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	<title>vorgänge 73 Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985) Verwaltete Armut &#8211; Neue Armut</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Feb 1985 14:19:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Ausgaben]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gloy, Horst (1985), Der Fall Alviola. Ein Sieg des Rechtsstaates &#252;ber die Humanit&#228;t, Vorg&#228;nge, 73, S. 1-5 Zahn, Horst-Dieter (1985), Streit und Verwirrungen. Seit dem Tarifkonflikt um die 35-Stunden-Woche h&#228;ngt der Haussegen schief &#8211; die DGB-Gewerkschaften und die &#214;kologie, Vorg&#228;nge, 73, S. 6-9 L&#252;tjen, Hans Peter (1985), Working for Peace. Ein Bericht von der Jahrestagung [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/vorgaenge-nr-73-heft-11985-verwaltete-armut-neue-armut/">vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985) Verwaltete Armut &#8211; Neue Armut</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Vorg73.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-4852 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Vorg73.jpg" alt="vorg&auml;nge Nr. 73 (Heft 1/1985) Verwaltete Armut - Neue Armut" width="190" height="279"></a></span></p>
<p class="news-single-imgcaption">
</div>
<p>Gloy, Horst (1985), Der Fall Alviola. Ein Sieg des Rechtsstaates &uuml;ber die Humanit&auml;t, Vorg&auml;nge, 73, S. 1-5</p>
<p>Zahn, Horst-Dieter (1985), Streit und Verwirrungen. Seit dem Tarifkonflikt um die 35-Stunden-Woche h&auml;ngt der Haussegen schief &#8211; die DGB-Gewerkschaften und die &Ouml;kologie, Vorg&auml;nge, 73, S. 6-9</p>
<p>L&uuml;tjen, Hans Peter (1985), Working for Peace. Ein Bericht von der Jahrestagung der CAMPAIGN FOR NUCLEAR DISARMAMENT vom 23. &#8211; 25. Nov. 1984 Sheffield, Vorg&auml;nge, 73, S. 10-13</p>
<p>Grepstad, Jon (1985), Nuklear-Pazifismus und Kriegsdienstverweigerung in Norwegen, Vorg&auml;nge, 73, S. 14-15</p>
<p>Mayer, Margit (1985), Armut in den USA, Vorg&auml;nge, 73, S. 15-19</p>
<p>Pabst, G&uuml;nter (1985), Editorial, Vorg&auml;nge, 73, S. 20-22</p>
<p>S&ouml;lle, Dorothee (1985), Armut und Menschenw&uuml;rde, Vorg&auml;nge, 73, S. 23-31</p>
<p>Die&szlig;enbacher, Hartmut (1985), Herr Pastor und seine Frau. &Uuml;ber b&uuml;rgerliche Barmherzigkeit, Vorg&auml;nge, 73, S. 32-34</p>
<p>Wenzel, F. Hannes &amp; Merz, H. Peter (1985), Abgeschoben ins Ghetto. Armut in Offenbach und die Suche nach Alternativen, Vorg&auml;nge, 73, S. 35-38</p>
<p>Schl&uuml;ter, Bruno (1985), &#8222;Pack ich das Leben noch?&#8220;, Vorg&auml;nge, 73, S. 38-40</p>
<p>Narr, Hanne (1985), Armut im Alter, Vorg&auml;nge, 73, S. 41-45</p>
<p>von der Haar, Elke &amp; von der Haar, Heinrich (1985), Armut &#8211; Zwang zur Kinderarbeit, Vorg&auml;nge, 73, S. 46-15</p>
<p>Krombach, Uwe (1985), &#8222;Und bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt&#8220;. P&auml;dagogische Ma&szlig;nahmen f&uuml;r arbeitslose Jugendliche, Vorg&auml;nge, 73, S. 51-55</p>
<p>Henke, Martin &amp; Rohrmann, Eckhard (1985), Die mobile Armut. Zur Lebenssituation von Nichtse&szlig;haften, Vorg&auml;nge, 73, S. 56-63</p>
<p>Winkel, Rolf (1985), &#8222;Da ist ein Kotelett zum Luxus geworden&#8230;&#8220;. Die neue Armut der Arbeitslosen, Vorg&auml;nge, 73, S. 63-70</p>
<p>Heinelt, Hubert &amp; Macke, Carl Wilhelm (1985), Die lautlose Vereinzelung. Wie Arbeitslosigkeit administrativ &#8222;kleingearbeitet&#8220; wird, Vorg&auml;nge, 73, S. 71-76</p>
<p>M&ouml;ller, Carola (1985), Frauenarmut. Ein Strukturprinzip unserer patriachalisch-kapitalistischen Gesellschaft, Vorg&auml;nge, 73, S. 77-83</p>
<p>Bahl-Benker, Angelika (1985), Chips &#8211; Wegbereiter einer neuen Armut?, Vorg&auml;nge, 73, S. 84-96</p>
<p>Hanesch, Walter (1985), Sozialhilfe und Lohnpolitik in der Krise, Vorg&auml;nge, 73, S. 97-110</p>
<p>Claussen, Detlev (1985), Hegels Vorlesungen zur Rechtsphilosophie, Vorg&auml;nge, 73, S. 111-115</p>
<p>Reichling, Norbert (1985), Widerstand als Atavismus? Zu Jewgenij Samjatins Roman &#8222;Wir&#8220;, Vorg&auml;nge, 73, S. 116-117</p>
<p>Komitee f&uuml;r Grundrechte und Demokratie &amp; u.a., Zentrale Informationstelle f&uuml;r autonome Frauenh&auml;user (1985), Helfen Sie den geschlagenen Frauen!, Vorg&auml;nge, 73, S. 118-121</p>
<p>Elterninitiative gegen Umweltbelastung (1985), Ein Kilogramm Schadstoffe am Tag, Vorg&auml;nge, 73, S. 122-123</p>
<p>Humanistische Union M&uuml;nchen &amp; und Demokratie Sensbachtal u.a., Komitee f&uuml;r Grundrechte (1985), Erkl&auml;rung zur friedenspolitischen Kooperation von christlichen, b&uuml;rgerlichen und berufsspezifischen Gruppierungen, Vorg&auml;nge, 73, S. 124-125</p>
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		<title>Armut in den USA</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Feb 1985 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 15-19 Über Reagans Wahlsieg, die hinter ihm stehenden Kräfte und Stimmungen in der amerikanischen Gesellschaft, über die Auswirkungen auf die Außen- und Wirtschaftspolitik, ist in der Zwischenzeit viel geschrieben und kommentiert worden.Eine weitere allgemein politische Betrachtungsweise wollen wir an dieser Stelle nicht hinzufügen. Wichtiger erscheint uns &#151; auch [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/armut-in-den-usa/">Armut in den USA</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 15-19</p>
<p><i>Über Reagans Wahlsieg, die hinter ihm stehenden Kräfte und Stimmungen in der amerikanischen Gesellschaft, über die Auswirkungen auf die Außen- und Wirtschaftspolitik, ist in der Zwischenzeit viel geschrieben und kommentiert worden.<br />Eine weitere allgemein politische Betrachtungsweise wollen wir an dieser Stelle nicht hinzufügen. Wichtiger erscheint uns &#151; auch im Zusammenhang mit dem Thema »Armut« &#151; der Bericht von Margit Mayer, die sich z.Zt. in den USA aufhält, über diejenigen, die die Sanierungskosten der ökonomischen Krise zu bezahlen haben.</i></p>
<p><i>Red.</i></p>
<p>In den 70er Jahren führte die amerikanische  Bundesregierung noch einen »Krieg gegen die Armut«, seit 1980 produziert sie wieder die »neue Armut«, und zwar in Massen. Seit dem Amtsantritt Präsident Reagans 1980 leben 6 Millionen mehr Menschen unterhalb der offiziell festgelegten Armutsgrenze (Die regierungsamtlich festgesetzte Armutsgrenze liegt derzeit bei 9800, Dollar &#8211; umgerechnet ca. 11000 DM &#8211; pro Jahr für eine vierköpfige Familie), das heißt insgesamt 35,3 Millionen Menschen oder 15,2 %der Bevölkerung. Zwar schweben die USA gegenwärtig in einer Welle des Aufschwungs und des Patriotismus einer vielversprechenden Entwicklung entgegen, doch produziert diese Woge auch einen »Abschaum«, einen immer größer werdenden Kreis von Marginalisierten, die außen vor bleiben und ab und an &#8211; als Hungernde oder Obdachlose &#151; in die Schlagzeilen der Medien geraten.</p>
<p>Ökonomische Umstrukturierungsprozesse erfordern einerseits eine ungeheuerliche Konzentration von Kapital und Automation von Arbeit, andererseits werden Millionen Menschen in die Erwerbslosigkeit gezwungen oder in arbeitsintensive Jobs mit Minimallöhnen. Den hier ausgelösten gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen wurde politisch alles andere als gegengesteuert.</p>
<p>Der Getto- und Wohlfahrtsbevölkerung gegenüber wird im Gegensatz zu den 60er Jahren nicht mehr der Anschein einer Integrationsleistung erbracht (ausgegrenzt wurden sie in den USA schon immer, jedoch durch diverse Sozialprogramme seit den 60er Jahren immerhin »befriedet«), aber auch die bislang noch über Gewerkschaften oder hohe Löhne oder sonstige Privilegien integrierte stabile Lohnarbeiterschaft (also inklusive neue Mittelklasse) wurde in den letzten Jahren mit Zwang zu »Give- Backs« und Mobilität, mit Kürzungen, mit Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und mit Verlust von Arbeitsplätzen konfrontiert und dadurch ungeheuerlich diszipliniert. Unter diesem Druck, und bei gleichzeitiger Verschiebung des Bevölkerungs- und Wachstumszentrums in die High-Tech-Ökonomien des Südwestens bzw. sich umorientierender »alter« Städte vollzog sich eine Differenzierung und Spaltung der Klassenstruktur, die durch Reagans Steuer- und Kürzungspolitik in ihren polarisierenden Auswirkungen noch verschärft wurde. Die Bundesregierung kürzte Sozialprogramme, Lebensmittelprogramme und Ernährungsbeihilfen für Kinder zu einem Zeitpunkt, als Arbeitslosigkeit und Inflation immer mehr Familien unter die Armutsgrenze drückten.<br />Nach Berechnungen des  Congressional Budget Office ist der kombinierte Effekt der Reaganschen Änderungen in der Besteuerung und in der Vergabe staatlicher Beihilfen eine drastische Umverteilung: Haushalte mit einem Einkommen von weniger als 10.000 Dollar pro Jahr werden zwischen 1983 und 1984 23 Milliarden Dollar einbüßen, während Haushalte mit einem Einkommen über 80.000 Dollar pro Jahr (also die obersten 1,4% der Bevölkerung) 35 Milliarden Dollar dazubekommen werden. Pro Haushalt bedeutet das einen Verlust von 1 100 Dollar am unteren Ende und einen Gewinn von 24.000 Dollar am oberen Ende (1).<br />Die Studie The Reagan Record (2), die die Auswirkungen Reaganscher Politik analysierte, kam zu dem Ergebnis, daß eine Umverteilung von 25 Milliarden Dollar (von den Schichten niedrigen Einkommens zu den Reichen) stattgefunden hat, und daß die Mittelklasse mit einem höchstens um 1% gewachsenen Einkommen praktisch stagnierte. Die Einkommensverteilung hat sich also in den kurzen Reagan-Jahren wieder dem Stand der späten 40er Jahre angenähert. Vom stattfindenden Aufschwung profitieren unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen in höchst unterschiedlicher Weise.<br />Reagan gewann seine 2. Wahl mit dem Verweis, 7 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen zu haben, aber noch beträgt die offizielle Arbeitslosenrate für Schwarze 12,2%, für Hispanics 13,1%, für Weiße 7%. (Und nur 29% der Erwerbslosen erhalten gegenwärtig eine Form von Arbeitslosenunterstützung). Aber,  es stimmt: die Beschäftigungszahlen insgesamt sind gestiegen. Von Januar 1981 bis September 1984 stiegen sie von 97 696 000 auf 105 239 000 (also um 7,5 Millionen oder 7,7%. Unter der Carter-Administration stiegen die Beschäftigtenzahlen allerdings um 12,5%.) Allerdings handelt es sich bei den neu entstandenen Arbeitsplätzen um ganz bestimmte, und sie sind nur in ganz bestimmten ökonomischen Sektoren entstanden: vor allem die Finanz-, Versicherungs-, Immobilien- und Baubranchen verzeichneten Zuwachs. (Die größten Steigerungsraten für die Jahre 1979-84 werden in den »business services« (mit 35,1%), der medizinischen Versorgung (mit 19,2%), Restaurant-betrieben (13,8%), Finanz-, Versicherungs-, Immobilienbereich (12,2%) angegeben (3). Im produktiven Sektor wurden lediglich in der Öl- und Gasgewinnung signifikant neue Arbeitsplätze geschaffen. Im Juli 1982 übertraf die Beschäftigung in den Dienstleistungsindustrien erstmals in der Geschichte der USA die in der Güterproduktion. Während der ersten 4 Reagan-Jahre wurden 4,3 Millionen Arbeitsplätze in der Dienstleistungsproduktion geschaffen (+ 6,6%), während gleichzeitig 585 000 Jobs in der Güterproduktion verloren gingen (-2,3%) (3).<br />Nach Prognosen, die in einer Studie am Georgia Institute of Technology über die Auswirkungen von Computertechnologie auf Büroarbeit erstellt wurden, werden auch die Bürojobs in der Versicherungsindustrie (um 39%) und im Bankwesen (um 27%) bis zum Jahr 2000 abnehmen. Bislang wurden vor allem diejenigen Arbeitsplätze, die ein mittleres Einkommen garantierten, wegautomatisiert, während Arbeitsplätze, die niedrige Qualifikation erfordern und Minimallöhne zahlen, expandierten. Diese Expansion (vor allem im Dienstleistungssektor) fand obendrein nicht dort, wo die Arbeitslosenraten am höchsten sind, statt, nämlich in den großen Innenstädten, sondern häufig in den Vorstädten (wo der Pool bisher nicht ins Erwerbsleben integrierter Hausfrauen entdeckt wurde: (z.B. in New York fiel 1983 zum ersten Mal die Zahl der männlichen weißen Erwerbstätigen auf weniger als 50% (49,8%), während die seit 1980 neu geschaffenen Arbeitsplätze zu 2/3 mit Frauen besetzt wurden.) und dort, wo der gewerkschaftliche Organisationsgrad gering ist.</p>
<p>Die Kluft im segmentierten Arbeitsmarkt wurde also zunehmend größer. Schließlich gehören zu der »schrumpfenden Mitte« auch jene 900000 Arbeitsplätze, die zwischen 1978 und  1982 wegen Betriebsschließungen verloren gingen, auch wenn ein ehemaliger Facharbeiter aus dem Stahlbetrieb, der heute einen Arbeitsplatz bei Mac Donalds hat, nicht mehr in der Statistik auftaucht. Das heißt, während Beschäftigtenzahlen gestiegen und Arbeitslosenzahlen gesunken sind, hat sich der Arbeitsmarkt drastisch verändert: gut zahlende »Blue collar«-Jobs wurden ersetzt durch schlecht zahlende und unsichere Jobs im Dienstleistungssektor. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß sich diese Verschiebung noch intensivieren wird.<br /> Die Ergebnisse einer Studie des Center on Budget and Policy Priorities (4) zeigen, daß das Einkommen schwarzer Familien von 1980 bis 1983 im Durchschnitt um 5,3% gesunken ist. Fast 36% aller Schwarzen lebten 1983 unter der Armutsgrenze &#151; das ist die höchste schwarze Armutsgrenze seit die Volkszählung ihre Daten rassenspezifisch erhebt. Von 1980 bis 1983 fielen 1,3 Millionen zusätzliche Schwarze unter die Armutsgrenze. Auf der Basis dieser Erfahrung wissen viele Schwarze, daß »wenn Reagan über traditionelle amerikanische Werte redet, der Rassismus einer der traditionellsten amerikanischen Werte ist.« (5) (Nate Clay, Herausgeber des angesehenen schwarzen Wochenmagazins Chicago Metro-News).</p>
<p>Die unterschiedlichen Auswirkungen des stattfindenden »Aufschwungs« (oder besser: Umstrukturierungsprozesses) lassen sich am Beispiel einer Stadt deutlich veranschaulichen. Die Stadt New York repräsentiert quasi im Mikokosmos die Nation: Manhattan luxuriert wie der südliche Sunbelt (in Atlanta beispielsweise stiegen die Beschäftigtenzahlen zwischen 1979 und 1983 um 13,1%, in Houston um 6,6%), während die anderen vier Boroughs New Yorks dem kränkelnden Frostbelt ähneln. (Beschäftigungszahlen in Detroit sanken um 11,5%, in Chicago um 6,9 %, in Philadelphia um 4,9%) (6). Sowohl das städtische Ein-kommen als auch die Zahl der Arbeitsplätze in New York sind gestiegen, aber die Zahl der Sozialhilfeempfänger ist 1984 um 40000 höher als letztes Jahr. 930000 Menschen leben in der 7-Millionen-Stadt »on welfare«. Jeder 4. New Yorker existiert unterhalb der vom Bund festgesetzten Armutsgrenze (7). Dem Aufschwung in bestimmten Stadtteilen entspricht die Verschlimmerung in anderen, so daß die Stadt New York immer mehr zu zwei Städten wird, eine für »Haves« und eine für »Have-nots«. Erstere sind größtenteils weiß, letztere sind größtenteils nicht-weiß: Die Arbeitsplätze in der Güterproduktion haben seit 1980 um  160 000 abgenommen. Und die (im Fiskaljahr 1984) neu geschaffenen 36 000 Arbeitsplätze (v.a. in der Finanz-, Versicherungs- und Baubranche) gingen nicht an die schwarze und hi spanische Hälfte der städtischen Bevölkerung, sondern zumeist an die (weißen)  Einpendler (8).<br />Die Effekte der so produzierten Ausgrenzung und Marginalisierung ganzer Bevölkerungsteile tauchen vor allem in Form sporadischer Schlagzeilen in das Bewußtsein der Öffentlichkeit: »Hungerkrise in den USA« oder »Neue Obdachlosigkeit eine Epidemie«. Selten wurden Zusammenhänge hergestellt. Zum ersten Mal stellte im November 1984 eine der zahlreichen Untersuchungen über Ausmaß und Ursachen der um sich greifenden Obdachlosigkeit ein Kausalverhältnis zwischen Armut und Obdachlosigkeit her: »Homelessness today is overwhelmingly caused by poverty, not pathology« ist das überraschende Ergebnis der vom New York State Department of Social Services erstellten Studie Homelessness in New York State.<br />40 bis 50.000 obdachlose Frauen und Männer leben derzeit in New York, 85% davon in der Stadt New York. 20200 werden im Durchschnitt pro Nacht in Obdachlosenasylen und Notunterkünften untergebracht, die restlichen 30000 schlafen in den Straßen, Bahnhöfen oder auf Parkbänken. Während es 1987 in der Stadt New York erst 3 Obdachlosenunterkünfte gab, die 2000 Menschen beherbergten, ver suchte man 1983 bereits mit 18 »Heimen« dem Bedarf nachzukommen. 6 500 Menschen wurden von diesen städtischen Anstalten, 1000 weitere von Kirchen und Synagogen versorgt. Als Grund für den sprunghaft gestiegenen Bedarf machte die Studie neben dem Anstieg von Armut und Arbeitslosigkeit vor allem die drastische Verschlechterung der Wohnraumversorgung einkommensschwacher Haushalte aus, wofür die Bundesregierung verantwortlich gemacht wird. Die Bundesregierung hat ihr soziales Wohnungsbauprogramm (Das amerikanische »Publik Housing Pro gram« entspricht eigentlich nur bedingt dem bundesrepublikanischen sozialen Wohnungsbau. Sowohl das Ausmaß (nur 5% des Wohnungsbestands) als auch der Zustand der »Publik Housing Projects« legen eher den Vergleich zu deutschen Obdachlosenheimen nahe) praktisch eingestellt, und das Wohngeldprogramm (Federal Section Pro gram) stark eingeschränkt. Mit diesem Programm wurden vordem 47.000 Haushalte im Staat New York unterstützt, heute nur noch 8000.<br />Bundesweit wurde die Zahl der Obdachlosen auf 250.000 bis 350.000 geschätzt (9). Andere Berichte (z.B. eine beim Department of Health and Human Services erstellte Studie) kommen zu realistischeren Schätzungen von ca. 3 Millionen wohnungslosen Menschen. Auch die für ihre phantasievollen Aktionen zur Obdachlosigkeit berühmt gewordene Community for Creative Non-Violence (CCNV) 10 verlangte eine Korrektur der HUD-Daten. Ihr Anführer, Mitch Snyder, erreichte durch seinen 51tägigen Fasten-Prostest im Oktober/November 1984 zwar keine Zurücknahme der Zahlen, aber er bewirkte, daß die Bundesregierung ein Modell-Shelter in Washington mit 800 Betten einrichtete&#147;. Dies Versprechen wurde 2 Tage vor der amerikanischen Präsidentenwahl gemacht. Es kann wohl nicht als Lösung für das Marginalisierungsproblem gelten; genausowenig wie die Absicht der Stadt New York, fürderhin pro Jahr 135 Millionen Dollar für Notunterkünfte auszugeben (1978 waren es erst 18 Millionen Dollar.) (12)<br />Was sich abzeichnet als Strategie zur Regulierung der Armut in USA ist die Privatisierung auch der Produktion von »Wohlfahrt«. In  New York hat die »Partnership for the Homeless«, eine Koalition aus 300 Kirchen und Synagogen, 12.000 Freiwillige auf die Beine gebracht. In der Stadt New York organisierten sie 1984 1500 Betten in Kirchen und Synagogen und 600.000 Mahlzeiten. Das Ausmaß dieser gesellschaftlichen Selbstinitiative wurde vom Bürgermeister Koch &#151; ganz im Geist der Co-Produktion &#151; vereinnahmt: »No other city in America is doing what we (!) are doing.« (13)  Auch die Lösungsvorschläge des demokratischen Abgeordneten Ted Weiss (aus Manhattan) zielen auf eine verstärkte Kooperation zwischen privatem Sektor und Bundesbehörden (14).</p>
<p>Die Rede ist hier von den privaten Organisationen, die seit dem Amtsantritt der Reagan-Administration versuchen, den Rückzug der Bundesregierung von staatlichen Ernährungsund anderen Programmen wettzumachen. Der Großteil der Bundesmittel für soziale Pro gramme ging bereits an sog. »Dritte Parteien«, also gemeinnützige Ogranisationen, die in stadtteilnaher oder bewohnerorientierter Form soziale Dienstleistungen erbringen. Für die Wohlfahrtsorganisationen und Dienstleistungsgruppen machten diese Bundesmittel (aufgestockt durch einzelstaatliche und städtische Gelder) den größten Teil ihrer Ressourcen aus. Durch die Mittelkürzungen der Bundesregierung wurden diese 124000 »non-profits« der Nation in ihrer Arbeitsweise schwer beeinträchtigt: die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel reduzierten sich um 27% (4,5 Milliarden Dollar): durch zusätzliche wohltätige Spenden haben sie bisher nur ca. 1/4 der verlorenen Bundeszuschüsse wieder eingeholt (15) . Am stärksten betroffen sind diejenigen Dienstleistungsinstitutionen, die sich um die neuen Armen kümmern: sie können die Verluste weder durch eigene Gebühren noch durch »fundraising« wettmachen.</p>
<p>Ein Markt privater Wohlfahrt, in dem die Kirchen und Verbände um Spenden der Industrie und Stiftungen konkurrieren, wird das Problem schon regeln. Die unter der Reagan Administration forcierte Privatisierung und De zentralisierung sozialer Dienste (Reagan setzte zur Mobilisierung privater Wohltätigkeit und Selbsthilfe auch eine »Task Force on Private Sector Activities« ein) scheint keineswegs zu neuer sozialer Organisation oder Bewegung zu führen, weder über die individuelle Erfahrung mit der Ausgrenzung noch über die Armenpolitik der Betroffenen. Vielmehr wirkt sie auf die Betroffenen anspruchssenkend, und sie verstärkt die gesellschaftlichen Polarisierungs- und Segmentierungstendenzen.<br />So ist es zwar richtig, daß aus dieser gesellschaftlichen Peripherie wenige auf der Woge des neuen amerikanischen Patriotismus mitschwimmen (im November 1984 gaben 68%  der erwerbslosen und 90% der schwarzen Wähler ihre Stimme nicht dem Optimismus und Aufschwung verkörpernden Reagan, son dern an Walter Mondale). Aber sie stellen eine ausgegrenzte Minderheit dar. Und die vorherrschenden sozialen Wahrnehmungen sind offensichtlich schon von der Gesellschaftsspaltung betroffen: 68% von befragten Weißen glaubten, daß es auch den Schwarzen dank Reagan besser gehe als vorher (16).</p>
<p><b>Anmerkungen</b>:</p>
<p>1 David Moberg: »The Poor Still Getting Poorer«,   in: In These Times, 22. August 1984, Seite 6<br />2  John L. Palmer, Isabel V. Sawhill, Hg.: The Reagan Record, An Assessment og America&#8217;s Changing Domestric Priorities, The Urban Institute, 1984<br />3  Federal Bureau of Labor Statistics, zitiert nach New York Times, 16. Oktober 1984: »Jobs Increase in Number, but Trends are said to leave many behind«<br />4 Falling Behind: A Report on How Blacks have Fared under Reagan, Wahington D.C. 1984<br />5 Nate Clay, Herausgeber des angesehenen schwarzen Wochenmagazins Chicago Metro-News<br />6  Vgl. New York Times, »Jobs Increase._«, 16.10.1984<br />7 New York Times: »New York&#8217;s Recovery Brings City of Haves and Have-nots«, 28.7.1984<br />8  ebd.<br />9 U.S. Departement of Housing and Urban Development: A Report to the Secretary on the Homeless and Emergen-cy Shelters; Washington, D.C., Mai 1984<br />10 Zu CCNV vgl. Margit Mayer, Steven Katz: »Die neue Wohnungsnot: Obdachlose, in: »Widersprüche« Heft 7, Offenbach, Juni 1983<br />11 New York Times: »Fasting Wins Concessions for the Homeless«, 5. November 1984<br />12 »Homelessness as a Housing Problem: A Shelter is not a Home«, Shelterforce 8/3, August 1984<br />13 New York Times: »100 Million To be Spent on Homeless«,          10. Oktober 1984<br />14 Vgl. New York Times, 4. Oktober 1984<br />15 New York Times: »Let Them Eat Charity«, 1. Oktober 1984<br />16 Center on Budget and Policy Priorities: Falling behind, Washington, 1984</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/armut-in-den-usa/">Armut in den USA</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Verwaltete Armut &#8211; Neue Armut</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/editorial-verwaltete-armut-neue-armut/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Feb 1985 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Editorial aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 20-22 Vor genau einem Jahr beschäftigten sich die »Vorgänge« mit der Sozialpolitik nach der  »Wende« (Heft 67). Daß dieses Thema am Beispiel der Armut erneut aufgegriffen wird, ist nicht nur der Aktualität geschuldet. Es ist begründet im Anspruch der Zeitschrift, Menschen und Gruppen unserer Gesellschaft, denen ein [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/editorial-verwaltete-armut-neue-armut/">Verwaltete Armut &#8211; Neue Armut</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Editorial</p>
<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 20-22</p>
<p>Vor genau einem Jahr beschäftigten sich die »Vorgänge« mit der Sozialpolitik nach der  »Wende« (Heft 67). Daß dieses Thema am Beispiel der Armut erneut aufgegriffen wird, ist nicht nur der Aktualität geschuldet. Es ist begründet im Anspruch der Zeitschrift, Menschen und Gruppen unserer Gesellschaft, denen ein »Leben in Würde« und Chancengleichheit vorenthalten wird, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen; deutlich zu machen, daß sich in einem der reichsten Länder der Welt soziale Not in einem bisher nicht bekannten Ausmaß ausbreitet und Armut Menschenrecht verletzt.</p>
<p>In der BRD leben etwa 200 000 Obdachlose sowie 500 000 andere Menschen in gemein deeigenen Schlicht- und Einfachstwohnungen. Durch Armut besonders gefährdet sind alte Menschen, alleinstehende Frauen mit Kindern sowie kinderreiche Familien. Zu diesen Ergebnissen kommt eine im Sommer 1984 veröffentlichte Studie, die vom Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit gefördert wurde.<br />Damit hat sich Familienminister Geißler noch einmal bestätigen lassen, was er schon  1975/76 schrieb, als er in einer Studie die angeblich »Neue Soziale Frage« zum eigentlichen Problem der Sozialpolitik erklärte: Ursache der Armut sei nicht mehr im Verhältnis von Kapital und Arbeit zu suchen, sondern auf die fehlende Organisationsmacht von alten Menschen, Müttern mit Kindern, nicht mehr arbeitsfähigen und anderen benachteiligten Gruppen zurückzuführen. Die Interessen dieser Gruppen würden aus dem vorherrschen-den System sozialer Sicherheit ausgeklammert. Zufall oder nicht, die Veröffentlichung der neuen Studie erfolgte kurze Zeit nach der Pressekonferenz des DGB-Vorsitzenden Gerd Muhr, der der Öffentlichkeit eine aktualisierte Untersuchung zur Ausgrenzung von Arbeitslosen vorstellte. (Siehe dazu den Beitrag von Rolf Winkel, Seite 63).<br />Die DGB-Studie zeigt, daß Arbeitslose zu den am meisten von Armut bedrohten Gesell schaftsgruppen zählen. Die »neue Armut« unter Arbeitslosen ist eine kalkulierte Folge des Sozialabbaus, begonnen unter sozial-liberaler Herrschaft, konsequent fortgesetzt und verschärft durch die CDU/CSU/FDP-Regierung.</p>
<p>Diesmal ist es dem Minister allerdings nicht gelungen, sich die Not der Armen zynisch für seine Politik zu Nutze zu machen. Der Hinweis, daß von Armut vorwiegend Alte und alleinstehende Frauen betroffen sind, wird durch die soziale Realität widerlegt. Wesentlich mehr Menschen als die Geißler-Studie suggeriert, sind heute von Armut bedroht oder leben unter dem Existenzminimum mit all seinen sozialen Folgen. Die Geißlersche Studie gibt nur einen Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit wieder. Armut hat es in der BRD schon immer gegeben: die Armut von Rentnern, Obdachlosen, Behinderten, Ausländern und Sozialhilfeempfängern. Immer schon hat ein Teil unserer Gesellschaft unterhalb des Existenzminimums gelebt, ausgegrenzt, kontrolliert und abgeschoben in Obdachlosenghettos, Heime und auf der Straße. Und Armut ist nicht nur an der Zahl der Sozialhilfeempfänger abzulesen, meint mehr als nur Sozialhilfebedürftigkeit. Armut, dahinter verbirgt sich eine sozialstrukturelle Benachteiligung bei Einkommen, Arbeit, Wohnen, Bildung, Gesundheit, politischer und kultureller Teilhabe und den Zwang unter Kontrolle und Disziplinierung sein Leben gestalten zu müssen.</p>
<p>Die anhaltende Dauerarbeitslosigkeit verschärft die vorhandenen Tendenzen. Arbeitskräfte, die in ihrer Wettbewerbsfähigkeit ohnehin schon beeinträchtigt sind, werden verstärkt vom Erwerbsleben »befreit«: Frauen in ihre angestammte Rolle als Hausfrau zurückgedrängt, Behinderte und Gesundheitsgeschädigte, ältere Arbeitnehmer, aber auch qualifizierte Arbeitskräfte.  Diese Menschen haben bei langfristiger Arbeitslosigkeit keine Möglichkeiten, sich der  sozialen Rutschbahn in die Armut entgegenzustemmen.</p>
<p>Das beginnt mit drastischen Einkommensverlusten beim Arbeitslosengeld, setzt sich  über die Verringerung der Arbeitslosenhilfe fort. Die Verschuldung unter Arbeitslosen hat horrende Formen angenommen. Und es gehört wenig soziale Phantasie dazu, zu erahnen, was es dann für den Einzelnen, die Frau, den Mann, die Familie heißt, den Gang zum Sozialamt anzutreten. Hatte man bisher noch von der Hand in den Mund leben können, wird dies nun auch zum Problem; ein Zimmer, die Wohnung oder das verschuldete kleine Eigenheim zum Luxus. Hinzu kommen die subjektiven Beeinträchtigungen, die soziale Isolierung.</p>
<p>Damit wird offensichtlich, daß das Bild vom Netz der sozialen Sicherheit immer schon  mehr Ideologie war, als soziale Realität. Der Realität näher kommt das Bild, das Wolf Wagner in seinem Buch »Die nützliche Armut« gebraucht.<br />Das Netz ist nicht die soziale Hängematte, die mißbraucht wird; anstatt nach unten durchzuhängen, wölbt es sich nach oben. Über dem Netz das Drahtseil. Das, was die Menschen auf dem Drahtseil hält, ist bezahlte Arbeit. Das Netz steht für Sozialleistungen. Sie sind gut und liegen nahe am Seil für die alltäglichen Normalfälle wie kurze Krankheit, vorübergehende Arbeitslosigkeit usw. Die davon betroffenen Menschen stürzen nicht tief und können sich wieder schnell Kochseilen, indem sie wieder arbeiten. Sobald aber der Normalfall zum Notfall wird, wenn die Krankheit chronisch, die Arbeitslosigkeit dauerhaft oder die Leistungsminderung beträchtlich wird, dann werden die Sozialleistungen immer geringer und unzuverlässiger.<br />Je mehr Hilfe wirklich nötig wird, desto spärlicher und zögernder wird gewährt, bis sie schließlich auf ihr Minimum fällt: die Hilfe zum Lebensunterhalt aus der Sozialhilfe. Hinzu kommt, je schwieriger die soziale Situation, umso größer ist die mit der Hilfe verbundene Kontrolle. Das ganze ist zudem kein statischer Zustand, seit einiger Zeit wird kräftig von der Mitte aus daran gezogen, für viele wird es immer schwieriger, sich daran festzuhalten, sie rutschen schneller und tiefer ab und landen in der Armut.</p>
<blockquote>
<p align="justify" class="bodytext">»Wir glauben, daß das Ausmaß an Ungleichheit bei Einkommen und Wohlstand in unserer Gesellschaft, mehr noch, die Ungleichheit auf Weltebene, heute als unmoralisch unakzeptabel beurteilt werden muß. Die Erfüllung der Grundbedürfnisse der Armen ist von höchster Wichtigkeit. Persönliche Entscheidungen, Sozialpolitik und Machtverhältnisse müssen alle an ihren Auswirkungen auf jene gemessen werden, denen das Mindestmaß an Nahrung, Wohnung, Bildung und Gesundheitsvorsorge fehlt&#8230;<br />Armut ist nicht nur Mangel an angemessenen Finanzmitteln. Arm zu sein bedeutet auch, auf tiefgreifendere Art beraubt zu werden, denn es bedeutet, von der vollen Beteiligung am wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben der Gesellschaft abgeschlossen zu sein.<br />Das heißt, ohne hinreichende Kontrolle über und Zugang zu den Entscheidungen zu haben, die das eigene Leben betrifft.<br />Das heißt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und auf eine Weise machtlos zu sein, die nicht nur ein Angriff auf das eigene Portemonnaie, sondern auch auf die eigene grundlegende Menschenwürde darstellt.«</p>
</blockquote>
<p>Diese Sätze stammen nicht aus der Feder bundesrepublikanischer kirchlicher Institutionen; ihre Verlautbarungen zu Arbeitslosigkeit und Armut kennzeichnet eher eine unverständliche politische Zurückhaltung. Im Gegensatz dazu, der 136seitige Hirtenbrief der katholischen Bischofskonferenz der USA (auszugsweise veröffentlicht in Frankfurter Rundschau vom 14. und 15. Dezember 1984), dem die oben zitierten Sätze entnommen wurden und den der FR-Washington-Korrespondent Lutz Krusche als »ein bemerkenswert mutiges, weitsichtiges, von seelsorgerisch-sozialem Verantwortungsbewußtsein getragenes Dokument« einstuft. »Es prangert nicht nur den skandalösen Zustand an, daß im reichsten Land der Erde 35 Millionen Arme leben, die von einem Präsidenden, Vizepräsidenten und einer Ministermehrheit regiert werden, die alle Millionäre sind, sondern es ist eine umfassende Attacke auf das System.«<br />Von einem kirchliche, gewerkschaftliche und politische Gruppen umfassenden Widerstand gegen die Politik des sozialen Kahlschlags, der Ausgrenzung und Spaltung kann bisher bei uns noch nicht die Rede sein. Politik gegen die Armut, das sind vorerst</p>
<ul>
<li>
<div align="justify">zaghafte Ansätze in Selbsthilfegruppen, in Arbeitslosenzentren, in Sozialhilfegruppen;</div>
</li>
<li>
<div align="justify">wissenschaftliche und journalistische Arbeiten;</div>
</li>
<li>
<div align="justify">politische Diskussionen der Armutsbekämpfung durch ein »garantiertes Mindesteinkommen für Alle«.</div>
</li>
</ul>
<p>Breiter gesellschaftlicher Widerstand läßt sich aber nur entwickeln, wenn</p>
<ul>
<li>
<div align="justify">die Bornierungen und die kulturellen Schranken zwischen den verschiedenen Betroffenengruppen überwunden werden;</div>
</li>
<li>
<div align="justify">die Gewerkschaften nicht nur Lohnpolitik betreiben, sondern ihre Arbeitszeitpolitik konsequenter fortsetzen, Sozialpolitik zu einem gleichgewichtigen Schwerpunkt gewerkschaftlicher Interessen-vertretung machen und Solidarität zwischen Beschäftigungslosen und noch Beschäftigten praktisch einlösen;</div>
</li>
<li>
<div align="justify">Armut und Arbeitslosigkeit ebenso als gesellschaftsbedrohend und menschenverachtend angesehen wird, wie die Stationierung von Pershings und Cruise Missiles, und somit politisches Engagement herausfordert.</div>
</li>
</ul>
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		<title>Armut und Menschenwürde</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Feb 1985 09:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Generationen]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 23-31 Vor etwa zwei Jahren wurde Ronald Reagan von Reportern auf die sich immer noch verschlechternde Lage der Armen in den Vereinigten Staaten angesprochen. In seiner  Antwort vermied er das Wort »arm« und sprach stattdessen von den Nicht-reichen, the non-rich. Diese Ausdrucksweise hat mich schockiert, obwohl mir schon [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 23-31</p>
<p>Vor etwa zwei Jahren wurde Ronald Reagan von Reportern auf die sich immer noch verschlechternde Lage der Armen in den Vereinigten Staaten angesprochen. In seiner  Antwort vermied er das Wort »arm« und sprach stattdessen von den Nicht-reichen, the non-rich. Diese Ausdrucksweise hat mich schockiert, obwohl mir schon bekannt war, daß die einzige Fremdsprache, die Reagan beherrscht, das Orwellsch ist. Was bedeutet es; habe ich mich gefragt, wenn jemand das Wort »arm« nicht mehr in den Mund nimmt? Gehört es zu den schmutzigen Vier-Buchstaben-Wörtern, die man besser nicht benutzen sollte? Die Sprachverrenkung signalisiert ein neues politisches Paradigma. Vor allem drückt sie eine Verleugnung von Realität aus: die Armen sind gar nicht arm. Es gibt gar keine Armen in den USA. Es gibt keinen Hunger, wie der Präsident bei anderer Gelegenheit scherzte, die Leute sind nur gerade bei einer speziellen Diät. Die Realität darf nicht gesehen und benannt werden, und die wichtigsten Medien in den USA folgen diesem Szenario: Die Nichtreichen sind nicht sichtbar, sind Nichtpersonen. Reden von den »Nicht-reichen« enthält zugleich einen Angriff auf die Würde der Armen; das, was ich ihre spirituelle Wirklichkeit nennen möchte, muß ebenfalls »neutralisiert« werden.</p>
<p>Das Wort  »arm« enthält ja vielfältige Konnotationen und gefährliche Erinnerungen an eine andere Lebensform. In den germanischen Sprachen hängt »arm« mit »lieb« zusammen und wird auf »mitleidenswert« und »verlassen« zurückgeführt, wie wir das aus umgangssprachlichen Wendungen (&#8218;ein armer Tor&#8216;, &#8218;ein armer Hund&#8216;) noch kennen. Im Kölschen gibt es eine schöne Wendung, um auszudrücken, daß es einem psychisch schlecht geht: »Ich han et arm Dier.« Diese Ausdrücke entsprechen einer jüdisch-christlichen Mitleidtradition, die im kalkulierten Sozialabbau der Wende keinen Platz mehr haben darf. Der Nationale Kirchenrat in den USA hat schon 1981 in seinem »Wort an die Kirchen« programmatisch erklärt:</p>
<blockquote>
<p align="justify" class="bodytext">»Die neue Regierung verlangt von uns, unser bisheriges Verständnis, nämlich daß eine Regierung grundsätzlich verantwortlich dafür sei, &#8218;die allgemeine Wohlfahrt zu fördern&#8216;, zu revidieren&#8230;. Die Politik der neuen Regierung zielt nicht nur darauf ab, die sozialen Leistungen zu beschneiden, sondern leugnet auch, daß die Menschen ein Recht darauf haben.« (FR 16.9.1981, S. 14).</p>
</blockquote>
<p>Die USA hat in den letzten Jahren, was das soziale Netz angeht, allmählich einen vorrooseveltschen Zustand erreicht. Die Regierung erhebt gar nicht mehr den Anspruch,  die ganze Gesellschaft zu fördern und hat den nationalen Traum einer gerechten Gesellschaft, eines neuen Jerusalems ohne Ausbeutung und Sklaverei aufgegeben und sich  von seinen Wurzeln in Christentum und Aufklärung gelöst. Seit Beginn der 80er Jahre werden immer größere Anteile der Bevölkerung systematischer Verelendung unterworfen. (Siehe auch den Beitrag von Margit Mayer, Seite 15). Mitten im Überfluß, der die reichen Industrienationen weiter kennzeichnet, breiten sich in Europa und Nordamerika Armut und Hunger aus, während die Nahrungsmittelproduktion gleichzeitig mit Zuschüssen aus Steuergeldern reduziert wird. Aber diese wachsende Minorität darf nicht allzu sichtbar werden; es gibt keine Armen, nur einige Nicht-reiche.</p>
<p>Ohne Zweifel sind Armut und Reichtum außerordentlich relative Begriffe, die in verschiedenen Gesellschaften und zu anderen Zeiten sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Um sie sinnvoll zu verwenden, müssen wir lernen, kontextuell, relational und postmaterialistisch zu denken. Das sind methodische Voraussetzungen, die ein Diskurs über die neue Armut hoffentlich erfüllen wird. Mit &#8218;kontextuell&#8216; meine ich den Lebenskontext, innerhalb dessen die kalkulierte Verarmung stattfindet, also z.B. den Unterschied zwischen entlassenen älteren Arbeiterinnen und Jugendlichen, die von der Arbeitserfahrung überhaupt ausgeschlossen werden. &#8218;Relational&#8216; heißt &#8218;in Beziehung stehend&#8216;: man kann nicht über die neuen Armen reden und über die Reichen schweigen. Deswegen ist der karikative Ansatz mit staatlichen Hilfsprogrammen etwa so sinnvoll, als wolle man Schwerkranke mit Schmerztabletten heilen. Mit &#8218;postmaterialistisch` möchte ich (vorsichtig) die herkömmliche Identifikation von Arbeit mit Lohnarbeit in Frage stellen; die Menschenwürde muß anders begründet werden als im Lohnerwerb, und die Menschenrechte müssen neu, den bürgerlichen Rahmen von Religions-, Presse-und Versammlungsfreiheit überschreitend, definiert werden.</p>
<p>Diese Vorüberlegungen sind notwendig, schon um uns vor dem alles nivellierenden Relativismus zu retten. »Was heißt schon arm? Gemessen an Kalkutta&#8230;« ist zynisches Gerede für beide Gruppen, den Verhungernden der Zweidrittelwelt wie den neuen Armen in der reichen Welt gegenüber.</p>
<p>Gehen wir von anerkannten sogenannten Grundbedürfnissen von Menschen aus: Nahrung, Gesundheit, Bildung, Wohnung, Kleidung, Arbeit und Kommunikation sind Bedürfnisse, deren Beeinträchtigung oder Verweigerung Menschen »arm« macht, sie verelenden läßt oder sie vernichtet. Bekanntlich gibt es »viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staate verboten.« (Bert Brecht, Gesammelte Werke 12, 466). In diesen Bemerkungen Brechts ist die Würde des Menschen vorausgesetzt. Ein kontextuelles Denken versucht, die Situation der Armut in Beziehung zu setzen zur menschlichen Würde. Der Vergleich mit Kalkutta ist für die Obdachlosensiedlung am Rand unserer Großstädte ganz unangebracht; die Fragen, die wir wirklich stellen müssen, sind: Wann wird Armut entwürdigend? Unter welchen Bedingungen zerstört sie die Würde des Menschen?</p>
<p>Nicht jede Form von Armut hat diese destruktive Qualität. Anfang November 1984 hielt der dann zum Staatspräsidenten gewählte Daniel Ortega in Nicaragua eine Rede, in der er den Zuhörern die ganze Härte des Krieges und der Vernichtungsdrohung durch die USA klarmachte. Er habe nichts zu versprechen als »Bohnen, Reis und menschliche Würde« sagte Ortega. Und eine der großen Faszinationen Nicaraguas für den Besucher aus der reichen Welt besteht gerade darin, daß er hier überall extreme Armut sieht, daß sie aber in den allermeisten Fällen nichts Entwürdigendes hat &#151; vor  allem, weil sie kollektives Schicksal, nicht Bestrafung einzelner Individuen ist. Ein Drittel der Bevölkerung Managuas lebt in den oft aus Blech, Holz und ein paar Steinen aufgebauten Hütten der Armen. Es sind »slums«, aber nicht vergleichbar mit denen, die ich in Mexico City, in Santiago de Chile oder Buenos Aires gesehen habe. Im neuen Viertel El Retiro zum Beispiel haben alle Hütten Elektrizität, der Abfall liegt nicht auf den Lehmwegen; Wasserstellen sind über das ganze Gebiet verteilt; die meisten Leute tragen Schuhe. »Was bedeutet Revolution für dich?«, fragte ich eine junge Frau, Mutter von sechs Kindern, am Stadtrand von Managua. »Meine Kinder werden etwas lernen«, sagt sie, und ein barfüssiges schönes Kind vor der Einraumhütte aus ein bißchen Holz und Blech erklärt mit einer Arroganz, die Fünfjährige manchmal aufbringen, daß sie später studieren und Doktor werden wird.<br />Es gibt Formen von Armut, die die Würde des Menschen nicht zerstören, und die christliche Tradition läßt sich nur dann verstehen, wenn wir von dieser Möglichkeit ausgehen. Warum sind dann die bei uns auftauchenden Formen der neuen Verarmung, warum ist unsere Armut der Alten, der Frauen, der Kinderreichen, der Arbeitslosen, der Unbeschäftigbaren so anders und so zerstörerisch? Unter welchen sozialen und psychosozialen Bedingungen zerstört Armut die Würde des Menschen?<br />Ich will darauf mit einer Fallbeschreibung antworten.</p>
<p>Herbert, ein entfernter Verwandter von mir, jetzt 55 Jahre alt, war fast zwei Jahre arbeitslos. Er ist Gipser von Beruf, ein Rest von handwerklicher Tätigkeit im kleinen Team ist da, er hatte eine starke loyale Bindung an die Firma, für die er tätig war. Seine Angst, daß diese Firma pleite machen könnte, war so groß, daß er zu einem relativ späten Zeitpunkt noch Geld in das Unternehmen steckte, um es zu retten.<br />Das Unternehmen und sich selber, wollte er retten. Beides mißlang. Er hat in diesen 20 Monaten eine Erfahrung der Sinnlosigkeit gemacht, die anderen, die außer der Arbeit andere Formen des Selbstausdrucks gelernt haben, fremd bleiben muß. Herbert kannte nichts als seine Arbeit. Als sie weg war, war sein Leben weg. Es fand gar nichts mehr statt. Es war nicht in erster Linie ein finanzielles Problem, er arbeitete gelegentlich schwarz und kam einigermaßen hin, das Häuschen ist fast abbezahlt, die Kinder selbständig. Es war ein existenzielles Problem, eine Frage nach dem Sinn des Lebens. Herbert saß während dieser Zeit herum. Er rauchte mehr als je, eine nach der anderen. Er nahm ab. Er las früher nicht, warum sollte er jetzt lesen. Er ist früher nie in Urlaub gefahren, hielt es woanders immer nur zwei oder drei Tage aus, ohne Arbeit schon gar nicht, warum sollte er jetzt herumreisen. Er wurde zunehmend agressiver zu seiner Frau. Zu den beiden heranwachsenden Töchtern war er schon vorher agressiv; jetzt sprach er fast nicht mehr mit ihnen. In seiner kleinen Firma hatte er ein besonders gutes Verhältnis zu den dort arbeitenden Italienern und Jugoslawen. Er beschützte sie vor Ungerechtigkeiten. Seitdem er arbeitslos war, redete er nur noch verbal-agressiv gegen sie, schimpfte über die Ausländer. Ebenfalls verschärft hat sich sein Verhältnis zu den gesellschaftlichen Institutionen, er war zwar schon immer mißtrauisch, fühlt sich aber erst jetzt, als älterer Arbeitsloser, von allen Parteien gleichermaßen verraten. Fast könnte man das große Wort Staatsverdrossenheit auf ihn anwenden. Sicher handelt es sich um eine Sinnkrise.</p>
<p>Arbeit ist ein Teil unserer Sinnerfahrung. Sie stellt unsere Selbstachtung her. Für Her bert war die Selbstachtung massiv bedroht, als ihm die Arbeit genommen war. Sie hatte ihm Wert verliehen, vor anderen und vor sich selber, sie hatte ihn integriert in das Leben der Familie, ihm Beziehung gegeben zu den Kollegen am Arbeitsplatz und den größeren gesellschaftlichen Institutionen. Als die Arbeit weg war, war plötzlich der Zusammenhalt weg. Die Maschinerie seines Lebens funktionierte nicht mehr, der Rhythmus war weg, die gute Müdigkeit, das Miteinanderreden am Abend. Das Bier schmeckte anders. Als die Arbeit weg war, stellte sich plötzlich heraus, daß Herbert kein Mensch war ohne sie.</p>
<p>Sicher gibt es Leute, die schlimmer reagieren auf den Verlust oder gar auf die Aussichtslosigkeit, eine Arbeit zu finden. Jugendliche, die von der Sinnlosigkeit ihres Lebens bedroht und überwältigt werden, fangen an, Telefonhäuschen zu zerstören, zu  saufen, kriminell zu werden. Das sind agressivere Formen desselben Krisenphänomens: Aber auch ohne diese Auffälligkeiten ist die Sache schlimm genug. Herbert ist, so will ich als These formulieren, auf doppelte Weise um sein Leben betrogen. einmal durch Arbeitslosigkeit, und zwar durch die zunehmend strukturelle. In unserer Gesellschaft hat er kein einklagbares Recht auf Arbeit, er muß vielmehr immer mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes rechnen. Er steht unter der Drohung, wieder gehen zu müssen. Diese Drohung nimmt ihm die Sicherheit, das selbstverständliche Vertrauen in eine Gesellschaft, in der jeder seinen Platz hat und gebraucht wird. Nichts ist selbstverständlich, das Arbeitenkönnen sowenig wie das Luftholen. Der Lebenszusammenhang wird im Gegenteil immer undurchschaubarer.</p>
<p>Die Drohung nimmt ihm auch die Freiheit, umzugehen mit anderen, Vorgesetzten und  Kollegen, wie es ihm selber entspricht. Herbert ist von Natur aus rotzfrech, er sagt unaufgefordert was er denkt und fühlt. »Ich bin so frei« ist eine seiner Redensarten, und er ist es. Aber die Drohung, unter der er lebt, nimmt ihm die Frechheit, die Spontaneität, die Wärme und die Freiheit seines Umgangs mit anderen. Er hat sich anzupassen. Seine persönliche Sicherheit und seine persönliche Freiheit, dieser zu sein, sind durch die permanente Drohung ausgehöhlt; das trifft natürlich für jüngere weniger stabilisierte Menschen erst recht zu.</p>
<p>An wen eigentlich ist Herbert ausgeliefert? Es ist nicht eine politische Diktatur, die ihn  bedroht, aber er erfährt am eigenen Leib und an der eigenen Seele die ökonomische Diktatur, die undurchschaubare Fremdbestimmung seines Lebens. Arbeitslosigkeit ist nur die andere Seite der Diktatur des Kapitals, unter der er lebt.<br />Die andere Art, auf die er um sein Leben betrogen wird, ist die Sinnlosigkeit, die in der Arbeitslosigkeit sichtbar wird. Er hat niemals gelernt, sich selber auch außerhalb der Arbeit zu verwirklichen, er selber, auch arbeitsfrei, zu sein.</p>
<p>Darum trifft ihn die erzwungene Verarmung besonders; sie ist demütigend. Es gibt viele Berichte über Arbeitslose, die ihre Entlassung vor Nachbarn und oft auch vor der eigenen Familie verbergen, die morgens mit dem Bus angeblich zur Arbeit fahren und abends erst zurückkommen, weil sie die Demütigung, den sozialen Ausschluß nicht ertragen. Sie erleben sich selbst als vollständig abhängig von der Willkür anderer, die über die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch neue Technologien entscheiden. Es gibt eine Scham der Armut, die sich lieber versteckt, den Weg durch demütigende Kontrollen und Prozeduren gar nicht erst versucht. Es fehlt den Armen an Souveränität, mit dem Leben umzugehen, Beziehungen zu anderen Menschen zu benutzen, spielerische Elemente des eigenen Lebens zu entwickeln. Das kann so weit gehen, daß die allersimpelsten Fragen von Armen nicht gestellt werden, wie die Frage »Was kostet das?« Geschichten wie die von der alleinstehenden Frau, die von einem Vertreter ein Kilo Kaffee pro Woche aufgeschwatzt bekommen hat und nicht weiß, wie aus der Falle herauskommen, sind keine Seltenheit. Die Abhängigkeit der Armen hat ihnen die Mobilität und die Neugier zerstört. Die Unsicherheit des Lebens vergrößert sich damit in Unabsehbare, und zu der objektiven Unterwerfung unter soziale Kontrollen tritt die subjektive Selbstentwürdigung. Armut ist in der Tat ein besser nicht zu erwähnendes dreckiges Wort, und dieses Bewußtsein bekommen die Armen verpaßt.</p>
<p>Ihre Kinder lernen es beim Eintritt in die Schule. Ich erinnere mich an eine Elternversammlung in der ersten Klasse der »höheren« Schule. Die Lehrerin sagte freundlich: »Wenn irgendetwas ist, können Sie mich ja anrufen. Vielleicht sollten wir alle unsere Telefonnummern austauschen.« Ich dachte mir nichts dabei, aber neben mir saß eine verschüchterte Mutter und fragte »Muß man denn ein Telefon haben?« Sie war verunsichert von der ihr fremden Geläufigkeit, Mobilität, Kommunikationsart. Sie hatte Angst, etwas falsch zu machen und sprach, wenn überhaupt, nur zu mir. Nach einem halben Jahr war ihr Kind aus der Schule weg. Ich erzähle dieses Beispiel, um auf ein Phänomen der neuen Armut hinzuweisen, das subjektive Bewußtsein der Rechtlosigkeit. Das Bedarfsprinzip wird in der Sozialhilfe so ausgehöhlt, daß die Rechtsansprüche der Betroffenen zu Ermessensentscheidungen der Bürokratie gemacht werden; die Abhängigkeit wird vergrößert, und die Entwürdigung schlägt in Selbstentwürdigung um. Das Schulkind, für dessen Eltern die angesagte Klassenreise zu teuer ist, bleibt weg, entzieht sich, und der verhängte Ausschluß von der Wohn- und Lebensgemeinschaft wird durch viele kleine Schritte internalisiert.</p>
<p>Die Armen werden ausgegrenzt aus der Gesellschaft. Das geschieht in legislativen Maßnahmen, die soziale Deklassierung, Isolierung und mangelnde kulturelle oder politische Teilhabe zur Folge haben. Die Reichen wollen den Anblick der Armen nicht ertragen. Einem Bericht der New York Times entnehme ich, daß eine wachsende Anzahl reicher Ortschaften in den USA sich heute durch Mauern von den übrigen Menschen abgrenzt. Es gibt eine Architektur der »Reichen in Angst«, die bewaffnete Häuser bauen: kleine Kastelle mit hohen Hecken, scharfen Hunden und Alarmanlagen. Meist liegen diese eingemauerten Ortschaften in USA noch nicht einmal in der Nähe von Orten mit hoher Kriminalität; dennoch ist die Furcht der Reichen vor den Armen bereits so groß, daß elektronische Sicherheitsgürtel und bewaffnetes Wachpersonal notwendig werden. Die ältere Vorstellung von der Stadt, der Polis, in der freie Bürger zusammenleben, ist aufgegeben zugunsten einer Architektur der Apartheid, mittels derer die Armen unsichtbar gemacht werden. Sie sind Nonpersonen, und Reagans Ableugnung ihrer Realität spricht nur das Bewußtsein seiner Klasse aus. Es gibt keine Armen.</p>
<p>In Südafrika wachsen die weißen Jugendlichen in der übergroßen Mehrzahl in vollständiger kultureller Apartheid auf: sie kennen ihr eigenes Land nicht, sie wissen nichts über die Versorgung mit Wasser und Strom in den Townships wie Soweto, die Arbeitsbedingungen der Nicht-weißen sind ihnen vollständig unbekannt. Diese geistig-kulturelle Apartheid ist aber nicht nur eine Erfindung südafrikanischer Rassisten, sie ist grundlegend für die gesamte Kultur der Reichen. Es gibt z.B. ganze Theologien und auf ihnen gegründete Institutionen, in denen die Armen, die nach einer Aussage der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Puebla (1979) »die Lieblingskinder Gottes« sind, gar nicht vorkommen, unsichtbar bleiben. Die reiche Welt braucht immer mehr Mauern, um sich gegen die Armen zu verschanzen und immer mehr Waffen, um sich gegen sie zu sichern.</p>
<p>Die Ausgrenzung der Armen, ihre Unsichtbarmachung ist ideologisch notwendig. Darum sind Reagans Sprachverrenkungen kein Zufall. Die Abfallprodukte, die zunehmende Marginalisierung ganz neuer Generationen von Armen wird, so gut es eben geht, verschleiert. Ungefähr zur gleichen Zeit wie die Studie des DGB über die neue Armut erschien ein Hirtenbrief der französischen Bischöfe zum Thema. »Man hat heute Hunger in Frankreich«. so beginnt diese Deklaration, und damit ist nicht eine Randerscheinung gemeint oder eine Art »Unfall« in einer sonst florierenden Wirtschaftsordnung, sondern die Realität von 600000 bis zu einer Million ganz normaler Franzosen, die im wirtschaftlichen System, das sich für die Anwendung der neuesten Technologien stark macht und Arbeitslose in Kauf nimmt, vorgegeben ist. Diese wirtschaftspolitische Entwicklung wird heute durch neue Ideologien, wie sie in der immer beliebteren philosophischen Schule der Nouvelle Droite, der Neuen Rechten, gang und gäbe sind, abgesichert. Jede Woche popularisiert das Figaromagazin auf Glanzpapier den neuen »Kult der Stärkeren«, identifiziert die Stärkeren als die Besseren, Schönen und Mächtigen und verschafft den Reichen ein gutes Gewissen. So werden die ideologischen Apartheidsmauern hochgezogen; das Ideal der Gleichheit wird als »Nivellierung« und »Gleichmacherei« verteufelt. Der Kult der Stärke, der auch in der jüngsten Schüler- und Studentengeneration immer mehr Anhänger findet, wird offen als »neues Heidentum« proklamiert. Endlich fort mit den Resten einer Solidargemeinschaft aus Starken und Schwachen! Die Armen sind es selber Schuld &#151; das ist die neue Ideologie, die von den Franzosen antiklerikal und heidnisch, von Reagan fundamentalistisch und christofaschistisch ausgesprochen wird. Die Würde der Armen ist in der Tat antastbar.</p>
<p>In der BRD hinkt die Ideologie vielleicht noch etwas hinterher, aber die praktisch-bürokratische Verwaltung der Armen ist schon perfekt. Indem man die finanziellen Kosten für die Armen vom Bund auf die Länder und Gemeinden verlegt, arbeitet man ihrer Isolierung und Dezentralisierung zu. Die sozialen Probleme sollen entpolitisiert bleiben. Die Armen, die Arbeitslosen und die ohne Aussicht auf eine Änderung Lebenden müssen voneinander isoliert werden. Die Verlagerung der Kompetenzen dient der politischen Entmündigung der an den Rand Gedrängten. Auf einer Gesprächsrunde zwischen Wirtschaftsführern und Repräsentanten des deutschen Protestantismus wurde kürzlich der Auftrag der Wirtschaft an die Kirche in zynischer Offenheit formuliert. Die Kirche solle die Arbeitnehmer auch für sinnlose Arbeiten motivieren und ihnen eine neue Arbeitsmoral nahebringen. Die Arbeitslosen solle sie unter Hinweis auf den »Sinn des Lebens« ruhig halten. Diese Art, mit dem Problem der neuen Armut umzugehen, ist nicht nur zynisch, sondern auch realitätsblind. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Angehörigen der Machteliten in der Bundesrepublik tatsächlich so leben wollen, wie es ihnen die Ideologie des Reichtums vorschreibt: in bewaffneten Häusern, hinter Mauern in privaten Siedlungen, mit Atombunkern ausgerüstet und im Besitz der bezahlten Wächter, die die nachrückenden Eindringlinge vor den Schutzräumen abknallen. Eine Gesellschaft, die die Armen ausgrenzt, die die Solidargemeinschaft zwischen den Starken und den Schwachen, den Arbeitsbesitzern und den Arbeitslosen, den Kinderlosen und den Kinderreichen aufkündigt, muß auch die politische Lebensform der Demokratie aufkündigen. Demokratie funktioniert nicht unter den Voraussetzungen des Sozialdarwinismus, sondern setzt genossenschaftliches Denken, gegenseitige Verantwortlichkeit, ein bonum commune voraus. Die Aufkündigung dieser Gemeinsamkeit und gegenseitigen Abhängigkeit bedeutet den Krieg der Reichen gegen die Armen.</p>
<p>Krieg wird in der ldeologie der Neuen Rechten zur Vision des Lebens; als das natürlich  Gegebene ist der Krieg das jederzeit Vorzubereitende. Der Zustand der Verelendung, in den die Eliten der reichen Welt die Ärmsten in der Dritten Welt stürzen, ist ohne Krieg und Gewalt nicht aufrechtzuerhalten. Der unerklärte Krieg des reichsten Landes der Erde gegen eines der ärmsten, Nicaragua, sollte das auch den naivsten Verfechter westlicher ldeologien klargemacht haben.<br />Die Reichen zerstören nicht nur die Menschenwürde der Armen, sondern auch ihre eig ene. Sie haben ihre Würde am Besitz und an die mit Besitz verbundenen Gewaltmittel gekettet. Nicht jede Form von Reichtum, der unbezogen bleibt auf die Abhängigen und sich hinter Apartheidsmauern isolieren muß, ist eine Selbstzerstörung der Menschenwürde der Reichen. Daß ein Reicher ins Himmelreich kommt, ist so wahrscheinlich wie daß ein Kamel durch ein Nadelöhr geht.</p>
<p>Die christliche Tradition hat in die Auseinandersetzung um Armut und Reichtum etwas  einzubringen, was heute in Gefahr steht, vergessen zu werden. Sie geht nämlich nicht von der Annahme aus, alle Menschen seien Kapitalisten, manche erfolgreich (= reich), andere erfolglos, verhindert (= arm). Diese Annahme ist in unserer Kultur selbstverständlich, und die Würde der Armen, der Grund, warum Jesus sie seligpries, ist von diesem Horizont aus schlechterdings unverständlich. Es ist aber ein materialistischer Aberglaube anzunehmen, jede Form von Armut zerstöre unsere Würde und sei um jeden Preis zu vermeiden. Wer immer innerhalb der Mittelklasse lebend sich in Solidarität auf die Armen einläßt, der verfehlt ihre Wirklichkeit, solange er sie unter dem allein herrschenden Gesichtspunkt, nämlich als verhinderte Kapitalisten, betrachtet. Die Würde der Armen liegt in ihrem Sein, nicht in ihrem Haben und Nicht-haben; die Zerstörung ihrer Würde ist die Zerstörung ihrer Solidarität untereinander, ihrer Vision miteinander.</p>
<p>Ich habe die Kriterien, die Armut zerstörerisch und selbstdestruktiv machen, genannt: Demütigung, Scham, Isolation und Sinnlosigkeit. Aber das definiert die Armen nicht,  nicht jederzeit und nicht überall. Die Bibel ist ein erklärter Gegner jeden Schicksalglaubens, jeder Beschreibung der menschlichen Wirklichkeit als schicksalhaft ablaufend. Sie setzt gegen das »Weil du arm bist, muß du früher sterben« ihr: »Weil du reich bist, hast du nie gelebt.« Das Evangelium ist voll von Weherufen gegen die Reichen und Seligpreisungen der Armen. Es verspricht den Hungrigen, Entrechteten und künstlich Verarmten Befreiung und Fülle des Lebens. Innerhalb der christlichen Tradition lassen sich zwei Arten von Armut unterscheiden: die erzwungene, über Menschen verhängte Verelendung, die im Extrem von den Ökonomen »absolute« Armut genannt wird, und die freiwillig gewählte, in der Menschen ihre von Natur aus unbegrenzten materiellen Bedürfnisse zurückstellen und Freiheit füreinander gerade aus Einfachheit und relativer Besitzlosigkeit gewinnen. Das Versprechen ist nicht, daß alle wie die Reichen werden sollen, das Ideal ist nicht der Millionär und seine Generale; es sind die kleinen Leute, die Frauen, die Kinder, denen das »Leben in seiner Fülle« physisch, geistig, psychisch versprochen wird in einer Kultur des Teilens, in der fünf Brote und zwei Fische unter fünftausend Menschen geteilt werden und ausreichen.</p>
<p>Die befremdlichen Wundergeschichten in den Evangelien können uns Distanz von uns selber (und dem Kapitalisten in uns) geben und uns ein besseres Verständnis von der  Rolle der Armen geben. Ein Grundsatz der Theologie der Befreiung, die man auch eine Theologie der Armen nennen kann, ist, daß die Armen die Lehrer sind, die uns auf das Leben aufmerksam machen. Was lehren denn die Armen? Sie warten auf Wunder. Sie brauchen Wunder &#151; während für die Reichen die Wunder nur Aberglaube, Illusion, Realitätsflucht sind. Die Armen brauchen das Wunder: die Außerkraftsetzung der Realitätsgesetze, daß wer fällt, auch noch gestoßen wird, daß der Starke über die Schwachen siegt und ihnen Gewalt antut; sie brauchen das Wunder, daß Solidarität stärker ist als die strukturelle Gewalt der Mächtigen. Die Armen brauchen nicht Reformen, Hilfsprogramme, &#8218;Placebos&#8216;, sondern das Wunder, dessen Kern die Umverteilung ist. Die neue Verteilung der Arbeitszeit, der Einkommen und der Freizeit nach dem Prinzip der Bedürfnisse &#151; das sind Hoffnungen, ohne die die Armen nicht ihre Würde bewahren können. In diesem Sinn ist die sandinistische Revolution, die das Land, das Essen, die Gesundheit und die Bildung umverteilt hat, eine Wunder-geschichte, in der das Unmöglich-scheinende möglich wurde. »Alles ist möglich dem, der da glaubt«, sagt Jesus. An Wunder »glauben« bedeutet in seiner Botschaft, sich an ihnen zu beteiligen, sie zu tun.</p>
<p>Das Versprechen einer solchen solidarischen Kultur ist eine Einladung zum Kampf, zum Eintreten für die Opfer und zum Mitleiden. Die Menschen, die sich auf die Seite der Armen ziehen lassen, kommen mit dem Grund allen Lebens in Berührung: das  drückt die Bibel so aus, daß ihnen Gott in den Armen begegnet. Bei diesem Schritt von der Bewußtlosigkeit zum Bewußtsein, von der apathischen Hoffnungslosigkeit einem Verhängnis gegenüber zum Glauben an den befreienden Gott der Armen verändert sich auch die Qualität der Armut, weil sich das Verhältnis zu ihr ändert. Wenn der Arme nur ein verhinderter Kapitalist ist, so kann sich sein Verhältnis zur Armut nicht ändern, und er wird weiter Lotterie spielen und auf den Zufall der Einstellung und der individuellen Lösung eines gesellschaftlichen Problems warten. Er wird sich weiterhin der Armut schämen und die Isolation für natürlich halten. Er wird die Kultur der Apartheid internalisieren und seine eigene Würde kapitalistisch, in Besitz und Leistung, definieren. Wird er sich aber seiner Lage bewußt, so verändert sich sein Verhältnis zu sich selber. Seine Armut, quantitativ gesehen, kann größer werden, weil der Kampf und das Mitleid Opfer fordern; sie kann auch geringer werden, weil der Kampf und das Mitleiden eine bessere Verteilung der Güter schon jetzt bedeutet. In beiden Fällen ist aber die erzwungene, verhängte Armut nicht mehr dieselbe; sie nimmt die Züge der freiwilligen Armut an; es leuchtet die Realität der Freiheit in der Armut auf; sie wird Gottes Armut, wie sie es für Jesus, für Franziskus, für Oscar Romero und viele andere war. Die Armen werden so in die Befreiungskämpfe verwickelt. Was sich jetzt wie ein Traum anhört &#151; das Bewußtsein der Bewußtlosen &#151; hat in der Dritten Welt seine Vorbilder. Die Armen haben sich dort ja schon zusammengeschlossen, die Befreiungskämpfe finden ja statt, die Kultur der Apathie und des entwürdigenden Schweigens wird überwunden, Reis, Bohnen und menschliche Würde werden geteilt. Warum sollte es nicht auch bei uns eine Gewerkschaft derer, die vom Arbeitsleben ausgeschlossen werden, geben? Eine neue Solidarität zwischen denen, die noch Arbeit haben, und denen, deren Würde durch die Verweigerung des Menschenrechts auf Arbeit bedroht ist? Eine Bewegung für den Frieden, die die Marginalisierung und Entwürdigung der Armen als Teil des erbarmungslosen Krieges begreift, den die Erste Welt gegen zwei Drittel der menschlichen Familie, gegen die Natur und gegen sich selber führt? » Warum wollt Ihr sterben?« fragte der Prophet Hesekiel (33,11). Warum eigentlich?</p>
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		<title>Abgeschoben ins Ghetto</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Feb 1985 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Armut in Offenbach und die Suche nach Alternativen aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 35-38 Vor 4 Jahren gründeten Sozialhilfe-Empfänger, Sozialarbeiter und unabhängige Linke (oder Gewerkschafter) den Offenbacher Sozialhilfe-Verein. Mit dieser Gründung wollten diejenigen, die seit den 60er Jahren eine Art »Betroffenenbezogene Sozialarbeit«  mit den Bewohnern gemeinsam gegen die Institutionen machen, ein eigenständiges, unabhängiges [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Armut in Offenbach und die Suche nach Alternativen</p>
<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 35-38</p>
<p>Vor 4 Jahren gründeten Sozialhilfe-Empfänger, Sozialarbeiter und unabhängige Linke (oder Gewerkschafter) den Offenbacher Sozialhilfe-Verein. Mit dieser Gründung wollten diejenigen, die seit den 60er Jahren eine Art »Betroffenenbezogene Sozialarbeit«  mit den Bewohnern gemeinsam gegen die Institutionen machen, ein eigenständiges, unabhängiges Gremium schaffen, auf das die offizielle (städtische) Sozialarbeit keinen unmittelbaren Einfluß hat.</p>
<p>Im Verlauf der Politisierung der Bewohner »sozial benachteiligter« Stadtgebiete bzw.  der Sozialghettos Offenbachs im Kampf um ihre Rechte, entstanden in den 60er Jahren sog. Bewohnerräte, die auf Bewohnerversammlungen ihre Forderungen und Ziele gegen die Sozialbürokratie der Stadt formulierten. In den 70er Jahren wurden diese »Räte« im Zuge der Konfliktbefriedung der sozialen Brennpunkte durch von der damals regierenden SPD-Stadtregierung eingesetzten Sozialarbeiter zerschlagen.<br />Durch Intervention der offiziellen Sozialarbeit »von Oben«, selektive Vergabe sozialer  Leistungen (Möbelbeihilfen, Kleider- u. Sonderbeihilfen etc.), Honorierung von Wohlverhalten usw., wurde der Politisierungsprozeß, der sich seinerzeit u.a. im kontinuierlichen Beschäftigen der Bewohner mit ihrer Lage, Selbstorganisation von Protesten, Öffentlichkeitsarbeit etc. ausdrückte, gestoppt. Trotz dieser Tatsache hält sich, auch als Reaktion auf die ständige Verschlechterung ihrer Lage, ein Widerstandspotential Betroffener in den »Brennpunkten«, das sich im Umfeld des Sozialhilfe-Vereins bewegt, für dessen Arbeit sensibel ist und praktische Unterstützung leistet.<br />Über das Tagesgeschäft praktischer Hilfestellung im Kleinkrieg der Sozialhilfeempfän ger und »sozial Schwachen« mit den Ämtern, Formalitäten und Vorschriften hinaus, geht es dem Sozialhilfe-Verein um die Entwicklung neuer »sozialpolitischer Wege«; dazu gehört auch die Überlegung, mit einer Kandidatur für das Stadtparlament bei den Kommunalwahlen im Frühjahr 1985, dort ständig den Finger in die Wunde öffentlichen Anspruchsdenkens gegen die sozial Benachteiligten zu legen.</p>
<p>In Offenbach gibt es nach amtlichen Angaben (September 1984) ca. 8 500 Arbeitslose,  davon sind ca. 500 arbeitslose Jugendliche. Die offizielle Zahl der Sozialhilfe-Empfänger beträgt ca. 6 500. Offenbach liegt damit mit 6% weit über dem Bundesdurchschnitt von 2,5 &#150; 5% (Vergleich Berlin 8%). Ein hoher Anteil Dauerarbeitsloser, die zwischenzeitlich als »nicht mehr vermittelbar« gelten, werden aus der amtlichen Statistik gestrichen. Viele Menschen, denen Sozialhilfe zusteht, scheuen den Weg zum Sozialamt und erscheinen so erst gar nicht in der Statistik. So gehen wir davon aus, daß es in Offenbach allein an die 20 000 Sozial-Benachteiligte gibt, von denen der größte Teil der Betroffenen keine Aussicht auf Veränderung seiner Situation unter den gegenwärtigen politischen Machtverhältnissen in Offenbach hat.</p>
<p>Ein Großteil der registrierten Armen Offenbachs lebt in den bekannten Sozial-Ghettos Lohwald und Eschig, aber auch im Lämmerspieler-Weg, Bieber-West, Andrestraße und dem Lauterborn, das gewaltige Lohwald der Zukunft.<br />Viele sind damit auf der sozialen Abstiegsleiter dann schon »ganz unten« angekommen. Der Teufelskreis der Ausgrenzung aus der »Leistungsgesellschaft« beginnt mit  dem Verlust des Arbeitsplatzes und schließt sich mit dem Bezug einer »Sozialwohnung« in den sozialen Brennpunkten. Die bisherige Kommunikationsstruktur wird abrupt abgeschnitten. War die soziale Ächtung vorher spürbar, wird sie jetzt augenfällig.<br />Diese sog. Sozialwohnungen, deren Vorläufer im Lohwald noch in den 60er Jahren als »offene Unterkünfte« keine abschließbaren Wohnungstüren, dafür Gemeinschaftstoiletten und Wasseranschluß im Hof hatten, wurden in Einfach- oder Schlichtbauweise errichtet. Dementsprechend sind sie relativ schnell verwohnt und sehr reparaturanfällig. In den Flachbauten sind Wasserschäden Dauerzustand. Die Kosten, durch Elektro-Warmwasseraufbereitung gesteigert, liegen für diese Sozialwohnungen vergleichsweise hoch &#151; 3-Zi. bei ca. 900.&#151;, 5-Zi. bei ca. 1400.&#151; DM/Monat &#151;, so daß  selbst diejenigen, die wieder Arbeit finden, lange Zeit vom Sozialamt wegen der hohen Wohnungskosten abhängig bleiben.<br />Stadtteile wie Lohwald, Eschig, Lämmerspieler-Weg, sind Ghettos, nicht nur räumlich abgeschnitten vom übrigen Stadtgebiet. Es bestehen keinerlei »günstige Einkaufsmöglichkeiten um die Ecke«, keinerlei Kultur-, Sport-, Kinderspiel- und Jugendclubs,  Cafes, Kneipen etc. Die wenigen Möglichkeiten, von der Stadt unter Druck geschaffen, kamen nie über das Stadium eines Provisoriums hinaus.</p>
<p>Diese Vielzahl von Sozial-Ghettos ist das Ergebnis einer gescheiterten SPD-Politik, die  Armut in Offenbach zu »dezentralisieren«.<br />Das SPD-Konzept, Ende der 50er Jahre, Sozialhilfe-Empfänger (die damals noch Obdachlose oder Asylbewohner hießen) mit einem sog. Stufenprogramm aus dem damals noch einzigen Slum Offenbachs, dem »Lohwald«, in andere Stadtgebiete »schrittweise  zu reintegrieren«, scheiterte u.a. daran, daß die Menschen dort in der »neuen« Situation die gleiche Misere &#151;»Schlichtwohnungen&#8230; sie sind einfach, aber sauber und hygienisch einwandfrei, und haben überdies den Vorteil, sie sind billig&#8230;« (Zitat des damaligen Offenbacher SPD-Bürgermeisters nach Offenbach Post v. 22. 5. 58) &#151; die gleiche soziale Ächtung, Isolierung und Ausgrenzung wie im Lohwald, aus dem sie kamen, vorfanden und der Botmäßigkeits- und Anpassungsaufstieg nicht stattfand. Vor allem die Kinder und Jugendlichen dieser Stadtteile erfahren diese Ghetto-Situation besonders brutal. Als Ausgestoßene erfahren sie die soziale Ächtung ihres Umfeldes schon sehr früh als Feindschaft, Mißtrauen, Unterdrückung und Beleidigung. Unzulängliche Spielmöglichkeiten, mangelnde pädagogische Betreuung lassen den Kindern kaum Raum zur Entfaltung kindlicher Bedürfnisse. Die Kollision mit den Ordnungsfaktoren der Gesellschaft ist von frühester Kindheit vorprogrammiert. Für die absolute Armut ist der scheinbare Warenreichtum der Überflußgesellschaft, die die totale Verfügbarkeit über ihre Produkte suggeriert, eine Anfechtung und Herausforderung. Sogenannte Eigentumsdelikte (Autos für Spritztouren etc.) haben anfangs den Charakter von Mut-proben und werden allmählich bittere Gewohnheit.<br />Ist die Perspektive normaler Jugendlicher »no future«, so ist die Lebensperspektive dieser Ghetto-Jugendlichen vorprogrammiertes Elend und der Jugendknast.</p>
<p>Der Versuch des Sozialhilfe-Vereins, gemeinsam mit interessierten Jugendlichen ein  Arbeitslosen-Selbsthilfe-Projekt aufzuziehen, scheiterte an der Ignoranz, Gleichgüitigkeit und Verachtung gegenüber den Interessen der jugendlichen Ghettobewohner durch die städtische &#151; nunmehr CDU &#151; Bürokratie, Arbeitsamt, DGB usw., die sich zu einer Mittelbereitstellung oder Unterstützung nicht »entschließen« konnten. U. a. weil ein solches Vorhaben keine Gemeinnützigkeit habe.<br />Es ging um nicht mehr oder weniger, den Jugendlichen mit einem »Schrottplatzprojekt«; hier hätte die »Neigung« der Jugendlichen zu Umgang mit Autos auch zu handwerklichen Befähigungen (Reparaturarbeiten), sozialer Kommunikation in Arbeitsbereichen, Identität und Berufsvorbereitung für metallhandwerkliche Berufe geführt, so-mit zu einer hauchdünnen Chance auf eine Lehrstelle und Ausbruch aus dem Teufelskreis. So bleiben die »Verantwortlichen« einstweilen bei ihren Schuldzuweisungen gegen die Leistungsverweigerer: die Jugendlichen sind um die Erfahrung reicher, daß ja doch nichts geht »auf normalen Weg«.</p>
<p>Mit dem Bezug von Sozialhilfe geht für die Sozialhilfe-Empfänger in der Regel einher  die Vereinnahmung und Verwaltung durch eine alles erfassende, sich für alles interessierende Sozialbürokratie, deren verlängerter Arm nicht selten der Sozialarbeiter vor Ort ist. Sozialhilfe findet als Reglementierung des Lebensraumes, Kontrolle der Person, Abhängigkeit und Unterwerfung statt und wird als Bespitzelung, Willkür und Erniedrigung von den Betroffenen erfahren. <br />Dabei sind die zu verteilenden Gelder das absolute Existenzminimum. Der sogenannte  Warenkorb, nach dem sich die monatliche Sozialhilfe bemißt, berechnet exakt die Kosten des »Stückgut Mensch«. Vom Kalorienbedarf über die Glühlampenstärke bis zur Anzahl der Vollbäder die den Betroffenen zustehen und zur Tragedauer der Unterhose. Für die Ernährung werden z.B. 83 verschiedene Lebensmittel zusammengestellt: 5905 Gramm Brot, 640 Gramm Weizenmehl, 55 Gramm Haferflocken, 6100 Gramm Kartoffeln; für persönliche Bedürfnisse z.B. 4 Briefmarken, 6 Busfahrkarten etc. genannt. Der Warenkorb enthält kein Spielzeug, Babynahrung etc. Da ist es dann schon ein Kunststück z.B. für eine alleinstehende Mutter mit Kleinkind, mit den Sozialhilfe-Sätzen = 358.&#151; DM/Monat für sich selber und 156.&#151; DM/Monat für das Kind = 5,20 DM/Tag für Babynahrung, Hygiene, Windeln, Pflegemittel etc, auszukommen.</p>
<p>Wir sehen nur in einer direkten Beteiligung der Betroffenen an der Bewältigung ihrer Misere eine langfristige Chance zur Besserung ihrer Situation. Sinnvolle Problembewältigungen für die sozialen Brennpunkte setzt die volle Einbezie hung der Wünsche und Vorstellungen der Betroffenen, die Kontrolle der Sozialhilfekonzepte durch die Betroffenen selber und die autonome Entscheidungsgewalt und Verfügung über die Mittel voraus. Problemlösung für die Betroffenen kann nur durch die Betroffenen selber unter Einbeziehung der Sozialarbeit als Hilfestellung geschehen. <br />Es geht nicht darum, das Heer der Sozialbürokratie und Verwaltung (möglichst flächendeckend) zu erweitern, die Abhängigkeit von Sozial-, Wohn-, Jugend-, Gesundheits- und sonstwie Ämtern festzuschreiben, sondern die Betroffenen müssen die Entscheidungen und Handlungsmöglichkeiten für ihr eigenes Dasein zurückzugewinnen. Der Versuch, eine solche Konzeption politisch durchzusetzen, könnte durch die Kandidatur Betroffener für das Stadtparlament nicht nur Unterstützung erfahren, sondern eine neue politische Dimension im Kampf um die Verbesserung der Lebenssituation der sozial Schwachen sein. Die Entwicklung in den sozialen Brennpunkten Offenbachs, das Engagement vieler Betroffener zur Selbsthilfe aus ihrem Elend, macht uns, trotz aller massiven politischen Widerstände, Mut zum Weitermachen.</p>
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		<title>»Packe ich das Leben noch?«</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Feb 1985 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgrenzung]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 38-40 Donnerstag, 18 Uhr: Jour fixe im Münchner Arbeitslosenzentrum. Das Thema »Macht Arbeitslosigkeit krank?« hat viele hierher geführt. Langandauernde Arbeitslosigkeit  führt meist in eine berufliche und persönliche Krise: Ohne Arbeit hat Leben kaum noch Inhalt, müßte neu durchdacht und umgestaltet werden. Nur wenige sind dazu fähig. Viele wurden [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 38-40</p>
<p>Donnerstag, 18 Uhr: Jour fixe im Münchner Arbeitslosenzentrum. Das Thema »Macht Arbeitslosigkeit krank?« hat viele hierher geführt. Langandauernde Arbeitslosigkeit  führt meist in eine berufliche und persönliche Krise: Ohne Arbeit hat Leben kaum noch Inhalt, müßte neu durchdacht und umgestaltet werden. Nur wenige sind dazu fähig. Viele wurden als Bewerber immer wieder abgelehnt, mit Wendungen, die knallhart oder zynisch klingen. Beziehungen sind zerbröckelt, Bekannte haben sich zurückgezogen. Niemand ist da, der einen auffängt.</p>
<p>An diesem Abend wird die psychische Belastung, ihr Bezug zum permanenten Geldmangel und der sozialen Isolation besonders deutlich. Krankheit, sagt der Psychologe, dabei kommt viel zusammen, das bin nicht nur ich, das hängt auch ab von anderen, wie sie auf mich reagieren, wie wohl ich mich unter ihnen fühle.<br />Jeder kennt das. Wie fühle ich mich, wenn die Kneipe schon zu teuer ist, natürlich auch  das Telefon und schließlich noch die Wohnung? Wenn der Vermieter seine Drohung wahrmacht und mir kündigt?<br />Ja, wie fühlen sie sich? Sie sprechen nicht gern darüber, daß sie abends nur noch vor der »Glotze« hocken, während auf dem Tisch ein Formular liegt: »Prüfung der Bedürftigkeit«. Da wird überprüft, ob bei Eltern oder Kindern noch Geld zu holen ist. Brieftaschen von Angehörigen &#151; freigegeben zur Besichtigung. Wer das aushält, braucht starke Nerven. Kann ich darüber sprechen, daß der Zustand, arbeitslos zu sein, längst Vermittlungshemmnis ist? Begreift das ein Pensionär, der stolz ist, 40 Jahre treu »gedient« zu haben? Oder jemand, der selbst zittert um den Job, doch das nicht eingestehen will?</p>
<p>Und je größer der Kreis der Dauerarbeitslosen ist &#151; 1983 bereits 29% der registrierten  Erwerbslosen &#151; um so mehr müssen sie sich Erniedrigungen gefallen lassen, die sie als Sippenhaft empfinden. Der Kreis jener, die überhaupt keinen Leistungsanspruch haben oder nur Arbeitslosenhilfe beziehen, wächst ständig. Vielen von ihnen droht die Sozialhilfe und damit die sogenannte Pflichtarbeit ohne tarifliche Absicherung und für 1,55 DM in der Stunde. Langfristig Arbeitslose müssen alle Jahre neue Kürzungen der Leistungen hinnehmen, weil ihre Bemessungsgrundlagen (»das noch mögliche, erzielbare Einkommen«) herabgesetzt wird.</p>
<p>»Auch der Druck am Arbeitsplatz macht krank«, sagt der Psychologe. Die in der Runde sitzen, wissen das, und weil sie es selbst an sich oft genug erfahren haben, sind sie  so mutlos. Firmen benötigen &#151; zum Beispiel wegen Rationalisierungen &#151; nur noch eine Kernmannschaft. Der Rest wird ausgemustert. Die einen raus, die andern gar nicht erst rein &#151; das ist das Prinzip, das »neue Armut« zeugt. Die Lage ist niederschmetternd. Mancher sieht keine Aussicht mehr, und man spürt hinter seiner Ohnmacht die Verzweiflung. Oft sind Anliegen auch in unscheinbare Fragen verkleidet, hinter denen verborgene Ängste schlummern. Es muß nachgefaßt werden.</p>
<p>In kleiner Runde sitzen wir anschließend noch beisammen. Eine Grafikerin taut auf: »In meinem erlernten Beruf war ich wie eingesperrt.« Damals erwachten die Träume:  die kleine Kunsthandlung, die Galerie. Sie hat Chancen gesehen. Gibt es nicht Kredite? Zusammen mit der Freundin mußte es doch klappen. Doch als die krank wird, zerschlagen sich die Pläne. »Da ist ein fester Kreislauf und der bricht zusammen. Ich ziehe mich zurück, halte aber die Ruhe dann nicht aus.« Sie geht nicht mehr in Ausstellungen. »Es ist wie eine Wand vor mir. Ich weiß, ich besitze Talent, doch das wird offensichtlich nicht gebraucht &#151; keine Perspektive mehr.«</p>
<p>Besonders die Sensiblen zerbrechen an der Wirklichkeit. Und dann, als Arbeitslose, spüren sie nur noch einen dumpfen Nebel, der sie hindert, was zu unternehmen. Sie fühlen sich krank, doch diese Krankheit kommt nicht aus ihnen selbst. »Da konnte jemand neben einem sterben &#151; und man tut nichts. Ja, es stimmt &#151; ich fühle mich krank. Doch stempelt dieses Wort mich nicht schon ab?«</p>
<p>So entstehen Identitätskrisen, Minderwertigkeits- und Versagungsgefühle. Es fällt  schwer, aus eigener Kraft neue Beziehungen zu knüpfen, denn das Verbindende der Arbeit fehlt. Es mangelt an Ideen und Energie. Hier kann ein Arbeitslosenzentrum Unterstützung leisten, das Selbstbewußtsein stärken, helfen, Konflikte besser auszuhalten und zu bewältigen, eine tragfähige Lebensperspektive zu entwickeln, die eigene Existenz im gesellschaftlichen Zusammenhang zu begreifen.</p>
<p>Dies zu erreichen, ist schwierig und nicht immer von Erfolg gekrönt. Allzu leicht bilden  sich »Fraktionen«: Die einen interessieren sich einseitig für »soziales Lernen«, die anderen ausschließlich für gesellschaftspolitische Arbeit, vor allem jene, die schon vor der Phase der Arbeitslosigkeit politisch aktiv waren. Zum Anspruch von Erwerbslosenarbeit gehört aber, beides im Zusammenhang zu sehen: Soziales Lernen kann auch dazu befähigen, die eigenen Interessen als Arbeitsloser zu erkennen und nach außen zu vertreten, und gesellschaftspolitische Arbeit darf den Problemdruck beim einzelnen Betroffenen nie aus dem Auge verlieren.</p>
<p>Eine wichtige Brücke sind Seminare mit Rollenspielen. Wie geht die Initiativgruppe, die  politisch arbeitet, mit an Mitarbeit interessierten, aber mehr oder minder scheuen Neuen um und wie befriedigend ist der Arbeitsstil der Gruppe? Also spielen Teilnehmer die Entwicklung einer Hebevorrichtung für Leute, die zwischen zwei Stühlen sitzen und lernen dabei, daß sie sich &#151; ähnlich wie in den Sitzungen &#151; sich kaum zuhören. Wenn das hier schon mißlingt, wie erschreckend muß dann diese Vorstellung erst für im Fachchinesisch Ungeübte sein?</p>
<p>Solche Seminare außerhalb der Stadt haben auch den Vorteil, daß sich Konflikte in den  Gruppen, die oft mit enttäuschter Hoffnung auf einen Job und Isolierung zu tun haben, in ruhiger Atmosphäre gut aufgearbeitet werden können. Viele stellen fest: Es lohnt sich, in der Gruppe auch mal einen schwierigen Konflikt durchzustehen &#151; und nicht nur anzutippen und die Beteiligten dann damit alleinzulassen.</p>
<p>Mit der Arbeitslosigkeit leben muß auch heißen, die Fähigkeit entwickeln, sich nicht mehr selbst was vorzumachen. Da wird die Vielzahl der Bewerbungen oft zum Schutzschild: Wer sich bewirbt, der hofft noch, doch um so härter kann der Bruch sein, die  Erkenntnis: Jetzt ist es aus. Du findest nie mehr was. Da ist es wichtig, zu wissen: Die, die dich beraten, sind auch arbeitslos gewesen, Verbündete. Jeder weiß, wovon er spricht, und so lernen es auch Frauen, sich zu behaupten &#151; sie, die in der Arbeitswelt nur wenig zählen, über die oft mit einem Federstrich entschieden wurde.<br />Auch Schreiben kann da helfen, Selbstbewußtsein zu wecken. Auch ihr Leben, vermeintlich nur noch Randerscheinung, kann durchdrungen werden durch Beobachtung. Alltag als Hintergrund, um über Gefühle nachzudenken, über das, was man an sich erlebt hat.</p>
<p>Allmählich wächst der Mut, auch vorzulesen, Kritik zu ertragen. Über das Schreiben kommen sie zu genauem und vertieftem Reden, manchmal auch öffentlich,  lernen sie es, Zusammenhänge zu verstehen, standzuhalten, zu begreifen, daß ihre Lage kein Schicksal ist, das sie passiv zu ertragen hätten. Die Lage kann verändert werden &#151; mit anderen zusammen. Diesen Weg zu gehen, heißt oft auch, schließlich sich zu fragen, ob die Bedingungen denn sinnvoll sind, unter denen viele Frauen und auch Männer leben, erwerbslos und am Arbeitsplatz. Die Zeit für sich zu nutzen, die Angst, zu stürzen, zu durchschauen, dem Leben einen Sinn zu geben &#151; auch hierbei wollen Mitarbeiter eines Arbeitslosenzentrums helfen.</p>
<p>»Erst als Arbeitslose«, sagt eine Frau, »ist mir erst richtig klargeworden, was ich wert bin.«</p>
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		<title>Armut im Alter</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/armut-im-alter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Feb 1985 09:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Generationen]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 41-45 »Es war einmal ein armes Kind, dem waren Vater und Mutter gestorben«. Diese klassische Märchenformel faßt jene Komplexität von Armut in einprägsamer, jedem Zuhörer beim Erzählen verständliche Form, die zu operationalisieren und der abzuhelfen mit Hilfe etwa der Sozialgesetzgebung so schwer fällt: Dem Kind mangelt es an [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 41-45</p>
<p><i>»Es war einmal ein armes Kind, dem waren Vater und Mutter gestorben«.</i></p>
<p>Diese klassische Märchenformel faßt jene Komplexität von Armut in einprägsamer, jedem Zuhörer beim Erzählen verständliche Form, die zu operationalisieren und der abzuhelfen mit Hilfe etwa der Sozialgesetzgebung so schwer fällt:</p>
<p>Dem Kind mangelt es an Nahrung, Kleidung und schützendem Wohnraum; sein bloßes  Überleben ist gefährdet. Die Waise ist zudem schutzlos, weil ohne Menschen, zu denen sie gehört und die ihr hülfen; sie verfügt (noch) nicht über jene Kräfte und Fähigkeiten, die einem anderen (erwachsenen und mächtigeren) Menschen eher erlauben, sein Leben so zu führen, wie es eigenen Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Das Kind im Märchen ist »arm« &#151; im materiellen Sinn, und »arm dran« &#151; in einem immateriellen Sinn. Beide Komponenten von Armut hängen meist eng miteinander zusammen, bedingen sich teilweise &#151; aber nicht unbedingt.</p>
<p>Die Armutsformel ließe sich auch auf alte Menschen übertragen: wenn man in Klammer statt »noch« ein »nicht mehr« setzt. Damit wäre ein Unterschied markiert: jungen Menschen werden generell eher Chancen zugestanden, dafür, daß sich ihre Armutssituation ändern könne; in aller Regel wachsen ihnen noch Kräfte und Fähigkeiten zu, ihr Lebensgefühl ist daher eher von Hoffnung auf eine Wende der Lebenssituation in Zukunft bestimmt als bei alten Menschen. Deren Leben scheint »gelaufen«, deren  Kräfte nehmen ab, sie bangen darum, welche Fähigkeiten ihnen zuletzt überhaupt noch bleiben werden&#8230; Armut im Alter wäre demnach etwas anderes als Armut in der Jugend &#151; selbst bei äußerlich vergleichbaren Lebenssituationen, z.B. ohne Möglichkeiten zu sinnvoller Beschäftigung, ohne befriedigende soziale Beziehungen und ohne anderes als Einkommen aus der Sozialhilfe.</p>
<p>Aber auch arme Alte erleben ihre jeweilige Lebenssituation sehr verschieden: unzählige  Einflüsse, die jeden lebenslang in einmaliger Weise prägen, wirken hinein in äußerlich vergleichbare Lebensumstände, sie bestimmen Verhalten und Einstellung zum eigenen Alter und zur eigenen Alterssituation in unterschiedlichster Weise: <i>Das Alter hat viele Gesichter. Und: Armut im Alter hat viele Wurzeln.</i></p>
<p><i>Agathe A.</i></p>
<p>Sie ist 76 Jahre alt, wohnt allein in einer 50 qm großen Zweizimmerwohnung, gebaut wohl Ende der 20er Jahre für »Asoziale«; das Industriegebiet außerhalb des Ortes grenzt an das Grundstück, auf dem das Wohnhaus steht, eine Hauptverkehrsstraße führt unmittelbar vorbei. Die Wohnung kostet &#151; kalt &#151; 171 DM Miete; im Wohnzimmer steht ein Kohleofen, die Küche ist ohne Spüle, die Badewanne hochbeinig und alt. Agathe  A. kann sie allein nicht benützen. Eine Waschmaschine und eine Trockenmaschine stehen im Bad: angeschafft auf Sozialamtskosten, denn Frau A. ist inkontinent &#151; sie muß täglich waschen: Bettwäsche und Leibwäsche. Die Küche ist nicht heizbar, auf dem 2flammigen Gasherd macht Agathe A. aber Wasser warm für den Kaffee, den sie regelmäßig morgens trinkt (wobei sie Kaffeepulver mehrmals verwendet); und sie wärmt sonntags das »Essen auf Rädern« auf, das sonst täglich warm und fürs Wochenende kalt mitgeliefert wird. Die ganze Wohnung riecht stark nach Urin &#151; obwohl fast täglich eine Altenpflegerin kommt, für Lüften und Waschen sorgt &#151; soweit es die alte Frau nicht schon allein getan hat &#151; und obwohl der Fußboden ebenfalls auf Antrag vom Sozialamt bezahlt, ziemlich neu ist und sich gut reinigen läßt: grau-weiß melierter PVC-Boden, an manchen Stellen schon etwas vergilbt. Alle Möbel &#151; die nötigsten nur &#151; sind organisiert von Sozialarbeiterin und Altenpflegerin: aus Nachlässen anderer Alter. Die Kleider, die Agathe A. trägt, stammen teilweise von einer verstorbenen Nachbarin. »Das paßt mir alles, ist noch gut. &#151; Da brauche ich mir nichts zu kaufen.« An der getünchten Wand im Wohnzimmerchen hängen farbige Tierposter: die hat Agathe A. zusammen mit der Altenpflegerin ausgesucht: »Die können da hängen, das ist ganz schön. « Jeden Montag legt sie 4 Zehnmark-scheine in die Steropor-Behälter fürs Essen: davon bekommt sie ein Fünfmarkstück zurück. Das Geld ist fürs Mittagessen der kommenden Woche. Sonst kauft ihr ein Zivildienstleistender ein. Ihm schreibt sie auf, was sie möchte; er berät sie. Für Sonntag gönnt sie sich sogar drei Brötchen: »Die eß&#8216; ich so gern.« So kommt sie »ganz gut hin«, mit ihrer Rente von 412.&#151; DM; Miete und Kohlen werden ihr bezahlt; was sie sonst braucht, bekommt sie auf Antrag &#151; seit ihr dabei geholfen wird.<br />Das ist der Fall seit etwa einem Jahr. Damals war sie auf der Straße bewußtlos umgefallen, kam dann ins Krankenhaus; ihre Unterernährung &#151; genauer: ihre Mangelernährung &#151; wurde ausgeglichen, ihre geistige Leistungsfähigkeit kam wieder, nach kurzer psychiatrischer Beobachtung und Behandlung wurde sie nach Hause entlassen: unter der Voraussetzung mindestens zunächst regel-mäßiger Betreuung durch »Fachkräfte«. Ihre »Freundin«, die Alten-pflegerin, hat viel mit ihr geredet, hat erfahren, warum sie immer in Mülltonnen nach Abfällen suchte: weil sie immer Hunger hatte und nie Geld, um sich was zu kaufen. Wie sich dann herausstellte, hatte sie ihr Enkel jahrelang und regelmäßig um fast ihre ganze Rente betrogen: statt der »20« Mark, die sie &#151; ohne genaue Vorstellungen dafür, was sie brauche, was sie habe und was Lebensmittel kosten &#151; auf Schecks schrieb, hob er »200« DM ab, den Rest von 180 Mark zweimal monatlich für sich behaltend. (Inzwischen hat sie gelernt, daß sie auch in Buchstaben angeben muß, was abgehoben werden soll!). Nachbarn hatten wohl bemerkt, daß sie ab und zu auf der Straße torkelte, auch gelegentlich, daß sie &#151; vor allem abends &#151; in Mülltonnen wühlte, aber sich nicht »eingemischt«, da ja der Enkel kam. Und man wollte nichts mit ihr zu tun haben; man mied sie, weil sie verwahrlost aussah und stank; sie ließ niemanden in ihre Wohnung, sprach jahrelang mit keinem »Fremden«, mißtrauisch und scheu geworden. Ihr Leben lang war sie verachtet gewesen &#151; schon im Elternhaus, als »Mädchen« unerwünscht; dann »in Stellung«, als Magd seit dem 14. Lebensjahr; sie heiratete spät: »Die Burschen im Dorf wollten eine, die was hatte.« &#151; Nach der Totgeburt einer Tochter erlitt sie einen Schock, kam in eine Nervenklinik; ihr Mann reichte die Scheidung ein. Ohne Unterhaltsbeihilfe lebte sie mehr schlecht als recht vom »Lohn« für Putzdienste, der oft ohne Sozialabgaben bezahlt wurde; als es schwieriger mit den Arbeitsangeboten wurde, begann sie zu trinken&#8230; Inzwischen redet sie gern mit ihren Betreuern und auch mit anderen Leuten, die sie besuchen oder anspre chen; sie geht selbst Kleinig-keiten einkaufen, lernt wieder, mit Geld umzugehen und plant mit dem Kalender: Am Sonntag zieht sie sogar eine »schöne« Weste an; und an Weihnachten geht sie zu einer »Einladung«, die ihre Betreuer für Leute wie sie organisiert haben. »So schön wie jetzt habe ich es noch nie in meinem Leben gehabt«, meint sie. Nie seien Leute so freundlich zu ihr gewesen, und nie habe sie so gutes Essen und eine so schöne Wohnung gehabt.</p>
<p><i>Berta B.</i></p>
<p>Sie ist 72 Jahre alt, wohnt allein in einer ehemaligen Werkswohnung der Fabrik, in der sie jahrelang arbeitete;  gegenüber sind Häuserzeilen der Obdachlosenunterkünfte, wo es laut zugeht, Männer trinken, ihre Frauen schlagen, Hauseingänge offen stehen und verschmierte Wände zu sehen sind. In ihrem Wohnblock wohnen »bessere« Leute: arme Rentner zumeist, ehemalige »Werksangehörige«  oft, mit Einkommen knapp über den geltenden Regelsätzen &#151; keine Sozialhilfeempfänger also, wie sie. Ihre Küche ist blitzsauber &#151; sauber ist alles an ihr und um sie. Darauf ist sie auch stolz: »Meine Wohnung war schon immer ein Schmuckkästchen« &#151; nur, heute ist alles so teuer, auch Scheuerpulver: »und man möchte doch auch noch ein bißchen Glanz auf dem Boden.« Auf dem Küchentisch liegt eine rötliche Dralondecke, passend zu Vorhängen und tadellos geplätteten Deckchen auf Waschmaschine, Kühlschrank und Küchenbord. Eine Thermoskanne mit frisch aufgebrühtem Kaffee und dunkelblaue Melittatässchen stehen bereit: »Trinken Sie, den habe ich für Sie gemacht.« Die Küche ist bunt tapeziert: »Das hat mein Sohn gemacht.« &#8211; »Alle Möbel, die Sie sehen, sind geschenkt: Küchentisch und Stühle von mein&#8216; Bruder, auch Küchenschrank und Schlafzimmer &#151; der hat im Lotto gewonnen und sich neu eingerichtet. Waschmaschine hat mir mein Sohn gekauft &#151; da wasche ich jetzt auch für ihn mit.« Der Herd ist vom Sozialamt, und die Spüle gehört dem Bauträger. Auch der alte Kühlschrank ist geschenkt und die gesamte Wohnzimmereinrichtung, die das etwa 15 qm große Zimmer völlig ausfüllt: Schrankwand, Sessel und Polstercouch. »Hier liege ich abends, wenn ich fernsehen will, decke mich mit einer Wolldecke zu, daß ich warm bleib &#151; sonst wird die Heizung zu teuer.« In der Küche kann man nur mit dem Gasherd heizen &#151; das tat sie heute, »weil ich Besuch bekam.« Seit einiger Zeit beantragt sie Sozialhilfe, damit hat sie lange gezögert, aus Angst, ihr Sohn müßte dann für sie zahlen. Nun besteht sie auf ihren Rechten, weiß auf den Pfennig genau über jeden Posten und Änderungen bei Antragsbewilligungen Bescheid. Denn sie fühlt sich nicht als Bettlerin: »Betteln war nie meine Art. Aber: ist das richtig, daß ich so wenig bekomme, daß meine Schwägerin drei Renten bekommt &#151; fast 3000 Mark &#151; und hat nie soviel gearbeitet wie ich? &#151; Ist das richtig, daß wir die Erhöhungen bekommen in Prozenten &#151; wo ich so wenig habe und sie so viel?«<br />Mit ihren zwei kleinen Kindern ist sie allein von Polen nach Kriegs-ende nach Westdeutschland geflohen, lebte  dann 12 Jahre in England, in der BRD ließ sie sich &#151; gegen den Willen ihres Mannes &#151; scheiden; aus Stolz aber klagte sie nicht auf Unterhalt. Vielmehr wollte sie arbeiten &#151; Akkordarbeit, damit sie viel verdiene. Sie fühlte sich kräftig &#151; bis der erste Herzinfarkt kam. Nach dem zweiten wurde sie invalidiert &#151; mit 54. Sie putzte noch, gelegentlich, bis heute &#151; aber es geht immer schwerer von der Hand. Und die Rente wird davon nicht höher.</p>
<p><i>Cecilie C.</i></p>
<p>Sie ist 70 geworden und wohnt in einem Altenheim, in einem kleinen Appartement mit »Miniküche«, Sanitärzelle und Vorräumchen. Im Wohn-Schlafraum, 16 qm groß, liegt ein Perserteppich, hängen Bilder in Goldrahmen, steht eine Polstergarnitur. Das Sofa wird abends ihr Bett. Mittags ißt sie im Speisesaal, drei Stock-werke tiefer; abends holt sie sich aus dem Angebot, zugleich für den nächsten Morgen, was ihr zusagt. &#151; Ein großer Fernsehapparat steht so, daß sie ihn liegend sehen und bedienen kann: sie muß bzw. mußte schon viel liegen &#151; wegen eines Hüftleidens. »Als ich hier einzog, brauchte ich täglich Hilfe und konnte kaum gehen.« Sonntags holt sie ihr Sohn zum Kaffee; aber sie fühlt sich trotzdem oft einsam: »Die vielen Leute hier, die alle schon so abgebaut sind &#151; ich kann mit ihnen nicht reden.« Weg kann sie auch nicht &#151; mal ins Cafe gehen oder zu den Kindern ihres zweiten Sohnes fahren: »Dazu fehlt mir das Geld, jede Fahrt müßte ich beantragen. Das mag ich nicht.« Geschenke kann sie diesen Enkeln auch nicht so machen, wie sie möchte: »Es ist alles so teuer&#8230; ich kann denen keinen Transistor oder sowas schenken. Und das sind die gewöhnt. « Selbst Weihnachtskarten sind für sie ein Problem: »Da kostet eine mindestens eine Mark zwanzig, mit Goldrand. Und noch Porto dazu« (und andere als Goldrandkarten mag sie nicht schenken). Die Schwiegertochter soll Parfüm bekommen: »So eine Geschenkpackung, damit es wenigstens ein bißchen was hermacht.« Und für die Schwägerin muß sie noch einkaufen, wenn die zu Besuch kommt: »Einen Tee kann ich meinen Leuten nicht anbieten. Die sind mindestens einen ordentlichen Cognac gewohnt.«<br />Frau C. hatte ihr Leben lang keine Geldsorgen, ihre Eltern hatten ein Baugeschäft, das später ihr Mann führ te, bis zum Konkurs. Sie war Krankenschwester, bis zur Heirat, half unentgeltlich jahrelang in einem Krankenhaus &#151; heute hat sie kaum Rente, die zudem einbehalten wird. Ihr Mann starb, hinterließ Schulden, sie wurde krank, kam ins Heim. Anfangs litt sie dort sehr unter Depressionen. Sie empfand ihre Verarmung zugleich als Deklassierung und als doppelte Abhängigkeit: abhängig war sie von Hilfe durch fremde Menschen &#151; ohne jeden Einfluß auf ihre Dienstwilligkeit und Dienstfähigkeit, und abhängig vom Sozialamt, das ihr Sozialhilfe und Anträge auf Kleiderbeihilfe, auf Fahrtkostenerstattung und auf jede Beihilfe für »Sonderwünsche« &#151; wie eine Handtasche und dazu passende Handschuhe &#151; bewilligen mußte oder auch nicht bewilligte. Als »Katastrophe« erlebte sie den Diebstahl ihrer Fernlenkung zum Fernsehgerät im Wert von 100 Mark &#151; mitten im Monat. Versichert war sie nicht, Geld hatte sie keines. Dabei lag sie zu der Zeit fest im Bett, hatte starke Schmerzen, von denen sie sich am besten hätte durch Sendungen ablenken lassen können. »Damals war ich richtig verzweifelt. &#151; Jetzt geht es mir gesundheitlich besser. Aber in Geldnot bin ich oft: Man braucht so viel Alltägliches: Frisör, Arzneimittel, Gesichtscreme, Zeitung&#8230; Da bleibt von 116 Mark Taschengeld nichts übrig. &#151; Am liebsten würde ich hier ausziehen &#151; in eine kleine Wohnung, wo täglich eine Pflegerin für ein paar Stunden kommt&#8230; Aber mit 600 Mark Rente müßte ich schlechter leben als hier. Ich bin eine Gefangene meiner Armut &#151; und eine »echte Frau«, die sich zu sehr von ihrem Mann abhängig hat machen lassen.«</p>
<p>Drei alte Frauen unter uns, nicht die ärmsten, nicht die ältesten. Alle sind sie arm, obwohl keine von ihnen vom Verhungern bedroht ist, jede sich so kleiden kann, daß ihre Gesundheit nicht gefährdet ist und jede ihren eigenen, heizbaren und gesicherten Wohnraum hat. Jede der Frauen ist heute abhängig von Sozialhilfe, obwohl jede viel in ihrem Leben gearbeitet hat, aber billigste oder unbezahlte Arbeit getan, mit Unterbrechungen und ohne ausreichende Sozialabgaben  &#8230;  Jede von ihnen ist geschieden  bzw. verwitwet, keine ist ganz allein. Jede hat mindestens einen lebenden Sohn und Enkel, und jede Frau ist inzwischen vom »Netz der sozialen Sicherheit« gehalten; das heißt: sie hat auch noch professionelle Helfer, die sich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten (z.B. BSHG § 75 Altenhilfe) um sie kümmern.  Agathe A. will vom Sohn und seiner Familie nichts wissen, »die haben mich nur ausgenützt«; Beate B. hat ständigen und guten Kontakt zum Sohn &#151; er hilft ihr und sie ihm, soweit beiden das möglich ist. Cecilie C.&#8217;s Verhältnis zu den Kindern ist ambivalent: zwar wird sie »pflichtgemäß« sonntags abgeholt, aber sie fühlt sich bei der Schwiegertochter nie ganz wohl. Der andere Sohn und dessen Familie sind weit weg&#8230; Sie ist beinahe befreundet mit einer Pflegerin, und sie hilft auch mit im Heim; aber die freundschaftliche Beziehung muß fast geheim gehalten werden &#151; zuviel Mißgunst gefährdet sie. Und: wer garantiert, daß die Pflegerin nicht plötzlich entlassen wird &#151; wie so viele Mitarbeiter? &#151;<br />Jede der Frauen ist »alt«, obgleich gegenüber den vielen über 80 Jahre Alten fast »jung«. Agathe A. war »vorgealtert« &#151; vor Erreichen ihrer gesetzlichen »Altersgrenze«. Ihr Leben schien gelaufen, ehe sie »alt« wurde. Ihre Armut im Alter ist Fortsetzung lebenslanger Armut, nunmehr, allerdings durch Zufall, verbrämt: durch das Engagement ihrer professionellen »Freunde«. Beate B. fühlt sich erst »alt«, seit ihre Kräfte spürbar nachlassen. Erst seither fühlt sie sich auch »arm«. Sie hat nie resigniert, obwohl es ihr oft schlecht ging. »Organisieren« im doppelten Sinn, mit Witz und List, wurde ihr fast zum Sport &#151; selbst noch nach dem zweiten Herzinfarkt. Nun kann sie das immer weniger, Resignation überfällt sie manchmal. Trotz der Sozialhilfe, die sie erst neuerdings beansprucht, fühlt sie sich ärmer als je zuvor. Und sie betrachtet ihre Armut als Unrecht, ohne einen Ausweg zu sehen.  Cecilie C. fühlt sich selbst schuldig an ihrer Situation, als willfähriges »Opfer« einer Frauenrolle, die ihr Berufsaufgabe und Verzicht auf eigenes Alterseinkommen nahelegte, die sie »fraulich«-ehrenamtlich arbeiten ließ und »Geschäftliches« allein ihrem Mann überlassen. Und zudem wurde sie »Opfer« einer Rolle als Konsumentin, deren Wertorientierung am Herzeigekonsum ohne Nachdenken über Zusammenhänge zwischen (unverdientem) Sozialstatus und »Verdienst« sie leben ließ, als sei verfügbares Geld selbstverständlich. Nun zählt sie zu denen, die früher allenfalls ihr Mitleid erregten. Sie schämt sich gegenüber denen, die aus ihrer früheren Welt stammen, und kann sich nicht identifizieren mit denen aus ihrer »neuen« Lebenswelt. Daß sie eine Art »ehrenamtliche Mitarbeiterin« geworden ist, läßt sie ihre Taschengeld-Armut leichter ertragen.</p>
<p>Jede der Frauen weiß, daß ihre augenblickliche »Sicherheit« gefährdet ist; jede weiß, daß ihre nachlassenden Kräfte im Verein mit materieller Armut bereits bestehende Abhängigkeiten vergrößern werden und unzureichende Hilfen nicht mehr ausgleichen können. »Lebenssattheit« am »Lebensabend«, mit dem Rückblick auf ein Leben, dessen Bilanz positiv getönt ist, scheint ihnen nicht vergönnt. Statt Ruhe beherrscht sie Sorge &#151; am wenigsten Agathe A., die im komplexen Sinn am ärmsten ist; am meisten leidet Cecilie C., die objektiv »am besten dran« ist.</p>
<p><i>Armut im Alter hat viele Gesichter:</i></p>
<ul>
<li>
<div align="justify">das von Agathe A., zum Beispiel: mit Augen, die rasch wechseln vom wachen, zwischen Mißtrauen und Lustigkeit schwankenden Blick zum erschreckten, scheuen; mit  einem meist zahnlosen Mund und mit gelblich-grauem strähnigen Haar, das sie nur gelegentlich in ein Zöpfchen flicht und am Hinterkopf aufsteckt; mit dunkelrandigen Fingernägeln, die sichtbar werden, wenn sie ihre Strickjacke zusammenhält, weil ein Knopf fehlt&#8230;;</div>
</li>
<li>
<div align="justify">das von Beate B. zum Beispiel: mit Fältchen, als lache sie immer &#151; auch wenn sie ernst ist, mit kleinen roten Backen und aufblitzenden Schelm in den Augen, wenn sie erzählt; säuberlich gerahmt vom weißen Rollkragen und der selbstgedrehten Lockenfrisur&#8230;;</div>
</li>
<li>
<div align="justify">das von Cecilie C., zum Beispiel: das rund und mütterlich wirkt, ein bißchen aufge dunsen (von ihrer Nierenkrankheit her) und bleich &#151; trotz Rouge auf den Lippen; mit mattem Blick fast immer, gelegentlich allerdings Empörung spiegelnd: dann wenn »jugendlich« wirkende Kraft spürbar wird, die dem modisch geschnittenen und getönten Haar eher entspricht und sie sich aufrichten läßt, als ihre meist schlaffe Haltung, die drückender, andauernder Resignation Ausdruck verleiht&#8230;;</div>
</li>
<li>
<div align="justify">das von vielen, meist hochbetagten alten Menschen, die in Pflegeheimen leben müssen und &#151; fast ausnahmslos &#151; deswegen Sozialhilfeempfänger werden&#8230;</div>
</li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/armut-im-alter/">Armut im Alter</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Armut &#8211; Zwang zur Kinderarbeit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/armut-zwang-zur-kinderarbeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Feb 1985 08:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Generationen]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 46-15 Im Dunkeln der » Wohlstandsgesellschaft« Nur selten gelangt das an das Licht der Öffentlichkeit, wovon manche meinen: »So lernen sie am schnellsten, was sie im Leben erwartet«, wie z.B. Arthur Laffer, Berater des US-Präsidenten Ronald Reagan, ein Freund der Kinderarbeit (Plus. Jg. 1980, H.52, S. 17) oder [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 46-15</p>
<p><i>Im Dunkeln der » Wohlstandsgesellschaft«</i></p>
<p>Nur selten gelangt das an das Licht der Öffentlichkeit, wovon manche meinen: »So lernen sie am schnellsten, was sie im Leben erwartet«, wie z.B. Arthur Laffer, Berater des US-Präsidenten Ronald Reagan, ein Freund der Kinderarbeit (Plus. Jg. 1980, H.52, S. 17) oder »Kinderarbeit gibt es bei uns nicht, denn sie ist verboten« &#8211; wie z.B. der zuständige Ministerialrat für Arbeitsrecht und Arbeitsschutz im Bundesarbeitsministerium, Dr. Zmarzlik (Die Welt vom 07.11.80). Im Schatten der sogenannten Wohls tandsgesellschaft müssen Kinder, die zur Schule gehen und außerdem hart arbeiten &#151; in der Bundesrepublik etwa 300 000 &#151; einen Acht- bis Zehnstundentag bewältigen &#151; mehr als das, was manche Erwachsenen leisten müssen.<br />Unter »Kinderarbeit« wird hier die Erwerbstätigkeit von Kindern zum Zwecke der Gewinnerzielung seitens der Unternehmer verstanden, und zwar unabhängig davon, wie lange die Kinderarbeit dauert, wie oft sie stattfindet und ob sie verboten ist oder nicht.  Zur Kinderarbeit zählt nicht die Mitarbeit im elterlichen Haushalt sowie die Arbeitslehre einschließlich des Betriebspraktikums. Nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz gilt das Beschäftigungsverbot für Kinder unter 14 Jahren und ältere, soweit diese noch vollzeitschulpflichtig sind. Mit der Einführung der 10jährigen Schulpflicht gelten also auch 15-und evtl. 16jährige als Kinder im Sinne des Jugendarbeitsschutzgesetzes. Seitens der Kinder ist die familiäre Armut einer der wesentlichen Gründe der Kinderarbeit neben anderen &#8211; wie z.B. der Angst um einen Ausbildungsplatz bei der »Probearbeit«.</p>
<p><i>Kinderarbeit für den Lebensunterhalt der Familie</i></p>
<p>Kinderarbeit gibt es in der Bundesrepublik seit Beginn ihrer Existenz. In den 50er Jahren stand bei der Kinderarbeit aufgrund der Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Elternlosigkeit usw. das nackte Überleben im Vordergrund. Für Hungerlöhne &#151; überwiegend zwischen 15 und 75 Pfennigen pro Stunde &#151;schufteten die Kinder vielfach aus bitterer Not für die einfachsten Lebensbedürfnisse. In den 60er Jahren spielte die Kinderarbeit aufgrund des gestiegenen Wohlstands eine teilweise geringere und teilweise veränderte Rolle: Zum Ausgleich des zunehmenden Arbeitskräftemangels werden Kinder vielfach als feste Hilfsarbeitskräfte in den Produktionsprozeß eingesetzt &#151;soweit die schnelle technische Entwicklung das noch zuläßt, und zwar besser bezahlt. Im Vordergrund der öffentlichen Diskussion steht der »Taschengelderwerb« für die Finanzierung eines Fahrrads, der Kleidung, der Ferienreise, eines Fotoapparates usw.. Die Kinderarbeit für unmittelbare Lebensmittel, für die Wohnungsmiete usw. spielte jedoch nach wie vor eine &#8211; wenn auch untergeordnete &#8211; Rolle.</p>
<p>Mit der zunehmenden Verarmung vieler Arbeiter- und Angestelltenfamilien seit der Krise 1974/75 werden immer mehr Kinder genötigt, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Inzwischen hat die Hälfte aller Familien mit vier oder mehr Kindern ein Einkommen unter dem Existenzminimum. Andauernde Arbeitslosigkeit, vermehrte  Obdachlosigkeit, Reallohnverlust, Sozialabbau, drastische Mietsteigerungen usw. sind die Gründe, die den Zwang zur vermehrten Lohnarbeit von Kindern &#8211; auch aus nicht kinderreichen Familien &#8211; für den Lebensunterhalt verstärken. Das gelegentliche Jobben zur Erfüllung von ein paar Kinderträumen ist noch das geringste Übel. Diese Kinder hören meist dann auf, wenn die Arbeit zu viel, die Bezahlung zu niedrig ist oder wenn das begehrte Fahrrad oder der Fußball erarbeitet sind. Viel schlimmer ist die Kinderarbeit, wenn damit der Lebensunterhalt der Familie gesichert werden muß, wenn der geringe Verdienst der Eltern die Kinder regelrecht zur Arbeit zwingt. Der Zusammenhang zwischen niedrigem Familieneinkommen und der daraus für die einzelnen Familien resultierenden Notwendigkeit, die Kinder auch zum Unterhalt beitragen zu lassen, wird in vielen Einzelfällen deutlich. Dies macht die Handlungsweise der Eltern verständlich und wirft gleichzeitig ein bezeichnendes Licht auf die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, die die Eltern mehr oder weniger zwingen, ihre Kinder zur Lohnarbeit zu nötigen. In zahllosen Einzelbeispielen wird deutlich, daß Kinder direkt für den Lebensunterhalt der Familie arbeiten:</p>
<blockquote>
<p align="justify" class="bodytext">Ein 12jähriger Junge arbeitet täglich 12 Stunden in den großen Ferien in einer Autowaschanlage. Seine Eltern  kassieren die Hälfte des verdienten Geldes (vgl. Semmler 1974, 24).<br />So zeigt sich auch in den Gewerbeaufsichtsberichten, daß insbesondere Sonder- und Hauptschüler bei verbotener Kinderarbeit angetroffen werden &#8211; wie z.B. im folgenden Fall: »In einem Betrieb wurde ein 14jähriger Junge beschäftigt, den seine Eltern von der Schule abgemeldet hatten, um sich durch die Arbeit des Kindes eine zusätzliche finanzielle Einnahmequelle zu verschaffen« (Jahresbericht der Gewerbeaufsicht (JdG) Baden-Württemberg 1972, 41).</p>
</blockquote>
<p>So muß sich z.B. das Jugendamt in München mit einem 12jährigen türkischen Trebegänger befassen, aus dessen Lebensgeschichte hervorgeht, daß er bereits vier Jahre zuvor, als damals achtjähriger Junge, seiner Familie beim Geldverdienen helfen mußte. Sein älterer Bruder brachte ihn zur Zeitungsausträger-Arbeit mit. In der kinderreichen Familie habe damals ein fürchterliches Elend geherrscht, so schlimm, daß sich einem das Herz umdrehen müßte (vgl. Frankfurter Rundschau vom 27.04.81).</p>
<p>Die durchschnittliche Entlohnung beträgt &#8211; obwohl die Kinder teilweise schon wie Erwachsene arbeiten &#151; im Durchschnitt zwischen 2 und 3 DM die Stunde. Diese niedrigen Löhne werden nicht nur im Handel oder in der Landwirtschaft gezahlt. So haben z.B. etwa 30 Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren &#8211; teilweise mit Lohnsteuerkarten &#151; ca. 5 000 Stunden in einer Spielwarenfabrik für durchschnittlich 2 DM pro Stunde  gearbeitet (JdG Bayern 1974, 66). Der »Spiegel« verkennt daher die Situation der Kinder, wenn er zu dem abenteuerlichen Schluß kommt, daß nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Kinder selbst Schuld an ihrer verheerenden Lage trügen: »Verstoßen wird gegen das Verbot der Kinderarbeit gleichermaßen durch gewinnsüchtige Arbeitgeber wie geldhungrige Kinder« (Kinderarbeit 1972, 63 und 65).</p>
<p><i>Kinderarbeit für das Existenzminimum</i></p>
<p>Die Krisenfolgen zeigen sich in einer Reihe von unterschiedlichen Formen und Anlässen  der familiären Armut, die zur Kinderarbeit führen: Dazu gehören neben der Arbeitslosigkeit, der Heimarbeit und der Ruinierung von Kleinbauern insbesondere</p>
<p>&#8211; Reallohnsenkung,<br />&#8211; Scheidung der Eltern,<br />&#8211; Krankheit eines Elternteils,<br />&#8211; Kinderreichtum,<br />&#8211; frühzeitige Arbeitsunfähigkeit, usw.,</p>
<p>wozu im folgenden einige Beispiele zur Illustration angeführt werden:</p>
<blockquote>
<p align="justify" class="bodytext">Auf dem Frankfurter Flughafen passiert jeden Abend eine Frau in Begleitung ihrer 12jährigen Tochter die  Sicherheitskontrollen, um von 23 Uhr bis 4 Uhr früh die Maschinen zu säubern. Das zu bewältigende Arbeitspensum ist so gewaltig, daß sie ohne die Mithilfe ihrer Tochter nicht zurecht käme. Das Flughafenpersonal nimmt keinen Anstoß an dem ungleichen Duo. Die Mutter, die von ihrem geschiedenen Mann nur unregelmäßig Unterhalt bezieht, ist auf diesen nächtlichen Job angewiesen &#151; der Arbeitgeber spart eine zweite Arbeitskraft. Nach getaner Arbeit kann die 12jährige Tochter gerade drei Stunden schlafen, ehe sie dann müde und unkonzentriert zur Schule geht (vgl. Körner 1984, 14).</p>
<p align="justify" class="bodytext">In einem Supermarkt arbeiten die noch schulpflichtigen Zwillinge, Kinder eines ehemaligen Mitarbeiters, über mehrere Monate lang täglich nach der Schule im Warenlager. Der Vater der Zwillinge war nach einem  Herzinfarkt frühzeitig Rentner geworden. Nach Aussage der Personalchefin wollte die Firma der Familie mit der Beschäftigung der Kinder finanziell helfen (JdG Nordrhein-Westfalen 1981, 181).</p>
<p align="justify" class="bodytext">Für die 13jährige Beate Petri beginnt der Tag nicht wie für ihre Klassenkameraden um sieben Uhr, sondern schon gegen fünf Uhr. Dann ist Beate bereits auf den Beinen und trägt Brötchen aus. Den Vertrag mit dem Bäckermeister hat ihre Mutter unterschrieben, den Lohn liefert das Kind zu Hause ab. Wenn Beate nach Früharbeit und Schule endgültig gegen Mittag nach Hause kommt, warten neue Pflichten auf sie. Dann muß das Mädchen auf ihre beiden jüngeren Geschwister aufpassen und den Haushalt versorgen, während ihre Mutter als Verkäuferin arbeitet. Wenn Beate schließlich ihre Geschwister zu Bett bringt, ist es 18.30 Uhr. Wenn sich die kleine Schwerarbeiterin dann endlich über ihre Schularbeiten beugt, hat sie einen 13-Stunden-Tag hinter sich. Meist ist sie viel zu erschöpft, um noch Lernstoff in sich aufzunehmen. Im Leben der 13jährigen wird sich sobald nichts ändern, denn ihre Mutter ist auf den Zusatzverdienst von 100 DM angewiesen. Frau Petri ist geschieden, Beates Vater zahlt nur unregelmäßig Unterhalt (vgl. Plus. Jg. 1980, 17) Die 10- und 12jährigen Söhne einer alleinstehenden Frau »helfen dem Bauern, der ihrer Mutter sein ehemaliges Gesindehaus vermietet hat, täglich 2 1/2 Stunden&#8230;. Jeder &#8230; bekommt dafür in der Woche 10 Mark, das sind 60 Pfennig für die Stunde. In Niedersachsen bekommen Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft sonst einen Stundenlohn von 3 Mark. Doch die Arbeit dieser beiden Jungen wird hauptsächlich als Gegenleistung für eine billige Wohnung bewertet« (Richter 1973, 5).</p>
</blockquote>
<p>Gerade bei kinderreichen Arbeiterfamilien und bei den ärmere Familien auf dem Lande führt die schlechtere materielle Situation dazu, daß die Kinder arbeiten oder mitarbeiten müssen, damit die Familien sich das Lebensnotwendige leisten können. Insbesondere Sonder- und Hauptschüler werden bei der Kinderarbeit angetroffen. Dieser Druck zur Kinderarbeit nimmt in der Krise zu, obwohl die Kinderarbeit sich jetzt schlechter realisieren läßt. Zahlreiche Familien sind bereits bei normaler Konjunktur auf die Nebenarbeit ihrer Kinder angewiesen, noch mehr Familien sind es in Krisenzeiten. Niedrige Löhne, Kinderreichtum und Obdachlosigkeit führen auch infolge des Sozialabbaus vermehrt zur Kinderarbeit.</p>
<p><i>Kinderarbeit und Arbeitslosigkeit</i></p>
<p>Kinderarbeit mit ihren negativen Folgen trifft in erster Linie die materiell schwächsten  Gruppen der Gesellschaft, die auf einen Zusatzverdienst angewiesen sind. Dies zeigt sich insbesondere bei Arbeiterfamilien, Heimarbeiterfamilien, Familien, in denen der Vater oder die Mutter arbeitslos ist und obdachlosen Familien. Für Kinder aus Arbeiterfamilien gilt generell, daß in Krisensituationen die Arbeitslosigkeit viele un- und angelernte Arbeiterfamilien zwingt, ihre Kinder arbeiten zu lassen. Nach Berechnungen des IAB sind gegenwärtig weit über 1 Million Kinder von der Arbeitslosigkeit in ihren Familien mitbetroffen. Für viele Kinder, die in der eigenen Familie erleben, wie drückend sich die Arbeitslosigkeit des Vaters oder der Mutter auswirkt, hat die Arbeit einen so hohen Wert bekommen, daß sie bereit sind, vieles dafür in Kauf zu nehmen.</p>
<blockquote>
<p align="justify" class="bodytext">»Bei uns zu Hause wird eigentlich nur über Arbeit geredet, wie froh man sein darf, wenn man welche hat,  wie schlimm es ist, wenn man keine hat« berichtet die 11jährige Martina, deren Vater seit drei Jahren vergeblich auf Arbeitsuche ist. »Wenn Vater sich wünscht, endlich wieder arbeiten zu können, wieso soll dann Arbeit für mich etwas Schlechtes sein?«, fragt das Mädchen, das seit zwei Jahren regelmäßig in einer Gaststätte beim Gläserspülen hilft (Körner 1984, 169).</p>
</blockquote>
<p>Gerade in Wirtschaftskrisen wirkt sich das materielle Elend eines Teils der Arbeitneh mer verschärft auf die Lebenslage ihrer Kinder aus. Zunehmende Kinderarbeit als Folge von Verarmung durch Arbeitslosigkeit? Der Trend, das Jugendarbeitsschutzgesetz den wirtschaftlichen Interessen zu opfern, macht auch denkbar, Kinderarbeit zu erlauben, mit der Begründung »schließlich hänge die Existenz tausender Familien daran«. Horrorvision? Nein. Schon die sogenannte Reform des Jugendarbeitsschutzgesetzes von 1976 hat weite Teile vorher verbotener Kinderarbeit legalisiert. Das Unterbinden der Kinderarbeit allein allerdings schafft noch keine Lösung der familiären Existenzprobleme. Nicht nur die Kinderarbeit muß gänzlich verboten und verhindert werden, sondern auch die Arbeitslosigkeit wie die Armut generell: Der Schaffung und auch politischen Förderung eines großen Arbeitslosen- und Armenheeres seit Mitte der siebziger Jahre als Druckmittel gegen soziale Reformen muß nachdrücklich begegnet werden.</p>
<p><i>Kinderarbeit im Rahmen der Heimarbeit</i></p>
<p>Die Löhne sind besonders in der Heimarbeit für die mehr als 200000 Heimarbeiter mit  ca. 50000 heimarbeitenden Kindern niedrig. Kinder werden hier extrem massiv ausgebeutet. Während andere spielen, müssen sie daheim hart arbeiten: kleben, flechten, häkeln, sticken usw. Die Schularbeiten können oftmals nur »schnell, nebenbei« erledigt  werden. Zeit ist Geld. Und die Familie braucht Geld. Das Einkommen reicht nicht aus. Oder der Vater ist arbeitslos. Die Gewerbeaufsicht ist machtlos. Aber einer profitiert: der Unternehmer. Denn Heimarbeit ist billig. Vor allem die Schwächsten dieser Gesellschaft, kinderreiche Familien, sind bei den Unternehmern besonders beliebt: Ihre Heimarbeitsproduktivität ist hoch, das Entgelt gering, sozialer Schutz bei Krankheit, Unfall oder Auftragsmangel weitgehend unbekannt. In der Heimarbeit spielt vielfach bei der materiellen Not der Familie die Mitarbeit der Kinder eine entscheidende Rolle: Da heute noch in der Heimarbeit der Stundenlohn teilweise unter der Zweimarkgrenze liegt, könnten viele Familien auch gar nicht existieren, »wenn nicht selbst der Kanarienvogel Zwirnfäden mitzöge« &#151; wie man im Bayerischen Wald, dem klassischen Heimarbeitergebiet, zu sagen pflegt. Wo Mütter Papierblumen drehen oder Schmuckkästchen falten, kleben und beziehen, packen die Kinder fleißig zu:</p>
<blockquote>
<p align="justify" class="bodytext">Die Mutter des 9jährigen Gerd R. fertigt Knöpfe. Gerd: »Mein Vater hilft auch mit. Der ist Soldat und geht zur Bundeswehrschule. Meine Schwester ist 13, und die hilft fast jeden Tag. Und wenn sie nicht will, dann muß sie halt ins Bett, genau wie ich, wenn ich nicht arbeiten will« (Deutsche Zeitung vom 22.3.74). In der süddeutschen Stadt Altötting knüpfen Hunderte von Heimarbeiterinnen &#151; zusammen mit ihren Kindern &#151; Rosenkränze für 1,30 DM (durchschnittlichen) Stundenlohn. Andere Kinder stellen mit ihren Müttern dort Topfreiniger her, und zwar in der Stunde etwa 100 Stück für 1,05 DM Stundenlohn (Merseburger in: »Panorama«-Fernsehsendung im März 1971; vgl. auch: Arbeitnehmer. Heimarbeiter: Fäden zieht der Vogel 1971, 84).</p>
<p align="justify" class="bodytext">»Ich fertige in Heimarbeit Topfreiniger und kann aber nur ausreichend verdienen, wenn ich ein ungeheueres Pensum schaffe. Das geht eben nur, wenn alle Kinder mithelfen, und zwar ohne Pause den ganzen Nachmittag lang«, erzählt eine Mutter, die sich und die vier Kinder fast ausschließlich über Heimarbeit ernähren muß. Für sie ist unbegreiflich, weshalb die Gewerbeaufsichtsämter oder Pädagogen die Kinderarbeit als »moralisch verurteilenswert und gesundheitsschädlich« hinstellen und verbieten wollen. Sie sieht den Sachverhalt ganz anders. »Verurteilt werden müßten die Ausbeuter, die uns wenig Lohn für die monotone Arbeit geben, keine Sozialleistungen zahlen, und genau wissen, daß wir es nur durch die Mithilfe der Kinder schaffen, die sind verantwortlich, nicht ich als Mutter«, argumentiert sie verbittert (vgl. Körner 1984, 16).</p>
<p align="justify" class="bodytext">Ein Beispiel aus Friedrichskoog in Schleswig-Holstein. Für Sophie Jäger, Mutter von neun Kindern, ist das Krabbenpulen eine Erwerbsquelle, auf die sie angewiesen ist, ebenso wie Karl-Heinz Söhl, Vater von acht Kindern. Der gelernte Maurer ist arbeitslos. Für den Krabbenhaufen braucht Familie Söhl etwa vier Stunden &#151; dafür gibt es ganze 9 Mark. Frau Söhl: »Mein Mann ist Schäfer von Beruf und die Schäferei geht jetzt ganz schlecht, die Wolle kostet nichts. Die Schafe sind im Preis gesunken, also muß ich schon das als Heimarbeit annehmen«. Die Kinder, »die kriegen jeden Tag 50 Pfennig, wenn Badewetter ist &#8230; ein bißchen mehr. &#8230;, die kriegen kein Taschengeld, Anziehsachen kauf ich dafür«. Ab dem 5. oder 6. Lebensjahr arbeiten die Kinder mit. »Puhlen alle, die hier in Friedrichskoog wohnen, praktisch Krabben?« »Alle, ich tät sagen, doch zum größten Teil«. »Und überall helfen auch die Kinder mit?« »Ja, das ist hier überhaupt, das ist hier so Brauch und Sitte, daß die Kinder mit ran müssen«. Für ein Kilo Krabbenfleisch müssen drei Kilo Krabben entschält werden. Die Fischer bekommen 4,50 DM, die Heimarbeiter 3 DM. Der Konsument zahlt im Laden für das Kilo Krabbenfleisch 28 DM (vgl. Schröder-Jahn 1976, 4 f.).</p>
</blockquote>
<p>Zusammenfassend ist hervorzuheben, daß angesichts wirtschaftlicher Krisen die Verarmung vieler Familien dazu führt, daß die billige Arbeitskraft von Kindern wieder Konjunktur hat. In der Bundesrepublik, einem der reichsten Länder der Welt, arbeiten wieder zigtausende Kinder aus Armut. Ohne Rücksicht auf körperliche und seelische Belastungen der Kinder machen die Unternehmer Sondergewinne. Bei zuständigen Regierungsstellen wird das Problem nicht zur Kenntnis genommen. Im Gegenteil: Die Streichungen und Kürzungen bei der Sozialhilfe, der Arbeitslosenunterstützung, dem Bafög usw. verstärken den Druck zur Kinderarbeit mit all den bekannten verheerenden Folgen. In erster Linie sind wieder Arbeiterkinder betroffen, die materiell, sozial und bildungsmäßig sowieso schon besonders benachteiligt sind.</p>
<p><b>Literatur:</b></p>
<p>Arbeitnehmer. Heimarbeiter: Fäden zieht der Vogel. In: Der Spiegel.  25. Jg. 1971, H. 13, S. 84-90<br />Jahresberichte der Gewerbeaufsicht (JdG)<br />Körner, Irmela: Kinderarbeit. In: Sozialmagazin.  9. Jg. 1984, H. 6, S. 12-17<br />Richter, Bernt: Kinderarbeit in der Bundesrepublik. Manuskript einer Sendung des NDR vom  21.6.73<br />Schröder-Jahn, Jürgen: Kinderarbeit. Informationen über ein altes Übel. Manuskript einer Fernsehsendung des NDR vom 28.2.76<br />Semmler, Nortrud: Der 12-Stunden-Tag des Oliver T. Kinderarbeit 74: Das große Geschäft mit den kleinen Helfern. In: Deutsche Zeitung, 22.3.74<br />Stark-von der Haar, Elke: Stichwort »Kinderarbeit«. In: Auernheimer, Georg (Hrsg.): Handwörterbuch Ausländerarbeit. Weinheim-Basel 1984, S. 211-215<br />Stark-von der Haar, Elke/ von der Haar, Heinrich: Kinderarbeit in der Bundesrepublik und im Deutschen Reich. Eine Bestandsaufnahme über Ausmaß und Folgen der Beschäftigung von Kindern und über den gesetzlichen Kinderarbeitsschutz. Berlin  1980</p>
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		<title>»Und bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt«</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/und-bist-du-nicht-willig-dann-brauch-ich-gewalt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Feb 1985 07:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Existenzsicherung]]></category>
		<category><![CDATA[Generationen]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Pädagogische Maßnahmen für arbeitslose Jugendliche aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 51-55 Anders als »normale« Arbeitslose sind Jugendliche einer enormen Pädagogisierung ihrer Lebenslage ausgesetzt. Sie sind nicht einfach ohne Arbeit, ohne Lehrstelle, ohne Geld und lediglich mit dem Arbeitsamt oder einer Umschulungsmaßnahme konfrontiert. Jugendarbeitslosigkeit wird verwaltet und verdeckt durch eine Vielzahl pädagogischer Projekte und [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Pädagogische Maßnahmen für arbeitslose Jugendliche</p>
<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 51-55</p>
<p>Anders als »normale« Arbeitslose sind Jugendliche einer enormen Pädagogisierung ihrer Lebenslage ausgesetzt. Sie sind nicht einfach ohne Arbeit, ohne Lehrstelle, ohne Geld und lediglich mit dem Arbeitsamt oder einer Umschulungsmaßnahme konfrontiert. Jugendarbeitslosigkeit wird verwaltet und verdeckt durch eine Vielzahl pädagogischer Projekte und staatlicher Maßnahmen. Die Meldung beim Arbeitsamt führt nur bei wenigen Jugendlichen zum Bezug von Arbeitslosenunterstützung, aber bei vielen in die Mühle der »Arbeitslosenmaßnahmen«. Es gibt Motivationskurse, Projekte zum Nachholen des Hauptschulabschlusses, außerbetriebliche Ausbildungs- und Arbeitsmaßnahmen, die Kombination von Arbeit und Hauptschulabschluß und noch vieles andere.<br />Alle diese Projekte zeichnen sich dadurch aus, pädagogisch betreut und begleitet zu  sein. Während das Ziel von Umschulungsmaßnahmen für Erwachsene in der Qualifikation ihrer Arbeitskraft liegt, werden die Ziele von Maßnahmen für Jugendliche hauptsächlich pädagogisch und psychologisch definiert. So muß den Jugendlichen ihre Situation als Ergebnis von Verhaltens- und Motivationsdefiziten (Pünktlichkeit, Sauberkeit, Konfliktfähigkeit, Höflichkeit&#8230;) erscheinen. Damit verlängert Jugendarbeitslosigkeit nicht nur die Unselbständigkeit und Infantilität, sondern unterwirft die Jugendlichen einer zusätzlichen, pädagogischen Definitionsgewalt, die &#151; gekoppelt an staatliche Unterhaltszahlungen &#151; in der Gestalt von Projekten und Maßnahmen unmittelbaren Einfluß auf ihre Lebenslage nimmt. Der gemeinsame Nenner all dieser Projekte: die Jugendlichen sind perspektivlos, weil sie keine Arbeit haben, deswegen ist es besser sie machen »irgendetwas«, als zu Hause oder auf der Straße rumzuhängen.</p>
<p>Im Folgenden beschreibe ich eine Maßnahme, die zur Zeit in einer Stadt des Ruhrgebietes stattfindet.</p>
<p>An der Maßnahme nehmen ca. 170 Jugendliche teil. Ein Teil von ihnen soll den Hauptschulabschluß nachholen. Etwa ein Jahr lang müssen sie täglich 6 Stunden Unterricht in den üblichen Schulfächern über sich ergehen lassen. Unter der ständig formulierten Drohung des Rausschmisses wegen zu hoher Fehlzeiten, können die Schüler monatlich eine Ausbildungsbeihilfe von 250,&#151; DM nach Hause tragen. Mit Wohngeld und ergänzender Sozialhilfe &#151; was eine Fülle von Behördenkontakten und -gängen zur Voraussetzung hat &#151; können sie es maximal zu einem Einkommen bringen, das dem Sozialhilfesatz entspricht. Die Schüler kommen zu 80% von Sonderschulen, haben abgebrochene Lehren, ein Jobberleben oder die pure Arbeitslosigkeit hinter sich. Sie sind zwischen 17 und 23 Jahren alt. Vor dem Beginn des Kurses müssen sie 3 Monate beim Arbeitsamt gemeldet sein. In der Regel waren sie allerdings 1/2  bis 1 1/2 Jahre arbeitslos. Die Vermittlung in die Kurse war teilweise freiwillig, teilweise geschah sie unter der Drohung von Sperrfristen oder dem »Versprechen« einer völligen Untätigkeit des Arbeitsamtes. Die Klassen werden somit aus dem Karteikasten des Arbeitsamtes zusammengestellt.</p>
<p>Der andere Teil ist in einem Programm »Arbeit und Lernen« zusammengefaßt. Vormittags arbeiten die jungen Leute vier Stunden lang als ABM-Kräfte (befristet auf 18 Monate) in verschiedenen städtischen Einrichtungen. Nachmittags wird mit vier Stun den Unterricht der Hauptschulabschluß der 9. Klasse angestrebt. Auch bei ihnen ist der Sozialhilfesatz die Einkommenshöchstgrenze. Für ihre Arbeit erhalten die Jugendlichen 650,&#151; DM brutto. Jede unentschuldigte Fehlzeit bei der Arbeit wird direkt mit einem Einkommensabzug sanktioniert. Mit den Anfahrtswegen zur Schule und Arbeit sind manche täglich bis zu 11 Stunden unterwegs. Auch sie stehen unter der ständigen Drohung, wegen Fehlzeiten im Unterricht oder bei der Arbeit aus der Maßnahme entlassen zu werden und damit jeglichen Anspruch gegenüber dem Arbeitsamt zu verlieren. Die Arbeitsstellen werden per Handzeichen, ohne Informationen über die Art der Tätigkeit verteilt. Bei den Arbeitsstellen gibt es ein enormes Qualitätsgefälle: sie reichen von angenehmer Schreinerarbeit in Kleingruppen über tägliches Bücherabstauben mit Terpentin in Bibliotheken, Putzen von Badeanstalten mit giftigen Chemikalien, Blätterfegen in den Gärten städtischer Bildungseinrichtungen, Hilfsdiensten für Schulhausmeister bis zu begehrten Arbeitsplätzen bei der Feuerwehr und in der Küche von Kindertagesstätten, die von Fall zu Fall auch die Teilnahme an Gruppenarbeit mit Kindern ermöglichen.</p>
<p>Bei den Programmen ist die Betreuung durch Sozialpädagogen und Lehrern auf ABM-Basis zugeordnet. Neben dem Ausfüllen von Anträgen, Urlaubsscheinen usw., Einzelgesprächen mit dem Ziel der Reduzierung der enormen Fehlquoten, besteht die Aufgabe der Sozialpädagogen hauptsächlich darin, zwischen den Unterrichtsstunden den Pausenclown zu spielen und wöchentlich vier Stunden Sozialkunde zu geben. Für diesen Unterricht oder andere Projekte stehen keine finanziellen Mittel oder eigene Räume zur Verfügung. Obwohl der Hauptschulabschluß die Aussichten nicht wesentlich verbessert, die finanzielle Absicherung sehr bescheiden ist und die Lerninhalte und -methoden zum großen Teil mit der Lebensrealität der Jugendlichen wenig zu tun haben, erleben viele die Kurse dennoch positiv.</p>
<p><i>Birgit ist 22 Jahre alt und wohnt mit ihrem Freund in einer viel zu teuren Wohnung. Mit 16 ist sie zu Hause ausgezogen und hat sich seitdem mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen. Sie hat viele schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht und ist in der Schule auch schon einmal mit einem blauen Auge erschienen. Eigentlich würde sie gerne ein paar Monate nach Portugal fahren. An Fernsehen, Video und Kleidern hat sie kein Interesse. Wichtig für sie sind Kreativität, individuelle Selbstverwirklichung, harmonische Beziehungen.</i></p>
<p><i>Ludger ist krank. Er darf keine schweren Arbeiten verrichten und verbringt einen großen Teil seines Lebens bei Ärzten, Internisten und Vertrauensärzten. Er glaubt den höchst unterschiedlichen Diagnosen der Ärzte nicht und auch nicht, daß er irgendwann wieder gesund sein wird. Er bezweifelt, daß er mit seinen Krankheiten jemals einen Arbeitsplatz bekommen kann.</i></p>
<p><i>Eva möchte Schauspielerin werden oder, falls dies nicht klappen sollte, eine Band managen. Andere Überlegungen zu ihrer Zukunft können sie nicht beeindrucken. In ihrer Freizeit lernt sie Breakdance und schreibt ein Buch über eine Popgruppe. (Eva entspricht, das muß dazu gesagt werden, eher dem Gegenteil gängiger Schönheitsvorstellungen).</i></p>
<p>Ihnen allen bietet die Schule Raum, ihren Träumen nachzuhängen, wenn auch das sub stantielle Angebot mit den komplizierten und differenzierten Lebenssituationen und Zukunftswünschen wenig zu tun hat.  Es gibt auch eine Reihe von Jugendlichen, die durch ihre Beteiligung an der Maßnahme  zum ersten Mal in ihrem Leben über eigenes Geld verfügen. Andere &#151; sie sind der besondere Adressat von Lehrern und Sozialpädagogen, bemühen sich ernsthaft um den<br />Hauptschulabschluß.</p>
<p><i>Willi hat eine Fleischerlehre gemacht, ist aber dreimal durch die Abschlußprüfung gefallen. Der Direktor der Berufsschule hat ihm gesagt, er könne es noch einmal versuchen, wenn er den Hauptschulabschluß hat. Die Arbeit als Fleischer hat Willi Spaß gemacht und er meint, daß er den praktischen Teil gut beherrscht. Seine Erfolge in der Schule haben ihm wieder Mut gemacht.</i></p>
<p>In dem Programm »Arbeit und Lernen« finden sich viele Jugendliche, die zwar gerne und regelmäßig arbeiten gehen, aber den Sinn des Unterrichtes nicht einsehen wollen. Auch die Tatsache, daß kaum jemand mit dem Geld auskommt, wenn er/sie nicht auf finanzielle Unterstützung der Eltern hoffen kann oder Schwarzarbeit macht, trägt nicht  zur Regelmäßigkeit des Schulbesuches bei:</p>
<p><i>Ivo ist Jugoslawe und lebt in einem Erziehungsheim. Manchmal kommt er zur Schule, manchmal nicht. Er bessert seine magere Beihilfe mit Jobben und Klauen auf. Manchmal haut er aus dem Heim ab, taucht aber nach einiger Zeit wieder auf. Mit den Erziehern des Heimes lebt er auf Kriegsfuß.</i></p>
<p><i>Franz mußte seine Lehre abbrechen, weil die Firma pleite war. Besondere Berufswünsche hat er nicht, geht aber gerne arbeiten. Schule interessiert ihn überhaupt nicht, deswegen kommt er nie. Weil er mit dem Geld nicht auskommt, arbeitet er in einer Disco als Rausschmeißer.</i></p>
<p>Besonders absurd ist die Teilnahme derjenigen, die bereits einen Hauptschulabschluß haben. Sie wurden in die Maßnahme gedrängt, weil das Arbeitsamt keine anderen Möglichkeiten hat und den Kurs füllen wollte.</p>
<p><i>Marion hat die Hauptschule abgeschlossen. Sie hält den Kurs für baren Unsinn und glaubt ohnehin nicht daran, jemals einen Arbeitsplatz zu bekommen. Sie glaubt, auch eine Lehre würde für sie nicht mehr in Frage kommen, weil sie zu alt sei (sie ist 20). Die Arbeit in der Kindertagesstätte macht ihr ungeheuren Spaß, weil sie nicht nur in der Küche arbeiten muß, sondern auch mit den Kindern zusammen kommt.</i></p>
<p><i>Mehmet ist Türke und hat in seinem Heimatland eine höhere Schule abgeschlossen. Er arbeitet daraufhin, in der Türkei die Aufnahmeprüfung für die Universität zu bestehen, um dann später an eine deutsche Hochschule zu wechseln. Dafür lernt er sehr diszipliniert. Auch Mehmet kommt mit dem Geld nicht aus und arbeitet abends und nachts bei McDonalds. Außerdem ist er noch Mitglied in einer türkischen Organisation.</i></p>
<p>Objektiv können die Kurse die Aufgaben nicht erfüllen, die ihnen zugedacht sind. Auch ein Hauptschulabschluß sichert heute keinen Arbeitsplatz, keine Lehrstelle.  Selbst die Zeit als ABM-Kraft qualifiziert kaum, vermittelt keine spezifischen Berufserfahrungen und wird bei späteren Bewerbungen eher nachteilig sein. Subjektiv werden die Kurse dennoch &#151; das zeigen die Beispiele &#151; höchst widersprüchlich durch- und erlebt. Manche Jugendliche fühlen sich in der Maßnahme wohl und kommen gerne. Auf der anderen Seite reicht die Bandbreite des Verhaltens bis hin zu einer vollkommenen Verweigerung, zur Ablehnung jedweder aktiven Beteiligung, zu unerschütterbarem Desinteresse.<br />Die proklamierten pädagogisch-psychologischen Ziele sind ebenfalls nicht einlösbar. Anders als reguläre Arbeit wirken die pädagogischen Arbeitsmaßnahmen nicht sinn- und identitätsstiftend, noch begründen sie eine Perspektive über ihre Dauer hinaus.<br />Durch die der Sozialhilfe angeglichene Entlohnung ist selbst der Tauschwert solcher »Arbeit« äußerst gering.<br />Die materiellen Vorteile solcher Maßnahmen zu genießen, sich aber den pädagogischen  und Kontrollansprüchen zu entziehen, gehört zum Repertoire jugendlicher Überlebensstrategien in der Krise. Die »Zweckentfremdung«, der eigene Gebrauch unter Modifizierung der Vorschriften und Erwartungen, macht das Leben in pädagogischen Projeken erst erträglich: etwas Geld zur Verfügung haben, einen Freiraum ausleben, Leute kennenlernen, aus persönlicher Isolation herauskommen, faulenzen usw. Diese Verhaltensweisen sind auf das »hier und jetzt« ausgerichtet, sie können keine Zukunftsvorstellungen in sich tragen. Diese illusionslose, pragmatische Verwertungsmentalität zahlreicher Jugendlicher gründet sich auf entsprechende Erfahrungen und eine tiefe Skepsis gegenüber jeglichen Versprechungen.<br />Die Verbindung zwischen den Arbeitslosenmaßnahmen und den an ihnen beteiligten Jugendlichen wird damit überwiegend formal. Zwar gibt es immer wieder einzelne, »die es schaffen«, die den Hauptschulabschluß nachholen und tatsächlich eine Arbeitsstelle bekommen. Sie dienen allerdings mehr der Bestätigung der Pädagogen als zum Ansporn für die übrigen Jugendlichen.<br />Die pädagogischen Versuche haben ohnehin für die Lehrer und Sozialarbeiter eine größere Bedeutung als für die Jugendlichen. Für ihr berufliches Selbstverständnis, ihre professionelle Identität wie auch für den Wunsch, den als AB-Maßnahme befristeten Arbeitsplatz langfristig zu sichern, ist der pädagogische Bestandteil der Maßnahmen ausschlaggebend. Die Immunität der meisten Jugendlichen gegen pädagogische Bemühungen und Motivierungskünste bringt die Lehrer und Sozialarbeiter bald dazu, sich mit der physischen Präsenz der Jugendlichen zu begnügen. Wenn sie allerdings mit massiver Verweigerung konfrontiert sind, wenn allmorgendliche Weckanrufe, Briefe, persönliches Betteln, Überreden und Drohen nichts fruchten, wird gelegentlich die Anwesenheit auch erzwungen, die Abwesenheit geahndet. Daß damit Pädagogik zur reinen Kontrolltätigkeit und zum Element von Krisen- und Herrschaftsstrategie wird, muß nicht besonders belegt werden. Verwunderlich sind das hartnäckige Leugnen dieser Tatsache, das Insistieren auf der »Sinnhaftigkeit« solcher Projekte und die Beteuerung, wie vorrangig das Wohl der Jugendlichen sei.<br />Vielleicht sollten wir uns angewöhnen, die Auswirkungen solcher Maßnahmen auf alle  Beteiligten zu berücksichtigen: schließlich ist auch die pädagogische Intelligenz eine »jugendliche Problemgruppe des Arbeitsmarktes«.</p>
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		<title>Die mobile Armut</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/die-mobile-armut/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Feb 1985 06:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 56-63 »Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es, den Reichen wie den Armen,auf den Straßen zu betteln, unter den Brücken zu schlafen und Brot zu stehlen.« (Anatole France) In der BRD leben ca. 80 000 &#151; 100 000 sog. »Nichtseßhafte«. Das sind alleinstehende Personen ohne Wohnung oder [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 56-63</p>
<p><i>»Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es, den Reichen wie den Armen,<br /></i><i>auf den Straßen zu betteln, unter den Brücken zu schlafen und Brot zu stehlen.«</i></p>
<p><i>(Anatole France)</i></p>
<p>In der BRD leben ca. 80 000 &#151; 100 000 sog. »Nichtseßhafte«. Das sind alleinstehende Personen ohne Wohnung oder sonstige Unterkunft, die ohne jedes regelmäßige Einkommen in völliger Armut leben. Die Größe und die Zusammensetzung dieses Personenkreises folgt weitgehend der Entwicklung der Arbeitslosenquote, d.h. die Anzahl der Betroffenen nimmt gegenwärtig zu. Gleichzeitig steigt unter ihnen der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen besorgniserregend an.</p>
<p><i>Nachts ohne Wohnung</i></p>
<p>Ein zentrales Merkmal der »Nichtseßhaften« ist das Fehlen einer festen Unterkunft. Mehr noch: »Nichtseßhafte« sind aus dem offiziellen Wohnungsmarkt soweit ausgegliedert, daß sie nicht einmal mehr als Nachfrager von Wohnraum in Erscheinung treten.<br /> Die meisten »Nichtseßhaften« sind gezwungen, sich Tag und Nacht im Freien aufzuhalten. Nur die wenigsten finden Unterkunft in einer Übernachtungsstelle oder in einer Einrichtung der Nichtseßhaftenhilfe. In einer Stadt wie Dortmund stehen z.B. ca. 250 bis 300 sich ständig dort aufhaltenden Stadtstreichern nur ca. 70 Schlafplätze in der städtischen Übernachtungsstelle zur Verfügung. Ohnehin sind die Verhältnisse in den Übernachtungsstellen derart abstoßend, daß es viele Stadtstreicher vorziehen, die Nächte &#8211; selbst im Winter &#8211; nicht dort zu verbringen (2).</p>
<blockquote>
<p align="justify" class="bodytext">»Ich habe da versucht, mich irgendwie so durchzuschlagen. Das hat eigentlich ziemlich gut geklappt, bloß mit dem Schlafen hinterher, dann fing &#151; da war so eine Periode mit Regen und so weiter und da fiel es mir dann also sehr schwer, einen Schlafplatz zu finden, der nicht gerade naß war. Dann habe ich da mehrere Tage lang nicht geschlafen, oder kaum &#8211; stundenweise nur noch, dann bin ich natürlich zusammengebrochen, weil ich am Ende meiner Widerstandskraft war, da die Ernährung in dem Falle auch nicht gerade die beste war. Da habe ich bestimmt auch Mangelerscheinungen gehabt und so weiter und ich bin dann also richtig zusammengebrochen. (&#8230;)<br />Ich bin dann hier in Herten noch mal an Übermüdung und Mangelerscheinungen der Ernährung zusammengebrochen. Ich bin dann im Krankenhaus wieder aufgewacht. Ich hatte da eine Kopfwunde, die mit drei Stichen genäht worden ist, ohne daß ich da was von gemerkt habe. Soweit war ich weg. Ich habe dann zwei Wochen gebraucht, um dann wieder richtig fit zu sein.« (Ein Betroffener, Jahrgang 1962)</p>
</blockquote>
<p>Wer nicht in der Übernachtungsstelle übernachten kann, sei es wegen Überfüllung oder wegen zu großer Abneigung, ist gezwungen, die Nacht anderweitig zu verbringen. Im Sommer übernachten viele Stadtstreicher im Freien, z.B. in Gebüschen, auf Wiesen oder Bänken von Parkanlagen oder in Hauseingängen. Im Winter ist dies oft lebensbedrohend. Jeden Winter erfrieren zahlreiche Stadtstreicher, die über Nacht keinen ausreichenden Schutz vor der Witterung gefunden haben. Schutz finden manche in Abbruchhäusern oder Neubauten, in Bahnhöfen oder auch in Kellerräumen von Privathäusern. Egal, wie ein Stadtstreicher die Nacht verbringt, stets ist er gezwungen, hierbei zumindest eine Ordnungswidrigkeit, im Winter sogar oftmals eine Straftat zu begehen. So befinden sich Stadtstreicher fast jede Nacht in der auswegslosen Situation, zwar keinerlei Ansprüche auf eine angemessene Unterkunft realisieren zu können, jedoch damit gezwungen zu sein, mehr oder weniger durch ihr bloßes Dasein gegen geltendes Recht zu verstoßen.<br />Viele Stadtstreicher haben wegen Delikten, die mit ihrem Überleben in unmittelbarem  Zusammenhang stehen, oft ein langes Vorstrafenregister. Wenn sie solche Delikte trotz Vorstrafe erneut begehen, unterstellen Gerichte in der Regel Unbelehrbarkeit der Betroffenen, was zu ständig höherem Strafmaß führt, statt hierin die Ausweglosigkeit ihrer Lebenssituation zu erkennen.</p>
<p><i>Wie Stadtstreicher den Tag zubringen</i></p>
<p>Nur wenig günstiger sind für Nichtseßhafte die Möglichkeiten, den Tag zu verbringen.  Die Übernachtungsstellen müssen meist schon frühmorgens verlassen werden. Manche Stadtstreicher bemühen sich, vor allem bei niedrigen Außentemperaturen, den ganzen Tag durch Kaufhäuser oder öffentliche Gebäude zu laufen, ohne als Nichtseßhafte erkannt und vertrieben zu werden.<br />Wenige Stadtstreicher haben die Möglichkeit, sich, auch ohne etwas zu verzehren, in bestimmten Kneipen aufzuhalten und als Gegenleistung für die Inhaber Botengänge, Einkäufe oder andere Erledigungen zu tätigen.</p>
<p>Andere halten sich überwiegend in Gruppen an ganz bestimmten Plätzen einer Stadt auf, an denen sie mehr oder weniger geduldet werden. Diese prägen das öffentliche Er scheinungsbild von Nichtseßhaften, obwohl sie nur eine kleine Gruppe unter diesen bilden. Die aufgeführten Beispiele, wo sich Stadtstreicher üblicherweise tagsüber aufhalten, ließen sich durch weitere, ähnliche ergänzen. Es stellt sich die Frage, wie sie diese Zeit verbringen. Die wenigsten Stadtstreicher haben die Möglichkeit, die relativ große Menge an Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, d.h. nicht durch äußere Verpflichtungen verplant ist, in einer für sie befriedigenden Art und Weise zu nutzen. Hierzu fehlen ihnen die elementarsten Voraussetzungen. Sie haben noch nicht einmal für die Verrichtung der notwendigsten Dinge oder die Befriedigung der unmittelbarsten Bedürfnisse geeignete Rückzugsmöglichkeiten aus der permanenten erzwungenen Öffentlichkeit ihres Lebens. Es ist ihnen auch nahezu unmöglich, über diese Bedürfnisse hinaus weitere, differenziertere Bedürfnisse und Interessen zu entwickeln. Die viele »freie« Zeit im Leben der Nichtseßhaften erscheint damit keineswegs als disponible Zeit, die individuell und selbstbestimmt, d.h. relativ frei von Fremdbestimmung, etwa im Sinne von Freizeit (3) gestaltet werden kann. Nichtseßhafte müssen vielmehr diese Menge Zeit irgendwie »rumkriegen« oder »totschlagen«. Die viele Zeit stellt sich als ein höchst belastendes Moment dar, das bewältigt werden muß. So müssen Stadtstreicher sich zwar irgendwie aufhalten, müssen dasein, können aber fast nichts, was gesellschaftlich oder auch nur für sie bedeutsam wäre, gar in Kooperation mit anderen tun. Sie können und müssen in der verstreichenden Zeit physisch existieren, haben auf diese Zeit aber kaum Zugriffsmöglichkeiten, um sich ihrer zu bemächtigen, sie zu nutzen. Nichtseßhafte sind somit in zweifacher Hinsicht Objekt ihres Daseins. Zum einen haben sie aufgrund ihrer ungünstigen Lebensbedingungen fast jede Zugriffs- und Kontrollmöglichkeit über ihre Lebensplanung verloren, dies um so gravierender, je länger sie diesen Lebensumständen schon ausgesetzt sind, zum anderen sind sie hierdurch und durch ihre absolute Mittellosigkeit einer hohen äußeren sozialen Kontrolle und Fremdbestimmung durch Institutionen der Sozialadministration, der Ordnungsbehörden und der Polizei ausgesetzt.</p>
<p><i>Soziale Kontakte und Beziehungen zu Frauen</i></p>
<p>Ihre eingeschränkte Handlungsfähigkeit und ein hohes Maß an gesellschaftlicher Stigmatisierung macht es Nichtseßhaften nahezu unmöglich, tragfähige soziale Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Da sie nicht in der Lage sind, die Befriedigungsmöglichkeiten auch nur ihrer elementarsten Lebensbedürfnisse langfristig sicherzustellen, befinden sie sich meist in einem täglichen Konkurrenzkampf untereinander um die Ressourcen. Dies führt nur in wenigen Fällen zu organisiertem, gemeinsamen  Vorgehen, z.B. Absprachen darüber, wer wo, wie lange für eine bestimmte Gruppe bettelt, sondern meist zu individuellem Vorgehen mit dem Ziel, Konkurrenten auszuschalten. Überdies sind viele der zu knappen erreichbaren Befriedigungsmöglichkeiten auch kaum mehr teilbar.<br />Nur wenige Nichtseßhafte haben Kontakte zu Frauen und dann nur zu solchen Frauen,  die ebenfalls nichtseßhaft zu leben gezwungen sind. Diese machen jedoch nur einen geringen, aber steigenden, Anteil unter den Nichtseßhaften aus. Die genauen Gründe hierfür sind bislang noch nicht systematisch untersucht worden, vieles spricht jedoch dafür, daß sich für Frauen das Leben auf der Straße weitaus gefährlicher und schwieriger gestaltet, als es schon für Männer ist. Gerade im sexuellen Bereich sind nichtseßhafte Frauen, die alleine leben, nahezu schutzlos. Zum anderen werden Frauen, die in unserer Gesellschaft in eine Notlage geraten, die Männer zwingt, fortan nichtseßhaft zu leben, vermutlich eher in andere Lebensformen abgedrängt, wobei wir hier, ohne darauf näher eingehen zu können, auf die verschiedenen Formen der Prostitution verweisen möchten.<br />Die Frauen, die trotzdem nichtseßhaft leben, sind darauf angewiesen, sich einem nichtseßhaften Mann anzuschließen. Diesem sind sie zwar dadurch oft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert &#151; da es nur wenige nichtseßhafte Frauen gibt, machen viele Männer in einer solchen Situation rigide Besitzansprüche geltend &#151; jedoch liegt hierin die einzige Möglichkeit, einen gewissen »Schutz« vor einer völligen sexuellen Ausbeutung durch andere Männer zu erreichen. Dennoch zeichnen sich auch solche Beziehungen vielfach durch einen hohen Grad an sexueller Instrumentalisierung aus, der soweit gehen kann, daß die Frau fortan gezwungen wird, zur Bestreitung des gemeinsamen Lebensunterhaltes der Prostitution nachzugehen.</p>
<p><i>Nichtseßhafte und Alkohol</i></p>
<p>Zweifellos hat der Alkohol im Leben vieler Nichtseßhafter eine zentrale Bedeutung,  doch erweist sich die fast durchgängige Zuschreibung von Alkoholproblemen auf jeden Nichtseßhaften als falsch. Es lassen sich vielmehr innerhalb der Gruppe der Nichtseßhaften alle Formen des Umganges mit Alkohol nachweisen, wie sie auch in der übrigen Bevölkerung zu beobachten sind. Unterschiedlich sind lediglich die Häufigkeiten ihres jeweiligen Auftretens. D.h. es gibt durchaus auch Nichtseßhafte, die völlig abstinent leben, die meisten trinken Alkohol in ähnlichem Umfang und in ähnlicher Weise, wie es Menschen, die in einer Wohnung leben, auch tun. (4)  Bemerkenswert ist, daß das Stereotyp »Nichtseßhaft = Alkoholgefährdung« auch bei professionellen Mitarbeitern der Nichtseßhaftenhilfe eine große Rolle spielt, wie sich z.B. an einer rigiden Alkoholverbotspraxis in fast allen Einrichtungen der Nichtseßhaftenhilfe zeigt.<br />Ein Grund für diese durchgängige Zuschreibung liegt darin, daß Nichtseßhafte in der Öffentlichkeit tatsächlich oft zu sehen sind, wenn sie Alkohol trinken. Hier muß je-doch darauf hingewiesen werden, daß Nichtseßhafte gar keine andere Möglichkeit ha ben, als in der Öffentlichkeit zu trinken, da ihnen die Rückzugsmöglichkeiten in einen Privatbereich, wie sie andere Menschen, deren Trinkverhalten oft kaum von dem der Stadtstreicher abweicht, jedoch gesellschaftlich keineswegs negativ, eher sogar positiv bewertet wird, offenstehen.</p>
<p><i>Arbeits- und Erwerbssituation Nichtseßhafter</i></p>
<p>Fast alle Nichtseßhaften sind vollständig aus dem »offiziellen« Arbeitsmarkt ausgegliedert. Nur die wenigsten haben Ansprüche auf arbeitsmarktexterne Versorgungsleistungen oder können sich solche Ansprüche, etwa auf Arbeitslosengeld oder Arbeits losenhilfe, oft nicht einmal auf Sozialhilfe, dauerhaft sicherstellen. Sie sind auf andere Formen der Subsistenzsicherung angewiesen. Gesellschaftlich sichtbar werden hierbei zumeist das Betteln und kleinere, in der Regel im Bereich des Mundraubes liegende, Diebstähle.</p>
<blockquote>
<p align="justify" class="bodytext">»Ich habe gestohlen, um meinen täglichen Lebensunterhalt zu decken. Und zwar nicht nur von mir alleine, sondern von einem Freund auch noch. Und das war, da ich nicht jeden Tag Gelegenheit hatte, mich zu waschen, war das also für mich etwas schwer. Ich brauchte also jeden Tag Lebensmittel und so weiter, wir hatten also am Anfang Baustellen nach Flaschen abgesucht, nach Leergut, um wenigstens einen Teil kaufen zu können, damit das nicht mehr auffiel. Das war auf längere Zeit doch kritisch. Ich meine, beim ersten Mal geht das, wenn einer da noch nicht bekannt ist, aber wenn einer jeden Tag da rein geht und nichts kauft, dann wird das also langsam auffällig. Da haben wir also versucht, mit den Mitteln an Lebensmittel zu kommen. Wir haben auf einer Baustelle geschlafen, meistens. Die Bauarbeiter waren sehr freundlich, die haben uns gelassen, ohne irgendwie die Polizei einzuschalten oder so weiter, und im Sommer &#151; also das war im Sommer vorigen Jahres &#151; haben wir dann auch schon mal draußen geschlafen.« (Ein Betroffener, Jahrgang 1962)</p>
</blockquote>
<p>Weit weniger sichtbar und bekannt ist die Tatsache, daß Nichtseßhafte Zielgruppe ganz  spezifischer Arbeitsmärkte sind, für die sie gerade durch ihre Notlage eine hohe Bedeutung haben. Diese Arbeitsmärkte versorgen solche Wirtschaftsbereiche mit Arbeitskraft, die in der Regel unqualifizierte Arbeitskraft benötigen und deren Bedarf durch starke kurzfristige Schwankungen bestimmt ist. Die Unternehmen sind daran interessiert, stets nur soviel Arbeitskraft kaufen zu müssen, wie aktuell gebraucht wird, ohne sich vertraglich zu einer längerfristigen Abnahme verpflichten zu müssen. Da ihr Arbeitskräftebedarf meist täglich, oft sogar stündlich variiert, müßten sie dann nämlich, um stets genügend Arbeitskraft verfügbar zu haben, weitaus mehr Arbeitskraft kaufen als sie durchschnittlich verwerten können.</p>
<p>Die Belegschaft solcher Unternehmen &#151; sie gehören häufig der Transport- und Speditionsbranche, der Bauwirtschaft oder dem Schaustellergewerbe an &#151; besteht in der Regel aus einem Stamm von möglichst wenigen angelernten oder ausgebildeten, festangestellten Arbeitern, die zu Zeiten hohen Arbeitskräftebedarfs alle notwendigen qualifizierten Arbeiten verrichten können. Dieser Stamm wird je nach Arbeitskräftebedarf er gänzt durch nur stunden- oder tageweise angestellte Arbeiter für die Erledigung solcher Arbeiten, für die keine Qualifikation erforderlich ist. Sinkt der Arbeitskräftebedarf, werden die unqualifizierten Arbeiten von einem Teil der festangestellten Arbeiter übernommen. Wie schon erwähnt, rekrutiert sich der größte Teil der nur kurzfristig eingestellten Arbeiter aus dem Personenkreis der Nichtseßhaften.</p>
<p><i>Schnelldienst, Arbeitsstrich und Subunternehmertum</i></p>
<p>Die Vermittlung dieser Arbeiter erfolgt zu einem Teil über Gelegenheitsarbeitsmärkte.  Hier gibt es zum einen eine offizielle Form, den sogenannten Schnelldienst, eine in fast jeder Stadt anzutreffende spezielle Vermittlungsabteilung des Arbeitsamtes. Daneben existiert auch eine inoffizielle Form, der sogenannte »Arbeitsstrich«. Eine dritte Variante stellt das sog. »Subunternehmertum« dar.</p>
<p>Bei der Vermittlungsagentur des Arbeitsamtes finden sich täglich frühmorgens Arbeitssuchende ein, die dann nach von Stadt zu Stadt unterschiedlichen Auswahlkriterien an Firmen vermittelt werden, welche in der Regel telefonisch eine bestimmte Anzahl von Arbeitern anfordern.<br />Die nichtoffizielle Form der Gelegenheitsarbeitsvermittlung erfolgt durch direkte Kontaktaufnahme der Ankäufer von Arbeitskraft und den Arbeitssuchenden. Letztere finden sich täglich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Plätzen, z.B. in der Nähe des städtischen Großmarktes, ein und bieten ihre Arbeitskraft Unternehmen oder von diesen beauftragten Personen an, die diese Plätze gezielt aufsuchen.</p>
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<p align="justify" class="bodytext">»Ich war hier ab und zu mal bei Doego (Transportunternehmen in der Nähe des Großmarktes von Dortmund d.V.), habe mir da immer die Nächte um die Ohren geschlagen. (&#8230;)<br />Manchmal kommt man als erster hin und derjenige, der die Leute einteilt, der sucht sich immer die besten aus, der sagt: Du kommst mit, Du kommst mit, ja, und wenn nun drei Mann da sind und zwei braucht er, ja, dann wird ausgelost. Ein Papierschnipsel, eine Zahl draufgeschrieben, zwei Nullen und eine Eins, also drei Schnipsel, die werden auf den Tisch geworfen, und wenn einer die Eins hat, dann hat er gewonnen, dann kann er da arbeiten. Da bin ich auch schon mal mit Wut im Bauch wieder zurückgegangen.«<br />Frage: Wie lange haben sie damals gewartet?<br />»Zwei Stunden. Ja, um sieben kommt er, je nach dem, wieviel Tonnen, aber wenn man Pech hat, kann man warten bis um zehn, bis dann eben der Fahrer kommt und sagt: Du kommst mit.« (Ein Betroffener, Jahrgang 1950)</p>
</blockquote>
<p>Subunternehmer stellen Arbeitssuchende ein und leihen sie an andere Unternehmen, die die eigentliche wertschaffende Nutzung ihrer Arbeitskraft vornehmen, aus. Vor allem unqualifizierte Arbeiter erhalten für ihre Arbeit meist nur ein Taschengeld. Vielfach ist mit der Einstellung die Verpflichtung verknüpft, eine Unterkunft in eigenen Übernachtungslagern des Subunternehmers in Anspruch zu nehmen, um bei Bedarf ständig zur Verfügung zu stehen.<br />Für Nichtseßhafte stellt selbst diese höchst einschränkende Verpflichtung eine reale Verbesserung ihrer Lebenssituation dar, insofern zählen Nichtseßhafte zu den wichtigsten Zielgruppen dieses Teils des Arbeitsmarktes. (5)<br />Eine besondere Form des Arbeiterverleihs wird durch sich caritativ verstehende statio näre Einrichtungen der Nichtseßhaftenhilfe betrieben. Diese leihen Anstaltsinsassen an externe Firmen aus und zahlen ihnen nur eine sehr geringe Prämie. Entsprechend der üblichen Praxis in Nichtseßhafteneinrichtungen werden für diese Arbeiter auch keine Sozialversicherungsbeiträge abgeführt. Die zunehmende öffentliche Kritik an dem Subunternehmertum veranlaßte den Geschäftsführer des Westfälischen Herbergsverbandes daher schon vor Jahren &#151; bisher vergeblich &#151; zu fordern: »Wir sollten alles tun, um nicht durch unkorrekte Lösungen mit den negativen Praktiken von Subunternehmen in einen Topf geworfen zu werden. Es bestehen daher größte Bedenken, wenn interne Werkstätten Beschäftigte in externe Firmen ausleihen und ihnen dann nur etwa 20% des Firmenerlöses als Prämie gewähren«. (6)</p>
<p>Kaum ein Nichtseßhafter kann seinen Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeiten, wie  wir sie beschrieben haben, langfristig sicherstellen. Die für die genannten Arbeitsmärkte verfügbare Arbeitskraft übersteigt stets bei weitem die Nachfrage. Zusätzlich wirkt sich die krisenbedingte generelle Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen der lohnabhängigen Beschäftigten auf diesen Arbeitsmärkten in besonderer Weise aus: Zum einen wächst durch zunehmende gesellschaftliche Deklassierung das Arbeitskräftepotential, andererseits werden bei Nachfragerückgang auf dem Arbeitsmarkt Arbeitsplätze in einem derart extremen Randbereich am ehesten wegfallen.</p>
<p><i>Gesundheitszustand und medizinische Versorgungslage</i></p>
<p>Es überrascht nicht, daß Menschen, die bedingt durch ihre Lebenssituation kaum die Möglichkeit einer regelmäßigen und ausreichenden Körperpflege haben, überdurchschnittlich oft an Hautkrankheiten, Pilz- oder Ungezieferbefall leiden oder ein verfallendes Gebiß aufweisen. Ebenso lassen sich häufig auftretende Krankheiten wie Fehl-oder Unterernährung und Mangelerkrankungen, vor allem auch die als typische Armutskrankheit bekannte Tuberkulose mit der ungünstigen Lebenssituation der Nicht-seßhaften erklären. Diese Situation verschärft sich in vielen Fällen noch zusätzlich durch eine unzureichende, oft sogar ganz fehlende ärztliche Versorgungsmöglichkeit (7). Hierfür gibt es verschiedene Gründe:<br />Zum einen haben Nichtseßhafte oft schon jahrelang nicht mehr versicherungspflichtig gearbeitet und sind daher nicht krankenversichert. Sie haben dann zwar Anspruch auf Krankenhilfe im Rahmen des BSHG, jedoch nur wenige Nichtseßhafte sind im Bedarfsfall in der Lage, sich diese, wie auch andere Sozialleistungen zu erschließen. All dies bewirkt bei den Betroffenen selbst eine oft stark ausgeprägte Scheu, einen Arzt  aufzusuchen. Viele schämen sich wegen ihres zwangsläufig ungepflegten Zustandes und möchten sich so nicht einem Arzt, zu dem sie überdies meist eine hohe soziale Distanz empfinden, ausliefern. <br />Zusätzlich haben Nichtseßhafte, selbst wenn sie sich in ärztliche Behandlung begeben, meist nicht die Möglichkeit, eine manchmal mehrere Wochen dauernde ärztlich verordnete Therapie, z.B. regelmäßige Medikamenteneinnahme oder gar Wundversorgung, erfolgreich durchzuführen, da ihnen hierzu die erforderlichen Wohnvoraussetzungen fehlen. Viele Nichtseßhafte leiden daher oft jahre- bis jahrzehntelang, manche sterben sogar an Krankheiten, die, wären sie rechtzeitig erkannt und angemessen behandelt worden, mehr oder weniger erfolgreich hätten behoben werden können.</p>
<p><i>Ausblick</i></p>
<p>Mit der Dauer des Lebens unter den Bedingungen von Armut wächst das Risiko des  Herausfallens selbst aus dem Sozialhilfesystem und des weiteren sozialen Abgleitens bis hin zur völligen Verarmung. Diese Form von Armut wird gesellschaftlich z.B. als Nichtseßhaftigkeit, Obdachlosigkeit oder Verwahrlosung wahrgenommen und entsprechend behandelt.<br />Das Ausmaß dieser Form absoluter Armut nimmt in der letzten Zeit quantitativ wie qualitativ zu, d.h. die Anzahl der Problembetroffenen wächst und ihre Lebensbedin gungen verschlechtern sich erheblich. Insbesondere wächst der Anteil der Jugendlichen und der jungen Erwachsenen, die nach ihrer Schul-, bestenfalls nach ihrer Berufsausbildung noch nie im Erwerbsleben gestanden haben, unter diesen Personengruppen überproportional an.</p>
<p><b>Anmerkungen</b>:</p>
<p>1 Den Hintergrund für unsere Ausführungen bilden zum einen zwei Exkursionen 1980 und 1982, während denen wir uns als Stadtstreicher ausgegeben und versucht haben, uns Zugang zu den jeweiligen örtlichen Angeboten der Nichtseßhaftenhilfe zu verschaffen. Zum anderen geht dieser Beitrag zurück auf mehrere Interviews, die wir mit ehemaligen alleinstehenden wohnungslosen Personen geführt haben. Um der notwendigerweise eher verallgemeinernden Tendenz unserer Darstellungen entgegenzuwirken, haben wir an einigen Stellen zur Veranschaulichung Auszüge aus diesen Interviews in den Text eingefügt.<br />2 vgl. Henke, M. / Rohrmann, E.: Als Stadtstreicher unterwegs. In: Gefährdetenhilfe 2/1981, Bielefeld Juni 1981; Übergang nach Nirgendwo &#151; Als Penner in Resoheim. In: extra sozialarbeit 7/8/1984. Frankfurt Juli/August 1984; vgl. auch Wallraff, G.: 13 unerwünschte Reportagen, Köln 1969<br />3 vgl. Kramer, D.: Freizeit und Reproduktion der Arbeitskraft, Köln 1975<br />4 Albrecht, G.: Nichtseßhaftigkeit &#151; das Phänomen und die Anforderung an die Hilfe, In: Sonderheft 1 der Gefährdetenhilfe, Bielefeld 1977<br />5  Rechtsgrundlage für die beschriebene Form des Arbeiterverleihs, bzw. genauer, des Verkaufs fremder Arbeitskraft ist das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz vom 7. August 1972. Die hier ohnehin äußerst dürftig formulierten Rechte der Arbeiter (Arbeitsschutz, Sozialversicherung etc.), finden in der Praxis selten Anwendung. Kaum ein betroffener Arbeiter hat die Möglichkeit, sich gegen unrechtmäßige Behandlung zur wehr zu setzen.<br />6 Hasenburg, F.: Rechtsgrundlagen im Hilfeangebot stationärer Nichtseßhaftenhilfe. In: Gefährdetenhilfe 4/80, Bielefeld November 1980<br />7  Veith, G. / Schwindt, W.: Von den Krankheiten der Nichtseßhaften. Bethel, Heft 16, Bielefeld Dezember 1976</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/73-vorgaenge/publikation/die-mobile-armut/">Die mobile Armut</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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