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	<title>vorgänge Nr. 200: Digitale Demokratie Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editoral</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/editoral-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 200 (Heft 4/2012), S. 1 Die digitale Demokratie ist spätestens mit den Wahlsiegen der &#132;Piraten&#147; in Deutschland in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt, doch weist das Potenzial demokratischer Partizipation, das sich mit dem Internet eröffnet, weit über diese Partei hinaus. Davon zeugt nicht zuletzt dessen Rolle bei den Aufständen in den [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/editoral-1/">Editoral</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 200 (Heft 4/2012), S. 1</p>
<p>Die digitale Demokratie ist spätestens mit den Wahlsiegen der &#132;Piraten&#147; in Deutschland in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt, doch weist das Potenzial demokratischer Partizipation, das sich mit dem Internet eröffnet, weit über diese Partei hinaus. Davon zeugt nicht zuletzt dessen Rolle bei den Aufständen in den arabischen und anderen repressiv regierten Ländern. &#132;Digitale Demokratie&#147; bedeutet jedoch nicht nur die Eröffnung neuer Freiheiten und Möglichkeiten der politischen Teilhabe, es ist zugleich normativer Bezugspunkt der inneren Verfasstheit des Internets, das seine rasante Verbreitung nicht zuletzt seiner offenen Netzstruktur verdankt, die sich bislang gegen Versuche des hierarchischen Regierens und Regulierens weitgehend behaupten konnte. Zugleich hat diese rasante Entwicklung auch neue Formen der Vermachtung, der Nutzung und des Missbrauchs gezeitigt, welche die Frage nach den rechtlichen Grundlagen des Internets dringlicher werden lassen. Diesen Problemfeldern will sich die vorliegende Ausgabe der vorgänge widmen.</p>
<p>Thomas Bevc vertritt die These, dass das durch die neuen Formen der Öffentlichkeit im soziale Netz entstandene Potential zur Emanzipation der Bürger und zur Demokratisierung der Gesellschaft nicht genutzt wird, sondern vielmehr das Internet in seiner momentanen Erscheinungsform zur Zementierung der bestehenden gesellschaftlichen Ungleichheit entscheidend beiträgt. Dem entgegen zu steuern, hieße die Fähigkeit zur Rezeption und Artikulation, kurz, die Bildung allgemein zu verbessern.</p>
<p>Jennifer Paetsch und Daniel Reichert betrachten die sich durch Liquid Democracy eröffnenden Partizipationsmöglichkeiten als Ergänzung der repräsentativen Demokratie und als eine Antwort auf das Demokratie-und Legitimationsdefizit des bestehenden Systems. Die Einsatzmöglichkeiten von Liquid Democracy-Verfahren beschränken sich nicht auf den politischen Bereich, sondern zielen auf eine Demokratisierung möglichst <br />vieler Lebensbereiche ab.</p>
<p>Jasmin Siri sieht die politische Rolle der Massenmedien durch Social Media auf die Probe gestellt, denn diese verlangen Präsenz und verschließen sich der Organisation. Die Echtzeitlichkeit und Diversität der Social Media macht sie für Letztere nur schwer strategisch steuerbar, die politische Performance in ihnen muss sich der jeweiligen Eigenlogik des Web-Mediums beugen.</p>
<p>Dieter Rulff erkennt in der Philosophie der Piraten eine digitale Übersetzung des Habermasschen Diskurmodells. Das ist einer der Gründe, weshalb ihnen die linken Parteien so ehrfürchtig begegnen. Doch ihr technik-affiner Diskurs kann keine normative Klärung der programmatischen Orientierung ersetzen. Ihre querulatorische Selbstbeschäftigung korrespondiert mit der Unfähigkeit zur Bildung eines handlungsfähigen politischen <br />Willens.</p>
<p>Benjamin-Immanuel Hoff sieht in den Piraten die Repräsentanten einer sozialen Formation, die derzeit von den anderen Parteien nicht vertreten wird. Die Selbsteinschätzung ihrer sozialen Lage ist prekärer als die anderer Parteianhänger, ihre politische Verortung linksliberal. Noch ist nicht ausgemacht, ob ihr Cleavage ihnen Dauerhaftigkeit <br />im Parteienspektrum sichern wird.</p>
<p>Wolfgang Kleinwächter sieht die Internet Governance an einem Scheideweg. Zwar haben sich die in den letzten Jahrzehnten entwickelten Multi-Stakeholder-Modelle der Selbstregierung bewährt und ein erstaunliches Wachstum des Netzes ermöglicht, doch <br />zeichnen sich bei einigen Staaten deutlich Begehrlichkeiten ab, das Internet stärker unter die eigene Kontrolle zu bekommen.</p>
<p>Für Jan Schallaböck verweist die Problematik der Vorratsdatenspeicherung auf die <br />Notwendigkeit, die Prozesse der Informationsverarbeitung transparent zu machen. Die Gesellschaft muss entscheiden können, welche Arten der Verarbeitung sinnvoll sind, ohne dabei in eine totale Medienkontrolle zu verfallen. Der Einsatz von quelloffener Software könnte diesem Anliegen dienen.</p>
<p>Nils Leopold sieht durch die vernetzte Zusammenführung und Auswertung unterschiedlicher Datenbestände in Big Data zentrale Prinzipien des Datenschutzes gefährdet. Da dieser nur mit präventiver Zielrichtung effektiv bleiben könne, bleibe es deshalb richtig, auf eine Vorverlagerung des Schutzes in die Technikebene selbst zu dringen. <br />Zudem bedürfe es bei der Regelung der Profilbildung, der Einwilligung und den Transparenzbestimmungen deutlicher Verbesserungen zugunsten der Bürger.</p>
<p>Volker Grassmuck plädiert im Streit um das Urheberrecht für Peer-to-Peer-Modelle, da die überkommenen Markt-Modelle augenscheinlich keine angemessene Bezahlung der Urheber gewährleisten und den veränderten Nutzungsweisen entsprechen können.</p>
<p>In seinem Essay verortet Christoph Butterwegge die Gründe der Altersarmut in der Deformation des Sozialstaates, der Deregulierung des Arbeitsmarktes und der Demontage der Gesetzlichen Rentenversicherung. Er empfiehlt den Ausbau Letzterer zu einer <br />solidarischen Bürgerversicherung.</p>
<p>Stefan Wallaschek legt mit seiner Analyse des literarischen Werkes von Ayn Rands eine hierzulande wenig bekannte Wurzel des radikalen libertären Denkens der US-amerikanischen Republikaner frei.</p>
<p>Christoph Gusy sieht in der Beobachtung des thüringischen Fraktionschefs der Linken Bodo Ramelow durch den Verfassungsschutz, aber auch in dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das diese Praxis bestätigt, eine eklatante Missachtung elementarer <br />Normen des Grundgesetzes.</p>
<p>Michael Spörke zieht eine bittere Bilanz der Behindertenpolitik in der Regierungszeit der Bundeskanzlerin Merkel. Gemessen an den inhaltlichen Fortschritten und der Einbindung der Betroffenen, die unter der rot-grünen Vorgängerregierung erreicht worden waren, bedeute sie einen klaren Rückschritt.</p>
<p>Karl Adam hat das neue Europa-Buch von Walter Laqueur gelesen und kann dessen düsteren Ausblick angesichts der zu beobachtenden Integrationsfortschritte, auch wenn sie teils erzwungen sind, nicht teilen.</p>
<p>Diese Ausgabe der vorgänge ist die zweihundertste und zugleich die letzte, die wir als Redaktion betreuen. Es war immer unser Anspruch, gesellschaftliche und politische Prozesse kritisch zu begleiten und dafür wissenschaftliche Handreichungen zu geben. Mit den Beiträgen sollten nicht nur dem akademischen Fachpublikum sondern einem interessierten Leserkreis auf verständliche und informative Weise Probleme der Zeit nahe gebracht werden. Leider hatten die vorgänge, wie die meisten Printmedien, in den letzten Jahren mit einem nachlassenden Leserinteresse zu kämpfen. Um die Kosten zu begrenzen, hat die Humanistische Union, die die Zeitschrift seit Kurzem im Eigenverlag herausgibt, beschlossen, ab dem kommenden Jahr die vorgänge mit dem Verbandsorgan HU-Mitteilungen zu fusionieren und den Redaktionsetat zu reduzieren. Die Redaktionsarbeit <br />wird zu einem großen Teil vom Geschäftsführer der HU übernommen. Ein alternatives Konzept der Redaktion, die vorgänge fortzuführen, wurde verworfen. Wir sind der Ansicht, dass sich damit der Charakter der Zeitschrift grundlegend ändert, ihre Unabhängigkeit <br />nicht mehr gewahrt und weder der einen noch der anderen Leserschaft gedient ist. Wir stellen deshalb geschlossen unsere Arbeit an den vorgängen ein. Wir danken allen, die mit ihrem Engagement am Zustandekommen der jeweiligen Ausgaben <br />beteiligt waren, und allen, die uns mit Interesse, Anregungen und (meist wohlwollender) Kritik begleitet haben und wünschen auch zu dieser zweihundertsten Ausgabe eine anregende Lektüre.</p>
<p>Ihre Redaktion</p>
<p>Christian Egbering, Stephan Glienke, Dirk Jörke, <br />Jutta Roitsch, Dieter Rulff und Veith Selk</p>
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		<title>Internet-Öffentlichkeit zwischen normativen Erwartugen und realen Fallstricken</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/internet-oeffentlichkeit-zwischen-normativen-erwartugen-und-realen-fallstricken/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 20:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorg&#228;nge Nr.200 ( Heft 4/2012), S.4-14 Vorbemerkungen Ob die Rede von den Revolutionen im arabischen Raum, Stuttgart 21, den Piraten oder lediglich von der Macht der Konsumenten ist, stets wird mit Verweis auf &#8222;das Internet&#8221;[1] darauf aufmerksam gemacht, dass dank der neuen Kommunikationstechnologien und der durch sie bedingten umfassenden &#214;ffentlichkeit neue M&#246;glichkeiten der politischen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorg&auml;nge Nr.200 ( Heft 4/2012), S.4-14</p>
<h5>Vorbemerkungen</h5>
<p>Ob die Rede von den Revolutionen im arabischen Raum, Stuttgart 21, den Piraten oder lediglich von der Macht der Konsumenten ist, stets wird mit Verweis auf &#8222;das Internet&#8221;[1] darauf aufmerksam gemacht, dass dank der neuen Kommunikationstechnologien und der durch sie bedingten umfassenden &Ouml;ffentlichkeit neue M&ouml;glichkeiten der politischen Partizipation sowohl unsere parlamentarische Demokratie unaufhaltsam ver&auml;ndern werden, wie auch diesem Systems weltweit zum Sieg verhelfen werden. Autorit&auml;re Herrschaft ist demnach keine g&uuml;ltige Option mehr und der umfassenden Demokratisierung des Planeten steht folglich nichts mehr im Wege. Ganz im Sinne Immanuel Kants wird hier erhofft, dass die &Ouml;ffentlichkeit zweierlei bewirkt: 1. Dass nun jeder endlich den Mut haben wird, seinen eigenen Verstand zu benutzen und 2., dass auf lange Sicht auch autorit&auml;re Staaten sich dem nicht werden widersetzen k&ouml;nnen. Sollten beide F&auml;lle eintreten, so steht einer Emanzipierung der Menschen und somit einer Demokratisierung des Planeten nichts mehr im Wege (Kant 1977a; 1977b).[2]</p>
<p>Diese Demokratisierung sei die konsequente Folge einer authentischen, inklusiven und demokratischen &Ouml;ffentlichkeit. Diese Hoffnungen an ein &#8222;neues&#8221; Medium hatten schon andere vor unserer Zeit. Am prominentesten sind da Walter Benjamin und Bertolt Brecht, die beide die neuen Medien in genau der Rolle sahen, wie heute das &#8222;Internet&#8221; und die mit ihm verbundene &Ouml;ffentlichkeit h&auml;ufig gesehen wird: Als Medium der Emanzipation der Massen und folglich der Demokratisierung der Gesellschaft (Benjamin 1992a; 1992b; Brecht 1967).</p>
<p>Jeremy Bentham hat aus utilitaristischer Perspektive der &Ouml;ffentlichkeit und ihrer Funktion als Garant der Aufrechterhaltung der repr&auml;sentativen Demokratie gehuldigt (Bentham 1995a; Hofmann 2002). &Ouml;ffentlichkeit hat bei Bentham eine sechsfache Funktion, die noch heute einleuchtend und aktuell ist: &#8222;1. &Ouml;ffentlichkeit erzwingt von den Parlamentariern die Erf&uuml;llung ihrer Pflicht; 2. Sie mobilisiert das Vertrauen und die Akzeptanz der B&uuml;rger f&uuml;r die Politik der Regierung; 3. Sie erm&ouml;glicht die Artikulation der W&uuml;nsche der Regierten; 4. Sie ist die Voraussetzung jedes sinnvollen Wahlaktes Tobias Bevc: Internet&ouml;ffentlichkeit zwischen normativen Erwartungen und realen Fallstricken 5 durch die Bev&ouml;lkerung; 5. Sie mobilisiert das Wissen der Gesellschaft f&uuml;r die Politik; 6. Sie ist am&uuml;sant.&#8221; (Hofmann 2002: 279, vgl. Bentham 1995a: 310-312)</p>
<p>Diese Konzeption von &Ouml;ffentlichkeit verdeutlicht Funktion und Aufgabe der &Ouml;ffentlichkeit und unterstreicht ihre Notwendigkeit in liberalen, repr&auml;sentativen Demokratien, auch wenn Bentham die M&ouml;glichkeiten der &Ouml;ffentlichkeit und die daf&uuml;r notwendige Transparenz deutlich radikaler sah, als sie heute der Fall sind (Bentham 1995a).Mit Habermas (1992) l&auml;sst sich nun noch Benthams Konzeption aktualisieren und konkretisieren: &#8222;Die &Ouml;ffentlichkeit l&auml;&szlig;t sich am ehesten als ein Netzwerk f&uuml;r die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen beschreiben; dabei werden die Kommunikationsfl&uuml;sse so gefiltert und synthetisiert, da&szlig; sie sich zu themenspezifisch geb&uuml;ndelten &ouml;ffentlichen Meinungen verdichten.&#8221; (Habermas 1992: 436). Die &ouml;ffentliche Meinung unterscheidet sich von Meinungen durch die Art ihres Zustandekommens und die breite Zustimmung, von der sie getragen wird (Habermas 1992: 438). Hinzuzuf&uuml;gen ist diesem Verst&auml;ndnis, gerade in Bezug auf die Fragen nach der Ver&auml;nderung der &Ouml;ffentlichkeit durch das Internet, noch die Kritik Nancy Frasers an Habermas, die feststellt, dass in der globalisierten Welt mit ihren ungehinderten transnationalen Kommunikations- und Menschenstr&ouml;men, die Reduktion der &Ouml;ffentlichkeit auf nationale &Ouml;ffentlichkeit unterkomplex ist (Fraser 2010) &#8211; wie auch Bentham schon in Bezug auf die Zusammensetzung von &Ouml;ffentlichkeit feststellte: &#8222;To every person, elector, inhabitant, or foreigner, &#8211; to every individual of the human species, belongs the right of exercising, in relation to the condition of every department of this government, and the conduct of every functionary thereunto belonging, the statistic, executive, and melioration-suggestive functions.&#8221; (Bentham 1995b: 304; vgl. Hofmann 2002: 282&pound;).Bisher ist immer von &#8222;der&#8221; &Ouml;ffentlichkeit die Rede. Dieser Sprachgebrauch ist nat&uuml;rlich verk&uuml;rzend, da die &Ouml;ffentlichkeit sich aus Teil&ouml;ffentlichkeiten zusammensetzt (vgl. Lippmann 1922, Negt/Kluge 1972). Es bleibt die Frage, ob die Teil&ouml;ffentlichkeiten letzten Endes auch in &#8222;der&#8221; &Ouml;ffentlichkeit aufgehen, wie beispielsweise in Habermas&#8216; deliberativem Modell (Habermas 1992), oder nicht (Negt/Kluge 1972; Lippmann 1922). Dies ist vor allem in Bezug auf die Frage der durch das soziale Netz fragmentierten &Ouml;ffentlichkeit (Pariser 2011; Bonstein 2007) wieder virulent und hinsichtlich des Begriffspaars Demokratiel&Ouml;ffentlichkeitmcht unbedeutend.Dieser kursorische und sehr selektive Blick in die Ideengeschichte verdeutlicht, dass es sich bei dem Begriff der &Ouml;ffentlichkeit mehr um einen Kampfplatz handelt, als um ein griffiges Konzept dessen Bedeutung klar umrissen ist, er verdeutlicht aber auch, dass es sich meist um ein recht normatives Konzept handelt, das mal mehr mal weniger geerdet ist.</p>
<p>Im Folgenden soll die ver&auml;nderte Form der &Ouml;ffentlichkeit durch das soziale Netz problematisiert werden und die Auswirkungen, die diese Ver&auml;nderungen f&uuml;r unsere bestehende repr&auml;sentative Demokratie haben m&ouml;gen. Daf&uuml;r muss kurz auf das Ph&auml;nomen der Medialisierung eingegangen werden und wie das soziale Netz diese beeinflusst. Diese Ver&auml;nderung zielt n&auml;mlich ab auf die Medienmatrix und ihre Funktionsweise als Ganzes. Auch l&auml;sst sie R&uuml;ckschl&uuml;sse zu auf die &Ouml;ffentlichkeit des sozialen Netzes und auf das demokratische System.[3] Als Ausblick wird dann abschlie&szlig;end die These vertreten, dass das durch das soziale Netz entstandene Potential zur Emanzipation der B&uuml;rger und zur Demokratisierung der Gesellschaft nicht genutzt wird und vielmehr das Intemet in seiner momentanen Erscheinungsform zur Zementierung der bestehenden gesellschaftlichen Ungleichheit entscheidend beitr&auml;gt, wenn nicht gar noch beschleunigt.</p>
<h5>&Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit im Wandel: Media&shy;li&shy;sie&shy;rung</h5>
<p>Das Ph&auml;nomen der Medialisierung besteht in der zunehmenden Durchdringung des All-tags der Menschen durch die Massenmedien und damit auch in der zunehmenden Beeinflussung des durch die Massenmedien erworbenen Wissens von der Welt (Luhmann 1996). Medialisierung bezeichnet das interdependente Verh&auml;ltnis von Medientechnik, Medienakteuren und Gesellschaft (vgl. als guter &Uuml;berblick Wendelin 2011: 45&#8212;67). Aus dieser Interdependenz ergibt sich dann die jeweilige Medienmatrix einer Gesellschaft (Finnemann 2011). Das Ph&auml;nomen der Medialisierung ist sicherlich schon &auml;lter als der Diskurs dar&uuml;ber, der &#8212; zumindest in Deutschland &#8212; seit Beginn des dualen Rundfunksystems 1984 an Fahrt gewonnen hat. David Altheide und Robert Snow (1979) sehen die Ursachen der Medialisierung in der S&auml;kularisierung, der funktionellen Differenzierung und der Modernisierung. Welche Konsequenzen hat die Medialisierung? Das ist im Detail so umstritten wie es verschiedene Autoren gibt, die sich damit befassen. Einen guten, knappen &Uuml;berblick &uuml;ber die verschiedenen Positionen gibt Finnemann (2011: SOf.). In aller K&uuml;rze kann man sagen, dass Medialisierung das Ph&auml;nomen der medialen Durchdringung des Alltagshandelns und die Konsequenzen davon beschreibt: die politischen Akteure richten ihr Handeln nach der Medienlogik aus und passen sich den Bed&uuml;rfnissen der Medien f&uuml;r die instantane (visuelle) Verwertbarkeit ihrer Aussagen an. Medien und Politik stehen in einem gegenseitigen Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis (Schulz 2008, Imhof 2006). Die Verfallstheoretiker sehen in diesem Ph&auml;nomen die Kolonialisierung der Politik durch die Medien, was zur nicht sonderlich umwerfenden Diagnose f&uuml;hrt, dass wir in einer Mediokratie lebten (Meyer 2001).</p>
<p>Der Hauptunterschied zwischen dem sozialen Netz und den Massenmedien besteht darin, dass im sozialen Netz jeder gleichzeitig Rezipient und Produzent sein kann, nun alle Formen der Kommunikation gleichzeitig ablaufen k&ouml;nnen, private und &ouml;ffentliche Kommunikation parallel bzw. vermischt stattfindet, es somit ein Medium ist, dass intermedi&auml;re Kommunikationsr&auml;ume schafft. Seine Reichweite erstreckt sich von lokal bis global, es erm&ouml;glicht alle Formen von Kommunikation, d.h, mit einem, mit mehreren und mit allen, synchron und asynchron und es vereint in einem Medium die unter-schiedlichsten Kommunikationsteilnehmer, vom Individuum zum multinationalen Konzern, von der NGO bis zur Supermacht, von der kleinen B&uuml;rgerinitiative bis zum gro&szlig;en Lobbyverband (Finnemann 2011: 83f.). Hier wird somit in nuce der zentrale Unterschied zu den Massenmedien deutlich und damit auch die Differenz zur &#8222;alten&#8221; Medialisierung. Die massenmedial dominierte Form der Medialisierung, die die gesellschaftliche Form der Informations- und Wissensproduktion und -distribution als eine Art Einbahnstra&szlig;e konfiguriert und die Medien auf Augenh&ouml;he mit den (politischen) Akteuren, &uuml;ber die sie berichten, stellt, mit der Folge, wie Noam Chomsky und Edward Herman in ihrem Buch &#8222;Manufacturing Consent&#8221; feststellen, dass Medien der Mobilisierung von Unterst&uuml;tzung von Partikularinteressen dienen, die den Staat und die Gesellschaft dominieren. Diese Grundannahme sei die beste Voraussetzung um die Themenwahl, die Art der Berichterstattung und das, &uuml;ber was nicht berichtet wird in den Massenmedien am besten zu verstehen (Herman/Chomsky 1988, xi).</p>
<p>Auch wenn diese Auffassung sicherlich nicht unumstritten ist und sie hier vor allem der Deutlichkeit halber verwendet wird, so lassen sich an ihr die Vorz&uuml;ge des sozialen. Netzes am besten verdeutlichen. Durch das soziale Netz best&uuml;nde die M&ouml;glichkeit die einseitige Abh&auml;ngigkeit zumindest zu reduzieren, sie bei versch&auml;rften Transparenzgeboten sogar aufzuheben .[4] Die alte Medienmatrix mit dem Monopol der Massenmedien und ihrer Scheinpluralit&auml;t k&ouml;nnte abgel&ouml;st werden durch eine neue, die aufgrund der beschriebenen Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Akteure im gleichen Kommunikationsmedium eine v&ouml;llig andere Form der &Ouml;ffentlichkeit hervorbringt, da die massenmedialen Filter (Besitzstruktur, Produktionsbedingungen Redakteure, Journalisten) nicht mehr das Berichterstattungsmonopol besitzen. W&auml;hrend man bei der alten, massenmedialen Medialisierung noch von einer vertikalen Durchdringungen unseres Alltags sprechen kann, dem die Mediennutzer einseitig unterworfen sind &#8212; wenn auch bei &#8222;freier&#8221; Wahl des Medienangebots &#8212; so muss man nun von einer vertikalen und horizontalen medialen Durchdringung des medialisierten Alltags der Menschen sprechen.[5] D.h. die mit Herman/Chomsky beschriebene Dominanz der Massenmedien kann durchbrochen und die ideologische Geiselnahme der Gesellschaft durch Partikularinteressen kann beendet werden.</p>
<h5>&Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit im Zeitalter des sozialen Netzes</h5>
<p>Mit Lefebvre (2000) kann man nun feststellen, dass die gerade beschriebene Form der Medialisierung wie sie durch das soziale Netz momentan sich entwickelt, eine neue &Ouml;ffentlichkeit als Raum der Gesellschaft schafft.[6]Diese Netz&ouml;ffentlichkeit durchdringt alle bisherigen R&auml;ume &#8212; Privatr&auml;ume, Produktionsr&auml;ume und &ouml;ffentliche R&auml;ume &#8212; und vereint sie zu einem einzigen neuen Raum. Mit diversen Konsequenzen: Das Verschwinden der Trennung von &Ouml;ffentlich und Privat und der Verwandlung des Konsumenten in einen Prosumenten (Produzent und Konsument zur gleichen Zeit), was die Herstellung von Meinungen und Ideen jenseits der kapitalistischen Verwertungslogik miteinschlie&szlig;en soll. Jedoch, wie zuvor in der &Ouml;ffentlichkeit unter &#8222;alten&#8221; Bedingungen, ist diese neue &Ouml;ffentlichkeit keine inklusive &Ouml;ffentlichkeit, wie sie aufgrund des normativen Erwartungshorizonts den das Internet bei seiner Popul&auml;rwerdung in den fr&uuml;hen 90er Jahren des letzten Jahrtausends mit sich brachte, zu erwarten gewesen w&auml;re.[7]</p>
<p>Die prinzipiellen Eigenschaften des sozialen Netzes sind oben schon beschrieben. Dazu kommen noch weitere Eigenschaften wie die unendlichen und h&auml;ufig unbeschr&auml;nkten M&ouml;glichkeiten der Informationsbeschaffung &#8212; das Internet als Archiv, das in seiner Pluralit&auml;t seinesgleichen sucht, da jeder alles in dieses Archiv hineinstellen kann,[8] Als negative Konsequenz davon ist die Un&uuml;bersichtlichkeit dieses Archivs zu nennen, das keine Systematik erahnen l&auml;sst und, dass der unbedarfte Nutzer auf Quellen und Inhalte sto&szlig;en mag, die nicht seri&ouml;s sind. Im Netz sind alle gleichberechtigt. Gleichzeitig sind die Suchwerkzeuge dieses Archivs nicht neutral (vgl. &#8222;St&ouml;rfaktoren der Netz&ouml;ffentlichkeit&#8220;).</p>
<p>Genau dies mag auch der Grund sein, warum Gauck (2012) sich zu seinen Aussagen &uuml;ber das Intemet hat hinrei&szlig;en lassen und warum viele das Intemet und seine plurale Angebotsstruktur was Informationen angeht skeptisch sehen. Extremisten jeder Couleur nutzen das Internet f&uuml;r ihre Selbstdarstellung und Mitgliederwerbung und gef&auml;hrden so die Grundstruktur demokratischer Gesellschaften. Verf&uuml;hrung der Jugend/Unm&uuml;ndigen k&ouml;nnte hier nun der Vorwurf lauten, den auch Sokrates sich schon hat gefallen lassen m&uuml;ssen (Platon 1992), der sich aber letzten Endes nicht halten l&auml;sst.</p>
<h5>St&ouml;rfak&shy;toren der Netz&ouml;f&shy;fent&shy;lich&shy;keit</h5>
<p>Abgesehen hiervon lauern im sozialen Netz viel gr&ouml;&szlig;ere Gefahren f&uuml;r die demokratische &Ouml;ffentlichkeit, die sich aber dem gesellschaftlichen Mainstream verdanken: das Ende des Datenschutzes (vgl. Effenberger 2011; Herbold 2012), das &#8222;Daily Me&#8221; (Sunstein 2007) und die &#8222;Internet Bubble&#8221; (Pariser 2011) tragen dazu bei, das die gerade genannte Pluralit&auml;t und beinahe unendliche Archivfunktion wieder eingeschr&auml;nkt wird durch die Kapitalverwertungsinteressen der Internetindustrie und die Bequemlichkeit der Intemetnutzer selbst. Die im sozialen Netz t&auml;tigen Konzerne spionieren ihre Kunden, tlw. ohne deren Wissen aus und speichern diese Daten bis zum Sankt Nimmerleinstag (vgl. Effenberger 2011, Herold 2012). Dies hat zur Folge, dass das, was den unbedarften Nutzer im Netz angeboten wird, immer schon eine Vorauswahl darstellt, die durch die (heimlich) gesammelten Daten bestimmt wird. Gleichzeitig suchen Suchmaschinen auch nicht objektiv nach den Stichworten, die man eingibt, sondern nach gesch&auml;ftsoptimierenden Algorithmen, die nat&uuml;rlich geheim sind (Tremel 2010; Introna et. al. 2000; Moshowitz et. al. 2002). Gleichzeitig glauben aber die Internetnutzer mehrheitlich, dass die Suchergebnisse objektiv sind (PewIntemet.org 2012). Zu diesen Tendenzen, die die Neutralit&auml;t des Netzes nachhaltig in Frage stellen, kommt noch die bewusste Personalisierung des Netzerlebens durch viele Nutzer. Man abonniert RSS Feeds und Podcasts, besucht die immer gleichen Webseiten und auf Facebook und Twitter bekommt man nur die Kommentare und Empfehlungen der Freunde und gleichgesinnten. Dennoch f&uuml;hlt man sich wohlinformiert.</p>
<p>Zusammengefasst und zugespitzt kann man sagen, dass der unbedarfte Internetnutzer als &#8222;Ich-Monade&#8221; sich durch die Welt des Internets bewegt und sich dabei, sollte er selbstkritisch sein, dar&uuml;ber wundert, dass die Welt genauso ist, wie er es immer behauptet. Die Folge davon ist eine teils selbstauferlegte, teils durch die Filter- und Cookietechnologien induzierte &#8222;Pathologie des Symbolbewusstseins&#8221; (Cassirer 1994; 1985; Bevc 2005), die den Menschen die Welt in ihrer Pluralit&auml;t und Komplexit&auml;t vorenth&auml;lt.</p>
<p>Diese Diagnose zwingt dazu zu betonen, dass das soziale Netz durchaus das Potential besitzt, eine neue und bessere Form der &Ouml;ffentlichkeit herzustellen, doch &#8211; und damit komme ich zu meinem letzten Teil &#8211; dazu bedarf es einer anderen Praxis.<br />Die Internet&ouml;ffentlichkeit &#8212; normativ und realiter</p>
<p>Die hier gestellte Frage nach der Ver&auml;nderung von &Ouml;ffentlichkeit durch das &#8222;soziale Netz&#8221; &#8211; also all die durch das Internet erm&ouml;glichten Kommunikationsformen, die Reziprozit&auml;t und gatekeeperfreies Publizieren zulassen (wie Wikis, Twitter, Facebook, YouTube, Flickr, Blogs, 4Chan.org etc. pp.) wird fundamental von der Frage betroffen, wie denn eigentlich die potentielle Beteiligung aller als Autoren funktioniert und von den Menschen angenommen wird.</p>
<p>Die normative Perspektive besagt, dass die Verschmelzung von Produzenten und Rezipienten der medialen Inhalte zu gleicher Teilhabe aller f&uuml;hren wird und somit Emanzipation und die Demokratisierung aller Lebensbereiche mit sich bringt. Hierin gleichen sich zumindest die Hoffnungen von Brecht und Benjamin mit den heutigen, die mit den je &#8222;neuen&#8221; Medien verbunden sind. Um es mit Brecht zu formulieren, wodurch auch gleich die Chance des sozialen Netzes in Bezug auf die Feststellung Chomskys und Hermans deutlich wird: Das soziale Netz er&ouml;ffnet die Chance eine Gegen&ouml;ffentlichkeit durchzusetzen, in der die festgesetzten bzw. faktischen Regeln der herrschenden &Ouml;ffentlichkeit &uuml;berschritten werden k&ouml;nnen, um somit das sagbar zu machen, was sonst, also in den Massenmedien, nicht sagbar ist (Brecht 1971, 20, vgl. Spehr 2002; vgl. Benjamin 1991; vgl. als Beispiel Kramm 2010)</p>
<p>Jeder kann nun zum Autor werden und seinen Standpunkt &ouml;ffentlich vertreten. Wie also ver&auml;ndert sich &Ouml;ffentlichkeit durch das soziale Netz? Das soziale Netz erweitert die M&ouml;glichkeiten jedes B&uuml;rgers, die Massenmedien und das Handeln von Politikern zu verfolgen, zu kommentieren und zu kritisieren, da nun jeder die M&ouml;glichkeit hat, ohne formale Zugangsberechtigungen zum Mediensystem (d.h. Studium, Ausbildung) und ohne die H&uuml;rde von Gatekeepern (d.h. Redakteure, Herausgeber, Besitzer) und ohne den Filter von Nachrichtenagenturen sowohl das politische System als auch die mediale Reaktion darauf zu beobachten und zu dieser Beobachtung beizutragen. Insofern ist die Internet&ouml;ffentlichkeit potentiell inklusiver und dadurch kontroverser und pluralistischer, was wiederum die Demokratie belebt, die &Ouml;ffentlichkeit &ouml;ffentlicher und die Medienlandschaft vielf&auml;ltiger werden l&auml;sst. Dar&uuml;ber hinaus ist die Forderung von Netzaktivisten nach Open Data und Transparenz wichtig f&uuml;r eine Internet&ouml;ffentlichkeit. &#8222;Transparenz bezieht sich auf die &Ouml;ffnung von Daten, auf transparente Prozesse und deren Ergebnisse &#8211; von Verwaltungen, Beh&ouml;rden, Parlamenten. Open Data meint dabei alle Arten von Daten in &ouml;ffentlicher Hand, die nicht personenbezogen sind oder besonderen Sicherheitsanforderungen unterliegen &#8211; z, b. Infrastrukturdaten, Umweltdaten, Haushaltsdaten, oder Leistungsdaten; Transparenz bezieht sich dar&uuml;ber hinaus u. a, auch auf Vertr&auml;ge der Verwaltung, Protokolle, Gesetzentw&uuml;rfe, und auf Informationen wie Nebenverdienste und Nebent&auml;tigkeiten von Abgeordneten.&#8221; (Domscheit-Berg 2011). Diese umfassende Transparenz seitens Politik und Verwaltung ist nat&uuml;rlich eine notwendige Bedingung um eine sinnvolle, d. h, informierte Partizipation der B&uuml;rger zu erm&ouml;glichen und somit die politische Kultur zu ver&auml;ndern, hin zu einer des aufgekl&auml;rten Miteinanders von Politik, Verwaltung und B&uuml;rgern.</p>
<p>Durch das Aufkommen des sozialen Netzes ist eine Machterosion der klassischen Massenmedien zu beobachten. Es kommt immer h&auml;ufiger vor, dass Themen zun&auml;chst in dem sozialen Netz diskutiert werden, bevor die Massenmedien sie aufnehmen. So kommen auch Positionen verst&auml;rkt in die &Ouml;ffentlichkeit, die sonst deutlich weniger oder gar keine Aufmerksamkeit bekommen h&auml;tten, schlicht, weil der Zugang zur &Ouml;ffentlichkeit verbaut war. Insofern ist f&uuml;r die weitere Zukunft zu prognostizieren, dass die starke Stellung der Massenmedien nun durch das soziale Netz und verst&auml;rkte Partizipation an der Wissens- und Informationsproduktion und -verbreitung durch alle beschnitten wird. Gerade der letzte Punkt der Verbreitung ist wichtig. Nicht jeder wird nun beginnen, im Netz als Autor aktiv zu werden, doch ist zu beobachten, dass die Internetnutzer Artikel und Informationen die sie f&uuml;r besonders wichtig halten, verlinken und weiterempfehlen. Dieses Verhalten wird durch spezielle Funktionen auf vielen Internetseiten noch unterst&uuml;tzt, wie man an den ubiquit&auml;ren &#8222;Gef&auml;llt mir&#8221; und Twitter Buttons sehen kann.</p>
<p>Damit dies funktionieren kann, bedarf es aber nicht nur der reziproken Medien sondern auch der B&uuml;rger, die sie politisch verwenden, woran es bislang auf jeden Fall noch mangelt, zumindest wenn man der Internetnutzungsstudie von Emmer, Vowe, Wolling (2011) glaubt. Diese Ergebnisse decken sich mit den Ergebnissen des ARD/ZDF Online Panels (2012), das zwar nicht explizit nach der politischen Nutzung fragt, aber nach der Nutzung des sozialen Netzes.</p>
<h5>Exklusion</h5>
<p>Der zentrale problematische Punkt in Bezug auf Internet&ouml;ffentlichkeit ist, dass Bildungsunterschiede in den sozialen Netzen potenziert werden. Es geht dabei ja nicht um den Zugang zum Internet, der laut ARD/ZDF Onlinestudie 2012 bei 75,9 Prozent der Gesamtbev&ouml;lkerung &uuml;ber 14 Jahren liegt, Tendenz steigend. Der Zugang zum Internet ist f&uuml;r die n&auml;here Zukunft also nicht mehr als ernsthaftes Exklusionsmerkmal zu bezeichnen.[9] Exklusionsmerkmal ist vielmehr Bildung und Einkommen wobei beide ja meist Zusammenh&auml;ngen. Dieses Bildungsproblem, vor allem im Sinne der p&ouml;litischen Kultur als verst&auml;rkter B&uuml;rgerbeteiligung, die das soziale Netz ja mit sich bringen soll, wird z. B. verdeutlicht, wenn man sich die Verbreitung des funktionalen Analphabetismus ansieht: nach einer neuen Studie sind 14,5 Prozent der Erwerbsbev&ouml;lkerung betroffen (Groth&uuml;schen, Riekmann 2011)[10] und 23 Prozent der 15 j&auml;hrigen Sch&uuml;lerInnen (Naumann 2010) &#8212; die ja bald zur Erwerbsbev&ouml;lkerung dazugeh&ouml;ren. Diese k&ouml;nnen Texte nicht nur nicht richtig verstehen, sondern auch keine schreiben, die andere verstehen w&uuml;rden. Das hei&szlig;t, aus der sch&ouml;nen neuen inklusiven &Ouml;ffentlichkeit des sozialen Netzes ist ein geh&ouml;riger Teil der Bev&ouml;lkerung grunds&auml;tzlich exkludiert, er k&ouml;nnte sich auch nicht beteiligen, wenn er wollte.</p>
<p>In das gleiche Problemfeld geh&ouml;ren die Kompetenzen neben dem Lesen, die n&ouml;tig sind, den potentiellen Nutzen des Internets in Anspruch zu nehmen: Media-, Computer-, Digital-, Visual- und Information Literacy und nicht zuletzt die Netiquette sind hier zu nennen. Oder, um einen kurzen Begriff vorzuschlagen: die Weblacy. Das Problem hier ist zuallererst eins der korrekten Zeicheninterpretation &#8212; und im sozialen Netz sind alle Typen von Zeichen gleichzeitig vorhanden, Oralit&auml;t, Schrift, Film, Bilder, virtuelle Welten [11], weswegen man als aufgekl&auml;rter Nutzer auch alle verstehen k&ouml;nnen sollte. Wiebeim funktionalen Analphabetismus ist diese nicht vorhandene Weblacy eine Frage des Bildungshintergrunds, allerdings auf einem viel h&ouml;heren Niveau. Um den Bogen zu schlie&szlig;en: Hauptproblem der Exklusion vom sozialen Netz, und damit potentiell von der politisch-gesellschaftlichen Partizipation ist, wie seit je schon, das Problem extrem ungleich verteilter Bildung, inklusive politischer Bildung, &#8212; und extrem ungleich verteilter Chancen auf Bildung.</p>
<h5>Fazit</h5>
<p>Die Frage, die sich stellt, ist also die, ob durch das soziale Netz und die durch es bedingte neue Internet&ouml;ffentlichkeit nicht wiederum eine politische Kultur der Exklusion stattfindet, nur in einer sublimierten Form? Die politische Partizipation ist, jenseits der Bereitschaft zu ihr, mehr und mehr von Individualf&auml;higkeiten und -kenntnissen abh&auml;ngig f&uuml;r deren Nicht-Vorhandensein das Individuum selbst verantwortlich ist und die allgemeine Schulbildung bislang keine Antwort parat hat.</p>
<p>In Anbetracht dessen muss man fragen, wie es mit dem Recht jedes Menschen aussieht, den gleichen Anspruch auf Repr&auml;sentation zu haben, wie es Abbe Sieyes paradigmatisch formuliert hat?[12] Die Verfechter der Beteiligung der B&uuml;rger durch das Internet argumentieren, dass nun alle die M&ouml;glichkeit haben mitmachen zu k&ouml;nnen, und dass es daher demokratischer sei. Dass dies de facto nicht so ist wird gerne verschwiegen bzw. nicht zur Kenntnis genommen. Auf diese Weise setzt sich wieder die etablierte politische Kultur und die alte &Ouml;ffentlichkeit durch, die ein Privileg der etablierten, wohlhabenden und gebildeten ist. Demokratie, zumindest wenn man darunter versteht, dass alle de facto die gleiche Chancen haben sollten mitzumachen, sieht anders aus und eine entsprechende &Ouml;ffentlichkeit auch.</p>
<p>Anstatt die Exkludierten aus der &Ouml;ffentlichkeit zu verbannen, oder aber getreu des Mythos &#8222;Jeder sei seines Gl&uuml;ckes Schmied&#8221; zu erwarten, dass diese sich selbst am eigenen Schopfe aus der Misere ziehen, w&auml;re ein emanzipatorischer Ansatz ein solcher, der die gesellschaftliche Ver&auml;nderung nicht einer neuen Technik und die durch sie theoretisch vorhandenen erweiterten Handlungsspielr&auml;ume f&uuml;r die politischen Partizipation und dem politischen Diskurs erwartet. Diese Erwartung wurde ja schon mehrfach entt&auml;uscht: Ein emanzipatorischer Ansatz w&auml;re einer, der die Rahmenbedingungen der Verwendung dieser Technik ver&auml;ndert. Es kommt n&auml;mlich nicht nur darauf an, dass die Menschen die Technik bedienen k&ouml;nnen, sondern darauf, in welchem Zusammenhang sie verwendet wird (Benjamin 1992b), und ob sie kompetent sind, jenseits des Bedienens der Technik, die Kulturtechniken der politischen Partizipation, also das Informieren, Diskutieren, Argumentieren, Perspektiv&uuml;bernahme etc. pp anzuwenden.</p>
<p>Wenn die Indienstnahme der neuen Technik emanzipatorisch sein soll, dann m&uuml;ssen auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vorhanden sein, dass alle in der Lage sind, sich zu emanzipieren.</p>
<p>Nicht also die Tatsache, dass jeder die M&ouml;glichkeit hat sich zu beteiligen ist gerecht, sondern die, dass jeder die gleichen F&auml;higkeiten und M&ouml;glichkeiten dazu hat. Was der Einzelne dann daraus macht, ist sein Problem. Ob er sich in seiner &#8222;Internet Bubble&#8221;<br />und seinem &#8222;Daily-Me&#8221; als Ich Monade verschanzt und sich dort wohlf&uuml;hlt und daher schon in der besten aller Welten lebt oder aber, ob er aus dem ihm potentiell zur Verf&uuml;gung stehenden Archiv tats&auml;chlich ein Laboratorium macht, ist das Problem jedes Einzelnen &#8211; solange dieses monadische Dasein freiwillig und nicht durch Suchmaschinen und anderen Filtermechanismen verursacht ist.</p>
<p>Der Illusion der intensiven politischen Beteiligung eines gro&szlig;en Prozentsatzes der Bev&ouml;lkerung soll hier gar nicht Vorschub geleistet werden, ganz gleich wie emanzipiert und f&auml;hig dieser w&auml;re. Dennoch: ein wirklicher Wandel der &Ouml;ffentlichkeit, der einem Wandel der politischen Kultur in Richtung Pluralit&auml;t, Partizipation und Emanzipation<br />nach sich z&ouml;ge, ist nur denkbar, wenn alle bef&auml;higt w&auml;ren an ihr Teil zu haben &#8211; wenn sie denn m&ouml;chten.</p>
<p>[1] Ich verwende den Begriff &#8222;soziales Netz&#8221; anstatt &#8222;neue Medien&#8221; oder &#8222;Web 2.0&#8221;, da die Letzteren wenig spezifisch und leicht missverst&auml;ndlich sind. Mit sozialem Netz sind all die Applikationen des Internets gemeint, die reziproke Kommunikation zulassen, also das Schema der Massenkommunikation mit seinem &#8211; auch wenn das nun etwas unterkomplex ist &#8211; Sender-Empf&auml;nger Modell transzendieren. Verwende ich dagegen den Begriff &#8222;Internet&#8221; so meine ich sowohl die reziproken wie auch seine nicht reziproken Elemente.<br />[2] Vergleiche f&uuml;r die vielen enthusiastischen Einsch&auml;tzungen des Internets: Schrape 2010:13f,<br />[3] Vgl. dazu Joachim Gauck, der besorgt ist, dass das Intemet und die freie Rede darin, unserer freiheitlichen Demokratie schaden k&ouml;nnten: &#8222;Das weltweite Internet bietet alle Voraussetzungen, um die in den ersten zehn Artikeln unserer Verfassung verankerten Grundrechte aller B&uuml;rger in diesem Land auszuh&ouml;hlen. Dies gilt insbesondere f&uuml;r das Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung und Pressefreiheit in Artikel F&uuml;nf &#8211; eine wesentliche Grundlage unserer funktionierenden Demokratie &#8211; und es gilt letztlich auch f&uuml;r den Kernsatz unserer Verfassung, den Artikel Eins des Grundgesetzes: Die W&uuml;rde des Menschen ist unantastbar.&#8221; Gauck f&uuml;rchtet sich demnach offensichtlich vor einer tat-s&auml;chlich demokratischen &Ouml;ffentlichkeit. Dies. mag f&uuml;r eine liberal-repr&auml;sentative Demokratie nach-vollziehbar sein, vor allem, wenn man diese fest verankert sieht in einem kapitalistischen System. Aber grunds&auml;tzlich ist es nicht einsehbar, wie eine demokratische &Ouml;ffentlichkeit die Grundrechte der B&uuml;rger gef&auml;hrden sollte. Gauck, Joachim (2012): Vorwort, in: DIVSI Milieu Studie zu Vertrau-en und Sicherheit im Internet, hrsg, von Deutsches Institut f&uuml;r Vertrauen und Sicherheit im Internet (DNSI), Hamburg, S. 3.<br />[4] Zu betonen ist hier noch, dass das soziale Netz selbst nicht als Massenmedium angesehen werden kann, da die einseitige Kontributionsstruktur aufgehoben ist und somit auch die einseitigen Machtstrukturen &#8211; zumindest theoretisch &#8211; aufgehoben sind.<br />[5] Vertikal, da ja auch das Internet von den alten Massenmedien durchdrungen ist.<br />[6] Auch Habermas (1992: 437) verwendet die Raummetapher in Bezug auf die &Ouml;ffentlichkeit.<br />[7] Das hat nat&uuml;rlich auch enorme Auswirkungen auf Fragen der &Uuml;berwachung, also der &#8222;surveillance&#8221;.<br />M&ouml;glich sind nun Formen der &#8222;sousveillance&#8221; und der &#8222;coveillance&#8221;, die auch autorit&auml;rpanoptische Konsequenzen haben k&ouml;nnen. Dies kann hier leider nicht weiter ausgef&uuml;hrt werden<br />(vgl. Mann 2002; Mann et, al. 2003).<br />[8] Zum Stellenwert des Archivs als Produktionsstandort f&uuml;r neue Ideen, Wissen und neuen Verst&auml;ndnissen von Dingen: Llanque 2008.<br />[9] Vor allem, weil es die &auml;lteren Menschen sind, die nicht Online sind.<br />[10] Funktionaler Analphabetismus in der deutschsprachigen Erwerbsbev&ouml;lkerung (18-64 Jahre).<br />[11] Die durchaus politisch sehr interessant sein k&ouml;nnen (vgl. Bevc 2012b).<br />[12] Ich gehe davon aus, dass auch im Zeitalter des sozialen Netzes die direkte Demokratie zweite Wahl bleibt und es sich bei Fragen der Internet&ouml;ffentlichkeit noch immer um Fragen der &Ouml;ffentlichkeit im repr&auml;sentativen demokratischen System handelt.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/internet-oeffentlichkeit-zwischen-normativen-erwartugen-und-realen-fallstricken/">Internet-Öffentlichkeit zwischen normativen Erwartugen und realen Fallstricken</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Liquid Democracy</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 20:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Neue Wege der politischen Partizipation aus: Vorg&#228;nge Nr.200 (Heft 4/2012) S. 15-26 Die verschiedenen, sich stetig erweiternden Formen &#246;ffentlicher Kommunikationsm&#246;glichkeiten im Internet werden zunehmend als Chance auf eine Ausweitung direktdemokratischer Elemente betrachtet. Dahinter steht die Hoffnung, demokratische Beteiligung k&#246;nnte anders organisiert werden und somit einfacher breite Bev&#246;lkerungsgruppen in Abl&#228;ufe politischer Entscheidungsfindung integrieren und letztendlich die [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Neue Wege der politischen Partizipation</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge Nr.200 (Heft 4/2012) S. 15-26</p>
<p>Die verschiedenen, sich stetig erweiternden Formen &ouml;ffentlicher Kommunikationsm&ouml;glichkeiten im Internet werden zunehmend als Chance auf eine Ausweitung direktdemokratischer Elemente betrachtet. Dahinter steht die Hoffnung, demokratische Beteiligung k&ouml;nnte anders organisiert werden und somit einfacher breite Bev&ouml;lkerungsgruppen in Abl&auml;ufe politischer Entscheidungsfindung integrieren und letztendlich die Akzeptanz von politischen Entscheidungen erh&ouml;hen. Hierbei spielen zwei zentrale Entwicklungen eine Rolle: Zum einen erlauben die technischen Neuentwicklungen innovative Formen der Kommunikation durch die der Meinungsaustausch ortsunabh&auml;ngig zwischen vielen Menschen erstmals erm&ouml;glicht wird. Zum anderen wird es f&uuml;r den Einzelnen immer einfacher sich in &ouml;ffentliche Diskurse einzubringen oder Partizipationsangebote wahrzunehmen. Es ist unumstritten, dass sich der Raum kommunikativer M&ouml;glichkeiten durch das Internet stetig vergr&ouml;&szlig;ert und dass B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sich &uuml;ber Onlinemedien sehr viel leichter austauschen und vernetzen k&ouml;nnen. Auch Politikerinnen und Politiker sind zunehmend online pr&auml;sent und nutzen das Medium zur Kommunikation mit der &Ouml;ffentlichkeit. Ein in diesem Zusammenhang diskutiertes Konzept zur Erweiterung von Beteiligungsm&ouml;glichkeiten ist<i> Liquid Democracy</i>, welches nicht nur im Kontext der technischen Innovationen, sondern auch im Kontext gesellschaftlicher Ver&auml;nderungen entwickelt wurde. Ziel des vorliegenden Beitrags ist die Darstellung und theoretische Herleitung von Liquid Democracy auf Grundlage der aus dem Liquid Democracy e.V. entstandenen Konzeptionen (vgl, <a href="http://www.liqd.de/" target="_blank" rel="noopener">www.liqd.de</a>). Dar&uuml;ber hinaus werden anhand von konkreten Anwendungsszenarien die M&ouml;glichkeiten und Bedingungen des Einsatzes von online-Beteiligungsverfahren veranschaulicht.</p>
<h5>Kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tion im Wandel</h5>
<p>Kommunikationsmedien und ihre Nutzung &auml;nderten sich im Laufe der Menschheitsentwicklung kontinuierlich weiter und damit einher gingen meist gesellschaftliche Ver&auml;nderungen. Durch die zunehmende Nutzung des Internets haben viele Kommunikationsformen in den letzten Jahren einen erheblichen Wandel vollzogen. Insbesondere die unter dem Begriff Web 2.0 subsummierten Anwendungen verleihen ihren Nutzerinnen und Nutzern nun eine aktive Rolle im Erstellen und Verbreiten von Inhalten. Sie werden von Konsumenten zu Produzenten. Diese Entwicklung ist nicht nur eine technische, sondern zugleich eine sozialer Prozesse (OECD 2007: 12ff). Mit dem Social Web gewinnen soziale Interaktionen und Kollaboration zunehmend an Bedeutung. Insbesondere die M&ouml;glichkeit der Many-to-Many-Kommunikation ver&auml;ndert den Umgang mit Informationen, die Generierung und den Transfer von Wissen sowie den gesellschaftlichen Diskurs. Das gemeinsame Erstellen, Bearbeiten und Verteilen von Inhalten gewinnt in vielen Anwendungsfeldern zunehmend an Bedeutung.</p>
<p>Gesellschaftliche Akteure wie beispielsweise zivilgesellschaftliche Organisationen, Parteien oder Abgeordnete setzen die unterschiedlichen Social-Media-Technologien in vielen Bereichen f&uuml;r ihre Zwecke bereits ein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Relativ niedrige Eintrittsbarrieren, geringe Kosten, einfache Zug&auml;nglichkeit f&uuml;r die Ver&ouml;ffentlichung und schnelle Verbreitung von Inhalten jeder Art. F&uuml;r politische Kampagnen, in denen versucht wird auf politische Entscheidungen oder &ouml;ffentliche Meinungsbildung Einfluss zu nehmen, stellt das Internet schnelle und preiswerte M&ouml;glichkeiten bereit. Es kann beispielsweise f&uuml;r die eigenen Themen gezielt ein Netzwerk aufgebaut, informiert, vernetzt und aktiviert werden. In Zeiten gesteigerter Mobilit&auml;ts- und Flexibilit&auml;tsanforderungen ist hingegen &ouml;rtlich und zeitlich gebundenes Engagement nur noch begrenzt realisierbar.</p>
<p>Die Debatte &uuml;ber das politische Potenzial von online-Kommunikation wird u. a. im Rahmen des Modells deliberativer &Ouml;ffentlichkeit (Habermas 1991; Emmer et al. 2010) gef&uuml;hrt. In dem Modell ist die m&ouml;glichst herrschaftsfreie Teilhabe der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger am politischen Diskurs eine Voraussetzung f&uuml;r demokratische Prozesse. Hierzu geh&ouml;ren der Informations- und Meinungsaustausch der teilnehmenden Akteure sowie das Herausbilden &ouml;ffentlicher Meinungen zu spezifischen Fragestellungen und gesellschaftlichen Problemen (Gerhards et al. 1993). Durch die Diskussion relevanter politischer Themen wird die Funktionalit&auml;t und Legitimation des demokratischen Systems gesichert. Die M&ouml;glichkeit f&uuml;r B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sich aktiv an diesem Diskurs zu beteiligen ist demnach eine Voraussetzung f&uuml;r ihre Wirksamkeit im politischen Prozess und die neuen Medien bieten das Potential eine Infrastruktur hierf&uuml;r bereitzustellen. Die klassischen Massenmedien erf&uuml;llen zwar die Aufgabe die &Ouml;ffentlichkeit zu informieren, die M&ouml;glichkeit zu einem interaktiven Austausch von Argumenten kann hier allerdings nicht stattfinden. Die Gatekeeperfunktion der Medienorganisationen und Journalisten schrumpft zunehmend, denn die Verwendung der Social-Media-Technologien l&ouml;st die traditionellen Kommunikationsformen auf und tr&auml;gt potentiell dazu bei, den Anspr&uuml;chen des Modells der deliberativen &Ouml;ffentlichkeit gerecht zu werden. Insbesondere die Diskursivit&auml;t (vgl. Gerhards et al. 1993) kann realisiert werden: Zum einen haben B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger vereinfachten Zugang zu verf&uuml;gbaren relevanten Informationen (<i>Open Government</i>, vgl. BMI 2012). Zum anderen besteht die M&ouml;glichkeit der gleich-berechtigten Interaktion zwischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, unabh&auml;ngig von Ort und Zeit.<br />Das rasante Fortschreiten der digitalen Vernetzung zeigt sich auch an den aktuellen Nutzerzahlen der sozialen Netzwerke, so hat beispielsweise Facebook mittlerweile &uuml;ber 1 Milliarde Mitglieder (<a href="http://heise.de/-1723387" target="_blank" rel="noopener">http://heise.de/-1723387</a>). F&uuml;r die Anzahl an qualifizierten Anwendern digitaler Medien l&auml;sst sich f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre ein weiterer betr&auml;chtlicher Anstieg vermuten. Inwieweit sich diese Ausbreitung der Mediennutzung und die damit verbundene digitale Vernetzung auch auf die politische Kommunikation und Partizipation auswirkt, also ob die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger die neuen M&ouml;glichkeiten in dieser Hinsicht auch nutzen, ist allerdings unklar und wird kontrovers diskutiert (Vowe 2012).</p>
<h5>Parti&shy;zi&shy;pa&shy;tion als neue Heraus&shy;for&shy;de&shy;rung</h5>
<p>Im Hinblick auf politische Partizipation, verstanden als Aktivit&auml;ten mit dem Ziel, &#8222;Einfluss auf Personal- und Sachentscheidungen im politischen System zu nehmen oder selbst am F&auml;llen oder an der Ausf&uuml;hrung dieser Entscheidungen mitzuwirken&#8221; (Gabriel &amp; V&ouml;lkl 2008: 270) lassen die skizzierten, durch Social-Media-Technologien ausgel&ouml;sten Ver&auml;nderungen zahlreiche neuartige Optionen entstehen. Diese, sich zunehmend etablierenden Verfahren, werden unter dem Begriff der E-Partizipation (oder ePartizipation) subsummiert (Gr&auml;&szlig;er et al. 2012; M&auml;rker 2009). Gegenw&auml;rtig werden bereits eine Vielzahl von online-Beteiligungsformen durchgef&uuml;hrt und ausprobiert: Verfahren wie&#8216; beispielsweise E- Petitionen, E-Konsultationen und B&uuml;rgerhaushalte werden auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene verst&auml;rkt eingesetzt. Die Anwendung der neuen M&ouml;glichkeiten im politischen Bereich ist demzufolge, zumindest bei quantitativer Betrachtungsweise, bereits eingetreten. Inwieweit die vorhanden Angebote in qualitativer Hinsicht jedoch zu einer Ausweitung politischer Partizipation f&uuml;hren, ob also tats&auml;chlich Mitsprache, Mitwirkung und Mitbestimmung erm&ouml;glicht wird, ist hingegen kritisch zu hinterfragen. Es wurde in der Vergangenheit bereits vielfach kritisiert, dass die vorhanden Verfahren den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern h&auml;ufig keine Einflussm&ouml;glichkeiten bieten und dass der Prozess der Entscheidungsfindung nicht transparent dargelegt wird (M&auml;rker 2009). Wenn beispielsweise eine Online-Konsultation in keinem konkreten, von Seiten der Beteiligten kommunizierten Ergebnis m&uuml;ndet, ist die Sinnhaftigkeit des Angebotes aus Sicht der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger fraglich. Eine solche Scheinbeteiligung bzw. &#8222;Beteiligung ohne Wirkung&#8221; (Selle 2007:65) f&uuml;hrt letztendlich zu Unzufriedenheit und zu einer Entmutigung ein solches Angebot erneut wahrzunehmen.</p>
<p>Die vielfach diskutierte Hypothese das Internet biete ein sog. Mobilisierungspotential, d. h, bedingt durch den vereinfachten Zugang zu Informationen und durch r&auml;umliche und zeitliche Unabh&auml;ngigkeit k&auml;me es zu einer Zunahme des politischen Engagements, muss auch vor dem Hintergrund der tats&auml;chlich vorhandenen Einflussm&ouml;glichkeiten betrachtet werden. Erste empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass Internetzugang und -nutzung zumindest tendenziell mit einer Verst&auml;rkung der politischen Kommunikation einhergehen. So fanden Emmer, Vowe &amp; Wolling (2011) in ihrer Studie positive Effekte eines Online-Zugangs auf politische Kommunikation; insbesondere die j&uuml;ngeren Bev&ouml;lkerungsgruppen nutzen das Internet f&uuml;r die Kommunikation politischer Inhalte. Da die Studie sich auf Daten st&uuml;tzt, die zwischen 2002 und 2009 erhoben wurden, ist davon auszugehen, dass sich dieser Effekt unter anderem durch eine Verringerung der Kommunikationskosten, die mit der schnell wachsenden Nutzung mobiler Endger&auml;te einhergeht, weiter verst&auml;rkt hat.</p>
<p>Neben dieser Entwicklung, die sich auf die Angebotsseite von Beteiligungsm&ouml;glichkeiten bezieht, wird auch der wachsende Partizipationsanspruch der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger als Motor eines Wandels hin zu mehr direktdemokratischen Elementen betrachtet (vgl. Plaum 2012). Zur Kennzeichnung der aktuellen gesellschaftlichen Situation werden h&auml;ufig Schlagworte wie Postdemokratie oder Entpolitisierung verwendet. Eine zentrale Feststellung ist dabei, &#8222;dass wichtige politische Entscheidungen heute au&szlig;erhalb der traditionellen demokratischen Kan&auml;le gef&auml;llt werden&#8221; und sich &#8222;der Legitimit&auml;tsverlust demokratischer Institutionen [&#8230;] in einer zunehmenden Entpolitisierung&#8221; zeige (Mouffe 2011: 3). Als Folge wird eine Zunahme der Verdrossenheit gegen&uuml;ber der institutionellen Politik und schwindendes Vertrauen in die repr&auml;sentative Demokratie konstatiert (zur &Uuml;bersicht APuZ 1-2/2011). In jedem Fall lassen sich einige Ver&auml;nderungen in unserer repr&auml;sentativen Demokratie feststellen. So ist die Wahlbeteiligung in den letzten 20 bis 30 Jahren kontinuierlich zur&uuml;ckgegangen und dadurch bedingt hat sich die soziale Selektivit&auml;t noch vergr&ouml;&szlig;ert (vgl. Merkel et al. 2012). Auch die Attraktivit&auml;t politischer Parteien hat deutlich nachgelassen: Im Zeitraum zwischen 1990 und 2007 sank die Zahl von 2,5 Millionen Parteimitgliedern um mehr als eine Million (ebd.: 107). Die bestehende Form der repr&auml;sentativen Demokratie verliert also immer mehr &#8222;ihren partizipativen Kern&#8221; und &#8222;verkommt [&#8230;] zu einer elit&auml;ren Zuschauerdemokratie&#8221; (ebd.: 97). Eine betr&auml;chtliche Zunahme des Engagements ist hingegen in zivilgesellschaftlichen Organisationen zu verzeichnen (ebd.;lll). Wie diese Entwicklungen zeigen, handelt es sich also nicht um einen R&uuml;ckgang, sondern um eine Verlagerung des gesellschaftlichen Engagements, in der die konventionelle politische Beteiligung an Bedeutung verliert. In unserer pluralistischen Gesellschaft k&ouml;nnen die politischen Parteien die vielschichtigen Interessen der Bev&ouml;lkerung scheinbar nicht mehr ad&auml;quat vertreten; tradierte normative &Uuml;berzeugungen verlieren ihre Bedeutung und als Folge sto&szlig;en die Parteien und ihre politischen Entscheidungen auf immer weniger Akzeptanz.</p>
<p>Die Erg&auml;nzung der repr&auml;sentativen Demokratie um direktdemokratische und deliberative Elemente scheint vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Dynamik ein vielversprechender Ansatz f&uuml;r eine Reform, die das vorhandene Potential der politischen Vitalit&auml;t, das u. a. in den zivilgesellschaftlichen Organisationen anzutreffen ist, in das politische System integrieren kann. Letztlich w&uuml;rde eine solche Abwandlung zu einer h&ouml;heren Legitimit&auml;t und zu einer Verbesserung der Entscheidungen bzw, ihrer Akzeptanz f&uuml;hren. Im Folgenden wird das Konzept <i>Liquid Democracy </i>als ein Ansatz dargestellt, der dieses Ziel verfolgt. Grundlage bilden Konzeptionen, die im Rahmen des Liquid Democracy e.V. entstanden sind und dort mit der Freien Software Adhocracy technisch umgesetzt werden.</p>
<h5>Das Konzept Liquid Democracy</h5>
<p>Wurde <i>Liquid Democracy </i>in der Vergangenheit h&auml;ufig synonym zu dem Begriff Delegated Voting (s.u.) verwendet, werden in neueren Konzepten mit <i>Liquid Democracy </i>eine Gruppe von Verfahren bezeichnet, die unter Einbeziehung digitaler Kommunikation direktdemokratische Beteiligung erm&ouml;glichen und gleichzeitig weitere Voraussetzungen. erf&uuml;llen, die im Folgenden erl&auml;utert werden. Entstanden sind diese Konzepte und Verfahren aus der Einsch&auml;tzung, dass die in unserem politischen System bestehenden Partizipations- und Gestaltungsm&ouml;glichkeiten der gesellschaftlichen Situation und technischen Innovation nicht gerecht werden. Dahinter steht die Annahme, dass die immer dichtere Vernetzung der Menschen sowie der erleichterte Zugang zu Informationen und Wissen den Wunsch nach politischer Mitbestimmung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gesteigert hat, wobei gleichzeitig den Menschen ein viel h&ouml;heres Ma&szlig; an Flexibilit&auml;t und Wandlungsf&auml;higkeit abverlangt wird. Traditionelle Formen der politischen Beteiligung, beispielsweise in Form des Engagements in einer Partei oder Gewerkschaft, sind deshalb mit vielen Lebensentw&uuml;rfen inkompatibel.</p>
<p>Dabei ist Liquid Democracy als Erg&auml;nzung der repr&auml;sentativen Demokratie konzipiert und versteht sich als Antwort auf ein Demokratie- und Legitimationsdefizit des bestehenden Systems (Reichert 2012; Reichert et al. 2010). Die Einsatzm&ouml;glichkeiten von Liquid Democracy-Verfahren beschr&auml;nken sich nicht auf den politischen Bereich, so den &nbsp;zielen auf eine Demokratisierung m&ouml;glichst vieler Lebensbereiche ab. Ebenso entwirft Liquid Democracy ein Gegenentwurf zu den klassischen direktdemokratischen Verfahren (z.B. Volksentscheide), die aufgrund der gro&szlig;en H&uuml;rden, des zeitlichen Aufwandes sowie der geringen Anzahl an Menschen, die tats&auml;chlich an Vorschl&auml;gen mitarbeiten, nur eingeschr&auml;nkt dem Demokratiedefizit entgegenwirken (Reichert 2012; Reichert et al., 2010). Auch wenn in der &Ouml;ffentlichkeit Liquid Democracy h&auml;ufig als Konzept einer <i>digitalen Demokratie </i>diskutiert wird, zeigt eine genaue Betrachtung der vorliegenden Konzepte, dass es sich im Wesentlichen um einen, die klassischen offline-Verfahren erg&auml;nzenden Ansatz handelt und dass die Gestaltung von Schnittstellen in bestehende Gremien und Prozessabl&auml;ufe (f&uuml;r eine un&uuml;berschaubare Vielzahl an Anwendungsf&auml;llen) gleichzeitig Chance und Herausforderung ist.</p>
<p>F&uuml;r die konzeptionelle Ausgestaltung und m&ouml;gliche Implementationsweisen der Verfahren gibt es verschiedene L&ouml;sungsans&auml;tze, die in unterschiedlichen Organisationen bereits zur Anwendung kommen. Analysiert man die vorhandenen Ans&auml;tze lassen sich in der Regel f&uuml;nf zentrale, Liquid Democracy konstituierende, Dimensionen identifizieren, deren Gewichtung zwischen den Konzepten variiert (vgl. Abb.1), wobei die Dimensionen nicht unabh&auml;ngig sind.</p>
<ul>
<li>Individuelle und themenspezifische Wahl einer Partizipationsstufe<br />&nbsp;Um den, in unserer pluralistischen Gesellschaft anzutreffenden sehr vielf&auml;ltigen Lebensentw&uuml;rfen und Wertesystemen gerecht werden zu k&ouml;nnen, wird den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern die M&ouml;glichkeit gegeben, selbst zu entscheiden zu welchem Thema sie sich in welcher Form einbringenm&ouml;chten. Potentiell besteht die M&ouml;glichkeit, je nach Thematik und Zeitpunkt, eine unterschiedliche Sprosse der Partizipationsleiter zu w&auml;hlen:Sich &uuml;ber den aktuellen Stand des Diskurses informieren.</li>
<li>Ansichten und Vorschl&auml;ge anderer unterst&uuml;tzen (&#8222;Abstimmen&#8220;).</li>
<li>F&uuml;r bestimmte Themen einen Repr&auml;sentanten/Delegierten bestimmen.</li>
<li>An Vorschl&auml;gen anderer mitarbeiten bzw. eigene Vorschl&auml;ge und Ansichten einbringen.</li>
<li>&nbsp;Sich als Repr&auml;sentant bzw. Delegierter f&uuml;r einen Themenbereich zur Verf&uuml;gung stellen.</li>
</ul>
<h5>&Ouml;ffent&shy;li&shy;cher Diskurs im Sinne einer delibe&shy;ra&shy;tiven Demokratie</h5>
<p>Der &ouml;ffentliche und f&uuml;r alle zug&auml;ngliche Diskurs wird als eine zentrale Voraussetzung f&uuml;r die legitime demokratische Entscheidungsfindung betrachtet. Dahinter steht die Annahme, dass aufgrund der sich entwickelnden Vielfalt an existierenden Lebensentw&uuml;rfen und Wertsystemen der intersubjektiven Verst&auml;ndigung eine immer gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung zukommt. Der Austausch &uuml;ber subjektiv wahrgenommene Lebenslagen und Bed&uuml;rfnisse bildet somit die Grundlage f&uuml;r demokratische Diskurs- und Entscheidungsprozesse. Ziel ist es, Diskurse so zu organisieren, dass sich sehr viele Menschen beteiligen k&ouml;nnen. Mittels online-Kommunikation kann potentiell jeder seine Meinung, seine Ideen, sowie seine Bef&uuml;rchtungen zu den f&uuml;r ihn relevante Themen einbringen. Die Strukturierung der Diskurse stellt hierbei eine Herausforderung dar: Nur ein moderationsfreier, d, h. ein auf freier Meinungs&auml;u&szlig;erung beruhender Prozess ohne Moderation im Vorfeld (bzw. Zensur) stellt sicher, dass ein Diskurs Gleichberechtigter resultiert. Des Weiteren muss gew&auml;hrleistet werden, dass der gesamte Prozess transparent ist, auch in dem Sinne, dass die vorhandenen Positionen deutlich erkennbar sind. Letztendlich muss die Strukturierung des Diskurses sicherstellen, dass eine eindeutige Beschlusslage resultiert.</p>
<h5>Kolla&shy;bo&shy;ra&shy;tive Textent&shy;wick&shy;lung</h5>
<p>Der gro&szlig;e Erfolg der Online-Enzyklop&auml;die Wikipedia hat gezeigt, dass sich in einem selbstorganisierten, kollaborativen Prozess vorhandene Ressourcen entfalten und gute Ergebnisse erzielt werden k&ouml;nnen. Liquid Democracy nutzt dieses Prinzip f&uuml;r den Prozess der politischen Partizipation: B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, die das gleiche Ziel verfolgen, k&ouml;nnen gemeinsam ausarbeiten wie dieses Ziel erreicht werden kann bzw. soll.. Konkret bedeutet dies beispielsweise das gemeinschaftliche Verfassen von Gesetzestexten, Stellungsnahmen oder Antr&auml;gen. Eine Voraussetzung daf&uuml;r ist, anders als bei Wikipedia, dass der kollaborativen Textentwicklung demokratische Prinzipien und Regeln zu Grunde liegen. In der Funktionsweise der Software <i>Adhocracy</i> stellt dies ein Kernelement dar.</p>
<h5>Dynamischer Wechsel zwischen Repr&auml;&shy;sen&shy;ta&shy;tion und direkter Beteiligung</h5>
<p>Mit Delegated Voting wird die Idee des transitiven W&auml;hlens (Delegation &uuml;ber mehrere Stufen) bezeichnet, die Lewis Caroll erstmals 1884 beschrieb. Zus&auml;tzlich zur &Uuml;bertragung der eigenen Stimme an jemand anderen (sog. Proxy-Voting) ist hier auch die M&ouml;glichkeit vorgesehen, dass der Delegierte die an ihn delegierten Stimmen weiterreichen kann. Popul&auml;r wurde dieses Prinzip in den letzten Jahren, da es, in Software umgesetzt, erstmals Beteiligungsprozesse mit vielen Menschen zul&auml;sst. Grunds&auml;tzlich erlaubt dieser Mechanismus dem Teilnehmenden zu w&auml;hlen, ob er selbst abstimmen bzw. an einem Antrag selbst mitarbeiten m&ouml;chte oder ob er seine Stimme an einen Repr&auml;sentanten oder eine Repr&auml;sentantin delegiert. Innerhalb des so entstehenden Kontinuums zwischen Repr&auml;sentation auf der einen und direkter Beteiligung auf der anderen Seite hat der Einzelne die M&ouml;glichkeit sich dynamisch (<i>flie&szlig;end</i>) zu bewegen. Aus globalen, d, h. unbegrenzten Delegationen resultierende Probleme sind u. a. eine Konzentration von Macht auf wenige Delegierte sowie das Entstehen von Zielkonflikten durch die Unterst&uuml;tzung widerspr&uuml;chlicher Ziele. Um dieser Problematik entgegenzuwirken ist eine Beschr&auml;nkung der Delegation auf ein genau definiertes politisches Ziel notwendig. Daraus konstituiert sich ein zweistufiger Ablauf, in dem sich der Teilnehmende in einem ersten Schritt entscheidet, welche Ziele aus seiner Sicht erreicht werden sollen; beispielweise die Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns oder die Gestaltung einer fahrradfreundlichen Stadt. Erst in einem zweiten Schritt er&ouml;ffnet sich f&uuml;r jedes unterst&uuml;tzte Ziel die M&ouml;glichkeit einen Delegierten zu bestimmen, der stellvertretend Einfluss auf die Antragsentwicklung nimmt. Der dem Delegierten &uuml;bertragene Auftrag ist dadurch eindeutig definiert und beschr&auml;nkt sich auf eine konkrete Ausgestaltung zur Erreichung des vorab definierten politischen Ziels. Die Rolle des Delegierten steht jedem B&uuml;rger und jeder B&uuml;rgerin frei, d.h. durch besonderes Engagement kann jeder Stimmen anderer auf&nbsp;sich vereinen. Neben der M&ouml;glichkeit den Auftrag eines Delegierten eindeutig zu bestimmen ist eine weitere Besonderheit der Dynamischen Delegation (im Vergleich zu dem traditionellen offline-Verfahren), dass die &Uuml;bertragung der eigenen Stimme jederzeit zur&uuml;ckgenommen und auf Wunsch neu vergeben werden kann. Auch ist es m&ouml;glich, in einer einzelnen Sachfrage seinen Delegierten zu &uuml;berstimmen, d. h, die eigene Stimme wird immer bevorzugt gez&auml;hlt. Diese Mechanismen tragen einerseits dazu bei einem Missbrauch durch Delegierte vorzubeugen, andererseits erm&ouml;glichen sie es, flexibel auf Ver&auml;nderungen von Umfeldbedingungen zu reagieren.</p>
<h5>Einbindung des zivil&shy;ge&shy;sell&shy;schaft&shy;li&shy;chen Engagement</h5>
<p>Ein Ziel von Beteiligungsprozessen im Rahmen von Liquid Democracy ist es, das vorhandene gesellschaftliche Engagement einzubinden und bessere Kan&auml;le in politische Entscheidungsfindungsprozesse zu realisieren. Bestehende Verb&auml;nde, Gewerkschaften und Interessengruppen haben die M&ouml;glichkeit mittels gezielter Kampagnen ihre Mitglieder zur Teilnahme an f&uuml;r sie relevanten politischen Zielen zu mobilisieren. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnen sich Interessengemeinschaften f&uuml;r jedes Thema neu zusammenfinden bzw. themen&uuml;bergreifend ein Netzwerk bilden.</p>
<h5>Anwendungsszenarien</h5>
<p>Online-Beteiligung ist ein noch junges Feld zu dem bislang nur wenige Erfahrungen und Forschungsergebnisse vorliegen. Die vorhandenen Anwendungsszenarien m&uuml;ssen vor diesem Hintergrund als erste Schritte in einem, durch die rasante technische Fortentwicklung &auml;u&szlig;erst dynamischen Prozess, betrachtet werden. Zu bedenken ist weiter-hin, dass die neuen Verfahren in bestehende Prozesse integriert werden m&uuml;ssen, was u.a. Organisationsver&auml;nderungen unterschiedlichen Umfangs voraussetzt und dementsprechend viel Zeit in Anspruch nimmt.</p>
<p>Im Sinne einer Demokratisierung vieler Lebensbereiche sind die Anwendungsfelder von Liquid Democracy-Verfahren sehr vielf&auml;ltig. F&uuml;r eine Klassifikation k&ouml;nnen drei Dimensionen herangezogen werden. Erstens das Anwendungsfeld, also die Institution, die den Prozess initiiert; zweitens das konkrete Anwendungsziel, beispielsweise ob es sich um Agenda Setting, Konsultation oder Mitbestimmung handelt. Und letztlich der eingeschlossene Teilnehmerkreis. Dies k&ouml;nnen beispielsweise Mitglieder einer Organisation oder die breite &Ouml;ffentlichkeit sein. Je nach Szenario ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an die Organisation des Beteiligungsprozesses, etwa bei der Mit-gliederauthentifizierung oder den Abstimmungsverfahren. Um die Bandbreite zu veranschaulichen werden im Folgenden einige ausgew&auml;hlte Projekte beschrieben.</p>
<h5>Parla&shy;men&shy;ta&shy;ri&shy;sche Arbeit: Enque&shy;te&shy;be&shy;tei&shy;li&shy;gung.de</h5>
<p>Auf Enquetebeteiligung.de k&ouml;nnen sich alle B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger an der Arbeit der Enquetekommission Internet und Digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestags beteiligen. Die Enquetekommission besteht aus 17 Abgeordneten und 17 festen Sachverst&auml;ndigen und bezieht mit dem Modell des 18. Sachverst&auml;ndigen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger kontinuierlich in ihre Arbeit ein (Deutscher Bundestag Drucksache 17/950). Ziel ist eine &Ouml;ffnung des gesamten Arbeitsprozesses f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit. Die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger konnten zu Beginn Themen, die in das Arbeitsprogramm aufgenommen werden sollten, vorschlagen (Agenda-Setting-Prozess). Im weiteren Verlauf konnten auch konkrete Vorschl&auml;ge f&uuml;r die Handlungsempfehlungen der Enquetekommission abgegeben werden. Die Vorschl&auml;ge wurden der Enquetekommission als Antrag des 18. Sachverst&auml;ndigen zur Diskussion und Abstimmung vorgelegt; es handelt sich dementsprechend um ein Konsultations- (und nicht Mitbestimmungs-)verfahren. Wie die ersten Ergebnisse zeigen (es wurden Vorschl&auml;ge des 18. Sachverst&auml;ndigen, teils im Wortlaut, in die Zwischenberichte der einzelnen Projektgruppen aufgenommen), kann eine Beteiligung von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern die parlamentarische Arbeit bereichern (vgl. Deutscher Bundestag Blogbeitrag vom 5.12.2012)</p>
<h5>Kommunale Politik: Offene Kommune.de</h5>
<p>OffeneKommune.de versteht sich als politisch neutrale Internetplattform mit dem Ziel einen &ouml;ffentlichen Diskurs zu erm&ouml;glichen, in dem sich B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger mit kommunalen Vertretern und Organisationen &uuml;ber ihre Bed&uuml;rfnisse, Ziele und Erwartungen austauschen und gemeinsame L&ouml;sungen erarbeiten k&ouml;nnen. Kommunale Vertreter haben auf der Plattform die M&ouml;glichkeit &uuml;ber kommunale Projekte und aktuelle Gesetzesvorhaben zu informieren. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger aktiv in die Planung und Ausgestaltung einbezogen werden.Interessenskonflikte k&ouml;nnen somit fr&uuml;hzeitig offengelegt werden, um gemeinsam nachhaltige L&ouml;sungen zu erarbeiten. Hervorzuheben ist, dass die Init&uuml;erung von Beteiligungsprozessen auf OffeneKommune.de allen offen steht. Die Plattform folgt somit keinem klassischem Bottom-Up- oder Top-Down-Prinzip, sondern stellt allen gesellschaftlichen Akteuren eine neutrale Infrastruktur zur Verf&uuml;gung.</p>
<h5>Einsatz in Parteien</h5>
<p>Die neuen Beteiligungsformate scheinen auch ein wichtiges Instrument f&uuml;r die Arbeit von Parteien geworden zu werden. Die Piratenpartei setzt beispielsweise eine Plattform ein, mit deren Hilfe Meinungsbilder eingeholt und Entscheidungen vorbereitet werden k&ouml;nnen (Bieber 2012). Die von der Piratenpartei eingesetzte Software <i>Liquid Feedback</i>,unterscheidet sich dabei in ihrer Funktionsweise von <i>Adhocracy</i> und dem hier dargestellten Konzept (ein Vergleich findet sich in Eckenfels 2012). Der Landesverband der Gr&uuml;nen in Nordrhein-Westfalen hat aktuell ein Modellprojekt mit <i>Adhocracy </i>f&uuml;r Anfang 2013 beschlossen: Er will &#8222;gemeinsam mit den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern [&#8230;] die Chancen, die [&#8230;] die Digitalisierung bietet nutzen.&#8221; (Landesverband der Gr&uuml;nen NRW 2012). Der Einsatz des Liquid-Democracy-Verfahrens soll auf Orts- und Landesebene getestet werden.</p>
<p>Die SPD-Fraktion hat als erste Fraktion im Bundestag eine Liquid-Democracy-Plattform genutzt, um die &Ouml;ffentlichkeit in die Arbeit ihrer Projektgruppen einzubinden. Dieser zeitlich beschr&auml;nkte Zukunftsdialog-online richtete sich an alle interessierten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und umfasste thematisch die aktuellen Schwerpunktthemen der SPD-Fraktion. Die Plattform wird k&uuml;nftig kontinuierlich zur Diskussion der aktuellen Themen der Fraktion zur Verf&uuml;gung stehen.</p>
<h5>Fazit</h5>
<p>Die hier geschilderten Beispiele zeigen, dass mittels Liquid Democracy eine gro&szlig;e Varianz an politischen Beteiligungsm&ouml;glichkeiten innerhalb des repr&auml;sentativen Systems implementiert werden kann, die &uuml;ber Abstimmungsfunktionen weit hinausgeht und Beteiligung in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen m&ouml;glich macht. Die konkrete Ausgestaltung sowie die Bedingungen des Einsatzes von erfolgreichen Liquid-Democracy-Verfahren m&uuml;ssen in den zuk&uuml;nftig stattfindenden Projekten kontinuierlich evaluiert werden. Nur anhand (bisher fehlender) empirischer Ergebnisse k&ouml;nnen Konsequenzen f&uuml;r die einzelnen Anwendungsfelder gezogen und zuk&uuml;nftige Szenarien angepasst werden. Eine bisher untersch&auml;tzte Herausforderung ist sicherlich die notwendige Ver&auml;nderungsbereitschaft und -f&auml;higkeit der Organisationen, um die neuartigen Verfahren und Prozesse in die bestehenden, teilweise seit langer Zeit tradierten, Abl&auml;ufe einzubetten. Diese Integration setzt einen geplanten, fr&uuml;hzeitig beginnenden Ver&auml;nderungsprozess voraus, in dem die sinnvolle Verkn&uuml;pfung der online- und offline-Angebote explizit Ber&uuml;cksichtigung findet. Um sicherzustellen, dass es zu keiner Ausgrenzung von Personen kommt, sollten Online-Verfahren als Erg&auml;nzung zu den sonstigen Partizipationsverfahren konzipiert werden.</p>
<p>Schlie&szlig;lich d&uuml;rfen die Voraussetzungen f&uuml;r eine Beteiligung von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern nicht aus dem Blick geraten: f&uuml;r jedwede politische Beteiligung bilden Medienkompetenz und Demokratiekompetenz die Grundlage. &#8222;Beteiligung ist ein Bildungsprozess und nicht prim&auml;r eine Frage der Software. Wir m&uuml;ssen vom Kindergarten an eine Beteiligungskultur entwickeln, die konstruktive Teilhabe an der Gestaltung unserer Lebenswelt als staatsb&uuml;rgerliches Ziel erf&uuml;llt&#8221; (Ertelt, 2012). Auch die empirischen Befunde &uuml;ber den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation sind eindeutig: Vorwiegend Menschen mit hohem Bildungsgrad und h&ouml;herem Einkommen nehmen die politischen Beteiligungsangebote wahr (B&ouml;deker 2012:37). Diese Problematik wird sich allein durch den Einsatz neuer Medien nicht aufl&ouml;sen. Hier sind Anstrengungen zur Reduktion sozialer Ungleichheit notwendig, um der sozialen Verzerrung politischer Partizipation entgegenzuwirken.</p>
<p>Wie gezeigt wurde bietet das Internet zahlreiche neuen Optionen, um B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern Partizipation an politischen Prozessen zu erm&ouml;glichen. Das Ziel muss die, auf einem verbindlichen rechtlichen Rahmen beruhende, Einbindung von digitalen Beteiligungswegen in unterschiedlichen politischen Ebenen sein.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Bieber, Christoph 2012: Die Piratenpartei als neue Akteurin im Parteeinsystem, in: APuZ, Jg.62, H.7, S.27&#8211;33<br />BM12012: Open Government Data Deutschland. Eine Studie zu Open Government in Deutschland im Auftrag des Bundesministerium des Innern, online-Publikation (zuletzt abgerufen am 2.12.2012): httpa/www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Themen/0ED_Verwaltung/ModerneVerwaltung/opengovernment.pdf<br />B&ouml;deker, Sebastian 2012: Soziale Ungleichheit und politische Partizipation in Deutschland. OBSArbeitspapier Nr. L Frankfurt/Mai<br />Deutscher Bundestag 2010: Einsetzungsbeschluss des Deutschen Bundestages, Drucksache17/950, online-Publikation (zuletzt abgerufen am 2,12.2012): <a href="https://enquetebeteiligung.de/_pages/about/einsetzungsbeschlussl" target="_blank" rel="noopener">https://enquetebeteiligung.de/_pages/about/einsetzungsbeschlussl</a><br />Deutscher Bundestag 2012: Stand der Dinge: Online-B&uuml;rgerbeteiligung der Enquete, [Weblog], 5.9.2012, online-Publikation (zuletzt abgerufen am 2.12.2012): <a href="http://www.bundestag.de/internetenquete/Stand_der" target="_blank" rel="noopener">http://www.bundestag.de/internetenquete/Stand_der</a> Dinge_Buergerbeteiligung_derEnqueteSept2012/index.jsp<br />Eckenfels, Mela 2012: Vier Liquid-Democracy-Tools im Test, in: Linux-Magazin, H.1<br />Emmer, Martin &amp; Wolling, Jens 2010: Online-Kommunikation und politische &Ouml;ffentlichkeit; in: W.<br />Schweiger, K. Beck (Hg.), Handbuch Online-Kommunikation, Wiesbaden, 5.36&#8211;58<br />Emmer, Martin/Vowe, Gerhard/Wolling, Jens 2011: B&uuml;rger Online. Die Entwicklung der politischen<br />Online-Kommunikation in Deutschland, Konstanz<br />Ertelt, J&uuml;rgen 2012: Positionspapier zum Thema &#8222;teilhaben&#8220;, online-Publikation (zuletzt abgerufen am 6.12.2012): http:Jlwww,tagdermedienkompetenz.de/positionspapier-zum-thema-teilhaben-vonjurgen-ertelti<br />Gabriel, Oscar/V&ouml;lkl, Kerstin 2008: Politische und soziale Partizipation, in: 0. Gabriel, 0./ Kopp, S. (Hg.), Die EU-Staaten im Vergleich, Wiesbaden, S.268&#8211;298<br />Gerhards, J&#8217;&uuml;rgen/Neidhardt, Friedhelm 1993: Strukturen und Funktionen moderner &Ouml;ffentlichkeit. Fragestellungen und Ans&auml;tze; in W. R. Langenbucher (Hg.), Politische Kommunikation: Grundlagen, Strukturen, Prozesse, Wien, S. 52&#8211;89<br />Gr&auml;&szlig;er, Lars/Hagedorn, Friedrich 2012: Mehr E-Partizipation wagen?, in: Gr&auml;&szlig;er, L./Hagedorn, F. (Hg.), Soziale und politische Teilhabe im Netz? Schriftenreihe Medienkompetenz des Landes Nordrhein-Westfalen, 5.11&#8211;22,<br />Habermas, J&uuml;rgen 1991: Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit, Frankfurt am Main<br />Landesverband der Gr&uuml;nen NRW 2012: Modellprojekt Adhocracy, [Weblog], 26.11.2012, online-Publikation (zuletzt abgerufen am 2.12.2012): httpa/www.gruene-nrw.de/details/nachricht/teilhabeund-beteiligung-staerken-chancen-des-digitalen-wandelns-nutzen.html<br />M&auml;rker, Oliver 2009: Studie E-Patizipation in Deutschland, in: JEDEM, Jg. 1, H. 1, S. 45&#8211;54<br />Merkel, Wolfgang/Petring, Alexander 2012: Politische Partizipation und demokratische Inklusion, in: T. M&ouml;rschel, C. Krell (Hg.), Demokratie in Deutschland, Wiesbaden<br />Mouffe, Chantal2011; &#8222;Postdemokratie&#8221; und die zunehmende Entpolitisierung, in: APuZ, H.1&#8211;2, S. 3&#8211;4<br />26&nbsp;vorg&auml;nge Heft 4/2012, S. 15&#8212;26<br />OECD 2007: Participative Web and User-created Content, online-Publikation (zuletzt abgerufen am 2.12.2012): <a href="http://browse.oecdbookshop.org/oecd/pdfs/free/9307031e.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://browse.oecdbookshop.org/oecd/pdfs/free/9307031e.pdf</a><br />Plaum, W&auml;tzold 2012: Eine Revolution f&uuml;r den Westen &#8211; oder: Systemneustart dringend erforderlich, in: APuZ, Jg. 62, H. 38&#8212;39, S. 6&#8211;9<br />Reichert, Daniel/Lindenberg, F. 2010: Liquid Democracy &#8211; die Chance einer digitalen Demokratie? in: FIfF-Kommunikation, H.2<br />Reichert, Daniel 2012: Software f&uuml;r eine flie&szlig;ende Demokratie, in: E. Lackner (Hg.), Neue Medien in Kultur und Wirtschaft, S. 43-42, Innsbruck<br />Seile, Klaus 2007: Stadtentwicklung und Biirgerbeteiligung &#8211; Auf dem Weg zu einer kommunikativen Planungskultur? Allt&auml;gliche Probleme, neue Herausforderungen, in: Informationen zur Raumentwicklung, Jg.1, S. 63&#8211;71, online-Publikation (zuletzt abgerufen am 2.12.2012): <a href="http://www.bbsr/" target="_blank" rel="noopener">http://www.bbsr</a>. bund.de/cln_032/nn_187666BBSR/DE/Veroeffentlichungen/IzR/2007/Downloads/1 Selle,template Id=raw,property=publicationFile.pdf/1 Selle.pdf<br />Vowe, Gerhard 2012: Digital Citizens &#8211; Partizipation &uuml;ber und durch das Netz, in: Gr&auml;&szlig;er, L/Hagedorn, F. (Hg.), Soziale und politische Teilhabe im Netz? Schriftenreihe Medienkompetenz des Landes Nordrhein-Westfalen, S. 39&#8211;54</p>
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		<title>Digitale Inszenierungen in der multiplen Agora</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 19:24:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Parteien im Internet aus: Vorg&#228;nge Nr.200 ( Heft 4/ 2012) S. 27-35 &#8222;Twitter is like a tragically hip New York night club. It is a cool, easy way for companies to engage customers in social media. But the experience can be loud and crowded.&#8220; (Bob Warfield) Die Mitgliedschaft in und Organisation von politischen Parteien wird [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Parteien im Internet</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge Nr.200 ( Heft 4/ 2012) S. 27-35</p>
<p>&#8222;Twitter is like a tragically hip New York night club. It is a cool, easy way for companies to engage customers in social media. But the experience can be loud and crowded.&#8220; (Bob Warfield)</p>
<p>Die Mitgliedschaft in und Organisation von politischen Parteien wird nicht nur durch den Verlust traditionaler Vergemeinschaftungen oder die Individualisierung der Gesellschaft ver&auml;ndert, sondern nicht zuletzt durch medialen Wandel. Was moderne Menschen &uuml;ber die Welt wissen, wird ihnen von Massenmedien vermittelt, so Niklas Luhmann in seinem Buch &#8222;Realit&auml;t der Massenmedien&#8221; (1996). Was aber, wenn sich im Medialen ein revolution&auml;rer Wandel vollzieht, der nicht zuletzt den Begriff der Massenmedien selbst prekarisiert? Nichts anderes bedeutet die Entwicklung von Social Media, welche die Idee eines allgemeinen und vorderhand passiven Zeitungspublikums zu Gunsten der echtzeitlichen Interaktion unter Anwesenden zur&uuml;ckstellt. Wie &auml;ndern sich im Zusammenspiel mit Medienevolution die traditionellen politischen Organisationen? Bleiben sie vom medialen Wandel unber&uuml;hrt? Werden sie irritiert oder gar obsolet? Wie funktioniert Wahlkampf unter digitalen Bedingungen? Im Folgenden will ich im Anschluss an eine Begriffskl&auml;rung des Wahlkampfs und der Politik anhand von Beispielen aus empirischen Studien zeigen, welche Ver&auml;nderungen der politischen Inszenierung sich aus der Evolution des digitalen Mediums ergeben.</p>
<h5>Internet und politische Kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tion</h5>
<p>Wie alle Medien erzeugen die verschiedenen Nutzeroberfl&auml;chen des WWW eigene &Auml;sthetiken. Im Anschluss an Marshall McLuhans Diktum, dass das Medium die Botschaft sei (1964), l&auml;sst sich vereinfachend formulieren: Jedes Medium schafft sich &#8222;seine&#8221; Nutzerinnen und Nutzer, die sich der &Auml;sthetik des jeweiligen Mediums angleichen m&uuml;ssen, um dieses erfolgreich bedienen zu k&ouml;nnen. Von &#8222;dem&#8221; Internet als einem Sammelbegriff zu sprechen ist aus dieser Perspektive dann nicht mehr sehr sinnvoll, vielmehr geht es darum, verschiedene Oberfl&auml;chen (wie Blogs, Facebook, Youtube, twitter u. v. m.) nach ihrem jeweiligen Eigensinn und ihren Restriktionsbedingungen zu befragen. Dann ger&auml;t beispielsweise in den Blick, dass Facebook die politische Kommunikation zu einer Politik der Freundschaft verpflichtet und um die Konfliktdimension bringt oder dass Twitters Oberfl&auml;che gewisserma&szlig;en zur Vereinzelung der Nutzerinnen und Nutzer beitr&auml;gt. In der politischen Debatte freilich redet man h&auml;ufig allgemein von &#8222;dem Internet&#8221; als einem Sammelbegriff und diskutiert, ob &#8222;es&#8221; &#8222;demokratisch(er)&#8221; sei, ob &#8222;es&#8221; sich f&uuml;r den Wahlkampf eigne und ob &#8222;es&#8221; dazu dienen k&ouml;nne, Verdrossenheiten an der etablierten Politik zu bearbeiten.</p>
<p>Aus einer soziologischen Perspektive sind diese allgemeinen Fragen nicht beantwortbar. Es ger&auml;t eher in den Blick, dass neue Medien neue Formen der politischen Performanz und Inszenierung herstellen. Empirisch kann man sich dann daf&uuml;r interessieren, wie unterschiedliche digitale Oberfl&auml;chen dies jeweils tun. Empirische Untersuchungen zeigen, dass jedes Medium eine eigene Art hat, politische Selbstdarstellungen von Politikerinnen und Politikern aber auch der politischen Organisationen und ihrer Kampagnen sichtbar zu machen. In der Konsequenz gibt es eine Multiplizierung der politischen Darstellungen, je nachdem, wie viele Nutzeroberfl&auml;chen, zum Beispiel wie viele unterschiedliche Social Media, in den Blick genommen werden. Ich beziehe mich im Folgenden auf empirisches Material zu drei Studien zu Parteiorganisationen (Siri 2012), zur politischen Kommunikation auf Facebook (Siri, Melchner &amp; Wolff 2012) und eine bisher noch nicht publizierte Studie &uuml;ber politische Kommunikation auf Twitter. Ich werde weniger auf die konkreten Studien eingehen, sie bilden aber die Grundlage der Er&ouml;rterungen und sollen daher nicht unerw&auml;hnt bleiben. Alle drei Studien interessieren sich daf&uuml;r, wie etablierte politische Organisationen mit der Emergenz des digitalen Mediums umgehen und ob, bzw. wie sie durch dieses Medium praktisch herausgefordert werden.</p>
<h5>Wahlkampf und Politik: Eine begriff&shy;liche Kl&auml;rung</h5>
<p>Blickt man in die Literatur zu Social-Media-Kampagnen oder spricht man mit Parteimitgliedern &uuml;ber Online-Wahlkampf, so geraten Mythen wie die Obama-Kampagne und der idealen Partizipation in den Blick. Ich komme anhand von Beispielen darauf zur&uuml;ck. Aus einer soziologischen Perspektive muss aber zun&auml;chst danach gefragt werden, was genau der Eingrenzungsbereich des Begriffs &#8222;Wahlkampf&#8221; ist und was eigentlich Politik. Denn Wahlkampf ist aus soziologischer Perspektive ein unscharfer Begriff und Politik bedeutet je nach theoretischer Perspektive auch ganz unterschiedliches.</p>
<p>Zun&auml;chst zum Begriff des Wahlkampfs: W&auml;hrend eine herk&ouml;mmliche politikwissenschaftliche Perspektive Wahlkampf bspw. als eine zeitlich abgegrenzte Phase im Wettbewerb der Parteien bezeichnen k&ouml;nnte, die &uuml;ber den Politikalltag hinausgeht, ist eine solche Abgrenzung aus einer organisationssoziologischen, an der Wahlkampfpraxis interessierten Perspektive weniger &uuml;berzeugend (vgl. auch Roessing 2007, Schoen 2007). Denn erstens findet immer irgendwo Wahlkampf statt und zweitens ist das Mobilisierenund das &Uuml;berzeugen von potentiellen Publika aus soziologischer Perspektive ein zei stabiles Ziel der politischen Arbeit in Parteien. &Auml;hnlich wie also Parteiorganisatione stets damit befasst sind, sich zu reformieren, so sind sie auch permanent damit besch&auml; tigt, Wahlkampf zu organisieren. Die Sichtbarkeit, das &#8222;Jetzt ist Wahlkampf&#8221; oder &#8222;di hei&szlig;e Phase&#8221; m&uuml;ssen dementsprechend auch durch Auftakt Veranstaltungen eingel&auml;ultet, also konkret als organisationaler Akt symbolisiert werden. Es ist daher soziologisch nicht plausibel, zwischen der Wahlkampfkommunikation als einem &#8222;Spezialfall&#8221; der politischen Kommunikation und davon abgrenzbaren, quasi allt&auml;glichen politische Kommunikationen zu unterscheiden. Vielmehr weist der Begriff des Wahlkampfes darauf hin, wie sehr Politik und Publikum darauf angewiesen sind, den politischen Allta mit Schneisen f&uuml;r Rituale und Symbole zu durchschlagen, an die Organisationen un Individuen andocken k&ouml;nnen.</p>
<p>Wie l&auml;sst sich au&szlig;erdem Politik soziologisch fassen? Ich werde mich im Folgende auf eine systemtheoretische Lesart des Begriffs beziehen, die ich von Niklas Luhman &uuml;bernehme. Mit Luhmann kann die Aufgabe der Politik in der modernen Gesellscha als Herstellung kollektiv bindender Entscheidungen beschrieben werden (2000), Die moderne Gesellschaft ist &#8222;eine Gesellschaft ohne Sprecher und ohne innere Repr&auml;sentanz&#8221; (Luhmann 1981: 19). Das bedeutet, es gibt keinen Ort mehr in der Gesellschai der aus sich heraus f&uuml;r alle sprechen kann. Stattdessen gibt es systemische Eigenlog ken, die von einander entkoppelt wirken. Politik hat nun die paradoxe (denn praktisch unl&ouml;sbare) Aufgabe, so zu tun, als k&ouml;nne sie f&uuml;r die gesamte Gesellschaft sprechen&nbsp;und &nbsp;entscheiden. Sie kann daher in einer modernen Gesellschaft immer nur entt&auml;uschen. Ein aktuelles Beispiel hierf&uuml;r w&auml;re, dass die Finanzm&auml;rkte sich eben nur wenig f&uuml;r politische Kritik interessieren und ihrer Eigenlogik der Profitmaximierung folgen. Krisend agnosen und Diagnosen der Politikverdrossenheit sind die Formate, in denen sich die Entt&auml;uschung &uuml;ber den Verlust des politischen Primats dann &auml;u&szlig;ert. Der Soziologe Armin Nassehi hat au&szlig;erdem gezeigt, dass, weil Politik nicht mehr f&uuml;r die gesamte Gesel schaft sprechen kann, auch die Herstellung von Kollektiven und Publika, denen eine politische Entscheidung zugerechnet werden kann, besonders wichtig wird. Nasse] argumentiert, dass politische Kommunikation sich nicht schlicht an ein gegebenes Pul likum richte, sondern die Leistung politischer Kommunikation gerade in der Herstellun des Publikums bestehe. Politik, so Nassehi, steuere weniger die Gesellschaft als ihr Publikums (Nassehi 2006: 345&pound;). Hierzu ein Beispiel aus der Empirie. Ein Mitarbeiter in&nbsp; einer Parteizentrale formuliert im Interview:</p>
<p>&#8222;Fr&uuml;her hat man sich relativ sicher sein k&ouml;nnen, wie die Basis auf ein Thema reagieren&nbsp; wird. Heute wissen wir das nicht mehr. Selbst ausf&uuml;hrliche Befragungen, die X gi das auch nicht her. (..,) Mit dem W&auml;hler verh&auml;lt es sich &auml;hnlich und wir sind eben dazu da, das auszugleichen, und f&uuml;r Basis und W&auml;hler gleichsam die Gedanken zu mache und abzusch&auml;tzen, wie die Reaktion auf einen Issue erfolgt.&#8221;</p>
<p>Es bildet sich also in der Parteiorganisation eine Rolle des Spurensuchers heraus, das &nbsp;sich in Basis und W&auml;hler einf&uuml;hlen soll. Selbst was die eigenen Mitglieder denken, ist nicht mehr klar. Denkt man dies weiter, so wird deutlich, wie wichtig es f&uuml;r die War kampfkommunikationen der Parteien ist, welche Vorstellungen sich Menschen wie dieser Mitarbeiter von der ,Basis&#8216; und dem Elektorat machen. Politische Reden, politiscche Bilder und Symbole, die Performanz der Darstellung von Rollentr&auml;gern u. v. m. k&ouml;nnen also daraufhin untersucht werden, wie sie mit der Paradoxie umgehen, die &#8222;ganze Gesellschaft&#8221; in der politischen Gegenwart herzustellen oder die Identit&auml;t einer Organisation zu symbolisieren. W&ouml;rter wie Symbolisierung und Inszenierung verlieren &uuml;brigens anhand dieser theoretischen Betrachtung den Generalverdacht der Unaufrichtigkeit. Denn sie beschreiben keine unaufrichtige oder entfremdende Praxis, sondern die Realit&auml;t politischer Arbeit in einer modernen Gesellschaft, die ihre Individuen nicht mehr &#8222;von der Wiege bis zur Bahre&#8221; an einem gesellschaftlichen Ort und in einem Stand verortet. Daher kann auch Politik diese Verortung nicht mehr leisten und ist darauf angewiesen, Angebote f&uuml;r Kollektivit&auml;tsvorstellungen zu entwerfen, an denen sich die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger orientieren k&ouml;nnen. Besonders deutlich wird dies am Beispiel von Wahlk&auml;mpfen, in welchen die politischen Organisationen ihr Verh&auml;ltnis zum Publikum &uuml;ber mediale Kommunikation zu gestalten suchen.</p>
<h5>Politische Kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tion im Internet: Der Zwang zur Insze&shy;nie&shy;rung</h5>
<p>Wenn man den oben stehenden Politikbegriff nutzt, kann man Wahlk&auml;mpfenden schwerlich vorwerfen, dass sie &#8222;nur&#8221; eine Inszenierung der Politik abliefern w&uuml;rden. Vielmehr ger&auml;t in den Blick, dass (jedenfalls in einer modernen Demokratie) nichts anderes m&ouml;glich ist, weil die Voraussetzung des totalisierenden Sprechens f&uuml;r alle oder f&uuml;r gro&szlig;e Gruppen endg&uuml;ltig entfallen sind und Politikerinnen und Politiker in jeder sozialen Situation versuchen m&uuml;ssen, sich ein unbekanntes Publikum vorzustellen und m&ouml;glichst gut zu erreichen. Was sonst sollten sie tun? Insofern sind Vorw&uuml;rfe gegen die Inszeniertheit von Politik im Web und Web 2.0 nicht fruchtbar, sondern naiv. Weder stellt Politik im Web 2.0 blo&szlig; eine weitere Repr&auml;sentation im negativen Sinne symbolischer Politik im Sinne Murray Edelmans (2005) dar, noch eine Revolution, die gar zur Abschaffung politischer Organisationen f&uuml;hren k&ouml;nnte. W&auml;hrend die erste Perspektive daran vorbeisieht, dass Symbolisierung alles ist, was Politikerinnen und Politikern in einer Demokratie &uuml;brig bleibt, untersch&auml;tzt die zweite Perspektive, welch wichtige Stablisierungsleistung Organisationen (in all ihrer Beh&auml;bigkeit und Langweiligkeit) f&uuml;r die moderne Gesellschaft erbringen. Was sich soziologisch hingegen zeigen l&auml;sst, ist, wie Politikerinnen und Politiker sowie ihre Angestellten praktisch mit den neuen M&ouml;glichkeiten und Unsicherheiten umgehen, die sich aus dem neuen Verh&auml;ltnis von Organisation, politischem Aktivismus und Medienevolution ergeben. Dabei kann nicht allgemein von &#8222;der&#8221; Politik im Internet gesprochen werden, da sich das Internet als Hypermedium wie auch schon das politische Publikum der Einheitszuschreibung entzieht. Im Folgenden werde ich daher stets Auskunft dar&uuml;ber erteilen, &uuml;ber welche Nutzeroberfl&auml;che die Interviewten sprechen. Zun&auml;chst sollen aber zwei Abkl&auml;rungen erfolgen, die f&uuml;r das Verst&auml;ndnis des Feldes recht wichtig sind.</p>
<h5>Mythos Obama vs. Realit&auml;t des Wahlkampfs in der BRD</h5>
<p>Eine noch immer erfolgreiche Diagnose der Wahlkampfforschung ist die einer irgend-wie gearteten ,neuen&#8216; Personalisierung und medialen Inszenierung der Kandidaten. Da-bei wird in der Literatur h&auml;ufig auf amerikanische Wahlk&auml;mpfe Bezug genommen, besonders oft auf die erste Clinton-Kampagne und die Inszenierung von Barack Obama. Gerade hinsichtlich der Darstellung Obamas wird dabei deutlich, wie sehr Medien, politische Praxis aber auch die Forschung an der Mythenbildung beteiligt sind. Viele Autorinnen und Autoren versuchen ungeachtet der unterschiedlichen Wahlsysteme und Gepflogenheiten, eine &Uuml;bertragung der Obama-Kampagne auf die BRD und andere L&auml;nder zu leisten. Dies kann zum Problem f&uuml;r die praktische politische Arbeit werden, So er-z&auml;hlt ein Wahlkampfmanager im Interview:</p>
<p>&#8222;Ja, also der Punkt is ja der, viele haben ja immer versucht, den Wahlkampf von Obama zu kopieren. Und haben gesagt, &#8222;der hat das mit&#8217;m Internet auch geschafft, der hatte Millionen von Spenden gesammelt, und machen wir mal ne Seite und dann sind wir Million&auml;re&#8221;. Das war so bei einigen Leuten so die Ansicht, ne. So nach dem Motto wenn Obama das kann, k&ouml;nnen wir das auch. So, und da musste man dann leider Gottes, immer Kn&uuml;ppel zwischen die Beine werfen, und dann die Leute auf den Boden wieder runter holen, und sagen Leute: Ja das ist ja sch&ouml;n, wenn Obama das super konnte, aber in den USA, was da funktioniert, funktioniert bei uns in Deutschland noch lange nicht, weil das Internetsurfverhalten ein ganz anderes ist, und auch das W&auml;hlerverhalten ein ganz anderes ist. Und auch das Verhalten der Parteimitglieder ganz anders ist.&#8221; (Herr B, Wahlkampfmanager einer im Bundestag vertretenen Partei)</p>
<p>Herr B ist genervt, weil er st&auml;ndig mit den &uuml;bertriebenen Erwartungen seiner Parteimitglieder und Kandidaten hinsichtlich des Wahlkampfs in Social Media konfrontiert wird. Er ist als Zust&auml;ndiger f&uuml;r Onlinewahlkampf auch davon entfernt, eine konzertierte New-Media-Strategie auszuloben. Deutlich wird an diesem Beispiel, wie der erste Obama-Wahlkampf als Mythos die Erwartungen ganz unterschiedlicher Akteure formt, die an der Realit&auml;t der Nutzung von Social Media f&uuml;r Wahlk&auml;mpfe in der BRD gemessen, deutlich zu hoch gesteckt sind.<br />Mythos Strategie vs. Spielwiese. &nbsp;Auch im folgenden Interviewauszug wird der Mythos Obama wieder auftauchen, wenn es um einen weiteren gepflegten Mythos geht: Den Mythos der elaborierten New-Media-Strategie, der ungef&auml;hr lautet, dass die Parteien nach Vorbild der USA genau ausgearbeitete Strategien f&uuml;r den Internetwahlkampf bes&auml;&szlig;en und die Internetkommunikation von Berufspolitikerinnen und Berufspolitikern infolgedessen genau gemonitored w&uuml;rde. Die Studien meiner Kolleginnen und mir kommen zu einem anderen Ergebnis. Die Strategien der Parteizentralen sind unterschiedlich professionell aber eher rudiment&auml;r und die meisten Politikerinnen und Politiker finden sich in Social Media so gut (oder schlecht) zurecht wie andere Menschen auch. Eine Abgeordnete formuliert:</p>
<p>&#8222;Also ich, wie stark man das am Ende wirklich nutzen kann, finde ich ist irgendwie noch nicht raus. Ich mein das ist jetzt halt grad die Generation w&uuml;rde ich sagen. Und, &auml;hm, ja, jetzt machen das halt sozusagen relativ viele. Deswegen mache ich&#8217;s auch. Ja und wie sehr das aber tats&auml;chlich, also es gab am Anfang ja son paar herausragende Politikerbeispiele auch, die ich glaube die das so ganz gut genutzt haben. Man wusste irgendwie immer, dass Obama seinen Wahlkampf so gemacht hat. [&#8230;] Ja und dann hat man sich nat&uuml;rlich gedacht dann probiert man das auch mal. (&#8230;) Also ich probiers jetzt, ich seh mich son bisschen als Testgeneration. Ich probiers jetzt einfach mal aus und schau, inwieweit sich damit Politik machen l&auml;sst [&#8230;] Also ich kann, und wie, was ich auch einfach schwer sagen kann is, wie intensiv die &uuml;berhaupt meine Sachen lesen.&#8221;(Frau A, MdB)</p>
<p>Weil es viele machen, mache sie es auch, sagt Frau A und auch, dass sie ja nicht so genau wisse, was es bedeute, auf Facebook mit Leuten befreundet zu sein und sie sich frage, ob die Leute ihre Posts &uuml;berhaupt lesen. Statt einer professionalisierten und konzertierten Medienstrategie sehen wir, dass die Politiker, wie alle anderen User auch, damit besch&auml;ftigt sind, sich das Medium anzueignen. So l&auml;sst es sich &uuml;brigens auch erkl&auml;ren, dass immer wieder kleine Skand&auml;lchen entstehen, die aus einer nicht geschulten Nutzung von Social Media resultieren.</p>
<h5>Authen&shy;ti&shy;zit&auml;t und Insze&shy;nie&shy;rung</h5>
<p>Mit einem letzten empirischen Beispiel m&ouml;chte ich darauf eingehen, wie eine Inszenierung als Spitzenpolitiker in Social Media funktionieren kann. Ist hier alles anders und neu? Und ist es wirklich so, dass die Politiker unbedingt selbst in das Medium eintauchen m&uuml;ssen, um authentisch zu wirken? Ich habe zuvor argumentiert, dass jedes Medium seine eigene Logik einbringt und es wird am folgenden Beispiel deutlich werden, wieso das so wichtig ist. Als Beispiel dient die Inszenierung der Privatheit von Frank Walter-Steinmeier aus 2011, kontrastiert mit einem Bild des Kanzlers Helmut Kohl, seiner Ehefrau und einem kleinen Reh.</p>
<p>W&auml;hrend wir zur rechten eine Inszenierung der Privatheit im Stile der deutschen Unterhaltungsfilme der 1970er Jahre betrachten, sehen wir zur linken einen Facebook-Post; der dieselbe Funktion, eine Darstellung der Privatheit, zum Ziel hat. Die Intention ist dieselbe, die &auml;sthetische Form differiert je nach Medium. Weiterhin ist der Post Steinmeiers, der hoch beliebt war (152 Menschen gef&auml;llt das) kein von Steinmeier selbst angefertigter Post sondern ein Zitat aus einem verlinkten Interview im Tagesspiegel. Das scheint aber den Erfolg im Medium Facebook nicht zu beeintr&auml;chtigen. Die Userinnen und User antworten, als h&auml;tte &#8222;Frank&#8221; selbst gepostet und nicht sein Team, die Inzenierung ist in diesem Falle gelungen.</p>
<h5>Die Plura&shy;li&shy;sie&shy;rung von Wahlkampf&shy;kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;ti&shy;onen</h5>
<p>Die Parteipolitik im Intemet und in Social Media steckt in der BRD noch in den Kinderschuhen, auch wenn manche Literatur und Protagonisten von Parteien einen gegenteiligen Eindruck erwecken. Statt einer hoch strategischen und &#8222;amerikanisierten&#8221; Kampagnenf&uuml;hrung gerieten bei den hier angesprochenen Studien eher eine Pluralisierung von &auml;sthetischen Formen der politischen Kommunikation, viele Missverst&auml;ndnisse und &#8212; abseits von Einzelpersonen &#8212; ein langsames &#8222;learing by doing&#8221; in den Blick. Social Media und das Internet sind eben nun da und werden demgem&auml;&szlig; auch f&uuml;r Wahlk&auml;mpfe genutzt, gleichzeitig wird gerade in den etablierten Parteien deswegen beileibe nicht alles anders. Parallel finden sich Wahlkampfformen, die auch die von den Parteizentralen als traditionell eingeordneten Schichten ansprechen sollen, sowie personalisierte Strategien einzelner Kandidaten. Und es scheint, dass diese Kandidaten und ihre Mitarbeiter nicht unbedingt stets eine ausgefeilte Strategie vor Augen haben, sondern beispielsweise auf Facebook Erfahrungen machen, die auch durchschnittliche Nutzer machen. Gemein ist den Wahlk&auml;mpfenden, dass ihre Idee einer politischen &Ouml;ffentlichkeit, die sie zu adressieren suchen, prek&auml;r und uneindeutig wird. Das hat das erste Interviewbeispiel gezeigt. Was beobachtbar wird, ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Kommunikationsstrategien und die Eigenlogiken der jeweiligen Werbepraxen. Gleichzeitig bleiben viele traditionelle Themen eines Wahlkampfes, wie die Darstellung des m&auml;nnlichen Politikers als gl&uuml;cklicher Partner in einer heterosexuellen Ehe, erhalten.</p>
<h5>Plura&shy;li&shy;sierte &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit, empfind&shy;liche Organi&shy;sa&shy;ti&shy;onen</h5>
<p>Die Tatsache, dass es nicht mehr ein Publikum und eine politische &Ouml;ffentlichkeit gibt, hat J&uuml;rgen Habermas bereits in den 1960er Jahren umgetrieben. Im &#8222;Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit&#8221; beschrieb er den Verfall der &ouml;ffentlichen Sph&auml;re am Ende der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und argumentierte, dass neue zivilgesellschaftliche Akteure das leisten m&uuml;ssten, was organisierte Massenmedien nicht mehr zu leisten in der Lage seien. Die Entstehung der Piratenpartei hat er wohl eher nicht imaginiert. Und doch scheint diese in aller Naivit&auml;t einige Forderungen Habermas&#8216; umsetzen zu wollen: Der Zugzwang des besseren Arguments soll sich in Liquid Democracy Verfahren beweisen, jeder und jede soll mitreden d&uuml;rfen und vor allem gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Transparenz herrschen. Inwiefern diese neue Bewegung als Partei Erfolg haben wird, wird die Zeit zeigen. Sie artikuliert jedoch den der politischen Organisierung inh&auml;renten Widerspruch zwischen Repr&auml;sentation und Partizipation. Denn Organisation bedeutet eben, dass wenige die Kollektivit&auml;t der Vielen organisieren.</p>
<p>Ich fasse zusammen: Bereits in den 1960er Jahren hat J&uuml;rgen Habermas gezeigt, dass das Ideal einer politischen &Ouml;ffentlichkeit sich in der modernen Massendemokratie mit ihren etablierten Medien nicht mehr verwirklichen lasse. Frei nach Luhmann l&auml;sst sich erg&auml;nzen, dass die Idee der &#8222;einen&#8221; &Ouml;ffentlichkeit die Einheitszumutung eines politischen Beobachters an eine Gesellschaft darstellt, die keine Einheit mehr kennt. Radikalisiert scheint sich dies dort zu vollziehen, wo Social Media all jene ausschlie&szlig;en, die nicht online sind. Social Media sind nicht schlicht vorhanden, sondern emergieren echtzeitlich aus Praktiken ihrer Nutzung und zerfallen im Moment des Nichtgebrauchs, in dem Moment in dem nicht gelesen und geschrieben wird (Lessig 2008). Dies macht sie so interessant f&uuml;r eine Beobachtung moderner Politik und entfernt sie von den politischen Organisationen, deren Zeitperspektive eine ganz andere ist und die ihrer Entwicklung daher stets hinterherzuhecheln scheinen. Die Idee der Massengesellschaft und ihrer Massenmedien wird angesichts Social Media auf die Probe gestellt. Social Media bestehen auf Pr&auml;senz und verschlie&szlig;en sich der Organisation, wie sich besonders auf Twitter gut beobachten l&auml;sst, einem Medium, dass sich aufgrund seiner Geschwindigkeit allen entzieht, die nicht ad-hoc online sind. F&uuml;r Organisationen hat diese Echtzeitlichkeit der Social Media den Effekt, dass sie sie nur schlecht beobachten und einsch&auml;tzen k&ouml;nnen. Diese latente Unbeobachtbarkeit macht sie gewisserma&szlig;en auch unerheblich f&uuml;r traditionelle politische Organisationen. Gleichzeitig gibt es in den Parteien eine kleine Zahl an Personen, die als Heavy User durchaus die Social Media in die Organisation hereinbringen und so Nervosit&auml;t, Irritationen und Handlungsbedarf erzeugen. Was es nun politisch bedeutet, wenn jede Nutzeroberfl&auml;che sich &#8222;ihre eigenen Politiker herstellt&#8221;, dar&uuml;ber l&auml;sst sich bisher nur spekulieren. Vielleicht k&ouml;nnte es so sein, dass sich die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen als Netzb&uuml;rgerinnen und Netzb&uuml;rger daran gew&ouml;hnen, in unterschiedlichen Medien unterschiedliche politische Performances zu beobachten, ohne eine Heilung dieser &#8222;Zersplitterung&#8221; und Multiplizit&auml;t zu erwarten.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Edelman, Murray 2005: Politik als Ritual. Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen Handelns. Frankfurt/M: Campus.<br />Lessig, Lawrence 2008: Remix. London: Penguin Books.<br />Luhmann, Niklas 1981: Politische Theorie im Wohlfahrtstaat. M&uuml;nchen: Olzog Verlag. Luhmann, Niklas 2000: Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.<br />Luhmann, Niklas 2004: Die Realit&auml;t der Massenmedien. Wiesbaden: VS Verlag.<br />McLuhan, Marshall 1964: Understanding Media. The extensions of men. New York: Mentor. Nassehi, Armin 2006: Der soziologische Diskurs der Moderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp.<br />Roessing, Thomas 2007: Wahlkampf und Wirklichkeit &#8211; Ver&auml;nderungen der gesellschaftlichen Realit&auml;t<br />als Herausforderung f&uuml;r die empirische Wahlforschung. In: Jackob, Nikolaus (Hg.), Wahlk&auml;mpfe in<br />Deutschland. Fallstudien zur Wahlkampfkommunikation 1912-2005. Wiesbaden: VS-Verlag: S.<br />46-56.<br />Schoen, Harald 2007: Ein Wahlkampf ist ein Wahlkampf ist ein Wahlkampf? Anmerkungen zu Konzepten und Problemen der Wahlkampfforschung. In: Jackob, Nikolaus (Hg.), Wahlk&auml;mpfe in Deutschland. Fallstudien zur Wahlkampfkommunikation 1912-2005. Wiesbaden: VS-Verlag: S. 34-45.<br />Siri, Jasmin 2012: Parteien. Zur Soziologie einer politischen Form. Wiesbaden: Springer VS.<br />Siri, Jasmin/Melchner, Miriam/Wolff, Anna 2012: The Political Network &#8211; Parteien und politische Kommunikation auf Facebook. In: Kommunikation @ Gesellschaft &#8211;&#8222;Ph&auml;nomen Facebook&#8220;, Hg. von Christian Stegbauer, Jan-Hinrik Schmidt, Klaus Sch&ouml;nberger &amp; Nils Zurawski. 29 Seiten. Online abrufbar unter: <a href="http://www.ssoar.info/ssoar/View/?resid=28273" target="_blank" rel="noopener">http://www.ssoar.info/ssoar/View/?resid=28273</a>.<br />&#8222;Twitter is like a tragically hip New York night club. It is a cool, easy way for companies to engage customers in social media. But the experience can be loud and crowded.&#8220; (Bob Warfield)</p>
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		<title>Die programmierte Partei</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 200 ( Heft 4/2012), S. 36-41 Die Piraten, soviel lässt sich angesichts ihres fulminanten Höhenfluges und dem ihm folgenden Absturz in den nationalen Umfragen sagen, sind ihrem historischen Vorbild in einem Aspekt nicht unähnlich. Der Schrecken den sie unter den gegnerischen Parteien verbreiten sowie die Faszination, die sie nicht nur auf ihre [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 200 ( Heft 4/2012), S. 36-41</p>
<p>Die Piraten, soviel lässt sich angesichts ihres fulminanten Höhenfluges und dem ihm folgenden Absturz in den nationalen Umfragen sagen, sind ihrem historischen Vorbild in einem Aspekt nicht unähnlich. Der Schrecken den sie unter den gegnerischen Parteien verbreiten sowie die Faszination, die sie nicht nur auf ihre Anhänger ausstrahlen, stehen in einem recht unausgewogenen Verhältnis zu der tatsächlichen, in ihrem Fall parlamentarischen Schlagkraft.</p>
<p>Mittlerweile tritt dieser Mangel immer deutlicher zutage und der Stoff verblasst allmählich, aus dem sich die Erzählungen speisten, die zuhauf auf den realen und medialen Marktplätzen von ihnen und über sie verbreitet wurden. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg, und in nichts sind Feuilletons und artverwandte politische Wissenschaftler kunstvoller, als in der retrospektiven Ausbreitung von Gründen eines Erfolges, den sie prospektiv nicht erahnt haben. Und so erklang seit dem Wahlabend in Berlin das hohe Lied auf die neue juvenile Kraft, der man angesichts eines erschlafften Parteienbetriebes, der sie als Alternative hervorgebracht hat, gerne einige Unkenntnis des Metiers und seiner Gepflogenheiten nachsah. Manche erkannten in der politischen Formation bereits die Vorhut eines neuen sozialen Milieus, das schon mal ohne störende Empirie auf dreißig Prozent veranschlagt wurde. Die Piraten vermochten auf diese Weise das Selbstbild zu festigen, sie seien, egal was sie gerade treiben, die innovative Speerspitze politischer und gesellschaftlicher Prozesse, ein Bild, dessen Aussagekraft sich nicht zuletzt an den konservativen Netz-Konvertiten erwies, die ihnen lustvoll nacheiferten.</p>
<p>Sie haben sich in mehreren Landesparlamenten festgesetzt und sogleich das Volk, das ihnen dorthin verholfen hat, in bester Piratenmanier mit internen Kabalen abgeschreckt. Nun sind sie geschwächt und es ist wahrlich nicht ausgemacht, dass sie mit der kommenden Bundestagswahl ins feste Ensemble des parlamentarischen Betriebes aufsteigen. Diese Wahl ist die Probe auf die Praxis, welche Rolle sie dort besetzen wollen. Sie beanspruchen für sich, die Fortschrittsvorstellung der Gesellschaft in einer Weise zu prägen, wie es die Sozialdemokraten in den siebziger und die Grünen in den achtziger Jahren getan haben. Doch auf den ersten Blick passen sie nicht in das Raster der Cleavages, der historischen Zuspitzungen einer jeweils spezifischen gesellschaftlichen und kulturellen Verwerfung, auf denen die Parteien eine ihre Existenz begründende politische Antwort gaben. Die letzte solchermaßen erfolgreiche Formation waren die Grünen, die das Mensch-NaturVerhältnis auf die politische Agenda hoben. Aber was ist die Innovation, die dem politischen Dasein der Piraten Dauerhaftigkeit verleihen wird?Die erste Selbstauskunft fällt erstaunlich altbacken aus: &#132;The Medium ist the Massage&#148;. Die doppeldeutige Botschaft die Herbert Marshall McLuhan 1967 noch analytisch auf die &#132;orphischen Fähigkeiten des Radios, Fernsehens und Films&#148; bezog, wurde, als die Piraten gerade in Berlin ihren ersten Sieg errungen hatten, von der damaligen politischen Geschäftsführerin, Marina Weisband, medial aufs Internet und programmatisch auf die eigene Partei geweitet. Das Internet wird zur Agora und &#132;die Piratenpartei vertritt eine Politik der Information. Sei es politische Information (Transparenz), informationelle Selbstbestimmung (Datenschutz), offengelegte Information (politische Aufklärung) oder Informationsaustausch (Netzpolitik). Aus diesem übergeordneten Thema, sowie aus dem Motiv von Freiheit, lassen sich Standpunkte zu allen Bereichen ableiten, wie Wirtschafts- und Familienpolitik. Dies wird das Thema der Zukunft sein und die Piraten arbeiten an den Strukturen der Zukunft.&#148; Weisband brachte damit die bis heute gültige politische Philosophie der Piraten auf den Punkt.</p>
<p>Seit den sechziger Jahren hat es keine so euphemistische Herleitung des politisch Möglichen aus dem technisch Machbaren gegeben, doch hat seitdem auch kaum eine technische Innovation eine solch gesellschaftsprägende Kraft gehabt, wie das Internet. Und die Selbststilisierung der Piraten zur politisch-digitalen Avantgarde entfaltet ihre Attraktivität wohl auch daraus, dass der Zugang, den sie zur Sphäre des Politischen versprechen, ausgesprochen niedrigschwelligfst: man muss vornehmlich User sein, um auf der Seite des Fortschritts zu stehen. Diese technologieaffine Selbstbestimmung hebt die Piraten bei allem gemeinsamen sozialen Habitus deutlich ab von den Grünen, deren Auftritt immer schon von einer gewissen moralischen Schwerfälligkeit war. Während diese nicht nur, wie die Sozialdemokraten, die sozialen Lasten gerecht aufteilen wollen, sondern auch noch die der künftigen Generationen obendrauf packen, beantwortet sich bei der Piratenpartei die Frage, wer zur Avantgarde gehört oder ggf, als konservativ zu brandmarkten ist, über Kenntnis und Nutzung von web 2.0, facebook, twitter und sonstiger digitaler Kommunikationswegen.</p>
<p>Diese selbstreferenzielle Weiterung des Mediums zur allgemeinen Politik hat Weisband auf die kurze und zeitgemäße Formel gebracht, die Piratenpartei habe &#132;nicht bloß ein Programm anzubieten, sondern ein Betriebssystem.&#148;</p>
<p>Man könnte auch sagen, die Piraten sind die erste Partei, die ihr Programm programmiert, oder genauer, bei der die Programmierung Programm ist.</p>
<p>Das Betriebssystem ist die &#132;Liquid Democracy&#148;, seine Software lautet &#132;Adhocracy&#148; und &#132;Liquid Feedback&#148;, Online-Verfahren der Themensetzung, Diskussion und Abstimmung, welche die Delegation der eigenen Stimme, sogar die Delegation der Delegation wie auch die federzeitige Annullierung der Delegation ermöglicht und auf der seit Jahren in der Netzgemeinde verbreiteten Vorstellung von der Schwarmintelligenz beruht. &#132;The Wisdom of Crouds&#148; (so der Titel des einschlägigen Buches von James Surowiecki) schreibt den oft zufällig zusammenkommenden Gruppen und Foren im Netz eine hohe Deliberations-, Entscheidungs- und Selbstkorrekturkompetenz zu, bei der das Gesagte bedeutsamer ist als die Identität des Sagenden ünd die nun die Piraten nicht nur für ihre internen Abstimmungen reklamieren sondern auch als Reformmodell einer verkrusteten repräsentativen Demokratie anpreisen.</p>
<p>Dass diese digitale Demokratie-Vorstellung in erstaunlich kurzer Zeit über die Piraten und die Netzgemeinde hinaus Attraktivität entfaltet hat, dass vor allem die Parteien des linken Spektrums sich ihr gegenüber in achtungsvollen Erklärungsnöten sehen, begründet sich nicht allein mit der seltsamen Kombination von digitaler Innovation und rousseauscher Anmutung. Die Verachtung der repräsentativen Bestandteile der Demokratie, die darin mitschwingt, hat auch mit dem theoretischen Grund zu tun, dem die Liquid Democracy entwachsen ist, einem Grund, der von dieser Linken jahrzehntelang als eigener gehegt wurde. Sie ist unschwer als eine digitale Übersetzung des Habermasschen Konzeptes der deliberativen Demokratie zu lesen, einer Übersetzung freilich, welche die jener innewohnende Reflexion auf ein überschaubares Setting an Codes eindampft. Mehr als ein Jahrzehnt bevor die Schwarmintelligenz Einzug in die politische Arena hielt, sprach dieser in seinem Buch &#132;Faktizität und Geltung&#148; (1992) bereits von &#132;der höherstufigen Intersubjektivität von Verständigungsprozessen, die sich über demokratische Verfahren oder im Kommunikationsnetz politischer Öffentlichkeiten vollziehen. Diese subjektlosen Kommunikationen, innerhalb und außerhalb des parlamentarischen Komplexes und ihrer auf Beschlussfassung programmierten Körperschaften, bilden Arenen, in denen eine mehr oder weniger rationale Meinungs- und Willensbildung über gesamtgesellschaftlich relevante und regelungsbedürftige Materien stattfinden kann.&#148; Für Habermas war dieser Kommunikationsfluss die Gewährleistung, dass &#132;kommunikativ erzeugte Macht über die Gesetzgebung in administrativ verwendbare Macht umgeformt&#148; wird. Was seinerzeit zum Markenkern der politische Philosophie von SPD und Grünen avancierte, haben nun die Piraten digitalisiert und ohne Urheberverweis als Alleinstellungsmerkmal für sich reklamiert.</p>
<p>Doch ihre Internetvariante der Demokratie ist nicht unproblematisch, denn die &#132;Liquide Democracy&#148; reduziert die für jene substanzielle Kategorie des Volkes zu Access. Dieser ist materiell und intellektuell voraussetzungsvoll, auch die Piratengemeinde ist ein sozial exklusiver Club. Zudem genügen die Verfahren der &#132;Liquid Democracy&#148; nicht den Standards, welche das Bundesverfassungsgericht für die elementaren demokratischen Prinzipien der freien, gleichen und geheimen Wahl einfordert, auch der Chaos Computer Club bescheinigt dem E-Voting ein gerüttelt Maß an Manipulationsanfälligkeit.</p>
<p>Das wird von den Piraten zu Widrigkeiten des Mediums eingedampft, die technisch nicht bewältigt, deren Bewältigung aber als potenziell machbar betrachtet werden. Wie immer die technische Lösung aussehen wird, damit ist aber noch nicht unter Beweis gestellt, dass ein solcherart gestalteter Prozess den Rahmen einer horizontalen Kommunikation in einer überschaubaren Gruppe überschreiten und sich zu einem vertikalen Verfahren der Willensbildung in einer Massendemokratie entwickeln kann. Nicht umsonst gelten derzeit die erbittertsten Auseinandersetzungen der Piraten Fragen der politisch-organisatorischen Hierarchie.</p>
<p>Es darf bereits bezweifelt werden, dass die gegebenen digitalen Kommunikationsformen jenen Kriterien genügen, die Habermas an eine vernünftige Lösungen generierende ideale Kommunikation angelegt hat. Zudem müsste sich diese &#132;Liquid Democracy&#148; an der Maxime des italienischen Politikwissenschaftlers Giovanni Satori messen lassen, wonach &#132;Demokratie zwar komplizierter als jede andere politische Form (ist), doch paradoxerweise (&#8230;) nicht fortbestehen (kann), wenn ihre Grundsätze und Mechanismen den geistigen Horizont des Durchschnittsbürgers übersteigen.&#148; Bislang darf bezweifelt werden, dass Adhocracy und Proxy-Strukturen mit alle ihren Problemen und Phänomenen wie Cloaks, Flamewars und Trollen viel mehr Menschen als den Mit-gliedern einer Crew oder eines Squads der Piraten vertraut sind und selbst unter diesen kann man eine ungleiche Verteilung des technologischen (Herrschafts-)Wissens vermuten.</p>
<p>Zu diesem Mangel gesellt sich ein weiterer unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten nicht unwesentlichen Aspekt des eigenen Mediums. Das Internet ist gleichzeitig eine fluide wie ökonomisch vermachtete Größe. Auch die kommunikativen Strukturen der Piraten bewegen sich in diesem Spannungsfeld und eine Weiterung der Liquide Democracy über ein verbandsinternes Abstimmungsverfahren hinaus auf das reale Volk ist, sofern sie nicht modellhaft gedacht wird, ohne Nutzung der das Medium charakterisierenden ökonomisch vermachteten Strukturen kaum vorstellbar. Man muss dabei noch nicht einmal an das ausgedehnte Sponsoring des Internet-Moloch Google denken, dessen sich viele webaffine Institutionen und Vereine im Umfeld der Piraten erfreuen. Diese Doppelgesichtigkeit haftet bereits den von den Piraten favorisierten kommunikativen Wegen wie Facebook, Twitter et, al. an und es braucht nicht viel, um sich &#132;follower&#148; und &#132;friend&#148; mit all ihren Beeinflussungsmöglichkeiten als zeitgemäß-virtuelle Fassung des strammen Parteimitgliedes klassischer Prägung vorzustellen. Zumindest zeichnet sich im Weichbild der sich dynamisch entwickelnden Partei bereit ein Kern von Machern ab, denen das Internet nicht nur Medium der Willensbildung, sondern auch Quelle des Einkommens ist, was spätestens dann von Belang sein wird, wenn die ökonomischen Potenziale des Intemets und deren Regulierung Gegenstand von Parteibeschlüssen sein werden.</p>
<p>Ist die von den Piraten propagierte digitale Deliberation unter demokratischen Gesichtspunkten bereits von einer solchen Unzulänglichkeit, das sie sich kaum als zeitgemäße Fassung von Abraham Lincolns Kategorie des governement &#132;by the people&#148; übersetzen lässt, so bleibt erst recht unklar, was &#132;for the people&#148; rauskommt. Die von der früheren Geschäftsführerin Weisband propagierte &#132;Politik der Information&#148; ist mitnichten das übergeordnete Thema, das nur mit dem &#132;Motiv von Freiheit&#148; unterlegt werden muss, um für alle Bereiche programmatische Antworten geben zu können. Bereits der Begriff der Freiheit weist eine Definitionsbreite auf, die mindestens mit dem parlamentarischen Spektrum identisch ist, doch liegen zwischen der Freiheit der FDP und derjenigen der Linken Welten. Und Information kann zwar auch Werte übertragen, ist aber kein Ersatz für die normative Selbst-Bestimmung einer Partei, aus der sich erst die Haltung in einem konkreten Politikfeld ableiten ließe.</p>
<p>Ob &#132;Information&#148; und &#132;Freiheit&#148; die Piraten in der Wirtschaftspolitik eher zu Friedman oder Keynes tendieren lassen, ist ebenso offen, wie die Haltung zur Veränderung der Einkommenssteuer oder zum Euro. Auch die Anhängerschaft weist eine breite Palette von Positionen auf, dafür spricht schon ihre Herkunft aus allen Bereichen des<br />Parteienspektrums.</p>
<p>Bislang werden das Fehlen politischer Kenntnisse und der erkennbare Mangel an Positionierung mit dem anti-institutionellen Fluidum des Neueinsteigers mehr schlecht als recht kaschiert, doch es wird zunehmend erkennbar, dass das Set programmatischer Gemeinsamkeiten der Piraten schnell aufgebraucht ist, sobald sie sich an die Arbeit der Konkretion machen. Dann zeigt sich, dass zwischen Netz und Norm ein kategorialer Unterschied besteht.</p>
<p>Solange der eigene politische Grund so schwammig ist, dürfte auch fraglich sein, ob es je ein Piraten-Gouvernment &#132;of the people&#148; geben wird. Der Begriff der Output-Legitimation der die Rückbindung politischer Entscheidungen durch ihre Wirkung auf das Wahlvolk als eine wesentliche Legitimationsressource fasst, ist der Internet-Demokratie bislang konzeptionell fremd. Regierungsbereitschaft wird zwar vollmundig (von allen?) bekundet, Regierungsfähigkeit aber weder programmatisch noch personell unter Beweis gestellt. Es fehlen rudimentäre Kenntnisse der Politik, was habituell mit einem bisweilen populistischen anti-instituionellen Duktus mehr schlecht als recht kaschiert wird. Und in der politischen Substanz gehen sie, selbst im Kernbereich ihres Selbstverständnisses, dem Internet, kaum über das hinaus, was z. B. die Grünen an regierungsfähigen Vorlagen bereits beschlossen haben.</p>
<p>Wenn die Piraten trotz all dieser Unzulänglichkeiten und trotz der zur Schau gestellten selbstbezüglichen Streitkultur, nach wie vor für viele noch attraktiv sind, dass sie als parlamentarische Kraft gehandelt werden, dann kann dies allerdings nicht allein mit ihrem juvenilen Habitus erklärt werden. Auch der allgemeine Überdruss am etablierten Parteienbetrieb, der nun von Wahlforschern angeführt wird, liefert noch keinen hinreichende Begründung für einen Zulauf, der in seiner Vehemenz und Konstanz ohne Beispiel ist, lässt die Erklärung der Wahlforscher doch die Frage unbeantwortet, warum er sich nicht in anderen, z. B. populistischen Formationen entladen hat. Was die Piraten auszeichnet ist die spezifische Verknüpfung des rasanten ökonomisch-kulturellen Fortschritts des Internets mit einem umfassenden basisdemokratischen Gestaltungsanspruch. Die Piraten sind die Protagonisten eines nachholenden sozialen Wandels, die angetreten sind, den digital-technischen Möglichkeitsraum partizipativ und emanzipativ zu füllen. Sie sind dabei getragen von dem gleichen Gefühl, die Geschichte auf ihrer Seite zu haben, dass zuletzt vor dreißig Jahren die Grünen beflügelte. Bei aller Unterschiedlichkeit in der politischen Positionierung, die bislang fraglich sein lässt, ob es sich bei den Piraten um eine Partei des linken Spektrums handelt, liegt darin die spezifische Verbindungslinie zwischen diesen Beiden.</p>
<p>Dass die Offenheit der Teilhabe ein schlagkräftiges Instrument sein kann, haben die Piraten bewiesen, als sie erfolgreich gegen Ursula von der Leyens Internetsperren rebellierten. Hinter dem Banner &#132;Klarmachen zum Ändern&#148; sammeln sich seitdem jene meist jugendlichen Wähler, denen das ironische Bekenntnis zur eigenen Unfertigkeit die passende Antwort auf einen Politikbetrieb gibt, dessen intransparente Routine kaum mehr mit den proklamierten Ansprüchen in Deckung gebracht werden kann.</p>
<p>Zwar erfordert ihr Konzept einiges an materiellen und intellektuellen Ressourcen, doch politisch ist es voraussetzungslos. Es propagiert eine individuell bestimmbare, gleichberechtigte Teilhabe an einem herrschaftsfreien Verfahren der Willensbildung und hebt sich damit ab von den weitaus verbindlicheren, mehr Bekenntnis fordernden und in ihren Strukturen tradierteren Gemeinschaftsformen und Entscheidungsverfahren der Parteien.</p>
<p>Vor allem hebt es sich ab von einem Politikmodell des Reformzwanges, der permanenten Systemanpassung, das für Phasen des drohenden sozialen Wandels, wie wir sie vor allem in den Null-Jahren erlebt haben, typisch ist. Es waren Jahre einer sozialdemokratischen Politik durch Führung, Jahre der wirtschaftsaffinen Elite und eines auswalzenden Elitediskurses und nichts verdeutlicht den Vorzeichenwechsel mehr, als das niveaulose Abtauchen dieser Elite in der selbstverursachten Krise und das gleichzeitige Hervortreten einer geradezu gesichtslosen, hierarchieaversen Formation wie die Piraten von der Hinterbühne der Macht. Als der Soziologe Heinz Bude vor zehn Jahren einen solchen Paradigmenwechsel mit einer neuen &#132;Generation Berlin&#148; antizipierte, verband er ihn &#151; ohne das Internet oder gar die Piraten auf dem Radar zu haben &#151; mit einer Haltung, welche diese nun mit Erfolg als ihre eigene stilisieren: &#132;Es kommt weniger darauf an, das Ganze zu erfassen, sondern irgendwo anzufangen. Die Definition eines Ausgangspunktes ist etwas ganz anderes als die Entscheidung im Ausnahmezustand. Denn Definition ist nicht Schöpfung, sondern Durchsetzung einer neuen Kombination.&#148; Irgendwie anfangen, definieren, ohne das Ganze zu erfassen, besser lässt sich die derzeitige Piraterie nicht auf den Begriff bringen.</p>
<p>So wie innerhalb einer Gesellschaft Sektoren sozialer Erstarrung mit solchen sozioökonomischer Dynamik koexistieren, so wie zwischen Langzeitarbeitslosen in Anklam und Nerds in Neukölln Welten klaffen, so gehört es zu dieser neuen Unübersichtlichkeit, dass Politik mit beiden Formen des sozialen Wandels gleichzeitig konfrontiert ist, sich ihr Gestaltungsanspruch folglich auch auf die Bewältigung beider erstrecken muss. An dieser äußeren Anforderung versagen die Piraten bislang, sie gestalten allenfalls nach der restriktiven Maßgabe ihrer inneren Verfasstheit und verharren im attraktiven Modus der Systemkritik. Für diese bietet allerdings der etablierte Politikbetrieb den optimalen Resonanzkörper. Denn sie rühren damit in einer offenen Wunde der Parteien, vornehmlich des linken Spektrums, die nur allzu bereitwillig in das Lamento über die postdemokratischen Sachzwänge und sklerotischen Verformungen des parlamentarischen Systems einstimmen, das sie selbst repräsentieren, und dabei noch nicht einmal merken, dass sie mit dieser Schizophrenie ein wesentlicher Teil zum allgemeinen Überdruss beitragen, der die Piraten hervorgebracht hat.</p>
<p>Die eingefahrene Selbstblockade eines politisches Betriebes, welcher zu jeder Selbst-Reform gleich deren passendes Unmöglichkeitstheorem mitliefert, wird auch nicht dadurch kuriert, dass nun im trauten Gleichklang mit den Piraten, allerlei direkt-demokratische Bypässe gelegt werden. Denn die Forderung nach mehr Transparenz und Partizipation ist Ausdruck geschwundenen System-Vertrauens, sie schafft deshalb aber noch lang kein neues, sondern allenfalls partiell bessere Kontrollmöglichkeiten. Sie ist Ausdruck eines antiinstitutionelles Effektes Sie dürfte zudem Willensbildungsprozessen, die immer auf eine Entscheidung, mithin auf Mehrheits- und Kompromissfähigkeit hin orientiert sind, nicht immer zuträglich sein.</p>
<p>Das spüren auch die Piraten bereits in dem Maße, in dem mit der Zahl ihrer Mitglieder und der Einbindung in die verschiedenen Parlamente, der Zwang zur inneren Abstimmung, zur Koordinierung und Priorisierung steigt. Und es gehört nicht viel prognostische Fähigkeit zu dem Ausblick, dass sie, sofern sie aus ihrer augenblicklichen Lernkurve den richtigen Weg finden, ihre Verfahren dem Politikbetrieb, in dem sie sich etablieren, anpassen werden. Und es spricht leider viel für den erfahrungsgesättigten Pessimismus, dass auch sie an dessen vermachteten Strukturen wenig ändern werden.</p>
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		<title>Die Piraten-Wiedergeburt der Sozialliberalismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorg&#228;nge 200 ( Heft 4/2012), S.43-53 &#8222;Guten Morgen. Die deutsche Politik hat das Internet verschlafen &#8211; bis jetzt&#8221; titelte im September 2007 das Fachmagazin &#8222;politik &#38; kommunikation&#8221; (p&#38;k 2007: 12&#8211;28) und ver&#246;ffentlichte eine umfangreiche Recherche zur Internet-Repr&#228;sentanz von deutschen Politikern. In die Bewertung eingeflossen waren Kriterien, wie Informationsgehalt, Interaktivit&#228;t und Kreativit&#228;t der Internet-Auftritte. Positiv [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorg&auml;nge 200 ( Heft 4/2012), S.43-53</p>
<p><i>&#8222;Guten Morgen. Die deutsche Politik hat das Internet verschlafen &#8211; bis jetzt</i>&#8221; titelte im September 2007 das Fachmagazin &#8222;politik &amp; kommunikation&#8221; (p&amp;k 2007: 12&#8211;28) und ver&ouml;ffentlichte eine umfangreiche Recherche zur Internet-Repr&auml;sentanz von deutschen Politikern. In die Bewertung eingeflossen waren Kriterien, wie Informationsgehalt, Interaktivit&auml;t und Kreativit&auml;t der Internet-Auftritte. Positiv bewertet wurde z. B. ob Politiker ihre Nebeneink&uuml;nfte auf den Webseiten offen legten. Dies taten damals immerhin schon 14 Prozent aller Abgeordneten.</p>
<p>Zwischenzeitlich hat das Internet die politische Kommunikation in Deutschland ver&auml;ndert, ist selbst zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung geworden und wirbelte mit der Entstehung der Piraten-Partei als einer origin&auml;ren Vertreterin der Netzpolitik auch das deutsche Parteiensystem durcheinander. Wer sich dem Zusammenhang zwischen Politik, Demokratie und Internet in Deutschland widmen m&ouml;chte, muss also verschiedene Ebenen in den Blick nehmen.</p>
<h5>Kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tion &amp; Parti&shy;zi&shy;pa&shy;tion</h5>
<p>Das Internet hat die M&ouml;glichkeiten der Kommunikation, Information und Partizipation revolutioniert. Es erm&ouml;glicht die entfernungsunabh&auml;ngige Nutzung, ist preisg&uuml;nstig und leicht bedienbar. Suchmaschinen bieten Orientierung und im Unterschied zur herk&ouml;mmlichen One-to-many-Kommunikation bietet das Internet die Chance f&uuml;r jedermann, Informationen f&uuml;r einen theoretisch unbegrenzten Nutzerkreis einzuspeisen. (Grunwald et a12006; 11)</p>
<p>Kann aus diesen M&ouml;glichkeiten bereits auf eine verbesserte Partizipation geschlossen werden? Der amerikanische Politikwissenschaftler Anthony G. Wilhelm fragte: (.,.)<br /><i>&#8222;will the Internet bring people into the process who haue been an the margins ofpolitical engagement?&#8220;</i>Die bislang vorliegenden Untersuchungen sprechen bislang eher daf&uuml;r, anzunehmen, dass die Effekte des Internets eine w&uuml;nschenswerte und unverzichtbare Erg&auml;nzung deliberativer Demokratie darstellen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.</p>
<p>Nach neuesten Zahlen, ver&ouml;ffentlicht von der Internetseite statistica.com, stieg die Zahl der deutschen Internet-Nutzer von 37 Prozent der &uuml;ber 14-J&auml;hrigen im Jahre 2001 auf einen Anteil von 75,6 Prozent im laufenden Jahr. Die absolute Mehrheit dieser Personen nutzte das Internet f&uuml;r die Information &uuml;ber aktuelle politische Nachrichten, wobei laut Allensbach- Institut jeweils ein Drittel angibt, dies selten, gelegentlich bzw. h&auml;ufig zu tun.</p>
<p>Politische Information ist freilich noch keine politische Beteiligung. Eine empirische L&auml;ngsschnitt-Studie zeigt, dass diejenigen, die neu ins Internet gehen, die herk&ouml;mmlichen Formen politischer Kommunikation genauso intensiv wie vorher nutzen und das Internet komplement&auml;r f&uuml;r politische Zwecke einsetzen (Emmer/Vowe 2004: 191). Genutzt werden dazu insbesondere E-mails und Chat-Funktionen und diejenigen Beteiligungsangebote, die in der Kosten-Nutzen-Relation den h&ouml;chsten Effekt erzielen. Dazu d&uuml;rften z. B. Online-Petitionen geh&ouml;ren, die zwischenzeitlich zu einem akzeptierten und standardisierten Instrument im Deutschen Bundestag geworden sind. <i>&#8222;Im Internet werden bevorzugt diejenigen Formen der Kommunikation auch f&uuml;r politische Zwecke herangezogen, die leicht erlernbar und unkompliziert einzusetzen sind und die generell am meisten genutzt werden. (&#8230;) Tats&auml;chlich , neue ` Formen politischer Kommunikation, die gr&ouml;&szlig;ere Kompetenz und hohen Aufwand erfordern, finden sich nicht im Repertoire des, einfachen Surfers&#8216;. &#8220; </i>(EmmerNowe 2004: 208)</p>
<p>Die Autoren der Studie nehmen deshalb an, dass die politische Online-Kommunikation herk&ouml;mmlichen Mustern folgt: Je intensiver Personen aktuelle Medienangebote nutzen, desto intensiver unterhalten sie sich auch mit anderen &uuml;ber Politik, desto st&auml;rker ist ihre Einfluss&uuml;berzeugung, desto intensiver nehmen sie M&ouml;glichkeiten der politischen Teilhabe wahr und desto intensiver nutzen sie wiederum die aktuellen politischen Medienangebote &#8211; der klassischen und der neuen Medien (Emmer/Vowe 2004: 209).</p>
<p>Diese Annahme vertritt auch eine Studie im Auftrag des Deutschen Bundestages: &#8222;Ohne dass die massenmediale &Ouml;ffentlichkeit an Bedeutung verlieren w&uuml;rde, wird eine Reihe von politischen Prozessen im Internet stattfinden.&#8221; (Grunwald et a12006: S. 19) Dazu z&auml;hlen politische Information, Meinungsbildung und Deliberation, Agena Setting, Organisation und Mobilisierung. F&uuml;r die Autoren der Studie stehen deshalb die Herausforderungen im Vordergrund, die sich daraus ergeben, dass die Anspr&uuml;che politisch interessierter und gut informierter B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger hinsichtlich des Zugangs zu politischen Informationen, der Transparenz politischer Prozesse und auch der Teilhabe an der Entscheidungsfindung &uuml;ber das Netz wachsen werden (vgl. Grunwald et a12006: ebd.) Zwei Handlungsfelder sollen hier herausgehoben werden:</p>
<ul>
<li>Digital Divide&#8216;: Verstanden wird darunter die Gew&auml;hrleistung eines Netzzugangs f&uuml;r solche Gruppen, die aus &ouml;konomischen oder sozialen Gr&uuml;nden bisher vom Internet ausgeschlossen sind. Ein solcher Zugang muss nicht nur technisch erm&ouml;glicht, sondern die Nutzung des Netzes auch soziokulturell erlernt werden.</li>
<li>&nbsp;Das Internet kann eine Chance f&uuml;r diejenigen Akteure sein, die in der massenmedialen &Ouml;ffentlichkeit h&auml;ufig ignoriert werden. Diese Chance der Wahrnehmung ist jedoch auch im Internet nicht demokratisch verteilt.Kommerzialisierung und Massenmedialisierung der Netz&ouml;ffentlichkeit stehen dem ebenso entgegen, wie die Herausbildung von&nbsp; TeiI&ouml;ffentlichkeiten. Es bedarf demnach, wie Grunwald et al feststellen, &#8222;nicht nur technischer, sondern auch soziokultureller Innovationen, um einen kulturellen Wandel im Sinne von neuen individuellen wie kollektiven Kommunikations- und Handlungsmustern herbeizuf&uuml;hren. Die wesentlichen sozialen und kulturellen Wirkungszusammenh&auml;nge des Internets r&uuml;hren weniger von seinen technischen Eigenschaften her, als davon, dass Menschen es zu einem allt&auml;glichen sozialen Interaktionsraum machen, es gleichsam ,erobern` und sich aneignen, wodurch neue gesellschaftliche Kommunikations- und Handlungsmuster entstehen&#8221;. (Grundwald et a12006; 11f.)</li>
</ul>
<p>Diese Aussage beschreibt prononciert die Motivation des Deutschen Bundestages, der im Jahre 2010 eine interfraktionelle Enquete-Kommission &#8222;Internet und digitale Gesellschaft&#8221; einsetzte und deren Arbeit im Sommer dieses Jahres verl&auml;ngerte. Sie ist derzeit das einzige parlamentarische Gremium weltweit, dass sich in dieser Intensit&auml;t und gro&szlig;en thematischen Spannbreite mit der Digitalisierung der Gesellschaft besch&auml;ftigt. In zw&ouml;lf Projektgruppen beraten je 17 Abgeordnete und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie haben bisher Zwischenberichte zu den Themen &#8222;Netzneutralit&auml;t&#8221;, &#8222;Medienkompetenz&#8221; sowie &#8222;Urheberrecht&#8221; und &#8222;Datenschutz&#8221; vorgelegt.</p>
<p>Die Enquete-Kommission arbeitet als erstes parlamentarisches Gremium in Deutschland mit dem B&uuml;rgerbeteiligungsmodell ,adhocracy`. Rund ein Jahr nach Gr&uuml;ndung der Kommission hatten sich mehr als 1.800 Nutzer registriert, 300 Vorschl&auml;ge unterbreitet und &uuml;ber 2.000 Kommentare sowie 11.000 Bewertungen abgegeben. (Rutz 2011) Dies ist nicht wenig und doch nicht so viel, wie urspr&uuml;nglich erwartet wurde. Eine gesonderte Auswertung des Adhocracy-Portals d&uuml;rfte wichtige Erkenntnisse dar&uuml;ber Iiefern, wie k&uuml;nftig eine digitale B&uuml;rgerbeteiligung an parlamentarischer Arbeit ohne hohe Barrieren aussehen muss.</p>
<p>Dass die Kommission ihre Ergebnisse, anders als urspr&uuml;nglich vorgesehen, nicht nach zwei Jahren Beratung vorlegen konnte, liegt einerseits am thematischen Umfang, andererseits aber an Querelen in der Kommission selbst. Parteipolitische Interessen der konservativ-liberalen Regierungsmehrheit blockierten lange Zeit eine wirklich fruchtbringende Debatte. Ein Abgeordneter der Liberalen, dem Juniorpartner in der Bundesregierung, formulierte dies deutlich: <i>&#8222;Ich bedaure es, dass die Tagespolitik immer wieder &uuml;berwiegt, und wir uns so teilweise vom Grundauftrag entfernen. &#8222;(</i>Zschunke 2011) Dem stimmte auch die Abgeordnete der LINKEN zu, die immerhin positiv vermerkte: <i>&#8222;Manchmal ist zugespitzter Widerspruch besser als Kompromiss um jeden Preis. &#8222;</i> (Lueke 2012). Die Kommission hat jetzt noch bis zum Jahresende Zeit, ihre Beratungen abzuschlie&szlig;en, damit sich der Bundestag dann mit den Ergebnissen auseinandersetzen kann.</p>
<p>Zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung wurde das Internet in Deutschland im Zusammenhang zum einen mit vorgesehenen Ma&szlig;nahmen der damaligen konservativen Jugendministerin, Ursula von der Leyen, umfangreiche Sperren im Internet zu verf&uuml;gen sowie im Streit um das Urheberrecht. Verlief die Trennlinie in der Frage der Netzsperren zwischen dem konservativliberalen und dem progressiven Lager, ist die Auseinandersetzung dar&uuml;ber, wie k&uuml;nftig mit dem Urheberrecht umgegangen werden soll, mindestens verworren und gesellschaftspolitisch nicht genau zuzuordnen. Fest steht nur, dass die Anh&auml;nger eines v&ouml;lligen Verzichts auf das bisherige Urheberrecht und die Verteidiger dessen sich so unvers&ouml;hnlich gegen&uuml;ber stehen, dass zwischenzeitlich schon um ,Abr&uuml;stung` in der Debatte gebeten wird (vgl, heise.de).</p>
<p>Aus linker Perspektive geht es bei dieser Debatte nicht zuletzt um das Spannungsverh&auml;ltnis zwischen zwei gleichrangigen Forderungen: Einerseits dem freien Zugang zu Informationen und dessen Nutzungsm&ouml;glichkeiten sowie andererseits dem Anspruch der Urheber, von den Fr&uuml;chten ihrer Arbeit auch leben zu k&ouml;nnen. Gerade angesichts einer zunehmenden Prekarisierung von Akademikern und Kulturschaffenden, gepr&auml;gt durch schlecht finanzierte Projektt&auml;tigkeiten ohne l&auml;ngerfristige Perspektiven ist dies schon lange kein Randthema der politischen Debatte mehr.</p>
<h5>Die Piraten&shy;-&shy;Par&shy;tei: Politischer Ausdruck der digitalen Revolution</h5>
<p>Die Auseinandersetzung um Zensur im Internet beg&uuml;nstigte den Aufstieg des Newcomers im bundesdeutschen Parteiensystem: Der Piraten-Partei. Sie sind der Aufsteiger des bundesdeutschen Parteiensystems schlechthin und lie&szlig;en in den vergangenen Monaten alle anderen Parteien alt aussehen. Binnen weniger Monate zogen sie in vier Landtage in Folge ein. Erreichte die Partei bei ihrem ersten Wahlantritt im Januar 2008 in Hessen 0,3 Prozent, meinten im April 2012 im DeutschlandTREND von Infratest dimap rund 50 Prozent der Befragten, es sei gut, wenn die Piraten nach der Bundestagswahl 2013 im Bundestag vertreten w&auml;ren. Den Wiedereinzug der FDP in das h&ouml;chste deutsche Parlament bef&uuml;rworteten in der gleichen Umfrage nur 36 Prozent der Befragten. Wer anfangs glaubte, der Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus sei die logische Artikulation der &#8222;creative people&#8221; und die Piratenpartei somit eine gro&szlig;st&auml;dtische Milieupartei, sah sich bei den Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen eines Besseren belehrt. Die Piraten k&ouml;nnen in gleichem Ma&szlig;e im l&auml;ndlichen Raum S&uuml;dwestdeutschlands oder zwischen Nord- und Ostsee gewinnen, wie auch in Nordrhein-Westfalen, das hinsichtlich der sozialr&auml;umlichen und w&auml;hlerbezogenen Strukturen gemeinhin als &#8222;Kleine Bundesrepublik&#8221; bezeichnet wird. Gerade beim Land-tag NRW, den die Piraten quasi im Handstreich enterten, handelt es sich nicht um irgendein Landesparlament, sondern dasjenige, das f&uuml;r neue Parteien traditionell schwer zu erst&uuml;rmen war. Selbst wenn in Rechnung gestellt wird, dass die Einf&uuml;hrung des Zweistimmensystems die Chancen kleiner Parteien bei Landtagswahlen in NRW verbessert hat, ist ein Ergebnis von 8 Prozent im bev&ouml;lkerungsreichsten Bundesland keine Selbstverst&auml;ndlichkeit und gerade deshalb die wohl beste Ausgangsplattform der Piraten, um sich auch im Bundestag zu verankern.</p>
<p>Gleichwohl bleiben die Piraten ein schillerndes neues Ph&auml;nomen in der deutschen Parteienlandschaft und sind daher als Projektionsfl&auml;che f&uuml;r vielerlei Motive geeignet. Eine Vielzahl von Publikationen, die in der j&uuml;ngeren Vergangenheit erschienen sind bzw. seitens der Verlage angek&uuml;ndigt[1] werden, zeugen vom verbreiteten Interesse, dieses Ph&auml;nomen zu ergr&uuml;nden.&#8216; Anders als die PDS 1990, die WASG 2005 oder DIE LINKE 2007 entwickelten sich die Piraten nicht durch Transformation einer bereits bestehenden Partei, durch Abspaltung oder Fusion, sondern g&auml;nzlich neu und mit dem Ziel, eine bestehende Repr&auml;sentationsl&uuml;cke im Parteiensystem (Zolleis/Prokopf/Strauch 2010: 7) auszuf&uuml;llen.</p>
<p>Der Aufstieg der Piratenpartei erinnert insoweit an den Aufstieg der Gr&uuml;nen Ende der 1970er Jahre. Besetzten diese von den anderen Parteien vernachl&auml;ssigte Themenfelder wie Umweltschutz und Frauen- bzw. Gleichstellungspolitik, repr&auml;sentieren die Piraten in Folge der &#8222;digitalen Revolution&#8221; neu entstandene Themen wie Netzpolitik, Informationsfreiheit und Partizipation mit den Mitteln der digitalen Kommunikation.</p>
<p>Um langfristig erfolgreich zu sein, reicht es freilich nicht, als erster am Thementisch zu sitzen. Denn Themen suchen sich ihre Parteien und erfahrungsgem&auml;&szlig; reagiert das Parteiensystem mittelfristig auf thematische Ver&auml;nderungen. Durch eine geschickte Positionierung werden verschiedene gesellschaftliche Konfliktlinien kombiniert, um Machtchancen zu verbessern. Dass zwischenzeitlich die Mehrheit der Umweltminister/-innen in Bund und L&auml;ndern von CSU bis LINKEN gestellt wird, hat den Gr&uuml;nen nicht geschadet, sondern verweist auf weitere Bestimmungsmomente f&uuml;r parteipolitische Durchsetzungsf&auml;higkeit.</p>
<p>Der Etablierung der Gr&uuml;nen lag die Herausbildung der damals neuen &#8222;postmaterialistischen&#8221; gesellschaftlichen Konfliktlinie (&#8222;Cleavage&#8220;), zugrunde. Charakteristisch an dem neuen Cleavage war, dass es weniger durch sozialstrukturelle als vielmehr Einstellungs- und Lebensstilmerkmale gepr&auml;gt wurde und in Form des Umweltthemas, aus dem sich der Gegensatz Materialismus-Postmaterialismus speiste, quer zu den bestehenden kulturellen und &ouml;konomischen Konfliktlinien lag. (Decker 2011: 82) Ein Grund daf&uuml;r, warum die Gr&uuml;nen anfangs auf der links-rechts-Skala &#8212; ebenso wie die Piraten heute &#8212; nicht eindeutig zu verorten waren.</p>
<p>Vieles spricht daf&uuml;r, dass sich in der deutschen W&auml;hlerschaft ein durch die digitale Revolution gepr&auml;gtes Elektorat herausgebildet hat, mit einer eigenen Lebenswelt, das in der Piratenpartei seinen parteif&ouml;rmigen Ausdruck sucht, da das herk&ouml;mmliche Parteienspektrum dieses Milieu nur unzureichend oder gar nicht zu erfassen in der Lage ist. Wie gezeigt werden wird, ist die Tatsache, dass die Piraten in dieser Konstellation eine &#8222;Single-Issue-Party&#8221; darstellen, keineswegs ein Manko, sondern vielmehr Teil ihrer Authentizit&auml;t. Sie geben freim&uuml;tig zu, dass sie zu vielen Themen keine Meinung oder mehrere haben und pr&auml;sentieren Entscheidungs- und Programmfindungsprozesse als &#8222;Open-Source-Demokratie&#8221;, die durch Schwarmintelligenz fortentwickelt wird.</p>
<h5>Milieus und Pr&auml;ferenzen der Piraten</h5>
<p>In der bereits vor zwei Jahren und insoweit vergleichsweise fr&uuml;h bei der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) erschienenen und schon deshalb verdienstvollen Studie &#8222;Die Piratenpartei. Hype oder Herausforderung f&uuml;r die deutsche Parteienlandschaft?&#8221; ordnen die Autoren die W&auml;hlerschaft der Piraten sozialen Milieus unter R&uuml;ckgriff auf die Arbeiten des Heidelberger Sinus-Instituts zu. Die &raquo;Landkarte&laquo; der Sinus-Milieus besteht aus einer Neun-Felder-Tafel, deren vertikale Achse die drei sozialen Lagen: &#8222;Unterschicht/Untere Mittelschicht&#8221;, &#8222;mittlere Mittelschicht&#8221;, &#8222;obere Mittelschicht/Oberschicht&#8221; beinhaltet und die horizontale Achse Grundorientierungen: &#8222;traditionelle Werte&#8221;, &#8222;Modernisierung&#8221;, &#8222;Neuorientierung&#8221;. Auf dieser Karte finden sich zehn Milieus, von denen die HSS-Autoren bei den drei auf der Linie der &#8222;Neuorientierung (Multi-Optionalit&auml;t, Experimentierfreude, Leben in Paradoxien)&#8221; liegenden Milieus (&#8222;Moderne Performer&#8220;, &#8222;Experimentalisten&#8221;, &#8222;Hedonisten&#8221;) sowie dem von der Linie der ,Modemisierung&#8220; in die ,Neuorientierung&#8220; reichenden Milieu der ,Postmaterialisten&#8220;, &Uuml;bereinstimmungen mit der Piratenw&auml;hlerschaft finden (Zolleis/ProkopflStrauch 2010: 26).</p>
<p>Bevor dies genauer ausgef&uuml;hrt wird, soll daran erinnert werden, dass soziale Milieus eine Beschreibung der in gewisser Hinsicht &#8222;k&uuml;nstlich&#8221; abgegrenzten und benannten Gruppen Gleichgesinnter darstellen, die im Zeitverlauf nicht stabil bleiben, sondern wachsen, schrumpfen, sich teilen, absterben oder neu entstehen (Neugebauer 2007: 17). Gleichwohl werden die 2010 ver&ouml;ffentlichten Annahmen zur Piraten-W&auml;hlerschaft best&auml;tigt durch die sozio-strukturellen Erkenntnisse der Wahlstatistik aus den vier j&uuml;ngsten Wahlk&auml;mpfen, bei denen die Piraten in Landtage einzogen. Sie sind in der im Anhang abgebildeten Tabelle ausgewiesen.</p>
<p>Die HSS-Autoren sehen eine mittelstarke &Uuml;bereinstimmung mit den Postmaterialisten insofern, als die Piraten sich als &#8222;kultureller Vorreiter f&uuml;r die Verf&uuml;gbarkeit von Wissen und kulturellen G&uuml;tern&#8221; verstehen und somit &#8222;Freizeitinteressen und Sozialstruktur (Kreative, Intellektuelie, Jugendliche, Studierende) dieses Milieus&#8221; abdeckt(Zolleis/Prokopf/Strauch 2010: ebd.). Mit dem von der mittleren Mittelschicht bis zur Oberschicht reichenden Milieu der Modernen Performer weisen die Piraten im Hinblick auf hohen Bildungsgrad, den Anteil von Studierenden und Selbst&auml;ndigen und dem hohen Anteil an den unter 30 j&auml;hrigen Deckung auf. F&uuml;r dieses Milieu ist die Nutzung moderner Kommunikationsmittel selbstverst&auml;ndlicher Bestandteil des Alltags. Sie selbst verstehen sich laut HSS-Studie als &#8222;unkonventionelle, technologische und kulturelle Elite&#8221;, die Reglementierung im privaten und privaten Raum tendenziell ablehnend gegen&uuml;ber steht (ZolleislProkopf/Strauch 2010: 27).</p>
<p>Die dritte Gruppe, die Hedonisten, ist hinsichtlich ihrer sozialen Lage zum &uuml;berwiegenden Teile der Unterschicht/unteren Mittelschicht zugeordnet. In der Grundorientierung teilt sich diese Gruppe fast h&auml;lftig in Modernisierung und Neuorientierung. Zu den hedonistischen Milieus z&auml;hlen auch die Experimentalisten, worunter eine stark individualistische neue Boheme zu verstehen ist, die hinsichtlich ihrer sozialen Lage zur mittleren Mittelschicht zu z&auml;hlen ist. In beiden Milieus k&ouml;nnen sich die kreativen, kulturellen Vorreiter von den Piraten angesprochen f&uuml;hlen, wobei der Protestw&auml;hleranteil mit der niedriger werdenden sozialen Lage ansteigt (Zolleis/Prokopf/Strauch 2010: 27). Wie bereits dargelegt lassen sich eine Reihe von Erkenntnissen der HSS-Studie als Erl&auml;uterungsfolie auf die zu den Landtagswahlen ver&ouml;ffentlichten Umfragedaten legen. Am Beispiel von Daten der Schleswig-Holstein-Wahl soll dies nachfolgend exemplifiziert werden.</p>
<p>Die vier wichtigsten wahlentscheidenden Themen f&uuml;r Piraten-W&auml;hler im Nordwesten waren Soziale Gerechtigkeit (34 Prozent), Netzpolitik (26 Prozent), Schulpolitik (24 Prozent) und Arbeitsmarktpolitik (21 Prozent). Gemessen am Durchschnitt aller W&auml;hler sticht die &#8222;Netzpolitik&#8221; als besonderes Thema der Piraten heraus. Lediglich f&uuml;r die W&auml;hler von SPD und LINKEN waren die vier im Durchschnitt aller W&auml;hler wichtigsten wahlentscheidenden Themen Wirtschaftspolitik, Schulpolitik, Soziale Gerechtigkeit und Arbeitsmarktpolitik ebenfalls die wahlentscheidend. Alle anderen Parteien hatten wie die Piraten mindestens ein &#8222;Sonderthema&#8221;, CDU und FDP etwa die &#8222;&ouml;ffentliche Verschuldung&#8221;.</p>
<p>Hinsichtlich der Einsch&auml;tzung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage unterscheiden sich die Piraten-W&auml;hler gleich mehrfach von denen anderer Parteien bzw, dem Durchschnitt:</p>
<ul>
<li>W&auml;hrend 17 Prozent aller W&auml;hler sich &#8222;gro&szlig;e Sorgen&#8221; um ihre wirtschaftliche Situation machen, sagte dies ein knappes Drittel der Piraten-Anh&auml;nger &uuml;ber sich.</li>
<li>Nur 29 Prozent der Piratenw&auml;hler gaben an, von der wirtschaftlichen Entwicklung zu profitieren, w&auml;hrend 35 Prozent aller W&auml;hler und knapp die<br />H&auml;lfte der CDU- und FDP-W&auml;hlerschaft dies von sich behauptete.</li>
<li>Gut die H&auml;lfte der Piraten-Anh&auml;nger sah sich bei der &#8222;gesellschaftlichen<br />Entwicklung&#8221; auf der &#8222;Gewinner&#8220;-Seite, deutlich weniger als bei CDU,FDP und Gr&uuml;nen, etwa gleichauf mit den SPD-Anh&auml;nger/- innen.</li>
<li>Die Frage &#8222;Sind sie zufrieden mit der Demokratie?&#8221; beantworten 80 Prozent der CDU-Anh&auml;nger mit Ja, auch 73 Prozent der Gr&uuml;nen-Anh&auml;nger.Lediglich bei den Piraten war es, laut Infratest dimap, mit 43 Prozent eine Minderheit &#8211; wobei die LINKE-Anh&auml;nger nicht ausgewiesen wurden.</li>
</ul>
<p>Die Herkunft der Piraten-Anh&auml;nger aus Schleswig-Holstein best&auml;tigte, ebenso wie die sp&auml;tere NRW-Wahl, die Ergebnisse aus Berlin und dem Saarland: &Uuml;berdurchschnittliche Ergebnisse bei m&auml;nnlichen Erstw&auml;hlern (20 Prozent), W&auml;hlern unter 45 Jahren generell, insbesondere bei m&auml;nnlichen W&auml;hlern unter 35 Jahren. Die W&auml;hlerschaft der Piraten ist &#8222;jung, m&auml;nnlich, konfessionslos&#8221;, fasste Daniel Deckers in der FAZ vom 22. April 2012 prononciert zusammen. Hinzuzuf&uuml;gen w&auml;re, dass die Anh&auml;nger der Piraten unzufrieden mit dem vorhandenen Parteienangebot und dem Zustand des politischen Systems sind. St&auml;rker als der Durchschnitt betrachten sie ihre soziale Lage als prek&auml;r und blockiert, verbinden dies aber nicht mit einer Pr&auml;ferenz f&uuml;r klassische Arbeitsmarkt-oder sozialstaatliche Politikangebote, sondern mit Fragen der &#8222;Netzpolitik&#8221; und der Transparenz und Offenheit, also den Partizipationsm&ouml;glichkeiten des politischen Systems. Die Hypothese, dass es sich bei der Piratenpartei um den politischen Arm eines neuen &raquo;Generationen-Projekts&laquo; handeln k&ouml;nnte, erh&auml;lt weitere Best&auml;tigung (Kahrs 2012: 6).</p>
<h5>Zwischen Links und Mitte &mdash; Verortung und Selbst&shy;ein&shy;ord&shy;nung der Piraten</h5>
<p>Worin dr&uuml;ckt sich dieses Generationen-Projekt freilich aus? Ist &#8222;Protest&#8221; ein die Wahlmotive der Piratenanh&auml;nger ausreichend beschreibendes Motiv? Die Erkenntnisse von Infratest dimap, aus den im Oktober 2011 und im April 2012 f&uuml;r den Deutschland-TREND durchgef&uuml;hrten Befragungen scheinen dieses Motiv zu best&auml;tigen: Rund zwei Drittel der Befragten stimmten der Aussage zu, dass bei der Wahl der Piraten das Motiv, anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen, im Vordergrund steht. Gleichzeitig war die Zustimmung zu dieser Aussage r&uuml;ckl&auml;ufig, w&auml;hrend die Nichtzustimmung zu dieser Aussage etwas st&auml;rker zunahm, als die Zustimmung dazu abnahm. Wiederum rund zwei Drittel sahen in den Piraten eine Wahlalternative f&uuml;r diejenigen, die sonst gar nicht zur Wahl gehen w&uuml;rden, w&auml;hrend ein Drittel diese Aussage ablehnte. W&auml;hrend nur weniger als jeder F&uuml;nfte im Oktober 2011 der Aussage zustimmte, dass die Piraten eine echte Alternative zu den Mitte-Links-Parteien SPD, Gr&uuml;ne und LINKE seien, stimmte im April 2012 ein Drittel der Befragten der Aussage zu, die Piraten seien eine Alternative zu den etablierten Parteien generell.</p>
<p>In diesen Kontext von Interesse ist die politische Verortung der Piratenpartei durch die W&auml;hler generell und die eigene Anh&auml;ngerschaft im Speziellen, ebenfalls im DeutschlandTREND vom April 2012. Infratest dimap legte dabei das &#8222;Links-Rechts-Schema&#8221; zugrunde, bei dem die Links-Rechts-Einstufung auf einer Skala von 1 &#8222;links&#8221; bis 11 &#8222;rechts&#8221; f&uuml;r insgesamt sieben Parteien (die f&uuml;nf im Bundestag vertretenen Partei-en, wobei CDU und CSU gemeinsam erhoben werden zuz&uuml;glich NPD und Piraten) vorgenommen wird. Die Piratenpartei wird durch die W&auml;hler mit 4,6 dem linken Parteienspektrum zugeordnet, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gr&uuml;nen. Die Anh&auml;nger der Piratenpartei verorten die Partei dagegen mit 5,2 genau auf der durchschnittlichen Selbsteinstufung der Gesamtbev&ouml;lkerung und sich mit 5,1 in unmittelbarer Nachbarschaft dazu. Nur ein Drittel der von Infratest dimap Befragten wollte im April 2012 den Piraten eine dauerhafte Rolle im bundesdeutschen parlamentarischen System zugestehen. Knapp zwei Drittel hielten die Partei f&uuml;r eine Zeiterscheinung. Bei den Piraten-Anh&auml;ngern ist dieses Quorum naturgem&auml;&szlig; spiegelverkehrt. Immerhin 36 Prozent der Piraten-Anh&auml;nger glaubten freilich nicht an einen dauerhaften Wahlerfolg der eigenen Partei. Von den Anh&auml;ngern der anderen etablierten Parteien waren im Fr&uuml;hjahr des Jahres diejenigen der LINKEN mit 57 Prozent am wenigsten bereit, die Piraten als eine parlamentarische Zeiterscheinung zu sehen. Die Anh&auml;nger von SPD und CDU waren sich mit 67 Prozent bzw. 68 Prozent diesbez&uuml;glich deutlich sicherer.</p>
<p>Gew&auml;hlt und nicht gew&auml;hlt wird eine Partei auf der Basis der Vorstellungen, die die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler sich &uuml;ber die Partei machen. Vorstellungen &uuml;ber eine Partei entwickeln sich selten in Kenntnis der Programmatik einer Partei. Viel wichtiger ist die Vorstellung dar&uuml;ber, &#8222;wof&uuml;r eine Partei steht&#8221;, sind ihr Habitus, ihre Kultur und ihre Werte. Weiter spielt eine bedeutsame Rolle, welches Verh&auml;ltnis die Partei zu den anderen Parteien einnimmt und welche positiven, negativen, ver&auml;rgerten oder anpassenden Reaktionen der anderen Parteien auf einen Erfolg der Partei erwartet oder erhofft wer-den. Schlie&szlig;lich spielen bei der Wahlentscheidung vor der Kenntnis der Programmatikdie Annahmen und Vorstellungen dar&uuml;ber eine Rolle, ob die Partei in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, im Alltag geerdet ist und realit&auml;tstaugliche Angebote hat, bei denen man sich vorstellen kann, &#8222;dabei&#8221; zu sein.</p>
<p>Dass die Piratenpartei zu vielen Themen keine Position oder mehrere Meinungen hatte war zwar in den Augen der politischen Konkurrenz ein Makel, in den Augen der B&uuml;rger stellte dies jedoch kein Manko dar, sondern die programmatische Offenheit, die den etablierten Parteien als Taktik ausgelegt worden w&auml;re, wurde als Alternative zu den fertigen politischen Men&uuml;s der anderen Parteien wertgesch&auml;tzt. Wer Partizipation sch&auml;tzt, sah in den Piraten die Option, Politik als offenen Prozess zu gestalten.</p>
<p>Die Erfolge der Piratenpartei k&ouml;nnen insoweit als das Bed&uuml;rfnis in Teilen der W&auml;hlerschaft gelesen werden, Bewegung im politischen Feld zu erzeugen. Die Partei in den Landtag und im Herbst n&auml;chsten Jahres vielleicht in den Bundestag zu bringen ist bereits die entscheidende Ver&auml;nderung; weil sie neu ist und weil die anderen Parteien gezwungen sind, auf diese neue Option zu reagieren. Dass die Piratenpartei bis zur NRW-Wahl rot-gr&uuml;ne Optionen eher verschlechterte, machte sie in den Augen der Mitte-Links-Parteien zum &#8222;Steigb&uuml;gelhalter der Union&#8221;, wenn auch ohne Vorsatz. In den Augen der Piratenanh&auml;nger stellte dies keinen Nachteil dar, erscheinen die erstarrten, bekannten, ausrechenbaren Konstellationen und Optionen zwischen den parlamentarisch etablierten Parteien doch als ausgereizt. F&uuml;r diese Rolle der neuen Partei braucht es weder umfangreiche Programme noch kompetentes Personal. Ihre Wahl als einen &#8222;Denkzettel&#8221; an die anderen Parteien zu verstehen &#8212; als Abschiedsgru&szlig; ohne R&uuml;ckfahrkarte trifft die Motivation deshalb vermutlich besser als Etiketten wie &#8222;Protestwahl&#8221;, mit der die Zustimmung zu jeder neuen Partei simplifiziert wird oder das den fr&uuml;hen Gr&uuml;nen entlehnte Motto der &#8222;Anti-Parteien-Partei&#8221;,<br />Das Bed&uuml;rfnis nach einer Ver&auml;nderung scheint in der Gesellschaft, zumal bei den unter 40 j&auml;hrigen, weit verbreitet und gepr&auml;gt von ideologischer Richtungslosigkeit im klassischen Sinn. Dr&uuml;ckte sich zuvor die Auffassung, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann, in der Wahl von Parteien auf den Polen &#8222;Markt/Individuum&#8221; (FDP) oder &#8222;Staat/Gesellschaft&#8221; (DIE LINKE) aus, so steht die Wahlentscheidung f&uuml;r die Piraten gegen die Abschottung des politischen Systems vom Alltag, gegen das &#8222;Politsprech&#8221;, f&uuml;r die Freiheit des Individuums und f&uuml;r gesellschaftliche, gemeinschaftliche Einrichtungen (Kahrs 2012: 1).</p>
<p>Das wirft die Frage nach den gesellschaftlichen Konfliktlinien, nach den blockierten Entwicklungspfaden auf, auf die durch die Wahl der Piraten aufmerksam gemacht werden soll. Schaut man auf die Themen, die mit den Piraten seit ihrer Gr&uuml;ndung verbunden werden, so handelt es sich um gro&szlig;e Themen wie Eigentum, Rechte des Individuums, Rechte der Produzenten und B&uuml;rger in einer technologisch radikal ver&auml;nderten Produktionsweise. In der Betonung und Voraussetzung von Gemeineigent&uuml;mern und der Priorisierung sozialer Gerechtigkeit als wesentliches wahlentscheidendes Motiv, kann die Piratenpartei als Wiedergeburt des Sozialliberalismus unter neuen gesellscha$-lichen Bedingungen betrachtet werden. Dieser Sozialliberalismus w&auml;re insoweit ein m&ouml;gliches &#8222;Abfallprodukt&#8221; der Legitimationskrise des Neoliberalismus, eine Antwort auf seine &raquo;Ausw&uuml;chse&laquo;: die Entdemokratisierung und &Ouml;konomisierung bzw, das uneingel&ouml;ste Versprechen entfalteter Individualit&auml;t. Ein Ausbruch aus der scheinbaren Alternativlosigkeit von &#8222;Markt versus Staat&#8221;</p>
<p>(Kahrs 2011: 5).</p>
<h5>Die Piraten &ndash; eine Eintags&shy;fliege?</h5>
<p>Meinen die etablierten Parteien, durch die Benennung netzpolitischer Sprecher in den Parlamenten und die Einf&uuml;hrung internetbasierter Mitbestimmungsinstrumente den Bed&uuml;rfnissen, die sich in der Wahl der Piratenpartei ausdr&uuml;cken, Rechnung zu tragen, liegen sie falsch. Die Piraten repr&auml;sentierten derzeit eine soziale Schicht, die sich in den Personen und Themen der anderen Parteien nicht wiedererkennt, weil sie quer zum Mainstream liegt &#8211; und keinen Grund (mehr) sieht, sich unter denen f&uuml;r das kleinere &Uuml;bel zu entscheiden. Hier geht es nicht um Forderungen und Interessen, sondern um Werthaltungen, um Einstellungen und Habitus, um kulturelle Codes.</p>
<p>Und gleichzeitig geht es um die Eigentumsfrage in neuer Gestalt, nicht weil der Kapitalismus am Ende ist, sondern weil sich die technologische Struktur der Wertsch&ouml;pfung und der Gesellschaft radikal ver&auml;ndert hat, weil etwa neue technologisch gest&uuml;tzte Produktions-, Distributions- und Konsumweisen entstanden sind, die die Eigentumsfrage in neuer Gestalt akut machen.</p>
<p>Dies f&uuml;hrt uns gleichwohl zu einer Frage, die derzeit nur spekulativ beantwortet werden kann: Ist der Hype um die Piraten-Partei zu Ende oder handelt es sich nur um eine Flaute? Viel wird davon abh&auml;ngen, wie die Piraten-Partei bei der Niedersachsen-Wahl am Beginn des Jahres 2013 und im Herbst bei der Bundestagswahl abschneiden wird. Sollten die Piraten auch diese Parlamente entern, d&uuml;rften sie das Parteien- und politische System der Bundesrepublik auch in den kommenden Jahren pr&auml;gen. Scheitern sie freilich im Wahljahr 2013, k&ouml;nnte der Hype im sukzessiven Abrutschen in den Rang einer Splitterpartei, die von herabgesenkten H&uuml;rden beim Parlamentseinzug, wie z. B. dem Europa-Parlament, profitiert.</p>
<p>So oder so haben die Piraten freilich bereits heute die politische Kommunikation und damit das politische System ver&auml;ndert. Diese Erfahrung werden die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler, deren ad&auml;quater Ausdruck derzeit die Piraten darstellen, nicht vergessen. Nicht auszuschlie&szlig;en, dass in absehbarer Zeit eine andere parteif&ouml;rmige H&uuml;lle dieses Spektrum repr&auml;sentiert &#8211; solange oder weil die etablierten Parteien dazu grunds&auml;tzlich nicht in der Lage sind.</p>
<p>[1] Eine Auswahl: Bartels, H. 2009, Die Piratenpartei: Entstehung, Forderungen und Perspektiven der Bewegung, Contumax-Verlag; Zolleis, U./Prokopf, S./Strauch, F. 2010, Die Piratenpartei. Hype oder Herausforderung f&uuml;r die deutsche Parteienlandschaft?, aktuelle analysen Nr. 55, hrsg. von der Hanns-Seidel-Stiftung; H&auml;usler, M. 2011, Die Piratenpartei &#8211; Freiheit, die wir meinen &#8211; Neue Gesichter f&uuml;r die Politik, Scorpio-Verlag; Schilbach, F. 2011, Die Piratenpartei: Alles klar zum Entern?, bloomsbury; Wilde, A: L. 2011; Piraten ahoi: Warum junge Menschen die Piratenpartei entern, BWV-Verlag; Niedermayer, 0. 2012 (i.E.), Die Piratenpartei, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Emmer, M./Vowe, G. 2004: Mobilisierung durch das Internet? Ergebnisse einer empirischen L&auml;ngsschnittuntersuchung zum Einfluss des Intemets auf die politische Kommunikation der B&uuml;rger, in: Politische Vierteljahresschrift, 45. Jahrgang, Heft 2, 5.191&#8211;212.<br />Grunwald, A. et a12006: Netz&ouml;ffentlichkeit und digitale Demokratie. Tendenzen politischer Kommunikation, Studien des B&uuml;ros f&uuml;r Technikfolgen-Absch&auml;tzung beim Deutschen Bundestag, Nr. 18, Berlin.<br />Kahrs, H 2O12: Die W&auml;hler/-innenschaft der Piratenpartei, in: Hoff, B.-IJders., Die Piratenpartei nach der Wahl zwischen Rhein und Ruhr &#8211; Themenausgabe des Wahlnachtberichts zur Landtagswahl in NRW, Berlin.<br />Krempl, S. 2012: Gr&uuml;ne pl&auml;dieren f&uuml;r Abr&uuml;stung im Streit ums Urheberrecht, in: <a href="http://www.heise.de/" target="_blank" rel="noopener">http://www.heise.de/</a> newsticker/meldung/Gruene-plaedieren -fuer-Abruestungim-Streit-ums-Urheberrecht 1697191. html.<br />Lueke, F. 2012: Enquete-Kommission: Parlamentarier stellen sich ein gutes Zeugnis aus, in: http a/www.heise,de/newsticker/meldung/Enquete-Kommission-Parlamentarier-stellen-sich-gutes-Zeugnis -aus-1417975.html,<br />Neugebauer, G. 2007, Politische Milieus in Deutschland, Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Verlag JHW. Dietz Nachf., Bonn.<br />Rutz, C. 2011: Zwischenfazit: Adhocracy im Bundestag, in: httpa/politik-digital.de/zwischenfazit adhocracy-im-bundestag/.<br />Zolleis U./Prokopf, S./Strauch, F. 2010, Die Piratenpartei. Hype oder Herausforderung f&uuml;r die deutsche Parteienlandschaft?, aktuelle analysen Nr. 55, hrsg. von der Hanns-Seidel-Stiftung, M&uuml;nchen.<br />Zschunke, P. 2011: Internet-Enquete des Bundestages unter Erfolgsdruck, in: <a href="http://www.heise.de/" target="_blank" rel="noopener">http://www.heise.de/</a> newsticker/meldung/Internet-Enquetetles -Bundestags-unter-Erfolgsdruck-13 61414. htm1.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/die-piraten-wiedergeburt-der-sozialliberalismus/">Die Piraten-Wiedergeburt der Sozialliberalismus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Konstruktive Kohabitation oder Konflikt der Kulturen</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 18:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Internet-Governance im Spannungsfeld verschiedener Regulierungsmodelle aus: Vorgänge Nr. 200 ( Heft 4/2012), S.54-66 Das Internet und die Art und Weise, wie es &#132;regiert&#148; wird, entwickelt sich zu einer der großen politischen Kontroversen der kommenden Jahre. Mehr als drei Milliarden Menschen sind jetzt online und fordern im Cyberspace die gleichen universellen Rechte ein, die sie offline [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Internet-Governance im Spannungsfeld verschiedener Regulierungsmodelle</p>
<p>aus: Vorgänge Nr.  200 ( Heft 4/2012), S.54-66</p>
<p>Das Internet und die Art und Weise, wie es &#132;regiert&#148; wird, entwickelt sich zu einer der großen politischen Kontroversen der kommenden Jahre. Mehr als drei Milliarden Menschen sind jetzt online und fordern im Cyberspace die gleichen universellen Rechte ein, die sie offline haben. Das Netzwerk unterstützt jährlich Geschäfte von mehreren Billionen Dollar und ist aus der Weltwirtschaft nicht mehr wegzudenken. Das Internet spielt eine immer größere Rolle für die innere und äußere Sicherheit von Staaten. Damit ist das Netz zu einer kritischen Infrastruktur und strategischen Ressource geworden, die zunehmend in nationale und internationale Auseinandersetzungen hineingezogen wird, bei denen es um Macht und Geld und Menschenrechte geht. Das Internet, so wie wir es aus der Vergangenheit kennen, gerät dabei selbst immer stärker unter Druck und es ist offen, wie es sich weiter entwickeln wird.</p>
<p>Um es zuzuspitzen und einfach zu sagen: Entweder das Internet bleibt ein freies, offenes und grenzenloses Netzwerk, das Innovation, Wirtschaftswachstum, soziale Entwicklung und ungehinderte Kommunikation ermöglicht oder es findet eine Kehrtwende in Richtung eines verregelten, beschränkten, zensierten und fragmentierten Internet statt wo nationale Politiken von Regierungen und kommerziellen Interessen von Unternehmen individuelle Rechte und Freiheiten von Milliarden Internetnutzern einschränken oder gänzlich strangulieren.</p>
<h5>Regierungen entdecken das Internet</h5>
<p>Schon vor dem &#132;Arabischen Frühling&#148;, vor allem aber danach haben Regierungen das bislang weitgehend von nicht-staatlichen und privaten Organisationen gemanagte Internet als ein &#132;politisches Problem&#148; entdeckt und angefangen nach Wegen zu suchen, das Internet unter ihre Kontrolle zu bekommen. Auf der Agenda der Treffen der G-8, der G-20 und der Vereinten Nationen tauchen jetzt Internet-Fragen als Themen mit hoher Priorität auf. Die Europäische Kommission, OECD, Europarat, die Shanghai-Gruppe mit China und Russland, die IBSA-Gruppe mit Indien, Brasilien und Südafrika, ITU, UNE-SCO, WIPO, WTO und andere zwischenstaatlichen Organisationen fangen an, sich intensiv mit dem Internet zu beschäftigen und geraten damit zunehmend in Konflikt mit dem bereits existierenden und gut funktionierenden Internet Governance Eco-System. Dieses globale Internet Governance Eco-System konstituiert sich heute aus:</p>
<ul>
<li>nicht-staatlichen Netzwerken wie dem Internet Governance Forum (IGF), der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), den Regional Internet Registries (RIRs), der Internet Engineering Task Force (IETF), der Internet Assigned Numbers Authority (IANA), dem Intemet Architecture Board (IAB), der Internet Society (ISOC), dem World Wide Web Consortium (W3C) sowie dem Institute for Electrical and Electronic Engineers (IEEE);</li>
<li>weltweit aufgestellte private Unternehmen wie Google, Yahoo, Amazon, Apple, eBay, Facebook, Twitter, Wikipedia, Microsoft, Cisco, YouTube, Grokster, VeriSign, Neustar, Afilias etc.</li>
<li>zivilgesellschaftliche Organisationen wie Transparency International (TI), Human Rights Watch (HRW), Association for Progressive Communication (APC), Electronic Frontier Foundation (EFF), Non-Commercial User Organisation (NCUC), At Large Advisory Committee (ALAC), Electronic Privacy Införmation Center (EPIC), Global Internet Governance Academic Network (GIGANET) und Wikileaks kritisch die Internet Welt begleiten und </li>
<li>Zehntausende von individuellen Blogs die für ein globales Publikum publizieren und Mailing Listen managen.</li>
</ul>
<p>Jahrelang war das Internet ein mehr oder minder separater Raum für Geeks und Freaks. Das Intemet entwickelte sich zwar nicht in einem rechtsfreien Raum, aber weitgehend im Schatten staatlicher Regulierung. Niemand kam nach der Erfindung des TCP/IP- oder des HTTP-Protokolls auf den Gedanken, das Internet politisch zu regulieren und ein nationales Internet-Gesetz zu verabschieden oder eine internationale Internet Konvention zu verhandeln. Die sogenannte Internet Community, bei der die Entwickler, Anbieter und Nutzer von Internetdiensten aller Art auf vielfältige Weise kommunizieren und kollaborieren, gab sich ihre eigenen Regeln, schuf sich ihre eigenen (Regierungs-) Organisationen und entwickelte selbständig Politiken in einem offenen, transparenten von unten angeschobenen Verfahren, das auf den Erhalt und die Entwicklung eines of fenen, freien, grenzenlosen und sicheren Internet zielte. Der Erfolg sprach für sich: Binnen 20 Jahren vertausendfachte sich die Zahl der Internetnutzer.</p>
<h5>Das Internet als globales Medium</h5>
<p>Eine ganz entscheidende Rolle spielt dabei der Fakt, dass das Internet sich von Anfang an global konstituierte. Es entwickelte sich nicht, wie z.B. Telegraphie und Rundfunk im 19. und 20. Jahrhundert, zunächst als nationales Medium. Es gab und gibt kein Internet für die USA oder ein Intemet für Deutschland oder ein Internet für Brasilien. Das Internet ist ein Netz von Netzwerken das Computer weltweit miteinander über ein System von Servern und Routern verbindet und wo eine Kommunikation wie das Versenden einer E-Mail oder der Zugang zu einer Website mehrfach Ländergrenzen über-schreitet, ohne dass das den Sender oder den Empfänger der Kommunikation interessiert.</p>
<p>Das Internet ist zwar immer als eine &#132;Kommunikationstechnologie&#148; bezeichnet worden, aber tatsächlich kann man das Internet nicht mit anderen Kommunikationstechnologien wie Telegraphie oder Rundfunk vergleichen. Telegraphie und Rundfunk sind hierarchisch organisierte Medien mit einer &#132;Zentrale&#148; (Fernmeldeamt oder Rundfunksender), die innerhalb einer territorial definierten Jurisdiktion operieren. Ihre Tätigkeit wird durch nationale Telekommunikations- und Rundfunkgesetze geregelt. Zur Lösung grenzüberschreitender Probleme verhandelten und verhandeln Regierungen völkerrechtliche Verträge wie die Internationale Telegraphen Konvention von 1865 und deren Nachfolger, den Genfer Rundfunkfriedenspakt von 1936 oder die Urheberrechtsverträge, die im Rahmen der WIPO abgeschlossen werden.</p>
<p>Das Internet hat aber keine Zentrale, die man in einem politisch kritischen Moment besetzen oder abschalten könnte. Es gibt keine Hierarchie, keinen &#132;killing switch&#148; und es ist nicht an ein physisches Territorium gebunden, wenn man mal davon absieht, dass ein Server natürlich einen physischen Ort braucht von dem aus er operiert. Fällt aber ein Server aus (oder wird von einer Regierung abgeschaltet) dann sucht sich die E-mail oder der Request nach einer Website eine andere Route und gelangt in aller Regel ans Ziel, vielleicht mit einer Verzögerung von wenigen Sekunden.</p>
<p>Es war und ist gerade diese dezentrale Netzwerkarchitektur, das sogenannte end-to-end Prinzip (e2e), die diese nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gekannte explosionsartige Verbreitung einer Technologie ermöglicht hat, die Individuen und Institutionen befähigt hat, jederzeit von jedem Ort mit jedermann in Schrift, Ton, Bild und Video zu kommunizieren.</p>
<h5>Die Verall&shy;t&auml;g&shy;li&shy;chung des Internet</h5>
<p>Mit den zu erwarteten fünf Milliarden Internet Nutzern bis zum Jahr 2020 ist das Internet aber gleichzeitig nun endgültig aus dem Schatten staatlicher Regulierung herausgetreten und wird zunehmend zum Gegenstand einer Diskussion, die partiell darauf ab-zielt, den Geist der Internet-Freiheit zurück in die Flasche zu regulieren aus der er schon vor Jahrzehnten entwichen ist. Das Internet ist in der Tat heute nicht mehr ein Feld für Geeks und Freaks, es ist Teil der realen Politik und Wirtschaft, ja der gesamten Gesellschaft geworden. Es gibt nicht mehr ein &#132;reales Leben&#148; hier und ein &#132;virtuelles Leben&#148; dort. Das Internet ist nicht nur ein Teil unseres Alltags, es bestimmt diesen Alltag mehr und mehr.</p>
<p>Da das Internet alle Lebensbereiche durchdringt ist es unvermeidlich, das nahezu alle öffentlichen gesellschaftspolitischen Fragen wie Menschenrechte, nationale Sicherheit, Schutz des geistigen Eigentums, Wettbewerb, Meinungsäußerungsfreiheit, Daten-und Konsumentenschutz etc. vermischt werden mit technischen Aspekten wie die Zuordnung und Verwaltung von Domain-Namen, IP-Adressen, Root-Servern, Intemet Pro-tokollen, Codes und Standards. Das Problem für die traditionelle Politik ist, dass viele der technischen Internet Spezifikationen politische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Implikationen haben, die ihrerseits zwangsläufig in den Bereich der öffentlichen Politik eingreifen.</p>
<p>Das hat erhebliche Konsequenzen. Die &#132;Veralltäglichung&#148; des Internet provoziert einen &#132;Clash of Cultures&#148;, einen gesellschaftlichen Kulturkonflikt, bei dem zwei unterschiedliche Politikmodelle aufeinanderprallen. Unser gegenwärtiger politischer Alltag wird von dem traditionellen Modell geprägt, in dem Regierungen eine entscheidende Rolle spielen und Politik weitgehend &#132;von oben&#148; gemacht wird. Im besten Fall wählt sich das Volk seine eigene Regierung in demokratischen Wahlen. Im schlechtesten Fall regiert ein Diktator. Im Internet hat sich aber eine andere Kultur, eine &#132;Politik von unten&#148; entwickelt, bei der die unmittelbar Betroffenen und Beteiligten in die Ausarbeitung von Politiken, die sich in Codes, Protokollen, Standards und Best Practice Richtlinien äußern, direkt mit einbezogen werden. Die dabei in den verschiedenen Communities entstehenden partizipativen, liquiden, fluiden oder deliberativen, offenen und transparenten Diskussionsforen stehen zwar nicht im fundamentalen Gegensatz zu den Prozeduren einer repräsentativen Demokratie, aber sie unterscheiden sich schon erheblich.</p>
<p>Solange die realen und virtuellen Welten weit voneinander entfernt waren, war dies kein IProblem. In dem Moment aber, wo sich diese Welten vermischen, beginnt eine zwangsläufig heftiger werdende Auseinandersetzung über das bessere Zukunftsmodell. Während nun Regierungen versuchen, das Internet in ihr bestehendes nationales und internationales Normen-, Werte- und Organisationssystem zu integrieren und die technischen Eigenständigkeiten des Internet unter politische Kontrolle zu bekommen, will die Internet Community ihr weitgehend funktionierendes Politikmodell erhalten, stellt ihrerseits die real existierenden Politikmechanismen in Frage und fordert sie heraus.</p>
<p>Dieser &#132;Clash of Cultures&#148; ist weit mehr als der aus der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts bekannte Konflikt zwischen Demokratien und Diktaturen. Der &#132;Clash of Cultures&#148; in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhundert ist ein Konflikt zwischen einer &#132;Politik von oben&#148; und einer &#132;Politik von unten&#148;. Dabei verschwindet die Auseinandersetzung zwischen Demokratien und Diktaturen nicht, der Gemengelage aber wird erheblich komplizierter, weil mehr &#132;stakeholder&#148; als nur die Regierungen der 190 UN Mitgliedstaaten in die Auseinandersetzung involviert sind und es alle möglichen Formen von &#132;Regenbogenkoalitionen&#148; gibt bei der zu den zahlreichen Einzelfragen sich unterschiedliche Partner aus Regierungen, der Wirtschaft, der technischen Community und der Zivilgesellschaft zu &#132;Bündnissen auf Zeit&#148; zusammenfinden. Es ist also nicht nur eine Auseinandersetzung über die bessere inhaltliche Lösung eines Problems, sondern auch über das Prozedere, das &#132;Wie&#148; der Politikentwicklung und um das &#132;Recht des letzten Wortes&#148;.</p>
<p>Regierungspolitik findet in der Regel hinter verschlossenen Türen statt &#150; im besten Fall auf der Basis von vorherigen Konsultationen mit der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und technischen Experten &#150; und wird mit Hilfe einfacher Mehrheiten im Parlament &#132;top down&#148; durchgesetzt. Internet-Politik &#150; z. B. bei ICANN, im IGF oder in der IETF &#150; wird in einem offenen und transparenten Prozess von unten unter Beteiligung aller betroffenen und beteiligten Stakeholder entwickelt mit dem Ziel eine grobe Einigung (rough consensus) zu erreichen. &#132;Rough Consensus&#148; ist nicht &#132;Full Consensus&#148;, erfordert also nicht eine hundertprozentige Zustimmung aller Betroffenen und Beteiligten. Aber er ist weit mehr ist als die einfache Mehrheit in einem Parlament. Regierungen sind in diesen &#132;multistakeholder bottom up policy development process&#148; (PDP) dort, wo nötig (wie z. B. über das Governmental Advisory Committee bei ICANN), einbezogen, sie haben aber eben nicht das letzte Wort.</p>
<p>Auf ihrem 2. Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) hatten die Vereinten Nationen im November 2005 in Tunis daher für das globale Management des Internet ein sogenanntes &#132;Multistakeholder Internet Governance Modell&#148; vereinbart bei dem die jeweiligen Stakeholder &#150; Regierungen, Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft und technische Community &#150; in ihren &#132;jeweiligen Rolle&#148; (respective roles) eng zusammenarbeiten sollen. Dieses Multistakeholder Modell hat sich seither bewährt, nicht aber die Konflikte befriedet, die mit dem oben beschriebenen &#132;Clash of Cultures&#148; zusammenhängen.</p>
<p>Die Frage, die sich nun stellt ist die, ob wir am Vorabend eines neuartigen Machtkampfes zwischen den aufstrebenden nichtstaatlichen Intemet Netzwerken und den traditionellen Regierungshierarchien stehen oder ob sich ein fruchtbares Zusammenwirken zwischen allen Stakeholdern, eine Art &#132;friedliche Koexistenz&#148; oder eine &#132;konstruktive Kohabitation&#148; entwickelt, bei dem die Stärken des einen Modells die Schwächen des anderen Modells kompensieren.</p>
<p>Bevor man diese Fragen beantworten kann ist es aber sinnvoll, einen kurzen Blick zurück in die Geschichte des Internet zu werfen.</p>
<h5>Internet als selbst&shy;re&shy;gu&shy;lie&shy;render Mechanismus</h5>
<p>Die Geschichte des Internets geht zurück in die späten 1950er Jahre. Dennoch war das Internet bis weit ins Jahr 2000 hinein kein Thema für die große Politik. Das hat vielfältige Ursachen, war doch das Netzwerk zunächst ein Forschungsprojekt und später eine Spielwiese für Akademiker. Zu den Mythen der frühen Tage des Internet gehörte u. a. auch die Ansicht, das &#132;Netz der Netze&#148; sei ein eigenständiger &#132;virtueller Raum&#148; der von den &#132;realen Orten&#148; der Alltagspolitik getrennt ist und von der &#132;Netiquette&#148; selbstreguliert wird.</p>
<p>William Gibson, der in seiner Erzählung &#132;Burning Chrome&#148; (1982) den Begriff &#132;Cyberspace&#148; prägte, oder John Perry Barlow, Manuel Castells, John Negroponte, Tim Barners-Lee, Dave Tapscott, Francis Cairncross und andere hingen mit unterschiedlicher Intensität der Vision einer neuen universellen und vernetzten Welt an, bei der es keiner klassischen Regierungen mehr bedürfe, da der &#132;Netizen&#148;, der &#132;Netzbürger&#148;, sein Schicksal in die eigene Hand nimmt. In der &#8222;Davos-Declaration of Cyber-Independence&#8220; (1998) oder dem &#8222;Cluetrain Manifesto&#8220; (2001) fanden diese Visionen wortgewaltigen Ausdruck. Diese Ideen förderten zwar einerseits das Bewusstsein, dass das Internet tatsächlich eine Art unsichtbare Revolution bewirkt bei der keine Molotow-Cocktails über Barrikaden fliegen, sondern wesentliche Teile der Gesellschaft quasi &#132;von unten&#148; in sublimer und partiell subversiver Art und Weise radikal verändert werden, sie trugen aber andererseits auch bei zu Verwirrung, Missverständnissen und Illusionen.</p>
<p>Der DotCom Boom der späten 1990er Jahre, das Platzen dieser Internet-Blase, das Anwachsen der Internet Community auf über drei Milliarden Nutzer, die Auseinandersetzungen um das Management der kritischen Internet-Ressourcen und der Siegeszug von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken haben nicht nur zu einer Ernüchterung beigetragen, sondern auch viel intellektuellen Spreu vom Weizen getrennt und damit den Weg geebnet für eine mehr realistische Betrachtungsweise. Diese praktischen Erfahrungen haben die Erkenntnis befördert, das das Internet zwar tatsächlich einer neuen innovativen Regierungsform bedarf &#150; es ist einfach zu anders, zu groß und zu komplex um es mit traditionellen Mitteln in den Griff zu bekommen oder es den Regierungen bzw. dem privaten Sektor allein zu überlassen &#150;, dass dieses noch zu erfindende &#132;Govemance Modell&#148; aber nicht im Gegeneinander, sondern nur im Miteinander der Stakeholder, also in einem &#132;Muiltistakeholder Internet Governance Prozess&#148;, zu erreichen ist. Die Revolution findet als Evolution statt und wird aller Wahrscheinlichkeit nach sich weit ins 21. Jahrhundert hineinziehen.</p>
<p>Es ist richtig, dass das Internet individuelle Freiheiten und wirtschaftliche Chancen wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte erweitert hat. Das Internet ist eine gigantische Befähigungstechnologie die Individuen und kleinen Gruppen Möglichkeiten gibt, sich politisch, ökonomisch oder kulturell zu artikulieren, zu engagieren, zu organisieren und auf der globalen Politikbühne mitzuspielen, was zuvor nur Nationalstaaten oder großen Unternehmen möglich war. Richtig ist auch, dass das Internet die jahrhundertealten Grenzen von Zeit und Raum nicht mehr kennt und damit in nie erfahrener Dimension Kreativität und Innovation befördert hat. Das Internet hat aber nie den bestehenden nationalen und internationalen Rechtsrahmen verlassen. Und die Intemet-Freiheit schloss nie die Freiheit ein, Straftaten zu begehen, Geld zu stehlen oder anderen Menschen oder Institutionen Schaden zuzufügen. Was offline illegal war, wurde online nicht legal.</p>
<p>Dennoch entstand im Internet, quasi im Schatten staatlicher Regulierungen, ein ei-genständiges geregeltes Subsystem mit technischen Codes, Protokollen, Normen, Regeln und Grundsätzen. Dieser &#132;Selbstregulierungsmechanismen&#148; begann 1969 mit der ersten &#132;Request for Comment&#148; (RFC). Er wuchs in den 1980er und 1990er Jahren in einem Umfeld, das vor allem von der in den USA dominierenden politischen Kultur geprägt wurde, die sich durch &#8222;Deregulierung&#8220; unter der Reagan-Administration (1980&#150;1988) und &#8222;Private Sector Leadership&#8220; unter der Clinton-Administration (1992&#150;2000) auszeichnete. Und es dauerte gar nicht lange, dass sich dieser Selbstregulierungsmechanismus auch in Form von Dutzenden nicht-staatlichen Organisationen und Netzwerken institutionalisierte und zu dem heute existierenden funktionstüchtigen globalen &#132;Intemet Govemance Ecosystem&#148; geführt hat, das problemlos ein Wachstum des Netzes von drei Millionen zu drei Milliarden Nutzern binnen zwei Jahrzehnten ermöglichte.</p>
<p>Die Mehrheit der technischen Internet Protokolle, Standards und Codes wirken de facto als &#132;Internet Gesetze&#148; und sind meist als ein RFC kodifiziert. Die Entstehungsgeschichte eines RFC unterscheidet sich aber ganz wesentlich von der eines durch ein Parlament beschlossenen Gesetzes. Jedermann kann im Rahmen der IETF einen RFC Prozess starten. Er braucht dazu weder eine politische Partei noch ein Parlament. Findet er ihr seinen Lösungsvorschlag für ein identifiziertes Problem genügend Unterstützer, wird eine Arbeitsgruppe gebildet. In einem offenen Diskussionsprozess werden die verschiedenen Versionen solange diskutiert, bis ein &#132;rough consensus&#148; entstanden ist. Der ist dann erreicht, wenn keine größere Gruppe mehr erheblich Sacheinwände gegen die Annahme des vorgeschlagenen RFCs vorbringt.</p>
<p>Vergleichbar ist diese RFC-Methode etwa mit den &#132;runden Tischen&#148;, die nach dem Ende des &#132;kalten Krieges&#148; in der DDR und anderen Ostblockstaaten entstanden. Im Unterschied zu dieser partizipativen Demokratie, die schnell wieder verschwand, weil sie durch die existierenden Institutionen der repräsentativen Demokratie ersetzt wurde, hat sich das RFC Prozedere im Internet nicht nur behauptet sondern so weiter entwickelt, das es mittlerweile heute als ein Modell gilt zur Erreichung effektiver und funktionstüchtiger Lösungen über Länder-, Ideologie- und Parteigrenzen hinweg.</p>
<p>Heute umfasst das &#8222;Gesetzbuch des Internet&#8220; mehr als 6000 RFCs, die von der IETF verwaltet werden. Das System hat sich bewährt. Es ist robust und flexibel genug, um auf neue Herausforderungen mit adäquaten Lösungsvorschlägen zu reagieren. Staatliche Interventionen in diesen RFC Prozess haben sich bislang als überflüssig und im Einzel-fall eher als kontraproduktiv erwiesen.</p>
<p>Bei der Entwicklung des TCP/IP Protokolls, des Adressprotokoll IPv6, dem Domain Name System (DNS) oder dem HTTP-Protokoll für das World Wide Web (WWW) waren weder nationale Parlamente beteiligt noch bedurfte es zwischenstaatlicher diplomatische Kodifizierungskonferenzen. Als Jon Postel anfing den auf der ISO 3166 Liste stehenden 243 Ländern und Territorien einen Country Code für eine Top Level Domain (ccTLDs) zuzuordnen, hatten weder die Regierungen noch die Parlamente dieser Länder eine Ahnung davon, was da eigentlich vor sich ging. Ein Händedruck von Jon Postel mit einem vertrauenswürdigen Manager war alles, was nötig war, um das Management einer ccTLD zu delegieren.</p>
<p>Solange nicht mehr als eine Handvoll Domainnamen in einer Länderdomain registriert waren, war das auch kein Problem. Zwar hatte sich die ITU bereits Mitte der 90er Jahre mit dem DNS beschäftigt, aber das in Kooperation mit WIPO, INTA, ISOC, IETF und IANA entstandene Memorandum of Understanding wurde im Herbst 1998 nicht von der ITU Vollversammlung ratifiziert. Stattdessen führte der von der Clinton-Administration parallel vorangetriebene Prozess einer Privatisierung und Globälisierung des DNS zur Gründung von ICANN bei dem die Entscheidungsgewalt in den Händen eines aus Privatsektor, technischer Community und Zivilgesellschaft bestehenden Direktoriums liegt. Die Regierungen sind über ein &#132;Governmental Advisory Committees&#148; (GAC) in den ICANN Prozess eingebunden, wobei bemerkenswert ist, dass die Empfehlungen des GAC an das ICANN Direktorium keine rechtliche Bindungswirkung haben. Aber selbst gegenüber dem GAC zeigten sich die meisten Regierungen der UN Mitgliedsstaaten bis in die jüngste Zeit hinein distanziert. Bei der ersten GAC-Sitzung im März 1999 in Singapur nahmen ganzen 17 nationale Regierungen, dazu die EU Kommission und einige zwischenstaatliche Organisationen wie OECD, ITU und WIPO teil.</p>
<h5>WSIS als Wake Up Call</h5>
<p>Regierungen wachten erst auf als nach der Jahrtausendwende die Zahl der Internet Nutzer in den dreistelligen Millionenbereich wuchs und die Vorbereitungen für einen Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) begann. Der WSIS Prozess wurde daraufhin zum Hauptschauplatz der politischen Auseinandersetzung über das Internet.</p>
<p>Hauptstreitpunkt war zunächst die Frage, wer die kritischen Internetressourcen &#150; Root Server, Domainnamen, IP Adressen, Intemet Protokolle und Codes &#150; kontrollieren sollte. Während die US Regierung sich dafür aussprach, das historisch gewachsene Internet Governance System zu belassen wie es ist, wollte vor allem die chinesische Regierung eine Veränderung des Systems und die Verwaltung dieser Ressourcen der ITU unterstellen.</p>
<p>An diesem amerikanisch-chinesischen Internetkonflikt wäre um Haaresbreite die erste Phase des Weltgipfels im Dezember 2003 in Genf gescheitert. In letzter Minute konnte man sich darauf einigen, die offenen Fragen an eine neu gegründete UN Working Group on Internet Governance (WGIG) zu delegieren und mit dem Mandat auszustatten, erst einmal zu definieren was denn Internet Governance überhaupt ist und dann Vorschläge zu machen für öffentliche Internetpolitiken.</p>
<p>Das Innovative an der WGIG war, dass sie nicht nur aus Staatenvertretern bestand, sondern, dass die Hälfte der insgesamt 40 Mitglieder Vertreter nichtstaatlicher Gruppen aus der Privatwirtschaft, der Zivilgesellschaft und der technischen und akademischen Community waren. Die WGIG war also ein echtes Multistakeholder Gremium, was sich auf die Arbeitsweise der Gruppe auswirkte. Es gab weniger politisch oder ideologisch motivierte Debatten, sondern man konzentrierte sich auf die konkreten Sachfragen. Der WGIG-Report wurde dem 2. WSIS-Gipfel im November 2005 in Tunis präsentiert.</p>
<p>Die von der WGIG vorgeschlagene Definition für Internet Governance lautete wie folgt: &#8222;Intemet governance is the development and application by Governments, the private sector and civil society, in their respective roles, of shared principles, norms, rules, decision-making procedures, and programmes that shape the evolution and use of the Internet.&#8220;</p>
<p>Diese Definition hat mindestens zwei bemerkenswerte Elemente.</p>
<ol>
<li>hat sie den Konflikt zwischen der amerikanischen Forderung nach &#132;private sector leadership&#148; und der chinesischen Forderung nach &#132;govemmental leadership&#148; dergestalt aufgelöst, das sie grundsätzlich ein Konzept, das auf &#132;Führung&#148; durch eine Stakeholder Gruppe basiert, zurückweist sondern klar stellt, das das Internet das kollaborative Zusammenwirken aller Stakeholder, und zwar in ihren jeweiligen spezifischen Rollen (respective roles) , erfordert. Die Privatwirtschaft kann nicht die Regierung ersetzen, die Regierung hat selbstverständlich bei Internet Governance eine Rolle zu spielen und nichts geht mehr ohne eine Einbeziehung der Zivilgesellschaft.</li>
<li>sagt die Definition, dass zukünftige Intemetpolitiken und die dahinter liegenden Prinzipien und Normen nur noch gemeinsam entwickelt werden können und dass diese Teilhabe (shared) auch für Entscheidungsprozesse (decisionmaking procedures) gilt. Das lässt sich nur in einem offenen und transparenten Verfahren &#132;von unten&#148; realisieren.</li>
</ol>
<p>Gleichzeitig wies die WGIG den Vorschlag, eine neue zwischenstaatliche UN Organisation für das Intemet zu gründen, zurück und schlug stattdessen vor, ein auf dem Prinzip des Multistakeholderismus basierendes Internet Governance Forum (IGF) zu etablieren. Das Argument war, dass man vor eventuellen Entscheidungsfindungen erst einmal die jeweiligen Sachfragen in einem offenen und transparenten Diskussionsprozess, an dem alle Stakeholder beteiligt sind, klären muss, ehe dann Institutionen, die mit einem legitimen Mandat ausgestattet sind, Entscheidungen treffen.</p>
<p>Nicht einigen konnte sich die WGIG jedoch über das Management der kritischen Internet Ressourcen, d. h. der Aufsicht über ICANN. Die vier im WGIG-Bericht aufgeführten Modelle reichten von der Belassung des Status Quo über einen Status Quo Minus (Abschaffung der Sonderrolle der US Regierung) und einem Status Quo Plus (Schaffung einer Public Private Partnership zwischen ICANN und eine neu zu gründen-den zwischenstaatlichen Gremium) bis zu einem Status Quo PlusPlus (einer neuen UN Regierungsorganisation). Bemerkenswert ist, dass sowohl die Definition als auch das IGF nahezu unverändert in die &#132;Tunis Agenda&#148; übernommen wurde, die im November 2005 von den Vertretern von mehr als 170 Regierungen &#150; darunter zahlreiche Staats-und Regierungschefs &#150; verabschiedet wurde.</p>
<p>Die universelle Akzeptanz des Multistakeholder Modells für das Management des Intemet bedeutete aber keineswegs, dass damit alle Konflikte beseitigt waren. Mit dem auch vom Tunis-Gipfel beschlossenen Prozess einer &#132;erweiterten Zusammenarbeit&#148; (enhanced cooperation) für Internet Governance hielten sich jene Regierungen, die eine internationale staatliche Aufsichtsbehörde über das Internet bevorzugt hatten, eine Tür offen, um zu gegebener Zeit darauf zurückzukommen.</p>
<h5>Multi&shy;sta&shy;ke&shy;holder Modell oder zwischen&shy;staat&shy;liche Regie&shy;rungs&shy;or&shy;ga&shy;ni&shy;sa&shy;tion?</h5>
<p>Zehn Jahre nach dem Beginn des UN Weltgipfels zur Informationsgesellschaft lassen sich nun zwei im Prinzip gegenläufige Tendenzen erkennen. Auf der einen Seite hat sich das Multistakeholder Internet Governance Modell weiterentwickelt und trotz aller Schwächen und Defizite, die zwangsläufig einem neuen und innovativen Mechanismus eigen sind, demonstriert, dass es ein funktionstüchtiges Politikmodell darstellt. Auf der anderen Seite gibt es eine große Anzahl von Staaten, die eine größere alleinständige Kontrolle der Regierungen über das Internet bevorzugen.</p>
<p>IGF und ICANN stehen für den Erfolg des Multistakeholder Modells. Das IGF wurde nicht zu der befürchteten neuen UN-Schwatzbude, sondern mauserte sich über die Jahre zu einem hochrangigen Jahrestreffpunkt, der aus dem Internet Governance Ecosystem nicht mehr wegzudenken ist. Das von einigen Regierungen als Schwäche empfundene beschränkte Mandat, nämlich keine Entscheidungskompetenz zu haben, hat sich als außerordentlich fruchtbar erwiesen, weil durch den Wegfall des Zwangs, am Ende einer Tagung ein Dokument unterschreiben zu müssen, eine offene und qualitativhochwertige Diskussion ermöglicht wurde bei der Minister, CEOs und Führer der technischen Community und der Zivilgesellschaft auf Augenhöhe miteinander über die großen Gegenwarts- und Zukunftsfragen des Internet diskutieren. Das IGF ist zu einem &#132;Frühwarnsystem&#148; geworden zur Erkennung neuer Internet-Probleme. Es ist zu einem Laboratorium geworden wo neue Politikformen ausprobiert werden (z. B. in Form der sogenannten Dynamischen Koalitionen). Und es ist auch eine Art Watchdog, ein kritischer Begleiter der genau verfolgt was die verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Internet-Gremien &#150; von der ITU und der WIPO über Google und Facebook zu ICANN und der IETF &#150; tun.</p>
<p>Auch ICANN hat das Multistakeholder Modell weiterentwickelt. Die US Regierung unter der Obama Administration hat schrittweise ICANN in eine neue Selbständigkeit entlassen. De jure besitzt sie heute nur noch die Aufsicht über den IANA Vertrag und hat das Recht, die Publikation von Zone Files für Top Level Domains im Internet Root zu autorisieren. Dabei muss angemerkt werden, dass diese Funktion auch das Ergebnis einer historischen Entwicklung des Internet ist, das dies nicht mit der Kontrolle über den &#132;roten Knopf&#8216; des Internet gleichzusetzen ist (denn das Internet hat keinen &#132;roten Knopf&#8216;) und das die US Regierung bislang diese Funktion nie einseitig politisch miss-braucht hat, selbst in kritischen Fällen wie der .xxx-Domain (die US Regierung hatte diese gTLD abgelehnt, da aber ICANN in einem offenen und transparenten Politikent-, wicklungsprozess, an dem alle Stakeholder beteiligt waren, diese Domain beschlossen hatte, hat die dafür zuständige National Telecommunication and Information Administration (NTIA) des US Department of Commerce die Autorisierung vorgenommen). Die Rolle der Zivilgesellschaft innerhalb ICANNs wurde durch den 1. Internet-Nutzer Gipfel in Mexico im Jahr 2009 gestärkt der dazu geführt hat, dass das At Large Advisory Committee (ALAC) jetzt einen stimmberechtigten Direktor in das ICANN Board entsenden kann. Und ICANN selbst hat insbesondere mit der Einführung von dem Sicherheitsstandard DNSSEC, von internationalen Domains (iDNs) und dem neuen gTLD Programm unter Beweis gestellt, dass das Multistakeholder Modell Ergebnisse produzieren kann, auch wenn im Detail viel kritisches angemerkt werden kann über ICANNs Arbeitsweise und die Implementierung seiner Beschlüsse.</p>
<p>Auf der anderen Seite sind nach wie vor viele Regierungen nicht mit dem bestehen-den Modell einverstanden, nicht zuletzt weil sie darin eine Einschränkung ihrer souveränen Entscheidungsgewalt sehen. Zunehmend gibt es daher Versuche, entweder komplementär oder alternativ zu ICANN und zum IGF Vorschläge zu lancieren, die letztendlich darauf hinauslaufen, das freie, offene und grenzenlose Internet zurück in nationale Grenzen einzusperren und damit auch kontrollier-und zensierbar zu machen. Die Gremien für solche Vorschläge sind die UN Vollversammlung und die ITU. In der UNO streben Russland und China einen Internet Code of Conduct für Regierungen an, Russland möchte eine internationale Konvention für Sicherheit im Cyberspace und die IBSA Länder (Indien, Brasilien und Südafrika) haben die Idee eines zwischenstaatlichen Intemetrates wiederbelebt. In der ITU sind es vor allem Russland, China, Iran, Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die die Regierungsverhandlungen zur Novellierung der Intemet Telecommunication Regulations (ITR), einem völkerrechtlichen Vertrag aus dem Jahr 1988, nutzen möchten, um die Hoheitsrechte von nationalen Regierungen über das Internet &#150; oder zumindest Teile davon wie die Kontrolle über die IP Adressen &#150; auszuweiten.</p>
<p>Es wäre aber zu einfach, den gegenwärtigen globalen Intemet Konflikt auf eine Auseinandersetzung zwischen dem Multistakeholder Internet Governance Modell und einer Regierungskontrolle über das Internet zu reduzieren. Selbst die USA, die EU und andere westliche Staaten, die prinzipiell das Multistakeholder Modell begrüßen, haben Schwierigkeiten es zu verinnerlichen, wenn es um konkrete politische Sachverhalte geht wie nationale Sicherheit, Urheberecht oder Datenschutz.</p>
<h5>Die wachsende Internet Governance Komplexit&auml;t</h5>
<p>Die Verlagerung von Entscheidungsmacht aus bekannten Machtzirkeln in unbekannte Netzwerke ist ein komplizierter Prozess der erstens noch völlig am Anfang steht, zweitens sehr komplexer Natur ist und bei dem es drittens keine klaren Frontlinien gibt. Es ist eben nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen Demokratien und Diktaturen, sondern auch eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Fraktionen innerhalb einer Regierung (auch innerhalb einer demokratischen Regierung), zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der Privatwirtschaft und auch innerhalb der Zivilgesellschaft. Der Weg zum &#132;rough consensus&#148; ist lang und je nach Gemengelage in einer konkreten Sachfrage formieren sich fluide Regenbogenkoalitionen, bei denen praktisch von Fall zu Fall operiert wird.</p>
<p>Niemand wird wiedersprechen, dass das gegenwärtig Internet Governance Modell weiter verbessert werden soll und muss. Es gibt aber eben sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie eine solche Verbesserung aussehen soll. Gute Absichten sind nicht hinreichend. Das Risiko ist hoch, dass die vorgeschlagenen politischen oder wirtschaftlichen Verbesserungen zur Ausmerzung von Schwächen im Internet zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen und massiven Kollateralschäden führen.</p>
<p>Regierungen behaupten, sie brauchen mehr Kontrolle zum Schutz der nationalen Sicherheit. Strafverfolger argumentieren, sie brauchen mehr Überwachung, um Internetkriminalität zu bekämpfen. Rechteinhaber argumentieren, sie brauchen mehr Regulierung, um Piraterie zu stoppen. Markeninhaber argumentieren, sie brauchen mehr Einschränkungen, um ihre Marken zu schützen. Zivilgesellschaft argumentiert die Notwendigkeit, individueller Rechte und Freiheiten zu stärken.</p>
<p>Jedes Argument hat seinen Wert. Aber der Wunsch, die Defizite des existierenden Internet loszuwerden kann schnell dazu führen, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird und am Ende das offene, freie und grenzenlose Internet geschlossen, zensiert und renationalisiert wird. Einen fairen Interessenausgleich zwischen alle Stakeholdern, zwischen Regierungen, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft, setzt hohe diplomatische Fähigkeiten bei allen Partnern voraus. Und daran mangelt es gegenwärtig noch erheblich.</p>
<p>Das Problem ist insofern sogar noch komplizierter, weil es nicht möglich ist, das Internet in verschiedene Teile zu schneiden. Es ist eine Welt und ein Internet und Änderungen unter A, B, C oder D haben Auswirkungen auf das Intemet als Ganzes. Insofemist das Multistakeholder Modell auch deshalb alternativlos, weil jede einseitige Maßnahme eines Stakeholders von den anderen Stakeholdem konterkariert oder ausgebremst werden kann.</p>
<p>Für diejenigen, die in den Kategorien klassischer Machtstrukturen denken, ist diese Situation verwirrend. Sie möchten eine Telefonnummer und einen Schalter für das globale Internet haben. Aber selbst wenn es diesen Schalter geben würde, würde denn eine Re-Zentralisierung, eine Re-Nationalisierung und eine Re-Regulierung zu einer Verbesserung des offenen, freien und grenzenlosen Internet führen?</p>
<p>&#8222;If it isn&#8217;t broken, don&#8217;t fix it&#8220; argumentiert seit Jahren Vint Cerf, einer der Vätei des Internet. Er hat Recht. Eine neutrale Analyse sagt uns, dass das Internet als Ganze; funktioniert. Es hat Schwächen und Risiken, und leider gibt das Internet nicht nur der kreativen und innovativen Gutmenschen gleiche Chancen sondern auch den Kriminellen, Hasspredigern und Terroristen. Natürlich muss man sich mit dem Missbrauch der Internetfreiheiten auseinandersetzen. Aber man muss auch erkennen, dass nicht das Internet die &#132;Quelle des Bösen&#148; ist, sondern dass das Intemet nur unsere Gesellschaft widerspiegelt. Man muss also sehr vorsichtig sein, wenn man politisch &#132;gegen das Internet&#148; vorgehen will. Ein Küchenmesser kann man für viele nützliche Sachen verwenden, man kann damit aber auch einen Menschen erstechen. Es wäre sicher Unfug, einer Kampf gegen Küchenmesser aufzunehmen. Das Internet &#132;abzuschalten&#148; oder es national zu kontrollieren würde keines der gesellschaftlichen Probleme lösen, die durch da; Internet nun ins öffentliche Rampenlicht geraten sind.</p>
<h5>Nach vorn stolpern</h5>
<p>Die gute Sache am Internet ist, dass niemand wirklich weiß, was genau als nächstes passieren wird. Vor zwanzig Jahren gab es keine Suchmaschinen; vor fünfzehn Jahrer gab es kein YouTube; vor zehn Jahren gab es keine sozialen Netzwerke. Und vor fiini Jahren hatten wir nur wenig Erfahrung mit cloud computing und dem Internet der Dinge. Wer weiß, was das Internet 2017 oder 2022 anbietet?<br />Bei der 41. ICANN Tagung im März 2011 in San Francisco beschrieb der ehemalig US-Präsident Bill Clinton Internet Governance als Prozess des &#8222;Vorwärtsstolperns&#8220; Stolpern ist nicht schlecht, sagte er, so lange es vorwärts geht.</p>
<p>Ein Schritt nach vorne wäre sicher, wenn die Internet-Community in den nächsten Jahren Antworten auf die folgenden drei Fragen finden würde:</p>
<ol>
<li>Wie kann man den Respekt und die Stärkung von Sicherheit, Eigentum, Freiheit und Privatsphäre bei Internet-Anwendungen in eine ausgewogene Balance bringen die legitime Interessen der verschiedenen politischen Systemen, verschiedenen Kulturen, Traditionen und historischen Erfahrungen berücksichtigt?</li>
<li>Wie entwickeln wir eine neue Beziehung zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen die nicht auf hierarchischer Über- oder Unterordnung basiert, sondern auf einer gegenseitigen Zusammenarbeit unter netzwerkartig erbundenen gleichberechtigten Partnern?</li>
<li>Wie verbinden wir die traditionellen Politikmechnismen nationaler und zwischenstaatlicher Regierungssysteme mit dem offenen, transparenten Diskussionsprozess von unten in einem Multistakeholder Mechanismus?</li>
</ol>
<p>Die Antworten auf diese drei Fragen werden stark variieren je nachdem, ob sie von Regierungen, der Privatwirtschaft, der Zivilgesellschaft oder der technischen Community kommen oder aus den USA, aus der EU, der arabischen Welt, aus China, Russland, Brasilien, Indien oder Afrika. Es gibt noch keinen Konsens in der Welt. Dennoch verwenden wir alle Tag für Tag das gleiche Internet. Es gibt also keine echte Alternative zum Bau von Brücken und zu einem konstruktiven Dialog. Aber es gibt auch keine schnelle Lösung.</p>
<p>Ein chinesisches Sprichwort sagt, dass der längste Marsch mit dem ersten kleinen Schritt beginnt. Der lange Marsch auf dem Internet-Weg in die Zukunft begann bereits vor Jahren. Nun haben wir die Chance, die nächsten kleinen Schritte zu machen. Und solange diese Stolperschritte vorwärts und nicht rückwärts gehen, ist das Internet noch nicht verloren.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/konstruktive-kohabitation-oder-konflikt-der-kulturen/">Konstruktive Kohabitation oder Konflikt der Kulturen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Datenschutz für die &#8222;nächste Gesellschaft&#8220;</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 17:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Neuregulierung im Spannungsverh&#228;ltnis von deutscher und europ&#228;ischer Rechtssetzung aus : Vorg&#228;nge Nr. 200 ( Heft 4/2012), S.67-73 Fieberhaft wird von allen Seiten eine Neubestimmung und Anpassung des Datenschutzes gefordert. Die Europ&#228;ische Kommission hat ein Konsultationsverfahren zur zentralen Datenschutzrichtlinie eingeleitet und setzt in diesen Prozess hohe Erwartungen. Doch beginnen wir mit einem Blick in die [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/datenschutz-fuer-die-naechste-gesellschaft/">Datenschutz für die &#8222;nächste Gesellschaft&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Neuregulierung im Spannungsverh&auml;ltnis von deutscher und europ&auml;ischer  Rechtssetzung</p>
<p>aus : Vorg&auml;nge  Nr. 200 ( Heft 4/2012), S.67-73</p>
<p>Fieberhaft wird von allen Seiten eine Neubestimmung und Anpassung des Datenschutzes gefordert. Die Europ&auml;ische Kommission hat ein Konsultationsverfahren zur zentralen Datenschutzrichtlinie eingeleitet und setzt in diesen Prozess hohe Erwartungen. Doch beginnen wir mit einem Blick in die j&uuml;ngere Geschichte: Es ist der 2.M&auml;rz 2010, der Tag, an dem die Entscheidung &uuml;ber die bis dato gr&ouml;&szlig;te Verfassungsbeschwerde terminiert ist. Sch&auml;tzungsweise wohl rund 20.000 Kl&auml;ger schauen wie gebannt auf alles, was mit dem Hashtag #VDS &uuml;ber Twitter gepostet wird, gleichzeitig &uuml;bertr&auml;gt Ph&ouml;nix live aus dem Gerichtssaal. Der wiederum ist bis auf den letzten Platz gef&uuml;llt. Selten hat eine Urteilsverk&uuml;ndung des obersten deutschen Gerichts solch eine Aufmerksamkeit erfahren.</p>
<h5>Die Quadratur des Kreises: Europ&auml;&shy;i&shy;scher Grund&shy;rechts&shy;schutz am Beispiel der Vorrats&shy;da&shy;ten&shy;spei&shy;che&shy;rung</h5>
<p>Das Bundesverfassungsgericht steht vor dem, was viele f&uuml;r eine ausgesprochen schwierige Aufgabe halten. Es muss sich des Eindruckes erwehren, dass im Rahmen des europ&auml;ischen Integrationsprozesses die Grundrechte auf dem Altar der europ&auml;ischen Vereinigung geopfert wurden. 1983 schrieb das Bundesverfassungsgericht noch, dass mit dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung &#8222;die Sammlung nicht anonymisierter Daten auf Vorrat zu unbestimmten oder noch nicht bestimmbaren Zwecken nicht zu vereinbaren&#8221; sei (BVerfG Volksz&auml;hlung, Rn. 181). Dies steht &#8211; zumindest scheinbar &#8212; im Widerspruch zur Richtlinie 2006/24/EG. Dort wird in Artikel 3 eine Einf&uuml;hrung einer &#8222;Vorratsdatenspeicherungspflicht&#8221; von den Mitgliedsstaaten verlangt, bei der zumindest Zweifel berechtigt erscheinen, ob sie den Anforderungen des Volksz&auml;hlungsurteils gen&uuml;gen kann. Zur Umsetzung dieser Vorratsdatenspeicherungspflicht ist Deutschland v&ouml;lkerrechtlich verpflichtet. Eine Nichtumsetzung berechtigt die Kommission, ein Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten und anschlie&szlig;end empfindliche Strafen zuverh&auml;ngen. Demgegen&uuml;ber ist das Bundesverfassungsgericht selbst jedoch ausschlie&szlig;lich der Verfassung, also dem deutschen Grundgesetz, verpflichtet.</p>
<p>Hierin liegt ein Kern des Problems, und der geht &uuml;ber das Risiko von Vertragsstrafen hinaus: Was ist, wenn Deutschland sich nach au&szlig;en zu etwas v&ouml;lkerrechtlich verpflichtet hat &#8212; in diesem Fall mit der Unterzeichnung der zahlreichen europ&auml;ischen Integrationsvertr&auml;ge von den R&ouml;mischen Vertr&auml;gen bis zum Lissabonvertrag &#8212; was es innerstaatlich gar nicht umsetzen darf? Die Frage ist f&uuml;r die Europ&auml;ische Union existentiell, denn wie kann, wie soll ein europ&auml;ischer Einigungsprozess funktionieren, wenn man sich nicht auf die Zusagen, die die Mitgliedsstaaten im Rahmen ihrer Vertr&auml;ge gemacht haben, verlassen kann?</p>
<p>Diese Frage hat das Bundesverfassungsgericht bereits vorher in mehreren Entscheidungen zu beantworten gehabt, um schlie&szlig;lich nach anf&auml;nglichem Z&ouml;gern eine Formel zu entwickeln, die alle Juristen auswendig lernen m&uuml;ssen: &#8222;Solange die Europ&auml;ische Gemeinschaft [&#8230;] einen wirksamen Schutz der Grundrechte gegen&uuml;ber der Hoheitsgewalt der Gemeinschaften generell gew&auml;hrleistet, der dem vom Grundgesetz als unabdingbar gebotenen Grundrechtsschutz im Wesentlichen gleich zu achten ist, [&#8230;] wird das BVerfG seine Gerichtsbarkeit [&#8230;] nicht mehr aus&uuml;ben und dieses (das Gemeinschaftsrecht, der Ver&pound;) Recht mithin nicht mehr am Ma&szlig;stab der Grundrechte &uuml;berpr&uuml;fen&#8221; (sog. Solange-II Entscheidung).</p>
<p>Dem Gedanken nach hat diese Entscheidung dann nach der Wiedervereinigung Ein-gang in den novellierten Artikel 23 des Grundgesetzes gefunden &#8212; allerdings ohne das wichtige W&ouml;rtchen &#8222;unabdingbar&#8221;. Angewendet auf die zugrunde liegende Situation k&ouml;nnte man hier zumindest zweierlei Fragen aufwerfen: Meint das Bundesverfassungsgericht tats&auml;chlich, dass der verfassungsgebende Gesetzgeber (also Bundestag und Bundesrat in Zweidrittelmehrheit) der Europ&auml;ischen Gemeinschaft gestatten wollte, bei Bedarf alle Grundrechte bis auf ihren so genannten Wesenskern zu reduzieren? Es ist wohl unwahrscheinlich, dass alle zustimmenden Abgeordneten und Landesregierungen im Bewusstsein dieser Interpretation der Grundgesetz&auml;nderung zugestimmt haben. Das kann also nicht gemeint sein.</p>
<p>Oder wollte das Gericht damit sagen, dass im Rahmen des europ&auml;ischen Integrationsprozesses ein insgesamt hoher Grundrechtsschutz erhalten bleiben muss, die konkrete Auspr&auml;gung im Einzelnen aber nicht unbedingt mehr dem Grundrechtsverst&auml;ndnis der Verfassung entsprechen muss. Letzteres w&auml;re ein guter Weg, der sich mit dem Bild der Quadratur des Kreises &#8212; in seinem mathematischen Sinne &#8212; illustrieren lie&szlig;e: F&uuml;r jedes nationale Grundrechtssystem steht ein Quadrat, das, um die Unterschiede in den Auspr&auml;gungen zu verdeutlichen, eine unterschiedliche Schr&auml;glage einnimmt. Wenn wir diese Quadrate &uuml;bereinander legen, wird ein Kreis erkennbar: der gemeinsame Grundrechtsbestand; die Kanten werden geschliffen. Aber das muss man wohl in Kauf nehmen, wenn man sich auf den Weg eines Einigungsprozesses begibt. Daf&uuml;r hat jedes Quadrat ein kleines Kreissegment gewonnen. Die Fl&auml;che des Kreises bleibt dieselbe wie die des Ursprungsquadrates: ein gleichwertiger Grundrechtsschutz ist gew&auml;hrleistet. Der Weg ist auch deswegen gut, weil er die Bundesregierung im Rahmen ihrer Mitgestaltungsm&ouml;glichkeiten im Europ&auml;ischen Rat deutlich dazu anhalten w&uuml;rde, peinlichst eine Erosion des Grundrechtsschutzes zu vermeiden. Es best&uuml;nde ein vern&uuml;nftiger Anreiz,das Auseinanderfallen verfassungsrechtlicher und europarechtlicher Anforderungen auszuschlie&szlig;en.</p>
<p>Aber dennoch gibt es selbst bei dieser Interpretation ein Problem: Auf beiden Ebenen, sowohl national wie auch europ&auml;isch, sind es n&auml;mlich die Regierungen, die das Heft in der Hand halten; oder mit den Worten des Bundesverfassungsgerichts: die Basis der demokratischen Legitimation. Was ist, wenn sich die Regierungen f&uuml;r jeden Grundrechtseingriff den Weg des geringeren Widerstandes aussuchen? Passt die Ma&szlig;nahme nicht auf nationaler Ebene, wird sie durch das europ&auml;ische System geschoben, und umgekehrt. Dann kommt insgesamt erkennbar ein reduzierter Grundrechtsschutz heraus.</p>
<p>In der Tat gibt es bei der Vorratsdatenspeicherung Anhaltspunkte daf&uuml;r, dass ein solch &#8212; man m&ouml;chte fast sagen &#8212; perfides Forumshopping stattgefunden hat. Daf&uuml;r spricht die geradezu winkeladvokatische Gesamtkonstruktion der Richtlinie. Deutlich wird dies an der zweifelhafte Kompetenzgrundlage, die trotz ihres klaren Schwerpunkts in der Strafverfolgung, eine Regelung zur F&ouml;rderung des gemeinsamen Marktes darstellen soll, wie der EuGH mit &uuml;berraschend sparsamer Begr&uuml;ndung best&auml;tigt hat. Vor dem Hintergrund dieses Vorgehens muss man eine Aush&ouml;hlung des Grundrechtsschutzes bef&uuml;rchten, die mit dem deutschen Grundgesetz nicht vereinbar ist. Nun, das Bundesverfassungsgericht hat sich diesen &Uuml;berlegungen &#8212; wie bekannt sein d&uuml;rfte &#8212; nicht angeschlossen.</p>
<h5>Bestim&shy;mungs&shy;schwie&shy;rig&shy;keiten bei der besonders hohen IT-Si&shy;cher&shy;heit und der Perso&shy;nen&shy;be&shy;zieh&shy;bar&shy;keit der Daten</h5>
<p>Man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren: Ein bisschen sieht es aus wie bei Queen &#8222;Mum&#8221;, als schlie&szlig;lich der Pr&auml;sident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-J&uuml;rgen Papier, vor sein &#8222;Volk&#8221; tritt. Es hofft, dass er &#8212; quasi als guter K&ouml;nig &#8212; in der Lage ist, die wildgewordene Regierung wieder zur Raison zu bringen.</p>
<p>Zun&auml;chst scheint sich diese Hoffnung auch zu erf&uuml;llen, denn das Gericht tenoriert: &#8222;Die &sect; 11 3a und 11 3b des Telekommunikationsgesetzes [&#8230;] versto&szlig;en gegen Artikel 10 Absatz 1 des Grundgesetzes und sind nichtig.&#8221; Die Vorratsdatenspeicherung ist gekippt. Nur die W&uuml;rde des hohen Gerichtes verbietet es einem Gro&szlig;teil der anwesenden &Ouml;ffentlichkeit, in Jubel auszubrechen oder wenigstens zu klatschen, als Papier diesen Satz verliest. Jubel w&auml;re allerdings auch verfehlt gewesen. Denn aus der dann folgenden Begr&uuml;ndung wird klar: Es gibt kein allgemeines, aus dem Grundgesetz abgeleitetes Prinzip, dass eine Speicherung auf Vorrat in der Form der Vorratsdatenspeicherung untersagt. Wir haben das Volksz&auml;hlungsurteil wohl falsch verstanden: Das, von dem viele dachten, dass es eine klare und gute Begrenzung des Gesetzgebers sei, ist ihm doch gestattet. Der Staat darf Daten auf Vorrat speichern (lassen). Allerdings darf er das nur unter Einhaltung strenger IT-Sicherheitsvorgaben, und genau das hat der Gesetzgeber nicht hinreichend beachtet.</p>
<p>Damit hat sich das Gericht zweifelsohne auf einen wichtigen Aspekt konzentriert. Die der IT inh&auml;rente Unsicherheit, die mit ihr verbundenen (Rest-)risiken, machen sie insbesondere mit zunehmendem Einsatz in kritischen Bereichen zu einer Risikotechnologie. Das bedeutet, dass vor dem Einsatz Risikoabsch&auml;tzungen durchgef&uuml;hrt werden m&uuml;ssen, die auch zu dem Ergebnis f&uuml;hren k&ouml;nnen, dass vom Einsatz der Technik abzusehen ist. Vor dem Hintergrund der &#8222;besonders hohen Anforderungen&#8221;, die das Gericht an die IT- Sicherheit bei der Vorratsdatenspeicherung gestellt hat, ist es durchaus zweifelhaft, ob es &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist, die Vorratsdatenspeicherung technisch so zu gestalten, dass sie verfassungskonform umgesetzt werden kann. Dies kann und soll hier aber nicht im Detail er&ouml;rtert werden.</p>
<p>Bei aller Wichtigkeit der IT- Sicherheit, den klassischen Datenschutz hat das Gericht nicht gest&auml;rkt. Mehr noch, schaut man sich die Abstimmung innerhalb des Bundesverfassungsgerichts selbst und die Minderheitenvoten an, so wird man feststellen, dass die Vorratsdatenspeicherung nur ganz knapp gekippt worden ist. Mit vier gegen vier Stimmen fiel die Entscheidung zugunsten der Nichtigkeit. Knapper geht es nicht. Nur weil die Nichtigkeit die grundgesetzliche Regelfolge der Verfassungswidrigkeit eines Gesetzes darstellt, reichte das Unentschieden aus.</p>
<p>Nun l&auml;sst die Nachbesetzung des Bundesverfassungsgerichts mit der Berliner Professorin, Susanne Baer, hoffen. Ihr Beitrag auf dem Netzpolitischen Kongress der Gr&uuml;nen Bundestagsfraktion Mitte November 2010 zeugte von einer angenehm aufgekl&auml;rten Unaufgeregtheit in Hinblick auf netzpolitische Fragestellungen. Wie auch insgesamt die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts oft erschreckende Zeugnisse netzpolitischer Inkompetenz des Gesetzgebers darstellen. Zwar ist Baer netzpolitisch bisher nur insoweit konkret geworden, als sie sich wohl ein Grundrecht auf digitale Teilhabe vor-stellen kann. Ihre Einsch&auml;tzungen zur Entwicklung des Datenschutzes blieben (zumindest im oben genannten Beitrag) im Dunklen. Einen weiteren Hinweis gab sie jedoch, denn sie stellte am Rande fest, dass die Dichotomie von &#8222;privat&#8221; und &#8222;&ouml;ffentlich&#8221; problematisch sei. &#8222;Stating the obvious&#8221; mag man dem entgegen rufen. Schlie&szlig;lich zeigt sich doch im Netz tagt&auml;glich, wie schwer die Grenzen zwischen diesen beiden Kategorien zu ziehen sind. Doch die Implikationen &#8212; gerade f&uuml;r den Datenschutz &#8212; sind immens, obschon sie im Datenschutzrecht schon st&auml;rker ber&uuml;cksichtigt werden, als es ihm oft nachgesagt wird. Dennoch: alte Formeln wie die bekannte Forderung, die der deutschen Version der Hackerethik entstammt: &#8222;Private Daten sch&uuml;tzen &#8212; &ouml;ffentliche Daten n&uuml;tzen!&#8221; sind nicht mehr so einfach anzuwenden.</p>
<p>Eine Problematik, die sich leider auch bei &#8222;Open Government Data&#8221;, der systematische Ver&ouml;ffentlichung von Datenbest&auml;nden der Verwaltungen, stellen wird. Denn nicht nur die Abgrenzung zwischen Privatem und &Ouml;ffentlichem wird feinsinniger; auch die Bestimmung dessen, was eigentlich personenbezogen ist und was nicht, ist oft kaum mehr zu treffen. Der Gesetzgeber hat im Bundesdatenschutzgesetz die Anwendbarkeit der Datenschutzregeln eben nicht nur f&uuml;r solche Daten vorgeschrieben, die offenkundig personenbezogen sind. Richtigerweise hat er das Datenschutzrecht auch auf solche Daten erstreckt, bei denen die blo&szlig;e M&ouml;glichkeit besteht, den Personenbezug herzustellen (Personenbeziehbarkeit). Nur so k&ouml;nnen die Regelungen auch F&auml;lle abdecken, in denen das Risiko der Zusammenf&uuml;hrung besteht. Die M&ouml;glichkeiten effektiver Zusammenf&uuml;hrung, der Verkettbarkeit oder De-Anonymisierung sind aber mit der zunehmenden Semantisierung (gemeint ist hier die Anreicherung mit durch den Computer interpretierba-ren Bedeutungen), den durch Moore&#8217;s law stetig steigenden Rechenkapazit&auml;ten und der immensen Zunahme verf&uuml;gbaren Datenmaterials ins Un&uuml;berschaubare angestiegen.</p>
<p>L&auml;ngst taugen die &uuml;berkommenen Verfahren des ehrw&uuml;rdigen Statistischen Bundesamtes zur Absicherung der Anonymit&auml;t der Statistiken nicht mehr. Ratlos scheint man dort vor der Aufgabe zu stehen, wie in Zukunft Daten anonymisiert ver&ouml;ffentlicht wer-den sollen. Bekannt ist diese Tatsache freilich schon lange. Es ist allerdings das Verdienst des US-amerikanischen Rechtsprofessors Paul Ohm, dass diese Erkenntnis auch auf der anderen Seite des Atlantiks zitierf&auml;hig geworden ist. Zu Recht hat er unl&auml;ngst vor allem auch f&uuml;r seine Arbeit zu den M&ouml;glichkeiten der De-Anonymisierung den Dieter-Meurer Preis f&uuml;r Rechtsinformatik erhalten.</p>
<h5>Kontex&shy;tu&shy;elle Integrit&auml;t auf dem Weg zur &bdquo;n&auml;chsten Gesell&shy;schaft&rdquo;</h5>
<p>Doch was sind denn nun die Kriterien, mit denen wir zuk&uuml;nftig beurteilen k&ouml;nnen, ob eine staatliche Ma&szlig;nahme oder eine private Datensammlung und -verarbeitung problematisch ist? Einen viel beachteten Ansatz stellt der von Helen Nissenbaum dar, die die Bedeutung der &#8222;kontextuellen Integrit&auml;t&#8221; hervorhebt. Stark vereinfacht: Die Verwendung von Daten muss in ihrem Kontext verbleiben. Werden sie aus dem Kontext gerissen, sind sie potentiell gef&auml;hrlich. Zur&uuml;ckf&uuml;hren kann man diese &Uuml;berlegung auf Niklas Luhmann, der im Rahmen der Systemtheorie von der Notwendigkeit der funktionalen Differenzierung in einer modernen Gesellschaft sprach. Der Mensch verh&auml;lt sich in unterschiedlichen Kontexten oder seinen unterschiedlichen Funktionen eben &#8230; unterschiedlich. Er bewegt sich in Systemen mit jeweils unterschiedlichen Regeln.</p>
<p>Die neuere Forschung zur Datenschutztechnologie hat, diesem Gedanken folgend, Systeme modernen Identit&auml;tsmanagements entwickelt. Sie sollen es dem Individuum erleichtern, diese kontextspezifischen &#8222;Teilidentit&auml;ten&#8221; (oder Personae) seiner selbst zu managen. Zu Ende gedacht m&uuml;ssten wir uns also eine Vielzahl von &#8222;<i>Personae</i> mit beschr&auml;nkter Haftung&#8221; zulegen, wie es eine internationale Unternehmensberatung vorschl&auml;gt.</p>
<p>Weniger einen soziologischen, sondern eher einen rechtsempirischen Zugang w&auml;hlt demgegen&uuml;ber Dan Solove. In seiner &#8222;Taxonomy of Privacy&#8221; entwickelt er aus zumeist kasuistischen Analysen, orientiert an F&auml;llen des amerikanischen Supreme Courts, insgesamt sechzehn Angriffsdimensionen auf die Privatheit, die er grob vier Oberkategorien zuordnet. Er zeigt damit die Vielfalt dessen, was wir unter dem Begriff von Privatheit als sch&uuml;tzenswert zusammenfassen. Er leistet aber auch gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zu dessen Systematisierung. Nur wenn wir unterscheiden zwischen beispielsweise dem Problem der &#8222;Appropriation&#8221;, also der Aneignung von Informationen anderer zur eigenen Verwertung, und dem der Exklusion, der Verweigerung, dem Betroffenen Auskunft &uuml;ber die von ihm gespeicherten Daten zu geben (und dem daraus folgenden Gef&uuml;hl der Verunsicherung), dann k&ouml;nnen wir auch die Risiken einzelner Sammlungen und Verarbeitungen bestimmen.</p>
<p>Beiden vorgenannten Ans&auml;tzen ist jedoch gemein, dass sie die Privatheit ins Zentrum der &Uuml;berlegungen und des Schutzes stellen. Das Konzept des &#8222;Datenschutzes&#8221; in der auch vom Verfassungsgericht vertretenen Form ist &#8211; bei aller Kritik am Begriff selbst &#8211; ein weitergehendes. Die Kl&auml;ger gegen die Vorratsdatenspeicherung und gegen ELENA haben l&auml;ngst erkannt, dass wir keine Beh&ouml;rden brauchen, um uns vor Paparazzieingriffen unserer Nachbarn zu sch&uuml;tzen. Das haben sie manchen, die sich in der Debatte um Google Streetview lautstark zu Wort gemeldet haben, voraus.</p>
<p>Die Frage des Datenschutzes ist eine nach den Macht(un)gleichgewichten in der Informationsgesellschaft. In der Diktion des Bundesverfassungsgerichts ist die informationelle Selbstbestimmung &#8222;Grundbedingung eines auf demokratische Mitbestimmung ausgerichteten Gemeinwesens&#8221;. Mehr noch, es geht um die Frage: Wer hat die Macht &uuml;ber die Daten? Wer kann mit ihnen arbeiten, das hei&szlig;t korrelieren, Prognosen treffen, Profile bilden, Einteilungen und Kategorisierungen vornehmen? Eine hochpolitische Angelegenheit. Die Brisanz wird deutlich, wenn wir uns den Gedanken des Systemtheoretikers Dirk Baecker zu eigen machen. Baecker sieht uns in einem Transitionsprozess in eine &#8222;n&auml;chste Gesellschaft&#8221;, der Computergesellschaft. Diesen Prozess setzt er gleich mit den Umw&auml;lzungen, die jeweils die Einf&uuml;hrung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks bewirkt haben. Auch wenn man eine gewisse Skepsis gegen&uuml;ber &Uuml;berh&ouml;hungen aktueller Ph&auml;nomene an den Tag legen sollte, da diese oft leicht der &Uuml;berh&ouml;hung der eigenen Existenz in der aktuellen Zeit dienen, ist der Gedanke verlockend. Der Ansatzpunkt, den Computer (sprich: Rechner) zum gesellschaftspr&auml;genden Paradigma zu erkl&auml;ren (&#8222;the difference that makes the difference&#8220;) ist schl&uuml;ssig. Denn durch ihn wird es m&ouml;glich, in nahezu unbegrenztem Umfang Daten zu verarbeiten (sprich: zu berechnen). Daraus folgt nach Baecker, dass der &Uuml;berschusssinn der &#8222;n&auml;chsten Gesellschaft&#8221; der der Kontrolle ist. Ultimativ geht es also auch um die Frage, wer wen kontrolliert.</p>
<p>John Gilmore schien in seiner Er&ouml;ffnungsrede auf dem 25c3, dem j&auml;hrlichen Gettogether des Chaos Computer Clubs, &uuml;berraschenderweise David Brins &#8222;Transparent Society&#8221; etwas Vision&auml;res abgewinnen zu wollen. Er machte dabei allerdings einen reichlich bekifften (sic!) Eindruck. Brins 1998 ver&ouml;ffentlichte Dystopie geht davon aus, dass der &Uuml;berwachungsstaat in der &#8222;Computergesellschaft&#8221; unvermeidlich sei und dass diesem Sachverhalt mit einer neuen Form der Offenheit und Toleranz zu begegnen sei. So sehr der Ruf nach mehr Offenheit und Toleranz stets unterst&uuml;tzt werden sollte, so wenig ist es meines Erachtens zwingend, dass die &#8222;Computergesellschaft&#8221; in die &Uuml;berwachungsgesellschaft f&uuml;hren (oder sie fortsetzen) muss. Will man die &#8222;n&auml;chste Gesellschaft&#8221; politisch gestalten und nicht jegliches politisches Handeln zugunsten einer fatalistischen Grundhaltung aufgeben, so muss man tats&auml;chlich eine transparentere Gesellschaft fordern. Aber nicht eine v&ouml;llige Transparenz aller Informationen &uuml;ber die Menschen, sondern eine weitgehende Transparenz &uuml;ber die Prozesse, mit denen diese Informationen verarbeitet werden, ist zu fordern.</p>
<p>Politisch besteht dann die Aufgabe darin, diese Verarbeitungen und Prozesse zu kontrollieren; zu entscheiden, welche Arten der Verarbeitung sinnvoll sind, und welche nicht. Dies zu erm&ouml;glichen, ohne sich dabei der Gefahr totaler oder gar totalit&auml;rer Medienkontrolle auszusetzen, wie es (der leider k&uuml;rzlich verstorbene) Andreas Pfitzmann f&uuml;r den Einsatz von DRM-Verfahren in diesem Bereich prognostiziert hat, ist die gro&szlig;e Herausforderung. Ein Teil der Antwort liegt auf der Hand: Es ist der Einsatz von quell-offener Software, die es erm&ouml;glicht, tief in die Verarbeitungsprozesse hineinzuschauen. Dieses &#8222;Recht auf Einsicht&#8221; (frei nach Jacques Derrida) gilt es neu gegen etwa den Schutz des Gesch&auml;ftsgeheimnisses abzuw&auml;gen.</p>
<h5>Verbot der Vorrats&shy;da&shy;ten&shy;spei&shy;che&shy;rung ins Grund&shy;ge&shy;setz?</h5>
<p>Es f&uuml;hrt kein Weg daran vorbei, das Politische im politischen Raum zu diskutieren und alle gr&ouml;&szlig;eren neuen Prozesse und Verarbeitungsm&ouml;glichkeiten einer politischen Bewertung im Sinne der Frage nach Machtimplikationen zu unterziehen. Bei der Bewertung k&ouml;nnen klare Grenzziehungen helfen. Ein Verbot von Vorratsdatenspeicherungen, zum Beispiel. Man wundert sich allerdings, warum niemand die tats&auml;chlich notwendige Konsequenz aus dem Urteil zur Vorratsdatenspeicherung gezogen hat: Wenn wir glauben, dass Yorratsdatenspeicherungen nicht erlaubt sein sollten, wenn wir glauben, dass Gesetze wie das eingangs erw&auml;hnte verfassungswidrig sein sollten, warum schreiben wir das nicht einfach in die Verfassung? Dar&uuml;ber nachzudenken, wie solche klaren Begrenzungen sinnvoll zu konstruieren sind, w&auml;re m&ouml;glicherweise endlich einmal ein konstruktiver Beitrag zum Thema &#8222;Datenschutz ins Grundgesetz&#8221;.</p>
<p>Es ist der Fluch und die Chance gr&ouml;&szlig;erer gesellschaftlicher Transitionsprozesse, dass man neue Grundregeln und Grundprinzipien entwickeln muss. Die Entscheidung zur Vorratsdatenspeicherung spricht daf&uuml;r, dass wir uns noch einmal grunds&auml;tzlicher auf die Suche begeben m&uuml;ssen. Dass die Novellierung der Datenschutzrichtlinie schon wird Antworten geben k&ouml;nnen ist bisher nicht zu erkennen.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Dirk Baecker 2007: Studien zur n&auml;chsten Gesellschaft<br />Susanne Baer 2010: Braucht das Grundgesetz ein Update? B&uuml;rgerrechte f&uuml;r das Internetzeitalter, Rede<br />auf dem Netzpolitischen Kongress der Bundestagsfraktion von B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen am<br />13.11.2010, online unter http;//www.gruenesblog.de/netzpolitik/13461susanne-baer-brauchtdas-<br />grundgesetz-ein-updateburgerrechte-fur-das-internetzeitalter<br />David Brin 1998, The transparent society, Auszug online unter httpa/www.wired.comlwired/archive/ 4,12/fftransparentpr.html<br />Chaos Computer Club (Hrsg.): hackerethics, online unter httpa/www.ccc.de/hackerethics.<br />John Gilmore 2009: &#8222;Nothing to hide?&#8221;, Vortrag auf dem 25. Chaos Communication Congress, in<br />Fragmenten verf&uuml;gbar unter httpa/mirror.informatik.uni-mannheim.de/pub/ccclstreamdumplsaall/<br />Tagl -Saal 1-SlotlO%3a00&#8211;Opening-INCOMPLETE.wmv<br />Helen Nissenbaum 2004: Privacy as Contextual Integrity, Washington Law Review Vo179, No. 1, Februar 2004, S.119&#8212;158, online unter httpa/www,nyu,edu/projectslnissenbaum/papers/washingtonlawreview.pdf<br />Paul Ohm 2009: Broken Promises of Privacy: Responding to the Surprising Failure of Anonymization, August 2009. University of Colorado Law Legal Studies; Research Paper Na. 09-12, online unter <a href="http://ssrn.com/abstract=1450006" target="_blank" rel="noopener">http://ssrn.com/abstract=1450006</a><br />Daniel J. Solove 2006: A Taxonomy of Privacy. University of Pennsylvania Law Review, Vol. 154, No. 3, S. 477ff. Januar 2006; GWU Law School Public Law; Research Paper No. 129, online unter httpa/ssrn.com/abstract=667622</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/datenschutz-fuer-die-naechste-gesellschaft/">Datenschutz für die &#8222;nächste Gesellschaft&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Big Data &#8211; eine neue Herausforderung für Datenschutz</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 17:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorg&#228;nge Nr. 200 ( Heft 4/2012), S.74-82 Das Marketing der IT-Industrie zielt auf das Setzen von Schwerpunktthemen. F&#252;r 2013 steht offenkundig Big Data auf der Tagesordnung, im Vorjahr waren es etwa das Cloud Computing oder das Smart Metering. Der gezielt geschaffene Hype (verstanden auch als &#252;berzogenes Versprechen) um bestimmte Technologien soll die Einf&#252;hrung und [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/big-data-eine-neue-herausforderung-fuer-datenschutz/">Big Data &#8211; eine neue Herausforderung für Datenschutz</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 200 ( Heft 4/2012), S.74-82</p>
<p>Das Marketing der IT-Industrie zielt auf das Setzen von Schwerpunktthemen. F&uuml;r 2013 steht offenkundig Big Data auf der Tagesordnung, im Vorjahr waren es etwa das Cloud Computing oder das Smart Metering. Der gezielt geschaffene Hype (verstanden auch als &uuml;berzogenes Versprechen) um bestimmte Technologien soll die Einf&uuml;hrung und Akzeptanz am Markt befeuern. Bei Big Data handelt es sich dabei um eine sog. Hope-, Hype- and Fear- Technologie[1], bei der zum Teil spekulative Erwartungen[2], aber zugleich auch Bef&uuml;rchtungen und die damit einhergehende Kommunikation interessierter Kreise den Blick auf das Ph&auml;nomen eher vernebeln als erhellen und gleichwohl gro&szlig;en Einfluss auf Entscheidungen wie z. B. Forschungsf&ouml;rderung etc, aus&uuml;ben k&ouml;nnen. Solche Technologiedebatten sind oft gekennzeichnet durch verk&uuml;rzende Darstellungen von Ambivalenzen der Technik, Unklarheiten bei der Definition und Abgrenzung des Ph&auml;nomens selbst, Technikdeterminismus und Intransparenz durch verdeckte Interessen.[3]</p>
<p>Vorratsdatenspeicherung, Drohnen, Biometrie, digitale Innenstadttotal&uuml;berwachungen (INDECT, Real Time Crime Center Manhattan, New York), aber auch das sensorengest&uuml;tzte &#8222;Internet der Dinge&#8221; u. a. mittels RfiD-Chips, Energiedaten aus Smart Grids und Cloud Computing sind Beispiele f&uuml;r sich weiter abzeichnende technische Interventionen, sowohl bei komplexen gesellschaftlichen Problemen wie z. B. der &#8222;Kriminalit&auml;tspr&auml;vention&#8221; als auch schlicht zur Steigerung der Ertr&auml;ge von Unternehmen. Diese Anwendungen produzieren rein quantitativ betrachtet gro&szlig;e Datenmengen (Big Data). Doch auch bereits laufende Infrastrukturen wie moderne Mobilfunknetze mit ihren Millionen Smartphonenutzern, Soziale Netzwerke und nat&uuml;rlich die Infrastruktur des Internet selbst produzieren allein schon gigantische Mengen maschinenerzeugter Kontextdaten f&uuml;r jeden Vorgang und inhaltlich unstrukturierte Einzeldaten, die zumeist in keine Kundendatenbank passen .[4] Das Gros dieser Daten unterliegt allein der Nutzung zu den jeweiligen prim&auml;ren Zwecken wie etwa der Bereitstellung bestimmter Dienste. Man ist deshalb bereits fr&uuml;h auf die Idee gekommen, zus&auml;tzlichen &ouml;konomischen Nutzen aus den einmal vorliegenden Daten zu ziehen.</p>
<h5>Was ist und wie neu ist Big Data?</h5>
<p>In der Wahrnehmung des gr&ouml;&szlig;ten bundesdeutschen Verbandes der IT-Industrie BIT-K&Ouml;M definiert man Big Data so: &#8222;Big Data (als Trend) bezeichnet die wirtschaftlich sinnvolle Gewinnung und Nutzung entscheidungsrelevanter Erkenntnisse aus qualitativ vielf&auml;ltigen und unterschiedlich strukturierten Informationen, die einem schnellen Wandel unterliegen und in bisher ungekanntem Umfang anfallen.&#8220;[5] Der Begriff Big Data verunklart eher die zumeist unter dem Begriff tats&auml;chlich angebotenen technischen L&ouml;sungen. Denn es geht dabei nicht allein um Bew&auml;ltigung von Quantit&auml;t, sondern auch und vor allem, und das scheint den Innovationsgehalt auszumachen, um die technisch aufw&auml;ndige Auswertbarkeit ganz unterschiedlich strukturierter Datenbest&auml;nde f&uuml;r die gebiets&uuml;bergreifende Datenanalyse. Zeit spielt beim Versprechen Big Data eine kritische Rolle. Schnelligkeit rechtfertigt den Umstieg auf die neuen L&ouml;sungen. Zahlreiche Anwendungsbeispiele betreffen deshalb Echtzeit-Analysen von laufenden Datenstr&ouml;men.</p>
<p>Ansonsten kn&uuml;pft Big Data aber mehr oder weniger nahtlos an bereits bestehende Konzepte des Data Warehouse und des sog. Data Mining an, die allerdings die vorgehende Zusammenf&uuml;hrung und Aufbereitung strukturierter Datenbest&auml;nde voraussetzen. Ziel auch von Big Data-Datenanalysen ist es, wie beim Data Mining auf der Grundlage von Abgleichen zwischen zu ganz unterschiedlichen Zwecken erhobenen Datenbest&auml;nden statistisch relevante Korrelationen und damit verwertbare Strukturinformationen zu erhalten. Im Kontext von Unternehmen etwa bedeutet das schlicht: Handlungsempfehlungen und Vorhersagen auf der Grundlage von Zahlen, am besten in Echtzeit, zum Beispiel: wie gef&auml;llt den Kunden das neu auf den Markt geworfene Produkt X? Muss interveniert werden, um den Erfolg zu sichern, wenn ja, wie? Wenn dabei zus&auml;tzlich Daten sozialer Netzwerke angezapft werden, bezeichnet man das als die Einbeziehung &#8222;von Au&szlig;enansichten&#8221; in Unternehmensentscheidungen[6], ganz so, als ob diese Unternehmen vormals keinerlei &#8222;Realit&auml;tskontakt&#8221; gehabt h&auml;tten. Ein weniger kontroverses, weil nicht personenbezogenes Beispiel mag die Datenanalyse des weltgr&ouml;&szlig;ten Windradherstellers Vestas sein, der auf der Grundlage unterschiedlichster, aufw&auml;ndiger Zusammenf&uuml;hrung von Informationsquellen die m&ouml;glichen Ertr&auml;ge eines Windradstandortes prognostiziert.[7]</p>
<p>Drei Vorf&auml;lle des zur&uuml;ckliegenden Jahres hatten hinreichend deutlich werden lassen, welche Ver&auml;nderungen sich mit dem Namen Big Data verbinden k&ouml;nnen, aber auch welches Konfliktpotential in dieser Entwicklung steckt. Zum einen war dies der Miniskandal um die angedachte Auswertung sozialer Netzwerke durch die SCHUFA. Die gr&ouml;&szlig;te bundesdeutsche Auskunftei hatte Informatiker von der Uni Potsdam damit beauf tragt zu pr&uuml;fen, welches Potential in der Auswertung der Daten sozialer Netzwerke f&uuml;r die Bonit&auml;tspr&uuml;fung stecken k&ouml;nnte. Die &ouml;ffentliche Kritik an dieser Forschung fiel bei Bekanntwerden jedoch so heftig aus, dass die SCHUFA innerhalb k&uuml;rzester Zeit die Rei&szlig;leine ziehen musste und das Projekt beendete.[8] &Auml;hnlich erging es dem Telekommunikationsanbieter Telefonica, der angek&uuml;ndigt hatte, mittels Big Data den finanziellen Nutzen der eigenen Datenbest&auml;nde, offenbar also vor allem der dem Fernmeldegeheimnis unterfallenden Standort- und Verkehrsdaten ausloten zu wollen. Als selbst Teile der Bundesregierung dagegen Bedenken anmeldete, ruderte man (zun&auml;chst) zur&uuml;ck.[9] Und schlie&szlig;lich musste selbst der notorisch unbelehrbare Zuckerberg sein Facebook f&uuml;r den europ&auml;ischen Markt zumindest modifizieren: die zuvor bereits allgemein aktivierte Gesichtserkennungssoftware zur Erfassung hochgeladener Bilder wurde auf Druck u. a. der EU-Kommission nach Angaben des Unternehmens &#8211; vorerst &#8211; standardm&auml;&szlig;ig wieder ausgeschaltet.[10]</p>
<p>Als typische Beispiele f&uuml;r Anwendungsm&ouml;glichkeiten von Big Data werden u. a. Verkehrsdaten der Telekommunikation, aber auch Logdateidaten von Webseiten, RFiDProtokolldaten, Verbrauchsdaten im Energiesektor sowie &Uuml;berweisungsdaten von Banken genannt. Gerade diese im Rahmen von bislang mehr oder weniger eindeutig zweck-gebundenen Prozessen anfallenden Daten sollen nun f&uuml;r weitere Zwecke verf&uuml;gbar gemacht und kommerziell verwertet werden. Dabei weisen gerade diese Daten mindestens mittelbar auf das konkrete Verhalten eindeutig bestimmbarer Personen, Haushalte oder Personengruppen zur&uuml;ck, sie z&auml;hlen damit regelm&auml;&szlig;ig zu den personenbeziehbaren Daten im Sinne der Datenschutzgesetze und unterfallen damit dem Anwendungsbereich dieser Gesetze. Die bekannten Beispielsf&auml;lle deuten oftmals nur an, was tats&auml;chlich m&ouml;glich wird, und Anwender wollen teilweise anonym bleiben.[11]</p>
<p>Forschung nutzt Big Data in Einzelf&auml;llen ebenfalls bereits: Ein Team der Harvard-Universit&auml;t hat offenbar in Zusammenarbeit mit kenianischen Mobilfunkprovidem Bewegungsprofile von Millionen Kenianern f&uuml;r einen bestimmten Zeitraum erstellt. Die Ergebnisse wurden mit Karten &uuml;ber die Ausbreitung der Malaria abgeglichen mit dem Ergebnis, dass nun menschliche Anteile bei der Ausbreitung als nachgewiesen gelten. Gerade das letztgenannte Beispiel macht klar: selbstverst&auml;ndlich sind au&szlig;erordentlich wertvolle Anwendungen denkbar, die unter dem Namen Big Data in Zukunft erfolgen k&ouml;nnten. Gleichzeitig wird deutlich, dass auch hier angesichts der mit der individuellen Profilbildung der B&uuml;rger einhergehenden Risiken massive ethische wie rechtliche Fragen aufgeworfen werden.</p>
<h5>Was ist vom Erkennt&shy;nis&shy;wert von Big Data zu halten?</h5>
<p>Selbst wenn mit dem Hype um Big Data schon das Ende der Wissenschaft beschworen wird[12]; die durch statistische Verfahren ermittelbaren Korrelationen treffen grunds&auml;tzlich andere Aussagen &uuml;ber die Wirklichkeit als kausal angelegte Argumentationen. Die Reichweite ihrer Verwertbarkeit scheint damit begrenzt. Und die Erm&ouml;glichung der Auswertbarkeit von zu unterschiedlichen Zwecken erfassten und auf unterschiedliche Weise strukturierten bis unstrukturierten Daten gestaltet sich schon IT-technisch &auml;u&szlig;erst komplex und aufw&auml;ndig. Der entscheidende Schritt der Auswertung selbst schlie&szlig;lich muss auf herk&ouml;mmliche Art und Weise erarbeitet werden, insbesondere muss die Fragerichtung und die anschlie&szlig;ende Einordnung und Bewertung der Ergebnisse innerhalb vorhandener Prozesse gekl&auml;rt werden. Es bleibt dabei: Technikeinsatz erfolgt in komplexen sozialen Systemen.[13] Erst deren Ausgestaltung entscheidet insgesamt &uuml;ber den Erfolg der verwendeten Technik. Hier d&uuml;rften auch weiterhin, verbunden mit finanziellen Fragen, die gr&ouml;&szlig;ten Umsetzungsschwierigkeiten f&uuml;r Anwender liegen, die insgesamt noch verhalten auf den Hype um Big Data reagieren.[14]</p>
<p>Sollen mittels Big Data &uuml;ber die blo&szlig; zusammenf&uuml;hrende Datenverarbeitung hinaus auch noch sozial verwertbare, wom&ouml;glich gar im wissenschaftlichen Sinn reliable und valide Informationen abgeleitet werden, bedarf es erheblicher zus&auml;tzlicher Anstrengungen, die nicht mittels IT-Technik allein zu bew&auml;ltigen sind. Auch handelt es sich im Sinne der Statistik oftmals nicht um verwertbare Daten, weil es ihnen an Genauigkeit mangelt.[15] Insbesondere geht entsprechenden wissenschaftlichen quantitativen oder qualitativen empirischen Untersuchungen die Theoriebildung voraus. Problematisch er-scheint dabei, dass die weit &uuml;berwiegende Anzahl der verwendeten Daten von vornherein aus Prozessen stammen, die fiir ganz andere Zwecke aufgesetzt wurden und damit bereits auf dieser Ebene eine spezifische Selektivit&auml;t der &#8222;Realit&auml;tserfassung&#8221; vorliegt. Diese wird verst&auml;rkt durch die bei Big Data explizit so gewollte rein technische Zusammenf&uuml;llrung g&auml;nzlich heterogener Datenbest&auml;nde und die damit verbundene Begrenzung der Erhebungsmethoden. Diese Ausgangslage setzt der Verwertbarkeit von Big Data im Hinblick auf sozialwissenschaftliche Fragestellungen deutliche Grenzen. Begrenzt ist damit allerdings auch das Wohlfahrtsargument der Big Data-Bef&uuml;rworter: hinreichend komplexe Aussagen &uuml;ber &#8222;Wirklichkeit&#8221; wie etwa komplexe gesellschaftliche Abl&auml;ufe setzen einfach mehr voraus als schiere Quantit&auml;t und werden auch in Zukunft aufw&auml;ndiger gestaltet sein. Damit muss nicht ausgeschlossen werden, dass wir m&ouml;glicherweise dank Big Data mit einer zunehmenden Kultur der (blo&szlig;en) Korrelationsargumentation zu rechnen haben, die sich &uuml;ber bestehende Erwartungen hinsichtlich kausaler Argumentation und damit auch &uuml;ber herk&ouml;mmliche wissenschaftliche Begr&uuml;ndungsmuster hinwegsetzen wird. Allerdings wird sich diese stets dem Einwand ihrer begrenzten Aussagekraft ausgesetzt sehen.</p>
<p>Deutlich wird hingegen, dass Big Data-Konzepte Ausdruck einer Methodik sind, wie sie in der Wirtschaftsinformatik bereits l&auml;nger Anwendung findet und in erster Linie auf die praktische Anwendung in betriebswirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen abzielt. Die begrenzt verwertbaren Aussagen k&ouml;nnen, etwa in Form von Tendenzaussagen und statistisch unterlegten Vermutungen in bestimmten Entscheidungsprozessen m&ouml;glicherweise durchaus Mehrwerte bieten. Sie zielen mehr auf die effiziente Verwaltung von Risiken angesichts einer F&uuml;lle von Daten als auf Erkenntnis an sich.</p>
<h5>Big Data und Datenschutz</h5>
<p>Big Data deutet darauf hin, dass das mittlerweile erreichte Ausma&szlig; auch der personenbeziehbaren Datenerfassung mit dem Ideal einer der Gr&uuml;nderv&auml;ter des Datenschutzes Spiros Simitis, der so gepriesenen &#8222;Datenaskese&#8221;, nicht mehr zusammen zu bringen ist. Das blanke Gegenteil ist der Fall. Ein gros der heute oftmals erhobenen Daten f&auml;llt zu-dem automatisiert an und erf&uuml;llt bei den verantwortlichen Stellen, au&szlig;er der prim&auml;ren Nutzung, ansonsten keinerlei Funktion. Aus dieser datenschutzrechtlich an sich eindeutig auf die Pflicht der L&ouml;schung verweisenden Situation macht die IT-Industrie eine Tugend und verspricht das Heben eines verborgenen Schatzes von Antworten aus dem Daten-Durcheinander. Genau an der ldee von Big Data wird das angesichts mehrerer potcom-Blasen etwas aufgesetzt begeistert wirkende Marketinggeklingel von Daten als dem &#8222;&Ouml;l des 21. Jahrhunderts&#8221; nachvollziehbar.</p>
<p>Das Versprechen Big Data geht allerdings mit zentralen Prinzipien des Datenschutzes nicht konform. Denn es suggeriert zuk&uuml;nftig Datenverarbeitern, getreu dem Motto &#8222;wer wei&szlig;, wozu es gut sein wird&#8221;, dass es im Hinblick auf etwaige sp&auml;tere Auswertungsm&ouml;glichkeiten geradezu &ouml;konomisch falsch w&auml;re, die einmal erfassten Daten wieder zu l&ouml;schen, zu unterschiedlichen Zwecken getrennt zu verarbeiten oder, noch davorliegend, &uuml;berhaupt begrenzende Festlegungen hinsichtlich der zu erhebenden Daten selbst vorzunehmen. Selbstverst&auml;ndlich hat es solche &Uuml;berlegungen auch in anderen Zusammenh&auml;ngen immer schon gegeben. Mit dem Konzept von Big Data aber versch&auml;rft sich dieser Interessengegensatz deutlich. Wenn im Kern zahlreiche Anwendungen von Big Data die noch umfassendere Bildung von computergenerierten Verhaltens-, Pers&ouml;nlichkeits- oder Bewegungsprofilen zum Ziel haben, verst&auml;rkt dies den Druck auf die davon Betroffenen. Mehr Entscheidungsprozesse werden aufgrund der Bewertung der Zugeh&ouml;rigkeit zu einer statistisch relevanten Vergleichsgruppe und den f&uuml;r diese Gruppe festgelegten Annahmen getroffen werden. Bei dieser auch und gerade gruppenspezifischen Diskriminierung dr&auml;ngen sich aus rechtlicher Sicht Fragen m&ouml;glicher ungerechtfertigter Ungleichbehandlung auf. Hier wird erkennbar, dass &uuml;ber die Zielsetzung des Datenschutzes hinaus weitere wichtige auf Ausgleich abzielende Gemeinwohlinteressen ber&uuml;hrt sein k&ouml;nnen.[16]</p>
<p>Eines der Ziele des Datenschutzes besteht darin, Technikeinsatz menschengerecht zu gestalten. Das bedeutet im demokratischen Rechtsstaat Transparenz und Gestaltbarkeit der Technik sowie die Gew&auml;hrleistung der Rechte der Betroffenen. Soweit Big Data keine personenbezogenen oder personenbeziehbaren Datenbest&auml;nde umfasst, m&ouml;gen Datenschutzfragen im herk&ouml;mmlichen Sinne keine Rolle spielen. Gleichwohl werden auch dann Fragen der Informationsordnung ber&uuml;hrt, wie sie bereits angedeutet wurden: in welchen Institutionen und Entscheidungsverfahren erscheint es gesellschaftlich w&uuml;nschenswert, die geschilderte spezifische Selektivit&auml;t von Big Data-Verfahren anzuwenden?</p>
<p>Doch in den allermeisten gegenw&auml;rtig diskutierten Anwendungsbeispielen geht es gerade um die Auswertung zumindest personenbeziehbarer Datenbest&auml;nde. Denn stets drehen sich diese Anwendungen um das Verhalten von Menschen. Mal sollen Kaufvorlieben vorhergesagt, mal das Risiko der fehlenden R&uuml;ckzahlung eines Kredites (kreditorisches Ausfallrisiko), mal das Risiko des kriminellen Verhaltens evaluiert werden, oder es soll die M&ouml;glichkeit des Aufsp&uuml;rens eines Straft&auml;ters sichergestellt werden. Dass f&uuml;r Big-Data-Auswertungen dabei wom&ouml;glich Klarnamen oder auch andere identifizierende Merkmale weggelassen werden (Pseudonymisierungen) und das Erkenntnisinteresse der Datenverarbeiter von vornherein nicht auf einzelne Personen, sondern auf aggregierte Datenbest&auml;nde und allgemeinere Aussagen abzielt, &auml;ndert an der grunds&auml;tzlichen Anwendbarkeit der Datenschutzgesetze nichts. Denn zum einen sind auch weitgehend pseudonymisierte Datenbest&auml;nde in aller Regel auf einfache Weise re-personalisierbar. Die entsprechenden grundlegenden Untersuchungen dazu erfolgten bereits vor Jahrzehnten. Folglich h&auml;tte der Hack eines unzureichend gesicherten, blo&szlig; pseudonymisiert vorgehaltenen Big-Data-Datenbestandes genau so schwere Folgen f&uuml;r die betroffenen Einzelnen wie sonst auch, nur mit einer erheblich gr&ouml;&szlig;eren Anzahl von Betroffenen. Zum anderen haben auch die zun&auml;chst auf gr&ouml;&szlig;ere Gruppen und statistisch relevante Gr&ouml;&szlig;en abzielenden Auswertungen sp&auml;testens dann ganz konkrete Auswirkungen auf einzelne Betroffene, wenn diese den ermittelten Risikogruppen zugeordnet und den damit angeordneten Folgen unterliegen oder eben auch nicht (Unterbreitung einer Werbung oder eines Vertragsangebots; Angebot verg&uuml;nstigter Konditionen; K&uuml;ndigung des Vertrages; Nichtaufnahme einer Vertragsbeziehung usw.). Im staatlichen Bereich stellt sich dies grunds&auml;tzlich mit anderen, oftmals gravierenderen Handlungsfolgen dar, wenn auch nicht pauschal mit einer h&ouml;her zu bewertenden Grundrechtsintensit&auml;t.</p>
<p>Der Datenschutz stellt in seiner bisherigen gesetzlichen Konzeption deutlich auf den Schutz des Individuums als Grundrechtstr&auml;ger ab. Ziel ist es danach, m&ouml;gliche entstehende Nachteile durch die Verarbeitung der die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger betreffenden Daten und Informationen m&ouml;glichst fr&uuml;hzeitig und umfassend zu verhindern. Big Data mit der je nach Anwendungsfeld eigenen Mischung aus verst&auml;rkter, wenn auch nicht unbedingt physikalischer, sondern der vernetzten Zusammenf&uuml;hrung von unterschiedlichen Datenbest&auml;nden und deren Auswertbarkeit verst&auml;rkt den aufgrund technischer wie gesellschaftlicher Entwicklungen zentralen Prinzipien bereits bestehenden Druck auf zentrale Prinzipien des Datenschutzes. Dies gilt sowohl f&uuml;r den &ouml;ffentlichen als auch nicht&ouml;ffentlichen Bereich. Allerdings d&uuml;rfte der &ouml;ffentliche Sektor sowohl aufgrund langfristig finanziell klammer Lage (auch im Sicherheitsbereich) als auch einer recht ausdifferenzierten Verfassungsrechtsprechung weniger im Vordergrund stehen als die Privatwirtschaft.[17]</p>
<p>Wie bereits erw&auml;hnt, wird es f&uuml;r Datenverarbeiter mit Blick auf die Versprechen der Big-Data-Anbieter noch weniger verst&auml;ndlich werden, weshalb &uuml;berhaupt und vorab eine m&ouml;glichst konkrete Festlegung hinsichtlich des Zweckes einer Datenverarbeitung erfolgen sollte. Schlie&szlig;lich kann ja erst am Ende gesagt werden, ob nicht doch wichtiger Zusatznutzen aus den Datenbest&auml;nden zu ziehen war. Der mit dem Grundsatz der Zweckfestlegung eng verbundene Grundsatz der Erforderlichkeit, mit dem eine weitere Strukturierung und Begrenzung der Verwendungszusammenh&auml;nge personenbezogener Daten mit Blick auf die jeweilige Sachaufgabe erfolgen soll, kann dann nur eine geringere steuernde Wirkung entfalten. Auch die mit Zweckfestlegung und Erforderlichkeit zusammen begr&uuml;ndeten L&ouml;schpflichten f&uuml;r bestehende Daten d&uuml;rften in vielen F&auml;llen unter Verweis auf die mit Big-Data Instrumenten m&ouml;glichen Auswertungen auch scheinbar nicht erforderlicher Datenbest&auml;nde eher schwieriger durchsetzbar werden.</p>
<p>M&ouml;gliche absolute Grenzen von Big Data-Auswertungen k&ouml;nnen zum einen in der Art der ausgewerteten Datenbest&auml;nde selbst als auch in der Verdichtung der entstehenden Pers&ouml;nlichkeits- und Verhaltensprofile liegen. Die Emp&ouml;rung &uuml;ber die geplante Telefonica-Datenauswertung weist insoweit in die Richtung des ersten Falles, als zumindest Verkehrsdaten wie auch Inhaltsdaten unstreitig dem Fernmeldegeheimnis und damit auch einer engeren Zweckbestimmung unterliegen als andere Daten. Die mit Big-Data-Verarbeitungen zumeist verbundene, rechtfertigungsbed&uuml;rftige Zweck&auml;nderung kann m&ouml;glicherweise nur aufgrund konkreter gesetzlicher Erm&auml;chtigungen ge&ouml;ffnet werden. Ein Beispiel f&uuml;r die kritische Verdichtung von Profilen k&ouml;nnen Auswertungen von Sozialen Netzwerken bilden, selbst wenn diese als allgemein &#8222;&ouml;ffentlich zug&auml;nglich&#8221; wahrgenommen werden. Die unter Berufung auf die &Ouml;ffentlichkeit von Datenbest&auml;nden beanspruchte Privilegierung bei der rechtlichen Bewertung der Datenverarbeitung verkennt insoweit die entstandene Vielfalt ganz unterschiedlicher &Ouml;ffentlichkeiten und die jeweils damit verbundenen, generalisierbaren Erwartungen der Betroffenen. Hier muss der Gesetzgeber konkret nachbessern.</p>
<p>Eine erneute Betrachtung verdient angesichts von Big Data der Grundsatz der Richtigkeit der Daten. In dem Umfang, wie Profile von Verbrauchern/B&uuml;rgern mit vage bleibenden Korrelationsfaktoren angereichert werden, die zudem angesichts zunehmend selbstlernender Algorithmen kaum mehr n&auml;her erl&auml;utert werden k&ouml;nnen, entstehen hochselektive und nicht mehr rekonstruierbare Bilder von Personen.<br />Im Vordergrund der datenschutzrechtlichen Bewertung muss wie gesagt auch stehen, dass mit Big Data eine Verst&auml;rkung der im Zusammenhang mit der Data Warehouse/Data Mining-Debatte bereits bekannten Zuordnung von Einzelnen zu statistisch ermittelten Gruppen erfolgt und damit in den unterschiedlichsten Entscheidungsprozessen einseitig eine Bewertung der Betroffenen &uuml;ber ihre Gruppenzugeh&ouml;rigkeit erfolgt. Wenn &uuml;ber diese Zuschreibungen benachteiligende Festlegungen erfolgen, sind weit &uuml;ber den Einzelfall hinaus Gemeinwohlinteressen ber&uuml;hrt. Es fragt sich, ob die bislang bestehenden gesetzlichen Vorgaben speziell f&uuml;r das sog. Kreditscoring mit der Festlegung der manuellen Letztbearbeitung und -entscheidung durch tats&auml;chliche Personen ausreichen, um hier weitreichende automatisierte Entscheidungsprozesse zum Nachteil der B&uuml;rger zu verhindern.</p>
<p>Diese wie auch die weiteren offenen Datenschutzfragen lassen sich nur dann &uuml;ber-zeugend l&ouml;sen, wenn Big-Data-Anwendungen f&uuml;r personenbeziehbare Datenbest&auml;nde mit verl&auml;sslichen, d. h. grunds&auml;tzlich nachvollziehbaren und unabh&auml;ngig gepr&uuml;ften Anonymisierungsverfahren durchgef&uuml;hrt werden.[18]</p>
<h5>Big Data und die EU-Da&shy;ten&shy;schutz&shy;re&shy;form</h5>
<p>Die Antwort des Datenschutzes auf diese Entwicklungen entscheidet sich derzeit vorrangig auf europ&auml;ischer Ebene in der Debatte um die EU-Datenschutzreform. Der ambitionierte Vorschlag der EU Kommission erf&auml;hrt zurzeit eine umfassende Erg&auml;nzung und &Auml;nderung durch das EU-Parlament. Bei aller Vorl&auml;ufigkeit dieser voraussichtlich noch einige Zeit andauernden Reformdebatte deuten komplexe Big Data-Anwendungen an, worauf es ankommen sollte. Zum einen kann angesichts der k&uuml;nftigen Ubiquit&auml;t auch solcher Techniken wie Big Data Datenschutz nur mit pr&auml;ventiver Zielrichtung effektiv bleiben. Es bleibt deshalb richtig, auf eine Vorverlagerung des Schutzes in die Technik-ebene selbst zu dringen. Was das konkret f&uuml;r Big Data hei&szlig;en mag bleibt zu erforschen.[19] Jedenfalls k&ouml;nnte es bereits auf Herstellerebene um die Transparentmachung von Big-Data-Zugriffen auf heterogene Datenbest&auml;nde gehen, aber auch konkrete Auskunftsverfahren f&uuml;r Betroffene k&ouml;nnten technisch unterst&uuml;tzt werden. Die gesetzgeberische Herausforderung besteht darin, dieses sog. Privacy by Design wenn nicht durch direkte gesetzliche Verpflichtungen, dann zumindest mittelbar &uuml;ber privatrechtliche Haftungsnormen durchzusetzen. In der Vielfalt der Anbieter wird es f&uuml;r einsetzende Unternehmen wie auch Verbraucher von Interesse sein, ob es sich um vertrauensw&uuml;rdige Unternehmen und Instrumente handelt, so dass auch weiche Steuerungsinstrumente des Datenschutzes wie G&uuml;tesiegel und Auditierungen eine deutliche St&auml;rkung in der EU-Reform erfahren sollten.</p>
<p>Alle diese &Uuml;berlegungen k&ouml;nnen aber nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass es insbesondere bei der Regelung der Profilbildung, der Einwilligung und den Transparenzbestimmungen deutlicher Verbesserungen zugunsten der B&uuml;rger bedarf. Die bestehenden Entw&uuml;rfe der Reform gen&uuml;gen noch nicht, vor allem sind sie in vielen Punkten zu unkonkret. Absolute Grenzen der Zul&auml;ssigkeit m&uuml;ssen im Sinne etwa des Diskriminierungsschutzes festgelegt werden, damit nicht &uuml;ber den Weg abgen&ouml;tigter Einwilligungen einzelner Betroffener Gemeinwohlziele ausgehebelt werden k&ouml;nnen. Einwilligungen selbst m&uuml;ssen entsprechend aufw&auml;ndig geregelt werden, um Freiwilligkeit sicherzustejlen, echte Alternativen offen zu halten und informierte Entscheidungen zu gew&auml;hrleisten. Verhindert werden muss angesichts der informatorischen wie kognitiven &Uuml;berforderung der Verbraucher insbesondere, dass &uuml;ber einmal erteilte Pauschaleinwilligungen die bleibende Zusammenf&uuml;hrung ganzer Konzerndatenbest&auml;nde zur g&auml;ngigen Praxis wird. Soweit Big Data die Zusammenf&uuml;hrung umf&auml;nglicher Datenbest&auml;nde erm&ouml;glicht, sind entsprechende Verst&auml;rkungen der im Rahmen des Datenschutzes zu gew&auml;hrenden Datensicherheit grundlegend. Auf die verst&auml;rkte Bedeutung der Datensicherheit haben insoweit auch die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung sowie zum Grundrecht auf Integrit&auml;t und zur Vertraulichkeit informationstechnischer Systeme hingewiesen. Die bislang vorgesehenen Bestimmun-gen des Entwurfs einer EU-Datenschutzgrundverordnung bieten hierzu wenig Sachgerechtes. Die m&ouml;glichen Antworten auf die u. a. mit Big Data verbundenen Herausforderungen zeigen, dass in diesem Bereich die Hoffnung auf weniger Regulierung weder realistisch noch sachgerecht erscheint, wenn man das Ziel einer m&ouml;glichst gemeinwohlvertr&auml;glichen- und verfassungskonformen Gestaltung des Einsatzes von IT-Technologie auch angesichts von Big Data nicht aufzugeben bereit ist.</p>
<p>[1] Begriff nach A. Grunewald, TAB-Brief Nr. 39, S. 6, 2011, abrufbar unter httpa/www.tab-beimbundestag.de/de/pdf/publikationen/tab-brief/TAB-Brief 039,pdf<br />[2] Ein typisches Beispiel im Kontext von Big Data bietet der Aufsatz von C. Anderson, der das &#8222;Ende der Wissenschaft&#8221; durch Big Data beschw&ouml;rt: httpa/www,wired.com/science/discoveries/magazinellfr07/pb_theory<br />[3] Vgl. TAB-Brief, a.a.O.<br />[4].&nbsp;Hier sind es die Internetnutzerinnen selbst, die die Daten hinterlassen, worauf J. Hoffmann hin-weist, vgl. Magazin der B&ouml;ll-Stiftung, Ausgabe 2/ 2012, S. 33.<br />[5] Definition des Arbeitskreises Big Data, vgl. <a href="http://www.bitkom.org/de/wirueberuns/70822.aspx" target="_blank" rel="noopener">http://www.bitkom.org/de/wirueberuns/70822.aspx</a> (21.12.2012).<br />&#8211;<br />[6] Vgl. etwa den Beitrag von V. Markl, http:/lwww.t-systems.de/news-media/gastbeitrag-voninformatiker-volker-markl-bigdata-und-der-schmale-grat-zwischen-rechtzeitig-und zu-spaet/ 995378<br />[7] Die Zeit, 13.01.2013, Schwerpunkt Big Data.<br />[8]&nbsp;&nbsp;S&uuml;ddeutsche vom 8. Juni 2012, <a href="http://www.sueddeutsche.de/digitaUkritik-an-neuem-scoring" target="_blank" rel="noopener">http://www.sueddeutsche.de/digitaUkritik-an-neuem-scoring</a>&#8211;<br />verfahren-facebook-proj ekt-der-schufa-abgeblasen-1.1377327<br />[9] <a href="http://www.tagesschau.dejwirtschaft/telefonica-deutschland104.htm1" target="_blank" rel="noopener">http://www.tagesschau.deJwirtschaft/telefonica-deutschland104.htm1</a><br />[10]&nbsp;&nbsp;<a href="http://www.sueddeutsche.de/digital/erfolg-fuer-datenschuetzer-facebook-schaltet-gesichtserken" target="_blank" rel="noopener">http://www.sueddeutsche.de/digital/erfolg-fuer-datenschuetzer-facebook-schaltet-gesichtserken</a>&#8211;<br />nung-ab- 1. 1474966<br />[11] Vgl. z.B. die Studie der BITKOM, abrufbar unter <a href="https://www.bitkom.org/de/publikationen13833773446.aspx" target="_blank" rel="noopener">https://www.bitkom.org/de/publikationen13833773446.aspx</a><br />[12] Vgl. Fn. 2.<br />[13] Gutes Beispiel bei W. Rammert, S. 342 in: Bild-Raum-Kontrolle, hrsg. durch L. Hempel und J. Metelmann, 2005.<br />[14] Auch wenn die Verkaufszahlen von Big Data-Produkten auff&auml;llige Zuw&auml;chse verzeichnen, wird damit noch keine Aussage &uuml;ber den tats&auml;chlichen Nutzen dieser Technologie einschlie&szlig;lich der Frage nach ihren Nebenwirkungen getroffen.<br />[15] So auch zum Data Mining allgemein: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Data-Mining" target="_blank" rel="noopener">http://de.wikipedia.org/wiki/Data-Mining</a><br />[16] In diese Richtung auch Schallab&ouml;ck, Sonderheft Digitale Demokratie der B&ouml;ll-Stiftung, a.a.O., S. 34, der durch Big Data Wissensmonopole Privater entstehen sieht.<br />[17] Wenn auch die genannten EU-gef&ouml;rderten Projekte wie INDECT oder auch die von der EU-Kommission vorangetriebene Rasterfahndung in EU-Flugpassagierdaten oder das Beharren auf der Vorratsdatenspeicherung von TK-Verkehrsdaten durchaus Anlass zur Sorge geben, vgl. dazu den j&auml;hrlich erscheinenden Grundrechte-Report der B&uuml;rgerrechtsorganisationen.<br />[18] Dass daf&uuml;r die Ressourcen in Unternehmen vorhanden sein sollten, darauf weist zutreffend J. P. Al-brecht im Interview in &#8222;Schwerpunkt: Big Data&#8221; hin, Die Zeit vom 13.01.2013.<br />[19] Die Datenschutzforschung zeichnet sich als ein weiter wachsendes Feld innerhalb der Sicherheitsforschung ab, vgl. u.a. die Fraunhofer-Gesellschaft, die sich mit den wichtigen Anonymisierungsverfahren befasst, Die Zeit vom 13.01.2013, Schwerpunkt: Big Data.</p>
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		<title>Vom Marktversagen zu Peer-to-Peer</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 16:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Neue Bezahlmodelle im Internet und die Freiheit der Kunst aus: Vorg&#228;nge 200 ( Heft 4/2012), S.83-89 Neue Bezahimodelle im Internet und die Freiheit der KunstKulturellen Ausdruck wird es immer geben. Auch an der Bereitschaft, K&#252;nstlerinnen ihr Schaffen zu erm&#246;glichen und sie daf&#252;r zu belohnen, fehlt es nicht, ob in Form von M&#228;zenen oder Markt, Klingelbeuteln [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Neue Bezahlmodelle im Internet und die Freiheit der Kunst</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge 200 ( Heft 4/2012), S.83-89</p>
<p>Neue Bezahimodelle im Internet und die Freiheit der Kunst<br />Kulturellen Ausdruck wird es immer geben. Auch an der Bereitschaft, K&uuml;nstlerinnen ihr Schaffen zu erm&ouml;glichen und sie daf&uuml;r zu belohnen, fehlt es nicht, ob in Form von M&auml;zenen oder Markt, Klingelbeuteln oder Rundfunkgeb&uuml;hren, Steuergeldern oder Selbstausbeutung. Eine weitere Konstante scheint die extreme Ungleichverteilung von Auf merksamkeit und Verg&uuml;tung zu sein, vom armen Poeten, der nicht wei&szlig;, wie er den n&auml;chsten Tag &uuml;berlebt, bis zum Superstar, der nicht wei&szlig;, ob er als n&auml;chstes eine Yacht oder einen Jet kaufen soll.</p>
<p>In diesem Feld setzt Kulturpolitik Grundwerte: die Grundversorgung mit Meinungsvielfalt, die Sicherung kultureller Vielfalt, die Gew&auml;hrleistung von kultureller Bildung und rezeptiver und produktiver kultureller Teilhabe, die angemessene Verg&uuml;tung der Urheber f&uuml;r die Nutzung ihrer Werke.</p>
<p>Die digitale Revolution und die anhaltende neoliberale Entsolidarisierung stellen ihre Ausgestaltung, wenn nicht gar die Grundwerte selbst in Frage. Lassen sich &ouml;ffentlichrechtlicher Rundfunk, Stadt- und Staatstheater oder Filmf&ouml;rderung noch rechtfertigen? Oder umgekehrt: Wenn Qualit&auml;tsjournalismus im Netz keine Gesch&auml;ftsmodelle findet, muss die &ouml;ffentlich Hand ihn retten? Wenn digitale Rechtekontrolltechnologie jede einzelne Nutzung eines Urheberwerkes lizenzierbar macht, wozu braucht es dann noch Verwertungsgesellschaften? Was ist noch kulturelle Autonomie einer Gemeinschaft und was schon Wettbewerbsverzerrung?</p>
<p>Wir befinden uns mitten in einem gesellschaftsweiten Gro&szlig;experiment. &Uuml;berlieferte Regelungen und medientechnologische und -praktische Wirklichkeit klaffen immer weiter auseinander. Die einen versuchen, die Kluft mit aller gesetzlichen und technischen Gewalt zu schlie&szlig;en. Andere sehen sie als N&auml;hrboden f&uuml;r neue Ans&auml;tze. Kreative und Publikum, soviel ist deutlich, m&uuml;ssen ihren Gesellschaftsvertrag &uuml;ber Kultur neu aushandeln und mit Leben erf&uuml;llen.</p>
<h5>Urheberrecht</h5>
<p>Ver&ouml;ffentlichte Werke sind ihrer Natur nach &ouml;ffentliche G&uuml;ter. ,$its kann man genauso wenig unkopierbar machen, wie man Wasser dazu bringen kann, nicht nass zu sein.&#8220; (Bruce Schneier) Zwischen diesen beiden Beobachtungen spannt sich das Dilemma der Kulturfinanzierung auf.</p>
<p>Der historisch gewachsene Gesellschaftsvertrag antwortet mit verschiedenen Strategien darauf. Die &ouml;ffentliche Hand stellt kulturelle &ouml;ffentliche G&uuml;ter bereit, z. B. durch den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk, oder bezahlt private Akteure f&uuml;r ihre Herstellung, z. B. durch &ouml;ffentliche Kulturf&ouml;rderung. Au&szlig;erdem spricht die Gesellschaft Urhebern ein zeitlich beschr&auml;nktes Ausschlussrecht an ihren &ouml;ffentlichen Werken zu, um sie auf einem Markt handelbar zu machen. &#8222;Das Urheberrecht .., dient &#8230; der Sicherung einer angemessenen Verg&uuml;tung f&uuml;r die Nutzung des Werkes.&#8221; (&sect; 11 UrhG) Nach 300 Jahren Urheberrecht wissen wir, dass es einen lukrativen Markt hervorgebracht hat. Wir wissen aber auch, dass dieses Modell bei seinem erkl&auml;rten Ziel, Urhebern eine angemessene Verg&uuml;tung zu sichern, versagt. In der ersten umfassenden Studie zu Autoreneinnahmen in England und Deutschland von 2007 zeigten Kretschmer und Hardwick, dass weniger als die H&auml;lfte der 25.000 untersuchten professionellen Autoren ihren Lebensunterhalt durch Schreiben bestreiten k&ouml;nnen. Die typischen Autoreneinnahmen in Deutschland betragen weniger als die H&auml;lfte des durchschnittlichen Lohnniveaus aller Berufe. Autorinnen verdienen in der Regel noch einmal deutlich weniger als ihre m&auml;nnlichen Kollegen. Seit 2000 hat sich die Situation weiter verschlechtert.</p>
<p>In der gleichen Zeit eskalieren Verwerter die Ma&szlig;nahmen zur Durchsetzung von Urheberrechten. Sie reichen vom t&auml;glichen Abmahnwahn &uuml;ber ein Hausverbot im Internet f&uuml;r Verletzer bis zur Filterung des Internet mit Hilfe von Deep Packet Inspection. Diese mit einem hohen gesellschaftlichen Preis eingetriebenen Einnahmen erreichen die Autoren nicht.</p>
<p>In der Praxis zeigt sich ferner, dass auch an der Behauptung, nur ein wirksamer Urheberrechtsschutz erm&ouml;gliche kulturelle Vielfalt, etwas nicht stimmen kann. Zum einen h&auml;ufen sich Untersuchungen zu kreativen M&auml;rkten, die ganz ohne Urheberschutz funktionieren: Dazu geh&ouml;ren Haute Cuisine (Fauchart/von Hippel 2006), Mode (Blakley 2010), Zauberkunst (Loshin 2007), ausl&auml;ndische B&uuml;cher in den USA bevor sie 1891 ins Urheberrecht aufgenommen wurden (Khan 2007) und Fernsehformate (Kretschmer! Singh/Wardle 2007). Zum anderen machen seit der Jahrtausendwende Millionen t&auml;glich getauschter Werke klar, dass ein Ausschlussrecht nur noch in der Theorie existiert. Dennoch ist die Zahl der j&auml;hrlich erscheinenden B&uuml;cher, Musikalben, Kinofilme im selben Zeitraum eindrucksvoll gewachsen (Oberholzer-Gee/Stumpf 20101). Offenkundig sind freier Zugang und kulturelle Vielfalt sehr wohl vereinbar.</p>
<p>Damit soll wohlgemerkt den Urhebern nicht der Anspruch auf eine angemessene Verg&uuml;tung abgesprochen werden, wohl aber relativiert es die Annahme vom Markt als wichtigstem Vehikel &ouml;ffentlicher Kulturpolitik. Tats&auml;chlich hat der Markt beim wichtigsten &ouml;ffentlichen Ziel, der angemessenen Verg&uuml;tung der Urheber, versagt.</p>
<h5>Urheber&shy;recht kollektiv</h5>
<p>Urheberrecht gibt es nicht nur in Form eines individuellen Verbotsrechts, sondern auch als kollektiv wahrgenommenen Verg&uuml;tungsanspruch. Angefangen hat alles mit der Erfahrung, dass sich &ouml;ffentlich aufgef&uuml;hrte Werke nicht gegen die Wiederauff&uuml;hrung durch Dritte sch&uuml;tzen lassen. Bei einer Vielzahl von Spielst&auml;tten l&auml;sst sich das Auff&uuml;hrungsrecht nicht individuell durchsetzen. 1777 schlossen sich deshalb in Frankreich Text- und Musikurheber f&uuml;r das Theater zur ersten Verwertungsgesellschaft zusammen, der heutigen SACD. Weitere L&auml;nder, Werkarten und neue medientechnologisch erm&ouml;glichte Nutzungsformen sind hinzugekommen, darunter die mechanische Vervielf&auml;ltigung; &ouml;ffentliche Wiedergabe, Sendung, Filmvorf&uuml;hrung, die gesetzliche Verg&uuml;tung f&uuml;r Privatkopien, das Klingeltonrecht und inzwischen auch die Werknutzung im Internet als Stream und Download. Und auch bei vielen aktuell anstehenden Herausforderungen, wie vergriffenen und verwaisten Werken und der in der WIPO verhandelten Blindenschranke , ist klar, dass die L&ouml;sung nur eine kollektive sein kann. Wie Reto Hilty betont und Kretschmer/Hardwick empirisch festgestellt haben, ist kollektive Rechtewahrnehmung oft die einzige Quelle, aus der Kreative Einnahmen erzielen.</p>
<p>Einen Krieg gegen das private Kopieren hat es, zumindest in Kontinentaleuropa, nie gegeben. Gleich am Anfang des medientechnologischen Umbruchs wurde es f&uuml;r zul&auml;ssig erkl&auml;rt und mit einer pauschalen Verg&uuml;tung belegt.</p>
<p>Seit Napster Filesharing zu einem Massenph&auml;nomen gemacht hat, schlagen Juristen und Musiker, Internet-Aktivisten, Verbrauchersch&uuml;tzer und Verwertungsgesellschaftsvertreter die gleiche L&ouml;sung vor: Die Legalisierung von privatem, nicht-kommerziellem Filesharing und Remixen im Austausch f&uuml;r eine pauschale Verg&uuml;tung auf Breitband-Internet-Zug&auml;nge, die im Verh&auml;ltnis zur empirisch erhobenen Popularit&auml;t ihrer Werke an die Urheber ausgesch&uuml;ttet wird.</p>
<p>In mehr als zehn Jahren Diskussion &uuml;ber eine solche Tauschlizenz ist eine F&uuml;lle von Literatur entstanden, darunter Gesetzesinitiativen (in Frankreich, Italien und Belgien) und Versuche, Pilotprojekte auf den Weg zu bringen (auf der Isle of Man, von Fischers Noank in China und Hongkong, an der Berkeley Universit&auml;t).</p>
<h5>Peer-to-Peer-Finanzierung</h5>
<p>Neben den klassischen Strategien zur Finanzierung von &ouml;ffentlichen G&uuml;tern entstehen neue. Die &Ouml;ffentlichkeit zahlt immer noch f&uuml;r die &ouml;ffentlichen G&uuml;ter, aber nicht mehr vermittelt durch den Staat, sondern von Peer zu Peer. Nicht Kulturadministratoren, Redaktionen oder andere Gremien entscheiden, sondern Nutzer. Nutzer zahlen letztlich eh in jedem Fall, ob durch direkte Bezahlung, Steuern, Rundfunkgeb&uuml;hren oder Werbung. Nur dass es sich hier um eine bewusste Entscheidung eines jeden Peers handelt. Auf den ersten Blick &auml;hnelt es einer Markttransaktion, nur dass hier keine rationalen &ouml;konomischen Akteure handeln, als die die Wirtschaftswissenschaften uns ausmalen. Rationalit&auml;t in dieser Logik w&uuml;rde sie danach streben lassen, das gew&uuml;nschte Werk so billig wie m&ouml;glich zu bekommen, idealerweise umsonst. Und wenn sie etwas umsonst bekommen k&ouml;nnen, warum sollten sie daf&uuml;r bezahlen, auch noch freiwillig? Und doch tun Menschen genau das in zunehmendem Ma&szlig;e.</p>
<p>Peer-to-Peer-Strukturen geh&ouml;ren zu den grundlegendsten und weitreichendsten Innovationen, die bislang aus der digitalen Revolution hervorgegangen sind: P2P-Produktion (freie Software, Wikipedia), P2P-Distribution (BitTorrent, Rapidshare) und neuerdings P2P-Finanzierung.</p>
<p>Inzwischen liegt die erste umfassende empirische Untersuchung freiwilliger Bezahlmodelle vor. Leah Belsky, Byron Kahr, Max Berkelhammer und Yochai Benkler (2010) haben &uuml;ber mehrere Jahre und Hunderttausende Transaktionen drei Musik-SitesZ beobachtet, die alle mit Hilfe von Creative-Commons-Lizenzen das nicht-kommerzielle Tauschen ausdr&uuml;cklich erlauben und die Fans einladen zu zahlen, was sie m&ouml;chten. Ihr Fazit: Gemittelt &uuml;ber die Nichtzahler, die Zahler eines gef&uuml;hlten Standardpreises und hyper-gro&szlig;z&uuml;gige Zahler erhalten die K&uuml;nstler hier mehr als bei der verpflichtenden Zahlung eines festgelegten Preises wie auf iTunes.</p>
<p>Was die Forscher an den drei Musik-Sites analysieren, hat sich mittlerweile zu einer eindrucksvollen weltweiten Bewegung entwickelt. P2P-Finanzierung gibt es in zwei distinkten Formen: Vorab als Beitr&auml;ge zur Produktion neuer Werke und im Nachhinein als Belohnung f&uuml;r frei zug&auml;nglich ver&ouml;ffentlichte Werke.</p>
<p>Das Street-Performer-Protocol, 1998 von den Kryptologen Bruce Schneier und John Kelsey vorgeschlagen, geht davon aus, dass sich ein einmal ver&ouml;ffentlichtes Werk nicht kontrollieren l&auml;sst, und folglich die Produktionskosten vor der Erstver&ouml;ffentlichung vollst&auml;ndig bezahlt sein m&uuml;ssen. Eine Band oder eine Filmemacherin bewerben ihr neues Werk, legen den gew&uuml;nschten Zielbetrag fest, lassen ihre Fans Ausschnitte daraus wahrnehmen und werben Zahlungszusagen ein. Unterst&uuml;tzer k&ouml;nnen ihren Beitrag frei w&auml;hlen. Werk und Zahlungen liegen bei einem Treuh&auml;nder. Wird der festgelegte Gesamtbetrag erreicht, wird das Werk gemeinfrei ver&ouml;ffentlicht und die Urheberin erh&auml;lt ihr Geld. Bei Nichterreichen erhalten die Zahlenden ihr Geld zur&uuml;ck.</p>
<p>Dieses Modell eines kollektiven Freikaufens hat in der Zeit von 2000 bis 2004 eine erste Welle von P2P-Finanzierungsplattformen inspiriert, darunter CopyCan.org, Freinutz.de, A-Fair.org, Fairtunes.com, alle seither aus dem Netz verschwunden. Nur The Digital Art Auction und Quidmusic sind noch online, mit langen Spinnenweben. Ein Nachz&uuml;gler war Sellyourrights.com ,das nach den Blogp&ouml;sts von Ende 2008 ein Jahr lang lebte und dem letzten Post zufolge daran scheiterte, dass Musikautoren sich hierzulande zwischen GEMA und CC entscheiden m&uuml;ssen.</p>
<p>Heute erleben wir eine zweite Welle solcher P2P-Finanzierungsmodelle. Vorreiter ist Kickstarter, das in den ersten 16 Monaten seiner Existenz 15 Millionen US-Dollar umverteilt hat, wie ein Mitarbeiter auf dem Free Culture Forum im Oktober 2010 in Barcelona berichtete. Anders als das urspr&uuml;ngliche Street Perfomer Protocol schreibt es keine Freilizenzierung der kollektiv finanzierten Werke vor. Das Modell hat eine beachtliche Zahl von Nachfolgern in Deutschland gefunden wie Mysherpas, Pling, Yooproduce, Inkubato und Visionbakery. Startnext wurde im September 2010 gegr&uuml;ndet. Im ersten Jahr sind von 205 vorgestellten Projekten 61 erfolgreich finanziert worden. 2726 Unterst&uuml;tzer haben 206.594 Euro gespendet. Ein Crowdfunding-Monitor sagt f&uuml;r 2011 auf den vier gr&ouml;&szlig;ten deutschen Plattformen einen Gesamtumsatz von 550.000 Eu-ro voraus. Besonders hei&szlig; scheint derzeit die Diskussion um Crowdfunding im Film zu sein.</p>
<p>Ein Einwand, der regelm&auml;&szlig;ig kommt, so z. B. von Oliver Castendyk auf netzmacht-kultur, lautet, so lie&szlig;e sich ein Film wie &#8222;Avatar&#8221; nicht finanzieren. Antwort: Warum eigentlich nicht? Die Produktion von &#8222;Avatar&#8221; hat offiziell 237 Millionen US$ gekostet. Bezahlt, und zwar bereits in den ersten f&uuml;nf Tagen nach Kinostart weltweit; haben den Film die Zuschauer. Die gleiche Erwartungsbegeisterung, die Millionen von Menschen in die Kinos getrieben hat, k&ouml;nnte auch dazu genutzt werden, bei Beginn der Produktion 23 Millionen von ihnen dazu zu bringen, 5 US$ f&uuml;r ein Kinoticket vorzustrecken. Derzeit realistischer wird in der jungen P2P-Finanzierungs-Szene eine Mischfinanzierung diskutiert: Hat ein Projekt Vorleistungen von z. B. 50.000 Euro angezogen, ist das ein Signal f&uuml;r kulturelle Risikokapitalanleger, Stiftungen, die &ouml;ffentliche Kulturf&ouml;rderung, den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk usw., dass hier ein erfolgversprechendes Werk eptsteht, und in die Produktionsfinanzierung einzusteigen. Der entscheidende Punkt: Castendyks Argument darf nat&uuml;rlich nicht daf&uuml;r herhalten, um eine Orwellsche Online-Umwelt zu errichten. Wenn der Preis f&uuml;r Avatar digitaler Stacheldraht und Gesetze &uuml;ber die digitale Todesstrafen sind, dann verzichte ich gern darauf.</p>
<p>Der zweite Ansatz scheint dem ersten zu widersprechen: Ein Werk kann sehr wohl erst ver&ouml;ffentlicht werden und nachtr&auml;glich freiwillige Zahlungen erhalten. Nicht, weil, Menschen denken, sie m&uuml;ssen bezahlen, damit das Werk geschaffen wird, sondern weil sie etwas belohnen m&ouml;chten, das ihnen gef&auml;llt. Zu den Plattformen, die solche nachtr&auml;glichen Belohnungen erm&ouml;glichen, geh&ouml;ren Flattr, Patronism und Ioumusic. Nach einem Jahr transferiert Flattr bereits 100.000 Euro im Monat, wie Gr&uuml;nder Peter Sunde auf derRe:publica im April 2011 berichtete. Freiwillige Bezahlmodelle gehen aber auch ohne intermedi&auml;re Plattformen, direkt zwischen Fans und K&uuml;nstlern, wie Belsky et al, in ihrer Studie &uuml;berzeugend aufgezeigt haben.</p>
<p>P2P-Finanzierung erm&ouml;glicht einen direkten Austausch zwischen Urhebern und Publikum. Sie ist charakterisiert durch Kommunikation und Interaktion, Empathie und Solidarit&auml;t, Gemeinschaft und Kooperation, die weit &uuml;ber eine schlichte Werk-gegen-Zahlung-Transaktion hinausgeht, Gro&szlig;z&uuml;gigkeit und Fairness sowohl f&uuml;r K&uuml;nstler wie f&uuml;r Fans, Vertrauen und Authentizit&auml;t, Transparenz und Reputation, kurz: ein umfassendes Tauschen zwischen K&uuml;nstlern und Publikum.<br />P2P-Modelle haben ein gro&szlig;es Potential f&uuml;r die Finanzierung von Kultur jenseits der Tauschlizenz. Die bleibt aber unerl&auml;sslich, um den Krieg gegen das Tauschen zu beenden, und sei es nur als &Uuml;bergangsl&ouml;sung, bis P2P-Modelle ausgereift sind.</p>
<h5>Verteilungsgerechtigkeit</h5>
<p>In jedem Fall sind es wir alle als Intemet-Nutzer, Konsumenten und B&uuml;rger, die f&uuml;r &ouml;ffentliche kulturelle G&uuml;ter bezahlen. Mit direkten Kaufentscheidungen, indirekt durch die Rundfunksendungen, die wir einschalten, die Diskos, die wir frequentieren, die Werke, die wir privatkopieren, die jeweils Verg&uuml;tungen an die Urheber ausl&ouml;sen, &uuml;ber Steuern und Rundfunkgeb&uuml;hren, durch freiwillige Beitr&auml;ge zur Produktion und nachtr&auml;gliche Belohnungen und durch den Kauf des Waschmittels, dessen Werbung den Film im so genannten Free-TV finanziert.</p>
<p>Oft wird vorgeschlagen, das andere die Rechnung begleichen sollen: Werbetreiben-de, Internetprovider, Google, Apple, der Staat. Dadurch wird die Kulturnutzung &#8222;gef&uuml;hlt kostenlos&#8221;, aber nur weil unsichtbar wird, dass letztlich wir zahlen. Effekt dieser Ausblendung: Sowohl Urheber wie Publikum bleiben au&szlig;en vor, wenn z. B. Musiklabels und Internetprovider oder Mobiltelefonhersteller hinter verschlossenen T&uuml;ren ihre Deals &uuml;ber die Verwertung von Gesamtkatalogen machen.</p>
<p>Nur wenn wir uns bewusst sind, dass wir es sind, die zahlen, k&ouml;nnen wir in einen Dialog treten mit den Urhebern dar&uuml;ber, was wir daf&uuml;r haben m&ouml;chten, in einen kreativen Austausch (Philippe Aigrain). Auf der Einzahlungsseite mag es keine gro&szlig;e Rolle spielen, wie wir Kreative bezahlen. Bei der Verwendung dieser Gelder macht es jedoch gewaltige Unterschiede.</p>
<p>F&uuml;r die Vorfinanzierung einer Produktion macht uns z. B. ein Kulturunternehmen zum Gegenstand von Marktforschung, um unseren &#8222;Bedarf&#8221; zu erheben. Die Redaktionen des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks entscheiden, wie der informationelle Grundversorgungsauftrag im Einzelnen erf&uuml;llt wird. Bei der Kulturstiftung des Bunds, den Landesmedienanstalten und Filmf&ouml;rdereinrichtungen sind es Kuratorien, Jurys, Expertengremien, die &uuml;ber Initiativprogramme und Antr&auml;ge entscheiden. &Auml;hnlich gehen private Stiftungen und die Kultur- und F&ouml;rdereinrichtungen der Verwertungsgesellschaften vor. Bei Kickstarter &amp; Co, umwerben Kreative jeden einzelnen von uns und versuchen, uns von ihrem jeweiligen Projekt zu &uuml;berzeugen.</p>
<p>F&uuml;r die Belohnung ver&ouml;ffentlichter Werke ziehen z. B. Verwertungsgesellschaften Abspiellisten und Reichweiten von Radiostationen und Clubs heran. Wie bei der Tauschlizenz auch ist die tats&auml;chliche Nutzungsintensit&auml;t der Werke Grundlage f&uuml;r die angemessene Verg&uuml;tung der Urheber. Der Chaos Computer Club hat mit seiner Kulturwertmark vorgeschlagen, Nutzung und Belohnung zu entkoppeln und den Internet-Nutzem ihre Urhebergeb&uuml;hr zur willk&uuml;rlichen Zuweisung in die Hand zu geben. Sie verbindet also eine gesetzliche Verg&uuml;tungspflicht mit einer beliebigen Verteilung des Geldes &auml; la Flattr. Flattr und Co. dagegen sind auch auf der Einzahlungsseite freiwillig.Jedes dieser Verfahren setzt andere Zeichen bei der F&ouml;rderung und Belohnung von Kultur. Was ist eine gesellschaftlich sinnvolle Kulturentwicklung? Welche Formen von Kunst und Kultur leisten wir uns als Gesellschaft, auch wenn sie keine Quote bringen? Wie k&ouml;nnen wir die Werte von informationeller Grundversorgung und kultureller Vielfalt unter Bedingungen von digitaler Revolution und P2P-Strukturen neu organisieren? Wie erzielen wir eine optimale kulturelle Verteilungsgerechtigkeit? Das sind zentrale Fragen, um die es bei der Aushandlung des neuen Gesellschaftsvertrags &uuml;ber Kultur heute geht. Der aktuelle Umbruch ist eine Chance, den Anspruch einer jeden Kultumation, ihren Urhebern eine angemessene Verg&uuml;tung zu sichern, endlich zu verwirklichen.</p>
<p>[1] Felix Oberholzer-Gee und Koleman Strumpf, File Sharing and Copyright, 2010, S. 2.<br />[2] Magnatune.com, JonathanCoulton.com und Sheeba.ca,</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Aigrain, Philippe 2008: Internet et Creation, Cergy-Pontoise: In Libro Veritas, www,ilv-bibliotheca .net/librairie/internetetcreation.html<br />Belsky, Leah/Kahr, Byron/Berkelhammer, Max/Benkler, Yochai 2010: Everything in Its Right Place: Social Cooperation and Artist Compensation, Michigan Telecommunications and Technology Law Review Vol. 17, Vol, 1, Fall 2010, <a href="http://www.mttlr.org/volseventeen/belsky_kahr_berkelhammer" target="_blank" rel="noopener">www.mttlr.org/volseventeen/belsky_kahr_berkelhammer</a>_ benkler. pdf<br />Blakely, Johanna 2010: Lessons from fashion&#8217;s free culture, TED Talk, April 2010, <a href="http://www.ted.com/talks" target="_blank" rel="noopener">www.ted.com/talks</a> /lang/eng/johanna_blakley_lessons_from fashion s free culture.html; s. a. ihre Blog-Eintr&auml;ge Thema: johannablakley,wordpress,comlcategory/fashion/<br />Chaos Computer Club 2011: Ein Vorschlag zur G&uuml;te &#8211; die Kulturwertmark, 26. April 2011, ccc.de/system/uploads/65/original/kulturwertmark-neu.pdf<br />Fauchart, Emmanuelle/von Hippel, Eric A. 2006: Norms-Based Intellectual Property Systems: The Case of French Chefs (1 January 2006). MIT Sloan Research Paper No. 4576&#8211;06, ssrn.com/abstract=881781<br />Grassmuck, Volker 2011: Sharing Licence Library, 3. Juli 2011, <a href="http://www.vgrass.de/?p=1048" target="_blank" rel="noopener">www.vgrass.de/?p=1048</a><br />Hilty, Reto (2010): Zusammenfassung seiner Beitr&auml;ge auf dem Podium Urheberrecht auf dem Netzpolitischen Kongress, Liveblog, 12. November 2010, <a href="http://www.gruenes-blog.de/netzpolitik/704/liveblogpodium-urheberrecht" target="_blank" rel="noopener">www.gruenes-blog.de/netzpolitik/704/liveblogpodium-urheberrecht</a><br />Khan, B. Zorina 2007: Does Copyright Piracy Pay? The Effects of U.S. International Copyright Laws on the Market for Books, 1790&#8211;1920, Bowdoin College and National Bureau of Economic Research 2007, https:/Iwww.law.ucla.edu/docs/khan_copyrightpiracy_jle_2007.pdf<br />Kretschmer, Martin/Hardwick/, Philip 2007: Authorswww.cippm.org.ukldownloads/ACLS%2OFull%20report.pdf<br />Kretschmer, Martin/Singh, Sukhpreet/Wardle, Jonathan 2009: The Exploitation of Television Formats: Intellectual property and non-law based strategies, ESRC Digital Resource, Bournemouth University, tvformats.bournemouth.ac.uk/overview.html<br />Loshin, Jacob 2007: Secrets Revealed: How Magicians Protect Intellectual Property without Law, Yale Law School Working Paper, 25 July 2007), ssrn.com/abstract=1005564<br />Oberholzer-Gee, FelixJStrumpf, Koleman 2010: File-Sharing and Copyright, vorgetragen auf der NBER 2009 Innovation Policy and the Economy Conference in Washington, D.C., 12 January 2010, musicbusinessresearch.files,wordpress.com12010/06/paper-felix-oberholzer-gee.pdf<br />Schneier, Bruce/Kelsey, John 1998: The Street Performer Protocol, The Third USENIX Workshop on Electronic Commerce Proceedings, USENIX Press, November 1998, <a href="http://www.schneier.com/paperstreet-performer.html" target="_blank" rel="noopener">www.schneier.com/paperstreet-performer.html</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/vom-marktversagen-zu-peer-to-peer/">Vom Marktversagen zu Peer-to-Peer</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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