Publikationen / vorgänge / vorgänge Nr. 250/51: Gibt es Ostdeutschland?

Ostdeut­sch­land als analytische und soziale Kategorie: Eine Rezension

Die ökonomischen und soziologischen Analysen zu Ostdeutschland in diesem Heft haben immer die Fragen im Hintergrund, was Ostdeutschland ist und ob es Ostdeutschland überhaupt gibt. Daher drängt sich auch die Frage auf, ob Ostdeutschland weiterhin eine sinnvolle Identitätskategorie ist – und zwar sowohl analytisch als auch politisch. Ein neuer Sammelband behandelt diese Frage und kommt zu sehr unterschiedlichen Antworten. Darum rezensiert Philip Dingeldey das Buch von Lars Vogel, Astrid Lorenz & Rebecca Pates (Hrsg.): "Ostdeutschland. Identität, Lebenswelt oder politische Erfindung?" (Springer VS, 2024, 383 S., 74,99€).

Ist Ostdeutsch heute noch eine sinnvolle analytische, politische oder Identitätskategorie? Diese Frage zu (Un-)gleichheit, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland will der vorliegende Sammelband sozial-empirisch beantworten. Vier Perspektiven auf Ostdeutschland machen die Herausgeber*innen Lars Vogel, Astrid Lorenz und Rebecca Pates aus (S. 6-12):

  1. Ostdeutsch als „das Andere“ im Vergleich zum Westen, was Wahlverhalten, Produktivität, Lebensverhältnisse, Wirtschaftsleistung etc. betrifft. Innerhalb dessen wird diskutiert, ob eine Angleichung an westdeutsche Verhältnisse möglich ist. Gegen die Behauptung eines defizitären Ostens steht die ostdeutsche Selbstdefinition, gespeist aus der DDR- und Wendeerfahrung als Abwehrreaktion auf das westdeutsche „Othering“.

  2. Ostdeutsch als Teilidentität. Demzufolge lässt sich die ostdeutsche Identität in eine Reihe anderer Identitäten (deutsch, europäisch, sächsisch etc.) integrieren, um die Defizitperspektive diskursiv zu schwächen.

  3. Ostdeutsch als überflüssige Kategorie. Die Perspektive bezweifelt den analytischen Wert der Kategorie und hält sie für desintegrierend, da der Osten intern zu heterogen sei.

  4. Ostdeutsch als nützliche analytische Kategorie. Hier wird theoriegeleitet gefragt, ob und welche ostdeutschen Besonderheiten es gibt und wie sie zu regionalen Unterschieden stehen. Hier wird das Ostdeutsche als potenziell entscheidende Kategorie behandelt.

 

Dr. Philip Dingeldey ist einer von zwei Bundesgeschäftsführer*innen der Humanistischen Union und hauptamtlicher Redakteur der vorgänge. Dingeldey hat in Politikwissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt promoviert. Seine Forschungsinteressen sind Demokratietheorie, Rechtstheorie und -philosophie, kritische Theorie, Republikanismus, Liberalismus, ökologisches politisches Denken und politische Ideengeschichte. Zuletzt von ihm erschienen: Von unmittelbarer Demokratie zur Repräsentation. Eine Ideengeschichte der großen bürgerlichen Revolutionen (Transcript: Bielefeld 2022).

 

Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift vorgänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im Online-Shop der Humanistischen Union erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.

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