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	<title>vorgänge Nr. 224: Der Osten als Vorreiter? Rechtspopulismus im Gefolge wirtschaftlicher und politischer Umbrüche Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 22:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 224 (4/2018), S. 1-6 Ein Gespenst geht um in Europa &#8211; das Gespenst des Rechtspopulismus (Ernst Hillebrand). In Deutschland tr&#228;gt es den Namen AfD. Dieses Gespenst ist nicht neu. In vielen europ&#228;ischen Staaten begann der Aufstieg der Rechten bereits vor mehr als 25 Jahren. Mit der Wahl Donald Trumps zum Pr&#228;sidenten der [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/editorial-58/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 224 (4/2018), S. 1-6</p>
<p>Ein Gespenst geht um in Europa &ndash; das Gespenst des Rechtspopulismus (Ernst Hillebrand). In Deutschland tr&auml;gt es den Namen AfD. Dieses Gespenst ist nicht neu. In vielen europ&auml;ischen Staaten begann der Aufstieg der Rechten bereits vor mehr als 25 Jahren. Mit der Wahl Donald Trumps zum Pr&auml;sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika erreichte dieser Aufstieg eine neue Qualit&auml;t. Mittlerweile hat die Welle rechtspopulistischer Wahlerfolge auch die Europ&auml;ische Union erreicht: Die Politik in Italien bewegt sich derzeit rasant nach rechts. In Ungarn und Polen ist sie dort bereits angekommen. Die beiden osteurop&auml;ischen Staaten stellen immer mehr grundlegende Prinzipien der Demokratie und des Rechtsstaates in Frage. Die europ&auml;ischen Staaten, die auf dem Weg waren, ein freies und vereintes Europa zu schaffen, stehen vor einer Umkehr.</p>
<p>Die rechtspopulistische Bewegung macht auch vor unserem Land nicht Halt. Deutschland galt lange Zeit als stabil und wenig anf&auml;llig f&uuml;r den Rechtsruck. Doch sp&auml;testens seit der letzten Bundestagswahl ist das Geschichte. Vorbei sind die Zeiten verl&auml;sslicher Koalitionen und stabiler Mehrheitsverh&auml;ltnisse. Nach der Hessen-Wahl ist die AfD in allen Landesparlamenten und im Bundestag vertreten, zugleich verbuchen SPD und CDU erhebliche Stimmenverluste; und das nicht nur im Osten. Auch in sechs alten L&auml;ndern und in Berlin erzielte die AfD bei den Bundestagswahlen jeweils mehr als 10%. Zugleich polarisierte sich die politische Debatte au&szlig;erhalb der Parlamente. Vier Jahre nach den ersten PEGIDA-Demonstrationen[1], deren Teilnehmer*innen sich von den etablierten Parteien und Medien verraten sahen, gesellt sich zu den AfD-Wahlerfolgen immer wieder ein militanter Rechtsextremismus &ndash; NSU, Freital, Chemnitz und K&ouml;then sind die Stichworte.</p>
<p>Diese Schwerpunktausgabe der Zeitschrift <b>vor</b><i>g&auml;nge</i> befasst sich mit den verschiedenen Erkl&auml;rungen f&uuml;r den zunehmenden Rechtsruck in Deutschland. Dass sie dabei vor allem nach Ostdeutschland schaut, hat einen einfachen Grund: nicht weil die Menschen dort nationaler, rassistischer oder fremdenfeindlicher w&auml;ren als in anderen Teilen Deutschlands, sondern weil sich nach unserer &Uuml;berzeugung einige Entwicklungsprobleme und Trends der deutschen Gesellschaft im Osten zugleich deutlicher und fr&uuml;her zeigen als im Westen. Das gilt beispielsweise f&uuml;r die Wahlerfolge der AfD [2] und deren Gegenst&uuml;ck, das Einschrumpfen der einstigen Volksparteien SPD und CDU, welches im Osten schon weiter vorangeschritten ist als im Westen. In mehreren ostdeutschen L&auml;ndern kommt die SPD nicht mehr &uuml;ber die 13 Prozent hinaus, ist nur noch eine kleine Partei unter vielen. Und in Sachsen k&ouml;nnte selbst die CDU den Umfragen zufolge bald von der AfD als st&auml;rkster politischer Kraft abgel&ouml;st werden. Die Schw&auml;che der traditionellen Parteien&nbsp; &auml;u&szlig;ert sich nicht nur in deren Wahlergebnissen, sondern st&auml;rker noch in ihren Mitgliederzahlen, die ein deutliches Ost-West-Gef&auml;lle aufweisen. Quer durch alle Parteien und politischen Verb&auml;nde zeigt sich hier das gleiche Bild, wonach sich in den ostdeutschen L&auml;ndern deutlich weniger Menschen in Organisationen engagieren als im Westen &ndash; wie hier beispielhaft f&uuml;r die SPD:</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" border="1" alt="" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/bpb_parteien1.jpg" width="380" height="264"></p>
<p>Abbildung 1: Anzahl der SPD-Mitglieder nach Bundesl&auml;ndern zum Stand Ende 2016 (Grafik &amp; Zahlen nach: Oskar Niedermayer, Parteimitglieder nach Bundesl&auml;ndern [7.10.2017]. Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung, unter <a href="https://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/zahlen-und-fakten/42228/mitglieder-nach-bundeslaendern" target="_blank" rel="noopener">https://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/zahlen-und-fakten/42228/mitglieder-nach-bundeslaendern</a>).</p>
<p>Diese Zahlen verdeutlichen, wie gro&szlig; der Bruch zwischen dem bundespolitischen Geschehen und der (ostdeutschen) Gesellschaft ist. Doch der Osten steht hier nicht allein da: auch in Westdeutschland sind die Mitgliederzahlen &ndash; zumindest der beiden Volksparteien &#8211; seit Jahren r&uuml;ckl&auml;ufig. CDU und SPD verzeichnen seit 1990 einen Mitgliederschwund von jeweils 45 bzw. 54 Prozent.[3] Die nachlassende Bindungskraft der Volksparteien ist also kein auf den Osten beschr&auml;nktes Ph&auml;nomen. Dass sie in Westdeutschland noch nicht so stark zur Geltung kommt wie im Osten, ist auch dem vergleichsweise hohen Sockelbestand an Parteimitgliedern aus den Zeiten der Bonner Republik geschuldet, von dem die westdeutschen Landesverb&auml;nde seit 25 Jahren zehren.</p>
<p>Was macht diese Erosion der (Parteien)Demokratie in ihrem Kern aus? Was sind die Gr&uuml;nde daf&uuml;r, dass sich immer mehr Menschen von den etablierten Parteien und Akteuren nicht nur ab-, sondern inzwischen oft hasserf&uuml;llt auch gegen sie wenden (genauso wie gegen die mutma&szlig;lich gleichgerichteten Medien)? Was steckt hinter der zunehmenden Polarisierung der politischen Lager? Diesen Fragen will die neue Ausgabe der <b>vor</b><i>g&auml;nge</i> auf den Grund gehen.</p>
<p>Die wirtschaftliche Entwicklung (und ihre Folgen) werden immer wieder als ein Grund f&uuml;r das Erstarken des (Rechts-)Populismus genannt. Der Themenschwerpunkt beginnt deshalb mit einem Beitrag von <i>Klaus Steinitz</i> und <i>Axel Troost</i>, in dem sie die widerspr&uuml;chliche Entwicklung Ostdeutschlands seit dem Herbst 1989 beschreiben. Die Autoren arbeiten heraus, dass der Beitritt der DDR zur BRD in den neuen L&auml;ndern einen Adaptions- und Transformationsprozess in Gang setzte, der alle gesellschaftlichen Bereiche, die Arbeit und das Leben der Menschen erfasste. In den alten L&auml;ndern stellte sich die Vereinigung vor allem als Inkorporations- und Integrationsprozess dar. Daraus folgt, dass die Wahrnehmung der Vereinigungsproblematik grunds&auml;tzlich verschieden ist, wie auch der R&uuml;ckblick der Menschen auf die DDR und die BRD. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Chancen f&uuml;r eine langfristige L&ouml;sung der ostdeutschen Entwicklungsprobleme eng an die Durchsetzung eines grundlegenden Politikwechsels und eines darauf beruhenden Pfadwechsels der &ouml;konomischen, sozialen und &ouml;kologischen Entwicklung gekoppelt sind.</p>
<p>Wie sich der ostdeutsche Transformationsprozess aus der Sicht einer DDR-&Ouml;konomin und Wirtschaftspolitikerin darstellt, schildert <i>Christa Luft</i> im Interview mit den <b>vor</b><i>g&auml;ngen</i>. Sie beschreibt, wie es zur pl&ouml;tzlichen Implosion der ostdeutschen Wirtschaft kam, welche Rolle interne Strategiepapiere der DDR-F&uuml;hrung dabei spielten und wie die Privatisierungspolitik der Treuhand den wirtschaftspolitischen Kahlschlag des Ostens besiegelte. In ihren Antworten wird deutlich, dass diese radikale Deindustrialisierung nicht nur die industrielle Struktur und damit das &ouml;konomische R&uuml;ckgrat des Ostens zerst&ouml;rt hat, sondern bis heute die Erfahrungen und Erwartungen vieler Menschen pr&auml;gt. In der technokratischen Abwicklung der deutsch-deutschen Wiedervereinigung und den damit verbundenen Abwertungserfahrungen sieht Luft eine zentrale Quelle der Politik-, Fremden- und Europafeindlichkeit vieler Ostdeutscher.</p>
<p>28 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sieht sich die Weltwirtschaft gravierenderen Herausforderungen gegen&uuml;ber. Die Alterung westlicher Gesellschaften, das absehbare Ende fossiler Energietr&auml;ger, die Digitalisierung und Vernetzung aller Lebensbereiche, die Globalisierung nahezu aller Wirtschaftsbereiche, die Verschiebung global-&ouml;konomischer Machtverh&auml;ltnisse &ndash; das sind nur einige der Trends, die den gegenw&auml;rtigen Strukturwandel der Wirtschaft bestimmen und auch vor Westdeutschland nicht Halt machen. <i>Heinz Bierbaum</i>, der die wirtschaftliche Lage in Westdeutschland untersucht, stellt fest, dass Deutschland generell als weitgehend solides Land gilt, obwohl die sozialen Widerspr&uuml;che in den letzten Jahren zugenommen haben. Dabei sind die sozialen Probleme regional sehr unterschiedlich ausgepr&auml;gt und der Osten hinkt, insbesondere bei der Arbeitslosigkeit, speziell der Jugendlichen hinterher. Aber auch im Westen gibt es gro&szlig;e regionale Unterschiede. So liegen etwa Gelsenkirchen und Bremerhaven beim Einkommen mit Abstand auf den beiden letzten Pl&auml;tzen; Duisburg-Marxloh gilt als heruntergekommenes Gebiet, w&auml;hrend Ingolstadt zu den reichsten St&auml;dten Deutschlands z&auml;hlt. Allerdings weist auch diese Stadt Problemviertel auf, in denen die AfD mehr als 30% erreichte. Eine differenzierte Betrachtung zeigt, dass prek&auml;re Verh&auml;ltnisse die extreme Rechte beg&uuml;nstigten. Freilich kommen AfD-W&auml;hler auch aus anderen Milieus, wenn sie ihren Status zu Recht oder zu Unrecht bedroht sehen und einen Abstieg bef&uuml;rchten.</p>
<p>Der Beitrag von <i>Richard Koch</i> und <i>Walter Ruhland</i> betrachtet die Ergebnisse der Bundestagswahl 2017 auf den Ebenen der Bundesrepublik, der L&auml;nder Sachsen und Baden-W&uuml;rttemberg sowie der Wahlkreise in diesen L&auml;ndern mit dem h&ouml;chsten und dem niedrigsten Zweitstimmenanteil f&uuml;r die AfD. Die Autoren fragen: Bei welchen W&auml;hlergruppen war die Partei besonders erfolgreich? Was waren die Motive daf&uuml;r, dieser Partei die Stimme zu geben? Inwieweit k&ouml;nnen sozio&ouml;konomische Faktoren und die &ouml;konomische Lage der AfD-W&auml;hler den Wahlausgang erkl&auml;ren? Sie kommen u.a. zu dem Ergebnis, dass die AfD ihren hohen Stimmanteil vor allem durch die Mobilisierung ehemaliger Nicht-W&auml;hler, aber auch durch die Abwanderung von fr&uuml;heren W&auml;hlern anderer Parteien, insbesondere der CDU und der SPD erhielten. In den kommenden Landtagswahlen k&ouml;nnte sich die AfD deshalb zu einer Art Protest-Volkspartei entwickeln.</p>
<p><i>J&ouml;rg Ukrow</i> &uuml;berschreitet die Grenze nach Osten und untersucht die Entwicklung in Polen und Ungarn. Das Ergebnis ist besorgniserregend. Zwar sind regelm&auml;&szlig;ige Zeitungsleser*innen &uuml;ber die allgemeine Entwicklung informiert, aber Ukrow geht in die Tiefe: Er beschreibt die Tendenz zur Verstetigung rechtspopulistischer Machtaus&uuml;bung, die nationale Ausrichtung der Sozialpolitik, den Abbau der Unabh&auml;ngigkeit von Justiz und Medien, zunehmende fremden- und judenfeindliche Ressentiments. Er zeigt aber auch die Reaktionen der EU-Institutionen. Zu einer vern&uuml;nftigen Gegenstrategie geh&ouml;rt f&uuml;r Ukrow auch, Polen und Ungarn zu vermitteln, dass demokratische und sozialstaatliche Errungenschaften nicht nur in nationalstaatlichen Strukturen, sondern auch im europ&auml;ischen Staatenverbund bewahrt und ausgebaut werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Wie sich dieser Wandel aus der Nahdistanz darstellt, zeigt das Interview mit einem ungarischen Wissenschaftler, das wir leider nicht unter seinem echten Namen abdrucken k&ouml;nnen. Wer die Ausf&uuml;hrungen <i>Lajos Kossuths</i> &uuml;ber die zahllosen Benachteiligungen und Repressionen in Ungarn liest wird verstehen, warum er sich f&uuml;r diese Vorsichtsma&szlig;nahme entschieden hat. Das von Kossuth gezeichnete Bild des EU-Mitgliedsstaates ist bedr&uuml;ckend: Er beschreibt, wie der ungarische B&uuml;rgerbund Fidesz aus einer kleinen Studierendengruppe heraus entstand, wie er die wichtigsten Positionen in Politik, Verwaltung und Justiz besetzen und die F&ouml;rdermittel der von ihm kritisierten EU nutzen konnte, um seine &ouml;konomische wie politische Macht auszubauen. Und er beschreibt, mit welchen Methoden Fidesz die nationalistische Gleichschaltung des &ouml;ffentlichen Lebens vorantreibt und seine Macht zementiert. Im Interview geht unser Gespr&auml;chspartner auf die historischen Grundlagen f&uuml;r die Abschottung ein.</p>
<p>Gern h&auml;tten wir in dieser Ausgabe auch die Gr&uuml;nde f&uuml;r das Erstarken rechter Parteien und Bewegungen in Ostdeutschland sowie die j&uuml;ngsten &Uuml;bergriffe auf Migrant* innen in Chemnitz thematisiert. Leider sind zwei langfristig versprochene Beitr&auml;ge pl&ouml;tzlich ausgefallen, wof&uuml;r wir auf die Schnelle keinen Ersatz finden konnten. So bleibt uns nur, Sie auf die Besprechungen zum Thema Rechtspopulismus / Rechtsextremismus hinzuweisen, die den Schwerpunkt beschlie&szlig;en. Darin finden Sie u.a. einen &Uuml;berblick &uuml;ber rechtspopulistische Parteien in Europa sowie Studien &uuml;ber jene &bdquo;Verlassenen&ldquo;, aus denen sich die rechtspopulistische W&auml;hlerschaft in Deutschland, Frankreich und den USA speist. Inzwischen gibt es mehrere Untersuchungen, die nicht nur sozialstrukturelle Gr&uuml;nde f&uuml;r den wachsenden Populismus identifizieren, sondern auch die innere Logik, die Motive und Deutungsmuster der Populisten nachzuvollziehen versuchen. Beim genaueren Hinschauen ist es gar nicht so schwer zu verstehen, wie die Entt&auml;uschung und der Frust auf den etablierten Politikbetrieb immer wieder getriggert wird. Das j&uuml;ngste Beispiele gab die sogenannte Maa&szlig;en-Affaire der Bundesregierung ab, die viele Merkmale dieses Entfremdungsprozesses in sich vereint: die offensichtlichen Fehlleistungen des Spitzenbeamten einer Bundesbeh&ouml;rde, die f&uuml;r rassistische Umtriebe besonders sensibel sein sollte, und der diese partout nicht erkennen will; die dadurch ausgel&ouml;ste Krise der Koalitionsregierung, die sich wochenlang mit der Personalie (und nicht mit &bdquo;echten&ldquo; Problemen) befasst; der vorl&auml;ufige Kompromiss im Personalstreit mit einer Bef&ouml;rderung des umstrittenen Beamten auf einen h&ouml;her bezahlten Posten, dessen Aufgabenbereich vage bleibt; das v&ouml;llige &Uuml;berrascht-Sein der Bundesregierung von der &ouml;ffentlichen Wirkung dieser Entscheidung &hellip; So f&uuml;ttert man Populisten.</p>
<p>Den Skandal um den mittlerweile geschassten Verfassungsschutzpr&auml;sidenten greifen die Bundestagsabgeordnete <i>Martina Renner</i> und ihr Mitarbeiter <i>Sebastian Wehrhahn</i> in einem Beitrag au&szlig;erhalb des Schwerpunkts auf: Sie wollen nicht die Personaldebatte vertiefen, sondern ordnen das Geschehen in die strukturellen Defizite und Fehlleistungen des Verfassungsschutzes ein, der nicht nur in Chemnitz, sondern auch schon in vielen anderen F&auml;llen durch seine Fehldiagnosen und sein kontraproduktives Agieren auff&auml;llig wurde.</p>
<p>Daneben bietet diese Ausgabe der <b>vor</b><i>g&auml;nge</i> weitere Beitr&auml;ge zu aktuellen Debatten: So analysiert der Hamburger Arbeitsrechtler <i>Peter Stein</i> eine k&uuml;rzliche Entscheidung des Gerichtshofes der Europ&auml;ischen Union, der Teile des deutschen Kirchensonderarbeitsrechts als Versto&szlig; gegen europ&auml;isches Recht verworfen hat. <i>Hartmut Aden</i> und <i>Sven L&uuml;ders</i> werten zwei Tagungen und eine Ver&ouml;ffentlichung zum Recht der Geheimdienste aus, in denen sich der zaghafte Versuch eines Dialogs der Sicherheitsbeh&ouml;rden mit der Rechtswissenschaft erkennen l&auml;sst. <br />Wir w&uuml;nschen Ihnen mit all diesen Texten eine inspirierende Lekt&uuml;re und viel Vergn&uuml;gen beim Weiterdenken, im Namen der gesamten Redaktion</p>
<p><i>Herbert Mandelartz und Sven L&uuml;ders</i></p>
<h2 class="auto-created">Heftvorschau:</h2>
<ul>
<li>vorg&auml;nge #225 (1/2019): &nbsp;Internetkommunikation und Meinungsfreiheit (M&auml;rz 2019)</li>
<li>vorg&auml;nge #226 (2/2019):&nbsp;Polizeiarbeit und Technikentwicklung (Juni 2019)</li>
</ul>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>1 PEGIDA steht f&uuml;r &bdquo;Patriotische Europ&auml;er gegen die Islamisierung des Abendlandes&ldquo;, eine islam- und fremdenfeindliche Bewegung, die seit Oktober 2014 in Dresden Demonstrationen organisiert und zur Leitfigur einer neuen Form des politischen Protests wurde. Ihre Anh&auml;nger*innen sehen in der massenhaften Einwanderung nach Deutschland das zentrale politische Problem unseres Landes, das von den etablierten Parteien wie den Medien gleichsam falsch dargestellt bzw. verschwiegen werde.</p>
<p>2 Die ostdeutschen Wahlergebnisse der AfD bei der Bundestagswahl 2017 im Einzelnen: Sachsen 27,0%, Th&uuml;ringen 22,7%, Brandenburg 20,2%, Sachsen-Anhalt 19,6% und in Mecklenburg-Vorpommern 18,6%.</p>
<p>3 Vgl. Oskar Niedermayer: Mitgliederentwicklung der Parteien (7.10.2017), Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung, unter <a href="https://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/zahlenund-fakten/138672/mitgliederentwicklung" target="_blank" rel="noopener">https://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/zahlenund-fakten/138672/mitgliederentwicklung</a>.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/editorial-58/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<item>
		<title>Ostdeutschland heute</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/ostdeutschland-heute-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die widerspr&#252;chliche Entwicklung Ostdeutschlands seit dem Herbst 1989[1]. In: vorg&#228;nge Nr. 224 (4/2018), S. 7 &#8211; 23 Die Erfolge der AfD insbesondere in den neuen Bundesl&#228;ndern (vorher schon die NPD in Sachsen) wirft die Frage auf: warum gerade hier? Hat dies etwas mit der wirtschaftlichen Entwicklung in den Jahren nach der Vereinigung zu tun? Um [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/ostdeutschland-heute-1/">Ostdeutschland heute</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die widerspr&uuml;chliche Entwicklung Ostdeutschlands seit dem Herbst 1989[1]. In: vorg&auml;nge Nr. 224 (4/2018), S. 7 &#8211; 23</p>
<p><i>Die Erfolge der AfD insbesondere in den neuen Bundesl&auml;ndern (vorher schon die NPD in Sachsen) wirft die Frage auf: warum gerade hier? Hat dies etwas mit der wirtschaftlichen Entwicklung in den Jahren nach der Vereinigung zu tun? Um die Frage zu beantworten, muss nat&uuml;rlich zun&auml;chst die wirtschaftliche Entwicklung aufgezeigt werden. In den folgenden Ausf&uuml;hrungen zeigen die Autoren auf, wie sich die neuen L&auml;nder wirtschaftlich entwickelt haben, wie offizielle Verlautbarungen versuchen, dies &#8222;sch&ouml;n zu reden&#8220; und welche Verantwortung die Treuhand daf&uuml;r trug. </i></p>
<p>Die Herstellung der deutschen Einheit durch die W&auml;hrungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 und der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 setzten in den neuen L&auml;ndern einen Adaptions- und Transformationsprozess in Gang, der alle gesellschaftlichen Bereiche, die Arbeit und das Leben der Menschen erfasste und sich &uuml;ber mehrere Generationen erstreckte. In den alten L&auml;ndern dagegen stellt sich die deutsche Vereinigung vor allem als Inkorporations- und Integrationsprozess dar, der zudem durch die Entwicklung der EU, insbesondere die Krisenprozesse in der europ&auml;ischen Integration der letzten 10&nbsp;Jahre und die Globalisierung &uuml;berlagert wird. Insofern ist die Wahrnehmung der Vereinigungsproblematik in Ost und West grundverschieden, ebenso der R&uuml;ckblick der Menschen auf die DDR und die fr&uuml;here BRD. Dies zeigt sich in Differenzen bei der historischen Bewertung der deutschen Zweistaatlichkeit, aber auch in den durch Missverst&auml;ndnisse, Verf&auml;lschungen und Fehlwahrnehmungen charakterisierten Debatten um den Solidarit&auml;tszuschlag, den Solidarpakt, die Transferzahlungen, den Aufbau Ost, die Staatsverschuldung und anderes mehr. Die kontrovers verlaufende Diskussion ist bis heute nicht abgeschlossen.</p>
<h2 class="auto-created">Konvergenz und Divergenz</h2>
<p>Lange Zeit bestimmten die wirtschaftliche Misere in den neuen Bundesl&auml;ndern sowie die Erfolge und Defizite, Gewinne und Kosten des Zusammenwachsens beider Landesteile den Vereinigungsdiskurs. Eine zentrale Rolle spielten dabei die anfangs getroffenen wirtschaftspolitischen Entscheidungen, die Wirkungen der &uuml;berst&uuml;rzten W&auml;hrungsunion, die fatalen Konsequenzen der Treuhandpolitik f&uuml;r die ostdeutsche Industrie, die Zerst&ouml;rung der Forschungslandschaft und anderes mehr, wodurch im Osten eine &#8222;Vereinigungskrise&#8220;, im Westen dagegen ein &#8222;Vereinigungs-Boom&#8220; ausgel&ouml;st wurde. In der Folge erregten vor allem die hohe Arbeitslosigkeit und der nicht enden wollende Ost-West-Exodus gro&szlig;er Bev&ouml;lkerungsteile, die Fortschritte bei der Lohnangleichung und beim Konsum in den neuen L&auml;ndern bei gleichzeitiger Stagnation der Reall&ouml;hne im Westen das &ouml;ffentliche Interesse.</p>
<p>Mit der Entfaltung der transfergest&uuml;tzten und staatlich subventionierten wirtschaftlichen Dynamik schien der Absturz der ostdeutschen Wirtschaft in den Jahren 1990/91 &uuml;berwunden und der Osten auf den richtigen Weg gebracht. Aber der Aufschwung erlahmte bereits Mitte der 1990er Jahre und kam gegen Ende des Jahrzehnts, ohne dass das Konvergenzziel erreicht wurde, weitgehend zum Erliegen. Seitdem sind bei der Angleichung an das Westniveau auf den meisten Gebieten nur noch geringe Fortschritte zu verzeichnen. Weder gibt es im Osten (au&szlig;er Berlin und in Ans&auml;tzen Leipzig) eine Metropolenregion noch gro&szlig;e, &uuml;berregionale Wirtschaftscluster, eine nennenswerte Anzahl von Gro&szlig;betrieben oder Konzernzentralen (au&szlig;er der Deutschen Bahn), die die Wertsch&ouml;pfungsintensit&auml;t f&ouml;rdern k&ouml;nnten. All dies ist &ndash; und bleibt auch k&uuml;nftig &ndash; im Altbundesgebiet konzentriert, woraus sich das anhaltende West-Ost-Gef&auml;lle im Produktivit&auml;ts-, Innovations-, Einkommens-, Verm&ouml;gens- und Lebensniveau erkl&auml;rt.</p>
<p>Die tiefen Ost-West-Unterschiede im wirtschaftlichen Entwicklungsniveau sowie in den Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen werden durch ein S&uuml;d-Nord-Gef&auml;lle erg&auml;nzt. Zudem versagt die Politik bei der L&ouml;sung wichtiger Zukunftsfragen wie Energiewende, Infrastrukturausbau, Digitalisierung, Bildung, Gesundheit, Pflege, Aufnahme und Integration von Fl&uuml;chtlingen. Auch versiegen allm&auml;hlich die positiven Impulse aus der Vereinigung, die &#8222;Vereinigungsdividende&#8220; ist verschwunden, w&auml;hrend bestimmte Belastungen fortbestehen.</p>
<p>Das Verh&auml;ltnis zwischen Ost und West ist bis heute nicht frei von Spannungen. Trotzdem bewerteten im Ergebnis einer Umfrage, die 25 Jahre nach dem Mauerfall durchgef&uuml;hrt wurde, 75 Prozent der Ostdeutschen die Vereinigung im R&uuml;ckblick als positiv; bei den Westdeutschen sind es dagegen nur 48 Prozent. Viele Menschen in Ostdeutschland sehen sich auch materiell als Gewinner der Einheit.</p>
<p>Seit 1990 sind fast drei Jahrzehnte vergangen und die Wahrnehmung des Umbruchs im Osten und der deutschen Einheit ist, verglichen mit fr&uuml;her, eine andere geworden. Neue Ansichten, Denkmuster, Lebensstile und Zukunftserwartungen setzen sich durch, alte verlieren an Relevanz. Dazu geh&ouml;rt auch, dass die deutsch-deutsche Geschichte auf neue Art und Weise reflektiert und diskutiert wird.</p>
<p>Nach fast 30 Jahren sind die Menschen im Osten mehrheitlich im vereinigten Deutschland angekommen, obgleich ihre DDR-Herkunft bis heute in der Bundesrepublik als eine Art &#8222;Migrationshintergrund&#8220; gilt. F&uuml;r die Westdeutschen dagegen waren der Druck der Umst&auml;nde und die Dynamik des Wandels viel geringer, weshalb viele glauben, immer noch in der alten Bundesrepublik zu leben. Mit der Akzeptanz der deutschen Einheit ist eine Blickverschiebung verbunden &ndash; von der Transformation zur Integration und von der Vergangenheit zur Gegenwart und Zukunft. Im Zentrum stehen heute die deutsche und europ&auml;ische Integration, w&auml;hrend die getrennte, ja geteilte deutsche Vergangenheit in den Debatten kaum mehr eine Rolle spielt. Dies betrifft auch den &#8222;Sozialismus&#8220;, von dem 63,4 Prozent der Ostdeutschen glauben, dass er eine &#8222;gute Idee&#8220; war, die &#8222;<i>nur schlecht umgesetzt</i>&#8220; wurde, w&auml;hrend rund 60 Prozent der Westdeutschen ihn prinzipiell ablehnen.</p>
<p>In der Zeit seit dem Beitritt der DDR sind die Konturen des vereinigten Deutschland relativ klar, auch da, wo es immer noch deutliche Disparit&auml;ten und Niveauunterschiede gibt. Hierzu geh&ouml;ren die unterschiedliche Dynamik der wirtschaftlichen, sozialen und demografischen Entwicklung, die stabilen und sich reproduzierenden wirtschaftlichen und sozialen Diskrepanzen zwischen den Landesteilen sowie politische, weltanschauliche, religi&ouml;se, kulturelle und andere Besonderheiten. Setzt man diese in Beziehung zum Vereinigungsprozess, so erweisen sie sich teilweise als Integrationsdefizite und Sp&auml;tfolgen einer verfehlten, da einseitig an den Interessen des westdeutschen Kapitals ausgerichteten Vereinigungspolitik. Zum Teil resultieren sie aber auch aus s&auml;kularen Prozessen oder sind neueren Entwicklungen in der Welt geschuldet. Dies gilt z.B. f&uuml;r das S&uuml;d-Nord-Gef&auml;lle in Deutschland, aber auch f&uuml;r Unterschiede in der Klassen- und Schichtzugeh&ouml;rigkeit, bei der Religion, Kultur, hinsichtlich der Repr&auml;sentanz der Eliten in leitenden Funktionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sowie aktuell bei der Wahrnehmung der Migrationsaufgaben.</p>
<h2 class="auto-created">Die wider&shy;spr&uuml;ch&shy;liche wirtschaft&shy;liche Entwicklung Ostdeut&shy;sch&shy;lands bis heute [2]</h2>
<p>Unterzieht man die Wirtschaftsdaten f&uuml;r Ost- und Westdeutschland einer vergleichenden Analyse, so ist, bezogen auf den Gesamtzeitraum seit 1990, durchaus ein Konvergenzprozess zu konstatieren. (vgl. Ragnitz 2009; Scheufele/Ludwig 2009; Busch 2011) Im konkreten Verlauf zeigt sich jedoch, dass dieser Prozess weder kontinuierlich und dynamisch, noch gleichbleibend in dieselbe Richtung verlief. Es k&ouml;nnen unter dem Aspekt der Konvergenz grob drei Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung Ostdeutschlands unterschieden werden.</p>
<p><i>Die erste Phase in den Jahren 1990/1991</i> war durch den Absturz der ostdeutschen Wirtschaft charakterisiert.</p>
<p><i>Die zweite Phase von 1992 bis Mitte/Ende der 1990er Jahre</i> war durch die Aufholprozesse in der wirtschaftlichen Entwicklung und dadurch wirksame Konvergenz wichtiger wirtschaftlicher Indikatoren gekennzeichnet, die bei den jeweiligen Indikatoren differenziert verl&auml;uft.</p>
<p><i>Die dritte Phase von etwa 1997 bis heute</i>, in der der Aufholprozess vor allem hinsichtlich der wirtschaftlichen Niveaukennziffern zum Stillstand gekommen ist. Seit der Jahrtausendwende und speziell nach der Wirtschaftskrise 2008/09 unterscheiden sich die Wachstumsraten in den neuen und den alten Bundesl&auml;ndern kaum noch voneinander. Dadurch bleibt der Ost-West-Abstand in den auf die EinwohnerIn bzw. Besch&auml;ftigten bezogenen relativen Gr&ouml;&szlig;en etwa gleich, w&auml;hrend er in den absoluten Gr&ouml;&szlig;en zum Teil noch angewachsen ist.</p>
<h2 class="auto-created">Die Absturz- und Zerst&ouml;&shy;rungs&shy;phase 1990/91</h2>
<p>1990/91 gab es einen starken Einbruch der ostdeutschen Wirtschaft, w&auml;hrend die westdeutsche Wirtschaft eine Sonderkonjunktur mit hohen Wachstumsraten und einem steilen Besch&auml;ftigungsanstieg erlebte (vgl. Hickel/Priewe 1994, S.&nbsp;22). Im Vergleich zum letzten DDR-Jahr 1989 ging das BIP der neuen Bundesl&auml;nder 1991 auf 76,5% zur&uuml;ck, die Bruttowertsch&ouml;pfung des verarbeitenden Gewerbes sank sogar auf weniger als die H&auml;lfte (39%). Damit nahm die Ost-West-Divergenz bei entscheidenden Kennziffern zu. So sank das relative Niveau Ostdeutschlands im Vergleich zu Westdeutschland (jeweils = 100) 1991 gegen&uuml;ber 1989 bei der Arbeitsproduktivit&auml;t (BIP je Erwerbst&auml;tigen) von 44,2% auf 34,9% und beim BIP je EinwohnerIn von 54,9&nbsp;% auf 33,3&nbsp;%. Der st&auml;rkere R&uuml;ckgang des relativen Niveaus des BIP je EinwohnerIn im Vergleich zum BIP je Erwerbst&auml;tigen spiegelt den Einbruch des Arbeitsmarkts wider: die Zahl der Erwerbst&auml;tigen fiel 1991 gegen&uuml;ber 1989 von 8,9 Millionen auf 6,8 Millionen (auf rund 76&nbsp;%). Der R&uuml;ckgang der Erwerbst&auml;tigenzahl um ein Viertel in nur zwei Jahren f&uuml;hrte zu einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit: von einer zu vernachl&auml;ssigenden Gr&ouml;&szlig;e zur DDR-Zeit auf &uuml;ber 800.000 im Jahr 1991 und damit zu einer doppelt so hohen Arbeitslosenquote wie in den alten Bundesl&auml;ndern.</p>
<p>Auf der Grundlage der hohen West-Ost-Transferzahlungen, insbesondere im Rahmen des Fonds Deutsche Einheit, wurden schon mit Beginn des Vereinigungsprozesses betr&auml;chtliche Stimuli f&uuml;r einen erh&ouml;hten Verbrauch in Ostdeutschland wirksam. Sie bewirkten eine Entwicklung entscheidender Nachfragegr&ouml;&szlig;en bzw. Verwendungskennziffern des BIP, die sich von den regionalen Produktionsleistungen stark unterschied. Die Entwicklung in dieser ersten Phase des Vereinigungsprozesses spielt eine wichtige Rolle f&uuml;r eine realistische und differenzierte Analyse der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung der neuen Bundesl&auml;nder und f&uuml;r eine kritische Bewertung der Vereinigungspolitik der Bundesregierung unter Helmut Kohl.</p>
<p>Es ist kein Zufall und auch nicht auf die Schwierigkeiten zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, die beim Vergleich der in der DDR-Statistik ausgewiesenen Daten mit denen der Bundesrepublik bestehen, dass alle offiziellen Berichte und Analysen der ostdeutschen Entwicklung auf dem Jahr 1991 als Basisjahr beruhen. Damit kann die herrschende Politik zwei Effekte f&uuml;r sich verbuchen. Erstens werden die verheerenden Folgen der Schocktherapie und vor allem der T&auml;tigkeit der Treuhandanstalt als Vollzugsorgan der westdeutschen Kapitalinteressen weitgehend ausgeblendet. Zweitens werden die Ergebnisse der wirtschaftlichen Entwicklung in Ostdeutschland in der Zeit nach der Vereinigung in einem f&uuml;r eine seri&ouml;se Bewertung unzul&auml;ssigen Ma&szlig;e besch&ouml;nigt. In den Jahresberichten zum Stand der deutschen Einheit, die die Bundesregierung jedes Jahr publiziert, wird z.B. als Ausdruck der guten Vereinigungspolitik der Zuwachs des BIP&nbsp; 1995 gegen&uuml;ber 1991 um rund 30% gefeiert, w&auml;hrend die Tatsache, dass der Zuwachs 1995 gegen&uuml;ber dem letzten vollen DDR-Jahr 1989 nur 1&nbsp;% betrug, verschwiegen wird. Beim Wachstum der Bruttowertsch&ouml;pfung des verarbeitenden Gewerbes ist diese Diskrepanz noch weit gr&ouml;&szlig;er: Bei einem Zuwachs 1995 gegen&uuml;ber 1991 um rund 25% wies die Bruttowertsch&ouml;pfung 1995 gegen&uuml;ber 1989 einen R&uuml;ckgang von 25% auf. (berechnet nach Heske 2005, S.&nbsp;249) Erst 24 Jahre nach der deutschen Vereinigung wurde in den neuen Bundesl&auml;ndern wieder der Produktionsumfang des verarbeitenden Gewerbes der DDR des Jahres 1989 erreicht.</p>
<p>Daf&uuml;r, dass die Zusammenbruchphase 1990/91 unbedingt zu ber&uuml;cksichtigen ist, spricht vor allem, dass sich in dieser Zeit infolge der fehlerhaften Vereinigungspolitik Bedingungen herausgebildet haben, die die wirtschaftliche Konvergenz langfristig und tiefgreifend negativ beeinflusst haben und auch weiterhin beeinflussen werden, und die kaum wieder r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen sind. Diese Bedingungen und Faktoren k&ouml;nnten grob in folgenden Komplexen zusammengefasst werden:</p>
<blockquote>
<p class="bodytext">&bull; weitgehende Liquidierung der in der DDR bestehenden Gro&szlig;betriebe und Herausbildung einer kleinteiligen Betriebsgr&ouml;&szlig;enstruktur; umfassende Zerst&ouml;rung regionaler, gesamtwirtschaftlicher und auch internationaler Wertsch&ouml;pfungsketten und Umwandlung vieler Betriebe, die Bestandteile solcher Wertsch&ouml;pfungsketten waren, in verl&auml;ngerte Werkb&auml;nke westdeutscher Gro&szlig;unternehmen;
</p>
<p class="bodytext">&bull; Wegbrechen der Exportm&auml;rkte vor allem in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion sowie in anderen RGW-L&auml;ndern;
</p>
<p class="bodytext">&bull; Beseitigung der meisten gro&szlig;en Forschungszentren der Akademie der Wissenschaften und der Kombinate bei gleichzeitig starkem R&uuml;ckgang der Anteile der Forschungs- und Entwicklungsausgaben an den Gesamtaufwendungen der Produktion sowie der FuE-Besch&auml;ftigten an den Gesamtbesch&auml;ftigten;
</p>
<p class="bodytext">&bull; eine betr&auml;chtliche L&uuml;cke zwischen der Gr&ouml;&szlig;e des produzierten und des im Inland verwendeten BIP in den neuen Bundesl&auml;ndern &ndash; st&auml;ndiger &Uuml;berschuss des verwendeten BIP immer noch bei 15-20% des produzierten BIP. (Ludwig 2017, 605)</p>
</blockquote>
<p>Hier soll lediglich etwas n&auml;her auf die kleinteilige Betriebsgr&ouml;&szlig;enstruktur, die vor allem infolge der Schocktherapie und der r&uuml;cksichtslosen Privatisierung der Treuhandanstalt entstanden ist, und auf einige damit zusammenh&auml;ngende Probleme und Konsequenzen eingegangen werden. Die insgesamt Besch&auml;ftigten verteilten sich 2015 in Ost- und in Westdeutschland wie folgt auf die verschiedenen Betriebsgr&ouml;&szlig;en (Angaben in Prozent):</p>
<p><i>Tabelle 1: Verteilung der Besch&auml;ftigten auf verschiedene Betriebsgr&ouml;&szlig;en in 2016 f&uuml;r Ost- und Westdeutschland </i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ost</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; West</p>
</td>
<td></td>
<td></td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;1 &#8211; 9 Besch&auml;ftigte</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; &nbsp;20</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;10 &#8211; 49 Besch&auml;ftigte&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 29</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;50 &#8211; 249 Besch&auml;ftigte</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 29</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&Uuml;ber 250 Besch&auml;ftigte</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 22</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;31&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
<td></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Quelle: IAB Betriebspanel 2016</p>
<p>Der Besch&auml;ftigtenanteil der gr&ouml;&szlig;eren Betriebe ab 250 Besch&auml;ftigten lag in Westdeutschland 40% h&ouml;her als in Ostdeutschland. Hier war der Anteil dieser Betriebe etwa gleich gro&szlig; wie der der Kleinstbetriebe, w&auml;hrend deren Anteil in Westdeutschland das Doppelte betrug. Dieser West-Ost-Unterschied steigt innerhalb der letzten Gruppe (&uuml;ber 250 Besch&auml;ftigte) weiter an: in den Betrieben mit mehr als 500 Besch&auml;ftigten war der Besch&auml;ftigtenanteil mehr als doppelt so hoch wie in Ostdeutschland.</p>
<p>Die Auswirkungen der Betriebsgr&ouml;&szlig;enstrukturen auf die Arbeitsproduktivit&auml;t wird an den Produktivit&auml;tsunterschieden zwischen den Betriebsgr&ouml;&szlig;en deutlich. Die Produktivit&auml;t je Besch&auml;ftigten der Betriebe in Westdeutschland ab 500 Besch&auml;ftigte gleich 100% gesetzt, betrug sie in Ostdeutschland in den Gr&ouml;&szlig;engruppen: 1-9: 51%, 10-49: 63%, 50-249: 80%. Die West-Ost-Unterschiede in der Produktivit&auml;t lagen in allen Betriebsgr&ouml;&szlig;en bis 249 Besch&auml;ftigten nicht h&ouml;her als 15%, in der Gr&ouml;&szlig;engruppe ab 250 Besch&auml;ftigten jedoch bei &uuml;ber 30%.</p>
<p>Der direkte Zusammenhang zwischen Betriebsgr&ouml;&szlig;e und Produktivit&auml;t im Ost-West-Vergleich wird durch die Beziehungen der Betriebsgr&ouml;&szlig;e zu anderen Indikatoren, wie FuE-Intensit&auml;t und Innovationen unterstrichen. Etwa die H&auml;lfte des ostdeutschen Produktivit&auml;tsr&uuml;ckstands von 25-30% wird auf die kleinteilige Gr&ouml;&szlig;enstruktur der ostdeutschen Wirtschaft zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein.</p>
<h2 class="auto-created">Die Phase einer starken Konvergenz</h2>
<p>In dieser zweiten Entwicklungsphase 1992 bis 1995/96 &uuml;bertraf das Wirtschaftswachstum im Osten das des Westens. In diesem Jahrf&uuml;nft verringerte sich der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland im BIP je EinwohnerIn um mehr als zwanzig Prozentpunkte. Setzt man jedoch 1989 als Basis an, so waren es (wegen des Absturzes 1990/1991) nur zehn Punkte. Hinsichtlich der wirtschaftlichen Konvergenz war dies die insgesamt erfolgreichste Periode in der Entwicklung der neuen Bundesl&auml;nder. Sie wurde vor allem getragen von einer starken Erh&ouml;hung der Bruttoanlageinvestitionen in Ostdeutschland. Bei einem Bev&ouml;lkerungsanteil der neuen Bundesl&auml;nder von 19,0% 1991 und 17,4% 1995 stieg der Anteil an den Bruttoanlageinvestitionen Deutschlands von 13,0% 1991 auf 24,5% 1995. (Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, 2010, 56) Diese Erh&ouml;hung der Investitionsintensit&auml;t wurde vor allem getragen von den Bauinvestitionen und zeigte sich in einer sichtbaren Modernisierung des Geb&auml;ude- und speziell des Wohnungsbestands der St&auml;dte sowie im Ausbau der Ost-West-Hauptverkehrsadern. Sie waren jedoch kaum mit einer Industriepolitik und einer F&ouml;rderung der l&auml;ndlichen R&auml;ume verbunden.</p>
<h2 class="auto-created">Die Phase geringer Konvergenz und teilweiser Stagnation im Anglei&shy;chungs&shy;pro&shy;zess</h2>
<p>In den Jahren nach 1996 gab es zwar noch gewisse, aber insgesamt nur geringe Fortschritte in der Konvergenz. Von 1996 bis 2000 gab es hinsichtlich des wirtschaftlichen Leistungsniveaus einen Stillstand in der Konvergenz. Danach vollzieht sich der Aufholprozess nur noch &#8222;in Trippelschritten&#8220;, da es der Wirtschaft in den neuen L&auml;ndern kaum mehr gelingt, eine gegen&uuml;ber den alten L&auml;ndern h&ouml;here Dynamik zu entfalten. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise gibt es keine eindeutige Richtung: in einigen Jahren war das Wachstum um wenige Zehntel Prozent in den alten, in anderen in den neuen Bundesl&auml;ndern h&ouml;her. Da seit 1997 im Osten auch die Investitionen (in neue Ausr&uuml;stungen und Anlagen) hinter der Entwicklung in den alten L&auml;ndern zur&uuml;ckblieben, ist auch perspektivisch nicht mit einer Forcierung des Konvergenzprozesses zu rechnen.</p>
<p>Die Unterschiede, die in den neuen Bundesl&auml;ndern zwischen dem relativen Niveau des BIP je EinwohnerIn und je Erwerbst&auml;tigen bestehen und deren teilweise entgegengesetzte Entwicklung sind auf die Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung und in der Arbeitslosenquote zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. In der DDR war die Erwerbsbeteiligung wesentlich h&ouml;her als in der BRD. Nach 1990 hat sich dieses Verh&auml;ltnis jedoch umgekehrt. Dies schl&auml;gt sich u.a. darin nieder, dass das Angleichungsniveau in der Arbeitsproduktivit&auml;t um 10 Prozentpunkte &uuml;ber dem entsprechenden Niveau bei der Angleichung des BIP je EinwohnerIn liegt. Das geringere relative Niveau des BIP je Erwerbst&auml;tigenstunde gegen&uuml;ber dem BIP je Erwerbst&auml;tigen spiegelt die l&auml;ngere Arbeitszeit der ostdeutschen Erwerbst&auml;tigen wider.</p>
<p><i>Tabelle 2: Investitions- und Kapitalintensit&auml;t der Wirtschaft in den neuen Bundesl&auml;ndern (alte Bundesl&auml;nder = 100)</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;1991</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;1995</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p>&nbsp;2000&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;2005&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;2010&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2013</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Investitionsintensit&auml;t&nbsp;(a)&nbsp;</p>
<p>&nbsp; Ausr&uuml;stungen (b)</p>
<p>&nbsp; Bauten</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 65,0&nbsp; </p>
<p>&nbsp; 54,3</p>
<p>&nbsp; 76,6</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;156,7</p>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;98,5</p>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;204,5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;114,7</p>
<p>&nbsp;&nbsp;87,8</p>
<p>&nbsp;144,5</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 89,3</p>
<p>&nbsp; 70,1</p>
<p>&nbsp;113,9&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 84,1&nbsp; </p>
<p>&nbsp; 76,0</p>
<p>&nbsp; 93,3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;81,3&nbsp; </p>
<p>&nbsp; 76,7</p>
<p>&nbsp;&nbsp;86,1&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Kapitalintensit&auml;t (c)</p>
<p>&nbsp; Ausr&uuml;stungen (b)</p>
<p>&nbsp; Bauten</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 37,3</p>
<p>&nbsp; 26,2</p>
<p>&nbsp; 40,8&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;54,4</p>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; 45,1</p>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;57,0&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;73,9</p>
<p>&nbsp; 72,8</p>
<p>&nbsp; 74,3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 82,4</p>
<p>&nbsp; 82,9</p>
<p>&nbsp; 82,3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 85,0</p>
<p>&nbsp; 83,8</p>
<p>&nbsp; 85,3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;88,0</p>
<p>&nbsp; 86,3</p>
<p>&nbsp; 88,4</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Modernit&auml;tsgrad</p>
<p>&nbsp; Ausr&uuml;stungen (b)</p>
<p>&nbsp; Bauten</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;95,9</p>
<p>&nbsp;108,1&nbsp; </p>
<p>&nbsp; 92,3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;111,5</p>
<p>&nbsp;&nbsp; 127,6</p>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;107,4&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;116,7</p>
<p>&nbsp;118,2</p>
<p>&nbsp;116,1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;113,7</p>
<p>&nbsp;103,4</p>
<p>&nbsp;116,3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;110,9</p>
<p>&nbsp; 97,3</p>
<p>&nbsp;113,9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;109,4</p>
<p>&nbsp;&nbsp;96,1</p>
<p>&nbsp;112,2</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>(a) Neue Anlagen je Erwerbst&auml;tigen zu Wiederbeschaffungspreisen &ndash; (b) Einschlie&szlig;lich sonstiger Anlagen &ndash; (c) Angaben je Erwerbst&auml;tigen zu Wiederbeschaffungspreisen (Quellen: VGR der L&auml;nder [Berechnungsstand: Juni 2016]; die Tabelle wurde &uuml;bernommen aus Ludwig 2017, 588).</p>
<p>Eine wichtige Grundlage f&uuml;r den relativ starken ostdeutschen Aufholprozess in der Zeit von 1992 bis etwa Mitte der 1990er Jahre war die Erh&ouml;hung der Investitionen und die Modernisierung der Produktionsanlagen. Sie erreichten je EinwohnerIn 7325 Euro und lagen damit um rund 2000 Euro &uuml;ber der westdeutschen Gr&ouml;&szlig;e. Dies war vor allem auf die erhebliche Ausweitung der Baukapazit&auml;ten zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Die Investitionen in neue Ausr&uuml;stungen und sonstige Anlagen je EinwohnerIn lagen &ndash; im Unterschied zu den Bauinvestitionen &ndash; mit 2140 Euro rund 10% unter der westdeutschen Gr&ouml;&szlig;e. In den Jahren danach setzte sich die insgesamt rasche Entwicklung der Investitionen nicht fort. 2014 lagen die Investitionen in neue Ausr&uuml;stungen und sonstige Anlagen mit 2672 Euro etwas mehr als 30&nbsp;Prozent unter der westdeutschen Gr&ouml;&szlig;e. Auch die Investitionen in neue Bauten lagen je EinwohnerIn um mehr als 20&nbsp;% darunter (berechnet nach Wirtschaftsdaten &ndash; Neue L&auml;nder 2017).</p>
<p>Die Aufwendungen f&uuml;r FuE und der davon abh&auml;ngige Umfang des FuE-Personals sind weitere f&uuml;r die Entwicklung der wirtschaftlichen Leistungs- und Wettbewerbsf&auml;higkeit entscheidende Einflussgr&ouml;&szlig;en. Nach einer weitgehenden Liquidierung gro&szlig;er Forschungszentren der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Kombinate schmolz das FuE-Potenzial der neuen Bundesl&auml;nder stark zusammen und betrug auf je 10.000 Erwerbst&auml;tige 1995 77 Personen gegen&uuml;ber 136 Personen in Westdeutschland. Es wuchs zwar bis 2014 auf 108 Personen, blieb aber gegen&uuml;ber dem Zuwachs in Westdeutschland auf 170 weiter zur&uuml;ck, so dass der absolute Ost-West-Abstand noch etwas zunahm (berechnet nach Wirtschaftsdaten &ndash; Neue L&auml;nder 2017, 93).</p>
<p>F&uuml;r die Entwicklung in den neuen Bundesl&auml;ndern war in den ersten Jahren nach der Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion ein bedeutend rascheres Wachstum der Verwendungsgr&ouml;&szlig;en des BIP gegen&uuml;ber den Produktionsgr&ouml;&szlig;en charakteristisch. Dadurch entstand ein bedeutender &Uuml;berschuss der Inlandsverwendung gegen&uuml;ber der Inlandsproduktion, der zwar in seiner relativen und absoluten Gr&ouml;&szlig;e zur&uuml;ckgegangen ist, jedoch bis heute fortbesteht. Dieser Saldo betrug 1991 75&nbsp;%. Er sank in den Folgejahren auf 52&nbsp;% (1995), 38&nbsp;% (2010) und 13&nbsp;% (2015). (Ludwig 2017, 605)</p>
<p>Aus diesem bis heute anhaltenden &Uuml;berschuss der Inlandsverwendung ergibt sich als Konsequenz: <i>&#8222;Der Wirtschaftskreislauf in den neuen Bundesl&auml;ndern tr&auml;gt sich damit auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nicht selbst. Die Produktion vor Ort deckt die hiesige Nachfrage auch 25 Jahre nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit in Gr&ouml;&szlig;enordnungen nicht ab. Der Kreislauf wird Jahr f&uuml;r Jahr finanziell durch milliardenschwere West-Ost-Transfers vor allem aus den &ouml;ffentlichen Haushalten und g&uuml;terseitig im Wesentlichen durch Lieferungen aus den alten Bundesl&auml;ndern in Gang gehalten.&#8220; </i>(Ludwig 2017, 605) Hierauf ist auch zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass die Konvergenz bei den Indikatoren, die den Verbrauch charakterisieren, in der Tendenz um mehrere Prozentpunkte h&ouml;her ist als bei den Indikatoren, die die Wirtschaftsleistung kennzeichnen: etwa 80-85% zu 70-75%.</p>
<p>Res&uuml;mierend l&auml;sst sich zum Aufholprozess der neuen Bundesl&auml;nder festhalten: Im ersten Jahrf&uuml;nft (1991&ndash;1995) verringerte sich der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland um mehr als zwanzig Prozentpunkte. Setzt man jedoch 1989 als Basis an, so war der Aufholprozess wesentlich geringer. F&uuml;r weitere 10 Prozentpunkte im Angleichungsprozess bedurfte es einer Zeitspanne von 15 Jahren (1996-2010). Seitdem geht es nur schwach voran. Angesichts der Entwicklung der Erwerbst&auml;tigkeit, der Investitionen und der fast 30-j&auml;hrigen Zeitspanne, die schon seit der Vereinigung vergangen ist, spricht nichts daf&uuml;r, dass das Konvergenzziel (die Niveauangleichung) bis 2020 erreicht wird. Die ostdeutsche Wirtschaft wird auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Vereinigung bei etwa 75-80% des Westniveaus liegen.</p>
<p>Die bisherige Entwicklung in den neuen Bundesl&auml;ndern nach der Vereinigung k&ouml;nnte mit den Worten charakterisiert werden: Vom Absturz &uuml;ber einen Konvergenzprozess zur Parallelentwicklung auf einem niedrigeren Niveau. Nach 2019, wenn der Solidarpakt II und der &#8222;Aufbau Ost&#8220; auslaufen, besteht die Gefahr, dass das Konvergenzziel als politische Aufgabe g&auml;nzlich von der Agenda verschwindet.</p>
<h2 class="auto-created">Funktion und Wirksamkeit der Treuhand&shy;an&shy;stalt</h2>
<p>Die Treuhandanstalt (THA) wurde auf Beschluss des Ministerrats zur Zeit der Modrow-Regierung am 1. M&auml;rz 1990 gegr&uuml;ndet. Ihre Aufgabe sollte darin bestehen, das volkseigene Verm&ouml;gen treuh&auml;nderisch im Interesse der Allgemeinheit zu verwalten, d.h. es zu erhalten und zugleich die wirtschaftliche T&auml;tigkeit der Unternehmen den marktwirtschaftlichen Verh&auml;ltnissen anzupassen. Nach der Volkskammerwahl am 15. M&auml;rz 1990 geh&ouml;rte die &Auml;nderung der Aufgabenstellung und des Charakters der THA zu den ersten Aktivit&auml;ten der neuen CDU/SPD-Regierung. Ihre Aufgabe wurde mit dem am 17. Juni von der neu gew&auml;hlten Volkskammer beschlossenen Gesetz in das Gegenteil des urspr&uuml;nglichen Auftrages umgewandelt: anstelle der Erhaltung des Volksverm&ouml;gens der DDR seine rasche und umfassende entsch&auml;digungslose Privatisierung. Eine wichtige Grundlage f&uuml;r diese Umwandlung der Aufgabe der THA bildete die W&auml;hrungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, die am 1. Juli 1990 in Kraft trat. Mit dem Beitritt der DDR zur BRD am 3. Oktober wurde die THA dem Bundesfinanzministerium unterstellt. In kurzer Zeit ging die F&uuml;hrungsebene in westdeutsche H&auml;nde &uuml;ber, alle wichtigen Funktionen wurden durch Manager aus den alten Bundesl&auml;ndern besetzt. Die Auseinandersetzung um die der Privatisierung zugrunde zu legenden Prinzipien: <i>&#8222;Sanierung vor Privatisierung&#8220;</i> oder <i>&#8222;Sanierung durch Privatisierung&#8220;</i> wurde zu Gunsten des letzteren entschieden. Die westdeutschen in der THA angestellten Manager nutzten h&auml;ufig ihre T&auml;tigkeit in der THA im Interesse der Konzerne, mit denen sie eng liiert waren. In mehreren F&auml;llen gab es direkt schwere kriminelle Delikte im Zusammenhang mit Korruptionsaff&auml;ren, z.B. <i>Elf Acquitaine </i>bei der Privatisierung der <i>Leuna Werke </i>und <i>Bremer Vulkan </i>bei der Privatisierung der <i>Ostsee-Werften</i>.</p>
<p>Negative Folgen der beschleunigten Privatisierung der ostdeutschen volkseigenen Betriebe waren f&uuml;r die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den neuen Bundesl&auml;ndern insbesondere:</p>
<blockquote>
<p class="bodytext">&bull; Die in Jahrzehnten in der DDR herausgebildeten Unternehmens- und Betriebsstrukturen sowie die darauf beruhenden Wertsch&ouml;pfungsketten wurden weitgehend liquidiert;
</p>
<p class="bodytext">&bull; ein betr&auml;chtlicher Teil ostdeutscher Betriebe wurde in verl&auml;ngerte Werkb&auml;nke westdeutscher Unternehmen umgewandelt;
</p>
<p class="bodytext">&bull; in den ostdeutschen Regionen wurden die Interessen der dort ans&auml;ssigen Bev&ouml;lkerung zu Gunsten der Interessen gr&ouml;&szlig;erer westdeutscher Unternehmen zur&uuml;ckgedr&auml;ngt;
</p>
<p class="bodytext">&bull; die Leistung der ostdeutschen Wirtschaft brach in den Jahren 1990 und 1991 in einem Ausma&szlig; ein, das weit gr&ouml;&szlig;er war als die Produktionseinbr&uuml;che in den schwersten Wirtschaftskrisen. Besonders stark war das verarbeitende Gewerbe hiervon betroffen.
</p>
<p class="bodytext">&bull; In den privatisierten Gro&szlig;unternehmen wurden die ostdeutschen F&uuml;hrungskr&auml;fte im gro&szlig;en Ma&szlig;stab durch westdeutsche Spitzenmanager ersetzt.&nbsp;</p>
<p class="bodytext">&bull; Mit dem Einbruch der Wirtschaftsleistung der ostdeutschen Betriebe gingen auch die finanziellen Einnahmen der Gebietsk&ouml;rperschaften und der Sozialversicherung stark zur&uuml;ck.</p>
</blockquote>
<p>Der Autor der j&uuml;ngst erschienenen Dissertation &#8222;Die Treuhand&#8220; (B&ouml;ick, 2018) fasst in einem Interview zusammen: <i>&#8222;Die Entwertung der Lebensl&auml;ufe, das Gef&uuml;hl von Unterwerfung &ndash; das alles ist untrennbar auch mit der Treuhand verbunden. Sie ist zu einem Symbol geworden f&uuml;r eine anonyme Macht aus westlichen Kapitalisten, die den Daumen &uuml;ber das Wohl der Ostdeutschen hob oder senkte. Wir haben deshalb von einer erinnerungskulturellen &#8218;Bad Bank&#8216; gesprochen, eine Art emotionales Endlager, wo die negativen Gef&uuml;hle dieser Umbruchzeit vor sich hin gl&uuml;hen. Die Politik hat das lange nicht interessiert. Man dachte: Die Menschen werden ihre gewonnene Freiheit so sch&auml;tzen, dass sie dar&uuml;ber hinwegsehen, wenn sie weniger verdienen und nichts erben. Die sch&ouml;nen Innenst&auml;dte, die Einkaufsm&ouml;glichkeiten werden sie verschmerzen lassen, dass sie nichts zu sagen haben, weil in Unternehmen, Gerichten, Universit&auml;ten Westdeutsche die F&uuml;hrungspositionen besetzen. Der Glaube, dass sich diese Unterschiede auswachsen oder hingenommen werden, solange man nicht gro&szlig; dar&uuml;ber spricht &ndash; das ist eine Lebensl&uuml;ge der Politik.&#8220; </i>(S&uuml;ddeutsche Zeitung 24.6.2018)</p>
<p>1994 wurde eine gewisse Schlussbilanz der Privatisierung durch die Treuhand gezogen. Vom gesamten ostdeutschen von der THA verwalteten Produktivverm&ouml;gen fielen bis Mitte 1994 80% an Westdeutsche, 14% an Ausl&auml;nder und 6% an Ostdeutsche. (Roesler, 2005, 102)</p>
<h2 class="auto-created">Demogra&shy;fi&shy;sche Ver&auml;n&shy;de&shy;rungen in Ostdeut&shy;sch&shy;land</h2>
<p>F&uuml;r die Zukunft einer Region spielt die Bev&ouml;lkerungsentwicklung eine wichtige Rolle. Gerade hier gibt es gro&szlig;e Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Ursachen daf&uuml;r sind die Wanderungsverluste des Ostens, die &uuml;berproportionale Alterung der Bev&ouml;lkerung und der Geburtenr&uuml;ckgang seit 1990. Diese Prozesse bewirken, dass die ostdeutsche Bev&ouml;lkerung im Zeitverlauf sichtlich schrumpft und sich die Altersstruktur sp&uuml;rbar ver&auml;ndert. Das Ausma&szlig; dieser als &#8222;demografischer Wandel&#8220; apostrophierten Ver&auml;nderung ist derart dramatisch, dass die neuen L&auml;nder international teilweise als &#8222;demografisches Krisengebiet&#8220; gelten.</p>
<p>Hierf&uuml;r gibt es insbesondere zwei bestimmende Faktoren. Erstens die innerdeutsche Wanderung: Von 1989 bis 2013 &uuml;berstieg die Zahl der Fortz&uuml;ge aus Ostdeutschland best&auml;ndig die Zahl der Zuz&uuml;ge aus Westdeutschland, sodass der innerdeutsche Wanderungssaldo 25-mal in Folge negativ war. Der positive Saldo gegen&uuml;ber dem Ausland vermag den Wanderungsverlust nicht auszugleichen, sodass es im Osten zu einem kontinuierlichen Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang kommt, w&auml;hrend im Westen der Zuzug aus Ostdeutschland und aus dem Ausland den geburtenbedingten R&uuml;ckgang aufh&auml;lt und die Bev&ouml;lkerung dort vorerst sogar noch w&auml;chst.</p>
<p>Zweitens die Alters- und Geschlechterstruktur der Fort- bzw. Zuziehenden: Es sind insbesondere J&uuml;ngere &ndash; darunter &uuml;berproportional viele Frauen &ndash;, die vor allem infolge der stark verschlechterten Besch&auml;ftigungsbedingungen aus den neuen L&auml;ndern wegziehen, w&auml;hrend umgekehrt vor allem &Auml;ltere zuziehen. Die Folge ist eine verst&auml;rkte Alterung der ostdeutschen Bev&ouml;lkerung, w&auml;hrend die westdeutsche Bev&ouml;lkerung eine relative Verj&uuml;ngung erf&auml;hrt.</p>
<p><i>Tabelle 3: Bev&ouml;lkerungsentwicklung nach L&auml;ndern 1989&ndash;2030 in 1.000 Personen</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 1989</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;1990</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2007</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;2010</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;2013</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;2020&nbsp;(P)&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;2030&nbsp;(P) </p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Brandenburg&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.641&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;2.578</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.542&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.508</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;2.489</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; &nbsp;2.419</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.259</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Mecklenburg-&nbsp;V.</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 1.964&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;1.924&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 1.687</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 1.647</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 1.624</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 1.529</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;1.412</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Sachsen-&nbsp;Anhalt</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.965</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;2.874&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.429</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.345</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.285</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; &nbsp;2.085</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;1.895</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Sachsen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 4.901</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;4.764</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;4.234</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 4.154</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 4.123</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 3.909</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;3.635</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Th&uuml;ringen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.684</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;2.611</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;2.301</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.241</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 2.203</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 2.028</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 1.860</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;NBL&nbsp;(ohne&nbsp;Berlin)&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;15.155&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 14.751</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;13.188&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;12.894&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;12.724&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 11.970</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;11.061&nbsp; </p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td></td>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Quelle: Statistisches Bundesamt 2014 (P: Prognose gem&auml;&szlig; 12.&nbsp;Koordinierter Bev&ouml;lkerungsvorausberechnung).</p>
<p>Der Schrumpfungsprozess ist keineswegs nur ein quantitatives Ph&auml;nomen. Er beinhaltet auch strukturelle und qualitative Komponenten, etwa die Verschiebung in den Geschlechterproportionen, die fortschreitende Alterung sowie den R&uuml;ckgang des Bildungs-, Qualifikations- und Kulturniveaus der verbleibenden Bev&ouml;lkerung infolge selektiver geschlechtsspezifischer, altersm&auml;&szlig;iger und bildungsseitiger Mobilit&auml;t. Das Ausma&szlig; der regionalen Unterschiede wird besonders deutlich beim Altenquotienten (Personen im Rentenalter je 100 Personen im erwerbsf&auml;higen Alter). Dieser betrug 2015 in Deutschland gesamt 34,7. Alle ostdeutschen Bundesl&auml;nder lagen &uuml;ber diesem Durchschnittswert: die Streuung ging von 37,9 in Mecklenburg-Vorpommern bis 43 in Sachsen. Nach der Bev&ouml;lkerungsvorausberechnung wird sich der Altenquotient bis 2030 weiter erh&ouml;hen und zugleich die Ost-West-Differenzierung betr&auml;chtlich verst&auml;rken.</p>
<h2 class="auto-created">Fast drei Jahrzehnte vereinigtes Deutschland &ndash; Verfas&shy;sungs&shy;ziel gleich&shy;wer&shy;tiger Lebens&shy;ver&shy;h&auml;lt&shy;nisse nicht erreicht</h2>
<p>Im Unterschied zu den 1990er Jahren ist in der letzten Zeit die Konvergenzdynamik bei den Einkommen der privaten Haushalte und beim Lebensniveau nicht mehr h&ouml;her als bei der Leistungsentwicklung. &Auml;hnlich wie bei den Wirtschaftsindikatoren ist auch hier, nachdem ein bestimmter Schwellenwert im Verh&auml;ltnis zu Westdeutschland erreicht worden ist, eher eine Parallelentwicklung auszumachen. So entsprechen die Zuwachsraten beim verf&uuml;gbaren Einkommen in Ostdeutschland seit dem Jahr 2000 in etwa denen in Westdeutschland, sodass ein Aufholen nicht erfolgt. Das verf&uuml;gbare Einkommen je EinwohnerIn in Ostdeutschland lag im Jahr 2013 bei 83 Prozent des Westniveaus. (Brenke 2014, S.&nbsp;951) Die ostdeutschen L&ouml;hne lagen wesentlich unter diesem Niveau. Im Unterschied dazu betrugen die Renten und andere Sozialeinkommen je Haushalt mehr als 100 Prozent des westdeutschen Niveaus. Das ist insbesondere darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass der Anteil der BezieherInnen von Sozialeinkommen im Osten h&ouml;her ist.</p>
<p><i>Tabelle&nbsp;4: Ost-West-Relationen der Einkommen privater Haushalte 1991-2016 <br />(Westdeutschland = 100) </i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;1991&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;2000</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;2010&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;2016&nbsp; </p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Prim&auml;reinkommen&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 50</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;68&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;72</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 73</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&#8211;&nbsp;ArbeitnehmerInnenentgelt&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 59</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;75&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 77</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 77</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&#8211; Selbstst&auml;ndigeneink&uuml;nfte&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;27</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;56</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 71 </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 70</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&#8211; Verm&ouml;genseinkommen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;33</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;48</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;55</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 57</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Sozialeinkommen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 86</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;121</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;112 </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;113</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&#8211; Renten</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;75</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;109</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;113</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;117</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Verf&uuml;gbare Einkommen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;61</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;82</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 84</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 85</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Quelle: Arbeitskreis Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der L&auml;nder / eigene Berechnungen.</p>
<p>In den letzten Jahren hat sich die Ost-West-Relation bei den Arbeitnehmerentgelten und bei den verf&uuml;gbaren Einkommen der privaten Haushalte kaum ge&auml;ndert. Aus der Entwicklung seit 1991 folgt, dass die Ann&auml;herung bei den Einkommen und anderen lebensniveaubestimmenden Indikatoren in den 1990er Jahren sichtlich vorangeschritten ist, seitdem aber weitgehend stagniert. Die Einkommen sind im Laufe der Zeit in absoluten Zahlen in Ost und West gestiegen. Dabei hat sich jedoch der absolute Abstand zwischen Ost und West vergr&ouml;&szlig;ert.</p>
<p>Aufschlussreich sind die betr&auml;chtlichen Unterschiede, die bei der Angleichung der L&ouml;hne zwischen den Tarifl&ouml;hnen und den effektiven L&ouml;hnen bestehen. Das auf Grundlage von 50 Tarifbereichen/-branchen ermittelte durchschnittliche Tarifniveau ostdeutscher Besch&auml;ftigter lag 2016 bei 97,50% des westdeutschen Niveaus. Bei den Effektivl&ouml;hnen wurden jedoch nur 83% dieses Niveaus erreicht. Zudem stagniert dieses Angleichungsniveau seit 20 Jahren &ndash; 1996 lag es bei 80%. Ein entscheidender Grund hierf&uuml;r liegt in dem niedrigeren Grad der Tarifbindung ostdeutscher Besch&auml;ftigter. (vgl. DGB Verteilungsbericht 2017, S. 29f.)</p>
<p>Der bereits erw&auml;hnte Nachfrage&uuml;berhang wird vom Leibniz-Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) mit knapp 20 Prozent angegeben. Etwa in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung flie&szlig;en Finanztransfers in den Osten. Die wichtigsten Kan&auml;le hierf&uuml;r sind bisher: die Sozialversicherungssysteme, der L&auml;nderfinanzausgleich, der Solidarpakt II und die Einkommen der PendlerInnen. (Brautzsch et.al. 2014, S. 147)</p>
<p>Wesentlich gr&ouml;&szlig;er als bei den Einkommen sind die Ost-West-Unterschiede bei den privaten Verm&ouml;gen. Ende der 1990er Jahre lagen die Reinverm&ouml;gen in Westdeutschland pro Kopf etwa 2,5 Mal h&ouml;her als in Ostdeutschland. Bei Immobilien waren die westdeutschen Verm&ouml;gen etwa drei Mal h&ouml;her, bei Betriebsverm&ouml;gen sind die Unterschiede noch weitaus gr&ouml;&szlig;er. (Deutsche Bundesbank 1999, S.&nbsp;4) Im Hinblick auf die Verm&ouml;gen erfolgt insgesamt kein Aufholen. Vielmehr vollzieht sich eine Parallelentwicklung, wodurch sich im Zeitverlauf zwar die statistischen Relationen verschieben, die gravierenden Niveauunterschiede aber bestehen bleiben.</p>
<p>Die Angleichung der Lebensbedingungen zwischen Ost- und Westdeutschland war 1989/90 f&uuml;r viele Menschen in der DDR ein wichtiges Motiv, die deutsche Vereinigung zu fordern und zugleich ein zentrales Ziel der Transformation. Grundlage hierf&uuml;r war die im Grundgesetz enthaltene Verpflichtung, die Einheitlichkeit der Lebensverh&auml;ltnisse im Bundesgebiet zu wahren. Bei der Frage, wie dieses Ziel zu erreichen sei, &uuml;berwog anfangs die Vorstellung, im Osten w&uuml;rde sich ein &#8222;zweites Wirtschaftswunder&#8220; ereignen und die neuen L&auml;nder k&ouml;nnten dadurch in k&uuml;rzester Frist gegen&uuml;ber den alten L&auml;ndern aufschlie&szlig;en. Die programmatischen Reden Helmut Kohls, worin er den Ostdeutschen &#8222;bl&uuml;hende Landschaften&#8220; versprach, waren von dieser Zuversicht gepr&auml;gt. Die Grundlage daf&uuml;r bildete die &Uuml;berzeugung, dass die &Uuml;bernahme der Wirtschafts- und Geldordnung der Bundesrepublik, der Eigentumsverh&auml;ltnisse und des Rechtssystems sowie die finanzielle Unterst&uuml;tzung durch &ouml;ffentliche und private Transfers ausreichen w&uuml;rden, um eine wirtschaftliche Dynamik zu initiieren, die zur Konvergenz beider Landesteile f&uuml;hren w&uuml;rde. Als sich dies &ndash; nicht zuletzt infolge der Vereinigungspolitik selbst &ndash; als unrealistisch erwies, reagierte die Politik mit einer Grundgesetz&auml;nderung: Der Passus <i>&#8222;Wahrung der Einheitlichkeit der Lebensverh&auml;ltnisse&#8220;</i> wurde 1994 in <i>&#8222;Herstellung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse&#8220;</i> (Art 72,2 GG) abge&auml;ndert. Damit wurde das Konvergenzziel aufgeweicht und der unterprivilegierte Status Ostdeutschlands dauerhaft mit dem Grundgesetz vereinbar gemacht.</p>
<p>Im Jahresbericht 2013 musste die Bundesregierung einr&auml;umen, dass die Ann&auml;herung des materiellen Lebensniveaus fast zum Stillstand gekommen ist. Sie betonte deshalb, dass die Lebensverh&auml;ltnisse <i>&#8222;neben dem erreichten materiellen Wohlstandsniveau&#8220;</i> auch durch <i>&#8222;nicht-materielle Aspekte bestimmt&#8220; </i>w&uuml;rden, beispielsweise durch <i>&#8222;Bildung, Gesundheit, Freiheit und demokratische Teilhabe&#8220;. </i>Da die Fortschritte hier gr&ouml;&szlig;er seien als in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, sollten sich die Konvergenzbem&uuml;hungen k&uuml;nftig st&auml;rker auf diese Bereiche konzentrieren. (BMI 2013, S. 5) Im Jahresbericht 2014 hie&szlig; es, dass die wirtschaftlich bedingten Unterschiede zwischen Ost und West auch ein Vierteljahrhundert nach der Vereinigung immer &#8222;noch erheblich&#8220; seien. Der Schluss, der hieraus gezogen wird, zielt aber nicht auf eine Verst&auml;rkung der Anstrengungen zur Beseitigung der Ursachen daf&uuml;r, sondern auf deren Akzeptanz. (BMWi 2014, S. 7)</p>
<p>Insgesamt zeigt sich, <i>&#8222;dass der Transformationsprozess nach 1989 eben alles andere als glatt verlief, dass das Reden &uuml;ber Alternativlosigkeit immer auch von spezifischen Interessen begleitet war und gerade eine gegenwartsnahe Zeitgeschichte gegen&uuml;ber allzu einfachen Erz&auml;hlungen der Zeitgenossen Distanz wahren sollte. Denn: Die &ouml;konomischen Optionen waren auch 1989/90 vielf&auml;ltig, und der Weg der Anpassung an den Kapitalismus war strittiger, als er sich in unserer Erinnerungslandschaft bislang niederschl&auml;gt. Aus der Treuhand, der marktwirtschaftlichen Traumproduzentin des raschen Gl&uuml;cks, ist &uuml;ber die Jahre eine erinnerungskulturelle &#8218;Bad Bank&#8216; geworden. Im Westen kennt sie kaum noch jemand. Im Osten dagegen ist sie, gerade f&uuml;r die Alterskohorten der &uuml;ber 40-J&auml;hrigen, Teil einer immer noch w&auml;hrenden Verlusterfahrung und Projektionsfl&auml;che f&uuml;r all das, was nach 1989 schiefgegangen ist.&#8220;</i> (Dietmar S&uuml;&szlig;, 2018) Der Seelsorger Hans Bartosch, der sich seit vielen Jahren mit ostdeutschen Nachwende-Biografien befasst, h&auml;lt in der ZEIT in Juli 2018 fest: <i>&#8222;Aber ich sehe jeden Tag, wie nah und frisch die Erinnerungen an diese nun schon so lange zur&uuml;ckliegende Zeit bei vielen noch immer sind. Selbst bei den J&uuml;ngeren ist das noch so. Wenn unsere Krankenpflegesch&uuml;ler und -sch&uuml;lerinnnen &ndash; die sind Anfang 20 und kennen nur das wiedervereinigte Deutschland &ndash; &uuml;ber ihre Eltern sprechen, schwanken sie zwischen Stolz auf das, was die Eltern erreicht haben, und einem Verlorensein. Dieser These, wonach sich die jungen Leute nicht mehr daf&uuml;r interessieren, muss ich ganz entschieden widersprechen. Die stimmt einfach nicht.&#8220;</i> (Ostdeutschland: &#8222;Viele f&uuml;hlen sich heimatlos&#8220;, in: ZEIT 28/2018)</p>
<p>Die Chancen f&uuml;r eine langfristige L&ouml;sung der ostdeutschen Entwicklungsprobleme &ndash; darunter insbesondere f&uuml;r den &Uuml;bergang zu einer selbst tragenden wirtschaftlichen Entwicklung &ndash; sind eng an die notwendige Durchsetzung eines grundlegenden Politikwechsels und eines darauf beruhenden Pfadwechsels der &ouml;konomischen, sozialen und &ouml;kologischen Entwicklung gekoppelt, in dem die Erfordernisse eines umfassenden sozial-&ouml;kologischen Umbaus in Deutschland und auch in der EU eine bestimmende Rolle spielen.</p>
<p><b>KLAUS&nbsp;STEINITZ</b><i>&nbsp;&nbsp; Jahrgang 1932, Dr. rer. oec. habil, Professor i.R.; in der DDR in Lehre und Forschung und in der Staatlichen Plankommission t&auml;tig; Mitglied der Leibniz-Soziet&auml;t der Wissenschaften; 1991 bis 2015 in der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik t&auml;tig u.a. als Koautor der Ostdeutschlandkapitel; 2005-2011 Vorsitzender des Vereins f&uuml;r politische Bildung Helle Panke &#8211; Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin; Autor mehrerer B&uuml;cher, zuletzt zusammen mit Dieter Walter: Plan &ndash; Markt &ndash; Demokratie (2014), Zukunftsf&auml;higer Sozialismus im 21.&nbsp;Jahrhundert (2018)<br />AXEL&nbsp;TROOST&nbsp;&nbsp; Jahrgang 1954, Dr. rer. pol., seit 1981 Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (Memorandumgruppe); 1991 bis 2003 Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des B&uuml;ro f&uuml;r Strukturforschung Rostock gGmbH; 2005 bis 2017 als MdB finanzpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion DIE LINKE; seit 2018 Senior Fellow f&uuml;r Wirtschafts- und Europapolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung; stellvert. Parteivorsitzender der LINKEN. Email: </i><a href="mailto:axel.troost%40t-online.de"><i>axel.troost@t-online.de</i></a><i>. </i></p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (2006-2009): MEMORANDEN, K&ouml;ln.</p>
<p>Arbeitsgruppe unter Leitung von Thomas, Michael (2010): Leitbild &#8222;Ostdeutschland 2020&#8220;, Studie im Auftrage der Fraktionsvorsitzendenkonferenz der Partei DIE LINKE in den Landtagen und im Deutschen Bundestag, Berlin.</p>
<p>Arbeitskreis VGR der L&auml;nder, 2014-2017: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen f&uuml;r 2013 und 2017.</p>
<p>Beckmann, Martin/Kahrs, Horst (2013): Dienstleistungspolitik in Ostdeutschland. Memorandum zu einer Gespr&auml;chs- und Veranstaltungsreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung und&nbsp; ver.di, Berlin.</p>
<p>BMI/BMWi/BMVBS/Die Beauftragte der Bundesregierung f&uuml;r die neuen L&auml;nder (2008-2017): Jahresberichte der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit, Berlin.</p>
<p>B&ouml;ick, Markus (2018): Die Treuhand. Idee &ndash; Praxis &ndash; Erfahrungen 1990 &ndash; 1994, G&ouml;ttingen.</p>
<p>Brautzsch, Hans-Ulrich et al. (2014): Ostdeutsche Wirtschaft: Kr&auml;ftige Konjunktur im Jahr 2014, R&uuml;ckstand gegen&uuml;ber Westdeutschland verringert sich aber kaum mehr, in: IWH: Konjunktur aktuell, Jg. 2 (3) 2014, S. 119&ndash;157.</p>
<p>Brenke, Karl (2014): Ostdeutschland &ndash; ein langer Weg des wirtschaftlichen Aufholens, in: DIW Wochenbericht Nr. 40, S. 939&ndash;957.</p>
<p>Busch, Ulrich (2011): Vereinigt und doch zweigeteilt: Zum Stand der deutsch-deutschen Konvergenz auf wirtschaftlichem Gebiet, in: Bohr, Kurt/Krause, Arno (Hrsg.): 20 Jahre Deutsche Einheit. Bilanz und Perspektiven, Baden-Baden, S. 63&ndash;90.</p>
<p>Busch, Ulrich/K&uuml;hn, Wolfgang/Steinitz, Klaus (2009): Entwicklung und Schrumpfung in Ostdeutschland, Hamburg.</p>
<p>Der Parit&auml;tische Gesamtverband, Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB), Deutscher Kulturrat, Diakonie Deutschland, Sozialverband VDK, Volkssolidarit&auml;t (2014): Gemeinsame Erkl&auml;rung. Solidarit&auml;t herstellen &ndash; Investitionen erm&ouml;glichen: F&uuml;r einen fairen und nachhaltigen L&auml;nderfinanzausgleich.</p>
<p>DGB Bundesvorstand (2017): Jetzt handeln &ndash; Ungleichheit bek&auml;mpfen. Verteilungsbericht 2017, Berlin.</p>
<p>Foroutan, Naika/Kubiak, Daniel (2018): Ausschluss und Abwertung: Was Muslime und Ostdeutsche verbindet, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 07/2018, S.&nbsp;93-102.</p>
<p>Heimpold, Gerhard (2014): Zehn Fragen zur Deutschen Einheit, in: IWH: Wirtschaft im Wandel, Jg. 20 (3), S. 50-53.</p>
<p>Heske, Gerhard (2005): Bruttoinlandsprodukt, Verbrauch und Erwerbst&auml;tigkeit in Ostdeutschland 1970&ndash;2000. Neue Ergebnisse einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, in: Historische Sozialforschung. Supplement Nr. 17, K&ouml;ln.</p>
<p>Hickel, Rudolf/Priewe, Jan (1994): Nach dem Fehlstart. &Ouml;konomische Perspektiven der deutschen Einigung, Frankfurt/Main.</p>
<p>IAB (2014): Entwicklung der regionalen Lohnkonvergenz in Deutschland 1993-2012, in: IAB-Kurzbericht 17/2014.</p>
<p>IAB (2016), Betriebspanel 2015, Ostdeutschland. Ergebnisse der 20. Welle, Berlin.</p>
<p>IAB (2017), Produktivit&auml;tsunterschiede zwischen West- und Ostdeutschland und m&ouml;gliche Erkl&auml;rungsfaktoren; Forschungsbericht 16/20, Berlin.</p>
<p>IW &#8211; Institut der deutschen Wirtschaft K&ouml;ln (1990): Wirtschaftliche und soziale Perspektiven der deutschen Einheit (Gutachten), K&ouml;ln.</p>
<p>IWH &#8211; Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halle (2011): Wirtschaftlicher Stand und Perspektiven f&uuml;r Ostdeutschland. Studie im Auftrag des Bundesministeriums des Innern, Halle.</p>
<p>IWH/TU Dresden/ifo Institut (2006): Demographische Entwicklung in Deutschland. Forschungsauftrag des BMWi (Projekt 27/04), Endbericht, Halle.</p>
<p>Kurtzke, Wilfried/Quai&szlig;er, Gunter (Hg.) (2014): Alternative Wirtschaftspolitik &ndash; Tro(o)st in Theorie und Politik, Marburg.</p>
<p>Ludwig, Udo (2017): Der Neuaufbau der Wirtschaft, in: Schneider, J&uuml;rgen (Hrsg.), Einigkeit, Recht und Freiheit, 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung (1990-2015), Kapitel VI: Die f&uuml;nf neuen Bundesl&auml;nder nach der Wiedervereinigung: Eine &ouml;konomische und &ouml;kologische Zwischenbilanz (1990-2015). Beitr&auml;ge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Band 132.3.</p>
<p>Luft, Christa (1992): Treuhandreport. Berlin</p>
<p>Jana Hensel (2018): &#8222;Viele f&uuml;hlen sich heimatlos&#8220;. Was liegt den Ostdeutschen auf der Seele?, in: Die ZEIT Nr. 28 v. 5.7.2018.</p>
<p>Roesler, J&ouml;rg (2005): Die Treuhandpolitik, in: Bahrmann, Hannes/Links, Christoph (Hrsg.), Am Ziel vorbei. Die deutsche Einheit &ndash; eine Zwischenbilanz, Berlin.</p>
<p>Roesler, J&ouml;rg (2014): Ostdeutschland seit 1990: Vom sozialistischen Industriestaat zur verl&auml;ngerten Werkbank im Hauptland des europ&auml;ischen Kapitalismus, in: Z. Nr. 99.</p>
<p>Scheufele, R./Ludwig, U. (2009): Der lange Weg der Konvergenz, in: Wirtschaft im Wandel Nr. 10, S. 400&ndash;407.</p>
<p>Statistische &Auml;mter des Bundes und der L&auml;nder (2011): Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 1: Bev&ouml;lkerungs- und Haushaltsentwicklung im Bund und in den L&auml;ndern, Wiesbaden.</p>
<p>Statistisches Bundesamt (2013): 12. Koordinierte Bev&ouml;lkerungsvorausberechnung, Wiesbaden.</p>
<p>S&uuml;&szlig;, Dietmar (2018): Anstalt der Abenteurer. Marcus B&ouml;ick hat eine gl&auml;nzende Abhandlung &uuml;ber das &bdquo;Privatisierungsmonster&ldquo; Treuhand geschrieben. S&uuml;ddeutsche Zeitung v. 8.7.2018</p>
<p>Winkler, Gunnar (2015): Die deutsche Vereinigung &#8211; 1989 bis 2015. Positionen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger. 25 Jahre Sozialanalysen. Hrsg. von Volkssolidarit&auml;t Bundesverband e.V., Berlin.</p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen</h2>
<p>1 Der Beitrag st&uuml;tzt sich u.a. auf das letzte zusammenfassende Kapitel zur ostdeutschen Entwicklung im MEMORANDUM 2015 der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik. Dieses Kapitel beruht auf einer Ausarbeitung von Ulrich Busch.</p>
<p>2 Die folgenden quantitativen Angaben beruhen vor allem auf den Daten des Statistischen Bundesamtes, Arbeitskreis Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der L&auml;nder; Ergebnissen der Umrechnung der Daten der DDR-Statistik auf die in der Bundesrepublik angewandte Methodik (Heske 2005); Ver&ouml;ffentlichungen des Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halle (IWH 2011); von Ludwig (Ludwig 2017) sowie den Jahresberichten der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit. Die Neuen Bundesl&auml;nder sind jeweils ohne Berlin gerechnet.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/ostdeutschland-heute-1/">Ostdeutschland heute</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>„Die größte Vernichtung von Produktiveigentum in Friedenszeiten!“</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 21:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Gespr&auml;ch mit Christa Luft. In: vorg&auml;nge Nr. 224 (4/2018), S. 25 &#8211; 39</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Luft_03.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img decoding="async" class="alignnone wp-image-3898 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Luft_03-564x450.jpg" alt="&#8222;Die gr&ouml;&szlig;te Vernichtung von Produktiveigentum in Friedenszeiten!&#8220;" width="564" height="450" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Luft_03-564x450.jpg 564w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Luft_03-768x613.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Luft_03-752x600.jpg 752w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Luft_03-422x337.jpg 422w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Luft_03.jpg 926w" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" /></a></span></p>
<p class="news-single-imgcaption">
</div>
<p><i>Prof. Dr. Christa Luft&nbsp;&nbsp; wurde 1938 in Krakow am See geboren und studierte von 1956 bis 1960 an der Hochschule f&uuml;r Au&szlig;enhandel in Berlin-Staaken sowie der Hochschule f&uuml;r &Ouml;konomie (Hf&Ouml;) in Berlin-Karlshorst. Sie promovierte 1964 und habilitierte sich 1968 mit Arbeiten zu au&szlig;enwirtschaftlichen Themen. 1971 wurde sie als ordentliche Professorin f&uuml;r sozialistische Au&szlig;enwirtschaft an die Hf&Ouml; berufen, von 1973 bis 1977 leitete sie die dortige Sektion Au&szlig;enwirtschaft. Von 1978 bis 1981 war sie stellvertretende Direktorin des Internationalen &Ouml;konomischen Forschungsinstituts beim Rat f&uuml;r gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in Moskau. Anschlie&szlig;end kehrte sie an die Hf&Ouml; zur&uuml;ck, 1988 wurde sie als deren Rektorin berufen. In der DDR-&Uuml;bergangsregierung unter Hans Modrow war sie vom 18. November 1989 bis zum 18. M&auml;rz 1990 Ministerin f&uuml;r Wirtschaft sowie Erste Stellvertreterin des Vorsitzenden des Ministerrates. Danach geh&ouml;rte sie der ersten frei gew&auml;hlten Volkskammer der DDR bis zu deren Aufl&ouml;sung an. Nach der Abwicklung der Hf&Ouml; und einer Dozentent&auml;tigkeit am von ihr mit gegr&uuml;ndeten Berliner Institut f&uuml;r Internationale Bildung wechselte Sie in die Bundespolitik. Von 1994 bis 2002 geh&ouml;rte sie als direkt gew&auml;hlte Abgeordnete f&uuml;r die PDS dem Deutschen Bundestag an, wo sie zun&auml;chst f&uuml;r ihre Gruppe und dann die Fraktion den stellvertretenden Vorsitz aus&uuml;bte und zugleich das Amt der haushalts- und wirtschaftspolitischen Sprecherin bekleidete. Im Interview spricht Christa Luft &uuml;ber die Abwicklung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt, deren &ouml;konomische wie soziale Folgen bis heute die Entwicklung des Ostens pr&auml;gen.</i></p>
<p><i>Ich beginne mit einer simplen Frage: W&auml;re die DDR, weil sie pleite war, auch ohne eine friedliche Revolution untergegangen? H&auml;tte man die DDR auch ohne das Aufbegehren der B&uuml;rger aufgeben m&uuml;ssen, weil sie &ouml;konomisch gar nicht l&auml;nger existieren konnte?</i></p>
<p>Ja, pleite und marode sind die zwei Adjektive, mit denen die implodierte DDR gern beschrieben wird &#8211; jedenfalls aus westlicher Sicht. In Politikerreden und Publikationen dominiert diese Zuschreibung bis heute. Ich war lange Zeit als Abgeordnete im Deutschen Bundestag: selbst als aus neutralen Quellen authentische Fakten zum &ouml;konomischen Zustand der DDR vorlagen, konnte ich im Plenum reden, was ich wollte; was einmal in den K&ouml;pfen war, das bekam man nie wieder raus. So zum Beispiel diese Sache mit der Pleite.</p>
<p>Ich will &uuml;berhaupt nicht den Eindruck erwecken, dass die DDR-Wirtschaft nicht Wunden, auch schwere Krankheiten hatte. Aber ich habe mich immer dagegen gewehrt, sie &#8222;pleite&#8220; zu nennen. Warum? Erstens: Pleite ist ein Staat, wenn er seine Schulden nicht mehr zum Zeitpunkt ihrer F&auml;lligkeit bezahlen kann. Das war nie der Fall. Daf&uuml;r wurde allerdings mitunter manches unternommen, wo man sich heute nur an den Kopf fassen kann. Es gab die Losung: Liquidit&auml;t geht vor Rentabilit&auml;t, d.h. wir m&uuml;ssen fl&uuml;ssig sein, egal was es kostet! So wurden immer neue Quellen erschlossen, um an Devisen zu kommen. Am Ende hat man Pflastersteine von R&uuml;gener Landstra&szlig;en verkauft, weil die im Westen begehrt waren, und man hat leider auch Antiquit&auml;ten verkauft, die in einem Museum doppelt vorhanden waren.</p>
<p>Pleite ist ein Staat zweitens, wenn er keinen Kredit mehr bekommt. Auch das ist nicht passiert. Niemand hat der DDR einen Kredit verweigert. Es war sogar so, dass der letzte Strau&szlig;-Kredit nie angegriffen wurde. Der lag auf einer Schweizer Bank &#8211; sozusagen als Sicherheit f&uuml;r Gl&auml;ubiger und als Zeichen eigener Solvenz. Aber vergessen werden darf nicht, dass die DDR am Ende 4,40 DDR-Mark aufwenden musste, um im Export eine Westmark zu erwirtschaften. Das frisst auf Dauer nat&uuml;rlich die Substanz auf.</p>
<p>Damit ich nicht falsch verstanden werde: Es geht mir nur um den Begriff der Staatspleite, wie er definiert wird und wie man ihn so f&uuml;r die DDR zum Zeitpunkt ihres Scheiterns nicht verwenden sollte.</p>
<p>Wir haben an der Hochschule f&uuml;r &Ouml;konomie die Statistik der Bank f&uuml;r Internationalen Zahlungsausgleich Basel angeguckt, die war sehr solide und nicht politisch beeinflusst. Diese Statistik wies damals 10 Milliarden Dollar DDR-Schulden aus. Das ist weit entfernt von einer Staatspleite. Diese Zahl habe ich auch in meinen Vorlesungen verwendet. Zum Gl&uuml;ck hat mich keiner verpetzt, denn das Nutzen von Statistiken, die nicht aus der DDR oder aus RGW-Quellen stammten, war uns offiziell untersagt. Welche Ironie der Geschichte! Der Vorwurf der Staatspleite speist sich zum gro&szlig;en Teil aus einer <i>&#8222;Geheimanalyse &uuml;ber den wahren Zustand der DDR-Wirtschaft und Schlussfolgerungen&#8220;.</i></p>
<p><i>Welche Geheimanalyse?</i></p>
<p>Die hatte Egon Krenz Mitte Oktober 1989 in Auftrag gegeben nach &Uuml;bernahme des Amtes des Generalsekret&auml;rs der SED. Mir war die zun&auml;chst nicht bekannt, als ich in den Ministerrat kam. Erst ein Jahr sp&auml;ter, bei den Recherchen f&uuml;r meinen Treuhand-Report, erz&auml;hlte mir der Pressesprecher der Treuhand von einer &#8222;Geheimanalyse&#8220; und h&auml;ndigte mir eine Kopie aus.</p>
<p><i>Wer hatte dieses Papier erstellt?</i></p>
<p>Sechs Autoren sind ausgewiesen, darunter Gerhard Sch&uuml;rer, Chef der Plankommission; Alexander Schalck-Golodkowski, Chef des Bereichs Kommerzielle Koordinierung[1] und Gerhard Beil, Au&szlig;enhandelsminister. Alle sechs waren Insider die wirtschaftliche Lage der DDR betreffend. Und darauf st&uuml;tzen sich heute die gen&uuml;sslich, die immer noch sagen, die DDR sei doch pleite gewesen.</p>
<p>Diese Geheimanalyse wurde am 30. Oktober 1989 im Politb&uuml;ro der SED beraten und einstimmig beschlossen. Die erste H&auml;lfte befasst sich mit dem, was die DDR-Wirtschaft nach &#8216;45 unter gro&szlig;en Aufwendungen und Schwierigkeiten geschaffen hat: eigene Hoch&ouml;fen, eigene Werften, das Wohnungsbauprogramm, Sozialleistungen &#8230; Und dann kommen gravierende Probleme: Umwelts&uuml;nden, Ersatzteilprobleme, nicht funktionierender Materialfluss und die dadurch verursachten teuren Unterbrechungen des Arbeitsablaufs, die gesunkene Akkumulationsrate, fehlende Hightech-Artikel f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung usw. Und dann der Hammer: Die DDR hat zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt 49,9 Milliarden D-Mark Schulden gegen&uuml;ber L&auml;ndern mit konvertierbarer W&auml;hrung (also nicht-sozialistischen L&auml;ndern). Diese Verbindlichkeiten p&uuml;nktlich zu bedienen und eine weitere Verschuldung zu stoppen, w&uuml;rde im Jahre 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent erfordern, um das Exportvolumen erh&ouml;hen zu k&ouml;nnen. Eine solche Drosselung des Inlandskonsums k&ouml;nne der Bev&ouml;lkerung nicht zugemutet werden.</p>
<p><i>Das h&auml;tte wirklich nicht funktioniert. Sie erw&auml;hnten vorhin die Daten der Bank f&uuml;r Internationalen Zahlungsausgleich. Die weichen ja erheblich von den Zahlen aus diesem Papier ab! Wo kommt die Differenz her?</i></p>
<p>Die dortigen Banker sprachen von 10 Milliarden Dollar, das waren nach damaligem Wechselkurs rund 20 Milliarden D-Mark. Aber es geht ja weiter, ich komme noch zu Ihrer Problematik. Schalck-Golodkowski, zusammen mit Sch&uuml;rer der Hauptautor des Papiers, ging Anfang Dezember 1989 bei Nacht und Nebel in den Westen. Dort wurde er wochenlang von Herrn Sch&auml;uble und anderen &#8222;vernommen&#8220;. Die Westseite wusste also dar&uuml;ber viel eher und mehr als wir, die wir in der DDR-Regierung sa&szlig;en.</p>
<p>Nach Schalck-Golodkowskis Flucht wurde sein Imperium durchforstet. Da stellte sich heraus, was physisch an Werten da war, verborgen in Tresoren in Pankow und in der Wallstra&szlig;e: Gold, Silber, Platin, Perlen, alles M&ouml;gliche. Als das bewertet war, reduzierten sich die Schulden erheblich.</p>
<p>Dann wurden die Au&szlig;enst&auml;nde, die die DDR im Au&szlig;enhandel gegen&uuml;ber anderen L&auml;ndern hatte, ermittelt. Zahlungsziele zu geben war normal, hat auch die DDR gemacht. Das wurde alles zusammengerechnet. Ich will&acute;s abk&uuml;rzen. Nach dem Weggang von Schalck-Golodkowski musste Sch&uuml;rer in der Volkskammer Rechenschaft geben &uuml;ber die Angelegenheiten der Plankommission und wurde nat&uuml;rlich als Mitautor dieser Studie befragt, was es mit den Horrorzahlen auf sich hat. Alle fragten: &#8218;Wie konntet Ihr nur so etwas in die Welt setzen?&#8216; Darauf Sch&uuml;rer: &#8218;Ja, aus zwei Gr&uuml;nden. Erstens: Wir wollten noch einmal einen Aufschrei machen gegen&uuml;ber der Parteif&uuml;hrung, dass etwas geschehen muss. Und zweitens: Schalck hatte eine eigene Zahlungsbilanz in seinem Imperium, die enthielt mehr Forderungen als Verbindlichkeiten in freien Devisen. Schalck war aber nicht bereit, die mit der Staatszahlungsbilanz zu vereinen.&#8216; Als die positiven Au&szlig;enst&auml;nde aus dem Schalck&acute;schen Imperium zusammengetan wurden mit den negativen Zahlen aus der Staatsbilanz, verringerte sich das Staatsdefizit weiter. Das war noch im Dezember 1989.</p>
<p>Dann kam nach den M&auml;rzwahlen 1990 die de Maizi&egrave;re-Regierung ans Ruder. Da war Herr Romberg von der SPD, ein von mir sehr gesch&auml;tzter Mann, Finanzminister. Herr Romberg musste in Abst&auml;nden immer wieder auf die B&uuml;hne und eine neue Zahl sagen, wie nun wieder der Stand ist. Noch zu seinen Zeiten reduzierten sich die Schulden auf etwa 25 Milliarden D-Mark. Ende August 1998 brachte dann die Bundesbank ein B&auml;ndchen heraus mit dem Titel: &#8222;Die Zahlungsbilanz der ehemaligen DDR 1975 bis 1989&#8220;. Das Ergebnis: die Schulden betrugen Ende 1989, also wenige Wochen vor der W&auml;hrungsunion, 19,8 Milliarden D-Mark.</p>
<p><i>Inzwischen sind wir ja bei der Staatsverschuldung ganz andere Ma&szlig;st&auml;be gewohnt.</i></p>
<p>Ja, ganz genau. Bundesbankpr&auml;sident Karl Otto P&ouml;hl hielt die Verschuldung der DDR, er ging Anfang Februar 1990 noch von 30 Mrd. DM aus, nicht f&uuml;r extrem hoch &#8211; w&ouml;rtlich: &#8218;Uns hat diese Summe nie beunruhigt.&#8216; Und nach mehrj&auml;hrigen Recherchen kam die Bundesbank dann auf die genannte wesentlich geringere Summe.</p>
<p>Aber glauben Sie vielleicht, das interessiert irgendwen von den Politgr&ouml;&szlig;en der Bundesrepublik? Niemanden! Als der Bundesbank-Report heraus kam, hatte allein Berlin als Hauptstadt der Bundesrepublik 120 Milliarden DM, also rund 60 Milliarden Euro Schulden! Dazu sagte der damalige Regierende B&uuml;rgermeister Wowereit: &#8218;Berlin ist arm, aber sexy.&#8216;</p>
<p><i>Ich fasse nochmal zusammen: Die DDR war im echten Sinne nicht pleite, sagen Sie. Aber es gab nat&uuml;rlich eine &ouml;konomische Nicht-Konkurrenzf&auml;higkeit mit dem Westen.</i></p>
<p>Ob die DDR Ende der 1980er Jahre noch eine Chance hatte, weiterzubestehen &#8211; das ist erstens eine spekulative Frage, niemand kann ein bibelfestes Ja oder Nein sagen. Und zweitens neige ich zu der These von Siegfried Wenzel, langj&auml;hriger stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Plankommission; der hat anno 2000 ein Buch mit dem Titel &#8222;Was war die DDR wert?&#8220; herausgebracht. Dort steht ein Satz, der mir zusagt: &#8222;Die DDR war nicht pleite, aber sie hatte keine Chance.&#8220; Denn es geht ja nicht nur um irgendwelche &ouml;konomischen Ziffern, sondern auch um das politische Umfeld. Die Sowjetunion, f&uuml;r die wir im Kalten Krieg 40 Jahre lang gewisserma&szlig;en das Faustpfand waren, lie&szlig; uns peu &aacute; peu fallen. Wir wurden irgendwie l&auml;stig. Ohne die Sowjetunion war eine Weiterexistenz der DDR nicht m&ouml;glich. &Auml;hnlich verhielten sich Polen, Ungarn und ein paar andere Bruderl&auml;nder. Die wollten uns am Ende z.B. ihre Pfirsiche und ihre Ikarus-Busse nicht mehr gegen Transfer-Rubel verkaufen, sondern die wollten &#8222;richtiges&#8220; Geld. Als wir das nicht konnten, haben sie ihre Exporte an uns reduziert. Insofern leuchtet mir die These von Wenzel ein. Der Westen mischte sich immer mehr ein und hat am Ende mit der D-Mark gewunken. Das hat auf die Bev&ouml;lkerung gewirkt, darf man ja nicht vergessen. Wir h&auml;tten alleine nicht weiterexistieren k&ouml;nnen. Es w&auml;re irgendeine andere &ouml;konomische Kooperation notwendig gewesen.</p>
<p><i>Sie sagen, der RGW-Verbund hat nicht mehr funktioniert, die Rohstoffe wurden immer teurer. Aber die DDR war davon abh&auml;ngig, oder?</i></p>
<p>Ja, das betraf besonders das Erd&ouml;l. In der zweiten H&auml;lfte der 1970er und in den 1980er Jahren k&uuml;rzte die UdSSR die Liefermenge und hob die Preise an. Das belastete die DDR enorm. Zudem war ihre Wirtschaft vorrangig eingestellt auf den Bedarf der Sowjetunion. Um die geforderten M&ouml;bel zu produzieren braucht man Holz &#8211; das hatten wir gar nicht, mussten wir importieren! F&uuml;r Schiffe braucht man Stahl, den mussten wir auch importieren.</p>
<p><i>Aber wie geht das, dass die Sowjetunion die DDR als Verb&uuml;ndeten fallen l&auml;sst, wenn sie &ouml;konomisch doch so abh&auml;ngig von den Zulieferungen aus der DDR war?</i></p>
<p>Dar&uuml;ber gibt es viele Spekulationen. Es h&auml;ngt nach meiner Meinung viel mit Gorbatschow zusammen. Gorbatschow liebte das Turnen auf der internationalen B&uuml;hne und erhielt dort immer unendlichen Applaus. Er glaubte, wenn er ein paar l&auml;stig gewordene Sachen losl&auml;sst, wird der Westen das honorieren und seine kaputte Wirtschaft aufp&auml;ppeln. Falin, sein au&szlig;enpolitischer Berater, beschwerte sich immer, dass Gorbatschow die DDR eigentlich verschenkt hat. Er sa&szlig; an einer Stelle, die den Westen interessierte und hat nichts daraus gemacht, auch nicht f&uuml;r sein eigenes Land. Er h&auml;tte ganz andere Dinge f&uuml;r sein Land organisieren k&ouml;nnen; anders als das, was dann unter Jelzin passiert ist. Jelzin hat sein Land sozusagen &#8218;f&uuml;r einen Apfel und ein Ei&#8216; mit Hilfe amerikanischer Berater privatisieren lassen, woraus auf der einen Seite die Oligarchen, auf der anderen Seite die Armutsheere entstanden.</p>
<p>Boris Jelzin und Helmut Kohl waren Saunafreunde. Wir bekamen im Haushaltsausschuss des Bundestags, dem ich angeh&ouml;rte, immer mitgeteilt, was die beiden verhandelt hatten. Die DDR hatte am Ende gegen&uuml;ber der Sowjetunion ein Guthaben in H&ouml;he von 12 Milliarden Transferrubel. Die DDR-Forderungen gegen&uuml;ber den anderen RGW-L&auml;ndern, selbst bis zum kleinen Kuba, hat die Bundesregierung eingetrieben bis zum letzten Pfennig. Von dem, was die Sowjetunion Deutschland schuldete, blieben ganze 500 Millionen D-Mark &uuml;brig, die Jelzin zahlen musste. Man macht sich keinen Begriff, was da verschleudert worden ist an Arbeitsleistungen, an denen die Werkt&auml;tigen der DDR &uuml;ber Jahrzehnte beteiligt waren.</p>
<p><i>Sie haben einen sehr au&szlig;enwirtschaftlichen Blick. Ich sehe das von Innen, unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsproduktivit&auml;t. Der Unterschied in der Arbeitsproduktivit&auml;t wird meist mit etwa 40 Prozent angegeben. Wo liegen die Ursachen daf&uuml;r, dass die DDR &ouml;konomisch nicht konkurrenzf&auml;hig geworden ist mit dem Westen? Ich habe in der DDR Schlosser gelernt mit Abitur. Da habe ich kleine Werkzeugmaschinenfabriken erlebt, wo an Uralt-Maschinen gearbeitet wurde. Wir haben mit unserer Produktion die Ausr&uuml;stung f&uuml;r Westschiffe hergestellt &#8211; alles per Hand, mit einer vorsintflutlichen Technik.</i></p>
<p>Ja, diese Erfahrung kann ich best&auml;tigen und habe immer den Hut gezogen vor den Fertigkeiten der Besch&auml;ftigten. Die DDR war nicht konkurrenzf&auml;hig gemessen an der Konkurrenzf&auml;higkeit der Bundesrepublik. Gegen&uuml;ber anderen L&auml;ndern wie Italien, &Ouml;sterreich, Finnland war das keine Frage. Ein Handicap der DDR war, dass sie im Laufe der Jahrzehnte immer weniger Investitionsmittel zur Verf&uuml;gung hatte. Die Akkumulationsrate sank von Jahr zu Jahr. Angefangen hat der R&uuml;ckstand schon nach dem 2. Weltkrieg mit dem, was wir heute als Teilungsdisproportionen bezeichnen: Der Westen hatte die Rohstoffe, die hatten wir nicht; die hatten die Steinkohle, wir mussten die Braunkohle erst aus der Erde buddeln. Dann kamen die Reparationszahlungen hinzu, die im Grunde einseitig von der DDR f&uuml;r ganz Deutschland erbracht wurden. Laut Potsdamer Abkommen h&auml;tte das sp&auml;ter aufgeteilt werden m&uuml;ssen. Drittens geh&ouml;rten wir mit dem RGW einer Wirtschaftsgemeinschaft an, in der die Teilnehmerl&auml;nder alle ein sehr unterschiedliches technisches und &ouml;konomisches Niveau hatten. Dazu kamen solche Hindernisse wie das westliche Stahl-Embargo oder die Kredit-Restriktionen, die uns belasteten. Aber es w&auml;re falsch, unsere wirtschaftliche Schw&auml;che allein darauf zu schieben.</p>
<p>Wir hatten ein Wirtschaftssystem, das im Grunde das sowjetische System kopierte. Das war aber f&uuml;r ein ganz anderes Land ausgelegt, f&uuml;r ein Riesenland. Dort brauchten die ein Zentrum, um das zusammenzuhalten! Diese Art von &Uuml;berzentralisierung wurde auf die kleineren Staaten &uuml;bertragen. Die &Uuml;berzentralisierung verweigerte den Unternehmen Rechte. Die mussten den Gewinn, den sie erzielten, fast zu 100 % abf&uuml;hren. Wenn sie einen Kredit brauchten f&uuml;r Investitionen, mussten sie beim Ministerium darum betteln; wenn sie Gl&uuml;ck hatten, haben sie ein bisschen was gekriegt. Das erstickt Eigeninitiative!</p>
<p>Dann kam &#8216;72 diese elendigliche Enteignung der restlichen kleinen und mittelst&auml;ndischen privaten Unternehmen. Das hat viel Produktivit&auml;t, Flexibilit&auml;t und Motivation gekostet. Ich habe schon zu DDR-Zeiten meinen Studenten gesagt, dass ich daf&uuml;r kein Verst&auml;ndnis habe. Wenn jemand unternehmerisch t&auml;tig sein m&ouml;chte, darin sein Lebensziel sieht, soll man ihn lassen! Er &uuml;bernimmt auch das Risiko daf&uuml;r. Aber daf&uuml;r war ja keine Einsicht zu gewinnen bei der DDR-Obrigkeit.</p>
<p>So gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die dazu f&uuml;hrten, dass die Produktivit&auml;t immer weiter abfiel. Und dann das Wettr&uuml;sten! Was da an Geld verpulvert wurde!</p>
<p><i>Gehen wir mal weiter zur W&auml;hrungsunion. War die W&auml;hrungsumstellung die Ursache f&uuml;r den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft?</i></p>
<p>Die Ursache sicher nicht, aber doch der Ausl&ouml;ser. Es war nicht so, dass im Westen niemand wusste, was in der DDR-Wirtschaft los ist. Die Manager sind ein- und ausgegangen in den Betrieben. Die DDR war f&uuml;r die alte BRD der gr&ouml;&szlig;te Handelspartner. Also wer mit den Fragen besch&auml;ftigt war, musste und konnte wissen, was passiert, wenn eine Wirtschaft, die bis zum 30. Juni eines Jahres 4,40 Mark im Innern ausgezahlt bekommt f&uuml;r eine im Export erl&ouml;ste Westmark, wenn die ab 1. Juli nur noch eine D-Mark bekommt. Und genau das ist geschehen! Was w&auml;re denn passiert, h&auml;tte man den &ouml;sterreichischen Schilling 1:1 an die D-Mark angebunden? &Ouml;sterreich w&auml;re kaputt gegangen, keine Frage! Die &Ouml;konomen hatten in dieser Zeit aber keine Stimme, weder im Westen noch im Osten. Die Politik hatte das Sagen, und sie hat die Interessen der gro&szlig;en Wirtschaft bedient.</p>
<p><i>Die Frage ist, warum die Politik es so gemacht hat. Sie sagen, wegen der Interessen der gro&szlig;en Wirtschaft. Aber was zusammenbricht, muss ja sp&auml;ter alimentiert werden.</i></p>
<p>Dist nat&uuml;rlich so, aber das hat niemand gesagt! Die Treuhand hat 2 Millionen Arbeitslose hinterlassen und eine kleinteilige Wirtschaftsstruktur. Viele, vor allem gro&szlig;e Unternehmen wurden zerschlagen bzw. dicht gemacht. H&auml;tte man den Besch&auml;ftigten eine Chance gegeben oder &uuml;berhaupt verhindert, dass so viele Unternehmen abgewickelt werden, w&auml;re das billiger geworden f&uuml;r den Staatshaushalt, als nachher die vielen Menschen zu alimentieren. Viele Menschen sind daran, was mit ihnen geschehen ist, kaputt gegangen &#8211; seelisch und auch physisch. Viele leiden heute noch daran.</p>
<p>Ich finde, man hat damals diesen Umbruchprozess einfach technizistisch vollzogen, &uuml;berhaupt nicht sozial und auch nicht &ouml;kologisch gedacht. Das Ganze sollte sehr schnell gehen. Ich kenne viele westdeutsche &Ouml;konomen, die sich an den Kopf gegriffen haben und die sagten: Das ist doch nicht m&ouml;glich! Selbst Karl Otto P&ouml;hl, der damalige Bundesbankpr&auml;sident, kam am 6. Februar 1990 zu mir und wollte sich &uuml;ber die geplante Wirtschaftsreform informieren. Seine These war: Man muss erst die Wirtschaft reformieren, bevor man eine einheitliche W&auml;hrung einf&uuml;hren kann. Das dauert eben ein paar Jahre, keine Frage. Als P&ouml;hl am 7. Februar 1990 aus der Maschine von Berlin nach K&ouml;ln/Bonn aussteigt und im Radio h&ouml;rt, wie Kohl bei einer Rede im Bundestag den Ostdeutschen anbietet, alsbald &uuml;ber die D-Mark als Zahlungsmittel verf&uuml;gen zu k&ouml;nnen, da habe er, wie er mir sp&auml;ter sagte, fast einen Herzinfarkt gekriegt. Und ein Jahr sp&auml;ter ist er dann auch zur&uuml;ckgetreten, weil er das nicht mehr mitmachen konnte und wollte.</p>
<p><i>Ich habe im Ohr, dass Sie die Idee der Treuhand entwickelt haben. Was war Ihr Plan, Ihre Idee von der Treuhand?</i></p>
<p>Nein, das ist v&ouml;llig verkehrt, das sind Fake News! Wissen Sie, ich bin deshalb so allergisch darauf, weil das in einem Buch auftaucht, f&uuml;r das ein namentlich nicht genannter Journalist mit dem Ehepaar Honecker gesprochen hatte, als die bei dem evangelischen Pastor in Lobetal einquartiert waren. In einem der Gespr&auml;che soll Frau Honecker gesagt haben: &#8218;Ach, die Hf&Ouml; war ja schon immer eine revisionistische Denkfabrik. Und solche Gestalten wie Dieter Klein, Michael Brie und Christa Luft, die hatten die Treuhand schon lange vorgedacht.&#8216; Aber das ist eine erfundene Story!</p>
<p><i>Sie haben mit der Idee &#8222;Treuhand&#8220; gar nichts zu tun, sagen Sie?</i></p>
<p>Also das Wirtschaftsreformkonzept der Modrow-Regierung, f&uuml;r das ich verantwortlich war, enth&auml;lt weder den Begriff noch das, was sp&auml;ter daraus geworden ist. Uns schwebte keine komplette Privatisierung des Volkseigentums vor. Wir wollten das Volkseigentum produktiver, beweglicher, anziehender machen f&uuml;r Menschen. Wir haben uns zum Beispiel daf&uuml;r eingesetzt, dass die Gewerbefreiheit eingef&uuml;hrt wird; dass privates kleines Eigentum von unten entstehen kann; dass die 1972 Enteigneten, wenn sie denn noch leben, ihr Eigentum zur&uuml;ckbekommen k&ouml;nnen (oder die Erben, wenn die es wollen). Wir wollten Joint Ventures zulassen. Das alles waren Privatisierungsschritte. Und wir wollten aus den gro&szlig;en Kombinaten ganz schnell die Abteilungen herausl&ouml;sen, die mit dem Kerngesch&auml;ft nichts zu tun hatten. Jedes Kombinat hatte eine eigene Bauabteilung, eine eigene Transportabteilung usw. &#8211; weil entsprechende Leistungen am Markt nicht zu beschaffen waren. Das hat nat&uuml;rlich Produktivit&auml;t gekostet. Deshalb wollten wir das herausl&ouml;sen. Daraus w&auml;ren kleine private Unternehmen entstanden. Aber uns schwebte nicht vor, die Infrastruktur und gro&szlig;e Kombinate komplett zu privatisieren.</p>
<p>Die Treuhand, die dann pl&ouml;tzlich auf&#8216;s Trapez kam, ist eine Sturzgeburt. Sturzgeburt vor allem aus einem Grund: Kohl bot der DDR-Bev&ouml;lkerung mitten im Wahlkampf die D-Mark an. Begeisterungsst&uuml;rme! Dass die Wahlen am 18. M&auml;rz 1990 nicht so ausgehen w&uuml;rden wie die vorigen Volkskammerwahlen, war uns vollkommen klar. Es musste etwas geschehen mit dem Volkseigentum, weil das Grundgesetz zwar auch Gemeineigentum sch&uuml;tzt, aber die Praxis sah eben anders aus. Also was machen wir mit den volkseigenen Kombinaten? Niemand sollte untersch&auml;tzen, dass die Modrow-Regierung ganze vier Monate im Amt war &#8211; keine Zeit, um irgendwelche revolution&auml;ren Sachen aus der T&uuml;te zu zaubern. Die Idee unserer Regierung &#8211; da waren ja neben der SED auch CDU, LDPD, NDPD und die Bauernpartei beteiligt &#8211; war: eine komplette Privatisierung, zumal im Hau-Ruck-Verfahren, kommt f&uuml;r uns nicht in Frage. Bevor es weiter geht mit gewissen Selbstbedienungsaktivit&auml;ten, die damals auftauchten, wollten wir erst einmal die Hand drauf legen. Deshalb hei&szlig;t es auch in der Treuhand-Verordnung: &#8222;Die Treuhand hat die Aufgabe, das Volkseigentum im Interesse der Allgemeinheit zu bewahren.&#8220; Das war nicht einmal ein Gesetz, denn f&uuml;r ein Gesetz braucht man Monate, um es parlamentarisch auf den Weg zu bringen, und die hatten wir nicht. Was nach der Volkskammerwahl daraus werden w&uuml;rde, konnten wir damals nicht wissen.</p>
<p><i>Aber die Treuhand-Verordnung wurde schon von der Modrow-Regierung verabschiedet?</i></p>
<p>Die Treuhandverordnung wurde von der Modrow-Regierung am 1. M&auml;rz 1990 verabschiedet. Wie gesagt, der Begriff &#8222;Treuhand&#8220; tauchte in unseren Reformkonzepten nicht auf. Den Begriff hat nach meiner Erinnerung Dr. Ullmann, der Vertreter von &#8222;Demokratie jetzt!&#8220;, ins Spiel gebracht. Der hatte Berater aus der Schweiz, die ihm diese Treuhand-Idee nahe brachten.</p>
<p><i>Die Idee einer Treuhand ist juristisch naheliegend, wenn man das Verm&ouml;gen vom Staat wegnehmen und von Dritten verwalten lassen will.</i></p>
<p>Wir haben uns damals kurzfristig mit der britischen und der &ouml;sterreichischen Praxis besch&auml;ftigt, wie dort nach dem 2. Weltkrieg mit gro&szlig;en Unternehmen umgegangen wurde, die in Staatshand &uuml;berf&uuml;hrt worden waren. Die Briten hatten ein Schatzamt und die &Ouml;sterreicher eine Bundesverm&ouml;gensverwaltung, und das war in etwa so wie eine Treuhandanstalt.</p>
<p>Das Problem ist ja: Was geschieht mit dem Volkseigentum, das eigentlich staatliches Eigentum ist, weil es staatlich verwaltet wird. Das beginnt bei der Planung und reicht bis zur Gewinnabsch&ouml;pfung. Wenn Sie sich Russland anschauen, dann haben wir dort bis heute das ungel&ouml;ste Problem, wie der Staat mit den gro&szlig;en Industrieverm&ouml;gen umgeht. Das ist das Problem der Oligarchien in den ganzen postsozialistischen L&auml;ndern. Irgendein Konstrukt braucht man f&uuml;r diesen &Uuml;bergang.</p>
<p><i>Wie gesagt, im Reformkonzept der Modrow-Regierung taucht das nicht auf, weil uns ein solcher Privatisierungsprozess nicht vorschwebte.<br />Mir geht es nat&uuml;rlich um den Unterschied. Sie sagen, die Modrow-Regierung hatte ein Reformkonzept, ein &Uuml;bergangskonzept. Nach der W&auml;hrungsunion wird eine Treuhand errichtet mit der Idee, die DDR-Wirtschaft komplett zu privatisieren &#8211; so lautet ja der Auftrag der Treuhand. Wie w&uuml;rden Sie diese Differenz beschreiben?</i></p>
<p>Wie ich schon sagte: Die von der Modrow-Regierung geschaffene Treuhand hatte den Auftrag, das Volkseigentum im Interesse der Allgemeinheit zu bewahren &#8211; was &uuml;berhaupt nicht bedeutet, dass von unten kein privates Eigentum entstehen sollte. Daf&uuml;r habe ich ja Wege genannt. De Maizi&egrave;res Treuhand, die am 30. Juni 1990 entstand, war von Anfang an eine Verkaufseinrichtung. F&uuml;r Theo Waigel, den damaligen Bundesfinanzminister, und auch f&uuml;r Helmut Kohl als Bundeskanzler waren W&auml;hrungsunion und Privatisierung des Volkseigentums ein Junktim. &#8218;Wenn Ihr die W&auml;hrungsunion kriegt, also von uns das Geld, dann brauchen wir ein Pfand. Das ist das Volkseigentum.&#8216; Als wir mit unserem Volkskammer-Ausschuss Deutsche Einheit im Mai 1990 im Bonner Bundestag zu Besuch waren, hielt Herr Waigel eine Rede. Dort sagte er fast w&ouml;rtlich: &#8222;Liebe Leute im Osten! Wir geben Euch das Beste, was wir haben: das ist die soziale Marktwirtschaft und das ist die D-Mark. Aber das ist nat&uuml;rlich nicht alles so ganz umsonst! Das kostet ja etwas.&#8220; Und das Pfand daf&uuml;r sollte sein die schnelle Privatisierung des Volkseigentums. So ist es dann auch geschehen. Herr de Maizi&egrave;re hat im Grunde nur noch die Hand hingehalten, gef&uuml;hrt wurde der Stift von der anderen Seite.</p>
<p>Ich war dann bis zu ihrer Aufl&ouml;sung am 2. Oktober Abgeordnete in der Volkskammer, geh&ouml;rte als Mitglied der PDS-Fraktion zur Opposition. F&uuml;r eine Anh&ouml;rung im Wirtschaftsausschuss hatten wir unsere &Auml;nderungsw&uuml;nsche f&uuml;r das Treuhand-Gesetz aufgeschrieben. De Maizi&egrave;re sagte immer: &#8218;Ihr k&ouml;nnt jetzt reden, was Ihr wollt. Das krieg&acute; ich in Bonn nicht durch. Der Entwurf ist im Grunde das, was hier durchkommen muss.&#8216; Eine Sache kriegten wir dann doch noch hinein verhandelt, n&auml;mlich den Satz: &#8222;Nach Bewertung und Restrukturierung des Volkseigentums oder Volksverm&ouml;gens ist zu pr&uuml;fen, ob irgendwelches Geld &uuml;brig bleibt, was dann an die Menschen verteilt werden kann, die bei der W&auml;hrungsunion einen Teil ihres Verm&ouml;gens verloren haben.&#8220;[2] Diesen Passus hat er mit aufnehmen lassen. Aber Frau Breuel hat dann daf&uuml;r gesorgt, dass da nichts &uuml;brig blieb, sie hat 256 Milliarden DM Schulden hinterlassen.</p>
<p><i>Wie bewerten Sie die Ergebnisse des Wirkens der Treuhand?</i></p>
<p>Im Januar 1991 fand in K&ouml;ln eine Tagung mit Treuhand-Pr&auml;sidialen aus allen neuen Bundesl&auml;ndern statt. Dort hielt Herr K&ouml;hler, der sp&auml;tere Bundespr&auml;sident und damals f&uuml;r die Treuhand verantwortliche Staatssekret&auml;r im Bundesfinanzministerium eine Rede, in der er den Satz fallen lie&szlig;: &#8222;Liebe Leute, in der DDR-Wirtschaft muss auch mal gestorben werden! Es muss auch mal Blut flie&szlig;en!&#8220; W&ouml;rtlich! Treuhandchef Rohwedder, ein Bef&uuml;rworter des Prinzips &#8222;erst sanieren, dann privatisieren&#8220;, soll darauf nichts gesagt haben. Nach seiner Ermordung kam Frau Breuel und machte von Anfang an ein Riesen-Tempo. Nun hie&szlig; es: Erst privatisieren, dann sanieren &#8211; ohne R&uuml;cksicht auf Verluste. Am Ende konnte jeder, der mal irgendwo ein kleines Unternehmen hatte &#8211; egal, ob er das erfolgreich gef&uuml;hrt oder an die Wand gefahren hat, zugreifen. Hauptsache, er hatte die richtige Postleitzahl &#8211; es musste eine aus dem Westen sein, dann hat er bekommen, was er wollte. So landeten schlie&szlig;lich 85 Prozent des Volkseigentums in H&auml;nden westdeutscher &#8222;Investoren&#8220;. Ich k&ouml;nnte viele Beispiele nennen, wo Menschen aus dem Osten ihre Firma &uuml;bernehmen wollten, in der sie lange gearbeitet hatten und sich auskannten &#8211; und die haben das nicht bekommen. Es gab viel Kriminalit&auml;t und Korruption, keine Frage.</p>
<p>Auf Ihre Frage, wie ich das zusammenfassen w&uuml;rde: F&uuml;r mich ist die Treuhand eine Einrichtung, die unter den Augen und mit Billigung der Bundesregierung die gr&ouml;&szlig;te Vernichtung von Produktiveigentum in Friedenszeiten verantwortet. Das ging zu Lasten vieler Millionen Menschen in der DDR, hat Wirkungen bis heute. Und es hat die westdeutschen Steuerzahler unerh&ouml;rt viel Geld gekostet. Wenn diese Mittel gleich f&uuml;r andere Ma&szlig;nahmen eingesetzt worden w&auml;ren &#8211; f&uuml;r Strukturanpassungen, f&uuml;r Umschulungen usw. &#8211; und nicht nur f&uuml;r die Bezahlung von Arbeitslosigkeit, dann w&auml;re das auch f&uuml;r die westdeutschen Steuerzahler billiger geworden und viele von ihnen w&uuml;rden nicht bis heute denken: &#8218;Ihr habt uns nur was gekostet!&#8216; Da im Grunde nichts gerettet wurde aus der DDR, sagen viele Westdeutsche doch bis heute: &#8218;Was haben wir denn von der Einheit?&#8216;</p>
<p><i>Jetzt einmal zur wirtschaftlichen Entwicklung des Ostens nach der Wiedervereinigung. Wie w&uuml;rden Sie die Wirtschaftsentwicklung in den letzten 30 Jahren im deutschen Osten beschreiben? Was passierte, nachdem die Treuhand alles vernichtet hat, wie Sie sagen?</i></p>
<p>Naja, man muss sich nicht wundern, was passiert ist. In jedem volkswirtschaftlichen Lehrbuch steht, dass eine Wirtschaft, um sich gesund entwickeln zu k&ouml;nnen, eine Mischung von Betriebsgr&ouml;&szlig;en braucht. Sie braucht Gro&szlig;unternehmen, die sozusagen die Zentren bilden f&uuml;r Forschung, Marketing, Entwicklung und so weiter, auch f&uuml;r die Facharbeiterausbildung. Und sie braucht einen guten Mittelstand und viele Kleinunternehmen. Was hat die Treuhand gemacht? Sie hat einen Wald von Kleinstunternehmen hinterlassen, die am Markt gar nichts bewegen k&ouml;nnen. Wir hatten einmal mehr als 500 Betriebe in der DDR mit mehr als 1.000 Besch&auml;ftigten. Nach dem Ende der Treuhand sind davon 4 &uuml;briggeblieben.</p>
<p>Als man nach der W&auml;hrungsunion die ersten Wochen in ein Gesch&auml;ft kam und alles kaufen konnte, was man fr&uuml;her nur aus dem Westfernsehen kannte, ging einem das Herz auf, wenn man das Geld hatte daf&uuml;r. Dass der Binnenmarkt &uuml;berflutet w&uuml;rde mit Waren aus der alten Bundesrepublik, war doch vollkommen klar. Ein Markterhalt bzw. eine Neugewinnung von M&auml;rkten f&uuml;r ostdeutsche Unternehmen hat nicht stattgefunden. Wir sollten eine Marktwirtschaft werden, hatten aber keine M&auml;rkte. Die Ostm&auml;rkte, sagt man immer, seien zusammengebrochen. Die sind nicht zusammengebrochen! Was die DDR fr&uuml;her in die Sowjetunion, nach Ungarn, nach Polen und in andere Ostl&auml;nder geliefert hat &#8211; diese M&auml;rkte sind von Thyssen, von Krupp und anderen westlichen Konzernen &uuml;bernommen worden!</p>
<p>Die erste Zeit war unter individuellen Konsumenten nat&uuml;rlich ein bisschen Jubel, weil man allerhand kaufen konnte, vor allen Dingen Autos. Aber dann merkte man schnell, dass das Geld alle wird und dass man angewiesen ist auf St&uuml;tze, wenn man keinen neuen Job hatte. Da begann dann die Wanderung durch das Tal, eben weil die Wirtschaft kleinteilig strukturiert war. Die D&ouml;rfer in Mecklenburg-Vorpommern oder in Sachsen-Anhalt sind zum Jammern. Wo keine Arbeit ist, bleiben keine jungen Leute. Wo keine jungen Leute sind, bleiben die alten allein. Die haben keine M&ouml;glichkeit mehr, sich selber normal zu versorgen, weil die L&auml;den alle zu sind; keine Sparkasse mehr, kein Arzt, kein Kino, kein nix!</p>
<p>Dann diese anhaltende Spekulation mit Grund und Boden. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind die meisten Ackerfl&auml;chen inzwischen verkauft worden an agrarfremde Investoren. Versicherungen kaufen Ackerfl&auml;chen, weil sie mangels Zinsen keine anderen renditetr&auml;chtigen Anlageobjekte sehen! Ackerfl&auml;chen werden zu Bauland umgewidmet und verscherbelt, und die Mieten steigen noch und n&ouml;cher. Warum das Bodenproblem nicht viel mehr im Zentrum der Politik steht, ist mir schleierhaft. Was die Natur uns nur beschr&auml;nkt zur Verf&uuml;gung stellt, das geh&ouml;rt in die H&auml;nde der Allgemeinheit und kann &uuml;ber langfristige Pachtvertr&auml;ge vergeben werden an Menschen, die das m&ouml;chten. Aber keine Privatisierung von Grund und Boden!</p>
<p>Ich war in der zweiten H&auml;lfte der 1990er Jahre an einer Initiative beteiligt, die sich &#8222;B&uuml;ndnis f&uuml;r Auftr&auml;ge&#8220; nannte. Vertreter aus Wirtschaft und Politik haben sich zusammengesetzt und &uuml;berlegt: Was kann man machen, um M&auml;rkte f&uuml;r die DDR-Unternehmen zu erhalten oder zur&uuml;ck zu gewinnen? In Sachsen-Anhalt und Sachsen gab es Unternehmen, die waren spezialisiert auf die Produktion von Ausr&uuml;stungen f&uuml;r die sowjetische &Ouml;l- und Gasindustrie. Die hatten noch Spezialisten. In der Sowjetunion verrotteten die F&ouml;rderstellen mangels Reparaturen oder neuer Investitionen. Da haben wir aufgeschrieben, wie man das zusammen bringen k&ouml;nnte. Die Russen hatten &Ouml;l und Gas, was man zwecks Bezahlung h&auml;tte in Europa vermarkten k&ouml;nnen. Wir waren mit diesem Vorschlag beim Bundeswirtschaftsministerium. Wir brauchten von der Bundesregierung die Zusage, dass sie B&uuml;rgschaften geben wird f&uuml;r solche Gesch&auml;fte. Da hie&szlig; es: Das wird Br&uuml;ssel nicht akzeptieren, das ist Wettbewerbsverzerrung, das ist nicht marktwirtschaftlich! Es wurde jedes Argument herbeigezogen, um zu verhindern, dass irgendetwas Produktives in die Wege kommt. Warum konnte man nicht so vorgehen wie bei Carl-Zeiss Jena, das nicht sofort privatisiert wurde, sondern f&uuml;r ein Jahrzehnt in th&uuml;ringischem Landeseigentum verblieb? Jenoptik geht es heute wunderbar. Solche Ideen waren aber nicht gefragt.</p>
<p><i>Die Treuhand-Politik und die W&auml;hrungsunion waren die Ausl&ouml;ser f&uuml;r die Deindustrialisierung des Ostens nach 1990. Aber auch sp&auml;ter kommt keine Entwicklung zustande. Was sind die Ursachen f&uuml;r diese Stagnation? Wenn man sich die Daten von Troost und Steinitz[3] anschaut, holt der Osten nicht mehr auf. Warum?</i></p>
<p>Ich f&uuml;hre das nach wie vor zur&uuml;ck auf die ungesunde Mischung der Betriebsgr&ouml;&szlig;enklassen im Osten; das ist ungesund geblieben, wenngleich es sich ein bisschen gebessert hat. Dazu kamen weitere Dinge, etwa fehlende Unternehmenszentralen, jetzt die Sanktionen gegen Russland. Die treffen vor allem ostdeutsche Unternehmen, die traditionell viel gr&ouml;&szlig;ere Verbindungen dorthin hatten. Dann sind die F&ouml;rdermittel abgebaut worden. Es fehlt eigentlich so etwas wie ein kreditfinanzierter Infrastruktur-Fonds, um die ostdeutschen Regionen tats&auml;chlich voran zu bringen &#8211; manche sind mit &ouml;ffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen.</p>
<p><i>Man k&ouml;nnte auch sagen, dass die DDR Pech hatte. Sie kam zur Wiedervereinigung in einer Phase des Neoliberalismus, der in Westdeutschland pl&ouml;tzlich die &Uuml;berhand bekam. Und nahezu zeitgleich kam es zu einem Durchbruch in der Globalisierung. Nat&uuml;rlich gab es Globalisierung bereits vorher, aber in den 1990er und den 2000er Jahren hat sich die westdeutsche Wirtschaft verst&auml;rkt international aufgestellt. Und das alles im gleichen Zeitraum, in dem die deutsche Wiedervereinigung l&auml;uft; hei&szlig;t nat&uuml;rlich, dass so etwas wie der deutsche Osten gar keine Rolle spielte. Die Globalisierung wird nicht zur&uuml;ckgeholt werden k&ouml;nnen. Es wird kein Rollback geben &#8211; trotz Trump. Aber was bedeutet das f&uuml;r die Entwicklungsperspektiven des deutschen Ostens?</i></p>
<p>Zun&auml;chst: Der Neoliberalismus konnte sich in der Bundesrepublik so rasch ausbreiten, weil mit der DDR ein sozial&ouml;konomisches Gegengewicht fehlte. Weiter: Globalisierung ist ein objektiver Prozess. Aber sie ist in hohem Ma&szlig;e konzern-, also profitgesteuert. Wer f&uuml;r Globalisierung ist, ist gut beraten, aus sozialen wie &ouml;kologischen Gr&uuml;nden auch eine menschenfreundliche Regionalisierung zu f&ouml;rdern. Obwohl die Welt f&uuml;r sie offen steht, brauchen Menschen auch etwas, was f&uuml;r sie &uuml;berschaubar und planbar ist. Ich pl&auml;diere daher ganz stark f&uuml;r Regionalisierungsprogramme, um Menschen vor Ort zu halten und nicht auf die Wanderschaft zu bringen.</p>
<p><i>Aber der Punkt ist ja: Die deutsche Wirtschaft, nehmen wir einmal als Beispiel die Autoindustrie als den gro&szlig;en Industriezweig in Deutschland, die baut ihre Werke schon lange in Brasilien und in China und profitiert vom dortigen Aufschwung. Als ich in Brasilien war, wurde mir erkl&auml;rt, dass VW ein brasilianisches Unternehmen ist. Das findet einfach statt! Gibt es nicht andere, wirtschaftlich vern&uuml;nftige Mechanismen? Einige &Ouml;konomen kritisieren zum Beispiel, dass im deutschen Osten alles, was modern angesiedelt wurde, in Wirklichkeit keine regionalen Zusammenh&auml;nge hat; es ist entgrenzt. Das beginnt mit der Steuerleistung, die ganz woanders erbracht wird und die den Regionen nicht zur Verf&uuml;gung steht. Die v&ouml;llig entgrenzte, mit der Region nicht zusammenh&auml;ngende Wirtschaft scheint ein Markenzeichen der Moderne zu sein. Und die regional verwurzelte Wirtschaft ist hinterw&auml;ldlerisch oder ist im Niedergang begriffen, weil sie eben keinen Markt und keine Anschl&uuml;sse hat. Welche &ouml;konomischen Hebel k&ouml;nnte es geben, um das zu &auml;ndern?</i></p>
<p>Was das Pl&auml;doyer f&uuml;r eine regional verwurzelte Wirtschaft, nicht als Alternative, sondern als eine die Globalisierung erg&auml;nzende Tendenz angeht, stimmen wir &uuml;berein. Und auch bei der Frage der Besteuerung von in Ostdeutschland erbrachten Leistungen. Jedes Tochterunternehmen eines westdeutschen Konzerns muss die hier erwirtschafteten Steuern an das Bundesland abf&uuml;hren, in dem die Mutter ihren Sitz hat. Das sind fast ausnahmslos die alten Bundesl&auml;nder. Das h&auml;tte man l&auml;ngst &auml;ndern k&ouml;nnen! Was hat man nicht alles am Grundgesetz ge&auml;ndert. Und dann hei&szlig;t es: Es flie&szlig;en so viel F&ouml;rdermittel von West nach Ost. Keiner macht die Gegenrechnung auf, was ist an Verm&ouml;genstransfer von Ost nach West geflossen?</p>
<p><i>Und vor allen Dingen gibt es einen erheblichen Brain Train, nach wie vor. In Brandenburg brauchen Sie blo&szlig; schauen, wo die besten Schulabsolventen hingehen: dahin, wo die Lehrstellen sind und wo die Universit&auml;ten sind. Die wandern ab, in einem Umfang, der ist be&auml;ngstigend! Die Frage ist ja: Wie k&ouml;nnte man da gegensteuern?</i></p>
<p>Wichtig w&auml;re wohl erst einmal, dass die Differenz zwischen Ost und West nicht wieder gr&ouml;&szlig;er wird, als sie inzwischen ist. Dazu muss &#8211; jetzt trage ich Eulen nach Athen &#8211; auf dem Lohngebiet was passieren, und auf dem Steuergebiet. Sonst findet hier keine Ansiedlung statt und die Menschen laufen weg. Ich pl&auml;diere deshalb f&uuml;r einen kreditfinanzierten Infrastruktur-Fonds, aus dem wirklich schnell etwas passiert. Ich pl&auml;diere f&uuml;r eine andere Bodenpolitik, um endlich diese spekulativen Tendenzen einzud&auml;mmen. Wer heute Grund und Boden verkauft, verdient sich eine goldene Nase. Und der Staat muss dann Mietzusch&uuml;sse geben f&uuml;r Menschen, die die Mieten nicht mehr bezahlen k&ouml;nnen, in denen hohe Preise f&uuml;r Grund und Boden drin stecken. Es ist irre!</p>
<p><i>Unsere Ausgabe der vorg&auml;nge besch&auml;ftigt sich auch mit der Entwicklung der Rechten im deutschen Osten, mit dem Aufstieg der AfD et cetera pp. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Rechtsruck und der wirtschaftlichen Entwicklung?</i></p>
<p>Ja, aber die AfD nimmt Aufwind auch in Bundesl&auml;ndern wie Bayern, Baden-W&uuml;rttemberg und anderen, denen es wirtschaftlich gut geht. Es scheint bei nicht wenigen Menschen auch Unbehagen &uuml;ber die bedrohlichen Folgen einer &ouml;konomisch nicht eingehegten Globalisierung f&uuml;r das eigene Leben und das der Kinder eine Rolle zu spielen. Im Osten kommen die nicht geheilten Verletzungen, Dem&uuml;tigungen und Ungerechtigkeiten aus der Nachwendezeit dazu: Arbeitsplatzverlust ohne Aussicht auf ad&auml;quate Wiederbesch&auml;ftigung, Renteneinbu&szlig;en, Elitenaustausch auf allen Ebenen bei Dominanz westdeutsch Sozialisierter, oktroiertes Nachahmen von Praktiken der Alt-BRD, Verunglimpfung und Entsorgung ostdeutscher Strukturen und Erfahrungen usw. Der Kultursoziologe Wolfgang Engler sagt zu Recht: &#8222;Der Osten l&auml;sst sich nicht mehr mit der DDR erkl&auml;ren&#8220;, also mit Abgeschottetsein, relativ wenig Kontakt mit Ausl&auml;ndern usw. Abgesehen von sicher auch &uuml;berzeugten Rechten richtet sich die Wut, der Protest von AfD-Anh&auml;ngern im Osten meiner Wahrnehmung nach &uuml;berwiegend gegen die aktuelle Politik auf Bundesebene, darunter die Kanzlerin mit ihrer ostdeutschen Herkunft und Erfahrung, die nie eine mobilisierende Vision f&uuml;r die Zukunft entwickelt hat. Diesen Menschen leichtfertig eine rechte, gar nazistische Gesinnung zuzuschreiben, wie das mitunter geschieht, ist moralisierend, aber nicht hilfreich, weil es nicht an den Ursachen ansetzt. Die Leute laufen doch den Gaulands und H&ouml;ckes mit ihren platten Parolen nicht gl&auml;ubig hinterher. So schlecht war das Bildungsniveau der DDR nicht.</p>
<p><i>Aber die Intelligentesten der Nach-Wende-Generation sind nicht mehr im Osten, die sind weg.</i></p>
<p>Es wachsen neue heran und nehmen die Erfahrungen ihrer Eltern und Gro&szlig;eltern auf.</p>
<p><i>Erfahrungen welcher Art?</i></p>
<p>Nun, die Erfahrungen mit der verordneten v&ouml;lligen Delegitimierung der DDR. Ich habe dar&uuml;ber schon gesprochen. Die Menschen warten auf einen Wechsel. Dass es nun gerade die AfD ist, die vorgibt, f&uuml;r den Wechsel zu stehen, ist fatal. Aber sie wird entzaubert werden.</p>
<p><i>Wie k&ouml;nnte die Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse zwischen Ost- und Westdeutschland gelingen? Was m&uuml;sste man tun?</i></p>
<p>Die Politiker auf Bundes- und Landesebene, aber auch die Medien und Publizisten, sollten sich bem&uuml;hen, darzustellen, dass im Osten nicht alles grau war, dass dort Dinge gewesen sind, die sich f&uuml;r eine k&uuml;nftige Zivilisation als vorteilhaft erweisen k&ouml;nnen. Wir haben schon einmal versucht, unter etwas bescheideneren Bedingungen verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig ordentlich zu leben. Ich glaube, wir gehen solchen Zuk&uuml;nften entgegen; und wenn es das Klima ist, was uns diese Richtung bescheren wird. Wir hatten in der DDR auch Ressourcenverschwendung, auf der anderen Seite sind wir mit Ressourcen sorgf&auml;ltiger umgegangen, als das heute der Fall ist. Nur, weil ein System gescheitert ist, kann man nicht so tun, dass es nichts Aufhebenswertes f&uuml;r die Zukunft hinterlassen hat. Dass Grund und Boden kein Spekulationsobjekt war, ist etwas, was ich in die Zukunft getragen wissen m&ouml;chte. Dass man Verm&ouml;gen und Eigentum nur durch Arbeit erwerben kann &#8211; es sei denn, man macht eine kleine Erbschaft &#8211;, das ist doch etwas, was man in die Zukunft tragen kann. Dass man planen muss (nicht diese verb&uuml;rokratisierte Planung, die wir hatten), ist gerade f&uuml;r den Umgang mit materiellen und geistigen Ressourcen von h&ouml;chster Wichtigkeit! Das merken wir heute. Es wird beklagt, dass es an Pflegepersonal mangelt. Mein Gott, das Problem f&auml;llt doch nicht vom Himmel!</p>
<p>Also ich w&uuml;nschte mir diesen nachdenklichen Blick auf das, was hinterlassen wurde. Das w&uuml;rde zwar die materiellen und finanziellen Probleme vieler Menschen nicht l&ouml;sen, aber es w&auml;re im Interesse der historischen Wahrheit und w&auml;re eine gewisse Genugtuung.</p>
<p><i>Wir bedanken uns sehr f&uuml;r das Interview.<br />Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrten Rosemarie Will und Sven L&uuml;ders.</i></p>
<p><b>Anmerkungen:</b></p>
<p>1 Der &#8222;Bereich Kommerzielle Koordinierung&#8220; (umgangssprachlich &#8222;KoKo&#8220; genannt) wurden in den 1960er Jahren im Gesch&auml;ftsbereich des damaligen Ministeriums f&uuml;r Au&szlig;en- und Innerdeutschen Handel der DDR gegr&uuml;ndet. Seine Aufgabe war die m&ouml;glichst umfassende Erwirtschaftung und Beschaffung westlicher Devisen &#8211; abseits der offiziellen Haushaltspl&auml;ne, der &uuml;blichen Kontrollen und der in der DDR geltenden politischen wie rechtlichen Handelsschranken. Zur KoKo geh&ouml;rten bis 1989 zahlreiche (Tarn-)Firmen und Handelsgesellschaften, &uuml;ber die beispielsweise Waffengesch&auml;fte abgewickelt wurden.</p>
<p>2 S. Art. 25 Abs. 6 Einigungsvertrag.</p>
<p>3 S. deren Beitrag in diesem Heft.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/die-groesste-vernichtung-von-produktiveigentum-in-friedenszeiten/">„Die größte Vernichtung von Produktiveigentum in Friedenszeiten!“</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Westdeutschland</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In: vorg&#228;nge 224 (4/2018), S. 41 &#8211; 46 Die AfD ist insbesondere im Osten stark, was mit den wirtschaftlichen Verh&#228;ltnissen und dem Gef&#252;hl, abgeh&#228;ngt zu sein, begr&#252;ndet wird. Aber wirtschaftlich schwache Regionen gibt es auch im Westen &#8211; etwa Bremerhaven und Duisburg-Marxloh. Dass die AfD hier Erfolge erzielt, ist deshalb nicht &#252;berraschend. Aber sie erreichte [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/zur-wirtschaftlichen-und-sozialen-lage-in-westdeutschland-1/">Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Westdeutschland</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In: vorg&auml;nge 224 (4/2018), S. 41 &#8211; 46</p>
<p><i>Die AfD ist insbesondere im Osten stark, was mit den wirtschaftlichen Verh&auml;ltnissen und dem Gef&uuml;hl, abgeh&auml;ngt zu sein, begr&uuml;ndet wird. Aber wirtschaftlich schwache Regionen gibt es auch im Westen &ndash; etwa Bremerhaven und Duisburg-Marxloh. Dass die AfD hier Erfolge erzielt, ist deshalb nicht &uuml;berraschend. Aber sie erreichte auch in wirtschaftlich starken Regionen &ndash; etwa Ingolstadt &ndash; in bestimmten Bezirken &uuml;ber 30&nbsp;%. Es gibt deshalb keine pauschalen Bewertungen, sondern es bedarf einer eingehenden Analyse.</i></p>
<p>Generell gilt Deutschland in Europa als ein weitgehend stabiles Land mit einer guten wirtschaftlichen Entwicklung und niedrigen Arbeitslosenzahlen. Und in der Tat ist das f&uuml;r dieses und f&uuml;r das n&auml;chste Jahr prognostizierte Wachstum mit rd. 2 Prozent ganz ordentlich im Vergleich zu anderen L&auml;ndern. Die Zahl der Erwerbst&auml;tigen ist 2017 erneut angestiegen &ndash; auf 44,3 Millionen. Die Arbeitslosenzahlen befinden sich zumindest in ihrer offiziellen Version auf dem niedrigsten Stand seit Jahren. Doch der Schein tr&uuml;gt. Die sozialen Widerspr&uuml;che sind gro&szlig; und haben in den letzten Jahren zugenommen. So weist Deutschland den gr&ouml;&szlig;ten Sektor an prek&auml;rer Arbeit in Westeuropa auf. Der Anteil der Niedrigl&ouml;hner liegt &uuml;ber 20 Prozent. Viele Menschen k&ouml;nnen von ihrer Arbeit nicht leben.&nbsp; 1,2 Millionen m&uuml;ssen zus&auml;tzlich zu ihrem Erwerbseinkommen Arbeitslosengeld beziehen. Die atypische Besch&auml;ftigung &ndash; Mini- und Midi-jobs, erzwungene Teilzeitarbeit, Leiharbeit &ndash; hat zugenommen.&nbsp; Besonders betroffen sind Alleinerziehende. Die Arbeitslosigkeit verfestigt sich und Langzeitarbeitslosigkeit ist ein l&auml;ngst nicht gel&ouml;stes gro&szlig;es soziales Problem. Das Armutsrisiko wird gr&ouml;&szlig;er. 19,7 Prozent waren 2016 von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen &ndash; so die j&uuml;ngsten zur Verf&uuml;gung stehenden Zahlen. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. In seinem j&uuml;ngsten Jahresgutachten hat der parit&auml;tische Wohlfahrtsverband festgestellt, dass der Wirtschaftsboom an vielen Menschen vorbeigeht.[1]</p>
<h2 class="auto-created">Der Osten hinkt immer noch hinterher</h2>
<p>Die f&uuml;r Deutschland zu konstatierenden sozialen Probleme trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung insgesamt sind regional sehr unterschiedlich ausgepr&auml;gt. Dabei ist nach wie vor die unterschiedliche Entwicklung in Westdeutschland und Ostdeutschland bedeutsam. W&auml;hrend bei einer durchschnittlichen offiziellen Arbeitslosenquote von 5,1 % Westdeutschland eine Quote von 4,8&nbsp;% hat, liegt sie im Osten mit 6,8 % deutlich h&ouml;her. Noch gr&ouml;&szlig;er sind die Differenzen bei der Jugendarbeitslosigkeit. Aus einer Auswertung der Bundestagsfraktion der Partei DIE Linke geht hervor, dass es auch enorme Unterschiede beim Einkommen gibt. So lagen die Jahresbruttoarbeitsl&ouml;hne je Arbeitnehmer im Osten mit 30.172 Euro um fast 5.000 Euro unter denen im Westen mit durchschnittlich 35.084 Euro. Ende 2017 wies der Landkreis G&ouml;rlitz mit 2.183 Euro das niedrigste Median-Entgelt auf, Ingolstadt dagegen mit 4.635 Euro das h&ouml;chste. Das Medianeinkommen ist das mittlere Einkommen, das beim Vergleich aller Einkommen genau in der Mitte liegt. Die drei ersten westlichen Kreise hatten ein doppelt so hohes Entgelt wie die drei &ouml;stlichen Kreise, die am Ende der Skala liegen. Gleichzeitig waren aber die Arbeitszeiten im Osten h&ouml;her als im Westen.</p>
<p>Deutliche Unterschiede im Hinblick auf Einkommen und Armutsrisiko zwischen Ost und West stellt auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einer Studie fest.[2] Entsprechend dieser Studie, deren Zahlen sich auf das Jahr 2014 beziehen, betrug der durchschnittliche Anteil der Menschen mit Einkommensarmut in Deutschland 15,4&nbsp;%, im Westen 14,4&nbsp;% und im Osten 19,1&nbsp;%. Unter Einkommensarmut versteht man Menschen mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des bedarfsgerechten Medianeinkommens. Ber&uuml;cksichtigt man das unterschiedliche Preisniveau und damit die Kaufkraft werden die Unterschiede etwas geringer. Danach betrug der Anteil armer Menschen im Bundesdurchschnitt 15,3&nbsp;%, im Westen 14,9&nbsp;% und im Osten 16,8&nbsp;%.</p>
<h2 class="auto-created">Regionale Unter&shy;schiede</h2>
<p>Doch der Vergleich Ostdeutschland &#8211; Westdeutschland ist nicht ausreichend, um die regionalen Unterschiede in den Arbeits- und Lebensbedingungen wirklich zu erfassen. Westdeutschland steht keineswegs durchweg besser dar. So nimmt Bremen sowohl bei der Arbeitslosigkeit mit einer Quote von 10&nbsp;% als auch bei der Armutsgef&auml;hrdung mit einer Quote von 22,6&nbsp;% den Spitzenplatz ein, gefolgt allerdings von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, w&auml;hrend Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg sich am unteren Ende der Skala befinden. Dagegen nehmen Sachsen und Berlin beim Wirtschaftswachstum einen Spitzenplatz ein. Und wenn man die wirtschaftliche Entwicklung &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum verfolgt, liegt Th&uuml;ringen an der Spitze, w&auml;hrend Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Bremen die Schlusslichter bilden. Man kann in diesem Zusammenhang weniger von einem Ost-West-Gegensatz reden, sondern mehr von einem wirtschaftlich starken S&uuml;den, der sich deutlich vom Westen und Norden absetzt.</p>
<p>Dennoch ist es eine Tatsache, dass der Osten noch dem Westen hinterherhinkt. Dies zeigt sich auch bei einer Aufschl&uuml;sselung der Daten f&uuml;r die Einkommensarmut nach Bundesl&auml;ndern. Entsprechend der Studie des IW wiesen Baden-W&uuml;rttemberg und Bayern mit einem Anteil von 11,4 bzw. 11,5 % den geringsten Anteil an Einkommensarmut auf, w&auml;hrend Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit 21,3 bzw. 21,2&nbsp;% mit die h&ouml;chsten Anteile zu verzeichnen hatten. Allerdings ist Schlusslicht nicht ein ostdeutsches Bundesland, sondern der Stadtstaat Bremen mit einem Anteil von 24,3&nbsp;%. Das Bild differenziert sich weiter, wenn man die Kaufkraft, also die unterschiedliche Preisentwicklung ber&uuml;cksichtigt. Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg haben wiederum mit 12,4 bzw. 12,6 % die niedrigsten Anteile. Ostdeutsche L&auml;nder wie Th&uuml;ringen liegen mit 14,1 % nicht viel schlechter, w&auml;hrend Berlin mit 21,3 % und wiederum Bremen mit 24,4 % den h&ouml;chsten Anteil an Armut aufweisen. Auch Nordrhein-Westfalen (NRW) hat mit 17,7 % einen doch recht hohen Anteil.</p>
<p>Noch sehr viel differenzierter und damit aussagekr&auml;ftiger im Hinblick auf die Lebenslage der Menschen wird das Bild, wenn man nicht nur die L&auml;nder, sondern auch die Landkreise und St&auml;dte betrachtet. Hier sehen Teile Westdeutschlands au&szlig;erordentlich schlecht aus. Gelsenkirchen und Bremerhaven liegen beim Einkommen mit Abstand auf den beiden letzten Pl&auml;tzen, das gilt auch beim Einbezug der Kaufkraft.&nbsp; An der Spitze befinden sich Landkreise um M&uuml;nchen wie Dachau, Starnberg oder aber auch die Bodenseeregion. Auch die N&uuml;rnberger Region oder die s&uuml;dliche Pfalz weisen relativ geringe Armutsquoten auf. Die Gebiete mit der niedrigsten Armutseinkommensquote liegen &uuml;berwiegend in Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg. Auf der anderen Seite liegen die St&auml;dte und Kreise, die einen sehr hohen Anteil von Einkommensarmut aufweisen, zum &uuml;berwiegenden Teil in NRW. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang vor allem das Ruhrgebiet. Die Spitzenstellung im Hinblick auf Armut und soziale Probleme nimmt allerdings Bremerhaven ein.</p>
<p>Auch stellt das IW ein Stadt-Land-Gef&auml;lle fest. Die Einkommensarmut betr&auml;gt in St&auml;dten 18,7&nbsp;%, dagegen in den nicht-urbanen Regionen 14,5&nbsp;%. St&auml;dtische Ballungsr&auml;ume weisen h&ouml;here soziale Probleme und Ungleichheiten auf. Ein typisches Beispiel daf&uuml;r ist K&ouml;ln, wo es eine erhebliche Einkommensspreizung gibt. Dass es gerade auch in ansonsten wirtschaftlich starken Metropolen wie M&uuml;nchen oder Frankfurt erhebliche soziale Probleme gibt, ist bekannt. Hier ist die soziale Polarisierung stark ausgepr&auml;gt. Dabei spielt in den letzten Jahren die Wohnungsproblematik eine zentrale Rolle. Gerade in Ballungsgebieten ist es f&uuml;r viele Menschen kaum noch m&ouml;glich, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Nach einer Studie der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung fehlen fast zwei Millionen erschwingliche Wohnungen. Bruttowarmmieten von 30 % und mehr des Einkommens gelten als nicht mehr bezahlbar. Und davon sind in den Gro&szlig;st&auml;dten zunehmend mehr Menschen betroffen.[3] Dies erh&ouml;ht das Armutsrisiko stark. Die Mieten in den Gro&szlig;st&auml;dten sind enorm gestiegen. Der h&ouml;chste Mietpreis ist in M&uuml;nchen mit durchschnittlich 17,90 &euro; zu verzeichnen. Am st&auml;rksten angewachsen sind die Mieten in Berlin, wo sie im Zeitraum von 2012 bis 2017 um 51 % anstiegen. Der Anstieg war im Osten insgesamt geringer. Zum Teil gab es nur geringe Mietsteigerungen wie in Jena, wo die Mieten in diesem Zeitraum nur um 1 % anstiegen oder in Rostock, wo sie sogar um 4 % sanken.[4]</p>
<h2 class="auto-created">Die Lage in Westdeut&shy;sch&shy;land</h2>
<p>Zwar sind die Unterschiede im Hinblick auf die Einkommensarmut und die damit verbundenen sozialen Probleme zwischen den alten und neuen Bundesl&auml;ndern durchaus noch signifikant. Doch schon beim Einbezug der Kaufkraft &ndash; dies zeigt die Studie des IW &ndash; verschwimmen die Unterschiede allm&auml;hlich. Festzustellen ist jedenfalls, dass die Regionen mit besonders hohen sozialen Problemen, wie sie sich in der Armutsgef&auml;hrdung ausdr&uuml;cken, sich keineswegs auf Ostdeutschland beschr&auml;nken. In Westdeutschland gibt es eine ganze Reihe von Gebieten, die &auml;hnliche prek&auml;re Verh&auml;ltnisse aufweisen. Dazu z&auml;hlen viele Gebiete in NRW und insbesondere&nbsp; der Stadtstaat Bremen.</p>
<p>Auch wenn die Armut und Armutsgef&auml;hrdung sicherlich am deutlichsten die sozialen Probleme ausdr&uuml;cken,&nbsp; gibt es doch eine Reihe weiterer Faktoren, die die Lebensbedingungen betreffen. Dazu z&auml;hlen M&auml;ngel in der Infrastruktur insbesondere auf kommunaler Ebene. Nach Angaben des Deutschen St&auml;dtetags lag der Investitionsr&uuml;ckstand in den Kommunen bei 132 Milliarden Euro (Mai 2015). Mit ein Grund daf&uuml;r sind die rasant gestiegenen Sozialausgaben, die in eben diesem Jahr 2015 auf 54 Milliarden angestiegen sind. Dabei sind im Hinblick auf die Finanzkraft erhebliche regionale Unterschiede festzustellen.<i> &bdquo;Deutlich &uuml;berdurchschnittliche, positive Finanzierungssalden waren in Bayern, Baden-W&uuml;rttemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zu verzeichnen. Deutlich unterdurchschnittliche, zudem negative Finanzierungssalden verbuchten hingegen die Kommunen in Nordrhein-Westfalen, dem Saarland, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz</i>.&ldquo;[5] Dort, wo aufgrund der sozialen Problemlage die Sozialausgaben besonders hoch sind, besteht die Gefahr der Verk&uuml;mmerung der kommunalen Infrastruktur.</p>
<p>Als ein besonderes Beispiel f&uuml;r ein ziemlich heruntergekommenes Gebiet gilt Duisburg-Marxloh mit verwahrlosten Wohnungen, Aufgabe von Gesch&auml;ften und verm&uuml;llten Stra&szlig;en.&nbsp; Angezogen durch die zwar maroden, aber leerstehenden H&auml;user wohnen dort einem Bericht des WDR zufolge vor allem <i>&#8222;bettelarme Zuwanderer aus Rum&auml;nien und Bulgarien&#8220;</i>[6]. Skrupellose Eigent&uuml;mer lassen ihre Immobilien verk&uuml;mmern und &uuml;berbelegen sie mit verarmten Zuwanderern. Dies hat eine britische Journalistin, die sich einen Tag lang umgesehen hat, veranlasst, in der &#8222;Daily Mail&#8220; einen Horrorbericht &uuml;ber die Folgen von Merkels Fl&uuml;chtlingspolitik zu schreiben.[7] Dies wird jedoch den zwar schwierigen, aber doch auch differenzierteren Verh&auml;ltnissen nicht gerecht. Freilich ist Duisburg-Marxloh ein Beispiel f&uuml;r die Folgen eines nicht bew&auml;ltigten Strukturwandels, dort verursacht durch den Niedergang der Stahlindustrie mit entsprechenden sozialen Problemen. Diese ohnehin schon prek&auml;re Lage wird&nbsp; durch den Zuzug &auml;rmerer Menschen, vor allem Migranten, noch verst&auml;rkt. Doch Duisburg-Marxloh ist nur ein besonders markantes Beispiel. &Auml;hnliches gilt auch f&uuml;r andere Regionen des Ruhrgebiets. So verwundert es nicht, dass es gerade diese Gebiete&nbsp; sind, die bei der Armut und Armutsgef&auml;hrdung an der Spitze im bundesdeutschen Vergleich liegen.</p>
<h2 class="auto-created">Gelsen&shy;kir&shy;chen und Ingolstadt &ndash; ein &uuml;berra&shy;schender Vergleich</h2>
<p>Wie schon erw&auml;hnt, hat Gelsenkirchen nach Bremerhaven den h&ouml;chsten Anteil an einkommensarmen Menschen. Gelsenkirchen war in der Vergangenheit stark von der Montanindustrie und dabei besonders vom Steinkohlebergbau gepr&auml;gt. Die Umstellung auf andere Industriezweige und Dienstleistungen gelang jedoch nur teilweise. Dies dr&uuml;ckt sich in einer &uuml;berdurchschnittlichen Arbeitslosenquote von aktuell 11,1&nbsp;% aus, die damit doppelt so hoch ist wie der Bundesdurchschnitt.&nbsp; Ingolstadt liegt demgegen&uuml;ber beim Einkommen an der Spitze in Deutschland liegt, w&auml;hrend Gelsenkirchen am unteren Ende zu finden ist. Mit 2,0&nbsp;% hat Ingolstadt auch eine sehr viel niedrigere Arbeitslosenquote.</p>
<p>Einer Bertelsmann-Studie zufolge sind Gebiete mit prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen besonders f&uuml;r rechte politische Parteien und Organisationen empf&auml;nglich.[8] So verwundert es nicht, dass in Gelsenkirchen die AfD bei der Bundestagswahl letztes Jahr 17&nbsp;% erreichte und damit im Westen die Hochburg der Partei war. Interessant ist allerdings, dass &Auml;hnliches f&uuml;r Ingolstadt gilt, das ganz andere Kennziffern aufweist und zu den reichsten St&auml;dten Deutschlands z&auml;hlt. Auch hier hat die AfD bei der Bundestagswahl mit 15,3&nbsp;% ein &uuml;berdurchschnittlich hohes Ergebnis erreicht &ndash; das h&ouml;chste in einer bayerischen Gro&szlig;stadt. Dieses auf den ersten Blick &uuml;berraschende Resultat erkl&auml;rt sich, wenn man sich die Verh&auml;ltnisse in Ingolstadt etwas genauer ansieht. Die sind sehr widerspr&uuml;chlich. Auf der einen Seite wird die Stadt durch das Unternehmen Audi gepr&auml;gt, das dort seinen Sitz hat und den gr&ouml;&szlig;ten Produktionsstandort unterh&auml;lt. Davon profitieren nicht nur die Besch&auml;ftigten selbst, sondern auch die gesamte Wirtschaft. Auf der anderen Seite ist das Unternehmen mit einem Kranz von Zulieferern und Dienstleistern umgeben, wo die L&ouml;hne zum Teil sehr niedrig sind. Bei den Logistikunternehmen wird oft nur wenig mehr als der Mindestlohn bezahlt. Das macht das Leben f&uuml;r diese und andere Menschen mit niedrigem Einkommen schwierig. Die Mieten sind von 2012 bis 2017 um 28&nbsp;% auf durchschnittlich 11,50 &euro; angestiegen. Und so weist Ingolstadt Problemviertel auf, wo die AfD mehr als 30&nbsp;% erreichte.</p>
<p>Eine etwas differenziertere Betrachtung zeigt, dass in der Tat prek&auml;re Verh&auml;ltnisse die extreme Rechte beg&uuml;nstigen. Allerdings kommen AfD-W&auml;hler zu einem nicht unbetr&auml;chtlichen Teil auch aus den konservativen Milieus mit durchaus akzeptablen Arbeits- und Lebensbedingungen &ndash; insbesondere dann, wenn sie ihren Status (ob zu Recht oder zu Unrecht) bedroht sehen und&nbsp; einen Abstieg bef&uuml;rchten.<br />&nbsp;</p>
<p><b>HEINZ&nbsp;BIERBAUM&nbsp;</b><i>&nbsp; studierte Soziologie und Betriebswirtschaftslehre und ist promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Seit 1996 ist er Prof. f&uuml;r Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule f&uuml;r Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Von 2009 bis 2017 war er Abgeordneter des Saarl&auml;ndischen Landtags und Parlamentarischer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der LINKEN-Fraktion im Landtag. Er geh&ouml;rte von 2010 bis 2018 dem Parteivorstand der LINKEN an und ist derzeit Vorsitzender der Internationalen Kommission der Partei.</i></p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen</h2>
<p>1 Deutscher Parit&auml;tischer Wohlfahrtsverband, &#8222;Br&uuml;cken Bauen &ndash; Potenziale des Sozialen&#8220;. Parit&auml;tisches Jahresgutachten 2018, <a href="http://infothek.paritaet.org/pid/fachinfos.nsf/0/c5eda480fad73dc2c1" target="_blank" rel="noopener">http://infothek.paritaet.org/pid/fachinfos.nsf/0/c5eda480fad73dc2c1</a><br />2582e200306a7d/$FILE/Jahresgutachten_2018.pdf.</p>
<p>2 Klaus-Reiner R&ouml;hl/Christoph Schneider, Regionale Armut in Deutschland, IW-Analysen Nr. 113.</p>
<p>3 Hans B&ouml;ckler Stiftung, Impuls 07/2018.</p>
<p>4 S. <a href="https://news.immowelt.de/" target="_blank" rel="noopener">https://news.immowelt.de</a> 19.3.2018.</p>
<p>5 Deutscher St&auml;dtetag, GleichwertigeLebensverh&auml;ltnisse von Aachen bis Zwickau. Gemeindefinanzbericht 2017, <a href="http://www.staedtetag.de/imperia/md/content/dst/veroeffentlichungen/gemeinde" target="_blank" rel="noopener">http://www.staedtetag.de/imperia/md/content/dst/veroeffentlichungen/gemeinde</a><br />finanzbericht/gemeindefinanzbericht_2017_langfassung.pdf.</p>
<p>6 &#8222;Der Bundespr&auml;sident kommt nach Marxloh&#8220;. Lokalzeit aus Duisburg, WDR v. 12.3.2018.</p>
<p>7 Sue Reid, Angela Merkel&#8217;s real legacy is the lawless no-go areas that police fear to patrol &hellip;, Daily Mail v. 5.3.2018, <a href="https://www.dailymail.co.uk/news/article-5461211/SUE-REID-Angela-Merkels-real-legacy.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.dailymail.co.uk/news/article-5461211/SUE-REID-Angela-Merkels-real-legacy.html</a>.</p>
<p>8 Vehrkamp, Robert/Wegschaider, Claudia: Populaare Wahlen. Mobilisierung und Gegenmobilisierung der sozialen Milieus bei der Bundestagswahl 2017, hrsg. von der Bertelsmann Stiftung.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/zur-wirtschaftlichen-und-sozialen-lage-in-westdeutschland-1/">Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Westdeutschland</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bundestagswahl 2017  die AfD etabliert sich bundesweit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 20:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In: vorg&#228;nge 224 (4/2018), S. 47 &#8211; 55 Die AfD &#8211; urspr&#252;nglich eine europakritische Partei &#8211; hat sich zu einer rechtspopulistischen Partei gewandelt. Mit ihrer Kritik an der Fl&#252;chtlingspolitik der Bundeskanzlerin konnte sie bei den Landtagswahlen 2016 und der Bundestagswahl 2017 erhebliche Stimmengewinne erzielen. Der folgende Beitrag analysiert die Wahlerfolge und die W&#228;hlerschaft der AfD [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In: vorg&auml;nge 224 (4/2018), S. 47 &#8211; 55</p>
<p><i>Die AfD &ndash; urspr&uuml;nglich eine europakritische Partei &ndash; hat sich zu einer rechtspopulistischen Partei gewandelt. Mit ihrer Kritik an der Fl&uuml;chtlingspolitik der Bundeskanzlerin konnte sie bei den Landtagswahlen 2016 und der Bundestagswahl 2017 erhebliche Stimmengewinne erzielen. Der folgende Beitrag analysiert die Wahlerfolge und die W&auml;hlerschaft der AfD bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr sowie bei den Landtagswahlen in Sachsen und Baden-W&uuml;rttemberg. Die Autoren untersuchen die Stimmengewinne der AfD, die sich vor allem aus der Mobilisierung ehemaliger Nicht-W&auml;hler, aber auch durch die Abwanderung von fr&uuml;heren W&auml;hlern anderer Parteien (insbesondere der CDU und der SPD) ergeben. Sie betrachten die Wahlkreise mit dem h&ouml;chsten und dem niedrigsten Zweitstimmenanteilen f&uuml;r die AfD; beleuchten, bei welchen W&auml;hlergruppen die Partei besonders erfolgreich war und was deren Motive waren, dieser Partei ihre Stimme zu geben. Schlie&szlig;lich gehen sie der Frage nach, wie weit sozio&ouml;konomische Faktoren den Wahlausgang erkl&auml;ren k&ouml;nnen. Anhand der untersuchten Daten wagen Koch und Ruhland eine beunruhigende Prognose: Bei den kommenden Wahlen k&ouml;nnte sich die AfD zu einer Art Protest-Volkspartei entwickeln. <br /></i><b>Etablierung der AfD auch auf Bundesebene</b></p>
<p>Die Bundestagswahl 2017 endete mit herben Verlusten von CDU und SPD und starken Gewinnen von FDP und vor allem AfD. Bei der Bundestagswahl 2013 war die AfD noch knapp an der F&uuml;nfprozenth&uuml;rde gescheitert (4,7&nbsp;%). In absoluten Zahlen konnte die AfD die Zahl ihrer W&auml;hler gegen&uuml;ber 2013 mehr als verdoppeln.</p>
<p><i>Tabelle 1: Gewinne und Verluste der Parteien zur Bundestagswahl 2017</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Parteianteile</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Prozent</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Differenz&nbsp;zu 2013 in Prozentpunkten&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">In absoluten Zahlen&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Differenz zu 2013&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">CDU / CSU</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 32,9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; 8,6</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;15.317.344</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;-2.848.102</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">SPD</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 20.5</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211;&nbsp;5,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 9.539.381</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;-1.712.834</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">DIE LINKE</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 9,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 0,6</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 4.297.270</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;+541.571</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">GR&Uuml;NE&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 8,9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 0,5</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 4.158.400</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;+464.343</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">FDP</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 10,7</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 6,0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 4.999.449</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;+2.915.916</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">AfD</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;12,6</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 7,9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 5.878.115</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;+3.821.130</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Sonstige&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 5,0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8211;&nbsp;1,2&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 2.325.533</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;-393.388</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Die AfD konnte in fast allen Bundesl&auml;ndern deutlich zulegen, in den ostdeutschen L&auml;ndern (ohne Berlin) durchweg zweistellig.</p>
<p><i>Tabelle 2: Wahlergebnisse der AfD bei der Bundestagswahl 2017 im Vergleich zu 2013</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Bundesl&auml;nder&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Zweitstimmenanteil</p>
<p>&nbsp;der AfD in Prozent</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Differenz zu 2013</p>
<p>&nbsp;in Prozentpunkten</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Schleswig-Holstein</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 8,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 3,6</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Hamburg</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 7,8</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 3,7</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Niedersachsen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 9,1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 5,4</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Bremen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 10,0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 6,4</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Nordrhein-Westfalen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 9,4</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;+ 5,5</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Hessen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 11,9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 6,3</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Rheinland-Pfalz</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 11,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;+ 6,4 </p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Baden-W&uuml;rttemberg</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 12,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 6,9</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Bayern</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 12,4</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 8,1</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Saarland</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 10,1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 4,9</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Berlin</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 12,0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 7,1</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Brandenburg</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 20,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;+ 14,2 </p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Mecklenburg-&nbsp;Vorpommern</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 18,6</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 13,0</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Sachsen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 27,0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 20,3</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Sachsen-Anhalt</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 19,6</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;+ 15,4</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Th&uuml;ringen</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 22,7</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 16,5</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Den Besonderheiten einer Bundestagswahl d&uuml;rfte es geschuldet sein, dass die AfD die Zweitstimmenergebnisse bei den Landtagswahlen 2016 in den betreffenden Bundesl&auml;ndern bei der Bundestagswahl nicht voll erreichen konnte.[1]</p>
<p><i>Tabelle 3: AfD-Wahlergebnisse in ausgew&auml;hlten Bundesl&auml;ndern im Vergleich zwischen Bundestagswahl 2017 und Landtagswahlen 2016 (in Prozent)</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">Baden-W&uuml;rttemberg</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Rheinland-Pfalz&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Sachsen-Anhalt&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Mecklenburg-Vorpommern&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Berlin&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Landtagswahlen 2016</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 15,1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 12,6</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 24,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 20,8</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;14,2</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Bundestagswahl 2017</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 12,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;9,5</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 16,9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 18,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;11,4</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Die AfD konnte mit Abstand am st&auml;rksten von der gestiegenen Wahlbeteiligung profitieren und rund 1,2 Mio. ehemalige Nicht-W&auml;hler mobilisieren. Alle anderen Parteien verloren fr&uuml;here W&auml;hler an die AfD: CDU (1,05 Mio.), SPD (0,5 Mio.), Linke (430 Tsd.) und FDP (50 Tsd.), Gr&uuml;ne (40 Tsd.), sonstige Klein-Parteien (740 Tsd.)[2]</p>
<p>&Uuml;berdurchschnittliche Ergebnisse erzielte die AfD bei M&auml;nnern und den mittleren Altersjahrg&auml;ngen. Knapp ein F&uuml;nftel aller M&auml;nner zwischen 30 und 59 Jahren w&auml;hlte die AfD. Bei keiner anderen Partei wird die W&auml;hlerschaft so stark von M&auml;nnern und Personen mittleren Alters gepr&auml;gt.[3]</p>
<p><i>Tabelle 4: Wahlergebnisse f&uuml;r AfD in sozialen Gruppen</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">W&auml;hleranteile Bundestagswahl 2017 (in Prozent)&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Differenz zur Bundestagswahl 2013 (in Prozentpunkten)&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Gesamt</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 12,6</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 7,9</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Geschlecht</p>
</td>
<td></td>
<td></td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">m&auml;nnlich</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 16</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 10</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">weiblich</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 5</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Alter&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;18 &#8211; 29 Jahre</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 11</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 5</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;30 &#8211; 44 Jahre</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;15</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 10</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;45 &#8211; 59 Jahre</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;14</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 9</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Ab 60 Jahre</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; + 6</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Die W&auml;hlerschaft der AfD wird st&auml;rker als alle anderen Parteien von Personen mit mittlerem Bildungsabschluss dominiert, w&auml;hrend die Anteile der Personen mit Hochschulreife im Vergleich der Parteien etwas niedriger und mit Hochschulabschluss deutlich niedriger liegen.</p>
<p><i>Tabelle 5: W&auml;hleranteile der AfD nach Schulbildung</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">Gesamt</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">CDU / CSU</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">SPD&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">LINKE&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">GR&Uuml;NE&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">FDP&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">AfD&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Hauptschulabschluss</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 19</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 21</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 26</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 13</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 8</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 12</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 20</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Mittlere Reife</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 32</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 33</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 31</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 32</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 22</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 29</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 42</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Hochschulreife</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 21</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 20</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 18</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 24</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 25</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 25</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 16</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Hochschulabschluss</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 21</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 19</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 16</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 25</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 40</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 28</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 11</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>In der Zusammensetzung nach beruflichem Status und nach Berufsgruppen unterscheidet sich die W&auml;hlerschaft der AfD vor allem dadurch von der anderer Parteien, dass der Anteil der Arbeiter gr&ouml;&szlig;er und der Anteil der Angestellten geringer ist.</p>
<p><i>Tabelle 6: Soziale Zusammensetzung der W&auml;hlergruppen Bundestagswahl 2017</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Gesamt&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;CDU/CSU&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;SPD&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;LINKE&nbsp; </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;GR&Uuml;NE&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;FDP&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;AfD&nbsp; </p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;ERWERBSSTATUS&nbsp; </p>
</td>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;berufst&auml;tig</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 59</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 55</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 54</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 57</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 69</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 63</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 66</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Rentner</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 22&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 27</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 27</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 21</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 11</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 19</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 18</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;arbeitslos</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 2&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 2</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;BERUFSGRUPPE&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Arbeiter</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;25 </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 22&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 28</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 28</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 14</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 18</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 36</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Angestellte</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 45</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 46</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 47</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 44</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;52 </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 46</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; 38</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Beamte</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 7</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 7</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 7</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 4</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 8</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 5</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Selbstst&auml;ndige</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;10 </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 5</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;12 </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;15 </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 9</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Landwirte</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 1</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Es ist festzuhalten, dass die W&auml;hler der AfD nicht allein aus der Arbeiterschicht, sondern aus allen Schichten der Gesellschaft kommen.</p>
<h2 class="auto-created">Die Bundes&shy;tags&shy;wahl in Sachsen und Baden-W&uuml;rt&shy;tem&shy;berg</h2>
<p>Die AfD hat in Ostdeutschland besonders stark zugelegt (21,9&nbsp;%, +16,0) und wurde zur zweiten Kraft hinter der CDU, die eine zweistellige Einbu&szlig;e (-10,9) hinnehmen musste. Auch im Westen erreichte die AfD ein beachtliches Ergebnis (10,7&nbsp;%, + 6,2).</p>
<p>Im Westen erzielte die AfD in den vergleichsweise wohlhabenden s&uuml;dlichen Bundesl&auml;ndern Baden-W&uuml;rttemberg (12,2&nbsp;%) und Bayern (12,4&nbsp;%) ihre h&ouml;chsten Stimmenanteile. In den &ouml;stlichen Bundesl&auml;ndern liegen diese Anteile durchweg um 20&nbsp;%. In Sachsen gelang es der Partei sogar, zur st&auml;rksten Kraft vor der CDU zu werden (27,0&nbsp;%; +20,3).</p>
<p>Im Folgenden geht es nicht um die Frage, warum die AfD in Ostdeutschland st&auml;rker ist als in Westdeutschland. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sozio&ouml;konomische Faktoren den Wahlerfolg der AfD erkl&auml;ren k&ouml;nnen. Hierzu werden innerhalb der Bundesl&auml;nder Baden-W&uuml;rttemberg und Sachsen jeweils die Wahlkreise mit dem h&ouml;chsten und dem niedrigsten Zweitstimmenanteil n&auml;her betrachtet.</p>
<p><i>Tabelle 7: Wahlkreise mit dem h&ouml;chsten und dem niedrigsten Zweitstimmenanteil der AfD in Sachsen und Baden-W&uuml;rttemberg (in Prozent)</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Sachsen gesamt</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">S&auml;chsische Schweiz &#8211; Osterzgebirge</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Leipzig&nbsp;II&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Baden-W&uuml;rttemberg gesamt&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Heilbronn &nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Stuttgart I</p>
<p>&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; &nbsp; 27,0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 35,0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 16,0</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 12,2</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 16,4</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 4,1</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td></td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Vergleicht man die sozio&ouml;konomischen Strukturdaten dieser Wahlkreise, so f&auml;llt auf, dass die Wahlkreise mit dem h&ouml;chsten Zweitstimmenanteil der AfD in Sachsen und in Baden-W&uuml;rttemberg bei zentralen sozio&ouml;konomischen Indikatoren zumindest etwas besser abschneiden als die Wahlkreise mit dem niedrigsten Zweitstimmenanteil. Bei den Wahlkreisen, in denen die AfD in beiden Bundesl&auml;ndern besonders stark abgeschnitten hat, handelt sich auch nicht um &#8222;sterbende Regionen&#8220;. Die Bev&ouml;lkerung w&auml;chst, wenngleich der Geburtensaldo negativ ist. In Sachsen steht ein st&auml;dtischer Wahlkreis einem l&auml;ndlich gepr&auml;gten gegen&uuml;ber. In Baden-W&uuml;rttemberg handelt es sich jeweils um Wahlkreise mit einer st&auml;dtischen Bev&ouml;lkerung. Der Wahlkreis mit dem h&ouml;chsten Stimmenanteil f&uuml;r die AfD (S&auml;chsische Schweiz-Osterzgebirge) weist zugleich den niedrigsten Anteil von B&uuml;rgern mit Migrationshintergrund auf.</p>
<p><i>Tabelle 8: Sozio&ouml;konomische Strukturdaten ausgew&auml;hlter Wahlkreise in Baden-W&uuml;rttemberg und Sachsen</i></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" bgcolor="#ba0000" border="1">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>
<p class="bodytext">Sachsen&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">S&auml;chsische Schweiz &#8211; Osterzgebirge&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Leipzig&nbsp;II</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Baden-W&uuml;rttemberg&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Heilbronn&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">Stuttgart&nbsp;I&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Verf&uuml;gbares Einkommen je Einwohner</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">18.158 &euro;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 18.735 &euro;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">16.542 &euro;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 22.869 &euro;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;29.506 &euro;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;16.542 &euro;&nbsp; </p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Empf&auml;nger*innen Leistungen SGBII je 1000 Einwohner</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; &nbsp; 83</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp; 68</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 123&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp; 43&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;49&nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 67&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Arbeitslosenquote</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 7,3%</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 6,4%</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 8,3%</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3,7%</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp; &nbsp;4,2%</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 5,0%&nbsp;</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Bev&ouml;lkerung mit Migrationshintergrund</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 4,4%</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 2,9%</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 8,1%</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;25,7% </p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;31,8% &nbsp;</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;38,6%</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">Wanderungssaldo je 1000 Einwohner</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 11,5</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 11,7</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; 27,4</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 15,7</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 18,1</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 16,5</p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;Geburtensaldo je 1000 Einwohner</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; -4,4</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; -5,9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; 0,9</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; -0,7</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp;&nbsp; -0,8</p>
</td>
<td>
<p class="bodytext">&nbsp;&nbsp; &nbsp; 1,5</p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>* Bev&ouml;lkerungsstatistik von 2015 / Quelle: Bundeswahlleiter[4]</p>
<p>Es wird deutlich, dass die verf&uuml;gbaren sozio&ouml;konomischen Strukturdaten keine Anhaltspunkte zur Erkl&auml;rung f&uuml;r das unterschiedliche Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl innerhalb von Sachsen und Baden-W&uuml;rttemberg liefern. Das schlie&szlig;t allerdings nicht aus, dass sich die Bev&ouml;lkerung in l&auml;ndlichen Wahlkreisen subjektiv von der Entwicklung abgeh&auml;ngt f&uuml;hlt, wenn etwa Institutionen wie Bankfilialen oder Polizeistationen schlie&szlig;en.</p>
<p>Zudem werden bei dieser Analyse Durchschnittswerte betrachtet und nicht etwa die Anteile der sozial Schwachen in der Bev&ouml;lkerung. Nach verbreiteter Meinung gelten vor allem Personen mit geringem Einkommen bzw. allgemein die Verlierer der &ouml;konomischen Modernisierung als besonders AfD-affin, da sie mit ihren materiellen Lebensbedingungen unzufrieden seien.</p>
<p>Eine Studie der Universit&auml;t Leipzig ist dieser &#8222;Modernisierungsverlierer-These&#8220; auf der Grundlage von Wahlabsichten bei der Bundestagswahl nachgegangen. Die Befragungsergebnisse ergaben f&uuml;r Personen mit niedrigem sozialen Status &uuml;berraschenderweise jedoch keine signifikant h&ouml;here Wahrscheinlichkeit, bei der kommenden Bundestagswahl bevorzugt die AfD zu w&auml;hlen.[5]</p>
<h2 class="auto-created">Wahlmotive der AfD-W&auml;hler</h2>
<p>Der Wahlkampf der AfD kreiste nahezu ausschlie&szlig;lich um die Themen Fl&uuml;chtlinge und innere Sicherheit. Die zuwanderungs- und islamkritische Haltung der Partei st&ouml;&szlig;t bei deren W&auml;hlern in hohem Ma&szlig;e auf Zustimmung.[6] F&uuml;r 87&nbsp;%, die sich bei der Bundestagswahl f&uuml;r die AfD entschieden, kann Deutschland die vielen Fl&uuml;chtlinge nicht verkraften. Von den W&auml;hlern der anderen Parteien sind jeweils gro&szlig;e Mehrheiten gegenteiliger Meinung (von 59&nbsp;% der FDP- bis 94&nbsp;% der Gr&uuml;nen-W&auml;hler). 96&nbsp;% der AfD-W&auml;hler finden es gut, dass die Partei den Zuzug von Fl&uuml;chtlingen stark begrenzen; und 99&nbsp;% finden es gut, dass die AfD den Einfluss des Islam verringern will. F&uuml;r ebenfalls 99&nbsp;% ihrer W&auml;hler hat die AfD besser als andere Parteien verstanden, dass sich viele Menschen nicht mehr sicher f&uuml;hlen. Eine knappe Mehrheit der AfD-W&auml;hler (55&nbsp;%) kritisiert allerdings, dass sich die Partei nicht genug von rechtsextremen Positionen distanziere.</p>
<p>Von allen W&auml;hlern trauen jedoch nur 12&nbsp;% der AfD die L&ouml;sung von Problemen im Zusammenhang mit Fl&uuml;chtlingen/Asyl zu, was in etwa ihrem W&auml;hleranteil entspricht. 35&nbsp;% aller W&auml;hler sehen die entsprechende Kompetenz bei der Union und 15&nbsp;% bei der SPD. Ein &auml;hnliches Bild ergibt sich bei der Kompetenz, die Kriminalit&auml;t zu bek&auml;mpfen (AfD 10&nbsp;%, Union 34&nbsp;%, SPD 11&nbsp;%). Nur 4&nbsp;% aller W&auml;hler schreiben der AfD Kompetenzen bei sozialer Gerechtigkeit zu. Das bedeutet, dass auch viele AfD-W&auml;hler der Partei die L&ouml;sung sozialer Probleme nicht zutrauen.</p>
<p>Die AfD hat f&uuml;r die meisten ihrer W&auml;hler die Funktion einer Protestpartei: 85&nbsp;% sehen in der AfD die einzige Partei, mit der sie ihren Protest gegen die ihrer Meinung nach verfehlte Politik der etablierten Parteien ausdr&uuml;cken k&ouml;nnen.</p>
<p>Nach einer Studie des Wissenschaftszentrum Berlin vertreten fast neun von zehn AfD-W&auml;hlern (88&nbsp;%) populistische Einstellungen. Populismus wurde dabei gemessen in den Einstellungsdimensionen &bdquo;Anti-Establishment&ldquo; (Kritik an Parteien, Parlamenten, Medien u. &auml;.) und &bdquo;Anti-Pluralismus&ldquo; (behaupteter allgemeiner Volkswillen, Kritik an Verfahren pluralistischer Willensbildung). Populistische Einstellungen lassen sich allerdings auch bei den W&auml;hlern anderer Parteien finden, wenngleich in deutlich geringerem Ma&szlig;e: bei den W&auml;hlern der SPD 29&nbsp;%, der Linken 23&nbsp;%, der FDP 22&nbsp;%, der CDU/CSU 14&nbsp;% und der Gr&uuml;nen 10&nbsp;%. Die W&auml;hler der AfD vertreten dar&uuml;ber hinaus zu deutlich h&ouml;heren Anteilen als die W&auml;hler der anderen Parteien rechtspopulistische Einstellungen, insbesondere hinsichtlich Migration und Innerer Sicherheit. Nach Ansicht des Autors d&uuml;rften die W&auml;hler der AfD dennoch nicht durchweg als rechtsextrem oder prinzipiell demokratiefeindlich eingesch&auml;tzt werden.[7]</p>
<h2 class="auto-created">Ausblick</h2>
<p>W&auml;re es im Sommer 2018 im Zusammenhang mit dem Streit zwischen CDU und CSU &uuml;ber die Fl&uuml;chtlingspolitik zu einer Bundestagswahl gekommen, h&auml;tte die AfD, einer Prognose des Informationsdienstes &#8222;election.de&#8220; zufolge, vor allem in Sachsen, Th&uuml;ringen und Brandenburg gute Chancen gehabt, &uuml;ber die 2017 in G&ouml;rlitz, Bautzen und S&auml;chsische Schweiz-Osterzgebirge gewonnenen Direktmandate hinaus weitere Wahlkreise zu erobern. Mit zahlreichen Direktmandaten h&auml;tte sie sich zumindest in Sachsen dem Status einer Volkspartei angen&auml;hert und dort zugleich &#8222;Die Linke&#8220; als Ost-Regionalpartei verdr&auml;ngt.[8]</p>
<p>Da es der AfD schon bei vergangen Wahlen gelungen ist, Stimmen bisheriger Nichtw&auml;hler und Stimmen von fr&uuml;heren W&auml;hlern anderer und insbesondere regierender Parteien zu mobilisieren, k&ouml;nnte die AfD bei den kommenden Landtagswahlen zu einer Art Protest-Volkspartei aufsteigen.</p>
<p>Die Analyse der Bundestagswahl 2017 macht deutlich, dass die Motive der meisten AfD-W&auml;hler weniger in deren objektiver sozialen Lage zu sehen sind, sondern eher auf der Ebene subjektiver Verunsicherungen und &Auml;ngste.</p>
<p>Die &#8222;Fl&uuml;chtlingskrise&#8220; 2015 hat der AfD einen erheblichen Schub gegeben. Anhaltende und von den Medien skandalisierte Probleme mit der Integration oder Abschiebung von Fl&uuml;chtlingen k&ouml;nnten zu einer weiteren Diffusion rechtspopulistischen Gedankenguts in der Bev&ouml;lkerung beitragen und die AfD st&auml;rken. Die Politik scheint derzeit noch weit davon entfernt zu sein, im Umgang mit der Migration eine in der breiten Bev&ouml;lkerung akzeptierte Balance zwischen Humanit&auml;t und Legalit&auml;t zu finden. Eine einseitig h&auml;rtere Gangart in der Fl&uuml;chtlingspolitik, wie sie insbesondere der CSU-Vorsitzende und amtierende Bundesinnenminister Seehofer vorschl&auml;gt, scheint nachweislich aktueller Umfragen zu den kommenden Landtagswahlen in Bayern jedenfalls kein geeignetes Mittel f&uuml;r die (bisherigen) Volksparteien zu sein, um W&auml;hler von der AfD zur&uuml;ck zu gewinnen.</p>
<p>F&uuml;r Holger Lengfeld und Swen Reichholdt vom Institut f&uuml;r Soziologie der Universit&auml;t Leipzig verweist der Erfolg der AfD auch auf einen viel tiefer gehenden Konflikt als nur einen politischen Streit &uuml;ber Fl&uuml;chtlingspolitik. Die AfD lebe vom Unmut &uuml;ber die gesamte politische Entwicklung Deutschlands. Ihr Erstarken sei ein Signal f&uuml;r eine kulturelle Spaltung der Gesellschaft die nicht prim&auml;r zwischen Arm und Reich verlaufe. Dabei st&uuml;nde auf der einen Seite die Mehrheit derjenigen, die ein liberales, kosmopolitisches Weltbild vertreten, und auf der anderen Seite die Minderheit derjenigen, die sich einen souver&auml;nen Nationalstaat und eine homogene Bev&ouml;lkerung w&uuml;nschen.[9]</p>
<p>Wenn sich die Wahlerfolge der AfD nicht prim&auml;r mit der Unzufriedenheit &#8222;des kleinen Mannes&#8220; &uuml;ber die eigene wirtschaftliche Lage erkl&auml;ren lassen, sondern eher mit dem Vordringen rechtspopulistischer Einstellungen auch in andere Schichten der Gesellschaft, insbesondere vor dem Hintergrund der anhaltenden Auseinandersetzung um den richtigen Umgang mit der Migration, ist Skepsis gegen&uuml;ber den Absichten der etablierten Parteien angebracht, zumindest die Protestw&auml;hler der AfD vor allem mit einer besseren Sozialpolitik zur&uuml;ckgewinnen zu wollen.[10]</p>
<p><b>DR.&nbsp;RICHARD&nbsp;KOCH</b><i>&nbsp;&nbsp; Jg. 1948, war zuletzt Leiter des Referats Meinungsforschung und Evaluation im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und ist seit 2009 freier Politik- und Sozialwissenschaftler in Berlin. <br /></i><b>DR.&nbsp;WALTER&nbsp;RUHLAND</b><i>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Jg. 1947, ist gesch&auml;ftsf&uuml;hrender Gesellschafter von Polis. Das Institut f&uuml;hrt Studien im Bereich der empirischen Sozialforschung durch.</i></p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>1 Vgl. Richard Koch und Walter Ruhland: Rechtspopulisten der AfD auf dem Vormarsch? Eine Analyse<br />der Landtagswahlen 2016, in: vorg&auml;nge Nr. 216, S. 39-45.<br />2 Vgl. Wahlreport infratest-dimap zur Bundestagswahl 2017.<br />3 Die Zahlen der nachfolgenden Tabellen sind entnommen dem Bericht der Forschungsgruppe Wahlen<br />e.V. zur Bundestagswahl 2017.<br />4 Vgl. <a href="https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/strukturdaten.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/strukturdaten.html</a>.<br />5 Lengfeld, H. K&ouml;lner Zeitschrift f&uuml;r Soziologie (2017) 69: 209. <a href="https://doi.org/10.1007/s11577-017" target="_blank" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/s11577-017</a>&#8211;<br />0446-1<br />6 Vgl. die Wahlberichte von infratest-dimap und der Forschungsgruppe Wahlen.<br />7 Vgl. <a href="https://democracy.blog.wzb.eu/2017/09/14/rechtspopulismus-deutschland/#more-2431" target="_blank" rel="noopener">https://democracy.blog.wzb.eu/2017/09/14/rechtspopulismus-deutschland/#more-2431</a>,<br />ver&ouml;ffentlicht am 14.9.2017<br />8 Vgl. <a href="http://www.election.de/cgi-bin/news1.pl" target="_blank" rel="noopener">http://www.election.de/cgi-bin/news1.pl</a><br />9 Vgl. <a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/bundestagswahl_2017/partei-drittstaerkste-kraftfluechtlingspolitik" target="_blank" rel="noopener">https://www.focus.de/politik/deutschland/bundestagswahl_2017/partei-drittstaerkste-kraftfluechtlingspolitik</a>&#8211;<br />nur-spitze-des-eisbergs-soziologe-erklaert-grund-fuer-afderfolg_<br />id_7632752.html<br />10 Vgl. auch Holger Lengfeld: Der kleine Mann und die AfD. In: Der Tagesspiegel v. 19.8.2018.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/bundestagswahl-2017-die-afd-etabliert-sich-bundesweit-1/">Bundestagswahl 2017  die AfD etabliert sich bundesweit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Jenseits der Grenze &#8211; Rechtspopulismus in Polen und Ungarn*</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 20:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In: vorg&#228;nge 224 (4/2018), S. 57 &#8211; 75 Polen und Ungarn waren 1989/1990 Protagonisten bei der &#220;berwindung der illiberalen Irrwege des 20. Jahrhunderts. Doch in den Jahren danach wandelte sich das politische System in diesen Staaten zu einer rechtspopulistischen und demokratiegef&#228;hrdenden Herrschaft. Der Autor schildert detailliert diesen Weg. Er legt nicht nur die einzelnen Wahlergebnisse [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In: vorg&auml;nge 224 (4/2018), S. 57 &#8211; 75</p>
<p><i>Polen und Ungarn waren 1989/1990 Protagonisten bei der &Uuml;berwindung der illiberalen Irrwege des 20. Jahrhunderts. Doch in den Jahren danach wandelte sich das politische System in diesen Staaten zu einer rechtspopulistischen und demokratiegef&auml;hrdenden Herrschaft. Der Autor schildert detailliert diesen Weg. Er legt nicht nur die einzelnen Wahlergebnisse dar, sondern auch die sich daraus ergebenden politischen Ver&auml;nderungen in sozialpolitischer und in rechtsstaatlicher Sicht sowie die fremden- und judenfeindlichen Ressentiments. Er zeigt die Reaktionen der EU und schlie&szlig;lich die Ankn&uuml;pfungspunkte f&uuml;r die Gegenstrategien auf.</i></p>
<h2 class="auto-created">I. Einleitung</h2>
<p>Polen und Ungarn kam im Prozess der deutschen und europ&auml;ischen Einigung ab 1988/89 eine besondere Rolle zu. Ohne die <i>Solidarnosc</i>-Bewegung in Polen w&auml;ren die &Uuml;berwindung des Kalten Krieges in Europa und die deutsche Wiedervereinigung ebenso wenig m&ouml;glich gewesen wie ohne die ungarische Grenz&ouml;ffnung und die Abl&ouml;sung der sog.<i> Breschnew</i>-Doktrin durch die sog. <i>Sinatra</i>-Doktrin[1] im Zuge der Abkehr Polens und Ungarns von totalit&auml;ren Herrschaftsstrukturen.[2] Schon im R&uuml;ckblick auf die freiheitliche Vorreiterrollen dieser beiden mittel- und osteurop&auml;ischen Staaten, die entscheidend zur Entwicklung und rechtlichen Verankerung eines gemeinsamen, auf Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gest&uuml;tzten europ&auml;ischen Wertekanons &uuml;ber die &#8222;Charta von Paris f&uuml;r ein neues Europa&#8220; vom November 1990[3] bis zu Art. 2 des Vertrags &uuml;ber die Europ&auml;ische Union[4] beigetragen haben, k&ouml;nnen Gef&auml;hrdungen dieses europ&auml;ischen Wertefundaments durch rechtspopulistische Erfolge in diesen Staaten europ&auml;ische Mitb&uuml;rgerInnen im Allgemeinen und Deutsche im Besonderen nicht unbeeindruckt lassen. Aber auch die Orientierung von <i>Jaroslaw Kaczynski</i>, der pr&auml;genden Figur der derzeitigen polnischen Regierungspartei <i>Prawo i Sprawiedliwosc </i>(<i>PiS</i>, dt. Recht und Gerechtigkeit),[5] wie von <i>Viktor Orb&aacute;n</i>, Mitbegr&uuml;nder und Vorsitzender der Partei <i>Fidesz</i> &ndash; Ungarischer B&uuml;rgerbund sowie von 1998 bis 2002 und seit 2010 erneut ungarischer Regierungschef,[6] am Denken von <i>Carl Schmitt</i>, dem staatsrechtlichen Architekten autorit&auml;rer Herrschaft am Ende der Weimarer Republik,[7] muss aus deutscher Perspektive beunruhigen. Waren Polen und Ungarn im Zeitenwechsel 1989/90 Protagonisten einer &Uuml;berwindung von illiberalen Irrwegen des 20. Jahrhunderts, so scheinen sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts Avantgarde einer Abkehr von Globalisierung und Europ&auml;isierung zu werden. Das zur Jahrtausendwende beschworene <i>&#8222;Ende der Geschichte&#8220;</i> (<i>Fukuyama</i>) i.S. eines globalen Siegeszugs der Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft erf&auml;hrt transatlantisch eine rechtspopulistische Korrektur. &Ouml;konomische und gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Angst vor den Folgen der Globalisierung spielen hierbei ebenso eine Rolle wie die Suche nach Sicherheit in traditionellen Identit&auml;tsvorstellungen bei Ablehnung zumindest einzelner kultureller &Ouml;ffnungsprozesse. Zudem d&uuml;rfte die Sozialisation im Kreis volksdemokratischer Machtaus&uuml;bung die Orientierung von Polen wie Ungarn auf F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten mit Personenkult-Ans&auml;tzen[8] beg&uuml;nstigt haben.</p>
<h2 class="auto-created">II. Die Tendenz der Verste&shy;ti&shy;gung rechts&shy;po&shy;pu&shy;lis&shy;ti&shy;scher Macht&shy;aus&shy;&uuml;bung in Polen und Ungarn</h2>
<h2 class="auto-created">1. Polen</h2>
<p>Bei den Parlamentswahlen in Polen am 25. Oktober 2015 errang die nationalkonservative, rechtspopulistische Partei <i>Prawo i Sprawiedliwosc </i>(<i>PiS</i>), unter Aussch&ouml;pfung des bei der Pr&auml;sidentschaftswahl im Mai 2015 gewonnenen Momentums, bei einer Wahlbeteiligung von lediglich 50,9&nbsp;Prozent &ndash; Ausdruck der asymmetrischen Mobilisierung der politischen Lager in Polen &ndash; 37,6&nbsp;Prozent der Stimmen und erhielt mit 235 der 460 Mandate im <i>Sejm</i>, dem polnischen Unterhaus, (wie auch im polnischen Senat) eine absolute Mehrheit. Seit dem 16. November 2015 regiert (erstmals in der Geschichte der Dritten Polnischen Republik) eine von einer einzigen Partei, der <i>PiS</i>, allein getragene Regierung. Die Koalition aus liberalkonservativer <i>Platforma Obywatelska (PO)</i> und <i>Polskie Stronnictwo Ludowe (PSL)</i> wurde nach zwei Legislaturperioden abgew&auml;hlt und hat zusammen nur noch 154 Mandate im Parlament.[9]</p>
<p>Drei Jahre nach ihrer Wahl ist die Unterst&uuml;tzung der Polinnen und Polen f&uuml;r die <i>PiS </i>gleichbleibend hoch. Umfragen ergeben sogar, dass bei der voraussichtlich im Herbst 2019 anstehenden n&auml;chsten Parlamentswahl noch mehr W&auml;hlerinnen und W&auml;hler f&uuml;r <i>Jaroslaw Kaczynskis </i>politisches Lager stimmen k&ouml;nnten als 2015.[10] Diese hohe Zustimmung d&uuml;rfte weniger in den nachfolgend dargestellten, nicht nur in Polen besonders kontrovers diskutierten justiz- und medienpolitischen Ma&szlig;nahmen zur Sicherung des Machterhalts begr&uuml;ndet sein. Vielmehr d&uuml;rfte eine Kombination aus 1. sozialpolitischen Ma&szlig;nahmen wie einer gro&szlig;z&uuml;gigen Kindergeldregelung, einer Senkung des Renteneintrittsalters und einer Anhebung des Mindestlohns, 2. einer geschichtspolitisch durch Mythen aufgeladenen[11] identit&auml;ren Politik der Ausrichtung auf eine nach innen gegen&uuml;ber Nicht-Minderheiten solidarische und nach au&szlig;en stolze nationale Gemeinschaft, die auch kulturpolitisch gef&ouml;rdert wird,[12] und 3. einem Freund-Feind-Ansatz, der im Angriff auf die bisherigen Eliten die Wiederherstellung der moralischen Ordnung und der Gerechtigkeit im Staat behauptet, f&uuml;r Wahlsieg und fortdauernde Umfrageerfolge der <i>PiS</i> entscheidend sein. Fremdenfeindlichkeit bewegt sich dabei durchaus in einer Traditionslinie mit volksdemokratischer Rhetorik.[13] Solidarit&auml;t kann bei diesem Ansatz der <i>PiS</i> nur in Bezug auf &#8222;das Volk&#8220; eingefordert werden; wobei zu diesem exklusiven Kreis Menschen, die sich nicht an soziale Normen halten, wie etwa Straft&auml;ter, ebenso wenig geh&ouml;ren wie alle &#8222;Anderen&#8220;, nicht zuletzt auch Fl&uuml;chtlinge oder Nicht-Katholiken.[14]</p>
<h2 class="auto-created">2. Ungarn</h2>
<p>Ungarn wird seit 2010 unver&auml;ndert von Parteien des nationalkonservativen bis rechtsextremen Spektrums dominiert. In drei Parlamentswahlen 2010, 2014 und 2018 konnten diese Kr&auml;fte unter F&uuml;hrung der Fidesz parlamentarische Mehrheiten erringen und verteidigen. Bei der Parlamentswahl am 8. April 2018 gewann <i>Fidesz</i> in einem Wahlb&uuml;ndnis mit der KDNP (<i>Kereszt&eacute;nydemokrata N&eacute;pp&aacute;rt</i> &ndash; deutsch: Christlich-Demokratische Volkspartei) 49,27&nbsp;Prozent der Listen-Stimmen und mit 133 von 199 Mandaten denkbar knapp erneut eine Zweidrittelmehrheit im ungarischen Parlament. Zweitst&auml;rkste Partei wurde mit 19,06&nbsp;Prozent der Listen-Stimmen und 26 Mandaten im Parlament die rechtsextremistische <i>Jobbik</i>. Linke, liberale und gr&uuml;ne politische Kr&auml;fte scheiterten teilweise spektakul&auml;r mit ihren Wahlzielen.[15] In Ungarn wurden seit der Regierungs&uuml;bernahme von <i>Viktor Orb&aacute;n</i> 2010 die Unabh&auml;ngigkeit der Justiz unterminiert, &ouml;ffentliche und private Medien drangsaliert, Fl&uuml;chtlingen die Solidarit&auml;t verweigert, NGOs als &#8222;ausl&auml;ndische Agenten&#8220; diskreditiert, Universit&auml;ten in ihrer Freiheit beschr&auml;nkt und die EU d&auml;monisiert.[16] Kritisch zur Wahl und zum Wahlausgang in Ungarn 2018 &auml;u&szlig;erten sich auch vor diesem Hintergrund Wahlbeobachter der Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE): Sie stellten fest, dass die Parlamentswahlen <i>&#8222;durch eine allgegenw&auml;rtige &Uuml;berschneidung zwischen den Ressourcen des Staates und der Regierungspartei (gekennzeichnet waren), die die F&auml;higkeit der Kandidaten zum Wettbewerb auf Augenh&ouml;he unterminierte. Die W&auml;hler hatten eine breite Palette von politischen Optionen, aber Einsch&uuml;chterung und fremdenfeindliche Rhetorik, Medienvoreingenommenheit und undurchsichtige Wahlkampffinanzierung schr&auml;nkten den Raum f&uuml;r eine echte politische Debatte ein und behinderten die F&auml;higkeit der W&auml;hler, eine umfassend informierte Entscheidung zu treffen&#8220;.[</i>17]</p>
<h2 class="auto-created">III. Sozial&shy;po&shy;litik mit nationaler Akzen&shy;tu&shy;ie&shy;rung als mitent&shy;schei&shy;dende Basis rechts&shy;po&shy;pu&shy;lis&shy;ti&shy;scher Erfolge</h2>
<p>Dass rechtspopulistische Erfolge in Europa nicht vorrangig oder gar ausschlie&szlig;lich &uuml;ber objektive &ouml;konomische Befunde erkl&auml;rbar sind &#8211; zumindest wenn man herrschender volkswirtschaftlicher Lehrmeinung folgt &ndash;, belegen auch die Beispiele Polens und Ungarns:</p>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; &bull; Ungarn (0,288) und Polen (0,298) lagen beim sog. Gini-Koeffizienten[18] 2015 besser als eine Vielzahl von Staaten, in denen populistische Bewegungen bislang nicht re&uuml;ssieren konnten.[19] Gleiches gilt f&uuml;r die relative Armut[20] in Polen (10,4&nbsp;%) und Ungarn (10,1&nbsp;%). Auch wenn man das Durchschnittseinkommen der oberen 20&nbsp;% in Verh&auml;ltnis zum Durchschnittseinkommen der unteren 20&nbsp;% setzt, weisen Polen (4,7) und Ungarn (4,5) keine markanten Unterschiede zu den insoweit bestplatzierten Staaten der EU auf.</p>
<p>Allerdings stagniert seit einigen Jahren die Einkommensungleichheit im OECD-Raum auf historisch hohem Niveau. Im OECD-Schnitt hat der Gini-Koeffizient 2014 den Wert 0,318 erreicht, gegen&uuml;ber 0,315 im Jahr 2010. Dies ist der h&ouml;chste Wert seit Mitte der 1980er Jahre.[21] Gerade in Staaten wie Polen und Ungarn, deren Bev&ouml;lkerung unter realsozialistischer Herrschaft besonders auf ein Gleichheitsversprechen hin sozialisiert wurde, kann diese Entwicklungstendenz seit dem Ende der volksdemokratischen Herrschaften eine Angriffsfl&auml;che f&uuml;r rechtspopulistische Kritik an gebrochenen Versprechen des Wohlstands f&uuml;r alle liefern. Vor diesem Hintergrund lassen sich rechtspopulistische Erfolge insbesondere in diesen beiden Staaten nicht zuletzt auch auf die Wahrnehmung erheblicher Teile der jeweiligen Bev&ouml;lkerung zur&uuml;ckf&uuml;hren, dass die fr&uuml;heren, auf eine Einbindung Polens und Ungarns in europ&auml;ische und globale Vernetzungen als alternativlos setzenden Regierungen nicht in ausreichendem Ma&szlig;e auf ihre Bed&uuml;rfnisse eingegangen sind und dass das gegenw&auml;rtige System nicht wirksam genug f&uuml;r eine bessere Zukunft f&uuml;r sie selbst und ihre Kinder sorgt.[22] Daher kommt einer offensiven Sozialpolitik in Polen wie Ungarn eine besondere Bedeutung zu: Die dortigen rechtspopulistischen Regierungen versprechen gro&szlig;z&uuml;gige Sozialleistungen f&uuml;r Familien von Einheimischen und f&uuml;llen Budgetposten, bei denen progressive Vorg&auml;ngerregierungen unter wirtschaftsliberalen Spardiktaten vielfach keinen Spielraum gesehen hatten. Die antiglobalistisch-nationalistische Tendenz des ungarischen Rechtspopulismus kommt nicht zuletzt auch in den politischen Forderungen nach einer Renationalisierung des Bankensektors und einer Verringerung der Abh&auml;ngigkeit von Fremdw&auml;hrungsverschuldung zum Ausdruck.[23] Dass die betreffenden Parteien parallel hierzu soziale Teilhaberechte, Einflussm&ouml;glichkeiten zivilgesellschaftlicher Kr&auml;fte und nicht zuletzt auch Selbstbestimmungsrechte von Frauen beschneiden, scheint bei der Wahlentscheidung selbst breiter Teile der weiblichen Bev&ouml;lkerung oftmals nachrangig zu sein.[24]</p>
<h2 class="auto-created">IV. Abbau der Unabh&auml;n&shy;gig&shy;keit von Justiz und Medien als gemeinsames Instrument zur dauerhaften, demokra&shy;tie&shy;ge&shy;f&auml;hr&shy;denden Stabi&shy;li&shy;sie&shy;rung von Herrschaft</h2>
<p>In erkennbarer Parallelit&auml;t zu den illiberalen Entwicklungen im Russland <i>Wladimir Putins</i>,[25] die ihrerseits ideologische Parallelen zum antidemokratischen Denken <i>Carl Schmitts </i>aufweisen,[26] bem&uuml;hen sich die Regierungen in Polen und Ungarn um eine &#8222;Vertikale der Macht&#8220;.[27] Verfassungsrechtliche Gewaltenteilungsstrukturen im Staatsorganisationsrecht, nicht zuletzt die Unabh&auml;ngigkeit der Justiz, stehen einer solchen Machtkonzentration ebenso entgegen wie unabh&auml;ngige, regierungskritische Medien. Es entspricht insoweit vertrauten Mustern autorit&auml;rer Herrschaftsaus&uuml;bung, dass in Polen wie Ungarn nicht zuletzt die Justiz- und Medienpolitik zu Feldern der Machtsicherung und -ausdehnung wurden.[28]</p>
<h2 class="auto-created">1. Polen</h2>
<p><b>a) Die Aush&ouml;hlung der Unabh&auml;ngigkeit des Verfassungsgerichtshofs </b></p>
<p>Unmittelbar nach dem Wahlerfolg der <i>PiS</i> bei den Parlamentswahlen vom 25. November 2015 brachte die neue Parlamentsmehrheit den Entwurf einer Novelle zum Gesetz &uuml;ber den Verfassungsgerichtshof ein,[29] die nach sieben Tagen verabschiedet wurde.[30] Zugleich fasste der <i>Sejm</i> einen Beschluss, der die fr&uuml;heren Parlamentsbeschl&uuml;sse vom Oktober 2015 zur Wahl von f&uuml;nf Richtern durch die damalige parlamentarische Mehrheit, die zun&auml;chst nicht vom der <i>PiS</i> zugeh&ouml;rigen Staatspr&auml;sidenten <i>Andrzej Duda </i>vereidigt wurden, f&uuml;r ung&uuml;ltig erkl&auml;rte. Das in dieser Angelegenheit durch die neue parlamentarische Minderheit angerufene Verfassungstribunal forderte das Parlament auf, die Wahl neuer Richter so lange zu vertagen, bis es zu einem Urteil in diesem Fall gekommen sei. Dennoch w&auml;hlte der <i>Sejm</i> zwei Tage nach dieser Entscheidung f&uuml;nf neue Richter, die der Pr&auml;sident unverz&uuml;glich vereidigte.</p>
<p>Das Verfassungstribunal wurde nun wegen der <i>Sejm</i>-Beschl&uuml;sse angerufen, die Richterwahlen vom Oktober 2015 f&uuml;r ung&uuml;ltig zu erkl&auml;ren und neue Richter zu berufen. Anfang Dezember 2015 erkannte das Verfassungstribunal die Oktober-Wahl dreier Richter als verfassungskonform an und unterstrich die Pflicht des Staatspr&auml;sidenten, die drei Richter unverz&uuml;glich zu vereidigen, was nicht geschah.[31] Der Justizkonflikt eskalierte, als sich die polnische Ministerpr&auml;sidentin <i>Beata Szydlo </i>ab M&auml;rz 2016 weigerte, Urteile des Verfassungstribunals, das in einer der <i>PiS</i>-Parlamentsmehrheit nicht genehmen Zusammensetzung tagte, zu ver&ouml;ffentlichen. Der in einem solchen Ausma&szlig; innerhalb der EU bislang nicht bekannte Angriff auf die Unabh&auml;ngigkeit des Verfassungsgerichtes eines Mitgliedstaates durch Exekutive und Legislative dieses Mitgliedstaates veranlasste die Europ&auml;ische Kommission als H&uuml;terin der europ&auml;ischen Vertr&auml;ge, im Januar 2016 erstmalig in der EU-Geschichte einen Dialog auf der Grundlage des Rahmens zur St&auml;rkung des Rechtsstaatsprinzips aufzunehmen.[32] Die im Rahmen dieses Dialogs seitens der Europ&auml;ischen Kommission entwickelten Empfehlungen[33] wurden nachfolgend von der <i>PiS</i>-Regierung und ihrer Parlamentsmehrheit ebenso weithin ignoriert und abgelehnt[34] wie das Gutachten der sog. <i>Venedig-Kommission</i> vom M&auml;rz 2016 zur <i>PiS</i>-Novelle des Gesetzes &uuml;ber das Verfassungstribunal, in dem die Unvereinbarkeit dieser Novelle mit den europ&auml;ischen Standards und mit der polnischen Verfassung festgestellt wurde.[35]</p>
<h2 class="auto-created">b) Zus&auml;tzliche Schritte zum Abbau von Rechts&shy;s&shy;taat&shy;lich&shy;keit und Gewal&shy;ten&shy;tei&shy;lung</h2>
<p>Weitere Gesetze, die die Rechtsstaatlichkeit Polens unterh&ouml;hlen k&ouml;nnen, betreffen die Struktur der ordentlichen Gerichte, das Oberste Gericht (<i>Sad Najwyzszy</i>), den Landesgerichtsrat (<i>Krajowa Rada Sadownictwa </i>&ndash; <i>KRS</i>) und die Nationale Hochschule f&uuml;r Gerichtsbarkeit und Staatsanwaltschaft (<i>Krajowa Szkola Sadownictwa i Prokuratury</i>).[36] Die Vereinbarkeit der betreffenden Novellen namentlich mit Art.&nbsp;10 Abs.&nbsp;1 der polnischen Verfassung, wonach sich die Ordnung der Republik Polen auf die Trennung und das Gleichgewicht der gesetzgebenden, der vollziehenden und der rechtsprechenden Gewalt st&uuml;tzt, wird mit guten Gr&uuml;nden in Zweifel gezogen. Auch die Vereinbarkeit dieser Regelungen mit europ&auml;ischen rechtsstaatlichen Standards wird u.a. von der Venedig-Kommission des Europarates bezweifelt.[37] Ungeachtet national wie europ&auml;isch und international ge&auml;u&szlig;erter Bedenken unterzeichnete der polnische Staatspr&auml;sident am 24. Juli 2017 die Gesetzesnovelle &uuml;ber die Struktur der ordentlichen Gerichte. Danach war der Justizminister w&auml;hrend einer &Uuml;bergangszeit von sechs Monaten uneingeschr&auml;nkt befugt jeden Gerichtsvorsitzenden und seinen Stellvertreter abzuberufen. Seit Ablauf der &Uuml;bergangszeit ist eine negative Stellungnahme des Landesgerichtsrates hinsichtlich der Absetzung eines Vorsitzenden f&uuml;r den Minister nur dann bindend, wenn der Beschluss mit Zweidrittelmehrheit gefasst wurde. Bei der Berufung von Vorsitzenden entf&auml;llt die obligatorische Zustimmung der Richter im entsprechenden Gericht bzw. des Landesrates. Der Justizminister erh&auml;lt zudem die M&ouml;glichkeit, Richter zu bef&ouml;rdern und Gerichtsvorsitzende mit Gehaltszus&auml;tzen zu belohnen.[38] Am 21. Dezember 2017 unterzeichnete der polnische Staatspr&auml;sident die Novelle des Gesetzes &uuml;ber das Oberste Gericht. Am 2.&nbsp;Juli 2018 hat die Europ&auml;ische Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren[39] wegen dieses Gesetzes eingeleitet. Die Kommission ist der Auffassung, dass das Gesetz gegen den Grundsatz der richterlichen Unabh&auml;ngigkeit und auch der Unabsetzbarkeit von Richtern verst&ouml;&szlig;t und Polen somit seinen Verpflichtungen nach Art. 19 Abs. 1 des EU-Vertrags in Verbindung mit Art. 47 der Charta der Grundrechte der EU nicht nachkommt. Am 14. August 2018 beschloss die Europ&auml;ische Kommission, als 2. Etappe des Vertragsverletzungsverfahrens wegen dieses Gesetzes eine mit Gr&uuml;nden versehene Stellungnahme an Polen zu richten. Die polnischen Beh&ouml;rden haben nun einen Monat Zeit, die erforderlichen Ma&szlig;nahmen zu treffen, um dieser Stellungnahme nachzukommen. Ergreifen die polnischen Beh&ouml;rden keine angemessenen Ma&szlig;nahmen, kann die Kommission den Europ&auml;ischen Gerichtshof anrufen. Ebenfalls am 21.&nbsp;Dezember 2017 unterzeichnete der polnische Staatspr&auml;sident die Novelle des Gesetzes &uuml;ber den Landesgerichtsrat.[40] Auch wenn die unterzeichnete Gesetzes&auml;nderung die Einwirkungsm&ouml;glichkeiten der Parlamentsmehrheit auf die Wahl der Mitglieder, die in der urspr&uuml;nglichen Novelle vom 12.&nbsp;Juli 2017 vorgesehen war,[41] etwas abschw&auml;chte,[42] bleibt es bei rechtsstaatlich bedenklichen Einwirkungsm&ouml;glichkeiten der parlamentarischen Mehrheit auf die Zusammensetzung dieses Rates. Diese wurde dadurch unmittelbar wirksam, dass die Amtszeit aller bisherigen Ratsmitglieder vorzeitig endete.[43]</p>
<h2 class="auto-created">c) Einschr&auml;n&shy;kung der Unabh&auml;n&shy;gig&shy;keit der Medien</h2>
<p>In Polen k&ouml;nnen Medien zwar frei berichten, allerdings wurden die M&ouml;glichkeiten, das parlamentarische Geschehen in Polen journalistisch zu verfolgen, seit Ende 2015 durch die <i>PiS</i>-Mehrheit zunehmend eingeschr&auml;nkt.[44] Nach dem Regierungswechsel ist Polen auf der Rangliste der Pressefreiheit des Vereins &#8222;Reporter ohne Grenzen&#8220; um 40 Pl&auml;tze auf Rang 58 von 180 Staaten gefallen.[45] In Bezug auf die in der polnischen Verfassung verankerte Medienaufsichtsbeh&ouml;rde, den Landesrundfunk- und -fernsehrat (<i>Krajowa Rada Radiofonii i Telewizji &ndash; KRRiT</i>), nahm die neue <i>PiS</i>-Mehrheit bereits im Dezember 2015 eine &Auml;nderung des Rundfunk- und Fernsehgesetzes vor, die eine sofortige Umbesetzung des <i>KRRiT</i> und damit einhergehend auch der Aufsichtsr&auml;te und der Vorst&auml;nde der &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien erm&ouml;glichte. In diese Strategie der Machtsicherung f&uuml;gte sich die Gr&uuml;ndung einer neuen Beh&ouml;rde, des Nationalen Medienrates, im Juni 2016 ein. Diese Beh&ouml;rde &uuml;bernahm die Aufsicht &uuml;ber den fr&uuml;heren &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter TVP, der zum &#8222;nationalen&#8220; Medium wurde. Zu dessen Direktor wurde ein fr&uuml;herer PiS-Abgeordneter, <i>Jacek Kurski</i>, bestellt, der den Sender offiziell &#8222;apolitisch&#8220; ausrichten sollte, w&auml;hrend in der Praxis insbesondere im Nachrichtenangebot des Senders politische Regierungspropaganda mit pers&ouml;nlichen Attacken auf politische Gegner der <i>PiS</i> und deren Familien zu beobachten ist.</p>
<p>Zwar nutzen selbst viele <i>PiS</i>-W&auml;hler statt der Regierungspropaganda mittlerweile lieber das private TVN.[46] Doch auch die Unabh&auml;ngigkeit von TVN wird nunmehr unterminiert: Ende 2016 wurde <i>KRRiT</i> erstmals aus der <i>PiS</i>-Fraktion im <i>Sejm</i> aufgefordert, TVN die noch bis 2021 (TVN24) und 2024 (TVN) laufenden Sendelizenzen zu entziehen.[47] Anfang Juli 2017 forderten die Steuerbeh&ouml;rden zudem von TVN umgerechnet 26 Millionen Euro f&uuml;r ein Gesch&auml;ft von 2012 nach, das zuvor vom Finanzminister und der Steuerpr&uuml;fung steuerfrei gestellt worden war. Am 11. Dezember folgte <i>KRRiT</i> mit einem Bu&szlig;geld von umgerechnet gut 351 000 Euro f&uuml;r eine angeblich rechtswidrige Parlaments-Berichterstattung. Bei einem wiederholten Versto&szlig; droht TVN der Lizenzentzug. Die polnische Regierung plant zudem, ausl&auml;ndischen Besitz an Medienkonzernen nach russischem und ungarischem Vorbild auf 20 Prozent zu beschr&auml;nken. Dies &ouml;ffnet den Weg f&uuml;r eine direkte oder indirekte Nationalisierung des polnischen Medienmarktes bei gesellschaftsrechtlicher Dominanz von Parteig&auml;ngern und Sympathisanten der <i>PiS</i>.</p>
<h2 class="auto-created">2. Ungarn</h2>
<p><i>Viktor Orb&aacute;n</i> hat seine parlamentarische Zweidrittelmehrheit schon in der 2010 startenden Legislaturperiode f&uuml;r eine Verfassungs&auml;nderung genutzt, die u.&nbsp;a. eine st&auml;rkere Einflussnahme der Exekutive auf das Rechtssystem und die Medien zul&auml;sst. Verbunden mit einer Ausrichtung auf eine konservativ-christliche, historisierende Rhetorik ist das am 1.1.2012 in Kraft getretene neue ungarische Grundgesetz[48] u.&nbsp;a. durch die Einschr&auml;nkung der Befugnisse des Verfassungsgerichts, die Abberufung des Datenschutzbeauftragten und des Pr&auml;sidenten des Obersten Gerichtes sowie das Recht des Chefs der ungarischen Justizverwaltung (Pr&auml;sident des Justizamtes), f&uuml;r jeden Rechtsstreit das Gericht auszuw&auml;hlen, gekennzeichnet. Eine Blockadem&ouml;glichkeit in Bezug auf eine Abkehr von der konservativen Revolution unter der <i>Fidesz</i>-Herrschaft stellt das Hochstufen einer Vielzahl von f&uuml;r das allt&auml;gliche Regierungsgesch&auml;ft erheblichen Gesetzen zu sogenannten Kardinalgesetzen (&#8222;<i>sarkalatos t&ouml;rv&eacute;ny</i>&#8222;) dar, die nach dem neuen Grundgesetz nur mit einer Zweidrittelmehrheit ge&auml;ndert werden k&ouml;nnen.[49] Eine solche Mehrheit f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr zum demokratischen, rechtsstaatlichen und freiheitlichen <i>status quo ante </i>zeichnet sich mit Blick auf die Zerfaserung der politischen Oppositionskr&auml;fte nicht ab; vielmehr hatte und hat diese mangelnde Geschlossenheit des Oppositionslagers in Verbindung mit dem ungarischen Mehrheitswahlrecht gro&szlig;en Anteil an den Wahlerfolgen der Fidesz.</p>
<h2 class="auto-created">3. Die Reaktion der EU</h2>
<p>Ausschlie&szlig;lich[50] im Gefolge der auf das polnische Justizsystem bezogenen Rechts&auml;nderungen unter Missachtung der seitens der Europ&auml;ischen Kommission ge&auml;u&szlig;erten massiven rechtsstaatlichen Bedenken unterbreitete die Europ&auml;ische Kommission am 20. Dezember 2017 dem Rat der EU erstmalig einen begr&uuml;ndeten Vorschlag zur Annahme eines Beschlusses nach Art. 7 Abs. 1 EUV.[51] Am 1.&nbsp;M&auml;rz 2018 unterst&uuml;tzte das Europ&auml;ische Parlament (EP) mit deutlicher Mehrheit (422 Stimmen bei 147 Gegenstimmen und 48 Enthaltungen) den Vorschlag der EU-Kommission, Art. 7 Abs. 1 EUV zu aktivieren und Polen aufzufordern, sich damit auseinanderzusetzen. Der Rat der EU wurde dabei aufgefordert, &#8222;im Einklang mit den Bestimmungen nach Artikel 7 Absatz 1 EUV rasch t&auml;tig zu werden&#8220;.[52] Zudem hat das EP am 12. September 2018 &#8211; wiederum mit deutlicher Mehrheit (448 Stimmen bei 197 Gegenstimmen und 48 Enthaltungen)[53] &ndash; die EU-Mitgliedstaaten aufgefordert, nach Art. 7 EUV festzustellen, ob Ungarn Gefahr l&auml;uft, die EU-Grundwerte zu verletzen. Damit hat das EP erstmals die Initiative ergriffen, ein Verfahren gegen einen EU-Mitgliedstaat einzuleiten, um eine systemrelevante Bedrohung der Grundwerte der EU zu verhindern. Die Bedenken des EP betreffen (1.) die Funktionsweise des Verfassungs- und des Wahlsystems, (2.) die Unabh&auml;ngigkeit der Justiz, (3.) Korruption und Interessenkonflikte; (4.) Privatsph&auml;re und Datenschutz, (5.) das Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung, (6.) die Wissenschaftsfreiheit, (7.) die Religionsfreiheit, (8.) die Vereinigungsfreiheit, (9.) das Recht auf Gleichbehandlung, (10.) die Rechte von Personen, die einer Minderheit angeh&ouml;ren, einschlie&szlig;lich Roma und Juden, (11.) die Grundrechte von Migranten, Asylsuchenden und Fl&uuml;chtlingen und (12.) wirtschaftliche und soziale Rechte.[54] Allerdings d&uuml;rfte es sich im Ergebnis unter den derzeitigen Bedingungen der Zusammenarbeit von Polen und Ungarn um ein stumpfes Sanktionsschwert der EU handeln: Denn die PiS-Regierung d&uuml;rfte auf die Zusicherung <i>Viktor Orb&aacute;ns </i>vertrauen, dass er sein Veto gegen eine Feststellung des Europ&auml;ischen Rates einlegen werde, dass eine schwerwiegende und anhaltende Verletzung der in Art. 2 EUV genannten Werte durch Polen vorliegt.[55] Gleiches gilt auch umgekehrt. Da f&uuml;r die Feststellung des Europ&auml;ischen Rates nach Art. 7 Abs. 2 EUV Einstimmigkeit erforderlich ist, d&uuml;rfte das Art. 7-Verfahren unter den obwaltenden rechtspopulistischen Mehrheiten in einzelnen EU-Mitgliedstaaten ins Leere laufen. Der Vertrag &uuml;ber die Europ&auml;ische Union leidet insoweit unter dem Geburtsfehler einer Blockadem&ouml;glichkeit bereits von zwei sich solidarisch verbindenden Mitgliedstaaten, die beide die Werte der EU missachten.[56] Ob diese Blockade durch ein paralleles, gemeinsames Verfahren gegen Polen und Ungarn umgangen werden k&ouml;nnte, ist rechtlich nicht gekl&auml;rt.[57] Im &Uuml;brigen d&uuml;rfte es voraussichtlich auch in weiteren Mitgliedstaaten der EU Bedenken gegen eine solche Aufweichung von eigenen politischen Einflussm&ouml;glichkeiten auf das Verfahren des Art.&nbsp;7 EUV geben.</p>
<h2 class="auto-created">V. Menta&shy;li&shy;t&auml;ts&shy;un&shy;ter&shy;schiede als Ankn&uuml;p&shy;fungs&shy;punkte nachhal&shy;tiger rechts&shy;po&shy;pu&shy;lis&shy;ti&shy;scher Erfolge in Polen und Ungarn</h2>
<p>Die Ankn&uuml;pfungspunkte f&uuml;r den Erfolg der rechtspopulistischen Ideologie in Polen und Ungarn lassen sich nicht zuletzt auch bei einem Vergleich der Einstellung der Bev&ouml;lkerung zur aktuellen &ouml;konomischen und gesellschaftlichen Situation und der Erwartungshaltungen bez&uuml;glich politischer Schwerpunktsetzungen erschlie&szlig;en:[58] Die wirtschaftliche Situation des Landes wird in Polen und Ungarn (66&nbsp;% bzw. 54&nbsp;%: gut) im Fr&uuml;hjahr 2018 erneut deutlich besser eingestuft als im EU-Durchschnitt (49&nbsp;% gut). Gleiches gilt f&uuml;r die Einsch&auml;tzung der Aussichten f&uuml;r die wirtschaftliche Situation des Landes in den n&auml;chsten zw&ouml;lf Monaten in Polen und Ungarn (nur 16&nbsp;% bzw. 17&nbsp;% erwarten eine Verschlechterung) im Vergleich zum EU-Durchschnitt (23&nbsp;% erwarten eine Verschlechterung). Auch bei den Erwartungen zur Entwicklung der Besch&auml;ftigungssituation in den n&auml;chsten zw&ouml;lf Monaten sind negative Erwartungen in Polen und Ungarn (nur 13&nbsp;% bzw. 16&nbsp;% erwarten eine Verschlechterung) deutlich weniger ausgepr&auml;gt als im EU-Durchschnitt (20&nbsp;% erwarten eine Verschlechterung). Ansatzpunkte f&uuml;r eine Wechselstimmung in Polen und Ungarn sind damit nicht ausgepr&auml;gt.</p>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; &bull; Deutlich voneinander abweichend sind die Schwerpunktsetzungen in Bezug auf politische Herausforderungen: W&auml;hrend in Polen und Ungarn Fragen der Gesundheit und sozialen Sicherheit bei 38&nbsp;% (Polen) oder gar 46&nbsp;% Ungarn der Bev&ouml;lkerung zu den beiden wichtigsten Herausforderungen z&auml;hlen, ist dies im EU-Durchschnitt nur bei 23&nbsp;% der Fall. Umgekehrt z&auml;hlt die Arbeitslosigkeit, die im EU-Durchschnitt bei 25&nbsp;% der Bev&ouml;lkerung zu den zwei dr&auml;ngendsten Problemen z&auml;hlt, in der polnischen Bev&ouml;lkerung nur bei 10&nbsp;% und in der ungarischen Bev&ouml;lkerung nur bei 14&nbsp;% zu den beiden dr&auml;ngendsten Problemen.<br />&nbsp;&nbsp;&nbsp; &bull; Bemerkenswert ist, dass zwei Fragen aus Sicht der Polen und der Ungarn mit deutlichem Abstand zur Einsch&auml;tzung im EU-Durchschnitt die wichtigsten Herausforderungen f&uuml;r die EU bilden: Fragen der Immigration (Ungarn: 56&nbsp;% &#8211; Polen: 45&nbsp;% &#8211; EU28: 38&nbsp;%) und des Terrorismus (Polen: 42&nbsp;% &#8211; Ungarn: 38&nbsp;% &#8211; EU28: 29&nbsp;%). Gerade letzteres &uuml;berrascht, da weder Polen noch Ungarn bislang Opfer terroristischer Attacken wurden. <br />&nbsp;&nbsp;&nbsp; &bull; W&auml;hrend sich im Durchschnitt der Bev&ouml;lkerung der EU-28 68&nbsp;% f&uuml;r eine gemeinsame Migrationspolitik aussprechen, sind es in Polen lediglich 51&nbsp;% und in Ungarn sogar nur 48&nbsp;% der Bev&ouml;lkerung.<br />&nbsp;&nbsp;&nbsp; &bull; Deutlicher noch sind die Reserven gegen&uuml;ber weiteren Vergemeinschaftungen im Bereich der Wirtschafts- und W&auml;hrungspolitik: w&auml;hrend sich im Durchschnitt der Bev&ouml;lkerung der EU-28 61&nbsp;% f&uuml;r eine europ&auml;ische Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion mit einer gemeinsamen W&auml;hrung, dem Euro, aussprechen, sind es in Polen lediglich 34&nbsp;% der Bev&ouml;lkerung. Auch in Ungarn ist die Bev&ouml;lkerung mit lediglich 53&nbsp;% Zustimmung zu dieser Integrationsvertiefung deutlich kritischer als der EU-Durchschnitt eingestellt.</p>
<p>Damit k&ouml;nnen rechtspopulistische Kr&auml;fte in Polen und Ungarn auf breite Zustimmung zu einer Europa-Konzeption setzen, die sich deutlich vom Mainstream westeurop&auml;ischer integrationsfreundlicher Kr&auml;fte unterscheidet.</p>
<h2 class="auto-created">VI. Fremden- und juden&shy;feind&shy;liche Ressen&shy;ti&shy;ments als N&auml;hrboden rechts&shy;po&shy;pu&shy;lis&shy;ti&shy;scher Erfolge</h2>
<p>Rechtspopulismus lebt von der Ausgrenzung von und Schuldzuweisung f&uuml;r wirtschaftliche und gesellschaftliche Fehlentwicklungen an Minderheiten. In Polen kann diese Strategie nicht zuletzt auch an eine jahrhundertealte antisemitische Traditionslinie ankn&uuml;pfen. Ungeachtet des Einsatzes von <i>Johannes Paul II.</i> gegen dieses fatale Erbe im katholischen Volksglauben[59] lebt es in Polen trotz des Fehlens eines relevanten j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerungsanteils[60] fort,[61] ja es scheint sich sogar &ndash; auch im Verhalten zu sonstigen Minderheiten &#8211; zu verst&auml;rken: Eine Untersuchung des &#8222;Zentrums f&uuml;r das Studium von Vorurteilen&#8220; an der Universit&auml;t Warschau zeigt auf, dass binnen zwei Jahren nicht zuletzt antisemitische Hassreden zunehmend akzeptiert und im Internet und im polnischen Fernsehen immer popul&auml;rer werden.[62] Das Eindringen von Hassreden in die allgemeine &ouml;ffentliche Debatte, wie es auch in Ungarn zu beobachten ist, scheint die Ausgrenzung bestimmter sozialer Gruppen zu bef&ouml;rdern und gleichzeitig die Grundlagen einer demokratischen Zivilgesellschaft zu bedrohen. Die Desensibilisierung gegen&uuml;ber Fremden- und Minderheitenfeindlichkeit in der Adoleszenz bildet dabei einen problematischen Humus f&uuml;r die nachhaltige Akzeptanz ideologischer Versatzst&uuml;cke des Rechtspopulismus.[63] Der zunehmende Kontakt mit Anti-Einwanderer- und Anti-Fl&uuml;chtlinge-Hassrede bef&ouml;rdert zudem ein weiteres rechtspopulistisches Moment &ndash; die Unterst&uuml;tzung eines auf eine starke Exekutive ausgerichteten Staates unter allm&auml;hlicher Abschmelzung von <i>checks and balances</i>, nicht zuletzt in Form der rechtsstaatlichen B&auml;ndigung der Regierung.[64] Auf die gr&ouml;&szlig;te gesellschaftliche Verbreitung in Polen treffen negative oder beleidigende Aussagen gegen&uuml;ber Fl&uuml;chtlingen und Schwulen.[65] Wahrgenommene Bedrohungen und &Auml;ngste sind die Hauptursachen f&uuml;r die entsprechenden Vorurteile in der polnischen Bev&ouml;lkerung &ndash; wobei diese Bedrohungs&auml;ngste insbesondere im Internet als Raum der sozialen Enthemmung, zunehmend aber auch im regierungsseitig kontrollierten Fernsehen, aufgegriffen, best&auml;tigt und bef&ouml;rdert werden.[66] Allerdings berichten sowohl j&uuml;ngere als auch &auml;ltere Polen von einem deutlichen Anstieg der Kontakte mit hasserf&uuml;llten Aussagen in Bezug auf Juden, Muslime, Ukrainer und Schwarze auch beim &ndash; zunehmend regierungsseitig kontrollierten &ndash; Fernsehen.[67] So sind Polen z.B. zunehmend weniger bereit, Juden als Mitarbeiter, Nachbarn oder Familienmitglieder zu akzeptieren, obwohl mehr als 80&nbsp;% aller Polen noch nie einen Juden getroffen haben.[68] Dass Regierungsaktivit&auml;ten oder Aktivit&auml;ten der sie tragenden Parteien und Fraktionen, die die Bedeutung nationaler oder ethnischer Reinheit betonen oder die rassische, religi&ouml;se oder sonstige Minderheiten f&uuml;r Missst&auml;nde in der polnischen und ungarischen Gesellschaft verantwortlich machen, sehr schnell sehr gef&auml;hrlich werden k&ouml;nnen, ist nicht zuletzt aus der deutschen Vergangenheit, aber auch aus der Vergangenheit Polens und Ungarns in der Zwischenkriegszeit ein vertrautes Bild. <i>&#8222;Normen, die Minderheiten vor Angriffen sch&uuml;tzen und die viele Jahrzehnte brauchten, um geschaffen zu werden, k&ouml;nnen binnen k&uuml;rzester Zeit verschwinden, wenn zu wenige gewillt sind, sie zu verteidigen&#8220;</i>.[69]</p>
<h2 class="auto-created">VII.&nbsp; Ankn&uuml;p&shy;fungs&shy;punkte f&uuml;r eine Gegen&shy;stra&shy;tegie</h2>
<p>Die anti-aufkl&auml;rerische Grundlinie der Rechtspopulisten in Ungarn und Polen ruft nicht nur aus innereurop&auml;ischen Motiven nach einer Reaktion: Denn die EU kann die Werte der Solidarit&auml;t, der Menschenrechte, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit weltweit &ndash; beispielsweise in der T&uuml;rkei, in Russland oder China &ndash; nicht &uuml;berzeugend anpreisen, wenn sie selbst nicht dazu in der Lage ist, diese Werte im Haus der EU durchzusetzen.[70] Eine erfolgversprechende Gegenstrategie wird nicht zuletzt durch Br&uuml;che in gesamteurop&auml;ischen Traditionslinien erfolgreicher, aufkl&auml;rerisch inspirierter Politikgestaltung belastet. Die Linearit&auml;t des namentlich sozialdemokratischen Fortschrittsversprechens seit der Entwicklung der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert ist dabei nicht zuletzt durch einen Bruch mit Traditionslinien des Gerechtigkeits- und Solidarit&auml;tsprojekts dieser Bewegung bedroht. Was in Deutschland mit Blick auf Umfragen droht, ist in Polen bzw. Ungarn bereits vollzogen: die Abl&ouml;sung der sozialdemokratischen Partei als Interessenvertretung klassischen sozialdemokratischen Milieus durch rechtspopulistische Kr&auml;fte in der W&auml;hlerInnengunst. Ebenso wenig wie es der DDR nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 dauerhaft gelang, mit Bert Brecht ein eigenes Volk zu begr&uuml;nden, wird es sozialdemokratischen Parteien in West wie Ost gelingen, eine eigene Anh&auml;ngerschaft zu etablieren, die in einem unter Wahl-Blickwinkel ausreichendem Umfang postmateriell und multikulturell orientiert ist. Die Suche nach einer Addition von kulturellen Minderheiten-Ansprachen als Ausgangspunkt f&uuml;r (relative) Wahl-Mehrheiten verspricht nirgendwo nachhaltigen Erfolg. Die staatlichen Bem&uuml;hungen, zivilgesellschaftliche Widerstandskraft gegen die rechtspopulistische Umformung des polnischen und ungarischen Gemeinwesens zu schw&auml;chen, sind bislang erkennbar nicht durchgehend erfolgreich. So ist z.B. die polnische Justizreform Gegenstand von nachhaltigen, wenn auch personell immer noch &uuml;berschaubaren Protesten in Polen. Kritik aus der EU an diesen Bem&uuml;hungen um eine &#8222;Vertikale der Macht&#8220; kann sich auf ein fortdauernd positives Image der EU st&uuml;tzen.[71] Es ist deshalb institutionelle wie zivilgesellschaftliche Fantasie und Kreativit&auml;t der und innerhalb der EU gefragt, um Polen wie Ungarn zu verdeutlichen, dass die Bem&uuml;hungen um eine &#8222;<i>EU &agrave; la carte</i>&#8220; &ndash; fortdauernde Sicherstellung &ouml;konomischer und finanzieller Vorteile aus der EU-Mitgliedschaft bei Negierung und Aush&ouml;hlung der Grundwerte des Art. 2 EUV &ndash; ein zum Scheitern verurteilter Irrweg sind.[72]</p>
<p>Erfolgreiche Vertragsverletzungsverfahren der EU gegen Polen und Ungarn k&ouml;nnen anti-populistische Kr&auml;fte in diesen Mitgliedstaaten im politischen Kampf gegen das Konzept der Rosinenpickerei st&auml;rken: So hat die Europ&auml;ische Kommission im Streit &uuml;ber die Umverteilung von Fl&uuml;chtlingen im Dezember 2017 beschlossen, Polen und Ungarn wie auch Tschechien vor dem Europ&auml;ischen Gerichtshof (EuGH) zu verklagen,[73] nachdem der EuGH zuvor im September 2017 deutlich die Rechtm&auml;&szlig;igkeit des Umverteilungsmechanismus bei der Bew&auml;ltigung der Fl&uuml;chtlingskrise betont hatte.[74] Allerdings w&auml;re es auch f&uuml;r die Eind&auml;mmung und Zur&uuml;ckdr&auml;ngung rechtspopulistischer Tendenzen in Polen und Ungarn vorteilhaft, wenn im europ&auml;ischen und im transnationalen Diskurs st&auml;rker als bislang anerkannt w&uuml;rde, dass viele Menschen ungeachtet abstrakter Wachstumsraten wirklich zu k&auml;mpfen haben und dass einige der Vorw&uuml;rfe gegen die sp&auml;testens seit den 1990er Jahren feststellbaren Akzentverschiebungen im und Abschiede vom klassischen Modell sozialstaatlich geb&auml;ndigter Marktwirtschaft durchaus gerechtfertigt sind. Nur wer auch im transnationalen Dialog bereit ist, die Gef&auml;hrdungen durch Globalisierung und europ&auml;ische Integration ebenso in den Blick zu nehmen wie deren Chancen, d&uuml;rfte f&auml;hig sein, in f&uuml;r rechtspopulistische Parolen offenen gesellschaftlichen Milieus Geh&ouml;r zu finden.[75] Dazu z&auml;hlt, sich rechtspopulistischer Themen wie insbesondere dem Streben nach innerer, sozialer und kultureller Sicherheit mit eigenen Antworten anzunehmen.[76] Zu einer solchen Re-Politisierung geh&ouml;rt auch der &ouml;ffentliche Diskurs nicht nur &uuml;ber das &#8222;wie&#8220;, sondern auch &uuml;ber das &#8222;ob&#8220; einer vertieften europ&auml;ischen Integration. Auch in Polen und Ungarn erscheint ein solcher Wettbewerb zwischen integrations- und globalisierungsfreundlichen &#8222;Kosmopoliten&#8220; und nationalstaatsorientierten &#8222;Kommunitaristen&#8220;[77] mit Blick auf eine Durchbrechung rechtspopulistischer Filterblasen hilfreich.[78] Denn dem rechtspopulistischen Euroskeptizismus d&uuml;rfte man mit einer europapolitischen TINA-Strategie[79] kaum erfolgversprechend begegnen k&ouml;nnen.[80]</p>
<p>Um ihrer Verantwortung als H&uuml;ter des Gemeinwohls gerecht zu werden, m&uuml;ssen nicht zuletzt die kulturellen und politischen Anh&auml;ngerInnen einer auf ein f&ouml;derales, staatsrechtlich verdichtetes Europa ausgerichteten Europa-Konzeption transnationale Formate und Formeln finden, um bei unterschiedlichen Bev&ouml;lkerungsgruppen &#8211; einschlie&szlig;lich der bisherigen Anh&auml;nger rechtspopulistischer Bewegungen in Polen und Ungarn &ndash; so schwer dies auch sein mag, mehr konstruktives Engagement zu erreichen.[81] In diesen Diskursen, die die weitere Entwicklung einer europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit bef&ouml;rdern k&ouml;nnten, sollte allerdings offen und offensiv bekannt werden, dass das Bashing von Minderheiten weder unter dem Blickwinkel des gemeinsamen Wertefundaments noch unter dem Blickwinkel volkswirtschaftlicher Rationalit&auml;t eine &uuml;berzeugende Antwort auf die Krise des Wohlstandsversprechens f&uuml;r alle sein kann und ist.</p>
<p>Auch im Verh&auml;ltnis zu Polen und Ungarn verspricht unter normativen wie &ouml;konomischen Aspekten ein <i>Containment</i> des Rechtspopulismus um so eher zu gelingen, je nachhaltiger eine Politik auf nationaler polnischer und ungarischer Ebene eingefordert und auf EU-Ebene bef&ouml;rdert wird, die Wohlstand, wirtschaftliche und soziale Sicherheit und W&uuml;rde f&uuml;r alle gleichzeitig anstrebt und f&ouml;rdert.[82] Eine fortdauernde Mitgliedschaft rechtspopulistischer Parteien in demokratischen europ&auml;ischen Parteienfamilien gef&auml;hrdet einen solchen Politikansatz.[83] Auch in Polen und Ungarn muss k&uuml;nftig zudem der Eindruck vermittelt werden k&ouml;nnen, dass die Errungenschaften des demokratischen Sozialstaates nicht nur in nationalstaatlichen Strukturen, sondern auch im europ&auml;ischen Staatenverbund bewahr- und ausbaubar sind. Eine deutlichere Betonung sozialstaatlicher Errungenschaften &uuml;ber die EU wie z.B. der Lohngleichheit und Gleichbehandlung von M&auml;nnern und Frauen[84] sowie der Antidiskriminierungspolitik auch aus nicht geschlechtsbezogenen Gr&uuml;nden[85] k&ouml;nnte hierzu einen wichtigen, aber sicherlich keinen hinreichenden Beitrag leisten. Eine solche Politik verspricht um so mehr Erfolg, je mehr sie auch personell glaubw&uuml;rdig verk&ouml;rpert wird. Parteien, die in der Zusammensetzung ihrer F&uuml;hrungsschicht[86] wie auch in deren Auftreten elit&auml;r wirken, haben weder diesseits noch jenseits der Grenzen eine realistische Chance, massenkompatibel zu bleiben oder wieder zu werden. Es bedarf deshalb in Polen wie Ungarn Kandidaten, die f&auml;hig sind, den Polen und den Ungarn jeweils eine alternative &#8222;politische Erz&auml;hlung&#8220; zu der von <i>Kaczynski</i> bzw. <i>Orb&aacute;n</i> mit einer neue Vision vom &#8222;guten Leben&#8220; in diesen Staaten anzubieten.[87] Parallelen zur Situation in Deutschland sind insoweit kaum &uuml;bersehbar.</p>
<p><b>DR. J&Ouml;RG UKROW</b><i>&nbsp;&nbsp; war viele Jahre lang Rundfunkreferent in der Saarl&auml;ndischen Staatskanzlei sowie als Lehrbeauftragter am Europa-Institut, Sektion Rechtswissenschaft, t&auml;tig. Seit 2003 ist er stellvertretender Direktor der Landesmedienanstalt Saarland (LMS) sowie seit 2017 gesch&auml;ftsf&uuml;hrendes Vorstandsmitglied des Instituts f&uuml;r Europ&auml;isches Medienrecht (EMR).</i></p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>* Der Beitrag ist in Liebe und Dankbarkeit meinem verstorbenen Vater Siegfried Ukrow gewidmet.</p>
<p>1 Der Begriff geht auf <i>Gennadi Gerassimow</i>, den damaligen Pressesprecher des sowjetischen Au&szlig;enministers <i>Eduard Schewardnadse</i> zur&uuml;ck, der am 25. Oktober 1989 w&auml;hrend eines Besuchs in Helsinki gegen&uuml;ber Journalisten ausf&uuml;hrte: &#8222;You know the Frank Sinatra song, I Did It My Way? Poland and Hungary are now doing it their way. I think the &#8218;Brezhnev Doctrine&#8216; is dead. We now have the Sinatra Doctrine.&#8220; Vgl. <i>Gaddis</i>, The Cold War, 2005, S. 247 f.</p>
<p>2 Vgl. z.B. <i>Hofmann</i>, Polen und Deutsche, 2011, S. 291 ff.; <i>R&ouml;dder</i>, Deutschland einig Vaterland, 2009, S. 50 ff.</p>
<p>3 Bulletin, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Nr. 137 v. 24.11.1990, S. 1409 ff.</p>
<p>4 Nach Art. 2 EUV sind <i>&#8222;(d)ie Werte, auf die sich die Union gr&uuml;ndet, &#8230; die Achtung der Menschenw&uuml;rde,Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschlie&szlig;lich der Rechte der Personen, die Minderheiten angeh&ouml;ren. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarit&auml;t und die Gleichheit von Frauen und M&auml;nnern auszeichnet.&#8220;</i></p>
<p>5 Vgl. <i>Vetter</i>, Nationalismus im Osten Europas, 2017, S. 55 f.; <i>Pilawski/Politt</i>, Polens Rolle r&uuml;ckw&auml;rts, 2016, S. 73 ff.</p>
<p>6 Vgl. <i>Koenen</i>, Feinde, &uuml;berall Feinde. Die Welt, wie sie Viktor Orb&aacute;n sieht, in: Quo vadis, Hungaria? Kritik der ungarischen Vernunft, 2011 [= OSTEUROPA, 12/2011], S. 105 ff.; <i>T&oacute;th</i>, Macht statt Recht.<br />Deformation des Verfassungssystems in Ungarn, OSTEUROPA, 63. Jg., 4/2013, 21 (24)</p>
<p>7 Vgl. <i>Schmitt</i>, Der Begriff des Politischen, 1932; <i>ders</i>., Legalit&auml;t und Legitimit&auml;t, 1932; hierzu z.B. <i>Mehring</i>, Carl Schmitt, 2009, S. 247 ff.</p>
<p>8 Vgl. <i>Kurski</i>, Dampfwolke des Absurden, 22.03.2017(<a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/polen-dampfwolke-des-absurden-1.3428064" target="_blank" rel="noopener">https://www.sueddeutsche.de/politik/polen-dampfwolke-des-absurden-1.3428064</a>).</p>
<p>9 Vgl. <i>Bachmann</i>, Zur Entwicklung der polnischen Demokratie, APuZ 10-11/2018, 9 (9)</p>
<p>10 Vgl. <a href="http://badaniawyborcze.pl/" target="_blank" rel="noopener">http://badaniawyborcze.pl/</a>; <a href="https://dorzeczy.pl/kraj/69120/Sondaz-dla-DoRzeczypl-PiSznow" target="_blank" rel="noopener">https://dorzeczy.pl/kraj/69120/Sondaz-dla-DoRzeczypl-PiSznow</a>&#8211;<br />zyskuje-Nowoczesna-wraca-do-Sejmu.html</p>
<p>11 Zu diesen geschichtspolitischen, vielfach mythenumrankten Determinanten des <i>PiS</i>-Erfolgs z&auml;hlen nicht zuletzt der Kampf um die Deutungshoheit &uuml;ber die Jahre des &Uuml;bergangs von volksdemokratischer<br />Diktatur zu Demokratie in Polen sowie die Legendenbildung um den Flugzeugabsturz von Smolensk 2010, bei dem der damalige Staatspr&auml;sident und Bruder des PiS-Vorsitzenden ums Leben<br />kam; vgl. hierzu z.B. <i>Kerski</i>, Polnische Widerspr&uuml;che, europ&auml;ische Widerspiegelungen: Was uns trennt, verbindet uns, APuZ 10-11/2018, 4 (4); <i>Michalski</i>, Der Mythos in der polnischen Politik nach 1989, 2017 (<a href="http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen210.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen210.pdf</a>, S. 2 ff.)</p>
<p>12 Vgl. <i>Kaluza</i>, Stolz auf Polen. Das Ringen um das patriotische Narrativ in Polens Kulturpolitik nach 2015, 2018 (<a href="http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen219.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen219.pdf</a>, S. 2 ff.)</p>
<p>13 Vgl. <i>Kerski</i>, Polnische Widerspr&uuml;che, europ&auml;ische Widerspiegelungen: Was uns trennt, verbindet uns, APuZ 10-11/2018, 4 (5).</p>
<p>14 Vgl. Gdula/D bska/Trepka, Dobra zmiana w Miastku. Neoautorytaryzm w polskiej polityce z perspektywy malego miasta, 2017; Sutowski, &#8222;Guter Wandel&#8220; zum &#8222;neuen Autoritarismus&#8220; &#8211; und wie<br />weiter?, APuZ 10-11/2018, S. 15 ff.</p>
<p>15 Die sozialdemokratische <i>Magyar Szocialista P&aacute;rt </i>(MSZP) verlor mit 13,66 % mehr als die H&auml;lfte ihrer Listen-Stimmen und ihre Stellung als zweitst&auml;rkste Partei mit nur noch 11,91 % der Stimmen und 20 Parlamentssitzen. Die sozialliberale <i>Demokratikus Koal&iacute;ci&oacute; </i>(DK), die sich 2011 vom MSZP abgespaltet hat, errang mit 5,37 % Listen-Stimmanteil 9 Mandate. Die gr&uuml;ne <i>Lehet M&aacute;s a Politika </i>(LMP) errang mit 7,06 % der Listen-Stimmen 8 Mandate. Vgl. zum Ganzen <a href="http://www.valasztas.hu/dyn/pv18/szavossz/hu/orszlist.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.valasztas.hu/dyn/pv18/szavossz/hu/orszlist.html</a>, <a href="http://www.valasztas.hu/dyn/pv18/szavossz/hu/l22.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.valasztas.hu/dyn/pv18/szavossz/hu/l22.html</a> sowie<br />Gdula/Debska/Trepka, Dobra zmiana w Miastku. Neoautorytaryzm w polskiej polityce z perspektywy malego miasta, 2017; Sutowski, &#8222;Guter Wandel&#8220; zum &#8222;neuen Autoritarismus&#8220; &#8211; und wie weiter?, APuZ 10-11/2018, S. 15 ff.</p>
<p>16 Vgl. z.B. ein Interview der Bertelsmann-Stiftung mit <i>Viviane Reding</i>, MdEP, fr&uuml;here EU-Kommissarin f&uuml;r Justiz, Grundrechte und B&uuml;rgerschaft, <a href="http://www.bertelsmann-stiftung.de/layer/themen/" target="_blank" rel="noopener">http://www.bertelsmann-stiftung.de/layer/themen/</a><br />aktuelle-meldungen/2017/september/rechtsstaat-in-polen-und-ungarn-unter-beschuss-unseregrundwerte-werden-angegriffen/.</p>
<p>17 S. <a href="https://www.osce.org/odihr/elections/hungary/377410?download=true" target="_blank" rel="noopener">https://www.osce.org/odihr/elections/hungary/377410?download=true</a>.</p>
<p>18 Der <i>Gini</i>-Koeffizient (auch <i>Gini</i>-Index) ist ein statistisches Ma&szlig; zur Darstellung von Ungleichverteilungen (vorliegend) im Einkommen. entwickelt wurde. Er bewegt sich zwischen einem Wert von 0 (bei einer gleichm&auml;&szlig;igen Verteilung) und 1 (wenn nur eine Person das komplette Einkommen erh&auml;lt, d.h. bei maximaler Ungleichverteilung); vgl. <i>Atkinson</i>, Ungleichheit, 2015, S. 27 ff.</p>
<p>19 Zu diesen und den folgenden Werten vgl. <a href="https://www.compareyourcountry.org/inequality?lg=de" target="_blank" rel="noopener">https://www.compareyourcountry.org/inequality?lg=de</a></p>
<p>20 Ber&uuml;cksichtigt wird hier der Anteil der Bev&ouml;lkerung mit weniger als 50 % des mittleren Einkommens (Median) im jeweiligen Land.</p>
<p>21 Vgl. <a href="https://www.compareyourcountry.org/inequality?lg=de" target="_blank" rel="noopener">https://www.compareyourcountry.org/inequality?lg=de</a>; OECD, Divided We Stand, 2011, S. 22(<a href="http://www.oecd.org/els/soc/49499779.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.oecd.org/els/soc/49499779.pdf</a>)</p>
<p>22 Vgl. <i>Duss</i>, &raquo;Trump sieht die Welt als Nullsummenspiel&laquo;, FES Info 1/2018, 6</p>
<p>23 Vgl. <i>Stadler</i>, BayernLB-Research &#8211; L&auml;nderanalyse Ungarn, 16.12.2016 (<a href="https://www.internationalesgeschaeft.de/SK-Passau/download/laenderinformationen/Laenderinformation_Ungarn.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://www.internationalesgeschaeft.de/SK-Passau/download/laenderinformationen/Laenderinformation_Ungarn.pdf</a>)</p>
<p>24 Vgl. <i>Menge</i>, W&uuml;tende wei&szlig;e Frauen? &Uuml;ber das weibliche Gesicht des Rechtspopulismus in Europa, FES Info 1/2018, 8 (9).</p>
<p>25 Vgl. <i>Mommsen</i>, Putins &#8222;gelenkte Demokratie&#8220;: &#8222;Vertikale der Macht&#8220; statt Gewaltenteilung, in: Buhbe/Gorzka (Hrsg.), Russland heute, 2007, S. 235 ff.</p>
<p>26 Vgl. z.B. <i>Kurylo</i>, Russia and Carl Schmitt: the hybridity of resistance in the globalised world, 2016(<a href="https://www.nature.com/articles/palcomms201696.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://www.nature.com/articles/palcomms201696.pdf</a>); <i>Lewis</i>, Carl Schmitt in Moscow: Counter-Revolutionary Ideology and the Putinist State, 2017, S. 13 ff. (<a href="http://www.laender-analysen/" target="_blank" rel="noopener">http://www.laender-analysen</a>.<br />de/russland/rad/pdf/Russian_Analytical_Digest_211.pdf).</p>
<p>27 Vgl. <i>Kr&ouml;kel</i>, Rechtspopulismus in Polen: Kaczynskis Kampf gegen angebliche postkommunistische Eliten, 6.1.2017 (<a href="http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtspopulismus/239926/rechtspopulismus-in-polen" target="_blank" rel="noopener">http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtspopulismus/239926/rechtspopulismus-in-polen</a>)</p>
<p>28 Zu den herrschaftsstabilisierenden Ma&szlig;nahmen der PiS geh&ouml;rten neben der Eingrenzung unabh&auml;ngiger Gewalten auf der zentralen Staatsebene nicht zuletzt auch eine Re-Zentralisierung der Herrschaft in Polen sowie M&ouml;glichkeiten der Einwirkungen auf die Freiheit und Gleichheit der Wahl durch die Zusammensetzung der Wahlkommission, die &uuml;ber die Rechtm&auml;&szlig;igkeit der Wahlen wacht; vgl. Bachmann, Zur Entwicklung der polnischen Demokratie, APuZ 10-11/2018, 9 (11 f.).</p>
<p>29 Vgl. hierzu und zum Folgenden <i>Doering</i>, Demontierte Justiz, 18.07.2017 (<a href="https://www.freiheit.org/demontierte-justiz" target="_blank" rel="noopener">https://www.freiheit.org/demontierte-justiz</a>); <i>Machinska</i>, Das polnische Justizwesen, Polen-Analysen Nr. 204, 2017, 2 (42ff.)</p>
<p>30 Ustawa z dnia 19 listopada 2015 r. o zmianie ustawy o Trybunale Konstytucyjnym, abrufbar &uuml;ber <a href="http://dziennikustaw.gov.pl/du/2015/1928/1" target="_blank" rel="noopener">http://dziennikustaw.gov.pl/du/2015/1928/1</a></p>
<p>31 Vgl. die die &Auml;nderungen des Gesetzes &uuml;ber den Verfassungsgerichtshof betreffenden Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofs vom 3. und 9. Dezember 2015, <a href="http://trybunal.gov.pl/en/hearings/judgments/art/8748-ustawa-o-trybunale-konstytucyjnym/" target="_blank" rel="noopener">http://trybunal.gov.pl/en/hearings/judgments/art/8748-ustawa-o-trybunale-konstytucyjnym/</a> sowie <a href="http://trybunal.gov.pl/en/hearings/judgments/art/8792-nowelizacja-ustawy-o-trybunale-konstytucyjnym/" target="_blank" rel="noopener">http://trybunal.gov.pl/en/hearings/judgments/art/8792-nowelizacja-ustawy-o-trybunale-konstytucyjnym/</a>.</p>
<p>32 Zum Verlauf dieses Dialogs vgl. European Commission &#8211; Fact Sheet &#8211; Commission action on the Rule of Law in Poland: Questions &amp; Answers, 20.12.2017 (<a href="http://europa.eu/rapid/press-release_MEMO" target="_blank" rel="noopener">http://europa.eu/rapid/press-release_MEMO</a>&#8211;<br />17-5368_en.htm).</p>
<p>33 Empfehlung (EU) 2016/1374 der Kommission v. 27.7.2016 zur Rechtsstaatlichkeit in Polen (ABl. EU 2016 L 217/53); Empfehlung (EU) 2017/146 v. 21.12.2016 (ABl. EU 2017 L 22/65), Empfehlung (EU)<br />2017/1520 v. 26.7.2017 (ABl. EU 2017 L 228/19) und Empfehlung (EU) 2018/103 v. 20.12.2017 (ABl. EU 2018 L 17/50). Diese Empfehlungen betrafen u.a. die vollst&auml;ndige Vollstreckung der Urteile des Verfassungstribunals in Bezug auf die Richterwahlen, die Bekanntmachung und vollst&auml;ndige Vollstreckung der Urteile des Verfassungstribunals sowie die Garantie der automatischen Bekanntmachung zuk&uuml;nftiger Urteile, unabh&auml;ngig von den Entscheidungen der Exekutive oder Legislative, die Garantie der &Uuml;bereinstimmung aller Gesetzesnovellen zum Verfassungstribunal mit den Urteilen dieses Verfassungsgerichts sowie das Unterlassen von T&auml;tigkeiten und &ouml;ffentlichen Aussagen, die die Legitimierung und das wirksame Handeln des Verfassungstribunals untergraben k&ouml;nnten.</p>
<p>34 Vgl. hierzu und zum Folgenden <i>Machinska</i>, Das polnische Justizwesen, Polen-Analysen Nr. 204, 2017, 2 (4 ff.). Der polnische Premierminister <i>Morawiecki </i>erkl&auml;rte am 4. Juli 2018 vor dem Europ&auml;ischen Parlament, Polen verbitte sich Belehrungen zu Struktur und Arbeitsweise seines Justizwesens. Dies sei eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten seines Landes. Schlie&szlig;lich r&auml;ume man doch mit dem kommunistischen Erbe innerhalb der Richter-&#8222;Kaste&#8220; auf; vgl. <a href="http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+CRE+20180704+ITEM-004+DOC+XML+V0//" target="_blank" rel="noopener">http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+CRE+20180704+ITEM-004+DOC+XML+V0//</a><br />DE; <a href="https://www.dw.com/de/polen-will-ein-anderes-europa/a-44525873" target="_blank" rel="noopener">https://www.dw.com/de/polen-will-ein-anderes-europa/a-44525873</a>.</p>
<p>35 <i>Venice Commission</i>, Opinion on amendments to the Act of 25 June 2015 on the Constitutional Tribunal of Poland, adopted by the Venice Commission at its 106th Plenary Session (Venice, 11-12 March 2016), CDL-AD(2016)001-e (<a href="http://www.venice.coe.int/webforms/documents/?pdf=CDL-AD(2016" target="_blank" rel="noopener">http://www.venice.coe.int/webforms/documents/?pdf=CDL-AD(2016</a>)<br />001-e). Nicht nur die Europ&auml;ische Kommission und die Venedig-Kommission des Europarates, sondern u.a. auch der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen, die Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der Menschenrechtskommissar des Europarats sowie Vertreter der Justiz aus ganz Europa (darunter das Netz der Pr&auml;sidenten der obersten Gerichtsh&ouml;fe der Europ&auml;ischen Union und das Europ&auml;ische Netz der R&auml;te f&uuml;r das Justizwesen) kritisierten die polnischen Justizreformen; vgl. <a href="http://europa.eu/rapid/press-release_IP-17-5367_de.htm" target="_blank" rel="noopener">http://europa.eu/rapid/press-release_IP-17-5367_de.htm</a>.</p>
<p>36 Vgl. hierzu und zum Folgenden <i>Machinska</i>, Das polnische Justizwesen, Polen-Analysen Nr. 204, 2017, 2 (4 ff.)</p>
<p>37 Vgl. <i>Venice Commission</i>, Poland &#8211; Opinion on the Draft Act amending the Act on the National Council of the Judiciary; on the Draft Act amending the Act on the Supreme Court, proposed by the Presi &#8211;<br />dent of Poland, and on the Act on the Organisation of Ordinary Courts, adopted by the Commission at its 113th Plenary Session (Venice, 8-9 December 2017), CDL-AD(2017)031-e (<a href="http://www.venice.coe.int/webforms/documents/?pdf=CDL-AD(2017)031-e" target="_blank" rel="noopener">http://www.venice.coe.int/webforms/documents/?pdf=CDL-AD(2017)031-e</a>)</p>
<p>38 Am 20. Dezember 2017 beschloss die Europ&auml;ische Kommission, das Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen wegen Versto&szlig;es gegen EU-Recht durch das Gesetz &uuml;ber die ordentlichen Gerichte in die n&auml;chste Phase &uuml;berzuleiten und vor dem Gerichtshof der Europ&auml;ischen Union Klage gegen Polen zu erheben. Vgl. &#8222;Rechtsstaat in Polen bedroht: EU-Kommission l&ouml;st Artikel 7-Verfahren aus&#8220;, <a href="https://ec.europa.eu/germany/news/20171220-polen_de" target="_blank" rel="noopener">https://ec.europa.eu/germany/news/20171220-polen_de</a></p>
<p>39 Auch die Vereinbarkeit der Novelle mit Art. 180 Abs. 1 und Art. 183 Abs. 3 der polnischen Verfassung ist h&ouml;chst fraglich: Nach der erstgenannten Verfassungsnorm sind die polnischen Richter unabsetzbar, nach der zweitgenannten Norm wird der Erste Pr&auml;sident des Obersten Gericht vom Pr&auml;sidenten der Republik Polen f&uuml;r eine 6-j&auml;hrige Amtszeit berufen.</p>
<p>40 Diese Einrichtung ist nach Art. 186 Abs. 1 der polnischen Verfassung berufen, die Unabh&auml;ngigkeit der Gerichte und der Richter zu sch&uuml;tzen. Soweit Normativakte die Unabh&auml;ngigkeit der Gerichte und der Richter ber&uuml;hren, kann der Rat nach Art. 186 Abs. 2 der Verfassung beim Verfassungstribunal die &Uuml;berpr&uuml;fung ihrer Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit beantragen.</p>
<p>41 Dieser sah zun&auml;chst eine Wahl mit einfacher Mehrheit vor.</p>
<p>42 Der zust&auml;ndige Sejm-Ausschuss legt nunmehr eine Liste aus 15 Kandidaten fest. Sollte bei der anschlie&szlig;enden Wahl im Sejm keine qualifizierte Dreif&uuml;nftel-Mehrheit erreicht werden, erfolgt die Wahl mit absoluter Mehrheit.</p>
<p>43 Auch die Novelle des Gesetzes &uuml;ber die Nationale Hochschule f&uuml;r Gerichtsbarkeit und Staatsanwaltschaft begegnet rechtsstaatlichen Bedenken. Der KRS stellte fest, dass die vorgeschlagenen<br />Neuerungen &#8222;nicht der St&auml;rkung der Garantie des Rechts auf ein faires Verfahren, sondern allein der Erweiterung der Befugnisse des Justizministers in Bezug auf das Funktionieren des allgemeinen<br />Gerichtswesens dienen&#8220;. Auch laut Gutachten der Europ&auml;ischen Kommission wird die durch die Novelle bef&ouml;rderte Abh&auml;ngigkeit der Gerichtsassessoren vom Justizminister negativen Einfluss auf Unabh&auml;ngigkeit und Effizienz des Gerichtswesens haben.</p>
<p>44 Vgl. hierzu und zum Folgenden <i>Gasior/Wnuk</i>, Poland: tracking the shrinking space for press and media freedom, 20.3.2018 (<a href="https://ecpmf.eu/news/threats/poland-tracking-the-shrinking-spacefor-press-freedom" target="_blank" rel="noopener">https://ecpmf.eu/news/threats/poland-tracking-the-shrinking-spacefor-press-freedom</a>); <i>Hassel</i>, Polens Regierung will Fernsehsender kontrollieren, 18.12.2017 (<a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/polen-polens-regierung-will-fernsehsender-kontrollieren-1.3795562" target="_blank" rel="noopener">https://www.sueddeutsche.de/politik/polen-polens-regierung-will-fernsehsender-kontrollieren-1.3795562</a>) sowie <a href="https://www.reporter-ohne-grenzen.de/polen/" target="_blank" rel="noopener">https://www.reporter-ohne-grenzen.de/polen/.</a></p>
<p>45 Vgl. <a href="https://www.reporter-ohne-grenzen.de/polen/alle-meldungen/meldung/immer-mehr-hetzegegen-journalisten-in-europa/" target="_blank" rel="noopener">https://www.reporter-ohne-grenzen.de/polen/alle-meldungen/meldung/immer-mehr-hetzegegen-journalisten-in-europa/</a>.</p>
<p>46 Dessen Abendnachrichten &#8222;Fakty&#8220; sind die mit Abstand meistgesehene Nachrichtensendung Polens. Auch im Internet ist die TVN24-Seite eins der popul&auml;rsten Angebote.</p>
<p>47 In einer konzertierten Aktion wurde daraufhin die Regulierungsbeh&ouml;rde mit 12.000 Antr&auml;gen auf Lizenzentzug &uuml;bersch&uuml;ttet.</p>
<p>48 Vgl. hierzu und zum Folgenden <i>Jakab/Sonnevend</i>, Kontinuit&auml;t mit M&auml;ngeln: Das neue ungarische Grundgesetz, Za&ouml;RV 72 (2012), 79 (79 f., 83 ff., 93 ff.)</p>
<p>49 Nach dem Grundgesetz werden u.a. der Schutz der Familie (Art. L Abs. (3) GG), die Anforderungen an die Bewahrung und den Schutz des nationalen Verm&ouml;gens und an die verantwortliche Bewirtschaftung des nationalen Verm&ouml;gens sowie die Bestimmung des ausschlie&szlig;lichen Eigentums des Staates und seiner ausschlie&szlig;lichen wirtschaftlichen T&auml;tigkeit und die Beschr&auml;nkungen und Voraussetzungen zur Ver&auml;u&szlig;erung nationalen Verm&ouml;gens von aus volkswirtschaftlicher Sicht gesteigerter Bedeutung (Art. 38 GG), die grundlegenden Regeln der Tragung &ouml;ffentlicher Lasten und des Altersrentensystems (Art. 40 GG) sowie die detaillierten Regeln der T&auml;tigkeit des Haushaltsrats (Art. 44 Abs. 5 GG), der seinerseits einer &uuml;ber die laufende Legislaturperiode weit hinausreichenden faktischen Kontrolle durch die Fidesz zug&auml;nglich gemacht wurde, durch Kardinalgesetz geregelt.</p>
<p>50 <i>Reporter ohne Grenzen </i>bedauerte es vor diesem Hintergrund, <i>&#8222;dass die Europ&auml;ische Kommission die Angriffe der polnischen Regierung auf die Medienfreiheit ignoriert und das Strafverfahren nur mit Gefahren f&uuml;r<br />die Unabh&auml;ngigkeit der Justiz begr&uuml;ndet. Die st&auml;ndigen Angriffe der polnischen Regierung auf die Pressefreiheit und die Unabh&auml;ngigkeit der Medien d&uuml;rfen nicht folgenlos bleiben&#8220;</i>, <a href="https://www.reporter-ohnegrenzen.de/polen/alle-meldungen/meldung/eu-ignoriert-angriffe-auf-die-medienfreiheit/" target="_blank" rel="noopener">https://www.reporter-ohnegrenzen.de/polen/alle-meldungen/meldung/eu-ignoriert-angriffe-auf-die-medienfreiheit/</a>.</p>
<p>51 Vgl. Vorschlag f&uuml;r einen Beschluss des Rates zur Feststellung der eindeutigen Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der Rechtsstaatlichkeit durch die Republik Polen, COM (2017) 835<br />(<a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=COM:2017:0835:FIN" target="_blank" rel="noopener">https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=COM:2017:0835:FIN</a>) Nach Artikel 7 Abs. 1 EUV kann der Rat mit der Mehrheit von vier F&uuml;nfteln seiner Mitglieder feststellen, dass die eindeutige Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der in Artikel 2 EUV verankerten gemeinsamen Werte durch einen Mitgliedstaat besteht. Im Ergebnis dieses Verfahrens k&ouml;nnen letztlich die<br />Stimmrechte dieses Mitgliedstaates im Rat ausgesetzt werden.</p>
<p>52 <a href="http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20180226IPR98615/rechtsstaatlichkeit-inpolen-parlament-will-eu-massnahmen-unterstutzen" target="_blank" rel="noopener">http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20180226IPR98615/rechtsstaatlichkeit-inpolen-parlament-will-eu-massnahmen-unterstutzen</a></p>
<p>53 Ob damit die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit der abgegebenen Stimmen erreicht wurde, ist mit Blick auf die Behandlung der Stimmenthaltungen umstritten.</p>
<p>54 <a href="http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20180906IPR12104/rechtsstaatlichkeit-inungarn" target="_blank" rel="noopener">http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20180906IPR12104/rechtsstaatlichkeit-inungarn</a>&#8211;<br />parlament-fordert-rat-zum-handeln-auf</p>
<p>55 <i>Kurski</i>, Dampfwolke des Absurden, 22.03.2017(<a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/polendampfwolke" target="_blank" rel="noopener">https://www.sueddeutsche.de/politik/polendampfwolke</a>&#8211;<br />des-absurden-1.3428064).</p>
<p>56 Zur Einordnung des Einstimmigkeitserfordernisses vgl. auch <i>Tr&auml;bert</i>, Sanktionen der Europ&auml;ischen Union gegen ihre Mitgliedstaaten, 2010, S. 361 ff.</p>
<p>57 Zu diesem Ansatz vgl. <i>Scheppele</i>, Can Poland be Sanctioned by the EU? Not Unless Hungary is Sanctioned Too, 2016 (<a href="https://verfassungsblog.de/can-poland-be-sanctioned-by-the-eu-not-unlesshungary-is-sanctioned-too/" target="_blank" rel="noopener">https://verfassungsblog.de/can-poland-be-sanctioned-by-the-eu-not-unlesshungary-is-sanctioned-too/</a>); <i>Thiele</i>, Art. 7 EUV im Quadrat? Zur M&ouml;glichkeit von Rechtsstaats-Verfahren gegen mehrere Mitgliedsstaaten, 2017 (<a href="https://verfassungsblog.de/art-7-euv-im-quadratzur-moeglichkeit-von-rechtsstaats-verfahren-gegen-mehrere-mitgliedsstaaten/" target="_blank" rel="noopener">https://verfassungsblog.de/art-7-euv-im-quadratzur-moeglichkeit-von-rechtsstaats-verfahren-gegen-mehrere-mitgliedsstaaten/</a>)</p>
<p>58 Vgl. f&uuml;r die nachfolgenden Angaben <i>European Commission</i>, Standard Eurobarometer 89. The key indicators. Hungary. Spring 2018, <a href="http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/index.cfm/" target="_blank" rel="noopener">http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/index.cfm/</a><br />ResultDoc/download/DocumentKy/83569; <i>European Commission</i>, Standard Eurobarometer 89. Thekey indicators. Poland. Spring 2018, <a href="http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/index" target="_blank" rel="noopener">http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/index</a>.<br />cfm/ResultDoc/download/DocumentKy/83579</p>
<p>59 Vgl. <i>Weigel</i>, Zeuge der Hoffnung, 2. Aufl. 2003, S. 868 ff.</p>
<p>60 Das organisierte j&uuml;dische Leben in Polen d&uuml;rfte auf ca. 10.000 Mitglieder j&uuml;discher Gemeinden gest&uuml;tzt sein &ndash; was nur 0,02 Prozent der polnischen Bev&ouml;lkerung entspricht; vgl. <a href="http://humanistische-union.de/https%3A/forward" target="_blank" rel="noopener">https://forward</a>.<br />com/news/world/360967/anti-semitism-spikes-in-poland-stoked-by-populist-surge-against-refugees/.</p>
<p>61 Beg&uuml;nstigt wird dies durch eine nationalistische Radikalisierung von Teilen der katholischen Kirche, insbesondere durch den wachsenden, seitens der Amtskirche vielfach unterst&uuml;tzten Einfluss von <i>Tadeusz Rydzyk</i>, dessen Medien einen enormen Einfluss auf viele Gl&auml;ubige haben. Vgl. hierzu <i>Kerski</i>, Polnische Widerspr&uuml;che, europ&auml;ische Widerspiegelungen: Was uns trennt, verbindet uns, APuZ 10-11/2018, 4 (4); <i>Mechtenberg</i>, Das Verh&auml;ltnis zwischen Kirche und Staat unter der PiS-Regierung, 2018 (<a href="http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen213.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen213.pdf</a>, S. 2 ff.)</p>
<p>62 2016 gab die H&auml;lfte der jungen Polen zu, Hassreden zu benutzen. Vgl. <i>Winiewski, Hansen </i>et al., Mowa nienawissci, mowa pogardy. Raport z badania przemocy werbalnej wobec grup mniejszossciowych,<br />2017, S. 6(<a href="http://www.batory.org.pl/upload/files/pdf/MOWA_NIENAWISCI_MOWA_POGARDY_INTERNET" target="_blank" rel="noopener">http://www.batory.org.pl/upload/files/pdf/MOWA_NIENAWISCI_MOWA_POGARDY_INTERNET</a>.<br />pdf).</p>
<p>63 Vgl. a.a.O., S. 135</p>
<p>64 Vgl. a.a.O., S. 133</p>
<p>65 Vgl. a.a.O., S. 31 ff.</p>
<p>66 Vgl. a.a.O., S. 43 ff.</p>
<p>67 Vgl. a.a.O., S. 47 ff.</p>
<p>68 Mehr als die H&auml;lfte der Polen &ndash; fast 56 % &ndash; war 2016 nicht bereit, einen Juden als Familienmitglied zu akzeptieren &ndash; &uuml;ber 10 % mehr als in 2014. Ein Drittel der Polen (32,2 %) war 2016 nicht gewillt, einen Juden als Nachbarn akzeptieren (2014: 26,7 %). Und 15,1 % wollten 2016 einen Juden als Mitarbeiter nicht akzeptieren (2014: 10 %).</p>
<p>69 Duss, &raquo;Trump sieht die Welt als Nullsummenspiel&laquo;, FES Info 1/2018, 6</p>
<p>70 Vgl. hierzu auch ein Interview der Bertelsmann-Stiftung mit <i>Viviane Reding</i>, MdEP, fr&uuml;here EUKommissarin f&uuml;r Justiz, Grundrechte und B&uuml;rgerschaft, <a href="http://www.bertelsmann-stiftung.de/" target="_blank" rel="noopener">http://www.bertelsmann-stiftung.de/</a><br />layer/themen/aktuelle-meldungen/2017/september/rechtsstaat-in-polen-und-ungarn-unter-beschuss-unsere-grundwerte-werden-angegriffen/</p>
<p>71 Polen (positiv: 50 % &#8211; negativ: 12 %) haben ein deutlich besseres Bild von der EU als der Durchschnitt der Bev&ouml;lkerung der EU-28 (positiv: 40 % &#8211; negativ: 21 %). 80 % der polnischen Bev&ouml;lkerung<br />empfindet sich als europ&auml;ische B&uuml;rgerInnen &ndash; im Vergleich zu 70 % im Durchschnitt der EU-28. Polen empfinden die Vorteile der EU-Integration durchgehend intensiver als der Durchschnitt der<br />Bev&ouml;lkerung der EU-28 &ndash; nicht zuletzt im Zusammenhang mit den M&ouml;glichkeiten der Arbeitnehmerfreiz&uuml;gigkeit, von denen Polen zudem auch deutlich intensiver Gebrauch gemacht habe als der<br />Durchschnitt der Bev&ouml;lkerung der EU-28. In letzterem unterscheidet sich die Situation in Polen im &Uuml;brigen deutlich von der Situation in Ungarn: Hier liegt die Wahrnehmung pers&ouml;nlicher Vorteile aus der Freiz&uuml;gigkeit innerhalb der EU unterhalb der Durchschnittswerte in der EU-28; vgl. <i>European Commission</i>, Standard Eurobarometer 89. The key indicators. Hungary. Spring 2018, <a href="http://humanistische-union.de/http%3A/ec" target="_blank" rel="noopener">http://ec</a>.-<br />europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/index.cfm/ResultDoc/download/DocumentKy/83569;<br /><i>European Commission</i>, Standard Eurobarometer 89. The key indicators. Poland. Spring 2018,<br /><a href="http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/index.cfm/ResultDoc/download/Document" target="_blank" rel="noopener">http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/index.cfm/ResultDoc/download/Document</a><br />-Ky/83579</p>
<p>72 Die Europ&auml;ische Kommission hat bereits deutlich gemacht, dass k&uuml;nftig Strukturbeihilfen f&uuml;r Polen und andere Staaten daran gekn&uuml;pft werden k&ouml;nnten, ob die Empf&auml;ngerstaaten alle rechtsstaatlichen<br />Kriterien erf&uuml;llen. Auch diese Drohung mit dem Haushalt hat allerdings einen Haken: Polen m&uuml;sste dieser Regelung im Zuge der Haushaltsverhandlungen zustimmen, s. <a href="https://www.dw.com/de/europarat-r%FCgt-polen-erneut-wegen-justizreform/a-43183456" target="_blank" rel="noopener">https://www.dw.com/de/europarat-r&uuml;gt-polen-erneut-wegen-justizreform/a-43183456</a></p>
<p>73 <a href="https://ec.europa.eu/germany/news/20171207-vertragsverletzungen-kommission-verklagt-tschechische" target="_blank" rel="noopener">https://ec.europa.eu/germany/news/20171207-vertragsverletzungen-kommission-verklagt-tschechische</a>&#8211;<br />republik-ungarn-und-polen_de.</p>
<p>74 EuGH, Urteil vom 06.9.2017 in den verbundenen Rechtssachen C-643/15 und C-647/15, <i>Slowakei und Ungarn / Rat</i>, ECLI:EU:C:2017:631</p>
<p>75 Vgl. <i>H&ouml;pner</i>, Wacht endlich auf aus dem linksliberalen Schlaf!, 17.8.2018 (<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gruende-fuer-die-sammlungsbewegung-aufstehen-der-linken-15741233.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gruende-fuer-die-sammlungsbewegung-aufstehen-der-linken-15741233.html</a>)</p>
<p>76 Vgl. <i>Painter</i>, Der Irrweg der Zeigefinger-&Uuml;berzeuger. Gegen Populismus braucht es Argumente, keinen Moralismus, 14.4.2014 (<a href="https://www.ipg-journal.de/schwerpunkt-des-monats/populismus-ineuropa/artikel/detail/der-irrweg-der-zeigefinger-ueberzeuger-349/" target="_blank" rel="noopener">https://www.ipg-journal.de/schwerpunkt-des-monats/populismus-ineuropa/artikel/detail/der-irrweg-der-zeigefinger-ueberzeuger-349/</a>)</p>
<p>77 Vgl. zu diesen Kategorien <i>Hillebrand</i>, Zeit der Populisten? Die Frage nach der Rolle des Nationalstaats birgt reichlich Z&uuml;ndstoff, FES Info 1/2018, S. 3</p>
<p>78 Bestandteil eines solchen Wettbewerbs k&ouml;nnte auch die Frage sein, ob der Anwendungsbereich der Grundrechte-Charta der EU (einschlie&szlig;lich ihrer verfahrensrechtlichen Absicherungen) dahin erweitert wird, dass sie auch geltend gemacht werden kann, wenn die EU-Mitgliedstaaten nicht ausschlie&szlig;lich Recht der EU anwenden.</p>
<p>79 Abk. f&uuml;r &#8222;There is no alternative&#8220;.</p>
<p>80 Vgl. <i>Gerrits</i>, Populismus in Europa. Weshalb die praktizierte Entpolitisierung der europ&auml;ischen Integration den Populisten in die H&auml;nde spielt, 7.4.2014 (<a href="https://www.ipg-journal.de/schwerpunktdes" target="_blank" rel="noopener">https://www.ipg-journal.de/schwerpunktdes</a>&#8211;<br />monats/populismus-in-europa/artikel/detail/populismus-in-europa-338/)</p>
<p>81 Vgl. <i>Anheier</i>, Wie man mit Populisten streitet, 19.7.2018 (<a href="https://www.project-syndicate.org/commentary/political-polarization-debate-populists-1968-by-helmut-k--anheier-2018-07/german" target="_blank" rel="noopener">https://www.project-syndicate.org/commentary/political-polarization-debate-populists-1968-by-helmut-k&#8211;anheier-2018-07/german</a>)</p>
<p>82 Vgl. <i>Hillebrand</i>, Die populistische Herausforderung &ndash; Eine Einf&uuml;hrung, in: ders. (Hrsg.), Rechtspopulismus in Europa. Gefahr f&uuml;r die Demokratie?, 2015, 7 (10 f.).</p>
<p>83 Vgl. kritisch j&uuml;ngst auch <i>Roth/Naidoo</i>, Wo stehen Europas Christdemokraten?, FAZ v. 7.9.2018, S. 8 sowie bereits <i>Ukrow</i>, W&auml;chst Europa an seinen rechtspopulistischen Feinden?, vorg&auml;nge Nr. 216<br />(2016), 47 (51).</p>
<p>84 Vgl. <i>Epiney/Freiermuth </i>Abt, Das Recht der Gleichstellung von Mann und Frau in der EU, 2003; <i>Langenfeld</i>, Die Gleichbehandlung von Mann und Frau im Europ&auml;ischen Gemeinschaftsrecht, 1990.</p>
<p>85 Vgl. Agentur der EU f&uuml;r Grundrechte (FRA)/Europ&auml;ischer Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte/Europarat, Handbook on European non-discrimination law, 2. Aufl. 2018 (abrufbar &uuml;ber <a href="http://fra.europa.eu/en/publication/2018/handbook-european-law-non-discrimination" target="_blank" rel="noopener">http://fra.europa.eu/en/publication/2018/handbook-european-law-non-discrimination</a>)</p>
<p>86 Vgl. zur Problemlage <i>Hartmann</i>, Die Abgehobenen, 2018; <i>Walter</i>, Libert&auml;rer Schein der Lifestyle-Linken, DER SPIEGEL 26/23.6.2018, 38 (39).</p>
<p>87 Vgl. <i>Gdula</i>, Nowy Autorytaryzm, 2018; <i>Sutowski</i>, &#8222;Guter Wandel&#8220; zum &#8222;neuen Autoritarismus&#8220; &ndash; und wie weiter?, APuZ 10-11/2018, 15 (17 f.).</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/jenseits-der-grenze-rechtspopulismus-in-polen-und-ungarn-1/">Jenseits der Grenze &#8211; Rechtspopulismus in Polen und Ungarn*</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Zwischen Öffnung und Abschottung: Ungarns Weg vom Gulaschkommunismus bis zur Fidesz-Gesellschaft</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/zwischen-oeffnung-und-abschottung-ungarns-weg-vom-gulaschkommunismus-bis-zur-fidesz-gesellschaft/</link>
		
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		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 19:45:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Gespr&#228;ch mit Lajos Kossuth. In: vorg&#228;nge Nr. 224 (4/2018), S. 77-85 Ungarn galt bis 1989 als eines der wenigen sozialistischen L&#228;nder, die sich wirtschaftlich, politisch und kulturell vorsichtig f&#252;r den Westen und die Demokratie &#246;ffneten. Diese Zeiten sind vorbei, unter Viktor Orb&#225;n nimmt das Land mehr und mehr eine kritische Haltung zur Europ&#228;ischen Union [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Gespr&auml;ch mit Lajos Kossuth. In: vorg&auml;nge Nr. 224 (4/2018), S. 77-85</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/silhouette_man_s.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img decoding="async" class="alignnone wp-image-3900 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/silhouette_man_s.jpg" alt="Zwischen &Ouml;ffnung und Abschottung: Ungarns Weg vom Gulaschkommunismus bis zur Fidesz-Gesellschaft" width="300" height="300" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/silhouette_man_s.jpg 300w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/silhouette_man_s-150x150.jpg 150w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/silhouette_man_s-250x250.jpg 250w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a></span></p>
<p class="news-single-imgcaption">
</div>
<p><i>Ungarn galt bis 1989 als eines der wenigen sozialistischen L&auml;nder, die sich wirtschaftlich, politisch und kulturell vorsichtig f&uuml;r den Westen und die Demokratie &ouml;ffneten. Diese Zeiten sind vorbei, unter Viktor Orb&aacute;n nimmt das Land mehr und mehr eine kritische Haltung zur Europ&auml;ischen Union ein, setzt in Politik und Kultur auf eine nationalistische Abschottung, schafft liberale, rechtsstaatliche Standards ab und dr&auml;ngt auf eine Gleichschaltung des &ouml;ffentlichen Lebens. Im folgenden Interview schildert Kossuth die politische Entwicklung Ungarns im 20. Jahrhundert zwischen den Lagern sowie die aktuellen Entwicklungen der nationalistischen Abschottung und Entdemokratisierung. Aus diesem Grund drucken wir das folgende Interview nur unter einem Pseudonym ab. Bei dem Gespr&auml;chspartner handelt es sich um einen 60j&auml;hrigen Professor f&uuml;r Sozialwissenschaften aus Budapest. Rosemarie Will, die das Interview f&uuml;hrte, kennt ihn von fr&uuml;heren Studien- und Forschungsaufenthalten aus der Zeit vor Glasnost und Perestroika, als in Ungarn noch die weitest gehenden Ans&auml;tze zur Reform des Sozialismus innerhalb des Ostblocks diskutiert wurden.&nbsp;&nbsp;</i></p>
<p><i>In Ungarn &#8211; einem Mitglied der EU &#8211; sind wie in den USA und in Polen nationalistische Populisten an der Macht. Wie ist es dazu gekommen? </i></p>
<p>Ich denke die Gr&uuml;nde f&uuml;r das, was in Ungarn gegenw&auml;rtig passiert, liegen in der ungarischen Historie. Was meine ich? Ungarn liegt in der Mitte von Europa, ein Land zwischen Osten und Westen. Ungarn wollte immer zum Westen geh&ouml;ren und als Land christlich sein. St&auml;ndiges Thema war die Entwicklung zur Moderne und die Unabh&auml;ngigkeit Ungarns. Dabei k&auml;mpften die politischen Klassen meistens gegeneinander. Paradoxerweise war Ungarn tats&auml;chlich eine Nation in der &ouml;sterreichisch-ungarischen Monarchie, nach der Revolution 1848. Aber die Feudalstrukturen in der Wirtschaft, in der ganzen Gesellschaft und in der Mentalit&auml;t existierten weiter, bis in die Horthy-Zeit zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg. Es gab keine starke ungarische B&uuml;rgerschaft, keine starke Intelligenz. Es gab eine sehr gro&szlig;e Bauernschaft und eine Aristokratie, die sehr stolz darauf war, ungarisch zu sein. Der soziologische Begriff Gentry bildet das ab. Gemeint sind Ungarn adeliger Abstammung mit verlorenem Grundbesitz, die sich als R&uuml;ckgrat der ungarischen Gesellschaft betrachteten und trotz bescheidenem Einkommen einen &#8222;herrschaftlichen&#8220; Lebensstil f&uuml;hrten. Ich nenne das Neo-Barock: Der arme, aber stolze ungarische Adel errichtete eine reiche Fassade auf Kredit; eine Aristokratie, die fast nichts leistete, mit antidemokratischen Handlungsmustern.</p>
<p>Hinzu kam der Vertrag von Trianon, der 1920 die Sezessionen aus dem K&ouml;nigreich Ungarn besiegelte. Nach dem f&uuml;r &Ouml;sterreich-Ungarn verlorenen Krieg musste Ungarn v&ouml;lkerrechtlich verbindlich zur Kenntnis nehmen, dass zwei Drittel seines Territoriums den Nachbar- und Nachfolgestaaten zufielen. Trianon ist bei uns bis heute ein Symbol f&uuml;r den nationalen Abstieg.</p>
<p><i><br />Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was Trianon f&uuml;r Ungarn darstellt und dem Versailler Vertrag f&uuml;r Deutschland?</i></p>
<p>Sie unterscheiden sich mental. Die dominanten Koordinaten in Ungarn waren nicht links oder rechts, sondern oben und unten.</p>
<p><i>Hei&szlig;t das, Ungarn bleibt nach 1918, nach der Aufl&ouml;sung der &ouml;sterreichisch-ungarischen Monarchie, vormoderner Staat?</i></p>
<p>Ja, ein halbfeudaler. Die Aristokratie blieb an der Macht. Sie hatte zwar abgewirtschaftet, aber sie erhielt den antidemokratischen Stil in der Horthy-Zeit. Am Ende orientierte sich Horthy an Hitler und paktierte mit ihm. Die Ungarn mussten sich im 20. Jahrhundert immer wieder anpassen, wegen &Auml;nderungen ihrer Staatsgrenzen oder ihrer Staatsform. Die Grenzen haben sich viermal, die Formen der Machtaus&uuml;bung achtmal ge&auml;ndert. Jede Staatsbildung setzte eine neue Ideologie durch, meist entgegengesetzt zur vorherigen, und forderte neue politische Loyalit&auml;ten. Die Leute mussten ihre Identit&auml;t immer wieder &auml;ndern. Das tat ihrer Selbstst&auml;ndigkeit, Autonomie, Solidarit&auml;t und Zivilcourage nicht gut. Es ist auch wichtig, dass es in Ungarn keine richtige Mittelschicht gab. Es gibt sie bis heute nicht.</p>
<p><i>Auch f&uuml;r Deutschland ist das Jahr 1918/19 ein Fiasko. Deutschland hat den Krieg verloren, es kommt zum Versailler Vertrag und dann zur Weltwirtschaftskrise. Deutschland ist 1918 ein modernes, industrielles Land; es gibt die Weimarer Republik mit ihrer Reichsverfassung. Aber die Demokratie hat zu wenig tatkr&auml;ftige Verteidiger, deswegen wird Hitler 1933 Reichskanzler und kann seine Diktatur errichten.</i></p>
<p>Im Unterschied zu Hitler war Horthy nicht popul&auml;r. Hitler hat z.B. mit seinem Aggressionsdrang nach Osten oder dem Erbfolgegesetz die Interessen von Bauern aufgegriffen. In Ungarn dagegen waren die Bauern die gr&ouml;&szlig;te soziale Schicht, aber fast ohne politische Vertretung. Es gab zwar die Volkspartei, die war aber sehr schwach und intellektualisiert, voll mit Schriftstellern und Dichtern, die die Sprache des Volkes nicht gesprochen haben.</p>
<p><i>Deutschland bekam 1919 eine wirklich grandiose Verfassung, trotzdem kommt 1933 Hitler an die Macht. </i></p>
<p>In der Horthy-Zeit hatte Ungarn keine schriftliche Verfassung. Im 2. Weltkrieg wirken wir mit Hitler zusammen, betrieben schlechte Diplomatie und hatten sehr hohe Verluste. Nach dem Krieg kamen die Russen rein. Eigentlich hatten wir nur drei Wahlen: Die erste 1945 war noch demokratisch, danach im Jahr 1947 die so genannten &#8222;Blaue-Zettel-Wahlen&#8220; war schon verf&auml;lscht. So triumphierten bereits im Mai 1949 die Kommunisten, bei den Parlamentswahlen standen ausschlie&szlig;lich Kommunisten zur Wahl. Im August nahm die Nationalversammlung eine Verfassung an, die Ungarn zur Volksrepublik, das hei&szlig;t zur kommunistischen Diktatur erkl&auml;rte.</p>
<p><i>Wie ging die Entwicklung Ungarns unter der Herrschaft von Kommunisten und Sozialisten weiter?</i></p>
<p>An der ungarischen Geschichte des Kommunismus finde ich interessant, welche Mentalit&auml;t sich daraus entwickelt hat. Die K&aacute;d&aacute;r-Zeit war durch eine sogenannte doppelte Sozialisation gepr&auml;gt: Die Diskrepanz zwischen den von der Politik erwarteten Normen und den Praktiken im privaten Leben (Familie, Arbeitsplatz usw.) f&uuml;hrte zu Anpassungs- und Gegenmechanismen. Nach verbreiteter Ansicht war Politik nur eine &#8222;sanfte Feigheit&#8220;. Die Macht erlaubte es den Menschen, ihren eigenen kleineren &#8222;Frieden&#8220; in der Wirtschaft oder in der Kultur zu finden, w&auml;hrend ihr Handeln eine Art Ironie oder Zynismus zeigte.</p>
<p><i>Aber vor Kadar kommt doch Imre Nagy! Gilt Nagy nicht bis heute als Symbol f&uuml;r den Widerstand gegen den Stalinismus? </i></p>
<p>Die Figur von Imre Nagy ist nicht eindeutig. Schon unter R&aacute;kosi war er Minister und betrieb zum Beispiel gegen Bauern eine aggressive Politik, lie&szlig; die Steuern mit Terror eintreiben und erh&ouml;hte die Abgaben. Als er dann nach Stalins Tod eine sehr aufgekl&auml;rte Politik durchsetzen wollte, war die Frage, ob die Leute das glaubten. K&ouml;nnen die Kommunisten sich &auml;ndern? F&uuml;r die gegenw&auml;rtigen Machthaber ist Imre Nagy &uuml;brigens eine unerw&uuml;nschte Figur.</p>
<p><i>Na gut, solche Figuren gibt es in der Geschichte des Kommunismus immer wieder, denke nur an Dubcek 1968 in der Tschechoslowakei.</i></p>
<p>Der gescheiterte Ungarnaufstand 1956 war kurz. Danach kam K&aacute;d&aacute;r mit Hilfe der Russen an die Macht und herrschte mit Gef&auml;ngnissen und politischen Prozessen. Bis 1962 war es still im Land. Dann wurden viele Leute amnestiert und aus den Gef&auml;ngnissen entlassen. Es ist bemerkenswert, wie die Machaus&uuml;bung sich praktisch und technisch ver&auml;nderte. Man sagt, unter K&aacute;d&aacute;r machten die Kommunisten einen Kompromiss mit dem Volk. Das Privatleben konnte sich neu organisieren, die Gesellschaft ver&auml;nderte sich. In der Wirtschaft, auf dem Land, in den D&ouml;rfern, durch kleine landwirtschaftliche und handwerkliche Produktionsgenossenschaften wurde eine gewisse Autonomie geschaffen. Auch die Literatur und die Wissenschaft wurden freier. Das war nicht nur ein bisschen Ver&auml;nderung, in Ungarn war es viel besser und lockerer als in den anderen sozialistischen L&auml;ndern. Wichtiger noch als die Meinungsfreiheit aber war die Entwicklung des Rechtsstaates. Einige Rechtspolitiker und Wissenschaftler hatten Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit. Sie wussten welche Institutionen dazu geh&ouml;ren. Ihnen war klar, was es bedeutet einen Verfassungsgerichtshof, ein Versammlungsrecht, die Meinungsfreiheit, das Mehrparteiensystem, die Menschenrechte usw. zu haben.</p>
<p>Aus heutiger Sicht denke ich, wir haben unsere Situation, diesen &#8222;Gulaschkommunismus&#8220; und seine kapitalistischen Keime oder L&ouml;sungen &uuml;bersch&auml;tzt. In Ungarn ist sehr viel reformiert worden, aber jetzt denke ich, wir haben das &uuml;berbewertet.</p>
<p><i>Wie passt das zu der vorherigen Einsch&auml;tzung, dass Ungarn zwischen den Lagern immer einem gro&szlig;en Anpassungsdruck ausgesetzt war? War der eigenst&auml;ndige Weg Ungarns nicht etwas Besonderes?</i></p>
<p>Wir wollten glauben, dass wir die Vorreiter waren; und auch der Westen hat an uns als ein Vorbild gedacht. Nach meiner Meinung fehlten uns die b&uuml;rgerlichen, zivilen und rechtsstaatlichen Voraussetzungen. Deshalb habe ich auf unsere Mentalit&auml;t hingewiesen: Was sich in Ungarn entwickelte, ist weit entfernt vom klassischen Kapitalismus im Weberschen Sinne, noch weiter vom Sozialstaat entfernt.</p>
<p>In der Produktion herrschen wirtschaftsfremde Gesetze: Es fehlt eine Markthaltung, es gibt keinen fairen Wettbewerb und kein Rentabilit&auml;tsprinzip. Im internationalen Vergleich sind nur wenige Menschen, aber die in extremen Ausma&szlig; und sehr schnell reich geworden. Ein Drittel der Bev&ouml;lkerung lebt in Armut und gef&auml;hrdeten Verh&auml;ltnissen. Zugleich gibt es in den letzten Jahren weniger offizielle Statistiken &uuml;ber den sozialen Wandel in Ungarn.</p>
<p>Beim friedlichen &Uuml;bergang in Ungarn spielte das Rechtssystem eine wichtige Rolle. Heute ist jedoch klar, dass Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, die Kontrolle der Macht durch das Verfassungsgericht, Versammlungsfreiheit usw. zu leeren Formeln geworden sind und diese Prinzipien nicht in der ungarischen Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Sozialwissenschaftler sagen, dass Ungarn nicht reif genug f&uuml;r die Demokratie und die Mitgliedschaft in der EU ist. Ohne die ungarische Geschichte und die ungarische Mentalit&auml;t kann man das heutige System nicht verstehen.</p>
<p><i>Was hat sich ge&auml;ndert seit dem letzten Umbruch in Ungarn?</i></p>
<p>Die Demokratie im klassischen Sinne &#8211; konkurrierende Parteien, ein faires Wahlsystem, unabh&auml;ngige Institutionen &#8211; all das war in Ungarn gerade am Entstehen, als die Fidesz an die Macht gelangte. Und nun verschwindet es schon wieder. Wie konnte das passieren? Man sagt manchmal, dass System Orb&aacute;n stammt aus einem Studentenwohnheim. Victor Orb&aacute;n, derzeit Ministerpr&auml;sident, J&aacute;nos &Aacute;der, seit 2012 Staatspr&auml;sident, Laslo K&ouml;ver, heute Vizepr&auml;sident des Parlaments, und andere Prominenten stammen alle aus einer Generation. W&auml;hrend ihrer Studienzeit lebten sie zusammen in einem kleinen Wohnheim, das den Namen Istv&aacute;n Bib&oacute; tr&auml;gt. Bib&oacute; war ein ungarischer Politikwissenschaftler, eine Symbolfigur, der als Privatmann wie als Politiker f&uuml;r die Moralit&auml;t stand. Bib&oacute; war Staatsminister in der Nagy-Regierung und blieb 1956 im Parlament, als die Russen in Ungarn einmarschierten. Sein ber&uuml;hmtes Zitat: &#8222;Demokratie bedeutet &#8218;keine Angst&#8216;.&#8220; Unter Fidesz ist Angst in der Gesellschaft allt&auml;glich geworden. In diesem Wohnheim jedenfalls entstand Fidesz, zuerst als Studenten-Kollegium, danach als ein Verband junger Demokraten, als liberale Partei; sp&auml;ter wurde daraus der sogenannte ungarische B&uuml;rgerbund, die Fidesz &#8211; heute m&auml;chtigste Partei Ungarns. Man kann auch sagen, Fidesz entstand unter dem Schirm der letzten Regierung des Kadarismus &#8211; der damalige Leiter des Wohnheims war der Schwiegersohn des Innenministers &#8211; und mit Unterst&uuml;tzung von George Soros.</p>
<p><i>Was hatte Soros mit der Studentengruppe zu tun? </i></p>
<p>Er hat Orb&aacute;n und viele andere mit Stipendien unterst&uuml;tzt, einige studierten an der Central European University, der von ihm finanzierten Privat-Universit&auml;t in Budapest.</p>
<p><i>Gibt es eine ungarische Bourgeoisie? Wer hat die &ouml;konomische Macht in Ungarn, wer hat die Verm&ouml;gen? In Ostdeutschland wurden die Dinge, die es gab, mehr oder weniger an die Wessis verteilt. Hier gibt es das B&uuml;rgertum des Westens. Aber in Ungarn gibt es ja kein Gegen&uuml;ber wie in Deutschland.</i></p>
<p>Sofort nach der Wende kam eine Debatte: Wie macht man den B&uuml;rger? Wer ist der B&uuml;rger: &ouml;konomisch, gesellschaftlich und politisch? Inzwischen wurde das gesamte staatliche Verm&ouml;gen direkt oder in Form von Entsch&auml;digungsscheinen verteilt. Viele Immobilien, Fabriken und Hotels wurden umsonst oder zum symbolischen Preis von 1 Forint verkauft.</p>
<p><i>An Privatleute?</i></p>
<p>Ja, zum Beispiel an j&uuml;ngere Funktion&auml;re des Kommunistischen Jugendverbands. Teilweise kauften Privatleute die Entsch&auml;digungsscheine auf. Die Gas- und Stromversorgung, aber auch Banken wurden privatisiert und verkauft &#8211; wie &uuml;berall. Orb&aacute;n wusste genau, dass er ein wirtschaftlich homogenes Hinterland braucht. Er sagte, wir brauchen eine neue wirtschaftliche Schicht, eine neue B&uuml;rgerschaft, eine neue Oligarchie. Aber diese Schicht ist sehr d&uuml;nn, ein paar Dutzend Leute nur, fast alle in Orb&aacute;ns Alter. Orb&aacute;n selbst und seine Familie sollen die reichsten Leute in Ungarn sein &#8211; obwohl er sein Verm&ouml;gen vor der &Ouml;ffentlichkeit geheim h&auml;lt.</p>
<p>Die wenigen freien Medien sind voll mit Skandalen &uuml;ber Strohm&auml;nner etc., aber die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht oder findet kein Vergehen, als beispielsweise das Europ&auml;ische Amt f&uuml;r Betrugsbek&auml;mpfung (OLAF) den systematischen Missbrauch von EU-Geldern r&uuml;gte, u.a. durch eine Firma, die einst Istv&aacute;n Tiborcz (dem Schwiegersohn Orb&aacute;ns) mit geh&ouml;rte. Umgekehrt kommen Oppositionelle ins Gef&auml;ngnis &#8211; ohne Beweise.</p>
<p>Es gibt eine Mittelschicht im wirtschaftlichen Sinne, aber auch die h&auml;ngt von Orb&aacute;n ab, weil er Unterst&uuml;tzungen und Kredite verteilen l&auml;sst. Im Land sind die meisten kommunalen Verwaltungen und nahezu alle B&uuml;rgermeister Fans von Fidesz. Durch diese B&uuml;rgermeister werden wirtschaftliche M&ouml;glichkeiten f&uuml;r diese Schicht &#8222;organisiert&#8220;. Sie sind die Reichen auf dem Lande, sie haben sch&ouml;ne Autos, H&auml;user, sie veranstalten B&auml;lle, verreisen zusammen &#8230; Das nennt man bei uns die Mittelschicht. Sie sind weder kritisch noch intellektuell. Sie sind keine B&uuml;rger im emphatischen Sinn, sie haben keine b&uuml;rgerlichen Gedanken. Wenn etwa jemand als B&uuml;rgermeister unabh&auml;ngig von Fidesz sein will, ist klar, dass seine Stadt oder sein Dorf kein Geld mehr bekommt. Die kommunale Verwaltung ist daher kein Gegengewicht zur zentralen Macht.</p>
<p><i>Kapitalismus entsteht mit der Privatisierung von Eigentum. In den osteurop&auml;ischen Staaten gibt es &#8211; abgesehen vom Sonderfall Ostdeutschland &#8211; so etwas wie eine urspr&uuml;ngliche Akkumulation des Kapitals, die die neue wirtschaftliche Macht der Oberschicht, der Oligarchie begr&uuml;ndet. Kann man so etwas auch f&uuml;r Ungarn beschreiben? </i></p>
<p>Die ungarische Oberschicht ist durch EU-Gelder und durch Korruption entstanden. Da ist diese riesige Menge EU-F&ouml;rdergelder, die durch das System Orb&aacute;n verteilt wird. Das ist kein klassischer rationaler Kapitalismus, h&ouml;chstens staatlicher Kapitalismus.</p>
<p><i>Die ungarische Wirtschaft stelle ich mir eher schwach vor, sie war doch immer stark landwirtschaftlich gepr&auml;gt.</i></p>
<p>Das ist sie nicht mehr. Es gibt heute leider nicht viele Informationen dazu. Man kann derzeit keine klaren gesellschaftlichen Strukturen f&uuml;r Ungarn beschreiben, auch keine Wirtschaftsstrukturen. Wir wussten beispielsweise f&uuml;r die 1980er Jahre, dass der Anteil der Landwirtschaft am Wirtschaftsaufkommen bei 17&nbsp;Prozent lag. Jetzt wei&szlig; man es nicht mehr. Vor einigen Jahren waren das drei Prozent. Dabei besitzen die reichsten zwei Prozent der Grundbesitzer zwei Drittel der gesamten ungarischen L&auml;ndereien und W&auml;lder. &Auml;hnlich sieht es bei den Energieversorgern aus.</p>
<p>In Ungarn boomt derzeit der Bau von Stra&szlig;en und &ouml;ffentlichen Geb&auml;ude. Die Firmen, die das ausf&uuml;hren, geh&ouml;ren einigen wenigen Leuten. Sie leben von der staatlichen Auftragsvergabe. Die staatlichen Auftr&auml;ge m&uuml;ssen ausgeschrieben werden, theoretisch k&ouml;nnten sich auch Unternehmen aus der EU darauf bewerben. Die Vergabe der Auftr&auml;ge erfolgt in Ungarn nach einer Art Rotationsprinzip zwischen A, B und vielleicht noch C. Der Markt ist zwischen ihnen aufgeteilt. Kommt A diesmal zum Zuge, kommen beim n&auml;chsten Mal B und C dran. Es geht um sehr wenige Unternehmer, die genau wissen, was sie vom Staat bekommen k&ouml;nnen.</p>
<p>Auf dem Arbeitsmarkt gibt es eine gro&szlig;e Zahl von &ouml;ffentlichen, kommunalen Arbeitern: Wenn man arbeitslos ist, muss man sich bei einem Rat oder beim B&uuml;rgermeister um diese Arbeit bewerben. Auf dem Land ist diese Arbeitsart weit verbreitet. Die Arbeiter &#8211; das sind heute etwa 200.000 im ganzen Land &#8211; bekommen f&uuml;r acht Stunden kommunaler Arbeit pro Arbeitstag ein l&auml;cherliches Monatsgehalt von umgerechnet netto etwa 150 Euro. Man bekommt nur dann Geld, wenn man arbeitet; aber es gibt nur Arbeit, wenn man f&uuml;r Fidesz stimmt. Daraus entsteht eine tote Schicht, denn diese Leute sind arm und sprachlos. Diese kommunale Arbeit bessert vor allem die Arbeitslosenstatistik auf.</p>
<p><i>Gibt es so etwas wie unabh&auml;ngige, &ouml;konomisch selbst&auml;ndige B&uuml;rger in Ungarn?</i></p>
<p>Unabh&auml;ngige B&uuml;rger gibt es, aber dass sie als Schicht eine gemeinsame Stimme oder Meinung gegen&uuml;ber dem Staat vertreten, so etwas gibt es meines Wissens nicht. Man h&ouml;rt zum Beispiel, dass Angestellte in der Verwaltung mit dem Handy fotografieren sollten, wie sie w&auml;hlen, damit sie ihrem Chef zeigen k&ouml;nnen, wem sie ihre Stimme gegeben haben. Oder es gibt privilegierte Angestellte, etwa an der neuen Universit&auml;t f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Dienst. Dort werden alle Staatsdiener, Polizisten, Milit&auml;rs, und Verwaltungsbeamte ausgebildet. Sie bekommen doppelt so hohen Lohn, aber von ihnen wird eine besondere Loyalit&auml;t zum Staat erwartet.</p>
<p><i>Was du beschreibst, klingt wie ein feudales System: lauter Abh&auml;ngigkeiten von der Politik, keine selbst&auml;ndige &ouml;konomische Macht.</i></p>
<p>Es war von Anfang kein Kapitalismus. Es ist ein gemischtes System, das von staatlichen Geldern lebt. Es gibt heute nat&uuml;rlich kapitalistische Momente in Ungarn. In der Wirklichkeit gibt es nirgendwo ein reines System. Aber das in Ungarn ist eine Fehlgeburt.</p>
<p><i>Wie verhalten sich die Opposition und die Linke in dieser Situation?</i></p>
<p>Alte Kommunisten gibt es nicht mehr, die neuen Sozialisten sind noch nicht geboren und eine klassische Sozialdemokratie gibt es in Ungarn auch nicht. Die alte sozialistische Partei hat keinen guten Ruf. Die Leute glauben ihnen nicht. Neue linke Parteien, etwa die Partei &#8222;Politik kann anders sein&#8220; oder die Partei &#8222;Momentum&#8220;, spielen keine Rolle. Die Opposition ist insgesamt schwach, nicht kompromissf&auml;hig und k&auml;mpft oft gegeneinander. Immerhin thematisiert sie viele wichtige Probleme.<br />Au&szlig;erdem muss man daran erinnern, dass wohl die H&auml;lfte der W&auml;hler f&uuml;r Fidesz gestimmt hat, sie im Parlament jedoch zwei Drittel der Sitze haben. Dar&uuml;ber hinaus sind 98 Prozent der ungarischen Medien regierungsnah.</p>
<p>Innerhalb von Fidesz gibt es keine erkennbaren Gruppierungen. Sie ist ein geschlossenes System, das sich der Transparenz verweigert. Es ist klar, dass Fidesz kein Programm hat! Sie haben im Wahlkampf kein Wort &uuml;ber Gesundheit, Schulen, Sozialsystem, Armut, Korruption oder Kultur verloren. Von ihnen kam nur: &#8222;Stop Soros!&#8220; und &#8222;Keine Migranten&#8220;. Das gr&ouml;&szlig;te Plakat, das ich von Fidesz gesehen habe, war nur mit einem Wort beschrieben: &#8222;Stop!&#8220;; ein Stoppschild und im Hintergrund Migranten &#8211; mehr nicht. Und es hat funktioniert!</p>
<p><i>Warum funktioniert so etwas? Woran ist die Modernisierung in Ungarn gescheitert?</i></p>
<p>Wie ich schon sagte, haben sich die demokratischen Traditionen in Ungarn als viel schw&auml;cher herausgestellt, als wir immer dachten. Nach einer kurzen Euphorie trat schnell die Ern&uuml;chterung ein. Vor ungef&auml;hr 10 oder 12 Jahren gab es eine Bev&ouml;lkerungsumfrage. Damals war Ungarn tief im wirtschaftlichen Chaos und in der Krise. Die Mehrheit der Befragten zeigte sich tief entt&auml;uscht vom Kapitalismus und von der Rechtsstaatlichkeit. Orb&aacute;n hat das genutzt. Es besteht kein Zweifel, dass Orb&aacute;n Charisma besitzt, und er l&auml;ngst zum Populismus &uuml;bergegangen ist. Sein Populismus baut stark auf der Angst vor Fremden, auf Nationalismus auf. Orb&aacute;n ist beliebt, besonders bei Menschen mit geringerer Bildung. Die Macht ist nicht nur vertikal, sondern auch horizontal monopolisiert, was man besonders auf dem Land und in den Familien sieht. Und nicht zu vergessen: Viele Leute schweigen aus Angst vor Repressionen!</p>
<p><i>Was h&auml;ltst du von den kritischen Fragen der EU zum ungarischen Gerichtssystem und dem neuen Universit&auml;tsgesetz? Die Unabh&auml;ngigkeit der Gerichte sei nicht mehr gew&auml;hrleistet, und die von Soros gegr&uuml;ndete Europauniversit&auml;t (CEU) soll geschlossen werden.</i></p>
<p>Wegen dieser Universit&auml;t gibt es eine gro&szlig;e Aufregung unter den Intellektuellen in Ungarn. Aber das ist nur ein Teil der Soros-Geschichte. Der andere Teil ist eine ver&ouml;ffentlichte Liste mit Namen bestimmter Personen, die zu Soros&acute; Netz geh&ouml;ren sollen. Das wirkt wie eine Abstempelung ber&uuml;hmter Wissenschaftler, &auml;lterer Minister und bestimmter Schriftsteller, wie eine S&uuml;ndenliste. Eine solche Liste bedeutet f&uuml;r eine Gesellschaft immer, dass sie gro&szlig;e Probleme mit der Demokratie hat.</p>
<p>Soros hat die Zivilgesellschaft in Ungarn umf&auml;nglich unterst&uuml;tzt. Er hat mehr gegeben als die ganze ungarische Elite zusammen. Nach dem sogenannten Stopp-Soros-Gesetz m&uuml;ssen alle zivilen Organisationen oder Vereine, die mehr als 7,3 Millionen Forint bekommen, das anmelden und 25% ihres Einkommens versteuern. Und alle zivilen Organisationen, die Migranten helfen, m&uuml;ssen das anmelden. Ich als Privatperson darf keine Migranten unterst&uuml;tzen, nicht einmal mit einem Sandwich.</p>
<p>Die meisten Menschen haben in Ungarn weder die Kraft noch den Mut, zivile Institutionen zu unterst&uuml;tzen oder daf&uuml;r zu arbeiten. Die, die sich mit Kranken, mit Kindern, mit armen Leuten oder mit Bildung besch&auml;ftigen, bekommen zu wenig Unterst&uuml;tzung. Die meisten wohlhabenden Leute sind kein Vorbild. Ein Durchschnittsmensch hat in Ungarn keine oder nur wenig Zeit f&uuml;r ziviles Engagement. Wenn man eine Arbeit hat, muss man sehr viel leisten. Ich mache z.B. drei verschiedene Jobs, damit ich &uuml;berhaupt &uuml;berlebe. Da bleibt keine Zeit f&uuml;r ziviles Engagement. Und man kann fast nichts geben, weil man wenig hat.</p>
<p><i>Was ist mit den Vorhalten der EU zur ungarischen Justiz?</i></p>
<p>Der Justiz wird mit den neuen Gesetzen die Unabh&auml;ngigkeit genommen. Sie wurde v&ouml;llig dem Justizministerium unterworfen, des sogenannte Amt der Richter wird manipuliert. Die Richter k&auml;mpfen immer noch um ihre Unabh&auml;ngigkeit. Sie m&uuml;ssen jetzt mit 64 Jahren in den Ruhestand gehen. Es ist geplant, den Obersten Gerichtshof mit dem Verfassungsgericht zu verschmelzen. Und die Verwaltungsgerichte hat man von der normalen Gerichtsstruktur getrennt. In unserem neuen System sollen die Richter an den Verwaltungsgerichten gar keine richtigen Richter mehr sein. Die neuen Richter kommen aus der Verwaltung, werden an einer neuen &#8211; von der Regierung gegr&uuml;ndeten &#8211; Universit&auml;t ausgebildet. Was hier stattfindet ist die Bildung eines Justizapparats, der sich gegen&uuml;ber dem Staat loyal verh&auml;lt.</p>
<p><i>Das klingt schlimmer als die Berichte aus Russland. Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch und alles Gute f&uuml;r Dich.</i></p>
<p><i>Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrten Rosemarie Will und Sven L&uuml;ders.<br /></i></p>
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		<title>Pflichtlektüre für PolitikerInnen und solche, die es werden wollen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 03:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In: vorgänge Nr. 224 (4/2018), S. 87-91 Ernst Hillebrand (Hg.), Rechtspopulismus in Europa. Gefahr für die Demokratie? Dietz-Verlag, 2. Aufl., 2017, 191 Seiten, 16.70 &#128; Das Anwachsen der rechtspopulistischen Bewegungen ist nicht neu. Ihr Aufstieg begann bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert. In den vergangenen Jahren hat diese Entwicklung jedoch eine neue Qualität erreicht. Die [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In: vorgänge Nr. 224 (4/2018), S. 87-91</p>
<p><i>Ernst Hillebrand (Hg.), Rechtspopulismus in Europa. Gefahr für die Demokratie? Dietz-Verlag, 2. Aufl., 2017, 191 Seiten, 16.70 &#128;</i></p>
<p>Das Anwachsen der rechtspopulistischen Bewegungen ist nicht neu. Ihr Aufstieg begann bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert. In den vergangenen Jahren hat diese Entwicklung jedoch eine neue Qualität erreicht. Die Dynamik dieser Entwicklung sowie die soziale Verankerung der rechtspopulistischen Parteien in Europa werden im 1. Teil des Buches beschrieben und bewertet. Der 2. Teil analysiert die Ursachen der Erfolge der Rechtspopulisten. Den 3. Teil schließlich bildet die Frage nach einem vernünftigen gesellschaftlichen und politischen Umgang mit den Wählern rechtspopulistischer Parteien. </p>
<p>Der 1. Teil gibt einen kurzen und knappen Überblick über die rechtspopulistischen Parteien in Europa, spart allerdings die sogenannte <i>Schwedenpartei</i> und die <i>AfD</i> aus &#150; was verwundert. Die Beiträge schildern das Programm der Parteien, ihre Entwicklung, die Gründe für ihren Aufstieg, den derzeitigen Stand sowie in Einzelfällen die Perspektiven. Zum Teil werden auch die Führungsfiguren beschrieben, etwa Umberto Bossi von der <i>Lega Nord</i> (S. 45) oder Geert Wilders von der <i>Partei für die Freiheit</i> (PVV, S. 55ff.). Dabei ist der Redaktionsschluss des Buches (2017) ein kleines Problem, denn die Entwicklung verläuft manchmal anders als von den Autoren prognostiziert. So hält etwa Michael Braun die <i>Lega Nord </i>und die <i>5 Sterne Bewegung</i> in Italien für nicht koalitionsfähig (S. 48). Nach der Wahl 2018 bildeten sie jedoch gemeinsam die Regierung.</p>
<p>Im Einzelnen: Die <i>Dänische Volkspartei </i>(S. 15ff.) entwickelte sich aus der Spaltung der Fortschrittspartei in den frühen 1990er Jahren. Als ihre zentrale Aufgabe sieht sie die Bewahrung der nordischen freiheitlichen Demokratie (S. 22). Muslime sind für die Partei das zentrale Problem: sie seien auf dem Arbeitsmarkt unterrepräsentiert, nähmen aber überproportional Sozialleistungen in Anspruch (S. 21). Die Partei hatte die Möglichkeit der Regierungsbeteiligung, lehnte dies aber ab.</p>
<p>Der <i>Front National </i>(FN, S. 24ff.) wurde 1972 gegründet und zog seitdem immer mehr Wähler an. So erhielt die Vorsitzende Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl 2017 im zweiten Wahlgang 33,9% der Stimmen. Die Partei konnte ihre Position jedoch nicht in politische Macht umsetzen. Die politischen Positionen reichen von der Ablehnung des politischen Systems, dem Kampf gegen Terrorismus sowie der Ablehnung des Islam. Nach der Wahl kündigte Le Pen eine Umbenennung an. 2018 wurde die Partei mit großer Mehrheit in <i>Rassemblement National</i> umbenannt.</p>
<p>Der Beitrag über die <i>UK Independence Party</i> (UKIP) schildert zunächst die Gründe, warum diese Partei in England bei der Europawahl 2014 fast 27% der Stimmen gewinnen konnte (S. 31ff.). Es handelt sich einmal um die Veränderungen der Wirtschafts- und Sozialstruktur, die eine ganze Bevölkerungsschicht an den Rand drängten und zum zweiten um den sich seit Generationen vollziehenden Wertewandel in sozialen und kulturellen Fragen (Einwanderung, Gender, Europa und wachsende ethnische Vielfalt), der verschiedenen Wählergruppen das Gefühl vermittelt, noch einmal abgehängt zu werden. Allerdings stürzte die Partei bei vorgezogenen Unterhauswahl 2017 auf weniger als 2% ab &#150; nach fast 13% bei Wahl 2015. Ob die Partei sich davon erholen oder ob eine neue Bewegung kommen wird, hält der Autor für fraglich (S. 38f.).</p>
<p>Die Entwicklung der <i>Lega Nord </i>wird ausführlich dargestellt, von der Gründung in den 1980er Jahren, über einzelne Regierungsbeteiligungen (S. 42f.) und das Schwanken zwischen offenem Sezessionismus und föderalistischen Lösungen (S. 44) bis zur schweren Krise, die ein Untreue-Skandal um den Vorsitzenden Umberto Bossi 2012 auslöste und die fast das Ende der Partei herbeiführte. Bei der Wahl 2013 überwand die Lega nur knapp die 4%-Hürde für den Einzug in das Parlament (S. 45). Der Nachfolger Salvini fokussierte die Partei auf die &#132;Invasion&#147; der Ausländer, was ihr 2018 einen großen Wahlerfolg und die Regierungsverantwortung bescherte; Salvani ist seitdem Innenminister.</p>
<p>Die niederländische <i>Partei für die Freiheit </i>(PVV) wurde 2006 gegründet. Ihre Ideologie steht auf vier Säulen: &#132;<i>Islam-Alarmismus, Populismus, Nationalismus, Recht und Ordnung</i>&#147; (S. 52). Der erbitterte Kampf gegen den Islam geht einher mit einer starken Abneigung der Elite. Die PVV ist ganz auf Geert Wilders ausgerichtet, der das einzige offizielle Mitglied der Partei ist (S. 55ff). In seiner Hand liegen die Vergabe von Parteiposten sowie die Nominierung aller Kandidaturen für Wahlen, aufgrund ihrer personalisierten Struktur unterliegt die PVV auch nicht den üblichen Anforderungen an die Transparenz ihrer Einnahmen, die für andere Parteien in den Niederlanden gelten.</p>
<p>Am 11. Oktober 2008 starb Jörg Haider mit 1,8 Promille im Blut bei einem Verkehrsunfall (S. 60ff). Haider hatte als Vorsitzender der <i>Freiheitlichen Partei Österreichs </i>(FPÖ) seit 1986 die autoritäre Grundstimmung der Bevölkerung aufgegriffen und eine scharfe Ausländer- und Migrationspolitik eingeleitet, verknüpft mit einer Law and Order-Politik und einem Euroskeptizismus. Damit gelangte die FPÖ von 1983-1986 in eine Regierung mit der SPÖ und von 2000 bis 2005 mit der ÖVP. Kritiker der FPÖ hatten gehofft, dass nach dem Tod Haiders auch das Ende des Rechtspopulismus in Österreich gekommen sei. Aber es kam anders. Unter Heinz-Christian Strache, der die Partei seit 2005 führt, erreichte die FPÖ im Jahr 2013 bei der Nationalratswahl 20% der Stimmen, seit Dezember 2017 stellt sie in einer Regierung mit der ÖVP den Vizekanzler.</p>
<p>Die polnische <i>Partei Recht und Gerechtigkeit</i> (PiS, S. 70ff.) ist die Partei für die Ausgestoßenen der Gesellschaft und für die Verlierer der wirtschaftlichen Entwicklung. Die PiS versprach ihnen Schutz vor der egoistischen gierigen Elite (S. 71). Nach der Parlamentswahl 2007 wurde die PiS stärkste Oppositionspartei und schwenkte vom autoritären Sozialpopulismus zunehmend zu einer national-katholischen Ideologie um. Eine weitere Radikalisierung setzte nach dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Smolensk am 10. April 2010 ein, bei dem u. a. Präsident Lech Kaczynski ums Leben kam (S. 74f.). Bei der Parlamentswahl 2015 erreichte die PiS die absolute Mehrheit im Sejm und im Senat (S. 76). Die Partei setzte ihre sozialen Versprechungen um und verfolgte eine xenophobe Politik, die von der Mehrheit der Polen befürwortet wird (S. 77). Entgegen ihren Versprechungen übernahm die Regierung die Kontrolle über die Justiz (einschließlich des Verfassungsgerichts) und schaltete die Medien gleich. Dagegen gab es breiten Protest vieler Polen, der Konflikt prägt seitdem das öffentliche Leben im Land (S. 78). Wegen des Redaktionsschlusses geht der Beitrag leider nicht auf das mittlerweile von der EU  eingeleitete Vertragsverletzungsverfahren ein, an dessen Ende die Aussetzung von Stimmrechten Polens im Rat der EU stehen könnte.</p>
<p>Die <i>Schweizerische Volkspartei</i> (SVP, S. 79ff.) ist seit Beginn der 2000er Jahre die wählerstärkste Partei in der Schweiz. Ihren Namen erhielt sie 1971, nachdem zwei wichtige Kantonalparteien zu ihr stießen. Zugleich öffnete sie sich zur Mitte hin. Anfang der 1990er Jahre kam es zu einer Zäsur: Die SVP rückte an den rechten Rand, lehnte den Beitritt zum EWR ab (1992), verolgte eine restriktive Migrationspolitik, einen wirtschaftspolitischen Liberalismus und eine gegen die politische Klasse gerichtete Rhetorik. Bei den Nationalratswahlen 2011 erhielt sie 26,6%, vier Jahre später 29,4% der Stimmen. Es ist ihr gelungen, das Unbehagen gegenüber der Zuwanderung, die Angst vor Kriminalität, das Gefühl der Bedrohung schweizerischer Grundwerte und das Misstrauen gegenüber einem umfassenden Wohlfahrtsstaat in Wählerstimmen umzusetzen (S. 82). Treibende Kraft war dabei Christoph Blocher (S. 84). Allerdings könne die Partei nicht ohne Wenn und Aber dem Lager der rechtspopulistischen Parteien zugeschlagen werden, so der Autor (S. 87).</p>
<p>In Tschechien (S. 90ff) war die politische Lage nach dem Fall des Kommunismus geradezu stabil. Doch mit der Zeit wurde die Korruption das zentrale Problem der tschechischen Politik, große Teile der Wählerschaft verloren das Vertrauten in die traditionellen Parteien. Im November 2011 gründete der Unternehmer Andrej Babis die Partei ANO gründete, die sich durch ihren Unternehmerpopulismus auszeichnet. Ziel von Babis Politik ist es nicht, die Fehler seiner Vorgänger zu korrigieren, sondern die Entscheidungen der öffentlichen Verwaltung so zu kontrollieren, dass sie seinen unternehmerischen Interessen entsprechen (S. 94f). Babis war von 2014 bis 2017 Finanzminister. Der Autor sah ihn als Favoriten für die Parlamentswahlen im Oktober 2017 &#150; und in der Tat wurde er am 13. Dezember 2017 zum Ministerpräsidenten ernannt.</p>
<p>Der <i>Ungarische Bürgerbund </i>(Fidesz, S. 97ff.) entstand in der Zeit des politischen Wandels als radikalliberale alternative Jugendbewegung. Doch bereits 1992 setzte ein Rechtsschwenk ein, der sich nach dem schlechten Abschneiden bei der Parlamentswahl 1994 verschärfte. Im Jahre 1998 trat Fidesz jedoch als führende Kraft in eine rechtsgerichtete Koalitionsregierung ein. Dieses 1. Kabinett Orban offenbarte bereits autoritäre Züge. Die Parlamentswahl 2002 endete mit einer knappen Niederlage. In den folgenden Oppositionsjahren wurde die Partei immer radikaler und populistischer. Seit 1993 steht sie unter der Kontrolle von Viktor Orban, der auch nach den Wahlniederlagen 2002 und 2006 nicht in Frage gestellt wurde. Nach der Wahl 2006 konnte Orban mit einer 2/3 Mehrheit an die Umsetzung seines Programms gehen: der Rechtsstaat wurde systematisch ausgehöhlt, das System der Gewaltenteilung ausgehebelt. 2014 plädierte er in einer Rede für den Aufbau eines &#132;illiberalen Staates&#147; (S. 101). Mit seiner autoritären Wende und der Transformation des institutionellen Systems wurde Orban zum &#132;Vorbild&#147; einer illiberalen, populistischen Politik. Wegen des Redaktionsschlusses kann der Autor auch hier leider nicht mehr auf die Reaktionen der EU eingehen (siehe oben).</p>
<p>Im 2. Teil des Buches &#150; bei der politischen Bewertung (S. 107ff.) &#150; kommen die meisten AutorInnen zu dem Ergebnis, dass die populistischen Parteien besonders Erwerbstätige, junge Menschen und Angehörige der Unterschicht anziehen. Der Gegensatz zwischen den Unterschichten, die den Anschluss an die demokratische Entwicklung verlieren, und den Führungsschichten ist der Treibsatz für die Rechten (S. 132f). Gründe hierfür sind die Ängste vor der Globalisierung und der Migration. Die Unterschicht sieht sich als Verlierer der Globalisierung und lehnt die europäische Integration ab (S. 118ff.). Wie sollen die Parteien darauf reagieren? Moralische Empörung reicht nicht (S. 120, 125), die Parteien müssen stattdessen Antworten auf die neuen Herausforderungen finden und eine wirklichkeitsnahe, umfassende Regierungsagenda entwickeln (S. 128). Dabei gehöre die soziale Frage wieder in das Zentrum der öffentlichen Debatte (S. 121). Die Parteien müssen beweisen, dass sie mehr Vertrauen verdienen als die Populisten (S. 129) &#150; was in besonderem Maße von den Personen abhänge, die in den Parteien das Sagen haben (S. 134, 142).</p>
<p>Im 3. Teil (&#132;Die Linke und der Rechtspopulismus&#147;) kommt es zu Überschneidungen und Wiederholungen von Gedanken, die bereits im 2. Kapitel thematisiert wurden. Hier geht es um die &#132;Herausforderer der etablierten Parteien&#147; (S. 151); um unterschiedliche Werte in verschiedenen Bildungsschichten (etwa die Haltungen zu offenen Grenzen, Einwanderung und europäische Integration bei Akademikern und weniger Gebildeten, s.S. 153); um die mangelnde Qualität der Politiker (S. 157f.) und um die fehlende gesellschaftliche Bindekraft der Volksparteien (S. 158). Es helfe nichts, dass man den Wählern rechtspopulistischer Parteien die eigene moralische Überlegenheit entgegenhält (S. 161), denn in Fragen der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes oder der Bildungspolitik beispielsweise werden viel zu sehr die Interessen und Vorurteile der Funktionseliten bedient (S. 167). Eine Folge dieser Entwicklung: Etablierte Politik werde nur noch als lächerliches Gezänk von Berufspolitikern wahrgenommen, denen die realen Probleme der BürgerInnen egal sind (S. 171). Jene fühlen sich von der Politik nicht mehr repräsentiert, trauen den Politikern nichts mehr zu und werden durch die Art, wie gesprochen wird, nicht mehr erreicht (S. 172f). Das Erstarken der rechtspopulistischen Parteien ist in erster Linie der politische Ausdruck von Verunsicherung vor einem relativen sozialen, beruflichen und wirtschaftlichen Abstieg (S. 176f). Hinzukomme das Gefühl des politischen Kontrollverlustes gegenüber dem globalisierten Kapitalismus (S. 177) sowie die Angst vor dem Verlust identitätsstiftender Lebensverhältnisse (S. 178). Was tun? Der Herausgeber Hillebrand fordert unter Bezugnahme auf Axel Honneth eine Politik der Anerkennung (S. 180f.). Die Menschen würden sich dann wieder respektiert fühlen. Erst wenn die Politik deutlich macht, dass ihr Verhältnis gegenüber den Menschen von Wertschätzung und Respekt getragen ist, wird sie dem Rechtspopulismus dauerhaft das Wasser abgraben können.</p>
<p>Insgesamt gibt das Buch einen knappen Überblick über die Situation des Rechtspopulismus in zahlreichen europäischen Staaten, wobei die Entwicklung inzwischen über den Redaktionsschluss hinweggegangen ist. Dies ist jedoch kein Makel. Im 2. und 3. Teil zeigen die AutorInnen die Gründe für das Aufkommen und Erstarken des Rechtspopulismus auf und tragen einige Ideen vor, wie dem entgegen getreten werden kann.</p>
<p><i>Herbert Mandelartz war bis 2006 im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung tätig und war anschließend u.a. Lehrbeauftragter an der Humboldt Universität zu Berlin.</i></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Drei Versuche, die Popularität des Populismus zu verstehen</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/drei-versuche-die-popularitaet-des-populismus-zu-verstehen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 03:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In: vorg&#228;nge Nr. 224 (4/2018), S. 91-99 &#220;ber die Aufl&#246;sung klassischer Millieus und Lebenslagen, die zunehmende Politikverdrossenheit und einen latenten, aber weit verbreiteten Rassismus wird schon seit Jahrzehnten diskutiert und geschrieben. Dennoch haben die Wahlerfolge der Populisten viele liberale Denker*innen aufgeschreckt: Was ist passiert, dass sich so viele Menschen von den klassischen Parteien nicht mehr [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In: vorg&auml;nge Nr. 224 (4/2018), S. 91-99</p>
<p>&Uuml;ber die Aufl&ouml;sung klassischer Millieus und Lebenslagen, die zunehmende Politikverdrossenheit und einen latenten, aber weit verbreiteten Rassismus wird schon seit Jahrzehnten diskutiert und geschrieben. Dennoch haben die Wahlerfolge der Populisten viele liberale Denker*innen aufgeschreckt: Was ist passiert, dass sich so viele Menschen von den klassischen Parteien nicht mehr nur entt&auml;uscht zeigen, sondern ganz abwenden? Womit lassen sich umgekehrt die Erfolge (rechts-)populistischer Kandidat*innen und Bewegungen erkl&auml;ren, die nach traditionellen Ma&szlig;st&auml;ben weder praktikable noch akzeptable L&ouml;sungen f&uuml;r die zentralen politischen Probleme vorweisen k&ouml;nnen? Und was kann gegen die vielerorts zu beobachtende Polarisierung und Radikalisierung der politischen Lager unternommen werden? Zu diesen Fragen, die sich im Zuge des <i>populistic turn</i> stellen, gibt es mittlerweile zahlreiche Ver&ouml;ffentlichungen. Drei davon sollen hier kurz vorgestellt werden. Sie versuchen auf unterschiedliche Art und Weise, die Motive jener Abtr&uuml;nnigen in (Ost-)Deutschland, Frankreich und den USA besser zu verstehen. Im Einzelnen handelt es sich um:</p>
<p><i>Johannes Hillje: R&uuml;ckkehr zu den politischen Verlassenen. Gespr&auml;che in rechtspopulistischen Hochburgen in Deutschland. Studie f&uuml;r das Progressive Zentrum, 26 S., Berlin 2018, unter </i><a href="http://www.progressives-zentrum.org/die-verlassenen/" target="_blank" rel="noopener"><i>http://www.progressives-zentrum.org/die-verlassenen/</i></a></p>
<p>Das in Berlin ans&auml;ssige Progressive Zentrum sowie die franz&ouml;sische Kampagnenschmiede Liegey Muller-Pons haben die Wahlmilieus des Front National bzw. der Alternative f&uuml;r Deutschland (AfD) in Frankreich bzw. Deutschland untersucht. Dazu befragte ein gemeinsames Forschungsprojekt 500 Haushalte in jeweils sechs Regionen Frankreichs und Deutschlands. F&uuml;r die deutschen Projektpartner hat Johannes Hillje eine Auswertung vorgelegt, die aus deutscher Sicht zentrale Ergebnisse der Befragung sowie Handlungsempfehlungen f&uuml;r die (deutsche) Politik vorstellt. Erkl&auml;rtes Ziel des Projektes ist es, einen Beitrag zur &Uuml;berwindung der gegenw&auml;rtig zu beobachtenden Spaltung der Gesellschaft zu leisten: &#8222;<i>Dieses Projekt m&ouml;chte einen ersten Schritt unternehmen und hat sich zur Aufgabe gemacht denjenigen zuzuh&ouml;ren, &uuml;ber die sonst geredet wird.</i>&#8220; (S.&nbsp;3)&nbsp; Mit relativ offen formulierten Fragen wurde abgerufen, welche Probleme die Befragten im Land bzw. im lokalen Umfeld ausmachen, was die Gr&uuml;nde f&uuml;r deren mutma&szlig;liche Politikverdrossenheit sind und welche Erwartungen sie an die k&uuml;nftige L&ouml;sung dieser Probleme haben. Die Regionen wurden danach ausgew&auml;hlt, dass sie eine hohe soziale und &ouml;konomische Benachteiligung sowie hohe Wahlergebnisse f&uuml;r die AfD bzw. den Front National aufwiesen, zugleich aber verschiedene politische (z.B. Ost/ West-Deutschland) bzw. urbane Strukturen (Stadt, Kleinstadt/Vorstadt, Land) repr&auml;sentieren. Bei den Befragten handelt es sich um Bewohner*innen der Wahlhochburgen &#8211; ob sie AfD bzw. FN gew&auml;hlt haben, wurde nicht explizit erfragt. Die Befragung der deutschen Teilnehmer*innen fand kurz vor der Bundestagswahl 2017 statt.</p>
<p>Als wichtigstes bundespolitisches Problem benannte die H&auml;lfte der deutschen Befragten &#8222;Migration&#8220; &#8211; zum einen, weil die Aufnahme von Migrant*innen erhebliche Kosten verursache und damit Ressourcen binde, die an anderer Stelle fehlen. Au&szlig;erdem wird ihr Zuzug als Kriminalit&auml;tsrisiko gesehen, wobei &#8222;<i>eher von &Auml;ngsten vor als von pers&ouml;nlichen Erfahrungen mit Ausl&auml;nderkriminalit&auml;t gesprochen wird.</i>&#8220; (S.&nbsp;9) An zweiter Stelle rangiert die Unzufriedenheit mit der politischen Praxis (bzw. der politischen Elite), die sich vor allem am Verhalten der Politiker (unehrlich, egoistisch, zu weit weg von den Menschen), am zu gro&szlig;en Einfluss von Wirtschaft und Lobbyist*innen auf politische Entscheidungen sowie an einer als mangelhaft wahrgenommenen Probleml&ouml;sungskompetenz der Politik festmacht. Auf den Punkt gebracht lautet diese Kritik: &#8222;<i>Wenn die Politik Probleme angeht, dann sind es nicht meine und sie tut es nicht in meinem Interesse.</i>&#8220; (S.&nbsp;10) Daraus entstehe ein &#8222;<i>Gef&uuml;hl der politischen Benachteiligung</i>&#8220;, das sich aus der &#8222;<i>mangelnden Anerkennung und falschen Bearbeitung der Probleme aus der eigenen Lebensrealit&auml;t</i>&#8220; (ebd.) speist.</p>
<p>Gem&auml;&szlig; ihrem Anspruch, der sich zun&auml;chst auf das Verstehen der Befragten beschr&auml;nkt, unternimmt die Studie keinen Versuch, diese subjektiven Problembeschreibungen der Befragten mit objektiven Kriterien abzugleichen. F&uuml;r die mit der Migration verbundenen Fragen w&auml;re ein solcher Abgleich methodisch sicher aufw&auml;ndig, denn er w&uuml;rde beispielsweise bezogen auf die Kritik an der staatlichen Priorit&auml;tensetzung und der Ressourcenverteilung eine Untersuchung erfordern, welche sozialstaatlichen&nbsp;/&nbsp;gesellschaftspolitischen Vorhaben h&auml;tten realisiert werden k&ouml;nnen, wenn es die Einwanderungswelle ab 2015 nicht gegeben h&auml;tte (&#8222;kontrafaktische Geschichte&#8220;). Das zweite Problemfeld &#8211; die Unzufriedenheit mit der politischen Praxis &#8211; ist einer empirischen Pr&uuml;fung dagegen leichter zug&auml;nglich: Hier zeigen j&uuml;ngere Untersuchungen zur Responsivit&auml;t politischer Entscheidungen in Deutschland, dass der Eindruck zunehmenden Alltagsferne politischer Entscheidungen und einer Benachteiligung ihrer Interessen keineswegs falsch ist. So stellen Els&auml;sser, Hense und Sch&auml;fer in ihrem 2016 vorgelegten Bericht &#8222;<i>einen deutlichen Zusammenhang zwischen den getroffenen politischen Entscheidungen und den Einstellungen der Bessergestellten</i>&#8220; fest, w&auml;hrend die Mehrzahl der (bundes-)politischen Entscheidungen von den Interessen der Einkommensschwachen abweicht. [1]</p>
<p>Doch zur&uuml;ck zu den von der Studie identifizierten Problemfeldern: Bei der Abfrage, was die wichtigsten Probleme im lokalen Umfeld (Stadt/Stadtteil) bzw. im pers&ouml;nlichen Alltag sind, werden andere Priorit&auml;ten sichtbar. F&uuml;r ihr lokales Umfeld problematisieren die Befragten vor allem den Mangel bzw. Schwund &ouml;ffentlicher Infrastrukturen (Postamt, &Auml;rzte, Kinderbetreuung, Beh&ouml;rden, Einkaufsm&ouml;glichkeiten) sowie die d&uuml;rftigen Nahverkehrsangebote, die im kleinst&auml;dtischen Umfeld bzw. auf dem Land viel dr&auml;ngender scheinen als konkrete Fragen der Migration/Integration, die hier erst an dritter bzw. f&uuml;nfter Stelle genannt werden. &#8222;<i>Gerade wenn Menschen miterleben m&uuml;ssen wie lokale Angebote, etwa der alteingesessene Metzger oder sogar der Briefkasten aus ihrem Lebensumfeld verschwinden, scheint ein Gef&uuml;hl des &#8218;Verlassenwerdens&#8216; zu entstehen.</i>&#8220; (S.&nbsp;13) Diese Differenz setzt sich bei den im pers&ouml;nlichen Alltag identifizierten Problemen fort: Hier dominieren die Probleme mit der Berufswelt (entweder fehlende Arbeit, problematische Arbeitsbedingungen oder der schwierige Ausgleich zwischen Arbeit und Familie), finanzielle Sorgen bzw. die mangelhafte Infrastruktur.</p>
<p>Was leitet Hillje aus diesen Befunden ab? Die &#8222;Deutungsmuster&#8220; der Befragten ergeben f&uuml;r ihn drei zentrale Einsichten:</p>
<p>1. Zun&auml;chst einmal kehrt er die offensichtlichen Unterschiede hervor zwischen dem, was die Menschen als gr&ouml;&szlig;tes Problem des Landes (Migration), ihres Umfelds (Infrastruktur) sowie ihres eigenen Alltags (Arbeit) ausmachen. Doch was bedeutet dies? F&uuml;r Hillje handelt es sich um eine &#8222;<i>Verschiebung in der Verantwortungszuschreibung: Anstatt die meist sozialpolitischen Ursachen f&uuml;r die Alltagsprobleme zu benennen, werde jene gesellschaftlichen Gruppen zum Problem erkl&auml;rt, deren Probleme vermeintlich bevorzugt gel&ouml;st werden.</i>&#8220; (S.&nbsp;15) Damit konterkariert die Studie ihren eigenen, oben zitierten Anspruch &#8211; n&auml;mlich zuh&ouml;ren und verstehen zu wollen &#8211; und setzt &#8222;von au&szlig;en&#8220; mit einer Erkl&auml;rung an, in der die Unterschiede schlicht zu Fehleinsch&auml;tzungen bzw. Fehldiagnosen erkl&auml;rt werden. Der Tenor lautet: Weil Migrationsprobleme im Alltag der Befragten kaum eine Rolle spielen, kann deren Einsch&auml;tzung nicht stimmen, dass es sich bei der Migration um das zentrale Problem des Landes handelt. Ob man diese Schlussfolgerung teilen kann bzw. muss, ist fragw&uuml;rdig. Zun&auml;chst einmal handelt es sich bei den abgefragten Problemen um verschiedene Sozial- und Handlungsebenen (Land, Umfeld, pers&ouml;nlicher Alltag), die nicht aufeinander reduziert werden k&ouml;nnen. Das d&uuml;rfte den meisten Befragten aber bewusst sein. Wenn Sie deshalb f&uuml;r verschiedene Kreise verschiedene Probleme vorrangig nennen, muss das kein Widerspruch oder Fehler sein. Eine zentrale Erkenntnis der Alltagsgeschichte wie der teilnehmenden Beobachtung sozialer Gruppen besteht darin, dass mit diesen Methoden Beschreibungen (oder Einsichten) einher gehen, die von den strukturellen Beschreibungen einer Gesellschaft abweichen k&ouml;nnen. Die vorliegende Studienauswertung l&auml;sst leider nicht erkennen, inwiefern diese methodologischen Probleme bei den (nach Meinung des Autors fehlenden) Bez&uuml;gen zwischen den verschiedenen Problemkreisen hinreichend beachtet wurden. Zugleich zeigt sich in der vorschnellen Bewertung der Aussagen ein weiteres Ziel der Studie: Man will m&ouml;glichst praktikable Handlungsempfehlungen aussprechen, wie die Verlassenen und Ausgegrenzten wieder integriert werden k&ouml;nnen.&nbsp;</p>
<p>2. Ein zweiter Befund der Studie dreht sich um die Frage, unter welchen Bedingungen sich die Befragten wieder mehr mit dem politischen Betrieb identifizieren bzw. wie sie in die Gesellschaft integriert werden k&ouml;nnten: Dazu m&uuml;ssten andere Priorit&auml;ten in der Bundespolitik wie in der Politikberichterstattung gesetzt werden. Sowohl die gesetzgeberische Arbeit, aber auch die mediale Berichterstattung gehe an den Problemen und Bed&uuml;rfnissen der Befragten vorbei, wenn beispielsweise au&szlig;enpolitischen Themen zu viel Aufmerksamkeit gewidmet werde, die Probleme &#8222;vor Ort&#8220; aber unbearbeitet bleiben. Das frustriere die Befragten und rufe bei ihnen ein Gef&uuml;hl der Benachteiligung hervor (S.&nbsp;20).</p>
<p>3. Schlie&szlig;lich werde die &#8222;<i>Strukturschw&auml;chung der eigenen Umgebung</i>&#8220;, etwa durch den R&uuml;ckzug bzw. Abbau sozialer Angebote, von den Betroffenen als pers&ouml;nliche Entwertung wahrgenommen.</p>
<p>F&uuml;r die Politik sieht Hillje folgende Handlungsm&ouml;glichkeiten, um diesem Zerfall entgegen zu wirken: Zuallererst m&uuml;ssten Politiker*innen die Abstiegs&auml;ngste, die bis weit in die Mittelklasse hinein reichen, ernst nehmen. Der vielfach beklagten Abwertung von bzw. Abneigung gegen Migranten l&auml;gen oft eigene Abwertungserfahrungen und mangelnde Solidarit&auml;t innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft zugrunde: &#8222;<i>Einer Gesellschaft, die sozial tief gespalten statt ausreichend ausgeglichen ist, fehlen wom&ouml;glich die Voraussetzungen f&uuml;r das Ma&szlig; an Humanit&auml;t, das ihr im Herbst 2015 &#8222;von oben&#8220; auferlegt wurde. Gleichzeitig sind es eben genau diese Entscheidungstr&auml;ger, welche die Solidarit&auml;t mit Fremden einforderten, aber auch die Solidarit&auml;t unter den Hiesigen zusammenschrumpfen lie&szlig;en.</i>&#8220; (S.&nbsp;21)</p>
<p>Zugleich m&uuml;sse sich die Politik vermehrt um den Erhalt bzw. Ausbau sozialer Infrastrukturen bem&uuml;hen. &#8222;<i>Die Daseinsvorsorge hat integrierende Kraft f&uuml;r die Gesellschaft, wenn sie zerbr&ouml;ckelt oder zum Luxusgut wird, passiert das auch mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.</i>&#8220; (S.&nbsp;22) Insofern solle die von der Koalition beschlossene (und mittlerweile eingesetzte) Kommission zur Herstellung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse [2] einen weiten Blick auf die strukturellen Ungleichheiten innerhalb Deutschlands einnehmen, um ein &#8222;ganzheitliches Konzept&#8220; f&uuml;r ein Mindestma&szlig; regionaler Daseinsvorsorge zu entwerfen. (S.&nbsp;21) Dazu geh&ouml;re aber auch, dass die Parteien sich nicht aus den strukturschwachen Regionen zur&uuml;ckziehen, sondern ihr Engagement dort deutlich verst&auml;rken &#8211; damit sie nicht den Kontakt zur dortigen Bev&ouml;lkerung verlieren, aber auch um ein Mindestma&szlig; an sozialen Dienstleistungen f&uuml;r die Menschen vor Ort zu bieten. (S.&nbsp;22) Diese Empfehlung beruht auf der Beobachtung, dass der Erfolg rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen etwa in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern auch auf deren Image als &#8222;K&uuml;mmerer&#8220; vor Ort in der Lokalpolitik oder in der Jugendarbeit beruht.</p>
<p>Die Vorschl&auml;ge, wie auf die Kritik der Entt&auml;uschten reagiert und wie die Politik Vertrauen zur&uuml;ckgewinnen k&ouml;nne, fallen recht bescheiden aus: sie beschr&auml;nken sich auf einzelne Ma&szlig;nahmen zur besseren Transparenz der Gesetzgebung (etwa den &#8222;legislativen Fu&szlig;abdruck&#8220;, mit dem der Einfluss von Interessenverb&auml;nden dokumentiert werden kann) und die Forderung, dass sich die Politik auch den gr&ouml;&szlig;eren, nicht innerhalb einer Legislaturperiode zu l&ouml;senden Herausforderungen stellen muss &#8211; etwa dem mit der Digitalisierung verbundenen Wandel der Berufs- und Arbeitswelt. Die Komplexit&auml;t dieser Herausforderung wird in der vorliegenden Studie jedoch nicht ansatzweise erkannt. Dazu braucht man sich nur anzuschauen, wie innerhalb weniger Jahre der Online-Handel, neue Formen der <i>Share-Economy</i> (Airbnb, Uber &#8230;) oder digitale <i>Start-Ups</i> viele bisher anerkannte Arbeits- und Sozialstandards au&szlig;er Kraft gesetzt haben. Wenn Hillje daher fordert, die Politik solle sich um &#8222;<i>jene Probleme [k&uuml;mmern], die durch die gro&szlig;en globalen Transformationen f&uuml;r ganze Teile der Gesellschaft entstehen, &#8230; um einen harten Aufprall ihrer B&uuml;rger in einer neuen Realit&auml;t zu verhindern</i>&#8220;, wirkt das wie ein frommer Wunsch, der die l&auml;ngst geschaffenen Tatsachen einer globalisierten Arbeitswelt kaum erahnt.</p>
<p>W&auml;hrend Hilljes Auswertung auf einem deutsch-franz&ouml;sischen Vergleich beruht, lenkt der folgende Beitrag die Aufmerksamkeit auf die Ostdeutschen und deren Erfahrungen seit der Wiedervereinigung:</p>
<p><i>Petra K&ouml;pping: &#8222;Integriert doch erst mal uns! &#8211; Eine Streitschrift f&uuml;r den Osten&#8220;. Ch. Links Verlag, Berlin 2018. 180 Seiten, 18 &#8364;</i></p>
<p>Die Autorin, Jahrgang 1958, stammt aus Nordhausen, absolvierte in der DDR ein Fernstudium f&uuml;r Staats- und Rechtswissenschaften und war 1989/90 B&uuml;rgermeisterin einer s&auml;chsischen Kleinstadt. Nach der Wiedervereinigung und einem vorl&auml;ufigen R&uuml;ckzug aus der Politik arbeitete sie zun&auml;chst im Au&szlig;endienst einer Krankenkasse und als Bankberaterin, bevor sie 1994 erneut in die Kommunalpolitik wechselte. 2009 wurde K&ouml;pping f&uuml;r die SPD in den S&auml;chsischen Landtag gew&auml;hlt, seit 2014 ist sie S&auml;chsische Staatsministerin f&uuml;r Gleichstellung und Integration. Mit anderen Worten: Die Frau wei&szlig;, wovon sie schreibt.</p>
<p>Als Buchtitel w&auml;hlte die Autorin, was ihr von einem Pegida-Anh&auml;nger auf der Stra&szlig;e vorgehalten wurde. Darin steckt der Vorwurf, dass sich die deutsche Politik mehr um Migrant*innen anstatt um die sozialen Probleme (Ost-)Deutscher k&uuml;mmere. F&uuml;r K&ouml;pping ist jedoch klar, dass die 2015 sprunghaft gestiegenen Einwanderungszahlen zwar ein Ausl&ouml;ser, aber keinesfalls die Ursache f&uuml;r die gro&szlig;e Unzufriedenheit unter Ostdeutschen sind. Verantwortlich daf&uuml;r seien vielmehr &#8222;<i>unbew&auml;ltigte Dem&uuml;tigungen, Kr&auml;nkungen und Ungerechtigkeiten</i>&#8220; (9) in der Folge der Wiedervereinigung.</p>
<p>Die Beschreibung dieser Unrechtserfahrungen nimmt gro&szlig;e Teile des Buches ein. Dazu geh&ouml;rt an erster Stelle die Privatisierungs- und Abwicklungspolitik der Treuhand-Gesellschaft, mit der die Ostdeutschen nach 1990 nicht nur materiell, sondern auch symbolisch enteignet wurden. K&ouml;pping verweist auf die Verkaufsbilanz der Anstalt, wonach bis 1994 80% aller Unternehmen an Westdeutsche, 14% an ausl&auml;ndische Investoren und nur 6% an Ostdeutsche verkauft wurden (S.&nbsp;31). Ihr Fazit: Die Herkunft entschied ma&szlig;geblich &uuml;ber die Kaufchancen. An Beispielen aus ihrem Umfeld zeigt sie, wie westdeutsche Unternehmen die Privatisierung nutzten, um ostdeutsche Konkurrenten auszuschalten oder wie Versuche der (ehemaligen) Besch&auml;ftigten, ihre Betriebe selbst zu &uuml;bernehmen, von der Treuhand boykottiert wurden. Das ging so weit, dass die Treuhand f&uuml;r ost- und westdeutsche K&auml;ufer*innen unterschiedliche Kaufpreise vorgab. Der verbreiteten Argumentation, zur Abwicklung der maroden DDR-Wirtschaft habe es keine Alternative gegeben und die magere Verkaufsbilanz der Treuhand repr&auml;sentiere einfach die niedrige Leistungsf&auml;higkeit der ostdeutschen Wirtschaft, widerspricht K&ouml;pping vehement.[3] Dabei verweist sie auf ein Argument von Jana Hensel, die den radikalen Einbruch der Wirtschaftsleistung in der ehemaligen DDR im Vergleich zu anderen osteurop&auml;ischen Staaten hervorhebt: &#8222;<i>Nirgendwo im Ostblock brach die Wirtschaft nach 1989 so stark ein wie hier, nur Bosnien und Herzegowina wiesen &auml;hnliche Zahlen auf &#8211; nach dem Jugoslawienkrieg.</i>&#8220; (Hensel zit. nach S.&nbsp;35)</p>
<p>Weitere Unrechtserfahrungen macht K&ouml;pping in der &Uuml;berleitung des DDR-Rentensystems auf das westdeutsche System aus: Zwar sei die generelle Umstellung gro&szlig;z&uuml;gig gewesen und die bestehenden DDR-Renten wurden aufgewertet; die Probleme zeigten sich aber in jenen Generationen, die nach der Wende noch berufst&auml;tig waren und erst sp&auml;ter in Rente gingen. Hier macht K&ouml;pping 17 spezielle Gruppen aus, die im Zuge der Renten&uuml;berleitung benachteiligt wurden. Dazu z&auml;hlen etwa in der DDR geschiedene Frauen (weil der in Westdeutschland &uuml;bliche Versorgungsausgleich fehlte), aber auch einzelne Berufsgruppen wie die Eisenbahner*innen, die Bergleute oder das medizinische Personal. Sie teilen das Schicksal, das spezielle Zusatzleistungen des DDR-Rentensystems entfallen sind und sie die westdeutschen Auffangleistungen (Betriebsrenten etc.) nicht in Anspruch nehmen konnten. Auch jenseits dieser Sonderf&auml;lle drohe vielen ostdeutschen Arbeitnehmer*innen durch das anhaltend niedrige Lohnniveau in Ostdeutschland die Altersarmut &#8211; weil ihre Rentenbeitr&auml;ge lohnbedingt zu niedrig ausfallen.&nbsp;</p>
<p>Jenseits dieser &ouml;konomischen Benachteiligungen macht K&ouml;pping eine weitere Dimension der Entwertung aus, die f&uuml;r die Distanz der Ostdeutschen zur westdeutschen Demokratie mindestens genauso wichtig sei: Die bestehe darin, dass die westdeutsche Perspektive als quasi allein g&uuml;ltige Sicht auf das heutige Deutschland und den Einigungsprozess reklamiert werde. Das habe u.a. dazu gef&uuml;hrt, dass alle Errungenschaften der DDR im wiedervereinigten Deutschland als wert- und nutzlos angesehen wurden &#8211; ja teilweise sogar als Neuerfindungen ausgegeben werden, wenn sie Jahre sp&auml;ter wieder entdeckt wurden. Dazu geh&ouml;ren f&uuml;r K&ouml;pping die Leistungen des Bildungssystems, das mit deutlich weniger Selektion und Hierarchisierung auskam als heute, sich durch eine solide naturwissenschaftlich/technische sowie polytechnische Grundausbildung auszeichnete und au&szlig;erdem die Lehrer weitgehend gleich bezahlte. Daneben hebt sie Errungenschaften in der &auml;rztlichen Versorgung (etwa durch Polikliniken/&Auml;rztezentren), der Gleichberechtigung von Frauen und M&auml;nnern (zumindest innerhalb der Arbeitswelt) sowie der Kinderbetreuung hervor.</p>
<p>Eine St&auml;rke des Buches besteht darin, dass K&ouml;pping die ganze Bandbreite der ostdeutschen Unrechtserfahrungen nach der Wiedervereinigung anschaulich und nachvollziehbar beschreibt. Dagegen fallen ihre Vorschl&auml;ge zur &Uuml;berwindung dieser Misere und zum politischen Umsteuern (S.&nbsp;149 ff.) recht bescheiden aus: Sie beschr&auml;nken sich im Wesentlichen auf das Einfordern eines st&auml;rkeren Dialogs zwischen Ost und West sowie die Aufarbeitung des Wiedervereinigungsprozesses (insbesondere der Treuhand), etwa durch lokale Geschichtswerkst&auml;tten und eine Wahrheitskommission (was zur Vers&ouml;hnung in der deutschen Gesellschaft beitragen soll); auf das Einfordern solidarischen Verhaltens und die Bildung neuer B&uuml;ndnisse (zwischen verschiedenen Sozialgruppen und strukturschwachen Regionen in Ost und West) sowie auf Ma&szlig;nahmen zur Vermeidung der Altersarmut (durch eine Grundrente und einen Gerechtigkeitsfonds, mit dem die oben beschriebenen H&auml;rtef&auml;lle abgefedert werden sollen). Das alles ist noch keine nennenswerte politische Strategie, wie mehr Anerkennung f&uuml;r und Gerechtigkeit in Ostdeutschland herzustellen w&auml;re.</p>
<p>Leider vergibt das Buch auch eine gro&szlig;e Chance daf&uuml;r, die aktuellen politischen Debatten um Migration durch eine spezifische Ostperspektive zu bereichern. Die Idee dazu ist bereits im Titel angelegt, wird im Buch aber nicht wirklich aufgegriffen: Wenn es n&auml;mlich nach 1989 in der Bundesrepublik nicht um eine gleichberechtigte Wiedervereinigung, sondern eine Integration des Ostens in das System der alten BRD geht, dann bietet sich ein Vergleich mit anderen Integrationsprozessen an. Lassen sich die geschilderten Erfahrungen der &#8222;Ossis&#8220; mit den Problemen vergleichen, die die deutsche Gesellschaft mit der Integration von Migrant*innen hat? Lie&szlig;e sich umgekehrt die Migrationsforschung nutzen, um politische Strategien zur besseren Anerkennung und Integration der Ostdeutschen zu finden? [4] Beides liefert das Buch nicht, weil es durchg&auml;ngig nur aus der Perspektive der benachteiligten Ostdeutschen spricht und sich letztlich nicht von jener Wagenburgmentalit&auml;t frei machen kann, die eingangs (S.&nbsp;11) kritisiert wird.</p>
<p>Dennoch bleibt es ein Verdienst der Autorin, eine breitere &Ouml;ffentlichkeit auf die Erfahrungen der Ostdeutschen aufmerksam gemacht zu haben. Zumindest diese Botschaft scheint im Berliner Politikbetrieb langsam anzukommen, wenn man sich die k&uuml;rzlich eingesetzte Regierungskommission f&uuml;r Gleichwertige Lebensverh&auml;ltnisse (s.o.) oder das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Treuhand-Politik [5] anschaut, die noch keine Kehrtwende markieren, aber immerhin erste Schritte zu einer deutsch-deutschen Ann&auml;herung in der Bewertung der ostdeutschen Entwicklung sein k&ouml;nnen.</p>
<p>In den USA sind der Aufstieg der Populisten sowie die Polarisierung der Gesellschaft deutlich weiter vorangeschritten als in Deutschland. Entsprechend gro&szlig; ist der Verst&auml;ndigungsbedarf. Unmittelbar nach dem Wahlerfolg Donald Trumps vor zwei Jahren nominierte die New York Times &#8222;<i>6 Books to Help Understand Trump&#8217;s Win</i>&#8220; [6]. Darunter findet sich auch das mittlerweile auf Deutsch vorliegende:</p>
<p><i>Arlie Russell Hochschild: Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Campus Verlag, Frankfurt/M. 2017, 429 Seiten 29.95 Euro.</i></p>
<p>Hochschild will mit ihrem Buch eine Tiefengeschichte zu den &#8222;<i>gef&uuml;hlsm&auml;&szlig;igen Geboten und Verboten, zum Gef&uuml;hlsmanagement und den Kerngef&uuml;hlen</i>&#8220; jener Leute vorlegen, die sich von der Tea Party angesprochen f&uuml;hlen. Daf&uuml;r verl&auml;sst die Professorin aus Berkeley ihre liberale Umgebung und begibt sich zu einem Forschungsaufenthalt in den S&uuml;den, wo sie den direkten Austausch mit den Anh&auml;nger*innen der rechtspopulistischen Tea Party sucht. Ihre Reise f&uuml;hrt sie u.a. nach Baton Rouge und Lake Charles in Louisiana, Hochburgen der Tea Party, die am Golf von Mexiko liegen. Das &Ouml;l- und wasserreiche Gebiet galt einst als eine der gro&szlig;en Fisch- und Meeresfr&uuml;chtequellen der Vereinigten Staaten, woraus vor allem die einheimischem Cajun ihren Lebensunterhalt bezogen. Als es 1987 zu einem gro&szlig;en Fischsterben in der Region kommt und die Beh&ouml;rden eine Warnung vor dem Verzehr von Fischen und Meeresfr&uuml;chten aussprechen, entzieht das vielen die Lebensgrundlage. Die Wut der meisten B&uuml;rger richtete sich jedoch weniger gegen die Firmen, die diese gro&szlig;fl&auml;chige Verseuchung zu verantworten hatten, sondern gegen den Staat: &#8222;<i>In der Kette vom Fischernetz bis zum Teller &#8211; Fischer, Lebensmittell&auml;den, Spediteure, und Restaurantpersonal &#8211; waren alle w&uuml;tend auf die Beh&ouml;rden, die diese Warnung vor Meeresfr&uuml;chten herausgegeben hatten. Der Staat war ein Job-Killer &#8230;</i>&#8220; (S.&nbsp;57/445) Hochschild macht zwei Motive daf&uuml;r aus, warum die von der Umweltzerst&ouml;rung betroffenen Fischer dennoch einen st&auml;rkeren staatliche Umweltschutz ablehnen: weil die &Ouml;lindustrie immer wieder neue Arbeitspl&auml;tze schaffe (in den letzten Jahren dank des Fracking-Booms), und weil Umweltschutz als liberales bzw. linkes Anliegen verrufen sei.</p>
<p>Es zeichnet Hochschilds Buch aus, dass sie sich offen f&uuml;r die Paradoxien des Rechtspopulismus zeigt und diese nicht als blo&szlig;e Irrt&uuml;mer abtut, sondern als Herausforderungen f&uuml;r ein Verst&auml;ndnis dieser fremden Welt begreift. Zu diesen Paradoxien z&auml;hlt auch, dass weder die Wirtschafts- noch die Sozialpolitik der Tea Party zur wirtschaftlichen bzw. sozialen Realit&auml;t der meisten ihrer Anh&auml;nger passt: Sie kritisiert die staatlichen Sozialleistungen, von den viele aus ihren Reihen profitieren; sie verfolgt eine Wirtschaftspolitik f&uuml;r Gro&szlig;konzerne, auf Kosten kleinerer und mittlerer Unternehmen.</p>
<p>Als Kern der Tea-Party-Ideologie macht Hochschild drei Themen aus: Steuern, Religion und Ehre. Charakteristisch sei eine starke Abneigung gegen&uuml;ber dem Staat: dieser mische sich zu sehr in die Gesch&auml;fte der Firmen und der Religionsgemeinschaften ein; gebe sein Geld f&uuml;r die falschen Dinge aus und bediene am Ende doch nur die Interessen der Reichen und M&auml;chtigen. Genauso pr&auml;gend sei aber auch die Erfahrung der zahlreichen kulturellen Br&uuml;che (etwa zwischen Landes- und Bundesrecht) sowie die Abwertung durch die liberalen politischen wie kulturellen Eliten des Landes. Dies alles f&uuml;hre dazu, dass sich viele S&uuml;dstaatler*innen mittlerweile als Fremde in ihrem eigenen Land sehen, die sich von Staat und Politik abwenden. Die Religion habe bei ihnen jenen &#8222;<i>kulturellen Platz eingenommen, an dem Politik eine entscheidende Rolle h&auml;tte spielen k&ouml;nnen. Sie haben den Eindruck, dass die Politik ihnen nicht geholfen habe, wohl aber die Bibel.</i>&#8220; (S. 73/445)</p>
<p>In gewisser Weise ist dies die subjektivste der drei hier vorgestellten Abhandlungen, denn Hochschild beschreibt in ihrem Buch nicht nur das populistische Gegen&uuml;ber, sondern reflektiert auch ihr eigenes liberales Selbstverst&auml;ndnis. Sie konfrontiert sich selbst wie ihre Gespr&auml;chspartner*innen immer wieder mit den gegenseitigen Vorurteilen, Herabw&uuml;rdigungen und Dem&uuml;tigungen. Auch wenn sie keine kausale Erkl&auml;rung f&uuml;r den zutiefst gespaltenen Zustand der USA abliefern kann, ist ihr Buch dennoch uneingeschr&auml;nkt zu empfehlen.</p>
<p><i>Sven L&uuml;ders<br />Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Humanistischen Union</i></p>
<p><b>Anmerkungen:</b></p>
<p>1 Els&auml;sser, L.; Hense, S. &amp; Sch&auml;fer, A., Systematisch verzerrte Entscheidungen? Die Responsivit&auml;t der deutschen Politik von 1998 bis 2015 (Endbericht f&uuml;r das Bundesministerium f&uuml;r Arbeit und Soziales), Berlin 2016.</p>
<p>2 S. Kabinettsbeschluss v. 18.7.2018, unter <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/gleichwertige-lebensverhaeltnisseschaffen-1515788" target="_blank" rel="noopener">https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/gleichwertige-lebensverhaeltnisseschaffen-1515788</a>.</p>
<p>3 Vgl. dazu Christa Luft in diesem Heft, S. 25 ff.</p>
<p>4 Diese Perspektive haben j&uuml;ngst Naika Foroutan und Daniel Kubiak eingenommen: &#8222;Ausschluss und Abwertung. Was Muslime und Ostdeutsche verbindet.&#8220;, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 7/2018, S. 93 ff.</p>
<p>5 S. Dierk Hoffmann, Transformation einer Volkswirtschaft, Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 216 v. 17.9.2018, S. 6, der das Selbstverst&auml;ndnis des Leiters des Forschungsprojektes am Dt. Institut f&uuml;r Zeitgeschichte wiedergibt.</p>
<p>6 S. <a href="https://www.nytimes.com/2016/11/10/books/6-books-to-help-understand-trumpswin.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.nytimes.com/2016/11/10/books/6-books-to-help-understand-trumpswin.html</a>.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/drei-versuche-die-popularitaet-des-populismus-zu-verstehen/">Drei Versuche, die Popularität des Populismus zu verstehen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Geschichte eines Staatsversagens</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/die-geschichte-eines-staatsversagens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Nov 2018 02:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In: vorgänge Nr. 224 (4/2018), S. 99/100 Tanjev Schultz: NSU &#150; Der Terror von rechts und das Versagen des Staates. Droemer, München 2018. 560 S., 26,99 Euro. ISBN 978-3-426-27628-0 Die Geschichte des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und das vollständige Versagen des Staates bei der Jagd nach dieser Terrorgruppe ist noch nicht erzählt worden. Zwar gab es [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In: vorgänge Nr. 224 (4/2018), S. 99/100</p>
<p><i>Tanjev Schultz: NSU &#150; Der Terror von rechts und das Versagen des Staates. Droemer, München 2018. 560 S., 26,99 Euro. ISBN 978-3-426-27628-0</i></p>
<p>Die Geschichte des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und das vollständige Versagen des Staates bei der Jagd nach dieser Terrorgruppe ist noch nicht erzählt worden. Zwar gab es seit der Selbstenttarnung der Gruppe im November 2011 viele Bücher und Reportagen. Sie reflektierten den jeweils aktuellen Wissensstand oder vertieften bestimmte Aspekte.</p>
<p>Nach dem Ende des Prozesses am 11. Juli 2018 gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Carsten Schultze, Holger Gerlach und André Eminger erscheint nun eine neue Welle an NSU-Literatur, die sich mit verschiedenen Aspekten des Verfahrens und der Gruppe beschäftigen, darunter politische Analysen, ein Sammelband der Plädoyers der Nebenklage-Anwälte oder die von den SZ-Journalisten Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadler erstellten Mitschriften von den Verhandlungstagen. Manche dieser Bücher dürften eher fürs Protokoll bzw. von (zeit)historischem Interesse sein. Das gilt nicht für das hier zu besprechende Buch von Tanjev Schultz: &#132;NSU &#150; Der Terror von rechts und das Versagen des Staates&#147;. Auf 560 eng bedruckten Seiten (wobei 100 Seiten auf den Anhang  entfallen) erzählt es die Geschichte der aus Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bestehenden Terrorgruppe, ihrer Helfer und den Ermittlungen der Sicherheitsbehörden.</p>
<p>In seinem Sachbuch setzt Schultz Schwerpunkte bei der Zeit unmittelbar nach dem Untertauchen von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos und vor ihrem ersten Mord. Bereits dort macht er massive Fehler in der Polizeiarbeit aus. Bei den Ermittlungen nach dem ersten Mord blockierten sich verschiedene Länderpolizeien, das Bundeskriminalamt und Verfassungsschutzämter gegenseitig und betrieben die Ermittlungen mit beachtlicher Energie in eine falsche Richtung (hin zu Organisierter Kriminalität und Ausländerkriminalität). Diese gravierenden Ermittlungsfehler setzten sich fort nach dem Mord an Halit Yozgat in seinem Internetcafé in Kassel (wo ein Verfassungsschützer ungefähr während der Tatzeit am Tatort war), beim Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn, bis hin zur Schredder-Affäre beim Bundesamt für Verfassungsschutz nach der Selbstenttarnung von Beate Zschäpe. Tanjev untersucht diese Fehlleistungen im Detail und räumt mit einigen beliebten Verschwörungstheorien und Rätseln auf.</p>
<p>Wenn Schultz die erschreckend ineffektive Arbeit der Polizei schildert, wird deutlich, wie stark der im Sicherheitsapparat innewohnende Rassismus ist. Für die Beamten war es, auch wenn immer wieder auf Täter aus dem rechtsextremen Milieu hingewiesen wurde, undenkbar, dass die Morde an Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik und Halit Yozgat einen ausländerfeindlichen Hintergrund haben könnten.</p>
<p>Diese Erkenntnis ist letztendlich erschreckender als eine groß angelegte Verschwörung. Für eine Verschwörung gibt es, so Schultz, keine Beweise. Für die Unfähigkeit, Ignoranz, Dummheit, Betriebsblindheit und das Schubladendenken findet er dagegen zahlreiche Belege.</p>
<p>Für sein Buch wertete Schultz, der für die Süddeutsche Zeitung lange Zeit den Münchner Prozess beobachtete und inzwischen Professor für Journalismus an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ist, die Berichte der zahlreichen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse aus, saß im Gericht, las weitere Akten und führte Hintergrundgespräche. Das alles verdichtet er zu einer chronologisch erzählten Geschichte, die den aktuellen Sachstand widerspiegelt. Es dürfte, nach Jahren journalistischer Arbeit von ihm und anderen Journalisten, Wissenschaftlern, Untersuchungsausschüssen und einer 437 Verhandlungstage dauernden Gerichtsverhandlung, auch die konzentrierteste Geschichte des NSU sein.</p>
<p>Schultz&#8216; Kondensat seiner langjährigen Arbeit ist kein Buch über die Ideologie von Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos und ihrer bekannten oder unbekannten Helfer. Es ist auch keine Analyse des Rechtsterrorismus, so wenig wie es eine Analyse struktureller Fehler im Sicherheitsapparat leisten. Folglich gibt es von ihm auch keine seitenlangen Vorschläge zur Verbesserung. Das alles überlässt Schultz anderen Autoren.</p>
<p>Dafür bietet &#132;NSU&#147; die Geschichte eines jahrelangen Versagens des Staates beim Erkennen und Verfolgen einer Terrorgruppe in lesbarer Form. Schultz erzählt das gut strukturiert und mit vernünftigen Schwerpunktsetzungen entlang der bekannten Tatsachen.</p>
<p><i>Axel Bußmer studierte Politologie, Soziologie und Philosophie in Konstanz. Er ist Geschäftsführer des Landesverbandes Berlin-Brandenburg der Humanistischen Union.</i></p>
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