitige Zusammenhang von Menschenrechten und Demokratie, wobei die Idee der Demokratie auf den Prinzipien von Inklusion und Deliberation beruht (Habermas 1992).</li>
<li>Rechtsprinzipien, die elementare moralische Ansprüche garantieren, bestimmte Fähigkeiten ausüben zu dürfen bzw. zu können (M. Nussbaum).</li>
<li>Das Differenzprinzip, das ein Prinzip der Befriedigung basaler Bedürfnisse und eine Sozialstaatsbegründung einschließt (Rawls 1971).</li>
<li>Ein Prinzip fairer Chancengleichheit (Rawls 1971), das die Zufälle der Geburt mildert.</li>
<li>Eine anspruchsvolle Konzeption von &#8222;starker&#8221; Nachhaltigkeit als Ausdruck intergenerationeller Verantwortung in Ansehung der Natur (ein Vorschlag findet sich bei SRU 2002, Ott &amp; Döring 2008), das auch zur Spezifizierung des Art 20a GG herangezogen werden könnte (Winter 2007).</li>
<li>Eine Integration entsprechender Umweltziele in ein politisches Mehrebenen-System, das von internationalen Umweltregimen bis zu kommunalen Projekten reicht.</li>
<li>Eine Ergänzung der parlamentarischen Demokratie durch diskursive und partizipative Verfahren (etwa Bürgerforen) (Skorupinski &amp; Ott 2000, s. neue Konzepte von &#8222;<em>deliberative environmental democracy</em>&#8222;).</li>
<li>Eine Orientierung an einer europäischen Integration.</li>
</ul>
<p>Innerhalb dieses Rahmens wird in der Rolle der Staatsbürger über die Institutionen diskutiert, durch die Privatpersonen, die als Unternehmer oder Konsumenten ihren Interessen nachgehen, reguliert werden. Die Reform der einzelnen Regelwerke sollte pragmatisch von Handlungsfeldern der Umweltpolitik ausgehen (Energie- und Klimapolitik, Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz- und Wasserrecht, Bodenschutzecht usw.) &#8211; wofür sich in den Gutachten des SRU immer noch viele Anregungen finden &#8211; und sukzessive auf andere Politikfelder übergreifen (Mobilität, Gesundheit, Arbeit, Alter).</p>
<p>Staatspolitisch kann auf das Konzept des aktiven <i>Gewährleistungsstaats </i>zurückgegriffen werden, das besagt, dass der Staat eine nicht delegierbare Letztverantwortung für die Erfüllung von Gemeinwohlaufgaben besitzt, wozu er u. a. auf Steuereinnahmen angewiesen ist. Das Steuersystem ist daher ein besonders kontroverses Herzstück auch dieser Trajektorie. Eine als gerecht beurteilte und verlässliche Steuerpolitik könnte und sollte zu einer hohen Steuer&#8222;moral&#8221; bei niedrigen Kontrollkosten führen.[14]</p>
<p>Diese Trajektorie erneuert Elemente des bundesrepublikanischen Grundkonsenses jenseits von hohen ökonomischen Wachstumsraten: Verfassungspatriotismus, soziale Marktwirtschaft, soziale Kohäsion, europäische Orientierung. Insofern wirkt sie beinahe konservativ. Sie gibt allerdings die Errungenschaften des sozialdemokratischen Reformismus der 1970er Jahre nicht preis: Bildungsreform, Vermögensbildung für Arbeitnehmer, allmähliche Reduktion der Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit usw. Eine neue Variante der eigentümlichen Konstellation der 1970er Jahre, als reformorientierte Funktionseliten und eine engagierte Zivilgesellschaft trotz all ihrer beiderseitigen Animositäten auf je ihre Weise dafür sorgten, dass die ersten umweltpolitischen Erfolgsgeschichten geschrieben werden konnten (Abfall, Luftreinhaltung, Gewässerschutz, Abfallbehandlung usw., s. Engels 2006), könnte den wirklichen Einstieg in einen &#8222;grünen&#8221; Kondratieff-Zyklus in die Wege leiten.</p>
<p>Die Schnittmenge dieser Trajektorie mit der Effizienzrevolutions-Trajektorie ist hoch. Die Einsicht in die Wichtigkeit von investiven Innovationen wird geteilt. Technischer und kultureller Reformismus laufen konzeptionell über zwei Achsen der Umsetzung der zu Grunde gelegten Konzeption von Nachhaltigkeit, nämlich Effizienz und Suffizienz; die dritte Achse ist die der umfassenden ökologischen Resilienz und Konsistenz. Diese Trajektorie kann und muss die Kosten bzw. den Finanzierungsbedarf einer nachhaltigen Entwicklung berechnen. Der Finanzierungsbedarf allein für die Umsetzung der nationalen Biodversitätsstrategie dürften bei ca. 3&#8211;4 Mrd. Euro pro Jahr liegen, die Investitionen in neue Energie- und Verkehrssysteme dürften deutlich höher liegen. Daher stellt sich hier auch ein Tradeoff mit sozialpolitischen Transfers und die Frage nach zusätzlichen steuerlichen Beiträgen der Oberschichten. Diese Trajektorie lehnt eine stärkere steuerliche Belastung der Oberschicht keineswegs ab (etwa durch eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes oder eine befristete Vermögensabgabe). Das so erhöhte Steueraufkommen wird hier gezielt für Umweltinnovationen, Investitionen in Naturkapital, Abbau der Staatsschulden und ein Bildungssystem eingesetzt, für das &#8222;Bildung für nachhaltige Entwicklung&#8221; nicht nur ein Schlagwort ist.[15]</p>
<h2 class="auto-created">V. Neue Linke/&shy;De&shy;growth</h2>
<p>Hier handelt es sich um heterogene Ansätze, deren Gemeinsamkeiten in einer Ablehnung von physischen und ökonomischen Wachstumsstrategien liegen. Zentral ist die Schrumpfung des ökonomischen Wachstums, also ein intendierter Rückgang ökonomischer Aktivität an Märkten, der mit einer Erhöhung von Eigenarbeit, Selbstversorgung und einem Ausbau sozialer Dienste usw. einhergehen soll. Die Wirtschaft soll gleichsam gesundgeschrumpft werden. Diese Position verfügt über eine attraktive Vokabelmannschaft (&#8222;ökosozial&#8220;, &#8222;gerecht&#8221;, &#8222;emanzipatorisch&#8221;, &#8222;solidarisch&#8221;, &#8222;radikale Demokratie&#8221; usw.)[16] und kann sich auf viele linke Theoretiker und Philosophen berufen.[17] Es handelt sich um ein &#8222;kämpferisches linkes Projekt&#8221; (Rätz et al. 2001). Häufig wird die These vertreten, dass die Akkumulationslogik des Kapitalismus mit einer nachhaltigen Entwicklung strukturell unvereinbar sei (sog. Unvereinbarkeitstheorem). Insgesamt ist diese Trajektorie normativ stark egalitär ausgerichtet. Übersichten und Beiträge zu dieser Position finden sich in den Arbeiten von Nico Paech und bei Rätz/Egan-Krieger et al. (2011).</p>
<p>Es wird davon ausgegangen, dass eine Schrumpfung ökonomischer Aktivität bzw. ein BIP-Rückgang eine deutliche Reduktion des Naturverbrauches einschließlich der Emission von Schadstoffen zur Folge haben wird, der von einigen Vertretern als das &#8222;eigentliche Ziel&#8221; bestimmt wird (Passadakis/Schmelzer 2011, S. 142). Andere Vertreterinnen sehen das gute Leben aller als das eigentliche Ziel von Degrowth an (Muraca/Egan-Krieger 2011). Daher lohnt eine kurze Auseinandersetzung mit diesen beiden Ansätzen.</p>
<p>Wenn die Reduktion des stofflichen Wachstums das eigentliche Ziel einer Degrowth-Trajektorie ist, so eröffnet sich eine Mittel-Ziel-Kette, die bei Passadakis/Schmelzer (2011, insb. S. 142&#8211;147) folgendermaßen strukturiert ist: Reduktion des BIP gilt als notwendiges (und hinreichendes?) Mittel zum eigentlichen Ziel, wobei ein Rückgang des BIP um mindestens 30 Prozent gegenüber dem status quo bis 2050 als Größenordnung genannt wird. Ein Mittel zu diesem Ziel ist die Abbremsung der Akkumulation des Kapitals. Mittel hierfür wiederum ist eine massive Reduktion der gesamten Investitionen einschließlich eines gezielten &#8222;Deinvestment&#8221; etwa von Großkraftwerken. Die reduzierten Investitionen sollen zudem kontrolliert, d. h. durch regionale Investitionsräte überwacht werden. Die Idee dabei scheint zu sein, unternehmerische Gewinne so stark zu reduzieren, dass nicht einmal mehr vollständige Ersatzinvestitionen möglich sind. Diese Trajektorie betreibt bewusst Kapitalvernichtung, um die Kapitalstöcke auf ein &#8222;nachhaltiges&#8221; Niveau zu reduzieren. Es wird davon ausgegangen, dass die makroökonomische Kybernetik dieser Trajektorie den Stabilisierungspunkt intelligent ansteuern und erreichen kann. Der implizite Steuerungsoptimismus scheint eher hoch zu sein. Hier könnte, sofern man das eigentliche Ziel vor Augen behält, eine Hypertrophie der Mittel vorliegen. Zumindest darf man fragen, ob das eigentliche Ziel nicht vielleicht doch mit schonenderen Mitteln erreicht werden könnte.</p>
<p>Parallel zur BIP-Schrumpfung und zum Rückgang der Investitionen soll die &#8222;Sorgeökonomie&#8221; gestärkt werden: Bildung, Gesundheit, Soziales und kulturelle Arbeit. Der Ausbau dieser personalintensiven Sorgeökonomie wird als Investition aufgefasst. Zur Verhinderung rezessiver Tendenzen soll die Arbeitszeit (bei Lohnausgleich für die unteren Lohngruppen) deutlich reduziert werden.</p>
<p>Bei Muraca/Egan-Krieger (2011) liegen die normativen Grundlagen in Vorstellungen eines &#8222;guten Lebens für alle&#8221;, die direkt an Gerechtigkeitsfragen angebunden werden. Hierzu greifen Muraca/Egan-Krieger auf den Fähigkeitenansatz von Sen und Nussbaum zurück. Von den vielen Möglichkeiten, den Fähigkeitenansatz zu interpretieren, wählen sie die Folgende: Zunächst wird die Liste der Fähigkeiten von Nussbaum zu Grunde gelegt, die zehn Fähigkeiten umfasst. Wenn einer Person eine dieser Fähigkeiten fehlt oder sie in der Ausübung dieser Fähigkeit stark eingeschränkt ist, so liegt immer ein Gerechtigkeitsdefizit vor. Das unscheinbare Attribut &#8222;substantiell&#8221; (&#8222;real&#8220;, &#8222;wirklich&#8221;) ist ein hinzutretender unbestimmter &#8222;<i>qualifier</i>&#8221;, der die Differenz markiert zwischen bloß formalen Freiheiten (und entsprechenden Rechten) und einer umfassenden Befähigung zum wirklich freien Handeln, die faktisch durch allerlei ökonomische, biographische, kulturelle, geographische und <i>gender </i>spezifische Faktoren eingeschränkt sein kann. Häufig trifft man in diesem Zusammenhang auf Abstrich-Verben wie &#8222;unterminieren&#8221;, &#8222;einschränken&#8221;, &#8222;beeinträchtigen&#8221;, &#8222;verschlechtern&#8221;, &#8222;riskieren&#8221;, &#8222;verletzen&#8221; usw. Dadurch ergibt sich ein Schema der Begutachtung: &#8222;Individuum 1 ist bzw. wird in einer (mehrerer, aller) seiner substantiellen Freiheiten (stark) eingeschränkt&#8221;. Immer dann, wenn dies plausibel dargelegt werden kann, liegt ein Defizit an Gerechtigkeit vor, das behoben werden muss. Diese Art der Betrachtung führt dazu, dass es auch in einer Gesellschaft, die nach Prinzipien, wie sie im &#8222;<i>Green Social Contract</i>&#8221; vertreten werden (s. o.), konstituiert ist, von sozialen Ungerechtigkeiten aller Art nur so wimmelt.</p>
<p>Diese Betrachtungsweise ergibt eine Art &#8222;Lupe der Gerechtigkeit&#8221; (Muraca/Egan-Krieger 2011, S. 52). Überall dort, wo diese Lupe zum Einsatz kommt, treten gleichsam in der scheinbar so glatten und geschminkten Hautoberfläche der bürgerlichen Gesellschaft die Flecken, Falten, Schrunden, Blutbläschen, Pusteln und Vernarbungen in aller Deutlichkeit hervor. Muraca/Egan-Krieger (2011) müssen mit ihrer Lupe den kognitivistischen Anspruch verbinden, dass all diese Ungerechtigkeiten, von denen die Unter-schichten besonders betroffen sind, durch die Lupe entdeckt bzw. identifiziert (und nicht etwa konstituiert) werden. Dass es wohl auch für Muraca/Egan-Krieger keine menschliche Gesellschaft geben kann, die gleichsam &#8222;lupenrein&#8221; gerecht wäre, spricht nicht per se gegen diese Lupe. Es fragt sich aber, ob der Gebrauch dieser Lupe moralische Aufmerksamkeit auch fehlsteuern bzw. von den ökologischen Herausforderungen ablenken könnte.</p>
<p>Die Stärkung substantieller Freiheiten kann für Muraca/Egan-Krieger &#8222;nur&#8221; durch Institutionen erfolgen, wobei sie Institutionen nicht primär als Regelwerke, sondern als<br />materiell ausgestattete Organisationen verstehen. Daher konvergieren die Ansätze von Muraca/Egan-Krieger und Passadakis/Schmelzer auf der Ebene politischer Forderungen weitgehend. Zentral sind Forderungen nach:</p>
<ul>
<li>Verkürzung der Arbeitszeit (auf etwa 20-25 Stunden pro Woche bei teilweisem Lohnausgleich).</li>
<li>Umverteilung von Einkommen und Vermögen &#8222;nach unten&#8221;.</li>
<li>Umfassender sozialer Absicherung (etwa durch ein Bürgergeld oder steuerfinanzierte Gesundheits- und Rentensysteme).</li>
<li>Nach &#8222;ökosozialem&#8221; Umbau.</li>
</ul>
<p>Es werden zudem ein &#8222;Schutzrecht auf Suffizienz&#8221; (Muraca/Egan-Krieger (2011) im Anschluss an Uta von Winterfeld) und ein Grundrecht auf Arbeit geltend gemacht, wobei dieses allerdings nur &#8222;solange&#8221; gelten soll, wie Erwerbsarbeit mit Anerkennung, dem Gefühl der eigenen Würde etc, verknüpft ist. Es handelt sich somit um ein konditionales neues Grundrecht. Degrowth stärkt somit Teilhaberechte und fordert den Ausbau von Transfersystemen und Fürsorgeökonomie bei schrumpfender wirtschaftlicher Aktivität unter den Zielvorgaben, den Naturverbrauch zu senken und die substantiellen Freiheiten aller Bürgerinnen zu stärken.</p>
<p>Folgende Probleme stellen sich auf dieser Trajektorie:</p>
<p>1. Die auszubauenden Transfersysteme verzweigen sich, wenn man die diversen Degrowth-Verlautbarungen im Zusammenhang sieht, über drei Ebenen: National (&#8222;armutsfeste Grundsicherung&#8220;, Bürgergeld, Ausbau der Fürsorgeökonomik usw.), EU-weit (Eurobonds, Transfers nach dem Vorbild des deutschen Länderfinanzausgleichs) und international (Anhebung der Entwicklungszusammenarbeit auf mindestens 0.7 Prozent<br />BIP, Klimagerechtigkeit gemäß &#8222;<i>Greenhouse Development Rights</i>&#8222;).<br />Eine konzeptionelle Integration dieser Transfers mitsamt einem kohärenten Finanzierungskonzept liegt bislang nicht vor. Mit einer abstrakten Anhäufung der Transferforderungen in Verbindung mit einer &#8222;<i>tax the rich</i>&#8222;-Rhetorik ist jedoch politisch nichts gewonnen.</p>
<p>2. Bei sinkender Arbeitszeit wird die Besteuerung der &#8222;normalen&#8221; Arbeit und das entsprechende Steueraufkommen nur gering ausfallen können. Eine generell höhere Konsumbesteuerung, nicht aber eine Luxussteuer scheiden aus, wobei auf dieser Trajektorie das Aufkommen der Besteuerung eines (wie immer definierten) Luxuskonsums stark rückläufig wäre. Dies gilt auch für die Steuern auf Umweltverbrauch, der ja stark zurückgehen soll. Durch negative ökonomische Wachstumsraten kommt es zudem zwangsläufig zu negativen Diskontraten und dadurch zunächst zu einer relativen Erhöhung des Werts der bestehenden Vermögen. Diese Erhöhung ist in dieser Trajektorie aber nicht gewollt und muss daher in die geplante Umverteilung mit einbezogen werden. Dies macht die Verteilungskonflikte schärfer, da das, was umverteilt wird, nicht wiederkommt. Umverteilung muss aus der Substanz erfolgen: dies macht die Trajektorie konsumtiv (s. u.).</p>
<p>In einer Degrowth-Steuerordnung müssten die meisten nur wenig oder keine Steuern zahlen, während die Kosten für den Ausbau der Fürsorgeökonomie von den Oberschichten zu tragen wären. Die Steuerlast wird damit stark ungleich verteilt, wobei in<br />diesem Fall ungleiche Belastungen als gerecht gelten. Angehoben werden soll und muss die Besteuerung höherer Einkommen, von Erbschaften, Grundbesitz, Vermögen, Umsatz, unternehmerische Gewinne usw. Diese Strategie ist verfassungsrechtlich bedenklich, da das BVerfG der Substanzbesteuerung enge Grenzen gesetzt hat, über die sich Degrowth zwangsläufig, d. h. der inneren Form der Trajektorie gemäß, hinwegsetzen müsste. Dies wiederum dürfte zur Verlagerung von Vermögen und Kapital ins Ausland führen. Die Steuermoral in diesem System dürfte niedrig, die Kontrollkosten daher hoch sein.</p>
<p>3. Die Degrowth-Trajektorie ist im Kern konsumtiv, nicht investiv im engeren Sinne. Paradigmatisch hierfür ist ein unkonditioniertes Bürgergeld. Auch Gehälter von Staatsbeamten und -angestellten und Transfereinkommen sind nach herkömmlicher Terminologie konsumtive Staatsausgaben, da das Geld vom Staat an Personen ausgezahlt wird. Der Ausbau sozialer Dienste ist immer personalintensiv und es ist zu berücksichtigen, dass die Bediensteten in den Genuss der reduzierten Arbeitszeit kommen sollen. Durch die konsumtive Ausrichtung dieser Trajektorie werden Angehörige der jetzt lebenden Generation privilegiert: Die Ansparungen der bürgerlichen Ober- und Mittelschichten, die aus der Zeit der Wachstumsökonomie stammen, werden gezielt reduziert.</p>
<p>Zukünftigen Generationen wird ein geschrumpftes gesamtgesellschaftliches Vermögen hinterlassen. Wichtiger als die Ausstattung der zukünftigen Generation mit &#8222;grünen&#8221; Kapitalien (wie in II und III) ist die Versorgung und Ausstattung der heutigen Generation mit den Mitteln, um alle ihre Fähigkeiten &#8222;wirklich&#8221; ausüben zu können. (Volkswirtschaftlich betrachtet, ist Degrowth, zugespitzt gesagt, eine Konsumorgie.)[18]</p>
<p>4. Die Tendenz zum &#8222;<i>rent seeking</i>&#8221; wird auf dieser Trajektorie extrem gefördert. Degrowth sollte nicht den Fehler vieler &#8222;linker&#8221; Entwürfe wiederholen, die (kulturell tief sitzenden) Tendenzen zum &#8222;<i>rent seeking</i>&#8221; und der Entstehung entsprechender &#8222;neuer Klassen&#8221; nach dem Muster der realsozialistischen &#8222;Nomenklatura&#8221; zu unterschätzen. Die in den Transfersystemen agierenden Personen wären, obschon mental eigentlich radikalreformistisch bzw. &#8222;idealistisch&#8221; eingestellt, in den Routineabläufen eines Degrowth-Transferregimes ständig hohen Versuchungen des Klientelismus, Nepotismus, Protektionismus, der Unterschlagung, der Selbstbegünstigung usw. ausgesetzt. Die Kontrollkosten und die Sanktionsdrohungen sind in einem solchen Transfersystem entweder drastisch (wie in China) oder die Gesellschaft findet sich mit &#8222;<i>rent seeking</i>&#8221; resignativ ab (wie in der Ukraine).</p>
<p>5. Man muss auf dieser Trajektorie neue Arbeits-, Eigentums-, Rechts- und Lebensformen ausprobieren. Diese Trajektorie zwingt somit zu einem politischen <i>Experimentalismus</i> mit ungewissem Ausgang. In der Transformation sollen und müssen sich nicht nur die Verhältnisse, sondern die Menschen selbst ändern. Die Menschen dürfen auf dieser Trajektorie nicht die bleiben, die sie in der bürgerlichen Wachstumsökonomie (geworden) sind, sondern müssen sich transformativ zu neuen Menschen entwickeln. Darauf läuft der Satz hinaus, dass Degrowth-Politik nur in einer Degrowth-Gesellschaft erfolgreich möglich ist. Haltungen, Wertschätzungen, Anerkennungsformen, Wahrnehmungsweisen, die Formen des &#8222;Gebens und Nehmens&#8221; usw. müssen andere werden. Was dieser Experimentalismus an Ergebnissen &#8222;wirklich&#8221; erbringt und wie Menschen sich auf dieser Trajektorie &#8222;wirklich&#8221; verhalten werden, ist ungewiss. (So kann man bspw. fragen, ob es in einer Degrowth-Trajektorie viele neue oder nur noch sehr wenige Umsonstläden geben wird.)</p>
<p>6. Die Verkürzung der <i>Arbeitszeit </i>wirft die Frage auf, wie Personen, die nur noch 20&#8211;25 Stunden pro Woche arbeiten, ihren finanziellen Verpflichtungen etwa der Zahlung von Mieten oder der Tilgung von Krediten nachkommen können bzw. sollen. Was das Problem der Mieten anbetrifft, so stößt man auf folgende Vorschläge: &#8222;&#8217;Besitz statt Eigentum&#8216; (&#8230;) Beispielsweise kann nach diesem Prinzip niemandem eine Wohnung gehören, ohne dass die Person selbst darin wohnt; und wer in einer Wohnung wohnt, der/die besitzt sie auch. Für Wohnungen gilt dies tatsächlich in Kuba&#8221; (Habermann 2011, S. 159). Gut, das ist die Enteignung der jetzigen Eigentümer von Mietwohnungen. Und wie soll das Rentenumlage-, das Gesundheitssystem und der staatliche Schuldendienst dauerhaft finanziert werden? Was Letzteren anbetrifft, so scheint klar, dass die bereits bestehende Schuldenlast durch den Ausbau der Sorgeökonomie und Transfers weiter steigen dürfte. Gleichzeitig sinkt das BIP und damit steigt die Staatsschuldenquote. Dies macht die Zinsen für neue Kredite immer teurer, sofern es noch unabhängige Banken und einen Finanzmarkt gibt, was allerdings fraglich ist. Daher ist es nur konsequent, wenn einige Anhänger dieser Trajektorie die Rückzahlung der bestehenden Staatsschulden in Frage stellen: &#8222;<i>Drop the debts</i>&#8221; (Passadakis &amp; Schmelzer 2010).[19] Der Kredit als Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft mitsamt seinen pragmatischen Implikaturen wird somit ebenso wie Eigentumsgarantieren zumindest von einigen Vertretern radikal infrage gestellt. Diese Trajektorie gerät ersichtlich in einen politisch prekären Kontakt mit Veto-Punkten der bürgerlichen Gesellschaft.</p>
<p>7. Degrowth steuert kraft innerer Logik noch auf weitere <i>Veto-Punkte </i>der bürgerlichen Gesellschaft zu. Die Mittel des &#8222;passiven Klassenkampfes&#8221; (Exner/Lauk (2011), S. 19) wie Bummeln, Absentismus, &#8222;Betrug am Chef&#8220; usw. mögen viele Linksliberale noch beschmunzeln. Für einige Degrowth-Vertreter ist allerdings auch die Befolgung rechtlicher Regeln nicht geboten, sofern Gesetzesverstöße[20] als politische Widerstandshandlungen interpretiert werden können. Bei massiver Substanzbesteuerung, Enteignung von Wohneigentum, Haus- und Betriebsbesetzungen, &#8222;<i>drop the debts</i>&#8221;- Strategien und ähnlichem dürfte für die meisten Bürger der Spaß allmählich aufhören. Diese Trajektorie muss daher mit heftigem Bürgerprotest rechnen. Sofern die partizipativen Teilnahmerechte einer deliberativen Demokratie nach wie vor für alle Bürger gelten sollen, scheint Degrowth an etlichen Punkten kaum konsensfähig.</p>
<p>8. Input-Legitimation durch parlamentarische Mehrheiten ist auf dieser Trajektorie nicht nur deshalb, sondern auch prinzipiell fraglich. Dieser Pfad kollidiert massiv mit Wohlstandsinteressen der breiten Mittelschichten. Anhänger dieser Trajektorie mögen glauben, das gesamte Prekariat auf ihrer Seite zu haben, könnten dabei allerdings Fehldeutungen der eigenen Definitionsstrategie erliegen, <i>per definitionem </i>das Prekariat möglich groß werden zu lassen. Viele Personen werden dadurch ins Prekariat hinein definiert, die in Wirklichkeit zu Mittelschichten zählen und deren fundamentale langfristige Interessen durch Degrowth keineswegs begünstigt werden. Daher findet sich aktive Unterstützung für diese Trajektorie nur in links-intellektuellen Milieus, in Teilen der Unterschicht und in einem Teil der Partei der &#8222;LINKEN&#8221;. Doch sollten die Anhänger<br />der Degrowth-Trajektorie den Fehler der 68er, von vollen Hörsälen und Medienecho auf eine politische Massenbasis zu folgern, nicht wiederholen.</p>
<h2 class="auto-created">VI. Kombi&shy;na&shy;ti&shy;onen und Macht-A&shy;rith&shy;metik</h2>
<p>Die Position des &#8222;<i>Green Social Contract</i>&#8221; ist zunächst breit bündnisfähig. Eine konzeptionelle Verbindung aus konservativer Wachstumskritik und Effizienzrevolution ist nicht von vornherein inkonsistent. So lehnt die wertkonservative Position umwelttechnischen Fortschritt nicht ab. Vertreter der Effizienzrevolution sind nicht auf eine bestimmte Sozialphilosophie festgelegt, stehen aber eher der Sozialdemokratie und den &#8222;Grünen&#8221; nahe und bejahen den Wert- und Lebensstilpluralismus. Sogar eine große Postwachstums-Koalition (1 und 2 und 3) ist nicht von der Hand zu weisen.</p>
<p>Am problematischsten unter Gesichtspunkten von Machterwerb und kultureller Hegemonie ist die Situation für die Verfechter des Degrowth. Mit dem Wertkonservatismus kann es für sie, trotz einiger Berührungspunkte, keine Koalition geben, mit der Position &#8222;Effizienzrevolution&#8221; bei näherer Betrachtung auf Grund der konsumtiven Ausrichtung von Degrowth auch nicht. Der einzige mögliche Bündnispartner von Degrowth ist daher der Green Social Contract, aus dessen Perspektive aber der Kontakt mit besagten Veto-Punkten und mit den Denkfiguren der politischen Romantik problematisch ist.</p>
<p>Zudem können sich alle drei übrigen Positionen vom kreativen Fundus der Degrowth-Ideenwelt inspirieren lassen und einzelne sinnvolle Elemente in ihre jeweilige Konzeptionen übernehmen. Degrowth könnte, obschon ungewollt, eine Erweiterung des Instrumentariums bewirken, auf das die anderen Konzepte zurückgreifen können. Degrowth muss daher befürchten, von den anderen Trajektorien zugleich geistig ausgeplündert und politisch ausgegrenzt zu werden.</p>
<p>Aus der Perspektive der anderen Trajektorien könnte man aristotelisch sagen, die Degrowth-Trajektorie sei nicht tapfer, sondern tollkühn. Überzeugte Anhänger dieser Trajektorie sind allerdings bereit, sich in dieses politisches Abenteuer zu stürzen, dessen Konsequenzen allerdings alle Bürger betreffen. Um die geistige Kühnheit von Degrowth, neue Möglichkeiten zu entwerfen, nicht in ein politisches Abenteurertum abgleiten zu lassen, bedarf Degrowth eines stabilen normativen Geländers, wie es der Green Social Contract bietet. Degrowth kann sich allerdings nicht ohne Weiteres selbst auf eine innovative kulturelle Strömung im normativen Rahmen eines <i>Green Social Contract </i>zurückstutzen. Oder doch?</p>
<p>1 An diesem Befund ändert die relative Armut der Transferempfänger wenig.<br />2 Zu dem hier investierten Verständnis &#8222;starker&#8221; Nachhaltigkeit vgl. Ott &amp; Döring (2008).<br />3 Das Argument der Nichtverallgemeinerbarkeit gilt allerdings auch für große Schwellenländer wie China.<br />4 Unnötig zu sagen, dass politische Mehrheiten die entscheidende Legitimitätsbedingung aller Trajektorien sind. Da es um Input-Legitimation geht, muss es sich um parlamentarische Mehrheiten handein. Jede Trajektorie setzt ferner die Rechtsstaatlichkeit ihrer Umsetzung als weitere Legitimitätsbedingung voraus.<br />5 Zur Kritik an einer fünften Position, wie sie von Sloterdijk (2011) vertreten wurde, siehe Ott (2011). Diese Position wird im Folgenden nicht behandelt.<br />6 Ich beziehe mich im Folgenden auf das &#8222;Memorandum Bewusstseinswandel&#8221; (Miegel et al. 2011).<br />7 Es wird also davon ausgegangen, dass die Stagnation der Reallöhne trotz hohen BIP-Wachstums, der die Grundlage des Erfolgs der deutschen Wirtschaft seit 2000 war, in Zukunft zu einem Abbau von Reallohn verschärft werden wird. Es ist allerdings nicht klar, ob dies als Prognose oder als Forderung gemeint ist.<br />8 Dies war ja der Kern des sozialstaatlichen Kompromisses der BRD.<br />9 Die diesbezüglichen Vorschläge lesen sich wie ein Loblied auf die Waldorfpädagogik.<br />10 WBGU (2011, S. 149) schätzt die Summe der direkten und indirekten Rebounds für Industrieländer auf etwas höher 10&#8211;30 Prozent.<br />11 Hierzu hat SRU ein Sondergutachten vorgelegt, das Wege in eine Stromversorgung aufzeigt, die zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energiequellen beruht (SRU 2011).<br />12 Viele Vertreter dieser Position würden es akzeptieren, dass gemäß der nicht-halbierten Ideen von Keynes eine temporäre Verschuldung langfristig auch wieder abgebaut werden sollte. Schlagwort auf dieser Trajektorie: environmentallly friendly fiscal consolidation.<br />13 Man könnte die Position von F. J. Radermacher und dessen Initiative zu einem Globalen Marshall Plan hinzu zählen.<br />14 Hier berührt sich diese Trajektorie mit der wertkonservativen Trajektorie in der Ablehnung von Steuerhinterziehung als Volkssport.<br />15 Die Unterschichten haben von dieser Trajektorie wenig zu befürchten, aber außer der Aussicht auf Beschäftigung in neuen Branchen auch nicht allzu viel zu erhoffen.<br />16 Schwierige ethische Begriffe wie der der Emanzipation und der der Solidarität werden meines Wissens nicht genauer analysiert.<br />17 Marcuse, Castoriadis, Gorz, Latouche, Martinez-Alier, Bonauiti, Hard/Negri, Agamben, Badiou u.a.<br />18 Begründen könnte man diese Konzeption wohl am ehesten mit einer &#8222;Ökonornie der Verschwendung&#8221; im Sinne Batailles.<br />19 Dies würde es aber erforderlich machen, die Kontinuität des Staatswesens aufzukündigen &#8211; ähnlich wie die Bolschewisten sich nach der Oktoberrevolution weigerten, die Staatsschulden des Zarenreiches zu bezahlen.<br />20 Schwarzfahren, Hausbesetzung, Scheinehen, Versicherungsbetrug, &#8222;Abfackeln&#8221; von Autos, Erschleichung von Transferleistungen, etc.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Engels, Jens Ivo </i>(2006): Naturpolitik in der Bundesrepublik. Paderborn, Schöningh Verlag.<br /><i>Jänicke, Martin</i> (2007): Umweltstaat &#8211; eine neue Basisfunktion des Regierens,. Politik und Umwelt 39/2007, S. 342&#8211;359.<br /><i>Jänicke, Martin</i> (2011): Green Growth: Vom Wachstum der Öko-Industrie zum nachhaltigen Wirtschaften. Vorlage für die Bundestags-Enquete-Kommission &#8222;Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität&#8221;<br /><i>Habermann, Jürgen</i> in Rätz a. a. O.<br /><i>Habermas, Jürgen </i>(1992): Faktizität und Geltung. Frankfurt, Suhrkamp Verlag.<br /><i>Miegel, Meinhard et al</i>. (2011): Memorandum Für einen Bewusstseinswandel Von der Konsum zur Wohlstandskultur, Bonn.<br /><i>Muraca, Barbare,/Egan-Krieger, Tanja von</i> (2011): in Rätz a. a. O.<br /><i>Ott, Konrad</i> (2007): Ökologischer Ordoliberalismus. Vorgänge 179, S. 4&#8211;12.<br /><i>Ott, Konrad</i> (2009): Es ist Zeit für einen Green New Deal. Vorgänge 186, S. 97&#8211;106.<br /><i>Ott, Konrad/Döring, Ralf</i> (2008): Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit, Marburg, Metropolis Verlag, 2. Auflage.<br /><i>Passadakis, Alexis/Schmelzer</i> (2010): Postwachstum &#8211; 12 Fluchtlinien einer solidarischen Ökonomie jenseits des Wachstums. MS.<br /><i>Passadakis, Alexis/Schmelzer </i>(2011): in: Rätz a. a. O.<br /><i>Rätz, Werner/Egan-Krieger, Tanja von u. a</i>. (Hg.) (2011): Ausgewachsen! Verlag VSA Hamburg.</p>
<p><i>Rawls, John</i> (1971): A Theory of Justice.<br /><i>Schneidewind, Uwe</i> (2011): Nachhaltige Entwicklung &#8211; wo stehen wir? UNESCO heute, 2/201 l, S. 7&#8211;10.<br /><i>Sloterdijk, Peter</i> (2011): Wie groß ist &#8222;groß&#8221;? böll Thema 2/2011,S. 12-16.<br /><i>Skorupinski, Barbara/Ott, Konrad</i> (2000): Technikfolgenabschätzung und Ethik. Zürich, Hochschulverlag.<br /><i>SRU </i>(2002): Für eine neue Vorreiterrolle. Umweltgutachten 2002. Stuttgart, Metzler-Poeschel Verlag</p>
<p><i>SRU</i> (2008): Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels. Umweltgutachten 2008.<br /><i>SRU</i> (2011): Wege zur 100% erneuerbaren Stromversorgung. Sondergutachten. Berlin, Erich Schmidt Verlag.<br /><i>WBGU</i> (2011): Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Berlin, WBGU.<br /><i>Winter, Gerd</i> (2007): Umweltgesetzbuch oder Allgemeines Umweltgesetz. GAIA 2/2007, S. 108&#8211;109.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Fortschritt in zeiten des Klimawandel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 09:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Drei Szenarien aus: Vorg&#228;nge 195 ( Heft 3/2011), S.70-78 Fortschritt ist ein normativer Begriff. Er unterstellt das Vorhandensein eines objektiven Prozesses gesellschaftlicher Ver&#228;nderung, indem er gewisse in der Vergangenheit beobachtete Entwicklungsmuster in die Zukunft projiziert. Das, was fortschreitet, ist ein gesellschaftliches &#8222;Werden&#8221;, die Aktualisierung eines in der Vergangenheit angelegten Potenzials, oder, platonisch formuliert, einer wie [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Drei Szenarien</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge 195 ( Heft 3/2011), S.70-78</p>
<p>Fortschritt ist ein normativer Begriff. Er unterstellt das Vorhandensein eines objektiven Prozesses gesellschaftlicher Ver&auml;nderung, indem er gewisse in der Vergangenheit beobachtete Entwicklungsmuster in die Zukunft projiziert. Das, was fortschreitet, ist ein gesellschaftliches &#8222;Werden&#8221;, die Aktualisierung eines in der Vergangenheit angelegten Potenzials, oder, platonisch formuliert, einer wie auch immer vagen, aber sozial manifesten &#8222;Idee&#8221; von Gesellschaft.</p>
<p>Jenes Potenzial, das der Fortschrittsbegriff seit gut zweihundert Jahren zu aktualisieren sucht, ist das der so genannten &#8222;Moderne&#8221;. Obwohl es keinen sozialwissenschaftlichen Konsens dar&uuml;ber gibt, was denn diese Moderne eigentlich sei, k&ouml;nnen nach Joseph Huber einige wichtige Kernkomponenten identifiziert werden, wie etwa die industrielle Produktion von Konsumg&uuml;tern und deren massenhafter Verbrauch; die ungebrochene Fortentwicklung von Technologien und Naturwissenschaften; die Existenz komplexer oder gar globaler M&auml;rkte auf der Basis eines hochleistungsf&auml;higen Geld- und Kreditwesens; die Dominanz des Nationalstaats als politischer Organisationseinheit, die Entwicklung einer &#8222;rationalen&#8221; B&uuml;rokratie und die Vorherrschaft rechtsstaatlicher Ordnung.[1]&#8222;Modernisierung&#8221; ist demnach der Prozess der fortdauernden Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung dieser gesellschaftlichen Strukturen und Funktionen auf immer h&ouml;heren Komplexit&auml;tsniveaus[2]F&uuml;r marxistisch geschulte Systemtheoretiker wie etwa Immanuel Wallerstein ist die Moderne mit der Herausbildung des kapitalistischen Weltsystems seit dem f&uuml;nfzehnten Jahrhundert gleichzusetzen.[3] Fortschritt bedeutet demnach die zyklische Expansion dieses Systems und die Integration immer neuer Gesellschaften in die globale Arbeitsteilung kapitalistischer Produktions- und Handelssysteme. Der zeitgen&ouml;ssische Begriff f&uuml;r diesen horizontalen Aspekt des Fortschritts hei&szlig;t &#8222;Globalisierung&#8221;.</p>
<p>Zu keiner Zeit jedoch blieb der Fortschritt kapitalistischer Modernisierungsprozesse unwidersprochen oder friktionsfrei. Die durch ihn ausgel&ouml;sten technologischen und sozialen Umw&auml;lzungen waren mitverantwortlich f&uuml;r die Franz&ouml;sische Revolution und das aus ihr erwachsene egalit&auml;re Weltbild und riefen zahlreiche Gegenbewegungen wie die Maschinenst&uuml;rmer, den Romantizismus und die Arbeiterbewegungen des neunzehnten Jahrhunderts sowie die Demokratie- und Friedensbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts auf den Plan, um nur einige Beispiele zu nennen. Systemtheoretisch betrachtet waren diese Gegenbewegungen jedoch keine Stolpersteine, sondern notwendige Bedingungen f&uuml;r den Fortschritt. Sie f&uuml;hrten zur Demokratisierung der liberalen Nationalstaaten und zur Herausbildung umfangreicher sozialstaatlicher Strukturen sowie letztlich zum Entstehen kaufkr&auml;ftiger Mittelschichten, die dem System neues Wachstum und neue Innovationssch&uuml;be verliehen. Die negativen Energien des Protests werden durch die politischen Ausgleichsmechanismen in das System integriert und zu positiven Energien des Systemwandels transformiert. Solange das moderne Weltsystem die F&auml;higkeit beh&auml;lt, neues Wirtscharts-und Wohlstandswachstum zu generieren, wird diese Art von gesellschaftlichem &#8222;Energiehaushalt&#8221; daher aufrecht bleiben und werden Protest und Kritik nicht zum Ende des Systems sondern zu seiner weiteren Ausdifferenzierung f&uuml;hren. So zumindest lautet eine der empirisch robusten Grundhypothesen der soziologischen Systemtheorie.[4]</p>
<p>Sp&auml;testens in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stellte sich die Erkenntnis ein, dass diese F&auml;higkeit des Systems, neues Wachstum und mehr Wohlstand zu generieren, k&uuml;nftig weniger an der &#8222;sozialen Frage&#8221; als an der Begrenztheit der Biosph&auml;re und ihrer nat&uuml;rlichen Ressourcen scheitern k&ouml;nnte. Erneut war es eine Protestbewegung, die &#8211; diesmal im Verein mit Naturwissenschafter/innen &#8211; die destruktive Dynamik des industriellen Fortschritts aufzeigte und somit die politischen, wissenschaftlichen und &ouml;konomischen Funktionssysteme f&uuml;r eine neue Herausforderung sensibilisierte. Und erneut entfaltete der gesellschaftspolitische Stoffwechsel seine Inkorporationsdynamik und wandelte die Protestenergie in Probleml&ouml;sungsenergieunl somit in neues Wachstumspotential um.[5] Es wurde schnell klar, dass die Industriemoderne, will sie sich nicht ihrer eigenen Existenzgrundlage berauben, einen selbstkritischen Blick auf ihre Produktionssysteme werfen und deren &ouml;kologische Nebeneffekte kontrollieren und reduzieren wird m&uuml;ssen.[6] Der Fortschritt konnte nicht mehr als lineare Projektion der Vergangenheit in die Zukunft, als autonomer Prozess technologischer Entwicklung verstanden werden, sondern musste von nun an das Ideal der gesellschaftlichen Zielsteuerung in sich aufnehmen. Der Begriff der &#8222;nachhaltigen Entwicklung&#8221; wurde somit sp&auml;testens mit dem so genannten Brundtland-Bericht an die <i>World</i> <i>Commission</i> <i>on Environment and Development </i>1987 zum neuen Fortschrittsideal, zur vagen Idee einer von ihren inneren Widerspr&uuml;chen geheilten Moderne.[7] Der Kapitalismus von morgen wurde als eine sozial gerechte und &ouml;kologisch neutrale Gesellschaftsform vorgestellt, die es durch geschickte politische Steuerung und demokratische Partizipation aller <i>stakeholder</i> zu erreichen gilt.</p>
<p>In den fr&uuml;hen Neunziger Jahren wurde f&uuml;r diesen neuen Typus des Fortschritts der Begriff der &ouml;kologischen Modernisierung gepr&auml;gt. Martin J&auml;nicke, einer der Begr&uuml;nder der &ouml;kologischen Modernisierungstheorie, hielt bereits 1993 fest: &#8222;<i>The essence of this changed modernity perspective is that progress is not a linear development of an existing phenomenon. Rather, it includes a fundamental break or transition and an Innovation of the direction of change</i>.&#8220;[8] Doch diese Ver&auml;nderung der Fortschrittsrichtung hlgibt auf die Modernisierung mit einer &#8222;Flucht nach vorne&#8221; gleichzusetzen: eine Beschleunigung und gleichzeitige Richtungskorrektur des technologischen Fortschritts[9] Es geht um die &ouml;kologische Anpassung und Optimierung bestehender Technologien und um die Forcierung technologischer Innovation. So konnten seit den 1980er Jahren in vielen Industrienationen die Fl&uuml;sse entgiftet, das Waldsterben gestoppt oder gebremst, die Abgase von Autos und Fabriken gereinigt und die giftigsten Pestizide und Chemikalien aus der Nahrungskette verbannt werden. Die Energie- und Materialintensit&auml;t vieler Produkte konnte verringert und die Effizienz von Maschinen und Motoren gesteigert werden. Doch all diese Modernisierungserfolge basier(t)en auf der Grundannahme, dass sich &ouml;konomische und &ouml;kologische Zielsetzungen im Rahmen der Industriemoderne verein-baren lassen.[10] &Ouml;kologische Modernisierung zielt somit nicht auf einen radikalen Wandel der (kapitalistischen) Industriegesellschaft, sondern auf ihre &ouml;kologische Optimierung innerhalb der marktwirtschaftlichen und sozialstaatlichen Rahmenbedingungen. Es gilt nicht, die Moderne zu verwinden sondern sie zu radikalisieren. Demnach besteht die einzige M&ouml;glichkeit um die Systembedrohung durch die negativen Effekte des technologischen Fortschritts zu bannen in mehr und zielgerichtetem technologischen Fortschritt.</p>
<p>Der Erfolg des &ouml;kologischen Modernisierungsparadigmas gibt dieser Strategie bislang in einigen Bereichen Recht: so hat die politisch gesteuerte Neuausrichtung technologischer Entwicklung in den vergangenen drei&szlig;ig Jahren massiv dazu beigetragen, die Zentren des modernen Weltsystems sauberer, sicherer, gr&uuml;ner und ges&uuml;nder zu machen. Doch wie sieht die Bilanz dieser Systemkorrektur auf planetarischer Ebene aus? Vieles deutet darauf hin, dass die &ouml;kologische Reparatur der kapitalistischen Zentren wenig daran &auml;ndert, dass die Biosph&auml;re des Planeten in ihrer Gesamtheit immer st&auml;rkere Zerfallserscheinungen zeigt. Die Artenvielfalt sinkt rapide, W&auml;lder und nat&uuml;rliche &Ouml;kosysteme verschwinden, W&uuml;sten dehnen sich aus und die Atmosph&auml;re erw&auml;rmt sich unaufh&ouml;rlich. Aus diesem Blickwinkel erscheint die &ouml;kologische Modernisierung bisher nicht mehr erreicht zu haben als auf einem sinkenden Schiff noch schnell das Deck zu schrubben und die Kapit&auml;nskabine aufzur&auml;umen. Dieser Eindruck dr&auml;ngt sich vor allem im Zusammenhang mit dem dringendsten aller gegenw&auml;rtigen globalen Umweltprobleme auf, dem Klimawandel.</p>
<p>In seinem vierten Arbeitsbericht aus dem Jahr 2007 schlug das <i>Intergovernmental </i>Panel on<i> Climate Change </i>(IPCC) ein Stabilisierungsziel f&uuml;r die Erderw&auml;rmung vor, demzufolge verhindert werden soll, dass sich die Atmosph&auml;re um mehr als zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Temperaturniveau erw&auml;rme. Wird dieses Ziel verfehlt, so k&ouml;nnten sehr leicht Kettenreaktionen in Gang kommen, die zu einem unkontrollierbaren und katastrophalen Klimawandel (mit Temperaturanstiegen bis zu 6 Grad und einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu vierzig Metern) Uhren w&uuml;rden. Um das Stabilisierungsziel zu erreichen, m&uuml;ssten die globalen Treibhausgasemissionen bis 2050 um 50 bis 85 Prozent des Niveaus des Jahres 2000 reduziert werden [11] Eine Halbierung des Kohlendioxidaussto&szlig;es in den n&auml;chsten 38 Jahren klingt auf den ersten Blick nach einer machbaren Aufgabe: mit etwas mehr Ehrgeiz beim technologischen Fortschritt k&ouml;nne das schon gel&ouml;st werden, so denken wohl viele Fortschrittsoptimisten. Manche hoffen auch, dass das nahende Ende des Erd&ouml;lzeitalters den Innovationsdruckerh&ouml;hen und damit die Aufgabe vereinfachen werde. Doch derlei Optimismus l&auml;sst drei entscheidende Faktoren au&szlig;er Acht: erstens hat sich der globale Aussto&szlig; an&nbsp; Treibhausgasen seit dem Jahr 2000 stark erh&ouml;ht (alleine zwischen 2000 und 2005 um satte 15 Prozent! [12]) und eine allgemeine Trendumkehr ist trotz technologischer Fortschritte bisher nicht in Sicht; mit jedem neuen Jahr wird die Aufgabe somit noch monumentaler statt einfacher. Zweitens wird die Weltbev&ouml;lkerung bis zum Jahr 2050 nach Sch&auml;tzungen der iJNO um rund ein Drittel auf neun Milliarden Menschen anwachsen, was bedeutet, dass die Pro-Kopf-Emissionen weit radikaler gesenkt werden m&uuml;ssen, als das bei Bev&ouml;lkerungsstabilit&auml;t der Fall w&auml;re. Und drittens muss auch davon ausgegangen wer-den, dass die Weltwirtschaft und somit das globale Pro-Kopf-Einkommen bis zum Jahr 2050 weiter wachsen. Selbst bei einem moderaten durchschnittlichen Jahreswachstum von zwei Prozent w&uuml;rde sich das Bruttoglobalprodukt zwischen 2000 und 2050 beinahe verdreifachen.</p>
<p>Der &Ouml;konom Tim Jackson hat die vom IPCC definierte Aufgabe im Auftrag der britischen Regierung in &ouml;konomische Ma&szlig;st&auml;be &uuml;bersetzt: er berechnete zun&auml;chst, dass die &#8222;Kohlenstoffintensit&auml;t&#8221; der Weltwirtschaft im Jahr 2007 bei 768 Gramm Kohlendioxid pro US-Dollar lag. Um das Stabilisierungsziel von zwei Grad Temperaturanstieg zu er-reichen, m&uuml;sste dieser Wert bis zum Jahr 2050 &#8211; unter der Annahme moderaten Bev&ouml;lkerungs- und Einkommenswachstums &#8211; auf blo&szlig;e 36 Gramm reduziert werden.[13] Vereinfacht ausgedr&uuml;ckt: jeder erwirtschaftete Dollar darf im Jahr 2050 nur ein Zwanzigstel der Treibhausgasemissionen verursachen, die er im Jahr 2007 verursacht hatte. Eine Halbierung des Treibhausgasaussto&szlig;es bis zum Jahr 2050 bedeutet also in Wahrheit, dass die Weltwirtschaft bis dahin mehr oder weniger vollst&auml;ndig auf den Aussto&szlig; von Treibhausgasen wird verzichten m&uuml;ssen.</p>
<p>Doch ist diese monumentale Aufgabe innerhalb des heute herrschenden Fortschrittsparadigmas erf&uuml;llbar? Kann die &#8222;&ouml;kologische Modernisierung&#8221; der Weltwirtschaft einen solchen Komplettumbau der Industriegesellschaften in weniger als vierzig Jahren leisten? Und wie k&ouml;nnten m&ouml;gliche Alternativen dazu aussehen? Ich m&ouml;chte mich diesen Fragen ann&auml;hern, indem ich jene drei Szenarien vorstelle, die das M&ouml;glichkeitsspektrum aus meiner Sicht weitgehend abdecken. Das erste Szenario m&ouml;chte ich in Anlehnung an das viel beachtete Buch von Peter Newell und Matthew Paterson &#8222;Klimakapitalismus&#8221; nennen.[14] Es geht davon aus, dass die Aufgabe der &#8222;Dekarbonisierung&#8221; des Wirtschaftssystems innerhalb der gegebenen Rahmen- bedingungen von globalem Kapitalismus, langfristigem Wirtschaftswachstum und &ouml;kologischer Modernisierung gel&ouml;st werden muss. Klimakapitalismus ist also das fortschrittsoptimistische Szenario einer radikalisierten Moderne, einer &Uuml;berwindung der &ouml;kologischen Begrenztheit menschlicher Produktivkraft durch Technologie, Markt und Innovation. Es sieht den modernen Kapitalismus als alternativloses System, das gewisserma&szlig;en zum Erfolg verdammt ist: nur durch mehr Wachstum k&ouml;nnen die n&ouml;tigen Technologien entstehen, um die &ouml;kologischen Barrieren des Systems zu &uuml;berwinden. Klimakapitalismus bedeutet die ultimative &#8222;Flucht nach vorne&#8221;, da Stillstand den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems und somit der modernen politischen Ordnungen bedeuten w&uuml;rde. Wachstum bleibt nach diesem Modell das Primat jeder k&uuml;nftigen Wirtschafts- und Klimapolitik.</p>
<p>In Szenario Zwei hingegen wird gerade der Zwang zu unaufh&ouml;rlichem Wirtschaftswachstum als das zentrale Hindernis f&uuml;r die Erreichung des Stabilisierungsziels erkannt und stattdessen eine &#8222;station&auml;re Wirtschaft&#8221; angestrebt. Das Hauptaugenmerk liegt hier nicht auf technologischem Fortschritt, sondern auf der Entwicklung eines Wirtschaftsmodells, das gem&auml;&szlig;igten Wohlstand f&uuml;r alle ohne nennenswertes Wachstum generiert. Dieses Modell einer &#8222;steady state economy&#8221; wurde erstmals vor &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren von Herman Daly vorgeschlagen[15] und erlebt neuerdings ein Comeback unter einigen Umwelt&ouml;konomen, allen voran Tim Jackson.[16] Selbstverst&auml;ndlich sind auch in diesem Szenario technologischer Fortschritt und enorme Effizienzsteigerungen vonn&ouml;ten, um die Treibhausgasemissionen um die H&auml;lfte zu reduzieren. Im Gegensatz zum Klimakapitalismus, der aufgrund seiner Wachstumsdynamik eine komplette Dekarbonisierung bereits bis 2050 erreichen muss, hat ein station&auml;res Wirtschaftsmodell jedoch etwas mehr Zeit, um seine Abh&auml;ngigkeit von fossilem Kohlenstoff zu beenden. Ein System, das nicht w&auml;chst, braucht sich nicht um k&uuml;nftige Emissionen zu sorgen, sondern kann sich voll darauf konzentrieren, seine bestehenden Emissionen zu reduzieren.</p>
<p>Weitgehend unklar bleibt jedoch, wie ein solches station&auml;res Wirtschaftsmodell langfristig stabil gehalten werden kann und wie es gen&uuml;gend Wohlstand generieren kann, um sich die politische Unterst&uuml;tzung der Menschen zu sichern. Denn obwohl der-artige Modelle selbstverst&auml;ndlich dazu tendieren, Wohlstand nicht mehr nur materiell sondern in den Begrifflichkeiten von pers&ouml;nlicher Entfaltungsfreiheit, Gemeinschaft, Lebensqualit&auml;t und Zeitgewinn zu definieren, muss ein Gesellschaftssystem, wenn es langfristig stabil sein soll, Perspektiven bieten k&ouml;nnen, die nicht als &#8222;Stillstand&#8221; empfunden werden. Der Knackpunkt dieses Szenarios ist also ein politischer: welche Perspektive kann der breiten Masse der Bev&ouml;lkerung geboten werden, wenn die disziplinierende Ideologie des Wachstums nicht mehr zur Verf&uuml;gung steht, um soziale Aufstiegstr&auml;ume zu n&auml;hren? Wie kann eine station&auml;r wirtschaftende Gesellschaftsform politisch organisiert werden, ohne sie ideologisch zu schlie&szlig;en und autorit&auml;re Formen der Disziplinierung anzuwenden? Ist das &Uuml;berleben der Demokratie in einer solchen Gesellschaft wahrscheinlich?</p>
<p>Diese letzte Frage wird vielen Verfechtern der station&auml;ren Wirtschaft als geradezu absurd erscheinen, da diese Form der Gesellschaft oft als Ideal einer partizipatorischen, demokratischen und von den Zw&auml;ngen des Kapitalismus befreiten Gesellschaft vorgestellt wird. Doch es muss klar sein, dass eine station&auml;re Wirtschaft ein hohes Ma&szlig; an politischer Steuerung und Planung erfordert und somit ein enormes Konfliktpotential birgt. W&auml;hrend im Kapitalismus der Markt die epistemische Funktion eines opaken Schleiers erf&uuml;llt, der Kausalzusammenh&auml;nge ausblendet und die resultierende Wirklichkeit als schicksalhaft gegeben erscheinen l&auml;sst, m&uuml;ssen in einer station&auml;r wirtschaftenden Gesellschaft die Konturen der Wirklichkeit transparent und politisch entschieden werden. Die &#8222;gef&uuml;hlte&#8221; Hierarchie in einer solchen Gesellschaftsform ist trotz aller Partizipationsmechanismen mitunter weit h&ouml;her als im marktgesteuerten Kapitalismus, da die Wirklichkeit als Resultat menschlicher Entscheidungen erscheint. Schon kleine soziale Ungleichgewichte k&ouml;nnen in diesem Szenario zu gro&szlig;en politischen Schieflagen f&uuml;hren. Naiv ist daher, wer glaubt, dass eine wachstumsfreie Gesellschaft notwendigerweisefriedlicher oder stabiler ist als eine kapitalistische. Ich werde diese Frage weiter unten noch einmal aufgreifen.</p>
<p>Das dritte Szenario, schlie&szlig;lich, ergibt sich, wenn die ersten beiden Szenarien scheitern: wenn also das Stabilisierungsziel bis zum Jahr 2050 weder durch die &ouml;kologische Hypermodernisierung des Klimakapitalismus noch durch die Etablierung einer neuen station&auml;ren Wirtschaftsweise erreicht werden kann. Was dann bleibt, ist das Szenario der Anpassung und der Krisenwirtschaft. Schon heute verschiebt sich der Schwerpunkt des politischen und wissenschaftlichen Klimadiskurses merklich von <i>mitigation</i> (Linderung/Vermeidung) zu <i>adaptation</i> (Anpassung) und <i>resilience</i> (Widerstandsf&auml;higkeit). Wir befinden uns bereits mitten in der Klimaerw&auml;rmung und die Extremwetterereignisse nehmen zu. Es m&uuml;ssen Vorkehrungen getroffen werden, um unsere Gesellschaften vor den Folgen des Klimawandels zu sch&uuml;tzen: Die politischen Systeme m&uuml;ssen etwa auf massiv steigende Lebensmittelpreise und zunehmenden Migrationsdruck vorbereitet werden und ganze Regionen ihre landwirtschaftlichen Praktiken neuen klimatischen Gegebenheiten anpassen. Ganze Wirtschaftsbranchen m&uuml;ssen sich auf ge&auml;nderte Rahmenbedingungen einstellen. Doch all diese Anpassungsma&szlig;nahmen m&uuml;ssen auch dann getroffen werden, wenn das Stabilisierungsziel von zwei Grad Celsius eingehalten werden kann. Zwei Grad werden die Weltwirtschaft vor enorme Herausforderungen stellen, aber sie werden die menschliche Zivilisation in ihrer Gesamtheit voraussichtlich nicht bedrohen.</p>
<p>Wird das Ziel jedoch verfehlt, droht ein unkontrollierbarer Klimawandel, dem nur noch mit beinhartem Krisenmanagement begegnet werden kann: Wirtschaftssysteme werden kollabieren und Millionen Menschen zur Migration gezwungen sein. Kriege werden um Wasser und urbares Land gef&uuml;hrt werden und jene Menschen, die beg&uuml;nstigte Zonen bewohnen, werden sich gegen die Begehrlichkeiten ihrer Nachbarn verteidigen. Es ist schwer vorherzusehen, welche politischen Systeme unter diesen Bedingungen &uuml;berleben oder neu entstehen w&uuml;rden. Vielleicht w&uuml;rde die Demokratie untergehen, vielleicht w&uuml;rden aber auch neue Formen der Demokratie entstehen. Eine Zeit des Improvisierens, Experimentierens und Reagierens w&uuml;rde anbrechen und politische Stabilit&auml;t w&auml;re wohl auf geraume Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Und wenn neun oder zehn Milliarden Menschen auf einem hei&szlig;en, zunehmend s&uuml;&szlig;wasserarmen und unfruchtbaren Planeten um ihr &ouml;konomisches und physisches &Uuml;berleben k&auml;mpfen m&uuml;ssen, dann muss davon ausgegangen werden, dass viele von ihnen diesen Kampf nicht &uuml;berleben werden.</p>
<p>Dieses dritte Szenario ist also nicht nur das des Scheiterns der Klimapolitik, sondern im Extremfall auch jenes des Scheiterns der Moderne als Menschheitsepoche. Ihr Potenzial k&ouml;nnte nicht l&auml;nger aktualisiert und die daf&uuml;r notwendige Ordnung nicht l&auml;nger stabilisiert werden. Dem Fortschritt w&uuml;rde sein <i>Telos</i> abhanden kommen und die Zukunft w&auml;re nicht mehr die lineare Projektion der Vergangenheit. Bei allem Schrecken, der dieser Vorstellung innewohnt, k&ouml;nnte dieses Szenario jedoch auch seine positiven Seiten haben: wenn der Begriff des Fortschritts seinen Sinn verliert, ergibt sich die M&ouml;glichkeit des Neubeginns. Vielleicht w&uuml;rde der Moderne eine Epoche folgen, deren Fortschrittsbegriff die Menschheit nicht erneut in den Abgrund f&uuml;hren w&uuml;rde.</p>
<p>Doch zum Abschluss m&uuml;ssen wir uns die Frage stellen, welches dieser drei Szenarien das wahrscheinlichste ist, und welche Handlungsanleitungen wir aus unserer Analyse ziehen sollen. Der Vorteil am Szenario des Klimakapitalismus ist, dass es ohne politische Revolutionen und ohne die komplette Neuerfindung der modernen Gesellschaft auskommt: es verl&auml;sst sich auf die gewohnten St&auml;rken des Kapitalismus und hofft, dass diese in der Lage sind, seine Schw&auml;chen zu besiegen. Der Nachteil an diesem Szenario ist, dass es derart stark von der Entwicklung neuer Technologien abh&auml;ngt, dass sein Er-folg aus heutiger Sicht &auml;u&szlig;erst unwahrscheinlich erscheint. Um eine weiter wachsende Weltwirtschaft vollst&auml;ndig zu entkarbonisieren, bed&uuml;rfte es einer wundersamen neuen Energiequelle, die zugleich hoch konzentrierte Energie liefert, als auch kosteng&uuml;nstig und massenhaft verf&uuml;gbar ist. Die heute bekannten erneuerbaren Energiequellen sind bisher nicht in der Lage, die Rolle der fossilen Energietr&auml;ger im Industriekapitalismus auch nur ann&auml;hernd zu ersetzen. In Ermangelung einer derartigen Wundertechnologie ist jedoch davon auszugehen, dass die verf&uuml;gbaren fossilen Energiespeicher (vor allem Kohle und Erdgas) im Dienste des Wirtschaftswachstums auch k&uuml;nftig gnadenlos aus-gebeutet werden. Klimakapitalismus wird sich stets zuerst um den Kapitalismus und erst dann um das Klima k&uuml;mmern. Gegen den Klimakapitalismus spricht au&szlig;erdem, dass die Klimaerw&auml;rmung ja nicht das einzige auf Dauer System bedrohende Problem ist: selbst wenn eine Dekarbonisierung der Weltwirtschaft gel&auml;nge, w&uuml;rde eine konstant wachsende Wirtschaft schnell an andere &ouml;kologische Grenzen sto&szlig;en &#8212; wie etwa die begrenzte Verf&uuml;gbarkeit nat&uuml;rlicher Ressourcen und landwirtschaftlich nutzbarer Fl&auml;chen. Selbst hartn&auml;ckige &ouml;kologische Modernisierungstheoretiker wie Martin J&auml;nicke sind sich dar&uuml;ber im Klaren, dass technologischer Fortschritt alleine letztlich nicht ausreicht:<br />&#8222;<i>In the end, the question of economic growth [&#8230;]can no longer be ignored</i>&#8222;.[17]</p>
<p>Das Szenario einer station&auml;ren Wirtschaft wiederum hat den Vorteil, dass es technologische mit sozialer und politischer Innovation kombinieren kann. Die Last wird damit auf verschiedene Subsysteme verteilt. Sein gro&szlig;er Nachteil jedoch besteht in seiner ungewissen politischen Durchsetzbarkeit. Eine station&auml;re Wirtschaft ben&ouml;tigt demokratische Steuerungsinstrumente, die erst entwickelt und getestet werden m&uuml;ssten, und selbst mit diesen w&auml;re ihre politische Stabilit&auml;t ungewiss. Das Modell der liberalen, repr&auml;sentativen Demokratie ist f&uuml;r diese Aufgabe nicht ger&uuml;stet: es ist als demokratisches Verwaltungssystem wachsender kapitalistischer &Ouml;konomien entstanden und ben&ouml;tigt eine dynamische und wachsende Wirtschaft als opake Wirklichkeitsquelle. Parlamentarische Demokratie funktioniert nur dann stabil, wenn Repr&auml;sentanten und Repr&auml;sentierte auf eine als beiden von au&szlig;en &#8222;gegebene&#8221;, scheinbar unabh&auml;ngige Wirklichkeit rekurrieren k&ouml;nnen. Der kapitalistische Markt generiert genau diese Art von Wirklichkeit. Sobald die Konturen der Gesellschaftswirklichkeit jedoch innerhalb des Verh&auml;ltnisses von Repr&auml;sentierten und Repr&auml;sentanten auf transparente Weise stets aufs Neue entschieden werden m&uuml;ssen, entsteht eine strukturelle Opposition zwischen beiden Teilen des Repr&auml;sentationsverh&auml;ltnisses, die schnell zum Zerfall des demokratischen Systems f&uuml;hren kann.[18] Daraus muss geschlossen werden, dass eine station&auml;re Wirtschaft nicht nur ein neues Verst&auml;ndnis f&uuml;r Begriffe wie Wohlstand und Fortschritt voraussetzt, sondern auch eine neuartige Form demokratischer Organisation, deren Funktionsweise heute noch unbekannt ist.</p>
<p>Was also sollte getan werden, um das dritte Szenario, jenes der Anpassung und der Krisenwirtschaft, nach M&ouml;glichkeit zu vermeiden? Ich glaube, dass jede Antwort auf diese Frage zun&auml;chst damit beginnen muss, dass wir uns von der Vorstellung einer selbstl&auml;ufigen, quasi evolution&auml;ren Modernisierung und somit von unserem linearen Fortschrittsbegriff trennen m&uuml;ssen. Egal, ob wir einen Klimakapitalismus oder eine neuartige Gesellschaftsform anstreben, die Monumentalit&auml;t der Aufgabe zwingt uns, weit reichende politische Entscheidungen zu treffen. Zun&auml;chst bedarf es technologischer Systembr&uuml;che und deren mutiger politischer Durchsetzung. Der Markt wird das nicht f&uuml;r uns erledigen. Demokratisch legitimierte, politische Steuerung von Produktionsmethoden und Konsummustern ist unabdingbar. Gewisse Produkte m&uuml;ssen schlicht und einfach durch politische Entscheidung vom Markt genommen werden. Zugleich sollten Forschungen und Experimente zur demokratischen Steuerung alternativer Wirtschaftssysteme betrieben werden. Solange jedoch selbst die Gr&uuml;nen von einem &#8222;Green New Deal&#8221; im Sinne des Klimakapitalismus sprechen, sind die Chancen gering, dass neue Fortschrittsideale rechtzeitig mehrheitsf&auml;hig werden. Dann hilft nur noch beten, dass irgendjemand beizeiten die wundersame klimaneutrale Energiequelle erfindet.</p>
<p>[1] Vgl. Huber, Joseph (2010 [1991]): Ecological Modernization: Beyond Scarcity and Bureaucracy, in: Arthur P.J. Mol, David A. Sonnenfeld; Gert Spaargaren (Hg.), The Ecological Modernisation Reader. London, Routledge, S. 56.<br />[2] Siehe ebd.<br />[3] Wallerstein, Immanuel (1986): Das moderne Weltsystem &#8212; Die Anf&auml;nge kapitalistischer Landwirtschaft und die europ&auml;ische Welt&ouml;konomie im 16. Jahrhundert. Frankfurt/Main, Syndikat.<br />[4] Vgl. etwa Niklas Luhmann (1996): Protest. Frankfurt/Main: Suhrkamp; sowie ders. (1986): &Ouml;kologische Kommunikation. Wiesbaden, Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.<br />[5] Vgl. Hausknost, Daniel (2005): Weg ist das Ziel. Zur Dekonstruktion der &Ouml;kologiebewegung. M&uuml;nster/Wien, LIT Verlag.<br />[6] Dieser Anspruch ist in Ulrich Becks Begriff der reflexiven Modernisierung ausgedr&uuml;ckt. Siehe Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. FrankfurdMain: Suhrkamp; sowie Beck, Ulrich; Giddens, Anthony; Lash, Scott (1996): Reflexive Modernisierung: Eine Kontroverse. Frankfurt/Main, Suhrkamp.<br />[7] World Commision on Environment and Development (1987): Our Common Future. Oxford, Oxford University Press.<br />[8] J&auml;nicke, Martin (2010 [1993]): &#8222;On Ecological and Political Modernization&#8221;, in: Arthur P.J. Mol, David A. Sonnenfeld; Gert Spaargaren (Hg.), The Ecological Modernisation Reader. London, Routledge, S. 29-30.<br />[9] Vgl. ebd., S. 30.<br />[10] Vgl. Baker, Susan (2007): `Sustainable Development as Symbolic Commitment: Declaratory Politics and the Seductive Appeal of Ecological Modernisation in the European Union&#8216;, in: Environmental Politics, Vol. 16, No. 2, S. 299.<br />[11] IPCC (2007): Climate Change 2007: Mitigation Contribution of Working Group III to the Fourth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge, Cambridge University Press.<br />78&nbsp;vorg&auml;nge Heft 3/2011, S. 70&#8212;78<br />[12] Vgl.: <a href="http://ec.europa.eu/dgs/jrc/downloads/jrc_090525_newsrelease_edgar.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://ec.europa.eu/dgs/jrc/downloads/jrc_090525_newsrelease_edgar.pdf</a>, Zugriff am 19. Oktober 2011.<br />[13] Jackson, Tim (2009): Prosperity Without Growth: Economics for a Finite Planet. London, Earthscan. S. 79 ff.<br />[14] Newell, Peter; Paterson, Matthew (2010): Climate Capitalism: Global Warming and Transformation of the Global Economy. Cambridge, Cambridge University Press.<br />[15] Daly, Herman (1992 [1977]): Steady-state economics. London, Earthscan.<br />[16] Jackson, a.a.O.<br />[17] J&auml;nicke, a. a. 0., S. 31.<br />[18] Ich habe diesen Gedanken n&auml;her ausgef&uuml;hrt in: Hausknost, Daniel (2011): Die Kunst des Unm&ouml;glichen: Zivilgesellschaftliche Organisationen und die Grenzen demokratischen Wandels, in: Wissenschaft &amp; Umwelt Interdisziplin&auml;r, Nr. 14/2011, S. 124-134.</p>
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		<title>Die neue &#8220; Große Transformation&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 09:20:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Übergang zu einem sozialökologischen und solidarischen Entwicklungspfad aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.79-88 1. Die Diagnose: Gesell&#173;schaft im Umbruch Selten zuvor gab es so viel und so rasant sich vollziehenden Wandel wie heute: technologischen, sozialen, demographischen, kulturellen und nicht zuletzt Wandel im globalen Machtgefüge. Das Neue aber ist, dass sich längerfristige Trends und [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Übergang zu einem sozialökologischen und solidarischen Entwicklungspfad</p>
<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.79-88</p>
<h5>1. Die Diagnose: Gesell&shy;schaft im Umbruch</h5>
<p>Selten zuvor gab es so viel und so rasant sich vollziehenden Wandel wie heute: technologischen, sozialen, demographischen, kulturellen und nicht zuletzt Wandel im globalen Machtgefüge. Das Neue aber ist, dass sich längerfristige Trends und Brüche abzeichnen, die als &#132;Historischer Übergang&#148; und &#132;Gesellschaft im Umbruch&#148; gedeutet werden können.</p>
<p>Der Kern dieser neuen Übergangs- und Umbruchsituation besteht darin, dass das über mehr als zwei Jahrhunderte hegemoniale Entwicklungs-, Wachstums- und Fortschrittsmodell an seine natürlichen und gesellschaftlichen Grenzen gestoßen und auf den Prüfstand gestellt ist. Dieses Modernisierungsmodell des Westens, das einst beachtlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt bewirkte, wird nun mit seinen Folgen zum &#132;Weltuntergangsmodell&#148; (Ulrich Beck) &#8211; vom ungebremsten Ressourcen-verbrauch über den Klimawandel bis zur Verschärfung der sozialen Ungleichheiten und Spaltungen weltweit. Bereits seit den 1970er Jahren zeichnete sich diese &#132;systemübergreifende Krise europäischer Industriegesellschaften&#148; ab, die die kapitalistischen des Westens ebenso traf wie die realsozialistischen des Ostens (Steiner 2006: 1). Es ist dies der Beginn eines &#132;fundamentalen gesellschaftlichen Strukturwandels&#148; und einer &#132;strukturellen Transformation&#148; (Jarausch 2006: 4). Erforderlich wurde ein neuer Typ nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung, sozialer Teilhabe und demokratischer Bürgerbeteiligung; ein alternativer Typ gesellschaftlichen Fortschritts.</p>
<p>Die staatssozialistisch-fordistischen Gesellschaften des Ostens fanden &#8211; aufgrund ihrer strukturellen Reformunfähigkeit &#8211; darauf keine überzeugende Antwort. Die Folge war die schleichende Erosion, die schließlich die Implosion ihres Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells bewirkte. Die Antwort in den kapitalistisch-fordistischen Gesellschaften hieß schließlich Neoliberalismus und Marktfundamentalismus, hieß restaurative Transformation. Damit verbunden war die Freisetzung von neuen Anpassungskapazitäten, Stabilitäts- und Innovationspotenzialen. Die Grenzen des bisherigen Pfades aber konnten nicht überwunden werden. Im Gegenteil. Das neoliberale Projekt, das 30 Jahre lang weltweit die Vorherrschaft innehatte, erodierte. Der Traum, Kapitalverwertung könne auf Kosten von Lohnarbeit, Sozialstaat, anderen Konkurrenten und gegen Gemeinwohl und Öffentlichkeit auf Dauer gewährleistet werden, zerplatzte (vgl. Land 2009, Reißig 2009a: 136-139).</p>
<p>Die postsozialistischen Transformationen nach 1989/90 waren doch nicht &#8211; wie damals im konservativen Mainstream prognostiziert &#8211; das &#132;Ende der großen Gesellschaftsalternativen&#148; (Bell 1989), und wurden nicht zum Ende der tief greifenden Wandlungsprozesse in Europa und der globalen Welt, sondern zu deren markantem Auftakt. Die Versuche, diese Transformation nach dem alten fordistisch-industriellen Wachstums- und Entwicklungsmodell zu vollziehen, konnten schon nicht mehr erfolgreich sein. Inzwischen sind auch die westlichen Gesellschaften in diese Übergangs- und Umbruchsituation unmittelbar involviert. Nach der (postsozialistischen) Transformation ist vor der Transformation (der gesamten Moderne). Der Ausgang dieser historischen und globalen Transformation aber ist offen.</p>
<h5>II. Der Diskurs: Zwischen Kontinuit&auml;t und Systembruch</h5>
<p>Diskurse widerspiegeln nicht nur gesellschaftliche Verhältnisse, sondern bereiten oft deren Veränderungen vor. Die aktuelle Situation des Übergangs, des Umbruchs hat die Debatte um den Zustand der Gesellschaften, um ihre Stabilität und Brüchigkeit, um ihre Zukunftsfähigkeit neu belebt und zu einem vielfältigen gesellschaftlichen Suchprozess geführt. Es gibt unterschiedliche strategische Vorstellungen, konzeptionelle Überlegungen, vielfältige Hoffnungen und Wünsche, aber &#8211; anders noch als 1989/90 &#8211; kaum geltende Gewissheiten. Stellen sich doch angesichts der neuen Herausforderungen grundlegende Fragen gesellschaftlicher Entwicklung und Gestaltung neu.</p>
<p>Die Atomkatastrophe von Fukushima hat die Frage nach dem Ende des Atomzeitalters schlagartig in den Mittelpunkt gerückt. In Deutschland wurden der Ausstieg aus der Kernenergie und die Einleitung einer Energiewende beschlossen. Ein Vorgang, der auch weltweit Zeichen setzt. Doch ist ein gesellschaftliches &#132;Weiter so&#148;, nun &#132;nur&#148; mit erneuerbaren Energien, wie es konservativ-wirtschaftsliberale Kreise betonen, wirklich möglich? Die Energiewende, der Übergang zu erneuerbaren Energien wie auch die Eindämmung des Klimawandels würden jedoch die Art und Weise des Wirtschaftens und Lebens nachhaltig verändern und hätten Konsequenzen für den gesamten Pfad sozioökonomischer und soziokultureller Entwicklung. Die damit verbundenen Fragen nach ungebremstem Wachstum und nachhaltiger Entwicklung, nach freiem Markt, sozialer Macht und gestaltendem Staat, nach Globalisierung und stärkerer Regionalisierung, nach liberaler Demokratie und neuer Bürgergesellschaft, nach weiterer Individualisierung und mehr Gemeinschaftlichkeit, nach alten Konsum- und neuen Lebensstilmustern sind gestellt. Letztlich geht es um die Frage, wie wollen und wie können wir künftig leben? Und &#8211; welcher Gesellschaftsvertrag, welches Entwicklungsmodell sind dafür am ehesten geeignet? Fragen, die in einer Demokratie legitim sind und öffentlich debattiert werden sollten.</p>
<p>Was in der gegenwärtigen Debatte jedoch auffällt ist, dass es zwar &#132;harte Daten der Klimaforschung und Energieprognostik gibt&#148;, aber &#132;bisher kaum ,weiche&#8216; Szenarienzur sozialen, politischen, ökonomischen und normativen Entwicklung in den verschiedenen Weltregionen&#148; (Leggewie 2010: 41). Dies ist umso problematischer, als es sich bei der neuen Transformation vor allem um eine Gesellschafts-Transformation handelt.</p>
<p>Im zeitgenössischen Diskurs um gesellschaftlichen Wandel und Übergang treten neben gemeinsamen auch recht unterschiedliche Positionen zutage:</p>
<ul>
<li>Übergang &#8211; noch immer interpretiert &#8211; als Fortführung des traditionellen Modernisierungs- und Fortschrittsmodells und Implementation des westlichen Wachstumsmodells im &#132;Rest&#148; der Welt (u, a. Bertelsmann Stiftung [Hrsg.] 2005: 41 ff.).</li>
<li> Übergang als &#132;reflexive Modernisierung&#148; und &#132;Zweite Moderne&#148; (Beck 2007) oder als neue, langwierige, widerspruchsvolle Evolution des Kapitalismus (u. a. in Anlehnung an Schumpeters theoretischem Evolutionsmodell) und mögliche Herausbildung eines &#132;Öko-Kapitalismus&#148;, eines &#132;Green New Deal&#148; (vgl, auch WBGU 2011, Land 2009). Mittels systemspezifischer Innovationen und Reformen soll eine ökologisch-industrielle Revolution ausgelöst werden, die zu einer neuen Phase dauerhaften Wirtschaftswachstums führen würde. Es spricht viel dafür, dass dies mittelfristig zum dominanten Diskurs und zum neuen hegemonialen Projekt in einer post-neoliberalen Entwicklungsphase des Kapitalismus wird.</li>
<li>Übergang als beginnendes Ende der Formation und des Weltsystems Kapitalismus, der seine inneren Konflikte und Krisen &#8211; darunter die Ökokrise &#8211; nicht mehr länger kanalisieren und beherrschen kann, und Herausbildung eines neuen Weltsystems in den nächsten 50 Jahren (Wallerstein 2002).</li>
<li>Übergang als offene Scheidewegsituation, als Entscheidungssituation, als ein Prozess der Evolution und Transformation, des Ringens um die Überwindung des fordistisch-industriellen Wachstums- und Fortschrittsmodells und des Suchens nach einem neuen, zukunftsfähigen sozioökonomischen und soziokulturellen Gesellschafts- und Entwicklungsmodell (u. a. Reißig 2009a).</li>
</ul>
<p>Idealtypisch verallgemeinert lassen sich in diesem Diskurs also drei grundlegende Positionen unterscheiden: Wandel (1.) als Fortf&#8217;~ihrung des traditionellen Wachstums-und marktliberalen Entwicklungsmodells bei begrenzter Anpassung der gegebenen Strukturen an neue, u. a, ökologische Gegebenheiten und Erfordernisse. Wandel (2.) als radikaler Systembruch, als Ende des Kapitalismus und der Etablierung eines ganz neu-en, ganz anderen Systems. Und Wandel (3.) als Reform, Evolution und Transformation der Moderne, als Suche nach einem neuen, zukunftsfähigen Pfad wirtschaftlicher, sozialer, kultureller Entwicklung.</p>
<p>Transformation wird zu einem neuen Such- und Leitbegriff unserer Zeit. Das erfordert, ihn inhaltlich zu füllen und das klassische Konzept sozialen Wandels auch theoretisch neu zu justieren und durch ein modernes Transformationskonzept zu qualifizieren. Hierauf kann in diesem Beitrag nicht weiter eingegangen werden (vgl. aber dazu Reißig 2009a: 15-66). Es sei lediglich angemerkt, dass der Begriff &#132;Transformation&#148; nur seinen Sinn erfüllt, wenn er als Synonym für Übergänge, Umformungen, Umgestaltungen und als Destruktion und Neukonstitution von Gesellschafts- und Entwicklungsmodellen bzw. sozialen Formationen gedacht und verstanden wird. Transformation ist ein besonderer Typ sozialen Wandels; ein intendierter, eingreifender Prozess gesellschaftlicher Veränderungen mit stark eigendynamischen, evolutionären und nicht vorhersehbaren Komponenten.</p>
<h5>III. Die Alter&shy;na&shy;tive: Der sozia&shy;l&shy;&ouml;ko&shy;lo&shy;gi&shy;sche Entwick&shy;lungs&shy;pfad</h5>
<p>Der gesamte bisherige Pfad wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung ist, wie gesagt, an seine Grenze gestoßen und könnte nur um den Preis irreversibler Schäden für Mensch, Natur und Gesellschaft fortgeführt werden. Die Alternative in dieser Übergangs- und Umbruchsituation heißt, das gesellschaftliche Naturverhältnis und die sozialen Verhältnisse in ihrem Zusammenhang neu zu gestalten durch den Übergang zu einem sozial-ökologischen, vor allem energie- und ressourceneffizienten und umweltkonsistenten, sowie solidarisch-kooperativen Entwicklungspfad. Es ist die konstruktive Antwort auf die beiden zentralen Konfliktlinien unserer Zeit: die Zerstörung der ökologischen Grundlagen menschlichen Lebens, der natürlichen Gemeingüter (Ressourcen, Klima, Wasser, Landschaft, Meere) und die soziale Zerklüftung und tendenzielle Zerstörung der Welt-Gesellschaft, der sozialen Gemeingüter (Arbeit, Bildung, Gesundheit, Vertrauen, sozialer Zusammenhalt der Gesellschaft).</p>
<p>Es handelt sich hierbei um den am tiefsten greifenden Struktur- und Gesellschaftswandel seit Beginn des Industriezeitalters, um den grundlegenden Wandel und Umbauprozess in der Geschichte der Moderne. Worum es also geht, kann man getrost als die neue &#132; Große Transformation&#148; bezeichnen. Hinsichtlich der Tiefe des Wandels vergleichbar mit den beiden fundamentalen Transformationen der Weltgeschichte: der Neolitischen Revolution, der Erfindung und Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht sowie der Industriellen Revolution (WBGU 2011: 5).</p>
<p>Karl Polanyi hat den Prozess der Herausbildung der modernen Industriegesellschaften, der kapitalistischen Marktwirtschaften, der rund 300 Jahre umfasste, grundlegend analysiert und beschrieben und als &#132;Great Transformation&#148; (1944) bezeichnet. Er unter-suchte vor allem das Spannungsverhältnis von Markt &#150; Gesellschaft &#150; Natur, die dabei besonders mit der &#132;Entbettung&#148; des Marktes aus seinen institutionellen Zusammenhängen verbundenen Gefahren für Mensch, Gesellschaft und Natur. Diese selbstregulierende wie selbstzerstörende Dynamik des freien Marktes müsse und könne durch einen neuen institutionellen Rahmen und demokratische Gegenbewegungen wieder eingehegt und eingebettet werdend. Polanyi sprach in diesem Zusammenhang vom &#132;Doppelcharakter&#148; der Transformation und er begründete die Notwendigkeit einer &#132;Neuen Demokratie&#148;, in der erst das soziale und ökologische Gleichgewicht der Gesellschaft wieder-hergestellt werden könne. Ein theoretisch-analytisches Konzept, an das auch die neue Transformationsforschung, aber auch die neue Transformationspolitik des 21. Jahrhunderts anknüpfen kann <br />(Reißig 2009b: 33-36).</p>
<p>Zugleich stellen sich mit dieser heutigen Großen Transformation viele neue Fragen, die zugleich neue Antworten verlangen. Das betrifft u. a. das Verhältnis von Evolution und Transformation, von Gesellschaft und Natur, von Transformation &#150; Wachstum &#150; Fortschritt. Waren z. B. die beiden großen Transformationen der Vergangenheit eher das Ergebnis evolutionären Wandels, so geht es bei dieser neuen Großen Transformati-on stärker um einen eingreifenden, um einen gestaltenden Wandel, in dem aber zugleich evolutionäre und selbstgesteuerte Elemente wirksam werden.Sozialökologische und solidarische Entwicklung &#150; das sind die beiden miteinander verbundenen Säulen, sind der Kern dieser Gesellschafts-Transformation im 21. Jahr-hundert. Dieser Pfadwechsel erfordert einen nachhaltigen Wandlungs- und Umbauprozess von Produktions- und Lebensweisen und damit ein neues Verständnis von Fortschritt. Ohne dass es für diese Transformation einen Masterplan gibt, sind mit einem solchen Pfadwechsel drei Erfordernisse gesellschaftlichen Wandels verbunden:</p>
<p>Zum einen der Übergang von der alles beherrschenden, inzwischen Natur und Gesellschaft gefährdenden Wachstumsökonomie zu einem alternativen, zu einem neuen <i>Wachstumspfad</i>, genauer <i>Entwicklungspfad,</i> der nachhaltig ist und zugleich auf neue Art Potenziale gesellschaftlicher, sozialer, kultureller Entwicklung kombiniert und freisetzt. Die Alternative heißt nicht Wachstum oder kein Wachstum, sondern primär destruktives Wachstum oder nachhaltige Entwicklung, heißt vor allem &#132;menschliche Entwicklung&#148; (UN-Bericht 2010). Denn kapitalistisches Wachstum als ungebremste &#132;Evolutionsmaschine&#148; schlägt immer öfter um in &#132;soziale Regression&#148;, geht einher mit zerstörerischen Folgen für Mensch, Natur, Gesellschaft (Dörre 2010: 57). In diesem neuen Transformationsprozess tritt der &#132;Entwicklungsgedanke&#148; als konstruktive Alternative zur traditionellen &#132;Wachstumslogik&#148; in den Mittelpunkt. Die Transformation steht vor der Aufgabe, diese Wachstumsökonomie schrittweise in ein nichtfossiles Wirtschaftssystem und einen neuen Typ nachhaltiger Entwicklung umzubauen (vgl. auch Land 2011: 99 ff ).</p>
<p>Zum anderen verlangt die neue Große Transformation den Übergang zu einem alternativen, <i>neuen Modell sozialer und demokratischer Teilhabe</i> statt zunehmenden und weltweiten Ausschlusses großer sozialer Gruppen und Regionen. Der Übergang zu einem nachhaltigen Wirtschaftspfad kann nur gelingen, wenn es zugleich zu neuen Formen sozialer und demokratischer Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger kommt. Die konkreten Wege zu dieser Teilhabe sind in den verschiedenen Weltregionen (z. B. Industrie- bzw. Schwellenländer) natürlich unterschiedlich und müssen erst noch gefunden und schrittweise durchgesetzt werden. Letztlich geht es jedoch um gleiche Teilhabe aller an Arbeit, Bildung, Gesundheit, Daseinsvorsorge, Kultur und öffentlichen Leben.Nachhaltige Entwicklung als soziale Teilhabe stellt die Frage nach dem &#132;Guten Leben&#148; (in westlichen Gesellschaften) neu, schon weil diese mit Umweltkompatibilität und Ressourceneffizienz vereinbar sein muss. Die Qualität des Lebens hängt &#150; wie die Erfahrungen der modernen Industriegesellschafien zeigen &#150; nicht allein vom Kaufen und Nutzen von Waren und Diensten (Massenkonsumtion) ab, sondern zu einem wesentlichen Teil von sinnvollem Tun, von gesunder Umwelt, guten Bildungschancen, ausreichender Gesundheitsvorsorge, Pflege menschlicher Beziehungen, zivilgesellschaftlicher Tätigkeit. Das alles ist nicht zuerst nur eine Frage des Geldes (Wohlstand), sondern vor allem auch der Zeit und der gleichberechtigten Teilhabe als Voraussetzung für Wohlfahrt (Scherhorn 2011: 97 ff., Etzioni 2011:328 ff.).</p>
<p>So oder so &#150; der sozialökologische, solidarische Pfadwechsel geht mit Änderungen der bisherigen Lebensweiseformen und Lebensstile einher. D. h. ohne kulturellen Wandel ist der ökonomische nicht realisierbar und umgekehrt.</p>
<p>Schließlich erfordert diese neue Transformation den Übergang zu einem globalen Modell nachhaltiger Entwicklung und zu einem alternativen, neuen Finanz-, Weltwirtschafts- und Sicherheitssystem, zu friedlichem, kooperativen Zusammenwirken und -leben der Menschen statt Konfrontation, marktradikaler Konkurrenz und globaler Ausbeutung.</p>
<p>Nationalstaatliche Pfade und gar Pfadwechsel sind heute mehr denn je global eingebettet und letztlich nur unter günstigen internationalen Bedingungen möglich. Diese zweite Große Transformation ist daher im wahrsten Sinne des Wortes nur als eine Gesellschafts-Transformation und eine <i>globale </i>Transformation vorstellbar. Eine Transformation, die ein hohes Maß an Steuerung bedingt und die auf ein neues Wachstums-, Entwicklungs- und Fortschrittsmodell abzielt. Geht es doch um den Übergang zu einem anderen Wirtschaften, anderen Arbeiten, anderer Teilhabe und anderer Lebensqualität. Diese Transformation kann und wird jedoch nicht nach einem Muster, nicht in eine Richtung verlaufen, sondern ist nur als vielfältiger Diskurs, als unterschiedlicher, widersprüchlicher Such- und Lernprozess, als Selbstorganisation und Partizipation denkbar. Dennoch ist sie nicht beliebig, da ihr Rahmen mit &#132;ökologisch&#148;, &#132;sozial&#148;, &#132;solidarisch&#148; abgesteckt ist.</p>
<p>Die Funktions- und Zukunftsfähigkeit der Gesellschaften wie der sich herausbilden-den Weltgesellschaft hängt im 21. Jahrhundert ganz offensichtlich vor allem von Entwicklungen ab, die sich stärker durch &#132;Nachhaltigkeit&#148;, &#132;Ressourceneffizienz und Umweltkompatibilität&#148;, durch &#132;Teilhabe&#148;, &#132;Gleichheit&#148; und &#132;demokratische Solidarität&#148; auf der Grundlage von Eigeninitiative, Selbstorganisation und individueller Freiheit aus-zeichnen. Darin widerspiegeln sich wichtige und neue Universalien einer zukunftsfähigen Entwicklung im 21. Jahrhundert.</p>
<h5>IV. Die normative Zielo&shy;ri&shy;en&shy;tie&shy;rung: Solida&shy;ri&shy;sche Teilha&shy;be&shy;ge&shy;sell&shy;schaft</h5>
<p>Das Ziel dieses Pfadwechsels, dieser Gesellschafts-Transformation ist eine ökologisch-nachhaltige und solidarische Gesellschaft, eine ökologisch-nachhaltige und solidarische Weltgesellschaft und Weltwirtschaft. Als normatives Leitbild ist eine nachhaltige, plurale &#132;Solidarische Teilhabegesellschaft&#148; die Alternative zur grundlegend gescheiterten staatssozialistischen &#132;Einheitsgesellschaft&#148;, aber auch zum früheren (fordistischen) Teilhabekapitalismus, besonders jedoch zur gegenwärtigen marktliberalen/-radikalen Konkurrenzgesellschaft. Solidargesellschaft ist in diesem Sinne auch nicht als Neuauflage eines klassischen &#132;Dritten Weges&#148; zu verstehen, sondern als eine grundlegende Transformation und Neukonstituierung der Moderne hin zu einem Pfad sozialökologischer und solidarischer Entwicklung. Umfangreiche Untersuchungen und Vergleichsstudien zu den modernen kapitalistischen Gesellschaften belegen schon jetzt, dass eher egalitär und gerechter strukturierte Gesellschaften sowohl besser funktionieren als auch die Menschen zufriedener machen (Wilkinson/Pickett 2010).</p>
<p>Aber ohne strukturelle Eingriffe in die Logik kapitalistischer Akkumulation, ohne sozial- und umweltverträgliche Bindung des Eigentums, ohne neues wirtschaftliches und gesellschaftliches Regulationssystem, ohne dass vor allem die demokratische Ge-sellschaft die Macht und den Primat (wieder oder neu) erlangt, ist die Herausbildung einer nachhaltigen, solidarischen Teilhabegesellschaft schwer vorstellbar.</p>
<p>Eine solche Gesellschaftsform muss, da es in modernen pluralen Gesellschaften immer unterschiedliche Präferenzen gibt, ausgehandelt und ausgekämpft werden. Sie kann nur auf demokratische Art und Weise und nur im demokratischen Konsens breiter gesellschaftlicher und politischer Akteurskoalitionen entstehen und sich entwickeln. Diese Gesellschaftsform würde weder Systembruch im klassischen Sinne bedeuten, noch Anpassung und Fortschreibung der traditionell-fordistischen oder gar der marktliberalen, finanzmarktgetriebenen Entwicklungslogiken.</p>
<p>Ein neues Transformationsverständnis verabschiedet sich auch vom alten Fortschrittsdenken und -glauben sowie dem ihnen zugrunde liegenden kausalen Entwicklungsmodell; zumindest in zweifacher Hinsicht. Zum einen: Statt Determinismus und Gesetzesfetischismus Entscheidungssituation, statt Logik der Fortschreibung Logik der Alternative (Schulze 2004: 193). Alternative und Zukunft gibt es wie Gesellschaft jedoch nur im Plural. Geschichte und Gesellschaft werden als offener Entwicklüngs- und Veränderungsprozess und fern vom Bild einer konfliktfreien und harmonischen (Zukunfts-)Gesellschaft, die es so nie geben kann, interpretiert. Fortschritt in diesem Sinne ist möglich, aber nicht sicher.</p>
<p>Zum anderen: Fortschritt selbst ist vor allem neu zu definieren, denn was traditionell als Fortschritt &#150; schneller, höher, weiter &#150; verstanden wurde, erweist sich heute immer mehr als Bremsklotz, ja als Gefährdung der Zivilisation. Fortschritt nicht mehr länger als Fortsetzung des alten Steigerungsspiels und als quantitatives Wachstum des BIP, sondern vor allem als Substanzerhalt und nachhaltige Entwicklung, als Gestaltung einer gerechten und solidarischen Gesellschaft, als Zugewinn individueller Freiheit und Selbstbestimmung, als neue soziale und humane Lebensqualität. Eine Entwicklung, die sich nicht auf Kosten der zukünftigen Generationen vollzieht und globale Dimensionen erfordert. Deshalb muss auch Gelingen oder Misslingen von Transformation in diesem Sinne neu &#132;vermessen&#148; werden.</p>
<h5>V. Strategien und Wege</h5>
<p>Ob sich ein solcher aus den Konflikten und neuen Herausforderungen abgeleiteter und theoretisch als überlegen konzipierter wirtschaftlicher und sozialer Pfad im Evolutionsund Transformationsprozess praktisch auch durchsetzen wird, ist keineswegs sicher. Mehr noch: im Grunde soll etwas entstehen, was letztlich gar nicht entstehen kann (vgl. Brie 2011: 71). Dieses Paradoxon der Transformation zu bearbeiten bzw. aufzulösen, ist die eigentliche Herkulesarbeit in dieser neuen Transformation.</p>
<p>Diese stößt auf enorme objektive und subjektive Blockaden und Hürden. Sie ist konfrontiert mit der institutionellen Verfestigung des alten Entwicklungspfades und mit der Machtfülle und Anpassungsfähigkeit des dominierenden und eher am Gegebenen orientierten konservativ-wirtschaftsliberalen Blocks, aber auch mit der Langwierigkeit des Wandels von verinnerlichten Werten, Konsummustern und Lebensstilen selbst bei denen, die diesen Wandel eigentlich bejahen. Nicht zuletzt ist die Frage nach der Steuerung dieses gesellschaftlichen Wandels und der Herausbildung neuer, hegemonialer Akteurskoalitionen bis heute offen. In einer solchen historischen Scheidewegsituation sind deshalb stets verschiedene Entwicklungsszenarien möglich.</p>
<p>Die Möglichkeit eines Pfadwechsels ergibt sich nicht so sehr aus theoretischen Konzepten, für die hinreichende Argumente und Wahlmehrheiten gefunden werden, sondern vor allem aus den Kämpfen und Arrangements der großen gesellschaftlichen Interessensgruppen und günstigen internationalen Bedingungen (Vester 2011: 39/40). Dies lässt sich sowohl am Beispiel des &#132;New Deal&#148; in den USA und der Herausbildung des fordistischen Pfades in den kapitalistischen Industrieländern nach dem Zweiten Welt-krieg aufzeigen wie gerade auch am Aufstieg des neoliberalen Pfadmodells seit Mitte der 70er Jahre.</p>
<p>Die Moderne enthält &#8211; wie die Geschichte zeigt &#8211; auf jeden Fall unterschiedliche, gestaltbare und auch alternative Entwicklungspfade. Die neuen sozialen und politischen Spannungen, die ökologischen Katastrophen wie die von Fukushima, der fortschreiten-de Klimawandel führen heute zu neuen Interessenkonstellationen und gesellschaftlichen Arrangements. Verschiedene gesellschaftliche Bewegungskräfte, Intellektuelle, kritische Eliten, aber auch Teile des Unternehmertums und aufgeschlossene Kreise im politisch-administrativen System suchen nach sozialökologischen Alternativen und Entwicklungswegen. Dabei verlangt eine &#132;Große Transformation&#148; keine Politik großer Transformationsprojekte, sondern konkrete Schritte, konkrete Alternativen und konkrete Einstiegsprojekte &#8211; zur Erweiterung der Demokratie, der Freiheitsrechte der BürgerInnen, zur Stärkung von Gleichheit und Solidarität in der gegebenen Gesellschaft. Forderungen und Alternativen, die von den spezifischen Lebenswelten, Interessen, Wünschen und Hoffnungen der Menschen getragen sind und diese zu selbsttätigen Handeln veranlassen. Schon heute ist ein solcher Transformationsprozess praktisch sichtbar:</p>
<p>Transformation &#8211; als Weg zu <i>sozialökologischem Umbau </i>und nachhaltiger Entwicklung: z. B. durch autonome Energie-Dörfer, -Regionen; durch ökologische Netzwerke, die das Regionale und Gemeinschaftliche wiederentdecken; durch Genossenschaften, durch Formen solidarischer Ökonomie.</p>
<p>Transformation &#8211; als Weg zu <i>sozialer Teilhabe</i>: z. B. &#132;gute Arbeit&#148;, &#132;gute Bildung&#148;, repressionsfreies Grundeinkommen, Bürgerversicherung.Transformation &#8211; als Weg zur<i> Demokratisierung </i>von Gesellschaft und Wirtschaft: z. B. öffentliche Kontrolle über öffentliche Güter, Erweiterung der liberalen Demokratie durch Stärkung der Parlamente, durch Weiterentwicklung der sozialen und demokratischen Grundrechte, durch neue Formen der Bürgerbeteiligung und durch spezifische Formen von Wirtschaftsdemokratie.</p>
<p>Transformation &#8211; als Weg zu neuer <i>Wohlfahrt</i>, in der saubere Umwelt, Bildungschancen für alle, gute Gesundheitsfürsorge, Vielfalt sozialer Beziehungen, mehr Zeit für Muße und Kultur eine wichtige Rolle spielen. Nur in einem solchen Prozess &#8211; und das ist entscheidend -kann sich die &#132;Transformationsfähigkeit&#148; der Gesellschaft und die &#132;Handlungsfähigkeit&#148; der Akteure heraus-bilden und stärken. Dieser Wandel und Umbau vollzieht sich &#8211; wie historische und aktuelle Erfahrungen zeigen &#8211; sowohl auf der Grundlage der bestehenden Institutionen als auch durch deren Symbiose wie schließlich durch das Entstehen neuer Institutionen.</p>
<p>Ziel und Mittel fallen in dieser Transformation nicht mehr länger auseinander, sondern bedingen sich wechselseitig. Im Ringen um solche Alternativen, Projekte, Netzwerke kommt es &#8211; wie empirische Studien belegen &#8211; zu Wandlungen auf lokaler und regionaler Ebene. Hier entsteht ein gewisses Wir-Gefühl, ein Wandel von Einstellungen (&#132;Ja, Veränderungen sind möglich&#8220;), Lebensstilen, kulturellen Identitäten. Es wird &#132;Insellösungen&#148; geben, die für sich genommen absorbierbar sind, in ihrer Kombination und be= sonders in historischen und gesellschaftlichen Umbruchphasen aber eine spezifische Eigendynamik und transformatorische Wandlungsprozesse auszulösen vermögen. Gesellschafts-Transformation, auch das belegen historische Beispiele, kann sich erfolgreich nur als Wandel von &#132;Unten&#148; und von &#132;Oben&#148; vollziehen. Ob aus diesen heutigen &#132;kleinen Transformationen&#148; morgen einmal die &#132;Große Transformation&#148; erwächst, kann nicht vorausgesagt werden. Nur was vorausgesagt werden kann, ist, dass es ohne diese konkreten Alternativen, Projekte und Transformationsschritte die erforderliche &#132;Große Transformation&#148; nicht geben wird.</p>
<p>Wenn erfolgreiche Gesellschafts-Transformation also hier und heute beginnt, beginnen muss, dann kann sie aber auf Dauer auch nur erfolgreich sein, wenn sie am Ziel des Richtungs- und Pfadwechsels orientiert ist. Notwendig ist deshalb ein gesellschaftliches Narrativ, ein <br />ZukunftsKonzept (keine Endziel-Projektion) von einer besseren, gerechteren und freieren Gesellschaft. Dies gilt es positiv zu kommunizieren, d. h. Wandel und Transformation auch als Anstrengung und Mühen, aber nicht als Zumutung und Bedrohung, sondern als berechtigte Hoffnung für die Menschen. Hoffnung ist, wie Sartre es nannte, eine Triebkraft gesellschaftlicher Veränderungen.</p>
<p>Entscheidend wird letztlich sein, ob die gewachsenen demokratisch-emanzipativen Potenziale in der Gesellschaft zu einer Selbstermächtigung der BürgerInnen, zu einer Bürgergesellschaft, zu einer neuen &#132;Soziale Macht&#148; (Wright 2010) führen, die schließlich die wirtschaftliche und staatliche Macht demokratisch kontrolliert und den sozial-ökologischen und solidarischen Umbau im breiten demokratischen Konsens initiiert und vorantreibt.</p>
<p>Das Schlüsselwort, das Schlüsselkonzept gesellschaftlichen Wandels heißt heute also weder Reform noch Revolution, sondern &#132;emanzipative Transformation&#148;; heißt heute konkret Pfadwechsel mit neuen Wegweisern, heißt Übergang zu einem Gesellschaftsund Fortschrittsmodell, das eine neue sozialökologische und solidarische Entwicklungsund Lebensweise generiert.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Baethge, Martin/Bartelheimer, Peter (2005): Deutschland im Umbruch, in: Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland. Wiesbaden, S. 11-37.<br />Beck, Ulrich (2007): Weltrisikogesellschaft Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, Frankfurt/Main.<br />Bell, Daniel (1989): Beitrag, in: Die Zeit, 19. Dezember.<br />Bertelsmann Stiftung (Hg.) (2005): Bertelsmann Transformation Index 2006 Auf dem Weg zur markt-<br />wirtschaftlichen Demokratie, Gütersloh.<br />88 vorgänge Heft 3/2011, S. 79&#151;88<br />Brie, Michael (2011): Die Fähigkeit zur Transformation &#151; Fortschrittskriterium heutiger Gesellschaften, in: Thomas, Michael (Hg.): Transformation moderner Gesellschaften und Überleben in alten Regionen, Debatten und Deutungen, Münster, Berlin.<br />Dörre, Klaus (2010): Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung. Replik zur Kritik, in: Sozialismus 5. Hamburg, S. 55-59.<br />Esping-Andersen, G~sta(1990): The Three Worlds of Welfare Capitalism, Cambridge.<br />Hall, Stuart/Held, David/Hubert, Don/Thompson, Kenneth (1996): Modernity Introduction to Modern Societies, Cambridge.<br />Etzioni, Amitai (2011): Eine neue Charakterisierung des guten Lebens, in: Welzer, Harald/Wiegand, Klaus (Hg.), a. a. 0., S. 328&#151;338.<br />Jarausch, Konrad H. (2006): Krise oder Aufbruch? Historische Annäherungen an die 1970er Jahre, in:<br />Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe 3, S 4-10.<br />Land, Rainer (2009): Transformation des Kapitalismus. Roosevelt und Obama, in: Theater der Zeit,<br />Arbeitsbuch 7/8, S. 74-79.<br />Land, Rainer (2011): Zur Unterscheidung zwischen Wirtschaftswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung, in: Thomas, Michael (Hg.), a. a. 0., S. 99&#151;137.<br />Leggewie, Claus/Welzer, Harald (2009): Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Frankfurt am Main. Leggewie, Claus (2010): Futur zwei. Klimawandel als Gesellschaftswandel, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 32/33, S. 40&#151;46.<br />Polanyi, Karl (1944/1978): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt/Main.<br />Reißig, Rolf (2009a): Gesellschafts-Transformation im 21. Jahrhundert Ein neues Konzept sozialen Wandels, Wiesbaden.<br />Reißig, Rolf (2009b): Wie aktuell ist Polanyis Transformationsansatz?, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 4, Berlin, S. 33-36.<br />Scherhorn, Gerhard (2011): Die Politik entkam der Wachstumsfalle. Ein Bericht aus dem Jahre 2050, in: Welzer, Harald/Wiegand, Klaus (Hg.), a. a. 0., S. 64&#151;102.<br />Schulze, Gerhard (2004): Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Frankfurt/Main.<br />Schumpeter, Joseph A. (1942/1975): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München.<br />Steiner, Andre (2006): Bundesrepublik und DDR in der Doppelkrise europäischer Industriegesellschaf-<br />ten Zum sozialökonomischen Wandel in den 1970er Jahren, in: Zeithistorische Forschun-<br />gen/Studies in Contemporary History. Online -Ausgabe 3, S. 1&#151;3.<br />UN (2010): Bericht über menschliche Entwicklung, Washington.<br />Vester, Michael (2011): Auf dem Weg zu einem &#132;partizipatorischen&#148; Wohlfahrtsstaat?, in: perspektiven ds 1, S. 27-49.<br />Wallerstein, Immanuel (2002): Utopistik. Historische Alternativen des 21. Jahrhunderts. Wien. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation (Zusammenfassung), Berlin.<br />Welzer, Harald/Wiegand, Klaus (Hg.) (2011.): Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung, Frankfurt/Main.<br />Wilkinson, Richard/Pickett, Kate (2010): Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, Frankfurt/Main, Berlin.<br />Wright, Erik Olin (2010): Envisioning Real Utopias, London, New York.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/die-neue-grosse-transformation/">Die neue &#8220; Große Transformation&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Welcher Fortschritt macht Glücklicher?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/welcher-fortschritt-macht-gluecklicher/</link>
		
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 09:10:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Über Unsinn und Zweck wirtschaftlichen Wachstums aus : Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.89-97 1. Gl&#252;ck und Einkommen Das durchschnittliche Glücksempfinden bzw. die Zufriedenheit der Menschen in entwickelten Ländern nimmt schon lange nicht mehr zu, obwohl die durchschnittlichen Einkommen sich mit dem Wirtschaftswachstum stets weiter erhöhen. Das belegen zahlreiche empirische Studien und dieses Resultat ist [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Über Unsinn und Zweck wirtschaftlichen Wachstums</p>
<p>aus : Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S.89-97</p>
<h5>1. Gl&uuml;ck und Einkommen</h5>
<p>Das durchschnittliche Glücksempfinden bzw. die Zufriedenheit der Menschen in entwickelten Ländern nimmt schon lange nicht mehr zu, obwohl die durchschnittlichen Einkommen sich mit dem Wirtschaftswachstum stets weiter erhöhen. Das belegen zahlreiche empirische Studien und dieses Resultat ist in der Literatur auch unter dem Begriff &#132;Easterlin Paradox&#148; bekannt.[1] Es ginge den Menschen insgesamt besser, wenn sie mehr Zeit hätten und dafür auf zusätzliches Einkommen verzichten würden. So zeigt etwa eine Untersuchung, dass Menschen, die Überstunden machen und deshalb mehr verdienen, dadurch nicht glücklicher werden.[2] Trotzdem machen aber viele Menschen freiwillig Überstunden und streben generell nach einem immer noch höheren Einkommen. Die interessante Frage lautet deshalb: Wenn die Menschen ein anderes Verhalten glücklicher machen würde, warum ändern sie es dann nicht?</p>
<p>Der Grund liegt in den so genannten Tretmühleneffekten.[3]Auf einer Tretmühle kann man immer schneller laufen und diese immer schneller bewegen, doch man bleibt immer am selben Ort. Genau gleich verhält es sich mit dem menschlichen Streben, durch mehr Einkommen glücklicher zu werden. Die Menschen werden dadurch zwar immer reicher, aber was ihr Glücksempfinden betrifft, treten sie auf der Stelle. Die Hoffnung auf mehr Glück wird ständig enttäuscht, dennoch wird an diesem irrationalen Glauben festgehalten.</p>
<p>Dass Geld nicht glücklich macht, ist keine neue Erkenntnis. Wir alle kennen diese Redewendung seit früher Kindheit. Aber es gibt einen neuen Gedanken, der die alte Volksweisheit wieder in Frage stellt. Er lautet: &#132;Menschen, die behaupten, dass Geld nicht glücklich macht, wissen nicht, wo einkaufen.&#148; Was ist nun richtig? Die überraschende Antwort lautet: Beide Aussagen treffen heute zu. Die Glücksforschung zeigt uns deutlich, dass mehr Einkommen die Menschen in entwickelten Ländern im Durch-schnitt nicht glücklicher macht[4] Doch es stimmt auch, dass wir nur selten wissen, was und wo wir einkaufen sollen, um tatsächlich glücklicher zu werden. Dies ist aber ein viel tieferes Problem, als es die obige Aussage suggeriert. Mit der Entwicklung hin zu einer Multioptionsgesellschaft wird es immer schwieriger, die Produkte, Dienstleistungen oder Freizeitbeschäftigungen zu finden, die wir tatsächlich bräuchten, um glücklicher zu sein. Wir ertrinken in der Fülle von Möglichkeiten und haben nur mehr selten die Zeit, eine vernünftige Auswahl zu treffen. Der amerikanische Psychologe Barry Schwartz (2004) hat dieses Phänomen in seinem Buch &#132;The Tyranny of Choice&#148; (dt.: Anleitung zur Unzufriedenheit) eindringlich beschrieben. Er zeigt, wie die wachsende Zahl an Produkten und Dienstleistungen und die immer zahlreicher werdenden Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, also die Auswahl zunehmend zur Tyrannei wird. Und diese Tyrannei ist bereits ein Teil der Erklärung, warum Menschen mit steigendem Einkommen nicht glücklicher werden.</p>
<p>Dazu kommt, dass es zwar immer mehr Produkte und Dienstleistungen gibt, aber Dinge wie Liebe, Erfolg, Gesundheit oder Schönheit, die wirklich glücklich machen würden, sind nach wie vor nur selten käuflich erwerbbar. Zwar zeigt die Werbung ständig Menschen, die dank neuer Produkte, Seminare, Kurse oder Diäten liebesfähiger, erfolgreicher, schöner und gesünder geworden sind. Doch wenn man es dann selbst versucht, scheitert man oft kläglich. Das &#132;Nicht-Wissen, wo einkaufen&#148; ist für den modernen Menschen zu einem existenziellen Zustand geworden, der ihn auf unangenehme Weise an seine eigenen Grenzen in einer Gesellschaft der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten erinnert. Mehr Einkommen in mehr Glück zu verwandeln, wird somit zunehmend zur Sisyphusarbeit.</p>
<p>Wir sollten uns wieder auf den eigentlichen Daseinszweck der Wirtschaft besinnen, den George Bernhard Shaw folgendermaßen beschrieben hat: &#132;Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus unserem Leben zu machen.&#148; Mit anderen Worten: Es geht nicht um Einkommensmaximierung, sondern um Glück, Zufriedenheit, Lebensqualität oder noch wissenschaftlicher ausgedrückt, subjektives Wohlbefinden. Wozu sonst verdient man schließlich sein Geld, das man ja bekanntlich am Ende des Lebens nicht mitnehmen kann?</p>
<p>Der Ausbruch aus den Tretmühlen ist allerdings kein einfacher Prozess, denn diese sind gleichzeitig auch treibende Kräfte des Wirtschaftswachstums. Einerseits ermöglichen sie unseren Wohlstand, aber auf der anderen Seite hindern sie uns an einem glücklicheren Leben. Mit anderen Worten: Ohne Tretmühlen gibt es kein Wirtschaftswachstum und ohne Wachstum geraten moderne Volkswirtschaften in ernsthafte Schwierigkeiten. Dahinter steckt ein grundsätzliches Dilemma moderner Wirtschaften.</p>
<h5>II. Was ist das Ziel &ouml;kono&shy;mi&shy;scher T&auml;tigkeit?</h5>
<p>Aus ökonomischer Sicht geht es bei der Suche nach der Verwirklichung eines glücklichen Lebens um einen zweistufigen Prozess. Erstens müssen wir ein Einkommen erzielen, damit wir uns die Dinge überhaupt leisten können, die wir für ein glückliches Leben brauchen. In dieser Hinsicht sind wir in den Industrieländern im Allgemeinen Profis. Von klein auf lernen wir die Fähigkeiten, die es braucht, um in der Arbeitswelt Karriere zu machen und viel Geld zu verdienen. Leider reicht das aber nicht aus, wie viele Menschen in ihrem späteren Leben schmerzlich erfahren müssen. Man muss auch -iri dcr-Lagc-seüi; das ve~ete-Einkommen so zu verwenden,-dass es tatsächlich glücklich macht. Das ist die zweite und noch schwierigere Stufe bei der Verwirklichung eines glücklichen Lebens. Und in dieser Beziehung sind wir oft grauenhafte Amateure. So gut wir beim Geldverdienen sein mögen, so schlecht sind wir bei der Umsetzung des Einkommens in Glück oder Zufriedenheit. Die dafür erforderlichen Fähigkeiten, die sich mit dem französischen Begriff &#132;Savoir-vivre&#148; oder dem deutschen Wort &#132;Lebenskunst&#148; umschreiben lassen, werden uns in der Schule nicht beigebracht.</p>
<p>Ein Mensch, der nur ans Geldverdienen und Karrieremachen denkt, handelt in Wirklichkeit unökonomisch, weil er damit sein Glück nicht maximiert. Er verhält sich ineffizient, und zwar in dem Sinn, dass er seine ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht optimal nutzt. Die wesentlichen Ressourcen für den einzelnen Menschen sind Zeit und Geld. Das Ziel muss sein, den optimalen Mix von Zeit und Geld zu finden, der zu einem möglichst glücklichen Leben führt. Bei der Frage nach dem Glück des Einzelnen trifft sich somit die ökonomische Betrachtungsweise mit der Psychologie bzw. der Philosophie. Daher sollte nicht weiter überraschen, dass Ökonomen sich in neuster Zeit verstärkt mit dem Glücksthema beschäftigen. Es geht um eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Zweck des Wirtschaftens, der nicht in der Einkommensmaximierung sondern in der Führung eines glücklichen Lebens besteht.</p>
<p>Die hier vertretene ökonomische Perspektive deckt sich wesentlich mit der Auffassung des Philosophen Jeremy Bentham (1789), der vor mehr als zweihundert Jahren in England lebte. Bentham ging davon aus, dass die Menschen nach einem glücklichen Leben streben und die beste Gesellschaft demzufolge diejenige ist, in der die Menschen insgesamt am glücklichsten sind. In der Folge erwies sich dieser zunächst einleuchtende Gedanke allerdings als problematisch. Wie sollte man feststellen, wie glücklich die Menschen insgesamt in einem Land sind? Und was heißt das überhaupt: &#132;glücklich sein&#148;? Diesen Fragen fühlten sich die Ökonomen bald nicht mehr gewachsen und so strichen sie den Begriff des Glücks aus ihrer Theorie und ersetzten ihn durch den harmloseren Begriff des Nutzens. Harmlos ist dieser Begriff insofern, als er vorsichtshalber so definiert wurde, dass er gar nicht messbar ist. Der Nutzen, so wie er heute in der ökonomischen Theorie verwendet wird, ist eine so genannte ordinale Größe. Es lassen sich nur Aussagen darüber machen, ob der Nutzen eines Individuums durch bestimmte Handlungen zu- oder abnimmt, aber nicht, um wie viel er zu- oder abnimmt. Aus diesem Grund lässt sich der Nutzen verschiedener Güter nicht einfach addieren und auch der Nutzen verschiedener Menschen lässt sich nicht quantitativ vergleichen. Beobachten können wir gemäß der Annahmen der heutigen Standardökonomie nur die Folgen der Nutzenmaximierung der Individuen. Diese führt dazu, dass die Menschen, wenn sie rational handeln, das tun, was für sie am besten ist. Und tun sie das nicht, dann verhalten sie sich irrational, womit die meisten Ökonomen bis vor Kurzem nichts zu tun haben wollten. Erst in neuester Zeit erkennt auch die ökonomische Forschung, dass man das Verhalten der Menschen nur verstehen kann, wenn man ihnen eine gehörige Portion Irrationalität zugesteht.</p>
<p>In der wirtschaftlichen und politischen Praxis konnte man mit dem nicht messbaren und blutleeren Nutzenbegriff der Ökonomie allerdings nie viel anfangen. Dort steht bis heute das Wachstum des Bruttoinlandproduktes im Mittelpunkt des Interesses und nicht, wie sich dies Bentham vorgestellt hatte, das Glück der Menschen. Doch wenn Wachstum nicht glücklicher macht, dann macht die einseitige Ausrichtung der wirtschaftlichen Tätigkeit am Wachstum auch keinen Sinn .[5] In der ökonomischen Theorie ist Wachstum ein Mittel und nicht ein Zweck. In der Realität ist dieses Mittel aber längst zum Zweck geworden, und kaum jemand spricht heute mehr von einem glücklichen Leben, wenn es um wirtschaftliche Fragestellungen geht. Doch so langsam dämmert es einigen Menschen, dass wir uns verrannt haben. Das erkennt man etwa daran, dass die permanente Steigerung von Effizienz, Produktivität, Innovationsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Rentabilität zu modernen Glaubensdogmen geworden sind. Für heutige Manager gibt es kein hehreres und schöneres Ziel als die Steigerung der eben genannten Größen. Man muss nicht mehr wissen, warum man die Effizienz oder Produktivität erhöht, denn eine solche Erhöhung ist an sich gut. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum. Steigerungen von Effizienz oder Produktivität führen häufig zu einer Beschleunigung der in diesem Buch geschilderten Tretmühleneffekte und verhindern (damit) das Glück, statt es zu fördern.</p>
<h5>III.Das Dilemma moderner Wirtschaften</h5>
<p>Jede Zeit produziert ihre eigenen Verrücktheiten, die dann später kaum mehr nachvollziehbar sind. Schon heute fragen wir uns, wie es möglich war, dass sich die Menschen in Russland und anderen osteuropäischen Ländern ihr Leben über fast 100 Jahre mit dem Kommunismus vermiesen ließen. Und unser Verständnis hört ganz auf, wenn es um Inquisition oder Hexenverbrennungen geht, womit Kirche und staatliche Justiz über lange Zeit Angst und Schrecken verbreiteten. Doch wir sollten vorsichtig sein. Spätere Generationen werden sich wahrscheinlich auch einmal fragen, warum sich die Menschen in der heutigen Gesellschaft trotz eines zuvor nie da gewesenen Wohlstands ständig noch mehr stressen ließen, statt diesen Wohlstand zu genießen. Vor fast 2000 Jahren degenerierte das damals reiche Rom, weil sich seine Bürger buchstäblich zu Tode amüsierten. Im Vomitorium steckten sie sich einen Finger in den Hals, um die gerade genossenen Leckerbissen wieder heraus zu kotzen, damit sie noch mehr Köstlichkeiten zu sich nehmen konnten. So erfanden die alten Römer ständig noch perversere und raffinierte Methoden, um ihren Wohlstand zu verprassen. Doch dieser Degenerationsprozess war immerhin unterhaltsam und mit einem &#151; wenn auch fragwürdigen &#151; Genuss verbunden. In den Industrieländern laufen wir heute jedoch Gefahr, auf eine viel unattraktivere Art zu degenerieren. Es lohnt sich, dagegen etwas zu unternehmen.</p>
<p>Obwohl die Tretmühlen des Glücks sich auf das Wohlbefinden des Einzelnen negativ auswirken, ist unsere heutige Wirtschaft auf diese angewiesen. Würden die Tretmühlen komplett verschwind&#8217;en, gäbe es bald auch kein Wirtschaftswachstum mehr. Das ist das grundlegende Dilemma, welches heute für entwickelte Volkswirtschaften charakteristisch ist. Die Tretmühlen hindern uns daran, mit dem durch das Wirtschaftswachstum stets zunehmenden Wohlstand glücklicher zu werden. Aber sie sind gleichzeitig eine Voraussetzung für dieses Wachstum. Die Werbung und die Massenmedien ermuntern uns deshalb unaufhörlich, die Tretmühlen weiter laufen zu lassen, denn sonst wäre das Wirtschaftswachstum bedroht.</p>
<p>Hoffnung auf eine immer noch bessere Zukunft ist essentiell für das Wirtschaftswachstum. Das eben beschriebene Dilemma führt dazu, dass es zwischen den beiden Zielen Glück und Wachstum keine Harmonie gibt. Gäbe es keine Statustretmühle, dann würden die Menschen viel weniger Geld für teure Statusgüter ausgeben. Gäbe es keine Anspruchstretmühle, dann würden die Menschen nicht ständig Geld für materielle Güter ausgeben, an denen sie nach kürzester Zeit die Freude verlieren. Gäbe es keine Multioptionstretmühle, dann würden die Menschen den Konsum auf ein paar wenige Produkte beschränken, deren Märkte meist längst gesättigt sind. Und gäbe es keine Zeitspartretmühle, dann würden die Menschen einfach damit anfangen, ihre Freizeit zu genießen, statt immer wieder Geld für neue zeitsparende Lösungen auszugeben.[6].Die Suche nach Status, die steigenden Ansprüche, die ständige Suche nach neuen und besseren Optionen und die stetigen Versuche, noch mehr Zeit zu sparen, bewirken ein ständiges Wirtschaftswachstum, da die Menschen sich stets eine noch bessere Welt in der Zukunft erhoffen.[7] Das Wachstum hängt somit an den Tretmühlen genauso wie an der Tatsache, dass man sich ihrer im Alltag nicht bewusst ist: Die Hoffnung auf eine immer noch bessere Zukunft ist essentiell für das Wirtschaftswachstum, auch wenn diese Hoffnung ständig aufs Neue enttäuscht wird.</p>
<p>Bereits der Vater der modernen Volkswirtschaftlehre, Adam Smith, hat in seinem Buch &#132;Theorie der ethischen Gefühle&#148; das Heilsversprechen eines ewigen Wachstums als einen gewaltigen Täuschungsprozess beschrieben. Dort führt er aus, dass sich Menschen oft erst in hohem Alter oder bei Krankheit der Endlichkeit des Lebens bewusst werden. In solchen Momenten erkennen sie dann, wie sie ihr Leben mit ihrem ständigen Streben nach mehr materiellem Wohlstand vertan haben. Wörtlich schreibt Smith (1977, S. 314).</p>
<p>&#132;Reichtum und Macht erscheinen jedem, sobald er durch Verdrossenheit oder Krankheit dahin gebracht wurde, seine eigene Lage mit Aufmerksamkeit zu beobachten und zu überlegen was es ist, das ihm tatsächlich zur Glückseeligkeit fehlt, in einem erbärmlichen Licht. Macht und Reichtum erscheinen ihm dann als das, was sie wirklich sind, als ungeheure und mühsam konstruierte Maschinen, ersonnen, um ein paar wertlose Bequemlichkeiten für körperliches Wohlbefinden zustande zu bringen.&#148;</p>
<p>Doch Smith argumentiert weiter, dass letztlich unser ganzer Wohlstand nur dadurch zustande gekommen ist, dass sich die Menschen ständig durch die Versprechungen des Wachstums blenden lassen. Deshalb ist dieser Täuschungsprozess eine Notwendigkeit für einen andauernden Wachstumsprozess. Doch lassen wir den Meister wieder selbst sprechen (Smith, 1977, S. 315):</p>
<p>&#132;Es ist gut, dass die Natur uns in dieser Weise betrügt. Denn diese Täuschung ist es, was den Fleiß der Menschen erweckt und in beständiger Bewertung erhält. Sie ist es, was sie zuerst antreibt, den Boden zu bearbeiten, Häuser zu bauen, Städte und staatliche Gemeinwesen zu gründen, alle die Wissenschaften und Künste auszubilden, &#8230; die die rauen Urwälder in angenehme und fruchtbare Ebenen verwandeln und das pfadlose, öde Weltmeer zu einer neuen Quelle von Einkommen und zu der grossen Heerstrasse des Verkehrs gemacht haben &#8230; Durch diese Mühen der Menschen ist die Erde gezwungen worden, ihre natürliche Fruchtbarkeit zu verdoppeln und eine größere Menge von Einwohnern zu erhalten.&#148;</p>
<p>Die Natur hat also mit ihrer Täuschung des Menschen dafür vorgesorgt, dass dieser sich stets fleißig bemüht, den allgemeinen Wohlstand zu erhöhen. Davon profitieren letztlich alle durch einen höheren Wohlstand, doch glücklicher werden sie dadurch nicht. Adam Smith hat die Ambivalenz des Wirtschaftswachstums schon damals erkannt, doch die dann folgende Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung drängte diese Überlegungen wieder in den Hintergrund.</p>
<p>Mehr als zwei Jahrhunderte nach Adam Smith haben wir einen Wohlstand erreicht, den Smith sich nicht einmal erträumen konnte. Deshalb lässt sich die Frage stellen, ob wir denn angesichts dieses Wohlstandes überhaupt noch ein weiteres Wachstum brauchen. Müssen wir uns stets weiter täuschen und uns eine glücklichere Zukunft vorgaukeln lassen, die dann nie eintritt? Sollten wir nicht anfangen, uns auf das Glück bzw. das Wohlbefinden der Menschen zu konzentrieren, statt einfach immer weiterzuwachsen, ohne glücklicher zu werden?</p>
<p>Das sind berechtigte Fragen, und man könnte leicht zum Schluss kommen, dass wir eigentlich kein Wachstum mehr brauchen.[8] Doch wenn wir uns die aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussionen anschauen, dann steht Wachstum nach wie vor ganz hoch im Kurs. Ein Jahr ohne Wachstum wird in praktisch allen Ländern als nationale Katastrophe empfunden. Und hält eine Wachstumsschwäche über mehrere Jahre an, dann werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Wachstum scheint also wichtig zu sein, obwohl in den Industrieländern für eine Mehrheit der Menschen die materiellen Bedürfnisse längst gedeckt sind und obwohl empirische Untersuchungen aufzeigen, dass das Glück der Menschen mit weiterem Einkommen im Durchschnitt nicht mehr ansteigt. Weshalb ist das Wirtschaftswachstum also immer noch so wichtig?</p>
<p>Folgendes gilt es dabei zu bedenken. Dank des Wachstums ist die Wirtschaft kein Nullsummenspiel: Wachstum ermöglicht einzelnen Wirtschaftsakteuren, einen Gewinn zu machen bzw. das Einkommen zu erhöhen, ohne dass sich dadurch der Gewinn bzw. das Einkommen bei anderen Wirtschaftsakteuren verringern muss. Das Wirtschaftswachstum befreit uns von der Tyrannei eines Nullsummenspiels, bei dem jeder Gewinn einen Verlust (bzw. eine Gewinnminderung) bei anderen Wirtschaftsakteuren bedingt. Das ist natürlich angenehm, da andere Menschen reich werden können, ohne dass man selbst etwas hergeben muss. Diese Tatsache ist sowohl für die Einkommensverteilung innerhalb der einzelnen Länder als auch in globalem Rahmen zwischen den Ländern von Bedeutung. In den heute hoch industrialisierten Ländern erlaubte es das Wirtschaftswachstum breiten Schichten, einen ansehnlichen Wohlstand zu erreichen, ohne dass die Oberschicht von ihrem Reichtum hergeben musste. Die Arbeiterschaft wurde langfristig nicht ausgebeutet, wie Marx dies noch annahm, sondern partizipierte an dem durch das Wirtschaftswachstum stets steigenden Wohlstand und ist heute als eigene Klasse praktisch verschwunden. Aber auch in globalem Rahmen und für die Einkommensverteilung zwischen den Ländern ist Wachstum gerade für die Industrienationen eine angenehme Sache. Durch das globale Wirtschaftswachstum können Entwicklungsländer reich werden, ohne dass wir, in den hoch entwickelten Industrienationen, etwas von unserem Wohlstand einbüßen müssen.</p>
<p>Innerhalb von entwickelten Industrieländem ermöglichte das Wirtschaftswachstum somit die Kombination von zwei Zielen, die zunächst diametral entgegengesetzt zu sein scheinen: die Kombination von arbeitssparendem technischem Fortschritt mit dem Ziel der Vollbeschäftigung. Die ganze industrielle Entwicklung ist geprägt durch den Ersatz von Arbeitern durch Maschinen in der Produktion, was gleichzeitig eine Ersetzung von Arbeit durch Energie bedeutet. Die Industrieunternehmen konnten im Wettbewerb der sich entwickelnden kapitalistischen Wirtschaftssysteme langfristig nur überleben, indem sie sich durch Nutzbarmachung des technischen Fortschritts (Innovationen) immer wieder Wettbewerbsvorteile verschafften. So führte das Ziel der Gewinnmaximierung bei den Unternehmen zu arbeitssparendem technischem Fortschritt, bei dem teurer werden-de Arbeit durch billiger werdende Energie (zuerst Kohle, später Erdöl) ersetzt wurde. Dass trotzdem nicht immer mehr Arbeiter ihren Job verloren (mit Ausnahme der Zeiten von Wirtschaftskrisen), ist dem Wirtschaftswachstum zu verdanken. Im 20. Jahrhundert erfolgte die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze dann allerdings immer mehr über den Dienstleistungssektor und heute ist das der einzige Wirtschaftssektor der netto noch Arbeitsplätze schaffen kann.</p>
<p>Doch der wichtigste Grund, weshalb wir so sehr auf Wachstum fokussiert sind, ist in der Tatsache begründet, dass moderne Wirtschaften so genannte Kreditgeldwirtschaften sind.[9] Zusammengefasst lässt sich der Wachstumsprozess in einer Kreditgeldwirtschaft, folgendermaßen beschreiben: Das Wachstum wird durch neue Investitionsprojekte in Gang gebracht, welche in Zukunft eine Zunahme der Produktion von Gütern und Dienstleistungen ermöglichen. Die Investitionsausgaben können dabei in modernen Kreditgeldwirtschaften durch Bankkredite finanziert werden, ohne dass bereits entsprechende Ersparnisse vorhanden sind. Durch diese Kredite entsteht zusätzliches Geld und es wird zusätzliche Kaufkraft geschaffen, die unmittelbar zu mehr Einkommen und da-mit auch zu mehr Konsum von Gütern und Dienstleistungen führt. Dadurch steigen die Gewinne der Unternehmen, aus welchen diese die Zahlungen der Zinsen und Risikoprämien für das Fremdkapital sowie der Dividenden für das Eigenkapital bezahlen können. Diese Zahlungen, das heißt die Zinsen, Risikoprämien und die Dividenden, fließen größtenteils wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück und sorgen ebenfalls für zusätzliche Nachfrage.</p>
<p>Kommt dieser Wachstumsprozess hingegen ins Stocken, dann rentieren sich die Investitionen nicht mehr, da kein zusätzliches Einkommen mehr mit ihnen erzielt wird. Die Unternehmen sind dann nicht mehr in der Lage, längerfristig Zinsen, Risikoprämien und Dividenden zu bezahlen. Ein Teil der Unternehmen geht Konkurs und die ganze Wirtschaft gerät in eine schwere Krise und beginnt zu schrumpfen. Nur Wachstum kann das verhindern. Es ist der fundamentale Zusammenhang zwischen Investitionen, Kreditgeldschöpfung und Gewinnen, der das Wachstum einerseits ermöglicht, aber andererseits auch erforderlich macht. Intuitiv wissen das auch viele Unternehmer und Manager, selbst wenn sie dafür keine tiefere Begründung liefern. So meint etwa Jack Greenberg von McDonald&#8217;s[10]: &#132;Wenn man nicht wächst, dann schrumpft man. Es ist nicht so, dass man den Status quo halten könnte.&#148; Mit andern Worten, es gibt nur die Alternativen Wachstum oder Schrumpfung, aber keine Möglichkeit einer langfristig stationären Wirtschaft.</p>
<p>Global betrachtet braucht es also Wachstum, damit die heutige Wirtschaft funktioniert, und die Tretmühlen sind eine Voraussetzung dafür, dass dieses Wachstum immer weiter geht. Allerdings ist damit noch nichts darüber ausgesagt, wie stark die Wirtschaft tatsächlich wachsen muss. Oder, um die Frage etwas anders zu formulieren: Um wie viel können wir das Wachstum verlangsamen, ohne dass die Funktionsweise der Wirtschaft beeinträchtigt wird? Ziel sollte nicht mehr ein möglichst hohes Wachstum sein, sondern ein Wachstum, bei dem die Tretmühleneffekte möglichst gering sind. Der dafür vorhandene Spielraum ist bis heute noch nicht ausgelotet.</p>
<p>[1] Das Easterlin Paradox beschreibt die Tatsache, dass zwar in einem Land zu einem bestimmten Zeitpunkt die Zufriedenheit der einzelnen Menschen tendenziell umso größer ist, je mehr Einkommen sie haben, dass aber ihre durchschnittliche Zufriedenheit längerfristig mit dem Wirtschaftswachstum nicht zunimmt. Mit andern Worten: die Reichen sind zufriedener als die Armen, aber insgesamt tritt die Gesellschaft trotz Wachstum glücksmäßig an Ort und Stelle. Siehe dazu die Arbeiten von Easterlin im Literaturverzeichnis.<br />[2] Siehe Golden and Wiens-Tuers (2006).<br />[3] Diese Tretmühlen sind ausführlich beschrieben in Binswanger (2006a) und Binswanger (2006b).<br />[4] Allerdings macht mehr Einkommen auch nicht unglücklicher, wie manchmal ebenfalls behauptet wird.<br />[5] Siehe etwa Layard (2005).<br />[6] Siehe die Kapitel 7 bis10 in Binswanger (2006a).<br />[7] Ewiges Wachstum, welches ein immer besseres Leben im Diesseits verspricht ist zur neuen Heilsbotschaft in der heutigen Zeit geworden. Sie hat die alte christliche Heilsbotschaft vom ewigen Leben abgelöst. Siehe dazu Binswanger (2006c).<br />[8] Die Frage nach der Notwendigkeit des Wachstums wurde schon zu Beginn der 70er Jahre vom Club of Rome in seinem Bericht &#132;Grenzen des Wachstums&#148; gestellt, wenn auch aus einem anderen Grund. Damals schien es so, als ob die natürlichen Ressourcen (vor allem das Erdöl) dem Wachstum in naher Zukunft eine Grenze setzen würden, was sich dann allerdings in der Folge als eine zu pessimistische Annahme herausstellte. Aber die Frage nach der Notwendigkeit des Wachstums war gestellt und wurde seither immer wieder diskutiert.<br />[9] Siehe dazu ausführlicher das Kapitel 11 in Binswanger (2006a) sowie Binswanger (2009).<br />[10] Zitiert aus Csikszentmihaly (2004), 5.183.</p>
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			</item>
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		<title>Die Interventionsgesellschaft Afghanistans</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 08:26:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die F&#228;hrnisse milit&#228;risch erzwungenen Fortschritts aus: Vorg&#228;nge 195 ( Heft 3/2011), S.98-110 Die F&#228;hrnisse milit&#228;risch erzwungenen FortschrittsDieser Text enth&#228;lt eine F&#252;lle von Anschlussfeldern, die nicht ausgearbeitet und entfaltet sein k&#246;nnen. Es handelt sich nicht um einen wissenschaftlichen Aufsatz mit vollst&#228;ndigen Belegen und einem Themenrahmen, aus dem heraus Afghanistan besser zu verstehen w&#228;re oder mit dessen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die F&auml;hrnisse milit&auml;risch  erzwungenen Fortschritts</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge 195 ( Heft 3/2011), S.98-110</p>
<p>Die F&auml;hrnisse milit&auml;risch erzwungenen Fortschritts<br />Dieser Text enth&auml;lt eine F&uuml;lle von Anschlussfeldern, die nicht ausgearbeitet und entfaltet sein k&ouml;nnen. Es handelt sich nicht um einen wissenschaftlichen Aufsatz mit vollst&auml;ndigen Belegen und einem Themenrahmen, aus dem heraus Afghanistan besser zu verstehen w&auml;re oder mit dessen Hilfe man verschiedene Ph&auml;nomene der Gewalt in diesem Land besser erkl&auml;ren k&ouml;nnte. Immerhin, einige dieser Erkl&auml;rungen versuche ich zu liefern. Vor die Klammer ziehen m&ouml;chte ich drei Aspekte: Afghanistan ist f&uuml;r uns in Deutschland und im &ouml;ffentlichen Diskurs ein <i>Konstrukt, das sich mit der Empirie von Beobachtung und Klassifizierung nicht deckt</i>; Afghanistan ein Schauplatz von komplexen Dynamiken, aus denen neue <i>Gesellschaftsformen</i>, vielleicht auch ein neuer Staat entstehen kann, &uuml;ber den wir noch wenig aussagen k&ouml;nnen; umso wichtiger ist es, diese Dynamiken zu untersuchen. Und schlie&szlig;lich geht es um Menschen, die sich zwischen dem &Uuml;berlebensbed&uuml;rfnis und dem Haben, vielleicht sogar Planen einer Zukunft aufgespannt sehen, und es geht mehr um die Interessen dieser Menschen als unsere deutsche Befindlichkeit. Das kann zwar auch zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung gemacht werden, sollte aber nicht zu einem Verzicht auf Empathie und Solidarit&auml;t f&uuml;hren. Ich danke meinem Freund und Kollegen Jan Koehler f&uuml;r Kritik und wichtige Aspekte an diesem Text.</p>
<h5>1. Statt einer Einleitung</h5>
<p>Der preisgekr&ouml;nte Film <i>Winter&#8217;s Bone</i>[1] spielt in den USA von heute. Mitten in Missouri, im Ozark-Gebirge, leben Menschen in h&ouml;chst merkw&uuml;rdigen Verh&auml;ltnissen. F&uuml;r die Bewohner, die nicht einfach arm oder zur&uuml;ckgeblieben sind, gelten offensichtlich die Spielregeln zweier Gesellschaften gleichzeitig: der durch Recht und Gesetz strukturierten amerikanischen Staatsgesellschaft und einer unscharf abgegrenzten lokalen Gesellschaft, die weder ein ethnisch noch sozial definierter Stamm ist noch einfach als Milieu, etwa als Prekariat oder drogen&ouml;konomische Randgruppe bezeichnet werden kann. In dieser zweiten Gesellschaft spielt Verwandtschaft eine gro&szlig;e, aber nicht ausschlie&szlig;liche Rolle, auch die Distanz zum Rechtsstaat und die partielle Opposition gegen seine Sanktionen sind wichtig. Aber die Schnittstellen sind nicht exakt markiert, es gibt Crossovers und Seitenwechsel. Ich muss die Geschichte hier nicht nacherz&auml;hlen, man kann sie filmografisch leicht nachvollziehen. Ich m&ouml;chte nur darauf hinweisen, dass die Regeln dieser zweiten Gesellschaft stark <i>lebensweltlich</i> bestimmt sind, dass also Traditionen, auch tradierte Konfliktregulierungen, und starke pers&ouml;nliche Bindungen jenseits emotiver Anziehung und bestimmte Positionen zur Aus&uuml;bung von Gewalt vorherrschen, die den formalen Institutionen des Systems nicht entsprechen.</p>
<p>Das <i>System</i>, im Gegensatz zur <i>Lebenswelt,</i> markiert den Raum der <i>formalen Institutionen</i>, also von gesetztem Recht, Gesetzen, Sanktionen vor allem des Staates in Aus&uuml;bung seines Gewaltmonopols. Die Lebenswelt ist hingegen gekennzeichnet von<i> informellen Institutionen</i>, Regeln, Werten, Ritualen, die genealogisch begr&uuml;ndet sein k&ouml;nnen und jedenfalls auf bestimmte Gemeinschafts-Strukturen verweisen, die von den formalen Institutionen nicht oder nur ungenau erfasst werden, z.B. Schweigegeboten, Kooperationsverboten, Recht oder Verweigerung des Rechts auf physische Gewalt innerhalb der eigenen Konfliktregulierung. Eine Schnittstelle zwischen den beiden Gesellschaftsmodi ist ihre Diachronizit&auml;t, also Ungleichzeitigkeit. Im Clan herrschen Regeln, die wir vorschnell als anachronistisch, unzeitgem&auml;&szlig; abtun k&ouml;nnten, ginge es nicht auch um das Kochen von ChristalMeth und Drogenhandel, um Mord mit modernen Waffen und die Frage moderner Kommunikation und Forensik. Gerade an der Nebenrolle eines Sheriffs, der sich der zweiten Gesellschaft nicht ganz entzieht, wird deutlich, worin sich Konfliktlinien entwickeln. Umgekehrt sind die Regeln innerhalb der Clangesellschaft <i>funktional</i>, haben ihre eigene Rationalit&auml;t und Logik und sind, im Effekt, &uuml;berraschend &#8222;human&#8221; mit einer L&ouml;sung der Probleme, die der Rechtsstaat so einfach nicht zustande br&auml;chte. Es geht aber immerhin um eine Familie mit drei minderj&auml;hrigen Kindern, einer dementen Mutter, dem mittlerweile toten Vater, der Ausl&ouml;ser und Projektionsfl&auml;che f&uuml;r das ganze ansonsten einfache Geschehen ist. Innerhalb dieser zweiten Gesellschaft sind die Konflikte sozial <i>eingebettet</i>, d. h, alle halten sich mehr oder weniger an dieselben Spielregeln, auch wenn sie Antagonisten oder gar Feinde sind. Ein sehr realistisches Beispiel ist, dass die siebzehnj&auml;hrige Protagonistin zur Warnung von Frauen der Familie sehr brutal geschlagen wird, aber die &#8222;M&auml;nner sie nicht anr&uuml;hren&#8221;.</p>
<p>Dieser Film zeigt beispielhaft, dass gesellschaftliche Strukturen unterhalb und neben der Staatlichkeit existieren k&ouml;nnen und dass Staatlichkeit niemals vollst&auml;ndig ist. Man darf daraus nicht vorschnell den Schluss ziehen, dass au&szlig;erhalb dieser Staatlichkeit Opposition oder Anomie herrschen m&uuml;ssen. Es kann auch autonomisierte Strukturen geben, deren Parallelit&auml;t sich der Staatlichkeit nicht g&auml;nzlich entzieht.</p>
<p>Diese Erz&auml;hlung ist kein Ornament. Sie zeigt nur, dass vieles, das wir in Afghanistan beobachten, auch anderswo stattfindet. Ich habe den Begriff der eingebetteten Konflikte eingef&uuml;hrt; er spielt vor allem bei der Frage von Gewalt eine gro&szlig;e Rolle [2] Die Theorien, auf die ich mich st&uuml;tze, sind zun&auml;chst sozial-anthropologisch und ethnologisch der Schule von Eiwert entnommen, vor allem der Begriff der eingebetteten Konflikte in Bezug auf Gewaltanwendung.[3] Deren konflikttheoretischer Rahmen wiederum ergibt sich aus der Linie Simmel-Coser-Dahrendorf, also aus der Grundannahme, dass Konflikte unabdingbar zur Konstituierung und Dynamisierung von Gesellschaft geh&ouml;ren und nicht Abweichungen von einer vorgegebenen Norm sind, die immer wieder hergestellt werden muss.</p>
<p>Nun gilt die Faustregel, dass dort, wo die Rule of Law wenig ausgebildet ist, die lebensweltlichen informellen Institutionen eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle spielen, ohne dass sie im Rechtsstaat v&ouml;llig verschwinden. Das beste Beispiel hierf&uuml;r ist die <i>Ehre</i> als regulatives Prinzip. Pionierarbeit f&uuml;r diesen Sachverhalt hat u. a. Bourdieu im Algerienkrieg 1960&#8211;1962 geleistet.[4] Es gilt aber auch, was Habermas zum Verh&auml;ltnis von System und Lebenswelt anmerkt, dass n&auml;mlich das System zunehmend die Lebenswelt kolonisiert.[5] Das will besagen, dass die Lebenswelt mit ihren Traditionen und Ritualen, aber auch mit ihren nicht im Staat gleichm&auml;&szlig;ig verankerten Regeln immer mehr unter Druck ger&auml;t &#8211; und bestenfalls anti-kolonialen Widerstand leistet, um im Bild zu bleiben. <i>Winter&#8217;s Bone </i>gibt einen Einblick in ein Kultur &uuml;bergreifendes Ph&auml;nomen, das in Afghanistan eine gro&szlig;e Rolle spielt.</p>
<p>Auch wer die angesprochenen Theorien noch nicht kennt, wird eines verstehen: Herrschaftstheorien mit einem Hang zur Staatsteleologie, die also Gesellschaft immer staatlich zusammengefasst verstehen, sind oft nicht weit genug gegangen im Einbezug von Kategorien wie Macht, Konflikt und Gewalt. Wenn also bei Staatsgr&uuml;ndungen oder Nation-Building wie in Afghanistan der lebensweltliche und damit auch mikrosoziale Unterbau vernachl&auml;ssigt wird, muss das Verst&auml;ndnis der Gewaltszenarien an der Basis der Gesellschaft beschr&auml;nkt bleiben. Zu Beginn unserer Interventionstheorie anl&auml;sslich des Kosovo-Konflikts ca. 2003 habe ich das einmal das &#8222;Surfen&#8221; des Systems &uuml;ber der Lebenswelt genannt, d. h. dort, wo die formalen Institutionen verhandelt werden, also die allgemeinen Regeln aufgestellt werden, ist man unter sich und nicht mit den allt&auml;glichen und verankerten Konfliktregulierungen der gesellschaftlichen Basis konfrontiert. Im Falle Afghanistans kann man diese Auffassung in praktisch allen Geberkonferenzen und politischen Vereinbarungen auf Regierungsebene best&auml;tigt sehen &#8211; sie haben so gut wie keine Auswirkung auf den Gewaltmarkt und die Konflikteinbettung auf gesellschaftlicher Ebene.[6]</p>
<h5>II. Afghanistan</h5>
<p>Ich werde im Folgenden zu einigen Aspekten der Konfliktsituation in Afghanistan Stellung nehmen. Damit impliziere ich folgende Rahmensetzungen:</p>
<ul>
<li>Afghanistan ist eine Interventionsgesellschaft; damit sind viele der jetzt vor-herrschenden auch gewaltsamen Konflikte solche, die durch die Intervention bedingt sind und nicht solche, die zur Intervention gef&uuml;hrt haben.[7] Bei allen Formen von State- und Nationbuilding spielt die Interventionsgesellschaft eine entscheidende Rolle, auch und weil sie sich nicht auf die Staatsform und die Wechselwirkung mit Staatlichkeit konzentriert, sondern davon ausgeht, dass die Gesellschaft der Intervenierten durch die Intervention irreversibel ver&auml;ndert wird und dass die Interventionsgesellschaft entscheidend zur Formgebung neuer Staatlichkeit beitr&auml;gt. Dieser Aspekt wurde bei den meisten humanit&auml;ren Interventionen und Friedenseins&auml;tzen weitgehend vernachl&auml;ssigt, weil der Fokus auf der Systemebene und damit den Staats- und Herrschaftsformen der Makro-Ebene lag und liegt. Das ist eine Ursache partiellen Versagens dieser Interventionen</li>
<li>Jede Intervention erzeugt eine<strong> Interventionsgesellschaft</strong>.</li>
<li>Alle Interventionsgesellschaften sind strukturell einander &auml;hnlich und vergleichbar, unabh&auml;ngig von ihren h&ouml;chst unterschiedlichen <strong>kulturellen</strong> Erscheinungsformen.</li>
<li>Interventionsgesellschaftlichen sind bestimmt durch die dynamische Beziehung von Intervenierenden und Intervenierten. Diese Beziehung f&uuml;hrt zu teil-weisen Verschmelzungen, kollusiven Verh&auml;ltnissen und zur Entwicklung neuer <strong>Gesellschaftsstrukturen</strong>, die nicht einfach Kompromisse zwischen den Strukturen der beiden Gruppen sind. Diese neuen Strukturen sind weitgehend irreversibel.</li>
<li>&nbsp;Die <strong>Systemebene </strong>dieser neuen Interventionsgeselischaft steht in einem besonderen Spannungsverh&auml;ltnis zur <strong>Lebenswelt</strong> der <strong>Intervenierten</strong>. Damit werden unmittelbar die Institutionen (Spielregeln) dieser Gesellschaft und alle Aspekte von <strong>Governance </strong>auch auf der mikro-sozialen Ebene betroffen (Konfliktregelungen, Traditionen, Werte, Habitus).</li>
<li>Daraus ergibt sich zwingend die Entstehung einer Interventionskultur in der Interventionsgesellschaft.</li>
<li>Bei der Steuerung der Beziehung zwischen <strong>Intervenierenden </strong>und Intervenierten spielt vor allem der <strong>Heimatdiskurs </strong>der ersteren eine entscheidende Rolle.</li>
<li>Die Verschmelzung bzw. kollusive Verbindung von intervenierten Afghanen und intervenierenden internationalen Akteuren ist nicht vollst&auml;ndig und nicht gleichm&auml;&szlig;ig.[8] Sie erh&auml;lt durch den bevorstehenden Teilr&uuml;ckzug von ISAF eine besondere Dynamik.</li>
<li>Es gibt einen Gewaltmarkt[9] in Afghanistan, d. h, viele Gewaltunternehmer profitieren davon, dass Gewaltanwendung nicht deeskaliert wird; ob andere Gewalt mit genau dem Ziel der De-Eskalation oder des milit&auml;rischen Sieges anwenden, l&auml;sst sich weniger denn je mit Sicherheit sagen.</li>
</ul>
<p>Das Rationale der internationalen Intervention und der supranationalen Vereinbarung &uuml;ber Afghanistan ist die Hinterlassung funktionierender Institutionen mit einer starken Zentralregierung und weitgehend geschw&auml;chten Insurgenten (Taliban w&auml;re ein verk&uuml;rzter Begriff). Dieses Ziel ist zurzeit zwar nicht in Reichweite, ihm dienen aber auch die meisten milit&auml;rischen Aktivit&auml;ten und nicht nur die zivile Aufbau- und Entwicklungszusammenarbeit (EZ).[10] Der Sachstand &uuml;ber die Situation in Afghanistan kann am besten &uuml;ber die seri&ouml;sen Analytiker und Beobachter vor Ort aktualisiert werden und wird hier nicht weiter ausgebreitet [11] Denn die prinzipiellen Probleme, die ich heute anspreche, sind teilweise relativ unabh&auml;ngig von aktuellen Zeitpunkten und eher &uuml;ber Zeitlinien zu erfassen.</p>
<h5>III. Kein Staat wie alle anderen?</h5>
<p>Afghanistan ist ein Staat, dessen Staatsgrenzen relativ lange bestehen und dessen Territorium seit Langem nicht ernsthaft von Spaltungen oder Separatismen bedroht ist. Gleichwohl ist es kein Nationalstaat im europ&auml;ischen, traditionellen Sinn, auch kein ethnischer Volksstaat, sondern ein durch seine fragile Staatlichkeit gekennzeichneter Staat im permanenten Versuch sich &uuml;ber das Gewaltmonopol zu stabilisieren. Das ist jedenfalls seit dem Ende der Monarchie der Fall; vorher waren die Herrschaftsverh&auml;ltnisse oberhalb der lokalen und regionalen Strukturen weniger fraglich, auch hat der Au&szlig;endruck gro&szlig;er internationaler Akteure, vor allem der Briten, die Frage der Grenzregime anders bewerten lassen als heute.</p>
<p>Es ist hier nicht der Platz, die Geschichte der tribalen, ethnischen, soziogeographischen und politischen Differenzierungen des Landes vorzustellen. Wichtig ist an dieser Stelle anzumerken, dass die Vorgeschichte des drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieges seit 1978 durch diesen Krieg und die damit verbundenen Zerst&ouml;rungen, Modernisierungen und Umstrukturierungen in gewissem Sinnausgel&ouml;scht bzw. verzerrt wurde [12] und heute in verschiedenen narrativen Konstruktionen wieder auflebt, die empirisch mehr mit kollektivem Ged&auml;chtnis und Erinnerungskultur, auch mit einer gewissen Amnesie und Faktenarmut belebt werden; und ebenso wichtig ist, dass die Intervention nach 2001 und die afghanische Regierung keinen Zustand von fr&uuml;her, also vor dem sowjetischen Einmarsch, wieder herstellen k&ouml;nnen und wollen, dass es aber auch kein vordringliches Eroberungs- oder Kolonisierungsinteresse der Intervenierenden gibt.</p>
<h5>IV. Nachkriegs&shy;ge&shy;walt</h5>
<p>Wir haben es mit typischen und keineswegs einzigartigen Ph&auml;nomen von gesellschaftlicher Umstrukturierung zu tun, die f&uuml;r <i>Nachkriegsgesellschaften</i> kennzeichnend sind. Gleichzeitig mischen sich Kriegserfahrungen, Fl&uuml;chtlings- und Entwurzelungsph&auml;nomene, Aufbauaktionen, eine gewisse Ausdifferenzierung der Gesellschaft und die Folgen fast v&ouml;llig fehlender rechtsstaatlicher, sozialstaatlicher und sicherheitsorientierter Governance. Das hei&szlig;t nat&uuml;rlich nicht, dass nicht regiert wird, sondern es wird fragmentiert regiert, uneinheitlich oft antagonistisch und jedenfalls nicht in den Bahnen idealtypisch gestaltender Staatlichkeit. Wenn alle Akteurs-Konflikte immer auf Differenzen &uuml;ber Ressourcen, Prestige und Macht zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden k&ouml;nnen (Coser), dann ist leicht einzusehen, dass eine fragmentierte Gesellschaft in einer durchaus gewaltaffinen Situation kein einheitliches Konflikt-Mapping zul&auml;sst. Norm- und Sinnkonflikte (konkurrierende Muster von Lebensstilen und Zukunftskonstruktionen) sind noch schwieriger zu kartieren. Diese Kartierung wird, wenn &uuml;berhaupt, pauschal auf der Systemebene transportiert, um die Intervention und verschiedene milit&auml;rische Gewalthandlungen zu legitimieren. Ich halte mich nicht mit den Schw&auml;chen der Konstruktion und Implementation des sog. <i>Liberal State-Building </i>auf, und auch nicht damit, wie fatal inkompetent und inkonsequent es vor allem durch die USA als F&uuml;hrungsmacht der Intervention umzusetzen versucht wurde.[13] Die Policy ist nicht mein Thema, aber sie gibt den Rahmendaf&uuml;r ab, was sich an Konflikten an der gesellschaftlichen Basis abspielt. Wenn wir bei den zwei Gesellschaften aus der Einleitung bleiben, dann kann man jedenfalls sagen, dass die erste Gesellschaft noch weit weniger als die im Film agiert, und die zweite Gesellschaft ihre Konflikte mit h&ouml;chst unterschiedlichen Widerst&auml;nden reguliert. Afghanistan hat keine fragile oder beschr&auml;nkte Staatlichkeit, sondern einen Staat, der zum einen defizient, aber real entsteht, zum anderen an seiner Stabilisierung massiv durch Wider-stand von innen und au&szlig;en behindert wird.</p>
<p>Die Reorganisation des Spielfelds und der Regeln wurde immerhin deutlich durch die neue Strategie unter Obama und das Konzept der vernetzten Sicherheit und Aufstandsbek&auml;mpfung durch Gen. McChrystal (COIN = Counterinsurgency) seit 2009 sichtbar[14], ein zweiter Fixpunkt wurde durch das v&ouml;llig unrealistische Abzugsdatum 2014 gesetzt. In diesem volatilen &Uuml;bergangsrahmen zu einem instabilen, aber &uuml;berlebensf&auml;higen Staat befinden wir uns.</p>
<p>Ich will nun einige Gewaltaspekte aus mehreren deutlicher darstellen. Ich will die Differenzen dieser Aspekte in der Spannung von System und Lebenswelt betonen. Wir brauchen nicht nur wissenschaftliche Methoden, um zu verstehen, was wir wahrnehmen, wir brauchen daf&uuml;r auch Empathie und eine Vorstellung von den Lebensumst&auml;nden der betroffenen Menschen:</p>
<ul>
<li>Wir h&ouml;ren ja allenthalben vom Krieg, der nicht milit&auml;risch gewonnen werden.. kann. Wer f&uuml;hrt gegen wen Krieg, wer hat ihn erkl&auml;rt, was w&uuml;rde ein Sieg in diesem Krieg bedeuten?</li>
<li>Wir h&ouml;ren von den radikal-islamischen Taliban und setzen sie oft mit Terroristen, oft mit Al-Qaida gleich.</li>
<li>Wir h&ouml;ren von Drogen&ouml;konomie und damit verbundener gewaltsamer Verhinderung wirtschaftlichen Aufbaus in &#8222;unserem Sinne&#8221;, zugleich aber ist die &Ouml;konomie in manchen Landesteilen die Bedingung f&uuml;r Wohlstand und damit ein Gewalt mindernder Faktor. An dieser Ambivalenz kann man studieren, wie wenig der Blick von der Systemebene Klarheit verschafft.</li>
<li>Wir h&ouml;ren von Warlords, lokalen Kommandos, Kriegsherrn und autonomen &#8222;Mezzanin&#8220;-Potentaten auf Provinzebene, die ihre Herrschaft gewaltsam stabilisieren.</li>
</ul>
<p>Die Dekonstruktion dieser Wahrnehmungen (&#8222;wir h&ouml;ren &#8230;) ist kompliziert, erfordert sowohl wissenschaftliche Analyse als auch empirische Differenzierung &#8211; und steht unter dem Zeitdruck, dass sie w&auml;hrend der &Uuml;bergangszeit noch schneller geleistet werden musste, als sie bereits vers&auml;umt wurde. Aber aus meinen Formulierungen wird bereits deutlich, dass die Distanz zwischen der Wahrnehmung und objektiven Tatbest&auml;nden jeweils beachtlich ist. Das Gleiche gilt nat&uuml;rlich f&uuml;r internationale Streitkr&auml;fte, deren Konfliktregulierung in vielen F&auml;llen v&ouml;llig entbettet gegen&uuml;ber der sozialen Struktur der Intervenierten erfolgt, in anderen F&auml;llen intern wenig konsistent ist, obwohl man vom Milit&auml;r konsistente Handlungsmuster erwarten sollte. Dass Milit&auml;r, auch wenn es zur Konfliktminderung entsandt wurde, selbst Konflikte produziert und in sich konflikttr&auml;chtig ist, wird niemanden verwundern. Mein Augenmerk ist aber auch darauf gerichtet, welche Gewaltstrukturen diese Konflikte mobilisieren.</p>
<p>Aus all dem ziehe ich das Zwischenfazit, dass Gewaltanwendung nur in den wenigen F&auml;llen eindeutig klassifizierbar ist, in denen die Gewalt manifest ist. Strukturelle Gewalt, wenn man diesen m. E. hohl gewordenen Begriff verwenden m&ouml;chte, tritt oft camoufliert, oder gar im Gewand von Ordnung und Tradition oder aber Sachzwang auf und wird oft anders wahrgenommen als sie erscheinen muss, wenn ihre diskursiven und materiellen Schleier entfernt sind. Struktureller Zwang, also Handlungen gegen die eigenen Interessen unter gewaltsamem Einfluss, k&ouml;nnen hingegen sehr wohl beschrieben werden (z.B. als Drogenkuriere zu dienen, wenn Leistungen vom Gewaltakteur erwirkt wurden; oder in bestimmten Produktionsmethoden zu verharren, obwohl andere angestrebt werden etc.).</p>
<h5>V. Gewalt</h5>
<p>Selbst ein durchstrukturierter Rechtsstaat mit aller Legitimation schafft noch nicht Gerechtigkeit, aber immerhin Erwartungssicherheit, Legitimit&auml;t, Verfahrensgleichheit usw. Ein interessanter Nebengedanke, der unmittelbar forschungsrelevant ist: Wenn der Rechtsstaat von der Lebenswelt der Betroffenen abgekoppelt ist, dann ist f&uuml;r diese immerhin noch die Hoffnung, dass Legitimation durch Verfahren sie zum &#8222;Mitmachen&#8221; bewegt, ohne dass dies strategisch oder taktisch gemeint ist.</p>
<p>Wenn nun der Rechtsstaat erst in den Anf&auml;ngen ist, konkurrieren verschiedene Regelsysteme, und viele davon sind durch echte oder behauptete Tradition und genealogische Authentizit&auml;t ausgewiesen. Wenn also in einem Kriminalfall die lokale Polizei korrupt, die Rechtslage unsicher und die Verfahren zur Konfliktregulierung, also z. B. Bestrafung der Schuldigen und R&uuml;ckbringung gestohlenen Eigentums, unabsehbar sind, ist es kein Wunder, wenn sich lokale und oft auch internationale Petenten an die lokal herrschenden Gewaltakteure um Hilfe wenden. Wenn diese zur Herstellung von &#8222;Gerechtigkeit&#8220;[15]&nbsp; Gewalt anwenden, wird dies billigend in Kauf genommen, und wenn der Preis illegitime Gefolgschaft ist, vielfach ebenso. (Hier geht es darum, dass der individuelle Petent oder die betroffene Gruppe gerade nicht das &#8222;Allgemeinwohl&#8221; oder &#8222;die Gesellschaft&#8221; im Auge hat, sondern ihre aktuellen Interessen. Ich wei&szlig; schon um die Differenz zwischen diesen beiden normativen Ebenen, aber ich wei&szlig; auch, wie schwer sie in den Erscheinungsformen und vor allem den &Auml;u&szlig;erungen der Betroffenen getrennt wahrnehmbar sind. Wenn es sich zum Beispiel um Taliban handelt, die diese Position in einem Dorf haben, dann setzen diese die Spielregeln, wo die Staatlichkeit fehlt oder defekt ist. Es kann sein, dass diese Spielregeln eingebettet werden oder diese soziale Einbettung fehlt. Man versteht, warum die Systemebene gewaltsam gegen diese Praxis vorgeht, es ist eine Kernszene der gewaltsamen Konflikte.</p>
<p>Sie fehlt z. B. dort, wo es um Durchsetzung von Interessen &#8211; Macht, Ressourcen, Prestige &#8211; geht, obwohl diese Durchsetzung nur mit &auml;u&szlig;erster Gewalt oder Gewaltdrohungen m&ouml;glich ist, also im fundamentalen Sinn unpolitisch und nicht verhandelbar ist. Dabei wird z. B. im Normendiskurs von St&auml;mmen oft auf Ehrcodes zur&uuml;ckgegriffen, die den Rechtsstaat ersetzen oder gar &uuml;bertreffen sollen (&Auml;hnliches gilt f&uuml;r religi&ouml;se Auslegungen, die sich im quasi Privateigentum der Gewaltakteure als Exegeten befinden).</p>
<p>Man darf nicht vergessen, dass Ehre ein handelbares, verhandelbares Gut ist, das bestehende Ordnungsstrukturen repr&auml;sentiert und vor allem Machtstrukturen sch&uuml;tzen hilf (streng zu unterscheiden von der nichtverf&uuml;gbaren Menschenw&uuml;rde). Dies gilt f&uuml;r dif Taliban weniger, weil sie dem alten Fehderecht und der Stammesordnung entgegenwir ken Aber wo das alte Recht (vermindert) weiterwirkt, z.B. im Pashtunwali, kann mal das Ph&auml;nomen beobachten. Man kann das bei der Mannes- und Familienehre gut &#8218;be obachten, wo die W&uuml;rde der beschuldigten Frau mitnichten gewahrt wird, wenn die Ehre des Mannes oder des Clans wiederhergestellt werden soll, wie auch immer sie besch&auml;digt oder beleidigt worden ist.'[6] Wenn man dann liest, dass die Bev&ouml;lkerung bei einer Steinigung Beifall gespendet hat, dann wird das oft missverstanden als Billigung de;Gewaltaktes an sich; es geht vielmehr um ein an der Basis der Gesellschaft oft anzutref fendes Motiv, <i>besser diese Ordnung als keine</i>, anzuerkennen. Die letzte Bemerkung is allerdings eine Analogie zu empirisch notierten Feststellungen eben dieses Satzes um seiner Geltung bei den klatschenden Menschen, die einer Steinigung zusehen. Die &#8222;eth nologische L&uuml;cke&#8221; ist nat&uuml;rlich schwer zu schlie&szlig;en, d. h. die Beobachtungen und Inter pretationen von lokalem Verhalten reichen nicht aus f&uuml;r eine direkte &Uuml;bertragung in eii Modell der sozialen und politischen Struktur.</p>
<p>Ein Wort zu den Taliban. Wir wissen heute so viel &uuml;ber die so genannten Gruppen dass ihre pauschale Gleichsetzung mit Terroristen so falsch ist wie ihre Kennzeichnunl als radikal-islamisch, wie die deutsche offizielle Mediensprachregelung es m&ouml;chte. Ta liban kann man am besten nach dem Grad ihrer politischen Zielsetzung kategorisieren nach ihren Interessen, an der politischen Macht teilzuhaben und mitzuregieren, an ihrei Ressourcen, Quellen, Legitimationsverfahren. Und dabei kann man sehr wohl Muste erkennen. Manche Taliban handeln terroristisch, andere nicht, manche versuchen, ihre mangelnde Anerkennung durch taktische Moderation zu kompensieren, wie etwa be Angriffen auf Schulen[17], andere &uuml;ben Gewalt durch eingel&ouml;ste Drohungen aus (Koehler spricht hier von &#8222;Verl&auml;sslichkeit&#8220;). Dementsprechend breit ist ihre Bereitschaltung<br />zur Anerkennung von Spielregeln, die auch f&uuml;r andere Akteursgruppen gelten. DiSpielregel f&uuml;r eine lokale Gemeinschaft kann etwa lauten: Schulen greift man nicht an ebensowenig wie Stromleitungen oder Staud&auml;mme. F&uuml;r Schulen hat das lange Zeit voi Seiten der Taliban nicht gegolten, jetzt erfolgt die Anerkennung aus vielleicht nur taktischen Gr&uuml;nde, aber die Motive sind nicht das Wichtigste. Und gerade daran k&ouml;nnen wi lernen, dass Anerkennung von Zielsetzungen und die Unterwerfung unter gewaltsar gesetzte Regeln nicht dasselbe ist. Wenn aus der blo&szlig;en Unterwerfung, die z. B. durch milit&auml;rischen Zwang herbeigef&uuml;hrt wird &#8211; oder durch den besonders wirksamen Schut der Schule &#8211; noch keine Internalisierung der (neuen) Normen erfolgt, bleibt die sozial Struktur volatil, kann jederzeit ge&auml;ndert oder aufgebrochen werden.</p>
<p>&Auml;hnliches gilt f&uuml;r Gewaltregime zur Absicherung ihrer Herrschaft in einem be stimmten begrenzten, oft kleinen Territorium. Solche Herrschaft kann z. B. dann auch recht erhalten werden, wenn der im Prinzip vorhandene Staat bis ganz zur Spitze hin f&uuml; bestimmte Gewalthandlungen Freiheit von Strafverfolgung oder Straffreiheit gew&auml;hrt.[18]</p>
<h5>VI. Eine Hypothese mit Forschungs&shy;be&shy;darf</h5>
<p>Eine noch nicht voll ausgearbeitete Annahme besteht darin, dass sich die Gewalteskalation vor allem auf die untersten und obersten Schichten einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft konzentriert: auf die ganz Armen, die von Demokratisierung und &ouml;ffentlichem Raum keine Verbesserung ihrer Lebensumst&auml;nde erwarten d&uuml;rfen, und auf viele Eliten, die an einer Schm&auml;lerung ihres Eigentums und ihrer Machtpotenziale kein Interesse haben und als Patrone von Gewalt agieren, mehr als dass sie diese unmittelbar aus&uuml;ben. Die damit verbundenen Untersuchungen k&ouml;nnten u. U. ergeben, dass die Entwicklungszusammenarbeit an verschiedenen Schichten unterschiedlich ansetzen muss, und die Governance nach unten sich mehr auf Wohlfahrt konzentrieren muss, w&auml;hrend die <i>Rule of Law </i>f&uuml;r die entstehenden Mittelschichten eher mit Sicherheit verbunden werden muss; f&uuml;r die Eliten gilt es, sich der Herausforderung der verhandelbaren Legitimit&auml;t des Staates in einem zu erweiternden &ouml;ffentlichen Raum zu stellen, was Gewalt mindernd auch die Rolle der Zivilgesellschaft als das Andere von Staatlichkeit betont. Allen drei Ebenen w&auml;re gemeinsam, dass sich eine gemeinsame Kultur von Konfliktre-gelungen, also der Einbettung, erst entwickeln muss. Dies ist, zugegeben, erst eine plausible Vermutung, noch nicht mehr: sie aber empirisch zu belegen kann von hoher Bedeutung f&uuml;r weitere wissenschaftliche Analysen werden. Das Ausdifferenzieren von Gesellschaft in solche Klassen und Schichten ist nicht ungew&ouml;hnlich; es ist stark an das Verhalten von R&uuml;ckkehrern, an die Landflucht und Verst&auml;dterung und an den Arbeitsmarkt durch die Internationalen gebunden. Aber der kulturelle Kontext und sehr feinteilige Spezifika lassen unterhalb eines sehr allgemeinen Musters in Interventionsgesellschaften keine festen &Uuml;bertragungsregeln von einem Land ins andere zu.</p>
<h5>VII. Milit&auml;&shy;ri&shy;sche Gewalt</h5>
<p>Nun sind wir aber in einer Interventionsgesellschaft und betrachten nicht einfach einen Staatsgr&uuml;ndungsprozess mit einem Krieg der sich konsolidierenden Staatlichkeit gegen Insurgenten und Separatisten. Es gibt &uuml;ber 130.000 ausl&auml;ndische Soldaten im Rahmen der mandatierten ISAF und jede Menge Special Operations der USA ohne jedes Mandat, die ebenso mit den Gewaltakteuren interagieren wie sie teilweise selbst solche sind. Dies ist in Deutschland ein ebenso sensibles Thema wie in Afghanistan. Die ehemals als OEF (=Operation Enduring Freedom) benannte Racheoperation nach 9/11[19] und der Wunsch nach Sanktionen gegen die konkret Schuldigen am Attentat hat einen Feind (Enemy) klar im Rahmen des War on Terrorism benannt. Die Operation sollte zur Ver&ouml;dung von R&uuml;ckzugsr&auml;umen f&uuml;r Al Qaida und Osama bin Laden f&uuml;hren. Dieser Feind der USA, des Westens, der zivilisierten internationalen Gemeinschaft ist ebenso unscharf konturiert wie abstrakt und wird nach der Golden Hour, also nach 2005, zunehmend in militant operierenden Insurgents, Aufst&auml;ndischen, unterschiedlicher Zielsetzung gesehen. Dieser Feind ist nur teilweise deckungsgleich mit den Gegnern des Staates im Aufbau mit seinen defizienten Regierungsapparaten und seiner unvollkommen Demokratie und Justiz. Aber er ist der &#8222;Enemy&#8221;, der in den USA den langen fortdauernden Krieg auch unter Obama rechtfertigt, obwohl er im Memorandum von McChrystal bereits differenziert zu einem (weitgehend!) integrationsf&auml;higen Gegner umformuliert wurde [20] Die Assistance Forces der ISAF sollten ja nationale Sicherheit mit aufbauen und helfen, das Gewaltmonopol des neuen Staates herzustellen. Dass das nicht ohne Gewalt abgehen w&uuml;rde, war abzusehen, wurde aber hierzulande lange Zeit verdr&auml;ngt. Sehr gewaltt&auml;tige Angriffe der Insurgenten auf die eigene Bev&ouml;lkerung, vor allem auch auf die Polizei, sowie Massenfluchten aus Gef&auml;ngnissen und andere Provokationen gegen die Staatsgewalt lassen, mehr noch als Selbstmordattentate, den Stand dieser Aufbauarbeit als m&auml;&szlig;ig erfolgreich erscheinen. Das n&uuml;tzt dem Gewaltmarkt.</p>
<p>Die im Zusammenhang mit der zivil-milit&auml;rischen Koordination (CIMIC) und der vernetzten Strategie ausgeweiteten Aufgaben der ISAF sind jedenfalls weit von der Feindsetzung entfernt; was man in einem aus dem Ruder gelaufenen, auch innermilit&auml;rischen, Konflikt, wie dem Bombardement des Tanklasters unter Oberst Klein am 4.9.2009 nicht merkt[21]: an diesem Beispiel kann man Gewaltanwendung seitens der Intervenierenden nach Regeln beobachten, an denen die Intervenierten nicht beteiligt und nicht gefragt wurden, die sie also schwerlich anerkennen k&ouml;nnen &#8211; umso interessanter, dass der Gewaltakt von einigen interessierten Gruppen von Afghanen gebilligt, von an-deren scharf kritisiert wurde. Noch komplizierter ist die Situation bei Special Operations, die nur teilweise unter dem Kommando von ISAF bzw. des US-Oberbefehlshabers stehen, teilweise direkt von Washington aus gesteuert werden. Sie sind auf den Feind fixiert, als w&auml;ren sie an der Front in einem traditionellen Stellungskrieg[22]; sie arbeiten teilweise mit der lokalen Bev&ouml;lkerung zusammen und stellen dazu Regeln beschr&auml;nkter Reichweite und Geltungsdauer auf, die sie aber in bestimmten F&auml;llen selbst au&szlig;er Kraft setzen k&ouml;nnen; sie integrieren sich mit einem Teil der lokalen Bev&ouml;lkerung um einem anderen Teil, z. B. einem anderen Dorf oder Clan, zu schaden, weil dieser mit dem &#8222;Feind&#8221; kollaboriert[23] Junger stellt fest, dass diese Truppen unter uns&auml;glichen Bedingungen, die ich &#8222;Quagmire&#8221; nenne nach dem Vietnamtrauma, nicht mehr wissen, in welchem Kontext sie eigentlich k&auml;mpfen. Ihre Gewaltanwendung ist unmittelbar physisch und folgt irgendwann nur mehr einem Motiv: den &#8222;Feind&#8221; zu t&ouml;ten, weil dann einer weniger da ist, der einen selbst t&ouml;tet. [24]</p>
<p>Verregelung von Konflikten w&uuml;rde gerade unter dem Abzugsdiktat bedeuten, dass das Verh&auml;ltnis von Intervenierenden und staatlicher Governance gemeinsam und unter zunehmender Haftung der Afghanischen Regierungsorgane geregelt w&uuml;rde. Das aber ist aus verschiedenen Gr&uuml;nden schwer m&ouml;glich und jederzeit br&uuml;chig. Diese Gr&uuml;nde zu untersuchen, w&auml;re ein n&auml;chster Schritt als Konsequenz aus diesen Darlegungen, den ich in folgenden Bereichen mit Priorit&auml;t vorzunehmen rate:</p>
<ul>
<li>Untersuchung der Entstehung von Staatlichkeit von unten, mit dem Shura Komplex und neuen Konstellationen auf Distriktebene; sicherlich Gewalt de-eskalierend, aber auch abh&auml;ngig von bestimmten &#8222;life-lines&#8221; zum (Zentral-) Staat und zu den komplexen Beziehungen von Sicherheit und Entwicklung.</li>
<li>Analyse der Rolle von jenen Provinzgouverneuren und regionalen Machtakteuren, die ohne allzu gro&szlig;e Perspektiven auf Kabul ihre Territorien autorit&auml;r mit einem halb-autonomen Kanon von Regeln regieren (Ich verwende den Begriff der Mezzanine-Rulers, den ich aber nicht statisch festgelegt wissen m&ouml;chte) [25]</li>
<li>Konsequenzen aus der Verschiebung &ouml;konomischer Elitenkorruption zur politischen Patronage weiter &#8222;unten&#8221; angesiedelter Gewalt.</li>
<li>Ausdeutung und politische Evaluation von verschiedenen Gewaltpotenzialen, die nicht unmittelbar oder immer kausal zusammenh&auml;ngen: demographische Verschiebungen mit entprivilegierten Studenten als Gewaltpotenzial; Anti-Okkupationsrhetorik am beliebigen Beispiel, z. B. Gewaltexzesse im April 2011 bei den Protesten gegen die Koran-Verbrennung in den USA, in Mazar und Kabul; Schaffung von &ouml;ffentlichem Raum als demokratische Basisbewegung unter Bezug auf &#8222;&Auml;gypten&#8221; etc.</li>
<li>Dazu kommen noch die Gewaltpotenziale der Drogen&ouml;konomie und der Machtvakua unter den erwarteten &Uuml;bergabema&szlig;nahmen von Territorien an die afghanische Oberhoheit.</li>
</ul>
<p>Man kann nicht alle Probleme auf einmal beschreiben und deuten, geschweige denn L&ouml;sungsvorschl&auml;ge unterbreiten. Es ist aber m&ouml;glich, durch die mikrosoziale Empirie die Prozesse an der Gesellschaftsbasis zu beobachten, die Aufschluss &uuml;ber die Regelungs- und Einbettungspotenziale von Konflikten und damit die De-Eskalation von Gewalt geben.</p>
<h5>VIII. Ausblicke und Zusam&shy;men&shy;fas&shy;sung<br /></h5>
<ul>
<li>Der Staat ist vielen Bereichen der zweiten Gesellschaften durchaus wichtig. Das Eingangs herangezogene Filmbeispiel konnte sich auf eine Kollusion zweier Gesellschaften beschr&auml;nken, in Afghanistan ist das viel komplizierter, folgt aber &auml;hnlichen Mustern. Entscheidend sind einige Einsichten, die sich quer zu allzu glatten Modellen legen:</li>
<li>&nbsp;Wo es den Staat stark und wo es ihn schwach und wo es ihn so gut wie nicht<br />gibt &#8211; es wird immer regiert, Governance findet statt, mit h&ouml;chst ungleicher<br />Verteilung ihrer Komponenten Herrschaft, Wohlfahrt, Sicherheit.</li>
<li>Die gesellschaftlichen Bestimmungen lokaler Machtverh&auml;ltnisse lassen unter-schiedliche Schnittstellen mit der aktuellen Staatlichkeit erkennen; aber auch &#8222;Pockets&#8221;, die sich gerade durch deren Abwesenheit auszeichnen.</li>
<li>Das Wechselspiel zwischen eingebetteten und entbetteten Konflikten findet nicht nach Regeln, gar durchgesetzten Mustern statt, in denen sich eine neue, von der Intervention gewollte Staatlichkeit repr&auml;sentiert. Noch sind gen&uuml;gend gewaltoffene R&auml;ume vorhanden, die mit der durchgesetzten Staatsgewalt konkurrieren; es gibt Gewaltm&auml;rkte, es gibt territorial beschr&auml;nkte Zonen von intern h&ouml;herer Sicherheitsgovernance mit entsprechenden Folgen f&uuml;r andere Governance-Bereiche, und es gibt Zonen, wo das Gegenteil der Fall ist.</li>
</ul>
<p>Eine ganzheitliche Betrachtung des Konflikts in Afghanistan (und in seinem weiteren Umfeld) muss also dann in die Irre gehen, wenn sie die fragmentierte Totalit&auml;t nicht<br />zum Ausgang ihrer Analyse nimmt. Wenn sich der Wissenschaftler die politische Kritik<br />anma&szlig;en darf, dann ist das der Grund, warum die Politik gegen&uuml;ber und in Afghanistan<br />so defizit&auml;r ist wie ihre Vermittlung in unsere eigene Gesellschaft.</p>
<p>[1] Winter&#8217;s Bone (2010): Film von Debrah Granik, basierend auf dem Roman von Daniel Woodrell.<br />[2] Karl Polanyi (1866-1964) und Marshall Sahlin (*1930) waren die gro&szlig;en Anreger Elwerts: Vgl. auch KZfSS 1980: Georg Elwert: Die Elemente der traditionellen Solidarit&auml;t. Nr. 32/4, 681&#8211;704. Der Gesamtaspekt dieser &#8222;skeptischen Schule der Sozialanthropologie&#8221; ist beschrieben bei H&uuml;sken, T. (2004). Georg Eiwert und die Berliner Schule der skeptischen Sozialanthropologie. Anthropologie der Konflikte. J. Eckert. Bielefeld, Transcript.<br />[3] Elwert, G. F., Stephan; Neubert, Dieter, Ed. (1999). Dynamics of Violence. Sociologus. Berlin, Duncker &amp; Humblot, Eckert, J., Ed. (2004). Anthropologie der Konflikte. Bielefeld, Transcript, Zuercher, C. (2004). Einbettung &#8211; Entbettung: Empirische institutionszentrierte Konfliktanalyse. Anthropologie der Konflikte. J. Eckert. Bielefeld, Transcript: 102&#8211;121.<br />[4] Bourdieu, P. (1976). Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main, Suhrkamp, Bourdieu, P. (2003). In Algerien. Graz, Camera Austria, Free, J. H. (2009). Was bringt Bourdieus Soziologie der Analyse von Postkonfliktgesellschaften? Tagungsband 34. Kongress der DGS. Deutsche Gesellschaft f&uuml;r Soziologie. Wiesbaden, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften (in press).<br />[5] Habermas, J. (1995 (1981)). Theorie des kommunikativen Handelns. Blumenberg, H. (1986). Das<br />Lebensweltmi&szlig;verst&auml;ndnis. Lebenszeit und Weltzeit. Frankfurt am Main, Suhrkamp: 7-68.<br />[6] Im Mai 2011 erschien ein Working Paper von Jan Koehler und Michael Daxner im SFB 700, das<br />diesen Sachverhalt genauer in der politischen Rahmensetzung darstellt.<br />[7] Eine &Uuml;bersicht &uuml;ber den Forschungsstand bietet Bonacker, Daxner, Free, Z&uuml;rcher (Hrsg.) (2010): Interventionskultur, VS Wiesbaden.<br />[8] Die Begrifflichkeit &#8222;Intervenierte/Intervenierende&#8221; war f&uuml;r uns bewusst in Absetzung von psychologisierenden Bezeichnungen gew&auml;hlt worden, um den soziopolitischen Zusammenhang an-zugeben. Konkurrierend steht der gebr&auml;uchlichere Begriff der &#8222;Penetrierten/Penetrierenden&#8221;, im speziellen Fall (ohne jede Ironie) Fortnas &#8222;Peacekept/Peacekeepers&#8221;.<br />[9] Vgl. Eiwert, G. (1999). Markets of Violence. Eiwert, Feuchtwang, Neubert (Hg.) (1999):Dynamics of Violence. Sociologus. Supplement 1. Duncker und Humblot (Berlin).85&#8211;102.<br />[10] Bundesregierung (2010). Fortschrittsbericht Afghanistan. Ausw&auml;rtiges Amt. Berlin.<br />[11] Vgl. dazu die Aussendung des <a href="http://www.aan-afghanistan.org/" target="_blank" rel="noopener">www.AAN-Afghanistan.org</a> (Afghan Analysts Network); Daxner, M. (2011) &#8222;Frieden durch Gewalt, Verhandlungen und Gewinnung der Herzen &#8211; 2010 wieder ein verlorenes Jahr f&uuml;r den Frieden in Afghanistan.&#8220; <a href="http://www.epd.de/documentation" target="_blank" rel="noopener">www.epd.de/documentation</a>. (Nr.13/14).<br />[12] Das ist zum Teil kleinfl&auml;chig unterschiedlich: Patronage, indirect rule und andere Herrschaftskonstrukte sind in bestimmten Orten und Regionen hochaktuell, anderswo nicht. Es gibt hier einen Primat der empirischen Forschung, bevor Schl&uuml;sse auf Gesamtstrukturen gezogen werden k&ouml;nnen.<br />[13] Rashid, A. (2008): Descent into Chaos. London (Allan Lane).<br />[14] Ein wichtiger Aspekt der Wahrnehmung. McChrystal hat formuliert und gefordert, was bereits aus-gearbeitet vorlag: Vgl. The U.S. Army &#8211; Marine Corps (2007): The Counterinsurgency Field Manual (Chicago UP), mit Vorworten von Gen. Petraeus und John Nagl. Letzterer hat das wegweisen-de Buch verfasst: Learning to Eat Soup with a Knife. Westport 2002 (Praeger). Vgl. David Kilcullen: Counterinsurgency. New York 2010 (Oxford UP).<br />[15] Eher im Sinn von Recht haben und bekommen als im Sinn von Harmonie und Frieden durch Konfliktregulierung zu erlangen.<br />[16] Die Differenz von Ehre und Menschenw&uuml;rde ist fundamental, wiewohl sie im Alltagssprachgebrauch of&#8217;t unter dem Oberbegriff der Ehre verwischt wird. Ehre ist eine nicht-materielle Handelsware, die schon in vor-pekuni&auml;ren Gesellschaften immer gegen &Auml;quivalente getauscht werden konnte und weit von ihrer erhabenen Heraushebung unter den G&uuml;tern entfernt gehandelt wird. Die W&uuml;rde-Setzung muss aus einer universalistischen Betrachtungsweise stammen, ist aber im globalisierten Menschenrecht auch als nicht-hintergehbarer Kern der menschlichen Person kodifiziert. Ich habe diesen Exkurs nur deshalb eingef&uuml;hrt, weil jedenfalls im deutschen Alltagssprachgebrauch die Angriffe auf die Ehre und die gegen die W&uuml;rde oft gleichgesetzt werden.<br />[17] Ruttig, T. Tactical or genuine? The Taleban&#8217;s `new education policy&#8216;. AAN Blog 1/15/2011.<br />[18] In dem von Jan Koehler im Rahmen des SFB 700 Projektes C 9 entwickelten Konzepts der Governance-Zonen wird dies genauer ausgef&uuml;hrt. Dazu wird es bei der SFB Konferenz im Mai 2011 de-tailliertere Informationen geben.<br />[19] Es gab eine Vielzahl von Motiven, die die Intervention legitimieren und vorbereiten konnten. Dabei ist Rache ein verbreitungsf&auml;higes und massenwirksames Motiv. Vgl. die ausgefeilte Kritik von Eliot Weinberger an George W. Bushs Memoiren: Verdammt richtig, sagte ich. Le Monde diplomatique 9446, 4/8/2011 (deutsch: Tageszeitung Berlin, &Uuml;bers. Niels Kadritzke).<br />[20] McChrystal, S. (2009): COMISAF&#8217;s Initial Assessment. Bericht an den Verteidigungsminister Gates 8/30/2009.<br />[21] Der 4.9.2009 und die Folgen f&uuml;r die deutschen Soldaten bei ISAF, die Legitimit&auml;t des deutschen Einsatzes, die Konfliktsituation innerhalb von ISAF und die pers&ouml;nlichen Folgen f&uuml;r Oberst Klein sind ein eigenes und zu recherchierendes Kapitel. Aber der Gewaltakt des Bombardements selbst kann nicht eindimensional-analytisch aufgearbeitet werden. Ein gutes Beispiel f&uuml;r empathische und zugleich dekonstruierende Aufarbeitung war die Ausstellung &#8222;Kundus, 4. September 2009&#8221; im Kunstraum des Waschhauses Potsdam, April bis Juni 2010, und des Dokumentartheaters von Clemens Bechtel &#8222;Potsdam-Kundus&#8221; (12.1.2011) am Hans-Otto-Theater Potsdam.<br />[22] Junger, S.(2010): War. Fourth Estate (London).<br />[23] Vgl. Daxner, M. (2010): We are One Tribe, but live in the Society of Intervention. AAN-Blog 5/10/2010; bezieht sich auf Gant, J. (2009): We Are One Tribe. Ein offenbar autorisierter Blog eines Special Operations Offiziers, der im Osten Afghanistans lokale Kampfb&uuml;ndnisse zu schmieden versucht, vgl. aber Loyalit&auml;tskonflikt entsprechend dem Ehrenkodex von Dorfbewohnern bei Junger, S. 51.<br />[24] Junger a. a. O. Man sollte diese Beobachtungen nicht f&uuml;r sich zitieren, sondern im jeweiligen Kontext der k&auml;mpfenden Soldaten &#8222;von unten&#8221;. Die Differenzierung in Feinde und (potenziell) zu besch&uuml;tzende oder freundliche Afghanen ist in der Kampfzone etwas anderes als ein systemische &#8222;Re-Integrationskonzept&#8221;.<br />25 Crawford und Miscik (2010): The Rise of Mezzanine Rulers. Foreign Affairs 89/6, 123-131.</p>
<p>Literatur</p>
<p>Blumenberg, H. (1986): Das Lebensweltmi&szlig;verst&auml;ndnis Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt am Main, Suhrkamp, S. 7-68.<br />Bourdieu, P. (1976): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt am Main, Suhrkamp.<br />Bourdieu, P. (2003): In Algerien. Graz, Camera Austria.<br />Bundesregierung (2010): Fortschrittsbericht Afghanistan, A. Amt, Berlin.<br />Daxner, M. (2011): Frieden durch Gewalt, Verhandlungen und Gewinnung der Herzen &#8211; 2010 wieder ein verlorenes Jahr f&uuml;r den Frieden in Afghanistan, <a href="http://www.epd.de/dokumentation" target="_blank" rel="noopener">www.epd.de/dokumentation</a><br />Eckert, J., Ed. (2004): Anthropologie der Konflikte, Bielefeld, Transcript.<br />Eiwert, Georg/Feuchtwang, Stephan/Neubert, Dieter (Eds). (1999): Dynamics of Violence. Sociologus, Berlin, Duncker &amp; Humblot.<br />Free, J. H. (2009): Was bringt Bourdieus. Soziologie der Analyse von Postkonflikt-Gesellschaften? Tagungsband 34. Kongress der DGS, Deutsche Gesellschaft f&uuml;r Soziologie, Wiesbaden, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften (in press).<br />Habermas, J. (1995 (1981)): Theorie des kommunikativen Handelns, Suhrkamp, Frankfurt am Main. H&uuml;sken, T. (2004): Georg Elwert und die Berliner Schule der skeptischen Sozialanthropologie Anthropologie der Konflikte, J. Ecker1, Bielefeld, Transcript.<br />Zuercher, C. (2004): Einbettung &#8212; Entbettung: Empirische institutionszentrierte Konfliktanalyse Anthropologie der Konflikte, J. Eckert, Bielefeld, Transcript: 102&#8212;121.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/die-interventionsgesellschaft-afghanistans/">Die Interventionsgesellschaft Afghanistans</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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