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	<title>Christian Pfeiffer Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Besser als ihr Ruf</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Sep 2008 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Kriminalit&#228;tsentwicklung bei nichtdeutschen und deutschen Jugendlichen aus: vorg&#228;nge Nr. 183, Heft 3/2008, S. 89-103 Eine am 20. Dezember 2007 von einer &#220;berwachungskamera gefilmte Gewalttat zweier junger M&#228;nner hat in den darauf folgenden Wochen die &#246;ffentliche Debatte zur Jugendgewalt in Deutschland stark bestimmt. Bei den T&#228;tern handelte es sich um zwei junge Migranten t&#252;rkischer bzw. [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/183-vorgaenge/publikation/besser-als-ihr-ruf/">Besser als ihr Ruf</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Kriminalit&auml;tsentwicklung bei nichtdeutschen und deutschen Jugendlichen</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 183, Heft 3/2008, S. 89-103</p>
<p>Eine am 20. Dezember 2007 von einer &Uuml;berwachungskamera gefilmte Gewalttat zweier junger M&auml;nner hat in den darauf folgenden Wochen die &ouml;ffentliche Debatte zur Jugendgewalt in Deutschland stark bestimmt. Bei den T&auml;tern handelte es sich um zwei junge Migranten t&uuml;rkischer bzw. griechischer Herkunft. Da der Film mit der extrem brutalen Gewaltszene &uuml;ber Tage hinweg in vielen Nachrichtensendungen gezeigt wurde, entstand schnell die These, die Ausl&auml;nderkriminalit&auml;t sei die zentrale Bedrohung f&uuml;r unsere innere Sicherheit. Der hessische Ministerpr&auml;sident Roland Koch behauptete, dass jede zweite Gewalttat, die von Jugendlichen bzw. Heranwachsenden begangen wird, auf das Konto von T&auml;tern mit Migrationshintergrund gehe. Die Konsequenz m&uuml;sse sein, Intensivt&auml;ter aus Deutschland abzuschieben. Die Instrumentalisierung dieses Themas zu Wahlkampfzwecken hat nicht funktioniert; die hessische CDU hat im Vergleich zur Wahl 2003 zw&ouml;lf Prozentpunkte verloren.</p>
<p>Nichtsdestotrotz bleibt das Thema auch weiterhin in der &ouml;ffentlichen Diskussion. Dies kann als Ausdruck daf&uuml;r gewertet werden, dass sich in Deutschland mittlerweile st&auml;rker mit den Konsequenzen von Migrationsprozessen besch&auml;ftigt wird. Denn nicht zu bezweifeln ist, dass Deutschland de facto ein Einwanderungsland ist, in das zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten verschiedene ethnische Gruppen immigriert sind. Die heranwachsende Kinder- und Jugendgeneration verk&ouml;rpert das Resultat dieser Einwanderungsprozesse, d.h. die ethnische Vielfalt Deutschlands: In einer im Jahr 2005 durchgef&uuml;hrten Sch&uuml;lerbefragung der neunten Jahrgangsstufe in westdeutschen Gro&szlig;st&auml;dten und Landkreisen haben wir zeigen k&ouml;nnen, dass &uuml;ber ein Drittel der 15j&auml;hrigen Jugendlichen einen Migrationshintergrund besitzt (Baier/Pfeiffer 2007). Fast jeder zehnte Jugendliche hat dabei eine t&uuml;rkische Herkunft, jeder zwanzigste eine russische. Freilich existieren hier deutliche regionale Unterschiede, insofern in Gro&szlig;st&auml;dten fast die H&auml;lfte der Jugendlichen eine nichtdeutsche Herkunft aufweist, in Landkreisen nur jeder f&uuml;nfte, in ostdeutschen Gebieten sogar nur jeder zwanzigste.[1]</p>
<p>Mit der Migrationserfahrung bzw. mit dem Migrationsstatus verbinden sich verschiedene physische, psychische und soziale Belastungen. Die Belastungen sind &#8211; wie in anderen Disziplinen wie z.B. der Entwicklungspsychologie oder der Gesundheitswissenschaft &#8211; auch in der kriminologischen Diskussion seit l&auml;ngerem ein Thema, und zwar im Hinblick darauf, inwieweit sie f&uuml;r die Entstehung kriminellen bzw. gewaltt&auml;tigen Verhaltens verantwortlich sind (vgl. u.a. Albrecht 2001, Drewniak 2004). Anliegen dieses Beitrages soll es deshalb erstens sein, Informationen dar&uuml;ber zu liefern, wie sich die Kriminalit&auml;t von deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen in den letzten Jahren entwickelt hat. Hierbei greifen wir auf zwei Quellen zur&uuml;ck: die Polizeilichen Kriminalstatistiken (sog. Hellfeld) und wiederholte Sch&uuml;lerbefragungen (sog. Dunkelfeld). Da sich unabh&auml;ngig von der gew&auml;hlten Quelle zeigt, dass insbesondere im Bereich der Gewaltdelikte nichtdeutsche Jugendliche h&auml;ufiger als T&auml;ter in Erscheinung treten, soll anschlie&szlig;end untersucht werden, welche Faktoren hierf&uuml;r verantwortlich sind und welche Entwicklungen sich f&uuml;r diese Faktoren zeigen.</p>
<h2 class="auto-created">Erkennt&shy;nisse der Polizei&shy;li&shy;chen Krimi&shy;nal&shy;sta&shy;tistik </h2>
<p>Polizeiliche Kriminalstatistiken sind nur bedingt geeignet, Vergleichsanalysen zur Kriminalit&auml;tsbelastung von jungen Migranten und jungen Deutschen vorzunehmen. Da bei der polizeilichen Registrierung von Tatverd&auml;chtigen deren Nationalit&auml;t erfasst wird, nicht jedoch ihre ethnische Herkunft, werden eingeb&uuml;rgerte Jugendliche als Deutsche registriert.[2] Zu beachten ist zudem, dass junge Ausl&auml;nder nach &uuml;bereinstimmenden Befunden mehrerer Untersuchungen im Vergleich zu einheimischen jungen Deutschen ein h&ouml;heres Risiko haben, wegen ihrer Gewalttaten angezeigt und danach dann als Tatverd&auml;chtige polizeilich registriert zu werden. Dies gilt insbesondere f&uuml;r die h&auml;ufige Konstellation, dass Opfer und T&auml;ter unterschiedlichen ethnischen Gruppen angeh&ouml;ren (vgl. Wilmers et al. 2002, Mansel 2003, Pfeiffer et al. 2005). L&auml;ngsschnittanalysen zur polizeilich registrierten Gewaltbelastung von jungen Ausl&auml;ndern und jungen Deutschen werden auch dadurch erschwert, dass es sich bei der wachsenden Gruppe von eingeb&uuml;rgerten jungen Migranten um Personen mit spezifischen sozialen Merkmalen handelt. Damit sie als Mitglied ihrer Familie die deutsche Staatsangeh&ouml;rigkeit erhalten, m&uuml;ssen ihre Eltern sozial gut integriert sein und d&uuml;rfen keine Vorstrafen aufweisen. Als Folge dieser Positivselektion erh&ouml;ht sich wiederum unter den Ausl&auml;ndern der Anteil derjenigen, die sozialen Randgruppen angeh&ouml;ren.</p>
<p>Dennoch sind die Kriminalstatistiken bislang die einzige Datenquelle, die &uuml;ber l&auml;ngerfristige Entwicklungstrends informiert. In Abbildung 1 ist getrennt f&uuml;r deutsche und nichtdeutsche Jugendliche (14 bis unter 18 Jahre) die Entwicklung im Bereich aller Straftaten sowie in Abbildung 2 die Entwicklung im Bereich der Gewalttaten anhand der Tatverd&auml;chtigenbelastungsziffer (TVBZ) dargestellt. Diese Ziffer gibt an, wie viele Jugendliche von 100.000 der Altersgruppe als T&auml;ter in Erscheinung getreten sind. Dabei k&ouml;nnen wir eine Fehlerquelle nicht kontrollieren: Unter den ausl&auml;ndischen Tatverd&auml;chtigen befinden sich auch Touristen, Illegale oder andere in Deutschland lebende Personen mit ausl&auml;ndischem Pass, die sich vor&uuml;bergehend im Land aufhalten. Sie werden nur von der Polizei registriert, nicht aber in der Bev&ouml;lkerungsstatistik. Die TVBZ f&auml;llt bei Ausl&auml;ndern deswegen generell zu hoch aus (vgl. Pfeiffer et al. 2005, S. 17ff). Bei Jugendlichen kommt diesem Verzerrungsfaktor jedoch etwas geringere Bedeutung zu als bei Erwachsenen, weil der Anteil der 14-bis unter 18-J&auml;hrigen an dieser Personengruppe relativ niedrig ausf&auml;llt.</p>
<p>Betrachten wir zun&auml;chst die Trends im Bereich aller Straftaten insgesamt, so zeigen sich f&uuml;r deutsche wie f&uuml;r nichtdeutsche Jugendliche bis 1999 dieselben Entwicklungen: Bei beiden Gruppen steigt die Kriminalit&auml;tsrate, wobei der Anstieg bei nichtdeutschen Jugendlichen (10 %) geringer ausf&auml;llt als bei deutschen Jugendlichen (40 %). Nach 1999 sinkt bei den nichtdeutschen Jugendlichen die TVBZ f&uuml;r alle Straftaten bis 2007 um 18 %, bei deutschen Jugendlichen bleibt sie weitestgehend konstant (minus 3 %). Dies hat zur Folge, dass der Anteil nichtdeutscher T&auml;ter an allen T&auml;tern von 27,6 auf 16,6 % zur&uuml;ckgeht. W&auml;hrend also 1993 noch jeder vierte jugendliche Straft&auml;ter ein nichtdeutscher Jugendlicher war, war es vierzehn Jahre sp&auml;ter nur mehr jeder sechste.</p>
<p>XXXXX Grafik</p>
<p>Ein &auml;hnlicher Trend in Bezug auf den Anteil nichtdeutscher T&auml;ter l&auml;sst sich hinsichtlich der Gewaltkriminalit&auml;t konstatieren, worunter die Delikte Mord/Totschlag, Raub, gef&auml;hrliche/schwere K&ouml;rperverletzung und Vergewaltigung subsummiert werden. Im Jahr 1993 hatten noch 30,8 % aller Jugendgewaltt&auml;ter eine ausl&auml;ndische Herkunft, 2007 waren es 22,6 %. Dennoch ergibt sich bei beiden Gruppen ein Anstieg der TVBZ, der allerdings f&uuml;r nichtdeutsche Jugendliche schw&auml;cher ausf&auml;llt als f&uuml;r deutsche Jugendliche: 1993 lag die TVBZ f&uuml;r Gewaltkriminalit&auml;t bei nichtdeutschen Jugendlichen bei 1.605 und bei deutschen Jugendlichen bei 487; 2007 ist sie bei nichtdeutschen Jugendlichen auf 2.962 und bei deutschen Jugendlichen auf 1.086 gestiegen. Dies entspricht bei den nichtdeutschen Jugendlichen einem Anstieg von 85 %, bei den deutschen Jugendlichen hingegen von 123 %. Ein m&ouml;glicher Grund f&uuml;r die Ann&auml;herung der beiden Gruppen k&ouml;nnte sein, dass eine steigende Zahl von in Deutschland lebenden Aussiedlerjugendlichen, bei denen vor allem die Jungen durch eine &uuml;berdurchschnittliche Gewaltbereitschaft auffallen (Haug/Baraulina/Babka von Gostomski 2008, S. 20ff; Pfeiffer et al. 2005, S. 45ff), in der Statistik als Deutsche gef&uuml;hrt werden.</p>
<p>XXXXX Grafik</p>
<p>Obwohl der Anteil nichtdeutscher Gewaltt&auml;ter &uuml;ber die Jahre deutlich zur&uuml;ckgegangen ist, geh&ouml;rt dieser Delikttyp weiterhin zu jenen Straftaten, die durch einen besonders hohen nichtdeutschen T&auml;teranteil gekennzeichnet sind. Beschr&auml;nken wir uns auf das Jahr 2007, dann zeigt sich, dass insbesondere die beiden Gewaltdelikte Raub und Vergewaltigung zu einem &uuml;berproportional hohen Anteil von nichtdeutschen T&auml;tern ver&uuml;bt werden: W&auml;hrend in der Statistik nur 9,6 % der in Deutschland lebenden Jugendlichen als Ausl&auml;nder ausgewiesen werden, betrug deren Anteil an den Raubt&auml;tern 28,3 %, an den als T&auml;ter von Vergewaltigungen erfassten Jugendlichen sogar 30,7 %. Noch h&ouml;her f&auml;llt dieser Anteil nur bei den Verst&ouml;&szlig;en gegen das Ausl&auml;ndergesetz (99,0 %) und beim Taschendiebstahl (42,9 %) aus. Allerdings gibt es auch nur ein Delikt in der Kriminalstatistik, bei dem der Anteil nichtdeutscher T&auml;ter in etwa dem Bev&ouml;lkerungsdurchschnitt entspricht: Im Bereich der Sachbesch&auml;digungen betrug dieser Anteil 9,3 % im Jahr 2007. Bei anderen im Jugendalter recht weit verbreiteten Delikten liegt der Anteil 1,5bis 2mal h&ouml;her als der entsprechende Bev&ouml;lkerungsanteil (z.B. Betrug: 22,6 %, Ladendiebstahl: 16,3 %, Beleidigungen: 13,7 %, Drogendelikte: 12,0 %).</p>
<p>Die Kriminalstatistik zeichnet damit ein differenziertes Bild zur polizeilich registrierten Kriminalit&auml;tsbelastung von nichtdeutschen Jugendlichen. So ist festzuhalten, dass es innerhalb der letzten 14 Jahre nicht zu einem &uuml;berproportionalen Anstieg der Kriminalit&auml;t von jungen Ausl&auml;ndern gekommen ist. Ganz im Gegenteil: Die TVBZ- Unterschiede werden schrittweise kleiner. Auf 100.000 nichtdeutsche Jugendliche entfallen 2007 weniger Straftaten als noch 1993, bei deutschen Jugendlichen ist hingegen ein Anstieg festzustellen. Gewaltdelikte werden von beiden Gruppen h&auml;ufiger ausgef&uuml;hrt. Der Anstieg f&auml;llt aber auch hier bei den deutschen Jugendlichen st&auml;rker aus. Dennoch hat der Befund weiterhin Bestand, dass Gewaltkriminalit&auml;t den Kriminalit&auml;tsbereich mit einem besonders hohen Anteil nichtdeutscher T&auml;ter darstellt, wobei die These, dass jeder zweite tatverd&auml;chtige Gewaltt&auml;ter unter 21 Jahren ein Nichtdeutscher ist, keinesfalls mit der Realit&auml;t in Einklang steht.</p>
<p>In einer gesonderten Analyse der Kriminalstatistik konnten wir zeigen, dass die t&uuml;rkischen Jugendlichen durch eine besonders hohe TVBZ bei Gewalttaten auffallen. Sie &uuml;bersteigt die der Deutschen um das 3,5-fache und die aller Nicht-Deutschen um 19 %. Im Ergebnis hatte danach in 2006 gut jeder zehnte von der Polizei wegen eines Gewaltdelikts registrierte jugendliche Tatverd&auml;chtige eine t&uuml;rkische Nationalit&auml;t. Ihr Bev&ouml;lkerungsanteil liegt in der Altersgruppe dagegen nur bei 3,4 % (vgl. Baier/Pfeiffer 2008). Da in der Polizeilichen Kriminalstatistik aber nur Delikte auftauchen, die angezeigt werden und da insbesondere Jugendgewaltdelikte u.a. auf Grund ihres meist bagatellhaften Charakters h&auml;ufig im Dunkelfeld verbleiben, erscheint es notwendig, die Befunde der Kriminalstatistik mittels anderer Quellen zu &uuml;berpr&uuml;fen. Hierzu k&ouml;nnen wiederholte Befragungen unter Jugendlichen herangezogen werden.</p>
<h2 class="auto-created">Erkennt&shy;nisse aus dem Dunkelfeld </h2>
<p>Bislang existieren keine deutschlandweit repr&auml;sentativen Dunkelfeldbefragungen, sondern nur Erkenntnisse zur Entwicklung der Delinquenz[3] von Jugendlichen in ausgew&auml;hlten Gro&szlig;st&auml;dten. Insofern k&ouml;nnen die bisherigen Dunkelfeldstudien die Schwachstellen der Kriminalstatistik nicht vollst&auml;ndig beheben. F&uuml;r Hamburg berichten Block et al. (2007, S. 160f), dass es zwischen 1998 und 2005 vor allem bei den deutschen Jugendlichen zu einer Abnahme der Gewaltbereitschaft gekommen ist: W&auml;hrend 1998 noch 21,3 % der Deutschen mindestens eine Gewalttat begangen haben (Gewaltpr&auml;valenz), waren es sieben Jahre sp&auml;ter nur noch 15,6 %. Die Mehrfach-Gewaltt&auml;terquote (f&uuml;nf und mehr Gewalttaten) hat sich von 6,0 auf 3,3 % reduziert. Bei einigen Gruppen nichtdeutscher Jugendlicher sind hingegen kaum Ver&auml;nderungen eingetreten. Von den t&uuml;rkischen Jugendlichen geh&ouml;rten 1998 37,0 % zu den Gewaltt&auml;tern, 2005 34,1 % (Mehrfacht&auml;ter: von 14,6 auf 11,1 %); bei nichteurop&auml;ischen Ausl&auml;ndern betragen die Quoten 26,3 und 27,7 % (Mehrfacht&auml;ter: 11,6 und 8,1 %).</p>
<p>F&uuml;r weitere St&auml;dte erm&ouml;glichen die Befragungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen vertiefende Einblicke in die Entwicklung des delinquenten Verhaltens von deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen. In den Jahren 1998 und 2005 bzw. 2006 wurden jeweils zu Beginn eines Jahres in den St&auml;dten Schw&auml;bisch Gm&uuml;nd, Stuttgart, M&uuml;nchen und Hannover Jungen wie M&auml;dchen der neunten Jahrgangsstufe (Durchschnittsalter: 15 Jahre) mit einem standardisierten Fragebogen befragt.[4] In Schw&auml;bisch Gm&uuml;nd wurden immer Vollerhebungen durchgef&uuml;hrt, also alle Jugendlichen neunter Klassen untersucht; in den anderen drei Gro&szlig;st&auml;dten wurden Stichproben gezogen, wobei zumindest etwa jeder dritte Sch&uuml;ler einer Jahrgangsstufe erreicht werden sollte.[5] In den einzelnen Gebieten werden f&uuml;r den Trendvergleich dabei nur jene Sch&uuml;ler herangezogen, die &uuml;ber alle Befragungszeitpunkte hinweg in gleichen Schulformen unterrichtet wurden (N=20.062). In M&uuml;nchen und Schw&auml;bisch Gm&uuml;nd werden also nur Haupt- und Realsch&uuml;ler sowie Gymnasiasten ber&uuml;cksichtigt, in Stuttgart zus&auml;tzlich noch Waldorfsch&uuml;ler, in Hannover Gesamtsch&uuml;ler.[6]</p>
<p>Die ethnische Herkunft wurde zu den verschiedenen Erhebungszeitpunkten teilweise durch unterschiedliche Fragen erfasst. Zur Bestimmung der Herkunft k&ouml;nnen deshalb nur diejenigen Fragen herangezogen werden, die zu allen Zeitpunkten und in allen Gebieten gestellt wurden. Dabei handelt es sich um die Frage nach der Staatsangeh&ouml;rigkeit bei der eigenen Geburt sowie die Frage nach der aktuellen Staatsangeh&ouml;rigkeit. Wenn bei einer dieser Fragen eine nichtdeutsche Herkunft angegeben wurde, wurde der Befragte entsprechend der Zugeh&ouml;rigkeit als nichtdeutsch klassifiziert.[7] Damit weicht die gew&auml;hlte Bildungsvorschrift von der Kriminalstatistik ab, da auch Jugendliche als nichtdeutsch klassifiziert werden, die aktuell deutscher Staatsangeh&ouml;rigkeit sind, fr&uuml;her aber einmal eine andere Staatsangeh&ouml;rigkeit besessen haben.</p>
<p>Zu allen Erhebungszeitpunkten und in allen Erhebungsgebieten wurden verschiedene delinquente Verhaltensweisen erfragt. Die Ergebnisse zum Gewaltverhalten sind in der nachfolgenden Abbildung 3 dargestellt. Dabei gehen die Delikte Raub, K&ouml;rperverletzung, Erpressung und Bedrohung mit Waffen in den Gesamtindex &#8222;Gewaltverhalten&#8220; ein; eine vollkommene Entsprechung mit der Kriminalstatistik ist insofern also nicht gegeben. Entgegen den Befunden dieser Statistik weisen die Ergebnisse der KFN-Sch&uuml;lerbefragungen auch keinen Anstieg, sondern einen R&uuml;ckgang der Jugendgewalt aus. Alle vier Befragungsgebiete zusammen betrachtet zeigt sich, dass deutsche Jugendliche aktuell nur mehr zu 13,8 % angeben, eine Gewalttat in den zur&uuml;ckliegenden zw&ouml;lf Monaten begangen zu haben; 1998 waren dies noch 17,5 %. Bei den nichtdeutschen Jugendlichen f&auml;llt der R&uuml;ckgang etwas geringer aus (von 25,9 auf 24,4 %). Bei Ausdifferenzierung der einzelnen ethnischen Gruppen zeichnet sich in erster Linie bei den t&uuml;rkischen und jugoslawischen Jugendlichen ein leichter R&uuml;ckgang der Gewaltbereitschaft ab; bei den osteurop&auml;ischen und anderen Jugendlichen8 sind die T&auml;teranteile gleich geblieben. Zu beachten sind die unterschiedlichen Trends in den vier St&auml;dten. F&uuml;r deutsche Jugendliche gilt, dass die Bereitschaft zum Begehen von Gewalttaten &uuml;berall gesunken ist. Bei nichtdeutschen Jugendlichen zeigt sich solch eine Entwicklung vor allem in Schw&auml;bisch Gm&uuml;nd und Hannover. In M&uuml;nchen ist demgegen&uuml;ber ein leichter Anstieg der Gewaltbereitschaft festzustellen.</p>
<p>Ein Anstieg ist in M&uuml;nchen auch f&uuml;r den Anteil an nichtdeutschen Mehrfach-Gewaltt&auml;tern festzustellen: Er hat von 6,1 auf 8,9 % zugenommen; bei den deutschen Jugendlichen hat er hingegen von 4,1 auf 3,1 % abgenommen. Diese negative Entwicklung zeigt sich haupts&auml;chlich bei den t&uuml;rkischen und bei den osteurop&auml;ischen Jugendlichen: Der Mehrfach-Gewaltt&auml;teranteil der t&uuml;rkischen Sch&uuml;ler hat sich in M&uuml;nchen von 6,0 auf 12,4 % erh&ouml;ht, der der osteurop&auml;ischen Sch&uuml;ler von 5,0 auf 9,7 %. In Hannover hat sich die Mehrfacht&auml;terquote bei den t&uuml;rkischen Jugendlichen hingegen von 15,3 auf 7,2 % halbiert, in Stuttgart ist sie von 13,4 auf 9,4 % gefallen. Zunehmende T&auml;teranteile bei nichtdeutschen Jugendlichen finden sich in keiner der sonst einbezogenen St&auml;dte: In Schw&auml;bisch Gm&uuml;nd hat sich der Mehrfach-Gewaltt&auml;teranteil unter den Nichtdeutschen mehr als halbiert (von 14,1 auf 6,2 %), in Hannover und Stuttgart um mindestens 30 % gesenkt (Hannover: von 10,6 auf 6,4 %; Stuttgart: 10,6 auf 7,5 %). Deutsche Mehrfachgewaltt&auml;ter sind mittlerweile in allen St&auml;dten seltener zu finden.</p>
<p>XXXXXX Grafik</p>
<p>Diese im Dunkelfeld zu findende Entwicklung der Gewaltdelinquenz widerspricht der Hellfeldstatistik in doppelter Weise: Erstens belegt sie einen R&uuml;ckgang der Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen, w&auml;hrend die Kriminalstatistik seit Jahrzehnten einen Anstieg der Tatverd&auml;chtigenbelastungsziffern (TVBZ) aufweist. Zweitens gelten die positiven Entwicklungen st&auml;rker f&uuml;r die deutschen als f&uuml;r die nichtdeutschen Jugendlichen. Im Hellfeld hat sich die Schere zwischen beiden Gruppen sukzessive geschlossen, da die TVBZ f&uuml;r deutsche Jugendliche schneller zunimmt als f&uuml;r nichtdeutsche Jugendliche. Im Dunkelfeld scheint sich die Schere hingegen zu &ouml;ffnen, da der Abstand zwischen den Deutschen und den Nichtdeutschen im Bereich der Gewaltpr&auml;valenz &uuml;ber die Jahre von 8,4 % auf 10,6 % angewachsen ist.[9] In einem Punkt entsprechen sich die beiden Statistiken dennoch: Nichtdeutsche Jugendliche vor allem t&uuml;rkischer und jugoslawischer Herkunft treten deutlich h&auml;ufiger als Gewaltt&auml;ter in Erscheinung als deutsche Jugendliche.</p>
<p>F&uuml;r die erste Divergenz zwischen Dunkelfeld- und Hellfelddaten kann eine ver&auml;nderte Anzeigebereitschaft verantwortlich gemacht werden. W&auml;hrend bspw. 1998 noch 14,8 % aller K&ouml;rperverletzungen ohne Waffen der Polizei gemeldet wurden, waren es 2005/06 f&uuml;nf Prozentpunkte mehr (19,7 %). Auch bei den Raubdelikten und sexuellen Gewalttaten zeigt sich eine Erh&ouml;hung der Anzeigebereitschaft. Dabei hat sich diese vor allem in den Gro&szlig;st&auml;dten erh&ouml;ht (vgl. Baier 2008, S. 17ff). Sowohl f&uuml;r deutsche als auch f&uuml;r nichtdeutsche Jugendliche ist eine solche Ver&auml;nderung der Anzeigebereitschaft feststellbar. Wenn aber aus einem gleich bleibenden oder leicht sinkenden Dunkelfeld von Jahr zu Jahr ein gr&ouml;&szlig;er werdender Anteil an Taten ins Hellfeld gelangt, dann erscheint dies in Kriminalstatistiken als Zunahme der Gewalt.</p>
<p>Die zweite Divergenz zwischen Dunkelfeld- und Hellfelddaten ist weniger einfach zu erkl&auml;ren. Vor allem in Bezug auf die deutschen Jugendlichen gehen die Befunde zu beiden Statistiken auseinander. M&ouml;glich ist, dass die in der Sch&uuml;lerbefragung als deutsche Jugendliche bestimmte Personengruppe zu wenige Migranten, d.h. Jugendliche mit ehemals nichtdeutscher Staatsangeh&ouml;rigkeit, enth&auml;lt. Unterscheiden wir deshalb die deutschen und die nichtdeutschen Jugendlichen nur mehr anhand ihrer aktuellen Staatsangeh&ouml;rigkeit voneinander, ergibt sich ein R&uuml;ckgang der Gewaltpr&auml;valenz bei den deutschen Jugendlichen von 18,2 auf 15,0 % (nichtdeutsch: von 26,5 auf 24,6 %). Die Entwicklung f&auml;llt damit etwas weniger dynamisch f&uuml;r die deutschen Jugendlichen aus, nichtsdestotrotz bleibt eine deutliche Divergenz zu den Hellfelddaten bestehen. Eine zweite Erkl&auml;rung k&ouml;nnte daher lauten, dass sich die Anzeigebereitschaft entsprechend der Herkunft der T&auml;ter ver&auml;ndert hat: Wenn bspw. deutsche T&auml;ter heute h&auml;ufiger angezeigt werden als fr&uuml;her, dann w&uuml;rde dies auch den st&auml;rkeren Anstieg im Hellfeld erkl&auml;ren. Die empirischen Befunde st&uuml;tzen diese &Uuml;berlegung. Bei Beschr&auml;nkung auf K&ouml;rperverletzungsdelikte zeigt sich in den Daten der Sch&uuml;lerbefragung, dass T&auml;ter einer deutschen Herkunft 1998 zu 14,4 % angezeigt wurden, sieben Jahre sp&auml;ter bereits zu 22,5 %, f&uuml;r T&auml;ter nichtdeutscher Herkunft bzw. f&uuml;r gemischtethnische T&auml;tergruppen gibt es eine solche Entwicklung nicht (nichtdeutsch: 18,5 zu 18,3 %; gemischt: 23,7 zu 24,1 %). Diese Zunahme der Anzeigebereitschaft bei deutschen T&auml;tern hat es sowohl bei den deutschen als auch bei den nichtdeutschen Opfern gegeben. Dies spricht daf&uuml;r, dass Gewalt von und unter deutschen Jugendlichen heute einer st&auml;rkeren Kontrolle unterliegt und auch in diesen F&auml;llen h&auml;ufiger auf formelle Regelungen der Konfliktverarbeitung zur&uuml;ckgegriffen wird.</p>
<p>Betrachten wir neben den Gewalttaten auch andere Formen delinquenten Verhaltens im Jugendalter, so zeigen sich zwischen Deutschen und Nichtdeutschen weitestgehend kompatible Entwicklungen. Der T&auml;teranteil bei Ladendiebstahl ist bei den deutschen Jugendlichen von 33,3 auf 16,8 % zur&uuml;ckgegangen, bei den nichtdeutschen Jugendlichen von 31,2 auf 17,2 %. Dieser R&uuml;ckgang f&auml;llt h&ouml;chstwahrscheinlich deshalb so hoch aus, weil in den letzten Jahren die &Uuml;berwachungstechniken verbessert wurden, die die M&ouml;glichkeiten zum Begehen dieser Straftat deutlich reduziert haben. Im Bereich der Sachbesch&auml;digungen ist der T&auml;teranteil bei deutschen Jugendlichen weniger stark von 16,5 auf 12,5 % gesunken, bei nichtdeutschen Jugendliche von 15,8 auf 14,5 %. Damit best&auml;tigt sich der Befund der Kriminalstatistik, dass es bei diesem Delikt keine allzu gro&szlig;en Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen gibt. Dies gilt tendenziell auch f&uuml;r den qualifizierten Diebstahl (Autoeinbruch, Fahrzeugdiebstahl): Dieser wurden 1998 von 6,7 % der deutschen und von 8,6 % der nichtdeutschen Jugendlichen begangen. Sieben Jahre sp&auml;ter gilt dies nur mehr f&uuml;r 4,4 % der deutschen und 5,5 % der nichtdeutschen Jugendlichen.</p>
<p>Die Dunkelfeldauswertungen unterstreichen damit erstens, dass sich Jugendliche deutscher und nichtdeutscher Herkunft in erster Linie hinsichtlich der Bereitschaft zum Begehen von Gewaltdelikten unterscheiden. Deshalb wollen wir im letzten Teil des Beitrags die Ursachen der erh&ouml;hten Gewaltbereitschaft von Migrantenjugendlichen untersuchen. Zweitens korrigieren die Auswertungen den Hellfeldbefund steigender Jugendgewalt. Generell ist weder bei den deutschen noch bei den nichtdeutschen Jugendlichen eine Zunahme der Gewaltbereitschaft festzustellen. Vielmehr beobachten wir einen ver&auml;nderten Umgang mit der Gewalt, insofern die Bereitschaft von Gewaltopfern zur Anzeige gestiegen ist. Zugleich verdeutlichen die Auswertungen, dass es durchaus lokale Abweichungen von diesen Generaltrends gibt: In M&uuml;nchen hat sich der Anteil an Gewaltt&auml;tern bzw. an Mehrfach-Gewaltt&auml;tern unter den nichtdeutschen Jugendlichen signifikant erh&ouml;ht. Stadtspezifische Besonderheiten m&uuml;ssen damit bei der Untersuchung der Ursachen der h&ouml;heren Gewaltbereitschaft nichtdeutscher Jugendlicher ber&uuml;cksichtigt werden.</p>
<h2 class="auto-created">Ursachen erh&ouml;hter Gewalt&shy;be&shy;reit&shy;schaft nicht&shy;deut&shy;scher Jugend&shy;li&shy;cher </h2>
<p>Die Bedingungsfaktoren jugendlichen Gewaltverhalten sind auf Basis zahlreicher kriminologischer Studien inzwischen recht gut bekannt (vgl. z.B. Eisner/Ribeaud 2003). In einer Analyse der Daten der KFN-Sch&uuml;lerbefragung 2005 konnten wir zeigen, dass insbesondere folgende Faktoren von herausgehobener Bedeutung sind: der Kontakt mit gewaltt&auml;tigen Freunden, der Konsum gewalthaltiger Medienformate, die Zustimmung zu Gewaltnormen, die Erfahrung elterlicher Gewalt (Baier et al. 2006a, S. 260f). Zudem hat sich gezeigt, dass der Besuch von Hauptschulen unter den heutigen Bedingungen als eigenst&auml;ndiger Verst&auml;rkungsfaktor von Jugendgewalt gelten muss, was mit der hohen Konzentration belasteter Jugendlicher, die Problemverhaltensweisen voneinander lernen, begr&uuml;ndet werden kann (Baier/Pfeiffer 2007a). Freilich sind damit nicht alle Ursachenfaktoren benannt; insbesondere psychologische Faktoren wie ein schwieriges Temperament oder vorkindliche Belastungen (z.B. Zigaretten- oder Alkoholkonsum der Mutter) w&auml;ren hier weiter zu nennen (vgl. z.B. Beelmann/Raabe 2007, S. 56ff).</p>
<p>Gleichwohl handelt es sich bei den genannten Faktoren um solche, die mittels der wiederholt durchgef&uuml;hrten Sch&uuml;lerbefragungen auf Ver&auml;nderungen hin untersucht werden k&ouml;nnen. Leider k&ouml;nnen dabei zur Ver&auml;nderung der Einbindung in delinquente Freundesgruppen keine Aussagen getroffen werden, weil entsprechende Fragen erst in Befragungen j&uuml;ngeren Datums gestellt wurden (vgl. Baier 2008, S. 55ff). Auch der Konsum von Mediengewalt ist nicht zu jedem Erhebungszeitpunkt in allen Gebieten gleichartig erfasst worden, weshalb an dieser Stelle auf die Ver&auml;nderung der schulischen Integration, der familialen Erziehung und der Einstellungsdimension der Gewaltakzeptanz eingegangen werden soll. Diese Fokussierung wird durch eine weitere Analyse der Sch&uuml;lerbefragung gest&uuml;tzt (Baier/Pfeiffer 2007): Werden Personen verschiedener ethnischer Herkunft verglichen, die ein mittleres Bildungsniveau aufweisen, keine Elterngewalt erlebt haben und gewalthaltigen M&auml;nnlichkeitsnormen nicht zustimmen, dann ergeben sich keine Unterschiede mehr bzgl. deren Gewaltraten.</p>
<p>Betrachten wir deshalb zun&auml;chst die Entwicklung des Schulbesuchs, so zeigen sich die in Abbildung 4 dargestellten Befunde: Weder bei deutschen, noch bei nichtdeutschen Jugendlichen hat es &#8211; die Gesamtstichprobe betrachtet &#8211; starke Ver&auml;nderungen gegeben. Deutsche Jugendliche besuchen aktuell etwas h&auml;ufiger ein Gymnasium (von 47,5 auf 49,9 %) und etwas seltener eine Hauptschule (19,5 auf 18,1 %). F&uuml;r nichtdeutsche Jugendliche f&auml;llt der Trend zu h&ouml;herer Bildung schw&auml;cher aus (Gymnasium: von 20,8 auf 22,0 %), der Trend weg von der Hauptschule etwas st&auml;rker (von 51,5 auf 46,7 %). Deutlich wird dabei einerseits, dass nichtdeutsche Jugendliche sehr viel seltener Zugang zu h&ouml;herer Bildung haben. Wenn aber mit einem Hauptschulbesuch das Risiko eigener Gewaltt&auml;terschaft steigt, dann verwundern die h&ouml;heren Gewaltraten der nichtdeutschen Jugendlichen nicht. Andererseits best&auml;tigt sich dieser Zusammenhang auch indirekt im Vergleich verschiedener Erhebungsgebiete. In Hannover f&auml;llt der Trend zu h&ouml;herer Bildung f&uuml;r beide Gruppen weit st&auml;rker aus als in M&uuml;nchen. Die Hauptschule bleibt dabei f&uuml;r viele M&uuml;nchener Migranten die wichtigste Schulform; in Hannover wird sie gegenw&auml;rtig nur noch von einem Viertel der Migranten besucht. In M&uuml;nchen hat sich zudem gezeigt, dass die Bildungssituation der t&uuml;rkischen Jugendlichen schlechter wird, also jener Gruppe, bei der 2005 im Vergleich zu 1998 ein signifikanter Anstieg in der Gewaltbereitschaft festzustellen ist. Parallel zu dieser Entwicklung sank der Anteil an t&uuml;rkischen Jugendlichen, die ein Gymnasium besuchen, von 18,1 auf 12,6 %; in Hannover stieg dieser Anteil von 8,7 auf 15,3 %. In Hannover werden zudem mehr Migranten in mittleren Schulzweigen (Real-, Gesamtschule) unterrichtet. Dies d&uuml;rfte sich positiv auf das Selbstbewusstsein dieser Jugendlichen auswirken, da sie wissen, dass ein m&ouml;glicher Berufseinstieg auf Basis dieses Schulbesuchs unproblematischer sein wird als bei Besuch einer Hauptschule. Hinzu kommt, dass h&auml;ufiger Freundschaftsbeziehungen zu deutschen Jugendlichen aufgebaut werden k&ouml;nnen, die wichtige Unterst&uuml;tzung im Integrationsprozess anbieten. Freundschaften zu Jugendlichen, die sich delinquent verhalten, sind hingegen seltener.[10]</p>
<p>XXXXX Grafik</p>
<p>Entwicklungen, die im Einklang mit der r&uuml;ckl&auml;ufigen Gewaltbereitschaft von Jugendlichen stehen, k&ouml;nnen mit Blick auf innerfamili&auml;re Gewalterfahrungen berichtet werden (Abbildung 5). Eltern, die ihren Kindern Gewalt antun, erh&ouml;hen die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind sp&auml;ter selbst zu Gewalt greift (Wetzels et al. 2001, Smith/Thornberry 1995). Sie liefern einerseits Verhaltensvorbilder, wie in Konfliktsituationen zu reagieren ist und erzeugen den Eindruck, dass Gewalt ein legitimes Verhalten darstellt. Andererseits kann wiederholte Gewaltanwendung zu Sch&auml;digungen in der sozio-emotionalen Entwicklung (z.B. mangelnde Empathief&auml;higkeit) f&uuml;hren, weil bestimmte Gehirnregionen z.T. irreparabel verletzt werden. Elterliche Gewalt wurde in den Befragungen dabei mit einer 6-Item-Skala erfasst. Es sollte eingesch&auml;tzt werden, wie oft die Eltern dem Befragten (1) eine runtergehauen, (2) mit einem Gegenstand nach ihm geworfen, (3) ihn hart angepackt oder gesto&szlig;en, (4) ihn mit einem Gegenstand geschlagen, (5) ihn mit der Faust geschlagen oder getreten sowie (6) ihn gepr&uuml;gelt oder zusammengeschlagen haben. Seltene Erlebnisse der ersten drei Kategorien gelten als leichte Z&uuml;chtigung, h&auml;ufigere Erlebnisse der ersten drei Kategorien oder Erlebnisse der vierten Kategorie wurden als schwere Z&uuml;chtigung kategorisiert. Misshandelt wurde ein Kind dann, wenn es Erlebnisse der Kategorien f&uuml;nf und sechs machen musste.[11]</p>
<p>XXXXXX Grafik</p>
<p>Sowohl bei deutschen als auch bei nichtdeutschen Jugendlichen f&auml;llt der Anteil an Sch&uuml;lern mit elterlichen Gewalterfahrungen, d.h. es steigt der Anteil derer, die gewaltfrei aufwachsen. Deutsche Jugendliche wuchsen 1998 zu 36,4 % gewaltfrei auf, 2005/06 bereits zu 48,2 % (nichtdeutsche Jugendliche: 35,3 zu 43,3 %). Sch&uuml;ler, die schwer gez&uuml;chtigt oder sogar misshandelt wurden, gibt es mittlerweile seltener. Dieser Anteil geht bei den deutschen Jugendlichen dabei st&auml;rker zur&uuml;ck (von 28,0 auf 22,4 %) als bei den nichtdeutschen Jugendlichen (von 40,1 auf 33,7 %). Dies mag im Ergebnis dazu f&uuml;hren, dass die Gewaltbereitschaft der Deutschen st&auml;rker gesunken ist als die der Nichtdeutschen. Auff&auml;llig ist allerdings, dass sich bei beiden Gruppen die r&uuml;ckl&auml;ufigen Entwicklungen im Wesentlichen auf die leicht und schwer gez&uuml;chtigten Jugendlichen konzentrieren; die Misshandlungsquoten haben kaum abgenommen. Die Abbildung 5 macht zudem darauf aufmerksam, dass nichtdeutsche Jugendliche alles in allem 1,5mal h&auml;ufiger mit schwerer innerfamili&auml;rer Gewalt konfrontiert werden als deutsche Jugendliche. Am h&ouml;chsten fallen die Quoten f&uuml;r die t&uuml;rkischen Jugendlichen aus: Zum Zeitpunkt der letzten Befragung gaben 36,0 % der t&uuml;rkischen Jugendlichen an, schwer gez&uuml;chtigt oder misshandelt worden zu sein, 33,4 % waren es bei den anderen Jugendlichen, bei den jugoslawischen Jugendlichen 31,8 % (deutsch: 22,4 %).</p>
<p>Hinsichtlich der Entwicklung elterlicher Gewalterfahrungen unterscheiden sich die einbezogenen St&auml;dte nicht voneinander; ein steigender Anteil gewaltfrei erzogener Jugendlicher ist &uuml;berall zu finden.12 Dies ist f&uuml;r einen anderen Indikator nicht der Fall: Die Jugendlichen wurden an einer weiteren Stelle des Fragebogens gebeten einzusch&auml;tzen, ob ihre Eltern den Einsatz von Gewalt missbilligen w&uuml;rden. Dabei sollten sie sich vorstellen, dass sie mit einem Jugendlichen aus einer anderen Klasse w&auml;hrend der Schulpause in Streit geraten w&auml;ren und daraufhin dem anderen Sch&uuml;ler mit der Faust ins Gesicht geschlagen h&auml;tten. Dieser Sch&uuml;ler h&auml;tte einen k&ouml;rperlichen (blutende Nase) und einen materiellen Schaden (zerrissene Hose durch Hinfallen) erlitten. An diese Vignette schloss sich die Frage an, wie schlimm die Eltern es finden w&uuml;rden, wenn sich der Befragte so verhielte. Im Jahr 1998 waren 35,8 % der deutschen Jugendlichen der Meinung, dass die Eltern dies als sehr schlimm einstufen w&uuml;rden, sieben Jahre sp&auml;ter waren es 44,6 %. Bei den nichtdeutschen Jugendlichen liegt diese Quote etwas h&ouml;her: Sie ist von 42,2 auf 47,7 % gestiegen. Interessant ist diesbez&uuml;glich, dass sich in M&uuml;nchen kaum eine Ver&auml;nderung in den Einsch&auml;tzungen der Jugendlichen zeigt: 1998 meinten 37,0 % der deutschen und 45,8 % der nichtdeutschen Befragten, dass die Eltern das sehr schlimm finden, 2005/06 waren es 40,0 bzw. 44,4 %. In allen anderen St&auml;dten steigt dieser Anteil bei beiden Gruppen.</p>
<p>Eine letzte Auswertung bezieht sich auf die Entwicklung der Gewaltakzeptanz. Diese Einstellung wird als wichtiger Mediator des Gewaltverursachungsprozesses erachtet (vgl. u.a. Fuchs et al. 2005), d.h. als Bindeglied zwischen familialen und schulischen Bedingungen auf der einen und Gewalthandeln auf der anderen Seite. Die Gewaltakzeptanz wurde zu allen Erhebungszeitpunkten mit einer Skala erhoben, die u.a. auf Sturzbecher (1997) zur&uuml;ckgeht. Diese Skala beinhaltet die Stellungnahmen der Sch&uuml;ler zu insgesamt f&uuml;nf Einzelaussagen, wie z.B. &#8222;Ein bisschen Gewalt geh&ouml;rt einfach dazu, um Spa&szlig; zu haben&#8220; oder &#8222;Der St&auml;rkere muss sich durchsetzen, sonst gibt es keinen Fortschritt&#8220;.[13] Der Anteil an gewaltakzeptierenden Jugendlichen ist bei den Deutschen von 13,3 auf 8,8 % gefallen[14], bei den Nichtdeutschen in etwa gleichem Ausma&szlig; von 25,4 auf 17,7 %. In allen St&auml;dten verl&auml;uft die Entwicklung gleichf&ouml;rmig. Am geringsten f&auml;llt der R&uuml;ckgang bei den osteurop&auml;ischen Jugendlichen aus (von 19,6 auf 17,6 %), deutlich h&ouml;her bei t&uuml;rkischen (von 30,7 auf 21,6 %) und jugoslawischen Jugendlichen (von 27,6 auf 19,3 %). Dies ist konsistent mit den unterschiedlichen Entwicklungen dieser Gruppen beim Gewaltverhalten. Deutlich erkennbar ist erneut, dass nichtdeutsche Jugendliche diese Gewalteinstellungen h&auml;ufiger internalisiert haben als deutsche Jugendliche.</p>
<h2 class="auto-created">Zusam&shy;men&shy;fas&shy;sung </h2>
<p>Die vorgestellten Auswertungen belegen, dass nichtdeutsche Jugendliche h&auml;ufiger kriminelles bzw. delinquentes Verhalten aus&uuml;ben als deutsche Jugendliche. Dieser Befund ist aber in mehrfacher Hinsicht zu relativieren: Erstens findet er sich insbesondere beim Gewaltverhalten. F&uuml;r Sachbesch&auml;digungen gibt es weder im Hellfeld noch im Dunkelfeld erh&ouml;hter T&auml;terraten nichtdeutscher Jugendlicher; f&uuml;r Ladendiebstahl gilt dies zumindest im Dunkelfeld. Zweitens existiert auch im Bereich des Gewaltverhaltens keine derartige &Uuml;berrepr&auml;sentanz an nichtdeutschen T&auml;tern, wie dies bisweilen behauptet wird: Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik betrug der Anteil nichtdeutscher T&auml;ter in diesem Deliktfeld zuletzt 22,6 %. Drittens lassen sich durchaus positive Entwicklungstrends identifizieren: Im polizeilichen Hellfeld n&auml;hern sich Deutsche und Nichtdeutsche im Ausma&szlig; des Gewaltverhaltens an, im Dunkelfeld ist auch bei den nichtdeutschen Jugendlichen ein leichter R&uuml;ckgang der Gewaltbereitschaft zu beobachten. Dieser R&uuml;ckgang wird in der Gruppe der Migranten begleitet von einer leicht verbesserten schulischen Integration, von einem selteneren Gewalteinsatz und einer geringer Gewalttolerierung in der Familie sowie von einer r&uuml;ckl&auml;ufigen Gewaltakzeptanz. Viertens gilt, dass die erh&ouml;hte Gewaltbereitschaft nichtdeutscher Jugendlicher Ursachen hat, die durch Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen beeinflusst werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Die Tatsache, dass junge Migranten in Deutschland zurzeit h&auml;ufiger als junge Deutsche mit Gewalttaten auffallen, ist damit kein unver&auml;nderbares Naturgesetz. Wenn ihre hohe Gewaltrate noch weiter reduziert werden soll, muss daf&uuml;r Sorge getragen werden, dass sich die Rahmenbedingungen des Aufwachsens verbessern. Der Vergleich der Entwicklung in den beiden St&auml;dten M&uuml;nchen und Hannover macht darauf aufmerksam, dass hier insbesondere der schulischen Integration ein hoher Stellenwert zuf&auml;llt: In Hannover hat sich der Anteil an Migrantenjugendlichen, die mittlere und h&ouml;here Abschl&uuml;sse erwerben werden, &uuml;ber die Jahre erh&ouml;ht, in M&uuml;nchen ist er weitestgehend konstant geblieben. Dies gilt in M&uuml;nchen auch f&uuml;r die Gewaltt&auml;terrate der Nichtdeutschen, w&auml;hrend diese Rate in Hannover sinkt. Der Besuch von Realschulen und Gymnasien ist f&uuml;r Migrantenkinder ein entscheidender Indikator daf&uuml;r, in Deutschland angekommen zu sein. Die zuk&uuml;nftige berufliche Integration h&auml;ngt davon ab; zudem wird die soziale Integration gef&ouml;rdert, weil in diesen Schulen h&auml;ufiger Kontakte zu deutschen Mitsch&uuml;lern aufgebaut werden k&ouml;nnen. Solche Migranten aber, die eine feste Verankerung in der deutschen Gesellschaft gefunden haben, werden nicht h&auml;ufiger als einheimische Deutsche als Straft&auml;ter in Erscheinung treten.</p>
<p>[1] Die Befragungen haben auch im Bundesland Th&uuml;ringen stattgefunden, in dem 96,3 Prozent der Neuntkl&auml;ssler deutscher Herkunft waren. Allerdings zeigte sich hier in Bezug auf Viertkl&auml;ssler, dass bereits 10,6 Prozent einen Migrationshintergrund besitzen (vgl. Baier et al. 2006), d.h. auch im Osten Deutschlands steigt der Anteil an Migranten.</p>
<p>[2] Eine Ausnahme gilt f&uuml;r junge Aussiedler, bei denen in einigen Bundesl&auml;ndern erg&auml;nzend zur Angabe, dass sie als deutsche Tatverd&auml;chtige registriert worden sind, auch noch erfasst wird, dass es sich bei ihnen um Aussiedler handelt und aus welchem Land sie nach Deutschland zugewandert sind (vgl. Pfeiffer et al. 2005).</p>
<p>[3] Im Folgenden wird statt von Kriminalit&auml;t von Delinquenz gesprochen, da in Dunkelfeldstudien auch jene Verhaltensweisen erfasst werden, die als potenziell kriminalisierbar gelten, aber nicht im Hellfeld dokumentiert sind.</p>
<p>[4] Eine Ausnahme stellt M&uuml;nchen 1998 dar, da die Befragungen hier erst im Oktober erfolgten.</p>
<p>[5] Auch die Befragung 2006 in Hannover stellt eine Vollerhebung dar.</p>
<p>[6] Vgl. zu weiteren methodischen Aspekten der Studie und zur Stichprobenzusammensetzung Baier (2008).</p>
<p>[7] Problematisch an dieser Bestimmung der Herkunft ist, dass zwischen 1998 und 2005/06 Ver&auml;nderungen in den M&ouml;glichkeiten des Erwerbs der deutschen Staatsangeh&ouml;rigkeit stattgefunden haben. Inwieweit diese Ver&auml;nderungen Auswirkungen auf das Berichten der eigenen Staatsangeh&ouml;rigkeit haben, l&auml;sst sich nur schwer absch&auml;tzen. Etwas unerwartet zeigt sich, dass sich der Anteil nichtdeutscher Jugendlicher in der Stichprobe zumindest in Stuttgart und Schw&auml;bisch Gm&uuml;nd seit 1998 signifikant verringert hat, in M&uuml;nchen und Hannover ist er gleich geblieben (Baier 2008, S. 46f). Es ist nicht auszuschlie&szlig;en, dass sich mittlerweile mehr Migranten, die in Deutschland geboren wurden, auch bereits bei der Geburt die deutsche Staatsangeh&ouml;rigkeit zuschreiben &#8211; obwohl dies in den seltensten F&auml;llen den Tatsachen entsprechen d&uuml;rfte &#8211; und damit nicht als Migranten im Datensatz zu identifizieren sind. Ein besserer Weg der Bestimmung der Herkunft w&auml;re die Abfrage der Staatsangeh&ouml;rigkeit der Eltern bei deren Geburt (vgl. Baier/Pfeiffer 2007); dieser Weg wurde aber erst ab M&uuml;nchen 1998 beschritten.</p>
<p>[8] Zu den &#8222;anderen&#8220; Jugendlichen wurden jene nichtdeutschen Jugendlichen zusammengefasst, die in so geringer Anzahl in der Stichprobe vorkommen, dass die Bildung eigener Gruppen nicht sinnvoll erscheint.</p>
<p>[9] Auch hier ist allerdings erneut zu beachten, dass die St&auml;dte sich in dieser Entwicklung nicht unwesentlich unterscheiden: In Schw&auml;bisch Gm&uuml;nd hat sich die Schere sogar geschlossen, in Hannover sind die Abst&auml;nde konstant geblieben.</p>
<p>[10] Vgl. zur Rolle der Freundschaftsbeziehungen zur Erkl&auml;rung ethnischer Unterschiede im Gewaltverhalten Rabold und Baier (2008).</p>
<p>[11] Erfragt wurden diese Erlebnisse einmal f&uuml;r die Kindheit, d.h. in Bezug auf die Zeit vor dem zw&ouml;lften Lebensjahr; ein zweites Mal wurden diese Erlebnisse in Bezug auf die zur&uuml;ckliegenden zw&ouml;lf Monate erfragt. In die hier pr&auml;sentierte Auswertung gehen die Angaben zu beiden Zeitr&auml;umen ein, wobei die jeweils st&auml;rkste &Uuml;bergriffsform erfasst wurde. Hat ein Befragter also in der Kindheit Misshandlungen erfahren, in den letzten zw&ouml;lf Monaten aber keine derartige Gewalt erlebt, dann f&auml;llt er in die Gruppe misshandelter Personen.</p>
<p>[12] Eine Ausnahme stellt die Gruppe der nichtdeutschen Jugendlichen in Hannover dar, bei der dieser Anteil seit 1998 nicht gestiegen ist. Allerdings ist darauf zu verweisen, dass dieser bereits 1998 deutlich &uuml;ber den entsprechenden Anteilen der anderen St&auml;dte gelegen hat.</p>
<p>[13] Die anderen Items lauten: &#8222;Wenn ich zeigen muss, was ich drauf habe, w&uuml;rde ich auch Gewalt anwenden.&#8220;, &#8222;Ohne Gewalt w&auml;re alles viel langweiliger.&#8220; und &#8222;Wenn mich jemand provoziert, dann werde ich schnell gewaltt&auml;tig.&#8220; Es konnte von &#8222;1 &#8211; stimme gar nicht zu&#8220; bis &#8222;4 &#8211; stimme v&ouml;llig zu&#8220; geantwortet werden. Die Reliabilit&auml;t dieser Skala kann zu allen Erhebungszeitpunkt als gut eingesch&auml;tzt werden (Cronbachs Alpha mindestens .80).</p>
<p>[14] F&uuml;r diese Gruppierung wurde die Skala an ihrem theoretischen Mittelwert von 2,5 getrennt.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Albrecht, H. J. </i>2001:. Immigration, Kriminalit&auml;t und Innere Sicherheit. In: Albrecht, G., Backes, O., K&uuml;hnel, W. (Hrsg.), Gewaltkriminalit&auml;t zwischen Mythos und Realit&auml;t. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 259-281.</p>
<p><i>Baier, D. </i>2008: Entwicklung der Jugenddelinquenz und ausgew&auml;hlter Bedingungsfa ktoren seit 1998 in den St&auml;dten Hannover, M&uuml;nchen, Stuttgart und Schw&auml;bisch. KFN-Forschungsberichte Nr. 104.</p>
<p><i>Baier, D., Pfeiffer, C. </i>2007: Gewaltt&auml;tigkeit bei deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen &#8211; Befunde der Sch&uuml;lerbefragung 2005 und Folgerungen f&uuml;r die Pr&auml;vention. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen: KFN-Forschungsberichte Nr. 100.</p>
<p><i>Baier, D., Pfeiffer, C.</i> 2007a: Hauptschulen und Gewalt. Aus Politik und Zeitgeschichte, 28, 17-26.</p>
<p><i>Baier, D., Pfeiffer, C. </i>2008: T&uuml;rkische Kinder und Jugendliche als T&auml;ter und Opfer von Gewalt. In: Brumlik, M. (Hrsg.), Ab nach Sibirien? Wie gef&auml;hrlich ist unsere Jugend? Weinheim: Beltz. S. 62-104.</p>
<p><i>Baier, D., Pfeiffer, C., Windzio, M. </i>2006a: Ethnische Gruppen und Gewalt. Junge Migranten als Opfer und T&auml;ter. In: Heitmeyer, W., Schr&ouml;tte, M. (Hrsg.), Gewalt. Beschreibungen, Analysen, Pr&auml;vention. Bonn: Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung. S. 240-268.</p>
<p><i>Baier, D., Rabold, S., Pfeiffer, C., Windzio, M.</i> 2006: Sch&uuml;lerbefragung 2005: Gewalterfahrungen, Schulabsentismus und Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen in Th&uuml;ringen. Abschlussbericht &uuml;ber eine repr&auml;sentative Befragung von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern der 4. und 9. Jahrgangsstufe. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen.</p>
<p><i>Beelmann, A., Raabe, T. </i>2007: Dissoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen. G&ouml;ttingen; Hogrefe.</p>
<p><i>Block, T., Brettfeld, K., Wetzels, P.</i> 2007: Umfang, Struktur und Entwicklung von Jugendgewalt und &#8211; delinquenz in Hamburg 1997-2004. Universit&auml;t Hamburg: Unver&ouml;ffentlichter Forschungsbericht.</p>
<p><i>Drewniak, R. </i>2004: &#8222;Ausl&auml;nderkriminalit&auml;t&#8220; zwischen &#8222;kriminologischen Binsenweisheiten&#8220; und &#8222;ideologischem Minenfeld&#8220;. Zeitschrift f&uuml;r Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 15, 372-378.</p>
<p><i>Eisner, M., Ribeaud, D. </i>2003: Erkl&auml;rung von Jugendgewalt &#8211; Eine &Uuml;bersicht &uuml;ber zentrale Forschungsbefunde. In: Raithel, J., Mansel, J. (Hrsg.), Kriminalit&auml;t und Gewalt im Jugendalter. Hell-und Dunkelfeldbefunde im Vergleich. Weinheim: Juventa. S. 182-206.</p>
<p><i>Fuchs, M., Lamnek, S., Luedtke, J., Baur, N. </i>2005: Gewalt an Schulen. 1994-1999-2004. Wiesbaden: VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.</p>
<p><i>Haug, S., Baraulina, T., Babka von Gostomski, C.</i> 2008: Kriminalit&auml;t von Aussiedlern. Eine Bestandsaufnahme. Working Paper 12 der Forschungsgruppe des Bundesamtes f&uuml;r Migration und Fl&uuml;chtlinge.</p>
<p><i>Mansel, J. </i>2003: Konfliktregulierung bei Straftaten &#8211; Variation des Anzeigeverhaltens nach der Ethnie des T&auml;ters. In: Groenemeyer, A., Mansel, J. (Hrsg.), Die Ethnisierung von Alltagskonflikten. Opladen: Leske und Budrich. S. 261-283.</p>
<p><i>Pfeiffer, C., Kleimann, M., Petersen, S., Schott, T. </i>2005: Migration und Kriminalit&auml;t. Ein Gutachten f&uuml;r den Zuwanderungsrat der Bundesregierung. Baden-Baden: Nomos.</p>
<p><i>Rabold, S., Baier, D. </i>2008: Ethnische Unterschiede im Gewaltverhalten von Jugendlichen &#8211; Die Struktur von Freundschaftsnetzwerken als Erkl&auml;rungsfaktor. <a href="http://www.migremus.uni-bremen.de/downloads/abstracts/rabold%20baier_1.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.migremus.uni-bremen.de/downloads/abstracts/rabold%20baier_1.pdf</a></p>
<p><i>Smith, C., Thornberry, T.P. </i>1995: The Relationship between Childhood Maltreatment and Adolescent Involvement in Delinquency. In: Criminology, 33, S. 451-481.</p>
<p><i>Sturzbecher, D. </i>(Hrsg.)1997: Jugend und Gewalt in Ostdeutschland. G&ouml;ttingen: Hogrefe.</p>
<p><i>Wetzels, P., Enzmann, D., Mecklenburg, E., Pfeiffer, C.</i> 2001: Jugend und Gewalt. Eine repr&auml;sentative Dunkelfeldanalyse in M&uuml;nchen und acht anderen deutschen St&auml;dten. Baden-Baden: Nomos.</p>
<p><i>Wilmers, N., Enzmann, D., Schaefer, D., Herbers, K., Greve, W., Wetzels, P.</i> 2002: Jugendliche in Deutschland zur Jahrtausendwende: Gef&auml;hrlich oder gef&auml;hrdet? Baden-Baden: Nomos.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Ombudsfrau des deutschen Strafvollzugs</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/137/publikation/die-ombudsfrau-des-deutschen-strafvollzugs/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jan 1997 14:09:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Laudatio zur Verleihung des Courage-Preises an Birgitta Wolf Aus: vorgänge Nr. 137( Heft /1997),Seite 132-138 Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Birgitta, den Courage-Preis sollst Du heute erhalten. Einen Preis für den Mut, mit dem Du Dich in Deinem Leben immer wieder für Menschen in Not eingesetzt hast. Da frage ich mich als erstes: Wie [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Laudatio zur Verleihung des Courage-Preises an Birgitta Wolf</p>
<p>Aus: vorgänge Nr. 137( Heft /1997),Seite 132-138</p>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Birgitta,</p>
<p>den Courage-Preis sollst Du heute erhalten. Einen Preis für den Mut, mit dem Du Dich in Deinem Leben immer wieder für Menschen in Not eingesetzt hast. Da frage ich mich als erstes: Wie bist Du eigentlich eine derart mutige Person geworden? Hat man Dir diese Tugend in Deiner Familie beigebracht? Oder hast Du es in der Schule gelernt, couragiert zu sein &#151; so, wie man dort den Bauchaufschwung am Reck erlernt? Üben, üben, üben, und irgendwann kann man es? Nein! Ich denke, die Entwicklung zum Mutig sein verläuft ganz anders. Vergegenwärtigen wir uns doch alle einmal, wie eine Gruppe von kleinen Kindern agiert &#151; etwa in einer Kinderkrippe oder einem Kindergarten, der nicht autoritär geführt wird. <br />Das Faszinierende an diesen kleinen Menschen ist doch immer wieder ihre unbändige Lebensfreude, ihre Vitalität und ihr Mut, sich auf alle möglichen, ihnen noch weitgehend unbekannten Risiken des Lebens einzulassen. Aber dann gibt es da all diese Erziehungspersonen, die einem beibringen, wie man sich einfügt in diese Gesellschaft, daß man Autoritäten zu respektieren hat, daß Disziplin und Anpassung notwendig sind, daß man gehorchen muß. Manches an diesen Sozialisationsvorgängen mag ja notwendig sein, damit wir uns in dieser Gesellschaft zurechtfinden und das Zusammenleben von Millionen von Menschen einigermaßen geordnet abläuft. <br />Aber eines ist auch klar: Zum Untertanen wird man nicht geboren. Dazu wird man gemacht.<br />Eine derartige Abrichtung zum Gehorsam hast Du, Birgitta, offenkundig nicht erlebt. <br />Du bist in einem märchenhaften Schloss in Schweden aufgewachsen, umgeben von den kleinen Holzhäusern der Arbeiter, deren viele Kinder Deine liebsten Spielkameraden waren. Dein Vater, Graf von Rosen, war zwar nach Deinen Schilderungen ein Patriarch von altem Schrot und Korn &#151; also durchaus schon mal jähzornig aufbrausend, wenn ihm seine sechs Kinder gar zu sehr auf den Geist gingen. Aber Dich als viertes Kind hat das nicht mehr so hart getroffen. Im Gegenteil: Er hat Dich immer ermutigt, es ihm deutlich zu sagen, wenn er aus Deiner Sicht ungerecht und böse gewesen war. So hast Du eine Art Pippi Langstrumpf-Kindheit gehabt &#151; geprägt von großen Freiräumen, viel Liebe und wenig Ängsten.<br />Als ungezähmte, wilde kleine Schwester hast Du offenbar auf einen Deiner Brüder, den Graf Björn von Rosen, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Er, ein Schriftsteller, hat Dich jedenfalls in einem Kinderbuch verewigt, das den schönen Titel trägt &#132;Das Märchen von der ungehorsamen Adeli-Sofi und ihrer furchtbaren Begegnung mit dem Wassermann&#148;. Du hast dieses Kinderbuch Anfang der 40er Jahre ins Deutsche übersetzt. Gleich nach seinem Erscheinen wurde es dann jedoch im Jahr 1944 als entartete Kunst eingestuft und verboten. Was war daran so gefährlich für die Nazis? Das war offenkundig die Beschreibung eines kleinen Mädchens, das lustvoll ungehorsam ist. Ich zitiere: &#132;Wir möchten auch mal was Verbotenes tun, nur Ungezogensein macht richtig froh.&#148;<br />Gewissermaßen zur Strafe dafür, daß Adeli-Sofi sich diesem Grundsatz gemäß verhält, wird sie vom mächtigen Wassermann in die Tiefen des Meeres entführt. Aber glücklich wird er mit<br />ihr nicht. Alles Drohen, Umwerben und Flehen hat keine Wirkung. Sie schweigt. Und dann &#150; ich zitiere: &#132;Da sprach sie endlich &#150; doch das Wort war: Nein! Sie öffnete den Mund und schrie und schrie, und Schreien konnte Adeli-Sofi! Sie hatte es schon oft geübt zu Haus und brachte jetzt die höchsten Töne raus.<br />Und wie geht es weiter? Der Wassermann gibt entnervt auf und bringt Adeli-Sofi ans Ufer zurück. Und die Moral von der Geschicht&#8216;? Sie steht in den letzten beiden Zeilen: &#132;Wenn man nur genügend schreien kann, setzt man sich durch &#150; auch bei dem Wassermann.&#148;<br />Klar, daß die Nazis diese Geschichte des erfolgreichen Widerstands eines Kindes nicht geliebt haben.<br />Ich denke, das Märchen ist symbolisch für das Leben von Birgitta Wolf. Sie hat immer dann laut aufgeschrien, wenn ihr sinnloses Leiden begegnet ist, das andere Menschen absichtlich verursacht haben. Immer dann, wenn sie auf himmelschreiendes Unrecht gestoßen ist, hat sie sich gerade nicht damit begnügt, in einer stillen Fürbitte den Himmel anzurufen. Sie hat die Öffentlichkeit alarmiert. Und sie hat mit dem Schreien erst dann aufgehört, wenn die <br />Behörden, die Ministerien oder die verantwortlichen Mitmenschen endlich reagiert und dem jeweiligen Mißstand abgeholfen haben.<br />Damit wäre ich eigentlich in meiner Laudatio schon bei der Birgitta angelangt, von der Sie, verehrte Zuhörer, heute viel hören wollen. Aber ich bitte um etwas Geduld. Noch einmal will ich zu Birgittas Jugend zurückkehren, weil in ihr so viel von dem angelegt wurde, was sie später in ihrem Leben getan hat.<br />Ich habe es schon erwähnt &#150; am liebsten spielt sie mit den Arbeiterkindern in den Wäldern rund um den geliebten See. Und weil sie im Bogenschießen, im Segeln und im Raufen bestens mit den Jungs mithalten kann &#150; beispielsweise wird sie 1929 schwedische Jugendmeisterin im Bogenschießen &#150; wählt ihre Gruppe sie zu ihrer großen Freude zum Räuberhauptmann. <br />So wird sie zu einem weiblichen Robin Hood, der sich schon in dieser Zeit für diejenigen einsetzt, die am Rande der Gesellschaft stehen. Dazu ein Beispiel: Am 23. April 1929 lädt sie als damals 16jährige im Arbeiterviertel ihres Städtchens für 19.00 Uhr in das sogenannte Haus des Volkes zu ihrem ersten öffentlichen Vortrag ein. Das Thema lautet &#132;Vorschlag zur Bildung eines Kameradenclubs in Starreholm&#148;. Sie will eine Art Freizeitverein für all diejenigen gründen, die nirgends so richtig dazugehören und als Habenichtse zum Herumlungern und Zuschauen verurteilt scheinen. Und weil Birgitta davon ausgeht, daß der Saal zu klein sein würde für die vielen Jugendlichen und Erwachsenen, die ihr zuhören wollen, hat sie auf dem Plakat angekündigt, daß sie am selben Tag um 20.30 Uhr den Vortrag noch einmal halten werde. An Sendungsbewußtsein und Selbstvertrauen hat es ihr wahrlich nie gefehlt.<br />Ein weiteres Beispiel für ihre außergewöhnliche Courage bietet sie ihren Familienangehörigen und Freunden ein Jahr später als 17jährige. Damals ist sie zu Besuch in der Schweiz und reist mit dem Zug von Genf nach Luzern. Unterwegs hält der Zug. Auf dem Nachbargleis schaut ein attraktiver junger Mann aus dem Fenster eines Zuges, der gerade aus der Gegenrichtung eingefährt. Als er Birgitta erblickt &#150; eine hinreißende nordische Schönheit, die ihn herzlich anlächelt &#150; ist es um ihn geschehen. Er springt aus dem Zug, wechselt hinüber und nimmt gegenüber Birgitta Platz. Der Schaffner, der kurze Zeit später seinen Fahrschein kontrolliert, meint zwar noch &#132;Junger Mann, Sie sind im falschen Zug&#148;. Aber die beiden jungen Leute sind da offenkundig ganz anderer Ansicht. Einige Stationen später &#150; dort, wo der junge Mann zuvor sein Auto geparkt hat &#150; steigen sie beide aus und starten in dem Zweisitzer ihre Reise in ein gemeinsames Leben. Drei Jahre später heiraten sie. Und weil er Deutscher ist, landet Birgitta auf diese Weise im Jahr 1933 im Schwarzwald. Hier in unserem Land verkehrt sie alsbald im Kreis der mächtigsten Nazi-Größen.</p>
<p>Als Verwandte Hermann Görings &#150; er hat die jüngere Schwester ihrer Mutter geheiratet &#150; ist sie oft bei ihm, aber auch bei Göbbels, bei Speer und sogar bei Hitler zu Gast. Das verführt sie jedoch nicht. Sie bleibt, wie wir gleich sehen werden, ganz die alte.<br />Die ersten Jahre in Deutschland ist Birgitta Wolf noch primär damit beschäftigt, verliebt zu sein, Kinder in die Welt zu setzen und ihr Familienleben zu gestalten. Doch das ändert sich schlagartig, als 1936 die Frau eines Arbeiters, Robert Haist, zu ihr kommt und um Rat und Hilfe bittet. Sie erzählt ihr, daß ihr Mann sozialistische Flugblätter mit der Aufforderung zum Widerstand gegen Hitler verteilt hat. Er sei dabei verhaftet worden und sei seitdem verschwunden. Die Frau befürchtet, daß die Gestapo ihn in ein KZ-Lager abgeschoben hat und dort umbringen würde. Birgitta Wolff zögert nicht lange. In einem Gemisch von Naivität und Empörung schreibt sie einen ziemlich impertinenten Brief an den damaligen Leiter des Sicherheitsdienstes des Reichsführers der SS, Reinhold Heydrich, schildert die Situation und ihr völliges Unverständnis für die Handhabung dieses Falles. Sie fordert, daß der Mann, falls er sich strafbar gemacht habe, einem ordentlichen Gericht zugeführt werde und daß man seine Adresse der Ehefrau mitteilt. Und das Wunder geschieht. Man entspricht ihrem Vorschlag. Der Mann wird verurteilt, sitzt noch einige Zeit im Gefängnis und überlebt die Nazi-Zeit.<br />Seit dieser Geschichte hat Birgitta ihre Augen offen. Mehr und mehr begreift sie, was wirklich in Deutschland abläuft. Und sie engagiert sich. Dazu nur drei Beispiele:</p>
<p>&#151; 1938, der Vormittag nach der Reichskristallnacht. Birgitta hat Besuch von ihrer Mutter und ihrem Bruder. Zu dritt protestieren sie öffentlich gegen die Ausschreitungen auf der Straße. Alle drei werden von SS-Leuten in ein kleines, für solche Fälle bereitgestelltes Lokal abgeführt. Als man anhand der Personalien feststellt, daß es sich um Verwandte von Göring handelt, werden alle drei wieder freigelassen.<br />&#151; Frühjahr 1945: Birgitta Wolf versucht, über Hermann Göring eine Besuchserlaubnis für das KZ-Außenlager Dachau zu bekommen. Sie will dort eine mit ihr verwandte holländische Widerstandskämpferin besuchen, von der sie weiß, daß diese psychisch in einer sehr bedrohlichen Lage ist. Göring telegrafiert und schreibt ihr brieflich, daß ein Besuch völlig ausgeschlossen sei. Daraufhin schmuggelt sich Birgitta mit falschen Angaben in das KZ. Es gelingt ihr, die zum Tode verurteilte und danach zu lebenslanger Haft begnadigte Frau zu sprechen und ihr auf schwedisch ermutigende Nachrichten aus der Heimat und zur Kriegslage mitzuteilen.<br />&#151; Ebenfalls Frühjahr 1945: Die Tochter Birgittas findet im Wald drei völlig entkräftete Jüdinnen, die bei einem Transport hatten fliehen können. Birgitta versteckt die drei in dem von ihr gemieteten Haus in Grainau bei Garmisch-Partenkirchen, bis das Kriegsende endlich auch das Ende der Nazi-Herrschaft bringt.<br />Damit sind bereits in den Jahren von 1936 bis 1945 die drei Elemente der späteren Arbeit von Birgitta Wolf erkennbar, die ab Mitte der 50er Jahre ihren Alltag prägen: <br />Die Gefangenenfürsorge, die Notaufnahme in ihrem Haus und der öffentliche Protest gegen eine inhumane Behandlung von Außenseitern dieser Gesellschaft. Zu diesen drei Arbeitsschwerpunkten möchte ich jetzt etwas mehr und Genaueres sagen.<br />Zunächst zur Gefangenenfürsorge: Birgitta Wolf kümmert sich auch nach 1945 persönlich um Menschen, die sich in Notlagen befinden &#151; vor allem um Gefangene, denen sie Briefe schreibt, die sie in ihren Gefängnissen besucht, denen sie Mut macht, sich persönlich nie aufzugeben, und für deren Belange sie sich gegenüber den staatlichen Behörden einsetzt. Im Laufe ihres Lebens hat sie von knapp 9.000 Gefangenen ca. 60.000 Briefe erhalten, die sich mit der Bitte um Hilfe oder Rat an sie gewandt haben. <br />Diese in Europa wohl einmalige Dokumentation des Erlebens von Strafvollzug durch die Betroffenen hat sie in ihrem Keller ordentlich archiviert. Später einmal sollen die Briefe in dem von Jan Philipp Reemtsma gegründeten Hamburger Sozialforschungsinstitut wissenschaftlich ausgewertet werden.<br />Auch bei diesem Teil von Birgitta Wolfs Arbeit fällt auf, daß sie keine Scheuklappen kennt. Sie versucht jedem zu helfen, der sich in seiner Not an sie wendet. Das gilt selbst für den Henker von Buchenwald, Gerhard Sommer, oder den ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilten Heinrich Baab, der für die Konzentrationslager Judentransporte zusammengestellt hat. Beide haben mehr als 20 Jahre Gefängnis hinter sich, als sie Birgitta schreiben. Beide sind unheilbar krank. Beide sind bereit, sich mit ihren Taten auseinanderzusetzen. Da organisiert Birgitta Wolf, daß ein jüdischer Wissenschaftler, Prof. Steiner, der selber Auschwitz nur knapp überlebt hat und dort seine Mutter verloren hat, mit beiden stundenlang sprechen kann. Danach beantragt er &#150; unterstützt von Birgitta Wolf &#150; die Begnadigung der beiden &#150; im Fall von Heinrich Baab mit Erfolg. Für Gerhard Sommer gibt es zumindest eine Haftunterbrechung. Er stirbt wenig später in den Rummelsberger Anstalten.<br />Ein anderes Beispiel: Birgitta Wolf kümmert sich auch um Mitglieder der Baader Meinhof-Gruppe bzw. der RAF. Mit insgesamt 17 von ihnen hat sie Briefkontakt. Bei den lebensbedrohlichen Hungerstreiks wird sie als Vermittlerin eingeschaltet. Sie trägt wesentlich dazu bei, daß einige sich von der Gewalt lossagen. Mit mehreren von ihnen wie etwa Horst Mahler entsteht ein intensiver Briefdialog, dem Besuche in der Haft folgen. In dem Fall einer zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten engagiert sich Birgitta nach 12 Jahren Haftverbüßung mit großem Einsatz für die Begnadigung durch den Bundespräsidenten von Weizsäcker. Er entspricht ihrem Vorschlag &#150; und er wird dafür in der Öffentlichkeit heftig angegriffen.<br />Und die Strafvollzugsbehörden &#8211; wie haben sie auf diese von den Gefangenen erwählte Ombudsfrau reagiert? Viele zunächst mit Mißtrauen und Abwehr. Vom Justizministerium Nordrhein-Westfalen erhält Birgitta Wolf zeitweise sogar ein Hausverbot und Kontaktverbot für alle Anstalten, weil sie in Schweden die Zustände in der Anstalt Werl deutlich kritisiert hat. Nach einem persönlichen Gespräch hebt der Minister Neuberger die Anordnung dann jedoch wieder auf. Und manchmal geschieht sogar das Gegenteil. 1976 erhängen sich zwei Gefangene in der Hamburger Anstalt Fuhlsbüttel. Eine Gefangenenmeuterei steht unmittelbar bevor. Da bittet der Anstaltsleiter Stark Birgitta Wolf telefonisch, eiligst nach Hamburg zu kommen. Im Kirchenraum der Anstalt darf sie allein, ohne Beisein von Bediensteten, zu etwa 300 Gefangenen sprechen. Und es gelingt ihr tatsächlich, die Situation zu entschärfen.<br />Das war vor 20 Jahren. Damit Sie nicht glauben, Birgitta Wolf hätte jetzt im höheren Alter die Hände in den Schoß gelegt, nachfolgend in Stichworten ihr letzter Fall aus diesem Jahr: <br />Ein Strafgefangener überlebt mit knapper Not seinen dritten Herzinfarkt. Nun ist eine komplizierte Herzoperation angesagt &#150; vier Bypässe sollen gelegt werden. Er und Birgitta Wolf befürchten, daß er wie bei früheren Krankenhausaufenthalten wieder gefesselt wird, wenn er von der Intensivstation in das Mehrbettzimmer verlegt wird. Das geschieht dieses Mal aufgrund ihres Protests zwar nicht. Aber hören Sie, was statt dessen ablief. Der schwer herzkranke Mann wird am Tag vor der Operation zur Durchführung der notwendigen Voruntersuchungen von seiner Vollzugsanstalt in das ca. 60 km entfernte Krankenhaus hin und wieder zurücktransportiert. Dann am nächsten Morgen wieder vom Gefängnis ins Krankenhaus. Am gleichen Tag folgt die Operation mit anschließend drei Tagen Intensivstation. Und danach geht es trotz seines sehr angegriffenen Gesundheitszustandes sofort zurück in das Gefängnis. Am nächsten Tag erleidet er dort einen Schlaganfall. <br />Vier Wochen später stirbt er. Sie können sich denken, daß Birgitta Wolf da nicht passiv bleibt.<br />Zweiter Arbeitsschwerpunkt Notaufnahme: Seit Ende des Krieges beherbergt Birgitta Wolf in ihrem jeweiligen Haus &#150; zuerst in Grainau, dann in Murnau &#150; Menschen, die vorübergehend ein Dach über dem Kopf brauchen, die Zuwendung suchen und einfach nicht wissen, wo sie sich sonst hinwenden sollen. Manche kommen aus einer persönlichen Notlage zu ihr &#150; andere direkt aus dem Gefängnis. So liest Birgitta Wolf 1954 eine Zeitungsnotiz über eine 15jährige Kriegswaise, die auf der Straße gefunden worden war. Sie hatte wahrheitswidrig angegeben, daß ein Auto sie angefahren hätte. In Wirklichkeit war sie nur erschöpft. Ein Krankenhaus bedeutet ein Bett, Wärme, Essen und Zuwendung. Aber der Schwindel kommt raus. Kurzerhand steckt man sie ins Gefängnis. Als Birgitta Wolf das in der Zeitung liest, nimmt sie ein Fahrrad, fährt zum Amtsrichter und erreicht, daß man ihr das Mädchen mitgibt.<br />Die 15jährige Gerda wird so die erste in einer langen Kette von Menschen, die bei Birgitta nach einem Gefängnisaufenthalt Zuflucht finden. Und es sind durchaus auch ganz andere darunter wie etwa der über 60jährige Mann, der 37 Jahre lang wegen Vergewaltigung und mehrfachen Totschlags gesessen hat und der dann bei Birgitta Wolf mühsam lernt, im Alltag einer fremd gewordenen Welt außerhalb des Gefängnisses zurechtzukommen. Viele sind Urlauber aus der Haft, die sonst niemand haben, der sie aufnehmen will. Das hat ihr beileibe nicht nur die Dankbarkeit der Betroffenen eingebracht. Weil sie auch sog. &#132;Verbrecher&#148; bei sich leben läßt, wird sie immer wieder angefeindet, mit anonymen Schmähbriefen bedacht und erhält Drohanrufe.<br />Zum dritten Arbeitsschwerpunkt &#151; dem öffentlichen Protest: Die Erfahrungen und Einblicke, die bei Birgitta Wolf im Laufe der Jahre durch die Briefkommunikation mit Tausenden von Gefangenen und ihre vielen Anstaltsbesuche entstehen, führen bei ihr bereits in den 60er Jahren zu einer sehr kritischen Analyse des deutschen Strafvollzugs. So ist es nur konsequent, daß sie Reformvorschläge ausarbeitet, darüber Vorträge hält, Bücher und Aufsätze zum <br />Strafvollzug publiziert und in Radio und Fernsehsendungen auf die von ihr wahrgenommenen Mißstände hinweist. In Fachkreisen der Wissenschaft und Praxis bringt ihr das viel Anerkennung ein. Ausdruck dafür ist beispielsweise, daß ihr die Deutsche Gesellschaft für Kriminologie im Jahr 1966 die Beccaria -Medaille verleiht.<br />Aber an den damals wirklich skandalösen Zuständen in den deutschen Gefängnissen ändert sich deswegen nichts. Nach wie vor gibt es Anfang der 70er Jahre den verschärften Arrest in der isolierten Einzelzelle, ohne Schreiberlaubnis und Lesestoff, bei dem die Gefangenen zum Teil wochen- und monatelang auf einem schlichten Brett ohne Matratze schlafen müssen, tagelang nur Wasser und Brot erhalten und so psychisch und physisch gequält werden. Und dies in einem Land, dessen Verfassung den staatlichen Organen verbietet, die körperliche Unversehrtheit und die Menschenwürde seiner Bürger zu verletzen. Nach wie vor werden z.B. Reihenuntersuchungen und Darmkontrolle im nackten Zustand vor den Augen von Bediensteten und Mitgefangenen durchgeführt. Nach wie vor gibt es für die vielfältigen Grundrechtseinschränkungen, die den Gefangenen im Vollzugsalltag auferlegt werden, keine gesetzliche Grundlage. Birgitta Wolf entscheidet sich deshalb für eine andere Form des Protestes. Sie schreibt 1970 einen offenen Brief an den Bundesjustizminister, in dem sie diese Mißstände anprangert. Ich zitiere daraus einen Satz: &#132;Die Freiheitsstrafe darf nur im Entzug der Freiheit bestehen, nicht in zusätzlichen Schikanen und Demütigungen.&#148; Sie organisiert eine Unterschriftenaktion, die vor allem bei Strafrechtswissenschaftlern, Kriminologen und kritischen Praktikern großen Anklang findet. Und sie erreicht, daß der offene Brief von fast allen großen Tageszeitungen auszugsweise abgedruckt und in Fachzeitschriften ungekürzt veröffentlicht wird.<br />Die Resonanz, die sie damit erzielt, ist beachtlich. Der Bundesjustizminister und fast alle Landesjustizministerien reagieren brieflich und setzen sich mit ihren Argumenten auseinander. Das Bundesjustizministerium teilt ihr darüber hinaus mit, daß der Kabinettsentwurf eines Strafvollzugsgesetzes im Gegensatz zur Vorlage der Strafvollzugskommission die Möglichkeit des verschärften Arrestes nicht mehr vorsieht.<br />Trotz dieses ermutigenden Zwischenresultats ändert sich dann jedoch über Jahre hinweg an der Praxis des Strafvollzugs wenig. Im Gegenteil. Im Zuge der Strafverfolgung von <br />RAF-Mitgliedern ergeben sich teilweise sogar Verschärfungen. Das gilt insbesondere in bezug auf die strenge Isolationshaft, in der solche Gefangene gehalten werden, die als politische Terroristen angesehen werden. Und da ist es mit der Geduld von Birgitta Wolf zu Ende. Zwischen dem 21. Oktober und dem 17. November 1974 tritt sie für 27 Tage in den Hungerstreik, um so ihre Solidarität mit 35 Gefangenen zu bekunden, die Mitte September 1974 mit einem Hungerstreik gegen die Verhältnisse im Strafvollzug protestieren. Dieses Mal ist die Resonanz in den Medien noch breiter als vier Jahre zuvor. Und Birgitta Wolf erhält erneut viel Unterstützung durch Wissenschaftler, Studenten und kritische Bürger.<br />Damit habe ich nur eine kurze Zeitspanne des an Protest und Öffentlichkeitsaktionen reichen Lebens von Birgitta Wolf ausgeleuchtet. Bis heute hat sie immer wieder Anlaß gesehen, sich für die faire Behandlung von Gefangenen einzusetzen &#151; in den letzten beiden Jahren <br />beispielsweise dafür, daß mittellose Untersuchungsgefangene und Asylbewerber in Abschiebehaft ein monatliches Taschengeld von 50 bis 80 DM als Sozialhilfeleistung erhalten. Zu diesem Arbeitsschwerpunkt und der damit verbundenen Öffentlichkeitsarbeit will ich abschließend noch ein paar Zahlen nennen: In den letzten 40 Jahren hat Birgitta Wolf ca. 400 Vorträge gehalten und an etwa 100 Rundfunksendungen und über 60 Fernsehsendungen mitgewirkt. Sie hat zehn Bücher veröffentlicht, und in weiteren 35 Büchern sind Beiträge von ihr erschienen.<br />Das, was Birgitta Wolf in diesen drei Arbeitsschwerpunkten geleistet hat, ist jedenfalls in Deutschland einmalig. In unserem Land gibt es keine zweite Person, die sich in den letzten vier Jahrzehnten derart bedingungslos, engagiert und wirkungsvoll für Gefangene eingesetzt hat. Daß Birgitta Wolf deswegen immer wieder angefeindet worden ist &#151; und dies meist anonym, habe ich bereits berichtet. Erwähnung verdient dann aber auch das hohe Maß an Unterstützung und Anerkennung, das sie erfahren hat. Unterstützung hat sie zunächst in ihrem unmittelbaren Umfeld bekommen &#151; am Anfang von einzelnen Personen, dann durch Initiative von Erika Sprenger-Steinmüller in Form des von ihr initiierten gemeinnützigen Vereins Nothilfe Birgitta Wolf e.V. Die engagierten Freunde und Helfer, die sich in diesem Verein zusammenfinden, leisten nun schon seit 27 Jahren großartige Arbeit und sind für Birgitta unverzichtbare Partner, Ratgeber und Kraftquelle. Und Mut gemacht hat ihr sicherlich auch, daß sie immer wieder öffentlich für ihr Engagement geehrt worden ist. Die 1966 verliehene Beccaria -Medaille habe ich bereits erwähnt. 1971 hat sie ferner den Fritz-Bauer-Preis für Anregungen in bezug auf Reformen im Strafrecht und Strafvollzug erhalten. <br />1985 hat sie Carl Gustav König von Schweden mit der goldenen Serafimer -Medaille für humanitären Einsatz in Europa geehrt. Und ebenfalls 1985 wurde ihr von Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen. Heute erhält sie nun den Courage-Preis.<br />Ich denke, wohl jeder hier im Saal wird zustimmen, daß die Fraktion der Grünen im Bayerischen Landtag damit im doppelten Sinne richtig entschieden hat. Zum einen darf ich Sie zu Ihrer Entscheidung beglückwünschen, erstmals einen Courage-Preis zu verleihen. <br />Und zum zweiten freue ich mich sehr darüber, daß Ihre Wahl auf Birgitta Wolf gefallen ist. Gestatten Sie mir aber doch im letzten Abschnitt meiner Laudatio eine Nachfrage &#151; oder besser gesagt ein lautes Nachdenken über derartige Auszeichnungen. Warum tun Sie das eigentlich? Warum verleihen wir solche Preise?<br />Ist es primär der Wunsch, die geehrte Person zu ermutigen und sie anzuspornen, in ihrem Engagement auch in Zukunft ja nicht nachzulassen? Also Birgitta, nun mit neuem Schwung ran an die nächsten 10.000 Gefangenenbriefe! Auf in den nächsten Hungerstreik! Nein, würden Sie da sicherlich antworten. Wir wollen mit dem Preis doch nur unseren Respekt bekunden, unsere große Anerkennung für diese Frau, die stets ihren aufrechten Gang beibehalten und Großartiges geleistet hat. Gut, das akzeptiere und verstehe ich doch, würde ich in unserem fiktiven Gespräch fortsetzen und weiterfragen: Aber hat Birgitta Wolf das noch nötig &#151; bei den vielen Ehrungen, die sie schon erhalten hat? <br />Und jetzt gebe ich selber meine Antwort:<br />Wir verleihen solche Preise vor allem, weil wir sie dringend brauchen. Es gibt so wenig Menschen in unserer Gesellschaft, die wirklich Zivilcourage zeigen, die sich einmischen, die laut aufschreien, wenn Außenseitern Unrecht geschieht. Wenn wir derartigen Protest gut finden, schauen wir ihnen bei ihrem engagierten Tun gerne zu. Wir applaudieren so wie heute. Nur meistens lassen wir es dabei bewenden. Wir lassen uns nicht davon abbringen, uns weiterhin emsig um uns selbst im Kreise zu drehen und uns um unsere so wichtigen Arbeitsschwerpunkte zu kümmern. So betrachtet ist der Courage-Preis auch Ausdruck unseres schlechten Gewissens. Eigentlich sollte man ja so viel für Menschen in Not tun. Aber zum Glück gibt es da ja Persönlichkeiten wie Birgitta Wolf. Die nehmen uns das ab. Hurra! Wir preisen sie.<br />Ja, ich weiß, jetzt argumentiere ich einseitig und bin ein bißchen ungerecht mit Ihnen, den Grünen. Denn gerade in Ihren Kreisen finden sich viele mutige Querdenker und Unangepasste. Und natürlich verleihen Sie den Preis auch, weil Sie damit an die Bürger appellieren wollen, aktiv zu werden. Damit wären wir dann bei der zentralen Frage angelangt. Wie muß unsere Gesellschaft beschaffen sein, damit es in Zukunft mehr solche Menschen wie Birgitta Wolf gibt? Mir fällt da nur die Antwort ein, die ich am Anfang dieser Rede zu geben versucht habe. Entscheidend ist, wie wir mit unseren Kindern umgehen. Wenn wir ihnen &#151; bayerisch gesagt &#151; die Schneid frühzeitig abkaufen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir unter den Bürgern des Landes zu viele passive Duckmäuser haben. Also Mut zu einem Umgang mit Kindern, der von Freiräumen, von Liebe und viel Auseinandersetzung über das richtige Leben geprägt ist. Und für letzteres brauchen wir freilich auch Vorbilder &#150; die couragierte Birgitta Wolf zum Beispiel.<br />Damit komme ich zum Schluss meiner Laudatio. Aus Zeitgründen habe ich bisher nur Bilder von der Birgitta Wolf nachgezeichnet, in denen sie mutig und kämpferisch ist. Dabei ist zwangsläufig zu kurz gekommen, daß es da manchmal auch eine ganz andere Birgitta gibt, eine, die verzagt und mutlos ist, der die Kraft zu schwinden droht. Sie hat selber von dieser Birgitta geschrieben &#8211; und davon, daß es dann zum Glück für sie in ihrer Nähe immer wieder Menschen gegeben hat und immer wieder gibt, die sie in den Arm nehmen, die ihr Mut zusprechen und sie stützen. Mich hat beides sehr beruhigt &#150; daß sie sich erlaubt, manchmal schwach zu sein und daß sie dann verlässliche Freunde hat.<br />Und da gibt es noch eine Birgitta, die heute zu kurz gekommen ist &#150; eine, die in ihrer Muttersprache Gedichte schreibt und sie in Schweden veröffentlicht. Gelegentlich schreibt sie freilich auch in deutscher Sprache. Eines will ich Ihnen vorlesen und damit meine Laudatio beschließen. Veröffentlicht hat es Pater Drutmar Cremer, ein Mönch des Klosters Maria-Laach. <br />Er hatte bei ihr angefragt, ob sie bereit sei, für einen Gebetsband mit dem Titel &#132;Wohin Herr?&#148; einen Text zu verfassen. Hier nun ihre Antwort:</p>
<p>Herr (wenn es Dich gibt) ich kann nicht beten,<br />denn ich habe zu viele Gebete gehört,<br />die nur Worte waren,<br />und sie machten mein Herz krank<br />vor Traurigkeit.</p>
<p>Herr (wenn es Dich gibt), ich kann nicht danken, denn:<br />wenn ich Dir danke, weil ich satt bin,<br />muß ich Dir zum Vorwurf machen,<br />daß Millionen hungern, wenn ich Dir danke,<br />daß ich gesund bin,<br />muß ich Dir zum Vorwurf machen, daß Millionen siechen,<br />wenn ich Dir danke,<br />daß ich gücklich bin,<br />muß ich Dir zum Vorwurf machen, daß Millionen an Dir verzweifeln, denn Du bist allmächtig,<br />heißt es<br />in den Büchern.</p>
<p>Herr (wenn es Dich gibt), ich kann nicht beten,<br />ich kann nicht danken, ich kann nicht glauben.</p>
<p>Ich kann nur versuchen,<br />jedem menschlichen Geschöpf, das mich braucht,<br />meine Liebe zu zeigen<br />und nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu suchen<br />das ist mein Gebet.</p>
<p>Ich kann nur versuchen,<br />neben meinem Bruder,<br />die Menschen verachten,<br />zu stehen,<br />um mit ihm verachtet zu werden das ist mein Dank.</p>
<p>Ich kann nur unermüdlich weitersuchen<br />nach der verschütteten Seele unter den Trümmern dessen,<br />was Dein Abbild hätte sein sollen das ist mein Glaube</p>
<p>Herr (wenn es Dich gibt),<br />gib mir Kraft, so zu beten, zu danken, zu glauben!</p>
<p>Der Courage-Preis wurde am 11.10.1996 von der Fraktion der Grünen im Bayerischen Landtag verliehen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/137/publikation/die-ombudsfrau-des-deutschen-strafvollzugs/">Die Ombudsfrau des deutschen Strafvollzugs</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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