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	<title>Michael Müller Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>An der Schwelle zur Postwachsturmsgesellschaft</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 10:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S-42-53 1. Einleitung Die Idee des Fortschritts in der europäischen Moderne ermöglichte der Menschheit einen großen Sprung nach vorne, sie war aber zugleich verbunden mit Naturvergessenheit, einer steigenden Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Wachstum und einer Ökonomisierung des Denkens. Diese &#132;andere Seite&#148; des Fortschritts fällt heute wie ein Bumerang auf die [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/an-der-schwelle-zur-postwachsturmsgesellschaft/">An der Schwelle zur Postwachsturmsgesellschaft</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 195 ( Heft 3/2011), S-42-53</p>
<h5>1. Einleitung</h5>
<p>Die Idee des Fortschritts in der europäischen Moderne ermöglichte der Menschheit einen großen Sprung nach vorne, sie war aber zugleich verbunden mit Naturvergessenheit, einer steigenden Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Wachstum und einer Ökonomisierung des Denkens. Diese &#132;andere Seite&#148; des Fortschritts fällt heute wie ein Bumerang auf die unvollendete Moderne zurück.</p>
<p>Kapitalistische Marktwirtschaften waren in der Verwirklichung von Wachstum und Wohlstand bisher besonders &#132;<i>effizient</i>&#148;. Das bedeutet jedoch nicht, dass die kommunistischen Planwirtschaften oder diverse &#132;Dritte Wege&#148; weniger wachstumsorientiert waren oder sind. Natürlich gab es unterschiedliche Ausprägungen und Sichtweisen von Wachstum, Wohlstand und Fortschritt. Sie unterlagen immer einem Wandel, wobei die Dominanz der Ökonomie in der Entwicklung der Gesellschaft von zentraler Bedeutung war. <i>Karl Polanyi </i>kritisierte die &#132;Entbettung&#148; der Ökonomie als &#132;Marktgesellschaft&#148;. Sie wurde in der Zeit des Wohlfahrtsstaates im westlichen Teil der Welt halbwegs in Grenzen gehalten bis es zum neoliberalen Finanzkapitalismus kam. Mit ihm einher ging in den letzten vier Jahrzehnten eine Schwäche der europäischen Moderne, in der die ökologischen, sozialen und auch ökonomischen Grenzen des Wachstums immer sichtbarer wurden. Spätestens nach dem Zusammenbruch der zweigeteilten Welt wurde der finanzmarktgetriebene Kapitalismus zum Weltmodell und zugleich dessen selbst- und umweltzerstörende Kehrseite immer offensichtlicher. Um ihn zu überwinden, sind Strukturreformen notwendig, die den Weg in eine &#132;Postwachstumsgesellschaft&#148; weisen.</p>
<h5>II. Die Janus&shy;k&ouml;p&shy;fig&shy;keit der Moderne</h5>
<p>Im Zentrum der europäischen Moderne steht die Idee der Aufklärung mit der darin enthaltenen Lichtmetaphorik (Erleuchtung!). Die Lichtmetaphorik stellte dem &#132;finsteren Mittelalter&#148; ein neues &#132;helleres Zeitalter&#148; entgegen. Historisch kommt ihr eine stark religiöse Bedeutung zu, ursprünglich verstanden als Läuterung des Menschen auf dem Weg zu Gott. Beispielhaft steht dafür Pilgrim&#8217;s Progress von John Bunyan aus dem Jahr 1678, der &#132;Weg der Christenmenschen zu Gott&#148;. Die Auseinandersetzung zwischen dem &#132;Anciens et Modernes&#148;, der Streit zwischen der alten und neuen Zeit, war zwischen 1680 und 1720 ein tiefer Einschnitt in der Herausbildung der europäischen Moderne. Nach den dunklen Erfahrungen der Religionskriege verbanden sich mit der Aufklärung progressive wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Entwicklungen, deren Errungenschaften im 18. Jahrhundert epochal wurden. Die französische Revolution schuf die Voraussetzungen für die bürgerliche Gesellschaft und die Herausbildung des Nationalstaates. In Frankreich war es das Siecle des Lumieres. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich auch der englische Begriff Enlightenment durch.</p>
<p>Für Immanuel Kant ist Aufklärung der &#132;Ausgang des Menschen aus seiner selbst-verschuldeten Unmündigkeit&#148;. Die Annäherung an Freiheit und eine vernunftorientierte Gesellschaft wurden, wie Max Weber sie charakterisierte, zur &#132;europäischen Rationalität mit Weltbeherrschung&#148;. Sie wurde zum Sinn der Zivilisationsgeschichte, vorangetrieben durch die Enträtselung und Beherrschung der Materie und die Nutzung technischer Rationalität. Zur wichtigsten Aufgabe wurde die Emanzipation und Befreiung des Menschen von Kräften und Mächten, Lehren und Dogmen, die unterdrückten und abhängig machten. Zu den Mitteln ihrer Verwirklichung wurden Vernunft als universelle Urteilsinstanz, die Hinwendung zu den Naturwissenschaften in der Erkenntnistheorie, Toleranz gegenüber anderen Weltanschauungen und die Orientierung am Naturrecht.</p>
<p>Grundlagen der Emanzipation waren eine allgemeine Pädagogik, die Presse- und Meinungsfreiheit, ein modernes Staatswesen und die Garantie der Bürger- und Menschenrechte. Seitdem gilt Vernunft als das wichtigste Prinzip, das der Wirklichkeit Sinn, Struktur und Ordnung verleiht. Gemeint ist das Vermögen, aus eigenen Grundsätzen zu urteilen (theoretische Vernunft) und/oder zu handeln (praktische Vernunft).</p>
<p>Der theoretische Vernunftbegriff sieht das menschliche und/oder göttliche Erkenntnisvermögen als Voraussetzung, um allgemeine Schlüsse zu ziehen und regulative Prinzipien entwickeln zu können. Im engeren Sinne begründet Immanuel Kant Vernunft als die Fähigkeit, nach dem Unbedingten zu suchen, nach der objektivierenden Erkenntnis. Während die klassischen Rationalisten wie Rene Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz oder Benedictus Spinoza alle Wissenschaft und Philosophie ohne Sinnlichkeit als &#132;reine Vernunft&#148; verstehen, machte es sich Kant in seiner Kritik an den Rationalisten und Empiristen zur Aufgabe, den Gebrauch der reinen Vernunft zu relativieren und sie genauer in Umfang und Grenzen zu bestimmen.</p>
<p>Unter praktischer Vernunft verstand Kant das Vermögen, Handlungen an ethischen Prinzipien auszurichten. Sie haben bei ihm nicht nur einen von der Theorie abgeleiteten, sondern auch einen selbstständigen Status. Es sei nämlich nicht möglich, alles mit Hilfe theoretischer Vernunft zu begründen, so könne auch die Intensität der Intuition oder die Sinnlichkeit eine wichtige Rolle spielen.</p>
<p>Die dunklen Seiten einer kalten Rationalität arbeiteten später Max Horkheimer und Theodor Adorno heraus. Für sie war in der &#132;instrumentellen Vernunft&#148; auch ein Scheitern der Aufklärung angelegt. In dem Versuch, die Natur zu beherrschen, entfalte sich eine Form technischer Rationalität, die in einer verwalteten Welt als &#132;Herrschaft&#148; zurückschlage und durch ökonomische Macht sogar vollends annulliert werden könne.Mit dieser zugespitzten These reagierten Adorno und Horkheimer auf den &#132;Zusammenbruch der bürgerlichen Zivilisation&#148; und ihr Versinken in der Barbarei des Faschismus.</p>
<p>Auch Jürgen Habermas beschrieb eine Janusköpfigkeit der europäischen Moderne, zu der leider auch die menschenverachtende Pervertierung der technischen Rationalität gehört, deren schlimmste Auswirkungen die Menschheit im 20. Jahrhundert, dem &#132;Jahrhundert der Extreme&#148; (Eric Hobsbawm), erfahren musste.</p>
<p>Gegen diese &#132;dunkle Seite&#148; behauptete sich ein Begriff der Aufklärung, dessen Ziel die Emanzipation des Menschen und der gesellschaftliche Fortschritt war. Ihnen lag die aus der Antike stammende Vorstellung einer &#132;Stufenleiter des Seins&#148; (Scala naturae) zu Grunde, die die Lebewesen bis hin zu den komplexesten Erscheinungen hierarchisch ordnet und fortschreibt. Die europäische Moderne orientierte auf ein lineares Zeitverständnis und verband es mit einer Wendung der heilsgeschichtlichen Erwartungen ins Säkulare. Das ist die Folie, auf die sich die modernen Fortschrittsvorstellungen beziehen: fortschreitende Naturbeherrschung, wachsender Wohlstand, Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie die Vervollkommnung des Menschen, bei Philosophen der frühen Aufklärung auch die Ächtung von Spiel, Sinnlichkeit und Eros. Liebe habe sich, so beispielsweise der Naturphilosoph Francis Bacon, auf die Fortpflanzung zu beschränken und sei als Freundschaft gerade noch akzeptabel.</p>
<p>Die Theorie des Fortschritts ist die Verzeitlichung der Seinspyramide, eng verknüpft mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft. In dieser scheinbar selbstläufigen Fortschrittswelt ist die Naturvergessenheit (Günter Altner) in Erkenntnismustern und Handlungsgewohnheiten ebenso angelegt wie die im 19. Jahrhundert immer stärker werdende Wachstumsorientierung, die mit einer selbstgewiss demonstrierten Weltanschauung keine Rücksicht auf die &#132;begrenzte Kugelfläche&#148; der Erde (Immanuel Kant) nimmt und die vier Hauptsätze der Thermodynamik (der Wärmelehre) ignoriert.</p>
<p>Die ökologischen Krisen der Gegenwart &#150; Klimawandel, Rohstoffknappheit und die Ausrottung der Biodiversität &#150; sind ein Ergebnis dieses Zerstörungskrieges. Der ökologische Fußabdruck der Menschen ist bereits so groß, dass&#8217;schon im August eines Jahres die biologische Jahreskapazität verbraucht ist. Und in Deutschland nutzen allein die Menschen in den drei größten Städten Berlin, Hamburg und München natürliche Ressourcen in einem Umfang, die erst die gesamte Fläche unseres Landes hergibt. Der eindrucksvolle Aufruf &#132;Friede mit der Natur&#148; von Klaus Michael Meyer-Abich, Günter Altner und Udo Simonis nannte dieses Naturverständnis eine unausgesprochene Kriegserklärung.</p>
<p>Die Alternative ist nicht die romantische Vorstellung eines idyllischen Friedens zwischen dem Menschen und der nichtmenschlichen Natur. Die Menschen kommen gar nicht darum herum, die Natur für unsere Zwecke zu nutzen. Doch es geht um die Frage, wie das geschieht. Notwendig ist die Einsicht, dass wir uns selbst schädigen, wenn wir meinen, uns über die Natur erheben zu können. Als Teil der Natur können wir nur mit der Natur und nicht gegen sie überleben und in Würde leben.</p>
<p>Genau besehen war und ist das Verhältnis der Moderne zur Natur und zur Körperlichkeit des Menschen ambivalent. Neben dem beschriebenen kriegerischen Verhältnis gab und gibt es eine von Epikur herrührende positive Sicht des Materiellen und des Körperlichen, die eine gelassene und partnerschaftliche Art des Umgangs mit der Naturnahelegt. Freilich ist diese Strömung im Zuge des wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Fortschritts an den Rand gedrängt worden.</p>
<p>Die Ambivalenz im Verhältnis zur Natur ergab sich auch aus der konkreten Realität, denn mit der Pest erreichte die Sterblichkeit am Beginn der Neuzeit eine neue Dimension. Weil der Tod in der Natur angelegt ist, konnte sie nicht nur als Feind gesehen, sondern musste auch als Hilfsobjekt genutzt werden, um mit ihrer Hilfe Krankheiten zu bekämpfen und Leben zu schützen. Der Tod konnte nicht verdrängt werden. Sowohl in der religiösen als auch in der weltlichen Deutung des Fortschritts spielt zudem die Polarität der Geschlechter eine nicht unwichtige Rolle, ebenso in der Bewertung der Natur. Das Männliche steht gemeinhin für den Geist, das Weibliche für den Körper. Entsprechend wurde bei John Bunyan die Versuchung und Sünde symbolisiert durch die Körperlichkeit der Frau, der der Fortschrittspilger kraft seiner männlichen Geistigkeit zu widerstehen hatte.</p>
<p>Als Basis des innerweltlich verstandenen Fortschrittsprozesses galt spätestens seit dem 18. Jahrhundert die wissenschaftlich-technische und ökonomische Entwicklung. Sie wurde &#150; nicht nur für Marxisten, sondern auch für Liberale &#150; der feste Unterbau des Fortschritts, alles andere galt als abgeleitete Möglichkeit, Folgeerscheinung oder Über-bau. Entsprechend wurde Fortschrittspolitik ganz wesentlich zur Förderung des wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Fortschritts, für den frühen politischen Liberalismus und die sozialdemokratische Arbeiterbewegung immer auch, aber eben in Abhängigkeit von diesem Basisprozess, soziale, politische und kulturelle Emanzipation.</p>
<p>Hierin zeigt sich in ausgeprägter Weise, dass die Geschichte des Fortschritts in der europäischen Moderne sowohl janusköpfig als auch unvollendet geblieben ist. Dennoch ist sie nicht so falsch, wie sie manchmal in einer meist postmodern inspirierten Deutung hingestellt wird. Immanuel Kant und auch der angeblich so naive Aufklärer Ephraim Lessing teilten die ihnen häufig unterstellte totale Wissenschaftsgläubigkeit nicht.</p>
<p>Entscheidend für die Schwachstellen ist, dass der technische Fortschritt ursprünglich als Hebel zur Befreiung und Emanzipation der Menschen verstanden wurde, aber die Vordenker der europäischen Moderne vor 200 und mehr Jahren sich die Herausforderungen der heutigen &#132;überbevölkerten, verschmutzten, störanfälligen und ungleichen Welt&#148;, wie sie der Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen beschreiben hat, einfach nicht vorstellen konnten. Das traditionelle Fortschrittsdenken ging von einem fehlenden, zumindest einem falschen Naturverständnis aus. Die Natur wurde nicht als Mitwelt verstanden, sondern als etwas &#132;Weibliches&#148; gedacht, das beherrscht werden müsse. Es wurde ignoriert, dass Wertvermehrung immer auch Wertvernichtung ist. Alle ökonomischen Prozesse haben den &#132;doppelten Charakter&#148;, weil monetär bemessene Werte produziert und gleichzeitig unvermeidlich Stoffe und Energie verbraucht werden. So wer-den zwar gewünschte Gebrauchswerte produziert, aber auch Abfälle, Abgase und Abwasser, die in den Schadstoffsenken der Erde entsorgt werden. Daher gibt es einen Kipppunkt, an dem Vorteile in Gefahren umschlagen.</p>
<p>Die moderne Steigerungsprogrammatik mit ihrer Beschleunigungsdynamik und der falschen Gleichsetzung des Wachstums mit Fortschritt verdrängt die Grenzen, die sich aus der Endlichkeit der Erde ergeben, heute zugespitzt durch die nachholende Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum. Die &#132;Entbettung&#148; der Wirtschaft aus der Gesellschaft durch die ökonomische Dynamik führt zur &#132;Marktgesellschaft&#148;. Karl Polanyi sah hierin die Ursache für die großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts. Tatsächlich blieb die politische Modernisierung immer wieder hinter den wirtschaftlichen Prozessen zurück, was massive Erschütterungen und tiefe Krisen auslöste. Das ist auch heute der Fall, wo der Wachstumszwang Gesellschaft und Wirtschaft in Geiselhaft genommen hat und den Menschen zunehmend die Freiheit nimmt.</p>
<p>Dabei gab es in der ldeengeschichte der Moderne immer auch eine kritische Sicht auf den Fortschrittsgedanken. Jean-Jacques Rousseau sprach beispielsweise von der modernen Zivilisationsentwicklung als Verfallsgeschichte, Walter Benjamin deutete den Fortschritt als Prozess der Zerstörung, Novalis nannte die Moderne einen &#132;langsamen, wohldurchdachten Zerstörungskrieg gegen die Natur&#148;. Doch in erster Linie lieferte die Geschichte der europäischen Moderne eindrucksvolle Beispiele von Fortschrittlichkeit: Die fortschreitende Nutzung von Natur und Technik, die Verbesserung von Gesundheit und Nahrungsversorgung, ein längeres Leben, globale Mobilität oder die Steigerung des Wohlstands und verfügbarer Informationen. Über längere Zeiträume ist auch, wie Dieter Senghaas am Beispiel der europäischen Geschichte herausgearbeitet hat, eine Zivilisierung und Steigerung der Sittlichkeit festzustellen.</p>
<p>Natürlich war die Emanzipation des Menschen, die zur französischen Revolution, den großen Menschenrechtsbewegungen und der Entfaltung der Demokratie geführt hat, eine wertvolle Errungenschaft. Auf der anderen Seite gab es aber eben auch dunkle Perioden menschlicher Barbarei, die Eric Dunning, Schüler von Norbert Elias, als &#132;dezivilisatorischen Downswing&#148; bezeichnet hat und dessen schlimmstes Beispiel der Holocaust im letzten Jahrhundert war.</p>
<p>Das Wachstums- und Fortschrittsdenken ist also ambivalent: Ohne die &#132;Grenzenlosigkeit&#148; bis hin zur &#132;Maßlosigkeit&#148; wäre die okzidentale Dynamik des Fortschritts nicht vorstellbar gewesen. Kreativität, Innovationen oder Originalität sind mit dem Drang verbunden, Grenzen zu überschreiten. Die andere Seite sind jedoch Gier und Machstreben, Ausgrenzung der Natur und ein permanenter Verwertungszwang, die ohne institutionelle Arrangements, die von der Politik und der Zivilgesellschaft zu organisieren sind, in ökonomische Krisen, soziale Ungleichheiten und in ökologische Katastrophen führen.</p>
<h5>Die Idee des Forts&shy;chritts</h5>
<p>Im 19, und beginnenden 20. Jahrhundert verengte sich das Fortschrittsdenken immer stärker auf das Wachstum von Wirtschaft und Technik, nicht aus Selbstzweck, sondern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In dieser Vorstellung waren dem menschlichen Verstand und seiner Gestaltungskraft keine Grenzen gesetzt und der Mensch konnte &#150; in alle Zeiten hinein &#150; umgestalten, verbessern und sich vorwärts bewegen. Fort-schritt wurde zur Entdeckung und Enträtselung und damit zur Beherrschung von Natur und Technik.<br />Der Mensch kann schon auf Erden sein Glück finden, durch die &#132;Selbstproduktion von Gesellschaft&#148; (Alain Touraine), also der Gestaltung von Wirtschaft und Gesell-schaft nach sozialen und politischen Zielen. Darin liegt die Idee des Fortschritts: der Glaube, dass sich die Gesellschaft vorwärts bewegt &#150; und zwar in die erwünschte Richtung. Allein die Akkumulation der Errungenschaften muss einen Wissensfortschritt mit sich bringen, der eine höhere Qualität des Lebens möglich macht. Die große Hoffnung auf eine rational begründete, sichere und fortschreitende Welt, wie sie Gottfried Wilhelm Leibniz Ende des 17. Jahrhunderts definierte, hat sich tief im modernen Menschen- und Gesellschaftsbild eingenistet. Danach läuft alles im Sinne einer &#132;perfectibilite&#148; ab. Eine Vervollkommenbarkeit, ohne dass dieser Prozess zu Ende geht, wenn sich &#150; aufklärerisch gesprochen &#150; die Menschheit Tag für Tag für mehr &#132;Befreiung&#148; einsetzt<br />und sie verwirklicht.</p>
<p>Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Vernunft, bedeutete die Idee der Vervollkommnung die Entfaltung der Humanität, so beispielsweise beschrieben von Johann Gottfried Herder oder Ephraim Lessing. Auch die Enzyklopädisten der Französischen Revolution waren von dem Gedanken überzeugt, dass sich die Menschheit durch eine fortschreitende Weltkenntnis von den Grundübeln des Lebens befreien könne &#150; von Leid und Schmerz, von Elend und Krankheit.</p>
<p>Als entscheidende Basis des innerweltlich verstandenen Fortschrittsprozesses galt spätestens seit dem 18. Jahrhundert die wissenschaftlich-technische und ökonomische Entwicklung. Sie wurde nicht nur für Marxisten, sondern auch für Liberale der feste Unterbau des Fortschritts, alles andere abgeleitete Möglichkeit, Folgeerscheinung und Überbau. Entsprechend hieß Fortschrittspolitik im Wesentlichen die Förderung der ökonomisch-technischen Entwicklung. In Abhängigkeit von diesem Basisprozess stand für den frühen politischen Liberalismus und große Teile der Arbeiterbewegung immer auch die soziale, politische und kulturelle Emanzipation der Menschen.</p>
<p>Die Unterstellung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte unter allen Umständen positiv sei, weil sie prinzipiell den Fortschritt fördert, hat die Arbeiterbewegung nach den Anfängen der Maschinenstürmerei zum Vorreiter der modernen Industriegesellschaft gemacht. Selbstbewusst hieß es: &#132;Mit uns zieht die neue Zeit.&#148; Dabei wurde die auch vorhandene Gewalttätigkeit des Fortschrittsprozesses lange Zeit übersehen.</p>
<h5>Naturvergessenheit</h5>
<p>Instrumentelle Vernunft und technische Rationalität gehören zum modernen Fortschritts- und Freiheitsdenken, um von den Naturgewalten unabhängiger zu werden. Die europäische Moderne radikalisierte einen Gegensatz Mensch &#150; Natur. John Locke, Ideengeber der &#132;Bill of Rights&#148; vertrat schon Ende des 17. Jahrhunderts die Auffassung: &#132;Die Negation der Natur (ist) der Weg zum Glück&#148;. Kurz: Die Menschen müssten sich vollständig von der Natur befreien. Der französische Aufklärer Rene Descartes forderte, dass der Mensch &#132;Maitre et possesseur de la nature&#148; &#8211; &#132;Herr und Besitzer der Natur&#148; &#150; mittels der methodischen Anwendung von Wissenschaft und Rationalität werden müsse. Geist/Denken und Natur wurden als Gegensätze verstanden. In dieser Gedankenwelt gab es einerseits das Immaterielle, das allein dem Menschen gehört, und andererseits das Materielle, die Natur, die uns umgibt und von Descartes in das Bild einer Maschine gefasst wurde. Dahinter steht die Unterscheidung von immateriellem Denken im Menschen und materieller, unbeseelter Maschinenkörperlichkeit.</p>
<p>Der Geist (res cogitans) und die Materie (res extensa) sind nach Descartes radikal getrennte Sphären, zwischen denen es keinerlei Wechselbeziehung gibt. Die Materie ist die bloße Verfügungsmasse für den Geist. Ein Eigenrecht, eine eigene Würde des Körpers und der Natur ist in diesem Weltbild nicht vorgesehen. Hier schließt Descartes an eine Denktradition an, die im Christentum unter dem Einfluss des hellenistischen Philosophen Plotin erhebliche Bedeutung bekam: Das Natürliche als Ort der Sünde und Gegenstand asketischer Disziplinierung. Die Entgegensetzung zwischen intelligentem Menschen und nicht denkfähiger Natur war bereits im späten Mittelalter zu finden. So in den Forderungen nach Experimenten, in denen der Mensch die Natur auf die Erforschbarkeit hin zurichtet. Damals war das sogar ein kühner Gedanke, denn im jüdisch-christlichen Monotheismus herrschte die Vorstellung vor, in der Natur trete das Böse zu Tage. Schöpfer und Schöpfung seien voneinander getrennt. Der Mensch habe sich, um seines Heils willen, auf den nicht naturhaften Gott auszurichten. Von daher sei die Natur das dem Menschen Gegenüberstehende. Vor diesem Hintergrund kann man zu dem Ergebnis kommen, dass die Wissenschaft mit ihrem Objektivitätsanspruch gegenüber der Natur nur in einer monotheistischen Denktradition entstehen konnte, nicht als partnerschaftliche Mitwelt, sondern als eine zubereitete, isolierte, selektive Natur, die nicht wirklich wahrgenommen wird, schon gar nicht als partnerschaftliche Mitwelt.</p>
<p>In dem Geist der frühen Aufklärung war die Wissenschaft (samt Technik) nur als entfremdete und entfremdende denkbar. Die Natur wurde nicht als Miteinander verstanden und erfahrbar, sondern als gefügiger Gegenstand für menschliches Handeln. Francis Bacon dachte den Gedanken radikal: Die Natur zu beherrschen heißt, sie exakt zu er-kennen. Das steht hinter seinem berühmten Satz: &#132;Wissen jedoch ist Macht&#148;. Diese Macht war das Mittel, kein Ziel. Das Ziel war der Konsum. Die Erde wurde als Gebrauchs- und Verbrauchsgegenstand gedacht, ganz so wie Francis Bacon dies in seiner Utopie &#132;Neu-Atlantis&#148; beschrieb. Die Bewohner müssten nutzen, was überhaupt aus der Natur herauszuholen sei. Dafür müsse die Natur auf die &#132;Folterbank&#148; der Experimente gespannt werden. Nur so könne man ihr &#151; wie einer Hexe &#151; die Geheimnisse und Gesetze entreißen. Mit ökologischer Verantwortung und einem partnerschaftlichen Verhältnis zur natürlichen Mitwelt hatte das nichts zu tun. Friedrich Nietzsche, mit seiner zersetzenden Kritik an der Moderne, ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht zu werden, beschrieb diese Fragwürdigkeit in der &#132;Morgenröte&#148;: Dem &#132;Don Juan der Erkenntnis&#148; fehle die &#132;Liebe zu den Dingen, die er erkennt&#148;, aber er hat &#132;Kitzel und Genuss an Jagd und Intrigen der Erkenntnis, bis an die höchsten und fernsten Sterne hinaus&#148; &#151; so lange, bis er sich im Zustand des &#132;süchtigen Trinkers&#148; befinde.</p>
<p>In der Nachfolge Descartes führt ein Hauptstrang der europäischen Moderne einen permanenten &#132;Krieg&#148; mit der Natur. Die Entgegensetzung setzt sich bis heute fort, denn wir sprechen fälschlicherweise von der &#132;Umwelt&#148;, als sei nicht auch der Mensch ein Teil der Natur. Von daher ist richtig, sie als natürliche Mitwelt zu verstehen.</p>
<h5>Fixierung auf Wachstum</h5>
<p>Mit instrumenteller Vernunft und technischer Rationalität wurde zumindest in einem Teil der Welt gesellschaftlicher Fortschritt und die Emanzipation der Menschen möglich. Darin lagen allerdings auch erste Ursachen für die uns heute belastende Wachstumsabhängigkeit, die sich seit dem 19. Jahrhundert herausgebildet hat, wobei die Wurzeln sehr viel tiefer reichen. Gleichheit und Freiheit erforderten schon nach John Locke nicht nur die Loslösung von der Natur, sondern auch ein vermehrtes Nutzen, Benutzen und Vernutzen, also den Gebrauch und Verbrauch von Materie. Locke leitete das Ziel der Freiheit von der Gleichheit ab. Sie erst verbürge Demokratie und Freiheit. Zu den unabdingbaren Grundlagen gehöre das Recht auf Besitz, vor allem auf Mehrung des Besitzes. Diese Vorstellung von menschlicher Freiheit kann man auch als Besitz ergreifende Vernunft bezeichnen. Von daher kann die Wachstumsfrage nicht losgelöst von der jeweiligen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung gesehen werden.</p>
<p>Neben der Naturbeherrschung war Besitz (auch der Natur) ein zentrales Thema der europäischen Moderne. Bereits in der Entstehungszeit zeigt sich auch hier eine tiefgehende Ambivalenz: Zum einen steht das Streben nach Besitz in einem engen Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus, zum anderen bezieht es sich auf den neu entdeckten Gedanken der Freiheit der Menschen. In der puritanischen Gewinnsucht des frühen Kapitalismus zeigte sich bereits eine &#132;Eigentumsbessenheit&#148; (Eric Voegelin), Sie war eine wichtige Vorstellung schon in der damaligen Zeit, denn Besitzergreifung und Besitzvermehrung wurden als Zeichen für die Erwähltheit des Menschen durch Gott verstanden. Diese freiheitliche Besitzmehrung führte zum Streben nach &#132;Immer mehr&#148; und vor allem nach einem &#132;Immer mehr Haben&#148;. Wachstum wurde zu einer zentralen Leitidee für Fortschritt. Fortschritt war zuerst das Wachstum der äußeren Dinge, während die moralische Befreiung des Menschen, die Humanität verwirklichen sollte, an Bedeutung verlor. Fortschritt wurde zu einem &#132;Immer mehr&#148;, &#132;Immer weiter&#148; und &#132;Immer schneller&#148;. Ins Zentrum rückten die notwendigen Maschinen &#151; von der Dampfmaschine bis zu Computerzeitalter &#151; zur Ausweitung und Beschleunigung aller Prozesse. Wachstum wurde zu einer Ersatzreligion, die Niklas Luhmann als &#132;Suggestion&#148; bezeichnete.</p>
<p>Das macht deutlich, wie sehr die Fixierung auf Wachstum die Maßstäbe verschoben hat. Deshalb konnte sich nach dem Zusammenbruch der staatswirtschaftlichen Gesellschaftsexperimente fast überall auf der Welt die irrige Vorstellung durchsetzen, dass hohe Wachstumsraten am ehesten durch die Entfesselung des Kapitals und die Radikalisierung der Marktbeziehungen zu erzielen seien.</p>
<p>Doch die Beschleunigung hat nicht, wie die große Hoffnung war, überall mehr Freiheit und Wohlstand gebracht. Das Ergebnis ist auch Ungleichheit und Unsicherheit, Zeitdruck, Zeitnotstand und Entleerung der sozialen und kulturellen Beziehungen.Die Moderne ist immer tiefer in Abhängigkeit vom Wachstum geraten. Mehr noch: Heute stellt sich die Frage, ob der Kapitalismus ohne Akkumulation überlebensfähig ist? Wachstumsentschleunigung ist das Gebot der Stunde. Dafür müsste im Hinblick vor allem der &#132;Zeitverbrauch&#148; reduziert werden. Bereits im 18. Jahrhundert gab es Ideen für eine zeitsparende Effizienz, bis 1765 James Watt mit der Dampfmaschine die Voraussetzung für eine allumfassende Beschleunigung erfunden hat. Weitere Maschinen folgten: das Auto, das Flugzeug, sogar die Rakete. Die Grenzen in Zeit und Raum wurden radikal überwunden.</p>
<p>Hinzu kommt, dass der Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung trotz einer steigenden technischen Effizienz explosionsartig zunehmen, seit der industriellen Revolution eine exponentielle Kurve angenommen haben. Und der Trend ist ungebrochen. Beim Klimaschutz haben in den letzten zehn Jahren die Wärme stauenden CO2-Emissionen trotz des UN-Kyoto-Vertrages zum Klimaschutz um ein weiteres Drittel zugenommen. Der Trend ist ungebrochen. Auch die Steigerung der Energie- und Ressourcenproduktivität bleibt deutlich hinter der Steigerung der Arbeitsproduktivität zu-rück, obwohl technisch auch eine andere Entwicklung möglich wäre. Doch bis heute gibt es keine konsequente Strategie der Entkoppelung und Reduktion des Naturverbrauchs vom Wirtschaftswachstum. Vor allem die großen, marktbeherrschenden Konzerne sind parasitäre Unternehmen, die die Zukunft auszehren. So besteht die Gefahr der ökologischen Selbstzerstörung (Siegfried Lenz).</p>
<h5>Die gro&szlig;e Trans&shy;for&shy;ma&shy;tion 2.0</h5>
<p>Natürlich waren die großen Ideen der Aufklärung &#150; vor allem Emanzipation und Freiheit, Pluralismus, Toleranz und Demokratie &#150; wertvolle Errungenschaften. Sie sind das große europäische Erbe, das wir verteidigen, aber auch neu fundieren müssen. Doch die &#132;durchforschte Welt&#148; erweist sich als immer komplizierter, ökonomischer und undurchschaubarer, immer weniger verstehbar und gestaltbar &#150; die Funktionsfähigkeit ihrer Systeme wurde abhängig vom Wachstum. Deshalb muss das europäische Erbe auf neuen Wegen bewahrt werden, die sich nicht länger den Zwängen der Beschleunigungs- und Expansionsmaschine unterordnen müssen.</p>
<p>Mit einem Paukenschlag, der düsteren Weltprognose von Denis Meadows für den Club of Rome am Beginn der siebziger Jahre, wurden die Limits of Growths zu einem öffentlichen Thema. Zwar hatte zehn Jahre vorher Rachel Carson im stummen Frühling die weltweite Vergiftung der Natur beschrieben und vier Jahre zuvor auch der Richta-Report aus Prag mehr Lebensqualität gefordert. Doch erst mit der Botschaft aus den Rechenmaschinen des amerikanischen MIT wurde die alte Idee des Fortschritts erschüttert.Nicht allein die ökologischen Grenzen sondern auch die ökonomischen Krisen des Wachstums wurden sichtbar. 1973 kam das Ende der Bretton-Woods-Ära. Die alte Weltwirtschaftsordnung brach zusammen, weil die USA, um die Kosten des Vietnam-Krieges zu bezahlen, die Vorrangstellung des Dollars nutzten um dies auf andere Länder abzuwälzen.</p>
<p>Um den sinkenden Wachstumsraten ihrer Volkswirtschaften entgegenzuwirken, setzten die USA und Großbritannien in den letzten drei Jahrzehnten auf Neoliberalismus und Finanzkapitalismus. Vorbei war die Epoche, in der ein hohes wirtschaftliches Wachstum mit einem Ausbau des Sozialstaates verbunden wurde. Auch kam es nicht zu der überfälligen sozialökologischen Wende.</p>
<p>Dabei gab es zahlreiche Arbeiten, in denen das Wechselverhältnis zwischen Mensch und Natur neu bestimmt wurde, zum Beispiel Mesarovic/Pestel 1974; Tinbergen 1974; Pestel 1988; Global 2000; von Weizsäcker 1997 und 2010. Sie belegen, dass es sehr wohl Möglichkeiten für ein entschlossenes Umsteuern gibt. Doch eine solche Politik der &#132;Rückkehr zu einem menschlichen Maß&#148; wurde bisher nicht in Gang gesetzt. Im Gegenteil: Nach den siebziger Jahren, in denen klar wurde, dass ungebremstes Wachstum nicht nur die Chancen der Kinder aufzehrt, sondern schon den Wohlstand der Eltern, kam es erst einmal zu einer Verdrängung der Herausforderungen.</p>
<p>Heute, wo das Thema Grenzen des Wachstums in einer neuen und zugespitzten Form auf der Tagesordnung gekommen ist, ist die Gefahr noch immer groß, dass in der Abhängigkeit von dem &#132;überwältigenden Zwang&#148; des Wachstums, dem mächtigen &#132;Triebwerks der modernen Wirtschaftsordnung&#148; (Max Weber), dem sich &#132;niemand entziehen kann&#148;, Immanuel Kants programmatische Vorstellung, die Überwindung der Unmündigkeit; zu einer uneinlösbaren Utopie wird.</p>
<h5>Okono&shy;mi&shy;sie&shy;rung im Denken und Handeln</h5>
<p>Der finanzmarktgetriebene Kapitalismus ist nicht vereinbar mit Null-Wachstum oder Degrowth. Seine Software stürzt ab, wenn das Wachstum stockt. In den letzten zwei-hundert Jahren ist es zu einer immer stärkeren Ökonomisierung im Denken und Handeln gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist die Maßzahl, mit der nicht nur Produkte und Dienstleistungen bewertet werden, sondern auch Wohlstand, Leistungskraft und Zukunftsstärke einer Gesellschaft. Es entscheidet über Ansehen, Zahlungsfähigkeit und Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft. Wenn das Wachstum sinkt, schrillen die Alarmglocken. Weil nur das zählt, was einen Preis hat, drohen alle jene Produkte und Stoffe aus dem Gesichtskreis zu verschwinden, die keinen Preis und damit keinen Gebrauchswert haben. Und der Gebrauchswert ist der Träger von Wert. Werte, die keine Gebrauchswerte sind, werden aus dem monetären Kalkül möglichst externalisiert. Folglich findet, wie Elmar Altvater herausgearbeitet hat, beides zugleich statt: die qualitative Entwicklung der Gebrauchswertproduktion und das quantitative Wachstum im Verwertungsprozess des Kapitals. Darüber vollzieht sich auch die erweiterte Reproduktion des Kapitalverhältnisses und damit die vorherrschende Regulation in der Entwicklung der Gesellschaft. Das schließt das Nicht-Verhältnis zur Natur ein.</p>
<p>Von daher ist Wachstum die entscheidende Größe zur Stabilisierung der hergebrachten wirtschaftlichen Ordnung. Eine Wachstumsschwäche geht weit über eine ökonomische Herausforderung hinaus, sie wird zum Notfall der Gesellschaft und zur Frage, ob Strukturreformen möglich werden, die im Konflikt mit der heutigen Wirtschaftsordnung stehen. In diesem alten Denken ist Wachstum auch der Grund, warum dem Finanzsektor so viel Freiheit eingeräumt wurde und warum alles getan wird, die Finanzmärkte zu stützen. Diese Abhängigkeiten sind im System begründet.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund sind Ängste und Warnungen vor einer Degrowth-Strategie zu sehen. Aber wir kommen an der Tatsache tendenziell abnehmender Wachstumsraten nicht vorbei. Die Debatte über eine Postwachstumsgesellschaft ist keine modische Frage, die sich nur besser verdienende Mittelschichten leisten können. Sie ist zur harten Realität geworden. Deshalb geht es darum, sich .dieser Wirklichkeit zu stellen und zu einem neuen Modell des Fortschritts und zu neuen Maßstäben des Wohlstands zu kommen. Die Ökonomie muss wieder &#132;eingebettet&#148; werden &#151; in feste soziale und ökologische Bindungen. Das muss sowohl programmatisch als auch beispielgebend in wichtigen Einzelfeldern geschehen. Und dabei müssen auch die Systemfragen aufgezeigt werden. Für eine solche ökologische Wende sind acht Wegmarken zentral:</p>
<ol>
<li>Die Jahrhundertidee der Nachhaltigkeit muss aus ihrer inzwischen fast beliebigen Interpretation herausgeholt und als regulatives Prinzip konkretisiert werden. Grundlage ist die &#132;Fernstenliebe&#148; (Hans Jonas) als Maßstab politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen. Eine &#132;verbürgte Nachhaltigkeit&#148; ist eine zeitgemäße Ethik des Bewahrens und der Vermeidung sozialer und ökologischer Schäden, ohne die technisch-ökonomische Dynamik der Gestaltung aufzugeben, die Demokratie und Gerechtigkeit brauchen.</li>
<li>Wir brauchen ein Naturverständnis, das nicht anthropozentrisch ist und die Natur nur als Umwelt versteht, sondern sie als natürliche Mitwelt begreift.</li>
<li> Eine drastisch erhöhte Stoff- und Energieeffizienz ist die Brückentechnologie in<br />die Solar- und Kreislaufwirtschaft. Wir brauchen nicht nur eine solare Wirtschaft, sondern auch die 2.000-Watt-Gesellschaft.</li>
<li>Unverzichtbar ist ein kultureller Wandel, der neue Formen von Demokratie, Wohlstand und Lebensqualität begründet. Dazu zählen ein Zeitwohlstand und ein qualitativ besseres Leben, statt immer mehr haben zu wollen.</li>
<li> Wir brauchen neue Formen von Verteilungsgerechtigkeit, gute Arbeit und armutsfeste Sozialsysteme, die nicht abhängig sind von einem hohen Wachstum. Ein neuer<br />Fortschritt stellt unbedingt die Frage nach einem neuen Typus der Reichtumsverteilung in einer Kultur der Freiheit.</li>
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<li>Die Ausweitung von Demokratie, Mitbestimmung und Teilhabe vor allem in der Wirtschaft, um die Kreativität und Mitverantwortung der Menschen für den sozialökologischen Umbauprozess zu fördern.</li>
<li>Eine Sicherung und Stärkung der öffentlichen Güter und des Staates, insbesondere von Bildung, sozialer Sicherheit und Kultur, um die Zivilgesellschaft zu aktivieren.</li>
<li>Eine Europäische Union der Nachhaltigkeit, damit Europa in der Globalisierung eine gestaltende Rolle spielt und das Erbe der europäischen Kultur bewahrt.</li>
<p><b>Literatur</b></p>
<p><i>Adorno, Theodor W.</i> (1997): Gesammelte Schriften.<br /><i>Adorno, Theodor W./Max Horkheimer</i> (1944): Dialektik der Aufklärung. <i>Altner, Günter </i>(1991): Naturvergessenheit.<br /><i>Altvater, Elmar</i> (2011): Nullwachstum und (oder) die Welt geht unter. <i>Bacon, Francis</i> (1597): Meditationes sacres.<br /><i>Bacon, Francis</i> (1627): Nova Atlantis.<br /><i>Benjamin, Walter </i>(1977): Über den B egriff der Geschichte.<br /><i>Bunyan, John</i> (1678): Pilgrim&#8217;s Progress.<br /><i>Carson, Rachel </i>(1962) Der stumme Frühling.<br /><i>Cark, William </i>(2001): Learing to manage global environmental risks. <i>Daly, Herman</i> (1977): Steady-State Economics.<br /><i>Descartes, Rene</i> (1637) Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs.<br /><i>Diamond, Jared</i> (2005): Kollaps.<br /><i>Elias, Norbert </i>(1939): Über den Prozess der Zivilisation.<br /><i>Epikur </i>(2005): Wege zum Glück.<br /><i>Foster, John Bellamy</i>.(2010): Capitalism and Degrowth.<br /><i>Foucault, Michel </i>(1993): Wahnsinn und Gesellschaft.<br /><i>Gadamer, Hans-Georg </i>(1976): Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft.<br /><i>Global 2000 </i>(1998): Bericht an den Präsidenten.<br /><i>Habermas, Jürgen </i>(1962): Strukturwandel und Öffentlichkeit.<br /><i>Hauff, Volker</i>(1987) Unsere Gemeinsame Zukunft.<br />Hegel, Georg Friedrich Wilhelm (1970): Phänomenologie des Geistes.<br />Hirsch, Fred (1980); Die sozialen Grenzen des Wachstums. Hobsbam, Eric (1994): Das Jahrhundert der Extreme.<br />Hoeck, Wilhelm (1997): Die Entdeckung des Ich. Horkheimer, Max (1991): Gesammelte Schriften.<br />Hume, David (1748): Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand.<br />Kant, Immanuel (1784): Was ist Aufklärung?<br />Locke, John (1690) An Essay concerning Humane Understanding.<br />Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft.<br />Meadows, Dennis (1972): Die Grenzen des Wachstums.<br />Mihajlo Mesarovic/Eduard Pestel (1974): Menschheit am Wendepunkt.<br />Meyer-Abich, Klaus Michael (1990): Aufstand für die Natur.<br />Nietzsche, Friedrich (1884): Nachlass.<br />Polanyi, Karl (1978) Die große Transformation.<br />Pestel, Eduard (1988): Jenseits der Grenzen des Wachstums.<br />Richta, Radovan (1968): Zivilisation am Scheideweg.<br />Rockström, Johan et. al. (2009): A safe Operating Space for Humanity.<br />Rousseau, Jean-Jacques (1750): Abhandlung über die Wissenschaften und Künste.<br />Scherhorn, Gerhard (2009): Geld soll dienen.<br />Schneiders, Werner (1997): Das Zeitalter der Aufklärung.<br />Schumpeter, Joseph (1908): Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie.<br />Simonis, Ernst Udo (1986): Ökologie und Ökonomie.<br />Smith, Adam (1776): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations.<br />Stephan, Karl/Franz Mayinger (1998/99): Thermodynamik. Störig, Hans Joachim (1950): Weltgeschichte der Philosophie.<br />Strasser, Johano (2005): Fortschritt: Vieldeutigkeit und Wandelbarkeit eines Schlüsselbegriffs.<br />Tinbergen, Jan (1974): The dynamics of business cycles.<br />Touraine, Alain (1072): La Production de la Societe.<br />Voegelin, Eric (1975): From Enlightment to Revolution.<br />Weber, Max (1919): Wissenschaft als Beruf.<br />Weber, Max (1904): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.<br />Von Weizsäcker, Ernst Ulrich (2010): Faktor Fünf.<br />Welsch, Wolfgang (1996): Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik. Wissenschaft &#038; Umwelt (2009): Nachhaltiges Wachstum?<br />Zinn, Karl Georg (1980): Die Selbstzerstörung der Wachstumsgesellschaft.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/195-vorgaenge/publikation/an-der-schwelle-zur-postwachsturmsgesellschaft/">An der Schwelle zur Postwachsturmsgesellschaft</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Das Zukunftsprojekt für die Linke</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2005 15:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nachhaltigkeit als Impulsgeber und Leitidee aus: Vorgänge Nr. 171/172 ( Heft 3/4/2005), S.77-85 Wir haben gewonnen. Womöglich haben wir auch gar nicht gewonnen.Vielleicht haben die anderen bloß verloren.Oder vielleicht fangen unsere Schwierigkeiten jetzt erst an,nachdem die Fesseln des ideologischen Konflikts abgestreift sind.Lohn LeCarre Antonio Gramsci hat Recht gehabt: Alles hat ein Innen und ein Außen. [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/171-172/publikation/das-zukunftsprojekt-fuer-die-linke/">Das Zukunftsprojekt für die Linke</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nachhaltigkeit als Impulsgeber und Leitidee</p>
<p>aus: Vorgänge Nr. 171/172 ( Heft 3/4/2005), S.77-85</p>
<p><i>Wir haben gewonnen. Womöglich haben wir auch gar nicht gewonnen.<br />Vielleicht haben die anderen bloß verloren.<br />Oder vielleicht fangen unsere Schwierigkeiten jetzt erst an,<br />nachdem die Fesseln des ideologischen Konflikts abgestreift sind.<br />Lohn LeCarre</i></p>
<p>Antonio Gramsci hat Recht gehabt: Alles hat ein Innen und ein Außen. Die Macht der Herrschenden ist immer auch die Ohnmacht der Beherrschten. In der Moderne war es die politische Linke mit ihren Konzepten von Emanzipation, die soziale Reformen vor-angetrieben hat. Mit ihr ist die Idee des gesellschaftlichen Fortschritts verbunden, des-sen Fundament in den vergangenen Jahrzehnten der nationalstaatlich organisierte Sozialstaat, hohe Wachstumsraten und sozialer Korporatismus etwa in Gestalt der antagonistischen Kooperation war. Mit der Entfesselung der Globalisierung, der entgrenzenden Dynamik der Informations- und Kommunikationstechnologien und dem Aufkommen des Postliberalismus ist das Modell des Rheinischen Kapitalismus, das auf einem Klassenkompromiss beruhte, ins Rutschen geraten. Weltweit dominiert heute ein angloamerikanischer Individualkapitalismus, der mit seiner Wirtschafts- und Unternehmensverfassung die soziale Marktwirtschaft in die Defensive gebracht hat.</p>
<p>Die politische Linke hat diese Entwicklung, die nicht nur ein Kampf um die Weltordnung ist, sondern auch tiefe Einschnitte im Inneren der Gesellschaften zur Folge hat, schon frühzeitig beschrieben und beklagt, aber faktisch keine Konsequenzen daraus gezogen. Sie hat sich, beispielhaft an der Linkspartei zu sehen, im Protest erschöpft und an die Stelle einer die Realität verändernden Strategie auf eine nostalgische Beschwörung der Vergangenheit beschränkt. So gehört es zu den Widersprüchen unserer Zeit, dass die politische Linke gerade heute, wo die soziale Frage in aller Schärfe zurückkehrt, in eine tiefe kulturelle Krise geraten ist. Das Gespenst der Zersplitterung ist real.</p>
<p>Die politische Linke ist nur dann stark und auf der Höhe der Zeit, wenn sie eine überzeugende Deutung der Ursachen heutiger Konflikte und Krisen anbietet und die Frage beantwortet, wie heute &#8211; unter den Bedingungen weltweit offener Märkte &#150; sozialer Fortschritt möglich ist. Diese Herausforderung richtet sich zuerst an die politische Linke in der Sozialdemokratie. Das wird wiederum darüber entscheiden, ob die SPD ei-ne Mehrheit der linken Mitte schaffen und eine Perspektive über die große Koalition hinaus entwickeln kann. Das erfordert zuerst eine umfassende Bestandsaufnahme.</p>
<h5>Die Chancen f&uuml;r den Fortschritt erkennen</h5>
<p>Unsere Welt befindet sich in einer neuen Gründerzeit &#151; mit allen Risiken, die sich aus den marktradikalen Umbrüchen in die globale Epoche ergeben, aber auch mit den großen Chancen, die sich aus dem Zusammenwachsen, der kulturellen Vielfalt und den neuen technologischen Möglichkeiten ergeben. Mit der Globalisierung, den offensichtlich gewordenen Grenzen der natürlichen Ressourcen und der heraufziehenden Wissensökonomie steht die Menschheit an der zweiten großen Wegscheide seit der industriellen Revolution. An diesem Punkt der Geschichte liegen Fortschritt und Rückfall eng zusammen.</p>
<p>Gewaltige Herausforderungen, aber auch große Möglichkeiten für eine soziale und ökologische Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft sind die beiden Seiten dieser Gründerzeit. Es ist eine Zeit der Unsicherheit wie der Neuorientierung. Die Gefahren liegen zuerst in der Ausbreitung von Krisen und Gewalt. Sie wurden vielfach in düsteren Farben beschrieben und finden fast täglich neue Nahrung. Damit verdecken sie den Blick auf die andere Seite. Tatsächlich scheint unsere Zeit so sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass sie nur noch die Probleme der Gegenwart sieht. Dagegen werden die Möglichkeiten der Zukunft kaum erkannt.</p>
<p>Dabei gibt es viele Ansatzpunkte für neuen Fortschritt. Vorrangig ist es die Aufgabe der Linken, Programme und Ideen für eine soziale und ökologische Umgestaltung der globalisierten Welt aufzuzeigen, für eine friedliche und demokratische Weltordnung. Doch die Linke erscheint wie gelähmt, als ob sie in der untergegangenen Welt der Nationalstaaten, in der sie mit der ldee der sozialen Demokratie große Verdienste erreicht hat, stecken geblieben ist. Jedenfalls gibt es einen unübersehbaren Widerspruch zwischen den Analysen und Beschreibungen der Globalisierung und der praktischen Politik. So konnte sich in den letzten beiden Jahrzehnten ein plumpes ökonomisches Einheitsdenken durchsetzen, das nur die Privatisierung und Ökonomisierung der Welt gelten lässt. Kurz: Die Linke hat die richtigen Wertvorstellungen und Ziele, denn die Idee der sozialen Demokratie ist wichtiger denn je, aber die Konzepte ihrer Umsetzung sind oftmals nicht auf der Höhe der Zeit.</p>
<p>Die große Idee der Nachhaltigkeit eröffnet den Weg zu einem neuen Fortschritt. Doch statt sich seiner Gestaltung zu widmen, dominiert ein altes Denken, das in der Gegenwart lähmt und die Zukunft blockiert. Von daher brauchen wir mehr Aufklärung in Politik und Gesellschaft und die Kraft zur sozialen Erneuerung, denn das bisherige Modell der sozialen Marktwirtschaft, das in unserem Land erfolgreich Beschäftigung, Wohlstand und Fortschritt miteinander verknüpft hat, ist erschöpft. Die Konsequenz aus der Implosion der alten Ordnung kann nur heißen, neue soziale und ökologische Konzepte der Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft zu erproben und praxistauglich zu machen.</p>
<p>Die Chancen sind da. Die knappen Faktoren der Zukunft werden nämlich Innovationen, Wissen und Ideen sowie Umweltgüter, Energie und Rohstoffe sein und nicht &#151; wie in der Ideologie des<i> Shareholder Values </i>&#151; der Kanitalmarkt. In der Wissensgesellschaftwird politische Gestaltung wieder stärker möglich. So stehen wir zum Beispiel vor einer Effizienzrevolution bei der Nutzung von Rohstoffen &#151; und ermöglichen damit eine Verlagerung der Produktivitätssteigerung vom Faktor Arbeit auf den Faktor Material. Dadurch lassen sich mehr Wohlstand, Beschäftigung und Umweltschutz verwirklichen &#151; national, europäisch und global. Gesellschaften und Volkswirtschaften, die auf den Feldern Wissensökonomie und Ressourcenwirtschaft eine Vorreiterrolle einnehmen, werden künftig eine führende und gestaltende Rolle haben.</p>
<p>Das erfordert politische Reformen, die von der Linken ausgehen und begründet wer-den müssen. Denn das dominierende Modell des quantitativen Wachstums kann nur um den Preis ökologischer Katastrophen durchgehalten werden und es spaltet die Gesellschaften. Die Internationalisierung produziert Instabilität und Krisen, soziale Ausgrenzung nimmt zu, ein ungezügelter Markt vernichtet unersetzliche Lebensgrundlagen, die Staatsbürgergesellschaft ist nicht immun gegen Nationalismus und Fundamentalismus. Neue Formen von Gewalt und Terror drohen zum Kainsmal der zusammenwachsenden Welt zu werden. Deshalb muss die Linke die zentrale Frage beantworten: Wie kann in einer Welt, deren Entwicklung von einem entfesselten Markt gesteuert wird, wirtschaftliche Leistungskraft, soziale Demokratie und ökologische Verträglichkeit miteinander verbunden werden? Kurz: Wie ist heute Fortschritt möglich?</p>
<h5>Eine linke Ortsbe&shy;stim&shy;mung</h5>
<p>Tatsächlich befinden wir uns in einem schwierigen Suchprozess. Es geht darum, wie die Globalisierung den Versprechungen der Moderne gerecht werden kann. Denn mit dem epochalen Wandel von der sozialstaatlichen Regulierung in einen postliberalen, marktabhängigen Kapitalismus ist der alte Sozialvertrag erschöpft, der den westlichen Industriegesellschaften in den letzten fünfzig Jahren Stabilität und Sicherheit, Zusammenhalt und Wohlstand gebracht hat. Mit der Globalisierung ist der alte Wirkungszusammenhang zwischen Nationalstaat, Wachstum und Arbeitsgesellschaft zerbrochen. Mehr noch: Das bisherige Modell ist nicht nur aus ökologischen Gründen, wegen der Überlastung der Stoffkreisläufe, untauglich. Schon das ist ein gravierender Einschnitt, denn seit der industriellen Revolution ist die Entfaltung der Produktivkräfte Wirtschaft und Technik, die mit einem steigenderi Einsatz von Energie und Rohstoffen verbunden ist, eine entscheidende Grundlage für die Befreiung aus wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Abhängigkeiten. Dies war mit einer gewaltigen Ausplünderung des Naturkapitals verbunden, die heute, wo schon bald vier bis fünf Milliarden Menschen unter industriellen Bedingungen leben werden, selbstzerstörerisch wird. Die Basis für die Entfaltung der Massenproduktion war die intensive Nutzung von Energie und Rohstoffen.</p>
<p>Mit der Globalisierung verschmilzt die Welt zu einem einzigen Markt, ohne dass die zu seiner Domestizierung erforderlichen politischen, sozialen und ökologischen Regeln und Institutionen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig gerät die traditionelle industrielle Massenproduktion unter den Druck einer globalen, aber höchst ungleichen Konkurrenz. Die These von David Ricardo von den wechselseitigen Wohlstandsgewinn des Freihandels mag theoretisch richtig sein, die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Ohne eine entsprechende Regulierung der Märkte führen die Konzentration wirtschaftlicher Macht und die Ungleichheit der Konkurrenz in eine sich beschleunigende Spirale von Sozial- und Umweltdumping. Dadurch werden scheinbar gesicherte Kategorien, gefestigte Erwartungen und bewährte Institutionen erneut mit derselben Rücksichtslosigkeit weggespült, wie das mit den &#132;Ewigkeiten&#148; vergangener Epochen geschehen ist.</p>
<p>Überall werden die sozialen und ökologischen Grenzen des Wachstums deutlich. Was in den Anfangsjahren des Club of Rome noch als akademische Debatte abgetan wurde, zumindest &#151; wie die These der Forschungsgruppe von Dennis Meadows aus dem Jahr 1972 über die Grenzen des Wachstums durch Bevölkerungswachstum und Ressourcenverbrauch &#151; umstritten war, ist nicht mehr zu leugnen. Der alte Fortschritt, organisiert über hohes und stabiles Wachstum, ist vorbei. Soziale Ungleichheiten verschärfen sich, der Verteilungskampf spitzt sich zu, ökologische Gefahren sind unübersehbar. Obwohl die Herausforderungen größer geworden sind und von daher mehr politische Gestaltung erfordern, verliert die Politik an Zustimmung und Kraft. Mit dem Ende der zweigeteilten Welt setzte sich nämlich eine postliberale Ideologie durch. Es kam zur Delegitimierung der Gerechtigkeitspolitik, die im 20. Jahrhundert in der ldee des Sozialstaates konkretisiert worden war.</p>
<p>Es gibt keinen evolutionären Selbstlauf für eine Fortentwicklung der Zivilisation. Fortschritt muss immer neu erkämpft werden. Die Janusköpfigkeit der Moderne bestätigt das pessimistische Diktum von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die eine Besinnung auf die destruktive Seite des Fortschritts gefordert haben. Tatsächlich hat die Menschheit am Beginn der globalen Epoche nicht nur einzigartigen Reichtum und gewaltiges Wissen angehäuft, sie ist auch mit neuen Risiken und Gefahren konfrontiert, die Gewalt produzieren und sogar die ökologische Selbstzerstörung denkbar machen. Die sozialen Ungleichheiten und gesellschaftlichen Ungleichzeitigkeiten lösen Gegenreaktionen aus, die destruktiv sind, Gewalt auslösen und unkontrollierbar werden können.</p>
<p>Je mehr die Entwicklung der Gesellschaften von der Unordnung auf den Finanz-märkten, der Konzentration ökonomischer Macht, technologischer Arbeitslosigkeit und einem post-liberalen Individualkapitalismus geprägt wird, desto weniger scheint es noch einen gangbaren Pfad der Modernisierung zu geben. In dieser Zeit der Unsicherheit und Ungewissheit gibt es keine fertigen Regeln, ein Verzicht auf gestaltende Politik wäre unverantwortlich. Umbrüche und &#132;Systemübergänge&#148; brauchen neue politische Konzepte, die sich an sozialen Werten und demokratischen Normen orientieren. Ein allgemein akzeptiertes Vorgehen, das die Erwartungen an ein gutes Leben für alle erfüllt, existiert nicht.</p>
<h5>Gegen das &ouml;konomische Einheits&shy;denken</h5>
<p>Wir leben jedoch nicht nur in einer Welt voller Unruhe, sondern auch der Ignoranz und Genusssucht. Das erschwert, Reformnotwendigkeiten zu begreifen und solidarisch anzugehen. Das Ende des Kalten Krieges wurde im &#132;siegreichen Westen&#148; zu einer Zeit der Überheblichkeit, begleitet vom Triumphzug der Global Players in Wirtschaft, Finanzen, Dienstleistungen und Medien. Statt auf die wirtschaftlichen Herausforderungen mit einer Modernisierung der Politik zu antworten, legte sich wie Mehltau ein ökonomisches Einheitsdenken über die politische und öffentliche Debatte.</p>
<p>Dieses pensee unique, das Einheitsdenken (Le Monde) will keine Alternativen gelten lassen. Es erhebt einen universellen Anspruch und ist doch nur Ausdruck der alleinigen Interessen des Finanzkapitals, das seit Mitte der 1970er Jahre zum Motor der Globalisierung wurde. Während bis dahin die Wirtschaftstheorie, beeinflusst durch John Maynard Keynes, die &#132;Gesellschaftskonformität&#148; ökonomischer Entscheidungen durchaus beachtet hat, zählt in der post-liberalen Ideologie nur noch die &#132;Marktkonformität&#148;. Der strategische Hebel ist nicht die Modernisierung von Gesellschaft, Staat und Demokratie, sondern die Radikalisierung des Marktprozesses und damit Privatisierung, Flexibilisierung, Vorrang der Finanzmärkte, Kürzung der Sozialleistungen sowie Rückzug des Staates. Die Behauptung, hierin liege die Voraussetzung für mehr Wohlstand und Beschäftigung, hat sich nicht bewahrheitet.</p>
<p>Die Internationale des Kapitals setzte dieses Einheitsdenken durch, auch in den Institutionen der übernationalen und globalen Wirtschaft wie IWF, Weltbank, WTO oder OECD, die sich als Türöffner für die Privatisierung der Welt betätigen. Dieses Dogma, das bereits in den Arbeiten von Friedrich von Hayek, Richard Weaver oder Milton Friedman Mitte der 1940er Jahre aufgetaucht war, lange Zeit jedoch nur eine extreme Minderheitsmeinung blieb, bekam in den letzten zwanzig Jahren starken Auftrieb, zu-mal die Regulierungsformen der Nachkriegszeit in die Krise gerieten. So wurde die Idee der sozialen Demokratie von zwei Seiten in die Zange genommen: Zum einen hebelte die globale Entgrenzung von Zeit und Raum den Sozialstaat aus, der an den Nationalstaat gebunden war. Das wurde nach 1975 noch verschärft durch den Zerfall der alten Weltwirtschaftsordnung, deren Grundlagen 1944 in Bretton Woods geschaffen worden waren. Zum anderen diktiert seit dieser Zeit die Wall Street weltweit eine Wirtschafts- und Unternehmensverfassung, die sich unter dem Druck der Kapitalmärkte am Ziel kurzfristiger Renditen orientiert. Dafür nutzt sie die mit der Globalisierung verbundenen Zwänge zur Kompatibilität von wirtschaftlichen Institutionen, Entscheidungen und Prozessen &#151; zu Lasten von Innovationen, Beschäftigung, Umwelt und Sozialordnungen.</p>
<p>Das Finanzkapital dominiert über die Politik. Die soziale Demokratie wurde geschwächt und damit die (west-)europäische Idee von Gesellschaft, die lange Zeit erfolgreich Zusammenhalt, Vielfalt und Freiheit garantiert hat. Der Rheinische Kapitalismus wurde demontiert, der seit den fünfziger Jahren in Westdeutschland den Interessenaus-gleich zwischen Kapital und Arbeit möglich gemacht hatte. Solange es kein europäisches Gegenmodell zum angelsächsischen Kapitalismus gibt, das stark genug ist, sich gegen diese ökonomischen Zwänge zu behaupten, steht gerade der Exportweltmeister Deutschland mit seinen vielfältigen außenwirtschaftlichen Beziehungen unter einem hohen Anpassungsdruck an Globalisierung und Postliberalismus.</p>
<p>Die Weltwirtschaft orientiert sich an den Vorgaben der Wall Street, die mit dem so genannten Washington-Konsens den Gesellschaften Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung aufzwingt. Öffentliche Güter wie Umwelt, Bildung oder soziale Sicherung, die im Interesse des Allgemeinwohls stehen, werden privatisiert. Kurzfristige Gewinne und spekulative Erwartungen prägen wirtschaftliches Handeln. Dadurch bildet sich eine Arbitrage-Ökonomie heraus, wirtschaftliche Aktivitäten spielen sich verstärkt auf der Zirkulationssphäre ab. Dort werden Preis- und Zinsdifferenzen, die Bewegungen von Aktien- und Wechselkursen in Raum und Zeit sowie die Unterschiede in der Sozial-und Umweltgesetzgebung für schnelle Gewinne ausgenutzt. Das Regime des globalen Kapitalismus orientiert sich in allen Bereichen am schnellen Kosten-Nutzen-Kalkül. Weltweit breiten sich neue und alte Formen von Gewalt aus &#151; nicht nur Terror und Krieg als Folge struktureller Gewalt durch soziale Ungleichheiten, kulturelle Identitätskrisen und wirtschaftliche Abhängigkeiten, sondern auch die vom Menschen verursachte Klimaänderung, Wüstenbildung oder Wasserknappheit.</p>
<p>In der globalen Welt wird eine Dezivilisierung denkbar. Die soziale Bändigung von Gewalt wird zur zentralen Aufgabe der Politik. Tatsächlich findet nämlich auf den Weltmärkten ein unerklärter Wirtschaftskrieg statt, der auf alle Unternehmen und Volkswirtschaften zurückwirkt. Die globale Durchsetzung einer Wirtschaftsordnung, die vornehmlich den Interessen eines Landes dient, ist ein strategisches Instrument, um Wettbewerbsvorteile zu sichern und zu erzielen. In dieser Hardware funktioniert die Software der sozialstaatlichen Demokratie nicht. Das neue Betriebssystem ist das Regime der flexiblen Anpassung. In dieser &#132;Kultur des Kapitalismus&#148; (Richard Sennett) verschwinden die gemeinschaftlichen Voraussetzungen für Freiheit und Wohlfahrt: die res publica, die in den letzten Jahrzehnten mit Hilfe des Nationalstaates für mehr Gerechtigkeit in der Verteilung der Lebenschancen gesorgt hat &#151; der öffentliche Raum, der Staat, das Allgemeinwohl, die sozialen und zivilen Bürgerrechte.</p>
<p>Benjamin Barber verglich diese Form der Globalisierung mit einer gigantischen Affenfalle. Diese ist eine geschlossene Kiste, in der eine Kokosnuss liegt. Im Deckel ist ein Loch. Der Affe will die Kokosnuss herausholen, aber er schafft es nicht, denn das Loch ist nicht groß genug. Die Falle funktioniert perfekt. Denn der Affe zieht den Arm nicht zurück, sondern hält in seiner Gier die Nuss solange fest, bis er entweder gefangen oder verhungert ist. Er kann sich dem Reiz der Frucht nicht entziehen. Die Kommerzialisierung der Welt braucht keine Handschellen, sie vermittelt die Illusion von Freiheit und Wohlstand und doch bringt sie Ungleichheit und Spaltung. Diese Illusion ist so stark, dass kaum einer davon lassen will.</p>
<h5>Die gro&szlig;e Idee der Nachhal&shy;tig&shy;keit &#151; Leitidee des linken Projekts</h5>
<p>Zurück zur Gretchenfrage: Wie ist heute Fortschritt möglich? Die Antwort muss über-zeugend und mehrheitsfähig sein, die Gesellschaften zusammenhalten und wirtschaftliche Leistungskraft, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit miteinander verbinden. Das kann die große Idee der Nachhaltigkeit erfüllen, mit ihr wird ein neuer Zukunftsvertrag möglich. An dieser Wegscheide baut sich auch die Wissensökonomie auf. Sie eröffnet große Chancen, zumal wenn sie mit der ökologischen Modernisierung verbunden wird. Künftig wird nicht mehr das Kapital der Knappheitsfaktor sein, sondern Innovationen und menschliche Ressourcen. Mit der systematischen Einbeziehung und Vernetzung von Wissenschaft und Bildung in Produktion und Dienstleistungen werden neue Formen der Gestaltung möglich. Damit ist die Aufwertung des Menschen, seiner Arbeitskraft und seiner Fähigkeiten verbunden. Das macht ein in der Richtung verändertes Fortschreiten möglich. Allerdings sind weder Politik noch Zivilgesellschaft, weder Wirtschaft oder Wissenschaft noch Medien und auch nicht die Linke auf diese Chancen wirklich vorbereitet.</p>
<p>Die Globalisierung ist kein Schicksal, der Markt keine Naturgewalt. In diesem Sinne erfordert die &#132;Globalisierung von Gefahren durch Krieg, Chaos und Gewalt [&#8230;] eine Art ,Weltinnenpolitik`, die über den Horizont von Kirchtürmen, aber auch über die nationale Politik weit hinausreicht&#148;, so Willy Brandt bei der Vorstellung des Nord-Süd-Reports der Vereinten Nationen 1979. Diese Global Governance muss politisch implementierbar, demokratisch überzeugend und ökonomisch stark sein. Dagegen besteht die Möglichkeit nicht, die Weltwirtschaft in die nationalstaatliche Kiste zurückzustecken. Ihre Gestaltung braucht eine moderne Programmatik, die sowohl die ökonomische, soziale und ökologische Modernisierung vorantreibt, als auch eine multilaterale Ordnung aufbaut. Ein zentrales Instrument ist die &#132;Regionalisierung&#148; der Globalisierung, um zu mehr Vielfalt und einem produktiven Wettbewerb zu kommen. Entscheidend dafür ist die Kenntnis der Ursachen, Triebkräfte und Interessen, die für die &#132;Vereinheitlichung des Weltsystems und ihrer Zusammenhänge mit der dritten industriellen Revolution&#148; ausschlaggebend sind.</p>
<p>Unsere Zeit braucht die geistige Anstrengung, um die Dynamik der Evolution herrschaftsfrei zu erfassen und sie für eine moderne Wirtschaft und Gesellschaft zu nutzen. Sie ist immer dann in der Geschichte unserer Zivilisation angesagt, wenn eine neue Stufe in der Organisation von Wirtschaft erreicht wird. An diesem Punkt sind heute wir an-gelangt, um uns der ldee der Nachhaltigkeit umfassend zu öffnen. Das größte Hindernis auf dem Wege zu einer grundlegenden Erneuerung im Denken und Handeln ist der Vormarsch des alten und neuen Konservativismus, der das Gegebene einfach hinnimmt. Er verehrt die Kraft des Faktischen und beargwöhnt soziale Utopien. Fortschritt heißt bei ihm Anpassung an die technisch-ökonomischen Zwänge, Reform der Abbau sozialer und demokratischer Rechte. Dieses anti-evolutionäre Denken schwächt die Demokratie, aber es entfaltet seine Wirkung, solange keine überzeugende Alternative aufgezeigt wird. Umso mehr wird die kritische Reflexion der entfesselten Globalisierung zu einer Aufgabe der demokratischen Kultur.</p>
<p>Die Chancen für einen neuen Fortschritt sind da. Wir leben in einer Zeit einzigartiger Möglichkeiten, wenn wir die Dynamik der Evolution begreifen und für die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft nutzen. Die Welt neu einzurichten, setzt eine Theorie und Praxis voraus, die das ökonomische Einheitsdenken überwindet und soziale Gestaltungsräume erkennt und öffnet. Das verlangt sowohl ein individuelles Umdenken als auch eine gemeinschaftliche Kraftanstrengung, um die anhaltende Party auf Kosten der Natur, der Dritten Welt und künftiger Generationen zu beenden und eine zukunftsfähige Ordnung aufzubauen. Die Voraussetzung dafür ist der Dreiklang aus Erkennen, Ablösen und Neuanfang. Er führt erst zu einem veränderten kollektiven Verhalten.</p>
<p>Erkennen: Die enge Verbindung von Wachstum, Erwerbsarbeit und Sozialstaat, die in den letzten Jahrzehnten die westdeutsche Gesellschaft geprägt hat, ist zerbrochen und lässt sich in der bisherigen Form auch nicht wieder herstellen. Sie ist nämlich an die Handlungsfähigkeit des Nationalstaats, an ein hohes Wachstum und an einen breiten sozialen Korporatismus gebunden, die es so nicht mehr geben wird.</p>
<p>Ablösen: Weder die alte Ordnung noch die post-liberale Wirtschafts- und Unternehmensverfassung, die den Ausgleich der sozialen Interessen zwischen Kapital und Arbeit als schädlich für Wachstum und Wettbewerb ansieht, kann die Frage nach einem neuen Fortschritt beantworten. Notwendig ist ein neuer Weg der gesellschaftlichen Modernisierung, der auch in der Globalisierung möglich wird.</p>
<p>Neuanfang: Leitidee für einen neuen Fortschritt ist die nachhaltige Entwicklung. Sie verbindet wirtschaftliche Leistungskraft mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verträglichkeit und fördert mehr Partizipation und Demokratie. Durch gemeinsame Regeln und Prinzipien, die dennoch den Spielraum für unterschiedliches Handeln lassen, nutzen sie die Chancen der zusammenwachsenden Welt für mehr Demokratie, Zusammenarbeit und ein gutes Leben für alle.</p>
<h5>Auf dem Weg zur Weltin&shy;nen&shy;po&shy;litik</h5>
<p>Die &#132;Weltinnenpolitik&#148; (Carl-Friedrich von Weizsäcker) im Sinne der Nachhaltigkeit eröffnet mehr Freiheit, Vielfalt und Zusammenarbeit. Ihre Prinzipien sind soziale Solidarität, der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, die Bewahrung nationaler und regionaler Eigenheiten sowie die produktive Nutzung von Vielfalt und Wettbewerb. Eine solidarische Welt hat viele Gesichter, das europäische Gesicht genauso wie das asiatische, afrikanische, arabische oder lateinamerikanische Gesicht, aber jedes davon muss sich seiner globalen Verantwortung bewusst sein. Starke und selbstbewusste Weltregionen bilden auch in der globalen Dimension checks and balances heraus. Mit ihr können sich vielfältige und attraktive Modelle bilden, die positiv miteinander konkurrieren. Das ist der Kern der Nachhaltigkeitsidee, die einen qualitativ neuen Umgang mit Zeit und Raum möglich macht. Nachhaltigkeit baut vor allem auf den europäischen Reformideen auf, die noch unter den Bedingungen der zweigeteilten Welt entstanden und auch deshalb auf Verständigung, Zusammenarbeit und soziale Legitimation ausgerichtet worden sind.</p>
<p>Vieles spricht dafür, dass die Konfliktlinie der nächsten Jahre zwischen der (kontinental-)europäischen Idee der sozialen Demokratie und dem (post-)liberalen Kapitalismus anglo-amerikanischer Prägung verlaufen wird. Diese Auseinandersetzung kann Europa bestehen, wenn es zu einer Fortentwicklung des Modells der sozialen Demokratie knmmt das in den vernanuenen Jahrzehnten erfolgreich den öffentlichen und nrivaten Bereich, Markt und Planung, Staat und Unternehmen miteinander verbunden hat &#151; pragmatisch je nach Erfahrungen, Gegebenheiten und Problemlagen. Es muss heute gemäß den Zielen und Inhalten der Nachhaltigkeit internationalisiert werden.</p>
<p>Die Verwirklichung der Nachhaltigkeit ist die wichtigste Reformagenda für das 21. Jahrhundert. Sie erfüllt das Grundanliegen eines europäischen Weges, der seit Anfang der 1990er Jahre diskutiert wird: Die Verwirklichung von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität für die heutigen wie für die künftigen Gesellschaften. Dieser Gestaltungsansatz einer neuen und dauerhaften Balance grenzt sich von der marxistisch begründeten Verschlechterungsthese ebenso ab wie von den substanzlosen postliberalen Verbesserungsversprechen. Nachhaltigkeit eröffnet Europa die Chance, die Idee der sozialen Demokratie zu bewahren und auch in der Globalisierung zu verwirklichen. Deshalb wäre es für den amerikanischen Philosophen Richard Rorty eine Katastrophe, &#132;wenn Europa sich nicht gegen ein konservatives Washington behaupten könnte&#148;. Die Linke muss den Kampf um die Köpfe aufnehmen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/171-172/publikation/das-zukunftsprojekt-fuer-die-linke/">Das Zukunftsprojekt für die Linke</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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