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	<title>vorgänge 2/2012 Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Erinnerung als Pathosformel der Gegenwart*</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 21:55:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorg&#228;nge Heft2/2012, S.4-15 Der Aufstieg der Erinnerung &#8222;Erinnerung&#8220; ist einer der zentralen Verst&#228;ndigungsbegriffe unserer Zeit. Google, unser unbestechlicher Bedeutungsanzeiger f&#252;r das gegenw&#228;rtig Gefragte, meldet im September 2007 f&#252;r &#8222;Erinnerung&#8220; 52 Millionen Eintr&#228;ge &#8211; mehr als doppelt so viele wie f&#252;r &#8222;Freiheit&#8220; (21 Mio.), sieben Mal mehr als f&#252;r das Stichwort &#8222;Gerechtigkeit&#8220; (7 Mio.), zwanzig [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorg&auml;nge Heft2/2012, S.4-15</p>
<h2 class="auto-created">Der Aufstieg der Erinnerung</h2>
<p>&#8222;Erinnerung&#8220; ist einer der zentralen Verst&auml;ndigungsbegriffe unserer Zeit. Google, unser unbestechlicher Bedeutungsanzeiger f&uuml;r das gegenw&auml;rtig Gefragte, meldet im September 2007 f&uuml;r &#8222;Erinnerung&#8220; 52 Millionen Eintr&auml;ge &#8211; mehr als doppelt so viele wie f&uuml;r &#8222;Freiheit&#8220; (21 Mio.), sieben Mal mehr als f&uuml;r das Stichwort &#8222;Gerechtigkeit&#8220; (7 Mio.), zwanzig Mal mehr als f&uuml;r &#8222;Gleichheit&#8220; (2,5 Mio.) und fast vierzig Mal so viel wie f&uuml;r &#8222;Menschenw&uuml;rde&#8220;(1,4 Mio.). Der Wille zur Erinnerung pr&auml;gt die &ouml;ffentliche Gedenkkultur der Bundesrepublik, und dies bemerkenswerterweise auch und gerade dort, wo diese Erinnerung schmerzlich ist, wo sie Trauer wachruft und Besch&auml;mung erzeugt.</p>
<p>Alle Unterschiede in der Deutung der beiden Diktatursysteme des 20. Jahrhunderts &uuml;berw&ouml;lbt die gemeinsame Auffassung, dass das Erinnern dem Vergessen &uuml;berlegen sei, und wir sind uns kaum mehr bewusst, dass die Amnesie als Ged&auml;chtnisschw&auml;che und die Amnestie als staatliche Vergebung etymologisch bedeutungsgleich sind und gemeinsam auf das griechische Verb &#8222;a-mnemoneo&#8220; = &#8222;aus dem Ged&auml;chtnis verlieren&#8220; zur&uuml;ckgehen. Die moralische Kraft des Erinnerns in unserer politischen Gegenwartskultur ist so gro&szlig;, dass das Nicht-Erinnern in Gestalt des Verschweigens, Vergessens, Verdr&auml;ngens in unserem Denken eine psychische oder soziale Fehlentwicklung beschreibt, eine fatale Abwehr, die etwa Gesine Schwan als &#8222;zerst&ouml;rerische Macht des Schweigens in der Politik&#8220; angeprangert hat.(1) In unsere Wertewelt sind Erkenntnisse der Tiefenpsychologie eingeflossen, und in ihr bezeichnet das Vergessen ein Krankheitsbild und die Erinnerung den Weg zur Heilung &#8211; getreu Sigmund Freuds ber&uuml;hmtem Konzept des Erinnerns, Wiederholens und Durcharbeitens. In der &Uuml;bertragung auf die innere Verfassung sozialer Gemeinschaften kehrt dieses Verst&auml;ndnis von Erinnerung als Gesundung in der bekannten Warnung wieder: &#8222;Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.&#8220; (George Santayanades)</p>
<p>Das Wort &#8222;Erinnerung&#8220; bezeichnet das, was f&uuml;r die Kunstgeschichte Aby Warburg eine &#8222;Pathosformel&#8220; genannt hat, eine sprachliche Geb&auml;rde, die unserer Zeit so sehr eingeschrieben ist wie anderen Zeiten Begriffe wie Zukunft, Fortschritt und Utopie. Dem war allerdings nicht immer so. Von der Antike bis zur Fr&uuml;hneuzeit wurde die politische Gesundung ganz &uuml;berwiegend nicht vom Willen zur erinnernden Verarbeitung bestimmt, sondern von der Bereitschaft zum t&auml;tigen Vergessen erhofft. In diesem Sinne verlangte Cicero nach der Ermordung Caesars im R&ouml;mischen Senat die &#8222;Zerst&ouml;rung jeglicher Erinnerung an die Zwietrachten durch ewiges Vergessen&#8220; (Oblivione sempiterna delendam). Diesem Geiste folgend enthielten Friedensabkommen bis zum Westf&auml;lischen Frieden 1648 regelm&auml;&szlig;ig das Bekenntnis zum wechselseitigen Vergessen: &#8222;Beide Seiten gew&auml;hren einander immerw&auml;hrendes Vergessen und Amnestie (pertua oblivio et amnestia) alles dessen, was seit Beginn der Kriegshandlungen, an irgendeinem Ort auf irgendeine Weise von dem einen oder anderen Teil, h&uuml;ben wie dr&uuml;ben, in feindlicher Absicht begangen worden ist&#8220;.(2) Noch im sp&auml;ten 19. Jahrhundert hielt Friedrich Nietzsche dem Historismus seiner Zeit die Mahnung entgegen, dass die &#8222;&Uuml;bers&auml;ttigung einer Zeit in Historie dem Leben feindlich und gef&auml;hrlich&#8220; sei, weil &#8222;durch dieses &Uuml;berma&szlig; [&#8230;] eine Zeit in die Einbildung (ger&auml;t), dass sie die seltenste Tugend, die Gerechtigkeit, in h&ouml;herem Grade besitzt als jede andere Zeit&#8220;.(3)</p>
<p>Dass andere Zeiten anderen Leitbildern folgten, versteht sich von allein. Weniger selbstverst&auml;ndlich ist aber die Feststellung, dass das Verh&auml;ltnis von Erinnern und Vergessen sich eigentlich erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten grundst&uuml;rzend ver&auml;ndert hat. Wie &uuml;berhaupt die dominierenden Pathosformeln jeder Zeit so &ouml;ffentlich wie unbemerkt, durch den Mund der Protagonisten und zugleich hinter ihrem R&uuml;cken ihre magnetische Kraft gewinnen und wieder verlieren, so hat auch die Erinnerung ihren Triumphzug vor noch gar nicht langer Zeit angetreten. Die 17. Auflage des Brockhaus in 20 B&auml;nden von 1968 pr&auml;sentiert das Stichwort &#8222;Erinnerung&#8220; in einer knappen halben Spalte als &#8222;die F&auml;higkeit, Erlebnisinhalte der Vergangenheit in der Vorstellung [&#8230;] wieder bewusst werden zu lassen&#8220;.(4) Die 19. Auflage des mittlerweile auf 24 B&auml;nde angewachsenen Werkes braucht 1988 sogar nur f&uuml;nf Zeilen, um &#8222;Erinnerung&#8220; in der Psychologie als &#8222;Bez. f&uuml;r einen Ged&auml;chtnisinhalt&#8220; und im juristischen Sprachgebrauch als Rechtsbehelf vorzustellen.(5) Ganz anders der Brockhaus 2006, der das neu aufgenommene Stichwort &#8222;Erinnerungskultur&#8220; auf mehr als drei Seiten erl&auml;utert und als &#8222;Schl&uuml;sselbegriff [&#8230;] im Hinblick auf die Ausbildung und Reflexion von Identit&auml;t&#8220; entwickelt .(6)Diesem radikalen Aufmerksamkeitswandel lag eine begriffliche Ausweitung zu Grunde, die das Erinnern von einer individuellen Operation, f&uuml;r welche die Psychologie zust&auml;ndig war, zu einem kollektiven Geschehen machte, das nun zun&auml;chst die Historiker anging und bald darauf von der Neurobiologie bis zur Literaturwissenschaft die Humanwissenschaften insgesamt. Die Stichworte dieses Paradigmenwandels lieferte der franz&ouml;sische Soziologe Maurice Halbwachs: Er untersuchte in den zwanziger Jahren die sozialen Bedingungen des Erinnerns und f&uuml;hrte die Vorstellung eines kollektiven Ged&auml;chtnisses in die Wissenschaft ein, die dann in den letzten Jahren von Aleida und Jan Assmann mit der Unterscheidung von kommunikativem und kulturellem Ged&auml;chtnis weiterentwickelt wurde.</p>
<p>Damit der im KZ Buchenwald zu Tode gebrachte Maurice Halbwachs wieder entdeckt werden konnte, bedurfte es zahlreicher Voraussetzungen: In Frankreich goss Pierre Nora seine Sorge um einen Zerfall der nationalen Erinnerungsgemeinschaft in die Formel, dass die sich aufl&ouml;senden <i>milieux de memoire</i>, also die Erz&auml;hlgemeinschaften der Familie und der Lebensumwelt heute durch die <i>lieux de memoire</i>, also durch gezielt geschaffene Ged&auml;chtnisst&uuml;tzen wie Denkm&auml;ler und Symbole ersetzt werden m&uuml;ssten. Er l&ouml;ste damit den Aufmerksamkeitsboom f&uuml;r so genannte &#8222;Erinnerungsorte&#8220; aus, der erst in Frankreich, dann in Deutschland und Italien, schlie&szlig;lich in aller Welt gro&szlig;e Verlagsvorhaben initiierte und zugleich der Gedenkst&auml;ttenbewegung neue und bis heute andauernde Impulse verlieh. In der Geschichtswissenschaft brach der <i>cultural turn</i> seit den achtziger Jahren der Einsicht Bahn, dass Geschichte eine gesellschaftliche Konstruktionsleistung sei, in der wissenschaftliche Forschung und geschichtspolitische Inszenierung mit famili&auml;rer Erz&auml;hltradition und &ouml;ffentlicher Vergangenheitsauseinandersetzung zusammenwirkten. Schlie&szlig;lich spiegeln sich im Aufstieg der Erinnerung auch der generationelle Umbruch der sechziger Jahre und die mit ihm verbundene Umgr&uuml;ndung der Bundesrepublik hin zu mehr Liberalit&auml;t und Pluralit&auml;t. Unterst&uuml;tzt von der Oral-History-Bewegung einer &#8222;Geschichte von unten&#8220;, wurde die Erinnerung zur Chiffre einer politischen Kultur, die das Beschweigen der NS-Vergangenheit nicht mehr hinnehmen mochte und die Unf&auml;higkeit zu trauern als unheilvolles Erbe betrachtete. Erinnerung, Aufarbeitung und Zeitzeugnis hie&szlig;en die drei Leitmotive eines neuen Umgangs mit der Vergangenheit, der das Fach Geschichte aus seiner Grundlagenkrise befreite und sein drohendes Verschwinden aus dem Schulunterricht in den siebziger Jahren verhinderte. Die ersten j&uuml;dischen Zeitzeugen, die oft gegen den Willen von Schulleitungen und Fachkollegien vor Schulklassen &uuml;ber ihr Schicksal zu sprechen begannen; die ersten Arbeitsergebnisse von Geschichtswerkst&auml;tten &uuml;ber die Deportation von Juden in ihrem Stadtviertel; die ersten &ouml;rtlichen Spurensicherungen von Aufarbeitungsinitiativen &#8211; sie alle trugen dazu bei, eine gemeinsame Leerstelle der traditionellen Politikgeschichte wie der modernen Gesellschaftsgeschichte aufzuf&uuml;llen und ihr den Blick auf das allt&auml;gliche Handeln und Leiden einzelner Menschen zur&uuml;ckzugeben.</p>
<p>Dabei stand die erinnerungskulturelle Hinwendung zur Vergangenheit zun&auml;chst unter misstrauischer Beobachtung. Die etablierte Zeitgeschichte attackierte die vermeintliche Graswurzelbewegung der Alltagshistoriker, deren analytische Reichweite an den begrenzten Horizont individueller Lebensschicksale gefesselt sei. Vielfach wurde das wiedererwachte Interesse an der Geschichte als bedrohliches Wiedererwachen eines deutschen Nationalbewusstseins gedeutet, das sich von der Scham &uuml;ber die zw&ouml;lf Jahre des Schreckens nicht den Stolz auf die 1000 Jahre nationaler Gr&ouml;&szlig;e rauben lassen wolle &#8211; und diese Annahme glaubte Nahrung zu finden etwa in der ohne jeden Jubil&auml;umsbezug in die Welt getretenen Berliner Preu&szlig;enausstellung 1981, in der mit Beginn der Kanzlerschaft Helmut Kohls proklamierten geistig-moralischen Wende von 1982 oder auch in der Grundsteinlegung f&uuml;r ein Deutsches Historisches Museum im Berliner Spreebogen 1988.</p>
<p>Vor allem ein Verdacht stand der neuen Lust an der Vergangenheit entgegen, dass sie n&auml;mlich einer unhistorischen Verkl&auml;rung der Vergangenheit Vorschub leiste, die den deutschen Sonderweg zur ldylle verkl&auml;re. Ein einziges Wort kann uns in seinem Aufstieg und Niedergang klarmachen, wie ger&auml;uschlos und rasch zugleich sich das Normengef&uuml;ge, die Geltungsstandards unseres Dialogs mit der Vergangenheit verschieben k&ouml;nnen. Es ist das medizinische Kunstwort Nostalgie. Mit ihm bezeichnet man &uuml;ber zwei Jahrhunderte hinweg die k&ouml;rperlichen und seelischen Symptome einer seltsamen Krankheit, die zun&auml;chst im 17. Jahrhundert bei Schweizer S&ouml;ldnern und Studenten im Ausland diagnostiziert wurde und von hitzigem Fieber begleitet war. Noch Goethe erinnerte sich 1823 gespr&auml;chsweise daran, dass unter Ludwig XIV. &#8222;unter den schwersten Strafen das Blasen einer Schalmei verboten worden (sei), weil in den Schweizerregimentern die Leute dadurch zu sehr an ihre Heimat erinnert wurden, und viele an Heimweh dahinstarben&#8220;.(7) Erst in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts verlor das aus griechisch &#8222;nostos&#8220; f&uuml;r Heimkehr und griechisch &#8222;algos&#8220; f&uuml;r Schmerz zusammengesetzte Kunstwort &#8222;Nostalgie&#8220; seinen Krankheitsbezug. Es verwandelte sich innerhalb k&uuml;rzester Zeit vom Leiden zur Therapie und machte Karriere als Sehnsuchtswort einer zweifelnden Moderne., die sich nach den Jahren des Wiederaufbaus in der Zukunft und in ihrer Fortschrittsutopie nicht mehr zu Hause f&uuml;hlte. Mit der Nostalgie erhielt die Bewahrung der Vergangenheit pl&ouml;tzlich einen Eigenwert, der sich von Jahr zu Jahr immer machtvoller gegen die alten Hoffnungsw&ouml;rter der Stadtplanung wie &#8222;autogerechte Verkehrslenkung&#8220; oder &#8222;umfassende Stadtsanierung&#8220; zu behaupten wusste, aber im Geiste des noch m&auml;chtigen Fortschrittsdenkens doch den Stempel des Reaktion&auml;ren trug. Beobachter notierten besorgt die &#8222;R&uuml;ckw&auml;rtssehnsucht&#8220;, die der &#8222;gef&uuml;hligen Restituierung des Gestern&#8220; diene(8) und in Gestalt der &#8222;Hitler-Nostalgie&#8220;(9) die &#8222;Realit&auml;t des Faschismus&#8220; verharmlose.(10)</p>
<p>Kein Verdacht h&auml;tte irriger sein k&ouml;nnen: Die Alltagsgeschichte hat uns erst ein tieferes Verst&auml;ndnis f&uuml;r die kumulative Radikalisierung des Nationalsozialismus erm&ouml;glicht. Die vermeintliche Entsorgung der Katastrophengeschichte unter Kohl erwies sich in Gestalt des DHM als h&ouml;chst erfolgreiches Unternehmen ihrer nachhaltigen Vergegenw&auml;rtigung. Niemand meint heute noch vor den Gefahren der Nostalgiekrankheit warnen zu m&uuml;ssen, weil die Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren alten Zeit vom Begehren zur Auseinandersetzung mit ihrem tats&auml;chlichen Schrecken &uuml;berragt wird, besser: weil unsere Lust an der Erinnerung nicht auf eine R&uuml;ckkehr der Vergangenheit zielt, sondern auf das Lernen aus ihr. Die dadurch inspirierte Neuvermessung der Vergangenheit zeigte sich in vielerlei Gestalt: im Erfolg der amerikanischen Holocaust- Serie 1979 und in den Verkaufszahlen von Walter Kempowskis Roman &#8222;Tadell&ouml;ser &amp; Wolff`, in der Rede Bundespr&auml;sident von Weizs&auml;ckers zum vierzigsten Jahrestag des 8. Mai 1945 als Jahrestag von zugleich Kapitulation und Befreiung, aber auch in der emp&ouml;rten Resonanz auf die Gedenkrede des Bundestagspr&auml;sidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahrestag des Judenpogroms von 1938.</p>
<p>Ein eindrucksvoller Indikator des Wandels im Umgang mit der Vergangenheit steckt in der Abwertung des Wortes Vergangenheitsbew&auml;ltigung, das in den f&uuml;nfziger Jahren noch ein mutiges Bekenntnis darstellte und von dem G&ouml;ttinger Historiker Hermann Heimpel, zeitweilig als Nachfolger des ersten deutschen Bundespr&auml;sidenten im Gespr&auml;ch, in durchaus selbstkritischer Absicht propagiert wurde: Die Vergangenheit d&uuml;rfe nicht vergessen, sie m&uuml;sse vielmehr bew&auml;ltigt werden.(11) Heute hingegen begreifen wir den Zivilisationsbruch von Auschwitz nicht mehr als eine Vergangenheit, die sich im eigentlichen Sinne &#8222;bew&auml;ltigen&#8220;, wom&ouml;glich &uuml;berw&auml;ltigen lie&szlig;e, und wir distanzieren uns von einer Wiederaufbaumentalit&auml;t, die meinte, mit dem Schrecken des &#8222;Dritten Reiches&#8220; auf dem Wege der juristischen, politischen und mentalen Bew&auml;ltigung abschlie&szlig;end fertig werden zu k&ouml;nnen.(12)</p>
<p>L&auml;ngst hat daher die Rede von der Vergangenheitsbew&auml;ltigung semantische Konkurrenz bekommen und hat im &ouml;ffentlichen Diskurs vielfach dem Bekenntnis zur Aufarbeitung Platz gemacht, dessen Konjunktur Theodor Adorno 1957 noch eher kritisch registrierte und jedenfalls mit der Absicht verbunden wissen wollte, &#8222;dass man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewusstsein&#8220;.(13) Urspr&uuml;nglich auf den Nationalsozialismus eingeschr&auml;nkt, wird im &ouml;ffentlichen Sprachgebrauch unter Aufarbeitung heute die erinnernde Auseinandersetzung mit den zwei Diktaturen auf deutschem und europ&auml;ischem Boden verstanden. Ebenso wenig wie die Nostalgiewelle die Distanzierung von den Schrecknissen der deutschen Geschichte implizierte, hat sich nach 1989 die vielfach aufgekommene Sorge bewahrheitet, dass die Auseinandersetzung mit dem zweiten Totalitarismus des 20. Jahrhunderts die mit der ersten deutschen Diktatur verdr&auml;ngen k&ouml;nne. So ungest&uuml;m sich gelegentlich im Streit um die Zukunft der Aufarbeitung die Opfer des Stalinismus als &#8222;Opfer zweiter Klasse&#8220; betrachten oder ein wie immer gearteter Proportionalit&auml;tsausgleich in der Gedenkst&auml;ttenkultur gefordert wird, hat sich doch in den neunziger Jahren in der Arbeit der beiden Enquetekommissionen des Deutschen Bundestags ein antitotalit&auml;rer Konsens herausgebildet, der der doppelten Erinnerung einen stabilen Rahmen gibt: &#8222;Die NS-Verbrechen d&uuml;rfen durch die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus nicht relativiert werden. Die stalinistischen Verbrechen d&uuml;rfen durch den Hinweis auf die NS-Verbrechen nicht bagatellisiert werden.&#8220;(14)</p>
<p>Vor diesem Hintergrund einer opferzentrierten Erinnerung bedeutet auch die neuerlich zu beobachtende Ausbreitung des Aufarbeitungsanspruchs auf den Bombenterror des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und die deutschen Vertriebenen im Kern eben keine nationalgeschichtliche Aufrechnung von Leid und Opfern in exkulpatorischer Absicht mehr. Sie stellt ganz im Gegenteil eine weitere Ausdehnung des Erinnerungspathos auch auf Gruppen dar, deren Opferschicksal &uuml;ber Jahrzehnte eher als Argument zum Beschweigen der NS-Verbrechen und der historischen Absicherung politischer Revisionsforderungen gedient hatte.</p>
<h2 class="auto-created">Ursachen der Erinne&shy;rungs&shy;kon&shy;junktur</h2>
<p>Kein Ph&auml;nomen l&auml;sst den Aufstieg der Erinnerungskultur klarer hervortreten als die Karriere einer historischen Kunstfigur: des Zeitzeugen. Wie die Aufarbeitung ist auch der Zeitzeuge eine noch junge Sch&ouml;pfung. Der N&uuml;rnberger Prozess 1946 kannte ihn noch nicht. Das erste Mal tritt er nachdr&uuml;cklich im Eichmann-Prozess 1961 in Erscheinung. Filmdokumentationen des Prozesses zeigen, pathetisch gesprochen, fast so etwas wie die schmerzhafte Geburt des Zeitzeugen als &ouml;ffentlicher Figur. Im Zeugenstand erscheint ein KZ-&Uuml;berlebender, der wie andere gleichartige Zeugen nicht aufgerufen wurde, um Eichmann zu identifizieren oder eine konkrete Tat zu beglaubigen, sondern um den Terror der Vergangenheit von Auschwitz in die Gegenwart des israelischen Gerichtssaales zu transportieren. Der Zeuge macht seltsame Geb&auml;rden, er f&uuml;rchtet sich offenbar vor dem Reden. Aber die Kamera beachtet ihn kaum, sie zoomt nicht auf ihn, sondern richtet den Blick auf den Staatsanwalt, der eine Frage an den Zeugen richtet.</p>
<p>Pl&ouml;tzlich ein Tumult hinter der Kamera, die herumf&auml;hrt und nur noch den ersch&uuml;tternden Moment einf&auml;ngt, dass der zitternde Zeuge dem Schock des Erinnern- Sollens nicht standgehalten hat und bewegungslos ausgestreckt neben dem Zeugenstand liegt. Auch von anderen Zeugen erfahren wir, dass sie ihre Aussage nicht nur sich selbst um den Preis neuer seelischer Verwundung abgepresst haben, sondern auch einer Umgebung, die ihnen geraten hat, das Vergangene doch lieber vergangen sein zu lassen und nicht auch noch &ouml;ffentlich daran zu erinnern, dass die j&uuml;dischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung sich wie L&auml;mmer zur Schlachtbank h&auml;tten f&uuml;hren lassen.</p>
<p>Die Geburt des Zeitzeugen w&auml;re nicht m&ouml;glich ohne die zeitgleiche Herausbildung eines Erinnerungskonsenses, der nicht mehr nach politischen Positionen und Weltanschauungslagern unterscheidet. Vielmehr r&auml;umt er der schonungslosen Bewusstmachung der Vergangenheit ungleich mehr Kredit ein als den Anklage- und Rechtfertigungshaltungen noch in der Zeit der Studentenbewegung, die doch in der Abrechnung mit der NS-Vergangenheit einen wesentlichen Teil ihrer ldentit&auml;t erblickte. Eindrucksvoll zutage trat dieser auf dem moralischen Wert der Erinnerung fu&szlig;ende Geschichtsgestus etwa in der Auseinandersetzung um die NSDAP-Mitgliedschaft von G&uuml;nter Grass oder Walter Jens, die eben nicht so sehr auf die realhistorische Bedeutung der offenbar gewordenen Regimeverstrickung abstellte, sondern auf den Umgang mit ihm: Freim&uuml;tige Erinnerung sichert die gesellschaftliche Anerkennung als Zeitzeuge, erzwungenes Bekenntnis oder gar Schweigsamkeit verurteilt zur Komplizenschaft. Insofern setzt der Aufstieg der Erinnerung zu einem alle politischen Gegens&auml;tze &uuml;berw&ouml;lbenden Imperativ der politischen Gegenwartskultur den Niedergang des Systemzeitalters und das Ende der Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Ordnungsentw&uuml;rfen der Moderne voraus. Anders gesagt: Erinnerung als Pathosformel des Umgangs mit der Vergangenheit kann erst dort einen beherrschenden Platz in der politischen Kultur erobern, wo das Wesen der Politik ihre letztbegr&uuml;ndung nicht in der Freund-Feind-Scheidung nach Carl Schmitt findet, sondern in der Anerkennung eines politisch-kulturellen Rahmenkonsenses.</p>
<p>Die Karriere der Erinnerung in unserer Zeit hat weitere Ursachen. Hermann L&uuml;bbe sieht in unserer Tradition zerst&ouml;renden Fortschrittswelt und ihrer Unbehaustheit den entscheidenden Grund f&uuml;r eine noch nie da gewesene Vergangenheitssehnsucht, die Flohm&auml;rkte und Geschichtsmuseen f&uuml;llt und ganze St&auml;dte und Landschaften unabh&auml;ngig von ihrem &auml;sthetischen Rang unter Denkmalschutz stellt, um so den &#8222;&auml;nderungstempobedingten&#8220; Vertrautheitsschwund zu kompensieren.(15) Andere Autoren machen auf die j&uuml;dische Tradition des Erinnerungs-Imperativs als erl&ouml;sende Kraft aufmerksam, den westliche Gesellschaften parallel zur Anerkennung des Holocaust als moralischen Gr&uuml;ndungsmythos des Westens und seiner freiheitlichen Ordnung &uuml;bernommen h&auml;tten: Am Ende seiner W&uuml;stenwanderung empfing das Volk Israel vom sterbenden Moses das Verbot des Vergessens und die Pflicht zur Erinnerung.</p>
<p>Aus der Sicht der historischen Semantik f&auml;llt hingegen vor allem die deutliche Korrelation zwischen Vergangenheitshoffnung und Zukunftspessimismus ins Auge, die nach dem Ende der klassischen Moderne das gegenw&auml;rtige Erinnerungspathos an die Stelle des einstigen Fortschrittspathos hat treten lassen. Auch die so genannte Preu&szlig;enrenaissance in der DDR der achtziger Jahre lie&szlig; sich nicht einstr&auml;ngig aus dem wachsenden Legitimationsbed&uuml;rfnis des Regimes ableiten, sondern vollzog sich mit einer system&uuml;bergreifenden Eigendynamik. In der immer intensiveren Suche nach authentischen Zeugnissen und in der Pflege der historischen Aura von Erinnerungsorten befriedigen wir seither ein Bed&uuml;rfnis nach Orientierung und Identifikation, das in den f&uuml;nfziger und noch in den sechziger Jahren die Hoffnung auf eine gl&uuml;cklichere Zukunft abgedeckt hatte. Ob Eltern in der Nachkriegszeit ihre Kinder mit dem Ziel erzogen, dass sie es einmal besser haben sollten, ob der SED-Chef Walter Ulbricht einer frenetisch jubelnden SED-Konferenz vorschlug, das Wort &#8222;unm&ouml;glich&#8220; aus dem deutschen Lexikon zu streichen oder ob eine Bauplanung in der DDR der sechziger Jahre verlangte, im Heute das Morgen schon mitzusehen &#8211; immer stand dahinter ein r&uuml;cksichtslos wirkender und heute g&auml;nzlich verlorener Fortschrittsglaube, der &#8222;das Alte&#8220; entschieden geringer als &#8222;das Neue&#8220; sch&auml;tzte und dessen letzte Strahlkraft noch vor gar nicht so langer Zeit die beliebte Einordnung von Menschen und Sachverhalten als &#8222;progressiv&#8220; und &#8222;fortschrittlich&#8220; oder &#8222;r&uuml;ckst&auml;ndig&#8220; und &#8222;reaktion&auml;r&#8220; ausdr&uuml;ckte.</p>
<p>Mit dieser R&uuml;ckwendung zur Vergangenheit auf dem Weg der Erinnerung verbindet sich zudem ein tief greifender mentaler Wandel, der sich schlagwortartig als &Uuml;bergang von der Heroisierung zur Viktimisierung bezeichnen l&auml;sst. Unsere historischen Meistererz&auml;hlungen, die die Nation als Held darstellen, ihren Aufstieg feiern und ihren Abstieg beklagen; sie sind au&szlig;er Gebrauch gekommen. Nicht der Held steht mehr im Mittelpunkt unserer heutigen Geschichtskultur, sondern das Opfer; nicht die Heldentaten von Arminius im Teutoburger Wald &uuml;ber Luther in Worms zu Bismarck in Versailles bewegen uns, sondern die historischen Verletzungen, die Menschen erlitten und die Menschen verursacht haben. Unsere Gedenkst&auml;tten sind nicht mehr der Kyffll&auml;user, das Deutsche Eck oder das Denkmal von Tannenberg, sondern Buchenwald und Dachau, die innerdeutschen Grenzanlagen und die Neue Wache in Berlin. Der Paradigmenwechsel von der historischen Heroisierung zur historischen Viktimisierung ist kein deutscher, sondern ein europ&auml;ischer, pr&auml;ziser: ein okzidentaler Trend. Er tritt zutage, wenn ein amerikanischer Pr&auml;sident f&uuml;r die Versklavung der afrikanischen Bev&ouml;lkerung im 19. Jahrhundert um Entschuldigung bittet oder eine deutsche Bundesministerin der deutschen Massaker an den Hereros gedenkt; er zeigt sich bei dem Aufstieg von Gedenktagen wie dem 27. Januar zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz oder dem 9. November zur Erinnerung an den Reichsjudenpogrom von 1938; er wird fassbar, wenn der Holocaust sich in den letzten beiden Jahrzehnten als zentrales Bezugsereignis eben nicht nur der deutschen, sondern der europ&auml;ischen Geschichte durchgesetzt hatte. Welche Pr&auml;gekraft in diesem Wandel der Geschichtskultur liegt, veranschaulicht vielleicht am nachdr&uuml;cklichsten das Treffen von 22 Regierungschefs vor einigen Jahren in Stockholm, das in eine Deklaration &uuml;ber &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; m&uuml;ndete und von dem Geist getragen wurde, &#8222;f&uuml;r immer gegen Genozid, Gewalt und Diskriminierung zu k&auml;mpfen&#8220;. (16)</p>
<p>Der Wandel von der Heroisierung zur Viktimisierung ist ein s&auml;kularer Prozess, der sich in Deutschland in vielen Etappen vollzog: Im Geschichtsbewusstsein der letzten 150 Jahre gab es den erl&ouml;senden Helden, wie ihn Bismarck oder Hindenburg verk&ouml;rperten und sp&auml;ter die zunehmend auf Hitler konzentrierte, messianische F&uuml;hrersehnsucht der zwanziger und drei&szlig;iger Jahre. Neben dem erl&ouml;senden Held stand der verratene Held, der in der Dolchsto&szlig;legende nach 1918 seinen beredtesten Ausdruck fand. Den &Uuml;bergang von der Heroisierung zur Viktimisierung bereitete vielleicht schon der Typus des tragischen Opfer-Helden, der sich etwa mit dem Langemarck-Mythos von 1914, aber auch mit der propagandistischen Inszenierung des Endes der 6. Armee vor Stalin-grad 1943 verbindet. Den Durchbruch der Opferperspektive brachte in Deutschland 1945 die &#8222;Stunde Null&#8220; mit der oft als Selbstviktimisierung beschriebenen Haltung der Nachkriegsdeutschen, die sich selbst als Opfer inszenierten und die eigene Verstrickung hinter der Selbstwahrnehmung als Opfer brauner Verf&uuml;hrung, angloamerikanischer Bombardierung und sowjetischer Siegerwillk&uuml;r verschwinden lie&szlig;en.</p>
<p>Doch diese Opfersensibilit&auml;t vollzog in den siebziger und achtziger Jahren einen einschneidenden Richtungswechsel, der in der Fachwissenschaft und ihren &ouml;ffentlich ausgetragenen Konflikten die Suche nach der Erkl&auml;rung f&uuml;r die Machtergreifung 1933 (als Millionen Deutsche zu Opfer Hitlers wurden) abl&ouml;ste durch die Suche nach der Erkl&auml;rung f&uuml;r die NS-Vernichtungspolitik von 1938 bis 1945 (als Millionen zu Opfern der Deutschen wurden).(17) Die Opferperspektive schafft neue Zuordnungen. Sie ersetzt in gewisser Weise Staat und Regimen&auml;he durch Tat und T&auml;terschaft als Blickpunkt, und sie organisiert ihr Narrativ in den Kategorien von T&auml;tern und Opfern statt in den Spruchkammerkategorien von Belasteten, Mitl&auml;ufern und Entlasteten. Welche dramatischen Verschiebungen mit diesem Perspektivenwechsel verbunden sind, erhellt etwa der Fall Albert Speer, mit dem sich fr&uuml;her insbesondere der Widerstand gegen Hitlers Nero-Befehl verband und heute seine Beteiligung an der Massenvernichtung durch Zwangsarbeit.</p>
<p>&Auml;hnliches l&auml;sst sich f&uuml;r den Konturenwandel sagen, den das Bild des Raketenspezialisten Wernher von Braun in den letzten vierzig Jahren erfahren hat. Auch die Ende der neunziger Jahre entbrannte Debatte &uuml;ber die NS-Verstrickung der deutschen Historikerschaft ist ohne diesen Perspektivenwechsel nicht zu verstehen, und wie sehr sich der Widerstreit von Heroisierung und Viktimisierung in einzelnen Personen spiegeln kann, lehrt die Umwertung des Bildes vom milit&auml;rischen Widerstand gegen Hitler, das seinen einstigen Monstranzcharakter mittlerweile weitgehend gegen die abw&auml;gende Auseinandersetzung mit der oft nicht aufl&ouml;sbaren Verflochtenheit von Widerst&auml;ndigkeit und Verstrickung eingetauscht hat.</p>
<p>Nur angedeutet sei, dass der Siegeszug der Opferperspektive in den letzten Jahren auch die T&auml;terwelt erfasst hat. Hierf&uuml;r spricht die mit viel Resonanz aufgenommene Beschreibung des Untergangs der &#8222;Wilhelm Gustloff&#8216; durch G&uuml;nter Grass ebenso wie J&ouml;rg Friedrichs &uuml;berraschend erfolgreiches Buch &#8222;Der Brand&#8220;, welches das Schicksal des deutschen T&auml;tervolks als Opfer im Bombenkrieg vor Augen f&uuml;hrte. In dieselbe Richtung wies die erfolgreiche Neuverlegung des Ano nyma-Buches, das die Leiden der besiegten Deutschen unter ihren Siegern plastisch macht. Und dass die Viktimisierung mittlerweile sogar das Zentrum des nationalsozialistischen Verbrechens erreicht hat, machte Bernd Eichingers Film &#8222;Der Untergang&#8220; deutlich, der Hitler selbst als Opfer darstellt: als Opfer seiner Illusionen, seines Wahns, aber auch des gewandelten Kriegsgl&uuml;cks und des politischen Verrats.</p>
<h2 class="auto-created">Die Entmachtung der Fachwis&shy;sen&shy;schaft</h2>
<p>Gleichwohl gibt es gute Gr&uuml;nde, der atemberaubenden Konjunktur der Erinnerung kritisch gegen&uuml;berzustehen und sich zu fragen, ob das unsere Geschichtskultur beherrschende Dreigestirn von Erinnerung, Aufarbeitung und Zeitzeugenschaft nicht auch erhebliche Kosten mit sich bringt. Ein solcher Kostenfaktor l&auml;sst sich unschwer darin erkennen, dass auf diese Weise die Scheidelinie von Vergangenheitsdiskurs und historischer Fachwissenschaft auf problematische Weise verwischt wird. Mehr und mehr scheint unterzugehen, dass Zeitgeschichte und Erinnerung, Geschichtswissenschaft und Gedenkkultur nicht nur kooperieren k&ouml;nnen, sondern auch konfligieren m&uuml;ssen: Zeitgeschichte als Wissenschaft ist in starkem Ma&szlig;e zeitlich strukturiert; sie interessiert sich f&uuml;r den historischen Verlauf in der Zeit. Die Erinnerung hingegen ist st&auml;rker r&auml;umlich bezogen, sie schafft sich Erinnerungsorte und braucht mnemotechnisch r&auml;umliche oder symbolische Institutionen, an denen sich die Erinnerung kn&uuml;pfen und bewahren kann. Zugespitzt formuliert: Der Zeitfluss ist der Freund der Historie, die den Wandel untersucht und aus der Dynamik ihre Erz&auml;hlungsstruktur gewinnt. Der Zeitfluss ist zugleich der Feind der Erinnerung, der sie verblassen l&auml;sst und gegen den sie mit den Mitteln der Konservierung, der Bewahrung k&auml;mpft. Die Erinnerung findet ihre Erf&uuml;llung in der Utopie einer &#8222;authentischen Vergangenheit&#8220; und definiert die Ann&auml;herung an die Vergangenheit als Aura des Erinnerungsortes; die Wissenschaft dagegen misst die Geltungskraft ihrer Erkenntnisse an ihrer intersubjektiven Glaubw&uuml;rdigkeit in der Gegenwart. Erinnerungen sind unzuverl&auml;ssig, gerade weil sie ihre Historizit&auml;t und ihre permanente Wandlung durch Wiederaufrufung negieren und eine unmittelbare Authentizit&auml;t behaupten, w&auml;hrend die Wissenschaft gerade die zeitliche Wandlung in der Real- und Rezeptionsgeschichte zu ihrem Thema macht.</p>
<p>Weiterhin: Das Gedenken ist affirmativ, die Wissenschaft ist kritisch. Die Gedenkst&auml;tte ist ein Ort, an dem verschiedene Funktionen Platz haben: Gedenken, Mahnen, Bewahren, Forschen, Ausstellen. Aber im Kern dienen sie einer Gesellschaft oder einer Gruppe zur Best&auml;tigung ihrer Haltung, nicht zur Infragestellung. Die Zeitgeschichte als Wissenschaft hingegen lebt von der n&uuml;chternen Infragestellung und r&uuml;ckt die kritische Befragung des f&uuml;r selbstverst&auml;ndlich Gehaltenen in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Bekanntes und Anerkanntes auf neue, nicht selten anst&ouml;&szlig;ige Weise zu durchdenken, ist der Motor des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns und muss es auch in der Zeitgeschichte bleiben, wenn sie sich nicht etwa als Zwitter zwischen Wissenschaft und Erinnerung begreifen will, wie dies in j&uuml;ngster Zeit als &#8222;neue Ann&auml;herung zwischen Geschichte und Ged&auml;chtnis im Schatten des Holocaust&#8220; begr&uuml;&szlig;t und als eigene Funktion der Geschichtsschreibung vorgeschlagen wurde, &#8222;die wir die ,moralische&#8216; nennen k&ouml;nnen&#8220;. (18)</p>
<p>Auf eine antithetische Formel gebracht: Das Gedenken als &#8222;Ged&auml;chtnisfeier&#8220; appelliert st&auml;rker an die Emotion, die Wissenschaft st&auml;rker an die Kognition. Das Gedenken leistet Trauerarbeit, es gibt Trost, schafft Sinn, mildert die Wirklichkeit und macht die Vergangenheit ertr&auml;glich, wo die Wissenschaft sie verst&auml;ndlich macht und dadurch nicht selten den Schmerz &uuml;ber das Geschehene noch verst&auml;rken muss, weil gerade dies die historische Entwicklung nachvollziehbar und in moralisch vielleicht sogar anst&ouml;&szlig;iger Weise plausibel macht. Das Gedenken schafft emotionale Selbstvergewisserung und damit zugleich Abstand zum Geschehen; die fachliche Erkenntnis hingegen bem&uuml;ht sich in analytischer N&uuml;chternheit noch das Menschheitsverbrechen &#8222;ganz normaler M&auml;nner&#8220; erkl&auml;rbar zu machen &#8211; was gerade in den hitzigen Debatten um die Diktaturaufarbeitung dem Fach &uuml;brigens nicht selten zum Nachteil angerechnet wird.</p>
<h2 class="auto-created">Erinnerung als Konflikt&shy;po&shy;ten&shy;tial</h2>
<p>Schauen wir in einem letzten Perspektivenwechsel darauf, in welche Widerspr&uuml;che und Konflikte die Entwicklung der Erinnerung zur Pathosformel f&uuml;hrt. Ein erstes Spannungsfeld entsteht aus der oben angesprochenen Authentizit&auml;tssehnsucht, die das Geschichtsbewusstsein unserer Zeit pr&auml;gt und ihm nachgerade sakralisierende Z&uuml;ge zu verleihen vermag. Unsere Erinnerungskultur bedient heute eine vielfach fast geschichtsreligi&ouml;s zu nennende Suche nach dem authentischen Vergangenheitszeugnis, in dem das Relikt sich kaum noch von der Reliquie unterscheidet und etwa die Legitimation f&uuml;r die architektonische Neusch&ouml;pfung des Verlorenen aus der Einbeziehung originaler Fragmente w&auml;chst &#8211; im Fall der Dresdner Frauenkirche nicht anders als in dem des Berliner Schlosses oder der Potsdamer Garnisonkirche. Ganz anders als etwa die DDR, f&uuml;r die Rekonstruktion durchaus auch Abriss und Neubau bedeuten konnte, definieren wir heute eine denkmalgerechte Restaurierung als Auftrag zur Dokumentation historischer Gewordenheit. Der Anspruch auf Authentizit&auml;t rangiert h&ouml;her als die Forderung von Funktionalit&auml;t oder &auml;sthetischer Gef&auml;lligkeit, wenn bei der Neuverputzung von Altbauten die Spuren des Kampfes um Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs oder im Berliner Reichstag die kyrillischen Graffiti eingedrungener Soldaten bewahrt werden &#8211; wie auch in der Gedenkst&auml;tte Deutsche Teilung Marienborn der partielle Austausch von Bodenlinoleum und originalen Wandtapeten mit Farbkontrasten akribisch sichtbar gemacht wurde, um die DDR-Vergangenheit m&ouml;glichst originalnah erlebbar zu machen. Zwischen &Uuml;berwindungswillen und Erhaltungsstreben klafft eine nicht zu schlie&szlig;ende L&uuml;cke, die unsere Unsicherheit im Umgang mit DDR-Alltagsmuseen und mit dem Abriss des &#8222;Palastes der Republik&#8220; im Herzen Berlins ebenso erkl&auml;rt wie den raschen Haltungswechsel in Bezug auf die DDR-Grenzanlangen und insbesondere die Berliner Mauer, deren Reste zun&auml;chst nicht rasch genug beseitigt und heute nicht akribisch genug bewahrt werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Auf einem weiteren Konfliktfeld spielt sich die Auseinandersetzung zwischen zeitlichen und r&auml;umlichen Erinnerungslagern ab. Unsere dominierende Erinnerungskultur ist kathartisch und nicht mimetisch; sie lebt von der Distanzierung und der Bew&auml;ltigung, nicht von der Traditionsverpflichtung und dem Kontinuit&auml;tsgebot. Kontrovers wird diskutiert, ob sich ein in der westlichen Tradition ~stehender Erinnerungscode in Gestalt von Genozidforschung und Menschenrechtserziehung auf andere Kulturr&auml;ume &uuml;bertragen und in ihm die moralische Singularit&auml;t des mit Auschwitz und dem Holocaust verbundenen Zivilisationsbruchs festschreiben l&auml;sst &#8211; oder doch mindestens die wechselseitige Anerkennung von einer gemeinsamen, im europ&auml;ischen Osten auf den Gulag und einer im europ&auml;ischen Westen auf Auschwitz fokussierten Gedenkkultur. Die Gegenthese lautet, dass der kathartische Erinnerungscode eine spezifische westliche oder auch nur deutsche &#8222;DIN-Norm&#8220; der historischen Lernkultur vorzuschreiben unternimmt, die den politischen Herrschaftsanspruch der Gro&szlig;v&auml;ter als geschichtspolitischen Herrschaftsanspruch der Enkel fortschreibt und sich mit der historischen Stolzkultur t&uuml;rkischer oder russischer Provenienz lediglich in der Gewissheit einig wei&szlig;, selbst den allein richtigen Weg der Erinnerung zu kennen.</p>
<p>Wie vielschichtig und differenziert die Entscheidung zwischen Universalisierung und Pluralisierung der Ma&szlig;st&auml;be historischen Gedenkens auch ausfallen mag, in jedem Fall zeugt sie vom radikal gewandelten Charakter unserer politischen Gegenwartskultur, die innerhalb weniger Jahrzehnte das zukunftsorientierte Leitbild des Fortschritts durch das vergangenheitsorientierte Leitbild des Ged&auml;chtnisses ausgetauscht hat.</p>
<p><i>* Durchgesehener Wiederabdruck aus: Martin Sabrow (Hg.), Der Streit um die Erinnerung (Helmstedter Colloquien, Heft 10), Leipzig 2008, S. 9-24.</i></p>
<p>(1) <i>Gesine Schwan</i>, Politik und Schuld. Die zerst&ouml;rerische Macht des Schweigens, Berlin 1997.</p>
<p>(2) Osnabr&uuml;cker Friedensvertrag (Instrumentum Pacis Osnabrugensis) vom 24.10.1648, Art. 2, zitiert nach: <i>Arno Buschmann</i>, Kaiser und Reich. Verfassungsgeschichte des Heiligen R&ouml;mischen Reiches Deutscher Nation vom Beginn des 12. Jahrhunderts bis zum Jahre 1806 in Dokumenten, Baden-Baden 1994, S. 17.</p>
<p>(3) <i>Friedrich Nietzsche</i>, Unzeitgem&auml;&szlig;e Betrachtungen, Zweites St&uuml;ck: Vom Nutzen und Nachteil der Historie f&uuml;r das Leben, in: Ders., Werke, hg. v. <i>Alfred Baeumler</i>, Erster Band, Leipzig 1930, S. 95-195, hier S. 134f.</p>
<p>(4) Brockhaus Enzyklop&auml;die in 20 B&auml;nden, Wiesbaden (17)1968, Bd. 5, S. 667.</p>
<p>(5) Brockhaus Enzyklop&auml;die in 24 B&auml;nden, Wiesbaden (19)1988, Bd. 6, S. 524.</p>
<p>(6) Brockhaus Enzyklop&auml;die in 30 B&auml;nden, Wiesbaden (21)2006, Bd. 8, S. 287-290, hier S. 287.</p>
<p>(7) <i>Johann Woldemar Freiherr von Biedermann,</i> Goethes Gespr&auml;che, Leipzig 1889-1896, Bd. 4, S. 258.</p>
<p>(8) <i>Volker Fischer</i>, Nostalgie. Geschichte und Kultur als Tr&ouml;delmarkt, Luzern u.a. 1980, S. 36 u. 75.</p>
<p>(9) Ebd., S. 29.</p>
<p>(10) Ebd., S. 32.</p>
<p>(11) <i>Peter Dudek</i>, Vergangenheitsbew&auml;ltigung. Zur Problematik eines umstrittenen Begriffs, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage 1-2, 1992, S. 44 ff.</p>
<p>(12) Das Gegenwartsverst&auml;ndnis des Begriffs Vergangenheitsbew&auml;ltigung veranschaulicht ein &#8222;Call for Papers: Erinnerung &#8211; Vergangenheitsbew&auml;ltigung &#8211; Amnesie&#8220; des politikwissenschaftlichen Fachorgans &#8222;Peripherie. Zeitschrift f&uuml;r Politik und &Ouml;konomie in der Dritten Welt&#8220; vom 18.3.2007: &#8222;Freilich ist Sprache verr&auml;terisch: Nicht von Auseinandersetzung ist im Zusammenhang mit dem Holocaust, dem Genozid in Rwanda 1994, schweren Menschenrechtsverletzungen unter den Diktaturen von Pinochet in Chile oder bei der Niederschlagung des Sendero Luminoso in Peru, dem Apartheidsregime oder endlich auch dem Vietnamkrieg und in wenigen Jahren vielleicht dem US-Desaster im Irak die Rede, sondern &#8211; bei allen Unterschieden zwischen diesen Beispielen &#8211; von Vergangenheitsbew&auml;ltigung. Die Gewaltsamkeit, die im Spiel ist, wenn Vergangenheit zum Mythos zugerichtet, das Unsagbare f&uuml;r &ouml;ffentlichen Gebrauch handhabbar gemacht wird, ist diesem Wort eingeschrieben. <a href="http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=6919" target="_blank" rel="noopener">http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=6919</a>.</p>
<p>(13) <i>Theodor W. Adorno</i>, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?, in: ders., Gesammelte Schriften, Band 10/2, Kulturkritik und Gesellschaft II, hg. v. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz, Frankfurt am Main 1977, S. 555-572, hier S. 555.</p>
<p>(14) Deutscher Bundestag (Hg.), Schlussbericht der Enquete-Kommission &#8222;&Uuml;berwindungen der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit&#8220;, Bonn 1998, S. 240.</p>
<p>(15) <i>Hermann L&uuml;bbe</i>, Der Fortschritt von gestern. &Uuml;ber Musealisierung als Modernisierung, in: Ulrich Borsdorf/ Heinrich-Theodor Gr&uuml;tter/ J&ouml;rn R&uuml;sen (Hg.), Die Aneignung der Vergangenheit. Musealisierung und Geschichte, Bielefeld 2004, S. 13-38. Vgl. auch Hermann L&uuml;bbe, Die Gegenwart der Vergangenheit. Kulturelle und politische Funktionen des historischen Bewusstseins, Oldenburg 1985.</p>
<p>(16) <i>Michael Jeismann,</i> Auf Wiedersehen Gestern. Die deutsche Vergangenheit und die Politik von morgen, Stuttgart/M&uuml;nchen 2001, S. 143.</p>
<p>(17) In seinen Lebenserinnerungen beschreibt <i>Fritz Stern</i> am Beispiel einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 anschaulich, wie verst&ouml;rend er als Opfer rassischer NS-Verfolgung nach dem Krieg die Beharrungskraft eines eigenen Opferverst&auml;ndnisses in der deutschen T&auml;tergesellschaft erlebte: &#8222;Den einzigen Missklang beim Gedenken an den 20. Juli steuerte Otto Dibelius bei, der evangelische Bischof von Berlin, der vor der ersten Feier eine Radioansprache hielt. Er r&uuml;hmte Gottes Barmherzigkeit, die sich auch in den Zeiten schrecklichster deutscher Leiden gezeigt habe, und er bezog sich ausdr&uuml;cklich auf die aus den Ostgebieten vertriebenen Deutschen. Noch am selben Tage schrieb ich ihm: ,Aber wie verwundert, ja auch verwundet, war ich, als Ihre Predigt &uuml;ber die Barmherzigkeit Gottes immer nur die bitteren Erfahrungen des deutschen Volkes heraushob. Dieser ist sich ja das Volk wirklich schon bewusst. W&auml;re nicht diese historische Stunde geeignet gewesen, und w&auml;hre [sic!] Ihre Autorit&auml;t nicht geradezu berufen gewesen, auch einmal an die bitteren Erfahrungen der v&ouml;llig Unschuldigen zu denken, der Millionen aus aller Welt, die durch deutsche Menschen um Alles, auch um das Leben gekommen sind?&#8216; Seine Antwort kam prompt. Unger&uuml;hrt beharrte er darauf, er habe ,von den Millionen gesprochen, die nicht davongekommen seien und die wir nicht vergessen. Dabei habe ich auch an diejenigen gedacht, die durch deutsche Schuld ums Leben gekommen sind.&#8216; Ich war erstaunt &uuml;ber seine Abgestumpftheit. Er hatte an die anderen ,gedacht&#8216;, aber nicht von ihnen gesprochen &#8211; ein beklagenswertes Schweigen.&#8220; Fritz Stern, F&uuml;nf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen, M&uuml;nchen 2007, S. 272 f.</p>
<p>(18) <i>Aleida Assmann</i>, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, M&uuml;nchen 2006, S. 49 ff.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/erinnerung-als-pathosformel-der-gegenwart/">Erinnerung als Pathosformel der Gegenwart*</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Bildung nach Auschwitz im Zeitalter der Globalisierung</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/bildung-nach-auschwitz-im-zeitalter-der-globalisierung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 21:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus Vorgänge Heft 2/2012, S.41-50 1. Historische Bildung im Zeitalter der Globa&#173;li&#173;sie&#173;rung Vor bald fünfzig Jahren, in den 1960er Jahren, hat Theodor W. Adorno mit seiner Forderung nach einer &#8222;Erziehung zur Mündigkeit&#8220; als einer &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; (1) die Stichworte für eine Bildung der jüngeren Generation in historischer und moralischer Verantwortung geliefert. Erstes und einziges [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus Vorgänge Heft 2/2012, S.41-50</p>
<h2 class="auto-created">1. Historische Bildung im Zeitalter der Globa&shy;li&shy;sie&shy;rung</h2>
<p>Vor bald fünfzig Jahren, in den 1960er Jahren, hat Theodor W. Adorno mit seiner Forderung nach einer &#8222;Erziehung zur Mündigkeit&#8220; als einer &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; (1) die Stichworte für eine Bildung der jüngeren Generation in historischer und moralischer Verantwortung geliefert. Erstes und einziges Ziel einer solchen Erziehung sei, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Derzeit -fünfzig Jahre nach dieser Forderung und siebzig Jahre nach den mit dem polnischen Ortsnamen verknüpften deutschen Verbrechen &#8211; ist diese Forderung revisions &#8211; und erweiterungsbedürftig &#8211; gerade um ihres ursprünglichen Kerns willen.(2)</p>
<p>Der ökonomisch und technisch unabweisbare, politisch allenfalls in Ansätzen gestaltete Prozess der Globalisierung hat &#8211; nicht zuletzt kraft der Medien &#8211; ein auch den Subjekten zugängliches Wissen von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen, das welthistorisch seinesgleichen sucht. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass eine angemessene Bildung heute nur noch als weltbürgerliche Bildung, die sich zumal in Form einer Menschenrechtspädagogik äußert, sinnvoll ist; eine weltbürgerliche Bildung, deren motivationale und kognitive Wurzel die Einsicht in die Würde und somit in das Leiden der Fernsten ist; eine Einsicht, die besonderer Kraft bedarf, da sie ihren Blick auf die Fernsten und Fremdesten werfen muss &#8211; also auf jene, die kaum in den Blick des natürlichen, verwandtschaftsbezogenen Altruismus kommen.</p>
<p>Derlei Haltungen im Sinne des Respekts vor dem Fremden und der Fernstenliebe können als Voraussetzungen für die allmähliche Institutionalisierung einer &#8222;Demokratie im Zeitalter der Globalisierung&#8220; (3) gelten. Menschenrechtliche Bildung angesichts der Verletzung menschlichen Lebens und menschlicher Würde wäre demnach eine &#8211; freilich wesentliche &#8211; Voraussetzung zur Herstellung internationaler Rechtsverhältnisse. Freilich brechen sich derlei Vorsätze immer wieder an dem Umstand, dass die kollektive Erinnerung einer Gesellschaft &#8211; ebenso wie ihre Ökonomie und ihr politisches System &#8211; noch immer und wohl noch auf lange Zeit mindestens auch nationalstaatlich verfasst sind.</p>
<p>Deutschland mit der Hypothek der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen singulären Verbrechen steht so vor einer doppelten Herausforderung: seine eigene neuere Geschichte im Zeitalter des widersprüchlichen, konflikthaften Zusammenwachsen Europas sowie &#8211; im Zeitalter der Globalisierung &#8211; weltgeschichtlich neu zu schreiben und an künftige Staatsbürger*innen weiterzugeben.</p>
<p>Auf europäischer Ebene ist genau dazu vor mehr als zehn Jahren ein entsprechender Versuch unternommen worden. Zur Jahreswende 2000/2001 versammelten sich in Stockholm auf Einladung des schwedischen Staates Vertreter von vierzig Staaten, um über humane Werte im globalen Zeitalter vor dem Hintergrund eines wieder erstarkten Rassismus zu diskutieren und dabei die allfälligen Lehren aus dem &#8222;Holocaust&#8220;, d. h aus der industriellen Massenvernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Regime zu ziehen. Die maßgeblich von dem israelischen Historiker Jehuda Bauer verfasste Abschlusserklärung des &#8222;Stockholm International Forum on the Holocaust&#8220; vom Jahresende 2000 stellt fest: &#8222;Da die Menschheit immer noch an den Wunden des Völkermordes, der ethnischen Säuberung, des Rassismus und des Fremdenhasses leidet, teilt die internationale Gemeinschaft die schwerwiegende Verantwortung, das Böse zu bekämpfen &#8230;. Wir sind &#8211; so schließt dieses Dokument &#8211; verpflichtet, uns der Opfer, die umgekommen sind, zu erinnern, die Überlebenden, die noch unter uns weilen, zu respektieren und das der Menschheit gemeinsame Streben nach gegenseitigem Verständnis und Gerechtigkeit zu betonen.&#8220;(4)</p>
<p>Mit dieser Erklärung hat sich seinerzeit eine Reihe von Staatschefs nicht nur der EU dazu verpflichtet, in ihren Ländern pädagogische Bemühungen mit dem Ziel in Gang zu bringen, Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus einzudämmen. Die massenhafte Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland soll so einem zukunftsgerichteten Zweck dienen. Damit wird die kollektive und individuelle Erinnerung an ein ebenso herausragendes wie grauenhaftes zeitgeschichtliches Ereignis zum Mittel, einer friedlicheren, gerechteren und demokratischen Welt den Weg zu bereiten.</p>
<p>Freilich ist nicht davon auszugehen, dass die Kenntnis dieses Verbrechens unter den jeweiligen Bevölkerungen über undeutliche, ungenaue Fragmente hinausgeht &#8211; wie überhaupt historisches Wissen weder bei Erwachsenen noch gar bei Kindern und Jugendlichen vorausgesetzt werden kann. Damit kommt der Pädagogik eine besondere Rolle für die Vergegenwärtigung von Geschichte zu. Dass die hehren Ziele der &#8222;Erklärung von Stockholm&#8220; sich gleichwohl nicht erfolgreich haben umsetzen lassen, belegen zwei Ereignisse, die derzeit, zehn Jahre nach der Erklärung von Stockholm die deutsche Öffentlichkeit umtreiben: Zwei Ereignisse, ein eher unauffällig akademisches und ein unübersehbar politisch feuilletonistisches haben in den letzten Wochen und Monaten die Frage nach der Zukunft der Erinnerung in Deutschland wieder zum Thema werden lassen: hier die Forschungen von Klaus Schröder aus dem Forschungsverbund über die zeithistorischen Kenntnisse deutscher Schüler (&#8222;Bildungsinländer&#8220; mit und ohne &#8222;Migrationshintergrund&#8220;(5) dort die Debatte über Günter Grass&#8216; Gedicht &#8222;Was gesagt werden muss&#8220;. In diesem Gedicht hat Grass insbesondere mit der Annahme, dass ein israelischer Präventivschlag gegen iranische Nuklearanlagen &#8222;das &#8230; iranische Volk auslöschen könnte&#8220; gezeigt, welche Irrwege eine projektive historische Erinnerung gehen kann.</p>
<p>Beides, sowohl Klaus Schröders Forschungsergebnisse als auch die Debatte um das Gedicht von Günter Grass beleuchten dasselbe Problem, allerdings von entgegengesetzten Seiten. Während die Forschungsergebnisse Schröders belegen, dass Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedlicher Herkunft, Schülerinnen und Schüler, die um 1998 geboren wurden, extrem lückenhafte, ja grotesk falsche Vorstellungen von der Geschichte Deutschlands im Zwanzigsten Jahrhundert aufweisen, (6) zeugt das &#8222;Gedicht&#8220; des siebzig Jahre zuvor geborenen Günter Grass davon, dass ein Teil jener, die, die alte Bundesrepublik Deutschland intellektuell geprägt haben, diese Geschichte verkannt haben und heute auf höchst eigenwillige Weise aktualisieren.</p>
<p>Wissen und Kenntnisse der künftigen Staatsbürger zumal im Bereich von Politik und Geschichte aber werden wesentlichen Einfluss auf die Zukunft Deutschlands, Europas und &#8211; ja &#8211; der globalisierten Welt nehmen. Infrage steht also, mit welchem historischen Wissen und mit welchen sozio-moralischen Einstellungen die künftigen Bürger*innen Deutschlands Teil einer im Entstehen begriffenen europäischen Bürger*innenschaft bzw. einer sich allmählich herausbildenden kosmopolitischen Bewusstseinslage werden, einer Bewusstseinslage, die jedenfalls grundsätzlich an den politisch durch den Haager Gerichtshof, die Menschenrechtskonventionen der UN sowie die mindestens als Formel bekannte &#8222;Responsibility to protect&#8220; mindestens in Ansätzen anschließen können. Damit ist die Frage einer politischen Bildung in Deutschland, in Europa, aber eben auch im Zeitalter der Globalisierung mit Bezug auf die ganze Welt angesprochen.</p>
<h2 class="auto-created">II. Drei Diskurse</h2>
<p>Politische Bildung wird sich dabei immer auch an den politischen Diskursen, wie sie national und international geführt werden, zu orientieren haben. Es waren vor allem drei Diskurse, die eine Debatte über die angemessene Erinnerung in Deutschland, Europa und für die globalisierte Welt bestimmt haben:</p>
<ul>
<li>Erstens die Debatte über die Deutschen als Opfer, wie sie vor allem &#8211; aber keineswegs ausschließlich &#8211; an der Frage einer Gedenkstätte für die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus den Ostgebieten Vertriebenen geführt wurde. </li>
<li>Zweitens die damit eng verbundene Frage nach den &#8222;zwei deutschen Diktaturen&#8220;, hinter der sich letztlich die Frage nach der Angemessenheit der Totalitarismustheorie zur Analyse und zum Verstehen des Schicksals der Völker und Staaten Europas &#8211; von Spanien bis an den Ural, zwischen 1917 und 1989 verbirgt. </li>
<li>Drittens die nun in der Tat neue und globalisierungstheoretische sowie postkolonial inspirierte Auseinandersetzung über den deutschen Imperialismus als Brutstätte des Nationalsozialismus und seiner weltgeschichtlich singulären Mordtaten, zumal der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden. </li>
</ul>
<p>Diese drei Diskurse seien zunächst kurz skizziert und kritisch beleuchtet; im Anschluss sollen Grundlinien einer zeitgemäßen politischen Bildung mindestens angedeutet werden.</p>
<h2 class="auto-created">II.1. Deutsche Opfer</h2>
<p>Das von Erika Steinbach, der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und ihren Mitstreitern betriebene Projekt eines &#8222;Zentrums gegen Vertreibungen&#8220; scheint auf der Stelle zu treten und wird jenseits des Bundes der Vertriebenen auch von niemandem mehr gewollt: weder von den Kirchen noch von den außenpolitischen Eliten des Landes. Das liegt keineswegs am Thema selbst, sondern an der weltanschaulichen Unbelehrbarkeit, mit der dieses Projekt vorangetrieben wird. Leicht könnte man sich darauf verständigen, dass nach dem &#8222;Jahrhundert der Extreme&#8220; (E. Hobsbawm) die traurige, umfassende Bilanz dieses Zeitalters gezogen wird. Dass dabei die Vertreibungsverbrechen, die seit dem Genozid der Jungtürken an den Armeniern über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten 1944/45 bis hin zu den &#8222;ethnischen Säuberungen&#8220; im zerfallenden Jugoslawien dokumentiert werden sollten, ist ebenso unstrittig wie die Tatsache, dass auch die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges einen Anspruch auf respektvolles Gedenken haben. Dem dient die seinerzeit von Ignatz Bubis mit eingeweihte, zentrale Gedenkstätte &#8222;Neue Wache&#8220; unter den Linden in Berlin.</p>
<p>Was das Projekt dieses Zentrums in seiner gegenwärtigen Konzeption so prekär macht, ist seine Kontinuität zur Politik des Bundes der Vertriebenen seit den fünfziger Jahren, mit der, der BdV trotz einer oberflächlichen menschenrechtlichen Modernisierung nie grundsätzlich gebrochen hat. Die von den Funktionären der Heimatvertriebenen und mit ihnen sympathisierenden Politikern immer wieder ob ihrer Versöhnlichkeit gepriesene Charta stellt in Wahrheit eine Ungeheuerlichkeit dar, den Inbegriff all dessen, was jemals als &#8222;Unfähigkeit zu trauern&#8220; gelten konnte. Schon das zentrale Bekenntnis &#8222;Wir verzichten auf Rache und Vergeltung&#8220; entpuppt sich bei genauer Lektüre als ein Satz, der dem Geist der beschworenen christlichen Kultur widerspricht: Kann es ein natürliches Recht auf Rache geben? Wird nicht im vermeintlich großzügigen Verzicht ein grundsätzlicher Anspruch auf Rache und Vergeltung geradezu beglaubigt? Zudem zeugte es sogar 1950 von Geschichtsblindheit, die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges nicht einmal erwähnt zu haben &#8211; eine Blindheit, die freilich Methode hat: waren es doch weder die in der &#8222;Charta&#8220; so beliebten &#8222;Völker&#8220; noch deren Regimes oder Regierungen, die letztlich für das Schicksal der deutschen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen verantwortlich waren. Kein Deutscher wäre aus dem Böhmerwald verjagt, keine Familie hätte Ostpreußen verlassen müssen, hätte das nationalsozialistische Deutschland nicht die Tschechoslowakei, Polen oder die Sowjetunion überfallen. Freilich stellen die Verzichtsfloskeln am Ende der Charta allenfalls Petitessen gegen ihre abschließenden Sätze dar: &#8222;Die Völker der Welt sollen&#8220; so heißt es dort &#8222;ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden.&#8220; Man muss diesen Satz zweimal lesen, um seine Ungeheuerlichkeit ganz zu erfassen. Wird doch damit allen Ernstes behauptet, dass unter allen Opfern der Zeit des Zweiten Weltkrieges die Heimatvertriebenen am schwersten betroffen waren: also noch nicht einmal die Gestorbenen und Überlebenden des Bombenkrieges der deutschen Städte, nicht die Hunderttausenden deutscher Kriegswaisen und -witwen, nicht die drangsalierten und millionenfach umgebrachten Polen oder Russen, schon gar nicht die sechs Millionen ermordeter Juden, deren Schicksal 1950 &#8211; nach den Nürnberger Prozessen &#8211; durchaus bekannt war. Das im Rahmen der aktuellen Gedenkpolitik wieder heftig debattierte Thema einer Konkurrenz der Opfer hat hier und nirgendwo anders seinen Ausgangspunkt. Hatte die Charta der Heimatvertriebenen ursprünglich die Unterscheidung von Opfern des Holocaust, der Ermordung von Sinti und Roma sowie von Millionen von polnischen und Sowjetbürgern gelöscht, so unterscheiden sich die Pläne des &#8222;Zentrums&#8220; nur darin, dass jetzt die Einzigartigkeit des Holocaust zwar verbal beglaubigt wird, das &#8222;Zentrum&#8220; jedoch mit der Wahl seines historischen Beispielfalles, des mit Vertreibungen einsetzenden jungtürkischen Genozids an den Armeniern, suggeriert, auch die Deutschen seien Opfer eines Genozids geworden. Indem das &#8222;Zentrum&#8220; über seinen &#8222;Franz Werfel Menschenrechtspreis&#8220; bewusst eine Parallele zwischen dem jungtürkischen Genozid und der Vertreibung der Deutschen nahe legt, wiederholt es auf eine sehr viel moderatere, der allgemeinen menschenrechtlichen Sensibilisierung oberflächlich entsprechenden Weise die Politik des Bundes der Vertriebenen aus den Fünfziger Jahren. Die etwa zwei Millionen Deutsche, mehrheitlich Alte, Frauen und Kinder, die als unmittelbare Folge von Flucht und Vertreibung ihr Leben lassen mussten, haben einen Anspruch auf Gedenken und damit auf eine zeitgeschichtliche Bildung, die auf die verheerende Wirkung des Nationalsozialismus auch für die deutsche Bevölkerung hinweist. Diesen Anspruch durchkreuzt, wer &#8211; wie die Initiatoren des Zentrums &#8211; am Ziel einer nationalen, das Gedenken an die ermordeten Juden imitierenden Gedenkeinrichtung festhält.</p>
<h2 class="auto-created">II.2. Totali&shy;ta&shy;rismus &ndash; &bdquo;Zwei deutsche Diktaturen&ldquo;</h2>
<p>Bundespräsident Joachim Gauck, seinerzeit Mitglied der Demokratiebewegung der DDR, stützt sich in vielen seiner Einlassungen auf die so genannte Totalitarismustheorie, hat daher immer wieder einen &#8222;antitotalitären Konsens&#8220; gefordert und deshalb im Jahre 2008 die neunzehn Punkte umfassende, von vielen vor allem mitteleuropäischen Politikern und Intellektuellen getragene &#8222;Prager Erklärung&#8220; unterschrieben. Die &#8222;Prague Declaration on European Conscience and Communism&#8220;, unterschrieben von unbestreitbaren Demokraten wie Vaclav Havel, aber leider auch von z. T. rechtsradikalen Politikern aus dem Baltikum, zielte in ihrem ersten Artikel auf die Einsicht, dass beide, der Nationalsozialismus und verschiedene kommunistische Regime mit ihren mörderischen Kriegen und Ausrottungsmaßnahmen sowie ihrer Verletzung von Bürger- und Menschenrechten das Hauptunglück des Zwanzigsten Jahrhunderts gewesen seien. In Punkt 19 fordert die Erklärung ein gemeinsames öffentliches Gedenken an den Fall der Berliner Mauer, das Massaker auf dem Tianmen Platz sowie an nicht näher bezeichnete Mordtaten in Rumänien.</p>
<p>Die Problematik dieser gut gemeinten Erklärung liegt keinesfalls in der unbezweifelbar mörderischen Verfasstheit von Nationalsozialismus und Stalinismus, die nach Timothy Snyders sorgfältig recherchierter Studie &#8222;Bloodlands&#8220;(7) sowie Jörg Baberowskis gar nicht totalitarismustheoretisch angelegten Studie über Stalin und den Stalinismus(8) gar nicht mehr zu bestreiten ist, sondern in der ungenauen Fassung des Begriffs &#8222;Kommunismus&#8220;, der sämtliche Regine des Ostblocks vor 1989 umfasst und sie damit alle zu Fällen von Totalitarismus erklärt. So im Falle der DDR zehn Jahre zuvor Joachim Gauck in einem Essay im &#8222;Schwarzbuch des Kommunismus&#8220;, in dem er schrieb: &#8222;Zwar erlebten wir in den letzten Jahren vor 1989 einen Kommunismus in der DDR, der nicht mehr mordete und folterte. Dankbare Zeitgenossen haben deshalb allerlei euphemistische Bezeichnungen für die Ära ersonnen. Eine nüchterne Betrachtung der politischen Verhältnisse wird dennoch zu einem Urteil gelangen, das diesen Kommunismus als ebenso totalitär einstuft wie den Nationalsozialismus.&#8220;(9)</p>
<p>Hannah Arendt, die &#8211; wenn überhaupt jemand &#8211; als wesentliche Denkerin &#8222;Totaler Herrschaft&#8220; gelten kann, lag alles an theoretisch belehrter Urteilskraft; eben diese Urteilskraft aber wird durch persönliche Betroffenheit verständlicherweise beeinträchtigt, so auch in Gaucks Einschätzung der letzten Jahre der DDR. Denn was die Beurteilung der Sowjetunion und ihrer Satelliten, damit auch der DDR, nach Stalins Tod betraf, war Arendt deutlich anderer Meinung als die Autoren der &#8222;Prager Erklärung&#8220;. Dazu ist ein längeres Zitat unerlässlich. In ihrem 1986 erschienen Vorwort zur dritten Abteilung ihres Buches, es erschien auf Deutsch erstmals schon 1966, heißt es unmissverständlich: &#8222;Ich erwähnte bereits den Abbau totaler Herrschaft, der nach Stalins Tod einsetzte &#8230;. Dass man die Sowjetunion im strengen Sinn des Wortes nicht mehr totalitär nennen kann, zeigt natürlich am deutlichsten das erstaunliche und üppige Wiederaufblühen der Künste in den letzten zehn Jahren.&#8220; Freilich wird Arendt in ihrer unbestechlichen Genauigkeit noch deutlicher und ihr damaliges Urteil sollte ein Warnzeichen gegen jede undifferenzierte Verwendung des Begriffs der &#8222;Totalen Herrschaft&#8220; sein, vor allem aber gegen die ungenaue Gleichsetzung des despotischen Polizei- und Sozialstaats DDR mit dem Stalinismus. Müsse man doch &#8211; so Arendt im Blick auf die UdSSR &#8211; feststellen, &#8222;dass die totale Herrschaft, die furchtbarste aller modernen Regierungsformen &#8230; mit dem Tode Stalins in Russland nicht weniger ihr Ende gefunden hat als in Deutschland mit dem Tode Hitlers.&#8220;(lo)</p>
<p>Dass aber dieser Stalinismus ausgerechnet in der DDR auch noch nach Stalins Tod überdauert haben soll, wird kaum jemand behaupten wollen. Nun muss man Hannah Arendt, die nur zu gut wusste, warum sie an anderer Stelle intensiv über das Versagen von Intellektuellen nachdachte, keineswegs in allem recht geben, gleichwohl: So unerlässlich es ist, dass Europa zu einer gemeinsamen Gedenkkultur an die Schrecken und Verbrechen des 20. Jahrhunderts, jenes &#8222;Zeitalters der Extreme&#8220; (E. Hobsbawm), findet, so notwendig sind differenzierte Betrachtungen. Das gilt sowohl für die Verlogenheit der autoritären, nachnationalsozialistischen Bundesrepublik Deutschland als auch für den hilflosen Antifaschismus der ostdeutschen Parteidiktatur. Sowenig die Bundesrepublik ein faschistischer, so wenig war die DDR nach 1953, auf jeden Fall nach 1961, ein stalinistischer Staat. Dem hat eine angemessene zeithistorische Bildung so Rechnung zu tragen, dass sie nicht unter der geläufigen Sprechweise von den &#8222;zwei deutschen Diktaturen&#8220; doch suggeriert, beide seien nicht nur vergleichbar, sondern auch noch gleichzusetzen.</p>
<h2 class="auto-created">II.3. Imperi&shy;a&shy;lismus und Koloni&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rung</h2>
<p>Hannah Arendt war es auch, die in ihrem eben erwähnten Buch über &#8222;Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft&#8220; als eine der ersten den Gedanken erwog, dass der europäische Rassismus seine Wurzeln im Kolonialismus des imperialistischen Zeitalters hatte. Damit hat sie, keineswegs immer konsequent und radikal genug, einen Grundstein für das gelegt, was heute in globalisierungshistorischer Perspektive als &#8222;postkoloniale Theorie&#8220; immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.(11)</p>
<p>Gleichwohl wurde die &#8222;Rassenfrage&#8220;, wie sie seit Längerem im angelsächsischen Raum diskutiert wird, in Deutschland deshalb weniger diskutiert, weil das Deutsche Reich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges seiner überseeischen Kolonien verlustig ging und mithin die historische Erinnerung an den deutschen Kolonialrassismus &#8211; wie er sich etwa bei der genozidalen Niederschlagung des Hereroaufstandes im Jahre 1908 tatsächlich vollzog &#8211; weitgehend getilgt wurde. Vor allem aber ließ der Blick auf den totalen, globalen Ausrottungswillen der Nationalsozialisten gegen die Juden völlig zu Recht wissenschaftliche Thesen, wonach es die in den europäischen, zumal afrikanischen Kolonien geübten Praxen der Unterdrückung und Ausrottung gewesen seien, die schließlich die Handlungsanweisung für die Massenvernichtung der europäischen Juden abgegeben hätten, als Meinungen von Einzelgängern erscheinen.(12) Demnach führt die Genealogie der Massenvernichtung schließlich nach Afrika. So führte General von Trotha 1904 in Deutsch &#8211; Südwestafrika einen erklärten Vernichtungs- und Rassekrieg und trieb etwa 30.000 Herero ebenso auf Todesmärschen in die Wüste, wie das später die Jungtürken mit den Armeniern tun sollten. Ab 1905 richtete das deutsche Kolonialregime Konzentrationslager für gefangene Herero ein, die von deutschen Firmen zum Eisenbahnbau eingesetzt wurden und &#8211; einzigartig in der kolonialen Welt &#8211; gezielt der Vernichtung durch Arbeit dienten. Zudem nahmen Rassehygieniker und Lehrer nationalsozialistischer KZ-Ärzte wie Josef Mengele, nämlich die bekannten Eugeniker Theodor Mollisson und Eugen Fischer ihre ersten Forschungen an Eingeborenen während des Kolonialkrieges in Deutsch- Südwest vor. Damit steht die Frage nach dem Verhältnis von Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus auf der Tagesordnung, also die übrigens erstmals von Hannah Arendt erörterte Frage nach der Bedeutung des kolonialen Ausgreifens Europas nach Afrika für rassistische und totalitäre Politik in Europa.</p>
<p>Zudem: Wenn in der seriösen Forschung überhaupt ein Vorbild für die Massenvernichtung der Juden in Rechnung gezogen wurde, dann ging es um den von der jungtürkischen Regierung an den Armeniern begangenen Genozid in den Jahren 1915/16, an dem die deutsche Militärmission in der Türkei mindestens mitwisserschaftlich beteiligt war. So ist in diesem Kontext erwiesen, dass Hitler den Genozid an den Armeniern im Zusammenhang mit Maßnahmen gegen die europäischen Juden gekannt und erwähnt hat.(13) Darüber hinaus scheint erwiesen, dass die militärische und politische Führung des im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündeten Deutschen Reiches von diesem Genozid nicht nur Kenntnis hatte, sondern ihn auch mitwisserschaftlich geschehen ließ.(14)</p>
<h2 class="auto-created">III. P&auml;dagogik der Anerken&shy;nung.</h2>
<p>In der Erziehungswissenschaft bahnt sich derzeit ein Paradigmenwechsel innerhalb jener Formen schulischer und außerschulischer Bildung an, die mit einem wenig glücklichen Begriff als &#8222;holocaust education&#8220; bezeichnet werden. Jetzt wird deutlich, dass die beiden Perspektiven dieser Pädagogik: Unterweisung ins Eingedenken und &#8222;Erziehung &#8211; nicht nach, sondern &#8211; &#8222;über Auschwitz&#8220; ein zeitgemäßes Verständnis in einer allgemeinen &#8222;Pädagogik der Menschenrechte&#8220;(15) finden können, die in der globalisierten Weltgesellschaft als &#8222;human rights education&#8220; bezeichnet wird und die sich in Deutschland auf das Grundgesetz und seinen ersten Artikel stützen kann. Es war die Philosophie der Aufklärung, zumal Immanuel Kants, die die nach dem Nationalsozialismus geschaffene deutsche Verfassung, das Grundgesetz wesentlich prägt. Als oberstes Prinzip der Tugendlehre weist Kant in der Metaphysik der Sitten Folgendes aus: &#8222;Nach diesem Prinzip ist der Mensch sowohl sich selbst als andern Zweck und es ist nicht genug, dass er weder sich selbst noch andere bloß als Mittel zu brauchen befugt ist, sondern den Menschen überhaupt sich zum Zwecke zu machen, ist des Menschen Pflicht.&#8220;(16)</p>
<p>Daraus resultiert &#8211; so eine weitere Entwicklung in der Erziehungswissenschaft &#8211; eine Pädagogik der Anerkennung.(17)&#8220; Einen Menschen als Zweck seiner selbst zu betrachten, bedeutet, so etwa Axel Honneth (18), ihn in mindestens drei wesentlichen Dimensionen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen oder ihn lediglich zu tolerieren, sondern auch anzuerkennen, d. h. nicht nur hinzunehmen, sondern zu bejahen: in der Dimension körperlicher Integrität, personaler ldentität und soziokultureller Zugehörigkeit. Diese Selbstachtung wird verletzt, wenn Menschen die Kontrolle über ihren Körper genommen wird, sie also gefoltert werden, wenn sie als die Person, die sie sprechend und handelnd sind, nicht beachtet oder ernst genommen also missachtet werden oder wenn die Gruppen oder sozialen Kontexte, denen sie entstammen, herabgesetzt oder verächtlich gemacht werden. Freilich wird mit dem Begriff der &#8222;Würde des Menschen&#8220; lediglich ein Minimum angesprochen, der kleinste gemeinsame Nenner nicht von Gesellschaften, sondern von jenen politischen Gemeinwesen, von Staaten, die wir als &#8222;zivilisiert&#8220; bezeichnen.</p>
<p>Indem die Menschenrechtspädagogik zwischen &#8222;education <i>about </i>human rights&#8220; and &#8222;education <i>for </i>human rights&#8220; unterscheidet, macht sie deutlich, dass ein kognitives Verständnis für den universalistischen Kern der Menschenrechte und die Motivation, ihnen in Alltag und Politik handelnd zu genügen, keineswegs miteinander identisch sind.</p>
<p>Bei alledem ist die Einsicht in die Würde des Menschen als grundlegendem Prinzip jeder Menschenrechtspädagogik nicht auf kognitive, intellektuelle Operationen beschränkt, sie ist mehr oder gar anderes: Das Verständnis für die Würde des Menschen wurzelt in einem moralischen Gefühl. Dieses Gefühl ist <i>moralisch</i>, weil es Beurteilungsmaßstäbe für Handlungen und Unterlassungen bereitstellt, es ist indes ein <i>Gefühl</i>, weil es sich bei ihm nicht um einen kalkulatorischen Maßstab, sondern um eine umfassende, spontan wirkende, Welt erschließende Einstellung handelt. Wer erst lange darüber nachdenken muss, ob einem oder mehreren Menschen die proklamierte Würde auch tatsächlich zukommt, hat noch nicht verstanden, was &#8222;Menschenwürde&#8220; ist. Es handelt sich beim Verständnis der Menschenwürde also um ein moralisches Gefühl mit universalistischem Anspruch, das unter folgenden höchst voraussetzungsreichen Bedingungen steht.</p>
<ul>
<li>Die Anerkennung der Integrität anderer ist an die Erfahrung eigener Integrität und Anerkennung, die sich in Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung artikuliert, gebunden. </li>
<li>Niemand kann Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung entfalten, der nicht seinerseits in allen wesentlichen Bezügen toleriert, akzeptiert und respektiert worden ist. </li>
<li>Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung sind die logischen und entwicklungsbezogenen Voraussetzungen dafür, Einfühlung, Empathie in andere entfalten zu können. </li>
</ul>
<h2 class="auto-created">IV. Drei Schwellen: Generation, Immigration, Globa&shy;li&shy;sie&shy;rung</h2>
<p>In der politischen Bildung in Deutschland hat die industrielle Massenvernichtung der europäischen Juden bisher als gleichsam negative Folie, als unüberbietbares Extrembeispiel für die Verletzung der Würde des Menschen gedient, als ein Extrembeispiel, an dem drastisch sichtbar und fühlbar wird, wohin blindes Ressentiment, Rassismus, politischer Partikularismus und eine entfesselte, von aller ethischen Bindung gelöste Sozialtechnik führen kann. So, wie das Grundgesetz aus der Erfahrung des Nationalsozialismus die Prinzipien einer moralisch verantworteten Demokratie entfaltet, wird es in Zukunft darauf ankommen, auf und aus der Erziehung über Auschwitz eine Bildung zu den Menschenrechten zu entwickeln. Freilich muss sich eine zeitgeschichtlich sensible, an den Menschenrechten orientierte politische Bildung der Schwellen und Hürden bewusst sein, vor denen sie gegenwärtig steht und die, die anfangs erwähnten, von Klaus Schröder festgestellten, bestürzenden Ergebnisse erklären können: die generationelle Schwelle, die Schwelle der Immigration sowie die Schwelle der Globalisierung:</p>
<p>Die generationelle Schwelle, erstens, besteht darin, dass Erfahrungen, die eine Generation unmittelbar gemacht hat, niemals eins zu eins transgenerational weiter gegegeben wird, sondern sich &#8211; beim allmählichen Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis &#8211; von Generation zu Generation in der Sache abschwächt, von anderen Erfahrungen überlagert, durchdrungen und neu gedeutet wird &#8211; so dass Betroffenheit und Engagement, Verpflichtungsgefühle ebenso wie Aversionen in den generationalen Gruppen im Ganzen abnehmen &#8211; womit nichts über Einzelfälle gesagt ist. Für Deutschland speziell bedeutet dies nichts anderes, als dass es politische Bildung heute mit der Generation der Urenkel von Tätern und Opfern zu tun hat.</p>
<p>Wird diese generationelle Schwelle zweitens durch die kulturelle und geographische Differenz weiter erhöht, &#8211; wie bei einem wachsenden Teil der in Deutschland lebenden Jugendlichen, deren Eltern oder Großeltern gar nicht aus Deutschland, sondern zu einem großen Teil aus Ländern der von Deutschland aus gesehen europäischen Peripherie kommen; die also zu Hause, mit völlig anderen historischen Narrativen konfrontiert wurden &#8211; dann ist mit einer weiteren sachlichen und normativen Auszehrung des &#8222;nationalen deutschen Geschichtsbewusstseins&#8220; zu rechnen.</p>
<p>Endlich gerät &#8211; die dritte Schwelle &#8218; auch der lange Jahre als unbestreitbar geltende Vorrang einer &#8222;Erziehung zur Mündigkeit&#8220; als einer &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; (Theodor W. Adorno) durch konkurrierende Narrative und Erinnerungen an anders erlittenes Unrecht im globalen Maßstab in die Situation, in seiner Maßgeblichkeit geschwächt zu werden.</p>
<p>Damit kann als Aufgabe einer dem Globalisierungszeitalter angemessen, auf Erinnerung und Gedenken bestehenden, politischen Bildung nur gelten, sich diesen drei Schwellen zu stellen und die künftigen, hier geborenen oder hierher eingewanderten Staatsbürger*innen angesichts &#8222;Auschwitz&#8220; zu deutschen Verfassungspatrioten zu erziehen, sie angesichts der langen Teilung des Kontinents und der Erfahrung mit kommunistischen Parteidikaturen und Stalinismus (beides ist nicht identisch) zu demokratischen Europäer*innen sowie angesichts der Globalisierung zu Weltbürger*innen zu bilden, die sensibel und engagiert auf Verletzungen von Demokratie und Menschen-rechte reagieren, dabei gleichwohl keinem westlichen Chauvinismus, keinem selbstbewussten Überlegenheitsgefühl der &#8222;eigenen&#8220; Kultur anhängen.</p>
<p>(1) Th.W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz in: Erziehung zur Mündigkeit. Ffm.1971.</p>
<p>(2) M.Brumlik, Aus Katastrophen lernen. Grundlagen zeitgeschichtlicher Bildung in menschenrechtlicher Absicht, Berlin 2004.</p>
<p>(3) O. Höffe, Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, München 1999.</p>
<p>(4) Zitiert nach D.Levy, N.Sznajder, Erinnerung im globalen Zeitalter, Ffm.2001, S. 213.</p>
<p>(5) Vgl. V. Georgi, Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003.</p>
<p>(6) K.Schröder u. a. &#8222;Später Sieg der Diktaturen&#8220;, Ffm. 2012.</p>
<p>(7) München 2011.</p>
<p>(8) Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012.</p>
<p>(9) J. Gauck, Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung, in: S. Courtois u. a. Das Schwarzbuch des Kommunismus, München 1998, S. 891.</p>
<p>(10) H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2008, S. 650.</p>
<p>(11) M.do Castro-Varela/N. Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld 2005.</p>
<p>(12) J. Zimmerer, Von Windhoek nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Holocaust und Kolonialismus, Münster 2011.</p>
<p>(13) V. N. Dadrian, The History oft he Armenian Genocide, N.Y./Oxford 2003, S. 402-403.</p>
<p>(14) V. N. Dadrian, German Responsibility in the Armenian Genocide, Cambridge 1996;h R. Hosfeld, Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern, Köln 2005.</p>
<p>(15) V. Lenhart, Pädagogik der Menschenrechte, Leverkusen 2003.</p>
<p>(16) I. Kant, Metaphysik der Sitten, Darmstadt 1968, S. 526 (A 30).</p>
<p>(17) B.Hafeneger u..(Hrsg.) Pädagogik der Anerkennung, Schwalbach 2007.</p>
<p>(18) A. Honneth, Kampf um Anerkennung, Ffm. 2003.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/bildung-nach-auschwitz-im-zeitalter-der-globalisierung/">Bildung nach Auschwitz im Zeitalter der Globalisierung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wie in der Schule aus Geschichte gelernt wird</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/wie-in-der-schule-aus-geschichte-gelernt-wird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 21:25:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorg&#228;nge Heft 2/2012,S.51-60 I.Die P&#228;dago&#173;gi&#173;sie&#173;rung der Erinnerung an den Holocaust Ein Aspekt der Historisierung der &#246;ffentlichen Auseinandersetzung &#252;ber die von Deutschland ausgehenden nationalsozialistischen Verbrechen an den europ&#228;ischen Juden und anderen Gruppen ist die Verbindung, die Fragen der Erinnerung und Erwartungen der Erziehung eingegangen sind. Nicht nur der Zeithistoriker Norbert Frei (2004) begreift die Nachgeschichte [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012,S.51-60</p>
<h2 class="auto-created">I.Die P&auml;dago&shy;gi&shy;sie&shy;rung der Erinnerung an den Holocaust</h2>
<p>Ein Aspekt der Historisierung der &ouml;ffentlichen Auseinandersetzung &uuml;ber die von Deutschland ausgehenden nationalsozialistischen Verbrechen an den europ&auml;ischen Juden und anderen Gruppen ist die Verbindung, die Fragen der Erinnerung und Erwartungen der Erziehung eingegangen sind. Nicht nur der Zeithistoriker Norbert Frei (2004) begreift die Nachgeschichte des Nationalsozialismus in Deutschland als ein &#8222;historische(s) Lernprogramm&#8220;, als dessen Kern sich im Laufe von vor allem generationell strukturierten Kontroversen die edukatorische Frage heraussch&auml;lte: <i>Was ist aus der Geschichte zu lernen?</i></p>
<p>Diese <i>p&auml;dagogische </i>Konstruktion der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht nicht prinzipiell im Gegensatz zu anderen Formen der Auseinandersetzung &#8211; rechtlichen, wenn es um die juristische Aufarbeitung der Verbrechen und die Bestrafung der T&auml;ter geht, <i>politischen</i>, wenn es um die &Uuml;bernahme der Verantwortung f&uuml;r die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 und deren Folgen geht (z. B. festgemacht am Verh&auml;ltnis der Bundesrepublik Deutschland zum Staat Israel) oder <i>finanziellen</i>, wenn es um die materielle Entsch&auml;digung der Opfer wie zuletzt der der Zwangsarbeiter geht. Gleichwohl ist deutlich zu erkennen, dass mit dem wachsenden zeitlichen Abstands zu den Verbrechen und der damit einhergehenden Historisierung der Erinnerung der p&auml;dagogische Umgang an Bedeutung gewinnt. Geschichte, so Joachim Fest (2003), ist zur ,P&auml;dagogisierungsmacht&#8220; geworden. Auschwitz und der Holocaust werden dabei immer mehr zu Chiffren eines auf Gegenwart und Zukunft gerichteten <i>moralp&auml;dagogischen Projekts</i>, in dem es um Demokratie lernen, um eine Erziehung zur Toleranz sowie um Menschenrechtsbildung geht.</p>
<p>Die P&auml;dagogisierung der Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust ist zudem eng verwoben mit deren Globalisierung. F&uuml;r Daniel Levy und Natan Sznaider (2001) ist der Holocaust nach 1989 Teil einer &#8222;globalen Erinnerungskultur&#8220; geworden, der die Berufung auf universale Werte der Menschenrechte und Demokratie zugrunde liegt. Die gleichzeitige <i>P&auml;dagogisierung </i>und <i>Globalisierung </i>der Erinnerung an den Holocaust l&auml;sst sich auf drei Ebenen nachzeichnen:</p>
<ul>
<li>Auf der <em>bildungspolitischen </em>Ebene kann die &#8222;Declaration of the Stockholm International Forum on the Holocaust&#8220; (The International Task Force 2000) als sinnf&auml;lliger Ausdruck einer Angleichung der p&auml;dagogischen Deutung des Holocaust gelesen werden. In der Stockholmer Erkl&auml;rung einigten sich zu Beginn dieses Jahrhunderts Regierungsvertreter/innen aus &uuml;ber 40 L&auml;ndern, vornehmlich aus Europa und Nordamerika, unter Einschluss der L&auml;nder Israel, S&uuml;dafrika, Australien, Russland und T&uuml;rkei darauf, Anstrengungen zur Pr&auml;vention gegen V&ouml;lkermord, Rassismus und Antisemitismus zu verst&auml;rken.</li>
</ul>
<ul>
<li>Einhergegangen ist mit dieser bildungspolitischen Absichtserkl&auml;rung auf der <em>bildungsprogrammatischen </em>Ebene die Verbreitung von Konzepten f&uuml;r die konkrete p&auml;dagogische Praxis. Konzepte wie ,Facing History and Ourselves&#8220; der gleichnamigen us-amerikanischen Bildungsorganisation, &#8222;A World of Difference&#8220; der Anti Defamation League, &#8222;Betzavta&#8220; des Jerusalemer Adam Instituts oder &#8222;Konfrontationen&#8220; des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts haben inzwischen eine breitere internationale Aufmerksamkeit gefunden.</li>
</ul>
<ul>
<li>Auf der <em>institutionellen </em>Ebene schlie&szlig;lich ist es vor allem das &ouml;ffentliche Schulsystem, dem die Aufgabe der Realisierung des moralischp&auml;dagogischen Projekts &uuml;bertragen wurde (vgl. wiederum die Stockholmer Erkl&auml;rung: The International Task Force 2000).</li>
</ul>
<p>Versucht man die Wirkungen dieses historischen Lernprogramms zu bilanzieren, so kann f&uuml;r die Bundesrepublik festgestellt werden, dass zumindest an der Oberfl&auml;che &ouml;ffentlich artikulierter Einstellungen und Redeweisen sichtbar wird, wie pr&auml;gend die politisch-moralische Botschaft des &#8222;Nie wieder Auschwitz&#8220; f&uuml;r Jugendliche inzwischen zu sein scheint (Z&uuml;lsdorf-Kersting 2007). Wiederkehrend zeigen j&uuml;ngere Untersuchungen, dass dieses Postulat fester Bestandteil der Einstellungen eines gro&szlig;en Teils heutiger Jugendlichen ist. In der Studie von Silbermann und Stoffers (2001) etwa geben 75 Prozent der befragten 14-17j&auml;hrigen Jugendlichen an, dass sie die Erinnerung an Auschwitz f&uuml;r sehr wichtig oder wichtig erachten (ebd., 231). Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT (2010, 2) zitiert in einem aktuellen Dossier zum Thema &#8222;Jugendliche und NS-Zeit&#8220; eine in Auftrag gegebene Infratest-Befragung, in der 80 Prozent der Jugendlichen angeben, dass sie Erinnern und Gedenken f&uuml;r sinnvoll erachten.</p>
<p>Gleichwohl bergen diese Befunde auch durchaus problematische Implikationen. Denn mit der p&auml;dagogischen Konstruktion des Holocaust als moralisches Projekt geht nicht selten eine historische Entkontextualisierung der nationalsozialistischen Verbrechen einher. Jugendliche k&ouml;nnen als Lehre aus der NS-Geschichte &uuml;berzeugt sein von der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Pr&auml;vention gegen Rassismus und Antisemitismus und gleichzeitig kaum noch etwas wissen &uuml;ber die geschichtlichen Zusammenh&auml;nge, aus denen heraus die Verbrechen geschahen.</p>
<p>Welch ambivalenten Wirkungen der Erfolg der p&auml;dagogischen Besch&auml;ftigung mit dem Nationalsozialismus haben kann, l&auml;sst sich exemplarisch an den Ergebnissen der Untersuchung &#8222;Opa war kein Nazi&#8220; der Forschungsgruppe um Harald Welzer studieren, in der das intergenerationelle Sprechen &uuml;ber den Nationalsozialismus im Kontext der Familie untersucht worden ist (Welzer u. a. 2002). Die Studie interpretiert die Umdeutungen, die die deutsche Enkelgeneration an der Rolle ihrer Gro&szlig;eltern im &#8222;Dritten Reich&#8220; vornimmt, als &#8222;kumulative Heroisierung&#8220; (Welzer 2004, 52). Die Gro&szlig;eltern erscheinen in den Geschichten der Enkel kaum als schuldig Gewordene, als in Unrecht Verstrickte, sondern als Menschen, die das in ihren H&auml;nden stehende getan haben, um sich dem Nationalsozialismus zu widersetzen. Wie ist diese kumulative Heroisierung der Gro&szlig;elterngeneration zu erkl&auml;ren? Verst&auml;ndlich wird die Geschichtskonstruktion der interviewten Jugendlichen dann, wenn man sie als Ausdruck des Erfolgs der moralp&auml;dagogischen Aufkl&auml;rung &uuml;ber den Nationalsozialismus interpretiert. Das historisch nicht haltbare Geschichtsbild der Jugendlichen &uuml;ber ihre Gro&szlig;eltern entsteht nicht aufgrund mangelnden Wissens, sondern gerade weil sie viel &uuml;ber den Umgang mit dem Nationalsozialismus gelernt haben. Sozialpsychologisch k&ouml;nnte man von der Bereinigung einer kognitiven Dissonanz sprechen: Insofern die Enkelgeneration die Verurteilung der nationalsozialistischen Verbrechen an den europ&auml;ischen Juden und anderen Gruppen verinnerlicht hat, stellt diese ihren Gro&szlig;eltern auf der Grundlage famili&auml;rer Loyalit&auml;t, aber gegen jede historische Evidenz einen Freibrief im Hinblick auf deren moralische Integrit&auml;t aus. Die Entkontextualisierung des Holocaust im Zusammenhang des moralp&auml;dagogischen Projektes &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; l&auml;sst in diesem Sinne eine Leerstelle entstehen, in der die konkreten soziohistorischen Ursachen, Verantwortlichkeiten und Hintergr&uuml;nde des Holocaust zu verschwinden drohen. Ob dies in der Bundesrepublik Deutschland, dem Nachfolgestaat des &#8222;Dritten Reiches&#8220;, von dem aus der Massenmord an den europ&auml;ischen Juden seinen Ausgang nahm, als erinnerungspolitisch sinnvoll betrachtet werden kann, ist eine Frage, die zumindest &ouml;ffentlich zu diskutieren w&auml;re.</p>
<p>Ungeachtet dieser offenen Frage und der beschriebenen ambivalenten Wirkungen kann konstatiert werden, dass der moralp&auml;dagogisch gef&auml;rbte Erinnerungsdiskurs vorrangig im Medium offizieller Gedenkrituale und entsprechend programmatisch gef&uuml;hrt worden ist. Einerseits kann vermutet werden, dass der Politik vor allem daran gelegen ist, mit &ouml;ffentlicher Erziehung &uuml;ber eine Institution zu verf&uuml;gen, an die sie die normativen Erwartungen des Lernprogramms adressieren kann. An wen sonst k&ouml;nnten Tugendpostulate wie Demokratie-, Toleranz- oder Empathief&auml;higkeit gerichtet werden, wenn nicht an den schulischen Politik- und Geschichtsunterricht. Andererseits steckt die er-ziehungswissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Konzepten der Erinnerungs- und Gedenkp&auml;dagogik immer noch in ihren Anf&auml;ngen, so dass eigentlich nach wie vor unklar ist, worin die M&ouml;glichkeiten, aber auch die Grenzen der schulischen Vermittlung der NS-Geschichte bestehen. Vor diesem Hintergrund besteht ein dringender Kl&auml;rungsbedarf dar&uuml;ber, was im Klassenzimmer tats&auml;chlich passiert, wenn dort der Nationalsozialismus und der Holocaust thematisiert werden.</p>
<h2 class="auto-created">II.Kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;tion &uuml;ber Moral vs. moralische Kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tion</h2>
<p>Diese L&uuml;cke aufgreifend ist in dem Frankfurter Forschungsprojekt &#8222;Der Umgang mit den Paradoxien politisch-moralischer Erziehung&#8220; empirisch untersucht worden, wie im schulischen Geschichtsunterricht mit den Herausforderungen umgegangen wird, die mit der moralischen Aufladung der Themen Nationalsozialismus und Holocaust einhergehen (Meseth/Proske 2010). Die zentrale Leitfrage unserer Untersuchung lautete: Was passiert, wenn mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust ein Thema im Geschichtsunterricht behandelt wird, mit dem hochgradig ambitionierte Erwartungen in Bezug auf die politisch-moralischen Einstellungen heutiger Jugendlichen verkn&uuml;pft sind? Wendet man das Erkenntnisinteresse auf den sozialen Kontext der Erinnerungspraktiken, stellt sich die Frage, wie unter Bedingungen schulischen Unterrichts das moralp&auml;dagogische Projekt &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; aufgegriffen, realisiert und dabei m&ouml;glicherweise transformiert wird.</p>
<p>Um die Frage der schulischen Implikationen des moralp&auml;dagogischen Projekts &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; untersuch- und diskutierbar zu machen, ist zun&auml;chst zu kl&auml;ren, was mit Moral eigentlich gemeint ist. Die Studie hat sich nicht einseitig an den Vorgaben eines an Kohlberg (1976) geschulten Moralverst&auml;ndnisses orientiert. Kohlbergs <i>kognitionstheoretisches </i>Verst&auml;ndnis der Moral bindet den Erwerb moralischer Kompetenzen an das Vorhandensein deutlich unterscheidbarer Begr&uuml;ndungsformen, die wiederum als Ausdruck bestimmter soziomoralischer Perspektiven gedeutet werden. Unterscheidungskriterium ist das jeweilige Verh&auml;ltnis dieser Begr&uuml;ndungen zur &ouml;ffentlichen Moral, das hei&szlig;t zu gesellschaftlichen Regeln, Erwartungen und Konventionen. Diese k&ouml;nnen der Person &auml;u&szlig;erlich bleiben, von ihr als Mitglied der Gesellschaft geteilt oder aber mittels autonom begr&uuml;ndeter Prinzipien transzendiert werden. In der Bindung an Begr&uuml;ndungsformen artikuliert sich das <i>vernunftzentrierte Erbe </i>von Kohlbergs Zugriff auf die Moral. Moralische Entwicklung besteht f&uuml;r ihm &#8222;in der zunehmenden Vertiefung des Verst&auml;ndnisses der Geltungsgr&uuml;nde moralischer Regeln und der Motive ihrer Befolgung&#8220; (Nunner-Winkler/Edelstein 1993, 8).</p>
<p>So pr&auml;gend der Kohlberg&acute;sche Ansatz f&uuml;r die erziehungswissenschaftliche und entwicklungspsychologische Beobachtung der Moral geworden ist, so ist dennoch eine Leerstelle nicht zu &uuml;bersehen. Moral wird in seiner Perspektive prim&auml;r als kognitives Ph&auml;nomen betrachtet. Die Bedeutung und die Folgen von Moral in der Kommunikation unter Anwesenden wird in Kohlbergs Ansatz systematisch untersch&auml;tzt. Aus diesem Grund hat sich unsere Untersuchung eine zweite Perspektive auf Moral als Kontrastfolie zu eigen gemacht, die st&auml;rker einer soziologischen Tradition im Sinne Durkheims (1991) oder Luhmanns (1990) verpflichtet ist. Diese Traditionslinie betont die Differenz zwischen der kognitiven Frage der Begr&uuml;ndung moralischer Prinzipien einerseits und der sozialen Form der Moral in unterschiedlich institutionalisierter Alltagkommunikation andererseits. Mit Blick auf <i>Moral als sozialer Tatsache </i>untersucht dieser Ansatz die <i>kommunikative und kontextbezogene Verfasstheit und Ausgestaltung der Moral, </i>sowohl in ihren integrativen als auch in ihren konflikt&auml;ren Folgen (vgl. Bergmann/Luckmann 1999). F&uuml;r die soziale Gestalt der Moral ist ein Aspekt zentral. Der Gebrauch moralischer Modalw&ouml;rter wie &#8222;sollen&#8220; oder &#8222;d&uuml;rfen&#8220; in Verbindung mit den Moralpr&auml;dikaten &#8222;gut&#8220; und &#8222;schlecht&#8220; ist untrennbar mit der <i>Bewertung </i>von Personen, ihren Einstellungen, Meinungen und Handlungen verbunden (Tugendhat 1993, 35). Diese wertende Eigenschaft moralischer Kommunikation erkl&auml;re, so Tugendhat weiter, warum moralische Urteile mit Gef&uuml;hlen der Emp&ouml;rung, des Zorns, der Scham oder der Schuld verbunden sind. Diese Gef&uuml;hle zeigen, dass in moralischer Kommunikation die Integrit&auml;t von Personen auf dem Spiel stehe, insofern sich diese gegen&uuml;ber den in moralischen Urteilen zum Ausdruck kommenden Regeln und Normen verpflichtet und entsprechend moralisch verletzbar f&uuml;hlen (ebd.).</p>
<p>F&uuml;r die empirische Studie l&auml;sst sich nach dieser theoriegeleiteten Sch&auml;rfung der Untersuchungsperspektive festhalten, dass prinzipiell mit mindestens zwei Formaten des Bezugs auf Moral im Klassenzimmer zu rechnen w&auml;re. W&auml;hrend das erste Format als <i>Kommunikation &uuml;ber Moral</i> beschrieben werden kann, l&auml;sst sich das zweite Format als <i>moralische Kommunikation </i>im engeren Sinne verstehen:</p>
<ul>
<li>F&uuml;r &#8222;Kommunikation &uuml;ber Moral&#8220; ist eine wissensbezogen-kognitive Gestalt charakteristisch. Dieses Format behandelt Moral als Thema, mit dem spezifische Einstellungs- und Beurteilungserwartungen verbunden sind, deren Geltungsgr&uuml;nde im Unterricht argumentativ erschlossen, nachvollzogen und eingesehen werden sollen. Moral kann in der Schule damit als Bestandteil des Unterrichtsgegenstandes Nationalsozialismus und Holocaust virulent werden, insofern dieses Thema und seine Rahmung konstitutiv die Erwartung mit sich f&uuml;hrt, dass alle Mitdiskutierenden &#8211; wie unausgesprochen auch immer &#8211; die moralische Verurteilung des Nationalsozialismus ebenso teilen wie sie die politisch-moralischen Schl&uuml;sse bef&uuml;rworten, die sich in der Maxime &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; ausdr&uuml;cken. Auf dieser Grundlage kann dann sowohl <em>&uuml;ber </em>Ursachen des Nationalsozialismus kontrovers debattiert werden wie <em>&uuml;ber </em>die Frage, welche konkreten Konsequenzen sich aus der Ablehnung der NS-Ideologie f&uuml;r den Umgang mit Minderheiten heute ergeben. Solange Lehrer wie Sch&uuml;ler sich im Geschichtsunterricht gegenseitig Konformit&auml;t mit der &ouml;ffentlichen Moral unterstellen, kann der Unterricht im Format ,Kommunikation &uuml;ber Moral&#8220; operieren. Wird diese Pr&auml;misse jedoch br&uuml;chig, k&ouml;nnen sofort moralische Konflikte entstehen, d. h. die Kommunikation wechselt in das Format moralischer Kommunikation (vgl. etwa den Fall &#8222;Eva Herman&#8220; im &ouml;ffentlich-medialen Diskurs).</li>
</ul>
<ul>
<li>Das Format &#8222;moralische Kommunikation&#8220; weist in diesem Sinne darauf hin, dass Moral sich nicht in kognitiven Formen ersch&ouml;pft. Sie hat keineswegs nur eine rationale Seite, in der sich kognitiv h&ouml;herstufige Begr&uuml;ndungsformate methodisch angeleitet durchsetzen. In moralischer Kommunikation sind Aussagen unmittelbar mit personenbezogenen Wertungen, d. h. der Zuschreibung und Antizipation von Achtung und Missachtung verbunden. Insofern ist moralische Kommunikation mit Gef&uuml;hlen verbunden, die das Interaktionsgeschehen potentiell prek&auml;r und riskant f&uuml;r die Beteiligten werden l&auml;sst. Im Kontext schulischen Unterrichts ist insbesondere die immer mitlaufende Bewertung von Sch&uuml;lerbeitr&auml;gen durch die Lehrperson ein potentielles Einfallstor f&uuml;r moralische Aufladungen der Kommunikation. Dies tr&auml;te etwa dann ein, wenn bestimmte Beitr&auml;ge von Sch&uuml;lern/innen nicht nur als kognitiv, sondern auch als moralisch problematisch <em>bewertet </em>und diesen <em>personenbezogen </em>zugerechnet werden.</li>
</ul>
<p>Methodisch ist unsere Studie als qualitativ angelegte in-situ-Untersuchung des tats&auml;chlichen Verlaufs des schulischen Geschichtsunterrichts konzipiert und durchgef&uuml;hrt worden. Im Untersuchungsfeld sind dabei vier mehrw&ouml;chige Lehreinheiten in zwei Hauptschulklassen der Jahrgangsstufe 9 und in zwei Gymnasialklassen der Stufe 10 beobachtet und aufgenommen worden.</p>
<h2 class="auto-created">III. Die Entsch&auml;r&shy;fung des moral&shy;p&auml;d&shy;ago&shy;gi&shy;schen Projekts &bdquo;Aus der Geschichte lernen&ldquo;</h2>
<p>Der zentrale empirische Befund unserer Studie lautet, dass sich das Format der moralischen Kommunikation im Sinne der expliziten Bewertung von moralischen Verhaltenspr&auml;missen der Sch&uuml;ler/innen in den von uns untersuchten Stunden nicht finden l&auml;sst. Den Geschichtsunterricht dominiert ein Kommunikationsmodus, der sich auf die wissensbezogene Form der Thematisierung von Nationalsozialismus und Holocaust beschr&auml;nkt, d. h. auf das Format &#8222;Kommunikation &uuml;ber Moral&#8220;. Im Vordergrund stehen soziale, politische und ideologische Hintergr&uuml;nde und Zusammenh&auml;nge der beiden Themen, etwa wenn es um die W&auml;hlerschaft der NSDAP, Hitlers Au&szlig;enpolitik oder den Antisemitismus geht. Moralische Kommunikation wird selbst dann vermieden, wenn Sch&uuml;ler/innen Beitr&auml;ge in den Unterricht einbringen, die als Abweichung von moralischen Erwartungen gedeutet werden k&ouml;nnten. Lehrpersonen korrigieren in solchen Situationen Unzul&auml;nglichkeiten im Umgang mit historischen Quellen oder Inkonsistenzen in der Argumentation, nicht jedoch den Urheber dieser &Auml;u&szlig;erungen als moralische Person. Diesen sachlichen, auf den kognitiven Gehalt des Themenfeldes zielenden Modus der Kommunikation k&ouml;nnte man als Beleg f&uuml;r die relative Stabilit&auml;t der Pr&auml;misse der schulischen Thematisierung des NS und des Holocaust deuten: Bis auf Weiteres <i>vertrauen </i>alle Beteiligten der wechselseitigen Unterstellung, dass alle den Nationalsozialismus moralisch und politisch verurteilen. Auch &uuml;ber die politisch-moralischen Schlussfolgerungen wird prim&auml;r in diesem kognitiven Modus diskutiert, etwa wenn es um die Frage geht, wie sicher man eigentlich davon ausgehen k&ouml;nne, dass die Mehrheit der deutschen Bev&ouml;lkerung rassistisch-ausgrenzender Propaganda heute nicht folgen w&uuml;rde. In diesem Sinne lassen sich unsere Analysen zun&auml;chst dahingehend res&uuml;mieren, dass das moralp&auml;dagogische Projekt der Holocaust-Education im schulischen Geschichtsunterricht insofern entsch&auml;rft wird, als explizite, auf die moralischen Haltungen der Sch&uuml;ler/innen zielende Beeinflussung eher vermieden, wenn nicht gar gezielt umschifft wird.</p>
<p>Der Befund, dass das moralp&auml;dagogische Projekt &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; im Geschichtsunterricht kognitiv entsch&auml;rft wird, w&auml;re jedoch &uuml;berinterpretiert, wenn man ihn mit der Behauptung gleichsetzen w&uuml;rde, dass der Unterricht g&auml;nzlich moralfrei stattfinde. Dies ist nicht der Fall. Moral kommt im Geschichtsunterricht &uuml;ber den Nationalsozialismus und den Holocaust durchaus vor. Die Gestalt, die sie dabei in der Regel annimmt, kann als <i>kaschierte Form </i>im Sinne der oben dargestellten Kommunikation und Reflexion &uuml;ber Moral bezeichnet werden. Empirisch tritt diese Form &uuml;ber die <i>impliziten </i>moralischen Anspr&uuml;che des Themas Nationalsozialismus und Holocaust in die Unterrichtskommunikation ein. Das hei&szlig;t, in dem von uns beobachteten Unterricht finden durchaus Gespr&auml;che &uuml;ber die Geltung moralischer Urteile statt. Sie verbleiben jedoch &#8211; zumindest lehrerseitig &#8211; in einem kognitiven Modus, etwa wenn bestimmte Zeichnungen aus einem Schulbuch der NS-Zeit im Gespr&auml;ch als antisemitische und menschenfeindliche Darstellung von den Sch&uuml;lern/innen erkannt und analysiert werden (sollen).</p>
<h2 class="auto-created">IV. &bdquo;Aus der Geschichte lernen&ldquo; und die Unaus&shy;weich&shy;lich&shy;keit der Moral</h2>
<p>Unsere Rekonstruktionen legen jedoch einen weiteren Befund frei, der der These einer Entsch&auml;rfung des moralp&auml;dagogischen Projekts im Geschichtsunterricht in einer gewissen Weise zuwiderl&auml;uft. Im Verlauf des Unterrichts kommt es trotz der Vermeidung personenbezogener Moralerziehung durch die Lehrpersonen unter bestimmten Bedingungen zu einer moralischen Aufladung der Kommunikation. Auffallend ist, dass sie nicht von den Lehrpersonen, das hei&szlig;t absichtsvoll initiiert wird. F&uuml;r solch eine moralische Aufladung lassen sich zwei Bedingungskonstellationen identifizieren: Entweder tritt der implizite moralische Gehalt des Themenfeldes Nationalsozialismus und Holocaust im Unterrichtsgespr&auml;ch auf einmal offen zu Tage, oder aber Sch&uuml;lern/innen deuten Beurteilungen der Lehrkr&auml;fte zumindest im Zusammenhang dieses Themenfeldes als an sie pers&ouml;nlich adressierte moralisch-negative Urteile.</p>
<p>Ein Beispiel f&uuml;r die erste Variante, das hier nur illustrativ dargestellt werden kann (vgl. Proske 2006): Eine Klasse behandelt das Thema Ursachen und Hintergr&uuml;nde des Antisemitismus. Der Lehrer lenkt das Gespr&auml;ch auf den Aspekt des christlichen Antijud&auml;ismus. V&ouml;llig unvermittelt unterbricht die Sch&uuml;lerin Jenny dieses Gespr&auml;ch, in dem sie einwirft, dass sie nicht verstehe, warum sie sich immer wieder f&uuml;r die an Juden begangenen Verbrechen entschuldigen m&uuml;sse. Sie k&ouml;nne doch gar nichts mehr daf&uuml;r. Deutlich wird an dieser Stelle, dass die blo&szlig;e Thematisierung des Antisemitismus immer auch unmittelbar moralische Implikationen aufweist. Jenny versteht sich als jemand, die sich von einer Entschuldigungserwartung moralisch als Person getroffen f&uuml;hlt. Das Irritierende an ihrem Beitrag besteht darin, dass die Zur&uuml;ckweisung einer Entschuldigungserwartung kommunikativ nur Sinn macht, wenn es vorher eine Schuldzuweisung gegeben hat. Dies ist jedoch in der Unterrichtskommunikation explizit nicht der Fall. Dieser &Uuml;bergang von einer kognitiven Kommunikation &uuml;ber Moral zur moralischen Kommunikation bei Jenny kann m. E. unter zwei sich hier verschr&auml;nkenden Bedingungen gedeutet werden, die jedoch beide dem schulischen Geschichtsunterricht vorausgehen: Zum einen ist unabh&auml;ngig von expliziten moralp&auml;dagogischen Absichten des Lehrers von einer impliziten moralischen Aufladung des Themas Antisemitismus durch den &ouml;ffentlichen Erinnerungsdiskurs auszugehen. Zum anderen kommt hinzu, dass Unterricht als p&auml;dagogische Form durch eine generalisierte Erziehungserwartung strukturiert ist. Sie versieht nahezu jede unterrichtliche Behandlung eines Themas mit einer <i>bestimmten</i>, keineswegs beliebigen Lernerwartung, was wiederum zu entsprechenden Ablehnungsreaktionen bei den Sch&uuml;lern/innen f&uuml;hren kann. Und gerade das Thema Nationalsozialismus in seiner moralp&auml;dagogischen Vereindeutigung im &ouml;ffentlichen Erinnerungsdiskurs eignet sich offenbar in besonderer Weise zur sch&uuml;lerseitigen Inszenierung von Dissidenz.</p>
<h2 class="auto-created">V. Awareness als Leistung des schulischen Geschichts&shy;un&shy;ter&shy;richts</h2>
<p>Versucht man abschlie&szlig;end den im Kontext des schulischen Geschichtsunterrichts rekonstruierten Umgang mit den moralischen Implikationen einer geschichts- wie gegenwartsbezogenen Vermittlung der NS-Geschichte auf die Ausgangsfragen zu beziehen, so lassen sich einige Schlussfolgerungen f&uuml;r das moralp&auml;dagogische Projekt &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; ziehen.</p>
<p>Die Beobachtung, dass in den von uns untersuchten Schulstunden in der Regel kognitivierende Formen der Thematisierung des Nationalsozialismus und des Holocaust zu finden sind, zeigt, dass der Geschichtsunterricht ein Ort ist, dem die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern vor allem Informationen und Bewertungen <i>&uuml;ber </i>die Geschichte entnehmen und sich aneignen k&ouml;nnen. Die spezifische Leistungsf&auml;higkeit des Geschichtsunterrichts erweist sich darin, die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler in die gesellschaftlich g&uuml;ltig gemachten Redeweisen &uuml;ber den Nationalsozialismus und den Holocaust einzusozialisieren. In erinnerungskultureller Hinsicht kann die Schule als der gesellschaftliche Ort verstanden werden, an dem die jeweils nachwachsende Erinnerungsgeneration mit dem politisch-moralischen Erbe der Bundesrepublik Deutschland vertraut gemacht wird. Diese Leistungsf&auml;higkeit des Geschichtsunterrichts ist zun&auml;chst einmal keineswegs gering zu sch&auml;tzen. F&uuml;r die politische Kultur einer Gesellschaft sind solche Schritte der sozialen Institutionalisierung von geschichtlichen Narrativen und von deren politischer und moralischer Beurteilung ein bedeutsamer Baustein.</p>
<p>Um die Einsozialisierung in die gesellschaftlich kanonisierten Redeweisen &uuml;ber die NS-Geschichte angemessen einsch&auml;tzen zu k&ouml;nnen, ist es entscheidend, diese nicht vor-schnell mit individuellen Lernprozessen der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler gleichzusetzen. Ob Jugendliche die etablierten Deutungen &uuml;ber den Nationalsozialismus und den Holocaust &uuml;bernehmen, ob diese bei ihnen Ver&auml;nderungen ihrer politisch-moralischen &Uuml;berzeugungen auch im Hinblick auf gegenw&auml;rtige gesellschaftliche Problemfelder ausl&ouml;sen, ist damit noch keineswegs beantwortet. Einerseits kann man sicherlich festhalten, dass Wissen &uuml;ber die NS-Geschichte, ihre Hintergr&uuml;nde und Zusammenh&auml;nge, die M&ouml;glichkeit f&uuml;r individuelle Lernprozesse erh&ouml;ht. Andererseits zeigt unsere Empirie ebenso deutlich, dass an Stellen, an denen die politisch-moralische Botschaft aus der NS-Geschichte unvermittelt als eine eindeutige Lernerwartung mit direkten moralischen Implikationen an die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler herantritt (wenn also der Modus der Kommunikation von einem &#8222;&uuml;ber&#8220; zu einem &#8222;Ihr&#8220; wechselt), Abwehrreaktionen der Jugendlichen wahrscheinlicher werden. Die direkte politisch-moralische Adressierung von Jugendlichen unter Bedingungen von Schule scheint konfliktaffin. Weil die Schule ein Ort ist, an dem die wissens- und die personenbezogene Anerkennung von Jugendlichen nicht scharf auseinander zu halten ist, wird gerade das Thema Nationalsozialismus und Holocaust aus der Sicht der Sch&uuml;ler/innen zu einem Thema, bei dem ihre pers&ouml;nliche Integrit&auml;t vor den Augen der Klassen&ouml;ffentlichkeit auf dem Spiel stehen kann.</p>
<p>Die Gefahr, die im Geschichtsunterricht stattfindende Einsozialisation in die etablierten Redeweisen &uuml;ber die NS-Geschichte mit individuellem Lernprozessen der gegenw&auml;rtigen Erinnerungsgeneration zu verwechseln, hat mit einer begrifflichen Konfusion zu tun, die auch f&uuml;r das moralp&auml;dagogische Programm &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; kennzeichnend ist. Gerade weil es diesem Programm um mehr geht als um die Aneignung von Wissen, n&auml;mlich auch um die Ver&auml;nderung von moralischen Haltungen und politischen Einstellungen zu den geschichtlichen Ereignissen, aber auch zu gegenw&auml;rtigen Problemfeldern, ger&auml;t die Pr&auml;misse, aus der Geschichte k&ouml;nne gelernt werden, unter Druck. Die Schwierigkeit hat mit dem Begriff des Lernens selbst zu tun. Lernen beschreibt <i>Ver&auml;nderungen kognitiver Schemata</i>, die in der Regel auf neuen Informationen &uuml;ber einen Sachverhalt beruhen, ohne dass mit diesen <i>&Auml;nderungen der Verhaltensweisen </i>notwendigerweise einhergehen m&uuml;ssen. Jan Philipp Reemtsma hat diese Problemstellung in seinem Essay zur Frage &#8222;Was hei&szlig;t: aus der Geschichte lernen?&#8220; pr&auml;gnant auf den Punkt gebracht: &#8222;Die Schwierigkeit liegt darin, eine Einstellungs&auml;nderung als ein Lernen zu beschreiben. (&#8230;) Ich kann lernen, verschiedene Phasen im Werk eines K&uuml;nstlers zu unterscheiden, aber ich kann nicht lernen, das Werk Turners oder Strawinskys zu bewundern. Ich kann vielleicht lernen, die milit&auml;rischen Fehler des deutschen Generalstabes zu erkennen, aber ich kann nicht lernen, Falkenhayns strategische Planungen zu verabscheuen (Reemstma 2001, 45-46).&#8220;</p>
<p>Mit Einsicht in die Unm&ouml;glichkeit, moralische Gef&uuml;hle, Haltungen und Verhaltensweisen direkt erwirken zu k&ouml;nnen, ist eine grunds&auml;tzliche Begrenzung des moralp&auml;dagogischen Projekts &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; auch und vielleicht gerade im Kontext des schulischen Geschichtsunterrichts benannt.</p>
<p>Im Wissen um die Begrenzung der z. T. &uuml;berambitionierten Anspr&uuml;che des moralp&auml;dagogischen Programms scheint die Aufgabe des Geschichtsunterricht darin zu liegen, den erinnerungskulturell bereits institutionalisierten Umgang mit der NS-Geschichte dem Lackmustest seiner kommunikativen Bew&auml;hrung im Gespr&auml;ch zwischen Generationen auszusetzen. Durch die sprachliche Kategorisierung der geschichtlichen Ereignisse, durch die Pr&auml;sentation der aus diesen Ereignissen gesellschaftlich gezogenen politischen und moralischen Schlussfolgerungen, aber auch durch deren Infragestellung und Kritik scheint der Geschichtsunterricht &uuml;ber die NS-Geschichte eine Schnittstelle zu sein zwischen kulturell-institutionalisierten und kommunikativen Erinnerungsformen innerhalb des kollektiven Ged&auml;chtnisses der bundesrepublikanischen Gesellschaft (vgl. zum Hintergrund dieser Unterscheidung: Assmann (1988; 1992). Das, was der Geschichtsunterricht offensichtlich bei seinen Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern erreicht, ist eine <i>awareness </i>in Bezug auf die heutige Bedeutung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen f&uuml;r die politische Kultur in der Bundesrepublik wie auch in der sich globalisierenden Welt. Dass, was die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler dann an konkreten Schlussfolgerungen f&uuml;r den Umgang mit heutigen politischen Konflikten und moralischen Kontroversen ziehen, kann ihnen jedoch weder der Geschichtsunterricht noch die Geschichte abnehmen.</p>
<p><b>*</b> Bei dem Beitrag handelt es sich um eine &uuml;berarbeitete Fassung des Aufsatzes &#8222;Das moralp&auml;dagogische Projekt Aus der Geschichte lernen und der schulische Geschichtsunterricht &uuml;ber den Nationalsozialismus und den Holocaust&#8220; in der Zeitschrift Ethik und Gesellschaft, Heft 2/2010.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Assmann, Aleida 1992: Erinnerungsr&auml;ume. Formen und Wandlungen des kulturellen Ged&auml;chtnisses. M&uuml;nchen, Beck.</p>
<p>Assmann, Jan 1988: Kollektives Ged&auml;chtnis und kulturelle Identit&auml;t, in: Ders./H&ouml;lscher, Tonio (Hg.): Kultur und Ged&auml;chtnis. Frankfurt/M., Suhrkamp, S. 9-19.</p>
<p>Bergmann, J&ouml;rg/Luckmann, Thomas 1999: Moral und Kommunikation, in: dies. (Hg.), Kommunikative Konstruktion von Moral. Struktur und Dynamik der Formen moralischer Kommunikation, Bd. 1. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 13-36.</p>
<p>DIE ZEIT: Jugendliche und NS-Zeit. &#8222;Was geht mich das noch an?&#8220;, in ZEITmagazin vom 4.11. 2010. Durkheim, Emile 1991: Physik der Sitten und des Rechts. Vorlesungen zur Soziologie der Moral. Hrsg. von Hans-Peter M&uuml;ller. Frankfurt/M., Suhrkamp.</p>
<p>Fest, Joachim 2003: Was wir aus der Geschichte nicht lernen, in: DIE ZEIT vom 20. M&auml;rz 2003.</p>
<p>Frei, Norbert 2004: Deutsche Lernprozesse. NS-Vergangenheit und Generationenfolge seit 1945, in: Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (Hg.): Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts. Frankfurt/Main, Campus, S. 33-48.</p>
<p>Kohlberg, Lawrence 1976: Moralstufen und Moralerwerb.. Der kognitiv-entwicklungstheoretische Ansatz, in: Edelstein, Wolfgang/Oser, Fritz/Schuster, Peter (Hg.) (2001): Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologische und p&auml;dagogische Praxis. Weinheim/Basel, Beltz, S. 35-61.</p>
<p>Levy, Daniel/Sznaider, Natan 2001: Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt/M., Suhrkamp.</p>
<p>Luhmann, Niklas 1990: Paradigm lost: &Uuml;ber die ethische Reflexion der Moral. Frankfurt/M., Suhrkamp. Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias 2010: Mind the Gap. Holocaust Education in Germany between pedagogical intentions and classroom interaction, in: Prospects. Quarterly Review of Comparative Education 40 (2010), S. 201-220.</p>
<p>Nunner-Winkler, Gertrud/Edelstein, Wolfgang 1993: Einleitung, in: Ders./Dies./ /Noam, Gil (Hg.): Moral und Person. Frankfurt/M., Suhrkamp, S. 7-30.</p>
<p>Proske, Matthias 2006: &#8222;Wieso m&uuml;ssen wir uns jedes Mal wieder daf&uuml;r entschuldigen. Wir k&ouml;nnen doch gar nicht mehr daf&uuml;r&#8220;. Geschichtsunterricht zwischen erinnerungsp&auml;dagogischen Herausforderungen und Wirksamkeitsphantasien, in: Widerstreit &#8211; Sachunterricht, 4 (2006), Nr. 7 (<a href="http://www.widerstreitsachunterricht.de/" target="_blank" rel="noopener">www.widerstreitsachunterricht.de</a>).</p>
<p>Reemtsma, Jan Philipp 2001: Was hei&szlig;t: aus der Geschichte lernen?, in: ders., &#8222;Wie h&auml;tte ich mich verhalten?&#8220; und andere nicht nur deutsche Fragen: Reden und Aufs&auml;tze. M&uuml;nchen, C. H. Beck, S. 30-52.</p>
<p>Silbermann, Alphons/Stoffers, Manfred 2000: Auschwitz: Nie davon geh&ouml;rt? Erinnern und Vergessen in Deutschland. Berlin, Rowohlt.</p>
<p>The International Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research 2000: Declaration of the Stockholm International Forum on the Holocaust (<a href="http://www.holocausttaskforce.org/about-the-itf/stockholm-declaration.html" target="_blank" rel="noopener">www.holocausttaskforce.org/about-the-itf/stockholm-declaration.html</a>).</p>
<p>Tugendhat, Ernst 1993: Die Rolle der ldentit&auml;t in der Konstitution der Moral, in: Edelstein, Wolfgang/Nunner-Winkler, Gertrud/Noam, Gil (Hg.): Moral und Person. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 33-47.</p>
<p>Welzer, Harald 2004: &#8222;Ach Opa!&#8220;. Einige Bemerkungen zum Verh&auml;ltnis von Tradierung und Aufkl&auml;rung, in: Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (Hg.): Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts. Frankfurt/M., Campus, S. 49-64.</p>
<p>Welzer, Harald/Moller, Sabine/Tschuggnall, Karoline 2002, &#8222;Opa war kein Nazi&#8220;. Nationalsozialismus und Holocaust im Familienged&auml;chtnis. Frankfurt/M., Fischer.</p>
<p>Z&uuml;lsdorf-Kersting, Maik 2007: Sechzig Jahre danach: Jugendliche und Holocaust. Eine Studie zur geschichtskulturellen Sozialisation. M&uuml;nster, Lit-Verlag.</p>
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		<title>Geteilte Erinnerungen in der Demokratie</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 20:10:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Heft 2/2012,S.61-68 Seit mehr als zwanzig Jahren haben sich die Themen Gedächtnis und Erinnerung derart zentral in den Kulturwissenschaften etabliert, dass zu Recht von der Herausbildung eines neuen Paradigmas kulturwissenschaftlicher Forschung gesprochen worden ist (vgl. Assmann 2002: 400). Die Politikwissenschaft &#8211; wie auch die Soziologie &#8211; zeigte sich lange Zeit recht unbeeindruckt von [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Heft 2/2012,S.61-68</p>
<p>Seit mehr als zwanzig Jahren haben sich die Themen Gedächtnis und Erinnerung derart zentral in den Kulturwissenschaften etabliert, dass zu Recht von der Herausbildung eines neuen Paradigmas kulturwissenschaftlicher Forschung gesprochen worden ist (vgl. Assmann 2002: 400). Die Politikwissenschaft &#8211; wie auch die Soziologie &#8211; zeigte sich lange Zeit recht unbeeindruckt von dieser verstärkten Hinwendung zum Gedächtnisthema. Die Demokratietheorie hat sich kaum mit der Frage beschäftigt, in welcher Art und Weise Demokratien Geschichte &#8222;brauchen&#8220;, oder welchen Einfluss der Umgang mit der Vergangenheit hat. Als Faktoren, welche die politische Kultur eines Landes beeinflussen, wurden Geschichte, Gedächtnis und Erinnerung höchstens als Residualkategorien betrachtet.</p>
<p>Es waren erst die realpolitischen Entwicklungen im Zuge der Zeitenwende 1989/90, in denen es nach den Transformationsprozessen in den Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR und in Osteuropa zu einer dringlichen Frage wurde, wie die Vergangenheit &#8222;bewältigt&#8220; werden sollte, welche Formen transitionaler Justiz angemessen und durchsetzbar waren und wie die neuen politischen und nationalen Identitäten (wieder)hergestellt werden sollten. Die Erforschung dieser Art von Vergangenheitspolitik etablierte sich fest in der politikwissenschaftlichen Transitions-, später dann Transformationsforschung, die zunächst davon ausgegangen war, jegliche Thematisierung der diktatorischen Vergangenheit sei eine zu große Hypothek für junge, instabile Demokratien (vgl. O`Donnel/Schmitter 1986: 30; Huntington 1991), so dass die Strategie einer &#8222;kollektiven Amnesie&#8220; in Form einer stillschweigenden gesellschaftlichen Übereinkunft, wie sie lange Zeit in Spanien betrieben wurde, als Königsweg auf dem Weg zu einer konsolidierten Demokratie gelten konnte. Spanien ist aus vergangenheitspolitischer Perspektive aber gerade deshalb so interessant, weil auch dort, wenn auch nach einer langen Phase der Latenz, ein &#8222;Kampf um Erinnerungen&#8220; (Bernecker/Brinkmann 2006) um die angemessene Repräsentation des spanischen Bürgerkriegs und des Franco-Regimes ausbrach und die Amnesie beendete. Dieser Fall ist deshalb so lehrreich, weil er zeigt, dass die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen um einen angemessenen Umgang mit der Vergangenheit in modernen Demokratien nahezu unvermeidlich sind und damit eine ältere Praxis revidieren. So erließen die Athener zum Ende des Peloponnesischen Krieges ein Gesetz, das es verbot, an die vergangenen Missstände zu erinnern, wie auch Cicero sich vor dem römischen Senat kurz nach der Ermordung Cäsars für das Vergessen der mörderischen Zwietracht aussprach. Die systematische Vernichtung von Dokumenten gehörte später zum festen Repertoire revolutionärer Bewegungen.</p>
<p>Im Gegensatz dazu bildet der Bezug auf die Geschichte einen wesentlichen Bestandteil der Selbstverständigungsdiskurse und Identitätsbildung moderner Demokratien, wobei &#8211; und dies ist in der Tat neu &#8211; auch die dunklen Seiten der nationalen Geschichte in diese Praxen gesellschaftlicher Selbstbeschreibung gehören. In diesem Zusammenhang ist von Saul Friedländer von einem &#8222;Aufwallen kollektiver Erinnerungen&#8220; (Friedländer 1999: 19) gesprochen worden, über dessen wahre Motive nur gemutmaßt werden könne. Dieser Trend ließe sich anhand vieler Beispiele belegen, etwa mit dem Besuch Bill Clintons in einem Reservat indigener Völker Nordamerikas, bei dem er als erster Präsident der USA in einem öffentlichen Akt für die Taten weißer Siedler um Verzeihung bat, oder mit der Thematisierung der Verfehlungen der katholischen Kirche durch den Papst, den Verhandlungen multinationaler Konzerne über Entschädigungszahlungen, weil sie in die Verbrechen der Nationalsozialisten involviert waren oder von ihnen profitierten, der förmlichen Entschuldigung der australischen Regierung bei den Aborigines usw. usf.</p>
<p>Der Philosoph Hermann Lübbe ironisierte diese meist vor allem symbolisch gemeinten Akte mit der Bemerkung, die Entschuldigung für vergangene Untaten sei zu einer neuen Üblichkeit in der Pflege internationaler Beziehungen geworden (Lübbe 2003: 13). Was Lübbe jedoch übersieht ist die Relevanz solcher Praktiken für die Selbstthematisierung moderner Gesellschafen, die sich im Zuge der Modellierung der Geschichte ein Bild von sich selbst machen und die kollektive Identität gestalten. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen dem kollektiven Gedächtnis einer politischen Einheit und ihrem Selbstbild bzw. einer kollektiven Identität weitaus weniger untersucht, als die verschiedenen Modi der Vergangenheitsbewältigung im Zuge von Demokratisierungsprozessen. Es versteht sich (fast) von selbst, dass nach dem Ende einer Diktatur die Erinnerungspolitik auf der Ebene der Politik die Stabilität des neu entstehenden Gemeinwesens in den Fokus rückt, während auf der Ebene des Rechts die Frage der möglichen Strafverfolgung der Täter zentralen Stellenwert erlangt und auf der Ebene der Moral die schuldhaften Verstrickungen der Täter, Mitläufer und Opportunisten und die sozio-moralischen Voraussetzungen der jungen Demokratie thematisiert werden. Das Ziel solcher Betrachtungen liegt in der Identifizierung mehr oder weniger erfolgreicher Strategien des Umgangs mit der Vergangenheit und der Grad der erfolgreichen Strategie bemisst sich am erreichten Grad der Stabilisierung und Konsolidierung eines demokratischen Systems.</p>
<p>Viel schwieriger dagegen erweist sich die Frage, welche Rolle die Erinnerung an die Vergangenheit oder spezifische Vergangenheitsrepräsentationen in bereits konsolidierten Demokratien spielen. Ein geradezu funktionalistischer Zusammenhang zwischen der kollektiven Erinnerung und dem Umgang mit der Vergangenheit auf der einen Seite und dem Grad der demokratischen Konsolidierung auf der anderen wie in Übergangsdemokratien wird in stabilen, konsolidierten Demokratien kaum zu konstatieren sein. Wofür also &#8222;brauchen&#8220; etablierte Demokratien die Vergangenheit, selbst wenn der Kampf um Erinnerungen, von dem oben bereits die Rede war, längst ausgestanden ist? Und wie wird die Erinnerung organisiert, bzw. kanonisiert, so dass die Gesellschaft als Ganze über die gleiche &#8211; oder zumindest doch ähnliche &#8211; Erinnerung verfügt?</p>
<h2 class="auto-created">Erinnerung und moralische Identit&auml;t</h2>
<p>Das Wahrheitsministerium in George Orwells Roman <i>1984 </i>steht idealtypisch &#8218;für den totalitären Versuch diktatorischer Systeme, die Vergangenheit zu kontrollieren und die &#8222;Geschichte&#8220; den jeweiligen Zeitläuften anzupassen. Die Archive der Vergangenheit werden fortwährend geändert, gefälscht und umorganisiert, um so die kollektive Erinnerung zu manipulieren. In reiner Form ist dies nur möglich in Orwells Dystopie, doch einen Abglanz davon findet man in allen totalitär/autoritären Systemen. So dominierte bis etwa Mitte der achtziger Jahre der antifaschistische Widerstand als <i>der </i>Gründungsmythos die Selbstthematisierung der DDR-Gesellschaft. Abgestützt wurde er durch passende oder passend gemachte Bezüge auf die &#8222;Vorgeschichte&#8220; der DDR, die ganz im Sinne der sozialistischen Staatsdoktrin als &#8222;frühbürgerliche Revolutionen&#8220; interpretiert wurden, wie der Bauernkrieg und die Befreiungskriege von 1813/14. Diese Geschichtserzählung sollte dabei nicht nur den inneren gesellschaftlichen Zusammenhalt abstützen, sondern immer auch die Abgrenzung zur Bundesrepublik untermauern. Herfried Münkler bemerkt dazu in seiner Arbeit <i>Die Deutschen und ihre Mythen</i> (2010: 423): Der antifaschistische Widerstand &#8222;wurde zu einer säkularen Staatsreligion, die in der Verehrung kommunistischer Widerstandskämpfer als Märtyrer ihren Ausdruck fand. Zugleich markierte er eine scharfe Grenze sowohl gegenüber der deutschen Vergangenheit als auch gegenüber der deutschen Staatsbildung im Westen. Die Bundesrepublik bestritt die Legitimität der DDR, und die DDR antwortete darauf mit dem antifaschistischen Gründungsmythos, der wiederum die Legitimität des westdeutschen Staates in Frage stellte&#8220;.</p>
<p>In pluralistischen, zunehmend fragmentierten Demokratien existieren dagegen verschiedene Vergangenheitsnarrative nebeneinander, wobei sich die aus der Vergangenheit repräsentierten Inhalte wie auch die Bewertungen historischer Momente, je nach der Trägergruppe, welche sich hinsichtlich ihres sozialen Status, ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Orientierungen etc. unterscheiden, voneinander abweichen mögen. Es sind folglich gesellschaftliche Rahmenbedingungen, welche die Auswahl und Deutung dessen, woran sich Individuen erinnern, prägen. Erinnerung, vor allem kollektive Erinnerung, ist damit immer Sinnproduktion. Peter Reichel hat dies wie folgt umschrieben: &#8222;Bei dieser Sinnproduktion oder Verhaltenssynthese werden Erinnerungen konstruiert und in Geschichte elaboriert, wobei die Ordnung des erzählten Geschehens (&#8230;) weitgehend eine Funktion des Erzählens ist. (&#8230;) Erinnerung hängt demnach nicht &#8211; oder weniger als zumeist unterstellt &#8211; von Vergangenheit ab&#8220; (Reichel 1995: 19). Vielmehr entsteht die Vergangenheit erst durch die soziale Konstruktion in Form des Erzählens, Dokumentierens und Deutens. Diesen Punkt betont auch der kürzlich verstorbene amerikanische Philosoph Richard Rorty. Er beginnt sein Buch <i>Achieving Our Country </i>(Rorty 1998) &#8211; für die deutsche Ausgabe etwas unglücklich übersetzt mit <i>Stolz auf unser Land </i>&#8211; mit einer etwas seltsamen Analogie und bemerkt: &#8222;Nationaler Stolz ist für Länder das, was Selbstachtung für die Individuen ist &#8211; eine notwendige Bedingung dafür, den eigenen Bildungsprozess voranzubringen&#8220;. Ein solcher Stolz gründe auf einem bestimmten Bild, welches von der Nation gezeichnet wird: &#8222;Ich sage Bild statt <i>Mythos oder Ideologie</i>, weil ich nicht glaube, dass es eine nicht-mythologische, nicht-ideologische Weise gibt, die Geschichte eines Landes zu erzählen&#8220;. Insofern sind alternierende Geschichtsnarrative nicht weiter problematisch. &#8222;Geschichten darüber, was eine Nation gewesen ist und was sie zu sein anstreben sollte, sind keine Versuche einer akkuraten Darstellung, sondern eher Versuche, eine moralische Identität zu erschaffen&#8220; (Rorty 1998: 3,11,13).</p>
<p>Was auf dem ersten Blick wie eine neue Variante altbekannter chauvinistischer Vorstellungen daherkommt, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als doch komplizierter: Die Selbstthematisierung einer Gesellschaft im Scheinwerfer ihres Blicks auf die eigene Vergangenheit wird zum &#8222;Selbstentwurf einer deliberierenden Bürgergesellschaft &#8211; ein fortgesetztes Konstruieren, kein Geschenk der Natur. Nationale Identitäten bilden sich nur im Fluss der öffentlichen Diskurse&#8220; (Habermas 1999). Eine solche reflexive staatsbürgerliche Normgenese im Angesicht gerade der &#8222;dunklen Seite der Demokratie&#8220; (Michael Mann), Rorty denkt hier an die Sklaverei und den Vietnamkrieg, wirkt geradezu wie ein erinnerungspolitisches Purgatorium: &#8222;Aber nichts, was auch immer eine Nation getan haben mag, macht es für einen demokratischen Verfassungsstaat unmöglich, Selbstachtung wiederzugewinnen&#8220; (Rorty 1998: 32).</p>
<p>Freilich werden gegenüber einer solchen, hoch normativen und idealisierten Praxis bürgerschaftlicher Selbstvergewisserungen im Rahmen vergangenheitspolitischer Diskurse zwei Einwände zu berücksichtigen sein: Zunächst könnte gegen Rorty der Vorwurf des Relativismus erhoben werden. Spielt die &#8222;akkurate Darstellung&#8220; der Geschichte gar keine Rolle und stehen die alternierenden Vergangenheitsnarrative wirklich unverbunden nebeneinander, ohne sie auf ihre geschichtliche Wahrheit zu überprüfen und normativ zu gewichten? Gibt es keinerlei Grenzen für die deliberierende Bürgergesellschaft, von der Habermas spricht? Die zweite Frage schließt sich direkt daran an: Wie sollten die Selbstverständigungsdiskurse gesellschaftlich organisiert bzw. inszeniert sein, damit sie im Rahmen des demokratischen Verfassungsstaates tatsächlich die moralische Identität einer politischen Gemeinschaft hervorbringen können? Und sind die Erinnerungen an die Vergangenheit, die kommemorierten Ausschnitte aus der Geschichte, nicht auch in modernen Demokratien kanonisiert, sind Gegen-Narrative überhaupt möglich angesichts offizieller Gedenkrituale, Denkmäler und Feiertage, ist nicht der Erinnerungsdiskurs über den Widerstand gegen die Nationalsozialisten, über die &#8222;Stunde Null&#8220; in der jungen Bundesrepublik oder über die DDR und die Vereinigung nicht durch Elitendiskurse, schulische Bildung und Medien &#8211; wer dächte hier nicht an den Haushistoriker des ZDF, Guido Knopp &#8211; derartig dominiert und enggeführt, dass eine nationale Identitätsbildung im Fluss öffentlicher Diskurse eben nicht stattfinden kann. Dies alles sind gewichtige Fragen, die die Möglichkeiten moralischer Selbstverständigung durch einen Rückbezug auf die eigene Geschichte eher unterminieren und zu bestätigen scheinen, dass monolithische, also von allen geteilte Erinnerungen eher integrierend wirken mögen.</p>
<p>Es kann ja kaum ein Zweifel bestehen, dass auf die Geschichte als Legitimationsressource immer dann zurückgegriffen wird, wenn andere Begründungsformen erschöpft sind oder als zu schwach angesehen werden. Joschka Fischers außenpolitisches Leitmotiv &#8222;Nie wieder Auschwitz!&#8220;, zusätzlich versehen mit dem moralisierenden &#8222;Ich habe gelernt&#8220;, ist ein Beispiel für eine solche Instrumentalisierung, die derart mächtig war, dass sie keinen Raum ließ für Einwände. Der Nationalsozialismus wie auch die millionenfache Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis ist in der deutschen Erinnerung in der Tat derart zentral, dass hier konkurrierende &#8222;Geschichtsbilder&#8220; nicht möglich sind, ja in Deutschland sogar unter Strafe gestellt werden. Doch selbst die Erinnerung an den Holocaust oder seine angemessene erinnerungspolitische Repräsentation lassen Raum für erinnerungspolitische Debatten oder erinnerungspolitischen Streit. So ließe sich durchaus sagen, dass der fast ein ganzes Jahrzehnt andauernde Streit um das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas für die politische Kultur Deutschlands und die Selbstthematisierung der deutschen Gesellschaft Jahrzehnte nach dem Nationalsozialismus nachhaltiger war, als die Wirkung, die vom schließlich realisierten Denkmal ausging. Diese Beobachtung führt zu der These, dass Rortys etwas vage Intuition erinnerungspolitischer Deliberation unter Staatsbürgern anzureichern ist durch das Element des eingehegten Streits. Zugespitzt lautet sie: Es sind die symbolisch inszenierten, gewaltfrei und friedlich ausgetragenen Debatten, Kontroversen und Streits über die Vergangenheit, die den Selbstentwurf einer demokratischen Gesellschaft hervorbringen. Nicht die Kanonisierung eines Geschichtsbilds ist das Ziel, sondern die Auseinandersetzung darüber, wie eine Gesellschaft leben will, wie sie sich selbst sieht und auf welche Traditionen sie sich beruft, und welche sie zurückweist.</p>
<h2 class="auto-created">Nur keinen Streit vermeiden!</h2>
<p>Die Bevorzugung des Konsenses gegenüber dem Konflikt oder Streit im Mainstream der Sozialwissenschaften wie auch der Öffentlichkeit verdeckt nur allzu häufig, dass der Konflikt <i>der </i>Gegenstand der Politik ist. Eine demokratische Öffentlichkeit lebt vom eingehegten, aber belebenden Streit. Das Gegenteil einer kämpferischen Auseinandersetzung ist eine Politik, die sich als alternativlos ausgibt. Auch Erinnerungspolitik findet im Medium des Streits statt, eben im Streit konfliktiver Erinnerungen. Der für moderne Gesellschaften am meisten ausgebaute Ansatz in dieser Richtung geht auf Georg Simmel zurück und stammt von Helmut Dubiel (1`997), der in Auseinandersetzung mit Albert O. Hirschman zu der prägnanten Formel der &#8222;Demokratie als die öffentliche Inszenierung von Dissens&#8220; gelangt. Theoretisch scheint diese Konzeption insofern plausibel, als sie als Antwort auf eine endemisch kontroverse Lage in diesem Konfliktfeld scheinbar unvereinbarer Erinnerungen nicht länger mit einem imaginären Konsens operiert, sondern von einem symbolisch integrierenden Kapital ausgeht, welches sich im Prozess strukturell bedingter, zivil eingehegter Konfrontationen ausbildet. Im Kern geht es darum, konkurrierende Narrative in der Beschreibung und Bewertung der Vergangenheit zuzulassen und die verschiedenen Seiten zu animieren, ihre Lesarten des Geschehenen zur Sprache zu bringen. Eine durchaus pragmatistische Kontur erhält dieser Ansatz dadurch, dass sich durch stetige Neubeschreibungen der Konfliktakteure, -konstellationen und -fronten ein neues moralisches und politisches Vokabular herausbildet, in welchem sich die Gesellschaft zunächst in ihrer gesellschaftlichen Selbstverständigung und daran anschließend mit Gesellschaften, die eine andere Lesart vorbringen, darüber verständigen kann, welche politischen, moralischen und gesellschaftlichen Ziele sie verfolgen will. In Abwandlung eines Wortes von Dahrendorf ließe sich hier sagen: Das Neuschreiben des Gesellschaftsvertrages geschieht durch die Neubeschreibungen erinnerungspolitischer Konflikte. Jedenfalls liefern diese die Texte und die Kräfte der Veränderung.</p>
<p>Es liegt auf der Hand, dass dies nur in konsolidierten demokratischen Systemen möglich ist, denn ohne demokratische Rahmung &#8211; auch Rorty betont oben den demokratischen Verfassungsstaat als nicht hintergehbaren Rahmen für die Modellierung der moralischen Identität &#8211; drohen konkurrierende Erinnerungen oder Geschichtsdeutungen in unversöhnlich geführte Kriege zu eskalieren. Neben der Demokratie als erster Voraussetzung für dieses Programm besteht die zweite Voraussetzung im Zugeständnis der Deutungsoffenheit erinnerungspolitischer Repräsentationen. Solcherart deutungsoffene Denkmale, man denke hier an das Washingtoner Vietnam Memorial, geben nicht mehr autoritativ eine bestimmte Deutung historischer Ereignisse vor, sondern können aus verschiedensten Perspektiven betrachtet werden und diese sogar miteinander ins Gespräch bringen. Gerade die Veteranen-Veteranen-Gedenkstätte scheint die Durkheimsche These, wonach ein Wertekonsens, der gerade durch Denkmale reiteriert werde, Gesellschaften integriere, für moderne Gesellschaften zu widerlegen. Robin Wagner-Pacifici und Barry Schwarz haben die Entstehungsgeschichte des Washingtoner Mahnmals wie auch seine Wirkung eingehend untersucht und sehen seine Stärke eben gerade in der Deutungsoffenheit. Sie schreiben: &#8222;Die Vietnam-Veteranen-Gedenkstätte und die ihr ähnlichen Monumente kommen somit nicht als Symbole von Solidarität, sondern vielmehr als solche in den Blick, die vor allem die widersprüchlichen Vorstellungen einer Gesellschaft über sich selbst und über ihre Vergangenheit aufzeigen&#8220; (1994: 395).</p>
<p>Das Mahnmal selbst stimuliert keine Konflikte zwischen verschiedenen Deutungen eines verlorenen, politisch kontroversen und moralisch fragwürdigen Krieges, aber es schafft Raum für gänzlich abweichende Lesarten. Es mag eher die Sache der Kunst sein, erinnerungspolitische Konflikte um abweichende Geschichtsnarrative zu entfachen. Künstlerische Inszenierungen sind häufig in der Lage, dokumentarisch oder auch fiktional, Images zu schaffen, die mentalitätsgeschichtlich relevant und erinnerungspolitisch wirkungsmächtig sind, indem sie das kollektive Gedächtnis mitprägen, mit Bildern unterlegen, und zur moralisch-ethischen Selbstverständigung anleiten. Wie ein Kommentar zur Eingangs angeführten Sichtweise bei Rorty lesen sich Gertrud Kochs Bemerkungen in ihrer Arbeit <i>Nachstellungen &#8211; Film und historischer Moment</i> (1997: 540): &#8222;Der Streit um Filme wie die TV-Serie <i>Holocaust, Schindler&#8217;s List</i> oder auch <i>Beruf Neonazi, Stau </i>oder Syberbergs Hitler-Film ist ja nicht nur darüber entbrannt, ob sie &#8222;falsch&#8220; oder &#8222;richtig&#8220; sind (&#8230;), sondern über das &#8222;Bild&#8220;, das sie als Ganzes vermitteln, oder, wie man im Deutschen so schön sagt, über den &#8222;Eindruck&#8220;, den sie hinterlassen, den Diskurs, den sie anstimmen&#8220;.</p>
<p>Es mag auch die Aufgabe der Kunst bzw. der Medien sein, das dominierende, von westlichen Eliten hegemonisch verbreitete Narrativ über die DDR zu durchbrechen. Solange jede Erinnerung an das Leben im real-existierenden Sozialismus mit einer mantraartigen Einleitung beginnen muss, die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, solange wird es nicht möglich sein, auch hier divergierende Geschichtsnarrative zu thematisieren. Auch hier sollte das erinnerungspolitische Ziel sein, das Unrecht der DDR zu identifizieren, ohne das andere System zu glorifizieren. Wenn wir im Sinne Rortys in der Rückschau auf die Vergangenheit fragen, was wir versuchen sollten, aus uns zu machen, so wird dies auch bedeuten, Stimmen aus dem ehemals anderen Teil Deutschlands zur Sprache zu bringen und das Ergebnis eines solchen Streits könnte ja sein, das &#8222;Wir&#8220; dazu kämen, die Herrschaft einer Parteielite, die sich als Kader versteht, um einen Arbeiter- und Bauernstaat zu realisieren und den Kommunismus zu verwirklichen sucht, ebenso ablehnen wie die Herrschaft enthemmter Finanzmärkte, die die Gier zur einzigen Tugend erheben.</p>
<p>Die von Lübbe irrtümlich ironisierte Praxis der Verantwortungsübernahme für vergangenes Unrecht auf internationaler Ebene scheint hier einen Vorgriff zu bilden auf eine anamnetische Gerechtigkeit, von der der Philosoph Otfried Höffe spricht: &#8222;Aus der gemeinsamen Erinnerung großer Gewalttaten: der Eroberungen, Unterdrückungen und Ausbeutungen, der Versklavungen, Kolonialisierungen und Imperialismen, der Greuel der Nationalismen und der zahllosen Opfer im Namen sozialer oder sozialistischer Revolutionen, könnte ein kritisches Weltgedächtnis entstehen. Und vorausgesetzt, daß es nicht selektiv verfährt, vielmehr eine anamnetische Gerechtigkeit pflegt, überdies beim bloßen Erinnern nicht stehen bleibt, hilft es, künftigen Gewalttaten vorzubeugen&#8220; (Höffe 1999:16). Die Vision eines solchen Gedächtnisses zeichnet im großen Bogen nach, was hier noch im nationalstaatlichen Rahmen umrissen werden sollte. Ein solches Gedächtnis, wie ich es verstehe, hätte keinen festen Referenzpunkt, wie er etwa von Daniel Levy und Natan Sznaider in ihrer gemeinsamen Vision von einem kosmopolitischen Gedächtnis in der globalen Erinnerung an den Holocaust verankert ist. Die beiden Autoren gehen davon aus, dass der Umgang mit dem Holocaust das Verständnis für neue Erinnerungskulturen eröffnet und dass die Erinnerungen an den Holocaust in einer Epoche ideologischer Ungewissheiten zu einem Maßstab für humanistische und universalistische Identifikationen werden (2001: 9f.).</p>
<p>Hier scheint die These Durkheims von der Notwendigkeit eines &#8211; und jetzt globalen &#8211; Wertekonsens wieder auf, jedoch um den Preis einer &#8211; wenn auch ungewollten &#8211; Instrumentalisierung der Geschichte. Das Leiden an den nicht eingehaltenen Versprechen der Demokratie, welches zur Ausrufung einer postdemokratischen Ära geführt hat, provoziert immer wieder dazu, die Frage zu stellen, ob nicht die Demokratie auf vor-politische Ressourcen und Regulierungskräfte wie Tugenden, Religionen oder Zivilreligionen angewiesen sei. Eine eminent politische Ressource dagegen wird meist sträflich vernachlässigt: der eingehegte Streit. Es spricht einiges dafür, dass es gerade der spezifische Umgang mit Konflikten ist, der den sozialen und politischen Kitt moderner Demokratien bildet (vgl. Dubiel 1997: 425) und Erinnerungskonflikte bilden gerade den Stoff, die moralische Identität eines Gemeinwesens auszubilden.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Assmann, Jan</i> 2002: Nachwort, in: Esposito, Elena: Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft, Frankfurt/M.</p>
<p><i>Bernecker, Walther L./Brinkmann, Sören</i> 2006: Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006, Fulda.</p>
<p><i>Dahrendort, Ralf</i> 1992: Der moderne soziale Konflikt. Stuttgart.</p>
<p><i>Dubiel, Helmut </i>1997: Unversöhnlichkeit und Demokratie, in: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Was hält die Gesellschaft zusammen? Frankfurt/M., S. 425-444.</p>
<p><i>Dubiel, Helmut </i>1992: Konsens oder Konflikt? Die normative Integration des demokratischen Staates, in: Kohler-Koch, Beate (Hrsg.): Staat und Demokratie in Europa, Opladen.</p>
<p><i>Friedländer, Saul </i>1999: Auseinandersetzung mit der Shoah: Einige Überlegungen zum Thema Erinnerung und Geschichte, in: Küttler, Wolfgang/Rüsen, Jörn/Schulin, Ernst (Hrsg.): Geschichtsdiskurs. Bd. 5: Globale Konflikte, Erinnerungsarbeit und Neuorientierungen seit 1945, Frankfurt am Main, 5. 15-29.</p>
<p><i>Habermas, Jürgen</i> 1999: Rortys patriotischer Traktat, in: Süddeutsche Zeitung vom 27.Februar 1999. Höffe, Otfried 1999: Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, München.</p>
<p><i>Huntington, Samuel P. </i>1991: The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century, Norman.</p>
<p><i>Koch, Gertrud </i>1997: Nachstellungen -Film und historischer Moment, in: Müller, Klaus E./Rüsen, Jörn (Hg.): Historische Sinnbildung. Problemstellungen, Zeitkonzepte, Wahrnehmungshorizonte, Darstellungsstrategien, Hamburg, S. 536-551.</p>
<p><i>Levy, Daniel/Sznaider, Natan</i> 2003: Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt/M. Lübbe, Hermann 2003: Ich entschuldige mich. Das neue politische Bußritual. Berlin.</p>
<p><i>Mann, Michael </i>2007: Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung, Hamburg.</p>
<p><i>Münkler, Herfried </i>2010: Die Deutschen und ihre Mythen, Bonn.</p>
<p><i>O&#8217;Donnell, Guillermo/Schmitter, Philippe C</i>. 1986: Transitions from Authoritarian Rule: Tentative Conclusions about Uncertain Democracies, Baltimore.</p>
<p><i>Orwell, George</i>: Neunzehnhundertvierundachtzig, Berlin, Frankfurt/Wien, o. J.</p>
<p><i>Reichel, Peter</i> 1995: Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München.</p>
<p><i>Rorty, Richard </i>1998: Achieving Our Country. Leftist Thought in Twentieth Century America, Harvard.</p>
<p><i>Wagner Pacifici, Robin/Schwartz, Barry</i> 1994: Die Vietnam Veteranen Gedenkstätte. Das Gedenken einer problematischen Vergangenheit, in: Koselleck/Jeismann (Hrsg.): Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, München, S. 393- 424.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die DDR-Aufarbeitung und die Politik der Erinnerung</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/die-ddr-aufarbeitung-und-die-politik-der-erinnerung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 19:45:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/die-ddr-aufarbeitung-und-die-politik-der-erinnerung/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Das Beispiel Bautzen aus: vorgänge Heft 2/2012,S.69-81 Gemäß einer konstruktivistischen Geschichtsschreibung, die davon ausgeht, dass überlieferte Geschichte kulturell hergestellt und über die Vermittlung der Vergangenheit zugleich viel über die Gegenwart mitgeteilt wird, scheint es geboten, der Frage nachzugehen, wer prägte in diesen 20 Jahren nach 1989 das SBZ/DDRGeschichtsnarrativ und mit welchen Folgen? Wie beeinflusst sind [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Beispiel Bautzen</p>
<p>aus: vorgänge Heft 2/2012,S.69-81</p>
<p>Gemäß einer konstruktivistischen Geschichtsschreibung, die davon ausgeht, dass überlieferte Geschichte kulturell hergestellt und über die Vermittlung der Vergangenheit zugleich viel über die Gegenwart mitgeteilt wird, scheint es geboten, der Frage nachzugehen, wer prägte in diesen 20 Jahren nach 1989 das SBZ/DDRGeschichtsnarrativ und mit welchen Folgen? Wie beeinflusst sind die Aufarbeitung und das Entstehen einer beispiellosen Gedenkstättenlandschaft durch die Zeitzeugen, wenn ein kommunikatives Gedächtnis und ein kulturelles Gedächtnis parallel entstehen? Für die Aufarbeitung der SBZ/DDR-Vergangenheit in den ersten 20 Jahren nach dem Kollaps des Regimes lässt sich sagen, dass sie durch diese Parallelität eine geschichtsund erinnerungspolitische Rufladung erhielt und deshalb äußerst widersprüchlich verlief Erstens sorgten die Wortführer der SBZ/DDR-Aufarbeitung (Opfer und ihre Vertreter, Oppositionelle und Bürgerbewegte), im unbedingten Wollen, unmittelbar die Verbrechen aufzudecken und Zeichen der Erinnerung zu setzen, einerseits für eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit und Sensibilisierung gegenüber SBZ/DDR-Unrecht, andererseits beförderten sie in diesem unbedingten Wollen tendenziöse Sichtweisen und begünstigten Mythenbildungen.</p>
<p>Zweitens war die Aufarbeitung der SBZ/DDR-Vergangenheit wie keine andere Vergangenheitsschicht Gegenstand aktuell-politischer Initiativen und Profilierungen. So zeugen zwei Enquete-Kommissionen sowie die verschiedenen Gesetzesinitiativen des Deutschen Bundestages zu Aktensicherung und zur Gedenkstättenfinanzierung von einem bis dahin unbekannten Maß an öffentlichem Bekenntnis zur Diktaturaufarbeitung. Andererseits genoss die allmähliche Institutionalisierung der Erinnerung in der Tagespolitik minimale Unterstützung, standen die mühsamen Kämpfe um einzelne historische Orte im krassen Widerspruch zum proklamierten Aufarbeitungsdiktum. Anhand der Entwicklungsgeschichte der Gedenkstätte Bautzen lassen sich diese Antinomien im Umgang mit der SBZ/DDR-Vergangenheit nach 1989 beispielhaft rekonstruieren und belegen.(1)</p>
<p>Im Vordergrund der Aufarbeitungsbemühungen in Bautzen stand zunächst das &#132;Speziallager Nr. 4&#148; (später Nr. 3), das in Bautzen I zwischen Mai 1945 und Februar 1950 unter sowjetischer Verwaltung existiert hatte und von 1950 bis 1956 unter der DDR-Verwaltung als politische Haftanstalt fortgeführt wurde.(2) Vergleichbar anderen Speziallagern in der SBZ entwickelte sich das &#132;Speziallager Bautzen&#148; von einem Entnazifizierungs- zu einem Willkürinstrument zur Isolation und Repression politisch unliebsamer Personen, insbesondere solcher, die die sowjetische Besatzungspolitik ablehnten, denen zunehmend &#132;antisowjetische Propaganda&#148;, &#132;illegale Gruppenbildung&#148; und &#132;Spionage&#148; vorgeworfen wurde. Aufgrund der Häftlingsbewegungen waren in ,Bautzen I&#8220; bzw. im so genannten &#132;Gelben Elend&#148; zwischen Sommer 1945 und Februar 1950 insgesamt jährlich durchschnittlich 6.500 Menschen gleichzeitig in Haft, für den gesamten Zeitraum werden rund 27.300 Häftlinge geschätzt .(3) Zwischen 1949 und 1952 waren in Bautzen durchschnittlich 5.800 SMT-Verurteilte inhaftiert, darunter auch Jugendliche, die aufgrund des Verdachts der Werwolf-Aktivität ins Gefängnis kamen .(4) Etwa ein Drittel war bei Kriegsende 18 Jahre und jünger gewesen, sodass eine NS-Verstrickung kaum vorgelegen haben konnte .(5)</p>
<p>Aus diesen Häftlingsgruppen rekrutierten sich die Wortführer der Aufarbeitung der politischen Haft in Bautzen. Sie waren nach ihrer Speziallagerhaft in die BRD gegangen und hatten sich dort jahrzehntelang um die Anerkennung der an ihnen verübten Verbrechen eingesetzt. Ideologisch vertraten sie einen dezidiert antikommunistischen Standpunkt und attestierten der DDR ein durch und durch totalitärer Staat gewesen zu sein. Ihr geschichtspolitisches Interesse, die sowjetische Besatzungsmacht und die DDR als kommunistische Gewaltherrschaft zu deuten und zu delegitimeren, fußte dabei auf ihrer eigenen biographischen Leiderfahrung. Immer dann, wenn Forschungen zu Ergebnissen kamen, die von ihrer individuellen Erinnerung abwichen, oder wenn die musealen Darstellungen der Vergangenheiten nicht mit eigenen Hafterfahrungen übereinstimmten, entbrannten Auseinandersetzungen um die Einordnung des SBZ/DDR-Unrechts und sahen Betroffene sich von Verharmlosung und Relativierung der an ihnen verübten Verbrechen bedroht.(6) Entsprechend entzündeten sich Konflikte insbesondere immer dann, wenn der eigene Opfer-Status und das erlittene Systemunrecht in Gefahr schienen. Hierzu zählten z. B. die widersprüchlichen Angaben und Interpretationen von Opferzahlen für die Speziallagerzeit, aber auch historische Differenzierungen zwischen verschiedenen Zeitschichten und Erinnerungssymbolen. Dies wird im Folgenden näher ausgeführt.</p>
<p>Überwiegend organisiert in der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, die sich bereits 1950 in West-Berlin gegründet hatte, ergriffen ehemalige Speziallageropfer mit dem Ende des DDR-Strafvollzuges im &#132;Gelben Elend&#148; die erstmalige Gelegenheit, an ihre Leidensstätte zurückzukehren, um am historischen Ort ihrer toten Mitgefangenen nunmehr ungehindert öffentlich zu gedenken und hierfür Massengräber zu identifizieren. Zugleich reklamierten sie damit ihre Deutungsmacht in Bezug auf die Aufarbeitung ihrer Verfolgungsgeschichte. So wandte sich bereits am 1. Januar 1990 der ehemalige Speziallager-Häftling Benno von Heynitz aus Weilburg (BRD) als Mitglied des SPD-Arbeitskreises ehemaliger politischer Häftlinge der SBZ/DDR(7) an die Ev.-luth. Kirche sowie an die SPD-Vertreter des Runden Tisches Bautzen und regte an, die Gräber der Speziallagertoten in Bautzen festzustellen und die auf dem &#132;Karnickelberg&#148; vermuteten größten Massengräber der deutschen Nachkriegsgeschichte zu sichern. Gleichzeitig kündigte er an, dass die in der BRD organisierten ehemaligen politischen Häftlinge der Zeit 1945&#151;1950 planten, hierfür noch im Frühjahr 1990 unter Beisein der Medien nach Bautzen zu reisen.(8) Daraufhin beschloss der Runde Tisch Bautzen schon am 9. Februar 1990 die Gründung einer &#132;Gesellschaft zur Untersuchung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Gelben Elend und Bautzen II&#8220;.(9) Auch wurde Heynitz&#8216; Vorschlag angenommen, die Gründung mit einer feierlichen Begehung des &#132;Karnickelberges&#148; sowie mit einem Besuch der Strafvollzugseinrichtung 1 &#132;abzurunden&#148;. (10)</p>
<p>Am 31. März 1990 trafen sich tatsächlich rund 150 ehemalige Häftlinge (überwiegend angereist aus der BRD), um der Haftkameraden aus dem Speziallager Bautzen zu gedenken. In Anlehnung an das internationale &#132;Auschwitz-Komitee&#148; und das internationale &#132;Dachau-Komitee&#148; wurde die geplante &#132;Gesellschaft zur Untersuchung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit&#148; noch am gleichen Tag als ,Bautzen-Komitee&#148; durch das Berufen einer Gründungskommission ins Leben gerufen.(11) In bewusster Analogie zu den Konzentrations- und Vernichtungslagern des Nationalsozialismus, sollte auch das ehemalige (Spezial-)&#132;Lager Bautzen&#8220; auf diese Weise eine eigene Interessenvertretung ehemaliger Lageropfer erhalten.(12) Insgesamt sollte Bautzen, neben Sachsenhausen und Buchenwald, fortan zu den öffentlich und fachlich anerkannten historischen Orten gehören, an denen Menschheitsverbrechen stattgefunden hatten.(13) Die politische Haft in der stalinistischen Zeit (1945&#151;1956) im &#132;Gelbe Elend&#148; wurde hierzu überwiegend mit den beiden NS-Konzentrationslagern Sachsenhausen und Buchenwald verglichen, die ihrerseits über eine eigene Speziallagergeschichte verfügten. Es wurde öffentlich die kühne These vertreten, dass die Verbrechen nach 1945 in Bautzen sogar die Gewalttaten überwogen hätten, die es zur gleichen Zeit in Buchenwald und Sachsenhausen gegeben hätte. Hierbei bedienten sich die ehemaligen Speziallager-Häftlinge einer Symbolsprache, die vornehmlich aus der NS-Aufarbeitung stammte. Sie benutzten Chiffren, die bis dahin nur mit dem Holocaust in Verbindung gebracht wurden. So wurde konstatiert, dass die ehemaligen Häftlinge des &#132;Gelben Elends&#148; ebenfalls in einem Güterwaggon deportiert worden seien und das Speziallager wurde als »KZ« bezeichnet.(14)</p>
<p>In ähnliche Richtung weisend prangerten ehemalige Bautzen-Opfer zugleich an, dass es sich beim Speziallager Bautzen, vergleichbar mit den NS-Konzentrationslagern, um eine geplante und zielgerichtete Massenvernichtung gehandelt habe, die Ähnlichkeiten zur industriellen Vernichtung von Millionen in den NS-KZ gehabt habe: &#132;In den genannten Lagern wurden massenhaft Menschen in einer Form beseitigt, wie sie radikaler kaum möglich ist. Zehntausende verschwanden ohne ein Lebenszeichen unter unmenschlichen Haftbedingungen, Zehntausende wurden namenlos irgendwo verscharrt, Zehntausende sind heute noch spurlos verschwunden. Die zielgerichtete Vernichtung durch unmenschliche Arbeits- oder Haftbedingungen ist als Methode zielgerichteter Massenvernichtung aus der Zeit der NS-Konzentrationslager bekannt [&#8230;].&#8220;(15)</p>
<p>Die Zuschreibung, der &#132;Karnickelberg&#148; sei deshalb immerhin eines der größten Massengräber der Nachkriegszeit, wurde im Zuge dieser ersten Initiativen nicht näher hinterfragt sondern öffentlich festgeschrieben,(16) gleiches galt für die bis dato vermutete Anzahl der Speziallageropfer, die von Betroffenenseite zu diesem Zeitpunkt auf 12.000&#151;16.000 geschätzt wurde.&#8220;(17) Dabei bezogen sich die ehemaligen Häftlinge u. a. auf einen Bericht der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SOPADE-Bericht) von 1955, in dem erstmals gebündelt und breit gestreut Informationen über das Speziallager Bautzen in die Öffentlichkeit gelangten, und in dem von mindestens 16.700 Toten zwischen 1945 und 1949 in Bautzen&#8216; die Rede ist.(18) Mit Verweis auf diesen von den sowjetischen Besatzern verübte Massenmord, rechtfertigten die ehemaligen Opfer fortan das Errichten eines würdigen Gedenkortes und forderten eine Aufklärung dieser &#132;kommunistischen Gewaltherrschaft&#8220;.(19) Deutsche Kommunisten und mit diesen die sowjetische Besatzungsmacht hätten so das nationalsozialistische Gestapo-Regime auf ihre Weise fortgesetzt, kommentierte die Presse. (20)</p>
<p>Neben diesen Analogieschlüssen wurde also begrifflich wie auch symbolpolitisch zwischen Stalinismus, Kommunismus und Staatssozialismus nicht stärker differenziert. Alle Bautzener Verbrechen zwischen 1945 und 1989 wurden nun als &#132;kommunistische Verbrechen&#148; zusammengefasst; die unter Stalin genauso wie die in der späten DDR unter Honecker. So lautete ein Kommentar des Sprechers des SPD-Arbeitskreises: &#132;Noch heute ist Bautzen gleichsam Synonym für die an Deutschen begangenen Verbrechen der Kommunisten.&#8220;(21) Damit wurde die stalinistische Ära im Grunde genommen auf die Zeit bis 1989 ausgedehnt bzw. zwischen verschiedenen Verfolgungsperioden in Bautzen nicht weiter unterschieden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß es daher: &#132;Denn bis zum Sturz jenes stalinistischen SED-Regimes, das in der Zeit jener Verbrechen begründet wurde, wäre jeder, der an die vielen zigtausend Opfer der Gewaltherrschaft zu erinnern gewagt hätte, schnell selbst deren Opfer geworden.&#8220;(22) Diese &#132;Eckpfeiler&#148; strukturierten fortan den Aufarbeitungsverlauf und die geschichtspolitischen Debatten um die Gedenkstätte Bautzen. Rechtskonservative Auslegungen der Totalitarismustheorie erfuhren auch in Bautzen eine Renaissance und im Zuge des Opfergedenkens und der frühen Aufarbeitung wurden antikommunistische Traditionen wiederbelebt.</p>
<p>Es wurden auf dem Karnickelberg und in seiner Umgebung, unterstützt von der Bundeswehr, Grabungen und radargestützte Untersuchungen durchgeführt, um die Massengräber aufzuspüren, für deren Existenz die ehemaligen Häftlinge noch den Beweis schuldig geblieben waren. Bei einer ersten Grabung 1990 wurden jedoch nur die Überreste von sieben Leichen gefunden.(23) Bei einer zweiten Grabung zwischen September und Oktober 1992 wurden weitere 176 Skelette aufgespürt. Die Menschen waren nicht durch äußere Gewalteinwirkung gestorben, sondern durch Mangelernährung und daraus resultierende Krankheiten.(24) Dieser Befund widersprach den Bekundungen der ehemaligen Speziallageropfer, führte jedoch nicht zur Korrektur der Annahme, beim Karnickelberg gäbe es verdeckte Massengräber. Die ehemaligen Häftlinge hielten an ihren hohen Zahlen fest, verbanden sich doch damit auch Forderungen nach Wiedergutmachung, Rehabilitation und Entschädigungen. Dabei waren die Schätzungen auch durch eine Auswertung von Quellen schon bis Mitte der 90er Jahre wissenschaftlich überholt.(25)</p>
<p>Und als die Gedenkstätte Bautzen im Zuge einer gesteigerten Forschung für Ausstellungen und für das Erstellen eines Totenbuches anfing, die in der Forschung bis 2002 grassierenden unterschiedlichen Totenzahlen(26) und Häftlingsstrukturen durch eigene Recherchen erheblich nach unten zu korrigieren, und dabei auch offenlegte, dass die Gruppe der Häftlinge wohl heterogener war, als gemeinhin angenommen,(27) brach ein vehementer Streit zwischen der inzwischen von Wissenschaftlern geführten Gedenkstätte und dem Bautzen-Komitee aus. Die Gedenkstätte bezweifelte die überhöhten Zahlen der Listen des Deutschen Roten Kreuzes und des SOPADE-Berichtes und gab zu bedenken, &#132;[&#8230;] dass es sich bei den Namenslisten um nicht bereinigte Datensätze handelt [](28) Als das Totenbuch schließlich 2004 erschien, listete es in einer ersten Auflage für den Zeitraum 1945&#151;1956, abweichend von bisherigen Veröffentlichungen, knapp über 3.000 Tote auf, von denen 73 Menschen in den Jahren 1945&#151;1946 hingerichtet worden waren.(29) Zudem grenzte es ein, dass 80 Prozent dieser Menschen nachweislich bis zur zweiten Jahreshälfte 1948 vornehmlich an Dystrophie, Tbc und Krankheiten durch Unterversorgung gestorben waren.(30) Zwar machte die Gedenkstätte deutlich, dass die extrem desolaten Haftumstände Haupttodesursache waren und dass diese recherchierte Totenzahl &#132;nach oben hin noch offen&#148; sei (u. a. weil es eine nicht zu bestimmende Zahl an Selbstmorden gegeben habe), insgesamt stieß die Veröffentlichung des Totenbuches jedoch bei den ehemaligen Häftlingen auf herbe Kritik.(31) Sie hielten an ihrer Auffassung fest, bei Bautzen habe es sich um ein Massenvernichtungslager mit Massentötungen gehandelt, dem über 16.700 zum Opfer gefallen seien. Und allein weil die Quellen des Totenbuches, nämlich die Überlieferungen der Lagerverwaltung (v. a. das &#132;Journal der täglichen Registrierung&#148; und die Berichte der Lagerleitung an die Sowjetische Militäradministration) aus der &#132;Feder der Täter&#148; stammten, könne man diesen nicht vertrauen und seien die Zahlen geschönt, wiesen die Opfervertreter die Argumente der Gedenkstätte zurück.(32) Zudem zögerten sie nicht, der Gedenkstätte und anderen prononcierten Historikern auf diesem Gebiet auftragsgemäße &#132;Geschichtsfälschung&#148; zu unterstellen.(33) Auch wurde dem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Gedenkstätte nahe-gelegt: &#132;Historikern, die bisher die Freizügigkeit der russischen Archive priesen, und seit fünf Jahrzehnten belogen werden, ist ernsthaft anzuraten sich um ehrliche Gesprächspartner und ebensolche Informationen zu bemühen.&#8220;(34)</p>
<p>&#132;Ich sehe derzeit keine andere Möglichkeit, an die Namen der Verstorbenen zu gelangen. Eine Aufzählung mit den Namen von bis zu 10.000 Toten in Bautzen ist mir nicht bekannt, andernfalls hätte ich sie berücksichtigt&#148;, wies die Gedenkstätte den Vorwurf zurück, sie hielte sich an die falschen Quellen.(35) Und mit den Argumenten, es ginge beim Totenbuch statt um einen &#132;body count&#148; vielmehr um ein würdevolles Totengedenken, nahm sie den Opfervertretern den Wind aus den Segeln.(36) Doch auch eine überarbeitete zweite Auflage, mit geringfügig erhöhten Zahlen, führte auf Seiten der Opfervertreter zu starker Kritik. &#132;Leider haben die dem Totenbuch zu entnehmenden, auf angeblich wissenschaftliche Bearbeitung beruhenden Opferzahlen mit der Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun&#148;, lautete der Kommentar der Totenbuch-Kritiker in der Zeitschrift Der Stacheldraht.(37)</p>
<p>Neben den hier beispielhaft angeführten Opfervertretern, die sich schwer mit der wissenschaftlichen Gedenkstättenarbeit und neueren Forschungsergebnissen taten, gab es aber auch einen Vertreter unter den ehemaligen Häftlingen, der zum anderen Extrem neigte. Nicht minder pauschalisierend beschrieb er die ehemaligen Häftlinge Bautzens: &#132;Diese Menschen waren Täter und reklamieren nun für sich die Opferrolle, um ihre<br />Schuld zu relativieren. Viele fälschen ihre Biographie, um sich Entschädigungen zu erschwindeln und schreien dreist auch noch nach Ehrenrenten&#8220;.(38) Im Unterschied zu seinen Haftkameraden, bezog er sich ausdrücklich auf neuere Forschungsergebnisse, um zu belegen, &#132;[&#8230;] dass der Anteil politisch motivierten Widerstandes nur noch eine Minderheit ist&#148; und &#132;[&#8230;] dass die unermesslichen Verbrechen der Deutschen an den Russen Schlimmeres erwarten ließ und auch rechtfertigen würde als das, was sie den Deutschen angetan haben&#148;(39) Angesichts der belegten Todeszahlen von unter fünf Sterbefälle pro Tag für den Zeitraum 1945&#151;1950 kam er zu dem Schluss: &#132;In Anbetracht des Lebensalters der Verstorbenen [&#8230;] und der Lebenssituation in diesen Nachkriegsjahren, entspricht das fast der durchschnittlichen Sterberate eines Gemeinwesens mit solcher Altersstruktur.&#8220;(40) Es sei &#132;[&#8230;] zynisch 44 Tausend nicht willentlich getötete Menschen anklagend aufzurechnen, ohne die 55 Millionen Tote, die auf das Konto des deutschen Volkes zu buchen sind, gegenüberzustellen, wobei allein 3,3 Millionen russische Kriegsgefangene innerhalb von 3 Jahren in deutscher Obhut verhungert sind&#148;, lautete seine Gegenrechnung, mit der er wiederum Gefahr lief, das &#132;Gelbe Elend&#148; zu relativieren.(41)</p>
<p>Weitere Konflikte entfachten sich an einem Gefangenensammeltransportwaggon der Deutschen Reichbahn, den das Bautzen-Komitee zum Aufstellen im Innenhof der JVA Bautzen 111995 organisiert hatte. Auch hier positionierten sich Historiker gegen den Willen der Opfervertreter. So lehnten der Stiftungsrat und der Geschäftsführer der Stiftung sächsische Gedenkstätten den Ankauf und das Aufstellen eines Gefangenensammeltransportwaggons ab, den das Bautzen-Komitee anlässlich des Besuches des Ministerpräsidenten Roman Herzog und dann auf Dauer im Innenhof der Gedenkstätte Bautzen geplant hatte. An diesem Ort habe es weder eine Gleisanbindung noch Waggontransporte gegeben, lautete die Begründung.(42) Der Vertreter des Zentralrates der Juden kommentierte als Mitglied des Stiftungsrats den Beschluss, das Aufstellen des Waggons &#132;[&#8230;] sei eine Inszenierung von Geschichte, missverständlich und irritierend. Grundsätzlich sollten bei der Anschaffung von Sachzeugen die inhaltlichen Schwer-punkte einer Gedenkstätte beachtet werden, es könnten sonst verfälschte Geschichtsbilder entstehen&#8220;.(43) D. h., nicht nur aufgrund der fehlenden lokalen Bezüge verhinderte die Stiftung ein Aufstellen des Waggons, sondern auch, um eine Vermischung der Erinnerungszeichen zu vermeiden. Der &#132;Güterwaggon&#148; sollte als signifikantes Symbol für den Holocaust durch die vom Bautzen-Komitee geplante Dekontexutalisierung nicht aufgeweicht bzw. relativiert, einer symbolpolitischen Nivellierung der Verbrechen stattdessen vorgebeugt werden. Die Stiftung wolle das &#132;DDR-Folterfahrzeug&#148; als &#132;Beweismittel vernichten&#148;, konterte ein Bautzen-Komitee-Mitglied der Stiftung.(44) Als der Bundespräsident Herzog am 21. März 1995 schließlich die Bautzener Gefängnisse besuchte, war im Hofbereich von &#132;Bautzen II&#148; schon das Schotterbett mit Gleis angelegt.(45)</p>
<p>Diese Auseinandersetzungen ereigneten sich vorwiegend hinter den Kulissen und gewannen nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Sie begleiteten die zunehmende Konsolidierung und Professionalisierung der Aufarbeitung, ohne diesen Prozess zu beeinflussen oder gar zu lenken. Ganz anders hingegen, nämlich mit einer breiten öffentlichen Resonanz sowie mit konkreten Folgen für die Erinnerungslandschaft, verlief der Institutionalisierungsprozess der Gedenkstätte Bautzen. Auch hier zeigte sich eine Antinomie im Umgang mit den historischen Orten, sie manifestierte sich in der inkohärenten öffentlichen Förderung der Aufarbeitungsinitiativen und einer Diskrepanz zwischen delegitimatorischem politischen Willen und phlegmatischem realpolitischen Handeln. Obwohl die Gedenkstätte Bautzen zu den wenigen Orten gehörte, die im ersten Anlauf in die Gedenkstättenkonzeption des Bundes von 1999 aufgenommen wurden, gab es auch dort erinnerungs- und geschichtspolitisch widersprüchliche Entwicklungen.</p>
<p>Bereits am 12. September 1990 wandte sich das Bautzen-Komitee an das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen und beantragte einen Zuschuss für das Setzen eines Denkmals.(46) Es lehnte jedoch eine Zuwendung und die Zuständigkeit hierfür entschieden ab, der Landkreis Bautzen sprang kurzfristig ein (47) Die Idee, im ehemaligen Hundezwinger auf dem Karnickelberg ein Dokumentationszentrum einzurichten,(48) fand wiederum bei der Lokalpolitik keine Unterstützung, vielmehr beantragte die CDU-Fraktion, in der JVA &#132;Bautzen II&#148; könne ein Museum mit Begegnungsstätte zur Dokumentation der Haft bis 1989 mit Archiv und Seminarmöglichkeiten eingerichtet werden. Zugleich sollte die Gedenkstätte Rehabilitationsmöglichkeiten für ehemalige Häftlinge schaffen(49) Das Sächsische Staatsministerium der Justiz als Verwalterin und Trägerin der JVA lehnte diesen Vorschlag aber ab. Lediglich einer kleinen Ausstellung in einem Seitentrakt der Gefängnisses zulasten der dort geplanten &#132;Regelhaft&#148; akzeptierte es. Baulich und organisatorisch jedoch getrennt von einem Museum, müsse diese Außenstelle künftig als Untersuchungshaftanstalt weiterverwendet werden, lautete daher die vorläufige Antwort des Justizministeriums.(50)</p>
<p>Am 21. Februar 1992 besuchte Bundeskanzler Helmut Kohl die Gedenkanlage auf dem Karnickelberg und versprach, sich für den Bau einer Gedenkkapelle und für die Errichtung einer nationalen Gedenkstätte zu engagieren.(51)Diesen Ball aufnehmend, wandte sich das Bautzen-Komitee Ende April 1992 direkt an den Ministerpräsidenten Biedenkopf und regte die Errichtung einer Landesstiftung an, die die Trägerschaft für die Gedenkstätten für die Opfer politischer Gewaltherrschaft zu übernehmen habe, so auch eine Gedenkstätte in Bautzen.(52)Im August legte es ein Konzept für ein Menschrechtsmuseum vor.(53)Im Oktober 1992 kamen stattdessen Informationen an die Öffentlichkeit, das Liegenschaftsamt plane in der JVA Bautzen II ein Großraumbüro einzurichten. Das Bautzen-Komitee protestierte umgehend und bat den Staatsminister für Wissenschaft und Kultur Meyer und den Ministerpräsidenten Biedenkopf, dieses Vorhaben sofort zu verhindern. Der beabsichtigte Umbau käme einer Verhöhnung der Stasi-Opfer gleich. Eine offizielle Beseitigung von Stasi-Stätten des Grauens und jahrzehntelanger Verletzung der Menschenrechte darf es nicht geben, appellierte es an beide.(54)Sie wurden aufgefordert, sich aufgrund der Großraumbüro-Planung jetzt erst recht für die Errichtung eines Menschenrechtsmuseum einzusetzen.(55)Alarmiert durch die Pressekampagne des Bautzen-Komitees machten sich nun auch die anderen Landtagsfraktionen (SPD und Bündnisgrüne) für die Errichtung einer Gedenkstätte in Bautzen stark.(56)</p>
<p>Im Dezember rückte das Sächsische Staatsministerium deeskalierend von den eigenen Plänen ab und reduzierte den Raumbedarf auf eine museumsfreundliche Parallelnutzung als Gerichtsarchiv.(57)Und auch das Staatsministerium für Finanzen ruderte zurück und kündigte an, das Kulturstaatsministerium werde ein Kuratorium zur Errichtung einer Gedenkstätte einrichten.(58)Dieses Gremium wurde nie einberufen, auch wurde keine Kommission eingesetzt zur Erarbeitung von Empfehlungen einer Sächsischen Gedenkstättenstiftung. Vielmehr drückten die Fraktionen FDP und CDU die Gründung einer Landesstiftung per Dekret durch, mit der Begründung: &#132;[&#8230;] So ist Buchenwald ein Symbol der Verbrechen des Nationalsozialismus &#151; Bautzen II eine Gedenkstätte für kommunistische Verbrechen in Sachsen.&#148; D. h., nur weil &#132;Bautzen II&#148; geschichtspolitisch Buchenwald gleichgesetzt und plötzlich als Symbol einer verfehlten linken Politik betrachtet wurde, wurde ihm staatspolitische Förderung zuteil.(59)</p>
<p>Durch eine Aufnahme in die Gesamtkonzeption zur Beteiligung des Bundes an den Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland, an welcher das Bundesinnenministerium zum gleichen Zeitpunkt feilte, sollte die zukünftige Gedenkstätte in der ehemaligen Haftanstalt &#132;Bautzen II&#148; alsbald als möglich finanziell abgesichert werden.(60)Doch erst auf Veranlassung der Landtagsfraktionen von SPD- und Bündnisgrünen, die vom Bautzen-Komitee und der Presseberichterstattung unter Handlungsdruck gesetzt wurden, und aufgrund der beschämenden Tatsache, dass bei der Räumung der JVA erhebliche Sachschäden und substanzielle Verluste entstanden waren, für die das Justizministerium die Verantwortung weitgehend ablehnte, gelang es schließlich, die ehemalige JVA Bautzen II in die alleinige Zuständigkeit des Kulturstaatsministerium zu bringen und für eine Gedenkstätte zu &#132;reservieren&#8220;.(61)Mit der Überführung der Gedenkstätte in die Trägerschaft der 1994 per Regierungsdekret gegründeten Stiftung Sächsische Gedenkstätten im August desselben Jahres, endete der Schlingerkurs. Das Projekt schien perspektivisch gesichert.(62)Für 1995 wurden ABM- Stellen für Aufräumarbeiten geschaffen auch wurden Mittel für Sanierungsarbeiten bereitgestellt.(63)Ab September 1996 wurden drei Wissenschaftlerinnen mit der Erarbeitung eines tragfähigen Konzeptes beauftragt.(64)</p>
<p>Doch eine Aufnahme in die institutionelle Bundesförderung, die dem Bundesgesetzesentwurf über die Förderung von Gedenkstätten von gesamtstaatlicher Bedeutung gemäß auch für Bautzen möglich werden konnte, wurde derweil so lange durch die Sächsischen Staatsministerien für Justiz, Finanzen und für Inneres blockiert, dass das gesamte Projekt noch bis in den April 1998 zu scheitern drohte.(65) Nur weil das Kulturstaatsministerium den Blockadeministerien am Ende offen damit drohte, sie riskierten einen manifesten gedenkstättenpolitischen Eklat, lenkten sie ein (66) Da sich die Sächsische Landesregierung in letzter Sekunde dann doch für eine Unterstützung einer Gedenkstätte Bautzen aussprach, fand die institutionellen Bundesförderung doch noch Eingang in den Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages doch noch Eingang. Dort hieß es folgerichtig: &#132;Von besonderer Bedeutung ist auch insgesamt das Engagement von ehemaligen Inhaftierten. Ohne dieses Engagement wären die meisten Orte der Inhaftierung in der DDR nicht in das öffentliche Bewusstsein gelangt und als Gedenkstätten eingerichtet worden. Dies gilt insbesondere für die Haftanstalten in Bautzen, die erst durch das Engagement des Bautzen-Komitees in eine Gedenkstättenkonzeption des Freistaates Sachsen aufgenommen wurden. [&#8230;]. Die Gedenkstätte Bautzen, in der ehemaligen Haftanstalt Bautzen II, soll künftig die Geschichte der beiden Bautzener Haftanstalten dokumentieren. Der Bund beteiligt sich seit 1995 mit Projektmitteln an dieser Gedenkstätte, ab 1999 ist eine institutionelle Förderung durch den Bund, gemeinsam mit dem Freistaat Sachsen (Stiftung Sächsische Gedenkstätten) beabsichtigt&#8220;.(67)</p>
<p>Für die Errichtung einer Gedenkkapelle auf dem Karnickelberg stieß das Bautzen-Komitee unvermindert auf bürokratische Hindernisse und es brauchte in den Folgejahren immer wieder pressewirksame Interventionen, bis das Gelände zumindest bereitgestellt und eine Gedenkanlage eingerichtet wurde. So appellierte der Bautzener Bürgermeister an Biedenkopf: &#132;[&#8230;] Die Stadt Bautzen und der Freistaat stehen in der Kritik des Bautzen-Komitees und der Öffentlichkeit. Es wird Ihnen Verzögerung und Untätigkeit vorgeworfen. Dies steht uns nicht gut zu Gesicht [&#8230;] und bitte Sie um baldige konkrete Unterstützung&#148; (68) Und am Rande einer Kranzniederlegung an der Gedenk-Stele auf dem Karnickelberg anlässlich des Besuchs des Bundespräsidenten Roman Herzog im März 1995 nutzte das Bautzen-Komitee abermals die Gelegenheit, ihn an die von Bundeskanzler Helmut Kohl Jahre zuvor versprochene Gedenkkapelle zu erinnern, die es noch zu errichten galt.(69) Zwar hatte Ministerpräsident Biedenkopf bei gleicher Gelegenheit endlich den Bau einer Gedenkkapelle an Ort und Stelle bestätigt, tatsächlich passierte in den folgenden vier Jahren nichts. Es erforderte am Ende ein mühsam arrangiertes Treffen zwischen dem Bautzen-Komitee, dem Landtagsabgeordneten Schiemann und dem Ministerpräsidenten Biedenkopf im Mai 1999, damit das Regierungsoberhaupt definitiv bereit war, das eigene Ehrenwort einzulösen, nämlich die Gedächtniskapelle vom Freistaat Sachsen errichten zu lassen und eine volle Kostenübernahme durch das Land zu garantieren.(70) Am 13. September 2000, zum zehnjährigen Bestehen des Bautzen-Komitees, fand die festliche Einweihung der Gedenkanlage mit Kapelle unter Beisein von Ministerpräsident Biedenkopf und Staatsminister Meyer statt.&#8220;(71)</p>
<p>Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit war und ist unvermindert geprägt von einem widersprüchlichen Umgang. Das Wollen der ehemaligen Diktaturopfer war einerseits eine treibende Kraft für die Aufklärung von Verbrechen und für die Sicherung historischer Tatorte, andererseits beförderte ihre dominierende Sicht bis zu einer wissenschaftlichen Professionalisierung eher undifferenzierte Darstellungen. Platte Vergleiche unterschiedlicher Verbiechenskomplexe, Vereinnahmungen von etablierten Erinnerungssymbolen bzw. Begrifflichkeiten und eine Diskrepanz zwischen individueller Erinnerung und öffentlichem Gedenkstättenauftrag liefen ihrem eigenen Streben, dass ihre Geschichte gebührend aufgearbeitet werde, zuwider. Zwar gelang es ihnen, durch eine Allianz mit der Presse immer wieder für ihre Sache öffentlich Gehör zu finden, sobald aber insbesondere die wissenschaftliche Aufarbeitung unliebsame Ergebnis-se zutage förderte, kehrte sich der Aufklärungsanspruch in sein Gegenteil.</p>
<p>An dem Einzelfallbeispiel Gedenkstätte Bautzen zeigt sich daher sehr deutlich ein Prinzip, das im Umgang mit anderen historischen Verfolgungsorten der SBZ/DDR seine Wiederholung findet (z. B. in der neuen Ausstellung der Bildungs- und Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam): Die hohe geschichtspolitische Aufladung der Erinnerungskultur scheint die zentrale Konsequenz einer Parallelität von individuellen Gedächtnissen, ihrer politischen Verortung und der wissenschaftlicher Forschung zu sein. Ohne den daraus resultierenden öffentlichen Streit um Geschichtsbilder, Deutungen und Symbole jedoch, gäbe es so manchen Erinnerungsort erst gar nicht. Die aufgezeigten Antinomien sind die ungeliebten Bedingungen eines wünschenswerten Dispositivs.</p>
<p>Aber auch der politische Umgang mit dem Diktaturvermächtnis war in den ersten 20 Jahren nicht frei von widersprüchlichen Entwicklungen. Obwohl die Gedenkstätte Bautzen zu den wenigen Gedenkstätten gehört, die früh in die Gunst einer institutionellen Förderung kam, war der Weg dorthin gepflastert mit Lippenbekenntnissen, konträrem Regierungshandeln und politischen Widerstände zu überwinden, bestand der Erinnerungskonsens maximal aus geduldigem Papier. Es fiel den politischen Akteuren insbesondere von der CDU/CSU in den Jahren nach 89 verhältnismäßig leicht, die Diktatur in der politischen Debatte und in der Sonntagsrede zu delegitimieren. Dafür jedoch tatsächlich Haushaltsmittel zu investieren und eigene Pläne aufzugeben fiel schwer. Erst als 1998/1999 durch die zweite Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages sich eine &#132;demokratische Erinnerungskultur&#148; etablierte, die auf der Gedenkstättenkonzeption des Bundes und &#150; vor allem &#150; auf einem extra Haushaltstitel basierte, begann ein Wandel in der Gedenkstättenkultur.</p>
<p>Es hat sich gezeigt, dass insbesondere in den vergangenen 10 Jahren das Interesse an der SBZ/DDR-Aufarbeitung öffentlich und politisch immens gestiegen ist. Das kommunikative Gedächtnis dominiert bisweilen den Diskurs, unterstützt von einzelnen Wissenschaftlern, die (wie z. B. in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen) Bündnisse mit den Wortführern aus Opferverbänden, Kreisen ehemaliger Bürgerrechtler und politischen Vertretungen bevorzugen, statt sich ihrer öffentlichen Kritik auszusetzen. Es gibt nur wenige Historiker, die sich gegen den Mainstream stellen und somit ein not-wendiges Korrektiv bilden, die durch neuere Forschungen einseitige Lesarten und Nivellierungen von unterschiedlichen Diktaturerfahrungen und Verbrechenskomplexen abmildern, Mythen aufdecken und eine historisch-wissenschaftliche Professionalisierung befördern. Es kann daher nur gehofft werden, dass diese Wenigen mutig genug bleiben, ihren Pfad nicht zu verlassen und sich generell nicht geschichts- und erinnerungspolitisch vereinnahmen lassen.</p>
<p>(1) Eine ausführliche Analyse findet sich in Rudnick, Carola S.: Die andere Hälfte der Erinnerung. Die DDR in der deutschen Geschichtspolitik nach 1989, Bielefeld 2011.</p>
<p>(2) Haritonow weist darauf hin, dass das Speziallager nicht einmal kostenlos übergeben wurde, sondern die DDR für das Inventar rund 500.000 Mark bezahlte, vgl. Haritonow, Alexandr: Zur Geschichte des Speziallagers Nr. 4 (3) in Bautzen, in: Plato, Alexander von/Niethammer, Lutz (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945-1950, Berlin 1998, S. 347.</p>
<p>(3) Lipinsky, Jan: Akten aus deutschen und sowjetrussischen Archiven &#151; neue Erkenntnisse über die sowjetischen Speziallager in Deutschland: Beispiel Bautzen, in: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Die Akten der kommunistischen Gewaltherrschaft &#151; Schlussstrich oder Aufarbeitung?. Dokumentation 5. Bautzen-Forum, Leipzig 1994, S. 84; Haritonow, Alexandr: Zur Geschichte des Speziallagers Nr. 4 (3) in Bautzen, in: Plato, Alexander von/Niethammer, Lutz (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945-1950, Berlin 1998, S. 333.</p>
<p>(4) Stiftung Sächsische Gedenkstätten (Hrsg.): Geschichte des Speziallagers Bautzen. 1945-1956. Katalog zur Ausstellung, Dresden 2004, S. 10-11, 60.</p>
<p>(5) Morre, Jörg: Das Speziallager Bautzen als Instrument sowjetischer Herrschaftssicherung, in: Behring, Rainer/Schmeitzner, Mike (Hrsg.): Diktaturdurchsetzung in Sachsen. Studien zur Genese der kommunistischen Herrschaft 1945-1952, Köln 2003, S. 92.</p>
<p>(6) Ausführlich vgl. Rudnick, Carola S.: Die andere Hälfte der Erinnerung. Die DDR in der deutschen Geschichtspolitik nach 1989, Bielefeld 2011, S. 150 ffif.</p>
<p>(7) Der SPD-Arbeitskreis ehemaliger politischer Häftlinge der SBZ/DDR beim Parteivorstand der SPD wurde 1976 gegründet. Er berät den Gesetzgeber und setzt sich für die Errichtung und Unterhaltung von Gedenkorten zur Erinnerung der politischen Opfer in ehemaligen Haftanstalten ein.</p>
<p>(8) Schreiben Benno von Heynitz an die Ev.-luth. Landeskirche Dresden, an die Ev. -luth. Kirche Leipzig und Bautzen vom 0I.01.1990, Privatbesitz Benno v. Heynitz [PrBvH].</p>
<p>(9) Mickisch, Jürgen: Briefe aus dem Strafvollzug, in: SÄCHSISCHE ZEITUNG vom 13.02.1990, Archiv Gedenkstätte Bautzen [ArGBZ]; Schreiben von Uwe Hörenz an Benno von Heynitz vom 11.02.1990, PrBvH.</p>
<p>(10) Ebd.</p>
<p>(11) Schreiben Benno von Heynitz an Uwe Hörenz vom 20.02.1990, PrBvH. Die Eintragung ins Vereinsregister erfolgte im Juni 1990, Registrierungsurkunde des Bautzen-Komitee e.V. vom 20.06.1990, PrBvH.</p>
<p>(12) Schreiben Benno von Heynitz an Uwe Hörenz vom 20.02.1990, PrBvH.</p>
<p>(13) Langen, Claus-Einar: &#132;Auch nach dem Abzug der Sowjets erwarteten viele in Bautzen vergebens die Freiheit. Sozialdemokraten gedenken der Opfer des stalinistischen Terrors&#148;, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.04.1990, ArGBZ.</p>
<p>(14) Ebd.</p>
<p>(15) Bautzen-Komitee: Bautzen-Komitee widerspricht sowjetischem Experten vom 26.07.1990, PrBvH; Uwe H./Heynitz, Benno von: &#132;Widerspruch!&#148;, in: Sächsische Neueste Nachrichten vom 31.07.1990, PrBvH.</p>
<p>(16) Kuba, Claudia: &#132;Überlebende sprechen nach 40 Jahren &#150; unvorstellbare Menschenverachtung in Bautzener Gefängnis&#148;, ADN-Meldung vom 31.03.1990, ArGBZ; o.V.: &#132;Massengrab jetzt auch in Bautzen?&#148;, in: Frankfurter Neue Presse vom 02.04.1990, PrBvH; o.V.: &#132;Größtes Massengrab der Nachkriegszeit in Bautzen?&#148;, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.04.1990, PrBvH; o. V.: &#132;Liegt größtes Massengrab in Bautzen?&#148;, in: Die Welt vom 02.04.1990, PrBvH; o.V.: &#132;Größtes Massengrab in Bautzen vermutet&#148;, in: Süddeutsche Zeitung vom 02.04.1990, PrBvH; o.V.: &#132;Weitere Massengräber in Sachsen vermutet&#148;, in: Die Tageszeitung vom 03.04.1990, PrBvH; o.V.: &#132;Hört uns, helft uns! Wir verrecken wie Vieh&#148;, in: Bild vom 02.04.1990, PrBvH.</p>
<p>(17) Schreiben Benno von Heynitz an Uwe Hörenz vom 15.03.1990, PrBvH.</p>
<p>(18) Vorstand der SPD (Hrsg.): SOPADE Denkschriften 2/55: Die Straflager und Zuchthäuser der Sowjetzone. Gesundheitszustand und Lebensbedingungen der politischen Gefangenen, Bonn 1955, S. 5.</p>
<p>(19) Bautzen-Komitee: Protokoll der Vorstandssitzung am 27.10.1990 vom 02.11.1990, PrBvH.</p>
<p>(20) Langen, Claus-Einar: »Auch nach dem Abzug«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.04.<br />1990, ArGBZ.</p>
<p>(21) Dieter R. z. n. o. V.: &#132;Gedenkfeier in Bautzen&#148;, in: Die Brücke vom 15.04.1990, PrBvH.</p>
<p>(22) Zimmermann, Monika: &#132;Die Toten in den Massengräbern wecken verdrängte Erinnerung&#148;, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.04.1990, Archiv des Bautzen-Komitee e. V. [ArBK].</p>
<p>(23) o. V.: &#132;Knochenfunde bestätigen den Verdacht auf Massengräber&#148;, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2I.04.1990, PrBvH; o.V.: &#132;Doch Funde am Karnickelberg&#148;, in: Sächsische Zeitung vom 08.06.1990; ArGBZ; Winkler, W.: &#132;Massengrab in Bautzen&#148;, in: Dresdner Morgenpost vom 12.06.1990, PrBvH; o.V.: &#132;Zum Skelettfund&#148;, in: Dresdner Neueste Nachrichten vom 12.06.1990, PrBvH; o.V.: &#132;Skelettfunde in Bautzen&#148;, in: Taz vom 20.06.1990.</p>
<p>(24) Volksbund Deutsche Kriegsgräberfiirsorge: Vermerk vom 05.10.1992, ArGBZ; Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Grabungsbericht vom 04.12.1992, ArGBZ.</p>
<p>(25) Jan Lipinsky bezifferte bereits 1994 anhand der vorgefundenen Akten aus russischen Archiven 2.714 Tote für den Zeitraum 1945-1950. Die höchste Todesrate mit 65 Verstorbenen in 14 Tagen gab es seinen Untersuchungen zu Folge im ApriI 1947, vgl. Lipinsky, Jan: Akten aus deutschen und sowjetrussischen Archiven &#150; neue Erkenntnisse über die sowjetischen Speziallager in Deutschland: Beispiel Bautzen, in: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Die Akten der kommunistischen Gewaltherrschaft &#150; Schlussstrich oder Aufarbeitung? Dokumentation 5. Bautzen-Forum, Leipzig 1994, S. 84, 86.</p>
<p>(26) Die Gedenkstätte Bautzen stellte eine umfassende Übersicht der bisherigen, stark voneinander ab-weichenden Angaben in der Literatur seit 1955 zusammen, vgl. Gedenkstätte Bautzen: Speziallager in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (1945 -1950), interne Übersicht, o. D., ArGBZ.</p>
<p>(27) D. h., neben Unschuldigen und aus politischen Motiven heraus Verhafteten waren zum Teil auch Häftlinge in Bautzen I, die sich in vollkommen unterschiedlichem Ausmaß NSDAP-Aktivitäten schuldig gemacht hatten, vgl. u. a. Lipinsky, Jan: &#132;Häftlingsstruktur im Speziallager Bautzen aus sowjetischer Sicht&#148;, in: Plato, Alexander von/Niethammer, Lutz (Hg.): Sowjetische Speziallager (1998), S. 500 ff.</p>
<p>(28) Schönbach, Ulli: &#132;Mehr als 3.000 Tote im Speziallager? Gedenkstätte zweifelt an neuen Erkenntnissen&#148;, in: Sächsische Zeitung vom 20.03.2002, ArGBZ.</p>
<p>(29) Morre, Jörg/Liebold, Cornelia: Totenbuch. Speziallager Bautzen 1945-1956, Bautzen 2004, S. 5, 7.</p>
<p>(30) Ebd., S. 7.</p>
<p>(31) Ebd.</p>
<p>(32) Ebd., S. 9.</p>
<p>(33) Schreiben des Bautzen-Komitees an die Gedenkstätte Bautzen vom 26.04.2002, Privatbesitz Erhard M..</p>
<p>(34) Schreiben von Horst G. K. an die Gedenkstätte Bautzen vom 02.01.2005, ArGBZ.</p>
<p>(35) Schreiben der Gedenkstätte Bautzen an Horst G. K. vom 11.11.2004, ArGBZ.</p>
<p>(36) Ebd..</p>
<p>(37) Horst G. K. : &#132;Das Sterben in Bautzen. Zu den Opferzahlen des Speziallagers Nr. 4/Bautzen I&#148;, in: Der Stacheldraht 2 (2005), ArGBZ.</p>
<p>(38) Schreiben von Wilfried H. an die Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen vom 23.01.2003, Privatbesitz Wilfried H. [PrWH].</p>
<p>(39) Schreiben von Wilfried H. an das Bautzen-Komitee vom 20.05.2003, PrWH. Zugrunde gelegt wurde eine Statistik eines Vortrages von Leonid P. Kopalin am 16.05.2003 in Bonn, nach der 41 Prozent der SMT-Verurteilten des Kriegsverbrechens für schuldig erklärt wurden und nur 12 Prozent der antisowjetischen Propaganda, 4 Prozent terroristischer Tätigkeiten und nur 3 Prozent der Sabotage, vgl. auch Schreiben von Wilfried H. an die Gedenkstätte Bautzen vom 14.04.2005, PrWH.</p>
<p>(40) Schreiben von Wilfried H. an die Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen vom 22.05.2003, PrWH.</p>
<p>(41) Wilfried H.: Aufforderung zum intensiven Nachdenken. Offener Brief an alle Opferverbände und Gedenkstätten vom 02.02.2006, PrWH.</p>
<p>(42) Schreiben des Bautzen-Komitees an das SMWK vom 12.03.1995, Archiv Stiftung sächsische Gedenkstätten [ArStSG]; Moschke, Bernd: &#132;Der Grote-Wohl-Express auf der letzten Fahrt in den Knast&#148;, in: Dresdner Neueste Nachrichten vom 18./19.02.1995, ArStSG.</p>
<p>(43) StSG: Protokoll der 4. Sitzung des Stiftungsrates der Stiftung &#132;Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft&#148; am 24.04.1995, S. 7-8, ArStSG.</p>
<p>(44) Schreiben des Bautzen-Komitees an das SMWK vom 14.03.1995, ArStSG.</p>
<p>(45) Moschke, Bern: &#132;Herzog tief betroffen von Unmenschlichkeit und beeindruckt von Neuem in Bautzen&#148;, in: Dresdner Neueste Nachrichten vom 22.03.1995, ArStSG; Moschke, Bernd: &#132;Bundespräsident im Stasi-Knast: Vom ersten bis zum letzten unmenschlich&#148;, in: Leipziger Volkszeitung vom 22.03.1995, ArStSG; Schade, Thomas: &#132;Die Grenzen zum Osten müssen niedriger werden&#148;, in: Sächsische Zeitung vom 22.03.1995, ArStSG.</p>
<p>(46) Schreiben des Bautzen-Komitees an das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen vom 12.09.1990, PrBvH.</p>
<p>(47) Bautzen-Komitee: Protokoll der Jahreshauptversammlung am 15.12.1990, Archiv des Bautzen-Komitees [ArBK].</p>
<p>(48) Parlamentarischer Untersuchungsausschuss für die Einrichtungen des Strafvollzuges: Protokoll über die Ausschusssitzung am 05.06.1991 vom 11.06.1991, ArBK; Schmitt, Eberhard: &#132;Licht in stalinistische Verbrechen&#148;, in: Sächsische Zeitung vom 09.08.1991, ArGBZ.</p>
<p>(49) Sächsischer Landtag, Drs. 1/727 vom 12.07.1991/06.08.1991.</p>
<p>(50) Schreiben des SMJ an den Sächsischen Landtag, Az 1025I-IV.2-1119/91 vom 01.08.1991, ArStSG.</p>
<p>(51) Bautzen-Komitee: Schreiben an die Mitglieder vom 22.04.1992, PrBvH; Uwe H. z.n. Schade, Tho-<br />mas: &#132;Kohl: Bautzen ist Symbol für SED-Unrecht&#148;, in: Sächsische Zeitung vom 22./23.02.1992,<br />JVA Bautzen, Loseblattsammlung.</p>
<p>(52) Schreiben des Bautzen-Komitees Benno von Heynitz an den Freistaat Sachsen Ministerpräsident Kurt Biedenkopf vom 29.04.1992, ArGBZ.</p>
<p>(53) Schreiben des SMJ an JVA Bautzen vom 19.08.1992, ArStSG.</p>
<p>(54) Schreiben des Bautzen-Komitees an das SMWK Staatsminister Meyer vom 30.10.1992, ArStSG; o. V.: &#132;Stasi-Knast wird Büro&#148;, in: Taz vom 10.11.1992.</p>
<p>(55) Schreiben des Bautzen-Komitees an das SMWK Staatsminister Meyer vom 30.10.1992, ArStSG.</p>
<p>(56) Sächsischer Landtag, Drs. 1/2503 vom 12.11.1992; Sächsischer Landtag, Drs. 1/2511 vom 11.11. 1992.</p>
<p>(57) Sächsisches Staatsministerium der Justiz: Vermerk vom 07.12.1992, ArStSG.</p>
<p>(58) Schreiben des Sächsischen Staatsministeriums der Finanzen Staatsminister Milbradt an den Sächsischen Landtag vom 04.12.1992, ArStSG.</p>
<p>(59) Sächsischer Landtag: Bericht des Verfassungs- und Rechtsausschusses zur Drs. 1/2503 vom 05.05.1993.</p>
<p>(60) Bundesministerium des Innern: Gesamtkonzeption zur Beteiligung des Bundes an Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland, Anlage zur BMF-Vorlage Nr. 173/92 vom 03.02.1993, ArStSG.</p>
<p>(61) Sächsischer Landtag, Drs. 1/3127 vom 07.04.1992.</p>
<p>(62) Sächsische Staatskanzlei: Beschluss Nr. O1/0597 zur 139. Kabinettssitzung vom 15.02.1994, ArStSG; SMWK: »Satzung der Stiftung«, in: Sächsisches Amtsblatt vom 17.03.1994, 5.453, ArStSG; SMWK: Aktennotiz über ein Gespräch mit dem Liegenschaftsamt am 17.08.1994, o. D., ArStSG.</p>
<p>(63) Sächsischer Landtag, Drs. 1/4922 vom 24.06.1994; Schreiben der ABS Robur GmbH am die StSG vom 13.10.1994, ArStSG.</p>
<p>(64) Schreiben der StSG an das Bautzen-Komitee vom 22.08.1996, ArStSG.</p>
<p>(65) Schreiben des SMWK Staatssekretär Noack an das BMI Staatssekretär Eckart Werthebach vom 13. 03.1998, ArStSG.</p>
<p>(66) Schreiben des BMI an die StSG vom 04.03.1998, S. 3, ArStSG; Schreiben der StSG an das SMWK vom 13.03.1998, ArStSG.</p>
<p>(67) Deutscher Bundestag (Hg.) : Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der<br />SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit«, Bd. 1, Baden-Baden 1999, S. 609.</p>
<p>(68) Schreiben der Stadt Bautzen Bürgermeister Schramm an die Sächsische Staatskanzlei Ministerprä-<br />sidenten Kurt Biedenkopf vom 04.02.1994, ArBK.</p>
<p>(69) Hans C.: &#132;Roman Herzog in den beiden Bautzener Gefängnissen&#148;, in: Bautzen-Komitee: Mitteilungen 1/95 vom 26.04.1995, S. 2, ArStSG, Presse.</p>
<p>(70) Schiemann, Marko: Grußwort des rechtpolitischen Sprechers der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag vom 07.05.1999, ArBK; Schreiben des Bautzen-Komitees an die Radaktion Der Stacheldraht vom 07.06.1999, ArBK.</p>
<p>(71) Mundra, Erhard: &#132;Forderungen Stück für Stück umgesetzt&#148;, in: Sächsische Zeitung vom 10./11.06.2000, ArGBZ; von Heynitz, Benno: Begrüßungsansprache zur Einweihung der Kapelle auf dem Karnickelberg am 13.09.2000, PrEM; Horst Sch.: Ansprache zur Einweihung auf dem Karnickelberg am 13.09.2000, PrEM; Mattem, Carla: &#132;Vater-Suche in Bautzen&#148;, in: Sächsische Zeitung vom 13.09.2000, ArGBZ; Schnabel, S.: Versöhnung über den Gräbern, in: Mitteilungsblatt 38 (2000) vom 23.09.2000, PrEM; o.V.: &#132;Gedäclitniskapelle im ehemaligen Zuchthaus Bautzen eingeweiht&#148;, in: Die Welt vom 14.09.2000.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/die-ddr-aufarbeitung-und-die-politik-der-erinnerung/">Die DDR-Aufarbeitung und die Politik der Erinnerung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Europäische Erinnerung und die Herausforderung der Globalisierung</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/europaeische-erinnerung-und-die-herausforderung-der-globalisierung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 19:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/europaeische-erinnerung-und-die-herausforderung-der-globalisierung/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Pl&#228;doyer f&#252;r eine zeitlich-r&#228;umliche &#214;ffnung des geplanten Hauses der Europ&#228;ischen Geschichte aus vorg&#228;nge Heft 2/2012 S.82-92 Der Blick in die Vergangenheit, das Erinnern von Vergangenem steht in einem elementaren Bedeutungszusammenhang mit dem, was gemeinhin als Geschichtsbewusstsein beschrieben wird. Mit R&#252;sen (1983: 48&#8211;49) versteht &#8222;man unter Geschichtsbewu&#223;tsein den Inbegriff der mentalen Operationen [&#8230;], mit denen Menschen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Pl&auml;doyer f&uuml;r eine zeitlich-r&auml;umliche &Ouml;ffnung des geplanten Hauses der Europ&auml;ischen Geschichte</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012 S.82-92</p>
<p>Der Blick in die Vergangenheit, das Erinnern von Vergangenem steht in einem elementaren Bedeutungszusammenhang mit dem, was gemeinhin als Geschichtsbewusstsein beschrieben wird. Mit R&uuml;sen (1983: 48&ndash;49) versteht &bdquo;man unter Geschichtsbewu&szlig;tsein den Inbegriff der mentalen Operationen [&#8230;], mit denen Menschen ihre Erfahrungen vom zeitlichen Wandel ihrer Welt und ihrer selbst so deuten, da&szlig; sie ihre Lebenspraxis in der Zeit absichtsvoll orientieren k&ouml;nnen.&rdquo; Das hei&szlig;t, der Mensch muss sich &bdquo;einen interpretatorischen Reim auf das machen k&ouml;nnen, was er als Ver&auml;nderung seiner Welt und seiner selbst im Laufe der Zeit erf&auml;hrt, um in diesem Laufe der Zeit handeln zu k&ouml;nnen&rdquo; (ebd.: 49&ndash;50).</p>
<p>F&uuml;r das Haus der Europ&auml;ischen Geschichte, das seit 2007 auf Vorschlag des damaligen Pr&auml;sidenten des Europ&auml;ischen Parlaments, Hans-Geit P&ouml;ttering, f&uuml;r das Jahr 2014 in Br&uuml;ssel geplant ist, kann angenommen werden, dass es diesem Gedanken geschuldet ist, zumindest deuten die Erkl&auml;rungen P&ouml;tterings darauf hin. Es geht ihm dabei um nichts weniger als die &bdquo;Erneuerung unseres europ&auml;ischen Selbstverst&auml;ndnisses&rdquo; (P&ouml;ttering 2009). Das historisch einmalige und relativ junge Gebilde der Europ&auml;ischen Union ben&ouml;tigt, so kann diese Aussage gedeutet werden, auch einen v&ouml;llig neuen Zugang zur eigenen Geschichte. Bereits vor vier Jahren wurden hierf&uuml;r die &bdquo;Konzeptionellen Grundlagen&rdquo; von einem Sachverst&auml;ndigenausschuss (2008) erarbeitet.(1) In diesem Museum soll, so der bisherige Stand der Dinge, vor allem die Zeit nach 1945 im Fokus stehen. Die Dauerausstellung w&uuml;rde damit eine betont auf die Geschichte der europ&auml;ischen Integration und eines EU-Europas ausgerichtete Narration w&auml;hlen. Dabei r&uuml;ckte gerade die Teilung des Kontinents durch die Blockbildung des Kalten Krieges in den Mittelpunkt und viele Bereiche der j&uuml;ngeren Zeitgeschichtsforschung, wie der Aufarbeitung der Verbrechen Stalins, w&uuml;rden ber&uuml;cksichtigt.(2) Die Zeit der Weltkriege, ihre &Uuml;berwindung, vor allem aber die im westlichen Teil erfolgreiche und im &ouml;stlichen Teil Europas ausbleibende Erfolgsgeschichte (sowie die auch in diesem Teil weitestgehend erfreuliche Entwicklung seit 1989/1991) sollen den zuk&uuml;nftigen Besuchern und Besucherinnen dargeboten werden. Das diesem Prinzip zu Grunde liegende Paradigma ist die Vorstellung einer &bdquo;Taufe Europas aus der Vernichtung&rdquo;, wie es Tony Judt (2009: 933) vor einigen Jahren formuliert hat. Nach dem Ende des Hitler-Reiches und vierzig Jahre sp&auml;ter durch den Untergang der Sowjetunion, konnte ein freies und erfolgreiches Europa gedeihen.</p>
<p>Doch wenn wir R&uuml;sens oben aufgeworfenen Formulierungen folgen und unser Geschichtsbewusstsein uns dabei helfen soll, uns einen Reim auf die gegenw&auml;rtigen Herausforderungen und Konstellationen zu machen, ist dann eine solche Fokussierung auf die beschriebene Zeitebene noch zeitgem&auml;&szlig;? Mit anderen Worten: L&auml;sst die Perspektivverschiebung, die die Globalisierung hervorgerufen hat, nicht gleichsam auch die Wahrnehmung unserer Vergangenheit eine andere werden? Sind nicht gerade eben die oben beschriebenen Themenkomplexe Ausdruck eines nationalen oder doch eurozentrisch verengten Verst&auml;ndnisses geschichtlicher Ereignisse? So erfreulich und notwendig die Diskurse und Auseinandersetzungen &uuml;ber die stalinistischen Verbrechen auch sein m&ouml;gen, l&auml;sst sich kritisch fragen, ob diese Perspektive mittel- und langfristig als Schwerpunkt eine Orientierung f&uuml;r Europa bieten kann. Auch Leggewie (2011: 45) l&auml;sst seinen konzentrischen Kreisen eine positive Bahn angedeihen, wenn er die europ&auml;ische Erfolgsgeschichte nach 1945 als sinnstiftend gelten l&auml;sst, auch bietet seine Betonung von Migration und Kolonialgeschichte eine weitere Perspektive, die jedoch das 20. Jahrhundert als &bdquo;Erinnerungsfeld&rdquo; gleichsam nicht mehr als ausreichend erscheinen l&auml;sst.</p>
<p>Ereignisse wie 9/11, die globale Klimaerw&auml;rmung und die Finanz- und Bankenkrise haben derweil elementare Deutungskategorien ins Wanken gebracht bzw. die Frage aufkommen lassen, wie wir diese bisher definiert haben und dies in Zukunft tun wollen. Der 11. September 2001 hat unter anderem die Frage neu aufgeworfen, welche Rolle wir der Religion in unserem &ouml;ffentlichen aber auch im privaten Raum zugestehen wollen und in welchem Verh&auml;ltnis unsere Gesellschaften &uuml;berhaupt zu ihr stehen &mdash; stehen wollen; der Klimawandel hat Fragen nach den Kategorien eines guten Lebens und grundlegender Verteilungsgerechtigkeit hervorgerufen; die wirtschaftlichen Herausforderungen seit der Krise von Lehman-Brothers 2008 (und nicht erst seit dem) haben zudem den 1989/1990 angenommenen Triumph eines marktgesteuerten Vernunft- und Rationalisierungsparameters massiv in Frage gestellt (Die Antiglobalisierungs- sowie in den letzten Jahren die Occupybewegung seien als vielleicht bekannteste Erscheinungen dieser Kritik hier genannt).</p>
<p>Schaut man also auf die gro&szlig;en Konfliktlinien (diese seien hier nur exemplarisch genannt, andere lie&szlig;en sich anf&uuml;gen), die sich als existenzielle Herausforderungen des 21. Jahrhunderts abzeichnen, k&ouml;nnen auch andere Vergangenheiten ins Blickfeld ger&uuml;ckt werden. Denn zunehmend erfahren Begriffe eine &Uuml;berpr&uuml;fung ihrer Bedeutungen, die lange als vermeintlich selbstverst&auml;ndlich vorausgesetzt wurden. Begriffe wie Freiheit, Religion oder Fortschritt k&ouml;nnen nicht mehr alleine in einem Vergleich zum Beispiel zwischen Frankreich und Deutschland diskutiert werden (was allein in Bezug auf die unterschiedliche Handhabung der Trennung von Staat und Religion schon schwer genug w&auml;re). Fragen nach der Universalit&auml;t zum Beispiel der Meinungsfreiheit erfordern auf einer globalen B&uuml;hne viel grunds&auml;tzlichere Bestimmungen und Herleitungen und f&uuml;hren unweigerlich zur Selbst(&uuml;ber)pr&uuml;fung eigener Selbstverst&auml;ndlichkeiten.(3) Die F&auml;higkeit, andere Denkgewohnheiten zu begreifen, zu verstehen und im positiven Fall sogar in Teilen &uuml;bernehmen zu k&ouml;nnen oder doch zumindest mit ihnen umzugehen, verlangt auch eine &Uuml;berpr&uuml;fung und Hinterfragung eigener Wahrnehmungen. Nimmt man die genannten Herausforderungen, die durch den 11. September, die Weltfinanzkrise und den Klimawandel entstanden sind, als drei m&ouml;gliche Beispiele f&uuml;r die von R&uuml;sen angef&uuml;hrte Wahrnehmung eines zeitlichen Wandels &ndash; als Lebenspraxis &ndash; in den Blick, lie&szlig;e sich danach fragen, welche Form des europ&auml;ischen Erinnerns dazu beitragen k&ouml;nnte, sich &bdquo;darauf einen Reim zu machen&rdquo;.</p>
<h2 class="auto-created">Der 11. September 2001</h2>
<p>Dipesh Chakrabarty (2010a: 9) sieht die &bdquo;weitreichenden Ver&auml;nderungen durch die Wende von 1989&rdquo; als Ursache f&uuml;r das &bdquo;europ&auml;ische Interesse an meinem Buch Provincializing Europe&rdquo;. Dies r&uuml;hrt zum einen aus der Einsicht, dass dieses Jahr eben kein Ende der Geschichte bedeutete, wie es Francis Fukuyama (2006) in einer der ersten Gro&szlig;deutungen dieser Epochenschwelle versucht hat darzustellen. Und zum anderen in der dringend notwendigen Zur&uuml;ckweisung der bisweilen fatalistischen wenn auch durchaus die richtigen Themen erkennenden Voraussage eines Clash of Civilizations &agrave; la Huntington (1997). Die Polarisierung, die in Huntingtons Buch eine zentrale Deutungskategorie f&uuml;r die verschiedenen Kulturr&auml;ume einnimmt, entstammt dabei einer national geschulten Aufteilung von Handlungs- und Wissensr&auml;umen, vernachl&auml;ssigt jedoch die Durchl&auml;ssigkeit moderner Gesellschaften. Chakrabarty (2010b: 62) schl&auml;gt daher eine &bdquo;Provinzialisierung Europas&rdquo; vor, mit der er Europa den Alleinanspruch auf Begriffe wie &bdquo;Vernunft, Wissenschaft und der Anspruch auf Universalit&auml;t&rdquo; entrei&szlig;en m&ouml;chte. Er verlangt &bdquo;das Eingest&auml;ndnis, dass bereits Europas Aneignung des Adjektivs &#8218;modern&#8216; ein St&uuml;ck globale Geschichte ist, von der die Geschichte des europ&auml;ischen Imperialismus einen untrennbaren Teil bilden, und [&#8230;] die Einsicht, dass diese Gleichsetzung einer bestimmten Version von Europa mit der &#8218;Moderne&#8216; nicht allein das Werk von Europ&auml;ern ist&rdquo; (ebd.). Die Moderne gilt es demnach &bdquo;als ein Feld von Auseinandersetzungen zu begreifen&rdquo; (ebd.: 65).</p>
<p>Der 11. September 2001, die darauf folgenden Kriege in Afghanistan und Irak sowie die Anschl&auml;ge von islamischen Terroristen in London und Madrid haben das Bild einer Polarisierung und einer daraus folgenden Gegen&uuml;berstellung eines modernen aufgekl&auml;rten Westens einerseits und islamisch gepr&auml;gter vormoderner und r&uuml;ckst&auml;ndiger &bdquo;orientalischer&rdquo; Staaten auf der anderen Seite eher verst&auml;rkt. Es sind die &ndash; wenn auch sehr ambivalenten &ndash; Entwicklungen in Tunesien, &Auml;gypten oder Libyen, die diesem Bild ein anderes &ndash; oder doch zumindest differenzierteres &ndash; entgegensetzen. Dort streiten neben ebenso streng gl&auml;ubigen Muslimen auch im europ&auml;ischen Sinne aufgekl&auml;rte, gebildete und nicht selten s&auml;kulare junge Menschen f&uuml;r ein Recht auf Entscheidungs- und Meinungsfreiheit. Auch wenn noch nicht abzusehen ist, welchen Weg diese L&auml;nder letztendlich gehen werden, werden sie doch in jedem Falle ein anderes Bild von &bdquo;den Arabern&rdquo; in den K&ouml;pfen &bdquo;des Westens&rdquo; hinterlassen als das von Mohammad Atta (wobei<br />daran erinnert sei, dass Atta jahrelang in Hamburg lebte und somit durchaus auch aus der Mitte unserer Gesellschaft entsprungen ist).</p>
<p>Damit wird bereits eine Forderung Chakrabartys erf&uuml;llt: Der Begriff der Moderne, f&uuml;r den der Freiheitsbegriff &ndash; so, wie er auf dem Tahrir-Platz in einer Variation vertreten worden ist &ndash; zentral ist, muss als verschieden interpretier- und lebbar angenommen werden. Es soll hier nicht um eine Relativierung gehen, die den Begriff der Moderne zur Unkenntlichkeit zerfasert &ndash; darauf hat auch Chakrabarty (ebd.: 62) selbst bereits hingewiesen. Doch gilt es aus historiographischer Sicht, ein Gef&uuml;hl daf&uuml;r zu vermitteln, wie sehr sich Europa in der Vergangenheit enormer Wandlungs- und Entwicklungssch&uuml;be ausgesetzt sah und dadurch seine geistigen wie auch geographischen Grenzen st&auml;ndiger Ver&auml;nderung unterzog. Die Erinnerung an diese Wandlungen &ndash; mithin an den Prozesscharakter Europas &ndash; f&uuml;hren zu einer Vorstellung auch von der latenten Offenheit dieses historischen Gebildes. &bdquo;Es gibt kein historisch homogenes Europa&rdquo;, so Eric Hobsbawm (1998: 285), &bdquo;und diejenigen, die danach Ausschau halten, befinden sich auf einer falschen F&auml;hrte.&rdquo; Es gibt wohl kaum einen geeigneteren geographischen Raum, der diese Wandelbarkeit besser f&uuml;r Europa vergegenw&auml;rtigt, als das Mittelmeer. David Abulafia (2011) hat dies f&uuml;r die Jahre von 22.000 v. Chr. (!) bis heute zuletzt eindr&uuml;cklich in einem historischen Abriss auf fast 700 Seiten beinahe schon recht knapp zu Papier gebracht. Abulafia (ebd.: XVII) nimmt dabei vor allem die Menschen in den Blick, &bdquo;who crossed the sea and lived close by its shores in ports and on islands&rdquo;. Es ist auch eine Geschichte der gro&szlig;en Hafenst&auml;dte, &bdquo;that provided the main departure and arrival points for those crossing it&rdquo; (ebd.). Gemeinhin wird dieser Raum mit der Beschreibung eines antiken Erbes oder sogar der antiken Wiege Europas in Verbindung gebracht. Dies ist in zweierlei Weise irritierend: Zum einen war zu dem Zeitpunkt als diese Wiege gestanden haben soll noch gar keine Idee von einem Europa vorhanden, die in einer vergleichbaren Vorstellung zu der heutigen st&uuml;nde. Und zum anderen ist es genau dieser geographische Raum, der heute gerne f&uuml;r alles das beschworen wird, was eben vermeintlich nicht zu Europa geh&ouml;re.(4) Beide Ph&auml;nomene sind es trotzdem Wert, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, da sie den Prozesscharakter Europas unterstreichen und gleichsam eine genuin europ&auml;ische Komponente in sich tragen.</p>
<p>Warum also ist diese griechische Antike, die hier gemeint ist, h&auml;ufig auf Sonntagsreden zu irgendwelchen europ&auml;ischen Gedenk- und Feiertagen beschworen worden, um damit auf ganz bestimmte Eigenschaften hinzuweisen, die mit dem Begriff Europa oder dem Adjektiv &#8218;europ&auml;isch&#8216; zu verbinden seien? Neben den ganz konkreten kulturellen, k&uuml;nstlerischen und philosophischen Errungenschaften, die im antiken Griechenland so-zusagen &#8218;begr&uuml;ndet&#8216; und in vielen sp&auml;teren europ&auml;ischen Traditionen aufgegriffen oder fortgef&uuml;hrt wurden &ndash; Thomas Szlez&auml;k (2010) hat dies zuletzt sehr gut lesbar beschrieben &ndash; war es vor allem eine Eigenschaft, die in diesen Bez&uuml;gen vielleicht am meisten gemeint ist: Die Vorstellung von individueller Freiheit. Christian Meier (2009: 36) r&uuml;ckt die im 5. Jahrhundert v. Chr. sich offenbarenden politischen Gegens&auml;tze zwischen den Griechen und Persern in den Mittepunkt seiner Darstellung, &bdquo;als die Griechen begannen, sich nicht mehr als ein Volk neben andern, sondern als etwas &ndash; und umfassend &ndash; anderes gegen&uuml;ber dem asiatischen Weltreich zu begreifen, und zwar ihrer Freiheit wegen.&rdquo; Die Griechen haben eine &bdquo;Kultur nicht um der Herrschaft, sondern um der Freiheit willen&#8220; (ebd.: 57) entwickelt, und diese, so Meier (ebd.: 59), k&ouml;nne durchaus als die &bdquo;Fr&uuml;hgeschichte&rdquo; Europas begriffen werden.(5) Dass der Freiheitsbegriff der Moderne dabei die individuelle Freiheit nicht nur ausdehnte und st&auml;rker betonte, muss hier nicht weiter ausgef&uuml;hrt werden.(6) Der f&uuml;r die hier vorgenommenen &Uuml;berlegungen entscheidende Sachverhalt zielt in eine andere Richtung, die sowohl bei Meier als auch bei anderen in den letzten Jahren immer wieder hervorgehoben worden ist.</p>
<p>So sehr die Vorstellung von einer historischen Linearit&auml;t von den Griechen &uuml;ber die R&ouml;mer, Karl den Gro&szlig;en, die Renaissance, die Aufkl&auml;rung bis zum heutigen Markt- und Vernunftglauben auch immer wieder als teleologische Blaupause f&uuml;r die EU herangezogen wird, war der Weg doch ein viel steinigerer, ambivalenterer und vor allem auch ein mit den anderen V&ouml;lkern und Kulturen dieser Welt verbundenerer. Und diesem Gedanken wird nun auch zunehmend Rechnung getragen. In den gro&szlig;en &uuml;berregionalen Tages- und Wochenzeitungen(7) liest man differenzierte R&uuml;ckblicke &uuml;ber das Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen in Al-Andalus seit dem Jahr 711, als Tank ibn Ziad die iberische Halbinsel in Beschlag nahm und fortan ein nicht immer friedlicher aber doch auch fruchtbarer ldeen- und Gedankenaustausch zwischen den Kulturen beginnen sollte. &bdquo;From that point on, Islam has had a permanent presence in Europe. First in the south-west, in the Iberia, and later in the south-east, in the Balkan and Black Sea regions [&#8230;]. The interaction of Christians and Muslims has provided one of the most enduring features of Europe&#8217;s political and cultural life&rdquo;, so Norman Davies (1997: 254). Dass diese Koh&auml;sion nicht gerade immer friedlich verlief, soll hier gar nicht verschwiegen werden, im Gegenteil, doch verhindern auch kriegerische Konflikte und Auseinandersetzungen eine gegenseitige geistige Durchdringung nicht unbedingt. Auch in der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung werden B&uuml;cher wie das des Irakers Jim al-Khalili (2011: 17-18) ins Programm &uuml;bernommen, in denen dieser die Verschr&auml;nkungen und gegenseitigen Beeinflussungen der arabischen und der europ&auml;ischen Geschichte nachzeichnet:</p>
<p>&bdquo;Wir sollten untersuchen, was das kulturelle und wissenschaftliche Denken des Abendlandes den Arbeiten zu verdanken hat, die arabische und persische, muslimische, christliche und j&uuml;dische Denker und Wissenschaftler vor 1000 Jahren leisteten. In den Zeittafeln, die man in popul&auml;rwissenschaftlichen Berichten &uuml;ber die Wissenschaftsgeschichte findet, haben in der Regel zwischen der Zeit der alten Griechen und der europ&auml;ischen Renaissance keine gr&ouml;&szlig;eren wissenschaftlichen Fortschritte stattgefunden. In dieser Zwischenzeit, so erz&auml;hlt man uns, befanden sich Westeuropa und &mdash; so wird damit unterstellt &mdash; auch die &uuml;brige Welt 1000 Jahre lang im dunklen Mittelalter. In Wirklichkeit war das Arabische f&uuml;r eine Zeit von 700 Jahren die internationale Sprache der Wissenschaft.&rdquo;</p>
<p>Die Freiheit des Denkens hat immer wieder verschiedene Impulse und Anregungen, Neuerungen und R&uuml;ckbez&uuml;ge erfahren. Diese geistigen Austausch- und Transferbeziehungen in einer historischen Tiefendimension aufzuschl&uuml;sseln und zu veranschaulichen w&uuml;rde nicht im Sinne eines Lernens aus der Geschichte eine F&uuml;lle an Fallbeispielen f&uuml;r heutige Fragestellungen bereitstellen. Doch es w&uuml;rde die st&auml;ndig sich im Wandel befindenden Zentrum- und Peripherieverh&auml;ltnisse Europas verdeutlichen. Dadurch gerieten vorherrschende Erz&auml;hlungen eines statischen, kulturell homogenen, in seinen Grenzen klar abgrenzbaren Europa &uuml;ber dessen Vorstellung zu allen Zeiten eine eindeutige Vorstellung vorhanden gewesen sei, ins Wanken. Der Begriff der Freiheit sei hier als einer von vielen anderen M&ouml;glichkeiten kurz aufgegriffen worden.</p>
<h2 class="auto-created">Die Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen der Weltfi&shy;nanz&shy;krise und des Klima&shy;wan&shy;dels</h2>
<p>Keine der bedeutenden aktuellen Herausforderungen hat die nationale Perspektive so sehr in ihrer Beschr&auml;nktheit vor Augen gef&uuml;hrt, wie die Finanz- und Bankenkrise sowie der Umgang mit dem weltweiten Klimawandel. Die zu l&ouml;senden Aufgaben sind in bei-den F&auml;llen nur noch durch die Zusammenarbeit aller gro&szlig;en Nationen zu bew&auml;ltigen. Und umso mehr Anstrengungen zu Kooperationen unternommen werden, so st&auml;rker wird das Bewusstsein daf&uuml;r sensibilisiert, wie unterschiedlich die jeweiligen Denk- und Zugangsweisen sind. Und es wird auch deutlich, wie sehr auch schon in der Vergangenheit Austauschprozesse zwischen den verschiedenen Weltgegenden stattgefunden haben. H&auml;ufig war und ist es eine national verengte Wahrnehmung, mithin eine solche Geschichtsschreibung, die den Eindruck homogener nationaler oder kultureller R&auml;ume suggerierte. Dies hat sich in den letzten zwanzig Jahren zunehmend ge&auml;ndert, es reicht nicht mehr nur zu vergleichen, sondern gerade eben die Beziehungen und gegenseitigen Beeinflussungen in den Blick zunehmen. &bdquo;Historians and social scientists have thus begun to stress the limits of comparisons. Interactions involve highly complex processes of cultural transfer, of give and take, in which institutions and ideas are transformed and act on each other.&rdquo; (Iggers 2006: 85)</p>
<p>Beide Krisen stellen die gegenw&auml;rtige europ&auml;isch-westliche Demokratie vor elementare Fragen dar&uuml;ber, wie das Zusammenleben in Zukunft miteinander gestaltet werden soll. Beide Themenbereiche ber&uuml;hren grundlegende Begriffe des modernen. Selbstverst&auml;ndnisses westlich-s&auml;kularer Gesellschaften wie Vernunft, Fortschritt, Rationalit&auml;t aber zum Beispiel auch nach Vorstellungen von einem guten Leben. Sp&auml;testens seit den 1970erJahren wird bereits von einem Wertewandel (Inglehardt) gesprochen, dessen Kritik am Fortschrittsglauben und an der dominanten Maxime eines Wachstumsbegriffs Ansto&szlig; nahm. Joachim Radkau (2011) bem&uuml;hte zuletzt die Formel von einer &bdquo;&Auml;ra der &Ouml;kologie&rdquo;, unter der er eine globale Entwicklung subsumiert, in der &bdquo;ein tiefes Unbehagen auf den Begriff gebracht und politikf&auml;hig gemacht&rdquo; (ebd.: 7) worden ist. Es mag eingewandt werden, dass dieses Unbehagen an der Moderne bereits von Sigmund Freud und anderen vorgebracht wurde, dies &auml;ndert jedoch nichts an der spezifischen Neuausrichtung dieser Jahre: &bdquo;Nicht nur die kapitalistische &#8218;Jagd nach Mehrwert&#8216; im engeren Sinn war Gegenstand der Kritik der Neuen Linken, sondern eine durchaus produktive, aber als repressiv verschrieene Rationalit&auml;t, die [&#8230;] das Leben gleichschaltet und jede Opposition und Alternative neutralisiert&rdquo; (Loewenstein 2009: 418).</p>
<p>Die Weltfinanz- und Bankenkrise aber auch die Herausforderungen des Klimawandels haben diese Denkrichtung zu einer neuen F&uuml;lle an grunds&auml;tzlicher Kritik befl&uuml;gelt. Ob man es mit David Graeber (2011) h&auml;lt und ein auf dem Prinzip des Schuldenmachens aufbauendes System als Ganzes in Frage stellt, oder wie im deutschsprachigen Raum mit dem &bdquo;Wirtschaftsprediger&rdquo; (Koch 2012) Christian Felber, der eine &bdquo;Gemeinwohl&ouml;konomie&#8220; als Perspektive f&uuml;r eine Gesellschaftsform beschreibt, in der &#8222;die ganze Wirtschaft und jedes Unternehmen von Konkurenz auf Kooperation umzupolen&#8220; (ebd.)sei: Alle diese (und es g&auml;be hier noch eine Unmenge anderer) Beispiele sind eingebunden in eine sich global vernetzende &#8222;Unbehagen-Community&#8220;, deren vielleicht gr&ouml;sstes Echo in den Schriften von Stephane Hessel seinen Ausdruck findet (vgl. Lang 2012 i.E.).Auf eine verk&uuml;rzte Formel gebracht, bilden die beiden hier herangezogenen globalen Grossproblemlagen die Grundlage f&uuml;r einen ebenso globalen Prozess, sich &uuml;ber die Grundlagen des jeweils eigenen Weltverh&auml;ltnisses Gedanken zu machen.</p>
<p>Setzt man sich mit j&uuml;ngeren Arbeiten, zum Beispiel mit Charles Taylors Werk &uuml;ber die S&auml;kularisierung oder Hartmut Rosas &Uuml;berlegungen zum Prozess der Beschleunigung in der Moderne, auseinander, so r&uuml;ckt in beiden F&auml;llen die Ver&auml;nderung eines Gef&uuml;hls eines solchen Weltverh&auml;ltnisses, eines &#8222;In-die-Welt-gestellt-seins&#8220; (Rosa 2012 : 8) in den Fokus. Taylor geht der Frage nach, was genau es eigentlich mit dem Begriff der S&auml;kularisierung auf sich hat. Dies soll hier nicht ausf&uuml;hrlich debattiert oder dargestellt werden, interessant an seiner Fragestellung ist jedoch, dass es ihm &#8220; ganz allgemein gesprochen, um alternative M&ouml;glichkeiten der F&uuml;hrung unseres moralisch-spirituellen Lebens geht&#8220; (Taylor 2009 : 18) und wie diese sich immer wieder ver&auml;ndert und gewandelt haben. Er setzt voraus, dass es so etwas wie ein &#8222;Gef&uuml;hl der F&uuml;lle&#8220; /ebd.) gibt.</p>
<p>&#8222;An diesem Ort (in dieser T&auml;tigkeit oder in diesem Zustand) ist das Leben voller, reicher, tiefer, lohnender, bewundernswerter und in h&ouml;herem Ma&szlig;e das, was es sein sollte.&#8220; (ebd.) Ein weiterer wichtiger Aspekt ist in deiesem Zusammenhang die von Hans &gt;Joas (2011:251) beschriebene &#8222;Bedeutung subjektiver Gewi&szlig;heit, von Evidenzempfinden und affektiver Intensit&auml;t&#8220;. Joas geht unter anderem der Frage nach, wie sich &#8222;Wertegeneralisierungen&#8220;(ebd.) in komplexen Gesellschaften ver&auml;nderen und wie sie m&ouml;glich sind im Aufeinandertreffen unterschiedlicher kultureller Wertbindungen. Die f&uuml;r den hier angestrebten Gedankengang entscheidende Begriff, wurde von Joas (ebd.:264) in Anlehnung an Talcott Parsons ind Spiel gebracht. F&uuml;r beide geht es um &#8222;einen dynamischen Prozess der wechselseitigen Modifikation&#8220;, der die Kommunikation nicht auf politische oder verfassungsrechtliche Prinzipien beschr&auml;nkt, sondern (&#8230;) sich gerade den Tiefenschichten von Wertesystemen und Religionen&#8220; &ouml;ffnet.</p>
<p>Rosa (2012: 11) sieht daher den Bedarf f&uuml;r eine umfassende Analyse von diesen Evidenzempfindungen ( wie es Joas formuliert h&auml;tte):&#8220;Gerade weil die Arten und Differenzen menschlicher Weltbeziehung sich nicht auf Unterschiede der kognitiven Repr&auml;sentation von Welt reduzieren lassen, erfordert ihre Analyse die Rekonstruktion kultureller Lebensformen als Ganzen. Erst in dem Ensemble aus Institutionen und Praktiken, aus Sprache und Habitus und den durch sie erzeugten Emotionen und Interaktionen formt sich die historisch und kulturell je spezifische Weise einer Weltbeziehung. Um einen Sinn f&uuml;r die Differenzen zwischen solchen Weltbeziehungen zu gewinnen, sind komplexe hermeneutische Operationen erforderlich, die es erlauben, mit den Mitteln der Sprache die Unterschiede auch in den nichtsprachlichen Modi der Welterfahrung, Weltaneignung und Weltbearbeitung sp&uuml;rbar werden zu lassen.&#8220;</p>
<p>Das Entscheidende f&uuml;r den hier diskutierten Kontext ist jedoch der Begriff der Modifikation. &#8222;Der Glaube an Gott&#8220;,so Taylor (2009:32),&#8220;l&auml;uft im Jahre 1500 nicht aufs gleiche hinaus wie im Jahre 2000.&#8220; Der Wert, den diese Erkenntnis f&uuml;r die heutigen Herausforderungen hat, liegt in einem Verst&auml;ndnis f&uuml;r das st&auml;ndige Varianzpotenzial kulturell bedingter Evidenzempfindungen in der Geschichte und in der Gegenwart. Aus einer europ&auml;ischen Perspektive bedeutet dies im Hinblick auf die hier als Beispiele herangezogenen Probleme, die sich mit der Finanz- und Bankenkrise sowie den Folgen des Klimawandels ergeben, sich der Modifikationspotenziale auch im Austausch mit anderen Kulturen zu vergegenw&auml;rtigen. Dies lie&szlig;e sich am besten dadurch erreichen, dass zum Beispiel die unterschiedlichen Wege der letzten 250 Jahre &mdash; also dessen, was gemeinhin als Beginn und Bl&uuml;tezeit des Industriezeitalters bezeichnet wird &mdash; in einem globalen Kontext zu Europa nachgezeichnet w&uuml;rde. Kenneth Pomeranz (2000: 3&mdash;4) hat veranschaulicht, wie sehr einerseits &bdquo;the vital role of internally driven European growth&rdquo; von Bedeutung war, andererseits &bdquo;how similar those processes were to processes at work elsewhere, especially in east Asia, until almost 1800&rdquo;. Erst die vielen Vorteile, die sich aus den europ&auml;ischen Kolonialreichen ergaben, erkl&auml;ren Teile der europ&auml;ischen Vorherrschaft in den zweihundert Jahren, die darauf folgten.</p>
<p>Wenn nun eben diese Prozesse an einem Punkt angelangt sind, an dem diese zunehmend als eine grundlegende Krise aufgefasst werden, kann der Blick auf die unterschiedlichen Verlaufsprozesse der verschiedenen Weltregionen R&uuml;ckschl&uuml;sse auf m&ouml;gliche Alternativen und eben Modifikationen in einer der eigenen Denkart fremden Logik aufzeigen. Rosa selbst bezieht sich immer wieder auf Taylor, wenn er Kritik an einem allzu unreflektierten Rationalisierungs- und Vernunftglauben &uuml;bt. Hier benutzt Rosa den Taylorschen Begriff der Resonanz, der das Verh&auml;ltnis zwischen dem Einzelnen zur Welt beschreibt: &bdquo;Die Trennung zwischen Subjekt und Welt hat sich verabsolutiert&rdquo;, so Rosa (2011: 24). &bdquo;Taylor betont in Ein <i>s&auml;kulares Zeitalter </i>[Hervorhebung i. 0., MS] immer wieder, dass es ihm bei seiner Gegen&uuml;berstellung der verschiedenen Arten des Glaubens und Nichtglaubens nicht auf die Unterschiede in den &Uuml;berzeugungen und den kognitiven Strukturen des Weltbildes ankomme, sondern auf die verschiedenen Weisen der Welterfahrung.&rdquo; (ebd.: 30) Die globale Dimension l&auml;sst an L&ouml;sungswege, die ohne die Kenntnisse dieser unterschiedlichen Welterfahrungen auskommen, eigentlich kaum vorstellbar erscheinen. Sowohl das Verst&auml;ndnis dieser von &bdquo;uns&rdquo; divergierenden Welterfahrungen, als auch die in ihnen oder in ihrer Konvergenz potenziell denkbaren L&ouml;sungsans&auml;tze machen eine solche Europa in seinen vielen Verflechtungsbeziehungen er-z&auml;hlende Geschichte n&ouml;tig. Sich dieser auch in der eigenen Geschichte inh&auml;renten Diffusionen und Wandelbarkeiten von Evidenzempfindungen zu vergegenw&auml;rtigen, k&ouml;nnte ein Schl&uuml;ssel f&uuml;r den Umgang mit &bdquo;anderen&rdquo; Denkgewohnheiten heute sein. Dies gilt dabei sowohl in Bezug auf Ideen, die von au&szlig;en herangetragen werden als auch f&uuml;r solche, die, vielleicht als Folge der Ber&uuml;hrung mit diesem &bdquo;Au&szlig;en&rdquo;, aus dem Inneren der europ&auml;ischen Gesellschaften kommen.</p>
<h2 class="auto-created">Abschlie&shy;&szlig;ende Bemerkung</h2>
<p>Das Haus der Europ&auml;ischen Geschichte w&uuml;rde einer europ&auml;ischen Geschichte vielmehr Rechnung tragen, wenn es deren Wandelbarkeit als konstitutives Merkmal in den Vordergrund stellte. Die Konzentrierung auf die zweite H&auml;lfte des oder auch auf das ganze<br />20. Jahrhunderts entspringt einer teleologischen Perspektive, die die gegenw&auml;rtige Europ&auml;ische Union als Ausgangspunkt hat. J&ouml;rn R&uuml;sen (2003: 92) hat formuliert, &bdquo;was europ&auml;isches Geschichtsbewu&szlig;tsein nicht ist oder genauer: nicht sein kann und darf &ndash; n&auml;mlich ein von europ&auml;ischen Institutionen politisch verordnetes Geschichtsbewu&szlig;tsein, das von oben zur Angelegenheit einer politischen Praxis gemacht wird&rdquo;. Claus Leggewie und Anne Lang (2011: 182 ff.) haben in diesem Zusammenhang auf die fehlende Beteiligung einer europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit aufmerksam gemacht und dem Top-down europ&auml;ischer Geschichtspolitik ein &uuml;berzeugendes Pl&auml;doyer f&uuml;r ein Bottom-up durch die Einbeziehung der europ&auml;ischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gegen&uuml;ber gestellt. Doch auch die Geschichtswissenschaft hat die Aufgabe, weiter eigene alternative Fragestellungen und Perspektiven zu entwickeln und in die Diskussion &uuml;ber solche Projekte wie dem Haus der Europ&auml;ischen Geschichte einzubringen.</p>
<p>Die Miteinbeziehung der Geschichte des Mittelmeerraumes in eine gesamteurop&auml;ische Geschichtserz&auml;hlung (dies sei hier nur als ein m&ouml;gliches Beispiel genannt), b&ouml;te in einem solchen Museum den Vorteil, auch Teile des arabischen Raumes als Peripherie eines Europas zu begreifen, als dessen Teil es in der Vergangenheit einmal st&auml;rker pr&auml;sent war als heute. Diese Sichtweise &ouml;ffnet die Perspektive, diesen Teil in einem zu-k&uuml;nftigen Europa auch wieder als zentraleren Bezugspunkt vorstellen zu k&ouml;nnen. Die eingangs erw&auml;hnten Entwicklungen im Maghreb erhielten sowohl in historischer als auch in einer in die Zukunft gerichteten Perspektive eine europ&auml;ische Komponente.<br />Und es lohnt auch &Uuml;berlegungen in eine solche Ausstellungskonzeption mit einzubeziehen, die eine europ&auml;ische Geschichte vor dem Hintergrund der Finanz- und Bankenkrise sowie den Herausforderungen des Klimawandels als eine Geschichte des st&auml;ndig wandelnden &bdquo;In-die-Welt-gestellt-Seins&rdquo; wagt, bei der aktuelle Gesellschafts- und Systemkritik in einen historischen Kontext zu anderen Verschiebungen und Entwicklungen in der Selbstwahrnehmung und -betrachtung der Europ&auml;er gesetzt werden. Die Offenheit Europas, so wie Eric Hobsbawm sie beschrieben hat, w&uuml;rde damit als zentrales Element der europ&auml;ischen Geschichte erfahrbar.</p>
<p>(1) Der Verfasser dieses Artikels hat sich in einem anderen Beitrag ausf&uuml;hrlich mit diesen konzeptionellen Grundlagen auseinandergesetzt: Marcel Siepmann (2012, i. E.): Ein Haus der Europ&auml;ischen Geschichte wird eingerichtet, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht.</p>
<p>(2) Das Projekt st&uuml;nde damit in der jungen Tradition einer EU-Geschichtspolitik, die ein zunehmendes Interesse daran erkennen l&auml;sst, dieser Erinnerung Rechnung zu tragen. Zumindest kann die Erkl &auml;rung des EU-Parlaments, den 23. August 1939 &mdash; also den Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts (samt geheimen Zusatzprotokolls) &mdash; zum &bdquo;Europ&auml;ischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus&rdquo; (Europ&auml;isches Parlament 2008) zu machen, so gedeutet werden.</p>
<p>(3) Timothy Garton Ash verfolgt hier ein spannendes Projekt unter dem Titel &bdquo;Free Speech Debate&rdquo;, bei dem er auf seiner Website (<a href="http://freespeechdebate.com/en" target="_blank" rel="noopener">http://freespeechdebate.com/en</a>) ein Forum bietet, &uuml;ber zehn Punkte zu debattieren, die sich mit den Voraussetzungen von Meinungsfreiheit auseinandersetzen. Die zehn Punkte sind in zehn Sprachen &uuml;bersetzt und k&ouml;nnen somit von einem gro&szlig;en Teil der Weltbev&ouml;lkerung verstanden werden. Vgl. dazu auch die Tagung &bdquo;Freespeech&rdquo; (<a href="http://www.kulturwissenschaften.de/home/freespeech.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.kulturwissenschaften.de/home/freespeech.html</a>) des K&auml;te-Hamburger-Kollegs &bdquo;Politische Kulturen der<br />Weltgesellschaft&#8220; am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen sowie den dazu entstandenen Tagungsbericht (Siepmann/Schuster 2012).</p>
<p>(4) Vgl. Hierzu auch die Debatte &uuml;ber den Beitritt der T&uuml;rkei zur EU und dazu besonders die skeptischen Beitr&auml;ge der Historiker Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler, beide abgedruckt in: Claus Leggewie (Hg.) (2004): Die T&uuml;rkei und Europa. Die Positionen, Frankfurt a. M.</p>
<p>(5) Abulafia (133) ist hier &uuml;brigens wesentlich skeptischer: &bdquo;Whether the Greeks were really fighting for liberty against Persian tyranny is questionable. In the late fifth century, at the height of their struggle against one another in the Peloponnesian War, the Spartans and the Athenians were constantly trying to win the favour of the Persians; submitting to the Persian king was not always seen as a despicable act.&rdquo;</p>
<p>(6) Hartmut Leppin (2012: 22) sieht es &auml;hnlich wie Meier, wenn er betont, diese Freiheit &bdquo;scheint spezifisch zu sein f&uuml;r die europ&auml;ische Kultur und stellt damit ein besonders wichtiges und &mdash; das sollte man auch betonen d&uuml;rfen &#8211; wertvolles Erbe der Antike dar.&rdquo;</p>
<p>(7) Vgl. die gro&szlig;fl&auml;chigen Artikel in &bdquo;Die Zeit&rdquo; (&bdquo;Al-Andalus, goldener Traum&#8220; vom 16. Juni 2011) des Z&uuml;rcher Romanisten Georg Bossong oder von Heiko Flottau (&bdquo;Streng und tolerant&#8220; vom 9. Juni 2012) in der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&rdquo;. Letzterer bezieht sich dabei auf einen historischen R&uuml;ckgriff des al-Qaida-Anfiihrers Aiman al-Zawahiri, der dazu aufgerufen hatte, die Muslime m&uuml;ssten &bdquo;Andalusien zur&uuml;ckerobern&rdquo; (ebd.).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Abulafia, David</i> 2011: The Great Sea. A Human History of the Mediterranean, London/New York.</p>
<p><i>Al-Khalili, Jim</i> 2011: Im Haus der Weisheit. Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur, Bonn.</p>
<p><i>Chakrabarty, Dipesh </i>2010a: Vorwort, in: Ders., Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung, Frankfurt a. M./New York, S. 9&mdash;16.</p>
<p><i>Chakrabarty, Dipesh</i> 2010b: Europa provinzialisieren: Postkolonialit&auml;t und die Kritik der Geschichte, in: Ders., Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung, Frankfurt a. M./ New York, S. 41-65.</p>
<p><i>Davies, Norman</i> 1997: Europe. A History, London.</p>
<p><i>Europ&auml;isches Parlament 2008</i>: Schriftliche Erkl&auml;rung 0044/2008 zur Erkl&auml;rung des 23. August zum Europ&auml;ischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus, vom 9. September 2008, gefunden unter: <a href="http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?language=DE&amp;pubRef=-//EP//NONSGML+WDECL+p6-DCL-2008-0044+0+DOC+pDF+VO//DE" target="_blank" rel="noopener">http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//NONSGML+WDECL+p6-DCL-2008-0044+0+DOC+pDF+VO//DE&amp;language=DE</a>, zuletzt abgerufen am: 8. Juli 2012.</p>
<p><i>Graeber, David</i> 2011: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Stuttgart.</p>
<p><i>Fukuyama, Francis </i>2006: The End of History and the Last Man, Cambridge.</p>
<p><i>Hobsbawm, Eric</i> 1998: Die merkw&uuml;rdige Geschichte Europas, in: Ders., Wieviel Geschichte braucht die Zukunft, M&uuml;nchen, S. 275-287.</p>
<p><i>Huntington, Samuel P</i>. 1997, 6. Aufl.: Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, M&uuml;nchen/Wien.</p>
<p><i>Iggers, Georg G</i>. 2006: Modern Historiography from an Intercultural Global Perspective, in: Gunilla Budde et al.</p>
<p>(Hg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, G&ouml;ttingen.</p>
<p><i>Joas, Hans</i> 2011: Die Sakralit&auml;t der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin.</p>
<p><i>Judt, Tony </i>2009: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, Frankfurt a. M.</p>
<p><i>Koch, Hannes</i> 2012: Der Finanzmissionar, in: die tageszeitung, 14. April 2012.</p>
<p><i>Lang, Anne</i> 2012, i. E.: Artikel: Stephane Hessel, in: Claus Leggewie et al. (Hg.), Schl&uuml;sselwerke der Kulturwissenschaften, Bielefeld.</p>
<p><i>Leggewie, Claus</i> (zusammen mit Anne Lang) 2011: Der Kampf um die europ&auml;ische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Leggewie, Claus</i> (Hg.) 2004: Die T&uuml;rkei und Europa. Die Positionen, Frankfurt a. M.</p>
<p><i>Leppin, Hartmut</i> 2012: Die Antike und Europa &mdash; Auf der Suche nach den europ&auml;ischen Wurzeln, in: Geschichte f&uuml;r heute. Zeitschrift f&uuml;r historische Bildung, 5, 1/2012, S. 18-39.</p>
<p><i>Loewenstein, Bedrich</i> 2009. Der Fortschrittsglaube. Geschichte einer europ&auml;ischen Idee, G&ouml;ttingen.</p>
<p><i>Meier, Christian </i>2009: Kultur, um der Freiheit willen. Griechische Anf&auml;nge &mdash; Anf&auml;nge Europas?, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Pomeranz, Kenneth</i> 2000: The Great Divergence. China, Europe, and the Making of the Modern World Economy, Princeton/Oxford.</p>
<p><i>P&ouml;ttering, Hans-Gert</i> 2009: Interview mit der Fondation Robert Schuman, European Interview, Nr. 34, 19.05.2009, gefunden unter: <a href="http://www.robert-schuman.eu/doc/entretiens_europe/ee-34-de.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.robert-schuman.eu/doc/entretiens_europe/ee-34-de.pdf</a>, zuletzt abgerufen am: 8. Juli 2012.</p>
<p><i>Radkau, Joachim</i> 2011: Die &Auml;ra der &Ouml;kologie. Eine Weltgeschichte, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Rosa, Hartmut</i> 2012: Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung. Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik, Berlin.</p>
<p><i>Rosa, Hartmut</i> 2011: Is There Anybody Out There? Stumme und resonante Weltbeziehungen &mdash; Charles Taylors monomanischer Analysefokus, in: Michael K&uuml;hnlein/Matthias Lutz-Bachmann, Unerf&uuml;llte Moderne? Neue Perspektiven auf das Werk von Charles Taylor, Berlin, S. 15-43.</p>
<p><i>R&uuml;sen, J&ouml;rn</i> 2003: Europ&auml;isches Geschichtsbewusstsein. Vorgaben, Visionen, Interventionen, in: Ders.,Kann gestern besser werden? Essays zum Bedenken der Geschichte, Berlin, S. 91&ndash;106.</p>
<p><i>R&uuml;sen, J&ouml;rn</i> 1983: Historische Vernunft: Grundz&uuml;ge einer Historik, Bd. 1. Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft, G&ouml;ttingen.</p>
<p><i>Sachverst&auml;ndigenausschuss des Hauses der Europ&auml;ischen Geschichte</i>: Konzeptionelle Grundlage f&uuml;r ein Haus der Europ&auml;ischen Geschichte. Br&uuml;ssel 2008.</p>
<p><i>Siepmann, Marcel/Schuster, Jan</i> 2012, i. E.: Tagungsbericht zu: &bdquo;Free Speech. Redefreiheit in einer multikulturellen Welt, in: H-Soz-u-Kult.</p>
<p><i>Siepmann, Marcel</i> 2012, i. E.: Ein Haus der Europ&auml;ischen Geschichte wird eingerichtet, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht.</p>
<p><i>Szlez&auml;k, Thomas Alexander</i> 2010: Was Europa den Griechen verdankt. Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike, T&uuml;bingen.</p>
<p><i>Taylor, Charles</i> 2009: Ein s&auml;kulares Zeitalter, Frankfurt a. M.</p>
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		<title>Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 18:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorg&#228;nge Heft 2/2012,S.93-103 Mit der Diskussion des Gedichtes &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; von G&#252;nter Grass ging der erinnerungspolitische Diskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit in eine neue Runde. Sowohl Grass als auch sein Gedicht wurden vielfach als antisemitisch bezeichnet. Die Worte &#8222;Jude&#8220; oder &#8222;J&#252;din&#8220; fallen in seinem Text nicht, sein Thema ist der Nahostkonflikt und der [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/was-zum-gedenken-gesagt-werden-muss/">Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012,S.93-103</p>
<p>Mit der Diskussion des Gedichtes &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; von G&uuml;nter Grass ging der erinnerungspolitische Diskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit in eine neue Runde. Sowohl Grass als auch sein Gedicht wurden vielfach als antisemitisch bezeichnet. Die Worte &#8222;Jude&#8220; oder &#8222;J&uuml;din&#8220; fallen in seinem Text nicht, sein Thema ist der Nahostkonflikt und der Weltfrieden, den er durch Israel bedroht sieht. Den iranischen Pr&auml;sidenten Mahmoud Ahmadinejad verniedlicht er als &#8222;Maulhelden&#8220;, verkehrt dabei Ursache und Wirkung. Grass sieht sich aufgrund der R&uuml;stungsvertr&auml;ge zwischen Deutschland und Israel zum Schreiben gezwungen. Seine Angst vor der m&ouml;glichen nuklearen Bewaffnung der aus Deutschland gelieferten Unterseeboote findet ihren Widerhall in der Geschichte, mit der zwei Monate sp&auml;ter der &#8222;Spiegel&#8220; aufmachte: &#8222;Geheim-Operation Samson. Wie Deutschland die Atommacht Israel aufr&uuml;stet&#8220;.(1) Das derartige Schlagzeilen und Gedichte viele Anh&auml;ngerinnen(2) finden, ist keine neue Entwicklung. 2003 ergab eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage, dass 65 Prozent der Deutschen in Israel die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r den Weltfrieden sehen.(3) Die Studie &#8222;Deutsche Zust&auml;nde&#8220; ermittelte eine Zustimmungsrate von 57 Prozent der deutschen Bev&ouml;lkerung zu der Aussage &#8222;Israel f&uuml;hrt einen Vernichtungskrieg gegen die Pal&auml;stinenser&#8220;. In derselben Studie machten 38 Prozent der Gefragten ihr H&auml;kchen neben dem Satz &#8222;Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat&#8220;.(4)</p>
<p>Der Herausgeber der &#8222;Zeit&#8220; Josef Joffe befand denn auch zu Grass&#8216; Gedicht kurz und b&uuml;ndig: &#8222;Der Antisemitismus will raus&#8220;(5). Solcherlei &Auml;u&szlig;erungen seien einer gesellschaftlichen Latenz geschuldet, &#8222;der neue (oder abgeleitete) A[ntisemitismus], wie er aus dem Grass-Gedicht quillt, ist komplizierter, &#8222;weil er sich aus einem Unterbewusst sein speist, das von m&auml;chtigen Tabus -Scham und Schuldgef&uuml;hle -eingezw&auml;ngt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege &ouml;ffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.&#8220;</p>
<p>Um auf die Titelfrage &#8222;Wozu gedenken?&#8220; dieser Ausgabe der &#8222;Vorg&auml;nge&#8220; einzugehen, m&ouml;chte ich im Folgenden in der Auseinandersetzung mit der Kultur des Gedenkens in Deutschland auf den Mechanismen der Abwehr eingehen, der auf einen darunter liegenden sekund&auml;ren Antisemitismus verweist. Im Anschluss will ich &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Unm&ouml;glichkeiten des Gedenkens, seine Einschr&auml;nkungen und M&ouml;glichkeiten sprechen.</p>
<h2 class="auto-created">Von der Amnesie zur Hypermnesie</h2>
<p>Nachdem die Nachkriegs- und Wiederaufbaujahre durch ein kollektives Beschweigen der begangenen Verbrechen gepr&auml;gt waren, das Alexander und Margarete Mitscherlich pr&auml;gnant als &#8222;die Unf&auml;higkeit zu trauern&#8220; analysierten, setzte, initialisiert durch die Studentenbewegung, erst in den 1980er Jahren, besonders nach der Vereinigung 1990, eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld ein. Als Stationen dieses Prozesses seien hier die Ausstrahlung der Fernsehserie &#8222;Holocaust&#8220; 1979 in der BRD(6), die Bitburg-Kontroverse(7), der &#8222;Historikerstreit&#8220;(8), die Diskussion um den Spielfilm &#8222;Schindlers Liste&#8220;, das &#8222;Gedenkjahr 1995&#8243;(9), die Diskussionen um das &#8222;Mahnmal f&uuml;r die ermordeten Juden Europas&#8220;(10) und die Neue Wache (ll), die Kontroverse &uuml;ber die Entsch&auml;digung ehemaliger NS-Zwangsarbeiterinnen(12), die Debatte &uuml;ber den Einsatz deutscher Bundeswehrsoldat innen im Kosovo-Krieg 1999(13) und die Goldhagen-(14) Wehrmachtsausstellungs-(15), Walser-(16) und M&ouml;llemann-Debatten(l7) genannt. Dabei ist Walser-Debatte als ein Bruchpunkt eines vorherigen demokratischen Konsenses anzusehen, antisemitische Ausf&auml;lle gesellschaftlich zu sanktionieren.(18)</p>
<p>Als vorl&auml;ufig letztes Kapitel dieser Liste kann man das Grass-Gedicht &#8222;Was gesagt werden muss&#8220;(19) ansehen. Das kollektive Schweigen &uuml;ber die deutsche Schuld wurde seit den 1980-er Jahren von einer Beredsamkeit &uuml;ber die NS-Zeit, die &#8222;deutschen Diktaturen&#8220;(20) und Auschwitz abgel&ouml;st. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergem spricht gar von einem Umschlag von Amnesie zur Hypermnesie der Gegenwart.(21) &#8222;Die unterschwellig immer pr&auml;sente Bedeutung der NS-Vergangenheit f&uuml;r die deutsche Gegenwartsgesellschaft wurde infolgedessen nachhaltig in die &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt.&#8220;(22) Dabei waren neben floskelhafter Rhetorik und Vereinnahmungsversuchen vor allem auch offene Abwehrreaktionen zu finden: &#8222;Die seit den 1980er Jahren vermehrt aggressiv artikulierte, ja hegemoniale &#8222;Schlussstrich- und Vers&ouml;hnungsideologie&#8220; (Bitburg, Gedenkjahr 1995, Walser-Debatte als &#8222;letzte Debatte&#8220;), die vor allem auf Vers&ouml;hnung der deutschen Nation mit sich selbst und ihrer Geschichte zielt, hat dazu beigetragen, die &ouml;ffentlichen Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit teils geschichtsrevisionistisch zu versch&auml;rfen, aber auch insgesamt zu verst&auml;rken.(23)</p>
<p>Das gesellschaftliche Gespr&auml;ch &uuml;ber den Nationalsozialismus hat sich also intensiviert und, wie der Politikwissenschaftler Lars Rensmann bez&uuml;glich der &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220;(24) 1995 feststellte, auch Risse im Abwehrkonsens hervorgebracht. Allerdings l&ouml;se sich der &#8222;Diskurs &uuml;ber den Holocaust in einer neuen Unbefangenheit, einer politischen Erinnerungsverwaltung oder einer Beliebigkeit auf, bei der das Grauen oberfl&auml;chlich thematisiert und in den Diskurs eingef&uuml;gt wird, ohne es an sich heranzulassen.&#8220;(25) Die intensivierten Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hren so also keineswegs notwendig zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigen auch teils subtile, teils sehr unverh&uuml;llte Abwehrformen.</p>
<h2 class="auto-created">Anerkennung oder Neutra&shy;li&shy;sie&shy;rung des Holocaust</h2>
<p>F&uuml;r Rensmann zeigten sich im Erinnerungsdiskurs die &#8222;Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Demokratie&#8220;(26): &#8222;Im politischen Diskurs zum Gedenken an Auschwitz selbst (findet) das Fortw&auml;hren heftiger Abwehraffekte wie nationaler Ressentiments erneuten Ausdruck.&#8220;(27) So h&auml;tten sich Deckdiskurse der Normalisierung und Verharmlosung der NS-Vergangenheit gebildet, bei denen bspw. in der Gleichsetzung von DDR und nationalsozialistischem Deutschland, Auschwitz und Dresden(28) oder den Vertreibungen von Deutschen(29) und ihren Opfern die Singularit&auml;t der NS-Verbrechen relativiert werden solle.</p>
<p>In Folge der intensivierten Vergangenheitsdiskurse zeigten sich drei Entwicklungen. Auf der einen Seite gebe es weitere Verarbeitungsprozesse bei einer Minderheit, die beispielsweise durch die Goldhagen-Debatte beeinflusst worden sei und sich nun an die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte machte. Dann folgten die &#8222;Unbek&uuml;mmert Indifferenten&#8220; und eine weitere Gruppe von besonders aggressiven, erinnerungsverweigernden Menschen, die sich apologetisch auf Familie und Nation bez&ouml;gen.</p>
<p>Diese haben zwei Wege, sich mit dem &#8222;Zivilisationsbruch&#8220;(30) zu arrangieren. Zu-n&auml;chst gibt es eine Strategie, die der Soziologe Michael Schwab-Trap als eine &#8222;der Neutralisierung der Vergangenheit&#8220;(31) bezeichnet. Dabei werde die Wiedervereinigung als Z&auml;sur bezeichnet und Deutschland nun als normale Nation verstanden. &#8222;Die Abgrenzung vom Nationalsozialismus macht der Abgrenzung zu den Folgen des Nationalsozialismus Platz.&#8220;(32) Ein Zusammenhang mit der deutschen Nation und deren Geschichte wird geleugnet. Rensmann warnt, dass gerade dort, wo die &#8222;Normalit&auml;t&#8220; der Gesellschaft und die &#8222;gelungene Aufarbeitung&#8220; als &#8222;abgeschlossenes Geschichtskapitel&#8220; am energischsten beschworen w&uuml;rden, nicht selten alte, lange tabuierte Ressentiments Urst&auml;nd feierten.</p>
<p>Die Anerkennung des Holocaust als Bruchpunkt deutscher Geschichtsschreibung ist allerdings ebenfalls kein Zeichen eines annehmenden und empathischen Umgangs mit der Vergangenheit. Mit der Aussage &#8222;Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz&#8220;(33) begr&uuml;ndete der damalige Au&szlig;enminister Joschka Fischer den Kriegseintritt Deutschlands in Jugoslawien, einem Land in dem, wie er noch drei Jahre zuvor betont hatte, &#8222;die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf grausamste Art und Weise gew&uuml;tet hat&#8220;(34). Auschwitz wurde vom Argument gegen deutsche Milit&auml;rintervention zu einem Argument f&uuml;r den Einsatz.(35) So &uuml;berschrieb der SPD-Abgeordnete Freimut Duve einen Artikel zum Milit&auml;reinsatz in der &#8222;Zeit&#8220; mit dem Satz &#8222;An der Rampe von Srebrenica.&#8220;(36)</p>
<p>Dazu res&uuml;mieren der Kulturwissenschaftler Thorben Fischer und Sprachwissenschaftler Matthias N. Lorenz im &#8222;Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland&#8220;: &#8222;Als ,das B&ouml;se&#8216; schlechthin bietet [Auschwitz] wie kaum ein anderes historisches Ereignis die M&ouml;glichkeit, in aktualisierende Sinnstiftungen einmontiert zu werden&#8220;, Es &#8222;verliert dabei aber [&#8230;] ebenso an Eindeutigkeit wie an &Uuml;berzeugungskraft.&#8220;(37)</p>
<p>Die Verarbeitung der Vergangenheit wird solcherma&szlig;en offensiv als moralische Begr&uuml;ndung f&uuml;r die nationale Einstellung genutzt. &#8222;Aus den gegenw&auml;rtigen geschichtspolitischen Debatten l&auml;sst sich auch h&auml;ufig ein selektives, segmentiertes und abstraktes Schuldanerkenntnis herausdestillieren, welches schlie&szlig;lich aus den NS-Verbrechen die &#8222;Verpflichtung&#8220; ableitet, die deutsche Au&szlig;enpolitik -&#8220; aus historischer Verantwortung&#8220; &#8211; weiter zu militarisieren sowie den deutschen Hegemonialanspruch in Europa und weltweit zu best&auml;rken.&#8220;(38) Deutschland ist auf diese Weise nicht mehr nur eine Nation unter vielen, sondern pr&auml;sentiert sich unumwunden als diejenige, die aus der Massenvernichtung der J&uuml;dinnen Juden gelernt habe &#8211; die Sonderwegsthese der Geschichtswissenschaften kehrt sich um. Mit Adorno l&auml;sst sich betonen: &#8222;Man hat es nicht so eilig mit dem Schlu&szlig;strich unter die Vergangenheit, wenn sie der Abwehr dient.&#8220;(39) Der Wunsch, endlich als normalisierte Nation etwas f&uuml;r die eigene L&auml;uterung zu bekommen, steigert sich in der Konstruktion Deutschlands als moralisch &uuml;berlegener Nation, die eben wegen Auschwitz in der Lage sei, zu scheiden, was Recht und Unrecht ist.</p>
<p>Eine kritische Erforschung der Schuldabwehr ist heute somit &#8222;st&auml;rker im Kontext einer nationalstaatlichen, mentalit&auml;tsgeschichtlich orientierten politischen Kulturforschung zu konzipieren, die das Band von der deutschen Tat Auschwitz zur &#8222;zivilisatorischen Normalit&auml;t&#8220; und universellen Sph&auml;re des Allgemein-Menschlichen zerschneidet, ohne Verbindungslinien zur universellen modernen Logik der Herrschaft und Ausgrenzung zu ignorieren; nirgends sind dabei die Widerst&auml;nde vehementer als im Land der T&auml;ter.&#8220;(4o)</p>
<p>Am Bilde der ldentifikationen beim Fu&szlig;ball kommt der Politologe Daniel Keil zu dem Urteil, dass die &#8222;gelungene Entkoppelung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch eine kulturindustriell gepr&auml;gte permanente Bearbeitung, [] auf Banalisierung und Exkulpation hinausl&auml;uft.&#8220;(41) Die Aufarbeitung der Vergangenheit wird nicht ernsthaft, im Sinne einer Selbstreflexion sondern eher wie im gleichnamigen Aufsatz Adornos angemahnt vollzogen: &#8222;Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, da&szlig; man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewu&szlig;tsein. Sondern man will einen Schlu&szlig;strich darunter ziehen und wom&ouml;glich es selbst aus der Erinnerung wegwischen&#8220;.(42)</p>
<p>In der modernen Form wird die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zur Pflicht, eben um nicht &uuml;ber die Inhalte nachzudenken. Scham oder Schuld kommen dabei au&szlig;erhalb dieser intellektualisierenden Haltung nicht vor. So ist der Besuch bspw. einer Ausstellung verbunden mit dem Wunsch, diesem Selbstbild zu entsprechen. Die Sozialanthropologin Sharon Macdonald beschrieb dieses Vorgehen bereits 2009 innerhalb ihrer Studie zu Besucherinnen des Dokuzentrums auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgel&auml;nde in N&uuml;rnberg: &#8222;This learning itself, however, is cast as what seems to be the most important motivation of many to visit. This is as a kind of moral duty to bear witness to an atrocious past; this being expressed by some simply as something that one &#8222;should do&#8220;. As such, attendance becomes as much an act of commemoration as of education&#8220;.(43)</p>
<p>F&uuml;r diese moralische Pflicht gelten dieselben Auswirkungen, wie f&uuml;r die starke Thematisierung des Nationalsozialismus generell. Sie schafft R&auml;ume, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, trivialisiert die Auseinandersetzung allerdings zeitgleich.(44) Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten.</p>
<h2 class="auto-created">Die Abwehr gegen die Schuld</h2>
<p>Bei einem solchen Umgang mit der deutschen Vergangenheit kommt es anstatt zu einer empathischen Auseinandersetzung zu einer &#8222;Affektverleugnung und Affektisolation, was hei&szlig;t, da&szlig; [&#8230;] das, was in Auschwitz geschah, zwar durchweg anerkannt wird, aber im Erleben nichts bedeutet.&#8220;(45) Dort allerdings, wo das Mitf&uuml;hlen und die Scham nicht zugelassen w&uuml;rden, k&ouml;nne auch ein authentisches Gedenken nicht funktionieren. Die Schuld wird entweder verleugnet und gemindert oder unter Deckerinnerungen unterdr&uuml;ckt. Das Wissen um die Schuld bleibt unangetastet und wird durch eine gewollte Alternativversion ersetzt.</p>
<p>Diese Deckerinnerungen bringen allerdings ein grundlegendes Problem mit sich: Es kann ihnen nicht restlos getraut werden, ein Rest Zweifel an ihnen bleibt bestehen und f&uuml;hrt zunehmend zum Dogmatismus.(46)Die eigene oder deutsche Schuld soll abgewehrt werden, es gibt das Bed&uuml;rfnis nach Auseinandersetzung. Dabei wird ein_e Ankl&auml;ger in ben&ouml;tigt, um die Position des zweifelnden Selbst zu &uuml;bernehmen. Die Ambivalenz der Apologie, also das Wissen um die Wahrheit, auf die durch die Leugnung Bezug genommen wird, muss auf zwei Personen aufgeteilt werden. Die zuvor selbst ausgesprochene Anklage gegen sich selbst wird von nun an durch den Widerpart vertreten, dem entgegen reagiert werden kann.</p>
<p>Es geht in der Abwehr also weder um Wahrheit oder ihr Gegenteil, sondern um den performativen Akt der Entschuldung in der Auseinandersetzung (47) Das Ziel ist das Streitgespr&auml;ch, in dem mit einer anderen Person als Widerpart sogar die M&ouml;glichkeit f&uuml;r den die Apologet_in besteht, die Diskussion zu gewinnen. In dieser Diskussion soll Entlastung und eine unverstellte Identifikation mit dem Kollektiv herbeigef&uuml;hrt werden. Daraus erkl&auml;rt sich auch, wie gro&szlig; das Interesse ist, die Geschichte dauerhaft umzuschreiben. Dabei muss allerdings zun&auml;chst der bohrende Rest der Schuldanerkennung selbst vergessen werden, damit er im Folgenden den Anderen ausgeredet werden kann. Somit w&auml;re das Vergessen &#8222;eher eine Leistung des allzu wachen Bewu&szlig;tseins als dessen Schw&auml;che gegen&uuml;ber der &Uuml;bermacht unbewu&szlig;ter Prozesse&#8220;(48) und w&auml;re somit der Beginn einer geschichtsanpassenden Praxis, deren Ziel die Dekonstruktion von Auschwitz als Bruch der kollektiven Identifikation als &#8222;Deutscher&#8220; ist.</p>
<h2 class="auto-created">Sekund&auml;rer Antise&shy;mi&shy;tismus</h2>
<p>F&uuml;r dieses deutsche Bed&uuml;rfnis der Abwehr pr&auml;gte der Mitarbeiter des Frankfurter Instituts f&uuml;r Sozialforschung Peter Sch&ouml;nbach den Begriff des &#8222;sekund&auml;ren Antisemitismus&#8220;.(49) Entstanden aus dem Wunsch nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit entsteht der Schuldabwehrantisemitismus &#8222;nicht trotz, sondern wegen Auschwitz&#8220;. so Dieser, so Theodor W. Adorno in einem Radiovortrags&#8216;, ergab sich aus den innerfamili&auml;ren Narrativen: Die Generation der T&auml;ter versuchte, ihr Verhalten w&auml;hrend der Nazi-Zeit zu rechtfertigen, und verwies dabei z. B. auf die &#8222;reichen Juden&#8220; oder deren angeblichen gro&szlig;en Einfluss w&auml;hrend der Weimarer Republik. Es geht also um Menschen, die sich selbst nicht als judenfeindlich verstehen &#8211; sie wollen sich distanzieren. Dieser Vorgang betrifft sowohl die T&auml;ter innen Generation, als auch deren Nachfahren. Er ist ein innerfamili&auml;res Narrativ: Stereotype, die als Erkl&auml;rung f&uuml;r das Verhalten der Elterngeneration genutzt werden, verfestigen sich, werden von den Kindern &uuml;bernommen, um nicht in Konflikt mit der elterlichen Geschichtsschreibung und Schuldverarbeitung zu geraten. Adorno f&uuml;hrt weiter aus: &#8222;Wenn man Schuldgef&uuml;hle und Verantwortung gegen&uuml;ber dem von den Nazis Begangenen abwehrt, so bedeutet das nicht nur, da&szlig; man sich reinwaschen will, sondern ebenso auch, da&szlig; man, was begangen ward, eben doch unrecht fand und darum ablehnt. W&auml;re das nicht der Fall, so bed&uuml;rfte es nicht des Eifers der Distanzierung.&#8220;(52)</p>
<p>Die Scham und die Abscheu &uuml;ber die Verbrechen der Nazis treiben zum Wunsch, m&ouml;glichst nichts damit zu tun zu haben. Revidierung der Geschichte, Gleichsetzungen oder die Relativierung der Shoa sind die Methoden der Entlastung. In den Forschungen des Instituts zeige sich, dass &#8222;die furchtbaren Tatsachen der nationalsozialistischen Judenverfolgungen im allgemeinen nicht zu einer radikalen Abkehr vom Antisemitismus gef&uuml;hrt&#8220;(53), sondern eine neue Ausformung des Antisemitismus begr&uuml;ndet h&auml;tten. Die im Rahmen des sp&auml;teren Essays &#8222;Schuld und Abwehr&#8220; behandelten Personen sind somit mitunter keine &uuml;berzeugten Nazis, dennoch offenbarten sie in ihren Aussagen eine feindselige Haltung gegen J&uuml;dinnen_Juden, da die befragten Personen &Uuml;berlebende des Holocaust oder generell &#8222;Juden&#8220; als &#8222;Repr&auml;sentanten oder Verk&ouml;rperungen einer unerw&uuml;nschten oder verdr&auml;ngten Erinnerung&#8220;(54) wahrnahmen. Die Befragten, sei es die Generation der T&auml;ter innen oder deren Kinder, bef&auml;nden sich demnach in einem Dilemma: Einerseits seien sie &uuml;ber die millionenfachen Verbrechen erschrocken; andererseits versuchten sie ihr eigenes Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu rechtfertigen oder f&uuml;hlten sich ihren Eltern oder ihrem eigenen nationalen Kollektiv verbunden &#8211; A-dorno spricht mehrmals von der blinden Identifikation mit der Nation und der Gewalt von Identifikationsmechanismen.</p>
<p>Wegen dieser Identifikation muss die Erinnerung an Auschwitz abgewehrt oder relativiert werden. Denn das Wissen und der Schrecken dar&uuml;ber, wohin es mit der Kollektivierung als Deutschland f&uuml;hrte, gef&auml;hrdet ein Bild, auf dass eine_r sich irgendwie positiv beziehen kann. So entwickelte sich nach 1945 eine neue Form der Feindschaft gegen J&uuml;dinnen_Juden, weil sie bereits durch ihre Anwesenheit und durch die scheinbar f&uuml;r sie ge&auml;u&szlig;erte Forderung nach Aufkl&auml;rung und Erinnerung, den Wunsch, einen Schlussstrich zu ziehen und die Nazizeit vergessen zu k&ouml;nnen, unterminierten. Das eigene Schuldgef&uuml;hl wird abgewehrt und auf die Juden projiziert. Diese Abwehr schl&auml;gt oftmals, so Horkheimer/Adorno, in aggressives Verhalten, bedingt durch antisemitische Projektionen, um: &#8222;Die Abwehr der Erinnerung an das Uns&auml;gliche, was geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen.&#8220;55 Der j&uuml;dische Arzt Zvi Rex</p>
<p>brachte diesen von der kritischen Theorie begr&uuml;ndeten Zusammenhang knapp auf den Begriff: &#8222;Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen!&#8220;(56)</p>
<h2 class="auto-created">Wozu Gedenken?</h2>
<p>Diese intensivere Besch&auml;ftigung soll bereits die mit dem Begriff verbundenen Unm&ouml;glichkeiten aufzeigen. Die Frage nach Gedenken ist nicht nur ein &#8222;Wozu&#8220;. Vielmehr stellt sich auch die Frage nach der M&ouml;glichkeit eines zulassenden Gedenkens. Die Bereitschaft zum Erinnern und Gedenken ist abh&auml;ngig vom Verh&auml;ltnis des Einzelnen zur eigenen Geschichte, zur Geschichte Deutschlands und der eigenen Identifikation mit Deutschland. &#8222;Je n&auml;her und unverbr&uuml;chlicher man zu den Geschicken der eigenen Gemeinschaft steht, desto eher wird man die Erinnerung an deren Geschichte, die dann auch als eigene empfunden wird, zu bewahren suchen. Je ambivalenter, schwieriger und br&uuml;chiger die Vergangenheit des Volkes ist, dem man angeh&ouml;rt, desto mehr &Uuml;berwindung erfordert die Besch&auml;ftigung mit dessen Geschichte, die dann als eigene eher abgewehrt wird.&#8220; (57)</p>
<p>Die Konfrontation mit den Verbrechen gegen die Menschheit macht ein annehmen des Erinnern oder Gedenken zu einer schweren T&auml;tigkeit, die eine ungebrochene Identifikation mit der deutschen Nation verunm&ouml;glicht. Erinnern und Gedenken bedeuten dann immer auch Auseinandersetzung mit den Biografien der eigenen Eltern, Gro&szlig;eltern, Vorfahren und denen, die so waren wie sie. Das gesellschaftliche Denken der Nationalsozialist_innen aufzuarbeiten und dessen Transformationen und Wandlungen zu verfolgen, ist ebenfalls notwendig, um Gedenken nicht als lediglich r&uuml;ckw&auml;rtsgerichtete Rechtfertigungsfigur zu betrachten. So schrieb auch Salomon Korn: ,Die Bereitschaft, der nationalsozialistischen Verbrechen aufrichtig zu gedenken, h&auml;ngt von der Bereitschaft der nichtj&uuml;dischen Deutschen ab, nationale Identit&auml;t in ihren geschichtlich geformten Brechungen und Diskontinuit&auml;ten anzunehmen &#8211; sich eben nicht in eine scheinbar heile nationale Identit&auml;t zu fl&uuml;chten, die zwangsl&auml;ufig die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord auf ihre Bed&uuml;rfnisse hin verbiegen, relativieren und schlie&szlig;lich verf&auml;lschen mu&szlig;.(58)</p>
<p>Die Ereignisse auf politischer Ebene, das Streben nach Normalisierung und erinnerungsverweigernder Vers&ouml;hnung konnte nur &uuml;ber das Einstampfen oder Neubesetzen der Besonderheit der Geschichtsschreibung Deutschlands funktionieren. Dieses Streben hat schleichend die Grundlagen des Antisemitismus erneuert bzw. reproduziert. &#8222;Die Politik flankiert die gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen f&uuml;r solche Judenfeindlichkeit, die die Subjekte ins Innerste pr&auml;gen.&#8220;(59)</p>
<p>Zwar hat die intensivierte Diskussion &uuml;ber den Holocaust nicht nur dem Antisemitismus, sondern auch der Auseinandersetzung `mit der Geschichte die T&uuml;r ge&ouml;ffnet. Die Folgen sind aber, wie im Text bereits aufgezeigt, keineswegs ableitbar. Es werden R&auml;ume geschaffen, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, dennoch wird die Auseinandersetzung zeitgleich trivialisiert. Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten. Diese k&ouml;nnen nur durch Eingedenken und den Zugriff auf die gesellschaftlichen Ursachen bearbeitet werden.</p>
<p>Dabei wurde der Zusammenhang von Erinnerungsbereitschaft und nationaler Identifizierung bereits herausgearbeitet. Aus ihm wird deutlich, dass Erinnern und Gedenken der Nachfahren der Opfer und der Nachfahren der T&auml;ter innen sich ebenfalls unterscheiden m&uuml;ssen. &#8222;Die Nachfahren der T&auml;ter k&ouml;nnen nicht in gleicher Intensit&auml;t um die ihnen ferner stehenden Opfer des V&ouml;lkermordes trauern wie die unmittelbar betroffenen Nachfahren der Ermordeten oder &Uuml;berlebenden. W&auml;hrend Letztere im Gedenken vor-wiegend die Erinnerung an die Ermordeten der eigenen Familie, des eigenen Volkes bewahren, m&uuml;&szlig;te das Gedenken der T&auml;ter-Nachfahren an die Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes immer auch die Erinnerung an Verbrechen des eigenen Volkes sowie Fragen nach deren Ursachen und Folgen einschlie&szlig;en.&#8220;(60)</p>
<p>Dieses Verh&auml;ltnis l&auml;sst sich auch f&uuml;r den Vorstandsvorsitzenden der Rom und Cinti Union, Rudko Kawczynski, nicht zusammenf&uuml;gen. Er sagte in seiner Rede zur Er&ouml;ffnung der Ausstellung &#8222;In den Tod geschickt &#8211; die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940-1945&#8220;: &#8222;Ein, wirkliches, gemeinsames Gedenken als Nachfahren der Generationen der &Uuml;berlebenden und den Nachfahren der vermeintlichen T&auml;ter wird es wohl nicht geben k&ouml;nnen, dazu sind unsere Geschichten und Erfahrungen, unsere Erinnerungen an die Zeit der Hakenkreuze zu unterschiedlich. Eine gemeinsame Aufarbeitung und Mahnung jedoch ist nicht nur m&ouml;glich, sondern unabdingbar. Gerade heute, in einer Zeit, in der Folter und Internierungen ebenso zu Alltag zu werden drohen, wie der Abbau von zivilen Rechten, in der Menschenrechte auf dem Altar der Terrorbek&auml;mpfung einem &Uuml;berwachungswahn geopfert werden, ist es an uns, die Erinnerung an eine Zeit des Staatlichen Terrors lebendig zu erhalten.&#8220;(61)</p>
<p>In dieser Aussage findet sich eben der Umgang, den Adorno in &#8222;Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit&#8220; bereits als Grundlage einer tats&auml;chlichen Aufarbeitung der Vergangenheit formulierte: &#8222;Aufgearbeitet w&auml;re die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt w&auml;ren. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.&#8220;(62)</p>
<p>(1) Der Spiegel 23/2012. Url: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html</a> (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(2) Sprache wird in diesem Artikel als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverh&auml;ltnisse und damit auch als Ort an dem diese reproduziert werden verstanden. Mit der Schreibweise &#8222;mit Unterstrich&#8220; sollen all diejenigen Geschlechtsidentit&auml;ten mitgedacht werden, die sich jenseits der gesellschaftlich hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit verorten. Einen Spezialfall in dieser Schreibform stellt allerdings der Begriff J&uuml;dinnen_Juden dar, da die eigentlich dieser Schreibweise entsprechende Bezeichnung &#8222;Jud_innen&#8220;, den nationalsozialistischen Begriff &#8222;Jud&#8220; beinhaltet und diesen somit reproduziert.</p>
<p>(3) IRAQ and PEACE IN THE WORLD. Url: <a href="http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf" target="_blank" rel="noopener">ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf</a>, 85. (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(4) Heitmeyer, Wilhelm 2007: Deutsche Zust&auml;nde. Folge 6. Suhrkamp, Frankfurt a. M.</p>
<p>(5) Joffe, Josef 2012: Der Antisemitismus will raus. Url: http:/Iwww.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israeUkomplettansicht (gesehen 10.06.2012).</p>
<p>(6) Vgl. Fischer, Torben/ Lorenz, Matthias N. Hg. 2007: Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld transcript, S. 243 ff;</p>
<p>Rensmann, Lars 2001: Politisch-psychologische Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Gegenwart. Zum Verh&auml;ltnis von neueren Vergangenheitsdiskursen und gesellschaftlichen Einstellungen gegen&uuml;ber dem Holocaust in Deutschland. In: Lappin, Eleonore/Schneider, Bernhard (Hg): Die Lebendigkeit der Geschichte. (Dis-)Kontinuit&auml;ten in Diskursen &uuml;ber den Nationalsozialismus. St. Ingbert R&ouml;hrig Universit&auml;tsverlag, S. 357.</p>
<p>(7) Vgl. Postone, Moishe 2005a: Bitburg. 5. Mai 1985 und danach. Ein Brief an die westdeutsche Linke. In: Postone, Moishe (Hg.): Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Freiburg 9a-ira-Verlag, S. 51-59, D&uuml;lffer, Jost 1999: Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur &#8211; Kein Ende der Geschichte. In: Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.): Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg Hamburger Edition, S 289-312; Hartmann, Geoffrey (Hg.) 1986: Bitburg in Moral and Political Perspective. Bloomington; Funke, Hajo 1988: Aufarbeitung der Vergangenheit. Zur Wirkung nationalsozialistischer Erziehung vor und nach 1945. In: Bar-On, Dan/Beiner, Friedhelm/Brusten Manfred (Hg.): Der Holocaust, familiale und gesellschaftliche Folgen &#8211; Aufarbeitung in Wissenschaft und Erziehung. Wuppertal Universit&auml;tsverlag.</p>
<p>(8) Vgl. Diner, Dan (Hg.) 1987: Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(9) Vgl. Rensmann 2001 S. 359.</p>
<p>(10) Vgl. Brumlik, MichalFunke, Hajo/Rensmann, Lars (Hg.) 2000: Umk&auml;mpftes Vergessen: Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik. Berlin Das Arabische Buch, D&uuml;lffer 1999.</p>
<p>(11) Ebd. S. 77 ff.</p>
<p>(12) Vgl. Schwab Trapp, Michael 2003: Der Nationalsozialismus im &ouml;ffentlichen Diskurs. In: Bergem, Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen Leske&amp;Budrich, S 323 f.</p>
<p>(13) Vgl. Schwab-Trapp 2003.</p>
<p>(14) Vgl. Fischer/Lorenz 2007: S. 295 ff.; Rensmann, Lars 1998: Kritische Theorie &uuml;ber den Antisemitismus: Studien zu Struktur, Erkl&auml;rungspotential und Aktualit&auml;t. Berlin und Hamburg Argument, S. 336 ff.; Rensmann, Lars 2001: S. 359 ff.; Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik. Wiesbaden, Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 334.</p>
<p>(15) Vgl. Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.) 1999: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung: &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg: Hamburger Edition, Rensmann 2001: S. 362 f.; Z&ouml;chmeister, Markus/Sauer, Joachim 2005: Langes Schweigen &#8211; Sp&auml;te Erinnerung. Die Wehrmachtsausstellung in Salzburg. Innsbruck Studienverlag.; Prantl, Heribert (Hg.) 1997: Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse. Hamburg Hoffmann und Campe; Thiele, Hans-G&uuml;nther (Hg.) 1997: Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse. Bonn Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung.</p>
<p>(16) Vgl. Brumlik/Funke/Rensmann 2000; Rensmann 2001: S. 362 ff.; Salzborn, Samuel 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt a. M.: Campus. S. 207 f&pound;; Dietzsch, Martin/J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.) 1999: Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verst&auml;ndnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers. Eine Dokumentation. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung.</p>
<p>(17) Vgl. Funke, Hajo Friedensrede als Brandstiftung. In: Brumlik/Funke/Rensmann, S 212ff.</p>
<p>(18) Vgl. Habermas, J&uuml;rgen 2002: Tabuschranken. Eine semantische Anmerkung. F&uuml;r Marcel Reich-Ranicki, aus gegebenen Anl&auml;ssen. In: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 7.6.2002. S. 13; Salzborn 2010 S.208 f.</p>
<p>(19) Grass, G&uuml;nther 2012: Was gesagt werden muss. In: <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809" target="_blank" rel="noopener">www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809</a> (Gesehen am 04.06.2012).</p>
<p>(20) Kritik bei Habermas, J&uuml;rgen 1995: Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 26 f.</p>
<p>(21) Bergem, Wolfgang 2003: Barbarei als Sinnstiftung? Das NS-Regime in Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur der Bundesrepublik. In: Bergem; Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. S. 81.</p>
<p>(22) Rensmann 2001 S. 357.</p>
<p>(23) Ebd. S. 366.</p>
<p>(24) Ebd.</p>
<p>(25) Ebd.</p>
<p>(26) Adorno, Theodor W. 1977: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften 10.2. Eingriffe, Stichworte, Anhang. Hrsg. von Rolf Tiedemann unter der Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 555 f.</p>
<p>(27) Rensmann 2001 S. 366.</p>
<p>(28) Vgl. Klunft, Michael (Hg.) 2003: Erinnern, verdr&auml;ngen, vergessen. Giessen: Netzwerk f&uuml;r politische Bildung, Kultur und Kommunikation, S. 167 ff.; Explizit zu Dresden Vgl. Fischer, Henning 2011: &#8222;Erinnerung&#8220; an und f&uuml;r Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Ged&auml;chtnis der Berliner Republik. M&uuml;nster Verlag Westf&auml;lisches Dampfboot.</p>
<p>(29) Sp&auml;ter, Erich 2004: Siebzig Jahre v&ouml;lkischer Nationalismus: Von der &#8222;Sudetendeutschen Volksgemeinschaft&#8220; zur &#8222;Volksgruppe im Exil&#8220;. In: Klundt, Michael (Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im deutschen Geschichtsdiskurs. K&ouml;ln PapyRossa, S. 104-133.</p>
<p>(30) Diner, Dan (Hg.) 1988: Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(31) Schwab-Trapp 2003: S. 183.</p>
<p>(32) Ebd. S. 184.</p>
<p>(33) Zitat nach: S&uuml;ddeutsche Zeitung. 24. Januar 2005.</p>
<p>(34) Fischer, 30.6.1995 zitiert nach Schwab-Trapp 2003: S. 176.</p>
<p>(35) Vgl. Claussen, Detlev 2005: Grenzen der Aufkl&auml;rung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt a. M.</p>
<p>(36) Duve, Freimut 1995: An der Rampe von Srebrenica. In: Die Zeit 30/1995. Url: <a href="http://www.zeit.de/" target="_blank" rel="noopener">www.zeit.de</a> 1995/30/An_der_Rampe_von_Srebrenica (Gesehen: 06.10.2010).</p>
<p>(37) Vgl. Fischer/Lorenz 2007 S. 305.</p>
<p>(38) Klunft 2004 S. 175.</p>
<p>(39) Adorno, Theodor W. 1975: Schuld und Abwehr. In: Gesammelte Schriften. Band 9. Soziologische Schriften II, S. 237.</p>
<p>(40) Rensmann, Lars 2000: Aufgearbeitete Vergangenheit? Zur Erforschung gegenw&auml;rtiger Dynamiken von Nationalismus und Judeophobie in Deutschland. In: J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.): Weiter auf unsicherem Grund: Rechtsextremismus &#8211; Rechtspopulismus &#8211; Rassismus. Kontinuit&auml;ten und Br&uuml;che. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung, S. 84.</p>
<p>(41) Keil, Daniel 2010: Die &#8222;zarte Wiederentdeckung des Deutschen&#8220; &#8211; Thesen zu Kritik der deutschen Nation und ihrer gegenw&auml;rtigen Entwicklung. In: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hg.): Irrsinn der Normalit&auml;t. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus. M&uuml;nster Westf&auml;lisches Dampfboot, S.20-44.</p>
<p>(42) Ebd. S. 555.</p>
<p>(43) Macdonnald, Sharon 2009: Difficult heritage: negotiating the Nazi past in Nuremberg and beyond. London/New York Routledge, S. 169.</p>
<p>(44) Vgl. Adorno 1977 S. 555.</p>
<p>(45) Juelich, Dierk 1995: Erlebtes und ererbtes Trauma. Von den psychischen Besch&auml;digungen bei den Urhebern der Shoah. In: Schreier, Helmut/Heyl, Mathias (Hg.): &#8222;Da&szlig; Auschwitz nicht noch einmal sei&#8230;&#8220; Zur Erziehung nach Auschwitz. Hamburg Kr&auml;mer, S. 98.</p>
<p>(46) Vgl. Huppert, Daru 2003: Revisionismus als Einstellung und Klischee. In: B&uuml;ro trafo K./H&ouml;llwart, Renate/Martinez-Turek, Charlotte/Sternfeld, Nora/Pollak, Alexander (Hg.): In einer Wehrmachtsausstellung. Erfahrungen mit Geschichtsvermittlung. Wien: Turia+Kant, S. 129.</p>
<p>(47) Vgl. ebd. S. 130.</p>
<p>(48) Adorno 1977 S. 558.</p>
<p>(49) Adorno, Zur Bek&auml;mpfung des Antisemitismus heute.</p>
<p>(50) Broder 1986 S. 11.</p>
<p>(51) Adorno, Theodor W. Gesammelte Schriften. Band 20.1.Vermischte Schriften I, S. 360-3 84.</p>
<p>(52) Adorno 1975 S. 149 f.</p>
<p>(53) Adorno 1975 S. 323.</p>
<p>(54) Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 91.</p>
<p>(55) Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. 1985: Vorwort zu Paul W. Massings &#8222;Vorgeschichte des politischen Antisemitismus&#8220;. In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Bd. 8. Frankfurt a. M. S. 126 f.</p>
<p>(56) Zit. nach Juelich, Dierk 1994: Die Wiederkehr des Verdr&auml;ngten. Sozialpsychologische Aspekte zur Identit&auml;t der Deutschen nach Auschwitz. In: Kulke, Christine (Hg.): Der gew&ouml;hnliche Antisemitismus: Zur politischen Psychologie der Verachtung. Pfaffenweiler Centaurus-Verlags-Gesellschaft, S. 86.</p>
<p>(57) Korn, Salomon 2001: Die zweigeteilte und die gemeinsame Erinnerung: Was es in Israel hei&szlig;t, des Holocaust zu gedenken, und was in Deutschland. Url: <a href="http://www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm" target="_blank" rel="noopener">www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm</a> (Stand 13.06.2012).</p>
<p>(58) Ebd.</p>
<p>(59) Rensmann 1998: S. 334.</p>
<p>(60) Ebd.</p>
<p>(61) Rudko Kawczynski 2009: Er&ouml;ffnungsrede. Url: <a href="http://hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc" target="_blank" rel="noopener">hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc</a> (Stand 13.06.2012)</p>
<p>(62) Adorno 1977 S. 572.</p>
<p>Hannes Jaacks</p>
<p>Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</p>
<p>Mit der Diskussion des Gedichtes &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; von G&uuml;nter Grass ging der erinnerungspolitische Diskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit in eine neue Runde. Sowohl Grass als auch sein Gedicht wurden vielfach als antisemitisch bezeichnet. Die Worte &#8222;Jude&#8220; oder &#8222;J&uuml;din&#8220; fallen in seinem Text nicht, sein Thema ist der Nahostkonflikt und der Weltfrieden, den er durch Israel bedroht sieht. Den iranischen Pr&auml;sidenten Mahmoud Ahmadinejad verniedlicht er als &#8222;Maulhelden&#8220;, verkehrt dabei Ursache und Wirkung. Grass sieht sich aufgrund der R&uuml;stungsvertr&auml;ge zwischen Deutschland und Israel zum Schreiben gezwungen. Seine Angst vor der m&ouml;glichen nuklearen Bewaffnung der aus Deutschland gelieferten Unterseeboote findet ihren Widerhall in der Geschichte, mit der zwei Monate sp&auml;ter der &#8222;Spiegel&#8220; aufmachte: &#8222;Geheim-Operation Samson. Wie Deutschland die Atommacht Israel aufr&uuml;stet&#8220;.(1) Das derartige Schlagzeilen und Gedichte viele Anh&auml;ngerinnen(2) finden, ist keine neue Entwicklung. 2003 ergab eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage, dass 65 Prozent der Deutschen in Israel die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r den Weltfrieden sehen.(3) Die Studie &#8222;Deutsche Zust&auml;nde&#8220; ermittelte eine Zustimmungsrate von 57 Prozent der deutschen Bev&ouml;lkerung zu der Aussage &#8222;Israel f&uuml;hrt einen Vernichtungskrieg gegen die Pal&auml;stinenser&#8220;. In derselben Studie machten 38 Prozent der Gefragten ihr H&auml;kchen neben dem Satz &#8222;Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat&#8220;.(4)</p>
<p>Der Herausgeber der &#8222;Zeit&#8220; Josef Joffe befand denn auch zu Grass&#8216; Gedicht kurz und b&uuml;ndig: &#8222;Der Antisemitismus will raus&#8220;(5). Solcherlei &Auml;u&szlig;erungen seien einer gesellschaftlichen Latenz geschuldet, &#8222;der neue (oder abgeleitete) A[ntisemitismus], wie er aus dem Grass-Gedicht quillt, ist komplizierter, &#8222;weil er sich aus einem Unterbewusst sein speist, das von m&auml;chtigen Tabus -Scham und Schuldgef&uuml;hle -eingezw&auml;ngt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege &ouml;ffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.&#8220;</p>
<p>Um auf die Titelfrage &#8222;Wozu gedenken?&#8220; dieser Ausgabe der &#8222;Vorg&auml;nge&#8220; einzugehen, m&ouml;chte ich im Folgenden in der Auseinandersetzung mit der Kultur des Gedenkens in Deutschland auf den Mechanismen der Abwehr eingehen, der auf einen darunter liegenden sekund&auml;ren Antisemitismus verweist. Im Anschluss will ich &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Unm&ouml;glichkeiten des Gedenkens, seine Einschr&auml;nkungen und M&ouml;glichkeiten sprechen.</p>
<p>Von der Amnesie zur Hypermnesie</p>
<p>Nachdem die Nachkriegs- und Wiederaufbaujahre durch ein kollektives Beschweigen der begangenen Verbrechen gepr&auml;gt waren, das Alexander und Margarete Mitscherlich pr&auml;gnant als &#8222;die Unf&auml;higkeit zu trauern&#8220; analysierten, setzte, initialisiert durch die Studentenbewegung, erst in den 1980er Jahren, besonders nach der Vereinigung 1990, eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld ein. Als Stationen dieses Prozesses seien hier die Ausstrahlung der Fernsehserie &#8222;Holocaust&#8220; 1979 in der BRD(6), die Bitburg-Kontroverse(7), der &#8222;Historikerstreit&#8220;(8), die Diskussion um den Spielfilm &#8222;Schindlers Liste&#8220;, das &#8222;Gedenkjahr 1995&#8243;(9), die Diskussionen um das &#8222;Mahnmal f&uuml;r die ermordeten Juden Europas&#8220;(10) und die Neue Wache (ll), die Kontroverse &uuml;ber die Entsch&auml;digung ehemaliger NS-Zwangsarbeiterinnen(12), die Debatte &uuml;ber den Einsatz deutscher Bundeswehrsoldat innen im Kosovo-Krieg 1999(13) und die Goldhagen-(14) Wehrmachtsausstellungs-(15), Walser-(16) und M&ouml;llemann-Debatten(l7) genannt. Dabei ist Walser-Debatte als ein Bruchpunkt eines vorherigen demokratischen Konsenses anzusehen, antisemitische Ausf&auml;lle gesellschaftlich zu sanktionieren.(18)</p>
<p>Als vorl&auml;ufig letztes Kapitel dieser Liste kann man das Grass-Gedicht &#8222;Was gesagt werden muss&#8220;(19) ansehen. Das kollektive Schweigen &uuml;ber die deutsche Schuld wurde seit den 1980-er Jahren von einer Beredsamkeit &uuml;ber die NS-Zeit, die &#8222;deutschen Diktaturen&#8220;(20) und Auschwitz abgel&ouml;st. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergem spricht gar von einem Umschlag von Amnesie zur Hypermnesie der Gegenwart.(21) &#8222;Die unterschwellig immer pr&auml;sente Bedeutung der NS-Vergangenheit f&uuml;r die deutsche Gegenwartsgesellschaft wurde infolgedessen nachhaltig in die &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt.&#8220;(22) Dabei waren neben floskelhafter Rhetorik und Vereinnahmungsversuchen vor allem auch offene Abwehrreaktionen zu finden: &#8222;Die seit den 1980er Jahren vermehrt aggressiv artikulierte, ja hegemoniale &#8222;Schlussstrich- und Vers&ouml;hnungsideologie&#8220; (Bitburg, Gedenkjahr 1995, Walser-Debatte als &#8222;letzte Debatte&#8220;), die vor allem auf Vers&ouml;hnung der deutschen Nation mit sich selbst und ihrer Geschichte zielt, hat dazu beigetragen, die &ouml;ffentlichen Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit teils geschichtsrevisionistisch zu versch&auml;rfen, aber auch insgesamt zu verst&auml;rken.(23)</p>
<p>Das gesellschaftliche Gespr&auml;ch &uuml;ber den Nationalsozialismus hat sich also intensiviert und, wie der Politikwissenschaftler Lars Rensmann bez&uuml;glich der &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220;(24) 1995 feststellte, auch Risse im Abwehrkonsens hervorgebracht. Allerdings l&ouml;se sich der &#8222;Diskurs &uuml;ber den Holocaust in einer neuen Unbefangenheit, einer politischen Erinnerungsverwaltung oder einer Beliebigkeit auf, bei der das Grauen oberfl&auml;chlich thematisiert und in den Diskurs eingef&uuml;gt wird, ohne es an sich heranzulassen.&#8220;(25) Die intensivierten Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hren so also keineswegs notwendig zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigen auch teils subtile, teils sehr unverh&uuml;llte Abwehrformen.</p>
<p>Anerkennung oder Neutralisierung des Holocaust</p>
<p>F&uuml;r Rensmann zeigten sich im Erinnerungsdiskurs die &#8222;Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Demokratie&#8220;(26): &#8222;Im politischen Diskurs zum Gedenken an Auschwitz selbst (findet) das Fortw&auml;hren heftiger Abwehraffekte wie nationaler Ressentiments erneuten Ausdruck.&#8220;(27) So h&auml;tten sich Deckdiskurse der Normalisierung und Verharmlosung der NS-Vergangenheit gebildet, bei denen bspw. in der Gleichsetzung von DDR und nationalsozialistischem Deutschland, Auschwitz und Dresden(28) oder den Vertreibungen von Deutschen(29) und ihren Opfern die Singularit&auml;t der NS-Verbrechen relativiert werden solle.</p>
<p>In Folge der intensivierten Vergangenheitsdiskurse zeigten sich drei Entwicklungen. Auf der einen Seite gebe es weitere Verarbeitungsprozesse bei einer Minderheit, die beispielsweise durch die Goldhagen-Debatte beeinflusst worden sei und sich nun an die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte machte. Dann folgten die &#8222;Unbek&uuml;mmert Indifferenten&#8220; und eine weitere Gruppe von besonders aggressiven, erinnerungsverweigernden Menschen, die sich apologetisch auf Familie und Nation bez&ouml;gen.</p>
<p>Diese haben zwei Wege, sich mit dem &#8222;Zivilisationsbruch&#8220;(30) zu arrangieren. Zu-n&auml;chst gibt es eine Strategie, die der Soziologe Michael Schwab-Trap als eine &#8222;der Neutralisierung der Vergangenheit&#8220;(31) bezeichnet. Dabei werde die Wiedervereinigung als Z&auml;sur bezeichnet und Deutschland nun als normale Nation verstanden. &#8222;Die Abgrenzung vom Nationalsozialismus macht der Abgrenzung zu den Folgen des Nationalsozialismus Platz.&#8220;(32) Ein Zusammenhang mit der deutschen Nation und deren Geschichte wird geleugnet. Rensmann warnt, dass gerade dort, wo die &#8222;Normalit&auml;t&#8220; der Gesellschaft und die &#8222;gelungene Aufarbeitung&#8220; als &#8222;abgeschlossenes Geschichtskapitel&#8220; am energischsten beschworen w&uuml;rden, nicht selten alte, lange tabuierte Ressentiments Urst&auml;nd feierten.</p>
<p>Die Anerkennung des Holocaust als Bruchpunkt deutscher Geschichtsschreibung ist allerdings ebenfalls kein Zeichen eines annehmenden und empathischen Umgangs mit der Vergangenheit. Mit der Aussage &#8222;Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz&#8220;(33) begr&uuml;ndete der damalige Au&szlig;enminister Joschka Fischer den Kriegseintritt Deutschlands in Jugoslawien, einem Land in dem, wie er noch drei Jahre zuvor betont hatte, &#8222;die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf grausamste Art und Weise gew&uuml;tet hat&#8220;(34). Auschwitz wurde vom Argument gegen deutsche Milit&auml;rintervention zu einem Argument f&uuml;r den Einsatz.(35) So &uuml;berschrieb der SPD-Abgeordnete Freimut Duve einen Artikel zum Milit&auml;reinsatz in der &#8222;Zeit&#8220; mit dem Satz &#8222;An der Rampe von Srebrenica.&#8220;(36)</p>
<p>Dazu res&uuml;mieren der Kulturwissenschaftler Thorben Fischer und Sprachwissenschaftler Matthias N. Lorenz im &#8222;Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland&#8220;: &#8222;Als ,das B&ouml;se&#8216; schlechthin bietet [Auschwitz] wie kaum ein anderes historisches Ereignis die M&ouml;glichkeit, in aktualisierende Sinnstiftungen einmontiert zu werden&#8220;, Es &#8222;verliert dabei aber [&#8230;] ebenso an Eindeutigkeit wie an &Uuml;berzeugungskraft.&#8220;(37)</p>
<p>Die Verarbeitung der Vergangenheit wird solcherma&szlig;en offensiv als moralische Begr&uuml;ndung f&uuml;r die nationale Einstellung genutzt. &#8222;Aus den gegenw&auml;rtigen geschichtspolitischen Debatten l&auml;sst sich auch h&auml;ufig ein selektives, segmentiertes und abstraktes Schuldanerkenntnis herausdestillieren, welches schlie&szlig;lich aus den NS-Verbrechen die &#8222;Verpflichtung&#8220; ableitet, die deutsche Au&szlig;enpolitik -&#8220; aus historischer Verantwortung&#8220; &#8211; weiter zu militarisieren sowie den deutschen Hegemonialanspruch in Europa und weltweit zu best&auml;rken.&#8220;(38) Deutschland ist auf diese Weise nicht mehr nur eine Nation unter vielen, sondern pr&auml;sentiert sich unumwunden als diejenige, die aus der Massenvernichtung der J&uuml;dinnen Juden gelernt habe &#8211; die Sonderwegsthese der Geschichtswissenschaften kehrt sich um. Mit Adorno l&auml;sst sich betonen: &#8222;Man hat es nicht so eilig mit dem Schlu&szlig;strich unter die Vergangenheit, wenn sie der Abwehr dient.&#8220;(39) Der Wunsch, endlich als normalisierte Nation etwas f&uuml;r die eigene L&auml;uterung zu bekommen, steigert sich in der Konstruktion Deutschlands als moralisch &uuml;berlegener Nation, die eben wegen Auschwitz in der Lage sei, zu scheiden, was Recht und Unrecht ist.</p>
<p>Eine kritische Erforschung der Schuldabwehr ist heute somit &#8222;st&auml;rker im Kontext einer nationalstaatlichen, mentalit&auml;tsgeschichtlich orientierten politischen Kulturforschung zu konzipieren, die das Band von der deutschen Tat Auschwitz zur &#8222;zivilisatorischen Normalit&auml;t&#8220; und universellen Sph&auml;re des Allgemein-Menschlichen zerschneidet, ohne Verbindungslinien zur universellen modernen Logik der Herrschaft und Ausgrenzung zu ignorieren; nirgends sind dabei die Widerst&auml;nde vehementer als im Land der T&auml;ter.&#8220;(4o)</p>
<p>Am Bilde der ldentifikationen beim Fu&szlig;ball kommt der Politologe Daniel Keil zu dem Urteil, dass die &#8222;gelungene Entkoppelung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch eine kulturindustriell gepr&auml;gte permanente Bearbeitung, [] auf Banalisierung und Exkulpation hinausl&auml;uft.&#8220;(41) Die Aufarbeitung der Vergangenheit wird nicht ernsthaft, im Sinne einer Selbstreflexion sondern eher wie im gleichnamigen Aufsatz Adornos angemahnt vollzogen: &#8222;Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, da&szlig; man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewu&szlig;tsein. Sondern man will einen Schlu&szlig;strich darunter ziehen und wom&ouml;glich es selbst aus der Erinnerung wegwischen&#8220;.(42)</p>
<p>In der modernen Form wird die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zur Pflicht, eben um nicht &uuml;ber die Inhalte nachzudenken. Scham oder Schuld kommen dabei au&szlig;erhalb dieser intellektualisierenden Haltung nicht vor. So ist der Besuch bspw. einer Ausstellung verbunden mit dem Wunsch, diesem Selbstbild zu entsprechen. Die Sozialanthropologin Sharon Macdonald beschrieb dieses Vorgehen bereits 2009 innerhalb ihrer Studie zu Besucherinnen des Dokuzentrums auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgel&auml;nde in N&uuml;rnberg: &#8222;This learning itself, however, is cast as what seems to be the most important motivation of many to visit. This is as a kind of moral duty to bear witness to an atrocious past; this being expressed by some simply as something that one &#8222;should do&#8220;. As such, attendance becomes as much an act of commemoration as of edu &#8220;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; cation . (43)</p>
<p>F&uuml;r diese moralische Pflicht gelten dieselben Auswirkungen, wie f&uuml;r die starke Thematisierung des Nationalsozialismus generell. Sie schafft R&auml;ume, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, trivialisiert die Auseinandersetzung allerdings zeitgleich.(44) Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten.</p>
<p>Die Abwehr gegen die Schuld</p>
<p>Bei einem solchen Umgang mit der deutschen Vergangenheit kommt es anstatt zu einer empathischen Auseinandersetzung zu einer &#8222;Affektverleugnung und Affektisolation, was hei&szlig;t, da&szlig; [&#8230;] das, was in Auschwitz geschah, zwar durchweg anerkannt wird, aber im Erleben nichts bedeutet.&#8220;(45) Dort allerdings, wo das Mitf&uuml;hlen und die Scham nicht zugelassen w&uuml;rden, k&ouml;nne auch ein authentisches Gedenken nicht funktionieren. Die Schuld wird entweder verleugnet und gemindert oder unter Deckerinnerungen unterdr&uuml;ckt. Das Wissen um die Schuld bleibt unangetastet und wird durch eine gewollte Alternativversion ersetzt.</p>
<p>Diese Deckerinnerungen bringen allerdings ein grundlegendes Problem mit sich: Es kann ihnen nicht restlos getraut werden, ein Rest Zweifel an ihnen bleibt bestehen und f&uuml;hrt zunehmend zum Dogmatismus.(46)Die eigene oder deutsche Schuld soll abgewehrt werden, es gibt das Bed&uuml;rfnis nach Auseinandersetzung. Dabei wird ein_e Ankl&auml;ger in ben&ouml;tigt, um die Position des zweifelnden Selbst zu &uuml;bernehmen. Die Ambivalenz der Apologie, also das Wissen um die Wahrheit, auf die durch die Leugnung Bezug genommen wird, muss auf zwei Personen aufgeteilt werden. Die zuvor selbst ausgesprochene Anklage gegen sich selbst wird von nun an durch den Widerpart vertreten, dem entgegen reagiert werden kann.</p>
<p>Es geht in der Abwehr also weder um Wahrheit oder ihr Gegenteil, sondern um den performativen Akt der Entschuldung in der Auseinandersetzung (47) Das Ziel ist das Streitgespr&auml;ch, in dem mit einer anderen Person als Widerpart sogar die M&ouml;glichkeit f&uuml;r den die Apologet_in besteht, die Diskussion zu gewinnen. In dieser Diskussion soll Entlastung und eine unverstellte Identifikation mit dem Kollektiv herbeigef&uuml;hrt werden. Daraus erkl&auml;rt sich auch, wie gro&szlig; das Interesse ist, die Geschichte dauerhaft umzuschreiben. Dabei muss allerdings zun&auml;chst der bohrende Rest der Schuldanerkennung selbst vergessen werden, damit er im Folgenden den Anderen ausgeredet werden kann. Somit w&auml;re das Vergessen &#8222;eher eine Leistung des allzu wachen Bewu&szlig;tseins als dessen Schw&auml;che gegen&uuml;ber der &Uuml;bermacht unbewu&szlig;ter Prozesse&#8220;(48) und w&auml;re somit der Beginn einer geschichtsanpassenden Praxis, deren Ziel die Dekonstruktion von Auschwitz als Bruch der kollektiven Identifikation als &#8222;Deutscher&#8220; ist.</p>
<p>Sekund&auml;rer Antisemitismus</p>
<p>F&uuml;r dieses deutsche Bed&uuml;rfnis der Abwehr pr&auml;gte der Mitarbeiter des Frankfurter Instituts f&uuml;r Sozialforschung Peter Sch&ouml;nbach den Begriff des &#8222;sekund&auml;ren Antisemitismus&#8220;.(49) Entstanden aus dem Wunsch nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit entsteht der Schuldabwehrantisemitismus &#8222;nicht trotz, sondern wegen Auschwitz&#8220;. so Dieser, so Theodor W. Adorno in einem Radiovortrags&#8216;, ergab sich aus den innerfamili&auml;ren Narrativen: Die Generation der T&auml;ter versuchte, ihr Verhalten w&auml;hrend der Nazi-Zeit zu rechtfertigen, und verwies dabei z. B. auf die &#8222;reichen Juden&#8220; oder deren angeblichen gro&szlig;en Einfluss w&auml;hrend der Weimarer Republik. Es geht also um Menschen, die sich selbst nicht als judenfeindlich verstehen &#8211; sie wollen sich distanzieren. Dieser Vorgang betrifft sowohl die T&auml;ter innen Generation, als auch deren Nachfahren. Er ist ein innerfamili&auml;res Narrativ: Stereotype, die als Erkl&auml;rung f&uuml;r das Verhalten der Elterngeneration genutzt werden, verfestigen sich, werden von den Kindern &uuml;bernommen, um nicht in Konflikt mit der elterlichen Geschichtsschreibung und Schuldverarbeitung zu geraten. Adorno f&uuml;hrt weiter aus: &#8222;Wenn man Schuldgef&uuml;hle und Verantwortung gegen&uuml;ber dem von den Nazis Begangenen abwehrt, so bedeutet das nicht nur, da&szlig; man sich reinwaschen will, sondern ebenso auch, da&szlig; man, was begangen ward, eben doch unrecht fand und darum ablehnt. W&auml;re das nicht der Fall, so bed&uuml;rfte es nicht des Eifers der Distanzierung.&#8220;(52)</p>
<p>Die Scham und die Abscheu &uuml;ber die Verbrechen der Nazis treiben zum Wunsch, m&ouml;glichst nichts damit zu tun zu haben. Revidierung der Geschichte, Gleichsetzungen oder die Relativierung der Shoa sind die Methoden der Entlastung. In den Forschungen des Instituts zeige sich, dass &#8222;die furchtbaren Tatsachen der nationalsozialistischen Judenverfolgungen im allgemeinen nicht zu einer radikalen Abkehr vom Antisemitismus gef&uuml;hrt&#8220;(53), sondern eine neue Ausformung des Antisemitismus begr&uuml;ndet h&auml;tten. Die im Rahmen des sp&auml;teren Essays &#8222;Schuld und Abwehr&#8220; behandelten Personen sind somit mitunter keine &uuml;berzeugten Nazis, dennoch offenbarten sie in ihren Aussagen eine feindselige Haltung gegen J&uuml;dinnen_Juden, da die befragten Personen &Uuml;berlebende des Holocaust oder generell &#8222;Juden&#8220; als &#8222;Repr&auml;sentanten oder Verk&ouml;rperungen einer unerw&uuml;nschten oder verdr&auml;ngten Erinnerung&#8220;(54) wahrnahmen. Die Befragten, sei es die Generation der T&auml;ter innen oder deren Kinder, bef&auml;nden sich demnach in einem Dilemma: Einerseits seien sie &uuml;ber die millionenfachen Verbrechen erschrocken; andererseits versuchten sie ihr eigenes Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu rechtfertigen oder f&uuml;hlten sich ihren Eltern oder ihrem eigenen nationalen Kollektiv verbunden &#8211; A-dorno spricht mehrmals von der blinden Identifikation mit der Nation und der Gewalt von Identifikationsmechanismen.</p>
<p>Wegen dieser Identifikation muss die Erinnerung an Auschwitz abgewehrt oder relativiert werden. Denn das Wissen und der Schrecken dar&uuml;ber, wohin es mit der Kollektivierung als Deutschland f&uuml;hrte, gef&auml;hrdet ein Bild, auf dass eine_r sich irgendwie positiv beziehen kann. So entwickelte sich nach 1945 eine neue Form der Feindschaft gegen J&uuml;dinnen_Juden, weil sie bereits durch ihre Anwesenheit und durch die scheinbar f&uuml;r sie ge&auml;u&szlig;erte Forderung nach Aufkl&auml;rung und Erinnerung, den Wunsch, einen Schlussstrich zu ziehen und die Nazizeit vergessen zu k&ouml;nnen, unterminierten. Das eigene Schuldgef&uuml;hl wird abgewehrt und auf die Juden projiziert. Diese Abwehr schl&auml;gt oftmals, so Horkheimer/Adorno, in aggressives Verhalten, bedingt durch antisemitische Projektionen, um: &#8222;Die Abwehr der Erinnerung an das Uns&auml;gliche, was geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen.&#8220;55 Der j&uuml;dische Arzt Zvi Rex</p>
<p>brachte diesen von der kritischen Theorie begr&uuml;ndeten Zusammenhang knapp auf den Begriff: &#8222;Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen! &#8222;(56)</p>
<p>Wozu Gedenken?</p>
<p>Diese intensivere Besch&auml;ftigung soll bereits die mit dem Begriff verbundenen Unm&ouml;glichkeiten aufzeigen. Die Frage nach Gedenken ist nicht nur ein &#8222;Wozu&#8220;. Vielmehr stellt sich auch die Frage nach der M&ouml;glichkeit eines zulassenden Gedenkens. Die Bereitschaft zum Erinnern und Gedenken ist abh&auml;ngig vom Verh&auml;ltnis des Einzelnen zur eigenen Geschichte, zur Geschichte Deutschlands und der eigenen Identifikation mit Deutschland. &#8222;Je n&auml;her und unverbr&uuml;chlicher man zu den Geschicken der eigenen Gemeinschaft steht, desto eher wird man die Erinnerung an deren Geschichte, die dann auch als eigene empfunden wird, zu bewahren suchen. Je ambivalenter, schwieriger und br&uuml;chiger die Vergangenheit des Volkes ist, dem man angeh&ouml;rt, desto mehr &Uuml;berwindung erfordert die Besch&auml;ftigung mit dessen Geschichte, die dann als eigene eher abgewehrt wird.&#8220; (57)</p>
<p>Die Konfrontation mit den Verbrechen gegen die Menschheit macht ein annehmen des Erinnern oder Gedenken zu einer schweren T&auml;tigkeit, die eine ungebrochene Identifikation mit der deutschen Nation verunm&ouml;glicht. Erinnern und Gedenken bedeuten dann immer auch Auseinandersetzung mit den Biografien der eigenen Eltern, Gro&szlig;eltern, Vorfahren und denen, die so waren wie sie. Das gesellschaftliche Denken der Nationalsozialist_innen aufzuarbeiten und dessen Transformationen und Wandlungen zu verfolgen, ist ebenfalls notwendig, um Gedenken nicht als lediglich r&uuml;ckw&auml;rtsgerichtete Rechtfertigungsfigur zu betrachten. So schrieb auch Salomon Korn: ,Die Bereitschaft, der nationalsozialistischen Verbrechen aufrichtig zu gedenken, h&auml;ngt von der Bereitschaft der nichtj&uuml;dischen Deutschen ab, nationale Identit&auml;t in ihren geschichtlich geformten Brechungen und Diskontinuit&auml;ten anzunehmen &#8211; sich eben nicht in eine scheinbar heile nationale Identit&auml;t zu fl&uuml;chten, die zwangsl&auml;ufig die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord auf ihre Bed&uuml;rfnisse hin verbiegen, relativieren und schlie&szlig;lich verf&auml;lschen mu&szlig;.(58)</p>
<p>Die Ereignisse auf politischer Ebene, das Streben nach Normalisierung und erinnerungsverweigernder Vers&ouml;hnung konnte nur &uuml;ber das Einstampfen oder Neubesetzen der Besonderheit der Geschichtsschreibung Deutschlands funktionieren. Dieses Streben hat schleichend die Grundlagen des Antisemitismus erneuert bzw. reproduziert. &#8222;Die Politik flankiert die gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen f&uuml;r solche Judenfeindlichkeit, die die Subjekte ins Innerste pr&auml;gen.&#8220;(59)</p>
<p>Zwar hat die intensivierte Diskussion &uuml;ber den Holocaust nicht nur dem Antisemitismus, sondern auch der Auseinandersetzung `mit der Geschichte die T&uuml;r ge&ouml;ffnet. Die Folgen sind aber, wie im Text bereits aufgezeigt, keineswegs ableitbar. Es werden R&auml;ume geschaffen, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, dennoch wird die Auseinandersetzung zeitgleich trivialisiert. Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten. Diese k&ouml;nnen nur durch Eingedenken und den Zugriff auf die gesellschaftlichen Ursachen bearbeitet werden.</p>
<p>Dabei wurde der Zusammenhang von Erinnerungsbereitschaft und nationaler Identifizierung bereits herausgearbeitet. Aus ihm wird deutlich, dass Erinnern und Gedenken der Nachfahren der Opfer und der Nachfahren der T&auml;ter innen sich ebenfalls unterscheiden m&uuml;ssen. &#8222;Die Nachfahren der T&auml;ter k&ouml;nnen nicht in gleicher Intensit&auml;t um die ihnen ferner stehenden Opfer des V&ouml;lkermordes trauern wie die unmittelbar betroffenen Nachfahren der Ermordeten oder &Uuml;berlebenden. W&auml;hrend Letztere im Gedenken vor-wiegend die Erinnerung an die Ermordeten der eigenen Familie, des eigenen Volkes bewahren, m&uuml;&szlig;te das Gedenken der T&auml;ter-Nachfahren an die Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes immer auch die Erinnerung an Verbrechen des eigenen Volkes sowie Fragen nach deren Ursachen und Folgen einschlie&szlig;en.&#8220;(60)</p>
<p>Dieses Verh&auml;ltnis l&auml;sst sich auch f&uuml;r den Vorstandsvorsitzenden der Rom und Cinti Union, Rudko Kawczynski, nicht zusammenf&uuml;gen. Er sagte in seiner Rede zur Er&ouml;ffnung der Ausstellung &#8222;In den Tod geschickt &#8211; die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940-1945&#8220;: &#8222;Ein, wirkliches, gemeinsames Gedenken als Nachfahren der Generationen der &Uuml;berlebenden und den Nachfahren der vermeintlichen T&auml;ter wird es wohl nicht geben k&ouml;nnen, dazu sind unsere Geschichten und Erfahrungen, unsere Erinnerungen an die Zeit der Hakenkreuze zu unterschiedlich. Eine gemeinsame Aufarbeitung und Mahnung jedoch ist nicht nur m&ouml;glich, sondern unabdingbar. Gerade heute, in einer Zeit, in der Folter und Internierungen ebenso zu Alltag zu werden drohen, wie der Abbau von zivilen Rechten, in der Menschenrechte auf dem Altar der Terrorbek&auml;mpfung einem &Uuml;berwachungswahn geopfert werden, ist es an uns, die Erinnerung an eine Zeit des Staatlichen Terrors lebendig zu erhalten.&#8220;(61)</p>
<p>In dieser Aussage findet sich eben der Umgang, den Adorno in &#8222;Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit&#8220; bereits als Grundlage einer tats&auml;chlichen Aufarbeitung der Vergangenheit formulierte: &#8222;Aufgearbeitet w&auml;re die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt w&auml;ren. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.&#8220;(62)</p>
<p>(1) Der Spiegel 23/2012. Url: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html</a> (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(2) Sprache wird in diesem Artikel als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverh&auml;ltnisse und damit auch als Ort an dem diese reproduziert werden verstanden. Mit der Schreibweise &#8222;mit Unterstrich&#8220; sollen all diejenigen Geschlechtsidentit&auml;ten mitgedacht werden, die sich jenseits der gesellschaftlich hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit verorten. Einen Spezialfall in dieser Schreibform stellt allerdings der Begriff J&uuml;dinnen_Juden dar, da die eigentlich dieser Schreibweise entsprechende Bezeichnung &#8222;Jud_innen&#8220;, den nationalsozialistischen Begriff &#8222;Jud&#8220; beinhaltet und diesen somit reproduziert.</p>
<p>(3) IRAQ and PEACE IN THE WORLD. Url: <a href="http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf" target="_blank" rel="noopener">ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf</a>, 85. (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(4) Heitmeyer, Wilhelm 2007: Deutsche Zust&auml;nde. Folge 6. Suhrkamp, Frankfurt a. M.</p>
<p>(5) Joffe, Josef 2012: Der Antisemitismus will raus. Url: http:/Iwww.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israeUkomplettansicht (gesehen 10.06.2012).</p>
<p>(6) Vgl. Fischer, Torben/ Lorenz, Matthias N. Hg. 2007: Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld transcript, S. 243 ff;</p>
<p>Rensmann, Lars 2001: Politisch-psychologische Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Gegenwart. Zum Verh&auml;ltnis von neueren Vergangenheitsdiskursen und gesellschaftlichen Einstellungen gegen&uuml;ber dem Holocaust in Deutschland. In: Lappin, Eleonore/Schneider, Bernhard (Hg): Die Lebendigkeit der Geschichte. (Dis-)Kontinuit&auml;ten in Diskursen &uuml;ber den Nationalsozialismus. St. Ingbert R&ouml;hrig Universit&auml;tsverlag, S. 357.</p>
<p>(7) Vgl. Postone, Moishe 2005a: Bitburg. 5. Mai 1985 und danach. Ein Brief an die westdeutsche Linke. In: Postone, Moishe (Hg.): Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Freiburg 9a-ira-Verlag, S. 51-59, D&uuml;lffer, Jost 1999: Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur &#8211; Kein Ende der Geschichte. In: Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.): Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg Hamburger Edition, S 289-312; Hartmann, Geoffrey (Hg.) 1986: Bitburg in Moral and Political Perspective. Bloomington; Funke, Hajo 1988: Aufarbeitung der Vergangenheit. Zur Wirkung nationalsozialistischer Erziehung vor und nach 1945. In: Bar-On, Dan/Beiner, Friedhelm/Brusten Manfred (Hg.): Der Holocaust, familiale und gesellschaftliche Folgen &#8211; Aufarbeitung in Wissenschaft und Erziehung. Wuppertal Universit&auml;tsverlag.</p>
<p>(8) Vgl. Diner, Dan (Hg.) 1987: Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(9) Vgl. Rensmann 2001 S. 359.</p>
<p>(10) Vgl. Brumlik, MichalFunke, Hajo/Rensmann, Lars (Hg.) 2000: Umk&auml;mpftes Vergessen: Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik. Berlin Das Arabische Buch, D&uuml;lffer 1999.</p>
<p>(11) Ebd. S. 77 ff.</p>
<p>(12) Vgl. Schwab Trapp, Michael 2003: Der Nationalsozialismus im &ouml;ffentlichen Diskurs. In: Bergem, Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen Leske&amp;Budrich, S 323 f.</p>
<p>(13) Vgl. Schwab-Trapp 2003.</p>
<p>(14) Vgl. Fischer/Lorenz 2007: S. 295 ff.; Rensmann, Lars 1998: Kritische Theorie &uuml;ber den Antisemitismus: Studien zu Struktur, Erkl&auml;rungspotential und Aktualit&auml;t. Berlin und Hamburg Argument, S. 336 ff.; Rensmann, Lars 2001: S. 359 ff.; Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik. Wiesbaden, Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 334.</p>
<p>(15) Vgl. Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.) 1999: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung: &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg: Hamburger Edition, Rensmann 2001: S. 362 f.; Z&ouml;chmeister, Markus/Sauer, Joachim 2005: Langes Schweigen &#8211; Sp&auml;te Erinnerung. Die Wehrmachtsausstellung in Salzburg. Innsbruck Studienverlag.; Prantl, Heribert (Hg.) 1997: Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse. Hamburg Hoffmann und Campe; Thiele, Hans-G&uuml;nther (Hg.) 1997: Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse. Bonn Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung.</p>
<p>(16) Vgl. Brumlik/Funke/Rensmann 2000; Rensmann 2001: S. 362 ff.; Salzborn, Samuel 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt a. M.: Campus. S. 207 f&pound;; Dietzsch, Martin/J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.) 1999: Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verst&auml;ndnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers. Eine Dokumentation. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung.</p>
<p>(17) Vgl. Funke, Hajo Friedensrede als Brandstiftung. In: Brumlik/Funke/Rensmann, S 212ff.</p>
<p>(18) Vgl. Habermas, J&uuml;rgen 2002: Tabuschranken. Eine semantische Anmerkung. F&uuml;r Marcel Reich-Ranicki, aus gegebenen Anl&auml;ssen. In: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 7.6.2002. S. 13; Salzborn 2010 S.208 f.</p>
<p>(19) Grass, G&uuml;nther 2012: Was gesagt werden muss. In: <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809" target="_blank" rel="noopener">www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809</a> (Gesehen am 04.06.2012).</p>
<p>(20) Kritik bei Habermas, J&uuml;rgen 1995: Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 26 f.</p>
<p>(21) Bergem, Wolfgang 2003: Barbarei als Sinnstiftung? Das NS-Regime in Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur der Bundesrepublik. In: Bergem; Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. S. 81.</p>
<p>(22) Rensmann 2001 S. 357.</p>
<p>(23) Ebd. S. 366.</p>
<p>(24) Ebd.</p>
<p>(25) Ebd.</p>
<p>(26) Adorno, Theodor W. 1977: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften 10.2. Eingriffe, Stichworte, Anhang. Hrsg. von Rolf Tiedemann unter der Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 555 f.</p>
<p>(27) Rensmann 2001 S. 366.</p>
<p>(28) Vgl. Klunft, Michael (Hg.) 2003: Erinnern, verdr&auml;ngen, vergessen. Giessen: Netzwerk f&uuml;r politische Bildung, Kultur und Kommunikation, S. 167 ff.; Explizit zu Dresden Vgl. Fischer, Henning 2011: &#8222;Erinnerung&#8220; an und f&uuml;r Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Ged&auml;chtnis der Berliner Republik. M&uuml;nster Verlag Westf&auml;lisches Dampfboot.</p>
<p>(29) Sp&auml;ter, Erich 2004: Siebzig Jahre v&ouml;lkischer Nationalismus: Von der &#8222;Sudetendeutschen Volksgemeinschaft&#8220; zur &#8222;Volksgruppe im Exil&#8220;. In: Klundt, Michael (Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im deutschen Geschichtsdiskurs. K&ouml;ln PapyRossa, S. 104-133.</p>
<p>(30) Diner, Dan (Hg.) 1988: Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(31) Schwab-Trapp 2003: S. 183.</p>
<p>(32) Ebd. S. 184.</p>
<p>(33) Zitat nach: S&uuml;ddeutsche Zeitung. 24. Januar 2005.</p>
<p>(34) Fischer, 30.6.1995 zitiert nach Schwab-Trapp 2003: S. 176.</p>
<p>(35) Vgl. Claussen, Detlev 2005: Grenzen der Aufkl&auml;rung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt a. M.</p>
<p>(36) Duve, Freimut 1995: An der Rampe von Srebrenica. In: Die Zeit 30/1995. Url: <a href="http://www.zeit.de/" target="_blank" rel="noopener">www.zeit.de</a> 1995/30/An_der_Rampe_von_Srebrenica (Gesehen: 06.10.2010).</p>
<p>(37) Vgl. Fischer/Lorenz 2007 S. 305.</p>
<p>(38) Klunft 2004 S. 175.</p>
<p>(39) Adorno, Theodor W. 1975: Schuld und Abwehr. In: Gesammelte Schriften. Band 9. Soziologische Schriften II, S. 237.</p>
<p>(40) Rensmann, Lars 2000: Aufgearbeitete Vergangenheit? Zur Erforschung gegenw&auml;rtiger Dynamiken von Nationalismus und Judeophobie in Deutschland. In: J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.): Weiter auf unsicherem Grund: Rechtsextremismus &#8211; Rechtspopulismus &#8211; Rassismus. Kontinuit&auml;ten und Br&uuml;che. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung, S. 84.</p>
<p>(41) Keil, Daniel 2010: Die &#8222;zarte Wiederentdeckung des Deutschen&#8220; &#8211; Thesen zu Kritik der deutschen Nation und ihrer gegenw&auml;rtigen Entwicklung. In: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hg.): Irrsinn der Normalit&auml;t. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus. M&uuml;nster Westf&auml;lisches Dampfboot, S.20-44.</p>
<p>(42) Ebd. S. 555.</p>
<p>(43) Macdonnald, Sharon 2009: Difficult heritage: negotiating the Nazi past in Nuremberg and beyond. London/New York Routledge, S. 169.</p>
<p>(44) Vgl. Adorno 1977 S. 555.</p>
<p>(45) Juelich, Dierk 1995: Erlebtes und ererbtes Trauma. Von den psychischen Besch&auml;digungen bei den Urhebern der Shoah. In: Schreier, Helmut/Heyl, Mathias (Hg.): &#8222;Da&szlig; Auschwitz nicht noch einmal sei&#8230;&#8220; Zur Erziehung nach Auschwitz. Hamburg Kr&auml;mer, S. 98.</p>
<p>(46) Vgl. Huppert, Daru 2003: Revisionismus als Einstellung und Klischee. In: B&uuml;ro trafo K./H&ouml;llwart, Renate/Martinez-Turek, Charlotte/Sternfeld, Nora/Pollak, Alexander (Hg.): In einer Wehrmachtsausstellung. Erfahrungen mit Geschichtsvermittlung. Wien: Turia+Kant, S. 129.</p>
<p>(47) Vgl. ebd. S. 130.</p>
<p>(48) Adorno 1977 S. 558.</p>
<p>(49) Adorno, Zur Bek&auml;mpfung des Antisemitismus heute.</p>
<p>(50) Broder 1986 S. 11.</p>
<p>(51) Adorno, Theodor W. Gesammelte Schriften. Band 20.1.Vermischte Schriften I, S. 360-3 84.</p>
<p>(52) Adorno 1975 S. 149 f.</p>
<p>(53) Adorno 1975 S. 323.</p>
<p>(54) Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 91.</p>
<p>(55) Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. 1985: Vorwort zu Paul W. Massings &#8222;Vorgeschichte des politischen Antisemitismus&#8220;. In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Bd. 8. Frankfurt a. M. S. 126 f.</p>
<p>(56) Zit. nach Juelich, Dierk 1994: Die Wiederkehr des Verdr&auml;ngten. Sozialpsychologische Aspekte zur Identit&auml;t der Deutschen nach Auschwitz. In: Kulke, Christine (Hg.): Der gew&ouml;hnliche Antisemitismus: Zur politischen Psychologie der Verachtung. Pfaffenweiler Centaurus-Verlags-Gesellschaft, S. 86.</p>
<p>(57) Korn, Salomon 2001: Die zweigeteilte und die gemeinsame Erinnerung: Was es in Israel hei&szlig;t, des Holocaust zu gedenken, und was in Deutschland. Url: <a href="http://www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm" target="_blank" rel="noopener">www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm</a> (Stand 13.06.2012).</p>
<p>(58) Ebd.</p>
<p>(59) Rensmann 1998: S. 334.</p>
<p>(60) Ebd.</p>
<p>(61) Rudko Kawczynski 2009: Er&ouml;ffnungsrede. Url: <a href="http://hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc" target="_blank" rel="noopener">hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc</a> (Stand 13.06.2012)</p>
<p>(62) Adorno 1977 S. 572.</p>
<p>Hannes Jaacks</p>
<p>Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</p>
<p>Mit der Diskussion des Gedichtes &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; von G&uuml;nter Grass ging der erinnerungspolitische Diskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit in eine neue Runde. Sowohl Grass als auch sein Gedicht wurden vielfach als antisemitisch bezeichnet. Die Worte &#8222;Jude&#8220; oder &#8222;J&uuml;din&#8220; fallen in seinem Text nicht, sein Thema ist der Nahostkonflikt und der Weltfrieden, den er durch Israel bedroht sieht. Den iranischen Pr&auml;sidenten Mahmoud Ahmadinejad verniedlicht er als &#8222;Maulhelden&#8220;, verkehrt dabei Ursache und Wirkung. Grass sieht sich aufgrund der R&uuml;stungsvertr&auml;ge zwischen Deutschland und Israel zum Schreiben gezwungen. Seine Angst vor der m&ouml;glichen nuklearen Bewaffnung der aus Deutschland gelieferten Unterseeboote findet ihren Widerhall in der Geschichte, mit der zwei Monate sp&auml;ter der &#8222;Spiegel&#8220; aufmachte: &#8222;Geheim-Operation Samson. Wie Deutschland die Atommacht Israel aufr&uuml;stet&#8220;.(1) Das derartige Schlagzeilen und Gedichte viele Anh&auml;ngerinnen(2) finden, ist keine neue Entwicklung. 2003 ergab eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage, dass 65 Prozent der Deutschen in Israel die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r den Weltfrieden sehen.(3) Die Studie &#8222;Deutsche Zust&auml;nde&#8220; ermittelte eine Zustimmungsrate von 57 Prozent der deutschen Bev&ouml;lkerung zu der Aussage &#8222;Israel f&uuml;hrt einen Vernichtungskrieg gegen die Pal&auml;stinenser&#8220;. In derselben Studie machten 38 Prozent der Gefragten ihr H&auml;kchen neben dem Satz &#8222;Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat&#8220;.(4)</p>
<p>Der Herausgeber der &#8222;Zeit&#8220; Josef Joffe befand denn auch zu Grass&#8216; Gedicht kurz und b&uuml;ndig: &#8222;Der Antisemitismus will raus&#8220;(5). Solcherlei &Auml;u&szlig;erungen seien einer gesellschaftlichen Latenz geschuldet, &#8222;der neue (oder abgeleitete) A[ntisemitismus], wie er aus dem Grass-Gedicht quillt, ist komplizierter, &#8222;weil er sich aus einem Unterbewusst sein speist, das von m&auml;chtigen Tabus -Scham und Schuldgef&uuml;hle -eingezw&auml;ngt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege &ouml;ffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.&#8220;</p>
<p>Um auf die Titelfrage &#8222;Wozu gedenken?&#8220; dieser Ausgabe der &#8222;Vorg&auml;nge&#8220; einzugehen, m&ouml;chte ich im Folgenden in der Auseinandersetzung mit der Kultur des Gedenkens in Deutschland auf den Mechanismen der Abwehr eingehen, der auf einen darunter liegenden sekund&auml;ren Antisemitismus verweist. Im Anschluss will ich &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Unm&ouml;glichkeiten des Gedenkens, seine Einschr&auml;nkungen und M&ouml;glichkeiten sprechen.</p>
<p>Von der Amnesie zur Hypermnesie</p>
<p>Nachdem die Nachkriegs- und Wiederaufbaujahre durch ein kollektives Beschweigen der begangenen Verbrechen gepr&auml;gt waren, das Alexander und Margarete Mitscherlich pr&auml;gnant als &#8222;die Unf&auml;higkeit zu trauern&#8220; analysierten, setzte, initialisiert durch die Studentenbewegung, erst in den 1980er Jahren, besonders nach der Vereinigung 1990, eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld ein. Als Stationen dieses Prozesses seien hier die Ausstrahlung der Fernsehserie &#8222;Holocaust&#8220; 1979 in der BRD(6), die Bitburg-Kontroverse(7), der &#8222;Historikerstreit&#8220;(8), die Diskussion um den Spielfilm &#8222;Schindlers Liste&#8220;, das &#8222;Gedenkjahr 1995&#8243;(9), die Diskussionen um das &#8222;Mahnmal f&uuml;r die ermordeten Juden Europas&#8220;(10) und die Neue Wache (ll), die Kontroverse &uuml;ber die Entsch&auml;digung ehemaliger NS-Zwangsarbeiterinnen(12), die Debatte &uuml;ber den Einsatz deutscher Bundeswehrsoldat innen im Kosovo-Krieg 1999(13) und die Goldhagen-(14) Wehrmachtsausstellungs-(15), Walser-(16) und M&ouml;llemann-Debatten(l7) genannt. Dabei ist Walser-Debatte als ein Bruchpunkt eines vorherigen demokratischen Konsenses anzusehen, antisemitische Ausf&auml;lle gesellschaftlich zu sanktionieren.(18)</p>
<p>Als vorl&auml;ufig letztes Kapitel dieser Liste kann man das Grass-Gedicht &#8222;Was gesagt werden muss&#8220;(19) ansehen. Das kollektive Schweigen &uuml;ber die deutsche Schuld wurde seit den 1980-er Jahren von einer Beredsamkeit &uuml;ber die NS-Zeit, die &#8222;deutschen Diktaturen&#8220;(20) und Auschwitz abgel&ouml;st. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergem spricht gar von einem Umschlag von Amnesie zur Hypermnesie der Gegenwart.(21) &#8222;Die unterschwellig immer pr&auml;sente Bedeutung der NS-Vergangenheit f&uuml;r die deutsche Gegenwartsgesellschaft wurde infolgedessen nachhaltig in die &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt.&#8220;(22) Dabei waren neben floskelhafter Rhetorik und Vereinnahmungsversuchen vor allem auch offene Abwehrreaktionen zu finden: &#8222;Die seit den 1980er Jahren vermehrt aggressiv artikulierte, ja hegemoniale &#8222;Schlussstrich- und Vers&ouml;hnungsideologie&#8220; (Bitburg, Gedenkjahr 1995, Walser-Debatte als &#8222;letzte Debatte&#8220;), die vor allem auf Vers&ouml;hnung der deutschen Nation mit sich selbst und ihrer Geschichte zielt, hat dazu beigetragen, die &ouml;ffentlichen Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit teils geschichtsrevisionistisch zu versch&auml;rfen, aber auch insgesamt zu verst&auml;rken.(23)</p>
<p>Das gesellschaftliche Gespr&auml;ch &uuml;ber den Nationalsozialismus hat sich also intensiviert und, wie der Politikwissenschaftler Lars Rensmann bez&uuml;glich der &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220;(24) 1995 feststellte, auch Risse im Abwehrkonsens hervorgebracht. Allerdings l&ouml;se sich der &#8222;Diskurs &uuml;ber den Holocaust in einer neuen Unbefangenheit, einer politischen Erinnerungsverwaltung oder einer Beliebigkeit auf, bei der das Grauen oberfl&auml;chlich thematisiert und in den Diskurs eingef&uuml;gt wird, ohne es an sich heranzulassen.&#8220;(25) Die intensivierten Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hren so also keineswegs notwendig zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigen auch teils subtile, teils sehr unverh&uuml;llte Abwehrformen.</p>
<p>Anerkennung oder Neutralisierung des Holocaust</p>
<p>F&uuml;r Rensmann zeigten sich im Erinnerungsdiskurs die &#8222;Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Demokratie&#8220;(26): &#8222;Im politischen Diskurs zum Gedenken an Auschwitz selbst (findet) das Fortw&auml;hren heftiger Abwehraffekte wie nationaler Ressentiments erneuten Ausdruck.&#8220;(27) So h&auml;tten sich Deckdiskurse der Normalisierung und Verharmlosung der NS-Vergangenheit gebildet, bei denen bspw. in der Gleichsetzung von DDR und nationalsozialistischem Deutschland, Auschwitz und Dresden(28) oder den Vertreibungen von Deutschen(29) und ihren Opfern die Singularit&auml;t der NS-Verbrechen relativiert werden solle.</p>
<p>In Folge der intensivierten Vergangenheitsdiskurse zeigten sich drei Entwicklungen. Auf der einen Seite gebe es weitere Verarbeitungsprozesse bei einer Minderheit, die beispielsweise durch die Goldhagen-Debatte beeinflusst worden sei und sich nun an die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte machte. Dann folgten die &#8222;Unbek&uuml;mmert Indifferenten&#8220; und eine weitere Gruppe von besonders aggressiven, erinnerungsverweigernden Menschen, die sich apologetisch auf Familie und Nation bez&ouml;gen.</p>
<p>Diese haben zwei Wege, sich mit dem &#8222;Zivilisationsbruch&#8220;(30) zu arrangieren. Zu-n&auml;chst gibt es eine Strategie, die der Soziologe Michael Schwab-Trap als eine &#8222;der Neutralisierung der Vergangenheit&#8220;(31) bezeichnet. Dabei werde die Wiedervereinigung als Z&auml;sur bezeichnet und Deutschland nun als normale Nation verstanden. &#8222;Die Abgrenzung vom Nationalsozialismus macht der Abgrenzung zu den Folgen des Nationalsozialismus Platz.&#8220;(32) Ein Zusammenhang mit der deutschen Nation und deren Geschichte wird geleugnet. Rensmann warnt, dass gerade dort, wo die &#8222;Normalit&auml;t&#8220; der Gesellschaft und die &#8222;gelungene Aufarbeitung&#8220; als &#8222;abgeschlossenes Geschichtskapitel&#8220; am energischsten beschworen w&uuml;rden, nicht selten alte, lange tabuierte Ressentiments Urst&auml;nd feierten.</p>
<p>Die Anerkennung des Holocaust als Bruchpunkt deutscher Geschichtsschreibung ist allerdings ebenfalls kein Zeichen eines annehmenden und empathischen Umgangs mit der Vergangenheit. Mit der Aussage &#8222;Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz&#8220;(33) begr&uuml;ndete der damalige Au&szlig;enminister Joschka Fischer den Kriegseintritt Deutschlands in Jugoslawien, einem Land in dem, wie er noch drei Jahre zuvor betont hatte, &#8222;die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf grausamste Art und Weise gew&uuml;tet hat&#8220;(34). Auschwitz wurde vom Argument gegen deutsche Milit&auml;rintervention zu einem Argument f&uuml;r den Einsatz.(35) So &uuml;berschrieb der SPD-Abgeordnete Freimut Duve einen Artikel zum Milit&auml;reinsatz in der &#8222;Zeit&#8220; mit dem Satz &#8222;An der Rampe von Srebrenica.&#8220;(36)</p>
<p>Dazu res&uuml;mieren der Kulturwissenschaftler Thorben Fischer und Sprachwissenschaftler Matthias N. Lorenz im &#8222;Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland&#8220;: &#8222;Als ,das B&ouml;se&#8216; schlechthin bietet [Auschwitz] wie kaum ein anderes historisches Ereignis die M&ouml;glichkeit, in aktualisierende Sinnstiftungen einmontiert zu werden&#8220;, Es &#8222;verliert dabei aber [&#8230;] ebenso an Eindeutigkeit wie an &Uuml;berzeugungskraft.&#8220;(37)</p>
<p>Die Verarbeitung der Vergangenheit wird solcherma&szlig;en offensiv als moralische Begr&uuml;ndung f&uuml;r die nationale Einstellung genutzt. &#8222;Aus den gegenw&auml;rtigen geschichtspolitischen Debatten l&auml;sst sich auch h&auml;ufig ein selektives, segmentiertes und abstraktes Schuldanerkenntnis herausdestillieren, welches schlie&szlig;lich aus den NS-Verbrechen die &#8222;Verpflichtung&#8220; ableitet, die deutsche Au&szlig;enpolitik -&#8220; aus historischer Verantwortung&#8220; &#8211; weiter zu militarisieren sowie den deutschen Hegemonialanspruch in Europa und weltweit zu best&auml;rken.&#8220;(38) Deutschland ist auf diese Weise nicht mehr nur eine Nation unter vielen, sondern pr&auml;sentiert sich unumwunden als diejenige, die aus der Massenvernichtung der J&uuml;dinnen Juden gelernt habe &#8211; die Sonderwegsthese der Geschichtswissenschaften kehrt sich um. Mit Adorno l&auml;sst sich betonen: &#8222;Man hat es nicht so eilig mit dem Schlu&szlig;strich unter die Vergangenheit, wenn sie der Abwehr dient.&#8220;(39) Der Wunsch, endlich als normalisierte Nation etwas f&uuml;r die eigene L&auml;uterung zu bekommen, steigert sich in der Konstruktion Deutschlands als moralisch &uuml;berlegener Nation, die eben wegen Auschwitz in der Lage sei, zu scheiden, was Recht und Unrecht ist.</p>
<p>Eine kritische Erforschung der Schuldabwehr ist heute somit &#8222;st&auml;rker im Kontext einer nationalstaatlichen, mentalit&auml;tsgeschichtlich orientierten politischen Kulturforschung zu konzipieren, die das Band von der deutschen Tat Auschwitz zur &#8222;zivilisatorischen Normalit&auml;t&#8220; und universellen Sph&auml;re des Allgemein-Menschlichen zerschneidet, ohne Verbindungslinien zur universellen modernen Logik der Herrschaft und Ausgrenzung zu ignorieren; nirgends sind dabei die Widerst&auml;nde vehementer als im Land der T&auml;ter.&#8220;(4o)</p>
<p>Am Bilde der ldentifikationen beim Fu&szlig;ball kommt der Politologe Daniel Keil zu dem Urteil, dass die &#8222;gelungene Entkoppelung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch eine kulturindustriell gepr&auml;gte permanente Bearbeitung, [] auf Banalisierung und Exkulpation hinausl&auml;uft.&#8220;(41) Die Aufarbeitung der Vergangenheit wird nicht ernsthaft, im Sinne einer Selbstreflexion sondern eher wie im gleichnamigen Aufsatz Adornos angemahnt vollzogen: &#8222;Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, da&szlig; man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewu&szlig;tsein. Sondern man will einen Schlu&szlig;strich darunter ziehen und wom&ouml;glich es selbst aus der Erinnerung wegwischen&#8220;.(42)</p>
<p>In der modernen Form wird die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zur Pflicht, eben um nicht &uuml;ber die Inhalte nachzudenken. Scham oder Schuld kommen dabei au&szlig;erhalb dieser intellektualisierenden Haltung nicht vor. So ist der Besuch bspw. einer Ausstellung verbunden mit dem Wunsch, diesem Selbstbild zu entsprechen. Die Sozialanthropologin Sharon Macdonald beschrieb dieses Vorgehen bereits 2009 innerhalb ihrer Studie zu Besucherinnen des Dokuzentrums auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgel&auml;nde in N&uuml;rnberg: &#8222;This learning itself, however, is cast as what seems to be the most important motivation of many to visit. This is as a kind of moral duty to bear witness to an atrocious past; this being expressed by some simply as something that one &#8222;should do&#8220;. As such, attendance becomes as much an act of commemoration as of edu &#8220;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; cation . (43)</p>
<p>F&uuml;r diese moralische Pflicht gelten dieselben Auswirkungen, wie f&uuml;r die starke Thematisierung des Nationalsozialismus generell. Sie schafft R&auml;ume, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, trivialisiert die Auseinandersetzung allerdings zeitgleich.(44) Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten.</p>
<p>Die Abwehr gegen die Schuld</p>
<p>Bei einem solchen Umgang mit der deutschen Vergangenheit kommt es anstatt zu einer empathischen Auseinandersetzung zu einer &#8222;Affektverleugnung und Affektisolation, was hei&szlig;t, da&szlig; [&#8230;] das, was in Auschwitz geschah, zwar durchweg anerkannt wird, aber im Erleben nichts bedeutet.&#8220;(45) Dort allerdings, wo das Mitf&uuml;hlen und die Scham nicht zugelassen w&uuml;rden, k&ouml;nne auch ein authentisches Gedenken nicht funktionieren. Die Schuld wird entweder verleugnet und gemindert oder unter Deckerinnerungen unterdr&uuml;ckt. Das Wissen um die Schuld bleibt unangetastet und wird durch eine gewollte Alternativversion ersetzt.</p>
<p>Diese Deckerinnerungen bringen allerdings ein grundlegendes Problem mit sich: Es kann ihnen nicht restlos getraut werden, ein Rest Zweifel an ihnen bleibt bestehen und f&uuml;hrt zunehmend zum Dogmatismus.(46)Die eigene oder deutsche Schuld soll abgewehrt werden, es gibt das Bed&uuml;rfnis nach Auseinandersetzung. Dabei wird ein_e Ankl&auml;ger in ben&ouml;tigt, um die Position des zweifelnden Selbst zu &uuml;bernehmen. Die Ambivalenz der Apologie, also das Wissen um die Wahrheit, auf die durch die Leugnung Bezug genommen wird, muss auf zwei Personen aufgeteilt werden. Die zuvor selbst ausgesprochene Anklage gegen sich selbst wird von nun an durch den Widerpart vertreten, dem entgegen reagiert werden kann.</p>
<p>Es geht in der Abwehr also weder um Wahrheit oder ihr Gegenteil, sondern um den performativen Akt der Entschuldung in der Auseinandersetzung (47) Das Ziel ist das Streitgespr&auml;ch, in dem mit einer anderen Person als Widerpart sogar die M&ouml;glichkeit f&uuml;r den die Apologet_in besteht, die Diskussion zu gewinnen. In dieser Diskussion soll Entlastung und eine unverstellte Identifikation mit dem Kollektiv herbeigef&uuml;hrt werden. Daraus erkl&auml;rt sich auch, wie gro&szlig; das Interesse ist, die Geschichte dauerhaft umzuschreiben. Dabei muss allerdings zun&auml;chst der bohrende Rest der Schuldanerkennung selbst vergessen werden, damit er im Folgenden den Anderen ausgeredet werden kann. Somit w&auml;re das Vergessen &#8222;eher eine Leistung des allzu wachen Bewu&szlig;tseins als dessen Schw&auml;che gegen&uuml;ber der &Uuml;bermacht unbewu&szlig;ter Prozesse&#8220;(48) und w&auml;re somit der Beginn einer geschichtsanpassenden Praxis, deren Ziel die Dekonstruktion von Auschwitz als Bruch der kollektiven Identifikation als &#8222;Deutscher&#8220; ist.</p>
<p>Sekund&auml;rer Antisemitismus</p>
<p>F&uuml;r dieses deutsche Bed&uuml;rfnis der Abwehr pr&auml;gte der Mitarbeiter des Frankfurter Instituts f&uuml;r Sozialforschung Peter Sch&ouml;nbach den Begriff des &#8222;sekund&auml;ren Antisemitismus&#8220;.(49) Entstanden aus dem Wunsch nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit entsteht der Schuldabwehrantisemitismus &#8222;nicht trotz, sondern wegen Auschwitz&#8220;. so Dieser, so Theodor W. Adorno in einem Radiovortrags&#8216;, ergab sich aus den innerfamili&auml;ren Narrativen: Die Generation der T&auml;ter versuchte, ihr Verhalten w&auml;hrend der Nazi-Zeit zu rechtfertigen, und verwies dabei z. B. auf die &#8222;reichen Juden&#8220; oder deren angeblichen gro&szlig;en Einfluss w&auml;hrend der Weimarer Republik. Es geht also um Menschen, die sich selbst nicht als judenfeindlich verstehen &#8211; sie wollen sich distanzieren. Dieser Vorgang betrifft sowohl die T&auml;ter innen Generation, als auch deren Nachfahren. Er ist ein innerfamili&auml;res Narrativ: Stereotype, die als Erkl&auml;rung f&uuml;r das Verhalten der Elterngeneration genutzt werden, verfestigen sich, werden von den Kindern &uuml;bernommen, um nicht in Konflikt mit der elterlichen Geschichtsschreibung und Schuldverarbeitung zu geraten. Adorno f&uuml;hrt weiter aus: &#8222;Wenn man Schuldgef&uuml;hle und Verantwortung gegen&uuml;ber dem von den Nazis Begangenen abwehrt, so bedeutet das nicht nur, da&szlig; man sich reinwaschen will, sondern ebenso auch, da&szlig; man, was begangen ward, eben doch unrecht fand und darum ablehnt. W&auml;re das nicht der Fall, so bed&uuml;rfte es nicht des Eifers der Distanzierung.&#8220;(52)</p>
<p>Die Scham und die Abscheu &uuml;ber die Verbrechen der Nazis treiben zum Wunsch, m&ouml;glichst nichts damit zu tun zu haben. Revidierung der Geschichte, Gleichsetzungen oder die Relativierung der Shoa sind die Methoden der Entlastung. In den Forschungen des Instituts zeige sich, dass &#8222;die furchtbaren Tatsachen der nationalsozialistischen Judenverfolgungen im allgemeinen nicht zu einer radikalen Abkehr vom Antisemitismus gef&uuml;hrt&#8220;(53), sondern eine neue Ausformung des Antisemitismus begr&uuml;ndet h&auml;tten. Die im Rahmen des sp&auml;teren Essays &#8222;Schuld und Abwehr&#8220; behandelten Personen sind somit mitunter keine &uuml;berzeugten Nazis, dennoch offenbarten sie in ihren Aussagen eine feindselige Haltung gegen J&uuml;dinnen_Juden, da die befragten Personen &Uuml;berlebende des Holocaust oder generell &#8222;Juden&#8220; als &#8222;Repr&auml;sentanten oder Verk&ouml;rperungen einer unerw&uuml;nschten oder verdr&auml;ngten Erinnerung&#8220;(54) wahrnahmen. Die Befragten, sei es die Generation der T&auml;ter innen oder deren Kinder, bef&auml;nden sich demnach in einem Dilemma: Einerseits seien sie &uuml;ber die millionenfachen Verbrechen erschrocken; andererseits versuchten sie ihr eigenes Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu rechtfertigen oder f&uuml;hlten sich ihren Eltern oder ihrem eigenen nationalen Kollektiv verbunden &#8211; A-dorno spricht mehrmals von der blinden Identifikation mit der Nation und der Gewalt von Identifikationsmechanismen.</p>
<p>Wegen dieser Identifikation muss die Erinnerung an Auschwitz abgewehrt oder relativiert werden. Denn das Wissen und der Schrecken dar&uuml;ber, wohin es mit der Kollektivierung als Deutschland f&uuml;hrte, gef&auml;hrdet ein Bild, auf dass eine_r sich irgendwie positiv beziehen kann. So entwickelte sich nach 1945 eine neue Form der Feindschaft gegen J&uuml;dinnen_Juden, weil sie bereits durch ihre Anwesenheit und durch die scheinbar f&uuml;r sie ge&auml;u&szlig;erte Forderung nach Aufkl&auml;rung und Erinnerung, den Wunsch, einen Schlussstrich zu ziehen und die Nazizeit vergessen zu k&ouml;nnen, unterminierten. Das eigene Schuldgef&uuml;hl wird abgewehrt und auf die Juden projiziert. Diese Abwehr schl&auml;gt oftmals, so Horkheimer/Adorno, in aggressives Verhalten, bedingt durch antisemitische Projektionen, um: &#8222;Die Abwehr der Erinnerung an das Uns&auml;gliche, was geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen.&#8220;55 Der j&uuml;dische Arzt Zvi Rex</p>
<p>brachte diesen von der kritischen Theorie begr&uuml;ndeten Zusammenhang knapp auf den Begriff: &#8222;Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen! &#8222;(56)</p>
<p>Wozu Gedenken?</p>
<p>Diese intensivere Besch&auml;ftigung soll bereits die mit dem Begriff verbundenen Unm&ouml;glichkeiten aufzeigen. Die Frage nach Gedenken ist nicht nur ein &#8222;Wozu&#8220;. Vielmehr stellt sich auch die Frage nach der M&ouml;glichkeit eines zulassenden Gedenkens. Die Bereitschaft zum Erinnern und Gedenken ist abh&auml;ngig vom Verh&auml;ltnis des Einzelnen zur eigenen Geschichte, zur Geschichte Deutschlands und der eigenen Identifikation mit Deutschland. &#8222;Je n&auml;her und unverbr&uuml;chlicher man zu den Geschicken der eigenen Gemeinschaft steht, desto eher wird man die Erinnerung an deren Geschichte, die dann auch als eigene empfunden wird, zu bewahren suchen. Je ambivalenter, schwieriger und br&uuml;chiger die Vergangenheit des Volkes ist, dem man angeh&ouml;rt, desto mehr &Uuml;berwindung erfordert die Besch&auml;ftigung mit dessen Geschichte, die dann als eigene eher abgewehrt wird.&#8220; (57)</p>
<p>Die Konfrontation mit den Verbrechen gegen die Menschheit macht ein annehmen des Erinnern oder Gedenken zu einer schweren T&auml;tigkeit, die eine ungebrochene Identifikation mit der deutschen Nation verunm&ouml;glicht. Erinnern und Gedenken bedeuten dann immer auch Auseinandersetzung mit den Biografien der eigenen Eltern, Gro&szlig;eltern, Vorfahren und denen, die so waren wie sie. Das gesellschaftliche Denken der Nationalsozialist_innen aufzuarbeiten und dessen Transformationen und Wandlungen zu verfolgen, ist ebenfalls notwendig, um Gedenken nicht als lediglich r&uuml;ckw&auml;rtsgerichtete Rechtfertigungsfigur zu betrachten. So schrieb auch Salomon Korn: ,Die Bereitschaft, der nationalsozialistischen Verbrechen aufrichtig zu gedenken, h&auml;ngt von der Bereitschaft der nichtj&uuml;dischen Deutschen ab, nationale Identit&auml;t in ihren geschichtlich geformten Brechungen und Diskontinuit&auml;ten anzunehmen &#8211; sich eben nicht in eine scheinbar heile nationale Identit&auml;t zu fl&uuml;chten, die zwangsl&auml;ufig die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord auf ihre Bed&uuml;rfnisse hin verbiegen, relativieren und schlie&szlig;lich verf&auml;lschen mu&szlig;.(58)</p>
<p>Die Ereignisse auf politischer Ebene, das Streben nach Normalisierung und erinnerungsverweigernder Vers&ouml;hnung konnte nur &uuml;ber das Einstampfen oder Neubesetzen der Besonderheit der Geschichtsschreibung Deutschlands funktionieren. Dieses Streben hat schleichend die Grundlagen des Antisemitismus erneuert bzw. reproduziert. &#8222;Die Politik flankiert die gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen f&uuml;r solche Judenfeindlichkeit, die die Subjekte ins Innerste pr&auml;gen.&#8220;(59)</p>
<p>Zwar hat die intensivierte Diskussion &uuml;ber den Holocaust nicht nur dem Antisemitismus, sondern auch der Auseinandersetzung `mit der Geschichte die T&uuml;r ge&ouml;ffnet. Die Folgen sind aber, wie im Text bereits aufgezeigt, keineswegs ableitbar. Es werden R&auml;ume geschaffen, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, dennoch wird die Auseinandersetzung zeitgleich trivialisiert. Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten. Diese k&ouml;nnen nur durch Eingedenken und den Zugriff auf die gesellschaftlichen Ursachen bearbeitet werden.</p>
<p>Dabei wurde der Zusammenhang von Erinnerungsbereitschaft und nationaler Identifizierung bereits herausgearbeitet. Aus ihm wird deutlich, dass Erinnern und Gedenken der Nachfahren der Opfer und der Nachfahren der T&auml;ter innen sich ebenfalls unterscheiden m&uuml;ssen. &#8222;Die Nachfahren der T&auml;ter k&ouml;nnen nicht in gleicher Intensit&auml;t um die ihnen ferner stehenden Opfer des V&ouml;lkermordes trauern wie die unmittelbar betroffenen Nachfahren der Ermordeten oder &Uuml;berlebenden. W&auml;hrend Letztere im Gedenken vor-wiegend die Erinnerung an die Ermordeten der eigenen Familie, des eigenen Volkes bewahren, m&uuml;&szlig;te das Gedenken der T&auml;ter-Nachfahren an die Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes immer auch die Erinnerung an Verbrechen des eigenen Volkes sowie Fragen nach deren Ursachen und Folgen einschlie&szlig;en.&#8220;(60)</p>
<p>Dieses Verh&auml;ltnis l&auml;sst sich auch f&uuml;r den Vorstandsvorsitzenden der Rom und Cinti Union, Rudko Kawczynski, nicht zusammenf&uuml;gen. Er sagte in seiner Rede zur Er&ouml;ffnung der Ausstellung &#8222;In den Tod geschickt &#8211; die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940-1945&#8220;: &#8222;Ein, wirkliches, gemeinsames Gedenken als Nachfahren der Generationen der &Uuml;berlebenden und den Nachfahren der vermeintlichen T&auml;ter wird es wohl nicht geben k&ouml;nnen, dazu sind unsere Geschichten und Erfahrungen, unsere Erinnerungen an die Zeit der Hakenkreuze zu unterschiedlich. Eine gemeinsame Aufarbeitung und Mahnung jedoch ist nicht nur m&ouml;glich, sondern unabdingbar. Gerade heute, in einer Zeit, in der Folter und Internierungen ebenso zu Alltag zu werden drohen, wie der Abbau von zivilen Rechten, in der Menschenrechte auf dem Altar der Terrorbek&auml;mpfung einem &Uuml;berwachungswahn geopfert werden, ist es an uns, die Erinnerung an eine Zeit des Staatlichen Terrors lebendig zu erhalten.&#8220;(61)</p>
<p>In dieser Aussage findet sich eben der Umgang, den Adorno in &#8222;Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit&#8220; bereits als Grundlage einer tats&auml;chlichen Aufarbeitung der Vergangenheit formulierte: &#8222;Aufgearbeitet w&auml;re die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt w&auml;ren. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.&#8220;(62)</p>
<p>(1) Der Spiegel 23/2012. Url: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html</a> (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(2) Sprache wird in diesem Artikel als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverh&auml;ltnisse und damit auch als Ort an dem diese reproduziert werden verstanden. Mit der Schreibweise &#8222;mit Unterstrich&#8220; sollen all diejenigen Geschlechtsidentit&auml;ten mitgedacht werden, die sich jenseits der gesellschaftlich hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit verorten. Einen Spezialfall in dieser Schreibform stellt allerdings der Begriff J&uuml;dinnen_Juden dar, da die eigentlich dieser Schreibweise entsprechende Bezeichnung &#8222;Jud_innen&#8220;, den nationalsozialistischen Begriff &#8222;Jud&#8220; beinhaltet und diesen somit reproduziert.</p>
<p>(3) IRAQ and PEACE IN THE WORLD. Url: <a href="http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf" target="_blank" rel="noopener">ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf</a>, 85. (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(4) Heitmeyer, Wilhelm 2007: Deutsche Zust&auml;nde. Folge 6. Suhrkamp, Frankfurt a. M.</p>
<p>(5) Joffe, Josef 2012: Der Antisemitismus will raus. Url: http:/Iwww.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israeUkomplettansicht (gesehen 10.06.2012).</p>
<p>(6) Vgl. Fischer, Torben/ Lorenz, Matthias N. Hg. 2007: Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld transcript, S. 243 ff;</p>
<p>Rensmann, Lars 2001: Politisch-psychologische Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Gegenwart. Zum Verh&auml;ltnis von neueren Vergangenheitsdiskursen und gesellschaftlichen Einstellungen gegen&uuml;ber dem Holocaust in Deutschland. In: Lappin, Eleonore/Schneider, Bernhard (Hg): Die Lebendigkeit der Geschichte. (Dis-)Kontinuit&auml;ten in Diskursen &uuml;ber den Nationalsozialismus. St. Ingbert R&ouml;hrig Universit&auml;tsverlag, S. 357.</p>
<p>(7) Vgl. Postone, Moishe 2005a: Bitburg. 5. Mai 1985 und danach. Ein Brief an die westdeutsche Linke. In: Postone, Moishe (Hg.): Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Freiburg 9a-ira-Verlag, S. 51-59, D&uuml;lffer, Jost 1999: Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur &#8211; Kein Ende der Geschichte. In: Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.): Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg Hamburger Edition, S 289-312; Hartmann, Geoffrey (Hg.) 1986: Bitburg in Moral and Political Perspective. Bloomington; Funke, Hajo 1988: Aufarbeitung der Vergangenheit. Zur Wirkung nationalsozialistischer Erziehung vor und nach 1945. In: Bar-On, Dan/Beiner, Friedhelm/Brusten Manfred (Hg.): Der Holocaust, familiale und gesellschaftliche Folgen &#8211; Aufarbeitung in Wissenschaft und Erziehung. Wuppertal Universit&auml;tsverlag.</p>
<p>(8) Vgl. Diner, Dan (Hg.) 1987: Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(9) Vgl. Rensmann 2001 S. 359.</p>
<p>(10) Vgl. Brumlik, MichalFunke, Hajo/Rensmann, Lars (Hg.) 2000: Umk&auml;mpftes Vergessen: Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik. Berlin Das Arabische Buch, D&uuml;lffer 1999.</p>
<p>(11) Ebd. S. 77 ff.</p>
<p>(12) Vgl. Schwab Trapp, Michael 2003: Der Nationalsozialismus im &ouml;ffentlichen Diskurs. In: Bergem, Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen Leske&amp;Budrich, S 323 f.</p>
<p>(13) Vgl. Schwab-Trapp 2003.</p>
<p>(14) Vgl. Fischer/Lorenz 2007: S. 295 ff.; Rensmann, Lars 1998: Kritische Theorie &uuml;ber den Antisemitismus: Studien zu Struktur, Erkl&auml;rungspotential und Aktualit&auml;t. Berlin und Hamburg Argument, S. 336 ff.; Rensmann, Lars 2001: S. 359 ff.; Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik. Wiesbaden, Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 334.</p>
<p>(15) Vgl. Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.) 1999: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung: &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg: Hamburger Edition, Rensmann 2001: S. 362 f.; Z&ouml;chmeister, Markus/Sauer, Joachim 2005: Langes Schweigen &#8211; Sp&auml;te Erinnerung. Die Wehrmachtsausstellung in Salzburg. Innsbruck Studienverlag.; Prantl, Heribert (Hg.) 1997: Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse. Hamburg Hoffmann und Campe; Thiele, Hans-G&uuml;nther (Hg.) 1997: Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse. Bonn Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung.</p>
<p>(16) Vgl. Brumlik/Funke/Rensmann 2000; Rensmann 2001: S. 362 ff.; Salzborn, Samuel 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt a. M.: Campus. S. 207 f&pound;; Dietzsch, Martin/J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.) 1999: Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verst&auml;ndnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers. Eine Dokumentation. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung.</p>
<p>(17) Vgl. Funke, Hajo Friedensrede als Brandstiftung. In: Brumlik/Funke/Rensmann, S 212ff.</p>
<p>(18) Vgl. Habermas, J&uuml;rgen 2002: Tabuschranken. Eine semantische Anmerkung. F&uuml;r Marcel Reich-Ranicki, aus gegebenen Anl&auml;ssen. In: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 7.6.2002. S. 13; Salzborn 2010 S.208 f.</p>
<p>(19) Grass, G&uuml;nther 2012: Was gesagt werden muss. In: <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809" target="_blank" rel="noopener">www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809</a> (Gesehen am 04.06.2012).</p>
<p>(20) Kritik bei Habermas, J&uuml;rgen 1995: Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 26 f.</p>
<p>(21) Bergem, Wolfgang 2003: Barbarei als Sinnstiftung? Das NS-Regime in Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur der Bundesrepublik. In: Bergem; Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. S. 81.</p>
<p>(22) Rensmann 2001 S. 357.</p>
<p>(23) Ebd. S. 366.</p>
<p>(24) Ebd.</p>
<p>(25) Ebd.</p>
<p>(26) Adorno, Theodor W. 1977: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften 10.2. Eingriffe, Stichworte, Anhang. Hrsg. von Rolf Tiedemann unter der Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 555 f.</p>
<p>(27) Rensmann 2001 S. 366.</p>
<p>(28) Vgl. Klunft, Michael (Hg.) 2003: Erinnern, verdr&auml;ngen, vergessen. Giessen: Netzwerk f&uuml;r politische Bildung, Kultur und Kommunikation, S. 167 ff.; Explizit zu Dresden Vgl. Fischer, Henning 2011: &#8222;Erinnerung&#8220; an und f&uuml;r Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Ged&auml;chtnis der Berliner Republik. M&uuml;nster Verlag Westf&auml;lisches Dampfboot.</p>
<p>(29) Sp&auml;ter, Erich 2004: Siebzig Jahre v&ouml;lkischer Nationalismus: Von der &#8222;Sudetendeutschen Volksgemeinschaft&#8220; zur &#8222;Volksgruppe im Exil&#8220;. In: Klundt, Michael (Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im deutschen Geschichtsdiskurs. K&ouml;ln PapyRossa, S. 104-133.</p>
<p>(30) Diner, Dan (Hg.) 1988: Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(31) Schwab-Trapp 2003: S. 183.</p>
<p>(32) Ebd. S. 184.</p>
<p>(33) Zitat nach: S&uuml;ddeutsche Zeitung. 24. Januar 2005.</p>
<p>(34) Fischer, 30.6.1995 zitiert nach Schwab-Trapp 2003: S. 176.</p>
<p>(35) Vgl. Claussen, Detlev 2005: Grenzen der Aufkl&auml;rung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt a. M.</p>
<p>(36) Duve, Freimut 1995: An der Rampe von Srebrenica. In: Die Zeit 30/1995. Url: <a href="http://www.zeit.de/" target="_blank" rel="noopener">www.zeit.de</a> 1995/30/An_der_Rampe_von_Srebrenica (Gesehen: 06.10.2010).</p>
<p>(37) Vgl. Fischer/Lorenz 2007 S. 305.</p>
<p>(38) Klunft 2004 S. 175.</p>
<p>(39) Adorno, Theodor W. 1975: Schuld und Abwehr. In: Gesammelte Schriften. Band 9. Soziologische Schriften II, S. 237.</p>
<p>(40) Rensmann, Lars 2000: Aufgearbeitete Vergangenheit? Zur Erforschung gegenw&auml;rtiger Dynamiken von Nationalismus und Judeophobie in Deutschland. In: J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.): Weiter auf unsicherem Grund: Rechtsextremismus &#8211; Rechtspopulismus &#8211; Rassismus. Kontinuit&auml;ten und Br&uuml;che. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung, S. 84.</p>
<p>(41) Keil, Daniel 2010: Die &#8222;zarte Wiederentdeckung des Deutschen&#8220; &#8211; Thesen zu Kritik der deutschen Nation und ihrer gegenw&auml;rtigen Entwicklung. In: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hg.): Irrsinn der Normalit&auml;t. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus. M&uuml;nster Westf&auml;lisches Dampfboot, S.20-44.</p>
<p>(42) Ebd. S. 555.</p>
<p>(43) Macdonnald, Sharon 2009: Difficult heritage: negotiating the Nazi past in Nuremberg and beyond. London/New York Routledge, S. 169.</p>
<p>(44) Vgl. Adorno 1977 S. 555.</p>
<p>(45) Juelich, Dierk 1995: Erlebtes und ererbtes Trauma. Von den psychischen Besch&auml;digungen bei den Urhebern der Shoah. In: Schreier, Helmut/Heyl, Mathias (Hg.): &#8222;Da&szlig; Auschwitz nicht noch einmal sei&#8230;&#8220; Zur Erziehung nach Auschwitz. Hamburg Kr&auml;mer, S. 98.</p>
<p>(46) Vgl. Huppert, Daru 2003: Revisionismus als Einstellung und Klischee. In: B&uuml;ro trafo K./H&ouml;llwart, Renate/Martinez-Turek, Charlotte/Sternfeld, Nora/Pollak, Alexander (Hg.): In einer Wehrmachtsausstellung. Erfahrungen mit Geschichtsvermittlung. Wien: Turia+Kant, S. 129.</p>
<p>(47) Vgl. ebd. S. 130.</p>
<p>(48) Adorno 1977 S. 558.</p>
<p>(49) Adorno, Zur Bek&auml;mpfung des Antisemitismus heute.</p>
<p>(50) Broder 1986 S. 11.</p>
<p>(51) Adorno, Theodor W. Gesammelte Schriften. Band 20.1.Vermischte Schriften I, S. 360-3 84.</p>
<p>(52) Adorno 1975 S. 149 f.</p>
<p>(53) Adorno 1975 S. 323.</p>
<p>(54) Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 91.</p>
<p>(55) Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. 1985: Vorwort zu Paul W. Massings &#8222;Vorgeschichte des politischen Antisemitismus&#8220;. In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Bd. 8. Frankfurt a. M. S. 126 f.</p>
<p>(56) Zit. nach Juelich, Dierk 1994: Die Wiederkehr des Verdr&auml;ngten. Sozialpsychologische Aspekte zur Identit&auml;t der Deutschen nach Auschwitz. In: Kulke, Christine (Hg.): Der gew&ouml;hnliche Antisemitismus: Zur politischen Psychologie der Verachtung. Pfaffenweiler Centaurus-Verlags-Gesellschaft, S. 86.</p>
<p>(57) Korn, Salomon 2001: Die zweigeteilte und die gemeinsame Erinnerung: Was es in Israel hei&szlig;t, des Holocaust zu gedenken, und was in Deutschland. Url: <a href="http://www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm" target="_blank" rel="noopener">www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm</a> (Stand 13.06.2012).</p>
<p>(58) Ebd.</p>
<p>(59) Rensmann 1998: S. 334.</p>
<p>(60) Ebd.</p>
<p>(61) Rudko Kawczynski 2009: Er&ouml;ffnungsrede. Url: <a href="http://hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc" target="_blank" rel="noopener">hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc</a> (Stand 13.06.2012)</p>
<p>(62) Adorno 1977 S. 572.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/was-zum-gedenken-gesagt-werden-muss/">Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der elektronische Patient</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/der-elektronische-patient/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 17:45:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Warum die elektronische Gesundheitskarte auch ohne erkennbaren Behandlungsnutzen eingef&#252;hrt wird Essay aus vorg&#228;nge Heft 2/2012,S.104-113 1. Einleitung &#8222;Kontrollwahn&#8220;, &#8222;&#220;berwachungsfanatismus&#8220;, Kritik dieser Art liest man bei Datensch&#252;tzern den laufenden Meter. Nicht nur, wenn es um das Gesundheitswesen geht. Es ist bemerkenswert, wie unsere Lebensregungen neuerdings anlassunabh&#228;ngig Quelle von gro&#223;en Datensammlungen werden: Eink&#228;ufe, Fahrten, Anrufe, Internet-Surfen. Nat&#252;rlich [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Warum die elektronische Gesundheitskarte auch ohne erkennbaren Behandlungsnutzen eingef&uuml;hrt wird</p>
<p>Essay</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012,S.104-113</p>
<h2 class="auto-created">1. Einleitung</h2>
<p>&#8222;Kontrollwahn&#8220;, &#8222;&Uuml;berwachungsfanatismus&#8220;, Kritik dieser Art liest man bei Datensch&uuml;tzern den laufenden Meter. Nicht nur, wenn es um das Gesundheitswesen geht. Es ist bemerkenswert, wie unsere Lebensregungen neuerdings anlassunabh&auml;ngig Quelle von gro&szlig;en Datensammlungen werden: Eink&auml;ufe, Fahrten, Anrufe, Internet-Surfen. Nat&uuml;rlich auch Arztbesuche und Medikamentenkonsum.</p>
<p>Wenn man will, kann man darin die j&uuml;ngste Ausformung einer immer weiter gehenden Selbstdisziplinierung und Selbstkontrolle sehen, deren Anf&auml;nge Norbert Elias in &#8222;Der Prozess der Zivilisation&#8220; beschrieben hat oder Max Weber in &#8222;Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus&#8220;. Eine Disziplinierung, deren Fortsetzung Michel Foucault dokumentierte, am eindr&uuml;cklichsten in &#8222;&Uuml;berwachen und Strafen&#8220;. Durch immer genauere Sichtbarkeit, Steuerung, Messung, Dokumentation arbeiten die Menschen der Neuzeit unabl&auml;ssig an ihrer eigenen Vervollkommnung. Einen m&ouml;glichen Zielzustand hat Aldous Huxley in &#8222;Sch&ouml;ne Neue Welt&#8220; beschrieben.</p>
<p>Solange sich Richtungen und Ma&szlig;st&auml;be dieser Optimierung frei &auml;ndern k&ouml;nnen, gibt es weniger Grund, davor Angst zu bekommen. Ende des 19. Jahrhunderts hat unsere Aufkl&auml;rung einen bedeutenden Schritt gemacht, sie ist reflexiv geworden, kann sich selbst durchschauen. Unserer Neuerfindung sind dadurch wenige Grenzen gesetzt. Diese Neuerfindungen des Menschen ver&auml;ndern st&auml;ndig Ma&szlig;st&auml;be und Ziele der Selbst-Perfektionierung, sie verlangsamen dadurch den &Uuml;bergang in das Klon- und Roboterzeitalter, das in &#8222;Sch&ouml;ne Neue Welt&#8220; beschrieben ist.</p>
<p>In der heutigen Medizin ist das sich neu Erfinden des Menschen allerdings h&ouml;chstens als Problemfall vorgesehen. Sie beruht ja auf der Objektivierung des Patienten durch den Mediziner, nach zuvor feststehenden Ma&szlig;st&auml;ben. Nach den Ma&szlig;st&auml;ben der heute geforderten, evidenzbasierten Medizin handelt ein Arzt falsch, der sich und seine Kunst neu erfindet. Sein Patient erwartet etwas anderes: den Stand der Kunst, davon wird bei der Gestaltung des Systems Gesundheitskarte ausgegangen.</p>
<p>Wenn diese asymmetrische Rollenverteilung in der Architektur festgeschrieben wird, entsteht ein System, das tats&auml;chlich nur in eine Richtung arbeiten kann, nur in Richtung Optimierung und Anpassung an vorhandenes Wissen, nie in Richtung Neuerfindung der eigenen Existenz. Neu erfinden kann man sich in der Rolle des Patienten. Der darf aber nicht dar&uuml;ber urteilen, wo er wirklich steht in seinem Verh&auml;ltnis zum Rest der Welt. Valide dar&uuml;ber urteilen darf nur der Arzt. Der darf sich aber nicht neuerfinden, schon zur Qualit&auml;tssicherung. Man muss das Medizinsystem als m&auml;chtige Clon-Erzeugungs-Maschine verstehen, je tiefer die asymmetrische Rollenverteilung in der technischen und kommerziellen Architektur des Systems verankert ist. Die gute Architektur einer informationstechnischen medizinischen Infrastruktur w&auml;re eine, die das st&auml;ndige Aushandeln von Rollen, und Beziehungen mit gleicher Definitionsmacht zwischen allen Beteiligten voraussetzt, und unterst&uuml;tzt. Insbesondere: gleiche Startpositionen f&uuml;r Arzt und Patient.</p>
<p>Das Projekt elektronische Gesundheitskarte (EGK) stammt aus den 1980er Jahren, die jetzige Krankenversichertenkarte (KVK) sollte schon 1992 zur EGK weiterentwickelt werden, mit den heute bekannten Anwendungen: E-Gesundheitsakte, E-Rezept, Notfalldaten. Ein Gro&szlig;projekt auf Grundlage proprite&auml;rer, patentgesch&uuml;tzer Hardware. (N&auml;heres zur Geschichte in der Brosch&uuml;re des Forums InformatikerInnen f&uuml;r Frieden und Gesellschaftliche Verantwortung, 2. Auflage, Seite 6-17: <a href="http://fiff.de/publikationen/broschueren/20110620_FIfF-egk_digitaleVersionV2.pdf/view" target="_blank" rel="noopener">http://fiff.de/publikationen/broschueren/20110620_FIfF-egk_digitaleVersionV2.pdf/view</a>&nbsp;).</p>
<p>Die gew&auml;hlte zentrale Architektur erfordert ein ausgefeiltes Rollen- und Rechtemodell, auf das sich alle Beteiligten einigen m&uuml;ssen. Die Widerspr&uuml;che zwischen &Auml;rzten und Versicherungen, zwischen Modernisierern und Konservativen, zwischen Datensch&uuml;tzern und Freunden einfacher Arbeit verhindern dessen Festschreibung, und ein Wachstum dezentraler L&ouml;sungen von unten ist nicht m&ouml;glich in diesem Modell. Seit 2004 steht im Gesetz, dass die EGK ab 2006 verbindlich ist. Zurzeit wird sie ausgerollt. Nach neuesten gesetzlichen Vorgaben sollten letztes Jahr 10 Prozent der Versicherten die Karte erhalten, dieses Jahr soll die Quote auf 70 Prozent steigen. Krankenkassen, die nicht spuren, erhalten weniger Geld. Eine wirksame Drohung, da die Kassen nur noch aus dem staatlichen Gesundheitsfond Geld erhalten. Die meisten Abgeordneten, die dieser gesetzlichen Erpressung zustimmten, haben das gar nicht mitbekommen. F&uuml;r die Wirksamkeit kommt es darauf nicht an.</p>
<p>Immer wieder h&ouml;rt man von Versicherten, dass sie die EGK bekommen haben, auch wenn offenbar weder letztes Jahr 10 Prozent erreicht wurden noch dieses Jahr 70 Prozent erreicht werden, da die gr&ouml;&szlig;ten Kassen sich zur&uuml;ckhalten. Zuerst wird man aufgefordert, ein Bild einzuschicken, dann wird es auf die EGK gedruckt und schlie&szlig;lich bekommt man sie. Die EGK kostet die Krankenkassen ca. zehnmal soviel wie die KVK, mehrere Euro pro St&uuml;ck, und braucht neue Leseger&auml;te, die parallel in den Arztpraxen, Apotheken, Krankenh&auml;usern ausgerollt wurden. Auch das wird von den Krankenkassen bezahlt. Von uns allen. Die Kosten belaufen sich bis heute auf mehr als eine Milliarde Euro, die in die Taschen weniger Firmen flossen, die von Anfang an bis heute das Projekt gestalten: Sagem Orga, IBM, Siemens, Giesecke &amp; Devrient, IntercomponentWare.</p>
<p>Die EGK ist die Eintrittskarte f&uuml;r eine neue technische Infrastruktur im Gesundheitswesen, genannt &#8222;Telematik-Infrastruktur&#8220;. Diese wird organisiert von der Gematik in Berlin, einer GmbH, in der die Krankenkassen, &Auml;rzte, Krankenh&auml;user sowie IT-Industrie und Datensch&uuml;tzer vertreten sind. Die Karte verh&auml;lt sich zur Infrastruktur wie die Spitze des Eisbergs zum Eisberg &#8211; sie bildet die sichtbaren 10 Prozent. Darunter liegt eine Infrastruktur, die zehntausende Rechner aller Institutionen des Gesundheitswesens &uuml;ber das Internet miteinander verkn&uuml;pft, nat&uuml;rlich verschl&uuml;sselt. Ausgelegt allerdings nicht f&uuml;r R&ouml;ntgenbilder oder Abbildungen von EKGs. Es geht ausschlie&szlig;lich um Verwaltungs-, Abrechnungsdaten, um Fundstellen und Verschl&uuml;sselungsmittel.</p>
<p>In Gro&szlig;britannien und Tschechien wurden vor Kurzem vergleichbare Projekte storniert, die jahrelang nicht von der Stelle gekommen waren. Auch dort gelang es nicht, f&uuml;r ein einheitliches Rollen- und Rechtemodell L&ouml;sungen aller wesentlichen Interessenkonflikte zu gestalten &#8211; Voraussetzung f&uuml;r ein sauber funktionierendes informationstechnisches Gro&szlig;system.</p>
<p>Aber dieses einheitliche Rollen- und Rechtemodell, das Interessenkonflikte durch Gestaltung aufl&ouml;st, ist die deutsche Nationalutopie schlechthin. Vor allem, wenn damit zugleich die Wirtschaft gef&ouml;rdert und deutsche Technologie in Deutschland der Welt als Modell pr&auml;sentiert wird, wie auch bei der Autobahnmaut. Die intelligente Chipkarte gilt in der hiesigen Politik als deutsche Schl&uuml;ssel- und Spitzentechnologie. Und die Gesundheitswirtschaft als Industriezweig der Zukunft, als Triebkraft des n&auml;chsten langfristigen Aufschwungs. Beamtete Datensch&uuml;tzer, Gr&uuml;ne, Sozialdemokraten m&uuml;ssten politische Selbstm&ouml;rder sein, um heute gegen diese Utopien anzugehen. Da hierzulande nur Piraten und Linke gegen die EGK sind, wird sich das Projekt noch lange hinschleppen.</p>
<h2 class="auto-created">II. Die EGK als Thema f&uuml;r Trans&shy;pa&shy;rency Inter&shy;na&shy;ti&shy;onal</h2>
<p>Auf den ersten Blick scheint Datenschutz kein Problem bei der EGK zu sein, nicht nur der Bundesbeauftragte Peter Schaar hat in Sachen Datenschutz keine Bedenken, auch Thilo Weichert, der oft kritische Schleswig-Holsteinische Datenschutzbeauftragte, gibt gr&uuml;nes Licht.</p>
<p>Die Projekttr&auml;ger erf&uuml;llten alle Auflagen der Datenschutzbeauftragten ohne langes Fackeln, da es bislang kein anderweitiges Interesse an der EGK gibt, das mit dem Datenschutz schwierig vereinbart werden muss. Die gesetzlich vorgesehenen Anwendungen, elektronische Gesundheitsakte, elektronisches Rezept, elektronischer Arztbrief, zurzeit nicht mehr geplant. Au&szlig;er Datenschutz kann die EGK noch nicht viel. Sie und ihre Telematik-Infrastruktur sind bislang weitgehend Selbstzweck. H&auml;tte die IT-Industrie nicht Politiker und Funktion&auml;re erfolgreich beeinflusst, w&auml;re das Thema erledigt. Das Projekt k&ouml;nnte auch sterben, wenn eine von diesen zentralen Anwendungen gleich live geht. Weil dann erhebliche Probleme hochpoppen, das haben alle Pilotprojekte gezeigt. Endlose Wartezeiten vor den Terminals, von Arzt und Patient vergessene PINs, gesperrte Karten, Systemausf&auml;lle. Die Gematik macht es in ihrem Sinne richtig, die Karte ohne Anwendungen einzuf&uuml;hren. Uns ist niemand bekannt, der sich unbezahlt f&uuml;r die EGK eingesetzt h&auml;tte. Kein Arzt, kein Patient. Au&szlig;er vertrieblich und infrastrukturell, interessiert das Ding niemanden. So dass die EGK f&uuml;r den beamteten Datenschutz genauso eine 100 Prozent Erfolgsstory ist, wie f&uuml;r die Hersteller von Chipkarten und Leseger&auml;ten. Dass die Spezifikation der EGK von der Gematik gerade um Jahre zur&uuml;ck gekippt wurde, von 2.3.4 auf 0.5.3, ist f&uuml;r niemanden ein Problem, am wenigsten f&uuml;r die Gematik selbst, sie darf weiter machen und kriegt Geld daf&uuml;r. It&#8217;s the economy, stupid. Die EGK ist als Technologie zum Scheitern verurteilt wie die Atomenergie, aber das Scheitern kann sich &uuml;ber mehrere Jahrzehnte hinziehen und gigantische Ausma&szlig;e annehmen, wenn man es diese Ausma&szlig;e annehmen l&auml;sst. Auch in der Entwicklung der deutschen Atomkraft hat es diese jahrelangen Um- und Irrwege gegeben.</p>
<p>Mit der EGK werden noch lange nur Dinge gemacht, die schon mit der KVK gingen. Den Stammdatenabgleich macht man schon viele Jahre gegen eine CD ROM, die monatlich an die Arztpraxen verteilt wird, Notfallausweise aus Papier haben Epileptiker und Diabetiker dabei. Die behalten sie auch, weil nicht jeder Arzt immer mit Leseger&auml;t heruml&auml;uft. Organspendeausweise gibts auch schon, menschenlesbar. Kosten der EGK-Infrastruktur bis jetzt: mehr als eine Milliarde, die von der Krankenversicherung an wenige Firmen &uuml;berwiesen wurde, noch bevor die Infrastruktur im Wirkbetrieb ist. Warum soll man als ITler dagegen sein, das fragen sich auch kritische Experten, und untersuchten den Aspekt Wirtschaftsf&ouml;rderung bisher nicht weiter. Das Ding schafft durchaus kurzfristig IT-Umsatz und Nachfrage nach Entwicklern. F&uuml;hrt aber strategisch in eine Sackgasse.</p>
<p>Einige Hinweise f&uuml;r investigative Journalisten oder emp&ouml;rte &Auml;rztinnen und Krankenpfleger, die keine Zeit mehr f&uuml;r Patienten haben, weil das Geld f&uuml;r die EGK bei ihnen eingespart wurde. Die folgenden Fakten sind bereits ausreichende Erkl&auml;rung, warum es die EGK gibt:</p>
<ul>
<li>Anke Martiny, Bundesvorsitzende von Transparency International, hat in mehreren Publikationen analysiert, wie die undurchsichtigen Lobbystrukturen im deutschen Gesundheitssystem Betrug und Korruption f&ouml;rdern.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die gro&szlig;en Kassen, Barmer, DAK und TK, werden von ihren IT Abteilungen dominiert, und die stehen seit den 1970er Jahren fest auf dem Boden der mentalen Welt des IBMers: Gro&szlig;rechner, gro&szlig;e Datenbanken, Prozessorientierung, big is beautiful.</li>
</ul>
<ul>
<li>Zwischen den Krankenkassen, mit ihren IT-T&ouml;chtern und Verb&auml;nden, und dem Bundesministerium f&uuml;r Gesundheit besteht eine rege Personalunion. In Gesundheitsministerium und Kanzleramt sind st&auml;ndig ausgeliehene Mitarbeiter des Krankenkassensystems im Einsatz.</li>
</ul>
<ul>
<li>Der Plan zur EGK wurde 2003 entwickelt, im Auftrag des Gesundheitsministeriums, vom Konsortium &#8222;bit4health&#8220;, ihm geh&ouml;rten genau die Firmen an, die heute vom Projekt profitieren: Sagem Orga, IBM, Siemens, Giesecke &amp; Devrient, IntercomponentWare.</li>
</ul>
<ul>
<li>Der wichtigste Profiteur der EGK in Deutschland ist Giesecke &amp; Devrient GmbH, M&uuml;nchen. Laut Spiegel Nr. 11/2010 (&#8222;Westerwelles Netzwerk&#8220;) geh&ouml;rt ihr Chef, Dr. Karsten Ottenberg, zum engsten gesch&auml;ftlichen Netzwerk von Guido Westerwelle, dessen Mitglieder Westerwelle nicht verhungern l&auml;sst und die er zu Auslandsreisen mitnimmt. Dr. Karsten Ottenberg ist der Vorsitzende der Arbeitsgruppe 7, IKT und Gesundheit, des &#8222;Nationalen IT-Gipfels der Bundeskanzlerin&#8220;, der dem Land die strategische Richtung f&uuml;r die Entwicklung des staatlichen IT weist. Zu den Themen des IT-Gipfels geh&ouml;ren auch EGK und Gesundheits-Telematik.</li>
</ul>
<ul>
<li>Der Personalausweis als RFID Chipkarte wird seit 2010 verteilt und erm&ouml;glicht eine rechtswirksame Identifikation, und freiwillige Signatur mit PIN, damit ist eine maschinenlesbare Identifikation und Signatur f&uuml;r weitere Anwendungen zul&auml;ssig. Er wird hergestellt mit wesentlicher Beteiligung von Giesecke &amp; Devrient. Allerdings, f&uuml;r Giesecke &amp; Devrient f&auml;llt bei einer Persoanwendung wenig ab, aber Millionen bei einer weiteren Chipkarte.</li>
<li>F&uuml;r die CDU ist Deutschland Chipkartenland. 1999 wurde an Sagem Orga der Auftrag erteilt, eine Machbarkeitsstudie zur Asylcard zu erstellen. Personalausweis ist bekannt. Bei der Bundeswehr wird derzeit der neue Elektronische Dienstausweis ausgerollt, eine Chipkarte, geplant seit 2001. Eine Chipkarte, die alle Arbeitslosen h&auml;tten kaufen m&uuml;ssen, (&#8222;Job-Card&#8220;), war Bestandteil des j&uuml;ngst gestoppten ELENA Projekts. Ministerin von der Leyen fordert die Bildungs-Chipkarte f&uuml;r arme Kinder. Die Liste ist unvollst&auml;ndig.</li>
</ul>
<ul>
<li>Gesundheits-Chipkarten gibt es nur entweder in den 2 L&auml;ndern, in denen weltweit f&uuml;hrende Chipkartenhersteller sitzen (Deutschland und Frankreich), oder in welchen, die in den Staatskorruptions-Indices von EU und Transparency International schlechte Pl&auml;tze haben (&Ouml;sterreich, Slowenien, Taiwan). Sonst nirgends.</li>
</ul>
<p>Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt vieles, was einige bl&ouml;d finden. Valium, Hom&ouml;opathie, Fluoxetin, Kneipp Kuren und anderes. Warum nicht auch elektronische Gesundheitsakten und Rezepte. Solange sie genauso freiwillig sind. Sind sie das?</p>
<h2 class="auto-created">III. Die EGK als Thema f&uuml;r die Occupy Bewegung</h2>
<p>Die beiden wichtigsten Datensch&uuml;tzer, die gegen die EGK aktiv sind, hei&szlig;en Wolfgang Linder und Kai-Uwe Steffens. Sie warnen nicht in erster Linie vor jetzt ausgerollten EGK-Anwendungen, sondern vor geplanten. Kai-Uwe Steffens verweist darauf, dass zentral gespeicherte Gesundheitsdaten und ihr Austausch &uuml;ber das Internet immer unsicher sind, die ganze Chipkarten-Infrastruktur aber nur Sinn hat, wenn es sie gibt. Wolfgang Linder vom &#8222;Komitee f&uuml;r Grundrechte und Demokratie&#8220; warnt, f&uuml;r die Finanziers, die Krankenkassen, lohnte sich die Infrastruktur erst, wenn neue Anwendungen k&auml;men, sie sind in der Pipeline, die seien erst das Problem. (Siehe <a href="http://www.grundrechtekomitee.de/node/480" target="_blank" rel="noopener">http://www.grundrechtekomitee.de/node/480</a> und das gerade erschienene Buch des Komitees &#8222;Digitalisierte Patienten &#8211; Verkaufte Krankheiten&#8220;).</p>
<p>Linder verweist auf Folgendes. Jede bisherige Regierung hat ins Gesetz geschrieben, was der Krankenkassenverband ihr diktiert, am genauesten CDU/FDP, deren Abgeordnete oft keine Ahnung haben, welchen Last Minute Gesetzen sie gerade zustimmen.</p>
<p>Wenn die Opposition Einw&auml;nde gegen ihr Gesetzprojekt vorbringt, rufen sie emp&ouml;rt dazwischen &#8222;Zur Sache!&#8220;, weil sie annehmen, im Gesetzentwurf stehe nur, was ihr Minister gesagt hat. Volksvertreter haben oft keine Ahnung.</p>
<p>Im gleichen Blitzverfahren wird, laut Wolfgang Linder, eines Tages entweder die Freiwilligkeit bei der Elektronischen Patientenakte ausgehebelt, oder die Vorschrift, dass keiner benachteiligt werden darf, der diese Akte nicht haben will. Eines von beiden muss fallen, sonst haben all die Investitionen f&uuml;r die Krankenkassen keinen Sinn. Da wird er Recht haben. Es geht den Kassen um Wettbewerb in der Krankenversorgung, um zu akzeptablen Kosten die &auml;lter und kr&auml;nker werdende Bev&ouml;lkerung zu versorgen. Hier kommt die Occupy Bewegung ins Spiel, denn es geht gleichzeitig um die ambulante Patientenversorgung als Investitionssph&auml;re f&uuml;r Banken, Versicherungen und Klinikkonzerne. Viele Krankenkassen sind l&auml;ngst eng verbunden mit Privatversicherungen. Sie wollen mit behandeln und Geld von der &Auml;rzteschaft zu sich selbst umverteilen. Der Datenschutz erschwert dieses &#8222;Managed Care&#8220;, die EGK soll sie m&ouml;glich machen.</p>
<p>Die Zukunft der Gesundheitsversorgung soll n&auml;mlich die &#8222;populationsorientierte integrierte Versorgung&#8220; sein. Steht schon im Gesetz, &sect;&sect; 140 a bis d SGB V. Es geht um alle Versicherten ganzer PLZ-Regionen, oder um Gro&szlig;gruppen, wie alle Dialyse-Patienten eines Bundeslandes. Ihre Versorgung soll komplett von einem Klinikkonzern, oder einer Health-Management-Gesellschaft &uuml;bernommen werden. Die bekommt von einer Krankenkasse, oder von einem Verband von Kassen den Auftrag dazu. Den Auftrag bekommt, wer verspricht, es billiger zu machen als jetzt, billiger als andere. Der Klinikkonzern oder die Managementgesellschaft, die den Versorgungs-Zuschlag hat, darf sich &Auml;rzte und Krankenh&auml;user aussuchen, zu denen man als Patient gehen darf. Sie vereinbaren mit diesen &Auml;rzten die Bedingungen, k&ouml;nnen sie gegeneinander ausspielen. (&#8222;Selektivvertr&auml;ge&#8220;). Das geht, weil die freie Arztwahl der Patienten dabei eingeschr&auml;nkt ist.</p>
<p>Es gibt im Gesundheitswesen keinen vern&uuml;nftigen Menschen, der gegen Integrierte Versorgung ist &#8211; gegen das enge Verzahnen der verschiedenen Dienstleister bei der Behandlung. Allerdings ist diejenige Integrierte Versorgung, die derzeit in Deutschland geplante ist, eine von &#8222;oben&#8220; gesteuerte, kontrolliert von sog. Health Management Organizations (HMO) und Klinikkonzernen, nach US-Vorbild.</p>
<p>F&uuml;r diese &#8222;integrierte Versorgung&#8220; ist die EGK in doppelter Weise zentraler Baustein. Zum einen liefert sie die Information, zu welcher Versorgungsgruppe ich als Patient geh&ouml;re. Wem ich sozusagen geh&ouml;re, wo ich behandelt werden darf, oder welche Zusatzversicherung ich habe. Dazu dient das Versicherten-Stammdaten-Management, die erste und wichtigste Funktion der EGK. Jede Arztpraxis kann sofort sehen, in welchem Programm ich bin, z.B. &#8222;Diabetiker&#8220;. Ob sie mich &uuml;berhaupt behandeln darf, wie sie mich behandeln kann und muss. Zum anderen sind die gew&uuml;nschten Kosten-Einsparungen nur m&ouml;glich, wenn viele Seiten auf dieselben Behandlungsinformationen zugreifen. Klinikkonzerne und Health-Management-Gesellschaften wollen ihre ambulante Behandlung mit Leitlinien steuern, und auf ihrer Grundlage: verbindlich qualit&auml;tssichern. (&#8222;Managed Care&#8220;). So k&ouml;nnen sie ihre Kostenziele erreichen und Verluste vermeiden. &Auml;rzte werden teilweise ersetzt durch Telemetrie-Anwendungen (z. B. bei Herzproblemen) oder durch medizinische Callcenter (bei Bagatellerkrankungen). Das funktioniert nur, wenn der Betreiber umfassenden Zugriff auf die Behandlungsdaten hat. Es muss f&uuml;r Managed Care &uuml;bergreifende elektronische Gesundheits- oder Fallakten geben, im Besitz der Betreiber, mit Zugriffsm&ouml;glichkeit durch viele Behandler und case manager. Jetzt wissen Leserinnen und Leser, warum Krankenkassen und &Auml;rzteverb&auml;nde gerade so viele IT Stellenanzeigen schalten. Mit dem Arztgeheimnis, das die &Auml;rzte voneinander abschottet, k&ouml;nnten Patienten die Begrenzung ihrer Anspr&uuml;che aushebeln. In den Managed Care Projekten, die es bisher gab (&#8222;Hausarztvertr&auml;ge&#8220;) mussten die Patienten denn auch weitgehend auf ihr Patientengeheimnis verzichten. Was zu erheblichem &Auml;rger mit den Datenschutzbeauftragten Thilo Weichert f&uuml;hrte. (Beamtete Datensch&uuml;tzer d&uuml;rfen nur Dinge kritisieren, die schon ausreichend konkret sind und mindestens das Stadium des Gesetzentwurfs erlangt haben. Kritik von Strategien und Sachzw&auml;ngen ist nicht ihre Aufgabe, sonst k&ouml;nnte man sie erfolgreich der Wirtschaftsfeindlichkeit bezichtigen, was t&ouml;dlich w&auml;re. An Stelle von Peter Schaar und Thilo Weichert m&uuml;sste und w&uuml;rde ich dasselbe tun. Zum Gl&uuml;ck bin ich nicht an ihrer Stelle.)</p>
<p>Ein Mitarbeiter der Techniker Krankenkasse schreibt: &#8222;Die integrierte Versorgung erg&auml;nzt im Wesentlichen die Regelversorgung, wird aber zuk&uuml;nftig Teile der Regelversorgung ersetzen. Ihr Anteil wird steigen, und durch technische Vernetzungen wie die Patientenakte werden Kooperation und Arbeitsteilung einen h&ouml;heren Stellenwert bekommen.&#8220; In der Szene der Krankenkassen und &Auml;rzteverb&auml;nde finden zu dem Themenkreis Managed Care/Integrierte Versorgung mehrfach j&auml;hrlich Tagungen und Kongresse statt, es herrscht Goldgr&auml;berstimmung. Es geht um so viele Milliarden, dass die Kosten der EGK beinahe verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig sind, wenn man Managed Care f&uuml;r sinnvoll h&auml;lt. In den USA kennt man diese HMO, wie Kaiser Permanente, schon lange. Manche versuchen sie gerade wieder loszuwerden. Weil Patienten dort jetzt wissen, wie recht Ehrlichmann hatte, der gesundheitspolitische Berater von Pr&auml;sident Nixon. Der warnte vor 40 Jahren: &#8222;The less care they give, the more money they make.&#8220; ( <a href="http://www.kaiserthrive.org/kaiser-permanente-history/" target="_blank" rel="noopener">http://www.kaiserthrive.org/kaiser-permanente-history/</a> ).</p>
<p>Klinikkonzerne und Krankenkassen dr&auml;ngen in die ambulante Versorgung. Das ist hier nur durchsetzbar mit dem Segen des Datenschutzes. Den Datenschutzsegen erh&auml;lt Managed Care mit der EGK. Jede Krankenkasse, die Geld machen will, denkt, sie braucht deshalb die EGK. Jeder rationale ambulante Arzt, der um sein Einkommen f&uuml;rchtet, dem alles andere egal ist, will die EGK verhindern, um Managed Care zu verhindern. Wir haben es mit einem datenschutzpolitischen Stellvertreterkrieg zu tun.</p>
<p>Ein etwas anderer medizinischer Datenaustausch, freiwillig, ohne Patente, basierend auf offenen Standards, wird international erfolgreich sein. Nach Lage der Dinge wird er nicht aus Deutschland kommen. Wegen dieser Blockade-Konstellation: Krankenversicherungen &#8211; Datensch&uuml;tzer &#8211; Chipkartenindustrie.</p>
<h2 class="auto-created">IV. Ist das noch Daten&shy;schutz?</h2>
<p>Es gibt in der Bev&ouml;lkerung erhebliche Zustimmung zur Sammlung von Kommunikationsdaten. Das Kontrollbed&uuml;rfnis, dem jeder f&uuml;r sich selbst fr&ouml;nt, kehrt sich auch nach au&szlig;en. Die Leute wollen verhindern, dass irgend jemand Vorteile davon hat, dass er etwas tut, was man sich selbst verkniffen hat. Da viele auf vieles verzichten und sich auf den meisten Gebieten nach halboffiziellen Anleitungen richten (beim arbeiten, essen, lieben, &#8230;) &#8211; was niemandem immer nur Spa&szlig; bringt &#8211; m&ouml;chten dieselben Leute ganz sicher sein, dass einer, der sich nicht um die halboffiziellen Anleitungen k&uuml;mmert, (der arbeitet, isst, liebt wie er gerade lustig ist), auf keinen Fall noch gr&ouml;&szlig;eren Vorteil aus seiner L&auml;ssigkeit zieht. Weil es so anstrengend ist, alles richtig zu machen, muss es dem, der es falsch macht, unbedingt schlechter gehen. Freud hat das, im &#8222;Unbehagen in der Kultur&#8220;, den <i>Narzi&szlig;mus der kleinen Differenz </i>genannt. Ihm dienen Kontrollen. Es geh&ouml;rt kaum Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie diese Rache der Enterbten sich im Gesundheitswesen austobt, wenn die n&ouml;tigen Daten einmal erhoben sind. Vorschl&auml;ge f&uuml;r Beitragserstattungen bei regelm&auml;&szlig;ig vern&uuml;nftigem Sport, und h&ouml;here Beitr&auml;ge f&uuml;r Raucher, Trinker, Fastfoodesser und Extremsportler, nat&uuml;rlich organisiert &uuml;ber die Chipkarte, gibt es schon lange.</p>
<p>Sie wollen deshalb auch weiterhin unbeschriebenes Blatt sein, normalerweise. Das sind Sie nicht mehr, wenn ich Ihr Arzt bin und in Ihrer zentralen Gesundheitsakte keine Eintragungen sind, im Alter 40 oder 50. Es ist unwahrscheinlich, dass da nichts steht, weil Sie im Leben nie beim. Arzt waren. Wahrscheinlicher ist, dass Sie mir was vorenthalten. Das denke ich, weil ich Ihre leere Akte sehe. Das denke ich auch, wenn Sie mir sagen: ich gebe Ihnen keinen Zugriff. Ich sehe Sie als neuen Patienten dann anders als jetzt. Bei allem, was Sie sagen, denke ich wegen dieser leeren Akte: &#8222;&#8230; und was noch? Was verschweigt er mir?&#8220;</p>
<p>Wenn Sie alles aufzeichnen lassen und dem Arzt alles zeigen, steht da vielleicht etwas, was Sie f&uuml;r zweifelhaft halten. So dass Sie nicht m&ouml;chten, dass Ihr neuer Arzt anders auf diese Idee kommt, als von selber. Das geht aber nicht mehr, hat er einmal gelesen, was der Kollege &uuml;ber Sie schrieb. Eine unbefangene Begegnung ist nicht mehr m&ouml;glich, sobald die zentrale elektronische Gesundheitsakte existiert.</p>
<p>Wenn Sie m&ouml;chten, dass Ihr Arzt nur wei&szlig;, was Sie sagen und was er feststellt, und dass er sich auf der Grundlage sein Urteil bildet, wenn Sie an diesem unbefangenen Urteil interessiert sind und an keinem andern, m&uuml;ssen Sie sich privat behandeln lassen. Dieses Urteil k&ouml;nnen Sie mehr bekommen, wenn es einen definierten Ort gibt, an dem Metadaten &uuml;ber Ihre medizinische Akte stehen, auf die Ihr Arzt regelm&auml;&szlig;ig zugreifen soll. Bei Managed Care ist es nicht mal m&ouml;glich, von einem zweiten Arzt eine zweite, unbefangene Meinung einzuholen, und alleine zu entscheiden, was man glauben will.</p>
<p>Wenn man davon ausgeht, dass das Verh&auml;ltnis Arzt-Patient ein sehr enges Vertrauensverh&auml;ltnis sein sollte, ist eine elektronische Patientenakte mit definiertem Ort ihrer Metadaten (z.B. Zugriffsrechte) genauso problematisch wie eine Beicht-Akte, oder eine Sex Akte. Sie verhindern unbefangene, unvorbelastete Begegnungen. Man kann machen, was man will: ist abgestempelt, sobald es den Ort f&uuml;r Metadaten gibt: als Geheimniskr&auml;mer, Informationsblockierer, als l&auml;ngst Kranker, als Mitmacher oder Verweigerer.</p>
<p>Ich steuere meine Behandlungen alle selbst, und das ist viel effizienter, als wenn jeder Arzt erst lesen m&uuml;sste, was jeder andere jemals &uuml;ber mich geschrieben hat. Patienteninteressen sind nur bei v&ouml;llig unm&uuml;ndigen Patienten weitgehend identisch mit den Eigeninteressen des medizinischen Systems.</p>
<p>Vertrauen verschwindet aus der Gesellschaft, Misstrauen und Vorsicht nehmen &uuml;berhand, die Philosophin Michele Marzano hat ein Buch dar&uuml;ber geschrieben: &#8222;Le contrat de defiance&#8220;. In den USA ist f&uuml;r &Auml;rzte der Zeitaufwand f&uuml;r Dokumentation l&auml;ngst gr&ouml;&szlig;er, als der f&uuml;r Patientenkontakt. Dahin geht der Trend hierzulande auch. Die EGK ist Teil davon. Das Recht auf die M&ouml;glichkeit des Vertrauens schwindet. Vor allem im Gesundheitsbereich. Dazu geh&ouml;rt das Recht, seine Vergangenheit aus dem Augenblick heraus zu interpretieren, und vom anderen genau so wahrgenommen zu werden. Mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen kann anders gehen. Auch Selektivvertr&auml;ge sind ohne personenbezogene Datensammlungen m&ouml;glich.</p>
<p>Freiwillig ist eine Anwendung, bei der keiner von Amts wegen gefragt wird, ob er sie nutzen will. Die au&szlig;er jenen, die sich freiwillig eingetragen haben, niemanden kennt. Davon gibt es im Internet diverse f&uuml;r Gesundheitsdaten, mit unterschiedlicher Schutzintensit&auml;t. Die Gesetzliche Krankenversicherung k&ouml;nnte solche Anwendungen auch erstellen und nutzen, gern mehrere, auch eine davon mit Chipkarte. Kein Arzt sollte die M&ouml;glichkeit haben, festzustellen, ob es bislang keine, eine oder mehrere elektronische Gesundheitsakten &uuml;ber Sie gibt, verteilt oder lokal, wenn Sie dem Arzt alle Rechte geben, von denen er wei&szlig;, dass jeder sie hat. Dann stimmt es, dass Sie dem Arzt freiwillig den Zugriff auf Ihre Akte geben. Selbstverst&auml;ndlich spricht sehr viel f&uuml;r gemeinsame Akten von mehreren Behandlern. Wer es braucht, soll es unbedingt machen. Freiwillig. Das hei&szlig;t: man kann so oder anders, ohne Nachteile.</p>
<h2 class="auto-created">V. Die Chance f&uuml;r Privatheit</h2>
<p>Die Entwicklung des Datenschutzes zur Massenbewegung, auch Open Source und Wikipedia zeigen, dass eine neue Form des Gemeinschaftsbewusstseins im Werden ist. Seltsamerweise gerade unter als unsozial geltenden Informatikern. Sorgsamer Umgang mit dem Kulturerbe, so k&ouml;nnte man sie auf den Punkt bringen. Macht euren Bl&ouml;dsinn &uuml;berall, aber macht ihn nicht mit unseren Gemeinschaftsg&uuml;tern: z. B. nicht mit dem Internet, nicht mit Etherpad, nicht mit der Wikipedia. Nicht mit dem Regenwald der Philippinen. Dieses Beharren auf Ernsthaftigkeit beim Umgang mit gewissen Ressourcen ist eine Haltung, die am automatischen Fortschritt orientierte Institutionen und ihre Vertreter nicht einnehmen k&ouml;nnen. Um als realistisch zu gelten, m&uuml;ssen sie ihren Leuten beweisen, dass nichts heilig ist, alles seinen Preis hat.</p>
<p>Diese Ernsthaftigkeit bringen einige davon ins Gesundheitswesen ein. Die Anwendungen, gegen die sie am meisten sind, zentrale medizinische Akte, elektronisches Rezept, sollen seit 20 Jahren eingef&uuml;hrt werden, sind heute fast au&szlig;er Diskussion. Sie wiegen sich nicht in Sicherheit, sehen &ouml;konomische Interessen und politische Sachzw&auml;nge am Werk.</p>
<p>Kein Bild einschicken ist sch&ouml;n und gut, sagen sie, diese Datensch&uuml;tzer in den Initiativen &#8222;Stoppt die e-card&#8220; und &#8222;Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung&#8220;. Es sei aber schon entschieden, wer kein Bild einschickt, kriegt eine EGK ohne Bild, die funktioniert genauso. Man kann bei der Krankenkasse beantragen, weiterhin auch ohne EGK versorgt zu werden. Gegen die vorhersehbare Ablehnung kann man dann mit Widerspruch und Klage nach Karlsruhe gehen. Das machen einige. Bisher gibt es noch keine Gerichtsentscheidung. Man kann diesen Antrag jederzeit stellen, nachdem man die EGK erhalten hat. Zu gegebener Zeit k&ouml;nnten sie eine gr&ouml;&szlig;ere Massenklage starten.</p>
<p>Parallel gibt es die Idee, bei der Techniker Krankenkasse als Modellversuch einen Datenschutz-Tarif zu beantragen. Und wenn sie den nirgends kriegen, eine Datenschutz-Krankenkasse zu gr&uuml;nden. Elektronische Medien sollten f&uuml;r die Selbstverwaltung benutzt werden. Gl&auml;serne Verwaltung, statt gl&auml;serne Patienten, ist die Utopie dahinter.</p>
<p>Krankenkassen und Verb&auml;nde sagen, nur mit Managed Care k&ouml;nnten immer krankere Versicherte zu konstanten Kosten versorgt werden. Zu Privatisierung und Managed Care g&auml;be es keine Alternative. Der Status Quo sei nicht zu halten. Damit haben sie SPD und Gr&uuml;ne &uuml;berzeugt. Beh&ouml;rdlicher Datenschutz und Gerichte sind nicht berechtigt, gesundheitspolitische Alternativmodelle vorzuschlagen. Sie m&uuml;ssen den Krankenkassen ihre Sachzw&auml;nge zum Nennwert abnehmen. Die sagen zum Beispiel: die EGK-Infrastruktur sei besser als Microsoft Health Vault (siehe <a href="http://www.microsoft.com/enus/microsofthealth/products/microsoft-healthvault.aspx" target="_blank" rel="noopener">http://www.microsoft.com/enus/microsofthealth/products/microsoft-healthvault.aspx</a>). Das sei die einzige denkbare Alternative. Deswegen w&auml;re die EGK Datenschutz!</p>
<p>Den Beweis des Gegenteils &#8211; Vereinbarkeit von Patientengeheimnis, guter Versorgung, vertretbaren Kosten &#8211; wird beispielsweise in den skandinavischen L&auml;ndern erbracht, wo die Gesundheitsversorgung, steuerfinanziert, in Staatshand ist. In Deutschland wird es zun&auml;chst eine kleine Minderheit sein, die zeigt, dass es anders geht, in genossenschaftlichen Modellen. Transparente Selbstverwaltung, Datenschutz und Offene Standards wird Kern einer politischen Alternative in vielen Bereichen sein. Auch im Gesundheitswesen.</p>
<p>Das Krankenkassensystem mit seinen Verb&auml;nden genie&szlig;t in Deutschland aufgrund einer 150j&auml;hrigen Erfolgsgeschichte ein hohes Ma&szlig; an Glaubw&uuml;rdigkeit. Mit seiner &Ouml;ffnung f&uuml;r den Wettbewerb hat um das Jahr 2000 herum sein Abbau begonnen, parallel zur Einf&uuml;hrung von Kartensystemen. Bis es sich herumgesprochen hat, dass die Verb&auml;nde der Krankenkassen heute keine h&ouml;here Weisheit verk&uuml;nden als die Bitkom oder der Verband der Zeitungsverleger, dass es ihnen um nichts als Umsatz und Gewinn f&uuml;r ihre Unternehmen geht, das wird eine Weile dauern. Solange k&ouml;nnte es die EGK geben.</p>
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		<title>Kinderkrankheiten einer Fünfjährigen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 17:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Krise der Partei &#8222;Die Linke* aus vorg&#228;nge Heft 2/2012,S.114-121 Im Juni dieses Jahres wurde DIE LINKE. f&#252;nf Jahre alt. F&#252;r gew&#246;hnlich sind solche Daten Anlass f&#252;r Feierlichkeiten, Gru&#223;worte und Reden mit R&#252;ckblicken, Vorausschauen sowie Anekdoten aus der Anfangszeit. Zum Feiern war der Linkspartei freilich dieser Tage nicht zumute. Erst einige Wochen zuvor wurde sie [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Krise der Partei &#8222;Die Linke*</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012,S.114-121</p>
<p>Im Juni dieses Jahres wurde DIE LINKE. f&uuml;nf Jahre alt. F&uuml;r gew&ouml;hnlich sind solche Daten Anlass f&uuml;r Feierlichkeiten, Gru&szlig;worte und Reden mit R&uuml;ckblicken, Vorausschauen sowie Anekdoten aus der Anfangszeit. Zum Feiern war der Linkspartei freilich dieser Tage nicht zumute.</p>
<p>Erst einige Wochen zuvor wurde sie aus dem Landtag in Nordrhein-Westfalen herausgew&auml;hlt. Dies war nicht nur ein herber Schlag ins Kontor, weil Wahlen in NRW gemeinhin als Test f&uuml;r die Bundestagswahl verstanden werden. Sondern das bev&ouml;lkerungsreichste Bundesland hat zudem insbesondere f&uuml;r DIE LINKE eine hohe Symbolkraft. Nach der f&uuml;r Rot gr&uuml;n gescheiterten Landtagswahl im Mai 2005 rief der damalige SPD-Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der Neuwahlen aus und bot damit Oskar Lafontaine die Gelegenheit, der WASG das Angebot zu unterbreiten, als Spitzenkandidat zur Verf&uuml;gung zu stehen, falls diese sich mit der PDS auf einen gemeinsamen Wahlantritt verst&auml;ndigen w&uuml;rde. Mit der Bundestagswahl 2005 begann f&uuml;r dieses Parteienb&uuml;ndnis, das sich zwei Jahre sp&auml;ter zu einer Partei zusammenschloss, eine Erfolgsgeschichte, die lange Zeit unaufhaltbar schien.</p>
<p>Damit war es sp&auml;testens seit Beginn des vergangenen Jahres vorerst vorbei. Wichtige Wahlziele wurden nicht erreicht, der organisatorischen Fusion folgte bislang kein Zusammenwachsen zu einer einheitlichen Organisationsstruktur. Stattdessen bek&auml;mpfen sich einzelne Gruppen, wie Gregor Gysi auf dem G&ouml;ttinger Parteitag ausf&uuml;hrte, innerparteilich bis hin zum Hass. Die Worte mit denen er den Zustand der Bundestagsfraktion beschrieb, d&uuml;rften in ihrer Offenheit ohne Beispiel in der bundesdeutschen Parteienlandschaft sein. R&uuml;ckblickend muss die Amtszeit der beiden Vorsitzenden Klaus Ernst und Gesine L&ouml;tzsch als zwei verlorene Jahre betrachtet werden, in denen sich die Partei zwar ein Programm gegeben hat, doch ansonsten nicht viel zu Wege brachte.</p>
<p>Grund also, der Linkspartei das Totengl&ouml;ckchen zu l&auml;uten, wie dies viele Medien im Vorfeld des Bundesparteitags am ersten Juni-Wochenende taten? Keineswegs. Mit der Wahl der beiden neuen Vorsitzenden hat die Partei etwas Tritt gefasst, nachdem sie bereits tief in den Abgrund geschaut hatte. Das ist noch nicht viel, doch es k&ouml;nnte der erneute Beweis daf&uuml;r sein, dass Totgesagte l&auml;nger leben. Was nicht zuletzt die PDS seit mehr als zwanzig Jahren dem insbesondere westdeutsch gepr&auml;gten politischen Beobachter zeigt.</p>
<h2 class="auto-created">Neuordnung des Partei&shy;en&shy;sys&shy;tems &bdquo;diesseits der Union&ldquo;</h2>
<p>Bei der Suche nach Erkl&auml;rungen f&uuml;r die ins Gegenteil gekehrte Erfolgskurve der Linkspartei wird f&uuml;r gew&ouml;hnlich darauf verwiesen, dass es ihr naturgem&auml;&szlig; schwerer falle, als linke Kraft wahrgenommen zu werden, seitdem sich mit ihr SPD und Gr&uuml;ne die Oppositionsb&auml;nke im Bundestag teilen. Dies ist zweifellos richtig und dennoch nur die halbe Wahrheit. Denn deutlich wird, dass DIE LINKE. ihr strategisches Verh&auml;ltnis zu SPD und Gr&uuml;nen nicht gekl&auml;rt hat und damit letztlich sich selbst die Antwort auf die Frage schuldig bleibt, wohin sie will und mit wem. Diese zu finden, erfordert die Untiefen linker Befindlichkeiten, Irrt&uuml;mer und Hoffnungen auszuloten.</p>
<p>Die Entstehung der Linkspartei entsprang zwar einem <i>window of opportunity</i>. Dennoch war sie ein Projekt, dessen Ziel in der parteipolitischen Neuordnung <i>diesseits der Union </i>bestand, wie Willy Brandt dieses Spektrum einmal beschrieben hat. Die Voraussetzungen daf&uuml;r waren 2005 g&uuml;nstig. Die Schr&ouml;der-SPD befand sich in einer neoliberalen Sackgasse. Von den Gewerkschaften ungeliebt wie selten zuvor, waren auf der &ouml;rtlichen und betrieblichen Ebene die tektonischen Verschiebungen weg von der SPD mit H&auml;nden zu greifen und die Gr&uuml;nen hatten &uuml;ber die Regierungszeit ihren linken Fl&uuml;gel bis auf die politisch selbst&auml;ndige Kreuzberger Einheit Str&ouml;bele ebenfalls marginalisiert. Rot-gr&uuml;n hatte abgewirtschaftet.</p>
<p>Ein organisatorisches Auffangbecken f&uuml;r entt&auml;uschte sozialdemokratische und gr&uuml;ne W&auml;hler- und Mitgliedschaft zu schaffen, konnte freilich nur erfolgreich gelingen, wenn zwei Voraussetzungen erf&uuml;llt waren: (1) es mussten alle linken Potenziale mobilisiert werden, die vorstellbar waren, auch unter der Voraussetzung, dass damit jahrzehntelange Konkurrenzen und Widerspr&uuml;che ausgetragen werden m&uuml;ssten. Und (2) es bedurfte der PDS, ihres Milieus, vor allem aber ihrer Logistik, ihrer Verankerung und &ouml;rtlichen Strukturen, ihres Geldes (Lorenz 2007: 293).</p>
<p>F&uuml;r die PDS erf&uuml;llte sich mit der Parteifusion ein lang gehegter Wunsch. Seit 1990 hatte sie erfolglos an ihrem Projekt <i>&#8222;Westausdehnung&#8220;</i> gearbeitet, ohne einen sichtbaren Erfolg zu verzeichnen, sieht man von vereinzelten kommunalen Ausnahmeergebnissen ab, die zumeist lokalen Ursachen entsprangen (Meuche-M&auml;ker 2006: 123). Nun ergab sich endlich die M&ouml;glichkeit einer fl&auml;chendeckenden Ausdehnung im gesamten Bundesgebiet. Die in der PDS f&uuml;r gew&ouml;hnlich eine absolute Minderheit stellenden Vertreter der Kommunistischen Plattform versprachen sich von der Fusion einen Einflusszuwachs durch die hinzukommenden radikalen Linken. F&uuml;r viele ostdeutsche Mitglieder war die Fusion mit einer Partei, an deren Spitze der vormalige SPD-Vorsitzende Lafontaine stand, &#8211; bei aller Skepsis gegen&uuml;ber &#8222;denen von dr&uuml;ben&#8220; &#8211; eine psychologische Genugtuung gegen&uuml;ber der SPD, die 1990 entschieden hatte, keine SED-Mitglieder aufzunehmen. Erneut war man ein St&uuml;ck mehr &#8222;angekommen&#8220;. Zudem bot die Fusion mit der WASG der von absinkendem W&auml;hlerzuspruch, &Uuml;beralterung und abnehmender Mitgliedschaft geplagten PDS (vgl. Hoff 2003) eine ebenso unerwartete wie dringend erforderliche Frischzellenkur.</p>
<p>Obwohl aus den genannten Gr&uuml;nden unverzichtbar, war die PDS in den Augen der WASG-Fusionsstrategen ein potenzielles politisches Hindernis f&uuml;r die Mobilisierung sowohl der radikalen wie auch der gewerkschaftlichen Linken. W&auml;hrend Erstere die PDS aufgrund ihrer an gesellschaftlicher Transformation orientierten Strategie als systemangepasst ansahen, be&auml;ugten Letztere sie kritisch aufgrund ihrer SED-Herkunft, ihrer Verankerung im de-industrialisierten, f&uuml;r Gewerkschaften schwierigen Ostdeutschland, und weil sie den Habitus der PDS-Politiker mit ihren westdeutsch-sozialdemokratischen Augen als &#8222;rechtssozialdemokratisch&#8220; fehlinterpretierten.</p>
<p>Diese Skepsis bis Ablehnung, welche der gewerkschaftlich orientierte Fl&uuml;gels gegen&uuml;ber dem PDS-Spektrum zeigte, ist in ihrer Wirkung auf dieses nicht zu untersch&auml;tzen. Denn im pragmatischen Reformlager der PDS versprach man sich gerade von den Ex-SPD-Gewerkschaftern einige Unterst&uuml;tzung gegen&uuml;ber den hinzugekommenen radikalen Linken, verf&uuml;gten sie doch &uuml;ber organisatorische Erfahrungen und einen vergleichbaren Pragmatismus im politischen Alltag. Wer betriebliche Kompromisse aushandeln m&uuml;sse, so die Logik, w&uuml;rde naturgem&auml;&szlig; auch Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Kompromisse haben, die PDS-Vertreter t&auml;glich in den Kommunen Ostdeutschlands aushandelten. &Uuml;ber Regierungsbeteiligungen und andere Streitthemen der PDS m&uuml;sse also vermutlich weniger debattiert werden.</p>
<h2 class="auto-created">Strate&shy;gi&shy;sches Dilemma, organi&shy;sa&shy;to&shy;ri&shy;sche Defizite</h2>
<p>Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne, der ihn sch&uuml;tzt. Und solange wie die SPD in der Gro&szlig;en Koalition zwischen CDU und LINKEN zerrieben werden konnte, fielen die Missverst&auml;ndnisse im Gr&uuml;ndungsprozess sowie die Nachteile dieser fragilen Ausgangslage zun&auml;chst nicht ins Gewicht. Erst mit der Bildung der schwarz-gelben Koalition 2009, der diskontinuierlichen aber stetigen R&uuml;ckbesinnung der SPD auf ihre linken Positionen sowie einer Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses, weg von den Kernthemen der Linkspartei, wurden die von Beginn an bestehenden Haarrisse auch nach au&szlig;en hin sicht- und sp&uuml;rbar. Mit Folgen f&uuml;r DIE LINKE, was am Verh&auml;ltnis zur SPD sowie an der W&auml;hlerschaft der Linkspartei verdeutlicht werden soll.</p>
<p>Ohne SPD kein Politikwechsel in Deutschland lautet eine einfache Formel, der sich auch DIE LINKE. nicht entziehen kann, obwohl sie dies gern w&uuml;rde. Mit der Annahme, durch die Bildung der Linkspartei eine Neuordnung des Parteiensystems diesseits der Union herbeizuf&uuml;hren, verband sich zugleich die Vorstellung, dass gegen die Linkspartei k&uuml;nftig keine Regierung mehr gebildet werden k&ouml;nne. Dies hat sich zwischenzeitlich als Irrtum herausgestellt, was jedoch keinen Einfluss auf das Verh&auml;ltnis beider Parteien zueinander hatte. Es wird vermutlich in der bundesdeutschen Parlamentsgeschichte nicht viele Beispiele daf&uuml;r geben, wie zwei Parteien, die beide im Bundestag die Oppositionsbank dr&uuml;cken, so unbarmherzig und kompromisslos wenn nicht gegeneinander, so doch aneinander vorbei arbeiten. Die SPD weigert sich beharrlich, gemeinsame Parlamentsinitiativen mit der Linkspartei auf den Weg zu bringen, w&auml;hrend die Vertreter des Lafontaine-Fl&uuml;gels in derselben, die Vergehen der Sozialdemokratie anprangern, als w&auml;re die SPD noch in der Bundesregierung: Hartz IV, Afghanistan-Krieg, Rente mit 67 u. a. m. Da rot-rot-gr&uuml;n seit der Bundestagswahl 2009 &#8211; erstmals seit 1998 &#8211; keine rechnerische Mehrheit gegen&uuml;ber Union und FDP aufweist, mag dieser Umgang auf Bundesebene zwar skurril und unn&ouml;tig sein, doch richtet er materiell keinen Schaden an.</p>
<p>Auf L&auml;nderebene sieht dies ganz anders aus. Zwar gei&szlig;elt DIE LINKE. auch hier, in zwischen Ost und West sehr unterschiedlicher Tonalit&auml;t, die SPD f&uuml;r ihre Vergehen auf Bundesebene als Teil des neoliberalen Establishments, unterbreitet aber gleichzeitig ernsthafte Angebote zur Regierungskooperation. Die SPD hingegen verfolgt auf L&auml;nderebene eine Strategie, die darauf setzt, DIE LINKE. durch das Fernhalten von Regierungsbeteiligungen zu isolieren, an der Durchsetzung linker Gestaltungspolitik zu hindern, um sie so in die Bedeutungslosigkeit zu treiben. Auf diesem Wege will sie ehemals sozialdemokratische W&auml;hlerschichten entweder zur&uuml;ckzugewinnen oder zumindest von der Wahl der Linkspartei abhalten. Dort, wo DIE LINKE in Ostdeutschland st&auml;rker ist als die SPD, in Sachsen-Anhalt und Th&uuml;ringen, wird eine Regierungsbeteiligung mit der Linkspartei unter Verweis darauf, dass DIE LINKE. keinen Ministerpr&auml;sidenten stellen d&uuml;rfe, abgelehnt, w&auml;hrend die Juniorpartner-Rolle in Baden-W&uuml;rttemberg gegen&uuml;ber den Gr&uuml;nen akzeptiert wird. Doch selbst dort, wo sie den Ministerpr&auml;sidenten stellen k&ouml;nnte, wie z.B. im Saarland verzichtet sie statt dessen darauf und verhilft der Union zu einem ungerechtfertigten Einfluss in der L&auml;nderkammer, obwohl bereits im Herbst des vergangenen Jahres durch die Bildung von rot-rot-gr&uuml;nen Regierungen eine Bundesratsmehrheit gegen Schwarz-gelb m&ouml;glich gewesen w&auml;re. Dieser Umgang seitens der SPD wiederum best&auml;rkt diejenigen Kr&auml;fte in der Linkspartei, die von jeher der Meinung sind, dass es nur noch zwei Lager im Parteiensystem g&auml;be: Das Lager der neoliberalen Mainstream-Parteien und DIE LINKE, als einzige antineoliberale Partei, die im &Uuml;brigen in der Bewegung mehr Durchsetzungsf&auml;higkeit h&auml;tte, als in Regierungszw&auml;ngen.</p>
<p>Die Wirkung auf den pragmatischen Reformerfl&uuml;gel ist verheerend. Dieser ger&auml;t unter Druck von den bewegungsfixierten radikalen Linken in der eigenen Partei und muss in seinem Bestreben, durch politische B&uuml;ndnisse Gestaltungsoptionen zu er&ouml;ffnen, stetig Entt&auml;uschungserfahrungen ansammeln. Wahlniederlagen wie in Berlin, wo nach zehn Jahren rot-roter Landesregierung keine Mehrheit zur Fortsetzung dieses B&uuml;ndnisses zustande kam, verst&auml;rken diese Entwicklung noch.</p>
<p>Die W&auml;hlerschaft der Linkspartei stammt aus vielen sozialen Schichten. Auf der gesellschaftlichen Oben-Unten-Skala ordneten sich bei der Bundestagswahl 2009 25 Prozent bis 30 Prozent der LINKEN-W&auml;hlerschaft unten ein, rund die H&auml;lfte in der gesellschaftlichen Mitte und ein knappes Viertel oben. Gefragt nach ihrer Selbsteinstufung auf der politischen Links-Rechts-Skala sieht sich eine deutliche Mehrheit politisch links ein knappes Drittel verortet sich politisch in der Mitte und ein Zehntel rechts.</p>
<p>Diese Angaben sind nicht streng repr&auml;sentativ, gleichwohl im Kern typisch, f&uuml;r Gro&szlig;st&auml;dte im Westen mehr, f&uuml;r manche Regionen im Osten weniger: Die Mehrheit der linken W&auml;hlerinnen und W&auml;hler sieht sich in der sozialen Mitte, knapp zwei Drittel sehen sich links. Mit einer politisch-strategischen Orientierung allein und vornehmlich auf Erwerbslose und (prek&auml;re) Niedrig-Entlohnte w&auml;re kaum dauerhaft ein Parlamentseinzug m&ouml;glich. Umgekehrt droht ohne sie die Linkspartei &uuml;berfl&uuml;ssig zu werden.</p>
<p>Die Kunst der politischen Strategie- und Positionsbildung sowie der Ausstrahlung nach innen und au&szlig;en besteht darin, dieser Vielschichtigkeit Rechnung zu tragen. Wo dies dauerhaft nicht der Fall ist, droht der Kontakt zu den entsprechenden sozialen Schichten fl&uuml;chtig zu bleiben oder gar&#8216; verloren zu gehen. Die Klammer, mit der sich DIE LINKE ihrer heterogenen W&auml;hlerschaft versichern k&ouml;nnte, m&uuml;sste lauten: Die Partei steht entschieden auf der Seite der Rechte der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten gegen Unternehmer und Kapital. Sie stellt dabei die Interessen von Erwerbslosen und niedrigentlohnten Prek&auml;ren, mehrheitlich Frauen, in das Zentrum ihrer Politik. Sie ist sich folglich der Trennung der Arbeitswelt in eine Kernarbeiterschaft, prek&auml;re Randbelegschaften, Leiharbeiter etc. bewusst und sucht, &#8222;die Hierarchisierung sozialer Interessen und Positionen entlang ihrer Stellung im Kapitalverwertungsprozess politisch zu verdoppeln. Ein zentraler Bezugspunkt solch politisch-praktisch werdender Klassensolidarit&auml;t sind die &ouml;ffentlichen Einrichtungen, die Verteidigung gemeinschaftlicher L&ouml;sungen gegen die private Selektion entlang der Kaufmacht des Geldes.&#8220; (Kahrs 2011: 17)</p>
<p>Mit einem solchen strategischen Kompass k&ouml;nnte DIE LINKE f&uuml;r unterschiedliche soziale Schichten w&auml;hlbar bleiben: soziale Gerechtigkeit, Solidarit&auml;t, kollektive und kooperative L&ouml;sungen. &#8222;Wenn es gelingt, immer wieder politische Konfrontationslinien entlang solcher Themen zu er&ouml;ffnen, die die eigene Anh&auml;ngerschaft zusammenf&uuml;hrt und sie nicht entlang ihrer unterschiedlichen politischen und sozialen Selbsteinstufungen auseinandertreibt, k&ouml;nnen auch die unterschiedlichen Einstellungen in der eigenen W&auml;hler/-innenschaft zu Fragen wie Atomkraft, Einwanderung, Innere Sicherheit weniger ,neutralisiert` als vielmehr konzeptionell im Sinne radikaler Reformpolitik fruchtbar gemacht werden.&#8220; (Kahrs 2011: 17) Dies ist der Linkspartei bislang nicht gelungen, was unter anderem daran liegt, das die Partei eine glaubw&uuml;rdige erweiterte Durchsetzungsstrategie nicht entwickelt hat.</p>
<p>Das Verh&auml;ltnis der linken Anh&auml;ngerschaft zum politischen System ist ebenfalls nicht homogen. Im Gegenteil, es erwachsen aus den Unterschieden zum Teil widerspr&uuml;chliche Anforderungen an das strategische Agieren der Partei. Die erste und gr&ouml;&szlig;te Herausforderung liegt darin, dass die W&auml;hlerschaft, auch oder gerade die der Linkspartei, die Wahlen gewichtet: Bundestagswahlen sind wichtig, mit deutlichem Abstand folgen Landtagswahlen, am Ende stehen Kommunal- und Europawahlen. Diese Gewichtung hat etwas mit der &ouml;ffentlichen Aufmerksamkeit zu tun, die den jeweiligen Ebenen zuteil wird. Und sie hat etwas zu tun mit den Erwartungen in die Folgen dieser Wahlen f&uuml;r die eigene Lebenslage. Grunds&auml;tzlich gibt es Nichtw&auml;hler/-innen in allen sozialen Schichten und unter Anh&auml;ngern aller Parteien. Aber in den vergangenen zehn Jahren bekam der Anstieg der Wahlabstinenz einen erkennbaren sozialen Klassencharakter: Vor allem die sozial Schwachen blieben verst&auml;rkt den Wahlurnen fern. F&uuml;r linke Politik erw&auml;chst daraus das tief greifende Problem, wie sie Mehrheiten f&uuml;r eine sozial gerechte Politik auch auf kommunaler Ebene resp. auf Landesebene gegen einen Trend mobilisieren kann, wenn die, f&uuml;r die sich vor allem etwas verbessern soll, gar nicht mehr w&auml;hlen gehen.</p>
<p>Betrachtet man nun noch die unterschiedliche Einstellung zu Parteien und zum politischen System, zeigen sich drei Gruppen:</p>
<ol>
<li>die politisch-inhaltlichen W&auml;hler/innen: Sie entscheiden sich f&uuml;r eine Partei aufgrund politischer und programmatischer Inhalte und identifizieren sich mit der Partei &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum (Wieder- und Stammw&auml;hler);</li>
<li>die politisch-taktischen W&auml;hler/innen: Sie haben f&uuml;r ihre Entscheidung vor allem taktische Gr&uuml;nde (Denkzettel, erwartete Konstellationen usw.). F&uuml;r sie ver&auml;ndert sich der taktische Wert der Linkspartei von Wahl zu Wahl;</li>
<li>die politisch entt&auml;uschten W&auml;hler/innen: Sie kommen von anderen Parteien und liegen mit der Politik, dem politischen System, der politischen Klasse grunds&auml;tzlich &uuml;ber Kreuz. DIE LINKE zu w&auml;hlen, ist f&uuml;r sie der (oftmals letzte) Versuch, im politischen System repr&auml;sentiert zu sein.</li>
</ol>
<p>Bei der Bundestagswahl 2009 waren diese drei Gruppen ann&auml;hernd gleich gro&szlig;. Bei Landtagswahlen schmilzt die dritte Gruppe grunds&auml;tzlich.</p>
<p>Hinzu kommt nun bei einzelnen Wahlen, die Entt&auml;uschung dar&uuml;ber, dass sich auch durch die Wahl der Linkspartei keine Verbesserungen ergeben haben, weshalb kein Sinn darin gesehen wird, dies noch einmal zu tun. In Baden-W&uuml;rttemberg z. B. gingen vor allem die taktischen W&auml;hler/innen zu den Gr&uuml;nen. Sie wollten, dass der Wechsel von Mappus zu Kretschmann und f&uuml;r systemimmanente Reformen nicht an 4,8 Prozent f&uuml;r DIE LINKE scheitert. Wo in Hessen und Nordrhein-Westfalen noch &uuml;berzeugend argumentiert werden konnte &#8211; dass mit der Linkspartei ein Politikwechsel erst m&ouml;glich w&uuml;rde -, entstand in Baden-W&uuml;rttemberg die Bef&uuml;rchtung, die CDU k&ouml;nnte es nach 50 Jahren doch noch einmal schaffen und das Zeitfenster des Wechsels w&uuml;rde sich erneut f&uuml;r lange Zeit schlie&szlig;en.</p>
<p>Glaubw&uuml;rdigkeit und Bindung in der W&auml;hlerschaft gehen verloren, wenn Wahlversprechen offensichtlich verraten werden &#8211; aber auch, wenn es bei leeren Versprechungen und grunds&auml;tzlichen Forderungen bleibt und der Eindruck des Maulheldentums entsteht. Durchsetzungsstrategien haben nicht notwendig etwas mit Regierungsbeteiligungen zu tun, aber mit der Erfahrung, dass LINKE auch &#8222;etwas f&uuml;r uns regeln&#8220; k&ouml;nnen.</p>
<p>Und auch die dritte Gruppe in der W&auml;hler/-innenschaft stellt Anforderungen. Sie versammelt sich nicht auf Dauer hinter konkreten Kampagnen-Forderungen (Mindest-lohn, Hartz IV, Rente mit 67), sie verlangt f&uuml;r dauerhafte Identifikation mehr. Dabei geht es vordergr&uuml;ndig weder um &#8222;breiter&#8220; angelegte Themen noch um eine &#8222;sch&auml;rfere&#8220; Profilierung. Mit Bezug auf Chantal Mouffe geht es vielmehr darum, dass die Menschen mehr als Interessenvertretung erwarten. Gew&uuml;nscht sind vielmehr kollektive Identit&auml;ten, die Br&uuml;cken zwischen den verschiedenen W&auml;hlergruppen schlagen k&ouml;nnen.</p>
<p>Als Gesamtpartei hat DIE LINKE, zusammengefasst die Wahl zwischen zwei Entwicklungswegen. Zum einen, sich darauf auszurichten, das vorhandene W&auml;hlerpotenzial jeweils optimal auszusch&ouml;pfen. Dann w&uuml;rden mittelfristig wieder bundesweite Bestergebnisse von 13 bis 15 Prozent erreichen werden. In Koalitionen bliebe sie f&uuml;r gew&ouml;hnlich der kleinere Partner. Alternativ k&ouml;nnte sie versuchen, bundesweit das W&auml;hlerpotenzial und damit die Akzeptanz bei den Anh&auml;ngern anderer Parteien auszuweiten, um h&ouml;here Stimmenanteile zu erzielen und in Koalitionen auch als st&auml;rkerer Partner akzeptiert zu werden. Eine Aussicht f&uuml;r Teile Ostdeutschlands. Dieser Weg zur Volkspartei ist aus nachvollziehbaren Gr&uuml;nden in den meisten westlichen L&auml;ndern keine strategische Alternative, weil dann der &#8222;Au&szlig;enseiterstatus&#8220;, anders als die anderen zu sein, der DIE LINKE. f&uuml;r viele erst w&auml;hlbar macht. Umgekehrt blockiert die strategische Entscheidung f&uuml;r die &#8222;Au&szlig;enseiter&#8220;-Rolle einzelne Landesverb&auml;nde. Denn die Mehrheit der W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern m&ouml;chte Au&szlig;enseitern eben nicht die Verantwortung f&uuml;r das Land &uuml;berlassen, einer 20 bis 30 Prozent-Daueropposition schmilzt hingegen die W&auml;hlerbasis weg, wie bei der bayerischen SPD zu besichtigen ist. Insoweit haben beide Wege gute Argumente f&uuml;r sich.</p>
<h2 class="auto-created">Berg- und Talfahrt &ndash; kein Novum f&uuml;r die Linkspartei</h2>
<p>Entscheidend f&uuml;r DIE LINKE. d&uuml;rfte sein, ob sie nach dem G&ouml;ttinger Parteitag, dem eine monatelange kr&auml;ftezehrende Personaldebatte vorausging, mit der neuen Parteif&uuml;hrung in der Lage ist, diese strategischen Defizite aufzul&ouml;sen und die Partei organisatorisch zu stabilisieren. Zudem steht DIE LINKE im Osten weiterhin vor dem Problemen einer aus Altersgr&uuml;nden negativen Mitgliederbilanz und den damit verbundenen Verlusten hinsichtlich Einnahmen und organisatorischer Fl&auml;chenverankerung und im Westen muss sie die Aufl&ouml;sung ganzer Orts- und kommunaler Parlamentsstrukturen stoppen. Interne Zahlen aus Nordrhein-Westfalen zufolge soll zwischenzeitlich ein Viertel der urspr&uuml;nglichen Kommunalfraktionen der Linkspartei nicht mehr existent sein. Aus dem Saarland wird &auml;hnliches berichtet.</p>
<p>Stockender Parteiaufbau, mangelhafte innerparteiliche Debattenkultur, die nur &#8222;richtig&#8220; oder &#8222;falsch&#8220;, &#8222;schwarz&#8220; oder &#8222;wei&szlig;&#8220; kennt, aber nicht die Graut&ouml;ne des Lebens wahrhaben will, die mit dem Gr&uuml;ndungsgeschenk der sozialen und politischen Vielfalt nichts anzufangen wei&szlig;, liegen in der Verantwortung der Parteif&uuml;hrung. An ihrem Vorbild &#8211; ob sie offen debattieren und nachvollziehbare L&ouml;sungen von Konflikten und Problemen anbieten &#8211; orientieren sich auch Haltung und Habitus der Basisorganisationen &#8211; oder eben nicht. Die unterschiedlichen politischen und sozialen Erfahrungen und Sichtweisen auf die Probleme im Land, die mit der Vereinigung von WASG und PDS zusammenfanden, wurden schon fr&uuml;h als mangelnder Geschlossenheit gebrandmarkt, statt sie als Chancen zur politischen Weiterentwicklung und sozialen Verankerung in m&ouml;glichst vielen Alltagswelten zu begreifen.</p>
<p>Es spricht manches daf&uuml;r, dass die beiden neuen Vorsitzenden in der Lage ist, den Wert einer pluralen Linken, der von Klaus Ernst und Gesine L&ouml;tzsch weder wirklich verstanden noch genutzt wurde, besser zu erkennen. Der westdeutsche Gewerkschafter Bernd Riexinger geh&ouml;rte nie der SPD an, Katja Kipping konnte schon aus Altersgr&uuml;nden nicht mehr SED-Mitglied sein. Mit 34 Jahren schaut sie bereits auf dreizehn Parlamentsjahre im Landtag und im Bundestag zur&uuml;ck, w&auml;hrend er &uuml;ber eine jahrzehntelange Gewerkschaftsverankerung verf&uuml;gt. Beide verstehen sich eher als undogmatische Linke und sind jeweils ausgezeichnet vernetzt im Spannungsfeld zwischen Partei, Gewerkschaft und sozialen Bewegungen. Das gibt ihnen den Spielraum, die unterschiedlichen Spektren innerhalb der Partei bedienen zu k&ouml;nnen. Der Zeitraum bis zur Bundestagswahl 2013 ist freilich knapp und in wenigen Monaten steht mit der Landtagswahl in Niedersachsen die erste Bew&auml;hrungsprobe an.</p>
<p>Gleichwohl ist es sinnvoll, daran zu erinnern, dass Wahlniederlagen, auch Niederlagenserien, die in der Geschichte sowohl der FDP als auch der Gr&uuml;nen zu finden sind, nicht zwangsl&auml;ufig das Ende kleinerer oder mittlerer Parteien bedeuten m&uuml;ssen, sondern die Schattenseiten der den Niederlagen vorhergehenden Serien gro&szlig;er Wahlerfolge sind. Der Volksmund kennt daf&uuml;r den Spruch: &#8222;Wer hoch steigt, wird tief fallen&#8220;.</p>
<p>So wie Gr&uuml;ne und FDP im Osten aufgrund amorpher Verankerung kein Abonnement auf eine Mitgliedschaft im Landtag haben, kann auch DIE LINKE beim bisherigen Stand ihres Parteiaufbaus und ihrer lokalen Verankerung, nicht davon ausgehen, jedes westdeutsche Landesparlament wieder erobern zu k&ouml;nnen. Das ist &#8222;zwar durchaus unerfreulich und weist auch auf ein strategisches Versagen der Partei in der Vereinigungspolitik hin&#8220; (Horst 2001: 851), ist jedoch keineswegs mit dem Niedergang der Partei selbst gleichzusetzen. Daf&uuml;r mag es m&ouml;glicherweise Indizien geben, doch ist das Ausscheiden aus ein oder zwei Landtagen daf&uuml;r kein hinreichendes Kriterium.</p>
<p>Seit 1990 haben insgesamt 90 Landtagswahlen, einschlie&szlig;lich der am 13. Mai 2012 in NRW stattgefunden. Die Gr&uuml;nen erreichten bei 71 Landtagswahlen &uuml;ber 5 Prozent der Stimmen und zogen in den Landtag ein. Die Liberalen konnten bei 52 von 88 Landtagswahlen auf ein Ergebnis von mehr als 5 Prozent verweisen. DIE LINKE, inkl. PDS, konnte bislang immerhin 44 der 89 Landtagswahlen erfolgreich bestreiten &#8211; und dies obwohl sie bis 2006 allein auf das Elektorat in Ostdeutschland angewiesen war und erst mit der PDS-WASG-Fusion zur LINKEN das Elektorat in den westdeutschen L&auml;ndern erschlossen werden konnte. Der Verlust von Landtagsfraktionen, insbesondere wenn es sich dabei um einen Trend handelt, ist ein deutliches Zeichen einer Krise und jede Partei ist gut beraten, die Krisensymptome ernst zu nehmen und gegenzusteuern. Wird der Kurswechsel vermieden, ist ein Schiffbruch hochwahrscheinlich.</p>
<p>*Der vorliegende Text basiert in Teilen auf den gemeinsam mit Horst Kahrs, Referent f&uuml;r Sozialstrukturanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, publizierten Themenausgaben der von uns herausgegeben Wahlnachtberichte (<a href="http://wahlanalysen.wordpress.com/" target="_blank" rel="noopener">http://wahlanalysen.wordpress.com</a>) zur Partei DIE LINKE. Ich bedanke mich f&uuml;r die Erlaubnis, einige seiner &Uuml;berlegungen mit verwenden zu d&uuml;rfen.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Hoff, Benjamin-Immanuel</i> 2003: Jahre der Entscheidung. Wenn die PDS &uuml;berleben will, muss sie ihren Gebrauchswert neu definieren, in: Vorg&auml;nge &#8211; Zeitschrift f&uuml;r B&uuml;rgerrechte und Gesellschaftspolitik, Jg. 42. H. 1, S. 56-59.</p>
<p><i>Horst, Patrick</i> 2001: Totgesagte leben l&auml;nger, manchmal lange. Zu den &Uuml;berlebenschancen der Gr&uuml;nen vor dem koalitionspolitischen Erfahrungshintergrund der FDP, in: Zeitschrift f&uuml;r Parlamentsfragen (ZParl), H. 4, S. 841-860.</p>
<p><i>Kahrs, Horst</i> 2011: Was tun? Was tun, in: Kahrs, Horst/Hoff, Benjamin-Immanuel: Die Ergebnisse der Abgeordnetenhauswahl vom 18. September 2011. Wahlnachtbericht und erste Analyse, abrufbar auf: <a href="http://wahlanalysen.wordpress.com/" target="_blank" rel="noopener">http://wahlanalysen.wordpress.com</a>.</p>
<p><i>Lorenz, Robert</i> 2007: Techniker der &#8222;kalten Fusion&#8220;. Das F&uuml;hrungspersonal der Linkspartei, in: Tim Spier et al. (Hrsg.): Die Linkspartei. Zeitgem&auml;&szlig;e Idee oder B&uuml;ndnis ohne Zukunft, Wiesbaden, S. 275-324.</p>
<p><i>Meuche-M&auml;ker, Meinhard</i> 2006: Die PDS im Westen, in: Brie, Michael, Hildebrandt, Cornelia (Hrsg.): Parteien und Bewegungen. Die Linke im Aufbruch, Berlin, S. 123-133.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/kinderkrankheiten-einer-fuenfjaehrigen/">Kinderkrankheiten einer Fünfjährigen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Nachruf auf Michael Th.Greven</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 17:15:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>7. März 1947-7. Juli 2012 aus vorgänge Heft 2/2012,S.122-123  Es gehört zu den merkwürdigen Gegebenheiten des Lebens, dass man zum Abschluss einer Ausgabe der vorgänge, die sich in skeptischer Absicht die Frage stellt: &#8222;Weshalb erinnern?&#8220;, sich mit Vehemenz einer Person erinnert, und davon nur aus dem einzigen Grund lassen würde, weil man wünscht, dass sie [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>7. März 1947-7. Juli 2012</p>
<p>aus vorgänge Heft 2/2012,S.122-123</p>
<p> Es gehört zu den merkwürdigen Gegebenheiten des Lebens, dass man zum Abschluss einer Ausgabe der <i>vorgänge</i>, die sich in skeptischer Absicht die Frage stellt: &#8222;Weshalb erinnern?&#8220;, sich mit Vehemenz einer Person erinnert, und davon nur aus dem einzigen Grund lassen würde, weil man wünscht, dass sie noch da wäre. Michael Th. Greven ist gestorben. Er war seit 1984 Mitglied der Redaktion und wurde im Laufe der Jahre immer mehr zu ihrem Alter Ego. Ein intellektueller Kopf und Ideengeber, der auf einem schier unerschöpflichen Fundus an Wissen zurückgreifen konnte, der seine Autorität immer nur aus der Kraft des Arguments zog, dem eine anregende Debatte mehr galt, als ein &#8222;richtiges&#8220; Ergebnis.</p>
<p>Er war neben seiner wissenschaftlichen Karriere, die über lange Zeit mit einem hochschulpolitischen Engagement in den diversen Gremien verbunden war, seit den siebziger Jahren Mitglied der Humanistischen Union, Anfang der achtziger Jahre Gründungsmitglied des Komitees für Grundrechte und Demokratie, in der Schader Stiftung wie in der Aby Warburg Stiftung tätig, zeitgleich noch in der DVPW engagiert.</p>
<p>Bereits dieser kurze Abriss weist den politischen Wissenschaftler Michael Th. Greven als einen politischen Menschen aus, für den beides eine untrennbare Einheit bildete. Seine wissenschaftliche Arbeit galt der politischen Gesellschaft, deren alle Lebensbereiche durchdringenden Kontingenz, die auch die Nicht-Haltung zur Haltung werden lässt, und der Demokratie als Modus der Selbsteinwirkung dieser Gesellschaft, nicht allein genommen als normatives Leitbild, sondern als realer, subjektiv, prozedural und institutionell voraussetzungsvoller Prozess, der zunehmend geprägt ist von der Entscheidbarkeit immer weiterer Lebensprozesse und der gleichzeitigen Nicht-Entscheidbarkeit, der Auskoppelung elementarer Fragen der Gesellschaft aus dem Prozess der Selbstregierung, indem diese in den Bereich systemischer und ökonomischer Zwänge verwiesen werden.</p>
<p>Sein treffender Blick auf die Verhältnisse ließ ihn zuletzt zweifeln, ob sie das Prädikat demokratisch noch verdienen, doch flüchtete er vor diesem Dilemma nicht in die Verästelungen normativer Betrachtungen. Sein politisches Denken war geradezu hanseatisch nüchtern geprägt von &#8222;Politik als einem Feld tatsächlicher oder möglicher menschlicher Handlungen sowie der zugehörigen Motive, Interessen und Rechtfertigungen. Wo &#8222;politisches Denken&#8220; geäußert wird, geht es performativ in Handeln über und steht dem ebenso bezeichneten &#8222;Feld&#8220; nicht bloß anschauend gegenüber. Hier bewährt sich die alter Weisheit, dass nicht so praktisch sei, wie eine gute Theorie &#8230;.&#8220;</p>
<p>Damit bescheidete er sich keineswegs mit dem häufiger anzutreffenden politologischen Selbstbild, dass die Arbeit an Theorie bereits ein erschöpfender Beitrag zur gesellschaftlichen Praxis sei. Er intervenierte, und er intervenierte gerne. Er war der Initiator des letztlich erfolgreichen Protestes, als seine Universität 2004 Wladimir Putin die Ehrendoktorwürde verleihen wollte. Er sprach sich Jahre zuvor für eine militärische Intervention im jugoslawischen Bürgerkrieg aus und ging mit dem Gesinnungs-Pazifismus, dem auch Teile seiner politischen Weggefährten frönten, Beziehungen riskierend ins Gericht.</p>
<p>Er entwickelte nicht nur in diesen beiden Fragen einen Gleichklang mit der Bürgerrechtsbewegung der ehemaligen DDR, von der er offen eingestanden hat, sie zu Zeiten ihrer system-oppositionellen Existenz nicht auf seinem, des westdeutschen Bürgerrechtlers Radar gehabt zu haben. Brüche, auch biografische, sind Teil einer kontingenten Gesellschaft.</p>
<p>In einer kontingenten Gesellschaft wird der Lebensentwurf des Einzelnen nicht mehr durch Tradierungen und Konventionen formiert, eröffnen sich Möglichkeiten der Gestaltung, wenngleich diese sozial voraussetzungsvoll sind. Michael Th. Greven wird diese Kontingenz als Moment der Freiheit betrachtet haben, auch wenn seine sozialen Voraussetzungen ihm zunächst keineswegs einen guten Platz zuwiesen. Seine Mutter war Vertriebene, er selbst &#8222;erlebt in den 1950er Jahren eine Jugend, die keinen der üblichen soziologischen Milieus zuzuordnen gewesen wäre &#8211; gewiss nicht dem bürgerlichen. Dafür fehlte es hinten und vorne an Geld&#8220;.</p>
<p>Es ist eine Jugend, in welcher der Status von gestern für das Überleben heute keine Bedeutung mehr hat und die Ungerechtigkeit, die darin liegt, aufgrund der politischen Verhältnisse und nicht wegen eigener Leistung auf die Seite der Verlierer geschoben zu sein, eine Verletztheit hervorruft, die hart machen kann. &#8222;Als meine Mutter ihren ersten fahrbaren Untersatz, ein zitronengelbes Goggomobil, Mitte der 1950er Jahre auf dem Parkplatz des Sportclubs zwischen all den Isabellas, Opel Kapitäns und ersten Mercedes-Cabriolets platzierte, erntete sie viel Spott und Gelächter; ich bat sie, mich mit diesem Gefährt nicht von der Schule abzuholen.&#8220;</p>
<p>Es ist die Erfahrung solcher Zurücksetzung, die auch im späteren bürgerlichen Leben gegenüber dem eigenen Status sensibel machen, ihn nicht als etwas Selbstverständliches, sondern als etwas Geschaffenes begreifen lassen und das Bewusstsein dafür schärfen, dass das Leben auch andere Bahnen hätte nehmen können. Michael Th. Greven hat dieses Bewusstsein gehabt, er war in der Lage, seine eigene Biografie als zweite Ebene der Reflexion in sein Denken aufzunehmen. Und es macht einen Unterschied, ob jemand über Armut oder Ungleichheit als soziale Kategorie redet oder zugleich auch über eine eigene Erfahrung.</p>
<p>Zu dieser Erfahrung gehörte für ihn auch, dass sich die Bedingungen des Lebens ändern lassen. Das bewahrte ihn davor, sich theoretisch und politisch in der Klage über die Verhältnisse zu erschöpfen. Sein wissenschaftlicher Ansatz war akteurszentriert, sein politisches Denken auf ein tätiges Leben ausgerichtet, zu dem ein Jeder befähigt sein oder werden sollte. Er hat ein solches tätiges Leben gelebt.</p>
<p>&#8222;Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, das nicht hätte geschehen müssen. Das beginnt mit der Geburt&#8220;, so lautet eine der wenigen Aussagen von Niklas Luhmann, denen Michael Th. Greven wohl zugestimmt hätte.</p>
<p>Zu diesen Wendepunkten zählt auch der Tod, der ihn viel zu früh ereilt hat.</p>
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