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	<title>Michael Klundt Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Kinderrechte und Kinderarmut im Corona-Kapitalismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[huadminuser]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Apr 2022 14:33:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Corona]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit Folgen der Pandemie und des Krisenmanagements für Kinder und Jugendliche. Dabei geht er auf Ursachen und Anlässe ein und benennt Alternativen sowie notwendige Schlussfolgerungen. Dass Corona und die Maßnahmen dagegen nicht auf alle Alters- und Sozialgruppen gleich wirk(t)en, scheint inzwischen zur Binsenweisheit zu gehören (vgl. Bertelsmann 2020). Die Eignung, [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/235-vorgaenge/publikation/kinderrechte-und-kinderarmut-im-corona-kapitalismus-copy/">Kinderrechte und Kinderarmut im Corona-Kapitalismus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-teaser-western"><em>Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit Folgen der Pandemie und des Krisenmanagements für Kinder und Jugendliche. Dabei geht er auf Ursachen und Anlässe ein und benennt Alternativen sowie notwendige Schlussfolgerungen.</em></p>
<p class="v-absatz-ohne-western">Dass Corona und die Maßnahmen dagegen nicht auf alle Alters- und Sozialgruppen gleich wirk(t)en, scheint inzwischen zur Binsenweisheit zu gehören (vgl. Bertelsmann 2020). Die Eignung, Erforderlichkeit und Angemessenheit der jeweiligen Maßnahmen und Grundrechtsbeschränkungen muss in jedem Fall gegeben sein und der eingreifende Staat ist insoweit beweispflichtig. Gerade für Kinder und vor allem für Minderjährige in Armut bedeuteten Corona und der Lockdown enorme Einschränkungen ihrer zivilen, sozialen und kulturellen Rechte auf Schutz, Förderung und Beteiligung – besonders in den Bereichen Kindeswohl, Gesundheit, Bildung (vgl. Spieß 2020; Kinderkommission 2020; UNICEF/Save the Children 2020; Holz/Richter-Kornweitz 2020). Die Weltgesundheitsorganisation WHO und das UN-Kinderhilfswerk UNICEF haben unlängst noch einmal deutlich hervorgehoben, dass die „<i>katastrophalen Schulschließungen</i>“ der ersten Pandemiewellen seit 2020 zu starken Beeinträchtigungen der seelischen Gesundheit und der sozialen Entwicklung sehr vieler junger Menschen führten (vgl. UNICEF/WHO 2021). So sehr diverse Auswirkungen global zu beobachten sind, gab es doch gewisse nationale Unterschiede, die sich auch aus verschiedenen Priorisierungen herleiten lassen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Es erscheint schon zweifelhaft, dass über ein Jahr hinweg in der höchsten politischen Runde des Landes nur Virolog(inn)en mit Physiker(inne)n über die Gestaltung von Kitas, Schulen und Jugendhilfe diskutierten (vgl. Spiegel.de v. 18.1.2021), während Ministerpräsidenten „<i>Candy Crush</i>“ und andere Computerspiele auf dem Handy spielten (vgl. FR v. 26.1.2021). Wenn das nicht-verfassungsgemäße Gremium der sog. Ministerpräsident(inn)en-Konferenz mit der Bundeskanzlerin in Notverordnungsmanier ohne gesetzgeberische Befugnis und ohne parlamentarische Beteiligung alleine durch Verordnungen bei offensichtlich geistiger Abwesenheit mancher Teilnehmer zur mächtigsten politischen Entscheidungsinstanz der Nation mutiert und die anwesenden Berater(innen) sich nur noch darin unterscheiden, ob sie den Regierungskurs unterstützen oder sogar dessen Verschärfung präferieren, muss wenigstens ein gewisser Sachverstand hinsichtlich Kindeswohlvorrang-Prüfung, Kinderrechten und der sonstigen Belange von Kindern, Jugendlichen und Familien gewährleistet werden. Deshalb müsste mindestens die Familienministerin dabei sein und am besten auch Kinderärzte, Kindheitswissenschaftlerinnen, Kinderpsychologinnen, Pädagogen, Sozialarbeiterinnen, Soziologen und Erzieherinnen. Andernfalls werden das Kindeswohl sowie die Interessen und Rechte von Kindern und Jugendlichen weiterhin sträflich vernachlässigt.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Derweil unterstrich die Tatsache, dass die Bundesfamilienministerin während des ersten Lockdown im Frühjahr 2020 nicht im Corona-Krisen-Kabinett saß und die Tatsache, dass z.B. im Bundesland Hessen das „Corona-Kabinett“ in den ersten Monaten nur aus Männern bestand, die Einseitigkeit der veröffentlichten und exekutierten Meinungen und Verordnungen im Frühjahr 2020. Es verwunderte dann auch nicht, dass z.B. Kinder- und Jugendhilfe, besonders der nicht-schulische Bereich der offenen Jugendarbeit, wochen- und z.T. monatelang nicht als „systemrelevant“ angesehen und behandelt wurde. Dass das Amt der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fast ein halbes Jahr vor den Bundestagswahlen quasi „nebenberuflich“ von der Bundesjustizministerin noch locker mitgemacht werden kann, zeigt schließlich die regierungsamtliche Wertschätzung gegenüber den Politikfeldern, die der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder einst als das „Gedöns“ bezeichnet hatte.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western">Priorit&auml;ten</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Dass gesellschaftspolitische Prioritäten bezüglich Kindern und Jugendlichen bei der Pandemiebekämpfung unterschiedlich gesetzt werden können, zeigen viele Beispiele europa- und weltweit. Die deutsche Priorität etwa, Bildung blockieren, Bundesliga, Biergärten, Baumärkte öffnen und Corona-Ignoranz in der Arbeitswelt durchhalten (s. Schlachthöfe und Rüstungsindustrie), lässt sich – bei aller sonstiger notwendiger Kritik – mit der französischen Vorgehensweise kontrastieren. „<i>Frankreich stellt Schulen und Kitas über alles</i>“, meldete etwa die Tageszeitung DIE WELT am 26. April 2021. Wie die Süddeutsche Zeitung einen Monat vorher unter der Überschrift: „<i>Da kann man was lernen</i>“ berichtete, galt und gilt in Frankreich eine fast umgedrehte Priorisierung aller Maßnahmen gegen Corona. Während in Deutschland viele Schulkinder der Mittelstufe noch zu Pfingsten 2021 fast ein halbes Jahr nicht mehr in die Schule gehen durften (nicht einmal mit Wechselunterricht), blieben Kitas und Schulen in Frankreich im Winter/Frühjahr 2020/2021 weitgehend geöffnet. Lieber wurden Ausgangssperren (für Erwachsene) verschärft und Bars sowie Restaurants geschlossen. „<i>Schulen auf, Schulen zu – nicht in Frankreich und der Schweiz. Dort bleiben sie auch im Lockdown weitgehend geöffnet. Masseninfektionen bleiben trotzdem weitgehend aus.</i>“ (Süddeutsche.de v. 23.3.2021).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western">Deutsche Verh&auml;lt&shy;nisse und Folgen</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Es hat sich also inzwischen herumgesprochen, dass seit Beginn der Corona-Krise (auch) in Deutschland elementare Schutz-, Fürsorge- und Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen verletzt worden sind und verschiedene (unterlassene) Regierungs-Maßnahmen zur Verstärkung von Kinderarmut beigetragen haben. Das Kindeswohl wurde während der Pandemie durch Entscheidungen der politisch Verantwortlichen nicht vorrangig berücksichtigt, wie in der seit 1992 als Bundesgesetz gültigen UN-Kinderechtskonvention vorgeschrieben (Art. 3). Viele Studien und Stellungnahmen beweisen, dass eine (politisch mit zu verantwortende, strukturelle) Kindeswohlgefährdung im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention und des SGB VIII vorliegt. „<i>Ein aktueller Bericht des Robert-Koch-Instituts, der mehrere Studien des vergangenen Jahres zusammenfasst, zeigt: Die Häufigkeit von Angstsymptomen unter Kindern und Jugendlichen ist nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr von 15 auf 24 Prozent gestiegen. Den Eindruck einer verminderten Lebensqualität haben mehr als 40 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen. Psychische Auffälligkeiten bei 7- bis 17-Jährigen sind von 18 Prozent auf etwa 31 Prozent gestiegen.</i>“ (Vorgrimler 2021, S. 2)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Nach einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung habe sich hochgerechnet „<i>infolge der Pandemie und der damit verbundenen Schulschließungen bei 1,7 Mio. 11- bis 17-Jährigen die gesundheitsbezogene Lebensqualität erheblich verschlechtert</i>“ (Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung 2021, S. 72). Ferner ermittelte das Bundesinstitut „<i>477.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren mit Depressivitätssymptomatik</i>“ und erläuterte: „<i>Unsere Analysen des deutschen Familienpanels pairfam weisen darauf hin, dass etwa 25 % der Jugendlichen eine klinisch relevante Symptomatik von Depressivität im Mai/Juni 2020 nach dem ersten Lockdown aufweisen. (…) Im Jahr vor der Pandemie betraf das lediglich 10 % der Jugendlichen. Besonders gefährdet für psychische Probleme sind weibliche Jugendliche, hier hat sich die subjektive Depressivitätssymptomatik von 13 auf 35 % fast verdreifacht. Auch Jugendliche mit Migrationshintergrund sind besonders betroffen. Hochgerechnet würde der Anstieg der Depressivitätssymptomatik 477.000 Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren entsprechen.</i>“ (ebd.) Wie indes die Leiterin der Monitoring-Stelle zur UN-Kinderrechtskonvention beim Deutschen Institut für Menschenrechte, Claudia Kittel, hervorhebt, ist das Kinderrecht auf Gesundheit gemäß den Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention ein ganzheitliches Konzept. „<i>Es definiert Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit und schließt auch andere für Kinder relevante Aspekte mit ein. Dazu zählen unter anderem auch Spiel und Freizeit sowie Kontakte zu anderen Kindern. Dieser ganzheitliche Ansatz darf bei den aktuellen Diskussionen um den Schutz der Gesundheit von Kindern nicht übersehen werden</i>“ (Deutsches Institut für Menschenrechte 2020).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">So stellte die Kinderhilfsorganisation UNICEF in ihrem Report „<i>Eine verlorene Covid 19-Generation verhindern</i>“ am 19. November 2020 fest, dass seit Beginn der Covid-Krise vor allem die Unterbrechung lebensnotwendiger Gesundheitsversorgung und sozialer Dienste die schwerste Bedrohung für Kinder darstellen. „<i>UNICEF-Daten aus 140 Ländern zeigen: Rund ein Drittel der Länder verzeichneten einen Rückgang der Zahl der Kinder, die mit medizinischen Maßnahmen wie Routineimpfungen, ambulanter Behandlung von ansteckenden Infektionskrankheiten sowie durch Betreuungsangebote vor, während und nach der Geburt erreicht werden. (…) In 135 Ländern werden 40 Prozent weniger Kinder und Frauen durch Ernährungshilfen und entsprechende Beratung erreicht. Ende Oktober erhielten immer noch 265 Millionen Mädchen und Jungen keine Schulspeisungen. Über 250 Millionen Kleinkinder unter fünf Jahren bekommen keine lebenswichtigen Vitamin-A-Tabletten. 65 Länder berichten von einem Rückgang von Hausbesuchen durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Vergleich zum Vorjahr.</i>“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Weitere alarmierende Fakten werden vom UNICEF-Bericht hervorgehoben: „<i>Im November 2020 sind 572 Millionen Mädchen und Jungen von landesweiten Schulschließungen betroffen – das sind 33 Prozent aller Schülerinnen und Schüler weltweit. Durch die Unterbrechung lebenswichtiger Dienstleistungen und zunehmender Mangelernährung könnten in den kommenden zwölf Monaten zwei Millionen Kinder zusätzlich sterben und die Zahl der To</i><i>t</i><i>geburten um 200.000 zunehmen. In 2020 werden zusätzlich sechs bis sieben Millionen Kinder unter fünf Jahren an Auszehrung oder akuter Mangelernährung leiden, eine Zunahme um 14 Prozent. Vor allem in den Ländern Afrikas südlich der Sahara und in Südasien werden hierdurch jeden Monat 10.000 Kinder zusätzlich sterben. Weltweit sind bis Mitte des Jahres schätzungsweise 150 Millionen Kinder zusätzlich in mehrdimensionale Armut gerutscht – ohne Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Nahrung, sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen.</i>“ (UNICEF 2020) Das Kinderhilfswerk geht ferner davon aus, dass „<i>die weltweite Zahl der Kinder, die gar keine Schule besuchen, nochmals um 24 Millionen ansteigen wird</i>“ (UNICEF v. 12.1.2021), während zusätzlich 10 Millionen Mädchen von Kinderheirat bedroht seien (UNICEF.de v. 8.3.2021).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch in der reichen Bundesrepublik Deutschland wurde für Millionen Kinder und Jugendliche im Rechtskreis des sog. Bildungs- und Teilhabepakets ab Mitte März und ab Mitte Dezember 2020 von heute auf morgen das kostenlose Mittagessen in Kitas, Schulen und Jugendclubs eingestellt. Auch hier waren hunderttausende von Schüler/innen mangels digitaler Mittel (wie z.B. Zugang zu einem internetfähigen Computer in der Wohnung) vom sog. Homeschooling ausgeschlossen und einige Lehrer/innen klagten darüber, dass sie mit manchen Schulkindern keinerlei Kontakt herstellen konnten während des gesamten ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 (vgl. Klundt 2020, S. 9). Wie Anne Ratzki schreibt, waren besonders Kinder aus armen Familien und Migrant*innen benachteiligt, „<i>deren Eltern nicht helfen konnten, deren Wohnungen zu eng waren und denen Endgeräte fehlten. Bis zu 40% der Schüler*innen waren für Lehrkräfte über Wochen nicht erreichbar.</i>“ (Ratzki 2021, S. 16)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch die Monitoringstelle zur UN-Kinderrechtskonvention beim Deutschen Institut für Menschenrechte bemängelt anlässlich der Corona Pandemie „<i>Rückschritte bei der Verwirklichung der Kinderrechte in Deutschland</i>“ (Monitoringstelle 2020, S. 1): „<i>Die Rückschritte zeigten sich insbesondere in der anfänglichen Nichtbeachtung der Ansichten von Kindern und Jugendlichen durch Bund, Länder und Kommunen. Gleichzeitig wurden schon bestehende Defizite hinsichtlich des Gewaltschutzes von Kindern, der Bekämpfung von Kinderarmut sowie des Zugangs zu Bildung für alle Kinder verstärkt sichtbar</i>“ (ebd.). Nach Ansicht der Monitoringstelle sollten die während der Corona-Pandemie gemachten Erfahrungen baldmöglichst ausgewertet werden, um mit der Verwirklichung der Kinderrechte in Deutschland wieder voranzukommen. Dazu gehöre auch „<i>ein gezielter Aus- und Aufbau von Interessenvertretungen von Kindern auf Ebene des Bundes, der Länder und der Kommunen, damit ihre Meinungen nicht erneut ungehört bleiben</i>“ (ebd.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dafür, dass die Kinder und Jugendlichen offenbar eher nachrangig betrachtet wurden und werden, spricht jedoch die Aussage des Bayerischen Ministerpräsidenten Marcus Söder (CSU), welcher am 27. Oktober 2020 sagte: „<i>Schule und Kita hat ja den Sinn und Zweck, die Wirtschaft am Laufen zu lassen</i>“ (GEW Bayern 2020, S. 1). Der sichtbare instrumentelle Charakter, den die genannten Bildungseinrichtungen in den Augen des Landesregierungschefs scheinbar einnehmen, wird deutlich. Von Bildung oder Kinderrechten, geschweige denn Kindeswohl ist dabei leider keine Rede. Eine solche Herangehensweise erhöht die Gefahr, Kindeswohlgefährdung – wenn überhaupt – viel zu spät zur Kenntnis zu nehmen, ja womöglich sogar zu begünstigen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Sogar der 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung vom Herbst 2020 kommt zu dem Ergebnis, dass die „<i>Anti-Corona-Maßnahmen (…) neben der Verschärfung ungleicher Bildungschancen und einem Digitalisierungsschub mit ambivalenten Folgen, (…) zu der Frage nach Mitwirkungsmöglichkeiten für junge Menschen in Krisensituationen (führen)</i>“ (siehe BMFSFJ 2020, S. 522). Und der Report fragt weiter: „<i>Wer vertritt eigentlich die Rechte der Kinder und jungen Menschen, wenn die Politik solche weitreichenden Entscheidungen wie einen Lockdown trifft? Die angedeuteten Konsequenzen in den einzelnen Bildungsräumen verdeutlichen, dass die Bedarfe der Kinder und Jugendlichen in der Krise stark in den Hintergrund getreten sind. Für die jungen Menschen waren – mit Ausnahme einiger lokaler Beispiele – praktisch kaum Mitwirkungsmöglichkeiten an den sie betreffenden Entscheidungen möglich. Gerade in den jeweiligen Institutionen hätte man Kinder und Jugendliche stärker einbinden können und müssen, um Lösungen vor Ort gemeinsam zu erarbeiten. Das war vielleicht in der Akutsituation zu Beginn nicht immer und in vollem Umfang möglich, aber je mehr Informationen über das Infektionsgeschehen vorliegen, desto eher erscheint es sinnvoll, differenziert vorzugehen.</i>“ (ebd.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die offensichtlich prekäre Lage der Kinderrechte In Deutschland ergab sich für den Präsidenten des Deutschen Kinderschutzbundes Heinz Hilgers, da in der Coronakrise schon früh zu beobachten war, „<i>dass die ersten Fitness- und Nagelstudios aufmachten, ehe sich in den Schulen und Kitas etwas tat. Die Rechte von Kindern auf Bildung, auf Spielen, auf Freundschaft, auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit und auf Schutz – weil soziale Kontrolle ein wichtiger Schutz für Kinder ist – alle diese Rechte werden bis heute sehr viel mehr eingeschränkt als zum Beispiel das Recht auf Gewerbefreiheit. Oder sogar das Recht auf Feiern</i>“ (vgl. Hilgers 2020). Daraus schließt Hilgers: „<i>Unsere Gesellschaft hat die Kinderrechte nach wie vor nicht anerkannt, übrigens auch deren Beteiligungsrecht. Umfragen unter Kindern und Jugendlichen zeigen: Sie haben den Eindruck, dass sie überhaupt nicht gefragt werden. Ihre Rechte werden nicht ernst genommen. Und ich sage das deutlich: Das gilt leider auch für die Rechte vieler Mütter, die in der Krise benachteiligt wurden und ihren Beruf nur noch teilweise ausüben konnten. Da hat ein gesellschaftlicher Rückschritt stattgefunden, sowohl was die Rechte der Kinder als auch die Rechte der Frauen angeht</i>“ (ebd.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Entsprechend hatte auch das „Factsheet“ der Bertelsmann-Stiftung zu „<i>Kinderarmut in Deutschland</i>“ von 2020 ein weiteres Mal nachgewiesen, dass sich die Entwicklungen im Bereich Kinderarmut gerade mit der Corona-Krise noch einmal verschärft haben (vgl. Bertelsmann-Stiftung 2020, S. 1). So wachse mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut auf, was immerhin 2,8 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren betreffe. Die Kinder- und Jugendarmut verharre seit Jahren auf diesem hohen Niveau. Trotz langer guter wirtschaftlicher Entwicklung seien die Zahlen kaum zurückgegangen. Kinderarmut sei seit Jahren ein ungelöstes strukturelles Problem in Deutschland. „<i>Die Corona-Krise wird die Situation für arme Kinder und ihre Familien weiter verschärfen. Es ist mit einem deutlichen Anstieg der Armutszahlen zu rechnen. Aufwachsen in Armut begrenzt, beschämt und bestimmt das Leben von Kindern und Jugendlichen – heute und mit Blick auf ihre Zukunft. Das hat auch für die Gesellschaft erhebliche negative Folgen</i>“ (Bertelsmann-Stiftung 2020, S. 1). Die Vermeidung von Kinderarmut müsse gerade jetzt politisch Priorität haben. Sie erfordert, so die Autorinnen des Bertelsmann-Factsheet, neue sozial- und familienpolitische Konzepte, wozu Strukturen für eine konsequente Beteiligung von Kindern und Jugendlichen und eine Absicherung ihrer finanziellen Bedarfe gehören (vgl. ebd.).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western">Zusam&shy;men&shy;h&auml;nge und Ursachen</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die Ungleichheitsprozesse im Pandemieverlauf lassen sich dem Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge zufolge je nach Ebenen präzise analysieren. Er unterscheidet erstens einen gesundheitlich oder pandemiebedingten Polarisierungsprozess, zweitens einen ökonomisch oder rezessionsbedingten Polarisierungsprozess und zum Dritten einen verteilungspolitisch oder subventionsbedingten Polarisierungsprozess. So differieren im ersten Bereich „<i>Infektions-, Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken der einzelnen Bevölkerungsschichten (…) zum Teil ganz erheblich, sind mit Abstand am höchsten bei armen und am niedrigsten bei reichen Personen</i>“. Zweitens verteilen sich die wirtschaftlichen Kollateralschäden der Pandemie und der Infektionsschutzmaßnahmen des Staates (zweimaliger bundesweiter Lockdown) „<i>nicht gleichmäßig über alle Bewohner:innen der Bundesrepublik. Vielmehr gibt es Gewinner:innen und Verlierer: innen, sowohl in der Wirtschaft (Differenzierung zwischen einzelnen Branchen) als auch in der Gesamtgesellschaft (Polarisierung zwischen verschiedenen Klassen und Schichten).</i>“ Schließlich weisen laut Butterwegge im dritten Untersuchungsfeld „<i>die bisherigen Hilfsmaßnahmen, Finanzspritzen und Rettungsschirme des Staates eine verteilungspolitische Schieflage auf, wodurch die sozioökonomische Ungleichheit wächst, statt abgemildert zu werden.</i>“ (Butterwegge 2021, S. 13)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch im Kindes- und Jugendalter vorfinden. Zweifellos haben auch Corona und die Maßnahmen dagegen unterschiedliche Auswirkungen auf unterschiedliche Gruppen von Kindern und Jugendlichen und werden von diesen auch unterschiedlich wahrgenommen. Weiterhin gilt, dass jene, die zuhause verschiedenste Möglichkeiten der Förderung haben – ein großes Haus, einen großen Garten, Pool, Akademikereltern, die wegen Homeoffice zuhause helfen oder Nachhilfe finanzieren können, oder sonstige Möglichkeiten der Bildung und Betätigung – ganz anders von Kontaktbeschränkungen, Homeschooling und sonstigen Maßnahmen betroffen sind als sozial benachteiligte Kinder – in einer kleinen Großstadtwohnung, ohne Garten, mit wenig Möglichkeiten sich sonst zu beschäftigen und ohne passende digitale Ausstattung sowie Förderung. Für letztere bedeutet ein Lockdown oft nochmal eine verstärkte Exklusion und für sie sind auch jetzt noch verschiedenste Maßnahmen wesentlich gravierender als für die Kinder, die sich entsprechend nicht in Armutsnähe befinden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Derweil werden in vielen Äußerungen von Politik, Wissenschaft und Medien immer noch überwiegend Ursachen und Anlässe von (Kinder-)Armut und von Corona(Maßnahme)-Folgen durcheinandergebracht bzw. auch während der Pandemie miteinander verwechselt. So erscheinen oft Armutsanlässe (wie Scheidung, Alleinerziehenden-Status, Migrationshintergrund oder sogar Arbeitslosigkeit) in verschiedensten Darstellungen aus Politik, Medien und Wissenschaft als Problemursachen. Dadurch werden die wirklich zugrundeliegenden Wurzeln im vorhandenen Wirtschafts- und Sozialsystem ausgeblendet und mit diesen vertauscht. Dabei kann eine sozial gerechte Familien- und Sozialpolitik und eine gute Bildungs-, Betreuungs- und Arbeitsmarktpolitik auch für Kinder von arbeitslosen, alleinerziehenden oder migrantischen Eltern ein armutsfreies Leben ermöglichen. Mit Abstrichen könnte dies selbst für die Corona-Pandemie gelten, welche weniger zur Ursache, denn zum Anlass von verschärften Verarmungsprozessen landes- und weltweit gerät. Auch hier sollte die Pandemie nicht zu vorschnell allein verantwortlich gemacht werden, sondern die darunter liegenden sozio-ökonomischen sowie bildungs- und gesundheits-systemischen Ursachen sind zu beachten, auch wenn sie allzu oft in Medien, Politik und Wissenschaft von der Epidemie drohen überstrahlt zu werden. Genauso problematisch wie die einseitige Kennzeichnung von Kindern als „Armutsrisiko“ oder gar „Armutsursache“, hat sich in der Corona-Krise die weitgehend wissenschaftlich unbewiesene Beschreibung und Behandlung von Kindern als reine „Viren-Schleudern“ erwiesen (vgl. Dörhöfer 2020).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch die gegenwärtigen Regierungsmaßnahmen verbleiben trotz aller Investitionspakete weiterhin im Rahmen einer neoliberalen Organisation sozialer Ungleichheit zugunsten weniger und zu Ungunsten sehr vieler Menschen. Wenn z.B. Millionen von Menschen bis zum Anfang des Jahres 2021 immer noch keine von der Bundesregierung versprochenen Fördermittel und Hilfspakete erhalten haben, aber unterdessen große Konzerne bereits mit Milliarden von Euros unterstützt wurden, so drückt dies eine ebensolche Schieflage aus. Wenn zudem staatlich geförderte Großunternehmen zehntausende von Beschäftigten in von der Solidargemeinschaft mitfinanzierte Kurzarbeit schicken, aber zugleich Milliarden an Dividenden an ihre Großaktionäre <i>de facto</i> von den Steuer- bzw. Beitragszahler(inne)n finanzieren lassen, deutet sich das gleiche neoliberale Muster der Privatisierung von Gewinnen und Sozialisierung von Verlusten an. Wenn zudem die Bundesregierung zum Beispiel die Bedingungen in Kitas und Schulen (Belüftungsmängel und täglich volle Schulbusse, während Reisebusse ungenutzt herumstehen) sowie außerschulischen Bildungseinrichtungen (z.B. der offenen Jugendarbeit) nicht deutlich verbessert, wenn sie in Krankenhäusern und Pflegeheimen, im öffentlichen Personenverkehr und in der Fleischindustrie keine deutliche Korrektur erwirkt, aber zugleich tagtäglich alleine an die private Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger appelliert, um die Corona-Krise zu bewältigen, so wird fortlaufend nach dem neoliberalen Prinzip der Privatisierung aller sozialer und gesundheitlicher Risiken geredet, gehandelt und verordnet. Dass sich ausgerechnet der Bundesgesundheitsminister an seine eigenen Appelle an „Charakter“ und „Verantwortung“ für Infektionsschutz am wenigsten hielt (z.B. beim Treffen mit anonymen Parteispendern), passt dazu. Dem gelernten Bankkaufmann und Pharmalobbyisten Jens Spahn war noch vor kurzem Aufrüstung wichtiger als Soziales: „<i>Etwas weniger die Sozialleistungen erhöhen in dem einen oder anderen Jahr – und mal etwas mehr auf Verteidigungsausgaben schauen</i>“ (BILD v. 21.2.2017); Tafeln und Hartz IV seien keine Hinweise auf Armut, denn damit habe „<i>jeder das, was er zum Leben braucht</i>“ (Focus.de v. 12.3.2018). 2019 wurde die Schließung der Hälfte aller Krankenhäuser von einer Bertelsmann-Studie gefordert. Der für die SPD als Gesundheitsexperte fungierende Karl Lauterbach sagte dazu: „<i>Wir haben schlicht zu viele Krankenhäuser</i>“ (Main Post v. 16.6.2019). „<i>Ende Februar (2020) noch hatte Gesundheitsminister Jens Spahn mehr Mut bei Krankenhausschließungen empfohlen.</i>“ (ZEIT v. 7.4.2020) Die auch von Spahn unterstützten Fallpauschalen und der Marktwettbewerb im Gesundheitssystem führten derweil dazu, dass seit 1991 in der BRD über 500 Krankenhäuser geschlossen wurden. Während der Pandemie 2020 machten über 20 Krankenhäuser dicht. Weitere 600 Krankenhäuser sind insolvenzgefährdet. Über 50.000 Beschäftigte fehlen in der Pflege (vgl. Rast 2021, S. 1). „<i>Seit vor mehr als 25 Jahren die Fallvergütung eingeführt worden ist, mussten bundesweit rund ein Viertel aller Kinderkliniken und Kinderabteilungen aufgegeben werden, 40 Prozent der kinderklinischen Betten wurden abgebaut. Zeitaufwand und Zuwendung, eine Selbstverständlichkeit besonders in der Kindermedizin, kennt das Fallpauschalensystem nicht. Es kennt, wie der Name schon sagt, nur den Fall</i>“, schreibt der ehemalige Chirurg der Klinik in Frankfurt-Höchst, Bernd Hontschik (Hontschik 2021, S. 47). Von diesen gesundheitspolitischen Grundlagen las, hörte und sah man in den letzten anderthalb Jahren leider so gut wie nichts in den großen meinungsbildenden Medien.</p>
<p class="v-zwischenüberschrift-2-western">Gegenmaßnahmen</p>
<p class="v-absatz-ohne-western">Sinnvolle Maßnahmen bestünden zunächst einmal darin, eine ehrliche Bestandsaufnahme dessen vorzunehmen, wie sich Deutschland in der Corona-Krise entwickelt hat. Viele Millionen Menschen wurden in Kurzarbeit geschickt. Durch das wegfallende Einkommen entstehen tendenziell Armutslagen und soziale Polarisierung. Durch Corona-Maßnahmen werden die Bildungsungleichheiten noch zunehmen. Hinzu kommt, dass die in der Regel etwa 20 Prozent höheren Einkommen der Männer wieder deutlicher an Bedeutung gewinnen und die Re-Traditionalisierung geschlechtlicher Arbeitsteilung begünstigen; gerade wenn die Kinder nun wieder zuhause bleiben müssen. Eine Re-Privatisierung sozialer Risiken wird befördert, wonach jeder seines eigenen gesundheitlichen, familiären und gesellschaftlichen Glückes Schmied sei. Dies sind eindeutige Hinweise auf einen gesellschaftlichen Rückschritt im neoliberalen Zeitalter.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Neben einer gründlichen und kritischen Analyse des hegemonialen Diskurses in Medien, Politik und Wissenschaft, sollten an Kinderperspektiven anknüpfende Alternativen und Gegenstrategien Konzepte der Armutsbekämpfung, der Partizipation junger Menschen und der Förderung sozialer Infrastruktur vereinen, die den gesellschaftspolitischen Kontext einer sehr reichen Gesellschaft nicht aus den Augen verlieren (vgl. Klundt 2020, S. 15f.). Bei der Beratung zu sinnvollen und solidarischen Maßnahmen müssen die Perspektiven und die Partizipation der Kinder in den Vordergrund rücken. Daran anknüpfend gilt es, Konzepte zur Armutsbekämpfung zu entwickeln. Wichtig ist die Förderung sozialer Infrastruktur, das heißt zum Beispiel von Vereinen und Jugendclubs, mit denen Kinder und Jugendliche sich besser einbringen können. Konkret heißt das erstens, dringend Maßnahmen gegen Armut und zur sozialen Absicherung der Kinder und Familien zu ergreifen. Zweitens müssen die kinderrechtlichen Prinzipien des Kindeswohlvorrangs, des Schutzes, der Förderung und vor allem der Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Jugendverbänden (wieder) aufgebaut beziehungsweise umgesetzt werden. Damit verbunden sind, drittens, Maßnahmen für einen pandemiegerechten Ausbau der sozialen Infrastruktur im Wohnumfeld – vor allem mittels Jugendhilfe und offener Arbeit.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dass zudem nach den katastrophalen Folgen der Lockdowns im globalen Süden mit furchtbaren Anstiegen von Hunger und absoluter Armut, von Mütter- und Kindersterblichkeit in vielfacher Millionenhöhe dringend über Schuldenerlässe für die ärmsten Länder der Welt nachgedacht werden muss, damit das Krankheits-Virus nicht immer stärker zum weltweiten Hunger-Virus für Milliarden Menschen mutiert, steht für die politisch Verantwortlichen, einen Großteil der Publizistik sowie der etablierten Wissenschaftler/innen offensichtlich nicht auf der Prioritätenliste. Indessen führt der sog. Schuldenreport 2021 von 148 Staaten 132 als kritisch verschuldet auf (vgl. Rehbein/Schilder 2021, S. 10).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western">Krisen&shy;ge&shy;winne erm&ouml;glichen Krisen&shy;be&shy;w&auml;l&shy;ti&shy;gung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die Lösung dieser Probleme wird jedoch nicht an fehlendem Geld scheitern: Die Entwicklungs-NGO „Oxfam“ erläutert in ihrem Bericht zum „Ungleichheits-Virus“ vom 25.1.2021, wie stark die soziale Spaltung weltweit von der Corona-Krise vorangetrieben wurde: „<i>Das Vermögen der (im Dezember 2020) zehn reichsten Männer der Welt ist seit Februar 2019 – trotz der Pandemie – um fast eine halbe Billion US-Dollar auf 1,12 Billionen US-Dollar gestiegen. Dieser Gewinn wäre mehr als ausreichend, um die ganze Weltbevölkerung gegen Covid-19 zu impfen und sicherzustellen, dass niemand durch die Pandemie in die Armut gestürzt wird.</i>“ (Oxfam 2021, S. 4) Zugleich weist Oxfam darauf hin, dass auch in Deutschland veritable Krisen-Gewinnler zu verzeichnen sind. „<i>Einige der größten Konzerne der Welt schütteten auch in Zeiten der Krise Milliardengewinne an die Aktionär*innen aus. Dazu gehören auch deutsche Konzerne. So wurden 2020 an Aktionär*innen von BMW, darunter einige der reichsten Menschen Deutschlands, über 1,6 Milliarden Euro an Dividenden ausgezahlt. Davon kam rund die Hälfte den Hauptaktionär*innen Susanne Klatten und Stefan Quandt zugute, während im Frühjahr 2020 20.000 Mitarbeiter*innen Kurzarbeitergeld bezogen. Die Hauptlast der Krise tragen vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Arbeiter*innen – und hierbei überproportional Frauen mit niedrigen Löhnen.</i>“ (Oxfam 2021, S. 4f.) Dass indes viele Multimilliardäre lieber für viele hundert Millionen Dollar und gravierende Umweltverschmutzung Kurztrips in den Weltraum veranstalten, als ihrem eigenen Personal den Toilettengang oder gar Betriebsräte und Gewerkschaften zu erlauben, zeigt nur wie Recht Albert Einstein schon 1949 hatte, als er die Notwendigkeit eines Post-Kapitalismus begründete.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zum weiteren Nachweis der Tatsache, dass Geld genug vorhanden ist, kann man sich auch anschauen, was das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zur sozialen (Vermögens-) Ungleichheit in seinem Wochenbericht vom 3. Februar 2021 anhand der Erbschaften in Deutschland verdeutlicht hat. Demnach hat sich in den vergangenen 20 Jahren „<i>das Nettovermögen der privaten Haushalte in Deutschland auf 13,8 Billionen Euro mehr als verdoppelt. Davon könnten nach Schätzungen des DIW Berlin jedes Jahr bis zu 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt werden</i>“ (Grabka u.a./DIW 2021, S. 64). Diese intergenerationale Vermögensweitergabe ohne marktwirtschaftlichen Leistungsanspruch verteilt sich nur sehr schicht- bzw. klassenspezifisch auf die Erb(inn)engeneration. „<i>Gegenüber dem Jahr 2001 haben sich die Erbschaften und Schenkungen im Durchschnitt real um etwa 20 Prozent erhöht. Intergenerationale Transfers sind ungleich verteilt: So fließt die Hälfte aller Erbschafts- und Schenkungssummen an die reichsten zehn Prozent der Begünstigten. Erbschaften und Schenkungen erhöhen damit die absolute Ungleichheit.</i>“ (ebd.)</p>
<p class="v-autoreninfo-western" align="justify"><strong class="western">Michael Klundt</strong> Jahrgang 1973, seit 2010 Professor für Kinderpolitik im Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal und dort seit 2016 Leitung des Master-Studiengangs „Kindheitswissenschaften und Kinderrechte“; Mitglied im Beirat der Zeitschrift für Soziale Arbeit „Sozial Extra“ und im Beirat des „Bundes demokratischer Wissenschaftler/innen“ (BdWi). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Kinderrechte, (Kinder-)Armut und Reichtum, Kinder-, Jugend-, Familien- und Sozialpolitik sowie Geschichtspolitik. Letzte Veröffentlichungen: Gestohlenes Leben. Kinderarmut in Deutschland. Köln: PapyRossa (2019); Krisengerechte Kinder statt kindergerechtem Krisenmanagement? Eine Studie zu Auswirkungen der Corona-Krise auf die Lebensbedingungen junger Menschen. Berlin 2020; Studien vergleichender Kinderpolitik-Wissenschaft. Kinderrechte und Kinderarmut in Corona-Zeiten. Beltz Juventa Basel/Weinheim (2022).</p>
<p>Kontakt: michael.klundt@h2.de.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western">Literatur</h3>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Bertelsmann Stiftung (Hg.) (2020): Factsheet Kinderarmut in Deutschland. (Antje Funcke/Sarah Menne). Gütersloh.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2021): Belastungen von Kindern, Jugendlichen und Eltern in der Corona-Pandemie. Wiesbaden.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht – Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter und Stellungnahme der Bundesregierung, Berlin.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Butterwegge, Christoph (2021): Das neuartige Virus trifft auf die alten Verteilungsmechanismen: Warum die COVID-19-Pandemie zu mehr sozialer Ungleichheit führt, in: ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Wirtschaftsdienst Nr. 101 (2021), S. 11-14.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Deutsches Institut für Menschenrechte (2020): Corona-Pandemie/Kinder müssen bei der Entwicklung staatlicher Maßnahmen gehört werden/Internationaler Kindertag am 1. Juni 2020. Pressemitteilung v. 29.05.2020, Berlin.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Dörhöfer, Pamela (2020): Wie infektiös Kinder sind, in: <i>Frankfurter Rundschau</i> v. 7.5.2020.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Frankfurter Rundschau (2020b): Psychische Folgen für Kinder, in: <i>Frankfurter Rundschau</i> v. 11./12.7.2020, S. 3.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">GEW Bayern (2020): Staatsregierung proklamiert: Bildung wird zur Nebensache – es geht nur noch um Betreuung! GEW übt scharfe Kritik. Pressemitteilung Nr. 55/2020 v. 28.10.2020.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Hilgers, Heinz (2020): „Für die Kinder in unserem Land wird gute Bildung zum Lotteriespiel“. Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, im Interview von Silke Fokken, in: <i>SPIEGEL.de</i> v. 24.08.2020.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Holz, Gerda/Richter-Kornweitz, Antje (2020): Corona-Chronik. Gruppenbild ohne (arme) Kinder. Eine Streitschrift. Frankfurt a.M./Hannover.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Hontschik, Bernd (2021): Ware Fürsorge. Kein Herz für Kinder, in: <i>Frankfurter Rundschau</i> v. 27./28.2.2021, S. 47.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Kinderkommission des Deutschen Bundestages (2020): Bedürfnisse und Rechte von Kindern in der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick verlieren. Pressemitteilung v. 7.5.2020 (Berlin).</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Klundt, Michael (2020): Krisengerechte Kinder statt kindergerechtem Krisenmanagement? Eine Studie zu Auswirkungen der Corona-Krise auf die Lebensbedingungen junger Menschen. Berlin. Verfügbar unter: <span style="color: #000080;"><span lang="zxx"><span style="color: #000000;"><a href="https://www.linksfraktion.de/fileadmin/" rel="nofollow noopener">https://www.linksfraktion.de/fileadmin/</a> user_upload/200608_Studie_Corona_Kinderland.pdf</span></span></span><span style="color: #000080;"><span lang="zxx">.</span></span></p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Oxfam (2021): Das Ungleichheits-Virus. London. Verfügbar unter: <a href="https://www.oxfam." rel="nofollow noopener">https://www.oxfam.</a> de/system/files/documents/oxfam_factsheet_ungleichheitsvirus_deutsch.pdf</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Rast, Oliver (2021): Globale Gesundheitspolitik. Rette sich, wer kann, in: <i>junge Welt</i> v. 08.04.2021.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Ratzki, Anne (2021): Schule nach Corona, in: <i>forum der GEW Köln/Rhein-Berg-Kreis</i> 1/2021, S. 16-17.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Rehbein, Kristina/Schilder, Klaus (2021): Finanzminister unter Zugzwang. Die G20 müssen armen Staaten die Schulden erlassen. Sonst werden viele zahlungsunfähig, in: <i>F</i><i>rankfurter Rundschau</i> v. 25.2.2021, S. 10.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Spieß, C. Katharina (2020): Zum Schaden einer ganzen Generation. Es gibt auch Geld für die Kinder im Konjunkturpaket der Regierung. Aber Kita und Schule kommen zu kurz, in: <i>Frankfurter Rundschau</i> v. 6./7.6.2020.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">UNICEF/Save the Children (2020): COVID-19: Bis zu 86 Millionen Kinder zusätzlich könnten in Folge der Pandemie bis Jahresende in Armut abrutschen. Pressemitteilung v. 28.5.2020 (Köln/Berlin).</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">UNICEF (2020): Eine verlorene Covid-19 Generation verhindern. New York/Köln v. 19.11.2020.</p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">UNICEF/WHO (2021): Schulen offen halten und sicherer machen. Kopenhagen/Genf/Köln v. 30.8.2021; verfügbar unter: <span style="color: #000080;"><span lang="zxx"><span style="color: #000000;"><a href="https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/" rel="nofollow noopener">https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/</a></span></span></span><u> </u><span style="color: #000080;"><span lang="zxx"><span style="color: #000000;">presse/2021/schulen-offen-halten/247356.</span></span></span></p>
<p class="v-literaturverzeichnis-western">Vorgrimler, Sophie (2021): Endlosschleife aus Langeweile und Einsamkeit. Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, sieht klare Zeichen für eine gestiegene psychische Belastung der jungen Menschen, in: <i>Frankfurter Rundschau</i> v. 13./14.2.2021, S. 2.</p>
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		<title>Kinderöffentlichkeit</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 16:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Erscheinungsformen und Rahmenbedingungen aus: Vorg&#228;nge 192 ( Heft 4/2010), S.94-102 Mit Oskar Negt und Alexander Kluge l&#228;sst sich Kinder&#246;ffentlichkeit begreifen als eine verst&#228;rkte Beteiligung von Kindern am politischen und &#246;ffentlichen Leben (Negt/Kluge 1972: 464ff.). Darunter verstehen sie freie Zusammenschl&#252;sse von Kindern, Kinderbewegungen und Kinderrepubliken, in denen Selbstregulierung und Selbstorganisation der Kinder versucht werden. Kinder&#246;ffentlichkeiten sind [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/kinderoeffentlichkeit/">Kinderöffentlichkeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Erscheinungsformen und Rahmenbedingungen</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge 192 ( Heft 4/2010), S.94-102</p>
<p>Mit Oskar Negt und Alexander Kluge l&auml;sst sich Kinder&ouml;ffentlichkeit begreifen als eine verst&auml;rkte Beteiligung von Kindern am politischen und &ouml;ffentlichen Leben (Negt/Kluge 1972: 464ff.). Darunter verstehen sie freie Zusammenschl&uuml;sse von Kindern, Kinderbewegungen und Kinderrepubliken, in denen Selbstregulierung und Selbstorganisation der Kinder versucht werden. Kinder&ouml;ffentlichkeiten sind f&uuml;r sie aber keine &#8222;Kinderghettos&#8221; von liberalisierten Mittelschichtkindern, in denen wichtige Lebensbereiche ausgegrenzt sind. &#8222;Kinder&ouml;ffentlichkeit (ist) nicht herzustellen, ohne eine materielle &Ouml;ffentlichkeit, die die Eltern verbindet, und ohne Kinder&ouml;ffentlichkeit in allen Schichten und Klassen der Gesellschaft, die miteinander Verbindung aufnehmen k&ouml;nnen&#8221; (Negt/Kluge 1972: 466f.). An diesem Ma&szlig;stab orientiert sollen im Folgenden verschiedene Facetten von Kinder&ouml;ffentlichkeit, ihre Erscheinungsformen und realen Rahmenbedingungen unter-sucht werden.</p>
<p>Zun&auml;chst sei jedoch erw&auml;hnt, dass Partizipation, Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit und freie Meinungs&auml;u&szlig;erung keine Geschenke (mehr) sind, sondern in der UNKinderrechtskonvention festgehaltene Rechte der Kinder (Art. 12-17 UN-KRK). Zu ihnen haben sich die 193 Unterzeichnerstaaten seit 1989 verpflichtet (Deutschland durch vorbehaltliche Ratifizierung seit 1992 und vorbehaltlos seit 2010). Das Gleiche gilt f&uuml;r das &#8222;Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit (,..), auf Spiel und altersgem&auml;&szlig;e aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und k&uuml;nstlerischen Leben&#8221; (Art. 31, Absatz 1 UN-KRK). Interessanterweise erkennen die Vertragsstaaten diese Rechte nicht nur an, sondern verpflichten sich im folgenden Absatz explizit dazu, das Recht des Kin-des auf volle Beteiligung am kulturellen und k&uuml;nstlerischen Leben zu achten und zu f&ouml;rdern sowie &#8222;die Bereitstellung geeigneter und gleicher M&ouml;glichkeiten f&uuml;r die kulturelle und k&uuml;nstlerische Bet&auml;tigung sowie f&uuml;r die aktive Erholung und Freizeitbesch&auml;ftigung&#8221; zu f&ouml;rdern (Art. 31, Absatz 2 UN-ICRK).</p>
<p>Durch die &#8222;freie Teilnahme am kulturellen und k&uuml;nstlerischen Leben&#8221; (Artikel 31, UN-KRK) in Theater, Malerei und Musik mit Kindern k&ouml;nnen kreative F&auml;higkeiten von Kindern gef&ouml;rdert werden, statt sie verk&uuml;mmern zu lassen. Doch die R&auml;ume zum Spie-len und Toben f&uuml;r Kinder werden immer mehr eingeengt (&#8222;Bacicseat-Generation&#8220; &#8212; R&uuml;cksitz-Generation). Oskar Negt schrieb 1997, dass es &#8222;nie in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts (&#8230;) in den fortgeschrittenen Industriel&auml;ndern derart geringe Bet&auml;tigungsr&auml;ume f&uuml;r Kinder und Jugendliche gegeben&#8221; habe (Negt 1997: 111). Dabei brauchen Kinder heute mehr denn je Freir&auml;ume, die sie zur autonomen Selbstbildung nutzen k&ouml;nnen, da die Chancen zum informellen Lernen immer geringer werden. Denn Kinder ben&ouml;tigen einen eigenen Durchblick durch erlebte praktische Erfahrungen, auch um sich die F&auml;higkeit zu erwerben, sich Kenntnisse selbstst&auml;ndig anzueignen (Lernen lernen).</p>
<p>Des Weiteren braucht Kinder&ouml;ffentlichkeit andere R&auml;ume: mehr Bewegungsspielraum, andere Zeitr&auml;ume als jene der Erwachsenen. Kinder werden in der Regel aus der &Ouml;ffentlichkeit der &#8222;b&uuml;rgerlichen Gesellschaft&#8221; ferngehalten oder angewiesen, dort nicht aufzufallen. Die zum Teil erfolgreichen Versuche zur Schlie&szlig;ung von Kindertagesst&auml;tten und Kinderheimen aufgrund von &#8222;Kinderl&auml;rm&#8220;-Verordnungen bzw. Gerichtsprozesse in Hamburg, Frankfurt am Main und Bonn k&ouml;nnen dies ganz gut illustrieren. In einem Stadtteil von Bonn versuchen z.B. 27 Haushalte durch eine B&uuml;rgerinitiative das Kinderwohnheim eines freien Tr&auml;gers zu verhindern (Wallow 2010).</p>
<p>Derweil schreitet die mediale Kommerzialisierung weiter voran, sodass nicht nur der Alltag vieler Familien nur noch vom Fernsehprogramm strukturiert wird. Dabei l&auml;sst sich auch leicht der Eindruck gewinnen, dass medien&ouml;ffentliche Darstellungen eigentlich nur zwischen bedrohten und bedrohlichen Kindern und Kindheiten hin- und her-wechseln k&ouml;nnen. Vergleicht man das Ausma&szlig; und die Qualit&auml;t von &ouml;ffentlichen Bildern krimineller Kinder und Jugendlicher im Vergleich zu &ouml;ffentlichen Bildern von helfenden und solidarischen Kindern und Jugendlichen, so wird schnell sichtbar, dass erstere deutlich &uuml;berwiegen. Oskar Negt schreibt, dass das Interesse an Jugendlichen wesentlich nur auf ihren Konsumentenstatus oder ihre Gewaltbereitschaft als St&ouml;rer gerichtet ist (ebd.: 103). Auch dadurch wird nat&uuml;rlich &#8222;Kinder&ouml;ffentlichkeit&#8221; gepr&auml;gt.</p>
<h5>Umsetzung der UN-Kin&shy;der&shy;rechts&shy;kon&shy;ven&shy;tion ins Grundgesetz</h5>
<p>Auch der politische und zivilgesellschaftliche Kampf um die Einf&uuml;hrung von Kinder-rechten in die Verfassung kann als ein Kampf um Kinder&ouml;ffentlichkeit verstanden wer-den. Dabei geht es u. a. um ein Signal f&uuml;r die Umsetzung von Kinderrechten auf Schutz; F&ouml;rderung und Beteiligung in die politische, rechtliche und gesellschaftliche &Ouml;ffentlichkeit. Im Zusammenhang mit einem Urteil zu Adoptionen erkl&auml;rte das Bundesverfassungsgericht 1968 erstmals, dass dem Kind &#8222;als Grundrechtstr&auml;ger eigene Menschen-w&uuml;rde und ein eigenes Recht auf Entfaltung seiner Pers&ouml;nlichkeit im Sinne des Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG&#8221; zukommen (siehe BverfG 1968, S. 119). Ein halbes Jahrzehnt sp&auml;ter, 1973, wurde sogar die Pr&uuml;gelstrafe in den Schulen der Bundesrepublik Deutschland offiziell abgeschafft. Die bayerischen Schulkinder mussten sich allerdings gesetzestechnisch weitere sieben Jahre gedulden. Dort erkl&auml;rte noch 1979 das Bayerische Oberste Landesgericht, im Gebiet des Freistaates Bayern bestehe ein &#8222;gewohnheitsrechtliches Z&uuml;chtigungsrecht&#8221; (siehe Matschke 2007). 1980 wurde dann aber die Pr&uuml;gelstrafe auch an Schulen in Bayern offiziell aufgehoben. Seit dem 3. November 2000 &#8211; nach &uuml;ber drei&szlig;igj&auml;hriger Diskussion &#8211; gibt es das verbriefte Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung in &sect; 1631 Abs. 2 des B&uuml;rgerlichen Gesetzbuches (BGB). Jedoch fehlen immer noch Kinderrechte im Grundgesetz, die dem Kind ein Verfassungsrecht auf Wahrung und Entfaltung seiner Grundrechte auf Schutz, F&ouml;rderung und Beteiligung sowie auf Entwicklung zu einer selbstbestimmungs- und verantwortungsf&auml;higen Pers&ouml;nlichkeit in Artikel 6 Grundgesetz zubilligen (vgl. Hildebrandt 2008, S. 1032).</p>
<p>Bei der Menschenrechtsbildung anhand von Kinderrechten wird deutlich: Wer seine Rechte kennenlernt, lernt, dass andere die gleichen Rechte haben (Gleichheit in Vielfalt) und schlie&szlig;lich, dass man sich auch praktisch f&uuml;r die eigenen und die gemeinsamen (Kinder-)Rechte einsetzen muss, damit sie Wirklichkeit werden (Solidarit&auml;t). &#8222;Im Begriff der Gleichberechtigung kommt zum Ausdruck, dass Egalit&auml;t und Diversit&auml;t in ihrer wechselseitigen Bezogenheit zu verstehen sind. Denn Gleichheit ohne Offenheit f&uuml;r Vielfalt w&uuml;rde Ausgrenzung und Angleichung mit sich bringen, und Vielfalt ohne Gleichheit w&uuml;rde &Uuml;berordnung und Unterordnung bedeuten&#8221; (Prengel 2007: 303). Da-mit l&auml;sst sich das Ziel einer erweiterten individuellen und kollektiven Erfahrungs- und Handlungsf&auml;higkeit im Sinne von Mit- und Selbstbestimmung skizzieren.</p>
<h5>Rahmenbedingungen</h5>
<p>Idealerweise k&ouml;nnen Kinder durch so etwas wie Kinder&ouml;ffentlichkeit ihre Bed&uuml;rfnisse &ouml;ffentlich &auml;u&szlig;ern und finden dabei auch Ber&uuml;cksichtigung. Kinder&ouml;ffentlichkeit kann durch Erwachsene unterst&uuml;tzt werden, muss aber von Kindern selbst inhaltlich gef&uuml;llt werden. Sie darf nicht auf bestimmte Orte und Zeiten beschr&auml;nkt sein und muss alle gesellschaftlichen Schichten umfassen. Deshalb geht es darum, insbesondere die Partizipation und Kinder&ouml;ffentlichkeit von sozial benachteiligten und armen Kindern im Sinne von Menschenrechtsbildung, Vielfalt und Inklusion zu st&auml;rken.</p>
<p>Laut Bildungsbericht 2010 des Bundes und der L&auml;nder befanden sich im Jahr 2008 zirka 3,9 Millionen der insgesamt 13,6 Millionen Minderj&auml;hrigen in Deutschland in mindestens einer der drei Risikolagen einkommensarmer, bildungsferner oder erwerbsloser Familien. Das entspricht einem Anteil von fast 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren. Mit 1,7 Millionen Betroffenen ist die Gruppe der jungen Menschen mit Migrationshintergrund unter ihnen besonders stark vertreten. Etwa 42 Prozent der Heranwachsenden mit ausl&auml;ndischen Wurzeln leben in mindestens einer der Risikolagen, w&auml;hrend es unter den Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund &#8222;nur&#8221; etwa 23 Prozent sind. Au&szlig;erdem wachsen 1,1 Millionen Minderj&auml;hrige aus dieser Risikogruppe bei alleinerziehenden Elternteilen auf. Damit wird in Ein-Eltern-Familien fast jedes zweite Kind mit Geldsorgen, Bildungsarmut oder Arbeitslosigkeit konfrontiert. Bei Alleinerziehenden lag der Anteil der Transferleistungsbezieher 2008 viermal so hoch wie bei Paaren mit Kindern (Leu/Prein 2010: 18f.).</p>
<p>Was bedeutet es aber f&uuml;r &#8222;Kinder&ouml;ffentlichkeit&#8221;, wenn &uuml;ber 3 Millionen Kinder und Jugendliche auf oder unter Sozialhilfeniveau leben m&uuml;ssen, mit ungen&uuml;genden Regelsatzleistungen f&uuml;r Gesundheit, Schulsachen und Bildung &#8211; von Spielzeug, Sport- und Freizeitkosten nicht zu reden? Die Einkommensarmut von Kindern hat mit Hartz IV und der Agenda 2010 einen historischen H&ouml;chststand und eine neue Qualit&auml;t erreicht (Butterwegge/Klundt/Zeng 2008). Die elementaren Grundlagen f&uuml;r Kinder&ouml;ffentlichkeit sind zutiefst beeintr&auml;chtigt, wenn Familien f&uuml;r Ern&auml;hrung, Bekleidung und die Teilnahme am sozialen Leben ihrer Kinder nicht mehr aufkommen k&ouml;nnen, wenn die Anschaffung von B&uuml;chern und Schulmaterialien oder Klassenfahrten und Kindergeburtstage praktisch nicht zu finanzieren sind. Bildungschancen sind damit von Anfang an behindert, w&auml;hrend chronische Armut auch eine deutlich niedrigere Lebenserwartung bedeutet. Wer von Kinder&ouml;ffentlichkeit spricht, darf von Kinderarmut somit nicht schweigen.</p>
<p>Die sozio-&ouml;konomischen Rahmenbedingungen von Kinder&ouml;ffentlichkeit(en) sind gepr&auml;gt durch eine Klassengesellschaft mit enorm gestiegener sozialer Polarisierung im Erwachsenen- wie Kindesalter. Seit einiger Zeit h&auml;ufen sich wieder die verschiedenen Studien zum Thema Armut und soziale Polarisierung. Laut Angaben des DIW sind in Deutschland etwa 14 Prozent der Bev&ouml;lkerung oder 11,5 Millionen Menschen von relativer Einkommensarmut bedroht. Vor allem Haushalte mit Kindern und jungen Erwachsenen sind davon betroffen, w&auml;hrend Alleinerziehende mit minderj&auml;hrigen Kindern Mit &uuml;ber 40 Prozent weit &uuml;berdurchschnittliche Armutsrisiken aufweisen (Grabka/Frick 2010: 2ff.). Derweil verf&uuml;gen laut einer Studie der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung mehr als ein Viertel aller Erwachsenen (27 Prozent) &uuml;ber keinerlei pers&ouml;nliches Verm&ouml;gen oder waren sogar verschuldet. &#8222;Die unteren 70 Prozent besitzen nur neun Prozent des Gesamtverm&ouml;gens, dagegen verf&uuml;gt das reichste Zehntel der Bev&ouml;lkerung &uuml;ber mehr als 60 Prozent des Gesamtverm&ouml;gens von 6,6 Billionen Euro. Diese Kluft hat sich seit 2002 deutlich vergr&ouml;&szlig;ert&#8221; (Bunzenthal 2009). W&auml;hrend also der real existierende Reichtum eine enorme Steigerung erfahren hat, kommen viele Forscher/innen zu dem besorgniserregenden Ergebnis, dass die Armut insbesondere von Kindern und Familien in den letzten Jahren auf fast 20 Prozent angestiegen ist. Sie schlage sich inzwischen auch schon bei Grundsch&uuml;lerinnen und Grundsch&uuml;lern als Zukunfts&auml;ngste vor Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit nieder (Studien zu Kindheit in Deutschland 2010).</p>
<p>Selbst eine Studie der Konrad Adenauer Stiftung sieht Deutschland &#8222;auf dem Weg in eine neue Art von Klassengesellschaft (&#8230;), wobei die Trennungslinie eben nicht nur &uuml;ber Einkommen und Verm&ouml;gen, sondern auch &uuml;ber kulturelle Dimensionen wie etwa Bildungskapital und Bildungsaspirationen, aber auch Werte und Alltags&auml;sthetik verl&auml;uft. Ebenso erweisen sich Ern&auml;hrung, Gesundheit, Kleidung und Medienumgang als Abgrenzungsfaktoren. Der Zulauf zu privaten Schulen ebenso wie das Umzugsverhalten von Eltern der b&uuml;rgerlichen Mitte geben ein beredtes Zeugnis dieser Entwicklung&#8221; (Borchard u. a. 2008: 8). Die ungleiche Verteilung der Verm&ouml;gen wird zuk&uuml;nftig durch den Generationenzusammenhang sogar noch weiter versch&auml;rft, da mit der Zunahme der Erbschaften sich auch die sozialen Gegens&auml;tze vergr&ouml;&szlig;ern werden, denn Personen aus h&ouml;heren Bildungsschichten, die in der Regel schon selbst h&ouml;here soziale Positionen er-reichen, erben h&ouml;her als Personen mit niedrigerem Bildungsstand. Dar&uuml;ber hinaus heiraten wohlhabende Menschen in der Regel auch innerhalb der gleichen Schicht, sodass Reichtum noch einmal konzentrierter vorkommt (Esping-Andersen 2006: 59). Gleich-zeitig leben aber (nicht nur) in der Bundesrepublik viele Kinder und Jugendliche in (Einkommens-)Armut.</p>
<h5>Instru&shy;men&shy;ta&shy;li&shy;sierte und verding&shy;lichte Kinder(&Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit)</h5>
<p>Au&szlig;erdem spielen in den letzten Jahren Kinder in der &Ouml;ffentlichkeit eine immer gr&ouml;&szlig;ere Rolle. Sei es, weil sie weniger werden, sei es, weil sie &#8222;unsere Renten&#8221; finanzieren und uns sp&auml;ter gut behandeln sollen oder sei es einfach, weil die Gesellschaft insgesamt sensibler auf Kinderinteressen eingeht (vgl, die &#8222;Ged&ouml;ns&#8220;-Relevanz vor und nach Gerhard Schr&ouml;der). Vielleicht hat diese Wahrnehmungs&auml;nderung auch etwas damit zu tun, dass sich genau in den beiden Bereichen Wandlungsprozesse vollzogen, die laut Negt und Kluge noch von der b&uuml;rgerlichen &Ouml;ffentlichkeit ausgegrenzt werden: der industrielle Apparat des Betriebes und die Sozialisation in der Familie (Negt/Kluge 1972: 10). Mit der st&auml;rkeren Erwerbsbeteiligung von Frauen in Westdeutschland &auml;ndert sich die Arbeitswelt und der bislang unsichtbar gebliebene Bereich der Reproduktionsarbeit und Pflege von Kindern und Alten erlangt nach und nach gesellschaftliche und &ouml;ffentliche Bedeutung.</p>
<p>Doch in all diesen Diskursen wird vielmehr &uuml;ber Kinder verhandelt, als mit ihnen gehandelt, geschweige denn von Kindern selbst aktiv eingegriffen. Nur allzu leicht las-sen sich dabei Heranwachsende f&uuml;r verschiedene Zwecke benutzen. Die Instrumentalisierung junger Menschen im politischen Diskurs l&auml;sst sich auch anhand der Mitteilung der EU-Kommission zu einer &#8222;EU-Strategie f&uuml;r die Jugend &#8212; Investitionen und Empowerment&#8221; verdeutlichen (siehe Europ&auml;ische Kommission 2009: lff.). Dort wird festgestellt, dass &#8222;angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise (.,.) das junge Humankapital gehegt und gepflegt werden&#8221; m&uuml;sse. Junge Menschen stellten eine &#8222;Ressource f&uuml;r die Gesellschaft (dar), die genutzt werden kann, um &uuml;bergeordnete gesellschaftliche Ziele zu erreichen.&#8221; (ebd.: 2) Im Folgenden ist mehr von &#8222;Wettbewerbsf&auml;higkeit&#8221; die Rede als von Jugendarmut. Dabei sind auch gute Ideen und Forderungen zu Bildung, Gesundheit, sozialer Integration, Jugendarbeit und Chancengleichheit enthalten. W&auml;hrend jedoch Jugendarbeitslosigkeit nur als &#8222;Resultat fehlender oder falscher Qualifikationen&#8221; bezeichnet wird, fordert die EU-Kommission den Ausbau der Jugendarbeit nur &#8222;als Ressource zu Unterst&uuml;tzung der Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit der Jugend&#8221; (ebd.: 7). Somit wird offenbar, worauf die Kritik an einer &#8222;neoliberalen Hegemonie in der EU&#8221; zielt: Ei-ne v&ouml;llige Marktorientierung, die den Wert von Menschen nur an ihrer instrumentellen Vernutzbarkeit misst.</p>
<p>Junge Generationen lassen sich zudem leicht f&uuml;r die Privatisierung der Sozialsysteme und die Restrukturierung des demokratischen Wohlfahrtsstaates in einen neoliberalen Wettbewerbsstaat instrumentalisieren, Dies geschieht dann h&auml;ufig unter dem Banner von &#8222;mehr Demografie-Sensibilit&auml;t&#8221;, &#8222;Generationengerechtigkeit&#8221; und im Namen der ohnm&auml;chtigen Kinder gegen die &#8222;raffgierigen Rentner&#8221; und ihren &#8222;Schuldenberg&#8221;. Doch was bedeutet das konkret und vor allem in wessen Interesse findet dies statt? Der fr&uuml;here Pr&auml;sident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, bemerkte schon 1998, dass &#8222;Reformen, die mit der Verantwortung f&uuml;r kommende Generationen plausibel begr&uuml;ndet werden k&ouml;nnen, (&#8230;) eine gute Chance (haben), von Medien und &Ouml;ffentlichkeit akzeptiert und vom W&auml;hler honoriert zu werden. (&#8230;) Wir schulden es unseren Kindern.&#8221; (Henkel 1998: 12) Was wir &#8222;unseren Kindern&#8221; schulden, zielt auf einen vermarktlichten Wohlfahrtsstaat, den Henkel mit den Lebensinteressen k&uuml;nftiger Generationen legitimiert: &#8222;Heute m&uuml;ssen wir die Sozialpolitik mit marktwirtschaftlichen Instrumenten renovieren, im eigenen Interesse und weil wir es unseren Kindern schulden&#8221; (ebd.: 25f.). (Kinder-)Politikwissenschaftliche Forschung kann untersuchen, auf welche Weise hierbei partikulare Wirtschaftsinteressen als universale Generationen- oder gar Menschheitsinteressen ausgegeben werden (vgl. Klundt 2008: 264f.).</p>
<p>Auch das Reden &uuml;ber Arme (Kinder und Familien) macht einen Teil der gesellschaftspolitischen Polarisierungs-Problematik aus. Dies gilt vor allem dann, wenn die Betrachtung von (Kinder-)Armut durch vielfache Formen der Ignoranz, der Krokodils-tr&auml;nen sowie der Schicksalsgl&auml;ubigkeit gekennzeichnet ist. Am bedenklichsten haben sich jedoch diejenigen Diskurse entwickelt, in denen Kinder und Familien mit den Etiketten &#8222;selbst schuld&#8221; und &#8222;asozial&#8221; bedacht werden und statt der Bek&auml;mpfung von Armut die Bek&auml;mpfung der Armen im Vordergrund steht. Das geschieht, wenn das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und ehemalige Berliner SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin und der Berlin-Neuk&ouml;llner SPD-B&uuml;rgermeister Heinz Buschkowsky verbal auf die &#8222;asoziale&#8221; Unterschicht der &#8222;S&auml;ufer&#8221; und &#8222;Kopftuchm&auml;dchen&#8220;-Produzenten eindreschen (von Lucke 2009: 55ff.).</p>
<p>Doch weniger der notorische Sozialrassismus Sarrazins ist das Problem, als die vielen heimlichen und offenen Unterst&uuml;tzer seiner Hetzreden in den Eliten von Medien, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Wissenschaftler, wie der Bremer Professor f&uuml;r Sozialp&auml;dagogik, Gunnar Heinsohn, versuchen unterdessen deutlich zu machen, dass Armut ausschlie&szlig;lich durch das Vermehrungsverhalten armer Menschen verursacht sei, da diese Kinder nur als Geldanlage produzierten: &#8222;Solange die Regierung das Recht auf Kinder als Recht auf beliebig viel &ouml;ffentlich zu finanzierenden Nachwuchs auslegt, werden Frauen der Unterschicht ihre Schwangerschaften als Kapital ansehen&#8221; (FAZ v. 16.3.2010). Da Kinder aus bildungsfernen Schichten f&uuml;r Heinsohn praktisch qua Geburt grunds&auml;tzlich zu den &#8222;Niedrigleistern&#8221; geh&ouml;ren, naturgem&auml;&szlig; als Frauen &#8222;durch Vermehrung nach Einkommen streben&#8221; und als M&auml;nner, zumal mit Migrationshintergrund, ein-zig und allein kriminell vorstellbar sind, erkl&auml;rt er sie auch gleich noch f&uuml;r beinahe lebensunwert. &#8222;Ungeborene k&ouml;nnen niemandem einen Baseballschl&auml;ger &uuml;ber den Kopf ziehen, aber sie k&ouml;nnen auch von niemandem erniedrigt oder beleidigt werden&#8221; (WELT v. 9.2.2010). An dieser volksverhetzenden Propaganda wird ganz gut deutlich, dass man Menschen am besten ideologisch zun&auml;chst ihre menschliche W&uuml;rde nimmt, um ihnen danach auch ihre sozialen Rechte streitig zu machen. In diesem biologistischen Menschenbild sind sowohl der Intelligenzquotient als auch der Schulabbruch bereits am Tage der Geburt anhand der sozialen Herkunft eines Kindes festgelegt. Deshalb kann sich Heinsohn auch die mangelhaften Bildungschancen von Migrantenkindem in Deutschland nicht mit strukturellen Problemen im dreigliedrigen Bildungssystem erkl&auml;ren, sondern nur folgenderma&szlig;en: &#8222;Schon die Eltern unserer Einwanderungskinder waren schlecht in der Schule&#8220; (ebd.). &Auml;hnlich erl&auml;utert Sarrazin Behinderungen und Misserfolge von muslimischen Kindern im deutschen Schulsystem lieber mit vorausgegangener &#8222;Inzucht&#8221;. Statt selektiver Bildungsstruktur und jahrzehntelanger Ausgrenzung seien vielmehr &#8222;Erbfaktoren f&uuml;r das Versagen von Teilen der t&uuml;rkischen Bev&ouml;lkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich&#8221; (Sarrazin 2010: 316).</p>
<p>Die Auswirkungen dieser sozialrassistischen Diskurse auf den Alltagsverstand und das Selbstverst&auml;ndnis von (sozial benachteiligten) Heranwachsenden sind nicht zu untersch&auml;tzen. Berichte von Kindern (&uuml;ber ihre Angst davor), auf dem Schulhof als &#8222;Hartzer&#8221; oder &#8222;Opfer&#8221; beschimpft zu werden, verdeutlichen dies. Denn nat&uuml;rlich pr&auml;gen solche unsolidarischen Einstellungen und Verhaltensweisen auch das Denken und Handeln Jugendlicher. Au&szlig;erdem ist es f&uuml;r Kinder sicherlich nicht einfach, tagt&auml;glich lesen oder sehen zu m&uuml;ssen, dass ihre erwerbslosen Eltern als &#8222;faule und asoziale Sozialschmarotzer&#8221; bezeichnet werden. Laut Befragung von jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 24 Jahren durch das Marktforschungsinstitut Rheingold im Jahr 2010 lassen sich signifikante Zuspitzungen feststellen. &#8222;Panische Absturzangst, massiver Anpassungswille sowie Verachtung f&uuml;r alle, die abgerutscht sind&#8221;, seien die zentralen Denk- und Verhaltensmuster vieler junger Erwachsener. &#8222;Die Resultate erinnern an die Sarrazin-Debatte. Damit ist die Zwei-Klassen-Gesellschaft angekommen im Denken der Heranwachsen-den&#8221; (FR v. 12.9.2010). Selbstredend pr&auml;gen solche Ein&uuml;bungen in unsolidarisches Verhalten auch Bem&uuml;hungen Heranwachsender um Kinder&ouml;ffentlichkeit.</p>
<h5>Fazit</h5>
<p>Was k&ouml;nnten die Konsequenzen hinsichtlich einer &#8222;Kinder&ouml;ffentlichkeit&#8221; sein? Zum einen ist es unerl&auml;sslich, die gesellschaftspolitischen Hintergr&uuml;nde und Interessen bei der &ouml;ffentlichen Darstellung von Kindern zu studieren. Zentrale Frage sollte dabei immer sein, ob es sich nur um &Ouml;ffentlichkeit &uuml;ber Kinder handelt, oder ob sie selbstbestimmt die Akteure ihrer eigenen &ouml;ffentlichen Beteiligung sind. Ansonsten l&auml;sst sich mit Manfred Liebel sagen: &#8222;Wir sollten uns nicht immer wieder auf neue Partizipationsmodelle und -projekte st&uuml;rzen, f&uuml;r die wir geeignete &#8218;Zielgruppen&#8216; suchen, sondern wir sollten genauer hinsehen, wo im Alltag Kinder und Jugendliche ihren Unmut ausdr&uuml;cken und dabei sind, sich f&uuml;r sich und f&uuml;r andere zu engagieren und zu organisieren. Dazu m&ouml;gen auch Aktivit&auml;ten geh&ouml;ren, die nicht besonders fein sind, z. B. die Kritik an Lehrern in Internetportalen, die Besetzung leer stehender H&auml;user, die St&ouml;rung des Autoverkehrs oder Graffiti an Hausw&auml;nden oder S-Bahn-Z&uuml;gen. Es kommt drauf an, die Botschaften auch solcher Aktionen zu verstehen und ihnen ggf zu mehr Resonanz und Wirkung zu verhelfen.&#8221; (Liebe12009: 25) Als ein beeindruckendes Beispiel f&uuml;r selbst organisierte Initiativen kennzeichnet Liebel mit Recht z. B. die &#8222;Kindergipfel&#8221; der Naturfreundejugend, die seit dem Jahr 2000 in eigener Regie von Kindern durchgef&uuml;hrt werden. Denn damit dr&auml;ngen die Kinder Politikerinnen und Politiker dazu, mehr zu tun, um die Lebensgrundlagen heutiger und k&uuml;nftiger Generationen zu sichern. So stand der Kindergipfel vom Mai 2008 unter dem Motto &#8222;Kaufen wir uns die n&auml;chste Erde?&#8221; und rund 120 acht- bis zw&ouml;lfj&auml;hrige Kinder haben dabei einen &#8222;Zukunftsvertrag&#8221; formuliert, in dem sie zahlreiche Forderungen und Selbstverpflichtungen aufstellten. Zum Beispiel zeigen sie darin auf, wie sie eine &#8222;gerechte Weltwirtschaft&#8221; erreichen, bedrohte Arten vor dem Verschwinden bewahren oder die &#8222;Biodiversit&auml;t&#8221; besser erforscht sehen wollen und wie sie selbst dazu beitragen k&ouml;nnen (siehe: <a href="http://www.kindergipfel.de/" target="_blank" rel="noopener">www.kindergipfel.de</a>). Hinzugef&uuml;gt werden k&ouml;nnen auch z. B. die selbst organisierten Sch&uuml;lerstreiks, in denen sich Kinder und Jugendliche f&uuml;r ein besseres Lernen und eine bessere Schule starkmachen (<a href="http://www.schuelerstreik.de/" target="_blank" rel="noopener">www.schuelerstreik.de</a>).</p>
<p>Als ein weiteres Beispiel nennt Liebel die Initiative &#8222;Hiergeblieben!&#8221; des Berliner Grips-Theaters, das mit seinen Erfahrungen und M&ouml;glichkeiten die Selbstorganisation von jungen Fl&uuml;chtlingen unterst&uuml;tzt. &#8222;Die auf diese Weise entstandene Gruppe ,Jugendliche ohne Grenzen&#8216; ist mittlerweile bundesweit mit &auml;u&szlig;erst phantasievollen Aktionen aktiv und beehrt jedes Jahr einen Politiker oder eine Politikerin mit dem Preis ,Abschiebeminister`. Sie beschr&auml;nkt sich aber nicht auf die Kritik an den Obrigkeiten, sondern ermutigt auch andere Menschen gleich welchen Alters, sich f&uuml;r die Rechte von Fl&uuml;chtlingen einzusetzen (siehe: <a href="http://www.jogspace.net/" target="_blank" rel="noopener">www.jogspace.net</a>)&#8221; (Liebel 2009: 26). In diese Richtung sollte der Einsatz f&uuml;r Kinder&ouml;ffentlichkeit solche und andere vergleichbare selbst organisierte Initiativen von Kindern und Jugendlichen, die es bereits in beachtlicher Zahl gibt, st&auml;rker beachten und unterst&uuml;tzen.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Borchard, Michael/HenryHuthmacher, Christine/Merlcle, Tanja/Wippermann, Carsten (2008): Eltern<br />unter Druck. Selbstverst&auml;ndnisse, Befindlichkeiten und Bed&uuml;rfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten (hrg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.), Berlin.<br />Bunzenthal, Roland (2009): Verm&ouml;gensverteilung. Die Reichen werden reicher, in: Frankfurter Rund-schau v. 21.1.<br />Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael/Belke-Zeng, Matthias (2008): Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland, 2. Aufl. Wiesbaden.<br />BverfG (Bundesverfassungsgericht) (1968): Beschluss des Ersten Senats vom 29. Juli 1968 &#8211; 1 BvL 20/63, 31/66 und 5/67, in: Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts &#8211; BVerfGE &#8211; Bd. 24, S. 119-144.<br />Crouch, Colin (2008): Postdemokratie, Bonn.<br />Esping-Andersen, G&ouml;sta (2006): Kinder und Rente: Welchen Wohlfahrtsstaat brauchen wir?, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 1, S. 52 -64.<br />Europ&auml;ische Kommission (2009): Mitteilung an das Europ&auml;ische Parlament, den Rat, den Europ&auml;ischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen: Eine EU-Strategie f&uuml;r die Jugend &#8212; Investitionen und Empowerment, Ratsdok. 9008/09 v. 28.4.<br />Grab/ca. Markus/Frick, Joachim (2010): Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und<br />junge Erwachsene sind besonders betroffen, in: DIW-Wochenbericht Nr. 7, S. 2-11. Henkel, Hans-Olaf (1998): Jetzt oder nie. Ein B&uuml;ndnis f&uuml;r Nachhaltigkeit in der Politik, Berlin. Hildebrandt, Cornelia (2008): Kindeswohl und Kinderrechte, in: Utopie kreativ 217, 5.1032-1042. Klundt, Michael (2008): Von der sozialen zur Generationengerechtigkeit? Polarisierte Lebenslagen und<br />ihre Deutung in Wissenschaft, Politik und Medien. Mit einem Vorwort von Christoph Butterwegge,<br />Wiesbaden.<br />102&nbsp;vorg&auml;nge Heft 4/2010, S. 94-102<br />Leu, Hans Rudolf/Prein, Gerald (2010): Arm, ausgegrenzt, abgeh&auml;ngt, in: DJI Bulletin 90, S. 18-19. Liebel, Manfred (2007): Wozu Kinderrechte. Grundlagen und Perspektiven. Unter Mitarbeit von Bea-<br />trice Hungerland, Anja Liesecke, Claudia Lohrenscheit und Albert Recknagel, Weinheim 2007.<br />Liebel, Manfred (2009): F&uuml;r eine kindergerechte Republik &#8211;Herausforderungen an Politik und Gesell-<br />schaft, in: Bundesministerium f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Fachkongress<br />&#8222;Sch&uuml;tzen, f&ouml;rdern, beteiligen &#8211; F&uuml;r ein kindergerechtes Deutschland, Berlin, S. 19-26. Matschke, Jacob (2007): &#8222;Ich m&ouml;chte nicht zur&uuml;ck zu Mama&#8221;, in: Die Zeit v. 31.5.<br />Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1972): &Ouml;ffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von b&uuml;rgerlicher und proletarischer &Ouml;ffentlichkeit, Frankfurt am Main.<br />Negt, Oskar (1997): Kindheit und Schule in einer Welt der Umbr&uuml;che, G&ouml;ttingen 1997.<br />Prengel, Annedore (2007): Verschieden und gleichberechtigt, in: Kirchschl&auml;ger, Peter G. u.a. (Hrsg.):<br />Menschenrechte und Kinder. 4. Internationales Menschenrechtsforum Luzern (IHRF) 2007, Bern S.<br />301-303.<br />Sarrazin, Thilo (2010): Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, M&uuml;nchen. Schr&ouml;der, Richard (1995): Kinder reden mit! Beteiligung an Politik, Stadtplanung und -gestaltung, Weinheim/Basel.<br />Studien zu Kindheit in Deutschland (2010): Reiche Kinder spielen mit dem PC, arme mit dem Gameboy, in: Stern.de v. 1.6.<br />von Lucke, Albrecht (2009): Propaganda der Ungleichheit. Sarrazin, Sloterdijk und die neue &#8222;b&uuml;rgerliche Koalition&#8221;, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 12, S. 55-63<br />Wallow, Hans (2010): Mehr Freiraum f&uuml;r die Kleinen, in: Neues Deutschland v. 18./19.9.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/kinderoeffentlichkeit/">Kinderöffentlichkeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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