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	<title>Uta von Winterfeld Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Keine Nachhaltigkeit ohne Suffizienz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:35:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>F&#252;nf Thesen und Folgerungen aus vorg&#228;nge Heft 3/2007,S.46-54 1.Die Bedeutung von Suffizienz f&#252;r eine nachhaltige Entwicklung ergibt sich nicht automatisch. Vielmehr stellt sich die Frage nach der Qualit&#228;t: Welche nachhaltige Entwicklung &#8211; und welche Suffizienz? Nachhaltigkeit ist als Antwort auf historische Krisensituationen wirksam geworden. Ihre Urspr&#252;nge liegen in der Waldwirtschaft und der Holzkrise im 17. [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/179-vorgaenge/publikation/keine-nachhaltigkeit-ohne-suffizienz/">Keine Nachhaltigkeit ohne Suffizienz</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>F&uuml;nf Thesen und Folgerungen</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft 3/2007,S.46-54</p>
<p>1.Die Bedeutung von Suffizienz f&uuml;r eine nachhaltige Entwicklung ergibt sich nicht automatisch. Vielmehr stellt sich die Frage nach der Qualit&auml;t: Welche nachhaltige Entwicklung &#8211; und welche Suffizienz?</p>
<p>Nachhaltigkeit ist als Antwort auf historische Krisensituationen wirksam geworden. Ihre Urspr&uuml;nge liegen in der Waldwirtschaft und der Holzkrise im 17. Jahrhundert. Aufgrund des ma&szlig;losen Abholzens der W&auml;lder waren die Verf&uuml;gung &uuml;ber den Rohstoff Holz und die Funktionsf&auml;higkeit der Produktionsst&auml;tte Wald gef&auml;hrdet. Nachhaltigkeit birgt eine quantitative und eine qualitative Dimension. Quantitativ soll nicht mehr Holz geschlagen werden als nachwachsen kann. Qualitativ geht es um Bodenqualit&auml;t (Humusbildung), um die Qualit&auml;t von Wasser (saurer Regen) und von Luft (CO2-Gehalt).</p>
<p>Die neuere Ausformulierung von Nachhaltigkeit geschah 1987 im Brundtland-Bericht der Weltkommission f&uuml;r Umwelt und Entwicklung und im Kontext der Armutskrise in den L&auml;ndern des S&uuml;dens und der globalen &ouml;kologischen Krise. In diesem Bericht wird Nachhaltigkeit nicht als Zustand, sondern als Prozess gefasst &#8211; nachhaltige Entwicklung bzw. Sustainable Development. Nachhaltig oder zukunftsf&auml;hig ist eine Entwicklung dann, wenn die Bed&uuml;rfnisse der heutigen Generation befriedigt werden, ohne die Bed&uuml;rfnisse der k&uuml;nftigen Generationen sowie deren Wahl ihres eigenen Lebensstiles zu gef&auml;hrden. Diese Maxime vertr&auml;gt sich nicht mit r&uuml;cksichtslosem Ressourcenverbrauch und irreversibler Umweltbelastung. Hier werden einerseits Grenzen formuliert, die kapitalistischen Gesellschaften per se fremd sind. Hier wird andererseits R&uuml;cksicht auf den Status Quo genommen, indem Nachhaltigkeit und Entwicklung zu einem wachstumskonformen Konzept kombiniert werden.</p>
<p>Das S&uuml;d-Frauennetzwerk Development Alternatives with Women for a New Era, DAWN, pl&auml;diert stattdessen f&uuml;r Sustained Livelihood. W&auml;hrend Entwicklung als Makrostrategie mit ressourcenintensivem Wachstum vereinbar erscheint, setzt livelihood an den lokalen Lebensbedingungen und Alltagserfahrungen von Frauen an. Im Livelihood-Ansatz wird Nachhaltigkeit nicht top-down verordnet, sondern bottom-up ausgehandelt.<br />Sustained livelhood verweist auf sichere Lebensgrundlagen anstelle von effizienterer Naturbeherrschung (Wichterich 2002).</p>
<p>Nachhaltigkeit steht also sowohl f&uuml;r die &Ouml;kologisierung des Vorhandenen (wachstumsbasierte &ouml;kologische Modernisierung durch technische Innovationen, Effizienzsteigerung, Recycling&#8230;) als auch f&uuml;r grundlegende Ver&auml;nderungen als Voraussetzung f&uuml;r das Erreichen von Nachhaltigkeit (&ouml;kologischer Strukturwandel, tiefgreifende strukturelle Ver&auml;nderungen von Wirtschaft und Gesellschaft v.a. in den Industriel&auml;ndern).</p>
<p>Mit Suffizienz ist die Frage aufgeworfen, wie viel genug ist bzw. mit Suffizienz wird die Aussage gemacht, dass etwas genug sein kann. Im Deutschen ist Suffizienz ein Holperwort und der Alltagssprache nicht zugeh&ouml;rig. In anderen Sprachen wird der Begriff hingegen selbstverst&auml;ndlicher gebraucht, wenn auch eher als Verb oder Adjektiv. So ist mir noch das erboste &#8222;ca suffit!&#8220; der Franz&ouml;sin im Ohr. Was der Lehrerin reichte, war allerdings nicht unser Ressourcenverbrauch, sondern sie stie&szlig; diesen Ruf immer dann aus, wenn unser unterrichtsfernes Gequatsche sich zu einem deutlich vernehmbaren L&auml;rmpegel entwickelt hatte. Im Englischen wird von Suffizienz eher negativ gesprochen, etwas ist not sufficient, &auml;hnlich im Italienischen, wenn gesagt wird, es sei non sufficiente. Im substantivverliebten Deutschen ist immerhin von Insuffizienz die Rede, wenn das menschliche Herz nicht zufriedenstellend arbeitet. Ansonsten taucht dieser alltagsferne Begriff im Kontext von &Ouml;kologie und Nachhaltigkeit auf &#8211; Wolfgang Sachs hat ihn in Anlehnung an Herman Daly in die &ouml;kologische Debatte geworfen und der Effizienz gegen&uuml;bergestellt. Dort, im Mainstream der Nachhaltigkeitsdebatte hat es die Suffizienz allerdings schwer. Das liegt zun&auml;chst an ihrer Position als kleine, moralisch aufgeladene und sozial harmlose Schwester des gro&szlig;en Bruders Effizienz.</p>
<p><i>Suffizienz hat es vor allem dann schwer und befindet sich in einer defensiven Position, wenn sie auf das individuelle Konsumverhalten reduziert wird. Mit dem moralischen Appell &#8222;Bitte verbrauche der Umwelt und den nachfolgenden Generationen zuliebe weniger und schalte auch das Standby aus&#8220; wird sie um ihre kritische Dimension gebracht. Diese liegt darin, dass die Suffizienz einer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft ein Dorn im gewinnmaximierenden Auge sein muss. Daher steht sie nicht f&uuml;r die &Ouml;kologisierung des Vorhandenen, sondern f&uuml;r grundlegende und strukturelle Ver&auml;nderungen als Voraussetzung f&uuml;r Nachhaltigkeit.</i></p>
<p>2. Im Dreigestirn der Nachhaltigkeit besetzt die Suffizienz die schw&auml;chste Position und stellt zugleich die gr&ouml;&szlig;te Herausforderung dar, weil sie mit der vorherrschenden Logik nicht kompatibel ist.</p>
<p>Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts haben wir in der Arbeitsgruppe Neue Wohlstandsmodelle am Wuppertal Institut f&uuml;r Klima, Umwelt und Energie drei Wege zu neuen Wohlstandsmodellen diskutiert:</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s47-1.jpg" width="380" height="75" alt=""></p>
<p>Die Effizienz als Weg zur Nachhaltigkeit ist vor allem von Ernst-Ulrich von Weizs&auml;cker in die deutsche Debatte eingebracht worden. Seine Hoffnung war und ist, dem naturzerst&ouml;renden technischen Fortschritt eine andere Richtung zu geben. Die in der kapitalistischen &Ouml;konomie immer schon beheimatete Vorstellung, mit m&ouml;glichst wenig m&ouml;glichst viel zu erreichen, sollte von der Steigerung der Arbeitsproduktivit&auml;t auf die Steigerung der Ressourcenproduktivit&auml;t gelenkt werden. Mittels einer &#8222;Effizienzrevolution&#8220; und dem &#8222;Faktor Vier&#8220; soll doppelter Wohlstand (insbesondere f&uuml;r die L&auml;nder des S&uuml;dens) bei halbiertem Naturverbrauch erreicht werden. Damit sollen die alten Dinosauriertechnologien &uuml;berwunden und soll ein neuer, besserer technischer Fortschritt erreicht werden. Der Effizienzgedanke vertr&auml;gt sich mit der herrschenden Logik pr&auml;chtig. Was sollte auch dagegen sprechen, die effizienzmotivierte Reduktion des Verbrauchs endlich auch zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung einzusetzen? In der Tat ist die gesellschaftliche Antwort auf die &ouml;kologische Krise heute in der Hauptsache eine Steigerung der Effizienz. Der Nachteil dieser ansonsten so kompatiblen Strategie liegt darin, dass die Effizienz dazu neigt, ihre eigenen Kinder beziehungsweise Gewinne zu fressen. Dieser so genannte &#8222;Rebound-Effekt&#8220; entsteht beispielsweise dann, wenn der geringere Treibstoffverbrauch eines Automobils dadurch kompensiert wird, dass mehr Autos produziert, mit mehr energieverbrauchenden Zusatzger&auml;ten (Klimaanlage, Bordcomputer&#8230;) ausgestattet und intensiver genutzt werden.</p>
<p>W&auml;hrend der Effizienzappell sich vor allem an die Produktionsseite richtet und auf verbesserte Technologien zielt, hat der Suffizienzappell in seinen Urspr&uuml;ngen die Konsumseite zum Adressaten und zielt auf ein ver&auml;ndertes Verhalten. Damit neigt sie dazu, sich unbeliebt zu machen. So werden ihr pr&auml;moderne Askesez&uuml;ge zugeschrieben, so wird mit ihr eine moralgeladene Verzichtshaltung assoziiert. Das Weniger im Mehr etablieren zu wollen ist wahrhaftig ein befremdliches Unterfangen. Dies widerspricht der herrschenden Logik und ist eher in gesellschaftlichen Nischen zu Hause.</p>
<p>Dass die technische Effizienz und die soziale Suffizienz als Zweigestirn einer nachhaltigen Entwicklung nicht gen&uuml;gen, darauf haben sowohl Joseph Huber als auch Jochen Diekmann hingewiesen, allerdings in verschiedener Absicht. Joseph Huber f&uuml;gt als drittes die Konsistenz hinzu. Erst mit ihr, so sein Argument, lassen sich Aussagen &uuml;ber Beschaffenheit und Qualit&auml;ten von Stoffen sowie deren Vertr&auml;glichkeit untereinander und mit der nat&uuml;rlichen Umwelt machen. Die Konsistenz stellt damit im Unterschied zur Effizienz nicht die Frage nach dem Wieviel, sondern die nach der Beschaffenheit bzw. der Qualit&auml;t von Stoffen. Jochen Diekmann sieht als Drittes nicht die Konsistenz, sondern den &ouml;kologischen Strukturwandel. Er steht ihm zufolge im Grunde nicht gleichberechtigt neben den beiden anderen Zug&auml;ngen, sondern es kommt ihm die zentrale Rolle zu, weil er umfassender ist und insbesondere auch organisatorische Innovationen einschlie&szlig;t. Dieser Gedanke hat sich allerdings im Dreigestirn der Nachhaltigkeit kaum durchsetzen k&ouml;nnen. Er ist mit dem Suffizienzzugang insofern verbunden, als dass er die &ouml;kologische Modernisierung f&uuml;r unzureichend h&auml;lt.</p>
<p>Die Zeiger der Zeit stehen jedoch auf &ouml;kologischer Modernisierung. Einige &Uuml;berlegungen zum Klimawandel m&ouml;gen dies verdeutlichen. Um die mit dem Klimawandel einhergehenden Ver&auml;nderungen zu begrenzen ist eine deutliche Reduktion des CO2-Verbrauchs erforderlich. Das klingt eigentlich nach Suffizienz. Die hegemoniale Antwort ist aber die der Effizienz. Die Bundesregierung setzt auf eine Steigerung der Energieeffizienz und der Materialeffizienz (v.a. Recycling), um den Ressourcenverbrauch und den damit verbundenen CO2-Ausstoss zu senken. Die zweite Antwort ist die der Konsistenz. Sie taucht im Kontext der erneuerbaren Energien auf. So sollen beispielsweise Biokraftstoffe die &Ouml;konomie auf die Grundlage nachwachsender und CO2-&auml;rmerer oder gar neutraler Rohstoffe stellen. Aber was bedeutet es f&uuml;r die L&auml;nder des S&uuml;dens, wenn deren Fl&auml;chen nicht der Herstellung von Nahrungsmitteln, sondern von Treibstoffen dienen? Und was bedeutet es f&uuml;r die Umwelt, wenn der &#8222;Biosprit&#8220; den Gesetzen der Effizienz insofern gehorcht, als dass m&ouml;glichst schnell m&ouml;glichst viel Biokraftstoff hergestellt werden soll? Zu den &#8222;Nebenwirkungen&#8220; der von der internationalen Energieagentur gesch&auml;tzten 147 Millionen Tonnen Biokraftstoff innerhalb der n&auml;chsten 23 Jahre geh&ouml;ren vermehrte Bodenerosionen und Milliarden Tonnen Abw&auml;sser (Holt-Gimenez 2007, S. 13). Was w&auml;re hier eine suffiziente und mit &ouml;kologischem Strukturwandel verbundene Antwort? Eric Holt-Gimenez formuliert sie so:</p>
<p>&#8222;Die Agrokraftstoffindustrie braucht keine Anreize, sondern Schranken. Dem globalen S&uuml;den die Lasten unseres exzessiven Kraftstoffverbrauchs aufzub&uuml;rden, nur weil in den Tropen die Sonne l&auml;nger scheint, mehr Regen f&auml;llt und fruchtbarere Landstriche existieren, ist schlechterdings skandal&ouml;s. Wenn die Produktion von Biokraftstoffen nicht zulasten der W&auml;lder und der Ern&auml;hrung gehen soll, m&uuml;ssen Getreide-, Zuckerrohr- und Palm&ouml;lindustrie auf koordinierte Weise reguliert werden. Biokraftstoffe bringen den l&auml;ndlichen Gegenden nur dann nachhaltige Gewinne, wenn sie nicht als Kernst&uuml;ck, sondern als Erg&auml;nzung nachhaltiger l&auml;ndlicher Entwicklung begriffen werden.&#8220; (ebenda)</p>
<p><i>Innerhalb des Dreigestirns zur Nachhaltigkeit l&auml;sst sich die soziale und politische Frage der Gerechtigkeit nur aus der Suffizienzperspektive stellen.</i></p>
<p>3. Im internationalen und im Nord-S&uuml;d-Kontext wirft Suffizienz die Frage nach gerechter Verteilung auf und gemahnt an eine Begrenzung der Gier</p>
<p>Ein mit der Suffizienz verbundenes und &uuml;ber die individuelle Konsumperspektive hinausweisendes Denken scheint ganz besonders in Indien zu Hause zu sein. So hat uns Mahatma Gandhi darauf hingewiesen, dass die Welt genug f&uuml;r jedermanns Bed&uuml;rfnisse hat &#8211; aber nicht f&uuml;r jedermanns Gier. So hat Amartya Sen betont, Hunger beruhe nicht auf Knappheit, sondern auf Armut. Hunger entsteht nicht, weil die Erde nicht gen&uuml;gend Nahrungsmittel hervorzubringen vermag, sondern weil sie ungerecht verteilt werden. Und Vandana Shiva hat im Kontext der &ouml;kologischen Krise die Frage nach einer neuen Demokratie gestellt: Die Demokratie des Lebendigen. Auch hier erklingt die Musik nachhaltiger Entwicklung nicht in effizienter Naturbeherrschung, sondern in anderen gesellschaftlichen Naturverh&auml;ltnissen, die nicht auf Ausbeutung beruhen und beispielsweise dem Krieg um Wasser demokratische Prinzipien zur Regulierung des Wassers entgegensetzen.</p>
<p>Zwar gelobten die Regierungschefs der Welt vor sieben Jahren zum Jahrtausendwechsel, die Anzahl der in extremer Armut lebenden Menschen bis 2015 zu halbieren &#8211; aber bis heute isst immer noch der Norden den S&uuml;den auf. Berechnungen von S&ouml;ren Steger (Steger 2005) zeigen: Wir verbleiben nicht in unserem eigenen n&ouml;rdlichen &#8222;Umweltraum&#8220;, sondern unser Konsum von Lebensmitteln beansprucht Fl&auml;chen weltweit:</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s50-1.jpg" width="380" height="448" alt=""></p>
<p>Den gr&ouml;&szlig;ten Teil an ausl&auml;ndischer Fl&auml;che belegt die EU15 somit in S&uuml;d- und Lateinamerika, gefolgt von Nordamerika und Westafrika. Diese Fl&auml;chenbelegung ergibt sich in Nordamerika vor allem aus Futtermitteln (in erster Linie Soja), die in Westafrika aus Importen von Kaffee und Kakao. Der Stoff also, aus dem der Wohlstand des Nordens gemacht ist, ist nicht ungerechtigkeitsneutral. Er belastet den S&uuml;den und nimmt ihm eigene Entwicklungswege. Zum Bewohnen der Erde geh&ouml;rt folglich eine andere Kultur des G&auml;rtnerns.</p>
<p><i>So gesehen ist Suffizienz ein Menetekel. Sie gemahnt daran, dass anderen Menschen und dem anderen der Natur nicht alles, was der Nord-Westlichen Vorteilsbeschaffung dient, zugemutet werden darf.</i></p>
<p>Sp&auml;testens an dieser Stelle wird der Suffizienz vorgeworfen, sie sei normativ. Aber ist es nicht genauso normativ anzunehmen, es w&uuml;rde alles zum besten bestellt, wenn nur jeder und jede m&ouml;glichst ungest&ouml;rt dem eigenen Vorteil, dem eigenen Gewinn, der eigenen Gier nachgehen darf?</p>
<p>4. Suffizienz leuchtet erst, wenn alle gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure von ihr erfasst werden, also neben Konsumentinnen und Konsumenten auch Unternehmerinnen und Unternehmer, Politikerinnen und Politiker. Suffizienz ist gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe.</p>
<p>Die Suffizienz, so wurde oben dargelegt, wurde zun&auml;chst f&uuml;r die Konsumseite und deren Ma&szlig;halten im Verbrauch thematisiert. Im Grunde muss aber die Suffizienz nicht in die privaten Haushalte hineingetragen werden, sondern sie kann vielmehr umgekehrt von der Hauswirtschaft aus entfaltet werden. Mit den eigenen Mitteln zu haushalten und sie f&uuml;r die (materiellen wie immateriellen) Bed&uuml;rfnisse und das Wohlbefinden aller Haushaltsmitglieder einzusetzen &#8211; dieses haush&auml;lterische Prinzip liegt der Suffizienz nahe und richtet sich wie diese gegen Verschwendung. Dazu geh&ouml;rt auch die so genannte &#8222;&Ouml;ko-Suffizienz&#8220;, die sich beispielsweise in einem sparsamen Einsatz von Energie und Wasser &auml;u&szlig;ert. Schon am Beispiel des Standby zeigt sich jedoch, dass Suffizienz nicht nur im Privathaushalt wohnen kann. W&auml;re es denn nicht einfacher und kl&uuml;ger, wenn hier anstelle des zeit- und aufmerksamkeitsaufwendigen Verhaltens von Millionen von Konsumentinnen und Konsumenten die Herstellerseite einfach damit aufh&ouml;ren w&uuml;rde, solcherart Ger&auml;te zu produzieren?</p>
<p>Wie w&auml;re es &uuml;berhaupt um die Herstellerseite bestellt, wenn auch diese eine Suffizienzverpflichtung eingehen w&uuml;rde? Auch Unternehmen sind ja im Grunde Verbraucher. Ihre Bereitschaft zum sparsamen Rohstoff-, zum sparsamen Energie- und Materialverbrauch wird zumeist der Effizienzseite zugeschlagen. Tats&auml;chlich aber lassen sich auch auf der Unternehmensseite Elemente von Suffizienz finden, die &uuml;berdies einen Bezug zur Haushalts&ouml;konomie aufweisen k&ouml;nnen. Eine Gemeinsamkeit von &#8222;naturnaher Waldwirtschaft&#8220; und der &#8222;alten Haushalts&ouml;konomie&#8220; liegt beispielsweise in der Abstimmung von Ressourcenverbrauch und Ressourcennachschub. Der Grundsatz, nicht mehr B&auml;ume zu f&auml;llen als der Wald erzeugt, gew&auml;hrleistet(e), dass die Nutzung nat&uuml;rlicher Ressourcen nur in begrenztem Ma&szlig;e stattfand. Wichtig dabei ist nicht die Begrenzung an sich, sondern die F&auml;higkeit zu einer Begrenzung, weil sie ein Ziel hat: Die Produktionsf&auml;higkeit des Waldes dauerhaft zu erhalten und somit nicht nur die eigene, sondern ferner die Versorgungsgrundlage zuk&uuml;nftiger Generationen zu sichern. Das mit Suffizienz verbundene Element der R&uuml;cksichtnahme findet sich in dem Ausdruck &#8222;Z&auml;rtliche Waldwirtschaft&#8220;, der auf einer Formulierung des Gesch&auml;ftsf&uuml;hrers eines naturnahen Forstbetriebes beruht. Er sprach von einer &#8222;z&auml;rtlichen Beziehung zum Wald&#8220;, als er eine studentische Exkursion in den &#8222;Lernwald&#8220; gef&uuml;hrt hat, ein kleines Waldgebiet, das v&ouml;llig naturbelassen bleibt. Hier l&auml;sst sich lernen, wie der Wald sich selbst reproduziert, wenn keinerlei menschliche Eingriffe geschehen. Naturnahe Waldwirtschaft, so der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer, ist &#8222;Wirtschaft mit allen Sinnen&#8220;. Die Gesundheit des Waldes kann man nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken, f&uuml;hlen und h&ouml;ren. Diese Art des Wirtschaftens braucht allerdings Besonnenheit und eine Verbindung von Rationalit&auml;t und Emotionalit&auml;t. So entsteht eine Art z&auml;rtliche Verbindung zwischen dem Wald und den ihn bewirtschaftenden Personen. Auch dies hat mit Sorge und Aufmerksamkeit f&uuml;r das Andere, f&uuml;r die anderen zu tun. Zugleich aber ist es auch ein Ma&szlig;halten mit Blick auf Gewinn oder Umsatz des Unternehmens. Daher verweist Suffizienz in Unternehmen nicht einfach auf ein Weniger, sondern auf eine andere Art des Produzierens und Wirtschaftens.</p>
<p>Und die Politik beziehungsweise die politischen Akteurinnen und Akteure? Suffizienz in der Politik w&uuml;rde beispielsweise bedeuten, die Finanzstr&ouml;me in die Pr&auml;vention zu lenken, anstatt in irreparable Sch&auml;den. Damit sind jedoch eine andere Steuerungspolitik und andere Politikformen angesprochen. Die Politik m&uuml;sste t&auml;tig werden, um zu vermeiden und nicht, wenn es sich nicht mehr vermeiden l&auml;sst. Dies erfordert zeitliche und inhaltliche Weitsicht.</p>
<p>Allerdings ist die Suffizienz als Appell zum Ma&szlig;halten in der Politik l&auml;ngst zu Hause. Das macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil, eine gute M&ouml;glichkeit, der mit Suffizienz verbundenen, ernsthaften Gefahr einst&uuml;rzender Denkvoraussetzungen zu entgehen ist, ihr kritisches &#8222;Wir haben genug&#8220; in ein obrigkeitliches &#8222;Ihr habt genug zu haben&#8220; zu verwandeln. Gema&szlig;regelt werden hier nicht Konsumentinnen und Konsumenten, sondern Staatsb&uuml;rgerinnen und Staatsb&uuml;rger.</p>
<p>Appelle an Gen&uuml;gsamkeit sind in der Politik nicht neu und zun&auml;chst auch nicht in umweltschonender Absicht ausgesprochen worden. Oft &#8211; und vorzugsweise dann, wenn es im Staatshaushalt nicht gut aussieht und auch nicht recht abzusehen ist, wie und wann das zu &auml;ndern w&auml;re &#8211; ist beispielsweise vom G&uuml;rtel die Rede gewesen, der enger geschnallt werden m&uuml;sse. Dieser Appell klingt meist vorwurfsvoll &#8211; man solle nun endlich das unzeitgem&auml;&szlig;e Anspruchsdenken aufgeben. Kein Wunder also, wenn Appelle an Ma&szlig;halten unbeliebt sind. Wenngleich sie in j&uuml;ngster Zeit etwas freundlicher klingen &#8211; man m&ouml;ge doch nun, wo die Zeiten staatlicher Wohlfahrt sich dem Ende zuneigen bzw. der Globalisierung anheim fallen, bitte private F&uuml;r- und Vorsorge betreiben. Hier delegiert ein sich defensiv gebender Staat sozialpolitische Verantwortung an einzelne Staatsb&uuml;rgerInnen. &Auml;hnliches geschieht mit umweltpolitischer Verantwortung dann, wenn anstelle einer offensiven Politik die Ver&auml;nderung des Verhaltens einzelner KonsumentInnen treten soll. Suffizienz-Appelle in Form von staatlich angemahntem oder verordnetem Ma&szlig;halten sind insofern fatal, als dass sie sich allzu oft an diejenigen richten oder diejenigen treffen, die immer schon Ma&szlig; halten sollten oder mussten und daher mit Geld und materiellen G&uuml;tern so ganz &uuml;ppig nicht ausgestattet sind.</p>
<p><i>Der Gedanke einer eigensinnigen und sich ihrer selbst bewussten Suffizienz aber, w&auml;re nicht gehorsam gegen&uuml;ber sozial oder &ouml;kologisch motivierten Appellen zum Ma&szlig;halten. Er w&uuml;rde sich nicht in den angeforderten Leistungen zum Verzicht ersch&ouml;pfen. Sondern er w&uuml;rde Suffizienz zu einer politischen Angelegenheit machen, die dem Vorhandenen entgegensteht und &uuml;ber die verhandelt werden muss.</i></p>
<p>5. Der Stachel der Suffizienz liegt in einer Haltung, die in dem Spiel des unendlichen Wachstums, der unendlichen Bed&uuml;rfnisse bei immerw&auml;hrender Knappheit nicht mitspielen mag, weil sie dieses Spiel reizlos findet.</p>
<p>In Anlehnung an Bertolt Brecht l&auml;sst sich dies etwa so formulieren:<br /><i></i></p>
<p><i>Eines Tages wird Herr Keuner gefragt,<br />wie er es denn mit der Suffizienz halte.<br />&#8222;Nun ja &#8222;, antwortet Herr Keuner,<br />&#8222;so recht einleuchten will sie mir nicht.<br />Wieso soll ich pl&ouml;tzlich auf etwas verzichten,<br />das ich eigentlich noch nie haben wollte? &#8222;</i></p>
<p>Wenn nun Suffizienz weder aus der Not, noch aus der Pflicht sich einzeln verhalten der Individuen gefasst wird, wenn vielmehr Suffizienz als etwas im menschlichen (Sozial-)Verm&ouml;gen schon Vorhandenes und als politische Angelegenheit gedacht wird, dann k&ouml;nnte es so etwas geben, wie ein Recht auf Suffizienz. Dieses w&uuml;rde etwa lauten:</p>
<p><i>&#8222;Niemand soll immer mehr haben wollen m&uuml;ssen.&#8220;</i></p>
<p>Vor dem Hintergrund eines solchen Schutzrechtes w&auml;re es Aufgabe von Politik, Suffizienz zu sch&uuml;tzen und zu erm&ouml;glichen. Es verh&auml;lt sich aber gerade umgekehrt: Wer etwas nicht haben will, muss oft einen ungeheuren Aufwand betreiben, wird an den gesellschaftlichen Rand gedr&auml;ngt oder wird systematisch daran gehindert. Welch&#8216; ungeheure Anstrengung beispielsweise, im System ungedrosselter Innovationsgeschwindigkeiten, keinen neuen Computer haben zu wollen, oder diesen &#8211; und sei es aus pazifistischen Gr&uuml;nden &#8211; weder auf-, noch nach-, noch umr&uuml;sten zu wollen.</p>
<p>Der Schutzgedanke gegen&uuml;ber denjenigen, die nicht haben wollen, ist allerdings dem zuerst von Thomas Hobbes formulierten neuzeitlichen Staatsgedanken fremd, bzw. er ist darin nicht vorgesehen. Vorgesehen ist nur, das potentiell gewaltt&auml;tige Wetteifern einzelner Menschen um ein knappes Gut in staatlich geregelte Bahnen zu lenken. W&uuml;rde hingegen der Gedanke einer sch&uuml;tzenswerten Suffizienz aufgenommen, so k&ouml;nnte es nicht mehr hei&szlig;en, dass diejenigen, welche mit m&auml;&szlig;igem Besitz zufrieden sind, nicht lange w&uuml;rden bestehen k&ouml;nnen (Hobbes 1980 [1651J). Sondern es g&auml;lte, dem von Hobbes konstruierten Zwang zur Vermehrung von Besitz, Macht und Ruhm entgegenzuwirken. Wenn aber einerseits eine politische Philosophie ungebrochen bleibt, in der nur &uuml;berleben kann, wer nach deren st&auml;ndiger Vermehrung trachtet, und dann andererseits Menschen aufgefordert werden, sich mit m&auml;&szlig;igem Besitz bzw. dem schon Erreichten zu begn&uuml;gen, so ist nahe liegend, dass diese den Eindruck bekommen, in den Ruin getrieben zu werden.</p>
<p>Damit dies nicht passiert, w&auml;re nicht nur &#8211; und m&ouml;glicherweise auch nicht vor allem &#8211; der Entgrenzung mit der konsumtiven Begrenzung von Individuen zu begegnen. Sondern Begrenzung ungez&uuml;gelten Strebens nach Mehr m&uuml;sste Platz im &ouml;ffentlichen Raum haben. Dies aber w&uuml;rde bedeuten, dass der Raum nicht l&auml;nger investorenfreundlich durchkommerzialisiert werden d&uuml;rfte. Das mag bei einigen Unwillen ausl&ouml;sen &#8211; aber liegt nicht ein Widersinn darin, erst breitere Stra&szlig;en, gr&ouml;&szlig;ere Einkaufszentren und h&ouml;here Mobilfunkantennen zu bauen bzw. deren Bau zuzulassen &#8211; und anschlie&szlig;end die einzelnen Staatsb&uuml;rgerInnen und KonsumentInnen dazu aufzufordern, diese aber doch bitte nicht oder wenigstens nicht allzu sehr zu gebrauchen?</p>
<p>Daher ist ein Recht auf Suffizienz nur zu verwirklichen, wenn die formale Wirtschaftssph&auml;re wieder in eine bewusst gew&auml;hlte, begrenzte Kulturmatrix eingebunden wird. Dies bedeutet auch, dass sich die Beziehung zwischen Wirtschaft und Politik ver&auml;ndern muss und &uuml;ber wirtschaftliche Prozesse wie Ziele demokratisch verhandelt werden kann.</p>
<p>Suffizienz entfaltet ihre zentralen Bedeutungen f&uuml;r nachhaltige Entwicklung somit dann, wenn deren Ziel auf die Sicherung der Lebensgrundlagen und den Erhalt von Produktivit&auml;t gerichtet ist. Au&szlig;erdem l&auml;sst sich die mit nachhaltiger Entwicklung verbundene Gerechtigkeitsfrage innerhalb des Dreigestirns zur Nachhaltigkeit nur aus der Suffizienzperspektive stellen. Im internationalen und im Nord-S&uuml;d-Kontext wirft Suffizienz die Frage nach gerechter Verteilung auf und gemahnt an eine Begrenzung der Gier. Suffizienz gemahnt daran, dass anderen Menschen und dem anderen der Natur nicht alles, was der Nord-Westlichen Vorteilsbeschaffung dient, zugemutet werden darf. Suffizienz kann ihre Kraft jedoch erst entfalten, wenn alle gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure von ihr erfasst werden. Suffizienz als Prinzip ist nicht nur f&uuml;r Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auch f&uuml;r Unternehmerinnen und Unternehmer, f&uuml;r Politikerinnen und Politiker von hoher Bedeutung. Wenn aber der Stachel der Suffizienz in einer Haltung liegt, die im Spiel des unendlichen Wachstums und der unendlichen Bed&uuml;rfnisse bei immerw&auml;hrender Knappheit nicht mitspielen mag, dann wird nachhaltige Entwicklung als &ouml;kologische Modernisierung des Status Quo in Frage gestellt.</p>
<p><i>Die Bedeutung der Suffizienz f&uuml;r nachhaltige Entwicklung liegt nicht nur und auch nicht vor allem in der positiven Ausformulierung ma&szlig;vollen Verhaltens. Vielmehr liegt die St&auml;rke der Suffizienz in ihrem kritischen Verm&ouml;gen: Nachhaltige Entwicklung bleibt ohne die Anstrengung der grundlegenden Ver&auml;nderung gesellschaftlicher Pr&auml;missen und Strukturen insuffizient.</i></p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p><i>Hobbes, Thomas </i>(1980) [1651]: Leviathan. Stuttgart: Reclam.<br /><i>Holt-Giminez, Eric </i>(2007): Sprit vom Acker. F&uuml;nf Mythen vom &Uuml;bergang zu Biokraftstoffen. In: Le Monde diplomatique, Juni 2007, S. 12 u. 13.<br /><i>Wichterich, Christa </i>(2002): Sichere Lebensgrundlagen statt effizienterer Naturbeherrschung &#8211; Das Konzept nachhaltiger Entwicklung auf feministischer Sicht. In: G&ouml;rg, Christoph; Brand, Ulrich (Hg.): Mythen globalen Umweltmanagements. Rio + 10 und die Sackgassen &#8222;nachhaltiger Entwicklung&#8220;. M&uuml;nster: Westf&auml;lisches Dampfboot.<br /><i>Steger, S&ouml;ren </i>(2005): Der Fl&auml;chenrucksack des europ&auml;ischen Au&szlig;enhandels mit Agrarprodukten. Erschienen am Wuppertal Institut, Wuppertal Papers Nr. 152.</p>
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