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	<title>Matthias Dembinski Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Der Berg kreißte und gebar eine Maus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[huadminuser]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2011 20:14:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das neue strategische Konzept der NATO; aus: vorg&#228;nge Nr. 193, Heft 1/2011, S. 45-52 Mit dem im November 2010 verabschiedeten strategische Konzept unternahm die NATO unter dem Motto &#8222;Active Engagement &#8211; Modern Defence&#8221; abermals den Versuch, sich neu aufzustellen und Antworten auf die Frage nach ihrer Rolle in der Welt, ihrer Bedrohungseinsch&#228;tzung und ihrer Strategie [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/193-vorgaenge/publikation/der-berg-kreisste-und-gebar-eine-maus/">Der Berg kreißte und gebar eine Maus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das neue strategische Konzept der NATO;</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 193, Heft 1/2011, S. 45-52</p>
<p>Mit dem im November 2010 verabschiedeten strategische Konzept unternahm die NATO unter dem Motto &bdquo;Active Engagement &ndash; Modern Defence&rdquo; abermals den Versuch, sich neu aufzustellen und Antworten auf die Frage nach ihrer Rolle in der Welt, ihrer Bedrohungseinsch&auml;tzung und ihrer Strategie der Sicherheitsgew&auml;hrung zu geben. Im Vorfeld war das Papier mit viel Aplomb angek&uuml;ndigt worden. Generalsekret&auml;r Anders Fogh Rasmussen versprach nichts weniger als eine &bdquo;roadmap for the next ten years&rdquo; und einen &bdquo;Aktionsplan, der in aller Klarheit die konkreten Schritte der NATO vorzeichnen&rdquo; werde. Das Konzept sei nichts weniger als die Blaupause f&uuml;r die Version NATO 3.0.[1]</p>
<p>Verglichen mit den bombastischen Ank&uuml;ndigungen fiel das Ergebnis bescheiden aus. Das neue Strategische Konzept vermag nicht als Wegweiser zu fungieren. Statt eines konkreten Fahrplans zur Neuausrichtung der Allianz enth&auml;lt das Dokument ein wenig von allem: eine R&uuml;ckbesinnung auf die Kernfunktion der Territorialverteidigung und eine Best&auml;tigung der globalen Ausrichtung; ein Bekenntnis zur Kooperation mit Russland und Vorsorge gegen die Risiken, die gemeinhin Russland zugeschrieben werden; ein Bekenntnis zur atomwaffenfreien Welt und zur nuklearen Abschreckung; als Beitrag zur Haushaltskonsolidierung die Ank&uuml;ndigung einer Rationalisierung und Konsolidierung der Kommandostruktur und zugleich die Beanspruchung neuer Aufgaben, von denen die Raketenabwehr nur die prominenteste, die Cyber- und Energiesicherheit weitere sind. All dies ist Additiv, teils widerspr&uuml;chlich und voraussichtlich nicht umsetzbar. Vor allem gibt das Konzept der NATO auf Kernfragen wie ihrem Verh&auml;ltnis zu Russland und ihrem Beitrag zu einer globalen Friedensordnung ungen&uuml;gende oder sogar falsche Antworten. Konkrete Aussagen zur Zukunft der nuklearen Strategie und Bewaffnung des B&uuml;ndnisses wurden ganz vertagt.</p>
<h2 class="auto-created">Die Kernmis&shy;sion: kollektive Vertei&shy;di&shy;gung</h2>
<p>Das neue strategische Konzept r&uuml;ckt neben den Aufgaben des Krisenmanagements und der kooperativen Sicherheit die kollektive Verteidigung und damit den Artikel 5 des Washingtoner Vertrages wieder ins Zentrum. Die &bdquo;gr&ouml;&szlig;te Verantwortung&rdquo; der Allianz sei es, &bdquo;unsere Bev&ouml;lkerungen vor einem Angriff zu sch&uuml;tzen und zu verteidigen&#8220;.[2] Dieses Bekenntnis &uuml;berrascht angesichts der Entwicklung der letzten Jahrzehnte, denn auf Grund fehlender milit&auml;rischer Bedrohungen des B&uuml;ndnisgebiets verk&uuml;mmerte die kollektive Verteidigung immer mehr zu einer Restfunktion. Stattdessen machte die NATO unter der Drohung &bdquo;out of area or out of business&rdquo; die Krisenintervention zu ihrer Sache &mdash; zun&auml;chst unter dem Vorzeichen des Menschenrechtsschutzes und nach 2001 auch der Terrorismusbek&auml;mpfung. Der Wandel von einem &bdquo;statischen&rdquo; B&uuml;ndnis zur Verteidigung europ&auml;ischen Territoriums zu einem &bdquo;Expeditionsb&uuml;ndnis&rdquo;, das Streitkr&auml;fte global zur Verteidigung der Freiheit einsetze, so der fr&uuml;here amerikanische Pr&auml;sident Bush auf dem NATO-Gipfel in Riga 2006, hat sich seitdem noch einmal dramatisch beschleunigt.[3] Waren zur Zeit des Riga-Gipfels ca. 50.000 NATO Truppen jenseits des traditionellen Perimeters im Einsatz, stieg diese Zahl bis zum n&auml;chsten Gipfeltreffen in Bukarest 2008 auf 60.000 und erreichte 2010 143.000. Parallel zu diesem Aufwuchs erodierte freilich die &ouml;ffentliche Zustimmung und politische Bereitschaft zum globalen Krisenmanagement.</p>
<p>Das Bekenntnis zur&uuml;ck zur territorialen Verteidigung ist allerdings in erster Linie nicht dieser Ern&uuml;chterung zu verdanken, sondern der Kritik einiger der neuen Mitglieder, die NATO sch&uuml;tze ihre Sicherheit nicht angemessen gegen die Bedrohung eines in ihren Augen seit 2008 deutlicher zu Tage getretenen russischen Revisionismus. Insbesondere sei es ein Fehler gewesen, &bdquo;nicht mit der eigentlichen Verteidigungsplanung im Sinne des Artikels 5 zu beginnen, nachdem die NATO erweitert worden war&#8220;.[4] Dagegen halten die USA unbeirrt an der globalen Orientierung fest und wollen die Zusagen der NATO &#8211; Russland Grundlagenakte von 1997 nicht in Frage stellen, keine Nuklearwaffen und keine substantiellen Kampftruppen dauerhaft in den neuen Mitgliedstaaten zu stationieren.</p>
<p>Das strategische Konzept versucht nunmehr einen Spagat, indem es einerseits die kollektive Verteidigung in den Mittelpunkt r&uuml;ckt und andererseits deren Bedeutung entgrenzt. War der Begriff der kollektiven Verteidigung traditionell auf die territoriale Integrit&auml;t und die Verteidigung der B&uuml;ndnisgrenzen bezogen, kann nach Ansicht von Rasmussen Verteidigung nun vieles bedeuten und &uuml;berall ihren Ausgang nehmen: &bdquo;It can start in Kandahar. It can start in cyberspace. And NATO needs to be able to defend across the spectrum.&rdquo;[5] In diesem Sinne listet das Konzept acht Bedrohungen auf, angefangen von der Verbreitung von Raketen &uuml;ber Cyberangriffe bis zur Energiesicherheit. Diese Entgrenzung erlaubt es, die konkreten Kapazit&auml;ten und Ma&szlig;nahmen ebenfalls in einer &uuml;bergreifenden Weise festzulegen. So fordert das strategische Konzept den weiteren Ausbau von mobilen und verlegbaren konventionellen Streitkr&auml;ften, &bdquo;to carry out both Article 5 responsibilities and the Alliance&#8217;s expeditionary operations&rdquo; (Strategie Concept, 5). In der Substanz bleiben die Ma&szlig;nahmen der NATO zur R&uuml;ckversicherung ihrer neuen Mitglieder zwar unterhalb der erw&auml;hnten &bdquo;roten Linie&rdquo;, gehen aber weit &uuml;ber das Bisherige hinaus, etwa indem unter dem Codewort &bdquo;Eagle Guardian&rdquo; Anfang 2010 Notfallplanungen von Polen auf die baltischen Staaten ausgedehnt wurden oder die USA am 9. Dezember 2010 ank&uuml;ndigten, eine Einheit von Kampfflugzeugen in Polen zu stationieren. Angesichts der massiven milit&auml;rischen &Uuml;berlegenheit der NATO ist ein Widerspruch zwischen diesen Ma&szlig;nahmen und der Versicherung des Generalsekret&auml;rs, das B&uuml;ndnis betrachte Russland als Partner, kaum zu kaschieren.</p>
<h2 class="auto-created">Die wirkliche Mission: Krisen&shy;ma&shy;na&shy;ge&shy;ment</h2>
<p>Neben dem Bekenntnis zur kollektiven Verteidigung, beschloss die NATO ihre Rolle bei counter-insurgency Operationen und bei Stabilisierungs- und Wiederaufbaumissionen zu erh&ouml;hen. Im neuen strategischen Konzept hei&szlig;t es dazu, dass sich die NATO engagieren werde, &bdquo;wo dies m&ouml;glich und wenn dies erforderlich ist, um Krisen zu verhindern, Post-Konflikt-Situationen zu stabilisieren und den Wiederaufbau zu unterst&uuml;tzen&rdquo;. Dass die NATO ihre globale Orientierung beibehalten will, st&uuml;tzt sich im Wesentlichen auf zwei Begr&uuml;ndungen. Zum einen sei die Sicherheit der NATO-Mitglieder nunmehr auch durch Ereignisse fern ihrer Grenzen bedroht. Zum anderen geschieht dies im Namen der internationalen Stabilit&auml;t und Sicherheit. Mit dem so angestrebten &bdquo;Krisenmanagement f&uuml;r das 21. Jahrhundert&rdquo; gehen zwei grundlegende Anforderungen einher. Zum einen bed&uuml;rfe es robuster, mobiler, schnell einsetzbarer und durchhaltef&auml;higer konventioneller Verb&auml;nde, zum anderen der Konzertierung milit&auml;rischer und ziviler Ma&szlig;nahmen. Hierf&uuml;r hat sich in der NATO der Begriff &bdquo;comprehensive approach&rdquo;, in der deutschen Fachterminologie der Begriff &bdquo;vernetzte Sicherheit&rdquo; eingeb&uuml;rgert. Sie verlangt im Idealfall von den milit&auml;rischen und den zivilen Kr&auml;ften &mdash; unter Einschluss auch von Nichtregierungsorganisationen &mdash;, dass sie ihre Eins&auml;tze gemeinsam planen, in komplement&auml;ren Rollen ausf&uuml;hren und sich wechselseitig unterst&uuml;tzen, um so &bdquo;die Koh&auml;renz und Effektivit&auml;t&rdquo; zu st&auml;rken. Und sie folgt der Erkenntnis, dass jegliche Intervention entlang des Konfliktzyklus (Pr&auml;vention, Vermittlung, Stabilisierung, Wiederaufbau) keinerlei Erfolg verspricht, wenn sie allein auf milit&auml;rischen Schultern ruht.</p>
<p>F&uuml;r die NATO ist die zivil-milit&auml;rische Kooperation kein neues Feld, wie die zahllosen CIMIC-Handb&uuml;cher und Einsatzregeln dokumentieren. Allerdings sind die Erfahrungen im besten Fall gemischt. Dies hat zum einen b&uuml;ndnisspezifische Gr&uuml;nde, da die NATO etwaigen Beschr&auml;nkungen ihrer Handlungsfreiheit immer mit &auml;u&szlig;erster Zur&uuml;ckhaltung begegnet ist. Dass die Allianz an ihrer F&uuml;hrungsrolle unbeirrt festh&auml;lt, dokumentieren nicht zuletzt die Ausf&uuml;hrungen ihres Generalsekret&auml;rs. Er wird nicht m&uuml;de, die NATO als &bdquo;hub&rdquo; der globalen Krisenbew&auml;ltigung zu vermarkten, bei der das &bdquo;Netz der Sicherheitspartnerschaften&rdquo; zusammenl&auml;uft und die als &bdquo;Zentrum der Konsultation &uuml;ber internationale Sicherheitsfragen&rdquo; fungiert, wie er 2010 auf der M&uuml;nchener Sicherheitskonferenz ausf&uuml;hrte. Zum anderen hat es sich in der Praxis als au&szlig;erordentlich schwierig erwiesen, milit&auml;rische und zivile Ans&auml;tze der Krisenbearbeitung und der Friedenskonsolidierung auf einen Nenner zu bringen. Ohne sich mit den ambivalenten Erfahrungen in Afghanistan ungeb&uuml;hrlich aufzuhalten, bekr&auml;ftigte die NATO in Lissabon dennoch ihren &bdquo;unverzichtbaren Beitrag&rdquo; zum internationalen Krisenmanagement und beschloss, ihre Rolle dahingehend aufzuwerten, dass sie nunmehr auch eine &bdquo;angemessene, aber moderate Einheit zum zivilen Krisenmanagement&rdquo; einzurichten plant, &bdquo;um effektiver die Verbindung mit den zivilen Partnern wahrnehmen zu k&ouml;nnen&rdquo;.</p>
<p>Abgesehen davon, dass die Europ&auml;ische Union weit geeigneter ist, um die zivile und die milit&auml;rische Krisenbew&auml;ltigung zu integrieren, l&auml;uft der &bdquo;comprehensive approach&rdquo; der NATO in der Praxis darauf hinaus, die zivilen Anstrengungen der milit&auml;rischen Logik zu unterwerfen. Kein Wunder, dass die meisten zivilen Akteure, aber auch die Vereinten Nationen vor einer so verstandenen Kooperation mit der NATO zur&uuml;ckschrecken.</p>
<h2 class="auto-created">Die verpasste Mission: europ&auml;ische Sicher&shy;heits&shy;part&shy;ner&shy;schaft</h2>
<p>W&auml;hrend sich die NATO in der globalen Krisenbew&auml;ltigung zu den neu usurpierten Rollen bekennt, verlegt sie sich in der europ&auml;ischen Sicherheit auf allzu tradierte Muster. So beschr&auml;nkt sie sich weiterhin auf den sehr begrenzten Rahmen einer &bdquo;kooperativen Sicherheit&rdquo; mit jenen europ&auml;ischen Staaten, die dem B&uuml;ndnis (bislang) nicht angeh&ouml;ren. Und sie l&auml;sst auch nicht erkennen, wie sie den Widerspruch zu l&ouml;sen trachtet, &bdquo;ungeteilte Sicherheit&rdquo; sowohl f&uuml;r &bdquo;alle Staaten der Euro-Atlantischen Gemeinschaft&rdquo; als auch exklusiv f&uuml;r die &bdquo;NATO-Mitglieder auf beiden Seiten des Atlantik&rdquo; garantieren zu wollen. Beide Bekenntnisse finden sich in den Lissaboner Verlautbarungen, doch nur eines funktioniert. Dass sich hier ein Widerspruch auftun k&ouml;nnte, findet sich im neuen strategischen Konzept ebenso wenig wie &Uuml;berlegungen dazu, die beiden konkurrierenden Prinzipien in Einklang zu bringen &mdash; die europ&auml;ische Sicherheit mit oder gegen Russland aufzubauen. Allenfalls auf lange Sicht und letztlich &bdquo;durch die Integration aller europ&auml;ischen Staaten, die dies w&uuml;nschen, in die Euro Atlantischen Strukturen&rdquo; &mdash; also in die NATO &mdash; solle ein &bdquo;Europe whole and free&rdquo; entstehen k&ouml;nnen. Das jedoch ist ein gradueller Prozess, und im unausgesprochenen Verst&auml;ndnis der Allianz stellt Russlands Aufnahme nicht den Beginn, sondern im g&uuml;nstigsten Fall den Endpunkt dieses Prozesses dar.</p>
<p>In der Zwischenzeit m&uuml;ssen sich beide Seiten mit dem Bekenntnis begn&uuml;gen, dass ihre Sicherheit &bdquo;verflochten&rdquo; sei. Dieser Hinweis soll noch einmal &mdash; bekr&auml;ftigend &mdash; die wechselseitigen Versicherungen unterstreichen, dass sich die beiden Seiten nicht l&auml;nger bedrohen: &bdquo;Dies allein trennt die Vergangenheit und die Zukunft der NATO-Russland-Beziehungen&rdquo;. Allerdings wurde diese Trennlinie nicht erst in Lissabon gezogen, sondern geh&ouml;rt seit zwei Jahrzehnten zum Standardrepertoire der Ost-West-Rhetorik. An den realen Widerspr&uuml;chen und Spannungen hat dies rein gar nichts ge&auml;ndert, und es sollte mittlerweile auch der NATO gel&auml;ufig sein, dass qualitativ neue Beziehungen mit Russland mehr verlangen. Doch solange die Kehrseite der &bdquo;verflochtenen Sicherheit&rdquo; &mdash; das Sicherheitsdilemma &mdash; nicht einmal wahrgenommen, geschweige denn bearbeitet wird, ist jenseits atmosph&auml;rischer Aufheiterungen eine nachhaltige &Auml;nderung nicht zu erwarten. Wenn etwa die Erweiterung der Allianz &mdash; wie in Lissabon &mdash; als &bdquo;substantieller Beitrag f&uuml;r die Sicherheit der Alliierten&rdquo; dargestellt wird, ist per definitionem die Wirkung f&uuml;r Russland genau umgekehrt.</p>
<p>Leider ist die NATO immer noch weit davon entfernt, substantielle Vorschl&auml;ge oder gar Konzessionen an Russland zu unterbreiten. Vielmehr begn&uuml;gt sie sich mit atmosph&auml;rischen Ouvert&uuml;ren, die den &bdquo;neuen Start&rdquo; und die &bdquo;grundlegend neue Phase in den Beziehungen zwischen der NATO und Russland&rdquo; beschw&ouml;ren. Auch das ist ein vertrautes Muster, das schon bei den Kooperationsgipfeln 1997 und 2002 lediglich dazu taugte, vor&uuml;bergehend das Klima &mdash; und die russische Seite &mdash; milde zu stimmen. Heute will die NATO dar&uuml;ber hinaus Russland f&uuml;r die &bdquo;eigentlichen Bedrohungen&rdquo; gewinnen &mdash; den Terrorismus, die Proliferation, die Piraterie und &bdquo;zuallererst&rdquo; Afghanistan. Dies folgt zwar der Logik des <i>tertium datur </i>&mdash; wenn Du Deine Differenzen nicht l&ouml;sen kannst, verlege das Spielfeld &mdash;, hat aber immerhin den potentiellen Vorteil, in der Praxis so etwas wie eine Kooperationsroutine zu entwickeln.</p>
<p>Auf der Grundlage der gemeinsam seit 2009 erarbeiteten &bdquo;Joint Review of 21 Century Common Security Challenges&rdquo; sollen solche &bdquo;praktischen Kooperationsprojekte&rdquo; vor allem auch dazu beitragen, die einzige relevante Kooperationsplattform &mdash; den NATO-Russland-Rat &mdash; mit jener Substanz auszustatten, die er bislang vermissen lie&szlig;. Dass sich allerdings Russland damit zufrieden geben wird, allein die NATO-Agenda abzuarbeiten, steht kaum zu erwarten. Und die ziemlich umstandslose Zur&uuml;ckweisung des moderaten Vorschlags f&uuml;r einen Europ&auml;ischen Sicherheitsvertrag l&auml;sst kaum erwarten, dass sich die NATO russischen Sicherheitsvorstellungen anzun&auml;hern geneigt ist. Gleiches gilt f&uuml;r die Gestalt des NATO-Russland-Rats als blo&szlig;em Konsultativorgan, der selbst bei gemeinsamen Aktionen weder bindende Beschl&uuml;sse fasst noch gar eine operative Bedeutung erlangen konnte.</p>
<h2 class="auto-created">Die neueste Mission: die Multi&shy;la&shy;te&shy;ra&shy;li&shy;sie&shy;rung der Rakete&shy;n&shy;ab&shy;wehr#</h2>
<p>Mit erstaunlich wenig Diskussionen einigten sich die Staats- und Regierungschefs auf eine neue Dimension der gemeinsamen Verteidigung: die Abwehr ballistischer Raketen. Damit beansprucht die NATO eine aktive Rolle in einem umw&auml;lzenden Transformationsprozess, in dessen Zuge nicht nur die Kooperation mit Russland, sondern auch die nukleare Abschreckung mit ihrer seit 50 Jahren &uuml;berragenden Bedeutung f&uuml;r die Sicherheitspolitik unter die R&auml;der kommen k&ouml;nnte. Ob die NATO mit ihrer Entscheidung, die amerikanischen Raketenabwehrpl&auml;ne in Europa als &bdquo;nationalen Beitrag zur NATO-Architektur der Raketenabwehr&rdquo; willkommen zu hei&szlig;en, auch Mitspracherechte &uuml;ber die Ausgestaltung dieser Transformation erh&auml;lt und ob L&auml;nder wie Deutschland destabilisierende Entwicklungen verhindern k&ouml;nnen, bleibt das gro&szlig;e Fragezeichen.</p>
<p>In den USA ist die Raketenabwehr mittlerweile politisch nicht mehr umstritten; fraglich ist allenfalls noch die technologische Umsetzung. Die Entscheidung der Regierung Obama, die amerikanischen Raketenabwehrpl&auml;ne neu auszurichten, stellt daher auch nur eine graduelle Kurs&auml;nderung dar. Obama begr&uuml;ndete die Abkehr von der einst unter Bush angestrebten dritten Stellung (&bdquo;Third Site&#8220;) des nationalen Abwehrsystems (die beiden anderen befinden sich in Kalifornien und Alaska) &mdash; bestehend aus einer Radaranlage in Tschechien und zehn in Polen zu stationierenden Abwehrraketen &mdash; mit einer ver&auml;nderten Bedrohungslage. Die in fr&uuml;heren Geheimdienstberichten bereits f&uuml;r 2015 erwartete Entwicklung von iranischen Langstreckenraketen, die auch die USA bedrohen k&ouml;nnten, wurde dahingehend modifiziert, dass sich der Iran auf die Stationierung von Mittelstreckenraketen konzentriere, die Europa bedrohten. Zu deren Abwehr sei ein dezentraler, in Phasen ausbauf&auml;higer Ansatz (&bdquo;phased adaptive approach&#8220;) besser geeignet. Bereits in diesem Jahr sollen erste Exemplare der erprobten Standard Missile 3 -(SM-3) der Variante Block IA auf Schiffen der Aegis-Klasse im Mittelmeer stationiert werden. In weiteren Ausbaustufen w&uuml;rden ab 2015 eine Radaranlage in S&uuml;dosteuropa, leistungsf&auml;higere Raketen in Rum&auml;nien und ab 2018 erneut auch in Polen folgen. Diese Abfangraketen sollen ab 2020 durch eine neu entwickelte Variante (SM-3 Block IIB) ausgetauscht werden, die den Planungen zufolge wiederum &uuml;ber die F&auml;higkeit zur Abwehr von Interkontinentalraketen verf&uuml;gen wird.</p>
<p>Dass Obamas Kurswechsel in Moskau dennoch auf verhaltenes Interesse und in vielen westeurop&auml;ischen Hauptst&auml;dten auf Zustimmung stie&szlig;, h&auml;ngt mit der gleichzeitig verk&uuml;ndeten politischen Neuausrichtung zusammen. Der &bdquo;phased adaptive approach&rdquo; soll in Kooperation mit Russland und in multilateraler Zusammenarbeit innerhalb der NATO realisiert werden. Beide Angebote sind allerdings wesentlich nebul&ouml;ser als die Planung der Abwehrarchitektur selbst. Wie Russland einbezogen werden k&ouml;nnte, ist &uuml;ber symbolische Akte der Kooperation hinaus vollkommen offen. Sicher ist einzig, dass die USA weder zum Technologietransfer bereit sind noch zum Aufbau eines integrativen Abwehrschirms, zu dem Russland zentrale Elemente beitragen k&ouml;nnte. Eine Beteiligung Moskaus an den Entscheidungsverfahren w&uuml;rde allein schon an den extrem zeitkritischen Abl&auml;ufen scheitern. Dar&uuml;ber hinaus lehnt auch die Regierung Obama r&uuml;stungskontrollpolitische Beschr&auml;nkungen der amerikanischen Handlungsfreiheit ab. Eine derart eingeschr&auml;nkte Kooperation gilt aus russischer Sicht als unzureichend, und Moskau besteht auf einer substantiellen Mitwirkung als Bedingung f&uuml;r eine Beteiligung an dem amerikanischen bzw. NATO System. Es ist daher zu bef&uuml;rchten, dass die Raketenabwehr erneut zum Stolperstein der westlich-russischen Beziehungen wird. Zur Erinnerung: Auch die von Bush geplante Stationierung eines Radars und von zehn Abwehrraketen empfand Russland nicht per se als Bedrohung, sondern argw&ouml;hnte, dass dieses System schnell und unkontrollierbar aufwachsen k&ouml;nnte. Mit der gleichen M&ouml;glichkeit sieht sich Moskau in der vierten Ausbaustufe des &bdquo;phased adaptive approach&rdquo; konfrontiert.</p>
<p>Auch das Angebot der USA, den &bdquo;phased adaptive approach&rdquo; innerhalb der NATO aufzubauen, bleibt bez&uuml;glich seiner Reichweite &ndash; etwa mit Blick auf die gemeinsame Entscheidung &uuml;ber die kritischen dritten und vierten Ausbaustufen &ndash; h&ouml;chst vage. Zum einen haben die USA durch bilaterale Vertr&auml;ge mit den Stationierungsl&auml;ndern sichergestellt, das ihr Programm auch au&szlig;erhalb der NATO realisiert werden kann: Zum&#8220; anderen fallen die Beitr&auml;ge der europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten zu dem nominell gemeinsamen System h&ouml;chst bescheiden aus. Um einen Rahmen zu finden, unter dem der &bdquo;phased adaptive approach&rdquo; in die Allianz eingebettet werden kann, zauberte der Generalsekret&auml;r im Oktober 2010 &uuml;berraschend den Vorschlag aus dem Hut, eine NATO-weite Kontroll- und Kommandostruktur zu schaffen, in die nationale Raketenabwehrvorhaben integriert werden k&ouml;nnen. Deren Kosten bezifferte Rasmussen auf bescheidene 200 Millionen Euro &mdash; verteilt &uuml;ber 10 Jahre.[6] Dar&uuml;ber hinaus h&auml;tte Europa aber nur wenig zu bieten.</p>
<p>Dieses Ungleichgewicht wirft schlie&szlig;lich eine weitere Frage auf. Bushs Stationierungspl&auml;ne in Europa sollten erkl&auml;rterma&szlig;en das amerikanische Territorium gegen iranische Interkontinentalraketen sch&uuml;tzen. Obamas System dagegen dient zun&auml;chst ausschlie&szlig;lich dem Schutz der Europ&auml;er gegen die wahrscheinlichere Bedrohung durch iranische Mittelstreckenraketen. Dass der amerikanische Steuerzahler Bushs Pl&auml;ne finanziert h&auml;tte, erscheint nachvollziehbar; dass der amerikanische Kongress seine Zustimmung zur Finanzierung eines Abwehrsystems gibt, das ausschlie&szlig;lich die Europ&auml;er sch&uuml;tzt und zu dem die EU-Staaten lediglich symbolisch beitragen, ist kaum zu erwarten.</p>
<h2 class="auto-created">Empfehlungen</h2>
<p>Ziel des neuen Strategischen Konzepts war es, die NATO zukunfts- und friedenstauglich zu machen. Das Ergebnis ist bescheiden und eine weitere verpasste Gelegenheit. Es verharrt in Vergangenheit und Gegenwart und ist mit seiner Unentschiedenheit zwischen einer sehr traditionell verstandenen kollektiven Verteidigung und einer unzureichend ausgestalteten internationalen Stabilisierungsrolle weit davon entfernt, die notwendige Orientierung zu bieten.</p>
<p>Das Bekenntnis zum internationalen Krisenmanagement reflektiert immerhin, dass europ&auml;ische Sicherheit auch k&uuml;nftig vor allem von Kriegen und B&uuml;rgerkriegen, Staatsversagen und rechtsfreien R&auml;umen au&szlig;erhalb Europas betroffen sein wird. Zwar bekennt sich die NATO dazu, dass milit&auml;rische Mittel in derartigen Szenarien nur eine begleitende, die zivile Krisenpr&auml;vention und den Wiederaufbau unterst&uuml;tzende Rolle spielen k&ouml;nnen. Dies schl&auml;gt sich im Konzept der &bdquo;vernetzten Sicherheit&rdquo; nieder. Allerdings wird dieser Ansatz nur dann eine Chance haben, wenn die NATO ihn nicht l&auml;nger in einer hegemonialen Variante pr&auml;sentiert, bei der die Allianz im Zentrum steht und den zivilen Akteure sowie der VN einen Platz an ihrer Peripherie zuweist. In dieser Form muss er scheitern, weil er die ohnedies prek&auml;re politische Unterst&uuml;tzung f&uuml;r ein solches Engagement &uuml;berfordert und weil er die Bereitschaft anderer Organisationen zur Unterordnung &uuml;bersch&auml;tzt. Die &bdquo;vernetzte Sicherheit&rdquo; wird nur dann funktionieren k&ouml;nnen, wenn die NATO eine begleitende Rolle einnimmt und die F&uuml;hrung anderen, und hier insbesondere den Vereinten Nationen &uuml;berl&auml;sst &mdash; von dem inh&auml;renten Spannungsverh&auml;ltnis zwischen der Logik ziviler und milit&auml;rischer Friedenssicherungsma&szlig;nahmen ganz zu schweigen.</p>
<p>Der R&uuml;ckzug auf die fr&uuml;here Kernaufgabe der territorialen Verteidigung ist dagegen angesichts der realen Bedrohungslage und der milit&auml;rischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse ebenso &uuml;berfl&uuml;ssig wie kontraproduktiv. Russland ist und bleibt zwar aus vielerlei Gr&uuml;nden ein schwieriger Partner, aber eben auch ein wichtiger; und das alte Versprechen &bdquo;Europe, whole and free&rdquo; bleibt die genuine Gestaltungsaufgabe, der sich auch die NATO unterzuordnen hat. Daher gilt es trotz der ordnungspolitischen Differenzen mit Russland Sicherheit als gemeinsames Projekt zu organisieren sowie die Dynamik des Sicherheitsdilemmas ernst zu nehmen und konstruktiv zu bearbeiten.[7] Das ist im &Uuml;brigen der einzig Erfolg versprechende Ansatz einer Einflussnahme auf die politische Entwicklung in Russland selbst. Ausgrenzung und Abgrenzung helfen hier nicht; die Einladung zur Mitwirkung ist wichtiger als die Risikovorsorge.</p>
<p>Bereits heute ist absehbar, dass die Raketenabwehr ein weiteres Mal zum Stolperstein der westlich-russischen Beziehungen werden wird. Entgegen der hochfliegenden und teilweise naiven Erwartungen, die Raketenabwehr lie&szlig;e sich kooperativ organisieren und zum Kern der Zusammenarbeit mit Russland machen, beurteilen wir die Kooperationsm&ouml;glichkeiten skeptisch. Die Chancen der Einbeziehung Russlands, die sich bieten, sollte die NATO aber nutzen. Erstens sollten die Gespr&auml;che im NATO-Russland-Rat &uuml;ber Stand und Gefahren der Proliferation nicht unverbindlich bleiben, sondern zu praktischen Ergebnissen f&uuml;hren. Konkret sollte die NATO zusagen, die Entscheidung &uuml;ber die dritte und vierte Ausbaustufe des &bdquo;phased adaptive approach&rdquo; von der gemeinsam festgestellten Bedrohungslage abh&auml;ngig zu machen. Zweitens sollte Moskau an der Festlegung der Bedingungen, die zur Startfreigabe von Abwehrraketen vorliegen m&uuml;ssen (&bdquo;pre-delegation&#8220;), beteiligt werden. Dennoch bleibt die Raketenabwehr ein Feld der Beziehungen, das auf Dauer mehr Vertrauen konsumieren als produzieren wird.</p>
<p>[1] Anders Fogh Rasmussen: The New Strategie Concept: Active Engagement: Modern Defence, Speech at the German Marshall Fund of the US, 8. Oktober 2010, <a href="http://www.nato.int/cps/en/natolive/opinions_66727.htm" target="_blank" rel="noopener">www.nato.int/cps/en/natolive/opinions_66727.htm</a>.</p>
<p>[2] Active Engagement, Modern Defence. Strategie Concept For the Defence and Security of The Members of the North Atlantic Treaty Organization, S. 4 (im Folgenden zitiert im Text als Strategie Concept).</p>
<p>[3] Address by the President of the United States, George W. Bush, at the Riga Summit, abrufbar unter: <a href="http://www.rigasurnmit.lv/enlidlnewsinlnid%21258/" target="_blank" rel="noopener">www.rigasurnmit.lv/enlidlnewsinlnid!258/</a>.</p>
<p>[4] Valdas Adamkus et.al., An Open Letter to the Obama Administration from Central and Eastern Europe, Radio Free Europe, 16.7.2009.</p>
<p>[5] Vgl. Rasmussen, The New Strategie Concept (Fn. 1), S. 2.</p>
<p>[6] Anders Fogh Rasmussen, NATO needs a Missile Defense, NYT, 21.102010.</p>
<p>[7] Vgl. Hierzu auch die konkreten Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Vertiefung der Kooperation mit Russland: Matthias DembinskiBarbara Schumacher/Hans-JoachimSpanger, Reset Revisited &ndash; Zur Programmierung europ&auml;ischer Sicherheit, Frankfurt: HSFK-Report 6/2010.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/193-vorgaenge/publikation/der-berg-kreisste-und-gebar-eine-maus/">Der Berg kreißte und gebar eine Maus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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