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	<title>Claudia Ritzi Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Gleich &#8211; gleicher &#8211; ungleich?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Jun 2010 17:33:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Feministische Perspektiven auf die Krise der Demokratie; aus: vorg&#228;nge Nr. 190, Heft 2/2010, S. 73-81 Im Zentrum feministischer Analysen zu Erosionstendenzen der Demokratie stehen weder die Konsequenzen der Globalisierung noch der massenmediale Wandel oder die &#214;konomisierung bzw. Postdemokratisierung moderner Gesellschaften. Aus feministischer Perspektive liegt die Wurzel vieler demokratischer Probleme tiefer: Sie resultieren aus einem unterkomplexen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/190-vorgaenge/publikation/gleich-gleicher-ungleich/">Gleich &#8211; gleicher &#8211; ungleich?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Feministische Perspektiven auf die Krise der Demokratie;</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 190, Heft 2/2010, S. 73-81</p>
<p>Im Zentrum feministischer Analysen zu Erosionstendenzen der Demokratie stehen weder die Konsequenzen der Globalisierung noch der massenmediale Wandel oder die &Ouml;konomisierung bzw. Postdemokratisierung moderner Gesellschaften. Aus feministischer Perspektive liegt die Wurzel vieler demokratischer Probleme tiefer: Sie resultieren aus einem unterkomplexen Gleichheitsverst&auml;ndnis, das Eingang in eine Vielzahl politischer Institutionen und Entscheidungsverfahren gefunden hat und das die Funktionalit&auml;t und Stabilit&auml;t moderner Demokratie zunehmend gef&auml;hrdet, da es die gleiche Integration aller B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in den politischen Prozess erschwert.</p>
<p>Das in diesem Kontext von vielen Feministinnen kritisierte &#8222;einfache&#8220; Gleichheitsverst&auml;ndnis[1] kommt heute nur noch selten so klar zum Ausdruck wie in den Worten der amerikanischen Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung: &#8222;We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal[&#8230;]&#8220;. Es pr&auml;gt jedoch zweifelsohne (und in vielerlei Hinsicht auch aus gutem Grund) jegliche Form moderner Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Entscheidungsformen. Nach Ansicht feministischer Autorinnen geht die Annahme der Gleichheit aller B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in modernen Gesellschaften heute weit &uuml;ber die Anerkennung gleicher Rechte und Pflichten hinaus &#8211; und damit zu weit. Die mangelnde Ber&uuml;cksichtigung, teilweise sogar theoretische Leugnung, der grundlegenden Verschiedenheit der Menschen im Kontext politischer Einfluss- und Entscheidungsm&ouml;glichkeiten sei nicht mehr nur Ausdruck der Rechtsgleichheit aller B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, sondern f&uuml;hre auch zur Diskriminierung von Differenz. Diese diskriminierenden Elemente des modernen Gleichheitsverst&auml;ndnisses seien zwar kein neues Merkmal demokratischen Handelns am Beginn des 21. Jahrhunderts &#8211; sie w&uuml;rden durch Pluralisierungs- und Modernisierungsprozesse jedoch in ihrer Bedeutung verst&auml;rkt.</p>
<p>&#8222;Equality [is] conceived as sameness&#8220;, kritisiert entsprechend Iris Marion Young (Young 1989: 250). Das emanzipatorische Streben nach der politischen Gleichheit aller B&uuml;rger (und sp&auml;ter auch B&uuml;rgerinnen) sei in der modernen Staatstheorie und politischen Praxis in einem schleichenden Prozess zunehmend mit dem Ideal des Gleichseins verwoben worden. Heute bestehe ein impliziter, aber nicht notwendiger Zusammenhang zwischen den Idealen der Inklusion und Partizipation aller B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, ihrer Gleichbehandlung und der Annahme der Generalisierbarkeit ihrer Interessen. Wer &ouml;ffentlich agiere, solle von seiner individuellen und kulturell gepr&auml;gten Lebenssituation abstrahieren und einen allgemeinen Standpunkt einnehmen, der alle partikularen Perspektiven und Erfahrungen transzendiere. &#8222;But such an impartial general perspective is a myth&#8220;, urteilt Young mit dem Verweis auf die Pr&auml;gekraft und Vielfalt von Identit&auml;ten und identit&auml;tsstiftenden Gruppen in modernen Gesellschaften (Young 1989: 257; vgl. auch Young 1987).</p>
<p>Der R&uuml;ckzug vieler B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger aus dem politischen Leben, die Politikverdrossenheit und damit verbundenen Responsivit&auml;tsprobleme moderner Demokratien k&ouml;nnen aus feministischer Perspektive also als Reaktionen auf politische Institutionen und Entscheidungsmechanismen, deren universalistisches Gleichheitsverst&auml;ndnis in immer st&auml;rkerem Kontrast zu den sich pluralisierenden Lebensweisen stehen, interpretiert werden.[2] W&auml;hrend lange Zeit vor allem Frauen trotz der rechtlichen Gleichstellung Zur&uuml;ckhaltung gegen&uuml;ber dem demokratischen Leben ge&uuml;bt haben, wirken sich die subtilen Ausgrenzungsmechanismen der &#8222;einfachen&#8220; Gleichheit in pluralistischen Gesellschaften auch auf die politische Situation vieler M&auml;nner aus. Wenn B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger nicht den Eindruck haben, in ihrer (vorpolitischen) Verschiedenheit[3] anerkannt und ber&uuml;cksichtigt zu werden, dann ziehen sie sich aus dem politischen Prozess zur&uuml;ck &#8211; sofern in diesem nicht gerade die gruppenspezifischen Interessen verhandelt werden. Diese Entwicklung wurde in den letzten Jahren angesichts der schwindenden Bedeutung von Klassenunterschieden im &#8222;postsozialistischen Zeitalter&#8220; und dem wachsenden Einfluss pluralistischer Identit&auml;ten verst&auml;rkt sichtbar (vgl. Pateman 2001: 10f.).</p>
<p>Vor dem Hintergrund dieser These erscheint die Rekonzeptionalisierung von Gleichheit und Ungleichheit aus feministischer Perspektive als eine Existenzbedingung moderner Demokratien. Im Folgenden werden zwei Ans&auml;tze vorgestellt, wie ein modernes Gleichheitsverst&auml;ndnis aussehen k&ouml;nnte.</p>
<h2 class="auto-created">Diffe&shy;ren&shy;zierte Gleichheit</h2>
<p>Nicht nur Feministinnen haben differenzierte Gleichheitsbegriffe ausgearbeitet. Schon Mitte des 20. Jahrhunderts &#8211; also rund zwei Jahrzehnte vor der Ver&ouml;ffentlichung der ersten gleichheitskritischen Arbeiten der Neuen Frauenbewegung[4] &#8211; legte der britische Soziologe Thomas Marshall (1992 [1947]) in seinen Studien zum &#8222;demokratischen Wohlfahrtskapitalismus&#8220; die einflussreiche Unterscheidung zwischen dem rechtlichen, dem politischen und dem sozialen Gleichheitsaspekt vor, wobei die drei Begriffsdimensionen der Gleichheit aus heutiger Perspektive auch mit dem demokratischen Selbstverst&auml;ndnis einer politischen Gemeinschaft in Verbindung gebracht und als in einem interdependenten Spannungsverh&auml;ltnis zueinander stehend rekonstruiert werden k&ouml;nnen (vgl. Schwinn 2001). Der rechtliche Aspekt der Gleichheit bezieht sich dabei auf das f&uuml;r moderne Gesellschaften zentrale Ideal der gleichen Rechte und Rechtsprechung f&uuml;r alle Gesellschaftsmitglieder. Politische Gleichheit hingegen kommt nicht nur durch gleiche Beteiligungsrechte zum Ausdruck, sondern besteht, wenn de facto alle B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gleicherma&szlig;en die Herrschaftsordnung bestimmen, kontrollieren und legitimieren. Der soziale Aspekt der Gleichheit bezieht sich bei Marshall auf die angemessene Verteilung sozialer und materialer G&uuml;ter und F&auml;higkeiten als Bedingung f&uuml;r politisches Handeln in einer Gesellschaft (Schwinn 2001: 218f.).</p>
<p>Auch wenn Feministinnen nur selten explizit zwischen diesen drei Gleichheitsaspekten differenzieren, pr&auml;gt eine entsprechende oder &auml;hnliche Unterscheidung ihre Argumentationen doch immer dann, wenn sie auf das Ungen&uuml;gen gleicher Rechte zur Erreichung politischer Gleichstellung verweisen (z.B. Fraser 2001). Dass die formale Anerkennung von Frauen als vollwertige Mitglieder demokratischer Gemeinschaften bislang nicht ausgereicht hat, um ihnen gleiche Lebenschancen und politische Teilhabe wie den m&auml;nnlichen B&uuml;rgern zu sichern, ist dabei unumstritten. Noch immer haben auch politische Institutionen nach Ansicht der &uuml;berwiegenden Mehrzahl der Feministinnen ein Geschlecht und tragen zur (Re-)Produktion geschlechtsspezifischer Rollen und Verhaltensmuster bei (Sauer 2001: 52; vgl. auch Holland-Cunz 1999: 128f.). In dieser Situation liegt nicht nur ein zentrales Gerechtigkeitsdefizit moderner Gesellschaften begr&uuml;ndet (Young 1990), sie stellt angesichts der Integrationsprobleme moderner Gesellschaften auch zunehmend ein funktionales Problem dar.</p>
<p>So viel Einigkeit unter Feministinnen &uuml;ber diese Annahmen und Beobachtungen besteht, so unterschiedlich sind die theoretischen Konsequenzen, die sie daraus ziehen. W&auml;hrend die so genannten &#8222;gleichheitsorientierten&#8220; Wissenschaftlerinnen davon &uuml;berzeugt sind, dass Geschlechtsunterschiede in der gesellschaftlichen Praxis letztendlich keine Rolle spielen und lediglich tempor&auml;re F&ouml;rderungsma&szlig;nahmen f&uuml;r Frauen ergriffen werden m&uuml;ssten, fordern &#8222;Differenztheoretikerinnen&#8220; die dauerhafte und institutionalisierte Ber&uuml;cksichtigung der Verschiedenheit von M&auml;nnern und Frauen im demokratischen politischen Prozess (vgl. Fraser 2001: 67; Holland-Cunz 1999: 123f.; Kreisky 2004). Beide Perspektiven sollen im Folgenden beispielhaft anhand der gleichheitskritischen Arbeiten von Anne Phillips und Iris Marion Young beleuchtet werden.</p>
<h2 class="auto-created">Ungleich&shy;heit aufgrund fehlender Rollen&shy;muster &ndash; die gleich&shy;heits&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche Position </h2>
<p>Mit ihrem Pl&auml;doyer f&uuml;r &#8222;faire Repr&auml;sentation&#8220; machte die britische Politikwissenschaftlerin Anne Phillips in den 1980er Jahren auf Gerechtigkeitsprobleme in den westlichen Demokratien aufmerksam. Phillips kritisierte vor allem die mangelnde Inklusivit&auml;t des demokratischen Prozesses in westlichen Gesellschaften als ein gleichheitstheoretisches Problem. Nicht nur die Interessen von Frauen k&auml;men in der politischen Entscheidungsfindung nicht angemessen zum Ausdruck, sondern auch Minderheitspositionen f&auml;nden h&auml;ufig zu wenig politische Beachtung. Dieser de facto Ausschluss von Teilen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger bzw. ihrer Interessen sei nicht die Konsequenz rechtlicher Exklusionen, sondern resultiere aus gewohnheitsm&auml;&szlig;igen Denk- und Diskussionsmustern und der ungleichen Repr&auml;sentation verschiedener Bev&ouml;lkerungsgruppen in den Entscheidungsgremien. Gleichheit bzw. Ungleichheit sind hier also das Resultat von gleicher bzw. ungleicher Sichtbarkeit im und Einflussnahme auf den politischen Prozess.</p>
<p>Um die Pluralit&auml;t moderner Gesellschaften angemessen im demokratischen Prozess abzubilden, m&uuml;sste die Vielfalt der Meinungen und Lebensformen (auch wenn sie in keinem direkten Bezug zur politischen Entscheidungsfindung stehen) st&auml;rkeren Eingang in die politischen Institutionen finden. Daher pl&auml;diert Phillips (wie auch viele andere differenztheoretische Autorinnen (vgl. Kreisky 2009: 29f.)) f&uuml;r eine vor&uuml;bergehende &#8211; bis zur Beseitigung der ungleichen Einflussm&ouml;glichkeiten andauernde &#8211; quotierte Besetzung repr&auml;sentativer Gremien. Frauen und andere gesellschaftliche Gruppen sollen nicht nur gem&auml;&szlig; ihrer ideologischen Positionierung, sondern auch proportional zu ihrer zahlenm&auml;&szlig;igen Relevanz in den Parlamenten vertreten sein. Neben der bereits existierenden &#8222;Politik der Ideen&#8220;, also dem institutionalisierten Ausdruck inhaltlicher Positionen, die &uuml;ber Wahlk&auml;mpfe vermittelt werden und die wesentlich entlang der Parteilinien verlaufen, fordert sie einer &#8222;Politik der Pr&auml;senz&#8220; in den Parlamenten und in anderen Repr&auml;sentationsgremien. Diese &#8222;zweite Dimension politischer Repr&auml;sentation&#8220; sei heute notwendig, da die historisch gewachsene Verortung von Parteien auf dem Rechts-Links-Spektrum die Interessen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger nicht mehr zufrieden stellend widerspiegeln k&ouml;nne (Phillips 1995: 42).</p>
<p>Phillips will durch die quotierte Repr&auml;sentation die Gerechtigkeit repr&auml;sentativer demokratischer Systeme auf der symbolischen Ebene st&auml;rken und somit mittelfristig zur Revitalisierung der Demokratie beitragen (Phillips 2001: 237f.). &#8222;Because the modern age makes identity more problematic (much less taken for granted), it also makes recognition far more important to people&#8217;s well-being; and if your way of life is not recognized as of equal value with others, this will be experienced as a form of oppression&#8220; (Phillips 1995: 40). Dabei ist sie sich im Klaren dar&uuml;ber, dass die zum Bev&ouml;lkerungsanteil einer Gruppe proportionale Repr&auml;sentation nur in Bezug auf einige wenige Merkmale verwirklicht werden kann. Eine faire Auswahl der Quotierungsmerkmale, die die jeweiligen Gleichheitsdefizite ausgleiche, h&auml;lt sie jedoch f&uuml;r m&ouml;glich. Allerdings m&uuml;sse f&uuml;r jeden Staat spezifisch analysiert und ausgehandelt werden, welche Gruppen diese politischen Sonderrechte erhalten sollen (Phillips 1995: 469f.).</p>
<p>Bef&uuml;rchtungen, wonach Quotierungen zu einer &Uuml;berpolitisierung von Gruppendifferenzen (statt zu gesellschaftlicher Integration), zu der &uuml;berm&auml;&szlig;igen Ber&uuml;cksichtigung von Partialinteressen und zur Erosion fundamentaler Repr&auml;sentationsprinzipien f&uuml;hren k&ouml;nne, antizipiert Phillips. Solche negativen Konsequenzen ihres &#8222;fairen Repr&auml;sentationsmodells&#8220; will sie durch die Betonung der ideen- und nicht gruppengeleiteten Entscheidungsfindung ausschlie&szlig;en. Nur weil sie gruppenspezifisch ausgew&auml;hlt wurden, k&ouml;nnten und m&uuml;ssten die Repr&auml;sentanten laut Phillips keine homogenen oder statischen Gruppeninteressen vertreten (Phillips 1995: 167). Frauen m&uuml;ssten also bei Abstimmungen nicht zwingend die Interessen der Mehrheit der Frauen vertreten &#8211; ihre Anwesenheit allein gen&uuml;ge schon zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit.</p>
<p>Die quotierte Repr&auml;sentation ohne gruppenspezifische Mandate ist f&uuml;r Phillips also der Schl&uuml;ssel zu einer gerechteren Gesellschaft ohne das Manko ungleicher Einflussm&ouml;glichkeiten einzelner Bev&ouml;lkerungsgruppen. Ihre implizite These, wonach die mangelnde Artikulation verschiedener Interessen und Lebensperspektiven das wesentliche Gerechtigkeitsproblem in modernen Demokratien ist und die &Uuml;berzeugung, dass dieses durch blo&szlig;e Pr&auml;senz verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in den politischen Entscheidungsgremien gel&ouml;st werden k&ouml;nne, ist jedoch umstritten. Viele Feministinnen teilen zwar Phillips Repr&auml;sentationskritik, bem&auml;ngeln sie aber als zu zaghaft und fordern eine st&auml;rkere Abkehr von liberalen Repr&auml;sentationsmodellen und dem Ideal der universalen Gleichheit (vgl. Holland-Cunz 1998: 98). Sie halten demokratietheoretische &Uuml;berlegungen wie diejenige von Iris Marion Young f&uuml;r zielf&uuml;hrender, die eine weit reichende Umorganisation der politischen &Ouml;ffentlichkeit und eine St&auml;rkung der Partizipationsm&ouml;glichkeiten in modernen Demokratien vorsehen.</p>
<h2 class="auto-created">Ungleich&shy;heit durch Unter&shy;dr&uuml;&shy;ckung &ndash; die diffe&shy;renz&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche Position </h2>
<p>Auch Iris Marion Young fordert Sonderrechte f&uuml;r diskriminierte Gruppen: &#8222;[&#8230;] where differences in capacities, culture, values and behavioral styles exist among groups, strict adherence to a principle of equal treatment tends to perpetuate oppression or disadvantage. The inclusion and participation of everyone in social and political institutions therefore sometimes requires the articulation of special rights that attend to group differences in order to undermine oppression and disadvantage&#8220; (Young 1989: 251). Allerdings strebt sie nicht in erster Linie Quoten in repr&auml;sentativen Organen, sondern eine umfassende Gleichheit des Zugangs zu der politischen &Ouml;ffentlichkeit an, da dieser besonders stark durch die unterschiedliche Pr&auml;senz und Anerkennung der formal gleichberechtigten Gesellschaftsmitglieder verzerrt sei.</p>
<p>Young schlie&szlig;t damit an die &Ouml;ffentlichkeitskritik von Carole Pateman (1988; 1989) an, die anhand einer ideengeschichtlichen Analyse des Kontraktualismus die in den Gesellschaftsvertr&auml;gen vorgesehene Trennung zwischen der &ouml;ffentlichen und der privaten Sph&auml;re als zentrale Ursache f&uuml;r die bis in moderne Gesellschaften fortwirkende Diskriminierung von Frauen identitifiziert. &#8222;The dichotomy between the private and the public is central to almost two centuries of feminist writing and political struggle; it is, ultimately, what the feminist movement is about&#8220; (Pateman 1989: 118). Durch den politischen Nichteingriff in den privaten Raum werde das Andauern der Unterdr&uuml;ckung der Frauen erm&ouml;glicht und zugleich durch die geschlechtsneutrale Beschreibung der &ouml;ffentlichen Strukturen, die traditionell m&auml;nnlich dominiert sind, verschleiert.</p>
<p>In &#8222;Justice and the Politics of Difference&#8220; (1990) pr&auml;zisiert Young diese Analyse der subtilen Unterdr&uuml;ckungsmechanismen, die das Fortbestehen von Ungleichheit zwischen den Mitgliedern verschiedener sozialer Gruppen trotz ihrer rechtlichen Gleichstellung erm&ouml;glichen. Sie unterscheidet dabei zwischen &#8222;five faces of oppression&#8220;, unter denen vor allem viele Frauen gleich in mehrfacher Hinsicht zu leiden h&auml;tten (Young 1990: 48ff.): &ouml;konomische Ausbeutung, die Ausgrenzung einzelner Menschen oder Gruppen aus dem gesellschaftlichen Leben, Machtlosigkeit, kulturimperalistische Praktiken und willk&uuml;rliche Gewalt. Formalisierte Unparteilichkeit (in der Terminologie Marshalls: die ausschlie&szlig;liche Beachtung des rechtlichen Aspekts der Gleichheit) k&ouml;nne angesichts der h&auml;ufig subtil wirkenden Unterdr&uuml;ckungsmechanismen nicht zu einer gerechten Gesellschaft f&uuml;hren, da dann die Werte und Interessen der zun&auml;chst privilegierten Gruppen als Standards gesetzt w&uuml;rden, deren Anspr&uuml;che aus kulturellen, geschlechtlichen, &ouml;konomischen oder sozialen Gr&uuml;nden nicht alle B&uuml;rger und Gruppen erf&uuml;llen k&ouml;nnen. Die Gleichbehandlung aller Gesellschaftsmitglieder f&uuml;hre somit zu einer Verfestigung bestehender Ungleichheiten. An die Stelle des bislang in der politischen Theorie dominanten &#8222;ideal of assimiliation&#8220; m&uuml;sse deshalb das &#8222;ideal of diversity&#8220; (Young 1990: 158) treten, wonach Gruppendifferenzen im politischen Prozess anerkannt und in diesen eingespeist werden.</p>
<p>Um das &#8222;Ideal der Vielfalt&#8220; umsetzen zu k&ouml;nnen, will Young die Vertretung einzelner Bev&ouml;lkerungsgruppen und ihrer Interessen verbessern. Dabei strebt sie keine proportionale Repr&auml;sentation an, sondern will &uuml;ber eine partizipationsorientiertere Gestaltung des demokratischen Systems, z. B. durch die Einf&uuml;hrung von Nachbarschaftsversammlungen wie auch Benjamin Barber (1984) sie fordert, die Perspektiven bislang unterdr&uuml;ckter Gruppen st&auml;rker in den &ouml;ffentlichen Prozess einspeisen: &#8222;This principle of group representation, finally does not necessarily imply proportional representation [&#8230;]. With the principle I argue for here, however, I am concerned with the representation of group experience, perspectives, interests. Proportional representation of group members may sometimes be too little or too much to accomplish that aim.&#8220; (Young 1990: 187)</p>
<p>Zur Realisierung einer angemessenen &#8222;Gruppenrepr&auml;sentationen&#8220; fordert sie eine Reihe von Ma&szlig;nahmen: So sollen die Mitglieder der unterdr&uuml;ckten Gruppen, u. a. durch &ouml;ffentliche Gelder, darin unterst&uuml;tzt werden, sich selbst politisch zu organisieren. Sie sollen in demokratischen Foren zusammentreffen, strittige Fragen diskutieren, Stellungnahmen formulieren und sie in Nachbarschaftsversammlungen vorstellen. Zudem sollen benachteiligte Gruppen Vetomacht in Hinblick auf politische Ma&szlig;nahmen erhalten, die sie direkt betreffen. Beispielsweise k&ouml;nnte demnach keine Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch im Parlament verabschiedet werden, der die weiblichen Mitglieder nicht zugestimmt haben (Young 1990: 184).</p>
<p>Young fokussiert in ihren theoretischen Analysen also auf die sozialen und politischen Gleichheitsaspekte &#8211; wobei sie zwischen diesen meist nicht explizit unterscheidet. Eine inklusive politische &Ouml;ffentlichkeit, die durch konventionelle und unkonventionelle Partizipationsformen gebildet wird, ist in ihrem Werk eine notwendige Bedingung f&uuml;r eine gerechte Gesellschaft (vgl. Young 2001). Zu Wort kommen in dieser &Ouml;ffentlichkeit <br />&#8211; und das ist in Bezug auf die Frage nach dem Bezugspunkt politischer Gleichheit bedeutungsvoll &#8211; vor allem die &Auml;u&szlig;erungen identit&auml;rer Gruppen. Die Gruppe tritt also bei Young partiell an jene Stellen, an denen in anderen Theorien die Rede vom Individuum ist. Diese Ersetzung bildet f&uuml;r die Autorin eine Br&uuml;cke, mit deren Hilfe das Dilemma zwischen dem Pl&auml;doyer f&uuml;r die Anerkennung von Differenz bei gleichzeitiger Ablehnung ungleicher Machtverh&auml;ltnisse zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft in Bezug auf ihren politischen Einfluss &uuml;berwunden werden soll. So sind Gruppen bei Young als identit&auml;re Gemeinschaften und nicht als Interessensverb&auml;nde definiert. Durch ihren Zusammenschluss und das gemeinsame Handeln in der &Ouml;ffentlichkeit k&ouml;nnen differierende Identit&auml;ten gleichberechtigt in den &ouml;ffentlichen Diskurs eingehen, ohne dass bef&uuml;rchtet werden m&uuml;sse (hier wird Youngs Anbindung an die deliberative Demokratietheorie deutlich), dass die Anerkennung der Gruppendifferenzen ungerechte Ergebnisverzerrungen zur Folge hat.</p>
<p>Gerechte Gleichheit ist f&uuml;r Young also im Gegensatz zu Phillips nicht das Resultat einer proportionalen Repr&auml;sentation verschiedener Bev&ouml;lkerungsgruppen, sondern die gelungene Verbindung rechtlicher und sozialer Aspekte vor dem Hintergrund des Ma&szlig;stabes des gleichen politischen Einflusses aller B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger einer Gemeinschaft. Von einem &#8222;einfachen&#8220; demokratischen Gleichheitsverst&auml;ndnis unterscheidet sich diese Perspektive durch eine weit reichende, institutionalisierte St&auml;rkung gesellschaftlicher Gruppen, deren Stimmen bislang zu wenig Gewicht im politischen Diskussions- und Entscheidungsprozess haben &#8211; vor allem jenseits der gew&auml;hlten Entscheidungsgremien.</p>
<h2 class="auto-created">Fazit </h2>
<p>Vor dem Hintergrund der grundlegenden Kritik an den ungleichen Einflussm&ouml;glichkeiten vieler B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in modernen Demokratien ist es aus feministischer Perspektive kaum verwunderlich, dass immer mehr Menschen auf die Nutzung anspruchsvoller politischer Partizipationsformen verzichten und vielleicht sogar als politikverdrossen gelten m&ouml;gen, w&auml;hrend zugleich die Wertsch&auml;tzung der Demokratie als Staatsidee auf hohem Niveau verbleibt (vgl. Westle/Niedermayer 2009; Huth 2004). Die Partizipationsenthaltung und andere &#8222;Erosionsprozesse&#8220; der Demokratie, die seit einigen Jahren in der Politikwissenschaft intensiv diskutiert werden, k&ouml;nnen demnach im Wortsinne als Verschlei&szlig;-oder Abtragungsprozesse verstanden werden &#8211; die zu Tage bringen, mit welchen Defiziten die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Bezug auf die faktische Gleichstellung aller B&uuml;rger im politischen Entscheidungsprozess behaftet sind.</p>
<p>Beim Nachdenken &uuml;ber m&ouml;gliche Ursachen der demokratischen Krise und Reaktionsm&ouml;glichkeiten darauf ist feministische Literatur angesichts der darin enthaltenen Reflexionen &uuml;ber (Un-)Gleichheit als normative und praktische Erfolgsbedingung demokratischen Handelns also durchaus lesenswert. So scheint sich das Problem der mangelnden Gleichheit wie ein roter Faden beispielsweise durch alle vier Arten von &#8222;Bedrohungen der Demokratie&#8220; zu ziehen, die Brodocz, Llanque und Schaal (2008) in ihrem gleichnamigen Sammelband identifizieren. Die darin diskutieren Risiken der &#8222;Entgrenzungen&#8220;, &#8222;Leistungsgrenzen&#8220;, &#8222;funktionalen Selbstblockaden&#8220; und &#8222;normativen Selbst&uuml;berforderungen&#8220; der Demokratie stehen allesamt in enger Verbindung zu Fragen der gleichen Anerkennung, gleichen Einflussnahme und gleichen Beteiligung aller Adressatinnen und -adressaten politischer Entscheidungen (vgl. Brodocz et al. 2008a: 16ff.). Die Arbeiten sowohl gleichheits- als auch differenztheoretisch argumentierender Autorinnen, die in diesem Aufsatz beispielhaft anhand der zentralen Aussagen von Anne Phillips und Iris Marion Young dargestellt wurden, k&ouml;nnen auch angesichts der scheinbar &#8222;&uuml;berlebenswichtigen Weltprobleme&#8220; wichtige Denkanst&ouml;&szlig;e geben (Holland-Cunz 1999: 121). Feministische Theoriebildung ist also entgegen aller anders lautenden Rufe am Beginn des 21. Jahrhunderts ganz und gar nicht marginal geworden.</p>
<p>Dass die Diskussion &uuml;ber Gleichheit und Differenz dabei noch l&auml;ngst nicht zu einem befriedigenden Ende gekommen ist, zeigt die vielf&auml;ltige Kritik, die an den Arbeiten von Phillips und Young ge&uuml;bt wurde (vgl. Ritzi 2010). So warnt beispielsweise Nancy Fraser eindringlich vor einer &#8222;Pattsituation&#8220; bzw. &#8222;theoretischen Sackgasse&#8220;, die aus einer &uuml;bertriebenen Polarisierung von Gleichheit und Differenz zu resultieren drohe (Fraser 2001: 73ff.). Statt einseitig f&uuml;r oder gegen die Anerkennung der Verschiedenheit von Lebensentw&uuml;rfen, Einstellungen und kulturellen Werten in modernen Gesellschaften zu pl&auml;dieren, verweist sie auf die Bedeutung einer kritischen Theorie der Anerkennung, die die Differenz auf den Pr&uuml;fstand ihrer Konsequenzen f&uuml;r die soziale Gerechtigkeit stellt und somit an Fragen der &ouml;konomischen (Un-)Gleichheit r&uuml;ckbindet.</p>
<p>Unabh&auml;ngig davon, wie man Frasers Theorie der Anerkennung oder die Arbeiten von Young, Pateman und Phillips im Einzelnen bewertet, spielt der Begriff der Gleichheit eine Schl&uuml;sselrolle in der Analyse der &#8222;Erosionstendenzen&#8220; moderner Demokratien &#8211; und er sollte dies auch in Bezug auf Gegenma&szlig;nahmen zu diesen Entwicklungsprozessen tun.</p>
<p>[1] Im Kontext feministischer Arbeiten entspricht die Terminologie &#8222;einfache&#8220; bzw. &#8222;komplexe&#8220; Gleichheit nicht den gleichlautenden Begrifflichkeiten von Michael Walzer (1983). Stattdessen wird die politische Nichtbeachtung von Differenz als (zu) &#8222;einfache Gleichheit&#8220; kritisiert und entsprechende Gegenkonzepte werden z. T. als Vorstellungen &#8222;komplexer&#8220; bzw. &#8222;differenzierter&#8220; Gleichheit bezeichnet.</p>
<p>[2] So spricht beispielsweise die Tatsache, dass Frauen trotz der formalen Gleichstellung noch immer in schw&auml;cherem Umfang politisch partizipieren als M&auml;nner daf&uuml;r, dass sie sich trotz der hohen Wertsch&auml;tzung der Demokratie weniger mit den demokratischen Institutionen identifizieren k&ouml;nnen als es bei M&auml;nnern der Fall ist (vgl. f&uuml;r empirische Daten zur Partizipationsintensit&auml;t den ersten Gender-Datenreport des Bundesministeriums f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Cornelie&szlig;en 2005)).</p>
<p>[3] Die Pluralisierung politischer Einstellungen steht naturgem&auml;&szlig; in einem engen Verh&auml;ltnis zu den demokratischen Entscheidungsprozessen und f&uuml;hrt folglich nicht zur Entpolitisierung der betroffenen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger.</p>
<p>[4] Die &#8222;Entdeckung&#8220; des Feminismus wird h&auml;ufig auf das sp&auml;te 18. Jahrhundert datiert, als beispielsweise Olympe de Gouges eine &#8222;Erkl&auml;rung der Rechte der Frau und B&uuml;rgerin&#8220; (1791) publizierte. Nach der Durchsetzung der Rechtsgleichheit von Frauen und M&auml;nnern wurde nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts viele Jahre lang kaum feministische Theoriebildung betrieben. Aus diesem Grund wird die feministische Bewegung, die in den 1960er Jahren entstand, h&auml;ufig als &#8222;Neue Frauenbewegung&#8220; bezeichnet (f&uuml;r einen metatheoretischen &Uuml;berblick vgl. Holland-Cunz 1998: 19 ff.).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Barber, B.</i> 1984: Strong Democracy: Participatory Politics for A New Age. Berkeley, University of California Press</p>
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		<title>Responsivität und Pluralismus &#8211; das Dilemma liberaler Demokratien</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aus: vorg&#228;nge Nr. 189, Heft1/2010, S. 13-27 I. Problem&#173;dia&#173;gnose (Anamnese) Responsivit&#228;t ist ein zentrales Ideal jeder liberalen Demokratie und Demokratietheorie und bezeichnet die Intensit&#228;t, mit der die politischen Pr&#228;ferenzen der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger in der Politik realisiert werden.[1] Es gilt, dass der Grad an Demokratie in Relation steht zu dem Anteil der Pr&#228;ferenzen der B&#252;rgerinnen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Aus: vorg&auml;nge Nr. 189, Heft1/2010, S. 13-27</p>
<h2 class="auto-created">I. Problem&shy;dia&shy;gnose (Anamnese) </h2>
<p><i>Responsivit&auml;t </i>ist ein zentrales Ideal jeder liberalen Demokratie und Demokratietheorie und bezeichnet die Intensit&auml;t, mit der die politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in der Politik realisiert werden.[1] Es gilt, dass der Grad an Demokratie in Relation steht zu dem Anteil der Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die von der Politik umgesetzt werden, d.h. je gr&ouml;&szlig;er jener Anteil, desto demokratischer die Demokratie und desto h&ouml;her die Responsivit&auml;t. Seit einigen Jahren scheint die Responsivit&auml;t westlicher Demokratien jedoch kontinuierlich zu sinken, und so wird dieses Ideal zunehmend zum Pr&uuml;fstein f&uuml;r die Zukunftsf&auml;higkeit der liberalen Demokratie und Demokratietheorie. In diesem Aufsatz werden die Ursachen der liberalen Responsivit&auml;tskrise dargestellt und zwei Strategien diskutiert, mit denen die Politische Theorie auf die daraus resultierenden Herausforderungen reagieren kann.</p>
<p>In der liberalen Demokratietheorie wird das Ideal der Responsivit&auml;t aus der irreduziblen Annahme abgeleitet, dass alle Menschen frei und gleich sind (vgl. Dahl 1989). &Uuml;bersetzt in die Sph&auml;re des Politischen folgt daraus, dass alle B&uuml;rger denselben Anspruch darauf haben, dass ihre Pr&auml;ferenzen im demokratischen Prozess Geh&ouml;r finden und realisiert werden. In der politischen Sph&auml;re existiert eben kein &#8222;superior knowledge&#8220; (Saward 1994: 9), so dass die Unm&ouml;glichkeit von sachlich richtigen und eindeutigen (kollektiv bindenden) Entscheidungen politische Entscheidungen grunds&auml;tzlich kontingent erscheinen l&auml;sst und demokratische Politik als einzig legitime Form der gesellschaftlich verbindlichen Regelformulierung und -durchsetzung notwendig wird. Zu dieser Begr&uuml;ndungsfigur geh&ouml;rt auch die auf John Stuart Mills &Uuml;berlegungen in &#8222;&Uuml;ber die Freiheit&#8220; zur&uuml;ckgehende Annahme, nach der die individuellen politischen Pr&auml;ferenzen unhintergehbar sind, da jede B&uuml;rgerin und jeder B&uuml;rger &#8222;the best judge of his own interests&#8220; ist (Pitkin 1967: 204).[2] Ignoranz gegen&uuml;ber den politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger mag (im positiven Fall) paternalistisch oder gemeinwohlorientiert begr&uuml;ndet werden. Doch unabh&auml;ngig von den Motiven nicht-responsiver politischer Akteure, konfligiert eine solche Haltung mit den zentralen Idealen und Pr&auml;missen des liberalen Modells von Demokratie. Das Ideal der Responsivit&auml;t nimmt also unbestreitbar eine normativ herausgehobene Stellung ein und ist von ebensolcher realpolitischer Relevanz.</p>
<p>In den letzten Jahren sind wir jedoch Zeugen einer paradoxen Entwicklung geworden: Responsivit&auml;t ist nicht mehr nur eine Quelle der normativen Attraktivit&auml;t des liberalen Modells von Demokratie, sie ist zugleich auch eine zentrale Ursache der Krise liberaler Demokratien am Beginn des 21. Jahrhunderts, da die zeitgen&ouml;ssischen liberalen Demokratien in immer geringerem Ma&szlig;e responsiv sein k&ouml;nnen.[3] Entsprechend sinken in den westlichen Demokratien die Unterst&uuml;tzung, die Wertsch&auml;tzung und das Vertrauen, das die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger den politischen Akteuren und Institutionen entgegenbringen, und damit auch deren demokratische Legitimit&auml;t (vgl. Kaina 2004). Um diese Entwicklung besser verstehen und ihre Konsequenzen bewerten zu k&ouml;nnen, werden wir im Folgenden die Ursachen der Responsivit&auml;tskrise liberaler Demokratien betrachten. Wir identifizieren hierbei drei zentrale Problembereiche.</p>
<p><i><b>I.a. Die nationalstaatliche Ebene &#8211; Handlungsf&auml;higkeit der Politik</b> </i></p>
<p>Eine essenzielle Voraussetzung von Responsivit&auml;t ist die Handlungsf&auml;higkeit der Politik. Das Gestaltungspotential des demokratischen Nationalstaates hat sich jedoch in den letzten Jahren zunehmend reduziert. Die Hauptursache besteht darin, dass der Nationalstaat heute nicht mehr die wichtigste Arena souver&auml;nen politischen Handelns darstellt, zugleich aber der prim&auml;re Artikulationsrahmen politischer Pr&auml;ferenzen ist. Das Auseinanderfallen von Rechtsautoren und Rechtsadressaten, von Entscheidungsbetroffenen und Entscheidungsberechtigten in vielen relevanten Politikfeldern ist daf&uuml;r verantwortlich, dass politische Pr&auml;ferenzen &#8211; in funktionaler Perspektive &#8211; zunehmend falsch adressiert werden, oder dass richtig adressierte Pr&auml;ferenzen nicht mehr ad&auml;quat umgesetzt werden k&ouml;nnen. Durch Prozesse der De-und Supranationalisierung fallen Kompetenzattribution und Kompetenz auseinander (vgl. Leibfried/Z&uuml;rn 2006).</p>
<p>Die Realisierung politischer Pr&auml;ferenzen ist zudem nicht kostenneutral, der Staat ben&ouml;tigt finanzielle Ressourcen, um sie verwirklichen zu k&ouml;nnen. Es bedarf nicht des Rekurses auf die aktuelle Wirtschaftskrise und deren finanzielle Konsequenzen, um zu verdeutlichen, dass die Handlungsf&auml;higkeit der Nationalstaaten in Bezug auf ihre finanziellen Ressourcen in den letzten Jahren massiv gesunken ist. Gerade jene Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rger, die sozialstaatliche Arrangements betreffen, besitzen daher immer geringere Chancen auf Realisierung.</p>
<p><b><i>I.b. Die individuelle Ebene &#8211; Pluralisierung politischer Pr&auml;ferenzen </i></b></p>
<p>Ein zweiter wichtiger Strang f&uuml;r die Erkl&auml;rung der sinkenden F&auml;higkeit nationalstaatlicher Politik, responsiv zu handeln, besteht in den sich ver&auml;ndernden politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger. Es geh&ouml;rt zur Argumentation vieler liberaler Demokratietheoretikerinnen und -theoretiker, dass ein liberales demokratisches System mit der Implementation und effektiven Sicherung negativer Freiheitsrechte einen Prozess der Diversifizierung und Pluralisierung von Konzepten des &#8222;Guten Lebens&#8220; unterst&uuml;tzt (vgl. Dahl 1989; Ackermann 1989). Die Pluralisierung von Lebenskonzepten und die Pluralisierung politischer Pr&auml;ferenzen als deren Folge geht mit dem Bedeutungsverlust traditioneller Milieus einher &#8211; u. a. des Arbeitermilieus und des katholischen Milieus -, die wiederum die soziokulturelle Verankerung f&uuml;r politische Orientierungen bereitstellen (und damit auch f&uuml;r politische Pr&auml;ferenzen), welche &uuml;ber Generationen hinweg relativ stabil waren. An die Stelle der sozio-&ouml;konomischen Milieus sind sozio-kulturelle, so genannte Lebensstilmilieus, getreten, die zwar auch normative Orientierungsfunktion besitzen, jedoch individuell-voluntaristischer Natur und instabiler als die sozio&ouml;konomischen Milieus sind (vgl. Sinusstudie 2009; Schulze 1993) &#8211; und die zudem nicht systematisch mit umfassenden politischen Interessenprofilen korrespondieren. Die politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger einer politischen Gemeinschaft waren nie homogen &#8211; die Intensit&auml;t und geringe Strukturiertheit ihrer Heterogenit&auml;t er&ouml;ffnen in den letzten Jahren jedoch ein Problem von neuer Qualit&auml;t.</p>
<p>Versch&auml;rfend tritt eine zunehmende &Ouml;konomisierung des gesellschaftlichen und politischen Denkens hinzu, in Folge derer die Individuen ihre politischen W&uuml;nsche ernster nehmen und mit einer h&ouml;heren Realisierungserwartung derselben an die Politik herantreten (vgl. Schaal 2007).[4] Die Frustrationstoleranz in Bezug auf die Vernachl&auml;ssigung der eigenen politischen Pr&auml;ferenzen zu Gunsten republikanisch orientierter Gemeinwohlinteressen schwindet.</p>
<p>Aus politischer Perspektive betrachtet stellt sich daher die Frage, wie Parteien mit diesem Problem-Portfolio umgehen k&ouml;nnen. Eine zentrale Aufgabe von Parteien besteht in der Aggregation politischer Interessen. Die skizzierte Heterogenit&auml;t politischer Pr&auml;ferenzen f&uuml;hrt jedoch dazu, dass Parteien diese Aufgabe sukzessive mit geringerem Erfolg erf&uuml;llen k&ouml;nnen. Dies zeigt sich prototypisch in der nachlassenden Bindungskraft von Volksparteien in vielen liberalen Demokratien, auch in Deutschland (vgl. Niedermayer 2002).</p>
<p><b><i>I.c. Das politische System &#8211; principal-agent-Herausforderungen </i></b></p>
<p>Schlie&szlig;lich muss nach Gr&uuml;nden seitens der politischen Elite und Funktionstr&auml;ger daf&uuml;r gesucht werden, dass das Ideal der Responsivit&auml;t sukzessive schlechter realisiert wird. Ein Kernproblem jeder liberalen Demokratie besteht in der Tatsache, dass Fl&auml;chendemokratien Repr&auml;sentation ben&ouml;tigen und damit die Delegation politischer Macht institutionalisiert wird. Alle Institutionen, deren Leitidee Delegation ist, besitzen jedoch ein <i>principal-agent-Problem</i>: Wie kann der <i>principal </i>&#8211; in der liberalen Demokratie also die souver&auml;nen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &#8211; sicherstellen, dass ihre Agenten &#8211; die Parlamentsmitglieder und die aus ihr hervorgehende Regierung[5]- wirklich das tun, wozu die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sie erm&auml;chtigt haben? Wie k&ouml;nnen sie sicher sein, dass die agents &#8211; wenn sie sich nicht responsiv verhalten &#8211; zumindest das beste Interesse der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger als Richtschnur ihres Handelns nutzen? Arthur Lupia und Matthew McCubbins (2000) bezeichnen das Auseinanderfallen der Pr&auml;ferenzen der <i>principals </i>von den Handlungen der <i>agents </i>als &#8222;agency loss&#8220;. Kaare Strom (2000) diagnostiziert einen zunehmenden <i>agency loss </i>in den letzten Jahren in parlamentarischen Demokratien und findet hierf&uuml;r zwei entscheidende Gr&uuml;nde: Die <i>screening procedures</i>, jene Ma&szlig;nahmen also, mit denen die politischen Kandidaten auf ihre Tauglichkeit f&uuml;r politische &Auml;mter in der Partei- und der massenmedialen &Ouml;ffentlichkeit hin getestet wurden, verlieren zunehmend an Aussagekraft. Grundlegend daf&uuml;r ist die Tatsache, dass vergangenes politisches Handeln im Angesicht komplexerer und neuer politischer Herausforderungen zuk&uuml;nftiges Handeln immer weniger erwartbar werden l&auml;sst. Andererseits sind <i>monitoring </i>und <i>reporting activities</i>, also das aktive &Uuml;berpr&uuml;fen des aktuellen Regierungshandelns durch die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger bzw. der Berichtsleistung der Regierung, zunehmend schwerer, so dass das Handeln von <i>agents </i>f&uuml;r die <i>principals </i>geradezu unsichtbar wird &#8211; was zum <i>moral hazard </i>f&uuml;hren kann (vgl. Schaal 2008).</p>
<p>Zusammenfassend besteht eine der gro&szlig;en Herausforderungen zeitgen&ouml;ssischer liberaler Demokratien also in der Reaktion auf ihre sinkende Responsivit&auml;t, die dazu f&uuml;hrt, dass sich B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger entt&auml;uscht, verdrossen und misstrauisch zunehmend von der Politik abwenden (vgl. Arzheimer 2002). Allerdings ger&auml;t die liberale Theoriebildung dabei in eine Zwickm&uuml;hle: Eine ihre eigenen normativen Grundlagen ernst nehmende liberale Demokratie unterst&uuml;tzt (oder akzeptiert zumindest) die Pluralisierung und Diversifizierung politischer Pr&auml;ferenzen bei gleichzeitig konstanter Wertsch&auml;tzung des liberalen Ideals der Responsivit&auml;t. Doch diese Gleichzeitigkeit f&uuml;hrt zu einer Entpolitisierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und des demokratischen Prozesses als Ganzem. Der R&uuml;ckzug der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger aus der Politik und die Entpolitisierung des Politischen bedeuten eine zunehmende (R&uuml;ck-)Verlagerung ehemals politischer Entscheidungskompetenzen und Handlungsr&auml;ume in den privaten Raum (vgl. u. a. Ranci&egrave;re 2002). Eine solche Entwicklung stellt selbst eine pluralismusorientierte liberale Demokratie mit normativer Pr&auml;mierung negativer Freiheitsrechte vor ein Problem, da diese Prozesse die demokratische Legitimation langfristig in Frage stellen k&ouml;nnten. Auch die Stabilit&auml;t liberaler Demokratien kann auf Dauer nicht garantiert werden, da ein kontinuierlicher Entzug spezifischer Unterst&uuml;tzung langfristig auch die systemtragende diffuse Unterst&uuml;tzung erodieren l&auml;sst.</p>
<p>Differenziert man drei Ebenen von Demokratie &#8211; Werte, Institutionen sowie die Performanz (vgl. Fuchs 1999) &#8211; so kristallisiert sich in (fast) allen etablierten westlichen Demokratien folgender Trend (vgl. Pickel/Pickel 2006): Die Akzeptanz der <i>Idee von Demokratie </i>befindet sich auf hohem Niveau (ca. 80 Prozent Zustimmung), jedoch mit leicht sinkender Tendenz. Das Vertrauen in die Institutionen und die Zufriedenheit mit der <i>implementierten Demokratie </i>sinkt rapide und liegt im Durchschnitt 20 bis 40 Prozent unter der Wertsch&auml;tzung der Idee von Demokratie. Die Zustimmung zu der konkreten Politik befindet sich derzeit in fast allen westlichen Demokratien auf einem historisch sehr niedrigen Niveau, partiell zwischen 15 und 30 Prozent. Da anzunehmen ist, dass die schlechter werdenden Werte auf der Performanzebene sich mittelfristig auch negativ auf die Akzeptanz der Idee von Demokratie auswirken, <i>m&uuml;ssen </i>die liberale Demokratietheorie und erst recht die liberale Demokratie auf die sinkende Responsivit&auml;t und die damit einhergehenden Prozesse der Entpolitisierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und De-Legitimierung des demokratischen Prozesses reagieren.</p>
<h2 class="auto-created">II. Auswege aus dem liberalen Dilemma (Thera&shy;pie&shy;an&shy;s&auml;tze) </h2>
<p>Wir identifizieren zwei grundlegende Strategien, mit denen die liberale Demokratie (-theorie) auf das Responsivit&auml;tsproblem in modernen politischen Gesellschaften reagieren kann: Einerseits die <i>Akzeptanz der Entpolitisierung</i> bei gleichzeitiger Implementierung legitimationserh&ouml;hender Verfahren, Prozeduren und Institutionen, andererseits die Strategie der <i>Re-Politisierung</i> der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sowie des demokratischen Prozesses.</p>
<p><i><b>II.a. Die Akzeptanz-Strategie </b></i></p>
<p>Die erste Strategie besteht darin, das Auseinanderdriften zwischen Responsivit&auml;tsanspr&uuml;chen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger einerseits und politischer Handlungsf&auml;higkeit andererseits grunds&auml;tzlich zu akzeptieren &#8211; durch eine Verlagerung von Entscheidungsinitiative und -kompetenz jedoch die Zufriedenheit und das Vertrauen der B&uuml;rger in die politischen Akteure und Institutionen sowie deren Legitimit&auml;t zu st&auml;rken. Wir identifizieren zwei Formen dieser &#8222;Entpolitisierungs-Akzeptanz-Strategie&#8220;, die sowohl Diskussionen in der Politischen Theorie als auch die politische Praxis der letzten Jahre gepr&auml;gt haben. Sie bieten M&ouml;glichkeiten, das Responsivit&auml;tsproblem zu adressieren, ohne die normativen Pr&auml;missen der liberalen Demokratietheorie grundlegend revidieren zu m&uuml;ssen. Dies ist einerseits eine st&auml;rkere Fokussierung auf <i>democratic leadership</i>, andererseits die Betonung <i>expertenorientierter Elemente </i>der liberalen Demokratie.</p>
<p>Sowohl eine St&auml;rkung politischer F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten als auch eine st&auml;rkere Integration von Expertinnen und Experten in den politischen Prozess k&ouml;nnen (zumindest theoretisch) Entpolitisierungsprozesse aufhalten und die Demokratiezufriedenheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger erh&ouml;hen (vgl. Ritzi/Schaal 2010). Sie haben dabei jedoch zur Konsequenz, dass demokratische Legitimationsprozesse eine st&auml;rkere Output- bzw. Outcome-Orientierung aufweisen, als es in partizipations- und damit inputorientierteren Demokratiemodellen der Fall ist. Der Politikwissenschaftler Andr&aacute;s K&ouml;r&ouml;s&eacute;nyi bezeichnet derartige Entwicklungen gar als Austausch der zentralen Ideale der zeitgen&ouml;ssischen Demokratietheorie und -praxis (vgl. K&ouml;r&ouml;s&eacute;nyi 2005). Das klassische demokratische Ideal des <i>responsive government </i>werde dabei abgel&ouml;st durch das Ideal des <i>responsible government</i>, eine Herrschaftsform, in der die Regierung Verantwortung f&uuml;r die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &uuml;bernimmt, indem sie in den Augen derselben &sbquo;gute&#8216; politische Entscheidungen f&auml;llt, die jedoch nicht an den Input des demokratischen Prozesses r&uuml;ckgekoppelt sein m&uuml;ssen.</p>
<p>Die Unterschiede zwischen <i>democratic leadership </i>und <i>expertenorientierter Demokratie</i>[6] liegen in der Relevanz von Charisma bzw. Kompetenz und der Vereinbarkeit der beiden Formen der Akzeptanz-Strategie mit starken parlamentarischen Entscheidungsgremien, die die Repr&auml;sentation verschiedener Interessenlagen sicherstellen sollen.</p>
<p>Obwohl die St&auml;rkung politischer F&uuml;hrungspersonen das Risiko in sich birgt, dass v. a. gesellschaftliche Minderheiten nur noch wenig Geh&ouml;r im politischen Prozess finden, haben demokratietheoretische Ans&auml;tze, die sich mit <i>leadership </i>besch&auml;ftigen, in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.[7] Ein wichtiges Erkl&auml;rungsmoment ist hierf&uuml;r die Hoffnung, mit Hilfe demokratisch gew&auml;hlter, starker F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten v. a. die westlichen Demokratien aus der Handlungsunf&auml;higkeit zu befreien, die aus Interessenskonflikten in pluralen, teilweise fragmentierten Gesellschaften resultiert. Wenn die Aggregation politischer Interessen mit Hilfe parteipolitischer Programme und einer geteilten, nationalen oder supranationalen Identit&auml;t immer schlechter gelingt, tendieren B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger wie Politikerinnen und Politiker dazu, den Status Quo zu verteidigen, nur mehr kurzfristig-rationale Entscheidungen zu treffen und gro&szlig;e Reformen zu verschieben (vgl. Schaal/Ritzi 2009a). Wie Reinhard Zintl (2008) aufzeigt, ist demokratisches Handeln zudem von zyklisch wiederkehrenden Entscheidungsmustern gepr&auml;gt, die unabh&auml;ngig von Sachfragen das politische Verhalten beeinflussen. Vor allem bei hohem Problemdruck kann die &Uuml;berwindung der Zyklizit&auml;t jedoch eine Erfolgsbedingung politischen Handelns sein. Demokratische Systeme und Regierungen, die von einer starken F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit geleitet werden, k&ouml;nnen diese H&uuml;rden im politischen Entscheidungsprozess v. a. in Vielparteien-Systemen mit einer gr&ouml;&szlig;eren Wahrscheinlichkeit &uuml;berwinden als schwache Regierungsf&uuml;hrer, die zu konsensorientierten Handlungen gezwungen sind. Sofern die Entscheidung zu positiven Resultaten f&uuml;hrt, kann sie ex post die Interessenskonflikte zwischen den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern &uuml;berbr&uuml;cken und das Vertrauen der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler in das politische System st&auml;rken.</p>
<p>Dieser Vertrauensaufbau, der neben der politischen Entscheidungsqualit&auml;t wesentlich auf dem Charisma der F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten beruht, muss jedoch regelm&auml;&szlig;ig gl&uuml;cken, da <i>leadership democracies </i>nur dann Legitimit&auml;t besitzen und stabil sein k&ouml;nnen, wenn die politischen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten auf eine vergleichsweise konstante Unterst&uuml;tzung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die dann eben nur noch sehr bedingt die &#8222;judges of their own interests&#8220; sind, zur&uuml;ckgreifen k&ouml;nnen. Eine solche Unterst&uuml;tzung ist in Deutschland jedoch derzeit nicht gegeben: Mehr als 60 Prozent der Befragten sprachen sich 2006 gegen einen starken politischen F&uuml;hrer aus.[8] Angesichts der immer schlechteren Reputation von Politikerinnen und Politikern bei den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern ist hierbei mittelfristig wohl auch keine &Auml;nderung zu erwarten.</p>
<p>Auch aus normativer Perspektive erscheinen <i>leadership democracies </i>als &auml;u&szlig;erst problematische Demokratieformen. Politische F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten k&ouml;nnen zwar pragmatisch handeln, aber ihre starke Fokussierung auf <i>outcomes </i>und <i>outputs </i>erf&uuml;llt das demokratische Ideal der Selbstregierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger nur unzureichend. Zudem erfordert die Logik der Orientierung politischen Handelns starker F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten an den zu erwartenden Wiederwahlaussichten eine Fokussierung auf die Interessen der Mehrheit &#8211; was nur sehr bedingt als Umschreibung von Gemeinwohl taugt (vgl. Offe 2002).</p>
<p>Ein anderes Bild zeigt sich &#8211; zumindest f&uuml;r den deutschen Fall &#8211; in Bezug auf die Einstellungen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu einer Entwicklung in Richtung einer <i>expertenorientierten Demokratie</i>. Mit 64 Prozent sprachen sich im Jahr 2006 mehr als die H&auml;lfte der im Rahmen des World Values Survey befragten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger daf&uuml;r aus, dass &#8222;Experten Entscheidungen treffen sollten&#8220;. In den letzten 13 Jahren ist der Anteil der Bef&uuml;rworter dabei relativ konstant geblieben. Anstelle auf charismatische und selbstlose F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten scheinen die Deutschen also auf Fachwissen zu vertrauen. Die institutionalisierte Integration von Expertinnen und Experten in den demokratischen Prozess scheint vor diesem Hintergrund die technokratische Interpretation eines republikanischen Verst&auml;ndnisses von Gemeinwohl zu sein, wobei Gemeinwohl nicht (mehr) politisch (als das f&uuml;r <i>uns </i>Richtige) verstanden wird, sondern (wieder) in einem <i>objektiv </i>richtigen Sinne.</p>
<p>&Auml;hnlich wie bei der bundesdeutschen Bev&ouml;lkerung, scheint auch in der liberalen politischen Theorie eine Tendenz zu bestehen, die Heranziehung von Expertinnen und Experten als affirmative &Uuml;berwindungsstrategie der Entpolitisierung zu betrachten. Die Suche nach sachlich &sbquo;richtigen&#8216; Entscheidungen mag dabei im Konflikt mit dem kontingenten Charakter manches politischen Problems stehen (vgl. Greven 2009) &#8211; und besitzt damit normative Implikationen, die denen der <i>democratic leadership</i>-Diskussionen &auml;hneln, der institutionalisierte R&uuml;ckgriff auf Expertenvoten kann jedoch auch eine attraktive M&ouml;glichkeit sein, um Interessenskonflikte zu &uuml;berwinden und in Konstellationen sich widersprechender Pr&auml;ferenzen individualisierter B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger akzeptable Entscheidungen zu treffen. Expertinnen und Experten k&ouml;nnen dabei nat&uuml;rlich nicht als Repr&auml;sentanten der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger betrachtet werden,[9] ihr Einfluss kann jedoch in fast beliebigen Konstellationen mit parlamentarischen Gremien verbunden werden. Entsprechend greifen die geladenen Fachleute (im Gegensatz zu politischen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten) in der heutigen demokratischen Praxis wesentlich h&auml;ufiger beratend und ratgebend in den politischen Prozess ein als entscheidend, und eine Erweiterung ihrer Mitspracherechte steht nicht zwingend im Widerspruch zu parlamentarischer Macht bzw. Kontrolle.</p>
<p><i>Expertenorientierte Demokratieformen </i>erscheinen vor diesem Hintergrund also zwar ebenfalls nicht als unproblematisch, aber im Vergleich zu <i>leader democracies </i>als die theoretisch wie praktisch attraktivere Strategie, um auf das liberale Dilemma, das aus gleichzeitiger Responsivit&auml;ts- und Pluralismusorientierung resultiert, zu reagieren. Beide Ans&auml;tze k&ouml;nnen das eigentliche Problem der sinkenden Responsivit&auml;t moderner Demokratien jedoch nicht l&ouml;sen, sondern lediglich Akzeptanz f&uuml;r die sinkende Verwirklichung der Pr&auml;ferenzen und Umsetzung der Interessen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger generieren. Im Folgenden soll nun eine zweite Strategie betrachtet werden, die eine Probleml&ouml;sung durch (Re-)Politisierung anstrebt.</p>
<p><b><i>II.b. Die Re-Politisierungs-/Fragmentierungs-Strategie</i></b></p>
<p>Die demokratietheoretischen Konsequenzen der gesellschaftlichen Pluralisierung und der damit einhergehenden Fragmentierung werden auch jenseits der liberalen Responsivit&auml;tsproblematik in der Politikwissenschaft seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Vor allem in feministischen (vgl. Phillips 1993, 1995; Young 1990, 2000; Holland-Cunz 1998) und multikulturalistischen (vgl. Kymlicka 1995; Taylor 1993, 2002) Arbeiten zur Demokratietheorie wird bereits seit den 1980er Jahren darauf hingewiesen, dass &sbquo;einfache&#8216; Repr&auml;sentationssysteme den Anforderungen pluralistischer Gesellschaften zunehmend weniger gerecht werden, da die Anspr&uuml;che verschiedener gesellschaftlicher Teilgruppen ausgesprochen ungleich gewichtig in diese einflie&szlig;en &#8211; was einen normativ nicht legitimierbaren Bias in der politischen Entscheidungsfindung zu Gunsten gro&szlig;er und v. a. traditionell einflussreicher Gruppen zur Folge hat.</p>
<p>Seit den 1990er Jahren treten die Vorschl&auml;ge deliberativer Demokratietheoretikerinnen und Demokratietheoretiker hinzu, politische Pr&auml;ferenzen nicht als vorpolitisch und unhintergehbar zu setzen (wie in der liberalen Demokratietheorie &uuml;blich), sondern den Prozess der Pr&auml;ferenzgenese selbst als Basis demokratischer Legitimation zu verstehen (vgl. grundlegend Manin 1987). Hieraus resultiert ein anderes Verst&auml;ndnis des demokratischen Prozesses sowie der Bedeutung von Pr&auml;ferenzen. Entsprechend &auml;ndert sich auch die Wahrnehmung des Bedrohungspotentials, das aus der steigenden Pluralit&auml;t resultiert. Trotz aller Verschiedenheit der genannten Demokratietheorien, eint sie der Versuch, die Vielf&auml;ltigkeit moderner Gesellschaften nicht als Problem zu diskutieren, sondern im demokratischen Prozess <i>produktiv nutzbar </i>zu machen &#8211; aus diesem Grund werden sie hier zu einer Strategieform zusammengefasst. Die Fragmentierung dient dieser Strategie als Grundlage einer Re-Politisierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &#8211; was wiederum auf zwei Arten geschehen kann.</p>
<p>Die erste ist der Vorschlag <i>gruppenspezifischer Repr&auml;sentationsformen</i>, die &uuml;ber die sinkende Repr&auml;sentationsf&auml;higkeit der Parteien angesichts der gesellschaftlichen Pluralisierung begr&uuml;ndet wird. Auch wenn sich als Reaktion auf Diversifikations-Prozesse eine Fragmentierung der Parteienlandschaft in modernen Demokratien beobachten l&auml;sst,[10] kann die parteipolitische Organisationsform nach Ansicht von Anh&auml;ngerinnen und Anh&auml;ngern der Gruppenrepr&auml;sentationsmodelle allein nicht mehr eine gerechte Bev&ouml;lkerungsrepr&auml;sentation gew&auml;hrleisten.[11] Gruppen sollen in Parlamenten und anderen repr&auml;sentativen Entscheidungsorganen daher als zweite Repr&auml;sentationsdimension eingef&uuml;hrt werden. Diese Vorgehensweise wird bislang zwar nicht in erster Linie von Theoretikerinnen und Theoretikern aus liberalen Kontexten verfolgt, sie kann der liberalen Demokratietheorie jedoch dazu dienen, den Zwiespalt zwischen Pluralit&auml;t, Responsivit&auml;t und politischer Handlungsf&auml;higkeit zu &uuml;berwinden: Mit Hilfe einer Re-Politisierung der fragmentierten Gesellschaft k&ouml;nnen der Responsivit&auml;tsverlust begrenzt und die Akzeptanz der B&uuml;rger(gruppen) gegen&uuml;ber weniger responsiver Politik erh&ouml;ht werden. Einen vergleichsweise detailliert ausgearbeiteten Vorschlag zur (Re-)Politisierung pluralistischer Gesellschaften mittels Gruppenrepr&auml;sentation hat Iris Marion Young (1989, 1990) vorgelegt. Sie fordert eine Modifikation politischer Repr&auml;sentationssysteme, die bestimmten gesellschaftlichen Gruppen mittels Quoten ein verbessertes Mitspracherecht sichert und auch gruppenspezifische Vetorechte vorsieht (so sollen beispielsweise Frauen in Bezug auf Fragen zur Abtreibung ein Vetorecht im Parlament erhalten).[12] Die Gruppen werden zudem durch finanzielle Mittel darin unterst&uuml;tzt, sich zu organisieren und politische Positionen zu entwickeln.</p>
<p>Gruppenrepr&auml;sentanz kann dabei nicht nur zu einer gerechteren Gesellschaft f&uuml;hren (wenngleich dies Youngs prim&auml;res Anliegen ist), sondern sie tr&auml;gt auch zu einer Stabilisierung von Demokratien bei. Durch die verbesserte Integration bislang unterdr&uuml;ckter gesellschaftlicher Gruppen sollen erstens qualitativ bessere politische Entscheidungen(und ergo eine erh&ouml;hte Responsivit&auml;t) m&ouml;glich werden, und sich zweitens die &Uuml;berzeugung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger festigen, dass sie in einer gerechten Gesellschaft und in einem guten demokratischen System leben. Diese &Uuml;berzeugung wiederum erh&ouml;ht die Kompromissbereitschaft und Gemeinwohlorientierung &#8211; trotz aller Einstellungs- und Interessenunterschiede.</p>
<p>Youngs Pl&auml;doyer f&uuml;r eine gruppenspezifische (Re-)Politisierung kann als gutes Mittel zur Repr&auml;sentativit&auml;tserh&ouml;hung und Steigerung der Demokratiezufriedenheit gesehen werden, das das Faktum der Pluralit&auml;t und die Supranationalisierung nicht antastet &#8211; daf&uuml;r jedoch die Gleichheit der B&uuml;rger st&auml;rker output- als inputorientiert betrachtet. Die demokratische Wahl w&uuml;rde zwar weiterhin gem&auml;&szlig; der Regel &#8222;one man one vote&#8220; erfolgen, die Struktur des Wahlergebnisses w&auml;re jedoch ein St&uuml;ck weit vorgegeben. Dies wird nicht von allen (liberalen) Theoretikerinnen und Theoretikern akzeptiert. Zudem reagiert der gruppenspezifische Ansatz nur bedingt auf eine der anfangs beschriebenen Ursachen des liberalen Responsivit&auml;tsdilemmas: Die Pluralisierung wird auf der Ebene der Gruppe, aber nicht des (auch politisch vorwiegend egoistisch handelnden) Individuums theoretisch konzeptionalisiert &#8211; und kann somit nur eine Dimension der Fragmentierung abdecken.</p>
<p>Dieser Problematik entgeht die zweite Form der Fragmentierungsstrategie, die ma&szlig;geblich von deliberativen &Uuml;berlegungen beeinflusst ist. Dabei soll an dieser Stelle keine grundlegende Rekonstruktion des Verh&auml;ltnisses der deliberativen Demokratietheorie zur Responsivit&auml;t erfolgen[13] &#8211; daraus resultierende <i>deliberative settings </i>in der so genannten &sbquo;starken Form&#8216; (vgl. Chambers 2009) erfordern einen Austausch zentraler demokratischer Leitideen und k&ouml;nnen folglich nicht in ein liberales Demokratiemodell implementiert werden. In diesem Aufsatz diskutieren wir stattdessen Auswege aus dem Responsivit&auml;tsverst&auml;ndnis ausgehend von einem <i>liberalen </i>Standpunkt &#8211; wof&uuml;r ein Blick auf die &sbquo;schwachen Formen&#8216; (so genannte <i>democratic deliberations</i>) lohnenswert ist.</p>
<p>In der schwachen Form werden deliberative Prozeduren, Prozesse und Institutionen in das Modell der liberalen Demokratie implementiert, ohne die zentralen normativen liberalen Ideale auszutauschen. Die zentrale Motivation einer solchen Vorgehensweise besteht in der &Uuml;berzeugung, dass die Bereitschaft zur politischen Partizipation nicht aus dem Wunsch nach der instrumentellen Durchsetzung vorpolitischer Pr&auml;ferenzen hervorgeht, sondern durch die <i>Beteiligungsstrukturen </i>selbst moderiert wird. Eine deliberative Beteiligungsstruktur fungiert in dieser Perspektive als eine <i>enabling structure </i>politischer Partizipation, sie motiviert politische Beteiligung und verschiebt zugleich die normative Gewichtung von einer eher instrumentellen hin zu einer intrinsischen Motivation zur Partizipation.</p>
<p><i>Deliberative settings </i>k&ouml;nnen auf unterschiedlichen Ebenen (Staatenbund, Bund, Land, Kommune) und in unterschiedlichen Phasen des demokratischen Prozesses installiert werden. Auch ist nicht a priori festgelegt, ob sie ausschlie&szlig;lich konsultativen Charakter besitzen oder dar&uuml;ber hinaus &#8211; in welcher konkreten Ausgestaltung auch immer &#8211; bindend f&uuml;r sp&auml;tere Entscheidungsebenen sein sollen. Heute erscheint diese Option auch weniger utopisch als noch vor zehn Jahren, hat sich die deliberative Demokratietheorie doch inzwischen zu einer &#8222;working theory&#8220; (vgl. Chambers 2005) entwickelt. Entsprechend wurden deliberative Entscheidungsverfahren in den letzten zehn Jahren &uuml;berall auf der Welt mit Erfolg implementiert (vgl. Gastil/Levine 2005). Denkbar sind deliberative Prozeduren, die entscheidungsrelevant sind. In diese Kategorie geh&ouml;ren u. a. die Planungszelle (vgl. Dienel 1997) und unterschiedliche Formen von <i>Town Hall Meetings. </i>Charakteristisch f&uuml;r diese Verfahren ist, dass B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in einem institutionell klar definierten Rahmen miteinander &#8211; h&auml;ufig unter beratender Einbeziehung der Expertise von Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern &#8211; deliberieren. Das Besondere besteht in der Verortung der deliberativ aufgearbeiteten politischen Entscheidungen: Sie sind hierarchisch auf einer kommunalen/lokalen Ebene und/oder in einem sachlich eng begrenzten Feld verortet.</p>
<p>Deliberative Verfahren k&ouml;nnen auch in konsultativer Absicht implementiert werden. Hierzu ist institutionelle Fantasie angebracht. Denkbar ist &#8211; in Anlehnung an einen Vorschlag von Hubertus Buchstein (2009) &#8211; die Einf&uuml;hrung einer per Losentscheid zuf&auml;llig besetzten deliberativen Konsultationskammer auf Bundes-, Landes- oder supranationaler Ebene, deren Aufgabe in der kritischen Sicht aller Gesetzentw&uuml;rfe vor ihrer Ratifizierung durch das Parlament liegt. Motiviert wird eine solche deliberative Konsultationskammer durch die Hoffnung, dass im Zuge eines deliberativen Prozesses der Beratungen &uuml;ber einen Gesetzentwurf durch B&uuml;rger erstens eine kritische (zivilgesellschaftliche) &Ouml;ffentlichkeit adressiert werden kann, und zweitens inhaltliche Empfehlungen ausgesprochen werden, die Gesetze und Gesetzesinitiativen <i>verbessern</i>. In eine &auml;hnliche Richtung zielt auch das von James Fishkin (1995) forcierte Projekt der &#8222;deliberative polls&#8220;. Hier deliberieren zuf&auml;llig ausgew&auml;hlte B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &uuml;ber ein Sachthema, zu dem sie im Vorfeld des Treffens fundiertes und ausgewogenes Informationsmaterial erhalten haben. Dabei besteht die Hoffnung, dass eine aufgekl&auml;rte (Mini-)&Ouml;ffentlichkeit geschaffen wird, in der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu aufgekl&auml;rten politischen Pr&auml;ferenzen kommen. Diese wiederum k&ouml;nnen f&uuml;r Regierungshandeln informativer sein als konventionelle Meinungsumfragen.</p>
<p>Welchen Beitrag kann <i>democratic deliberation </i>zur L&ouml;sung des Dilemmas von Responsivit&auml;t <i>und </i>Pluralismus leisten? Hierzu ist es hilfreich, die unterschiedlichen Problemursachen zu differenzieren. Die <i>deliberative settings </i>werden der Pluralisierung politischer Pr&auml;ferenzen insofern gerecht, als Deliberation der Verarbeitung m&ouml;glichst vielf&auml;ltiger Argumente und Standpunkte dienen soll und zudem angenommen wird, dass die epistemologische Qualit&auml;t der Ergebnisse mit zunehmender Vielfalt der vorgebrachten Argumente steigt (vgl. Manin 1997; Sunstein 1991). Die Legitimit&auml;t des demokratischen Prozesses resultiert entsprechend aus einem inklusiven Prozess, in dessen Verlauf die politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sich einerseits erst formieren, andererseits aber durch den &sbquo;zwanglosen Zwang des besseren Arguments&#8216; und die Notwendigkeit zur Begr&uuml;ndung der je eigenen Pr&auml;ferenz gleichzeitig &sbquo;gereinigt&#8216; werden. Dar&uuml;ber hinaus zeigen empirische Deliberationsstudien (vgl. Schaal/Ritzi 2009b), dass Deliberation dann besonders erfolgreich ist, wenn die am Diskurs Beteiligten heterogene Pr&auml;ferenzen besitzen. Pluralit&auml;t stellt aus dieser Perspektive also keine Herausforderung, sondern eine Bedingung eines erfolgreichen deliberativen Prozesses dar.</p>
<p>Zur L&ouml;sung des Responsivit&auml;tsdilemmas kann <i>democratic deliberation </i>in einem strikten Sinne nur einen geringen Beitrag leisten, da das Kriterium der Responsivit&auml;t in Bezug auf vorpolitische Pr&auml;ferenzen normativ nur eingeschr&auml;nkt akzeptiert wird. Da <i>democratic deliberation </i>jedoch in ein dominant liberales Institutionen- und Wertsetting implementiert wird, ist diese Einschr&auml;nkung rein theoretischer Natur. Praktisch kann <i>democratic deliberation </i>in Abh&auml;ngigkeit von ihrer konkreten Institutionalisierung einen differenzierten Beitrag zur L&ouml;sung des Reponsivit&auml;tsdilemmas leisten. Wie Lupia/McCubbins (2000) gezeigt haben, tritt <i>agency loss </i>in <i>principal-agent</i>-Beziehungen dann nicht auf, wenn der <i>principal </i>um die Handlungen des <i>agent </i>wei&szlig; <i>(information criteria). </i>Eine wichtige L&ouml;sungsstrategie besteht daher in einer neutralen und glaubw&uuml;rdigen Monitoring-Institution. Eine deliberative Konsultationskammer erf&uuml;llt diese Anforderungen und kann einen wichtigen Beitrag zur &Uuml;berwindung der <i>principal-agent</i>-Problematik leisten.</p>
<p>Das Auseinanderfallen von Entscheidungsberechtigten und Entscheidungsbetroffenen kann <i>democratic deliberation </i>ebenfalls zumindest partiell &uuml;berwinden, da solche Verfahren auch jenseits des Nationalstaates implementiert werden k&ouml;nnen (vgl. Nanz/Steffek 2005). Ob die zunehmende &Ouml;konomisierung der gesellschaftlichen und politischen Sph&auml;re durch Deliberationsangebote eingehegt werden kann, ist jedoch zweifelhaft.</p>
<h2 class="auto-created">III. Pluralismus und Respon&shy;si&shy;vi&shy;t&auml;t? (Rekon&shy;va&shy;les&shy;zenz) </h2>
<p>Die Implementierung deliberativer Verfahren im Kontext liberaler Demokratien ist eine viel versprechende Strategie, um die Re-Politisierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sowie des demokratischen Prozesses anzusto&szlig;en. Erstens, weil die begr&uuml;ndete Hoffnung besteht, dass die Intensit&auml;t der politischen Partizipation im Rahmen von <i>deliberative settings </i>steigt; zweitens, weil die Sachkompetenz der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger durch die Inklusion in deliberative Beratungs- und Entscheidungsprozesse anerkannt wird; drittens, weil die Kontingenz des Politischen in deliberativen Verfahren symbolisch zur Darstellung gebracht wird, indem die Standpunkte und Argumente aller Beteiligten in der &Ouml;ffentlichkeit artikuliert werden und viertens, weil das Ideal der Responsivit&auml;t durch die Integration des Gedankens der Pr&auml;ferenzformung <i>im </i>politischen Prozess relativiert wird. Aus liberaler Perspektive erscheint die Integration von <i>democratic deliberation </i>in dominant liberal inspirierte Institutionensettings attraktiv, weil sie den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern faktisch wie auch symbolisch die Kompetenz zuspricht, den politischen Kurs des Gemeinwesens inhaltlich mitzubestimmen und damit das liberale Ideal, wonach jeder B&uuml;rger &#8222;the best judge of his own interests&#8220; sei, revitalisiert. Liberale Demokratien und Demokratietheorien k&ouml;nnen somit in der Integration deliberativer Momente und Partizipationsformen bei gleichzeitiger Beibehaltung ihrer normativen Grundlagen eine M&ouml;glichkeit finden, um Responsivit&auml;t <i>trotz </i>pluralistischer Interessenskonstellationen zu erzielen.</p>
<p>Re-Politisierend &#8211; und zwar gleichsam als Top-Down-Prozess &#8211; wirkt auch die Modifikation des Repr&auml;sentationsverst&auml;ndnisses in Richtung Gruppenrepr&auml;sentation. Es existieren &uuml;berzeugende Argumente daf&uuml;r, nicht mehr ausschlie&szlig;lich an Individuen gebundene Interessen zu repr&auml;sentieren, sondern Gruppeninteressen ernst zu nehmen. Die funktionalen und normativen Konsequenzen einer entsprechenden Strategie sind jedoch gravierend und &uuml;berschreiten jene der <i>democratic deliberation </i>deutlich. In normativer Perspektive wird u. a. der methodologische Individualismus als Grundlage liberaler Theoriebildung so nachhaltig in Frage gestellt, dass zentrale demokratische Ideale &#8211; wie u. a. das &#8222;one man one vote&#8220;-Prinzip &#8211; nur noch eingeschr&auml;nkte Geltung besitzen. Empirisch w&uuml;rde sich die Parteienstruktur pluralisieren und die Konfliktintensit&auml;t parlamentarischer Arbeit mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit erh&ouml;hen. Angesichts dieser normativen und realpolitischen Kosten ist es unwahrscheinlich, dass Gruppenrepr&auml;sentation, trotz einiger theoretisch &uuml;berzeugender Argumente, auf absehbare Zeit eingef&uuml;hrt wird.</p>
<p>Der Modus Vivendi besteht in der Ausdehnung des Expertenwesens in der liberalen Demokratie. Normativ unterminiert diese Strategie jedoch das liberale Ideal des &#8222;best judge of his own interests&#8220;. Es ist daher eine geradezu tragisch zu nennende Ironie, dass die liberale Demokratie aufgrund der ihr inh&auml;renten Prozesse der Pluralisierung von Konzeptionen des &#8222;Guten Lebens&#8220; nicht nur ihre eigene Entpolitisierung forciert, sondern auch die Autonomie-und Kompetenz<i>selbstwahrnehmung </i>der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger so nachhaltig erodieren l&auml;sst, dass f&uuml;r sie die Ausweitung expertokratischer Elemente normativ wie funktional w&uuml;nschenswert erscheint. Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts zeigen jedoch, dass die sinkende Akzeptanz der politischen Institutionen und die rapide sinkende Zufriedenheit mit den Outputs und Outcomes des politischen Systems <i>trotz </i>Ausweitung der Beratungst&auml;tigkeit durch Expertinnen und Experten erfolg(t)en. Eine St&auml;rkung des <i>democratic leaderships </i>erscheint uns schlie&szlig;lich trotz seiner Renaissance in Theorie und Praxis normativ nicht w&uuml;nschenswert.</p>
<p>Pluralismus <i>und </i>Reponsivit&auml;t sind unter den Bedingungen liberaler Demokratien der Gegenwart zunehmend schwerer gleichzeitig zu optimieren. Wir pl&auml;dieren f&uuml;r die normativ anspruchsvolle und zugleich realit&auml;tskompatible L&ouml;sung, deliberative Verfahren in ein ansonsten liberal demokratisch inspiriertes Institutionensetting zu implementieren. Doch ist auch diese Strategie nicht unproblematisch, existiert doch ein ambivalentes und theoretisch noch nicht hinreichend ausgearbeitetes Verh&auml;ltnis von Liberalismus und <i>democratic deliberation</i>. Um nur ein paar Schlaglichter zu setzen: Welche Relevanz besitzt das Ideal der Responsivit&auml;t in deliberativen Verfahren? Welche Kommunikationsmodi (<i>arguing </i>oder <i>bargaining</i>) sind empirisch erwartbar und normativ w&uuml;nschenswert? K&ouml;nnen deliberative Verfahren in liberalen Kontexten die in sie gesetzten Erwartungen &#8211; u. a. h&ouml;here Legitimit&auml;t, bessere Entscheidungen, bessere Inklusion der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &#8211; &uuml;berhaupt erf&uuml;llen? Oder tendieren deliberative Verfahren, die auf <i>arguing </i>basieren, dazu, in liberalen Settings von strategischen Akteuren, die <i>bargaining </i>betreiben, ausgebeutet zu werden? Der Erfolg der skizzierten Re-Politisierungsstrategie ist in der politischen Wirklichkeit deshalb auch davon abh&auml;ngig, dass diese Fragen &#8211; und viele andere, die hier nicht angesprochen werden k&ouml;nnen &#8211; in der politischen Theorie konzeptionell aufgegriffen und empirisch analysiert werden. Die von uns vorgeschlagene Implementation von <i>democratic deliberation </i>markiert daher weniger eine L&ouml;sung als den Beginn einer theoretischen wie empirischen Diskussion &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von Liberalismus, Deliberation, Responsivit&auml;t und Pluralismus.</p>
<p>[1] Held (2006) differenziert zwei Spielarten des Liberalismus, deren normative Leitideen deutlich variieren. Die hier vertretene Position ist ein Modell, das sich am Mainstream-Verst&auml;ndnis des Liberalismus orientiert.</p>
<p>[2] F&uuml;r eine vergleichende Analyse verschiedener liberaler Interpretationen dieses Axioms vgl. Goodin (1990).</p>
<p>[3] Vgl. pars pro toto die Krisendiagnosen von Buchstein/Schmalz-Bruns (1994), Bl&uuml;hdorn (2008) u. v.a.</p>
<p>[4] Die zunehmende Orientierung an Kosten-Nutzen-Kalk&uuml;len und die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung republikanisch inspirierter Orientierungen am Gemeinwohl sind in der soziologischen Zeitdiagnose fast unbestritten. Vgl. f&uuml;r neuere Diagnosen Crouch (2009), Maurer/Schimank (Hrsg.) (2008).</p>
<p>[5] An dieser Stelle wird nur das <i>principal-agent</i>-Problem parlamentarischer Demokratien, nicht pr&auml;sidentieller Demokratien diskutiert. Vgl. Str&Oslash;m (2000) sowie Lupia, McCubbins (2000).</p>
<p>[6] Die Bezeichnung &#8222;Expertokratie&#8220; wird an dieser Stelle bewusst vermieden, da diese Strategie nicht in erster Linie darauf zielt, die Herrschaft (d. h. in diesem Kontext Entscheidungskompetenz) von demokratisch gew&auml;hlten Repr&auml;sentantinnen und Repr&auml;sentanten auf Expertinnen und Experten zu verlagern.</p>
<p>[7] Vgl. das Schwerpunktheft 3/2010 der &Ouml;sterreichischen Zeitschrift f&uuml;r Politikwissenschaft (&Ouml;ZP); Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 2-3/2010.</p>
<p>[8] World Values Survey (Ergebnisse der Befragungen aus den Jahren 2005/2006).</p>
<p>[9] Die Repr&auml;sentationsproblematik ist ein wichtiger Grund, weshalb viele liberale Theoretikerinnen und Theoretiker wie Anne Phillips einen zunehmenden Einfluss von Expertinnen und Experten auf die demokratische Entscheidungsfindung ablehnen. Phillips warnt in diesem Kontext vor &#8222;even further capitulation to the experts&#8220; (Phillips 1995: 191).</p>
<p>[10] Parteien entstehen in der klassischen Konzeption von Lipset/Rokkan (1967) entlang der gesellschaftlichen Hauptspannungslinien (<i>cleavages</i>). Die These, wonach die europ&auml;ischen Parteiensysteme &#8222;frozen party systems&#8220; seien, kann als empirisch widerlegt angesehen werden. Die <i>cleavages </i>haben sich in den letzten Jahren quantitativ erh&ouml;ht, qualitativ jedoch zumeist an Sch&auml;rfe verloren. Entsprechend steigt die Zahl der Parteien in den Parlamenten (in Abh&auml;ngigkeit von der Ausgestaltung des Wahlrechts), w&auml;hrend ihre Gr&ouml;&szlig;e sinkt.</p>
<p>[11] Vgl. grundlegend f&uuml;r die Diskussion des Repr&auml;sentationskonzeptes Pitkin (1967) und Manin (1997).</p>
<p>[12] Young h&auml;lt die Vertretung einer Gruppe immer dann f&uuml;r angezeigt, wenn die Geschichte und die soziale Situation einer Gruppe dazu f&uuml;hren, dass diese eine besondere Perspektive auf strittige politische Fragen einnimmt, wenn ihre Mitglieder von politischen Fragen in besonderer Weise betroffen sind und wenn ihre Wahrnehmungen und Interessen ohne eine besondere Vertretung wenig Aussicht h&auml;tten, in politischen Entscheidungen ber&uuml;cksichtigt zu werden (Young 1990: 42ff.). Daraus folgt, dass eine relativ gro&szlig;e Zahl von Gruppen von den Quotierungen profitieren soll: &#8222;In the United States today at least the following groups are oppressed in one or more of these ways: women, blacks, Native Americans, Chicanos, Puerto Ricans and other Spanish-speaking Americans, Asian Americans, gay men, lesbians, working-class people, poor people, old people, and mentally and physically disabled people.&#8220; (Young 1989: 261).</p>
<p>[13] Responsivit&auml;t spielt im Kontext der deliberativen Theorie ohnehin eine untergeordnete Rolle, da politische Pr&auml;ferenzen hier nicht als vorpolitisch existent und unhintergehbar betrachtet werden (vgl. Manin 1997; Sunstein 1991).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/189-vorgaenge/publikation/responsivitaet-und-pluralismus-das-dilemma-liberaler-demokratien/">Responsivität und Pluralismus &#8211; das Dilemma liberaler Demokratien</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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