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	<title>Alex Flor Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Sein und (Heiligen-)Schein in Indonesien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 May 2017 15:16:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Lage der Religionsfreiheit in der gr&#246;&#223;ten islamischen Gesellschaft der Welt. In: vorg&#228;nge Nr. 217 (Heft 1/2017), S. 21-29 Indonesien galt lange Zeit als das Vorzeigebeispiel interreligi&#246;ser Harmonie und Beleg daf&#252;r, dass religi&#246;se Toleranz auch in muslimisch gepr&#228;gten Gesellschaften funktioniere. Diese Einsch&#228;tzung ist nach Meinung von Alex Flor richtig und falsch zugleich. Er geht in [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/217-vorgaenge/publikation/sein-und-heiligen-schein-in-indonesien-1/">Sein und (Heiligen-)Schein in Indonesien</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Lage der Religionsfreiheit in der gr&ouml;&szlig;ten islamischen Gesellschaft der Welt. In: vorg&auml;nge Nr. 217 (Heft 1/2017), S. 21-29</p>
<p><i>Indonesien galt lange Zeit als das Vorzeigebeispiel interreligi&ouml;ser Harmonie und Beleg daf&uuml;r, dass religi&ouml;se Toleranz auch in muslimisch gepr&auml;gten Gesellschaften funktioniere. Diese Einsch&auml;tzung ist nach Meinung von Alex Flor richtig und falsch zugleich. Er geht in seinem Beitrag auf die Eskalation interreligi&ouml;ser Konflikte ein, die das Land seit dem Ende der Suharto-Diktatur pr&auml;gte.</i></p>
<p>Indonesien ist ein Staat der Superlative: gemessen an der Bev&ouml;lkerungszahl der viertgr&ouml;&szlig;te Staat, die drittgr&ouml;&szlig;te Demokratie und nicht zuletzt der Staat mit der gr&ouml;&szlig;ten muslimischen Bev&ouml;lkerung weltweit. Fast 90% der 260 Mio. EinwohnerInnen bekennen sich offiziell zum Islam. Keine der in Europa als islamisch wahrgenommenen Gesellschaften der arabischen Staaten, des Iran oder der T&uuml;rkei reicht auch nur ann&auml;hernd an diese Zahlen heran. Andererseits &uuml;bertrifft die kleine Minderheit von Katholiken, die in Indonesiens Hauptstadt Jakarta leben, zahlenm&auml;&szlig;ig die katholischen EinwohnerInnen der Domstadt K&ouml;ln. In bestimmten Regionen Indonesiens stellen evangelische oder katholische Christen die Mehrheit, in Bali dominiert der Hinduismus. Indonesien ist ein Vielv&ouml;lkerstaat mit einer Unzahl unterschiedlicher Ethnien, Kulturen, Sprachen und Religionen.</p>
<h5>Erbe des Koloni&shy;a&shy;lismus</h5>
<p>Diese Vielf&auml;ltigkeit ist ein Erbe des Kolonialismus. Die heutige Republik Indonesien ist Resultat einer Unabh&auml;ngigkeitsbewegung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, s&auml;mtliche von den Niederlanden beherrschten Gebiete vom Joch des Kolonialismus zu befreien und unter einem Dach zu vereinen. Sie bezog sich dabei auf den &#8222;Schwur der Jugend&#8220;, eine nationale Bewegung von 1928, deren Motto lautete: &#8222;Ein Land, eine Nation, eine Sprache&#8220;. Dass die einst als &#8222;Niederl&auml;ndisch Ostindien&#8220; zusammengeraubten Gebiete des Inselreiches au&szlig;er der gemeinsamen Kolonialmacht wenig bis keine verbindenden Elemente aufzuweisen hatten, nahmen die Gr&uuml;nder der Republik in Kauf.</p>
<p>Keine der heute anerkannten Religionen Indonesiens basiert auf einheimischen Wurzeln. Aus fr&uuml;hen Kontakten mit Indien wurden der Hinduismus und der Buddhismus &uuml;bernommen. Als Mehrheitsreligion hat sich der Hinduismus nur auf Bali erhalten. Dennoch spielen die gro&szlig;en Epen des Mahabharata und des Ramayana, vor allem auch in der Kultur Javas, bis heute eine tragende Rolle. Handelsbeziehungen mit islamischen Partnern, etwa aus dem indischen Gujarat und aus China, sorgten f&uuml;r die Verbreitung des Islam.</p>
<p>Das Intermezzo der portugiesischen Herrschaft hinterlie&szlig; seine Spuren vor allem auf der Insel Flores, die bis heute fest in katholischer Hand ist. Die niederl&auml;ndische Kolonialherrschaft schlie&szlig;lich gab in ausgewiesenen Regionen Raum f&uuml;r protestantische Missionsgesellschaften, deren Vertreter nicht zuletzt aus Deutschland stammten. Zwar scheiterten die ersten Missionsversuche in Nordsumatra kl&auml;glich. Das dort ans&auml;ssige Volk der Batak wehrte sich gegen&uuml;ber jedem Einfluss von au&szlig;en. Es bedurfte eines zweiten Anlaufs durch den deutschen Missionar Ludwig Ingwer Nommensen, einen Pietisten, der wegen seiner konservativen Anschauungen schon damals nicht mehr ins Muster der evangelischen Kirchen in Deutschland zu passen schien. Bis zu seinem Tode 1918 bekannten sich rund 180.000 Menschen in der Region zum Christentum. Heute ist der protestantische Glaube die dominierende Religion unter den Batak. Nommensen wird von ihnen verehrt wie ein Prophet, eine gro&szlig;e Universit&auml;t tr&auml;gt seinen Namen &#8211; w&auml;hrend ihn in Deutschland kaum jemand mehr kennt.</p>
<h5>Toleranz und Synkre&shy;tismus</h5>
<p>Der Erfolg aller ins heutige Indonesien vorgedrungenen Religionen lag in der F&auml;higkeit der Menschen, den neuen Glauben nicht in Widerspruch zur bisher gelebten Tradition und Weltanschauung zu stellen, sondern &#8211; die Harmonie suchend &#8211; das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Wichtige Rituale des adat (traditionelle Gewohnheiten und Riten) mussten nicht komplett aufgegeben werden, sondern wurden soweit wie m&ouml;glich in Einklang mit der neuen Religion gebracht. Das gelang nicht immer zur hundertprozentigen Zufriedenheit von &Uuml;berbringern der reinen Lehre. Aber wo diese nicht in Form synkretistischer Kompromisse zufriedengestellt werden konnten, wurden bestimmte als wichtig erachtete Riten als &#8222;rein kulturelle&#8220; Gebr&auml;uche au&szlig;erhalb der Religion oder gar heimlich weiter gepflegt.</p>
<p>So gedieh in Java (in etwa die heutigen Provinzen Zentral- und Ostjava sowie DKI Yogyakarta umfassend) &uuml;ber hunderte von Jahren eine Glaubensrichtung, die als abangan bezeichnet wird. Abangan bedeutet grob dargestellt: die Leute bekennen sich eindeutig zum Islam, bewahren sich aber andererseits den Glauben an bestimmte, die javanische Kultur pr&auml;gende Mystizismen, die sich wiederum zum Teil auf alte animistische oder hindu-buddhistische Urspr&uuml;nge beziehen.</p>
<p>Obgleich auch andere V&ouml;lker und Religionen Indonesiens &auml;hnliche Merkmale aufzeigen, so war und ist es vor allem die zahlenm&auml;&szlig;ig dominante Kultur der abangan in Java, die bis heute das Bild der &#8222;religi&ouml;sen Toleranz&#8220; Indonesiens pr&auml;gt. Als Beleg muss h&auml;ufig genug die Nahdlatul Ulama (NU) herhalten, die mit rund 40 Mio. Mitgliedern gr&ouml;&szlig;te muslimische Organisation der Welt. H&auml;ufig mit NU in einem Atemzug genannt wird die Muhammadiyah, eine &#8222;modernistische&#8220; (sprich: au&szlig;erhalb des Islam als eher konservativ zu verstehende) islamische Massenorganisation mit fast ebenso vielen Mitgliedern. Die Muhammadiyah gibt sich staatstragend und steht damit gegen jegliche religi&ouml;se Radikalisierung. &Auml;u&szlig;erungen einzelner prominenter Mitglieder gehen nicht immer mit diesem Bild konform. Mitunter scheint es schwer zu fallen, sich von bestimmten Str&ouml;mungen und Einzelpersonen zu distanzieren. Eine solche Distanzierung w&uuml;rde &#8211; so die Bef&uuml;rchtung &#8211; die Einigkeit der Umma, der weltweiten Glaubensgemeinde aller Br&uuml;der und Schwestern im Islam, infrage stellen. Beiden Organisationen gemeinsam ist, dass sie &uuml;berwiegend auf der Insel Java verankert sind.</p>
<h5>Keine Toleranz</h5>
<p>&Auml;hnlich wie bei den Batak in Nordsumatra werden auch in Westpapua zwei deutsche Missionare, Carl Wilhelm Ottow und Johann Gottlob Gei&szlig;ler, wie Propheten verehrt. Die beiden landeten 1855 auf Mansinam, einer Insel nahe der heutigen Provinzhauptstadt Manokwari. Nach Ansicht vieler indigener Papua brachten sie Licht ins Dunkel einer finsteren Vergangenheit. Tats&auml;chlich gelang es der Mission &uuml;ber mehr als hundert Jahre hinweg, nicht nur das Evangelium zu verbreiten, sondern auch blutige Stammeskriege zu beenden und ein Mindestma&szlig; an Bildung und Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Erst in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte Indonesien seine Gebietsanspr&uuml;che auf Westpapua in die Tat umsetzen, welches sich bis dahin noch unter niederl&auml;ndischer bzw. internationaler Kontrolle befand.</p>
<p>Seither hei&szlig;t der Feind vieler Papua Indonesien. Der Staat beansprucht zwar das ressourcenreiche Territorium Westpapuas, zeigte sich bislang aber nicht in der Lage, den dort lebenden Menschen zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu verhelfen. Im Gegenteil kommen immer mehr Menschen aus anderen Landesteilen Indonesiens nach Westpapua. Sie dr&auml;ngen die urspr&uuml;nglichen BewohnerInnen des Gebiets &ouml;konomisch und zunehmend auch zahlenm&auml;&szlig;ig an den Rand. Der Mehrheit der ersten Migrationswelle entsprechend nehmen die Papua s&auml;mtliche Migranten als &#8222;Javaner&#8220; und &#8222;Muslime&#8220; wahr, obgleich viele Zuwanderer l&auml;ngst nicht mehr diesen Zuordnungen entsprechen.</p>
<p>Eine Neigung zum Synkretismus im Glauben mag auch in Westpapua vorhanden sein, insoweit alte adat-Riten nicht v&ouml;llig vom Christentum verdr&auml;ngt wurden. Hieraus allerdings eine Bereitschaft zur Toleranz ableiten zu wollen, w&auml;re vermessen. In den Augen vieler Papua sind die &#8222;javanischen Muslime&#8220; gleichbedeutend mit neuen Kolonialherren. Die ablehnende Haltung hat alles andere als religi&ouml;se Ursachen. Aber im Zweifelsfall stellen ethnische und religi&ouml;se Abstammung, stellvertretend f&uuml;r viel komplexere Probleme, die einfachsten Identifikationsmuster dar.</p>
<h5>Endlich unabh&auml;ngig: die Republik Indonesien</h5>
<p>Wie auch vielen anderen Staaten verhalfen die Wirren des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen Indonesien letztlich zur lange ersehnten Unabh&auml;ngigkeit. Sukarno, zusammen mit Mohammad Hatta einer der Staatsgr&uuml;nder und erster Pr&auml;sident der neuen Republik, war die Problematik des Vielv&ouml;lkerstaates von Anfang an bewusst. Als eine seiner wichtigsten Aufgaben verstand er das nation building &#8211; den Aufbau eines Bewusstseins f&uuml;r die gemeinsame Nation jenseits aller ethnischen, religi&ouml;sen, kulturellen, sprachlichen und sonstigen Unterschiede.</p>
<p>In die Zeit der Staatsgr&uuml;ndung fallen das Grundgesetz (UUD 45), das Staatsmotto Bhinneka Tunggal Ika (Einheit in Vielfalt) und die Staatsphilosophie Pancasila (die f&uuml;nf S&auml;ulen). Die erste S&auml;ule der Pancasila lautet: Ketuhanan Yang Maha Esa &#8211; w&ouml;rtlich &uuml;bersetzt: &#8222;der Glaube an eine allm&auml;chtige Gottheit&#8220;. Von offizieller Seite wird dies als verpflichtender Glaube an den &#8222;einen und einzigen Gott&#8220; ausgelegt und f&uuml;hrt bis heute dazu, dass zahlreiche animistische oder andere nicht-monotheistische Glaubensrichtungen in Indonesien nicht offiziell anerkannt werden. F&uuml;r die betroffenen B&uuml;rgerInnen hat dies zur Folge, dass sie zahlreiche Rechte verlieren, etwa keine Heiratsurkunde oder keine Geburtsurkunde f&uuml;r ihre Kinder ausgestellt bekommen. Letztere ist essentiell notwendig, um dem Kind eine schulische Bildung zu erm&ouml;glichen.</p>
<p>Warum der keinesfalls monotheistische Glaube der Hindus dennoch als mit ersten S&auml;ule der Pancasila konform angesehen wurde, l&auml;sst sich nur mit dem Interesse an der Einheit des indonesischen Volkes um jeden Preis verstehen. &Ouml;konomische Gr&uuml;nde waren daf&uuml;r zun&auml;chst nicht ausschlaggebend, der Massentourismus auf Bali und sein Beitrag zum Deviseneinkommen des Staates waren seinerzeit noch nicht absehbar. Eine religi&ouml;s begr&uuml;ndete territoriale Abspaltung Balis, einer Insel in der geografischen Mitte des indonesischen Archipels, war und ist bis heute eine ernsthafte Bedrohung f&uuml;r den &#8222;Einheitsstaat&#8220; Indonesien (NKRI).</p>
<h5>F&uuml;nf S&auml;ulen, sieben Worte, 28 Stockhiebe</h5>
<p>Streng muslimische Kr&auml;fte versuchten bereits zu Zeiten der Republikgr&uuml;ndung, ihre Interessen durchzusetzen. Sie bestanden auf einer Erg&auml;nzung der ersten S&auml;ule der Pancasila &#8211; dem Glauben an eine allm&auml;chtige Gottheit &#8211; um die Worte &#8222;mit der Verpflichtung f&uuml;r Muslime, nach den Regeln des islamischen Gesetzes (der Scharia) zu leben&#8220;. Diese (im Indonesischen) &#8222;sieben Worte&#8220; umfassende Erg&auml;nzung, auch bekannt unter der Bezeichnung Jakarta Charter (Piagam Jakarta), wurde von den Gr&uuml;ndern der Republik seinerzeit aus R&uuml;cksicht auf die anderen im Archipel vertretenen Religionsgemeinschaften abgelehnt.</p>
<p>Dabei waren die damaligen Forderungen der Islamisten noch vergleichsweise moderat, zielten sie doch nur auf Muslime. Im letzten Jahr (2016) wurde in der unter Sonderautonomie stehenden Provinz Aceh erstmals eine Christin entsprechend der dort geltenden Scharia-Gesetzgebung der Pr&uuml;gelstrafe unterzogen. 28 Schl&auml;ge mit dem Rohrstock erhielt die 60j&auml;hrige Dame daf&uuml;r, dass sie verbotenerweise unter dem Tisch Bier verkauft hatte. Remita Sinaga ist somit wohl die erste Nicht-Muslimin, auf die trotz zahlreicher anderweitiger Bekundungen das der Scharia entsprechende Strafrecht angewandt wurde.</p>
<h5>USA: Unter&shy;st&uuml;t&shy;zung radika&shy;l&shy;is&shy;la&shy;mi&shy;scher Kr&auml;fte </h5>
<p>Islamische und islamistische Bewegungen machten dem jungen Staat Indonesien von Beginn an zu schaffen. In den 1950er Jahren kam es zu bewaffneten Aufst&auml;nden in verschiedenen Landesteilen, deren Ziele nicht immer dieselben waren. W&auml;hrend einige f&uuml;r einen islamisch verfassten Staat k&auml;mpften, schlossen sich Kr&auml;fte aus Aceh diesem Kampf an, da sie sich um die versprochene Autonomie ihres Landesteils betrogen f&uuml;hlten &#8211; wobei es ebenfalls um die Anerkennung islamischer Gesetzgebung ging.</p>
<p>Die nationalistische Regierung unter Sukarno feierte 1958 einen Propagandaerfolg, als es ihr gelang, den US-amerikanischen Piloten Allen Lawrence Pope abzuschie&szlig;en und gefangen zu nehmen. Damit war bewiesen, dass die USA Sukarno, den selbst ernannten K&auml;mpfer gegen den Imperialismus, Hand in Hand mit extremistischen islamischen Aufst&auml;ndischen zu st&uuml;rzen suchten. &Auml;hnliche Szenarien sollten sich sp&auml;ter in zahlreichen anderen L&auml;ndern wiederholen.</p>
<h5>NASAKOM &ndash; ein unm&ouml;gliches Experiment </h5>
<p>Pr&auml;sident Sukarno war sich sehr wohl bewusst &uuml;ber die unterschiedlichen und zum Teil sich widersprechenden gesellschaftlichen Str&ouml;mungen im Land. Mit einer Kunstformel namens NASAKOM (Nationalismus, Religion und Kommunismus) versuchte er, die drei wesentlichen Lager des Landes unter einen Hut zu bringen. <br />Um dem religi&ouml;sen Lager zu gefallen, erlie&szlig; Sukarno 1965 ein Dekret (PNPS No. 1/1965), welches vier Jahre sp&auml;ter von seinem Nachfolger, Diktator Suharto, in ein Blasphemiegesetz &uuml;berf&uuml;hrt wurde. In der Erkl&auml;rung dieses Dekrets werden der Islam, das evangelische und r&ouml;misch-katholische Christentum, der Hinduismus, der Buddhismus und Khong Hu Cu (Konfuzianismus) als in Indonesien praktizierte Religionen anerkannt. Andere Religionen, wie etwa Judaismus, Taoismus und Shintoismus werden ebenfalls genannt und geduldet, solange sie nicht gegen bestimmte andere Artikel oder relevante Gesetze versto&szlig;en.</p>
<h5>Die Neue Ordnung: kein Platz f&uuml;r die extreme Mitte</h5>
<p>Die von Diktator Suharto ausgerufene Neue Ordnung verordnete seinen Landsleuten ein simples Leitprinzip: alles war erlaubt, was vordergr&uuml;ndig der wirtschaftlichen Entwicklung Indonesiens Erfolg dient; freilich unter der Voraussetzung, dass seine S&ouml;hne und T&ouml;chter an den fraglichen Projekten angemessen beteiligt wurden.</p>
<p>Radikale politische Ideologien standen dem Entwicklungsmodell Suhartos entgegen. Mit der &#8222;extremen Linken&#8220; hatte er im Rahmen seiner Machtergreifung bereits aufger&auml;umt. Mindestens eine Million Menschen wurden in den Jahren nach 1965 Opfer extralegaler Hinrichtungen. Mit der unwahren Behauptung, s&auml;mtliche Kommunisten seien zugleich Atheisten, traf Suharto auf Sympathie im islamischen Lager, dessen Anh&auml;ngerschaft sich besonders in Java bereitwillig am Massenmord beteiligte. Als &#8222;extrem rechts&#8220; bezeichnete der Diktator bestimmte radikal-islamistische Bewegungen, die nicht bereit waren, den Staat &uuml;ber das islamische Recht zu stellen. F&uuml;hrende Vertreter dieser Bewegungen, darunter Abu Bakar Ba&#8217;asyir, derzeit inhaftierter Hassprediger und mutma&szlig;licher Inspirator diverser Terrorkommandos, sahen sich vor&uuml;bergehend gezwungen, in Malaysia Zuflucht zu suchen.</p>
<p>Die politische Linie Suhartos gegen jede Form des Extremismus schien klar &#8211; oder doch nicht? Zunehmend gerieten auch Menschenrechtsverteidiger und Leute, die sich f&uuml;r nichts anderes als die grundlegenden demokratischen Werte einsetzten, ins Visier des Diktators. Der prominente Menschenrechtsanwalt Adnan Buyung Nasution wagte auf einer &ouml;ffentlichen Diskussion die sinngem&auml;&szlig;e Frage: &#8222;Wenn es extrem links und extrem rechts gibt, was ist dann die extreme Mitte?&#8220;</p>
<p>Unter dem wachsenden Einfluss des Islam sah sich Suharto seit den fr&uuml;hen 1990er Jahren gezwungen, sich selbst als praktizierender Muslim in Szene zu setzen und pilgerte nach Mekka. Seine religi&ouml;se R&uuml;ckbesinnung half jedoch auch nicht mehr: &#8222;Viel zu sp&auml;t f&uuml;r einen, der sich die Reise leisten kann!&#8220;, hallte ihm aus dem islamischen Lager entgegen. Suharto konnte damit die Islamisierung des Landes genauso wenig aufhalten wie dessen Demokratisierung, die ihn letztlich zum R&uuml;cktritt zwang.</p>
<h5>Zur&uuml;ck zu den Wurzeln</h5>
<p>Der Zusammenbruch des politischen Systems 1998 ging einher mit der schwersten wirtschaftlichen Krise, die Indonesien seit langem erlebte. F&uuml;r Millionen von Menschen folgte eine Phase der Zukunftsangst und Orientierungslosigkeit. Die alten Werte der Neuen Ordnung waren nichts mehr wert, andere Werte oder Orientierungsm&ouml;glichkeiten waren aufgrund einer &uuml;ber drei Jahrzehnte anhaltenden Zensur und Gehirnw&auml;sche praktisch unbekannt. Infolge der Asienkrise war pl&ouml;tzlich auch das wenige Ersparte nichts mehr wert. Der Rechtsstaat versagte. Niemand hatte noch Vertrauen in dessen Institutionen, Selbstjustiz griff um sich. In Jakarta wurden Taschendiebe von Mobs gejagt und auf offener Stra&szlig;e verbrannt.</p>
<p>In dieser Situation versprach die R&uuml;ckbesinnung auf ethnische oder religi&ouml;se Identit&auml;ten den einzigen Halt. Grauenhafte Konflikte mit Tausenden von Opfern entspannten sich auf den Molukken, in Poso (Zentralsulawesi), in Westkalimantan und anderenorts. Diese Konflikte entz&uuml;ndeten sich oft an &#8222;banalen&#8220; Streitigkeiten auf dem Markt, der verweigerten Bezahlung einer Busfahrt und dergleichen mehr &#8211; auch wenn niemand glauben konnte, dass dies die Ursachen waren. Nach den ersten abgebrannten Moscheen und Kirchen, den ersten jeweils von der anderen Religion get&ouml;teten Glaubensbr&uuml;dern spielte die Frage nach der Ursache keine Rolle mehr. Nun galt es, sich selbst zu verteidigen und Rache zu &uuml;ben und die Auseinandersetzung eskalierte zum religi&ouml;sen Konflikt.</p>
<p>Bis heute hat niemand eine umfassende Antwort auf die Frage, wer in diesem Konflikt eigentlich die Lunte gelegt hat, und warum. Wichtige Konfliktbeteiligte werden wohl nie ihre Archive der &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich machen, denn zu ihnen z&auml;hlen nicht zuletzt auch Einheiten der indonesischen Sicherheitskr&auml;fte, die &#8211; um die Verwirrung komplett zu machen &#8211; keinesfalls vereint auf einer Seite standen. Eine andere obskure Konfliktpartei waren die Laskar Jihad (Dschihadk&auml;mpfer), die vor allem auf Java erfolgreich Freiwillige rekrutierten, um auf den Molukken und in Poso zu k&auml;mpfen. Es war ein offenes Geheimnis, dass diese Miliz mit Geldern aus Saudi-Arabien gef&ouml;rdert wurde. V&ouml;llig unerwartet l&ouml;sten sich die Laskar Jihad wenige Tage nach dem Angriff auf das World Trade Center vom 9. September 2001 auf, offenbar auf Gehei&szlig; aus Saudi-Arabien.</p>
<h5>Demokratie hei&szlig;t doch, dass die Mehrheit bestimmt?</h5>
<p>Der genannte blutige Konflikt auf den Molukken ist l&auml;ngst beigelegt. Auch in Poso herrscht vordergr&uuml;ndig Ruhe, wenngleich dort noch immer terroristische Zellen agieren, gegen die das indonesische Milit&auml;r mit harter Hand vorgehen will. In beiden Regionen entspricht der Status quo allerdings eher dem Begriff eines &#8222;negativen Friedens&#8220;: ehemals harmonisch zusammenlebende Menschen wurden segregiert. Muslime auf Ambon (Molukken) leben im Norden, Christen im S&uuml;den der Insel. Die Stadt Poso ist heute weitgehend islamisch, w&auml;hrend die Christen sich im nahen Tentena konzentrieren. Es ist f&uuml;r niemanden mehr gef&auml;hrlich, in das Gebiet &#8222;der anderen&#8220; zu fahren &#8211; aber dort zu leben ist undenkbar.</p>
<p>Dies entspricht dem &#8222;religi&ouml;sen Frieden&#8220; in anderen Regionen des Archipels. In Nordsumatra, Nordsulawesi oder Westtimor, wo Christen die Mehrheit stellen, haben sie nichts zu bef&uuml;rchten. Hier besetzen sie hohe politische &Auml;mter und niemand w&auml;re in der Lage, den Bau einer Kirche zu verhindern. Problematischer ist es, wenn christliche Migranten beispielsweise in einer der Satellitenst&auml;dte der Hauptstadt Jakarta eine Kirche bauen wollen, wo Muslime in der Mehrheit sind. Hier helfen auch Genehmigungen und h&ouml;chstrichterliche Urteile nicht immer weiter. In Bogor steht seit Jahren eine versiegelte Kirche, deren Bau mit allen beh&ouml;rdlichen Genehmigungen versehen war. Bereits vor Jahren urteilte das Oberste Gericht Indonesiens letztinstanzlich, dass die Kirche legal sei und zur Nutzung freigegeben werden m&uuml;sse. Passiert ist nichts. Eine kleine, aber lautstarke und gewaltbereite Gruppe von Islamisten widersetzt sich weiterhin der &Ouml;ffnung der Kirche, und vom B&uuml;rgermeister der Stadt bis hin zum Staatspr&auml;sidenten hat niemand den Mut, die Gerichtsentscheidung und damit den Rechtsstaat durchzusetzen.</p>
<p>Warum man sie als undemokratisch bezeichnet, verstehen die Islamisten nicht. &#8222;Demokratie hei&szlig;t doch, dass die Mehrheit bestimmt? Und hier sind wir in der Mehrheit.&#8220;</p>
<h5>Die Demokratie ging zu weit</h5>
<p>Tats&auml;chlich er&ouml;ffnete die Demokratie auch radikalen Gruppen neue Handlungsspielr&auml;ume. Nicht nur, dass Hassprediger wie Abu Bakar Ba&#8217;asyir aus dem Exil zur&uuml;ckkehren konnten. Auch viele andere unter dem diktatorischen Regime Suhartos einst zum Schweigen verurteilte Gruppen genie&szlig;en nun Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Und w&auml;hrend es fr&uuml;her neben dem staatlichen Fernsehen und Rundfunk nur eine begrenzte Anzahl streng zensierter Printmedien gab, ist heute die Meinungsmache &uuml;ber die sozialen Medien l&auml;ngst nicht mehr zu kontrollieren. Wie &uuml;berall auf der Welt verstehen sich radikale Gruppen bestens darauf, auch in Indonesien effizienten Gebrauch davon zu machen.</p>
<p>&#8222;Die Demokratie ging zu weit&#8220;, meinte k&uuml;rzlich kein Geringerer als Staatspr&auml;sident Joko Widodo, der vor zwei Jahren ins Amt gew&auml;hlt wurde. Die Mehrheit seiner W&auml;hlerinnen und W&auml;hler sahen ihn als Hoffnungstr&auml;ger f&uuml;r ein demokratischeres Indonesien. Widodos Bemerkung ist ein unfreiwilliges Eingest&auml;ndnis, dass der Staat unf&auml;hig ist Recht und Gesetz walten zu lassen. Es ist ein Eingest&auml;ndnis der Machtlosigkeit gegen Stimmungsmache auf den Stra&szlig;en und in den Medien.</p>
<h5>Wenn der Mob regiert</h5>
<p>Politische BeobachterInnen im Westen werden nicht m&uuml;de zu betonen, dass die islamischen Parteien Indonesiens bei Wahlen noch nie auch nur ann&auml;hend in die N&auml;he einer Mehrheit gelangt sind. Das soll beruhigend klingen. Tatsache ist, dass gro&szlig;e politische Parteien, die im Westen als &#8222;s&auml;kular&#8220; wahrgenommen werden, dem Druck der Stra&szlig;e und der Medien folgend l&auml;ngst den Islamisten nach dem Munde reden. Ein Gro&szlig;teil kommunaler Verordnungen, die beispielsweise Frauen vorschreibt das Kopftuch zu tragen, wurde in den lokalen Parlamenten von diesen scheinbar s&auml;kularen Parteien eingebracht.</p>
<p>Die Mehrheit der &#8222;s&auml;kularen Parteien&#8220; zeigt ebenso wenig wie Exekutive und Judikative den Willen, sich mit religi&ouml;sen Gruppen anzulegen, die durch Selbstjustiz, Einsch&uuml;chterung und Razzien offenkundig gegen Recht und Gesetz versto&szlig;en.</p>
<p>Eine der bekanntesten dieser Gruppen ist die Front der Verteidiger des Islam (FPI). Sie entstand Ende der 1990er Jahre aus der von Milit&auml;r und Polizei gebildeten &#8222;B&uuml;rgermiliz&#8220; Pam Swakarsa und hat sich seither verselbstst&auml;ndigt. Ihre Mitglieder sind gr&ouml;&szlig;tenteils gewaltbereite junge M&auml;nner aus unterprivilegierten Schichten. Die FPI pflegt nach wie vor gute Kontakte zu den Sicherheitskr&auml;ften, woraus sich erkl&auml;rt, warum jene nicht entschlossener vorgehen, sondern bei &Uuml;bergriffen h&auml;ufig nur zusehen. Mitunter erledigt die FPI auch die &#8222;Dreckarbeit&#8220; f&uuml;r die Sicherheitskr&auml;fte.</p>
<p>2011 wurde gegen die als vom Islam abtr&uuml;nnig angesehene Gemeinschaft der Ahmadiyyah mobil gemacht, die in Indonesien seit fast 100 Jahren unbehelligt ihren Glauben aus&uuml;ben durfte. Hunderte von Fanatikern &uuml;berfielen ein Treffen der Ahmadiyyah in der Ortschaft Cikeusik. Drei Ahmadis wurden dabei bestialisch get&ouml;tet. In einem sp&auml;teren Prozess wurde eines der schwer verletzten Opfer zur selben Strafh&ouml;he verurteilt wie der Anf&uuml;hrer des &Uuml;berfalls. Die gewaltt&auml;tigen Angriffe auf Ahmadiyyah begannen 2005, als der indonesische Rat der Islamgelehrten (Majelis Ulama Indonesia, MUI) durch eine Fatwa die Ahmadiyyah als h&auml;retisch bezeichnete. Auf diese Fatwa bezog sich 2008 die Regierung, als sie in einem gemeinsamen Ministererlass die Ahmadiyyah verbot. Seitdem nimmt die Verfolgung der Ahmadiyyah landesweit zu, weswegen heute hunderte Familien als Binnenfl&uuml;chtlinge in Lagern leben m&uuml;ssen.</p>
<p>Es folgten Angriffe auf andere vom &#8222;wahren Islam abtr&uuml;nnige&#8220; Minderheiten wie Schiiten und zuletzt die als Sekte bezeichnete Gerakan Fajar Nusantara (Gafatar). Im letzten Jahr gerieten insbesondere LGBTI ins Visier der religi&ouml;sen Fanatiker.</p>
<p>Religion wird auch sehr h&auml;ufig im Wahlkampf instrumentalisiert. Seite Ende 2016 l&auml;uft ein Prozess gegen den Gouverneur von Jakarta, Basuki &#8218;Ahok&#8216; Cahaya Purnama &#8211; einen Christen, der sich f&uuml;r die n&auml;chste Regierungsperiode wieder zur Wahl stellt. Er hatte sich bei einem &ouml;ffentlichen Auftritt auf einen Koranvers bezogen, womit er nach Auffassung seiner Gegner den Islam beleidigte. Hunderttausende Islamisten gingen auf die Stra&szlig;e und forderten seine Bestrafung, Polizei und Staatsanwaltschaft er&ouml;ffneten ein Expressverfahren. Der Fall spaltet die indonesische Gesellschaft weit &uuml;ber die Grenzen Jakartas hinaus. Wann das Urteil f&auml;llt, ist noch offen.</p>
<p>Wie auch immer das Urteil ausf&auml;llt &#8211; das Problem des unzureichenden Schutzes religi&ouml;ser Minderheiten wird dadurch nicht gel&ouml;st werden. Das Spektrum der religi&ouml;sen und ethnischen Verfolgungen in Indonesien weitet sich aus. Mit &#8222;abtr&uuml;nnigen&#8220; religi&ouml;sen Minderheiten fing es an, mit nicht der Norm entsprechenden sexuellen Minderheiten ging es weiter. Wo diese Spirale der Ausgrenzung und Gewalt endet, wei&szlig; niemand. Wie lange wird die internationale Politik noch die indonesische Toleranz loben, bevor sie zur Kenntnis nimmt, welche Zeitbombe in der gr&ouml;&szlig;ten muslimischen Gesellschaft der Welt tickt?</p>
<p><b>ALEX&nbsp;FLOR</b><i>&nbsp;&nbsp; Jahrgang 1963, ist Dipl.-Ing. f&uuml;r Technischen Umweltschutz. Im Rahmen seines Studiums absolvierte er 1989 ein erstes Projekt im indonesischen Padang (Westsumatra), ein Jahr sp&auml;ter kehrte er nach Indonesien zur&uuml;ck und forschte am Institut Teknologi Bandung &uuml;ber die Reinigung von Abw&auml;ssern aus der Textilindustrie. Unter dem Eindruck des Sta.&nbsp;Cruz-Massakers 1991 in Dili (Osttimor) begr&uuml;ndete er 1991 den Verein Watch Indonesia! mit, den er seit 1997 als Co-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer vertritt. Von 2000 bis 2007 war Flor Vorstandsmitglied von INFID (International Network for Indonesian Development), derzeit vertritt er seine Organisation auch im Vorstand des deutschen West-Papua Netzwerks. Zahlreiche Ver&ouml;ffentlichungen in Zeitschriften SUARA, iz3w, S&uuml;dlink, Neues Deutschland u.a.; What Future for Papua? in: Eva Streifeneder/Antje Missbach (eds); Indonesia &#8211; The Presence of the Past, Berlin 2007; demn&auml;chst: Peace-building in Aceh? Vom Tsunami zur Scharia, regiospectra Berlin (Hrsg. mit Basilisa Dengen). </i><a href="http://www.watchindonesia.org/" target="_blank" rel="noopener"><i>www.watchindonesia.org</i></a><i> </i></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/217-vorgaenge/publikation/sein-und-heiligen-schein-in-indonesien-1/">Sein und (Heiligen-)Schein in Indonesien</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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