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	<title>Ulrike Jureit Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Gefühlte Vergangenheiten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 21:45:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zum Verh&#228;ltnis von Geschichte, Erinnerungen und kollektiven Identit&#228;tsw&#252;nschen aus vorg&#228;nge Heft 2/2012, S.16-23 Geht es um die gesellschaftliche Verarbeitung von Kriegen, Massengewalt und V&#246;lkermord, ist das Erinnerungsgebot eine ausgesprochen moderne Vorstellung. Bis in die Neuzeit hinein herrschte noch die Auffassung vor, ein wirksamer Friedensvertrag funktioniere nicht ohne Amnestie und Amnesie. Ein solches Vergeben und Vergessen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012/publikation/gefuehlte-vergangenheiten/">Gefühlte Vergangenheiten</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Verh&auml;ltnis von Geschichte, Erinnerungen und kollektiven Identit&auml;tsw&uuml;nschen</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012, S.16-23</p>
<p>Geht es um die gesellschaftliche Verarbeitung von Kriegen, Massengewalt und V&ouml;lkermord, ist das Erinnerungsgebot eine ausgesprochen moderne Vorstellung. Bis in die Neuzeit hinein herrschte noch die Auffassung vor, ein wirksamer Friedensvertrag funktioniere nicht ohne Amnestie und Amnesie. Ein solches <i>Vergeben und Vergessen </i>als Form der kollektiven Vergangenheitsbearbeitung ist sp&auml;testens seit Auschwitz unvorstellbar geworden. Eindr&uuml;cklich hat der Historiker Christian Meier diesen Zwiespalt als irritierenden Zwischenruf in seinem Buch <i>&#8222;Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns: vom &ouml;ffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit&#8220;</i> aufgegriffen. W&auml;hrend es uns heute vor allem aus moralischen Gr&uuml;nden selbstverst&auml;ndlich scheint, kollektives Erinnern als notwendig und unverzichtbar anzusehen, verweist Meiers historischer Befund auf das genaue Gegenteil: <i>abolitio</i>, also die Tilgung der grauenhaften Geschehnisse aus dem kollektiven Ged&auml;chtnis galt jahrhundertelang als der wirksamste Umgang mit verbrecherischen Vergangenheiten, und das vor allem deswegen, weil nur auf diese Weise einer Wiederholung von Gewalttaten entgegen zu wirken sei. Das Motiv der Rache und ihre Einhegung spielten dabei eine zentrale Rolle.</p>
<p>Im Ergebnis l&auml;sst Meier die Widerspr&uuml;chlichkeit seines historischen Befundes unaufgel&ouml;st und bezeichnet es als eine schwierige Frage der G&uuml;terabw&auml;gung, wie man nach Kriegen, B&uuml;rgerkriegen, Revolutionen und Umst&uuml;rzen mit der Vergangenheit umgehen sollte. Es sei keineswegs ausgemacht, &#8222;dass sich seit der unabweisbaren deutschen Erinnerung an Auschwitz alles anders verh&auml;lt als fr&uuml;her&#8220; (Meier 2010:97). Auschwitz als erinnerungspolitischer Sonderfall? Was sich wohl zweifellos sagen l&auml;sst, ist, dass selbst eine intensive und gesellschaftlich verankerte Erinnerung an Katastrophen und Massengewalt nicht verhindert, dass es gerade mit Rekurs auf diese erfahrene und erinnerte Gewalt zu neuen Konflikte und &Uuml;bergriffen kommt, und insofern ist Meiers Schlussfolgerung, dass &#8222;t&auml;tige Erinnerung Wiederholung&#8220; keineswegs ausschlie&szlig;t, sicherlich zutreffend und bedenkenswert.</p>
<p>Geht man indes den von Meier dargelegten Beobachtungen zum Funktionswandel historischen Erinnerns weiter nach, und zwar vor allem hinsichtlich der tradierten und verf&uuml;gbaren Gedenkformen, erschlie&szlig;t sich ein weiteres Dilemma. Obgleich die Geschichte ja kein Mangel an blutigen Konflikten, Vernichtungskriegen, Genoziden und Massenmorden aufweist, verf&uuml;gen moderne Gesellschaften nur &uuml;ber ein &uuml;berschaubares Ensemble an Formen des negativen Ged&auml;chtnisses, die nicht vornehmlich die Opfer von Gewalteskalationen erinnern, sondern ebenso die Taten und ihre T&auml;ter einbeziehen. Schandmale und S&uuml;hnekreuze sind in unserem Traditionsbestand eher randst&auml;ndig, als ausgepr&auml;gter erweist sich das Bestreben, milit&auml;rische oder politische Katastrophen beispielsweise durch Denkmalsetzungen in nationale Siege umzudeuten.</p>
<p>Das Arsenal der vorr&auml;tigen Erinnerungssymbole weist daher gegenw&auml;rtig ein signifikantes Spektrum auf, gerade weil lange Zeit nicht das nachdr&uuml;ckliche Gedenken, sondern <i>Vergeben und Vergessen</i> als der wirksamste Weg zu befriedeten Verh&auml;ltnissen angesehen wurde. Wenn jedoch ein solcher Umgang mit verbrecherischer Vergangenheit verwehrt ist, an welche Traditionen kann historisches Erinnern dann ankn&uuml;pfen? Wie kann eine Nachfolgegesellschaft mit dieser, von Teilen der Gesellschaft ausge&uuml;bten Massengewalt umgehen, wie l&auml;sst sich eine solche Vergangenheit verarbeiten und als negativer Bezugspunkt der eigenen Geschichte deuten, ohne das spezifische Moment der kollektiven T&auml;terschaft hinter dem &#8211; wenn auch aufrichtig gemeinten &#8211; Opfergedenken verschwinden zu lassen?</p>
<p>Reinhard Koselleck hat dazu die &#8222;Differenz zwischen der Prim&auml;rerfahrung der wirklich Betroffenen und der hinterher aufzuarbeitenden Sekund&auml;rerfahrung der Heutigen&#8220; (Koselleck 2002:26) hervorgehoben, aus der er drei Fragen ableitete: Wer ist zu erinnern? Was ist zu erinnern? Wie ist zu erinnern? W&auml;hrend Koselleck in seinen &Uuml;berlegungen vor allem die Prim&auml;rerfahrungen der im Nationalsozialismus Verfolgten im Blick hatte, stellt sich mit Bezug zum Nationalsozialismus mittlerweile ja ohnehin die erinnerungspolitische Herausforderung, dass wir es inzwischen nahezu ausschlie&szlig;lich mit historischen Geschehnissen zu tun haben, die die Mehrheit unserer Gesellschaft nicht selbst erlebt oder erlitten hat. W&auml;hrend individuelles Erinnern an die Vorstellung oder zumindest an das Gef&uuml;hl gebunden ist, dass sich eine als <i>Ich</i> verstandene Instanz an pers&ouml;nlich erlebte Geschehnisse erinnert, stellt dieser Selbstbezug f&uuml;r kollektive Erinnerungsprozesse einen immanenten Widerspruch dar. Mit dem Westf&auml;lischen Frieden, der Franz&ouml;sischen Revolution oder der Entdeckung Amerikas verh&auml;lt es sich derweil nicht wesentlich anders als mit der Reichspogromnacht, der Befreiung des KZ Auschwitz oder dem Atombombenabwurf &uuml;ber Hiroshima &#8211; die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit unserer Gesellschaft kann sich an diese Ereignisse schlicht nicht erinnern, und zwar nicht nur, weil sie sich vielleicht zu dieser Zeit an einem ganz anderen Ort aufhielt, sondern vor allem, weil sie zu jung ist.</p>
<p>Im Falle kollektiven Erinnerns ist also nach einem gewissen zeitlichen Abstand gerade das die Ausnahme, was f&uuml;r das individuelle Erinnern als konstitutiv gilt. Diese Differenz, die sich ja nicht gerade als unerheblich abtun l&auml;sst, spielt erstaunlicherweise in der gegenw&auml;rtigen Erinnerungs- und Ged&auml;chtnisdebatte eine eher nebens&auml;chliche Rolle. Die Vergegenw&auml;rtigung historischen Geschehens wird relativ ungebrochen als identit&auml;tsstiftender Selbstvergewisserungsprozess einer Gruppe oder einer Gesellschaft aufgefasst. Dadurch gewinnt eine auf Identifizierungsw&uuml;nschen beruhende Aneignung von Geschichte immer st&auml;rker an Gewicht. Um Fremderfahrungen in identit&auml;tsrelevante Vergangenheiten transformieren zu k&ouml;nnen, scheint die Kluft der Erfahrung durch ein inszeniertes &#8222;als- ob&#8220; &uuml;berbr&uuml;ckt zu werden, ohne dass diese Umarbeitung wie bei rituellen Vollz&uuml;gen reflektiert und bewusst gestaltet wird. Wir tun schlicht so, als wenn es um Geschehnisse geht, die wir selbst erfahren oder erlitten haben, und simulieren einen Selbstbezug, in den wir uns dann emotional hineinsteigern. Vergegenw&auml;rtigungen im Sinne solcher Selbstfindungssehns&uuml;chte produzieren allerdings nicht nur so komplizierte Gef&uuml;hlslagen wie die der nachholenden oder ererbten Trauer, sie tendieren auch dazu, die interessengeleitete Inanspruchnahme von Vergangenheiten zu verschleiern.</p>
<p>Das Problem der Tradierung der als beispiellos kategorisierten Verbrechen im Nationalsozialismus umfasst somit mehrere Ebenen: Zum einen die generelle Kluft der Erfahrung, die im gewissen Sinne ja bereits unmittelbar nach den Bezugsereignissen zwischen Prim&auml;rzeugen und allen anderen Zeitzeugen existierte und emotional wie intellektuell nie aufl&ouml;sbar ist, zum anderen aber auch die generationelle Tradierung, durch die mit zunehmendem zeitlichem Abstand das historische Ereignis als mehr oder weniger vielstimmige &Uuml;berlieferung zug&auml;nglich ist. Dieser Wandel, der erinnerungstheoretisch h&auml;ufig und etwas missverst&auml;ndlich als &Uuml;bergang vom kommunikativen zum kulturellen Ged&auml;chtnis (Assmann 1997) bezeichnet wird, bezieht sich im Grunde genommen nicht allein und vielleicht nicht einmal prim&auml;r auf den Umstand ver&auml;nderter kommunikativer Bez&uuml;ge, sondern vor allem auf die Tatsache einer &#8211; man m&ouml;chte fast sagen &#8211; gesteigerten generationellen, emotionalen und kulturellen Tradierungsdynamik.</p>
<p>Wie eignen sich Nachfolgegesellschaften Vergangenheiten an, die sich nicht positiv in ihr Selbstbild integrieren lassen, die jedoch aus moralischen Gr&uuml;nden in Erinnerung bleiben sollen? Wie sind Dynamiken kollektiven Erinnerns zu konzeptionalisieren, wenn sich nicht nur der biographische und der famili&auml;re Rahmen, sondern sich das kulturelle und gesellschaftliche Bedingungsgef&uuml;ge insgesamt grundlegend wandelt? W&auml;hrend f&uuml;r die ersten Nachkriegsjahre noch von einer durchaus komplexen und differenzierten Erinnerungskonfiguration ausgegangen werden kann, etablierte sich in Westdeutschland zun&auml;chst eine Erinnerungskultur, die sich vor allem dem Schicksal der eigenen Gemeinschaftsangeh&ouml;rigen zuwandte und gerade durch diese Selbstreferentialit&auml;t die spezifisch deutsche Schuld an den nationalsozialistischen Massenverbrechen ausblendete. Die Anerkennung von deutschen Fl&uuml;chtlingen, Vertriebenen, Kriegsheimkehrern und Ausgebombten als entsch&auml;digungsw&uuml;rdige Kriegsopfer stand dabei im Zentrum eines Vergangenheitsdiskurses, der den erinnerungspolitischen Paradigmenwechsel vom <i>Held zum Opfer </i>bereits vollzogen hatte (Sabrow 2012). <i>Im Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft </i>&#8211; mit dieser oder einer &auml;hnlichen Erinnerungsformel w&auml;re die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft gern in der allm&auml;hlichen Behaglichkeit des Wirtschaftswunders zur Ruhe gekommen.</p>
<p>Das darin eingelassene Verleugnungspotential rief jedoch Ende der 1960er Jahre den vehementen Widerspruch der unmittelbar Nachgeborenen hervor. Norbert Elias beschrieb die damalige politische Situation in West-Deutschland als eine Spirale der Selbstzerst&ouml;rung (Elias 1990). Die gesellschaftliche Spaltung f&uuml;hrte er auf eine ausgebliebene Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit zur&uuml;ck, durch die die Bundesrepublik in eine tiefe und zudem generationell strukturierte Identit&auml;tskrise geraten sei. W&auml;hrend ein erheblicher Teil derjenigen, die den Nationalsozialismus noch selbst erlebt hatten, so t&auml;te, als wenn nichts geschehen sei, h&auml;tten sich vor allem nach-wachsende Jahrg&auml;nge vom politischen System der Bundesrepublik abgewandt und im Marxismus das Gegenmodell zum vermeintlich autorit&auml;ren Staat gesucht. Elias markierte damit den gesellschaftlichen Wandel in den 1960er und 1970er Jahren als einen Umbruchs- und Transformationsprozess, den er eng an die generationelle Auseinandersetzung und Weitergabe der nationalsozialistischen Vergangenheit gebunden sah. Dieser gesellschaftliche Konflikt brachte nachhaltige und f&uuml;r die damalige generationelle Konfliktlage signifikante Muster der Vergangenheitsdeutung und Aufarbeitung hervor, die insbesondere von dem Wunsch geleitet war, die ver&uuml;bten Verbrechen aufzukl&auml;ren und sich mit den Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu identifizieren. Diese nachholende Hinwendung zu den Opfern, die Anerkennung und das Nachempfinden ihrer Leiden waren ein unabdingbarer Schritt in der vielzitierten Vergangenheitsaufarbeitung. Eine solche Emotionalisierung war und ist notwendig, um &uuml;berhaupt das Geschehene als Verbrechen, um die Beteiligten als f&uuml;r diese Taten verantwortlich auszumachen. Allerdings hat sich dieses Mitf&uuml;hlen und Mitleiden in den nachfolgenden Jahrzehnten zu einem Identifizierungswunsch mit den Opfern entwickelt, und nicht nur individuell, auch gesellschaftlich ist daraus eine Art geliehene Identit&auml;t erwachsen &#8211; ein Identit&auml;tswunsch, der sich generell Opfern von Krieg, Ausbeutung und Unrecht nahe f&uuml;hlt, w&auml;hrend die T&auml;ter und ihre Taten anonymisiert und pauschal verurteilt werden. Es l&auml;sst sich bis in die 1990er Jahre hinein und dar&uuml;ber hinaus eine generationell aufgeladene Erinnerungsgemeinschaft beobachten, die auf das Selbstbild des <i>Gef&uuml;hlten Opfers </i>rekurriert. Das Reden als <i>Generation</i> erwies sich dabei als &uuml;beraus starke Differenzkategorie, weil dadurch nicht nur der moralische Bruch zur Elterngeneration vollzogen werden konnte, sondern damit mittlerweile auch die Hoffnung verbunden wird, diese generationenspezifische Deutung des Holocaust an die eigenen Nachkommen tradieren zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Die Erinnerungsfigur des <i>Gef&uuml;hlten Opfers </i>erweckt manchmal den (falschen) Eindruck, sie konstatiere eine Ausblendung oder zumindest eine marginale Besch&auml;ftigung mit den T&auml;tern der Vernichtungspolitik. Dieses Missverst&auml;ndnis gilt es zu korrigieren: Opferidentifiziertes Erinnern ist keineswegs in diesem Sinne eindimensional, sondern produziert vielmehr eine spezifische Sicht auf T&auml;terschaften &#8211; eine Sicht, die zur Generalisierung tendiert, die dazu neigt, mentale T&auml;terkollektive zu konstruieren und die NS-T&auml;ter h&auml;ufig als sadistische, triebgesteuerte oder sonst wie pathologisch auff&auml;llige &Uuml;berzeugungst&auml;ter d&auml;monisiert. Ihre Exklusion zementiert das eigene Selbstverst&auml;ndnis als nachgeborene Deutsche, die sich durch die Identifizierungsw&uuml;nsche mit den Opfern von der ererbten Geschichte lossagen &#8211; und dadurch einen wesentlichen Kern ihres Vergangenheitsbezuges ausblenden. Martin Walser hat 1965 in einem immer noch lesenswerten Text mit Blick auf den Auschwitz-Prozess geschrieben: &#8222;Nat&uuml;rlich verabscheuen wir die T&auml;ter. Das geh&ouml;rt ja mit zu unserer intimen Auseinandersetzung. Wir empfinden dadurch den Unterschied. Und wir nehmen Anteil am Opfer. (&#8230;) Erst durch den hilflosen Versuch, uns auf die Seite des Opfers zu stellen oder uns, so gut es gehen will, wenigstens vorzustellen, wie schrecklich da gelitten wurde, erst durch diese Anteilnahme wird uns der T&auml;ter so verabscheuungsw&uuml;rdig und brutal, wie wir ihn f&uuml;r unsere realit&auml;tsarme, aber momentan heftige Empfindung brauchen.&#8220; (Walser 1965) Mehr als vierzig Jahre sp&auml;ter hat sich daraus ein gesellschaftlich dominantes Muster der Vergangenheitsaufarbeitung professionalisiert. Doch statt diesen Mechanismus als &#8222;Dauerrepr&auml;sentanz unserer Schande&#8220; (Walser 1998) nach au&szlig;en zu projizieren, wie Walser es dann 1998 getan hat, zielt die Erinnerungsfigur des <i>Gef&uuml;hlten Opfers </i>darauf, die vermutlich notwendige, aber letztlich entlastende Funktion des opferidentifizierten Erinnerns zu historisieren und ihre Verleugnungsanteile sichtbar zu machen.</p>
<p>Der hier allenfalls kursorische R&uuml;ckblick auf sechzig Jahre Holocaustgedenken verweist auf eine spezifische Konfiguration, die seit den 1960er Jahren vor allem durch ein generationell verankertes und anschlie&szlig;end in breite Gesellschaftsschichten diffundierendes Erinnerungsmuster gepr&auml;gt war, das mit der Figur des <i>Gef&uuml;hlten Opfers</i> sicherlich nur unzureichend und verk&uuml;rzt auf den Begriff gebracht ist. W&auml;hrend die Verklammerung der unmittelbar Kriegs- und Nachkriegsgeborenen mit dem Nationalsozialismus und vor allem mit dem Holocaust noch durch eine Eltern-Kind-Konstellation mit spezifischen Schuld- und Schamanteilen konturiert war, scheinen sich solche identifikatorischen Vergangenheitsbez&uuml;ge in den letzten Jahren nach und nach zu verfl&uuml;chtigen. Die Erinnerung an den Holocaust entw&auml;chst gleichsam einer lange Zeit symptomatischen Generationenlagerung und damit auch den daf&uuml;r spezifischen Formen identit&auml;rer Geschichtsaneignung. Hierbei bleibt allerdings zu bedenken, dass es sich bei <i>Generationen</i> um keine substantialistischen Entit&auml;ten handelt, sondern um kommunikativ ausgehandelte (massenmedial hergestellte) und emotional geglaubte Erfahrungs-, Aneignungs- und Erinnerungsgemeinschaften, deren Entstehung nicht als Gruppenbildungsprozess im soziologischen Sinne, sondern als ein an codierten Objekten ausgerichteter ldentifikationsprozess zu verstehen ist.</p>
<p>Der Zusammenhang von <i>Generation</i> und <i>Erinnerung</i> ist dann folglich ein zweifacher: zum einen die retrospektive und damit die stets bereits auf Erfahrungsverarbeitung beruhende Verst&auml;ndigung von etwa Gleichaltrigen &uuml;ber geglaubte Gemeinsamkeiten mit Vergangenheitsbezug, zum anderen massenmedial kommunizierte und generationell markierte Deutungsangebote zu historischen Ereignissen, die individuell zwar als identit&auml;tsrelevant angesehen werden, die aber in der Regel allenfalls eine diffuse Verbundenheit hervorrufen und nur selten stabile Gruppenidentit&auml;ten erzeugen. M&ouml;glicherweise erscheint uns das identit&auml;tsstiftende Moment von kollektiven Erinnerungsprozessen aufgrund der starken Pr&auml;senz des Holocaust-Gedenkens in unserer Kultur selbstverst&auml;ndlicher als es eigentlich ist, generationentheoretisch k&ouml;nnte es sich hierbei auch um eine Ausnahme handeln. Die Ungeheuerlichkeit der ver&uuml;bten Verbrechen erzeugte einen generationellen Bruch gegen&uuml;ber den Elternkohorten, und diese radikale, generationell gelagerte Unterbrechung besitzt zweifellos eine au&szlig;ergew&ouml;hnliche und nachhaltige Identit&auml;tsrelevanz.</p>
<p>Inwiefern allerdings eine solche emotional, generationell und historisch sehr spezifische Konstellation R&uuml;ckschl&uuml;sse zul&auml;sst auf den generellen Zusammenhang von <i>Erinnerung und Generation</i>, ist sicherlich noch nicht hinreichend diskutiert. Was sich allerdings sagen l&auml;sst, ist, dass die generationellen Ver&auml;nderungsdynamiken, die sich gegenw&auml;rtig abzeichnen und beobachten lassen, nicht in die im Erinnerungsdiskurs immer noch &uuml;bliche Rubrik des allseits drohenden <i>Vergessens</i> geh&ouml;ren. Historisierung ist kein besonders heimt&uuml;ckischer Fall kollektiver Vergesslichkeit, sondern ein notwendiger und unausweichlicher Prozess der Vergangenheitsaneignung. Ohnehin lassen sich solche komplexen Verarbeitungs- und Umdeutungsvorg&auml;nge wissenschaftlich kaum noch gewinnbringend mit einem alltagssprachlichen Verst&auml;ndnis von <i>Erinnern</i> und <i>Vergessen</i> analysieren. Eine solche bin&auml;re Codierung hat im wissenschaftlichen Diskurs eher zu Missverst&auml;ndnissen als zu Erkenntnissen gef&uuml;hrt.</p>
<p>Als weitaus gewinnbringender erweist sich der vor allem von dem Soziologen Maurice Halbwachs reflektierte Wandel des Vergangenheitsbezuges durch variierende Sozialbeziehungen. Individuelle wie kollektive Ged&auml;chtnisse sind demnach sozial konstituiert, weil sie verwoben sind in verschiedene Gruppen und Milieus, denen jeder angeh&ouml;rt. Nach Halbwachs gibt es kein Ged&auml;chtnis &#8222;au&szlig;erhalb derjenigen Bezugsrahmen, deren sich die in der Gesellschaft lebenden Menschen bedienen, um ihre Erinnerungen zu fixieren und wiederzufinden&#8220; (Halbwachs 1925:121). Wechselt dieser Rahmen oder verlassen wir eine bestimmte soziale Gruppe, gehen die relevanten Bez&uuml;ge verloren und die Vergangenheitsbilder verblassen. Dinge und Ereignisse, die schon mal wichtig waren, treten in den Hintergrund. Ver&auml;ndert sich eine Gruppe, ver&auml;ndern sich ihre Lebensbedingungen, dann entledigt sie sich bestimmter Geschichten oder f&uuml;gt neue hinzu, die der neuen sozialen Rahmung besser entsprechen. Solche Umarbeitungen verweisen auf den starken Gegenwartsbezug gemeinschaftlicher Vergegenw&auml;rtigungen, und sie verdeutlichen, dass wir Vergangenheit weniger rekonstruieren; sondern uns eher ein Bild von ihr machen. Erinnerung in diesem Sinne ist &#8222;in sehr weitem Ma&szlig;e eine Rekonstruktion der Vergangenheit mit Hilfe von der Gegenwart entliehenen Gegebenheiten und wird im &Uuml;brigen durch andere, zu fr&uuml;heren Zeiten unternommene Rekonstruktionen vorbereitet, aus denen das Bild von ehemals schon recht ver&auml;ndert hervorgegangen ist&#8220; (Halbwachs 1925:55).</p>
<p>Halbwachs&#8216; Theorieangebot l&auml;sst sich besonders eindrucksvoll anhand seiner 1941 verfassten Studie zu den St&auml;tten der Verk&uuml;ndigung im Heiligen Land nachvollziehen. Anhand von Quellen wie Pilger- und Reiseberichten sowie biblischen &Uuml;berlieferungen sucht Halbwachs in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth nach &#8222;geformten Erinnerungen&#8220;, die er weder nach ihrer historischen Urspr&uuml;nglichkeit noch nach ihrer Wirklichkeits&uuml;bereinstimmung befragt, sondern als jeweils zeitgen&ouml;ssische Formen kollektiven Erinnerns betrachtet. Bei diesem Prozess der fortgesetzten &Uuml;berschreibungen wird &#8222;das Wissen darum, was urspr&uuml;nglich war, mindestens zweitrangig, wenn nicht ganz und gar &uuml;berfl&uuml;ssig: die Wirklichkeit der Vergangenheit, eine unver&auml;nderliche Vorlage, der man zu entsprechen h&auml;tte, gibt es nicht mehr&#8220; (Halbwachs 1914:21). Mit einer solchen Lesart von Erinnerungsfiguren lie&szlig;e sich veranschaulichen, dass es sich bei kollektiven Erinnerungsprozessen um kommunikativ ausgehandelte Kompositionen handelt, die stets auf anderen, ihnen vorausgehenden Entw&uuml;rfen beruhen oder auf sie verweisen. Eine solche Kontextualisierung kann nicht nur davor sch&uuml;tzen, das jeweils eigene oder gerade aktuelle Deutungsangebot als das einzig g&uuml;ltige und legitime auszugeben, sie vermag auch zu zeigen, wie sich anbahnende Wandlungs- und Transformationsphasen vor dem Hintergrund eines historischen Spannungsbogens interpretieren lassen. Und da wir uns gegenw&auml;rtig ja zweifellos in einem solchen Umbruch befinden, w&auml;re mit Halbwachs nach den zentralen Bedingungsfaktoren zu fragen, die sich zurzeit ver&auml;ndern.</p>
<p>Und diese Einschnitte sind gegenw&auml;rtig in der Tat gravierend: Nicht nur die vom Nationalsozialismus, Holocaust und Krieg erz&auml;hlenden Prim&auml;r- und Zeitzeugen sind bereits mehrheitlich verstorben, auch die <i>zweite Generation </i>der Kriegs- und Nachkrieggeborenen scheidet allm&auml;hlich aus den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Funktionen aus beziehungsweise arbeitet derzeit an der Tradierung ihrer Geschichts- und Erinnerungsbilder. Sie sieht sich dabei nachwachsenden Jahrg&auml;ngen gegen&uuml;ber, die sich ganz offensichtlich nicht in gleicher Weise mit Nationalsozialismus und Holocaust verbunden sehen und daher als moralisch indifferent wahrgenommen werden &#8211; f&uuml;r manche Beteiligte eine hochgradig irritierende und offenbar auch beunruhigende Erfahrung. Dieser generationelle Umbruch f&auml;llt dar&uuml;ber hinaus noch mit einem kulturellen Wandlungsprozess zusammen, der mit den Schlagworten Globalisierung, Kulturtransfer und Migration erst allm&auml;hlich Einzug h&auml;lt in die ged&auml;chtnistheoretischen Theorie- und Konzeptanstrengungen eines interdisziplin&auml;ren Forschungsfeldes, und der in der bildungs- und erinnerungspolitischen Praxis weiterhin eher konflikthaft als bereichernd erlebt wird. Postsouver&auml;ne Gesellschaften konstituieren sich nicht mehr als homogene Erinnerungsgemeinschaften mit gemeinsamer Sprache und gemeinsamer Geschichte. Sie stehen vor der Herausforderung, angesichts enormer Komplexit&auml;ts- und Pluralit&auml;tssteigerungen nach neuen Integrations- und Gemeinschaftsformen zu suchen, die bei maximaler Freiheitsgarantie noch so viel Bindung, wie sie f&uuml;r ein funktionierendes Gemeinwesen n&ouml;tig ist, erzeugen. Deutschland ist, wie die meisten westeurop&auml;ischen Staaten, ein Einwanderungsland, das eine nicht mehr nach Nationen und Ethnien zu differenzierende Bev&ouml;lkerung umfasst. Dementsprechend vollzieht sich historisches Erinnern immer weniger im Rekurs auf national oder ethnisch verfasste Geschichtsentw&uuml;rfe, da ein stetig wachsender Teil der Bev&ouml;lkerungen &uuml;ber andere famili&auml;re Hintergr&uuml;nde verf&uuml;gt und somit mit Vergangenheiten konfrontiert wird, &#8222;die au&szlig;erhalb ihres ethnischen Herkunftsglaubens liegen&#8220; (Leggewie 2008:33). Derzeit l&auml;sst sich sicherlich noch nicht absch&auml;tzen, welche Erinnerungsfiguren, welche neuen Begriffe, Formen und Muster des Holocaust-Gedenkens aus dieser Umbruchsphase erwachsen werden. Absehbar ist hingegen schon jetzt, dass sich trotz hartn&auml;ckigen Bem&uuml;hens ein solcher Historisierungsschub weder normativ aufhalten noch regulieren lassen wird.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p><i>Assmann, Jan</i> 1997: Das kulturelle Ged&auml;chtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identit&auml;t in fr&uuml;hen Hochkulturen, 2. durchgesehene Auflage, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Bohrer, Karl-Heinz </i>2003: Ekstasen der Zeit. Augenblick &#8211; Gegenwart &#8211; Erinnerung, M&uuml;nchen. Dimbath, Oliver et al. (Hg.) 2011: Soziologie des Vergessens. Theoretische Zug&auml;nge und empirische Forschungsfelder, Konstanz.</p>
<p><i>Elias, Norbert</i> 1990 [1985]: Studien &uuml;ber die Deutschen. Machtk&auml;mpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, 3. Auflage, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Erll, Astrid </i>2005: Kollektives Ged&auml;chtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einf&uuml;hrung, Stuttgart.</p>
<p><i>Frei, Norbert</i> 1996: Vergangenheitspolitik. Die Anf&auml;nge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Fr&ouml;lich, Margret</i> et al. (Hg.) 2012, Unbehagen an der Erinnerung. Wandlung sprozesse im Gedenken an den Holocaust, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Halbwachs, Maurice</i> 1985 [1925]: Das Ged&auml;chtnis und seine sozialen Bedingungen, deutsche Ausgabe, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Halbwachs, Maurice</i> 2003 [1941]: St&auml;tten der Verk&uuml;ndigung im Heiligen Land. Eine Studie zum kollektiven Ged&auml;chtnis, Konstanz.</p>
<p><i>Halbwachs, Maurice </i>1985 [1939]: Das kollektive Ged&auml;chtnis, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Jureit, Ulrike; Schneider, Christian </i>2010: Gef&uuml;hlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbew&auml;ltigung, Stuttgart.</p>
<p><i>Jureit, Ulrike</i> 2006: Generationenforschung, G&ouml;ttingen.</p>
<p><i>Koselleck, Reinhard</i> 2002: Formen und Traditionen des negativen Ged&auml;chtnisses, in: Volker Knigge/Norbert Frei (Hg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und V&ouml;lkermord, M&uuml;nchen, S. 21-32.</p>
<p><i>Leggewie, Claus</i> 2008: Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Sieben Kreise transnationaler Erinnerung Europas, in: Manfred Grieger et al. (Hg.), Die Zukunft der Erinnerung. Eine Wolfsburger Tagung, Wolfsburg, S. 21-34.</p>
<p><i>Meier, Christian</i> 2010: Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns: vom &ouml;ffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Sabrow, Martin</i> 2012: Vom Held zum Opfer. Zum Subjektwandel deutscher Vergangenheitsverst&auml;ndigung im 20. Jahrhundert, in: <i>Fr&ouml;lich, Margret </i>et al. (Hg.), Unbehagen an der Erinnerung. Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust, Frankfurt am Main, S. 37-54.</p>
<p><i>Schneider, Christian</i> 2004: Der Holocaust als Generationsobjekt, in: Mittelweg 36, 13 (2004), Heft 4, 5. 56-73.</p>
<p><i>Smith, Garry/Hinderk M. Emrich</i> (Hg.) 1996: Vom Nutzen des Vergessens, Berlin.</p>
<p><i>Walser, Martin</i> 1965: Unser Auschwitz, online: <a href="http://www.workpage.de/mwal.php" target="_blank" rel="noopener">http://www.workpage.de/mwal.php</a></p>
<p><i>Walser, Martin</i> 1998: Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998, online: <a href="http://www.hdg.de/lemo/html/dokumente/WegeInDieGegenwart_redeWalserZumFriedenspreis/" target="_blank" rel="noopener">http://www.hdg.de/lemo/html/dokumente/WegeInDieGegenwart_redeWalserZumFriedenspreis/</a></p>
<p><i>Wolfrum, Edgar</i> 1999: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt.</p>
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