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	<title>Rainer Land Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Die Konstruktionsfehler der Eurozone, die QE-Programme der EZB und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 2020</title>
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		<dc:creator><![CDATA[huadminuser]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Nov 2022 14:41:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa / Internationales]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Europäische Währungs- und Wirtschaftsunion und das dazu gehörige Euro-Währungssystem haben eine Reihe grundlegender Konstruktionsfehler. Sie sind die Ursache für erhebliche Divergenzen in den Handels- und Zahlungsbilanzen, für hohe und auseinanderlaufende Arbeitslosenquoten sowie eine zunehmend ungleiche Wirtschafts- und Einkommensentwicklung in den Mitgliedsstaaten. Im Finanzsystem stehen sich gewaltige Geldvermögen auf der einen und eine wachsende Verschuldung [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/236-vorgaenge/publikation/die-konstruktionsfehler-der-eurozone-die-qe-programme-der-ezb-und-das-urteil-des-bundesver-fassungsgerichts-vom-mai-2020-fulltext/">Die Konstruktionsfehler der Eurozone, die QE-Programme der EZB und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 2020</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Europäische Währungs- und Wirtschaftsunion und das dazu gehörige Euro-Währungssystem haben eine Reihe grundlegender Konstruktionsfehler. Sie sind die Ursache für erhebliche Divergenzen in den Handels- und Zahlungsbilanzen, für hohe und auseinanderlaufende Arbeitslosenquoten sowie eine zunehmend ungleiche Wirtschafts- und Einkommensentwicklung in den Mitgliedsstaaten.</em></p>
<p><em>Im Finanzsystem stehen sich gewaltige Geldvermögen auf der einen und eine wachsende Verschuldung von Haushalten, Unternehmen und Staaten auf der anderen Seite gegenüber. Die damit verbundene Ausweitung spekulativer Geldbewegungen und Fehlallokation wirtschaftlicher Ressourcen verhindern eine effektive ökologisch und sozial ausgerichtete gemeinsame Wirtschaftsentwicklung und zerstören die Grundlagen der Europäischen Union. Sie bergen die Gefahr von Spekulationsblasen, Finanzkrisen und das Risiko eines Zusammenbruchs des Finanzsystems, beispielsweise bei Staatsinsolvenzen einzelner Mitgliedsstaaten. Mit den derzeitigen Regulationsdefiziten ist ein dauerhaftes Funktionieren des Euro-Währungssystems nicht möglich.</em></p>
<p><em>Die Europäische Zentralbank (EZB) versucht mit ihrer Geldpolitik, diese Krisen und Risiken zu kompensieren, indem sie das Zinsniveau niedrig hält und durch den Aufkauf von Wertpapieren Zentralbankgeld in die Finanzmärkte pumpt. Damit soll einerseits die Wirtschaft stimuliert werden (was nur eingeschränkt gelingt) und zugleich die Insolvenz der Länder mit defizitären Leistungsbilanzen verhindert werden, indem diesen Staaten ermöglicht wird, schuldenfinanzierte Ausgaben zu tätigen. So konnte ein Zusammenbruch des Euro-Systems verhindert werden. Die Geldpolitik der EZB kann die strukturellen Funktionsdefizite des Eurosystems jedoch nicht beseitigen, sondern nur kompensieren – und auch dies nur partiell und mit einer Reihe problematischer Nebenwirkungen. Und ob eine solche Politik, die offiziell auf die Zielinflationsrate, faktisch aber auf die Finanzierung der Staaten ausgerichtete Geldpolitik der EZB noch in deren Kompetenzbereich liegt, ist äußerst umstritten.</em></p>
<p><em>Im folgenden Beitrag beschreibt Rainer Land die grundlegenden Funktionsdefizite des Euro-Währungssystems. Anschließend skizziert er die verschiedenen Ebenen, auf denen eine weitreichende Reform des Eurosystems ansetzen müsste: die Durchsetzung einheitlicher Inflationsraten in den Mitgliedsländern der Eurozone; ein Verfahren zur Regulation der Lohnentwicklung und ein harmonisiertes Lohnstückkostenniveau in den Mitgliedsländern; eine eigene Fiskalpolitik und ein eigenes Investitionsprogramm der EU gegenüber den Mitgliedsländern; die Erweiterung der EZB-Kompetenzen als unbegrenzte Kreditgeberin für alle Staaten des Euro-Währungsgebietes (um Staatsinsolvenzen auszuschließen); die Regulation der Finanzmärkte.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">Einleitung</h3>
<p>Hat die Europäische Zentralbank mit QE<a href="#_edn1" name="_ednref1"><strong>[1]</strong></a>, den Programmen zum massenhaften Aufkauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren<a href="#_edn2" name="_ednref2"><strong>[2]</strong></a> ihre Kompetenzen überschritten? Hat sie Wirtschaftspolitik betrieben, was ihr lauf EU-Vertrag verboten ist? Hat sie das Verbot monetärer Staatsfinanzierung in unzulässiger Weise umgangen? Hat sie Staaten gerettet, indem sie die fortgesetzte Finanzierung ihrer Schulden durch Zinssenkungen ermöglicht hat, diese Staaten vor dem Druck der Finanzmärkte abgeschirmt und somit gerettet hat – obwohl man diese Staaten besser hätte Pleite gehen lassen sollen (und mit ihnen den Zusammenbruch des ganzen Euro-Systems riskieren)? Diese Fragen stellen sich in der Debatte um das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 5. Mai 2020. Aber einfach ist die Sache nicht. Die juristischen Argumente für die Position, die EZB hätte außerhalb ihres Mandats („Utra vires“) gehandelt, sind durchaus nachvollziehbar.<a href="#_edn3" name="_ednref3"><strong>[3]</strong></a></p>
<p>Eine ganze Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern sind hingegen der Meinung, dass gerade die vom BVerfG kritisierten Maßnahmen den Euro gerettet hätten –indem sie Zeit gekauft haben (Streek 2013); Zeit um die Wirtschaft nach der Krise (2007) und der anschließenden bis etwa 2014 anhaltenden Depression zu stabilisieren, Spielräume zu gewinnen, vielleicht irgendwann später die Fehlkonstruktion zu beseitigen. Man kann vermuten, dass diese Zeit ein weiteres Mal verspielt werden wird, weil die verantwortlichen Akteure, die 19 Mitgliedsstaaten, ihre Parlamente und Regierungen, die Parteien und die verschiedenen Interessengruppen sich nicht auf neue, überarbeitete und insgesamt funktionierende Regeln einigen können. Bestenfalls wird man Instrumente zur Kompensation der Dysfunktionalitäten ausbauen, nicht aber die Ursachen der Fehlentwicklung der Euro-Zone beseitigen. Dazu fehlt absehbar der nötige Grundkonsens in der europäischen Gesellschaft und ihrer politischen Klasse, es gibt keine lang- und mittelfristig ausgerichteten geteilten Ziele wirtschaftlicher Entwicklung, es dominieren divergente und unvereinbare Interessengegensätze (Wachstum versus Postwachstum, Umverteilung von unten nach oben versus oben nach unten, mehr versus weniger Steuern, mehr Regulierung versus Deregulierung usw. usf.). Zum Schisma der politischen Klasse gehört auch das Zerwürfnis in den Wirtschaftswissenschaften zwischen der dominanten neoliberalen Ideologie und der zugrundeliegenden neoklassischen Theorie (Orthodoxie) und den heterodoxen Ansätzen, die abweichende und zum Teil grundsätzlich andere Modelle, Diagnosen und Empfehlungen vertreten, aber untereinander auch sehr uneinheitlich. Das Problem: es fehlt eine übergreifende konstruktive Debatte, die aus Fehlern und Krisen mehr lernt als kompensatorische Maßnahmen. Obwohl es in den heterodoxen Richtungen eine ganze Reihe von Erkenntnisfortschritten gegeben hat, so in verschiedenen keynesianischen Schulen, der MMT (Modern Monetary Theory, vgl. Ehnts u.a.) ist die Dominanz einer neoliberalen Ideologie bedrückend: der Markt weiß es besser, der Wettbewerb ist das beste Mittel, Wachstum ist entscheidend, vor allem wird wirtschaftliche Entwicklung nicht von Wachstum unterschieden, Finanzmärkte sind effizient und dürfen nicht reguliert werden, Spekulation ist ein gutes Mittel, um korrekte Preisrelationen zu erreichen, gesellschaftlich gesetzte und politisch umgesetzte Entwicklungsziele (wie etwa eine klimaneutrale Entwicklung oder ein ökologischer Umbau) sind mit einer Marktwirtschaft unvereinbar, eine gelenkte Marktwirtschaft ist gleichzusetzen mit kommunistischer Planwirtschaft.</p>
<p>Leider ist die neoliberale Handschrift auch in den Begründungen des Bundesverfassungsgerichts zu finden, wenn es wirtschaftswissenschaftlich zu argumentieren versucht. Zum Beispiel schreiben die Richter:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><em>„</em>Die mit dem PSPP unterstützte Senkung des allgemeinen Zinsniveaus entlastet damit unstreitig die Staatshaushalte der Mitgliedstaaten (vgl. Bundesverband öffentlicher Banken Deutschlands, 3 Jahre EZB-Wertpapierankäufe, S. 38 vom 30. November 2017). Hierdurch besteht – trotz der vom Gerichtshof angenommenen „Garantien“ – die Gefahr, dass notwendige Konsolidierungs- und Reformbestrebungen nicht umgesetzt oder fortgesetzt werden (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2017/2018, S. 172 f. Dezember 2017).<em>“</em></p>
<p>Italien hätte also weiterhin exorbitante Zinsen an Finanzmarktspekulanten zahlen sollen? Hinter dieser Argumentation steckt die neoliberale Idee, dass die Staaten den Finanzmärkten und dem Druck der Finanzmärkte ausgeliefert sein sollen. Die negativen Folgen sollten aufgeklärten Menschen nach den Krisen der 1980er, 1990er und 2000er Jahre eigentlich bekannt sein.</p>
<p>Den Richtern scheint nicht klar zu sein, dass das EZB-Programm zur „Senkung des allgemeinen Zinsniveaus“ vor allem darauf abzielte, die Verschuldung der Staaten erträglich zu machen und Staatsinsolvenzen abzuwenden. Italien, Spanien, Griechenland und Portugal hätten womöglich aus dem Euro austreten müssen und auch Frankreich hätte in solche Schwierigkeiten geraten können. Die Eurozone wäre zusammengebrochen – in Chaos und einer schweren Depression, Arbeitslosigkeit, Flüchtlingsströmen usw.</p>
<p>Die Senkung der Zinsen für die Staaten war kein Kollateralschaden, es war die Absicht der EZB, den Druck der Finanzmärkte, darunter auch der Währungsspekulanten, von den Staaten zu nehmen; sie wollte ihnen Zeit verschaffen. Freilich ist das Wirtschaftspolitik. Bei einer engen Auslegung könnte man sagen, dass die Erleichterung der Staatsverschuldung eine Kompetenzüberschreitung ist. Die EZB hat selbst immer vermieden, diese Zielstellung ausdrücklich zu nennen und so eine Kompetenzüberschreitung zuzugeben. Ihr ginge es „nur“ um die Sicherung einer stabilen Inflationsrate knapp unter zwei, aber auch nicht viel unter zwei Prozent. Mittelbar dient natürlich auch die Erleichterung der Staatsverschuldung in Krise und Depression der Vermeidung von Deflation bzw. zu geringer Inflation, denn die Staaten müssen dann ihre Ausgaben nicht reduzieren, was Deflation nach sich zöge. Hier beginnt der Ermessensspielraum, den die EZB aus Sicht des BVerfG nicht genügend abgewogen und begründet hat. Vielleicht kann man sogar die Rettung der Eurozone als im Rahmen des Inflationsziels liegend betrachten, zumindest, wenn die Politik keine hinreichenden Maßnahmen ergreift – denn ohne Euro keine Euro-Inflation und kein Euro-Inflationsziel. Die EZB hat in gewisser Weise Selbsterhaltung betrieben – liegt das innerhalb oder außerhalb ihrer Kompetenz?</p>
<p>Vermutlich haben die Verfassungsrichter die Lage gar nicht so dramatisch gesehen und nicht verstanden, wie nah die Eurozone zwischen 2007 und 2014 dem Abgrund war. Und sie ist es immer noch, weil zwar Zeit gekauft wurde, aber ursächlichen Konstruktionsfehler des Euros bestehen nach wie vor. Nichts ist wirklich gelöst.</p>
<p>Dieser Beitrag beschäftigt sich im Folgenden mit den wirtschaftlichen Aspekten der EZB-Politik, die vom BVerfG nicht verstanden und nicht hinreichend berücksichtigt wurden. Zunächst betrachten wir die Phänomene der Krise der Eurosystems: Handels- und Zahlungsbilanzdivergenzen, auseinanderlaufende hohe Arbeitslosenquoten, divergente wirtschaftliche Entwicklung, sparende Unternehmen und Auslandsverschuldung. In einem zweiten Teil betrachten wir die Ursachen der Krisen: Hinter der Produktivität zurückbleibende Löhne und das deutsche Lohndumping. In einem dritten Teil wird es um die finanziellen Folgen gehen: Verschuldung von Unternehmen, Haushalten und Staaten, an denen sich Finanzanleger und Spekulanten bereichern. Der vierte Teil fragt, was die EZB gemacht hat, um mit ihren Aufkaufprogrammen den Euro zu stabilisieren und zu retten – und warum damit die Ursachen der Krise, die Konstruktionsfehler des Euro-Systems nicht beseitigt werden. In einem fünften Abschnitt werde ich mich damit befassen, was eigentlich nötig wäre, um eine funktionsfähige Währungsunion auf die Beine zu bekommen – wissend, dass es politisch unmöglich sein dürfte. Und im letzten sechsten Abschnitt begründe ich, warum auch eine institutionell funktionierende Währungsunion noch keine integrierte europäische Volkswirtschaft sein würde, sondern ein Verband kooperierender Volkswirtschaften, der zumindest über längere Zeit nur funktionieren kann, wenn die Freizügigkeit von Arbeit, Kapital und Waren sowie von Sozialleistungen bestimmen Regeln und Schranken unterliegt.</p>
<h3 class="">1. Handels- und Leistungs&shy;bi&shy;lanz&shy;di&shy;ver&shy;genzen in der Eurozone</h3>
<p>In diesem Abschnitt betrachten wir zunächst die Leistungsbilanzdivergenzen. Dabei geht es um Leistungs- und Handelsbilanzüberschüsse bzw. -defizite der Volkswirtschaften, nicht um die Haushalte oder Haushaltsdefizite der Staaten! In den vorgängen Nr. 220/221 (Land 2017/2018) hatte ich das Thema ausführlich dargestellt. Ich rekapituliere hier Kernaussagen und aktualisiere, soweit nötig. Auf eine detaillierte Darstellung des Verlaufs für einzelne Länder verzichte ich (s. dort, Abb. 2.) Im Jahr 2019 betrugen die Überschüsse 465 Mrd. EUR, die Defizite dagegen 206 Mrd. Euro. Die Eurozone insgesamt hat nun einen Überschuss von 258,40 Mrd. Euro, davon allein Deutschland 227,8 Mrd. Euro. Die Divergenz innerhalb der Eurozone hat seit 2016 etwas abgenommen.</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" width="600" height="436" class="alignnone size-medium wp-image-18205" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-1-_kobiniert-600x436.png" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-1-_kobiniert-600x436.png 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-1-_kobiniert-1000x726.png 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-1-_kobiniert-768x558.png 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-1-_kobiniert-800x581.png 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-1-_kobiniert-450x327.png 450w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><em>Abb. 1: Handelsbilanzsalden der EU-Mitgliedstaaten 2016 und 2019 (Quelle: Eurostat/Grafik: Statista).</em> <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/252105/umfrage/handelsbilanz-der-eu-laender/">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/252105/umfrage/handelsbilanz-der-eu-laender/</a></p>
<p>Abb. 1 zeigt die Überschüsse und Defizite der einzelnen Volkswirtschaften. Der deutsche Überschuss ist seit 2016 etwas zurückgegangen. Italien hatte 2010 ein Defizit von minus 39,75 Mrd. Dollar, aber inzwischen einen Überschuss von 52,9 Mrd. Dollar, während Griechenland, Spanien und Frankreich weiterhin erhebliche Handelsbilanzdefizite haben. Ist Italien der deutschen exportorientierten Strategie gefolgt? Mitnichten, der Export ist kaum gewachsen. Diese Veränderung ist Ausdruck der Krise, also auf Importkürzungen von über 20 Prozent in Folge sinkender Einkommen und Investitionen sowie verringerter bzw. stagnierender Staatsausgaben zurückzuführen. Die Eurozone stabilisiert sich mittels einer Abwärtsspirale in den Ländern mit Handelsbilanzdefiziten. Das dazu passende lebensweltliche Szenario kennt man aus Berichten über die Lage in Griechenland, Spanien und Italien.</p>
<p>Die Eurozone insgesamt hatte 2011 eine weitgehend ausgeglichene Handelsbilanz, hat also etwa so viel importiert, wie exportiert. Seit 2012 ist sie zunehmend in einer Überschussposition, wie Abbildung 2 zeigt. 2019 beträgt der Handelsbilanzüberschuss der Eurozone gegenüber Volkswirtschaften außerhalb der Eurozone 223 Mrd. Euro.</p>
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<p><em>Abb. 2: Handelsbilanzsalden der EU und der Eurozone – ohne Großbritannien (Quelle: Eurostat /Grafik: Statista).</em></p>
<p>Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse sind nicht automatisch gut, ebenso wenig anhaltende Defizite. Anzustreben sind mittelfristig ausgeglichene Handels- bzw. Leistungsbilanzen. Erstens gehen Überschüsse zu Lasten anderer Länder. Im Verhältnis der Euroländer zu Volkswirtschaften außerhalb der Eurozone kann das nicht lange gut gehen, denn die außereuropäischen Handelspartner sind keine Mitglieder der EU-Währungsunion. Überschreiten die Überschüsse ein bestimmtes Maß, reagieren die Wechselkurse oder die Zentralbanken der Handelspartner werten ihre Währungen ab, der Überschuss verschwindet wieder und die Exportbranchen geraten in eine Krise.</p>
<p>Zweitens tragen Geldeinnahmen aus steigenden Exporten nicht zur realwirtschaftlichen Entwicklung der eigenen Volkswirtschaft oder ihrer Infrastruktur bei. (Würde man Sachinvestitionen tätigen, würden die Güter entweder gar nicht erst exportiert, sondern im Binnenmarkt verkauft oder es würden entsprechend mehr Sachgüter importiert – und es gäbe in beiden Fällen eine ausgeglichene Handelsbilanz). Exportüberschüsse schaffen Finanzeinkommen für Kapitalanleger. Drittens aber sind wachsende Überschüsse und Defizite, die sich gegenseitig bedingen, Ursache für Instabilität auf den Finanzmärkten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">2. Die Ursachen der Handels- und Leistungs&shy;bi&shy;lanz&shy;di&shy;ver&shy;genzen</h3>
<p>Ich konzentriere mich im Folgenden auf die Handelsbilanz<a href="#_edn4" name="_ednref4"><strong>[4]</strong></a>, also den Export und Import von Waren.<a href="#_edn5" name="_ednref5"><strong>[5]</strong></a> Die Handelsbilanz ist zwar nur ein Teil der Leistungsbilanz, aber wie die Abbildung 3 zeigt ist der Warenhandel der entscheidende Teil der deutschen Überschüsse.</p>
<p><img decoding="async" width="528" height="450" class="alignnone size-medium wp-image-18207" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-3-Bundesbank-aus-2020-07-leistungsbilanz-data-528x450.png" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-3-Bundesbank-aus-2020-07-leistungsbilanz-data-528x450.png 528w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-3-Bundesbank-aus-2020-07-leistungsbilanz-data-881x750.png 881w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-3-Bundesbank-aus-2020-07-leistungsbilanz-data-768x654.png 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-3-Bundesbank-aus-2020-07-leistungsbilanz-data-705x600.png 705w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-3-Bundesbank-aus-2020-07-leistungsbilanz-data-396x337.png 396w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-3-Bundesbank-aus-2020-07-leistungsbilanz-data.png 1065w" sizes="(max-width: 528px) 100vw, 528px" /></p>
<p><em>Abb. 3: Die deutsche Leistungsbilanz in % des Bruttoinlandsprodukts (Quelle: Bundesbank 2020, S. 25)</em></p>
<p>Abbildung 3 zeigt, dass in den 1980er Jahren Überschüsse dominierten, bevor der Leistungsbilanzsaldo in den 1990er Jahren negativ wurde – bedingt durch geringere Exporte und mehr Importe im Rahmen des Aufbau Ost.<a href="#_edn6" name="_ednref6"><strong>[6]</strong></a> Die Handelsbilanz war auch in den 1990er Jahren positiv, aber der Exportüberschuss stieg ab 2000 weiter an.</p>
<p>Ich sehe die entscheidende Ursache der divergierenden Handelsbilanzen in der Eurozone in der Entwicklung der Arbeitskosten (Löhne plus Lohnnebenkosten und Ausgaben des Staates, die unmittelbar oder mittelbar in die Reproduktion der Arbeitskraft der Bevölkerung eingehen), genauer der Lohnstückkosten. Deutsche Löhne sind im Verhältnis zur deutschen Produktivität etwa 20 Prozent zu niedrig (vgl. unten, Abb. 7). Und sie sind daher auch zu niedrig im Verhältnis zu den Löhnen anderer Euroländer, insbesondere der Südländer, denn in diesen Ländern sind die Löhne im Verhältnis zur Produktivität nicht zurückgeblieben, jedenfalls nicht bis etwa 2012.</p>
<p>Vereinfacht gesagt ist es das deutsche Lohndumping, die Agenda 2010, der Billiglohnsektor, der es der deutschen Exportindustrie ermöglicht, ihre Produkte auf den Weltmärkten unter Preisen der Konkurrenzprodukte anzubieten, insbesondere in der Euro-Währungsunion, wo Lohndumping nicht durch Wechselkursanpassungen kompensiert werden kann, wie früher, wo die DM regelmäßig aufgewertet werden musste, wenn die deutschen Lohnstückkosten zu sehr und anhaltend hinter denen der Handelspartner zurückblieben.</p>
<p>Es gibt zwei andere Erklärungsansätze. Einige Autoren meinen, die Qualität der deutschen Produkte, der Service und das Marketing seien ausschlaggebend für die deutschen Exportüberschüsse, der Verweis auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit sei einseitig, sie sei nicht der entscheidende Faktor. Das ist für eine betriebswirtschaftliche Sicht angemessen, etwa wenn ein Unternehmen prüft, wie es der Verkauf seiner Produkte verbessern kann. Da geht es nicht nur um den Preis, sondern zunächst um die Qualität, Service und Marketing. Dies sind notwendige Voraussetzungen des Exportierens, aber keine hinreichende Erklärung von Exportüberschüssen. Makroökonomisch trägt dieses Argument nicht, weil es auf den Märkten immer um das Preis-Leistungs-Verhältnis geht, um Preise für vergleichbare Qualität, vergleichbaren Service und Marketing. Das bedeutet, das etwas bessere Produkte auch etwas höhere Preise durchsetzen können und etwas schlechtere Preisabschläge hinnehmen müssen. Preise und Qualität sind keine voneinander unabhängigen Faktoren. Dabei geht es nicht nur um die Arbeitskosten für den Hersteller der exportierten Produkte, sondern kumulativ um die Arbeitskosten, die über alle Vorprodukte und Vorleistungen und die Sozialabgaben in die Produktionskosten eingehen. Auch und gerade der Billiglohnsektor ist ein wichtiger Bestandteil dieser Kosten, denn auch die niedrigen Löhne der Reinigungskräfte, der Logistikbranche oder der Pflegekräfte, um einige zu nennen, spielen für das volkswirtschaftliche Lohnniveau eine wichtige Rolle. Der Billiglohnsektor in Deutschland umfasst etwa 30 Prozent der Beschäftigung.</p>
<p>Kosten für Produktionsmittel, Maschinen, Anlagen, Material und Vorprodukte lösen sich auf volkswirtschaftlicher Ebene weitgehend in Arbeitskosten auf. Wenn die volkswirtschaftlichen Lohn- und Arbeitskosten relativ zu Produktivität etwas geringer sind als bei Wettbewerbern, dann können qualitativ gleichwertige Produkte etwas billiger und qualitativ bessere Produkte zum gleichen Preis angeboten werden; und die Anbieter haben immer noch etwas höhere Gewinne.</p>
<p>Eine andere Erklärung besagt, dass die Finanzströme, das Sparen und Geldanlegen in den Überschussländern und das Schuldenmachen in den Defizitländern die Ursache für die Handelsbilanzdivergenzen seien. Finanzströme und Handelsbilanzsalden hängen zweifellos zusammen, aber die Kausalität ist umgekehrt: die auseinanderlaufende Lohnentwicklung verursacht Handelsbilanzdivergenzen und diese wiederum führen zu den Finanzströmen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">„Die deutschen Unternehmen investieren, anders als in der Vergangenheit, im gegenwärtigen Aufschwung deutlich weniger in den Realkapitalstock als sie an eigenen finanziellen Mitteln erwirtschaften. Ihr wachsender Finanzierungsüberschuss ist ein zentraler Treiber des sehr hohen Leistungsbilanzüberschusses, dessentwegen Deutschland international breit in der Kritik steht.“ (Borger 2018; Hervorhebung R.L.).</p>
<p>Allerdings geht Borger in diesem Beitrag auch auf die gesunkene Lohnquote, die gestiegenen Gewinne, die immer weniger ausgeschüttet werden, und die sinkenden Bruttoinvestitionen ein. Es ist m.E. eben die Frage, ob die Finanzierungsüberschüsse die Handelsbilanzen in den Überschuss treiben oder umgekehrt.</p>
<p>Wir gehen davon aus, dass die Handelsbilanzüberschüsse und -defizite Ausdruck divergierender Lohnstückkosten sind. Dies ist die Position der Mehrzahl der Autoren in Makroskop; eine Position, die Heiner Flassbeck und Friederike Spieker seit den 1990er Jahren vertreten und in einer Vielzahl von Publikationen umfassend begründet haben (vgl. u.a. Flassbeck/Spieker 2005). Der neoliberale Mainstream sieht das meist anders.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #3366ff;"><em>Lohnstückkosten und goldene Lohnregel – das theoretische Ideal</em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #3366ff;"><em>Entscheidend für das Verständnis des Zusammenhangs von Lohn und Handelsbilanz sind die Lohnstückkosten, also nicht die absolute Höhe der Löhne, sondern die Löhne im Verhältnis zur Produktivität.</em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #3366ff;"><em>Die Lohnstückkosten bleiben gleich, wenn die Stundenlöhne und Produktivität in gleichem Maß steigen. Die Lohnstückkosten zwischen handeltreibenden Volkswirtschaften sind gleich, wenn sich die durchschnittlichen Stundensätze so zueinander verhalten, wie die Produktivität der jeweiligen Volkswirtschaft. Es geht immer um die Volkswirtschaft als Ganze, nicht im einzelne Branchen oder Betriebe. Dabei kann und soll es durchaus so sein, dass die Lohnstückkosten einzelner Branchen und Betriebe differieren. Aber wenn die durchschnittlichen Lohnstückkosten gleich sind, dann gibt es in jedem Land einige Branchen, die günstiger und andere die teurer produzieren, weil die jeweiligen Sektoren oder Betriebe eine über- oder unterdurchschnittliche Produktivität haben. Genau dann lohnt sich der Handel, weil jedes Land die Güter exportiert, die es günstiger und besser herstellen kann und die importiert, wo das andere Land günstiger produziert. Dann hat der Handel für beide Vorteile und der Wettbewerb um steigende Produktivität treibt die wirtschaftliche Entwicklung beider voran.</em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #3366ff;"><em>Weichen hingegen die durchschnittlichen Lohnstückkosten voneinander ab, weil ein Land ein Lohnniveau über oder unter der jeweils eigenen Produktivität hat, wird der Handel ungleichgewichtig und unfair. Der Wettbewerb dreht sich dann nicht mehr nur um technische Innovationen, Produktqualität oder steigende Produktivität, Umweltkompatibilität, Senkung der Kosten für Naturressourcen und Produktionsmittel, sondern es kommt zu einem Wettlauf um Lohndumping, um hinter der Produktivität zurückbleibende oder gar sinkende Arbeitskosten, Löhne, Sozialkosten, Bildungskosten usw.</em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #3366ff;"><em>Wenn mehrere Volkswirtschaften relativ zu ihrer Produktivität zu geringe Löhne haben, wächst ihre (Binnen-)Nachfrage nicht im Maße der Produktivität (oder sie geht sogar zurück), während das Angebot wächst. Niemals können alle oder die Mehrzahl der Volkswirtschaften ihr Nachfragedefizit durch Exportüberschüsse ausgleichen, es muss weltweit immer genau so viel Importüberschüsse geben. Daher ist eine Lohnsenkungsstrategie weltwirtschaftlich und letztlich auch für die Überschussländer nicht zielführend. Sie endet immer dann, wenn andere die Überschüsse nicht mehr aufnehmen können (Verschuldung) oder wollen und sich gegen Defizite wehren. Haben Volkswirtschaften relativ zur Produktivität zu hohe Löhne, gehen sie wirtschaftlich zugrunde. Haben Volkswirtschaften aber im Verhältnis zu ihrer Produktivität zu niedrige Löhne, schädigen sie ihre Handelspartner und den eigenen Binnenmarkt und – wie zu zeigen sein wird, sie generieren Fehlentwicklungen im Finanzsystem.</em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #3366ff;"><em>Die goldene Lohnregel lautet also: die Löhne sollen so steigen wie die Produktivität. Das aber bezieht sich auf die Reallöhne oder die Löhne bei einer Inflation von Null. Wenn die Löhne im Durchschnitt genauso stiegen wie die Produktivität, wäre die durchschnittliche Inflation Null. Dabei können Preise für manche Produkte steigen und andere fallen, weil sich die Produktivität verschiedener Branchen unterschiedlich entwickelt oder auch weil sich die Struktur der Nachfrage nach Konsum- oder Investitionsgütern ändert.</em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #3366ff;"><em>Eine Inflationsrate Null ist volkswirtschaftlich nicht sinnvoll. Die Zentralbank hätte keinen Spielraum für Zinssenkungen. Und: Da die technische Produktivität für viele Dienstleistungen (z.B. Kinder pro Lehrer, Patienten pro Arzt, Kunden pro Verwaltung) nicht steigen kann, ohne die Qualität der Leistung zu schmälern, müssten die Preise solcher Dienstleistungen im Maße der volkswirtschaftlichen Produktivitätsentwicklung permanent steigen und die aller anderer Produkte stark fallen. Regulatorisch ist eine Inflationsrate im unteren einstelligen Bereich anzustreben. In der Eurozone gilt die Zielinflationsrate von knapp unter 2 Prozent. In diesem Fall bleiben die Preise vieler Güter gleich; nämlich der Güter, deren Produktivität etwa im Maße der Inflationsrate steigt. Produkte, deren Produktivität schneller steigt, würden dann im Preis leicht sinken (z.B. PCs). Die Preise von Dienstleistungen und Produkten, deren Produktivität nicht oder weniger als die Inflationsrate steigt, würden steigen. Die Zielinflationsrate sollte ideal etwa der volkswirtschaftlichen Produktivitätssteigerung entsprechen.</em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><span style="color: #3366ff;"><em>Das bedeutet, dass die Lohnstückkosten so steigen sollen, wie die Zielinflationsrate. Die goldene Lohnregel reformuliert lautet dann: Die durchschnittlichen Stundenlöhne (gesamte Arbeitskosten pro Stunde) sollen so steigen wie die Produktivität plus Zielinflationsrate. Steigt die Produktivität um 1,5 Prozent und beträgt die Zielinflationsrate 1,9 Prozent, dann sollten die Löhne in dem betreffenden Jahr um etwa 3,4 Prozent steigen. Dabei ist das mehrjährige Mittel wichtig. Zu geringe Lohnsteigerungen sollten in den Folgejahren aufgeholt werden, zu hohe sollten geringere in den Folgejahren nach sich ziehen, so dass das langfristige Lohnniveau angepasst wird. Besonders in einer Währungsunion, wie der des Euro, ist das wichtig. In Wechselkurssystemen hingegen werden langfristige Divergenzen durch die Wechselkurse kompensiert – allerdings nur, wenn die Wechselkurse nicht durch spekulative Währungsbewegungen verzerrt sind, was heute leider oft der Fall ist.</em></span></p>
<p style="padding-left: 40px;"><em><span style="color: #3366ff;">Wichtig ist noch, dass die Formel lautet: Produktivität plus Zielinflationsrate, nicht plus tatsächliche Inflation. Besonders die Folgen der 1970er Jahre (Ölpreissteigerungen) verweisen auf die Bedeutung dieses Unterschieds. Steigt die Inflation auf Grund externer Effekte in einem Jahr beispielsweise auf drei Prozent und würde man die Löhne auf 1,5 (Produktivität) plus 3 Prozent (tatsächliche Inflation), zusammen 4,5 Prozent, steigern, dann würde die höhere Inflationsrate an das Folgejahr weitergegeben – eine sogenannte Lohn-Preis-Spirale würde entstehen. Die Inflationsrate würde dauerhaft auf das höhere Niveau von 3 Prozent steigen. Beim nächsten externen Effekt würde dasselbe passieren und alle Steigerungen der Inflation würden sich kumulativ fortsetzen. Würden die Löhne hingegen nur um 3,4 Prozent (1,5 Produktivität plus 1,9 Zielinflation) steigen, so würde der externe Effekt kompensiert und im Folgejahr würde die einmalig zu hohe Inflation wieder auf die Zielinflationsrate zurückgehen (vgl. Flassbeck, Spieker 2005)</span>.</em></p>
<p>Wichtig in diesem Zusammenhang: die goldene Lohnregel bezieht sich auf die gesamten volkswirtschaftlichen Arbeitskosten, nicht auf einzelne Branchen und nicht nur auf die Nettolöhne, sondern auch auf die sogenannten Lohnnebenkosten, die der Arbeitnehmer wie die der Arbeitgeber. Und auch die Kosten der Sozialsysteme, soweit sie in die Reproduktion der Arbeitskraft und des Lebens der Bevölkerung eingehen, gehören dazu: Zuschüsse zu den Sozialsystemen, insbesondere dem Gesundheitswesen, zu Kultur und Bildung. Oft wird die ökonomische Notwendigkeit steigender Lohnnebenkosten und steigender Sozialausgaben volkswirtschaftlich nicht verstanden.</p>
<p>Die meisten Bereiche wie Gesundheit, Bildung, Pflege und Kultur können sich zwar qualitativ entwickeln, bessere Produkte und Leistungen anbieten, aber ihre physische Produktivität nicht steigern. Die Zahl der Patienten oder der behandelten Krankheiten pro Arzt, die Zahl der Schüler pro Lehrer oder der gespielten Musikstücke pro Orchesterstunde kann nicht steigen. In einer Volkswirtschaft gibt es Branchen, in denen die Produktivität durch Innovationen und Investitionen laufend steigt, vor allem in der Industrie und da, wo Massenproduktion möglich ist. Die Arbeitsstunden, die in einem Auto stecken, können durch Technisierung, Automatisierung und Produktivitätssteigerungen ständig sinken. Die Stunden an Lehrerarbeit, die in einem gut ausgebildeten Schüler gesteckt werden müssen, sinken mit dem technischen Fortschritt hingegen nicht, eher umgekehrt.</p>
<p>Mit dem skizzierten Beispiel soll verständlich werden, dass eine normale realwirtschaftliche Entwicklung mit steigenden Preisen in vielen Dienstleistungsbereichen bei sinkenden oder konstanten Kosten im Bereich der Industrie verbunden sein muss. Das bedeutet auch, dass der Anteil (am BIP und den Beschäftigten) der nicht zu Produktivitätssteigerungen geeigneten Dienstleistungsbranchen an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung ständig steigt, während der der Industrie zurückgeht. Das hat aber nichts mit Bedeutungsverlust oder geringerer Wertschätzung zu tun, sondern mit ökonomischen Gesetzmäßigkeiten. Das Sinken des Anteils der Industrie ist gerade Ausdruck ihrer Innovationskraft, Produktivitätsfortschritte und ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung, während sich der Erfolg der Kultur, der Gesundheits- und Bildungsbranche nicht an Produktivitätseffekten, sondern an der Qualität der erbrachten Leistungen misst.</p>
<p>Die neoliberale Parole „mehr Netto vom Brutto“ ist jedenfalls falsch. Sie zeugt von völliger Unkenntnis wirtschaftlicher Entwicklungsgesetze. Tatsächlich führt eine normale wirtschaftliche Entwicklung dazu, dass die Bruttolohneinkommen im Maße der Produktivität plus Zielinflationsrate steigen können, während die Nettoeinkommen auch wachsen, aber langsamer wegen der notwendigen Lohn- und Kostensteigerungen in den Branchen Gesundheit, Bildung, Kultur, Soziales, Pflege und der steigenden Renten. Sofern diese Leistungen durch Umlagen in Sozialsystemen finanziert werden, müssen diese Umlagen regelmäßig angepasst werden, sofern sie vom Staat finanziert werden, steigen diese Staatsausgaben, und zwar auch ihr Anteil am Gesamtbudget. Das muss man nicht beklagen, es ist Ausdruck von Fortschritt und Erfolg. Andernfalls bluten die Sozialbereiche und die Kultur aus. Diese notwendige Tendenz kann durch demographische Effekte noch verstärkt werden. Die Vorstellung, man könne den Anteil der Lohnnebenkosten auf einem bestimmten Niveau (40 Prozent) fixieren, ist absurd. Das spricht nicht gegen eine gute Kostenkontrolle. Maßstab sollten aber zu erbringenden Leistungen und die dafür effektiv erforderlichen Arbeits- und Sachkosten sein, nicht eine neoliberale Vorstellung von sinkenden Lohnnebenkosten.</p>
<p><img decoding="async" width="600" height="375" class="alignnone size-medium wp-image-18208" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-4-Eurostat_Graph_Lohnstueckkosten-600x375.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-4-Eurostat_Graph_Lohnstueckkosten-600x375.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-4-Eurostat_Graph_Lohnstueckkosten-1000x625.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-4-Eurostat_Graph_Lohnstueckkosten-768x480.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-4-Eurostat_Graph_Lohnstueckkosten-1536x960.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-4-Eurostat_Graph_Lohnstueckkosten-800x500.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-4-Eurostat_Graph_Lohnstueckkosten-450x281.jpg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-4-Eurostat_Graph_Lohnstueckkosten.jpg 2016w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><em>Abb. 4: Entwicklung der Lohnstückkosten ausgewählter Euroländer zwischen 2004 und 2016 – jährliche Änderungen in Prozent (Datenquelle: European Commission – ECFIN, Eurostat, 24. Oktober 2017)</em></p>
<p>In den kritischen Jahren zwischen 2004 und 2015 sind die deutschen Lohnstückkosten Jahr für Jahr gesunken, oft um mehr als 10 Prozent pro Jahr, obwohl sie objektiven ökonomischen Notwendigkeiten entsprechend steigen sollten. Dadurch entstand die Differenz zu den anderen Euroländern. Seit 2016 steigen sie wieder leicht. Abb. 5 zeigt aber, dass der einmal entstandene Abstand von etwa 20 Prozent seitdem zwar nicht weiter zunimmt, aber fast unverändert erhalten bleibt. Italien, Griechenland und Spanien hatten hingegen zu hohe Steigerungsraten der Lohnstückkosten, die in Griechenland und Spanien durch die Krise inzwischen korrigiert wurden.</p>
<p>Die Abbildung zeigt Frankreich bis 2013 auf einem Pfad, der genau der Zielinflationsrate entspricht, ab 2014 aber nach unten abweicht. Frankreich folgt dem Druck des deutschen Lohndumpings auf einem zunehmend deflationären Kurs.</p>
<p>Abb. 5 und 6 belegen den Zusammenhang von Lohnstückkostenentwicklung und Handelsbilanzüberschüssen. Deutschland mit den niedrigsten Steigerungsraten der Lohnstückkosten wies einen stark wachsenden Handels- und Leistungsbilanzüberschuss auf, während Italien und Spanien mit überdurchschnittlichen Lohnstückkostenwachstum Defizite ausweisen musste. Frankreich hatte bis 2005 eine ausgeglichene Leistungsbilanz, rutschte aber dann ins Minus, obwohl die Lohnstückkostenentwicklung bis 2014 der goldenen Regel entsprach. Unter dem Druck der großen deutschen Volkswirtschaft mit erheblichen Überschüssen mussten auch französische Arbeitskosten reduziert werden. Trotzdem konnte die Leistungsbilanz nicht hinreichend unter Kontrolle gebracht werden. Nach wie vor überschreitet der deutsche Überschuss das in den Stabilitätskriterien erlaubte Maß von 6 Prozent des BIP.<a href="#_edn7" name="_ednref7"><strong>[7]</strong></a></p>
<p><img decoding="async" width="600" height="323" class="alignnone size-medium wp-image-18209" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-5-Lohnstueckkosten-FR-D-Ita-600x323.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-5-Lohnstueckkosten-FR-D-Ita-600x323.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-5-Lohnstueckkosten-FR-D-Ita-1000x538.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-5-Lohnstueckkosten-FR-D-Ita-768x413.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-5-Lohnstueckkosten-FR-D-Ita-1536x826.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-5-Lohnstueckkosten-FR-D-Ita-800x430.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-5-Lohnstueckkosten-FR-D-Ita-450x242.jpg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-5-Lohnstueckkosten-FR-D-Ita.jpg 2000w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><em>Abb. 5: Zielinflationsrate und Lohnstückkosten von Italien, Frankreich und Deutschland im Vergleich (Grafik: Makroskop).</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img decoding="async" width="600" height="348" class="alignnone size-medium wp-image-18210" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-6-Leistungsbilanzsalden-600x348.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-6-Leistungsbilanzsalden-600x348.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-6-Leistungsbilanzsalden-1000x579.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-6-Leistungsbilanzsalden-768x445.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-6-Leistungsbilanzsalden-1536x890.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-6-Leistungsbilanzsalden-800x464.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-6-Leistungsbilanzsalden-450x261.jpg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-6-Leistungsbilanzsalden.jpg 1793w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Abb. 6: Leistungsbilanzsalden ausgewählter Euro-Länder (Grafik: Makroskop).</em></p>
<p>Das Zurückbleiben de Löhne hinter der Produktivität ist eine Tendenz, die seit den 1980er Jahren zu beobachten ist und die nicht nur auf Deutschland zutrifft (vgl. Busch, Land 2012: 28f). Bis etwa Mitte der 1970er Jahre stiegen die Löhne genauso schnell wie die Produktivität und zwar in allen entwickelten Industrieländern (ebenda 29). Seit den 1980er Jahren bleiben sie zurück – was mit einer sinkenden Lohnquote einhergeht. In Deutschland sind es drei Schübe (Abb. 7): Anfang der 1980er Jahre (konservativ-liberale Regierung), Mitte der 1990er Jahre (im Zuge der Integration Ostdeutschlands und der Erosion des Flächentarifvertrags) und nach 2004 (Agenda 2010), die in der Konsequenz dazu führen, dass die Schere zwischen der Produktivitäts- und der Lohnentwicklung in Deutschland weiter auseinandergeht als in den USA oder den anderen EU-Ländern.</p>
<p><img decoding="async" width="600" height="394" class="alignnone size-medium wp-image-18211" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-7-Lohn-600x394.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-7-Lohn-600x394.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-7-Lohn-1000x656.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-7-Lohn-768x504.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-7-Lohn-1536x1007.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-7-Lohn-2048x1343.jpg 2048w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-7-Lohn-800x525.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-7-Lohn-450x295.jpg 450w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><em>Abb. 7: Hinter der Produktivität zurückbleibende Löhne – Veränderung von Produktivität, Löhnen und Unternehmens- und Vermögenseinkommen in Deutschland 1950 bis 2019. Der Bruch 2009/10 resultiert aus einer stark reduzierten Erfassung von Erwerbstätigen, der auf eine Revision der Statistik zurückgeht und keine reale Entwicklung darstellt. (Quelle: Busch, Land 2013, Statistik 2019 ergänzt)</em></p>
<h3></h3>
<h3 class="">3.1. Folgen: Divergente Entwicklung der Arbeits&shy;lo&shy;sen&shy;quoten auf hohem Niveau</h3>
<p>Betrachten wir nun die Folgen divergenter Handelsbilanzentwicklung. Eine Volkswirtschaft, die mehr produziert als sie verbraucht, also mehr exportiert als sie importiert, schafft im Inland Arbeitsplätze zu Lasten der Handelspartner mit Importüberschuss. Die Arbeitslosenquoten der Defizitländer steigen und sind hoch, die der Überschussländer sind geringer &#8211; allerdings auch noch recht hoch, denn erstens wird in den Binnenmarkt zu wenig investiert und zweitens ist ein bestimmtes Maß an Arbeitslosigkeit im Interesse der Exportwirtschaft, weil sie die Löhne niedrig und den Billiglohnsektor groß hält.</p>
<p><img decoding="async" width="600" height="424" class="alignnone size-medium wp-image-18212" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-8-Arbeitslosenzahlen-Ameco-2-Eurozone-600x424.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-8-Arbeitslosenzahlen-Ameco-2-Eurozone-600x424.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-8-Arbeitslosenzahlen-Ameco-2-Eurozone-1000x707.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-8-Arbeitslosenzahlen-Ameco-2-Eurozone-768x543.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-8-Arbeitslosenzahlen-Ameco-2-Eurozone-1536x1086.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-8-Arbeitslosenzahlen-Ameco-2-Eurozone-2048x1448.jpg 2048w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-8-Arbeitslosenzahlen-Ameco-2-Eurozone-800x566.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-8-Arbeitslosenzahlen-Ameco-2-Eurozone-450x318.jpg 450w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><em>Abb. 8: Arbeitslosenquoten in der Eurozone 1997 bis 2019 (Daten: Eurostat/Grafik: Rainer Land).</em></p>
<p>Abb. 8 zeigt, dass die Arbeitslosenquoten der Euroländer nach Beginn der Währungsunion recht eng beieinander lagen, etwa um 10 Prozent (nicht gerade berauschend), Deutschland lag leicht darüber. Nach der Finanzkrise 2007-2009 und der anschließenden Eurokrise gelang es, mit Hilfe des deutschen Lohndumpings, Agenda 2010 genannt, die deutsche Entwicklung von der der anderen Euroländer abzukoppeln. Ausschlaggebend ist die Differenz zu Frankreich, Italien und dem Euro-Durchschnitt. Die dramatische Entwicklung in Griechenland und Spanien ist zusätzlich durch den Fast-Zusammenbruch des Finanzsystems und die realwirtschaftlichen Folgen der geplatzten Spekulationsblasen in der Euro-Krise bedingt.</p>
<p>Die hohe Arbeitslosigkeit in den Defizitländern ging und geht mit einem Abbau industrieller Kapazitäten einher (Tendenz Deindustrialisierung). Aber auch in den Überschussländern war und ist keine ausgewogene wirtschaftliche Entwicklung möglich. Die Exportwirtschaft wuchs zwar bis zu Beginn der Corona-Krise übermäßig, aber der Binnenmarkt und die Investitionen in die Infrastruktur, besonders die öffentliche Infrastruktur stagnierten. Der Druck auf die Arbeitskosten traf insbesondere die Finanzierung der Sozialsysteme. Diese Dynamik ist paradox: Die Überschussländer verzeichnen einen enormen Zufluss an Finanzen aus dem Export. Aber diese Finanzen werden nicht verwendet, um zu investieren – dann gäbe es keine oder geringere Überschüsse.</p>
<p>In jedem Fall könnten massive Investitionen in Wirtschaft und öffentliche Infrastruktur den Handelsbilanzungleichgewichten entgegenwirken. Manche Autoren sehen daher in Investitionsprogrammen die entscheidende Möglichkeit, den Leistungsbilanzüberschuss abzubauen. Das könnte allerdings nur gelingen, wenn eine „Wirtschaftsregierung“ massive schuldenfinanzierte Investitionsprogramme und deutliche Steuererhöhungen für hohe Unternehmens- und Vermögenseinkommen durchsetzte. Das aber ist unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen ausgeschlossen, da die mächtige Export- und die Finanzindustrie dabei viel Geld verlieren würde und alles täte, um einem Abbau der Exportüberschüsse entgegenzuwirken (vgl. Land 2018, 6.2.)</p>
<p>Die Handelsbilanzungleichgewichte sind keine gewollten Effekte der Regierungen oder zentralen Wirtschaftsakteuren. Sie sind das nicht intendierte Ergebnis der Entscheidungen und Handlungen vieler Millionen Akteure, Unternehmen, Haushalte, Banken, Verwaltungen, in einem bestimmten institutionellen Rahmen und unter gegebenen Bedingungen. Unter den gegebenen Bedingungen ist es eben nicht rational und zielführend, in den Binnenmarkt oder die Infrastruktur zu investieren. Dies setzte Lohnerhöhungen oder mehr öffentliche Ausgaben, höhere Staatsverschuldung und höhere Steuern voraus. Wenn man eine andere Entwicklung der Eurozone will, muss man den institutionellen Rahmen verändern, insbesondere auch des Finanzsystems.</p>
<p>Man muss sich entscheiden ob man den Sinn des Wirtschaftens in der Produktion und Konsumtion von Gütern und Dienstleistungen, in der Verwertung von Realkapital, in der realwirtschaftlichen Entwicklung, in Innovationen und Investitionen sieht. Dann ist ein Regime wirtschaftlicher Entwicklung, das Handelsbilanzdivergenzen erzeugt, mindestens mittelfristig unsinnig und sollte überwunden werden. Folgt man hingegen der Logik des Finanzmarktkapitalismus, dann besteht der Sinn des Wirtschaftens in der Anhäufung von Geldvermögen der Kapitalanleger, die gerade nicht in reale wirtschaftliche Entwicklung umgesetzt werden sollen. Tatsächlich ist ein parasitärer Finanzmarktkapitalismus das notwendige Gegenstück zu divergenten Handelsbilanzen, beide existieren nur zusammen (vgl. Hein 2016).</p>
<h4 class="">3.2 Folgen: Verschul&shy;dung und Geldver&shy;m&ouml;gen &ndash; &Uuml;berschuss&shy;re&shy;cy&shy;cling</h4>
<p>Divergente Handelsbilanzen sind mit Finanzströmen, mit der Aufhäufung von Finanzschulden und Finanzvermögen verbunden, die früher oder später das Geldsystem zerstören – über Finanzkrisen, Pleiten, Pech und Pannen bei denen viele Menschen ihr Vermögen und ihre Existenz verlieren. Zuweilen wird gesagt oder geschrieben, die Überschussländer müssten sogar den Defizitländern das Geld geben, mit denen diese die Importe finanzieren (Herrmann 2016). Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht wirklich richtig, zumindest ist es nicht so einfach. Wir sollen versuchen, dieses wenigstens auf elementaren Ebenen besser zu verstehen. Dazu sind aber mehrere Schritte erforderlich.</p>
<p>1. Schritt: Zwei Volkswirtschaften A und B, die miteinander handeln, generieren zunächst einen Finanzstrom: von A nach B für die Exporte von A und von B nach A für die Exporte von B. (Das ändert sich nicht grundsätzlich, wenn wir 10 oder 100 Länder betrachten). Bei ausgeglichenen Handelsbilanzen würde Geld laufend hin- und zurückströmen, einen Kreislauf bilden und den Reproduktionskreislauf von Gütern und Leistungen regulieren. Die Geldbestände müssten dabei nicht anwachsen. Würde zur Reproduktion auch noch Entwicklung mitgedacht werden (also Innovationen und Investitionen) und gäbe es unter Umständen Wachstum der jährlichen Gütermengen oder der Wertschöpfung, dann würde die im Handel umlaufende Geldsumme auch wachsen müssen (vorausgesetzt die Umlaufgeschwindigkeit bliebe konstant), aber sie müsste nur in dem Maße wachsen, wie das reale BIP wächst.</p>
<p>2. Sind die Handelsbilanzen nicht ausgeglichen, dann muss das Land mit dem Importüberschuss laufend mehr Zahlungen an das Überschussland leisten, als es umgekehrt empfängt. Jahr für Jahr würde eine bestimmte Geldsumme in das Überschussland fließen, aber nicht zurückfließen. Bei mittelfristigem Ausgleich kompensiert sich das natürlich, wenn jedes Land mal ein paar Jahre Überschüsse und dann wieder Defizite hat. Bei einer länger anhaltenden Divergenz aber müsste im Defizitland ständig neues Geld zusätzlich erzeugt werden, damit es seine Importe zahlen kann. Im Überschussland würde sich umgekehrt Geldbestände aufhäufen. In einem Fiat-Geldsystem, wo Geld formell in beliebigen Mengen erzeugt werden kann, ist das theoretisch möglich. Haushalte, Unternehmen (oder auch der Staat) in dem Land mit dem Importüberschuss würden Anleihen bei Privaten oder Kredite bei den dortigen Banken aufnehmen. Die Banken erzeugen im Zuge der Kreditvergabe die Zahlungsmittel, diese fließen in das Überschussland und landen dort auf den Konten der Unternehmen und Haushalte. Solange der Kreditvergabe und der Erzeugung von Zahlungsmitteln in dem Defizitland keine Grenzen gesetzt sind und die Akteure im Überschussland mit wachsenden Kontoständen (statt wachsendem Sachvermögen) glücklich sind, ist dem theoretisch keine Grenze gesetzt. Nur müssen zwei Dinge ausgeschlossen werden: die Kreditnehmer im Defizitland dürften nicht versuchen, ihre Kredite zu tilgen. Denn dann bräche dieser Handel zusammen. Und dasselbe würde passieren, wenn die Überschusskontoinhaber versuchen würden, für ihre Geldbestände Güter und Leistungen zu kaufen. (Solange es nur einzelne sind und nur kleine Mengen, würde das zwar gehen, nicht aber, wenn es eine allgemeine Tendenz zur Schuldentilgung bzw. zur Verringerung der Geldbestände gäbe.) Durchdenkt man dieses Szenario, dann wird schnell klar, dass es ein irrsinniges Tributsystem ist: Die Produzenten des Überschusslandes füttern die Konsumenten des Defizitlandes durch. Dafür bekommen sie heute kein Gold, nicht einmal mehr Geldscheine, sondern nur steigende digitale Kontostände. Die dürfen sie aber nicht massenhaft ausgeben, dann bricht das Kettenspiel zusammen. Man muss an die Sicherheit der Geldvermögen und die Unschädlichkeit der Schulden glauben, um da mitspielen zu können.</p>
<p>3. Freilich hat ein solches System Grenzen, funktionale, physische und vereinbarte, rechtliche. Zunächst einmal: Haben die beiden Länder die gleiche Fiat-Währung<a href="#_edn8" name="_ednref8"><strong>[8]</strong></a>? Wenn die Handelspartner verschiedene Fiat-Währungen haben, die umgetauscht werden müssen, dann würde eine Währung, die des Überschusslandes, permanent aufwerten, die des Defizitlandes hingegen abwerten, zumindest wenn es keine Interventionspflicht der Zentralbank und keine Kapitalverkehrskontrollen gibt. Und zwar deshalb, weil auf dem Währungsmarkt die Nachfrage nach der Währung des Überschusslandes ständig größer ist (um die Importe in der Währung des Überschusslandes zu finanzieren) als die nach der Währung des Defizitlandes. Das hätte zur Konsequenz, dass die Waren des Überschusslandes immer teurer werden, die des Defizitlandes immer billiger – und zwar solange, bis die Käufer sich umstellen und beginnen, die billigeren Güter auf dem Binnenmarkt kaufen. Der Import bricht zusammen, weil die Käufer im Defizitland nun ihre eigenen Produkte vorziehen und die im Überschussland mehr günstige Produkte aus dem vormaligen Defizitland erwerben wollen. Die Überschüsse und Defizite würden recht schnell schwinden, die Zahlungsbilanz wäre wieder ausgeglichen. Das System würde – in dieser Modellvariante – zu ausgeglichenen Handelsbilanzen zurückkehren. Das funktioniert aber nur, wenn es keine externen Faktoren gibt, die die Nachfrage nach den Währungen unabhängig von der Leistungsbilanz beeinflussen. Das ist aber heute regelmäßig der Fall. Spekulation auf Kursveränderungen von Währungen, Rohstoffen, Immobilien und Wertpapieren oder auch Interventionen der Zentralbanken oder großer Fondsgesellschaften können die Kursanpassungen behindern oder sogar in die entgegengesetzte Richtung erzwingen (s. Schulmeister 2018).</p>
<p>Ist eine Währung wie der Dollar zugleich Reservewährung und Nennwährung für die Abwicklung vieler Handels- und Finanztransaktionen, zugleich Spekulationsobjekt und Anlagewährung für eine Vielzahl von Wertpapieren und Immobilien, dann ist die Nachfrage nach dieser Währung viel größer als das Handelsvolumen in Waren und Leistungen. Deshalb können die USA so ein enormes Handelsbilanzdefizit haben, ohne dass der Dollar dramatisch abwertet. Die Handelspartner akzeptieren die Zahlung mit frisch geschöpften Dollar, denn der Dollar ist jederzeit und überall in jede andere Währung umtauschbar. Das ist natürlich anders bei einer kleinen Volkswirtschaft, deren Währung nur im Binnenmarkt gehandelt wird. Wollen bulgarische Handelsunternehmen importieren, müssen sie die Importe in Euro oder Dollar bezahlen und sie bekommen Lewa, wenn sie sie die importierten Güter im Inland verkaufen. Für den Export bekommen sie Dollar, die sie in Lewa umtauschen müssen, um inländische Arbeitskräfte, Lieferanten, Rohstoffe und Vorprodukte zu kaufen. Ist der Handel ausgeglichen gibt es kein Problem. Aber wenn sie mehr importieren als sie exportieren nutzt die Geldschöpfung bulgarischer Banken nichts, denn die Exporte können nicht mit Lewa bezahlt werden. Und die Möglichkeiten bulgarischer Unternehmen, bei ausländischen Banken Schulden in Fremdwährungen aufzunehmen sind begrenzt.</p>
<p>4. Es gibt aber eine weitere Grenze und diese gilt auch, wenn die Handelspartner dieselbe Währung haben. Um die Importe zu finanzieren, müssen Unternehmen oder private Haushalte (oder auch der Staat) in dem Land mit den Importüberschüssen Kredite aufnehmen, und zwar zunächst mal bei Banken, die Geld schöpfen, zusätzliche Zahlungsmittel herstellen können. Die Grenzen der Finanzierung von Importen sind also die mobilisierbaren vorhandenen Geldvermögensbestände und die Möglichkeiten der Aufnahme geldschöpfungsfinanzierter Kredite bei Banken.</p>
<p>Die Kreditaufnahme von privaten Haushalten und Unternehmen bei Banken ist begrenzt. Zunächst einmal müssen Kreditnehmer Sicherheiten hinterlegen, zudem müssen sie die Kredite mit Zinsen zurückzahlen und einen Einkommensnachweis erbringen. Die Sicherheiten und die laufenden Einkommen sind somit eine Grenze für die Finanzierung von Importen. Wenn alle Haushalte und Unternehmen entspart haben und bis an die Grenze ihrer Sicherheiten und Einkommen verschuldet wären, dann sind keine negativen Handelsbilanzen mehr möglich – theoretisch. Bei ärmeren Volkswirtschaften ist dieser Spielraum nicht sehr groß. Hinzu kommen rechtliche Grenzen, die Bankinsolvenzen verhindern sollen und die Kreditvergabe der Banken entsprechend Eigenkapital und anderer Parameter begrenzen. Die Vorschriften des Ausschusses für Bankenaufsicht (Basel III) regeln die Risikoabdeckung und die Transparenz beim Eigenkapital der Banken und legen Verschuldungsquoten fest. Damit begrenzen sie die Kreditvergabe der Geschäftsbanken.</p>
<p>Grundsätzlich gelten solche faktischen und rechtlichen Grenzen auch für Staaten, wenn die Kredite in Fremdwährungen aufgenommen werden müssen. Zwar waren und sind die Grenzen für die Kreditaufnahme von Staaten weiter, aber grundsätzlich nicht unbegrenzt. Nur die USA können ihre Importe unbegrenzt finanzieren, zumindest solange der Dollar als Weltgeld überall unbeschränkt angenommen wird. In der Eurozone sind es vor allem rechtliche Grenzen. Theoretisch könnte die Europäische Zentralbank die Verschuldung der Mitgliedsländer unbegrenzt finanzieren. Aber der Euro wirkt wegen der Verschuldungsregeln des Stabilitäts- und Wachstumspaktes wie eine Fremdwährung – das ist einer der Konstruktionsfehler des Euro-Systems. Es gelten Schuldengrenzen, Staaten sollen das jährliche Haushaltsdefizit auf 3 % des BIP und die gesamte öffentliche Verschuldung auf 60% ihres BIP begrenzen (Maastricht-Kriterien). Allerdings wurden diese Regeln schon infolge der Weltfinanzkrise gebrochen und der Corona-Epidemie gebrochen. In Deutschland musste die Schuldenbremse immer wieder ausgesetzt werden.<a href="#_edn9" name="_ednref9"><strong>[9]</strong></a></p>
<p>5. Wir kommen nun zu einem, Phänomen, das Varoufakis „Überschussrecycling“ nennt. Es ist in der heutigen Ausprägung typisch für den Finanzmarktkapitalismus und macht Finanzsysteme äußerst anfällig. Es ist mit dem Aberglauben an effiziente Finanzmärkte verbunden.</p>
<p>Wir beginnen wieder mit unserem Modell des Handels zwischen zwei Volkswirtschaften, von denen die eine einen Export- und die andere einen Importüberschuss hat. Wir nehmen vereinfachend an, es handelt sich um Transaktionen innerhalb einer Währungsunion, berücksichtigen also keine Wechselkurssysteme.</p>
<p>Im Defizitland kumuliert die Kreditaufnahme, im Überschussland häufen sich Geldbestände (Zahlungsmittelbestände) an. Solange das Defizitland genügend Geldbestände hat oder genügend Geld schöpfen kann, müssen keine Zahlungsmittel aus dem Überschussland in das Defizitland fließen. Es ist nicht zwangsläufig so, dass die Überschussländer die Importe in die Defizitländer finanzieren müssen. Das ist erst nötig, wenn wir verstehen wollen, wie man die oben dargestellten Grenzen der Kreditaufnahme weiter hinausschieben kann. Faktisch aber ist die Finanzierung von Handelsbilanzdifferenzen durch Überschussrecycling tatsächlich die Regel.</p>
<p>Die Geldbestände auf den Konten der Geldbesitzer im Überschussland machen diese nicht sehr glücklich, denn sie liegen auf Konten herum und werfen keine oder nur sehr geringe Zinsen ab. Deshalb suchen die Geldbesitzer*innen nach Anlagemöglichkeiten. Man kauft Grundstücke, Aktien, Staatsanleihen oder alle möglichen anderen Wertpapiere. Die Hoffnung ist natürlich, dass diese Anlagen Zinsen oder Dividenden abwerfen oder eine Rendite aus dem Wertzuwachs der Geldanlagen. Nicht alle, aber einige dieser Anlagen erweitern den Spielraum für die Finanzierung von Handelsbilanzdivergenzen.</p>
<p>Zunächst: Wenn ein Geldbesitzer inländische Aktien oder Immobilien kauft, ändert sich am Geldbestand nichts, er wechselt nur auf ein anderes Konto. Vielleicht werden damit Kredite getilgt, dann sinkt der Bestand an Geldvermögen und Schulden im Inland, aber das hat das keinen Einfluss auf die Zahlungsbilanz. Anders sieht es aus, wenn die Geldbesitzer des Überschusslandes ausländische Wertpapiere, Aktien, Staatsanleihen o.ä. kaufen. Es müssen nicht die des Defizitlandes sein, das kann über mehrere Stufen auf den internationalen Finanzmärkten laufen. Dann nämlich fließen Euro ins Ausland ab, die Giralgeldbestände im Inland nehmen ab, dafür nimmt der Bestand an ausländischen Wertpapieren oder -anlagen im Inland zu. Das gilt auch für den Fall, das im Ausland Grundstücke oder Unternehmen oder andere immobile Sachgüter erworben werden. (Mobile Sachgüter hingegen wären Importe. Wichtig ist, dass der erworbene Gegenstand im Ausland bleibt und für den Inländer Auslandsvermögen darstellt.) Derartige Transaktionen führen also zum Abfluss von Geldbeständen auf Auslandsmärkte.</p>
<p>Nun müssen wir die Kehrseite, das Defizitland, betrachten. Hier haben Unternehmen, Haushalte und ggf. auch der Staat ihr Kreditvolumen genutzt, um Importe zu finanzieren. Aber sie haben spiegelbildlich die gleiche Möglichkeit wie die Geldbesitzer im Überschussland: sie verkaufen Vermögensgegenstände: Aktien, Grundstücke, Staatsanleihen und ggf. verbriefte Schulden. Insbesondere werden die Renditen verbrieft, die aus den Zinszahlungen an die Kreditgeber fließen. Für den Verkauf dieser Finanzanlagen an ausländische Geldbesitzer fließt Geld in das Defizitland. Man kann vereinfacht denken, die Geldbesitzer aus dem Überschussland kaufen Wertpapiere, verbriefte Schuldscheine, Immobilien oder ganze Unternehmen in dem Defizitland. Dabei fließen die Zahlungsmittel, die für die Importe aus dem Defizitland in den Überschussland geflossen sind, wieder in das Defizitland zurück, es gibt einen Geldkreislauf. Statt Geldschulden im Defizitland und Geldvermögen im Überschussland sammeln sich nun Wertpapierbestände, Auslandsvermögen(stitel), Direktinvestitionen im Überschussland an, während das Defizitland Vermögenstitel generiert, diese „exportiert“ und ggf. Direktinvestitionen empfängt (vgl. Abb. 9). Das funktioniert auch über Zwischenschritte, d.h. es muss nicht der direkte Strom, von Geld und Wertpapieren zwischen diesen Handelspartnern sein.</p>
<p>Mit dem zurückfließenden Geld kann dann erneut importiert werden, ohne das weitere Zahlungsmittel emittiert werden müssen. Unter Umständen gleicht der Strom an Vermögensgegenständen den Zahlungsmittelstrom aus dem Handel vollständig aus, ansonsten bleibt ein Anteil Finanzierung durch Ausweitung der Kredite und Geldschöpfung. Das Überschussrecycling mittel Wertpapieren und Vermögenstiteln erweitert also die Reichweite der Finanzierung von Handelsbilanzdivergenzen über die Grenzen der Kreditschöpfung hinaus.</p>
<p>Auch hier gibt es natürlich Grenzen: nämlich die Menge an Grundstücken, Unternehmen und Wertpapieren, die aus dem Defizitland ans Ausland verkauft werden können. Allerdings hat die Finanzkrise gezeigt, dass der Fantasie bei der Kreation dubioser Wertpapiere kaum Grenzen gesetzt sind – solange die Käufer der Werthaltigkeit vertrauen und Kurssteigerungen erwarten – also bis die Blase platzt. Die Risiken bei dieser Form des Überschussrecycling sind beträchtlich. Die enorme Nachfrage nach Immobilien und Wertpapieren erzeugt selbstreferenzielle Kurssteigerungen ohne realwirtschaftliche Grundlage. Wenn diese von Kettenspielen getriebenen Kurse zusammenbrechen verschwinden Finanzanlagen und Geldvermögen im Nichts, das gesamte Handelssystem und die Produktionsabläufe geraten in die Krise. Besonders gefährlich wird es, wenn Finanzanlagen, also der Kauf von Wertpapieren Immobilien und anderen Spekulationsobjekten, über Geldschöpfung finanziert wird, Kredite verbrieft, gestückelt und gehandelt werden. Hier entsteht eine Pyramide von Finanzierungen. Erst erweitern Wertpapierkreisläufe die Möglichkeiten der Geldschöpfung, dann erweitert die Geldschöpfung die Möglichkeiten des Überschussrecycling durch Wertpapiere und Finanzanlagen. Und das alles ohne jeden realwirtschaftlichen Nutzen und verbunden mit Risiken und negativen Folgen für die Stabilität des Finanzsystems.</p>
<p><img decoding="async" width="600" height="323" class="alignnone size-medium wp-image-18213" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-9-Ueberschussrecycling-2-600x323.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-9-Ueberschussrecycling-2-600x323.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-9-Ueberschussrecycling-2-1000x539.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-9-Ueberschussrecycling-2-768x414.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-9-Ueberschussrecycling-2-1536x828.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-9-Ueberschussrecycling-2-2048x1104.jpg 2048w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-9-Ueberschussrecycling-2-800x431.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-9-Ueberschussrecycling-2-450x243.jpg 450w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><em>Abb. 9: Überschussrecycling</em></p>
<p>Tabelle 1 zeigt die typischen Transaktionen für ein Überschussland (DE) und ein Land mit Handelsbilanzdefizit (FR) im Jahr 2016. Deutschland exportiert mehr Waren als es importiert (271,7 Mrd. EUR), der Saldo der Dienstleistungen ist negativ. Der Transfer von Primäreinkommen (vor allem zufließende Vermögenseinkommen aus dem Ausland) überwiegt den Transfer der Sekundäreinkommen (vor allem Überweisungen von ausländischen Arbeitnehmern in Deutschland, die Geld an ihre Familien im Ausland überweisen). Der Leistungsbilanzsaldo ist positiv, 261,4 Mrd. EUR. Diese Einnahmen müssten Deutschland als Saldo pro Jahr zuströmen. Würde die gesamte Summe als Geldvermögen in Deutschland deponiert würde dies in der Kapitalbilanz als Erhöhung der sonstigen Forderungen, darunter der Giralgeldeinlagen oder des Bargeldbestandes) erscheinen. Diese Position ist aber nicht negativ. Tatsächlich wird das aus dem Handel und den Handelsbilanzüberschüssen zuströmende Geld für Finanzanlagen ausgegeben, und zwar überwiegend für Wertpapieranlagen (207,9 Mrd.) und Direktinvestitionen (22,8 Mrd.).</p>
<p><img decoding="async" width="388" height="450" class="alignnone size-medium wp-image-18219" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Tabelle1-388x450.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Tabelle1-388x450.jpg 388w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Tabelle1-646x750.jpg 646w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Tabelle1-768x891.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Tabelle1-1324x1536.jpg 1324w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Tabelle1-517x600.jpg 517w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Tabelle1-290x337.jpg 290w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Tabelle1.jpg 1720w" sizes="(max-width: 388px) 100vw, 388px" /></p>
<p><em>Tabelle 1: Bilanz der Leistungen und des Kapitalverkehrs für Deutschland, Frankreich, Italien und Griechenland 2016 in Mrd. EUR (Quelle: Eurostat 2017).</em></p>
<p>Frankreich hat einen negativen Handelsbilanzsaldo, dementsprechend muss der Kapitalverkehrssaldo positiv (+31,8 Mrd.) sein, d.h. Kapital (Schuld) fließt zu. Frankreich vergibt per Saldo auch Direktinvestitionen (-16,5) an das Ausland und kauft ausländische Wertpapiere (-22,5), wenn auch weniger als in Deutschland. Der Saldenausgleich erfolgt im Posten übriger Kapitalverkehr, dabei sind Kredite aus dem Ausland die größte Position (+73,3 Mrd.), meist Kredite an französischer Unternehmen, Banken oder den Staat durch ausländische Geldgeber.</p>
<h4 class="">3.3. Folgen: Sparende Unternehmen</h4>
<p>Seit etwa 2000 ist vor allem in Überschussländern ein neues Phänomen zu beobachten: Unternehmen mit positivem Finanzierungssaldo. Unternehmen legen mehr Geld an als sie für den laufenden Betrieb und Investitionen ausgeben. Das ist für eine Marktwirtschaft ein ungewöhnliches Verhalten. Normalerweise investieren Unternehmen Finanzen in Innovationen und Sachanlagen. Die laufenden Einnahmen reichten in der Regel nicht, man benötigte Einlagen von den Unternehmenseigentümern (Eigenkapital), nahm Anleihen oder Kredite bei privaten Haushalten, Fondsgesellschaften oder Banken auf oder gab Aktien aus.</p>
<p>Abb. 10a zeigt diese Situation zwischen 1960 und 1975. Die Finanzierungssalden zeigen: Private Haushalte sparen. Unternehmen nehmen Finanzmittel auf, verschulden sich, um investieren zu können. Der Staat hat mal Überschüsse, mal Defizite, gleicht so konjunkturelle Schwankungen aus. Das Ausland sollte eine ausgeglichene Bilanz haben, also mal Überschüsse, mal Defizite aufweisen, die sich mittelfristig ausgleichen. Im deutschen Fall sehen wir ein leichten Defizit zwischen Null und zwei Prozent des BIP, Deutschland neigte schon immer zu Überschüssen, die allerdings in dieser Zeit geringer waren als die derzeit zu verzeichnenden sechs bis acht Prozent. In den 1990er Jahren dreht sich das: die Haushalte sparen weiter, aber die Unternehmen nehmen diese Finanzen per Saldo nicht mehr über Kredite und Kapitaleinlagen auf.</p>
<p>Wie ist das zu erklären? Warum investieren die Unternehmen per Saldo weniger als sie einnehmen? Zuwenig Geld haben sie nicht und die Kreditzinsen sind zumindest seit Jahren niedrig. Es hat zwei miteinander verbundene Gründe: Erstens fehlt die Binnennachfrage für umfassende Investitionen. Zweitens sind die zu erwartenden Renditen für Finanzanlagen höher als die für Investitionen in die Realwirtschaft. Das ist eine paradoxe Situation, denn auf den Finanzmärkten entstehen keine Waren und werden keine realen Werte produziert, es wird nur umverteilt. Offensichtlich sind aber die Gewinne aus Spekulation und Umverteilung, Gewinne auf Kosten anderer, unter bestimmten Bedingungen und für einige Akteursgruppen höher als die Gewinne aus der Realwirtschaft.</p>
<p>Grundlage ist der Übergang von einem realwirtschaftlich orientierten fordistischen Teilhabekapitalismus in den Finanzmarktkapitalismus mit einem anderen Regime wirtschaftlicher Entwicklung (Hein 2016). Zu den Rahmenbedingungen gehören knappe Löhne, ein Billiglohnsektor, deregulierte Finanzmärkte, Shareholde-Value-Strategien im Management, Wettbewerb der Finanzanleger um Kapitalanlagen – und daraus folgen divergente Handelsbilanzen und eben sparende Unternehmen.</p>
<p><img decoding="async" width="600" height="389" class="alignnone size-medium wp-image-18214" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10a-DEU-Finsalden-1960-1975-600x389.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10a-DEU-Finsalden-1960-1975-600x389.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10a-DEU-Finsalden-1960-1975-768x497.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10a-DEU-Finsalden-1960-1975-450x291.jpg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10a-DEU-Finsalden-1960-1975.jpg 800w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><em>Abb. 10a: Finanzierungssalden der Wirtschaftssektoren 1960-1970 – sparende Haushalte und Kredite aufnehmende Unternehmen; Staat und Ausland sind mehr oder weniger ausgeglichen (Quelle Flassbeck, Spieker, 17.2.2015).</em></p>
<p><img decoding="async" width="600" height="389" class="alignnone size-medium wp-image-18215" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10b-D-Nettogeldvermb.-1991-2013-600x389.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10b-D-Nettogeldvermb.-1991-2013-600x389.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10b-D-Nettogeldvermb.-1991-2013-768x497.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10b-D-Nettogeldvermb.-1991-2013-450x291.jpg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-10b-D-Nettogeldvermb.-1991-2013.jpg 800w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p>Abb. 10b: Finanzierungssalden der Wirtschaftssektoren 1991-2013 – sparende Haushalte, aber nun sparen auch die Unternehmen. Der Saldo muss sich aber zu Null summieren. Das Geldvermögen, das eine Seite spart, muss die andere als Schuld aufnehmen. Bis 2006 hat der Staat sich verschuldet, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Seit 2010 versucht aber auch der Staat, den Haushalt auszugleichen. Das gelingt nur, indem das Ausland in die Schuldnerposition geht – gezwungen durch deutsches Lohndumping und Exportüberschüsse zwingt (Quelle: ebd.).</p>
<h4 class="">3.4. Zwischen&shy;fazit</h4>
<p style="padding-left: 40px;">a) Ursache der Überschüsse in den Handelsbilanzen sind divergente Lohnstückkostenentwicklungen, also die Abweichung der Arbeitskosten (Lohn und Lohnnebenkosten) von einer produktivitätsorientierten Entwicklung nach unten, vor allem in Deutschland, verstärkt seit der Agenda 2010. Ursache der seit 2012 wachsenden Überschüsse der Eurozone gegenüber anderen Volkswirtschaften im Weltmarkt ist die mehr oder weniger erfolgreiche Anpassung der Entwicklung der Arbeitskosten nach unten an das deutsche Niveau. Dieses Niveau kann jedoch kaum erreicht werden, solange Deutschland nicht deutliche Schritte zur Reduzierung des Rückstands zur Zielinflationsrate macht (vgl. Abb. 5 und 7).</p>
<p style="padding-left: 40px;">b) Folgen der Handelsbilanzdivergenzen sind eine hohe Arbeitslosigkeit, vor allem in den Defizitländern. In den Überschussländern sinkt die Arbeitslosigkeit (wird exportiert in die Defizitländer), ist aber mit über 3 Prozent immer noch zu hoch.</p>
<p style="padding-left: 40px;">c) Eine Folge ist die Fehlorientierung der wirtschaftlichen Entwicklung auf Kostensenkungen vor allem im Bereich der Löhne und Arbeitskosten – obwohl gerade diese nur aus betriebswirtschaftlicher Sicht Kosten, aus volkswirtschaftlicher Sicht hingegen Grundlage von Wohlfahrtseffekten sind.</p>
<p style="padding-left: 40px;">d) Die wirtschaftliche Entwicklung ist durch zunehmende Disproportionen und Disparitäten gekennzeichnet. In den Überschussländern wächst die Exportindustrie, während die auf den Binnenmarkt orientierte Wirtschaft, vor allem die Dienstleistungen und die öffentliche Infrastruktur zurückbleiben und erhebliche Investitionsrückstände aufweisen. In den Defizitländern sind De-Industrialisierungstendenzen festzustellen. Die Corona-Krise hat Defizite in der Infrastruktur und dem Gesundheitswesen aufgedeckt.</p>
<p style="padding-left: 40px;">e) Die durch die Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen ausgelösten Finanzströme, die Verschuldung von Unternehmen, Haushalten und Staat auf der einen Seite und die Anhäufung von enormen Finanzvermögen auf der anderen Seite destabilisieren das Finanzsystem und sind mit hohen Risiken verbunden. Das Platzen von Spekulationsblasen bei Immobilien, Wertpapieren, Währungen, Rohstoffen und Lebensmitteln kann das gesamte Zahlungssystem zerstören. Damit verbunden ist eine weitere Fehlorientierung in der Selektion von Innovationen und Investitionen, die auf die Rendite von Finanzanlagen statt überwiegend auf realwirtschaftliche Effekte orientiert ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">4. Der Versuch der EZB, die Eurozone durch Zinssen&shy;kungen und QE-Programm zu stabi&shy;li&shy;sieren</h3>
<p>Die EZB hat auf zwei Wegen versucht, das Euro-Finanzsystem zu stabilisieren und zur Bewältigung der Krise beizutragen: Erstens durch Zinssenkungen (der Leitzins wurde von etwa 3 Prozent in der Finanzkrise 2009 auf unter 1 Prozent gesenkt und beträgt seit 2012 Null bzw. derzeit -0,5 Prozent).<a href="#_edn10" name="_ednref10"><strong>[10]</strong></a> Zweitens mit den verschiedenen QE-Programmen. Dabei kauft die Zentralbank auf dem Sekundärmarkt Wertpapiere, Aktien, Staatsanleihen u.ä. auf, wodurch zunächst Zentralbankgeld (Reserven) in das Bankensystem gelangen. Dabei steigt die Bilanzsumme der EZB. In der Folge sank das Zinsniveaus auf breiter Front.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img decoding="async" width="512" height="450" class="alignnone size-medium wp-image-18221" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-11-Bilanzsumm-EZB-Geldmenge-Reserven-512x450.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-11-Bilanzsumm-EZB-Geldmenge-Reserven-512x450.jpg 512w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-11-Bilanzsumm-EZB-Geldmenge-Reserven-853x750.jpg 853w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-11-Bilanzsumm-EZB-Geldmenge-Reserven-768x675.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-11-Bilanzsumm-EZB-Geldmenge-Reserven-682x600.jpg 682w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-11-Bilanzsumm-EZB-Geldmenge-Reserven-383x337.jpg 383w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-11-Bilanzsumm-EZB-Geldmenge-Reserven.jpg 1059w" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" /></p>
<p><em>Abb. 11: Bilanzsumme (Reserven) der EZB in Euro. Es sind drei Wellen der QE zu erkennen: 2011-2012, 2015-2018 und 2020 (Corona).</em></p>
<p>Der zentrale Auftrag der EZB ist die Preisstabilität, definiert durch eine Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent. Da die Inflationsrate im Euroraum seit 2013 unter der Zielinflationsrate liegt (2015 bei 0,2 Prozent, 2019 bei 1,2 Prozent) kann sie QE im Rahmen ihres Auftrags begründen. Sie unterstellt dabei, eine Senkung des Zinsniveaus führt zu steigender Inflation. Die Rechnung ist aber nur teilweise aufgegangen.</p>
<p>Das durch QE emittierte Zentralbankgeld lag und liegt auf den Konten der Banken ohne deutliche Wirkung auf die volkswirtschaftliche Nachfrage. Das System – Staat, Unternehmen und Haushalte – war bis 2020 auf Sparen und Postwachstum getrimmt.<a href="#_edn11" name="_ednref11"><strong>[11]</strong></a> Dabei geht es nicht um das Wollen der einzelnen Akteure, sondern um die Rahmenbedingungen und die institutionellen Konstellationen, in denen Unternehmen, Staat und private Haushalte agieren. Der eigentliche Effekt von QE ist nicht direkt eine Nachfragesteigerung, sondern die Senkung des Zinsniveaus auf breiter Front.</p>
<p>Mittelbar aber ist eine solche Wirkung auf die Inflation doch vorhanden, weil durch die breite Zinssenkung Staatshaushalte entlastet wurden. Selbst im Rahmen der Schuldenbremsen waren etwas höhere Staatsaufgaben möglich, weil die Zinsbelastungen sanken. Man kann die EZB-Politik also durchaus mit der Zielinflationsrate begründen.</p>
<p>Das eigentliche Ziel der EZB-Politik aber war, das Euro-Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren. Durch die umfassenden Zinssenkungen wurden zunächst Staatsinsolvenzen verhindert, denn Staaten konnten sich zum Zinssatz Null neu verschulden oder refinanzieren. Staatsinsolvenzen sind im Euro-System zwar nicht geregelt, wären aber unvermeidlich, wenn die EZB im Zahlungssystem die Finanzierung der Banken für bestimmte Staaten einstellen müsste, wie dies in der Griechenlandkrise tageweise der Fall war. Wenn die Zinssätze dem Druck der Finanzmärkte ausgeliefert immer weiter gestiegen wären hätte es nach Griechenland auch Italien, Spanien und Portugal treffen können, bei einem Kettenzusammenbruch vielleicht auch Frankreich. Eine Staatsinsolvenz, der Austritt aus dem Euro, eine Spaltung in einen Nord- und einen Südeuro, die organisierte Auflösung oder sogar der unorganisierte Zusammenbruch des Eurosystems wären mögliche Szenarien gewesen. Das konnte die EZB abwenden &#8211; nicht mehr, nicht weniger.</p>
<p>Damit diente und dient die EZB-Politik der Staatsfinanzierung und somit der Stabilisierung des Euro-Finanzsystems. Dabei hat die EZB indirekt auch die Bankenrettung und die Rettungsschirme durch die EU und die Mitgliedsstaaten ermöglicht. Je nach Standpunkt kann man das formal als innerhalb oder außerhalb der Kompetenz der EU betrachten. Das ändert nichts daran, dass diese Rettungspolitik ökonomisch geboten war.</p>
<p>Die Funktionsdefizite des Eurosystems sind damit nicht beseitigt. Weder können die Arbeitslosenquoten massiv gesenkt noch die strukturellen Fehlentwicklungen im Binnenmarkt und den Infrastrukturinvestitionen korrigiert werden.</p>
<p>Bezogen auf das Zahlungssystem und die Staatsfinanzierung haben die EZB-Programme kompensatorisch gewirkt, allerdings immer nur zeitlich begrenzt. Solange die eigentlichen Ursachen nicht angegangen werden, wird ein Rettungsprogramm dem nächsten folgen müssen. Hinzu kommen erhebliche Nebenwirkungen, die ja auch das BVerfG beklagt – allerdings ohne sie gegen die Notwendigkeit, das Euro-System retten zu müssen, abzuwägen. Die niedrigen Zinsen und die vermeintliche Geldschwemme haben Spekulanten auf den Plan gerufen, die mit Krediten Immobilien, Wertpapiere, Rohstoffe und andere Spekulationsobjekte kaufen, Blasenbildung an den Börsen verursachen und Fehlallokationen bezogen auf die Realwirtschaft verursachen. Zudem sind auch Stiftungen und Sparer wegen der niedrigen Zinsen in Not. Hier hat das BVerfG zu Recht eine Verhältnismäßigkeitsprüfung gefordert – aber nötig wäre eine transparente, öffentlich zugängliche und der Diskussion unterworfene Vorgehensweise. Diese sollte aber nicht die Einstellung der EZB-QE-Programme zum Ziel haben, sondern eine Diskussion über die zentralen Funktionsdefizite des Euro und deren Beseitigung. Dann nämlich könnte man auf QE verzichten und müsste sich nicht mit den Nebenwirkungen herumschlagen.</p>
<p>Was ist zu erwarten, wenn eine grundlegende Revision der institutionellen Gegebenheiten der Eurozone nicht in absehbarer Zeit erfolgt? Ein Austritt einzelner Staaten, ein Auseinanderbrechen der Eurozone, die geordnete oder ungeordnete Auflösung in einer Krise ist nicht auszuschließen und auch nicht unwahrscheinlich. Aber wahrscheinlicher ist, das die verschiedenen Rettungsschirme einschließlich der EZB-Politik temporär immer wieder in der Lage sind, Finanzkrisen zu managen und den Zusammenbruch zu verhindern.</p>
<p>Unter diesen Voraussetzungen wird es auf absehbare Zeit bei Handelsbilanzdivergenzen innerhalb der Eurozone sowie zwischen Eurozone und Volkswirtschaften außerhalb der Eurozone bleiben. Allerdings werden die jährlichen Überschüsse nicht mehr weiter wachsen sondern langsam zurückgehen, weil die Defizitländer innerhalb der Eurozone nicht mehr in der Lage sind, ihre Defizite weiter zu vergrößern und Länder außerhalb der Eurozone, insbesondere die USA, beginnen, gegen Außenhandelsdefizite vorzugehen.</p>
<p>Für Deutschland ist in Zukunft nicht mit starken Wachstumsimpulsen vom Außenbetrag zu rechnen. Der Exportüberschuss wird zurückgehen, das sollte möglichst kontrolliert und schrittweise geschehen. Dies wird zu einem Rückgang der wirtschaftlichen Dynamik und wieder steigenden Arbeitslosenquoten führen – vielleicht nicht im Maße der 1990er Jahre, weil die demographische Lage eine ganz andere ist – die in den Arbeitsmarkt eintretenden Jahrgänge sind geburtenschwach. Neue Dynamik könnte nur mit einem anderen Entwicklungsmodell gewonnen werden (Abschnitt 6).</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">5. Was w&auml;re n&ouml;tig f&uuml;r eine funktio&shy;nie&shy;rende Euro-W&auml;h&shy;rungs&shy;u&shy;nion?</h3>
<p>Es gibt drei entscheidende Defizite des Eurosystems:</p>
<p>1. Es gibt keine Koordinierung der Inflationsraten, was vor allem eine Koordination der Lohnentwicklung erforderte. Die Lohnentwicklung der einzelnen Mitgliedsländer muss mittelfristig der jeweiligen Produktivität entsprechen.</p>
<p>Die Inflationsraten liegen seit 2013 nicht nur teilweise erheblich unter der Zielinflationsrate (Abb. 12). Die folgende Abb. 13 zeigt, dass die Inflationsraten auch 2020 erheblich differieren, zwischen Griechenland (-2,1 Prozent) und Öster­reich­ (+plus 1,8) bzw. Deutschland (0,0) und Frankreich (+0,9) – bei einer gemeinsamen Zielinflationsrate von 1,9, die kein Euroland einhält. In einer Währungs- und Wirtschaftsunion sind differente Inflationsraten ein unhaltbarer Zustand.</p>
<p><img decoding="async" width="600" height="264" class="alignnone size-medium wp-image-18216" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-12-Inflation-EU-Euro-bis-2019-600x264.png" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-12-Inflation-EU-Euro-bis-2019-600x264.png 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-12-Inflation-EU-Euro-bis-2019-768x337.png 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-12-Inflation-EU-Euro-bis-2019-800x351.png 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-12-Inflation-EU-Euro-bis-2019-450x198.png 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-12-Inflation-EU-Euro-bis-2019.png 997w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p>Abb. 12: Inflationsraten in EU und Eurozone (Quelle: Eurostat/Grafik: Statista).</p>
<p>Die EZB ist für die Einhaltung einer Zielinflationsrate von 1,9 Prozent zuständig und sie hat mehr oder weniger gut funktionierende Instrumente (Leitzins, QE), um die durchschnittliche Inflationsrate der gesamten Eurozone zu beeinflussen. Aber es gibt ohne Lohnregulation keinerlei Möglichkeit, für eine einheitliche Inflationsrate in allen Mitgliedsstaaten zu sorgen.</p>
<p>„Wichtig ist an dieser Stelle anzumerken, dass selbst wenn die durchschnittliche Inflationsrate dem EZB-Inflationsziel entsprechen würde, nichts gewonnen wäre. Nur dann, wenn die Inflationsraten aller Euro-Mitgliedsländer mehr oder weniger gleich hoch wären, könnten die schädlichen makroökonomischen Ungleichgewichte in der Eurozone vermieden werden.“ (Steinhardt 2020, 22.05)</p>
<p>2. Es gibt keine Koordinierung der nationalen Finanzpolitiken, abgesehen von einer formalen Verschuldungsgrenze, keine Orientierung der Fiskalpolitik an der für das Funktionieren der Währungsunion unabdingbaren Forderung nach gleichen Inflationsraten. Statt der Verschuldungsregeln des Fiskalpaktes muss die Fiskalpolitik an der jeweiligen nationalen Wirtschaftsentwicklung ausgerichtet werden. Wichtig wäre, die Auslastung des Wirtschaftspotenzials zu Grund zu legen und zu bremsen, wenn die Kapazitäten überlastet werden und zu stimulieren, wenn die Auslastung sinkt und die Arbeitslosigkeit zu steigen droht. Allerdings ist heute eine derartige konjunkturell orientierte Fiskalpolitik nur zielführend, wenn sie mit inhaltlichen Kriterien, insbesondere einer Beachtung der ökologischen Tragfähigkeitsgrenzen, verbunden würde.</p>
<p><img decoding="async" width="417" height="450" class="alignnone size-medium wp-image-18217" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-13-inflationsraten-in-den-euro-laendern-im-juli-2020-417x450.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-13-inflationsraten-in-den-euro-laendern-im-juli-2020-417x450.jpg 417w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-13-inflationsraten-in-den-euro-laendern-im-juli-2020-695x750.jpg 695w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-13-inflationsraten-in-den-euro-laendern-im-juli-2020-768x828.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-13-inflationsraten-in-den-euro-laendern-im-juli-2020-1424x1536.jpg 1424w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-13-inflationsraten-in-den-euro-laendern-im-juli-2020-1899x2048.jpg 1899w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-13-inflationsraten-in-den-euro-laendern-im-juli-2020-556x600.jpg 556w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-13-inflationsraten-in-den-euro-laendern-im-juli-2020-313x337.jpg 313w" sizes="(max-width: 417px) 100vw, 417px" /></p>
<p><em>Abb. 13: Inflationsraten der EU Mitgliedsländer im Juli 2020 gegenüber dem Vorjahresmonat (Quelle: Eurostat/Grafik: Statista).</em></p>
<p>3. Es wäre sinnvoll, das Verbot der monetären Staatsfinanzierung aufzuheben. Es ist unsinnig, durch die Bindung an Sekundärmärkte den Steuerzahler mit Provisionen für Banken, Spekulanten und alle möglichen Anleger zu belasten. Zudem hätte die EZB bei direkter Staatsfinanzierung einen wesentlich größeren Spielraum, um Finanzkrisen schnell und wirksam zu bekämpfen. Als Zentralbank der Eurozone sollte die EZB jedem einzelnen Mitgliedsland als Kreditgeber der letzten Instanz unbegrenzt verpflichtet sein. Gerade deshalb sollten Budget und Verschuldung einer öffentlichen und einer fachlichen Kontrolle unterliegen. Der richtige Weg ist nicht eine unabhängige Zentralbank und eine juristisch konstruierte Schuldenbremse, sondern ein demokratisches Verfahren. Die nationalen Parlamente sollten mit einem jährlichen Bericht über die wirtschaftliche Entwicklung entscheiden, welche Ausgaben- und Verschuldungspolitik in der jeweiligen Lage angemessen ist. Dabei besteht die Gefahr, dass Parteien und im Wahlkampfmodus oder unter dem Einfluss von Sonderinteressen in Parlamenten Beschlüsse durchsetzen, die volkswirtschaftlich dysfunktional sind und zu Fehlentwicklungen führen. Daher sollte ein demokratisches Verfahren zur Entscheidung über Ausgaben, Investitionen und Verschuldungsgrenzen zweckmäßigerweise durch ein Expertengremium ergänzt werden, das einen Bericht vorlegt und evtl. auch über Vetorechte politische Entscheidungen öffentlich wahrnehmbar kritisieren und an Parlamente zurückverweisen darf.</p>
<p>Wie könnte eine verfassungskonforme Koordinierung der Lohnentwicklung aussehen? Die Löhne sollten nach wie vor durch die Tarifpartner ausgehandelt werden. Dies ist verfassungsrechtlich geboten und auch wirtschaftlich vernünftig. Allerdings muss man sich davon verabschieden, dass hier der Markt Löhne festlegt. Tatsächlich ist es ein politischer Interessenausgleich, der zugleich mit ökonomischen Erfordernissen und objektiven Gesetzen in Einklang gebracht werden muss – und hier eben auch mit den Funktionsbedingungen der Euro-Währungsunion, die gleiche Inflationsraten und daher gleiche Lohnstückkosten erforderlich macht.</p>
<p>Mein Vorschlag (Land 2018, 19.4.) wäre ein dreistufiges System: Zur ersten Stufe gehört ein jährlicher Bericht über die volkswirtschaftliche Lohnentwicklung im Verhältnis zur Produktivität aufgeschlüsselt nach Bereichen (Lohnkosten, Lohnnebenkosten, staatlich finanzierte Sozialausgaben, die zum volkswirtschaftlichen Lohnfonds gehören) und Branchen (welche Branchen lagen über oder unter dem volkswirtschaftlich erforderlichen Lohnentwicklungspfad, evtl. auch warum). Mit einem solchen Bericht, der von einem Expertengremium zu erarbeiten wäre und dem Parlament vorzulegen ist, sind alle Informationen verfügbar, die es den Tarifpartnern ermöglichen, volkswirtschaftlich vernünftige Lohnziele anzustreben.</p>
<p>Die zweite Stufe würde eintreten, wenn die Abweichung der Lohnentwicklung von Produktivität und Zielinflationsrate ein bestimmtes Maß überschreitet, beispielsweise 2 Prozent. Hier sollte die Regierung oder das Parlament eine Disproportion feststellen und die Tarifpartner förmlich auffordern, das zu korrigieren. Darüber hinaus können auch staatliche Maßnahmen (Sozialausgaben oder Arbeitsförderung betreffend) beschlossen werden.</p>
<p>Die dritte Stufe würde eintreten, wenn im Jahr nach einer solchen Aufforderung die Abweichung erneut 2 oder 3 Prozent beträgt. Dann sollte das Parlament eine erhebliche volkswirtschaftliche Disproportion feststellen und selbst in die Tarifverträge korrigierend eingreifen dürfen. Die Tarifpartner hätten zuvor alle Möglichkeiten, verantwortungsvolle und an objektiven den volkswirtschaftlichen Erfordernissen orientierte Tarifabschlüsse in eigener Verantwortung zu erreichen. Der Eingriff in die Tarifautonomie ist in dem Falle zeitlich befristet und mit einer Notlage begründet.</p>
<p>Eine gemeinsame Investitionspolitik kann eine Koordinierung der Lohnentwicklung nicht ersetzen. Das Volumen der durch divergente Lohnstückkosten entstehenden Überschüsse und Defizite ist so groß, dass weder Transfers noch asymmetrische Investitionen dies kompensieren könnten. Es würde sich um mehrere hundert Milliarden pro Jahr handeln (vgl. Flassbeck 2016, 11.7. und Land 2018, 2.6.)</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">6. Grenzen und Bedingungen einer weiter&shy;ge&shy;henden Integra&shy;tion: ein neues Entwick&shy;lungs&shy;mo&shy;dell und eine &ouml;kologische Globa&shy;li&shy;sie&shy;rungs&shy;stra&shy;tegie</h3>
<p>Im vorigen Abschnitt sind die notwendigen Voraussetzungen für die Funktionsfähigkeit der Währungsunion genannt worden. Gelänge ihre institutionelle Umsetzung könnten dramatische, das Eurofinanzsystem destabilisierende Handelsbilanzdivergenzen vermieden werden.</p>
<p>Allerdings wären damit noch nicht alle Probleme gelöst. Innerhalb der Eurozone gibt es beträchtliche Produktivitätsunterschiede (Abb. 14) und folglich große Differenzen der Löhne und der Arbeitskosten. Eine volkswirtschaftlich korrekte Regulierung der Lohnstückkostenentwicklung würde daran nichts ändern, vielmehr liefe die goldene Lohnregel gerade darauf hinaus, dass die Löhne in weniger produktiven Ländern entsprechend geringer sein müssten. Damit wäre ein erhebliches Wohlstandsgefälle innerhalb der Eurozone und der EU verbunden.</p>
<p><img decoding="async" width="600" height="266" class="alignnone size-medium wp-image-18218" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-14-Arbeitsprodktivitaet-selekt-600x266.jpg" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-14-Arbeitsprodktivitaet-selekt-600x266.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-14-Arbeitsprodktivitaet-selekt-1000x443.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-14-Arbeitsprodktivitaet-selekt-768x340.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-14-Arbeitsprodktivitaet-selekt-1536x680.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-14-Arbeitsprodktivitaet-selekt-2048x906.jpg 2048w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-14-Arbeitsprodktivitaet-selekt-800x354.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2022/09/Abb-14-Arbeitsprodktivitaet-selekt-450x199.jpg 450w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><em>Abb. 14: Entwicklung der Produktivität in ausgewählten Euro-Ländern 2004-2013 (Daten und Grafik: Eurostat).</em></p>
<p>Unter den Voraussetzungen der Freizügigkeit von Arbeit und Kapital würde das dazu führen, dass Arbeitnehmer*innen aus den Ländern mit geringerem Lohn- und Wohlstandsniveau in die mit höheren abwandern. Ebenso würden Unternehmen versuchen, Arbeitskräfte aus Ländern mit geringerem Lohnniveau anzuwerben oder Leiharbeitskräfte einzukaufen. Wenn man dies nicht institutionell verhindert, würde dies die Produktivitätspotenziale in weniger entwickelten Ländern weiter schwächen. Angesichts des Fachkräftemangels in den entwickelten Ländern ist zu befürchten, dass gut ausgebildete Personen migrieren. Bei Ärzten, Pflegekräften, Ingenieuren und einigen anderen Dienstleistungsbranchen ist dies schon seit Jahren zu beobachten. Auch eine gut regulierte Eurozone würde nicht verhindern, dass die Produktivitäts- und Lohndifferenzen weiter anwachsen, zumindest aber nicht abgebaut werden.</p>
<p>Heute hat die EU einen gemeinsamen Markt und die Eurozone zusätzlich eine einheitliche Währung. Die Integration der Eurozone zu einer Volkswirtschaft erfordert nicht nur eine funktionierende gemeinsame Währung, sondern auch ein annährend gleiches Lohnniveau, ein überwiegend einheitliches Steuersystem und annähernd gleiche Vorgaben im Hinblick auf Umweltregelungen, Arbeits- und Verbraucherschutz und das Rechtssystem. Die Integration zu einer Volkswirtschaft und der Grundlage für einen Bundesstaat „Vereinigte Staaten von Europa“ sind angesichts der Produktivitäts- und Einkommensunterschiede und der verschiedenen institutionellen und kulturellen Voraussetzungen nicht absehbar.</p>
<p>Eine weitergehende Integration muss durch eine Annäherung des Niveaus der wirtschaftlichen Entwicklung geschehen. Daher muss perspektivisch die Entwicklung der Eurozone so ausgerichtet werden, dass die schwächeren Länder aufholen und größere Produktivitätsfortschritte machen, indem sie ihre eigenen Stärken durch Selbstorganisation entwickeln.</p>
<p>Mit dem derzeitigen Wettbewerbsmodell, das vor allem auf die Senkung der Arbeitskosten orientiert ist, kann das nicht erreicht werden. Es müssten neue Felder wirtschaftlicher Entwicklung entstehen, die für nachholende Entwicklung auf komplementären Pfaden geeignet sind. Und diese Felder müssten echte Zukunftschancen enthalten – statt Finanzmarkt- und Digitalisierungsgeklingel.</p>
<p>Hier treffen sich zwei Überlegungen: Wie ist eine neue wirtschaftliche Dynamik zu gewinnen und worauf sollte ein neues Entwicklungsmodell ausgerichtet werden? Und wie sind die Produktivitätsdifferenzen innerhalb der Eurozone zu überwinden? Nicht auf den bisherigen Pfaden des Finanzmarktkapitalismus. Aber auch eine Rückkehr zu einem keynesianisch regulierten Teilhabekapitalismus, der auf die Rückkopplung von Produktivitätssteigerung durch Massenproduktion und Massenkonsum setzt, ist aus ökologischen und sozialen Gründen kein gangbarer Weg.</p>
<p>Wirtschaftliche Dynamik könnte wieder gewonnen werden, wenn die Industriestaaten ihr Entwicklungsmodell auf Investitionen in den ökologischen Umbau in globalem Maßstab umstellen. Dabei sollte der Binnenmarkt entwickelt und ausgeglichene Handelsbilanzen im Rahmen einer neuen Globalisierungsstrategie angestrebt werden. Der ökologische Umbau kann nicht nur national erfolgen. Sinnvoll ist die Ablösung der bisherigen durch eine neue Globalisierung: Aufbau einer ökologischen Weltwirtschaft durch globale Infrastruktur in den Bereichen Energiewirtschaft, Ressourcenmanagements und nachhaltiger Verkehrsgestaltung sowie einer lebens- und umweltfreundlichen Gestaltung von Megacitys. Da dabei nationale und internationale Investitionen kombiniert werden müssen, ist mit einer solchen auf die Realwirtschaft ausgerichteten Strategie wirtschaftlicher Entwicklung ein Ausgleich der Handelsbilanzen möglich. Die Umsetzung von Strategien zur Begrenzung und Bewältigung des Klimawandels wären der naheliegende Schritt. Eine verstärkte Beteiligung an der von China angestoßenen One Belt, One Road-Initiative könnte dafür den Ausgangspunkt bilden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">Nachtrag</h3>
<p>Dieser Text wurde 2020 verfasst, in einer noch deflationären Situation. Inzwischen hat sich die Lage gedreht: Die Corona-Epidemie und der Ukraine-Krieg haben Lieferketten unterbrochen und führten zu Angebotsdefiziten bei bestimmten Zwischenprodukten, Rohstoffen sowie Energie, welche durch Spekulation auf steigende Energiepreise erheblich verstärkt wurden. Dadurch sind die Preise vor allem für Energie und Lebensmittel weltweit gestiegen. Die Verbraucherpreise steigen Monat für Monat, im Mai um knapp 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Noch stärker stiegen die Erzeugerpreise: im April 2022 um 33,5 Prozent gegenüber April 2021 (Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung 210 v. 20.5.2022).</p>
<p>Die in dem Text dargestellten Zusammenhänge sind auch in dieser nunmehr inflationären Wirtschaftslage weiter gültig, denn diese Preissteigerungen haben zunächst externe Ursachen. Immer noch bleiben die Löhne mittelfristig hinter der goldenen Lohnregel zurück und die Handelsbilanzdivergenzen werden vor allem durch das deutsche Lohndumping verursacht.</p>
<p>Aber wenn es gelänge, im volkswirtschaftlichen Durchschnitt Lohnforderungen in Höhe der realen Inflation (also etwa 8 Prozent) durchzusetzen, würde die Marke „Produktivität plus Zielinflationsrate“ (also 2 + 2, also 4, maximal 5 Prozent) überschritten. Die Arbeitnehmer müssten einen Rückgang ihres Realeinkommens hinnehmen, um die exogen verursachten Preissteigerungen zu kompensieren. Ansonsten bestünde die Gefahr einer positiven Rückkopplung von Preisen und Löhnen, einer Preis-Lohn-Preis-Lohn-Spirale. Nun ist es in Deutschland unwahrscheinlich, dass es gelänge, im volkswirtschaftlichen Mittel Lohnforderungen in Höhe von 8 Prozent durchzusetzen. Aber in einzelnen Branchen ist das nicht ausgeschlossen. Das würde die Ungleichheit zwischen prosperierenden Branchen (z.B. der Angestellten der Finanzbranche) und dem Billiglohnsektor (vor allem Bauwirtschaft und öffentlicher Dienst) weiter verschärfen.</p>
<p>Zudem kann man begründet vermuten, dass der Inflationsausgleich in den einzelnen Mitgliedsländern der Eurozone unterschiedlich ausfällt. In Deutschland wird es bei Lohndumping besonders im unteren Einkommensbereich bleiben, also Lohnsteigerungen unter der Inflationsrate. In anderen Ländern werden die Gewerkschaften vermutlich deutlich mehr Inflationsausgleich durchsetzen. Dann aber würden die Divergenzen der Lohnstückkosten zwischen den Euroländern und die dadurch bedingten Handelsbilanzungleichgewichte weiter verschärft. Eine neue Runde der Eurokrise könnte die Folge sein. Ggf. werden wir diese Perspektive in einem Folgeartikel analysieren, wenn die mittelfristigen Folgen der neuen Lage, die Reaktionen der Tarifpartner und der Politik abzusehen sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Dr. Rainer Land   Jg. 1952, studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1992 ist er Redakteur der Zeitschrift Berliner Debatte Initial. Seit den 1980er Jahren arbeitet er an »Bausteinen zu einer evolutorischen Theorie der Moderne«. Seit 2000 ist er in diversen empirischen und theoretischen Projekten am selbst gegründeten Thünen-Institut e. V. in Bollewick tätig.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">Literatur:</h3>
<p>Bofinger, Peter (2020, 5.7.): Die Verfassungsrichter beschädigen die Unabhängigkeit der EZB. Makronom. <a href="https://makronom.de/die-verfassungsrichter-beschaedigen-die-unabhaengigkeit-der-ezb-35807">https://makronom.de/die-verfassungsrichter-beschaedigen-die-unabhaengigkeit-der-ezb-35807</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Bofinger, Peter; Hellwig, Martin; Hüther, Michael; Schnitzer, Monika; Schularick, Moritz; Wolff, Guntram (2020, 28.5.): Zukunft der EZB. Gefahr für die Unabhängigkeit der Notenbank. In Frankfurter Allgemeine. <a href="https://www.faz.net/-gqe-9zvop">https://www.faz.net/-gqe-9zvop</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Borger, Klaus (2018): Unternehmen mehr Sparer als Investor: Hürde für raschen Abbau des deutschen Leistungsbilanzungleichgewichts. In: KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 235, 21.11.2018</p>
<p>Busch, Ulrich; Land, Rainer (2012): <a href="http://www.rla-texte.de/texte/16%20Lehre%20Regionalökonomie/Busch%20Land%20Teilhabekap%20PDF.pdf">Teilhabekapitalismus</a>. Aufstieg und Niedergang eines Regimes wirtschaftlicher Entwicklung am Fall Deutschland 1950 bis 2010. Ein Arbeitsbuch. BoD – Books on Demand, Norderstett.</p>
<p>BVerfG (2020): Beschlüsse der EZB zum Staatsanleihekaufprogramm kompetenzwidrig. Pressemitteilung Nr. 32/2020 vom 5. Mai 2020.</p>
<p>Deutsche Bundesbank (2017 März): Die deutsche Zahlungsbilanz für das Jahr 2016. Monatsbericht März 2017.</p>
<p>Deutsche Bundesbank (2020 Juli): Monatsbericht Juli 2020, S. 19-46.</p>
<p>Deutsche Bundesbank (2020 Juli): Monatsbericht: Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss aus der Sicht makroökonomischer Modelle. Frankfurt a.M.</p>
<p>Deutsche Bundesbank (2020 März): Die deutsche Zahlungsbilanz für das Jahr 2019. In Monatsbericht März 2020</p>
<p>Eurostat (2017): Zahlungsbilanzstatistik 2016. <a href="https://ec.europa.eu/eurostat/statistics" rel="nofollow noopener">https://ec.europa.eu/eurostat/statistics</a> -explained/index.php?title=Archive:Balance_of_payment_statistics/de, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Fisahn, Andreas (2020 8.5.): Karlsruhe und die Anleihekäufe der EZB. Makroskop. <a href="https://makroskop.eu/2020/05/karsruhe-und-die-anleihekaeufe-der-ezb/">https://makroskop.eu/2020/05/karsruhe-und-die-anleihekaeufe-der-ezb/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Flassbeck (2016, 11.7.): Die Schwäche der deutschen Gewerkschaften und die Schwäche des Euro. Makroskop. <a href="https://makroskop.eu/2016/07/die-schwaeche-der-deutschen-gewerkschaften-und-die-schwaeche-des-euro/">https://makroskop.eu/2016/07/die-schwaeche-der-deutschen-gewerkschaften-und-die-schwaeche-des-euro/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Flassbeck, Heiner (2015): Die Eurokrise und die Krise des ökonomischen Urteilsvermögens. In: Betrifft Justiz Nr. 124, S. 2</p>
<p>Flassbeck, Heiner (2016, 20.07.): Der italienische Patient. Makroskop, 29.07.2016 und 2.8.2016. <a href="https://makroskop.eu/2016/07/der-italienische-patient-1/">https://makroskop.eu/2016/07/der-italienische-patient-1/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Flassbeck, Heiner, und Costas Lapavitsas (2015b): Nur Deutschland kann den Euro retten: Der letzte Akt beginnt. Frankfurt: Westend Verlag</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Spiecker, Friederike (2020, 6.5.): Die große Anmaßung. Makroskop. <a href="https://makroskop.eu/2020/05/die-grosse-anmassung/">https://makroskop.eu/2020/05/die-grosse-anmassung/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Spieker, Friederike (2005): Die deutsche Lohnpolitik sprengt die Europäische Währungsunion. In: WSI-Mitteilungen 12/2005</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Spieker, Friederike (2015, 17.2.) Unser Geldsystem XXXIV: Schulden, Schulden ohne Grenzen?</p>
<p>Grimm, Dieter (2020, 17.5.): EZB-Urteil und die Folgen. Jetzt war es so weit. In Frankfurter Allgemeine. <a href="https://www.faz.net/-gsf-9zivy">https://www.faz.net/-gsf-9zivy</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Halevi, Joseph; Nicholas J. Theocarakis, Yanis Varoufakis (2011): Modern Political Economics: Making sense of the post-2008 world. Taylor &amp; Francis Ltd., Routledge.</p>
<p>Hein, Eckhard (2016): Säkulare Stagnation oder Stagnationspolitik? In: Berliner Debatte Initial 27(2016)2</p>
<p>Herrmann, Ulrike (2016, 30.10.). „Verluste der deutschen Banken: Auf der Spur des verlorenen Geldes“. Die Tageszeitung: taz, <a href="http://www.taz.de/!5348343/">http://www.taz.de/!5348343/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Höpner, Martin; Paul Steinhardt (2020, 6.5.): Todesstoß für die Währungsunion. Makroskop. <a href="https://makroskop.eu/2020/05/todesstoss-fuer-die-waehrungsunion/">https://makroskop.eu/2020/05/todesstoss-fuer-die-waehrungsunion/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Huber, Joseph (2020, 6.5.): Helikoptergeld und monetäre Staatsfinanzierung. Makroskop. <a href="https://makroskop.eu/2020/05/helikoptergeld-und-monetaere-staatsfinanzierung/">https://makroskop.eu/2020/05/helikoptergeld-und-monetaere-staatsfinanzierung/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Land, Rainer (2015): Generalreparatur der Weltwirtschaft. Referenz und Variation zu Varoufakis „Tod des Minotaurus“. In Berliner Debatte Initial Heft 2015-2 <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2010/10/2015-2-Land-Minotaurus.pdf">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2010/10/2015-2-Land-Minotaurus.pdf</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2017/2018): Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union. Teil I, in Vorgänge 220, Heft 4, Dezember 2017 S. 51-68. Teil II  in Vorgänge 221/222, Mai 2018.</p>
<p>Land, Rainer (2018) Die EU als <em>eine</em> Volkswirtschaft? Erschienen in Makroskop. Magazin für Wirtschaftspolitik, Herbst/Winter 2018, Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft, S. 80-87.</p>
<p>Land, Rainer (2018, 19.4.): Warum die Eurozone eine Lohnkoordination braucht – und wie diese funktionieren könnte. In Makronom. <a href="https://makronom.de/warum-die-eurozone-eine-lohnkoordination-braucht-und-wie-diese-funktionieren-koennte-26088">https://makronom.de/warum-die-eurozone-eine-lohnkoordination-braucht-und-wie-diese-funktionieren-koennte-26088</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2018, 6.2.): Ein New Deal für Europa? Kann die Krise des Euro mit einem Investitionsprogramm überwunden werden? In <a href="https://makroskop.eu/author/rainer-land/">Makroskop</a>, <a href="https://makroskop.eu/2018/02/new-deal-europa-investitionsprogramm-varoufakis-bofinger/">https://makroskop.eu/ 2018/02/new-deal-europa-investitionsprogramm-varoufakis-bofinger/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Land, Rainer (2019): Ökokapital.Bedingungen der Möglichkeit eines neuen Regimes wirtschaftlicher Entwicklung. Ein systemtheoretischer Bauplan. Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung.</p>
<p>Nölke, Andreas (2020, 15.05.): Gericht vs. Gericht – oder Demokratie? Makroskop. <a href="https://makroskop.eu/2020/05/gericht-vs-gericht-oder-demokratie/">https://makroskop.eu/2020/05/gericht-vs-gericht-oder-demokratie/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Schellmann, Ingeborg (2020): Das Urteil des BVerfG vom 5.5.2020 zum Programm der EZB Staatsanleihen und Wertpapiere zu kaufen, hat viel Wirbel hervorgerufen. Manuskript.</p>
<p>Schulmeister, Stephan (2018): Der Weg zur Prosperität. Wals.</p>
<p>Statistisches Bundesamt (2020): Zahlungsbilanz. In Statistisches Jahrbuch 2019, S. 443-454.</p>
<p><a href="https://makroskop.eu/author/paul-steinhardt/">Steinhardt</a>, Paul (2017, 21.2.): Die Tücken und Lücken des Zahlungsverkehrs. In Makroskop <a href="https://makroskop.eu/2017/02/die-tuecken-und-luecken-des-zahlungsverkehrs/">https://makroskop.eu/2017/02/die-tuecken-und-luecken-des-zahlungsverkehrs/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Steinhardt, Paul (2020 18.08.): Hornberger Schießen anno 2020 Makroskop. <a href="https://makroskop.eu/2020/08/hornberger-schiessen-anno-2020/">https://makroskop.eu/2020/08/hornberger-schiessen-anno-2020/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p><a href="https://makroskop.eu/author/paul-steinhardt/">Steinhardt</a>, Paul (2020, 22.05.): Weckruf aus Karlsruhe. Makroskop. <a href="https://makroskop.eu/2020/05/der-weckruf-aus-karlsruhe/">https://makroskop.eu/2020/05/der-weckruf-aus-karlsruhe/</a>, abgerufen am 28.09.2020.</p>
<p>Streeck, Wolfgang (2013): Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Suhrkamp, Berlin 2013.</p>
<p>Varoufakis, Yanis (2012): Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft. München.</p>
<h3 class="">Anmerkungen:</h3>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a> QE bedeutet Quantitative Lockerung oder QE von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Englische_Sprache">englisch</a> quantitative easing; vgl. <a href="https://de.wiki" rel="nofollow noopener">https://de.wiki</a> pedia.org/wiki/Quantitative_Lockerung.</p>
<p><a href="#_ednref2" name="_edn2">[2] </a>„<em>Die verschiedenen Aufkaufprogramme nennen sich Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM), Eurobonds, Saftybonds, Coronabonds, common debt-instrument, Wiederaufbaufonds ‚recoveryfonds‘ genannt und schließlich das Rahmenprogramm der EZB EAPP (Expanded Asset Purchase Programme – EAPP, jetzt bezeichnet als Asset Purchase Programme – APP) mit dem Unterprogramm PSPP genannt, was in Langschrift Public Sector Asset Purchase Programme heißt.</em>“ (Schellmann 2020:1) Nach Pressemitteilung des BVerfG sind hingegen „<em>aktuelle finanzielle Hilfsmaßnahmen der Europäischen Union oder der EZB im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Corona-Krise … nicht Gegenstand der Entscheidung.</em>“</p>
<p><a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a> Vgl. dazu die Beiträge von Mayer und Schellmann sowie das Streitgespräch zwischen Fisahn, Herr und Höpner in diesem Heft</p>
<p><a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a> Die Handelsbilanz beinhaltet alle Transaktionen mit Waren, also Importe, Exporte und den Saldo. Ist der Saldo positiv, so übersteigen die Exporte die Importe, umgekehrt bei negativem Vorzeichen. Entscheidend ist eigentlich die Leistungsbilanz. Dazu zählen neben dem Warenhandel auch exportierte und importierte Dienstleistungen sowie Primär- und Sekundäreinkommen. Im Bereich der Dienstleistungen importiert die deutsche Volkswirtschaft mehr als sie exportiert, was auf den Reiseverkehr zurückzuführen ist (Saldo ist negativ). Wenn deutsche Touristen in Griechenland Urlaub machen, so ist dies für Griechenland Export einer Dienstleistung, für Deutschland ein Import. Die Primäreinkommen beinhaltet grenzüberschreitende Einkommen aus Arbeit, unternehmerischer Tätigkeit und Vermögen (Zinsen, Dividenden). Ist der Saldo positiv, sind mehr Einkommen dieser Art aus dem Ausland ins Inland geflossen – vor allem wegen der Zuflüsse von Gewinnen, Dividenden und Zinsen. Sekundäreinkommen sind grenzüberschreitende Zahlungen, mit denen keine Leistungen verbunden sind, beispielsweise Zahlungen an Familienangehörige im Ausland, Zahlungen aus der Rentenkasse an im Ausland lebende Deutsche, Spenden an Ausländer oder Beiträge an internationale Organisationen, Entwicklungshilfe u.ä. Der Saldo ist negativ, weil mehr Transfers aus dem Inland ins Ausland geflossen sind, vor allem Zahlungen im Inland arbeitender Personen an Familien im Ausland. Der Leistungsbilanzüberschuss ist durch den Saldo der Handelsbilanz bestimmt, die anderen Positionen gleichen sich fast aus und sollen nicht weiter beachtet werden.</p>
<p><a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a> Der Export und Import von Dienstleistungen hat keinen so bedeutenden Einfluss. Die Transfers aus Primäreinkommen (positiver Saldo) und aus Sekundäreinkommen (negativer Saldo) gleichen sich in der deutschen Bilanz fast aus.</p>
<p><a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a> „<em>Die EU-Kommission geht in den EU-Mitgliedstaaten von einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht aus, solange der Leistungsbilanzüberschuss oder das –defizit innerhalb von 3 Jahren den Schwellenwert von 6 % des Bruttoinlandsprodukts nicht überschreitet. Nur wenige Staaten überschritten 2017 diese Schwelle hinsichtlich des Leistungsbilanzüberschusses, nämlich Malta (+ 13,6 %), Niederlande (+ 10,5 %), Schweiz (+ 9,8 %), Irland (+ 8,5 %), Deutschland (+°7,9 %), Dänemark (+ 7,6 %) und Slowenien (+ 7,1 %). Lediglich die Niederlande, Schweiz, Deutschland und Dänemark überschritten diese Schwelle auch 3 Jahre lang. Ein Leistungsbilanzdefizit wiesen unter anderem die Türkei (-°5,6 %), Großbritannien (- 3,8 %) oder die USA (- 2,3 %) auf.</em>“ (Wikipedia – Stichwort „Außenwirtschaftliches Gleichgewicht“) Der Leistungsbilanzüberschuss bzw. das ‑defizit einer großen Volkswirtschaft wie Deutschland oder Frankreich ist für die Funktionsweise des Eurosystems von entsprechend größerer Bedeutung.</p>
<p><a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a> Vgl. <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/wirtschaft/ausland/exportueberschuss-nicht-eu-regel-kon" rel="nofollow noopener">https://www.mdr.de/nachrichten/wirtschaft/ausland/exportueberschuss-nicht-eu-regel-kon</a> form-100.html</p>
<p><a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a> Fiatgeld wird durch Banken oder Staaten ausgegeben und ist nicht an eine Ware gebunden. Fiatgeld hat keinen inneren Wert – sein Wert basiert auf Vertrauen in eine Regierung oder der Zentralbank, dass die Währung gegen Waren im angegebenen Wert eingetauscht werden kann. Unabhängig von ihrer jeweiligen Form ist eine Fiatwährung ein per Regierungsbeschluss festgelegtes Zahlungsmittel. Der Euro ist wie alle modernen Währungen Fiatgeld.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a> Ausführlich in Grunert.</p>
<p><a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a> S. <a href="https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/key_ecb_interest_rates/html/index.en.html">https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/key_ecb_interest_rates/html/index.en.html</a>.</p>
<p><a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a> Erst die Coronapandemie hat einen wesentlichen Punkt verändert: der Staat erhöht seine Ausgaben, indem er sich verschuldet. Es ist offen, wie weit dies reicht. Alles hängt davon ab, ob es gelingt, über die Coronakrise hinaus die Wirtschaft auf einen neuen Entwicklungspfad zu bringen. Höhere Staatsausgeben allein reichen dafür nicht. Skepsis ist angeraten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/236-vorgaenge/publikation/die-konstruktionsfehler-der-eurozone-die-qe-programme-der-ezb-und-das-urteil-des-bundesver-fassungsgerichts-vom-mai-2020-fulltext/">Die Konstruktionsfehler der Eurozone, die QE-Programme der EZB und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 2020</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union (II)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 May 2018 08:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 221/222 (1-2/2018), S. 179-195 Im ersten Teil seines Beitrags (in Heft Nr. 220) erkl&#228;rte Rainer Land, welche &#246;konomischen, gesellschaftlichen und &#246;kologischen Probleme mit den &#220;bersch&#252;ssen in Au&#223;enhandelsbilanzen (und den notwendigen Defiziten anderer L&#228;nder) verbunden sind. Im zweiten Teil geht er auf die verschiedenen Ursachen f&#252;r unterschiedliche Produktivit&#228;tsniveaus und die daraus entstehenden Differenzen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/221-222/publikation/defizite/">Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union (II)</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 221/222 (1-2/2018), S. 179-195</p>
<p><i>Im ersten Teil seines Beitrags (in Heft Nr. 220) erkl&auml;rte Rainer Land, welche &ouml;konomischen, gesellschaftlichen und &ouml;kologischen Probleme mit den &Uuml;bersch&uuml;ssen in Au&szlig;enhandelsbilanzen (und den notwendigen Defiziten anderer L&auml;nder) verbunden sind. Im zweiten Teil geht er auf die verschiedenen Ursachen f&uuml;r unterschiedliche Produktivit&auml;tsniveaus und die daraus entstehenden Differenzen in den Handelsbilanzen ein (etwa die Bev&ouml;lkerungsstruktur, regionalen Infrastruktur- und Synergiebedingungen). Solche Differenzen wurden fr&uuml;her durch variable Wechselkurse (weitgehend) ausgeglichen. Mit der Einf&uuml;hrung des Euros entf&auml;llt diese M&ouml;glichkeit des Ausgleichs f&uuml;r den europ&auml;ischen Wirtschaftsraum. Zugleich fehlt es an einer europ&auml;ischen L&ouml;sung, die eine ad&auml;quate Entwicklung der nationalen Lohnniveaus mit der Produktivit&auml;t in den einzelnen Mitgliedstaaten gew&auml;hrleisten k&ouml;nnte. Land zeigt, inwiefern die Wirtschafts- und W&auml;hrungskrisen im gegenw&auml;rtigen Zustand unvermeidbar sind &ndash; und benennt m&ouml;gliche Auswege. </i></p>
<h5>Teil II: &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Detail &ndash; Ursachen und Ausgleichs&shy;me&shy;cha&shy;nismen</h5>
<h2 class="auto-created">4. Warum gibt es &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite?</h2>
<p>Um zu verstehen, wie &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite zustande kommen, muss man sich mit drei Faktoren befassen: a) regionalen Unterschieden in der Produktivit&auml;t, b) regionalen Unterschieden in der Bev&ouml;lkerungszusammensetzung, vor allem dem Verh&auml;ltnis der Zahl der Erwerbst&auml;tigen zur Einwohnerzahl und c) mit der Funktionsweise der Ausgleichsmechanismen, insbesondere den Transfersystemen sowie den differenzierten Lohnniveaus und ihrer Anpassung, die Ver&auml;nderung von Wechselkursen eingeschlossen.</p>
<p>&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite gibt es zwischen Regionen innerhalb einer Volkswirtschaft sowie zwischen den Volkswirtschaften. Der Vergleich kann helfen, die Ursachen und die Funktionsweise der Ausgleichsmechanismen zu verstehen. Allerdings funktioniert der Ausgleich innerhalb einer Volkswirtschaft ganz anders als zwischen Volkswirtschaften.</p>
<p><b>4.1. Produktivit&auml;tsdifferenzen </b>(8)</p>
<p>Die Produktivit&auml;t in Ostdeutschland betrug 1989 etwa 44 Prozent der westdeutschen. Sie sank durch den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zun&auml;chst (1991) auf 35 Prozent und stieg bis 2013 auf rund 76 Prozent der westdeutschen Produktivt&auml;t (Land 2015, Tabelle). Vieles weist darauf hin, dass sich dieser Abstand derzeit kaum verringert. Ein R&uuml;ckstand von 35 zu 100 l&auml;sst sich nur in einer au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Situation und mit besonderen Anstrengungen verkraften. Auch der heutige R&uuml;ckstand (75 bis 80 zu 100) ist nicht unproblematisch. <br />Zwischen eigenst&auml;ndigen Volkswirtschaften sind solche Differenzen hingegen nicht selten. So haben die Eurol&auml;nder Estland, Portugal, Griechenland im Vergleich zu Frankreich, einem gro&szlig;en Industrieland mit der h&ouml;chsten Produktivit&auml;t in der EU, eine Produktivit&auml;t von 25, 38 bzw. 44 Prozent, w&auml;hrend Deutschland 94 Prozent erreicht (s. Abbildung 4). (9)</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/v221_Land04.jpg" width="380" height="169" alt=""><br /><i>Abb. 4: Reale Arbeitsproduktivit&auml;t in Euro pro Arbeitsstunde zu konstanten Preisen (Quelle: Eurostat &copy;&nbsp;Europ&auml;ische Union, 1995-2017, eigene Grafik)</i></p>
<p>Folgende Gr&uuml;nde spielen eine Rolle: Erstens sind regionale Unterschiede der Produktivit&auml;t durch die unterschiedliche Ressourcenausstattung, den Industrialisierungsgrad und die Wirtschaftsstruktur bedingt; sie spiegeln die pfadabh&auml;ngige Entwicklung und Industrialisierungsgeschichte der einzelnen Regionen wider. Solche Differenzen sind unvermeidlich. Nicht jeder Unterschied in Ressourcen und Wirtschaftsstruktur hat unterschiedliche Produktivit&auml;tsniveaus zur Folge. Eine Region, die starke Kapazit&auml;ten im Bereich der Elektronik hat, kann mit einer anderen Region, in der starke Medien- oder Umweltunternehmen entstanden sind, durchaus auf gleichem Produktivit&auml;tsniveau (Wertsch&ouml;pfung pro Arbeitsstunde) liegen.</p>
<p>Bei der Produktion fern-handelbarer G&uuml;ter in modernen Industriegesellschaften, deren Preise weitgehend von &uuml;berregionalen M&auml;rkten bestimmt werden, sind die Produktivit&auml;tsunterschiede weniger auf einzelbetriebliche Differenzen, sondern eher auf Synergieeffekte in Clustern zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Der Produktivit&auml;tsr&uuml;ckstand in Ostdeutschland (76&nbsp;% im Jahr 2013) d&uuml;rfte weder auf technologische R&uuml;ckst&auml;nde noch auf mangelhafte Qualifikation oder Motivation zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein. Ein einzelner Maschinenbaubetrieb in Mecklenburg k&ouml;nnte nicht &uuml;berleben, wenn er deutlich schlechtere Produkte oder mit viel h&ouml;heren Kosten produzieren w&uuml;rde. Die Angleichung des technologischen Niveaus f&uuml;hrt aber nicht automatisch zu einer gleichen regionalen Produktivit&auml;t. Ein High-Tech-Cluster aus vielen miteinander kooperierenden, aber auch im Wettbewerb stehenden Unternehmen (Forschung und Entwicklung, unternehmensbezogene Dienstleistungen und Infrastruktur eingeschlossen), wird viele innovative und hochpreisige Produkte herstellen und immer wieder neue entwickeln k&ouml;nnen. Im Ergebnis ist die Wertsch&ouml;pfung des Clusters pro Besch&auml;ftigten bzw. pro Arbeitsstunde h&ouml;her. Ein einzelner Maschinenbaubetrieb, wie etwa der Schiffsschraubenhersteller in Mecklenburg oder der Hersteller von sehr speziellen Operationstischen f&uuml;r Krankenh&auml;user in Th&uuml;ringen, ist f&uuml;r sich genommen wahrscheinlich nicht weniger produktiv als ein vergleichbarer Betrieb in Baden-W&uuml;rttemberg oder in Boston (Massachusetts). Aber in peripheren Regionen gibt es weniger solche Betriebe und der Anteil der Besch&auml;ftigten in prosperierenden Branchen ist geringer.</p>
<p>In der Regel sind Regionen in verschiedenen wirtschaftlichen Entwicklungszyklen. Eine Region, in der neue und expandierende Wirtschaftszweige entstanden sind (Silicon Valley), ist in einer anderen Lage als eine altindustrielle Region (Ruhrgebiet, Lausitz), in der bestimmte Produktionszweige &uuml;berfl&uuml;ssig werden, schrumpfen oder ganz verschwinden und deren Produkte ausgesondert werden. Daher gibt es Regionen, die fr&uuml;her &Uuml;bersch&uuml;sse hatten, jetzt aber ein Produktionsdefizit aufweisen (z.B. die Lausitz, Teile des Ruhrgebiets, Schiffbaustandorte), und solche, die fr&uuml;her niedrige Einkommen hatten, jetzt aber prosperierende &Uuml;berschussregionen geworden sind (wie Teile von Bayern).</p>
<p>Eine zweite Ursache sind Preisdifferenzen bei nicht fern-handelbaren, lokalen G&uuml;tern. Solche G&uuml;ter und Dienstleistungen sind ein betr&auml;chtlicher Teil des regionalen Umsatzes (30 bis 40 Prozent). Dazu geh&ouml;ren Bauleistungen, lokales Handwerk, personenbezogene und andere Dienstleistungen, ein Teil des Einzelhandels und des Gastgewerbes. Dabei sind regionale Preisdifferenzen f&uuml;r die Produktivit&auml;tsunterschiede relevant. Kostet eine Bauleistung in M&uuml;nchen das Vierfache im Vergleich zu Friedland (Mecklenburg), dann ist auch die Produktivit&auml;t (BIP pro Stunde) entsprechend h&ouml;her, selbst wenn es keine Unterschiede in der Technologie gibt. Ein Friseur, der zwei K&ouml;pfe pro Stunde frisiert, bekommt in M&uuml;nchen 50 Euro daf&uuml;r, in Putlitz hingegen nur 25. Der M&uuml;nchener Friseur ist &ndash; wirtschaftlich betrachtet &ndash; doppelt so produktiv, obwohl er technologisch (K&ouml;pfe pro Stunde) die gleiche Produktivit&auml;t hat (vgl. Anm. 8).</p>
<p>Drittens ist die Zusammensetzung der Bev&ouml;lkerung von Bedeutung, zwar nicht f&uuml;r die Produktion pro Arbeitsstunde, aber pro Einwohner. Vergleichen wir zwei Regionen A und B mit je 5.000 Einwohnern, die dieselbe Arbeitsproduktivit&auml;t von 50 Euro pro Stunde haben sollen. In der Region A sind 2.000 Einwohner besch&auml;ftigt, in der Region B 3.000. In A betr&auml;gt die Wertsch&ouml;pfung pro Einwohner und Stunde dann 20 Euro, in der Region B 30 Euro pro Stunde, obwohl die Produktivit&auml;t pro Arbeitsstunde gleich ist. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist die Region B 50 Prozent produktiver. Die Bev&ouml;lkerungszusammensetzung beeinflusst die Produktivit&auml;t im Verh&auml;ltnis der Regionen zueinander. Je h&ouml;her der Anteil von nicht erwerbst&auml;tigen Personen (Rentnern, Kindern, Arbeitslosen), desto geringer ist die regionale Produktivit&auml;t bezogen auf die gesamte Einwohnerzahl.</p>
<p>Auch im Verh&auml;ltnis zwischen Ost- und Westdeutschland spielt dies eine Rolle. Bezogen auf die Arbeitsstunde lag das ostdeutsche BIP bei 76 Prozent des westdeutschen (2013), bezogen auf die Einwohnerzahl aber nur bei 66 Prozent (vgl. Land 2015, Tabelle). Der Anteil der Erwerbst&auml;tigen an der Gesamtbev&ouml;lkerung war in Ostdeutschland wegen der Abwanderung seit 1990 deutlich geringer, die Produktivit&auml;t (bezogen auf die Einwohnerzahl) entsprechend niedriger. Diese Differenzen w&auml;ren noch h&ouml;her, wenn man periphere Regionen wie Vorpommern mit Jena oder Hamburg vergleichen w&uuml;rde.</p>
<p>Zusammengefasst: Produktivit&auml;tsdifferenzen ergeben sich a) aus Produktivit&auml;tsunterschieden bei der Herstellung &uuml;berregional handelbarer G&uuml;ter (Produktpalette, Ressourcenausstattung, Forschung und Entwicklung, Qualifikation, Clustereffekte), b) aus den Preisdifferenzen bei nicht handelbaren G&uuml;tern und c) aus der Relation der Erwerbst&auml;tigen zur Gesamtbev&ouml;lkerung.</p>
<p>Die Ausgleichsmechanismen f&uuml;r Produktivit&auml;tsdifferenzen innerhalb einer Volkswirtschaft und zwischen Volkswirtschaften unterscheiden sich grunds&auml;tzlich. Innerhalb einer Volkswirtschaft sind Transfers entscheidend, Lohndifferenzen spielen eine nachgeordnete Rolle. Zwischen Volkswirtschaften spielen Transfers eine geringe Rolle, der Ausgleich erfolgt haupts&auml;chlich durch differente Lohnniveaus.</p>
<h2 class="auto-created">4.2. Ausgleichs&shy;me&shy;cha&shy;nismen innerhalb einer Volks&shy;wirt&shy;schaft</h2>
<p>In einem geschlossenen Wirtschaftssystem &ndash; einer aus mehreren Regionen bestehenden Volkswirtschaft (vom Au&szlig;enhandel wird jetzt abgesehen) &ndash; muss immer genau so viel verbraucht, d.h. konsumiert plus investiert werden (real, d.h. in Form von G&uuml;tern und Leistungen), wie produziert wurde. Produziert eine Region innerhalb einer Volkswirtschaft mehr als sie verbraucht, hat sie einen &Uuml;berschuss, was aber nur m&ouml;glich ist, wenn eine andere Region mehr verbraucht, als sie produziert. Solche Differenzen sind innerhalb einer Volkswirtschaft normal. In Deutschland beispielsweise d&uuml;rften viele Regionen in Baden-W&uuml;rttemberg mehr produzieren als sie verbrauchen, w&auml;hrend im Ruhrgebiet oder in Sachsen-Anhalt Defizitregionen &uuml;berwiegen d&uuml;rften. In Mecklenburg-Vorpommern d&uuml;rfte Stavenhagen eine &Uuml;berschussregion sein, w&auml;hrend Friedland und Woldegk weniger produzieren, als sie verbrauchen.</p>
<p>&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite m&uuml;ssen sich ausgleichen: Waren, G&uuml;ter und Dienstleistungen wandern aus den &Uuml;berschuss- in die Defizitregionen, aber die Zahlungen daf&uuml;r bewegen sich in umgekehrte Richtung, denn die regional importierten Waren m&uuml;ssen nat&uuml;rlich bezahlt werden. Woher aber nehmen Defizitregionen das &bdquo;Geld&ldquo; (eigentlich: das Einkommen), um den Import aus den &Uuml;berschussregionen zu bezahlen? Die eigenen interregionalen Exporte reichen jedenfalls nicht. G&auml;be es keinen finanziellen Zufluss, m&uuml;ssten die Haushalte, die Regionalverwaltung und/oder die Unternehmen ihre Ausgaben f&uuml;r L&ouml;hne, Investitionen und &ouml;ffentliche Ausgaben reduzieren &ndash; was teilweise aus rechtlichen Gr&uuml;nden nicht oder nur sehr eingeschr&auml;nkt m&ouml;glich ist (z.B. Renten, Sozialausgaben, Gesundheit, Schule) und zudem die Region in eine Abw&auml;rtsspirale ziehen w&uuml;rde (z. B. wenn die L&ouml;hne regional sinken, die Bev&ouml;lkerung daher st&auml;rker abwandert, die Wirtschaftsleistung weiter abnimmt usf.).</p>
<p>Die Einnahmen aus dem G&uuml;terexport sind in der &Uuml;berschussregion laufend h&ouml;her als die Ausgaben, in der Defizitregion laufend geringer. Der Warenaustausch zwischen beiden ist nur m&ouml;glich, wenn die Differenz finanziell laufend ausgeglichen wird, und zwar durch Finanztransfers aus den &Uuml;berschuss- in die Defizitregionen. Die &Uuml;berschussregionen m&uuml;ssen ihren Warenexport in die Defizitregionen mittels Transfers irgendwie selbst bezahlen &ndash; aber wie? (10)</p>
<p>Welche Transfers kommen in Frage? Zun&auml;chst private Transfers, z.B. von Pendlern, die in der &Uuml;berschussregion arbeiten, aber einen Teil des Einkommens am Familiensitz in der Defizitregion ausgeben oder an die Familie &bdquo;zu Hause&ldquo; &uuml;berweisen. Gro&szlig;e Bedeutung haben die Transfers der Sozialsysteme: In der &Uuml;berschussregion wird laufend mehr in die Sozialsysteme ein- als ausgezahlt, weil es hier relativ zur Gesamtbev&ouml;lkerung mehr gut verdienende sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigte gibt. Umgekehrt in der Defizitregion, weil es hier relativ mehr Rentenempf&auml;nger, Arbeitslose und Sozialleistungsempf&auml;nger gibt. Der dritte gro&szlig;e Block sind die laufenden Staatsausgaben, der Finanzausgleich zwischen Bund, L&auml;ndern, Regionen und Kommunen und schlie&szlig;lich die privaten und &ouml;ffentlichen Investitionen sowie die Wirtschaftsf&ouml;rderung. W&uuml;rden diese Transfers nicht die interregionalen Handelsbilanzsalden ausgleichen, k&auml;me der G&uuml;terverkehr zwischen den Regionen zum Erliegen, die &Uuml;bersch&uuml;sse k&ouml;nnten nicht abgesetzt werden. &Uuml;berschuss- wie Defizitregionen w&uuml;rden dabei verlieren: die &Uuml;berschussregion w&uuml;rde Einnahmen und Einkommen verlieren und die Defizitregion die ben&ouml;tigten Produkte nicht mehr bekommen; sie w&uuml;rden erodieren und verfallen. Ohne den Ausgleich regionaler &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite w&uuml;rde die Volkswirtschaft in kleinere Einheiten mit insgesamt deutlich niedrigerem Produktivit&auml;tsdurchschnitt und stark unterschiedlichen Einkommensniveaus zerfallen.</p>
<p>Finanztransfers zwischen den Regionen sind eine unverzichtbare Voraussetzung f&uuml;r das Funktionieren einer gro&szlig;en Volkswirtschaft, in der es eine gemeinsame W&auml;hrung gibt und in der ann&auml;hernd gleiche Lebensbedingungen die Integration der Bev&ouml;lkerung zu einer Nation gew&auml;hrleisten. Innerhalb einer Volkswirtschaft k&ouml;nnen Lohnunterschiede die Produktivit&auml;tsdifferenzen nur eingeschr&auml;nkt kompensieren. W&uuml;rde man Produktivit&auml;tsniveaus von mehr als 20 oder 30 Prozent durch entsprechende Lohndifferenzen ausgleichen wollen, w&auml;ren weniger produktive Regionen bald entv&ouml;lkert. Zwar werden die Lohnniveaus in schw&auml;cheren Regionen in der Regel etwas niedriger sein, aber innerhalb einer Volkswirtschaft d&uuml;rfen die Abweichungen nicht sehr gro&szlig; werden. Relevant ist auch, ob diese Unterschiede zu- oder abnehmen, die Regionen also divergieren oder konvergieren. Werden die Unterschiede in Produktivit&auml;t, Einkommen, Besch&auml;ftigung und Infrastrukturausstattung gr&ouml;&szlig;er, dann m&uuml;ssen die Transfers wachsen, was zu andauernden Auseinandersetzungen um die Neujustierung insbesondere der staatlichen Transfers f&uuml;hrt &ndash; und zu wachsenden Pendlerstr&ouml;men sowie einer Abwanderung. Eine konvergente Entwicklung auf der Basis komplement&auml;rer Wirtschaftsstrukturen hingegen verringert die notwendigen Transfers.</p>
<h2 class="auto-created">4.3. Handel zwischen selbst&auml;n&shy;digen Volks&shy;wirt&shy;schaften</h2>
<p>Zwischen Volkswirtschaften gibt es in vielen F&auml;llen gr&ouml;&szlig;ere Produktivit&auml;tsdifferenzen als innerhalb einer Volkswirtschaft. Eine Produktivit&auml;tsdifferenz von 25, 40 oder 70 zu 100 (Estland, Spanien, Italien zu Frankreich) auszugleichen, w&uuml;rde Transfers in H&ouml;he von vielen Milliarden Euro pro Jahr ben&ouml;tigen. Ein Ausgleich durch Transfers in diesen Gr&ouml;&szlig;enordnungen w&auml;re unvorstellbar. Der deutsche Handelsbilanz&uuml;berschuss 2016 betrug 252 Mrd. EUR, Frankreich hatte ein Defizit von 71 Mrd. Euro. Man sieht: &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite h&auml;ngen nicht zwangsl&auml;ufig von den Produktivit&auml;tsdifferenzen ab. Warum sollte Frankreich zum Ausgleich des Handelsbilanzdefizits Transfers von Deutschland bekommen, obwohl es genauso produktiv ist (genau genommen: sogar etwas produktiver)?</p>
<p>Ein Ausgleich durch Transfers ist aber auch nicht n&ouml;tig, denn zwischen verschiedenen Volkswirtschaften werden Produktivit&auml;tsdifferenzen nicht durch Transfers, sondern durch unterschiedliche Lohnniveaus ausgeglichen. Zwischen Volkswirtschaften gibt es kein einheitliches Lohnniveau, es gibt auch keine praktischen und rechtlichen Mechanismen (Lohnfindung, Sozialsysteme, Steuersysteme), die ein einheitliches oder angen&auml;hertes Lohnniveau herbeif&uuml;hren k&ouml;nnten. Weder die EU noch die Eurozone sind eine einheitliche Volkswirtschaft &ndash; und es ist m.E. auf absehbare Zeit auch nicht vorstellbar, dass sie es werden.</p>
<p>Im Handel zwischen eigenst&auml;ndigen Volkswirtschaften aber gilt: Den Produktivit&auml;tsniveaus sollten die Lohnniveaus entsprechen. Ein Land mit der doppelten Produktivit&auml;t hat doppelt so hohe L&ouml;hne und damit auch eine Nachfrage, die der Produktion entspricht. Exportiert es einen Teil der Produktion, entsteht eine der H&ouml;he nach identische Nachfrage nach Importen.</p>
<p>Dynamisch formuliert: W&auml;chst die Produktivit&auml;t um angenommen 3 Prozent, werden also 3 Prozent mehr G&uuml;ter und Leistungen hergestellt, m&uuml;ssen auch die L&ouml;hne um den gleichen Betrag wachsen, um die Nachfrage nach Konsumg&uuml;tern und ggf. nach Investitionsg&uuml;tern f&uuml;r neue Produkte auf gleichem Niveau zu halten. Nimmt dabei der Anteil an Exporten zu, wird im Normalfall entsprechend mehr importiert, nehmen Exporte ab, sinkt automatisch die Nachfrage nach Importen. <br />Entsprechen die Lohnniveaus strukturell und der Tendenz nach den Produktivit&auml;tsniveaus, gibt es keine &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Handel bzw. diese treten nur tempor&auml;r auf, wachsen nicht &uuml;ber die Jahre an. Die Handelsbilanzen gleichen sich mittelfristig aus.</p>
<p>Das bedeutet allerdings in der Umkehrung: &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite k&ouml;nnen auch bei gleichen oder &auml;hnlichen Produktivit&auml;tsniveaus auftreten, und zwar dann, wenn die Lohnniveaus voneinander abweichen. Dies erkl&auml;rt die Handelsbilanzdifferenzen zwischen Deutschland und Frankreich: Das deutsche Lohnniveau ist im Verh&auml;ltnis zur Produktivit&auml;t ca. 25 Prozent zu niedrig, daher importiert Deutschland zu wenig.</p>
<p>&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Handel zwischen selbst&auml;ndigen Volkswirtschaften k&ouml;nnen spiegelbildlich zwei Ursachen haben: Produktivit&auml;tsdifferenzen, die nicht durch entsprechende Differenzen der Durchschnittsl&ouml;hne kompensiert werden, oder umgekehrt Lohndifferenzen, die nicht auf Produktivit&auml;tsdifferenzen basieren. Die Abweichung der Lohn- von den Produktivit&auml;tsdifferenzen ist die wichtigste Ursache der Eurokrise.</p>
<h2 class="auto-created">4.4. Ausgleich durch Wechsel&shy;kurse</h2>
<p>Im &bdquo;klassischen&ldquo; Normalfall, der galt im Prinzip bis in die 1970er Jahre, k&ouml;nnen &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite zwischen verschiedenen Volkswirtschaften nicht sehr hoch werden, wenn sie autonome W&auml;hrungen haben und die Wechselkurse frei schwanken (floaten) oder in einem System fester Wechselkurse regelm&auml;&szlig;ig an die Preisentwicklung und die Leistungsbilanz angepasst werden.</p>
<p>Die Ver&auml;nderungen des Wechselkurses gleichen normalerweise die Handelsbilanz so aus, dass nur kleine &Uuml;bersch&uuml;sse oder Defizite zwischen den Volkswirtschaften entstehen k&ouml;nnen. Angenommen, eine Volkswirtschaft erzielt Export&uuml;bersch&uuml;sse und hat mehr Einnahmen in fremder W&auml;hrung als Ausgaben f&uuml;r Importe. Auf dem Devisenmarkt w&uuml;rde dann mehr W&auml;hrung des Defizitlandes angeboten, w&auml;hrend es einen Nachfrage&uuml;berschuss der W&auml;hrung des &Uuml;berschusslandes g&auml;be. Die W&auml;hrung des Defizitlandes w&uuml;rde abwerten, die des &Uuml;berschusslandes aufwerten, d.h. die Preise der Exportg&uuml;ter steigen, die der Importg&uuml;ter sinken, der Export geht zur&uuml;ck, der Import steigt, solange, bis Export und Import ausgeglichen sind und es keine Differenz zwischen Angebot und Nachfrage der W&auml;hrungen mehr gibt. Dies geschieht nicht augenblicklich, aber in der Tendenz; allerdings nur dann, wenn der Kurs ganz &uuml;berwiegend von den Handelsstr&ouml;men realer G&uuml;ter und Dienstleistungen abh&auml;ngt und durch Kapitalmarktfl&uuml;sse, Interventionen und Spekulationen nicht erheblich modifiziert wird.</p>
<p>&Uuml;bersch&uuml;sse oder Defizite entstehen, wenn die Wechselkurse von den Parit&auml;ten der Handelsbilanz abweichen. Dies geschieht, wenn die Nachfrage und das Angebot nach W&auml;hrungen auf den Devisenm&auml;rkten in erheblichem Ma&szlig;e von anderen Faktoren als dem Handel bestimmt werden. Dies kann im Prinzip drei Ursachen haben.</p>
<p>Erstens intervenieren die Zentralbanken, um Kurse zu beeinflussen, z.B. einen Kurs in einem vereinbarten Fenster zu halten, wenn ein Land an einem System fester Wechselkurse teilnimmt. Die Zentralbank gleicht die Differenz zwischen Einnahmen aus Exporten und Ausgaben aus Importen laufend aus, indem sie W&auml;hrungsreserven auf den Markt wirft oder die Zinsen anhebt oder absenkt, um den Zustrom oder Abstrom von Devisen zu beeinflussen. Diese Interventionen sind kein Problem, wenn sich &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite mittelfristig ausgleichen, in einem Jahr also Devisen zuflie&szlig;en, im anderen abflie&szlig;en. Es wird aber sehr teuer, wenn die Differenzen hoch sind und l&auml;ngere Zeit anhalten. Dies hat in den W&auml;hrungssystemen von Bretton Woods und den Europ&auml;ischen W&auml;hrungssystemen I und II immer wieder zu erheblichen Spannungen und schlie&szlig;lich zum Ende dieser Systeme gef&uuml;hrt (vgl. Varoufakis 2016 und Mitchell 2017).</p>
<p>Zentralbanken intervenieren auch, um einen bestimmten Wechselkurs aus politischen Gr&uuml;nden zu beeinflussen, z.B. um die Exportwirtschaft durch Unterbewertung zu st&uuml;tzen oder Kapitalstr&ouml;me ins Land zu locken. Interventionen der Zentralbanken sind f&uuml;r &Uuml;berschussl&auml;nder leichter, denn sie k&ouml;nnen abwerten bzw. Aufwertungen entgegenwirken, indem sie die eigene W&auml;hrung auf den Markt werfen, also die W&auml;hrung, die sie unbegrenzt selbst sch&ouml;pfen k&ouml;nnen. &Uuml;berschussl&auml;nder haben bei Bedarf auch die Mittel f&uuml;r eine Aufwertung, da die Zentralbanken von &Uuml;berschussl&auml;ndern in der Regel hohe Best&auml;nde an Fremdw&auml;hrungsdevisen besitzen.</p>
<p>Die Anpassungslast liegt bei den Defizitl&auml;ndern. Wenn diese nicht abwerten wollen, m&uuml;ssen sie Fremdw&auml;hrungen auf den Markt werfen und ihre eigene W&auml;hrung zur&uuml;ckkaufen. Interventionen in einer W&auml;hrung, die man nicht selbst emittierten kann, sind aber nur begrenzt m&ouml;glich und teuer, da die Defizitl&auml;nder in der Regel keine Gelegenheit hatten, Fremdw&auml;hrungen anzusammeln (dies setzt n&auml;mlich vorherige Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse voraus). In einem System fester Wechselkurse sind L&auml;nder mit Handelsbilanzdefiziten die Benachteiligten: sie m&uuml;ssen die Anpassungslast tragen, obwohl sie eigentlich die Schw&auml;cheren sind. (11)</p>
<p>F&uuml;r Defizitl&auml;nder sind Abwertungen die wirtschaftlich bessere L&ouml;sung. Italien war wirtschaftlich erfolgreich (wenn man Erfolg nicht am Au&szlig;enhandels&uuml;berschuss, sondern am Besch&auml;ftigungs-, Einkommens- und Lebensniveau der Bev&ouml;lkerung misst), bis es sich dem Euro angeschlossen hat und seine Wettbewerbsf&auml;higkeit nicht mehr durch Abwertung erhalten konnte. Heute leidet es unter hoher Arbeitslosigkeit, sinkenden Einkommen und zunehmender Abh&auml;ngigkeit von den Finanzm&auml;rkten.</p>
<p>Zweitens k&ouml;nnen Wechselkurse von den zum Ausgleich der Handelsbilanzen erforderlichen Parit&auml;ten abweichen, wenn es erhebliche Kapitalstr&ouml;me gibt. Das ist typisch f&uuml;r die USA, seit es ein wachsendes Handelsbilanzdefizit gibt (beginnend in den 1960er Jahren), das nicht durch eine entsprechende Abwertung des Dollars kompensiert wird. Das Handelsbilanzdefizit muss dann durch Verschuldung ausgeglichen werden, also durch einen Strom Finanztiteln aus dem Defizitland USA in die &Uuml;berschussl&auml;nder (China, Japan, Deutschland u.a.), d.h. durch die Zahlung von Dollar oder den Verkauf auf Dollar lautender Wertpapiere (vor allem Staatsanleihen). In den Bank&shy;systemen und bei den Anlegern der &Uuml;berschussl&auml;nder sammeln sich dann Dollar- und Wertpapierbest&auml;nde, denen US-Schulden entsprechen (und die in den Tresoren bzw. digitalen Datenbanken der &Uuml;berschussl&auml;nder auf ihre Abwertung warten, denn eine R&uuml;ckzahlung ist praktisch ausgeschlossen). Durch die Bedeutung des Dollars, der amerikanischen Finanzpl&auml;tze und der US-Staatsanleihen als weltweit wichtigster und sicherster Finanzanlage sowie durch ein vergleichsweise hohes Zinsniveau konnte seit den 1970er Jahren Jahr f&uuml;r Jahr genug Kapital in die USA gezogen werden, um deren Defizite in der Handelsbilanz und im Staatshaushalt zu finanzieren. Der Dollar war und ist die wichtigste Reservew&auml;hrung. Viele Regierungen, Unternehmen, Versicherungen und Banken ben&ouml;tigen und halten Dollarreserven oder kaufen auf Dollar lautende Wertpapiere, auch weil diese hohe Sicherheit und respektable Renditen versprechen (vgl. Varoufakis 2012).</p>
<p>Drittens k&ouml;nnen Wechselkurse durch spekulative Kapitalbewegungen manipuliert werden, allerdings nicht anhaltend. Auch dabei k&ouml;nnen tempor&auml;r Wechselkurse entstehen, die von den Handelsparit&auml;ten erheblich abweichen und die zuweilen katastrophale W&auml;hrungskrisen ausl&ouml;sen. Untersuchungen zeigen, dass die Finanzm&auml;rkte auch unabh&auml;ngig von W&auml;hrungskrisen keine den Preisparit&auml;ten entsprechenden Kurse generieren, mal sind sie zu hoch, mal zu niedrig, also fast immer falsch f&uuml;r den aktuellen Handel und die Realwirtschaft. Dass dabei &uuml;ber mehrere Jahre durchschnittlich die richtigen Preisparit&auml;ten herauskommen, hilft wenig, denn der Handel orientiert sich an aktuellen Preisen, nicht an langfristigen Durchschnitten. Permanente Fehlallokationen sind im finanzmarktgesteuerten Kapitalismus normal: mal wird zu viel, mal zu wenig investiert, mal erscheint eine bestimmte Technologie rentabel, dann wieder nicht (vgl. Schulmeister 2012: 25ff, 51f).</p>
<p>In der EU gab es nach dem Ende des internationalen W&auml;hrungssystems von Bretton Woods, in dem alle wichtigen W&auml;hrungen fest an den Dollar gebunden waren, mehrere Versuche, in Europa ein System fester, aber anpassbarer Wechselkurse einzurichten. Diese Systeme &ndash; W&auml;hrungsschlange, EWS I und EWS II &ndash; haben mal besser, mal schlechter funktioniert. Es gibt eine interessante wissenschaftliche Auseinandersetzung darum, ob die Vorteile oder die Nachteile dieses Systems im Vergleich zum Eurosystem &uuml;berwogen haben, worin die Ursachen der Funktionsdefizite bestanden. (H&ouml;pner/Spielau 2015, H&ouml;pner 2013, H&ouml;pner/Flassbeck 2016, Busch u.a. 2016b, Flassbeck 2016b)</p>
<h2 class="auto-created">5. Der Sonderfall Eurozone: unter&shy;schie&shy;dene Volks&shy;wirt&shy;schaften haben eine gemeinsame W&auml;hrung</h2>
<p>Mehrere verschiedene Volkswirtschaften, erhebliche Produktivit&auml;tsdifferenzen, unterschiedliche Sozialsysteme &ndash; mit einer gemeinsamen W&auml;hrung? Kann das funktionieren? Zweifel gab es von Anfang an.</p>
<p>Innerhalb der Eurozone gilt eine gemeinsame W&auml;hrung, trotzdem handelt es sich nicht um eine einheitliche Volkswirtschaft. Die Unterschiede sind nicht regionaler, sondern nationaler Art. Der Grund sind zun&auml;chst (1) die erheblichen Differenzen in den Lohnniveaus, vor allem aber, dass es keinen &uuml;bergreifenden gemeinsamen Mechanismus der Regulierung der L&ouml;hne und Einkommen gibt: Arbeitsrecht, Lohnabschl&uuml;sse, Tarifvertr&auml;ge und Sozialsysteme werden in den Nationalstaaten geregelt. Die Lohnniveaus ergeben sich als Folge nationaler Lohnfindung, in Deutschland durch Aushandlung der Tarifpartner in einem rechtlich geregelten Rahmen. (2) Ein einheitliches Lohnniveau setzt den freien Fluss von Arbeitskr&auml;ften ohne relevante politische, rechtliche, aber auch sprachliche Barrieren voraus.(12) (3) Fehlen die politischen, rechtlichen, kulturellen Voraussetzungen f&uuml;r einen umfassenden Transfermechanismus, wie er zum Ausgleich von &Uuml;bersch&uuml;ssen und Defiziten innerhalb einer Volkswirtschaft ben&ouml;tigt wird (4), w&auml;ren die Gr&ouml;&szlig;enordnungen der ben&ouml;tigten Transfers (mehrere hundert Milliarden pro Jahr) viel zu hoch.</p>
<p>Statische Betrachtung: Zwischen Volkswirtschaften werden volkswirtschaftliche Produktivit&auml;tsdifferenzen (vgl. Anm.&nbsp;8) durch Lohn- und Einkommensdifferenzen kompensiert. Der Ausgleich w&auml;re vollst&auml;ndig, wenn sich die Lohnniveaus wie die Produktivit&auml;tsniveaus verhalten. Ist die volkswirtschaftliche Produktivit&auml;t in Staat A doppelt so hoch wie in B, dann sollten auch die L&ouml;hne und die davon abh&auml;ngigen Masseneinkommen (Renten vor allem) doppelt so hoch sein. Auch die Gewinne w&auml;ren doppelt so hoch, Lohnquote und volkswirtschaftliche Gewinnraten hingegen etwa gleich. Dann w&uuml;rden keine gr&ouml;&szlig;eren &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Au&szlig;enhandel entstehen k&ouml;nnen (mal wieder unterstellt, die Einfl&uuml;sse der Finanzm&auml;rkte und der Spekulationen w&auml;ren klein bzw. k&ouml;nnten hinreichend klein gehalten werden).</p>
<p>Das Verh&auml;ltnis von Lohn (Bruttoentgelt pro Arbeitsstunde) und Produktivit&auml;t (BIP pro Arbeitsstunde) wird in den Lohnst&uuml;ckkosten gemessen: <img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/v221_Land04b.jpg" width="380" height="79" alt=""></p>
<p>Wenn in zwei L&auml;ndern die Proportionen zwischen Stundenlohn und Produktivit&auml;t gleich sind, z.B.</p>
<p><img decoding="async" border="1" hspace="0" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/v221_Land04c.jpg" width="190" height="74" alt=""></p>
<p>sind auch die Lohnst&uuml;ckkosten gleich, d.h. die beiden Volkswirtschaften w&auml;ren preislich gleich wettbewerbsf&auml;hig. Dynamisch betrachtet: Steigen die L&ouml;hne so wie die Produktivit&auml;t, bleibt die Wettbewerbsf&auml;higkeit auch bei unterschiedlichen Produktivit&auml;tstendenzen erhalten. Steigen die L&ouml;hne etwas mehr als die Produktivit&auml;t, angenommen um zus&auml;tzlich 1,9 Prozent, dann steigen auch die Lohnst&uuml;ckkosten um 1,9 Prozent und alle Preise w&uuml;rden im Mittel um diesen Betrag steigen. Das ist die sogenannte goldene Lohnregel: die L&ouml;hne sollen so steigen wie die Produktivit&auml;t plus der Zielinflationsrate, die in der Eurozone 1,9 Prozent betragen soll. Wenn alle L&auml;nder die L&ouml;hne um die jeweils nationale Produktivit&auml;t plus die gemeinsame Zielinflationsrate der Eurozone steigerten, w&uuml;rde sich die Wettbewerbsf&auml;higkeit der L&auml;nder relativ zueinander nicht &auml;ndern, man w&uuml;rde relativ zueinander keine Marktanteile verlieren oder gewinnen, jedenfalls nicht wegen unterschiedlicher Lohnst&uuml;ckkosten. Ein gleichgewichtiger Handel erfordert, dass die L&auml;nder etwa gleiche Lohnst&uuml;ckkosten haben. Das bezieht sich auf den Durchschnitt, nicht auf die einzelnen Produkte. Vielmehr wird jedes Land bestimmte Produkte g&uuml;nstiger und/oder in besserer Qualit&auml;t herstellen k&ouml;nnen und exportieren, jedoch die Dinge und Leistungen importieren, die anderswo g&uuml;nstiger hergestellt werden. Genau dann lohnt sich Handel f&uuml;r beide.</p>
<p>Dynamische Betrachtung: Steigen die L&ouml;hne so wie die Produktivit&auml;t, steigt auch die Nachfrage nach G&uuml;tern und Leistungen in gleichem Ma&szlig;e. Steigt die Produktivit&auml;t um angenommen 2 Prozent, die Preise um 1,9 Prozent, dann w&uuml;rde das BIP nominal um 3,9 Prozent wachsen. Steigen auch die L&ouml;hne um nominal 3,9 Prozent, w&uuml;rde die Nachfrageentwicklung genau der gestiegenen Produktion entsprechen, es g&auml;be weder ein Nachfragedefizit noch eine Produktionsl&uuml;cke. Export und Import stiegen dann ebenfalls proportional. Stiege der Export &uuml;berproportional, w&uuml;rde das Angebot auf dem Binnenmarkt sinken, die Nachfrage nach Importen daf&uuml;r steigen, so dass die Import-Export-Handelsbilanz ausgeglichen bliebe.</p>
<p>Nur wenn die Lohnentwicklung von der Produktivit&auml;tsentwicklung abweicht, entstehen Export- oder Import&uuml;bersch&uuml;sse: Steigen die L&ouml;hne mehr als die Produktivit&auml;t, muss die zus&auml;tzliche Nachfrage durch mehr Importe ausgeglichen werden &ndash; Defizit. Steigen die L&ouml;hne geringer als die Produktivit&auml;t, muss ein Teil der Produktion exportiert werden &ndash; &Uuml;berschuss. Oder die Mehrproduktion k&ouml;nnte nicht verkauft werden, was folgend zu einer Reduzierung der Produktion und, wenn es nicht korrigiert w&uuml;rde, in eine Abw&auml;rtsspirale aus sinkenden L&ouml;hnen, sinkender Produktion und steigender Arbeitslosigkeit f&uuml;hren w&uuml;rde.<br />Betrachten wir die Daten der Eurozone. Die Abbildungen 5 und 6 zeigen, dass die Lohnst&uuml;ckkosten erheblich differieren, wobei die Differenzen seit Gr&uuml;ndung der Eurozone bis zur Krise 2009 immer gr&ouml;&szlig;er geworden sind. Abb. 5 zeigt die Lohnst&uuml;ckkostenentwicklung Deutschlands, Frankreichs und Italiens im Verh&auml;ltnis zum Inflationsziel. Die deutsche Lohnentwicklung bleibt dramatisch hinter dem Inflationsziel zur&uuml;ck, Deutschland hat ca. 20 bis 30 Prozent zu geringe Lohnst&uuml;ckkosten, in der EWU ohne Deutschland (Griechenland, Spanien und Italien) waren die Lohnst&uuml;ckkosten zu hoch. Seit 2012 w&auml;chst der Abstand zwar nicht mehr, aber er wird auch nicht geringer.</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/v221_Land05.jpg" width="380" height="210" alt=""><br /><i>Abb. 5: Lohnst&uuml;ckkosten Deutschland und EWU in nationaler W&auml;hrung in Relation zum Inflationsziel der EZB (Grafik: Makroskop)</i></p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/v221_Land06.jpg" width="380" height="205" alt=""><br /><i>Abb. 6: Lohnst&uuml;ckkosten in Italien, Frankreich, Deutschland in Relation zum Inflationsziel der EZB (Grafik: Makroskop)</i></p>
<p>Die Lohnentwicklung in Frankreich entsprach bis 2013 fast ideal dem Inflationsziel von 1,9 Prozent, danach weicht sie nach unten ab &ndash; eine Folge der zunehmenden Arbeitslosigkeit (Abb. 6). In Italien sind die L&ouml;hne bis zur Krise zu stark gestiegen, seither n&auml;hern sich die Lohnst&uuml;ckkosten der Zielinflationsrate an. Allerdings k&ouml;nnen die Handelsbilanzdefizite der Eurozone nicht allein durch Lohnanpassungen in den Defizitl&auml;ndern nach unten abgebaut werden. Nur wenn Deutschland die &Uuml;bersch&uuml;sse abbaut, also L&ouml;hne erh&ouml;ht und mehr importiert, haben die anderen Eurol&auml;nder eine Chance.</p>
<p>Die franz&ouml;sische Lohnentwicklung entsprach der goldenen Lohnregel; das Leistungsbilanzdefizit ist nicht durch &uuml;berh&ouml;hte franz&ouml;sische Lohnabschl&uuml;sse verursacht, sondern die Kehrseite des deutschen &Uuml;berschusses. Daher w&auml;re es falsch, das franz&ouml;sische Leistungsbilanzdefizit durch Lohnsenkungen abzubauen, wie es derzeit mit &bdquo;Flexibilisierung&ldquo; und &bdquo;Strukturanpassung&ldquo; von Frankreich verlangt und von Pr&auml;sident Macron angestrebt wird. Das franz&ouml;sische Defizit muss durch Anpassung der deutschen L&ouml;hne nach oben abgebaut werden. Eine Anpassung der franz&ouml;sischen L&ouml;hne nach unten, also auf ein Niveau unterhalb der Produktivit&auml;tsentwicklung, w&uuml;rde die Eurozone insgesamt in eine deflation&auml;re s&auml;kulare Stagnation zwingen (oder sollte man sagen: in der schon gegebenen Krise festhalten).</p>
<p>Dass Deutschland mit einer Politik der &Uuml;bersch&uuml;sse durch Lohnzur&uuml;ckhaltung erfolgreich war, bedeutet nicht, dass dies f&uuml;r die gesamte EU funktionieren k&ouml;nnte. Der &bdquo;Erfolg&ldquo; hatte einen Grund, der sich nicht auf die Eurozone &uuml;bertragen l&auml;sst: Die wichtigsten Handelspartner und Importeure deutscher Waren &ndash; Frankreich, Italien und andere Eurol&auml;nder &ndash; konnten sich nicht durch Abwertung ihrer W&auml;hrungen wehren, weil sie in der Euro-W&auml;hrungsunion gefangen waren. Und sie hatten auch keine eigene Zentralbank, die der deutschen Deflation durch Geldpolitik gegensteuern konnte. China und die USA werden aber eine Ausweitung des deutschen Modells der Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse auf die gesamte EU nicht widerstandslos hinnehmen. Entweder werten sie auch ab &ndash; womit sich &uuml;brigens ein Teil der &bdquo;ersparten&ldquo; deutschen Finanzanlagen durch Wertverlust verfl&uuml;chtigen w&uuml;rde &ndash; oder sie werden mit politischen Mitteln gegen wachsende Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse der &bdquo;deutschen&ldquo; EU vorgehen. Werden die geplanten &bdquo;Reformen&ldquo; zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch die derzeitige franz&ouml;sische Pr&auml;sidentschaft erfolgreich umgesetzt, d&uuml;rfte sich die Abweichung von der Zielinflationsrate nach unten weiter verst&auml;rken. Wenn beide gro&szlig;en Volkswirtschaften der Eurozone versuchen, &uuml;ber eine Strategie der Lohnmoderation zu &Uuml;bersch&uuml;ssen zu kommen, werden die Probleme der anderen Eurol&auml;nder noch gr&ouml;&szlig;er &ndash; und nat&uuml;rlich der Widerstand der anderen L&auml;nder der Weltwirtschaft, vor allem der USA.</p>
<p>Abbildung 7 zeigt die Leistungsbilanzsalden. In Korrespondenz mit Abbildung 6 erkennt man den Zusammenhang zu den Lohnst&uuml;ckkosten: Deutschland mit Lohnst&uuml;ckkosten deutlich unter der Zielinflationsrate hat &Uuml;bersch&uuml;sse, die L&auml;nder mit Lohnst&uuml;ckkosten, die der Zielinflationsrate entsprechen (Frankreich) oder dar&uuml;ber liegen (Italien, Spanien, Griechenland) haben Defizite. Die Korrektur der L&ouml;hne in der Krise f&uuml;hrt ab 2011 zu sinkenden Defiziten, ab 2012 haben Italien und Spanien wieder &Uuml;bersch&uuml;sse, weil die Importe drastisch sanken (vgl. auch Abb. 2 in Teil I).</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/v221_Land07.jpg" width="380" height="221" alt=""><br /><i>Abb. 7: Leistungsbilanzsalden Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien (Grafik: Makroskop)</i></p>
<p>Von 1991 bis etwa 2000 waren die &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite moderat im Bereich von plus minus 2 bis maximal 4 Prozent des BIP; nicht gerade problemlos, aber ertr&auml;glich. Nach der Einf&uuml;hrung des Euros als gemeinsamer W&auml;hrung begannen die Leistungsbilanzsalden auseinander zu laufen. Der deutsche &Uuml;berschuss (13) stieg fast stetig auf inzwischen &uuml;ber 8 Prozent des BIP. Die Leistungsbilanzsalden der anderen Eurol&auml;nder sanken bis zur gro&szlig;en Finanzkrise auf Defizite von 4 und mehr, in Spanien auf &uuml;ber 8 Prozent. Seit 2009 gehen die Defizite zur&uuml;ck, und zwar auf Grund drastischer Einschr&auml;nkung der Importe, was Ausdruck sinkender Einkommen und steigender Arbeitslosigkeit in der Wirtschaftskrise ist. Die Tatsache, dass die Leistungsbilanzdefizite Spaniens, Italiens und Frankreichs sinken, der deutsche &Uuml;berschuss aber bislang nicht zur&uuml;ckgeht, zeigt, dass es noch keine hinreichende Korrektur der Lohnentwicklung in Deutschland gegeben hat. Zum anderen zeigt diese Entwicklung, dass die EU insgesamt auf dem Weg zu Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen gegen&uuml;ber nicht-Euro-L&auml;ndern ist &ndash; sichtbar in Abbildung 3 (s. Teil I).</p>
<p>Die oben gezeigten Grafiken dokumentieren, dass es in der Eurozone keine funktionierende Anpassung der Lohnniveaus an das Produktivit&auml;tsniveau gibt. Insbesondere erm&ouml;glichen die Regeln der Eurozone, dass eine Volkswirtschaft sich &uuml;ber hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ckbleibenden L&ouml;hne einen Wettbewerbsvorteil gegen&uuml;ber den anderen Mitgliedern der W&auml;hrungsunion verschafft. Nur weil die anderen Eurol&auml;nder h&ouml;here, aber im Fall Frankreichs &ouml;konomisch richtige Lohnst&uuml;ckkosten haben, kann dies funktionieren. Ebenso wenig sind die Regeln umgekehrt geeignet, Abweichungen der L&ouml;hne nach oben rechtzeitig einzuschr&auml;nken. Erst 10 Jahre nach Einf&uuml;hrung des Euro wurde klar, dass einige L&auml;nder (konkret: Griechenland, Spanien und Italien) zu hohe L&ouml;hne hatten.</p>
<p>Einer der Grundfehler ist die fehlende Regulation der Lohnniveaus. Der andere Grundfehler ist, dass zwar das Schuldenmachen zur Finanzierung der Handelsbilanzdefizite begrenzt wird, aber die Kumulation von Finanzanlagen (das Gegenst&uuml;ck zu den Defiziten, der finanzielle Ausdruck der &Uuml;bersch&uuml;sse) unbegrenzt ist und sogar als Erfolgsausweis betrachtet wird. Dieser Fehler setzt sich auch formal fort: Der Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt sanktioniert Defizite ab 4 Prozent, &Uuml;bersch&uuml;sse aber erst ab 6 Prozent, obwohl beides Ausdruck ein und desselben Vorgangs ist. Die &ouml;konomische Fehlkonstruktion setzt sich in der Rechtskonstruktion fort. Damit wird die Anpassungslast falsch auf die Defizitl&auml;nder gelegt. Diejenigen, die keine Mittel zur Intervention haben, sollen sich durch Schrumpfen anpassen; diejenigen, die die Mittel h&auml;tten um L&ouml;hne, Ausgaben und Investitionen zu erh&ouml;hen, also ihren sachlichen Reichtum statt des Geldverm&ouml;gens zu vergr&ouml;&szlig;ern, sind nicht dazu angehalten.</p>
<p>Halten wir fest: Verschiedene Volkswirtschaften haben unterschiedliche Produktivit&auml;ts-, aber auch unterschiedliche Lohnniveaus. Zwischen Handel treibenden Volkswirtschaften gleichen sich Produktivit&auml;tsunterschiede normalerweise durch die Anpassung der Lohnniveaus aus. Wenn die L&ouml;hne der goldenen Lohnregel entsprechen, dann entstehen keine gr&ouml;&szlig;eren &Uuml;bersch&uuml;sse oder Defizite.</p>
<p>Der oben beschriebene Wechselkursmechanismus entspricht in seiner Wirkungsweise dem Ausgleich durch Anpassung der Lohnniveaus, denn die Ver&auml;nderung der nominalen Wechselkurse &auml;ndert die realen Wechselkurse so, dass die Reallohndifferenzen den Produktivit&auml;tsdifferenzen entsprechen. In dem Land, das aufwertet, steigen die Lohnst&uuml;ckkosten und die Reall&ouml;hne, in dem Land das abwertet sinken sie. Dadurch werden Abweichungen der L&ouml;hne von der Produktivit&auml;t korrigiert und &Uuml;bersch&uuml;sse bzw. Defizite in den Handelsbilanzen gehen zur&uuml;ck.</p>
<p>Da es in der Eurozone keinen Wechselkursmechanismus gibt, k&ouml;nnen divergente Entwicklungen der Lohnst&uuml;ckkosten nur vermieden werden, wenn die L&ouml;hne von vornherein der Produktivit&auml;tsentwicklung &ndash; der goldenen Lohnregel &ndash; entsprechen. Dies muss nicht in jedem Jahr und sehr genau geschehen, sollte sich aber &uuml;ber einen Zeitraum von einigen Jahren immer wieder ausgleichen. Abweichungen d&uuml;rften sich nicht kumulativ verst&auml;rken, was aber seit 1998 der Fall war.</p>
<p>Das bedeutet, dass es eine Abstimmung der Regierungen und der Tarifpartner &uuml;ber die Lohnentwicklung geben m&uuml;sste &ndash; und eine politische Notfall-Interventionsm&ouml;glichkeit, wenn sich erhebliche Divergenzen in der Lohnst&uuml;ckkostenentwicklung zeigten. Wenn die Tarifpartner keine Vereinbarungen erreichen, die eine den jeweiligen nationalen Produktivit&auml;tsentwicklungen entsprechende Entwicklung der nationalen Lohnniveaus gew&auml;hrleisten, m&uuml;ssen politische Vorgaben und Eingriffe m&ouml;glich sein. Dabei gilt es nicht nur, &uuml;berschie&szlig;ende, zu hohe Lohnabschl&uuml;sse zu verhindern, sondern genauso, hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ckbleibende L&ouml;hne anzuheben. Ein wichtiger Punkt: Deutschland m&uuml;sste &uuml;ber mehrere Jahre &uuml;berproportionale Lohnsteigerungen akzeptieren, damit die anderen L&auml;nder die Chance haben, den Verlust an Wettbewerbsf&auml;higkeit wieder aufzuholen und sich in der Eurozone insgesamt wieder eine konvergente Lohnst&uuml;ckkostenentwicklung entlang der Zielinflationsrate einpendeln kann.</p>
<p>Die Regulation der Lohnentwicklung hat drei m&auml;chtige Gegner: die deutsche Exportwirtschaft, die den Wettbewerbsvorteil durch den R&uuml;ckstand der L&ouml;hne und m&ouml;glichst weiter hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ckbleibende L&ouml;hne nicht aufgeben will; die Finanzm&auml;rkte, die Gesch&auml;fte mit der Finanzierung von &Uuml;bersch&uuml;ssen und Defiziten machen; und die Regierung, die am G&auml;ngelband der Export- und Finanzwirtschaft und der neoliberalen Wirtschaftsberater h&auml;ngt &ndash; unterst&uuml;tzt von den Medien, die mehrheitlich ebenfalls den neoliberalen Diskurs st&uuml;tzen. Sie alle propagieren Lohnzur&uuml;ckhaltung und Austerit&auml;t als die Mittel der Wahl und wollen die Eurozone gesund schrumpfen statt sie durch steigende L&ouml;hne und Investitionen zu entwickeln.</p>
<p>Deshalb stehen die Chancen nicht besonders gut f&uuml;r eine Lohnregulierung, die mit den Funktionsbedingungen einer W&auml;hrungsunion kompatibel w&auml;re. Keine Partei in Deutschland verfolgt eine derartige Strategie.</p>
<p><i>RAINER LAND&nbsp;&nbsp; Dr. sc. oec. (Jg. 1952), studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin. Seit 1992 ist er Redakteur der Zeitschrift Berliner Debatte Initial. Seit den 1980er Jahren arbeitet er an &raquo;Bausteinen zu einer evolutorischen Theorie der Moderne&laquo;. Seit 2000 ist er in diversen empirischen und theoretischen Projekten am selbst gegr&uuml;ndeten Th&uuml;nen-Institut e.V. in Bollewick t&auml;tig.<br /></i></p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Das Literaturverzeichnis finden sich in Teil I des Beitrags in vorg&auml;nge Nr. 220, S. 63 ff.</p>
<p><b>Datenquellen </b></p>
<p>Abb. 4: Daten von Eurostat, <a href="http://ec.europa.eu/eurostat/de/data/database" target="_blank" rel="noopener">http://ec.europa.eu/eurostat/de/data/database</a> (zugegriffen 31. Oktober 2017), eigene Grafiken</p>
<p>Abb. 5, 6 und 7: Daten von Statista 2017, <a href="https://de.statista.com/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/</a>; Grafik Makroskop</p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>8 Sicherheitshalber merke ich an, dass es sich hier um die gesamtwirtschaftliche Produktivit&auml;t einer Volkswirtschaft oder einer Region handelt, gemessen in Produktionswert bzw. Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Arbeitsstunde oder pro Besch&auml;ftigten, in einigen F&auml;llen auch pro Einwohner. Dies ist zu unterscheiden von technischen Produktivit&auml;tskennziffern (Menge an Produkten in St&uuml;ck pro Arbeitsstunde), betriebswirtschaftlichen oder branchenbezogenen (Produktionswert pro Stunde in einem Unternehmen oder einer Branche). In jeder modernen Volkswirtschaft steigt die technologische<br />Produktivit&auml;t notwendigerweise in einigen Branchen &uuml;berdurchschnittlich (innovative neue Industrien), in einigen unterdurchschnittlich (alte, traditionelle oder lokale Industrien mit geringem Innovationspotenzial) und in einigen sachbedingt gar nicht (Lehrer, &Auml;rzte, viele personenbezogene Dienstleistungen. Ein Arzt, Lehrer, Friseur oder Wahrsager kann die Zahl seiner Klienten pro Stunde nicht wesentlich erh&ouml;hen, ohne die Qualit&auml;t seiner Dienstleistung zu mindern). Damit diese Branchen an der durchschnittlichen Produktivit&auml;ts- und Einkommensentwicklung der Volkswirtschaft teilhaben, m&uuml;ssen die Preise f&uuml;r die Produkte und Leistungen in Branchen mit unterdurchschnittlicher Produktivit&auml;tsentwicklung &uuml;berdurchschnittlich steigen, w&auml;hrend sie in innovativen Branchen sinken oder unterdurchschnittlich steigen. Durch diesen systemischen Mechanismus werden die unvermeidbaren technischen Produktivit&auml;tsdifferenzen zwischen Branchen ausgeglichen, so dass bei einem funktionierenden System der Preis- und Lohnregulation theoretisch alle in gleichem Ma&szlig;e an der volkswirtschaftlichen Produktivit&auml;tsentwicklung teilhaben. Eine Konsequenz dieses marktwirtschaftlichen Ausgleichs ist, dass die Inflationsrate in der Regel nicht Null sein kann, sondern in der N&auml;he der durchschnittlichen Produktivit&auml;tssteigerung liegen sollte.</p>
<p>9 Wir sehen von Sonderkonstellationen wie Irland oder Luxemburg ab.</p>
<p>10 Die Alternative zu Transfers w&auml;re, dass sich die Haushalte der Defizitregionen zunehmend verschulden, w&auml;hrend die der &Uuml;berschussregionen Geldverm&ouml;gen anh&auml;ufen &ndash; eine Alternative, die innerhalb einer Volkswirtschaft nur sehr eingeschr&auml;nkt besteht, weil eine Region nicht &uuml;ber das Mittel der Kreditsch&ouml;pfung verf&uuml;gt, keine eigene W&auml;hrung hat. Auch regionale Banken werden Kunden in Defizitregionen keine hohen und unbefristeten Kredite gew&auml;hren, weil sie nicht damit rechnen k&ouml;nnen, dass diese die Kredite zur&uuml;ckzahlen k&ouml;nnen. Um Kredite zu tilgen und zu verzinsen, ben&ouml;tigt man n&auml;mlich &Uuml;bersch&uuml;sse.</p>
<p>11 Keynes Vorschlag sah eine andere Verteilung der Anpassungslasten vor &ndash; hier sollten die prosperierenden &Uuml;berschussl&auml;nder in einen Fonds einzahlen, mit dem W&auml;hrungsinterventionen auf multinationaler Ebene erm&ouml;glicht wurden. Der Vorschlag wurde aber von den USA abgelehnt. &bdquo;Wie Keynes 1941 sagte, trifft bei festen Wechselkursen &sbquo;&hellip; die Last der Anpassung das Land, das in der internationalen Zahlungsbilanz in der Position des Schuldners ist &ndash; das hei&szlig;t, das (in diesem Zusammenhang) das schw&auml;chere und dazu auch noch das kleinere ist im Vergleich zur Gegenseite, die (in dem Fall) der Rest der Welt ist.&lsquo; [Keynes 1980: 279]&ldquo;. Zit nach Varoufakis 2016 Kindle Pos. 5699-5702, Fu&szlig;note 22. Vgl. auch Pos 428, 499, 548, 2265, 5022, 5298.</p>
<p>12 Zwar gibt es innerhalb der EU Arbeitnehmerfreiz&uuml;gigkeit, aber abgesehen vom Billiglohnsektor und einigen speziellen Branchen ist die Arbeitsmigration schwach und bei Weitem nicht hinreichend, um die Lohn- und Einkommensniveaus anzugleichen. Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede verhindern Wanderung in Gr&ouml;&szlig;enordnungen, wie sie z.B. f&uuml;r die USA typisch sind. Man darf angesichts der &ouml;kologischen Zukunftsfragen auch bezweifeln, ob die mit der Herstellung eines einheitlichen europ&auml;ischen Arbeitsmarkts verbundene Mobilit&auml;t von Portugal bis Bulgarien und Sizilien bis Norwegen wirklich wirtschaftlich w&uuml;nschenswert und lebensweltlich sinnvoll ist.</p>
<p>13 Der Exportanteil betr&auml;gt 46 Prozent des BIP (2016), das w&auml;re kein Problem, wenn der Importanteil genauso hoch w&auml;re. Der betr&auml;gt aber nur 38 Prozent des BIP.</p>
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		<title>Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 10:54:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 51 &#8211; 68 Die &#220;bersch&#252;sse in der Handelsbilanz der deutschen &#8222;Exportweltmeister&#8220; stehen international immer wieder in der Kritik. Der folgende Beitrag erkl&#228;rt, welche &#246;konomischen, gesellschaftlichen und &#246;kologischen Probleme mit diesen &#220;bersch&#252;ssen (und den notwendigen Defiziten anderer L&#228;nder) verbunden sind. Rainer Land sieht drei prinzipiellen L&#246;sungsm&#246;glichkeiten f&#252;r die Aufhebung dieser [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/ueberschuesse/">Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 51 &#8211; 68</p>
<p><i>Die &Uuml;bersch&uuml;sse in der Handelsbilanz der deutschen &bdquo;Exportweltmeister&ldquo; stehen international immer wieder in der Kritik. Der folgende Beitrag erkl&auml;rt, welche &ouml;konomischen, gesellschaftlichen und &ouml;kologischen Probleme mit diesen &Uuml;bersch&uuml;ssen (und den notwendigen Defiziten anderer L&auml;nder) verbunden sind. Rainer Land sieht drei prinzipiellen L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r die Aufhebung dieser Ungleichgewichte: der Umbau der W&auml;hrungsunion, die Aufl&ouml;sung der Eurozone oder der Austritt einzelner L&auml;nder aus der W&auml;hrungsunion. Auch wenn derzeit f&uuml;r keine der drei Optionen ausreichend politischer Wille oder &ouml;konomische Handlungsbereitschaft vorhanden sind &ndash; ein &bdquo;weiter so&ldquo; ist kein gangbarer Weg. Der Autor warnt: Wenn die strukturellen Ursachen der &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite nicht beseitigt werden, weiterhin nur Zeit gekauft und Rettungsschirme aufgefaltet werden, dann bestimmen Dauerkrisen oder Finanzcrashs unsere Zukunft, vom ausbleibenden &ouml;kologischen Umbau unserer Wirtschaft ganz zu schweigen. </i></p>
<p><b>Teil I: Handelsbilanzdivergenzen &ndash; Ursachen, L&ouml;sungen, Handlungsm&ouml;glichkeiten</b></p>
<p>Im Jahr 2017 hat die Eurozone beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) das Vorkrisenniveau (2008) &uuml;berschritten &ndash; nach zehn Jahren. Das deutsche BIP betr&auml;gt 109,82 Prozent, das BIP des Euro-Raums ohne Deutschland 101,95 Prozent (relativ zum 1. Q. 2008). Andr&eacute; K&uuml;hnlenz (2017) spricht von einer gespaltenen Konjunktur:</p>
<p>&bdquo;<i>Solange aber eine Volkswirtschaft sich von einem Konjunktureinbruch lediglich erholt, w&uuml;rde ich nicht von einem Aufschwung sprechen &ndash; der hat erst vor einem Jahr im Rest des Eurolands begonnen. Seitdem stieg die Wirtschaftsleistung [&hellip;] aber nur um magere 1,9%. Deutschland ist diesem Miniaufschwung l&auml;ngst enteilt, auch wenn die Wachstumsraten hierzulande auch nicht berauschend sind.</i>&ldquo;</p>
<p>Wenn man auf die Arbeitslosenquoten blickt, ist die gespaltene Entwicklung noch deutlicher zu bemerken. In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit seit Jahren laufend gesunken, von einem kleinen Einbruch in der gro&szlig;en Finanzkrise (2007 bis 2009) abgesehen. Sie ist heute nur noch halb so hoch wie vor der Krise. In der Eurozone ohne Deutschland hatte sie sich hingegen verdoppelt auf &uuml;ber 14 Prozent, ist seitdem nur auf 11 Prozent gesunken, das ist immer noch ein Drittel mehr als vor der Krise. Hinzu kommt eine katastrophale Lage der Jugend: In Griechenland betr&auml;gt die Jugendarbeitslosigkeit (im August 2017) 43 Prozent (2013: 58 Prozent), in Spanien 38 Prozent (2013: 55 Prozent), in Italien 35 Prozent (2014: knapp 43 Prozent) &ndash; und in Deutschland derzeit 6,4 Prozent (Statista 2017 a; vgl. Bundeszentrale 2017). Hier w&auml;chst die n&auml;chste Generation von &Uuml;berfl&uuml;ssigen heran, Menschen, die die Wahl haben zwischen sozialer Degradation, Deprivation, Resignation, einer populistischen Heilslehre, Widerstand, Separatismus oder Terrorismus. Eine derart gespaltene Entwicklung ist keine gute Voraussetzung f&uuml;r eine fortgesetzte europ&auml;ische Integration. Vielmehr untergr&auml;bt sie die Grundlagen des europ&auml;ischen Projekts und gef&auml;hrdet die Zukunft des Kontinents. Was sind die Ursachen?</p>
<p><b>1. &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite in den Handelsbilanzen</b></p>
<p>&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite in den Handelsbilanzen sind das zweitgr&ouml;&szlig;te Problem der Weltwirtschaft (auf das gr&ouml;&szlig;te, den dringend gebotenen &ouml;kologischen Umbau, gehe ich unten ein). Anhaltende und wachsende &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite sind mit komparativen Vorteilen f&uuml;r alle unvereinbar, sie fachen Wirtschaftskriege an und machen langfristig alle zu Verlierern. &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite sind auch die Ursache der Eurokrise, sie zerst&ouml;ren die Grundlage der Euro-W&auml;hrungsunion und gef&auml;hrden die Europ&auml;ische Union.</p>
<p>Betrachten wir in Abbildung 1 die Gr&ouml;&szlig;enordnung der Handelsbilanzdifferenzen und der dadurch &uuml;berwiegend bestimmten Leistungsbilanzen in der Europ&auml;ischen Union (EU) und der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion (EWU).</p>
<p>Abbildung 2 zeigt, dass Deutschland, die gr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft der Eurozone, einen gewaltigen Leistungsbilanz&uuml;berschuss in H&ouml;he von inzwischen &uuml;ber 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hat, das sind 262 Mrd. Euro. Auch die vergleichsweise kleinen Niederlande haben &Uuml;bersch&uuml;sse in H&ouml;he von bis zu 10 Prozent des BIP, das Volumen betr&auml;gt aber nur 63 Mrd. Euro. Die beiden anderen gro&szlig;en Volkswirtschaften der EU hatten Defizite: Frankreich minus 20 Mrd. Euro (2016), Italien 54 Mrd. (2010), inzwischen aber einen &Uuml;berschuss von 45 Mrd. (2016). Allerdings ist der italienische &Uuml;berschuss nicht Folge wirtschaftlichen Aufstiegs, sondern auf sinkende Importe in einer schweren Krise, auf hohe Arbeitslosigkeit, r&uuml;ckl&auml;ufige Einkommen, r&uuml;ckl&auml;ufige Staatsausgaben und Austerit&auml;t zur&uuml;ckzuf&uuml;hren (vgl. Flassbeck 2016a).</p>
<p>Die Defizite von Griechenland, Spanien und Portugal betrugen auf dem H&ouml;hepunkt mehr als 10 Prozent des BIP, der Gr&ouml;&szlig;enordnung nach zwischen 20 und 100 Mrd. EUR. Inzwischen gehen diese Defizite zur&uuml;ck &ndash; aus dem gleichen Grund wie in Italien. Nur die deutschen &Uuml;bersch&uuml;sse steigen weiter. Bis 2012 war die Handelsbilanz der Eurozone ausgeglichen, d.h. die &Uuml;bersch&uuml;sse einiger L&auml;nder entsprachen weitgehend den Defiziten anderer (Abb. 3). Die EU insgesamt hatte Defizite.</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/abb1_handelsbilanzen-eu-2016.jpg" width="297" height="500" alt=""></p>
<p>Abb. 1: Europ&auml;ische Union: Handelsbilanzsalden der Mitgliedstaaten im Jahr 2016 (in Milliarden Euro).</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/abb2a_LeistungsbilanzEuro-1.jpg" width="380" height="225" alt=""><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/abb2b_LeistungsbilanzEuro-2.jpg" width="380" height="157" alt=""></p>
<p>Abb. 2: Entwicklung der Leistungsbilanzen in Prozent des BIP 1999 bis 2016 f&uuml;r Deutschland, Frankreich, Italien, Griechenland, Spanien, Zypern, Niederlande und Portugal.</p>
<p>Da die Defizite einiger L&auml;nder der Eurozone seit 2010/2012 zur&uuml;ckgehen, gleichen sich &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite innerhalb der Eurozone nicht mehr aus. Der Handelsbilanzsaldo der gesamten Eurozone stieg seit der Krise auf inzwischen 271 Mrd. Euro. Die Eurozone ben&ouml;tigt andere L&auml;nder, die bereit sind, sich f&uuml;r Importe aus der Eurozone zu verschulden &ndash; vor allem die USA (vgl. Teil II, Abschnitt 5).</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/abb3_handelsbilanz-euro2016.jpg" width="380" height="238" alt=""></p>
<p>Abb. 3: Handelsbilanzsalden der EU und der Eurozone von 2006 bis 2016 in Mrd. Euro</p>
<h5>2. Warum sind &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite ein Problem?</h5>
<p>Wenn ein Land mehr produziert, als es verbraucht (f&uuml;r Konsum plus Investitionen), muss es die Differenz auf dem Weltmarkt absetzen, also mehr exportieren, als es importiert. Dies ist nur m&ouml;glich, wenn eine andere Volkswirtschaft mehr importiert, als sie exportiert, also ein Handelsbilanzdefizit hat. Die Summe aller Defizite und &Uuml;bersch&uuml;sse in der Weltwirtschaft ist immer Null.</p>
<p>Handelsbilanzdefizite und -&uuml;bersch&uuml;sse m&uuml;ssen durch Geld- oder Kapitaltransfers ausgeglichen werden. Wie wir oben sehen, geht es dabei insgesamt um viele hundert Milliarden Euro. Im Defizitland m&uuml;ssen Kredite in H&ouml;he des Import&uuml;berschusses aufgenommen werden, um die Importe zu finanzieren &ndash; oder es werden andere Formen von Schulden gemacht, z.B. Wertpapiere emittiert und &uuml;ber den Finanzmarkt an die Gl&auml;ubiger in den &Uuml;berschussl&auml;ndern verkauft, es wird Verm&ouml;gen ver&auml;u&szlig;ert oder Direktinvestitionen flie&szlig;en ins Land. In den &Uuml;berschussl&auml;ndern wachsen Devisen- und Wertpapierbest&auml;nde und Auslandsverm&ouml;gen. Das &Uuml;berschussland akkumuliert Finanzverm&ouml;gen, das Defizitland akkumuliert Finanzschulden. <br />&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite sind kein Problem, wenn sie sich in mittleren Fristen ausgleichen. Auch Entwicklungshilfe oder Modernisierungsprogramme, die durch Transfers, langfristige Kredite oder Direktinvestitionen finanziert sind, k&ouml;nnen zu Defiziten f&uuml;hren, denen notwendigerweise Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse bei den Geberl&auml;ndern entsprechen. (1)</p>
<p>Viele Wirtschaftswissenschaftler sehen dauerhafte &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite kritisch, weil sie die Weltwirtschaft destabilisieren und Entwicklungsrichtungen der Wirtschaft verzerren. Nicht mehr die Wohlfahrt der Bev&ouml;lkerung oder der &ouml;kologische Umbau stehen im Mittelpunkt, sondern der Gewinn von Wettbewerbsvorteilen gegen andere Volkswirtschaften. &Uuml;ber l&auml;ngere Zeit anhaltende oder gar wachsende &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite verweisen auf grundlegende Konstruktionsfehler in den Wirtschaftssystemen und sind sowohl f&uuml;r die &Uuml;berschussl&auml;nder als auch f&uuml;r die Defizitl&auml;nder langfristig negativ. (2)&nbsp; <br />Der Export&uuml;berschuss ist mit einem Abfluss von sachlichen Ressourcen (Rohstoffen, Energie, Arbeit, Verschlei&szlig; von Sachkapital) verbunden, dem kein entsprechender Zufluss sachlicher Ressourcen entspricht. Daf&uuml;r flie&szlig;en Finanzen in das &Uuml;berschussland. Nun k&ouml;nnte man meinen, mit denen k&ouml;nne man auf dem Weltmarkt ja G&uuml;ter kaufen und die abgeflossenen Ressourcen sachlich ersetzen. Ja, das w&auml;re ein ausgewogener Welthandel mit komparativen Vorteilen, denn genau dann g&auml;be es den Export&uuml;berschuss nicht mehr, dem Export w&uuml;rde n&auml;mlich ein etwa gleich hoher Import entsprechen. Genau das aber geschieht nicht. (3) Dem Abfluss von sachlichen Ressourcen entspricht kein gleichwertiger Zufluss anderer Ressourcen, das &Uuml;berschussland verliert sachliche Ressourcen und bekommt Schuldscheine. <br />Eine auf Export&uuml;bersch&uuml;sse ausgerichtete Wirtschaftsstruktur f&uuml;hrt dazu, dass die verbrauchten Ressourcen nur teilweise ersetzt werden, Investitionen sich auf die Wettbewerbsf&auml;higkeit im Au&szlig;enhandel konzentrieren, die Binnenwirtschaft zur&uuml;ckbleibt und die Infrastruktur vernachl&auml;ssigt wird &ndash; wie man in Deutschland auch empirisch beobachten kann.</p>
<p>Export&uuml;bersch&uuml;sse sind mit Einkommensverlusten bei den Masseneinkommen verbunden. Ein Export&uuml;berschuss ist nur m&ouml;glich, wenn die Bev&ouml;lkerungsmehrheit weniger konsumiert als sie produziert, also am Produktivit&auml;tszuwachs nicht oder nur eingeschr&auml;nkt partizipiert. Ein Export&uuml;berschuss ist nur m&ouml;glich, wenn die L&ouml;hne hinter der Produktivit&auml;tsentwicklung zur&uuml;ckbleiben (s. Teil II).(4) <br />In einer solchen Situation ist die Wahrscheinlichkeit f&uuml;r Finanzverm&ouml;gensverluste hoch. Export&uuml;bersch&uuml;sse f&uuml;hren dazu, dass laufend wachsende Best&auml;nde an Wertpapieren oder Devisen entstehen, zwischen verschiedenen Finanzdepots zirkulieren und irrationale Bewegungen auf den Finanzm&auml;rkten anfeuern. Die Verwertung der Finanzanlagen wird zum dominanten Selektionskriterium f&uuml;r wirtschaftliche (und wirtschaftspolitische) Entscheidungen, die Entwicklung der sachlichen Produktionsbedingungen, der Infrastruktur, der Lebensbedingungen, der Konsumstruktur usw. wird zu einem nachgeordneten Kriterium. Daher passt die Orientierung auf Export&uuml;bersch&uuml;sse zum Finanzmarktkapitalismus. <br />Exporte, die nicht zu wachsenden Importen f&uuml;hren, sondern in Finanzverm&ouml;gen angelegt werden, sind erheblichen Entwertungsrisiken ausgesetzt. Wertet ein Defizitland seine W&auml;hrung ab oder f&auml;llt der Kurs bestimmter Finanzanlagen, so reduziert sich der Wert des finanzialisierten Auslandsverm&ouml;gens &ndash; entweder schleichend oder abrupt in einer Finanzkrise. Die kumulierten Export&uuml;bersch&uuml;sse Deutschlands von 1999 bis 2015 betragen 2,6 Billionen Dollar, davon sind heute aber statistisch nur noch 1,47 Billionen Dollar Auslandsverm&ouml;gen vorhanden. Knapp 1,2 Billionen Dollar, fast die H&auml;lfte, sind in 15 Jahren durch Entwertung verloren gegangen, vor allem in der gro&szlig;en Finanzkrise und durch Ver&auml;nderung der Wechselkurse. Man kann nicht behaupten, dass sich diese Exporte bzw. diese Art von Wertanlage rentiert h&auml;tte (vgl. Herrmann 2016 und Deutsche Bundesbank 6.10.2017).</p>
<p>Auf den ersten Blick hat das &Uuml;berschussland einen Vorteil, weil der Export&uuml;berschuss die Arbeitslosigkeit scheinbar reduziert. Allerdings w&uuml;rden Lohnsteigerungen oder Inlandsinvestitionen mindestens den gleichen Effekt haben (5) &ndash; nur dass dabei nicht die virtuellen Finanzverm&ouml;gen, sondern die realen Masseneinkommen steigen, nicht der Export, sondern der Binnenmarkt expandiert sowie der Konsum und die Investitionen steigen. Zudem geht der Export von Arbeitslosigkeit zu Lasten der Arbeitslosigkeit in den Defizitl&auml;ndern. Nur dann, wenn das Defizitland den Einkommensabfluss vollst&auml;ndig durch kreditfinanzierte Mehrausgaben (also zus&auml;tzliche Verschuldung) kompensierte, k&ouml;nnte ein Steigen der Arbeitslosigkeit durch Import&uuml;bersch&uuml;sse vermieden werden. (6) Das aber ist nur den USA m&ouml;glich. Es setzt n&auml;mlich voraus, dass es entweder gen&uuml;gend kreditw&uuml;rdige Privathaushalte gibt (so scheinbar beim Hypothekenboom in den USA vor 2007, der dann zur Finanzkrise gef&uuml;hrt hat, weil die Kreditw&uuml;rdigkeit gefaked war) und/oder der Staat bei der Erh&ouml;hung der Ausgaben keinen Beschr&auml;nkungen unterliegt. Beides trifft auf andere Defizitl&auml;nder nicht zu, weil sie Handelsbilanzdefizite, also Import&uuml;bersch&uuml;sse, nur sehr beschr&auml;nkt mit ihrer eigenen W&auml;hrung finanzieren k&ouml;nnen. Importe m&uuml;ssen mit Devisen bezahlt werden. Verschulden sich andere Defizitl&auml;nder in Fremdw&auml;hrungen, z.B. durch Kredite in internationalen Reservew&auml;hrungen, werden sie schnell abh&auml;ngig und sitzen irgendwann im Schuldenturm.</p>
<p>Die negativen Folgen f&uuml;r die L&auml;nder mit Handelsbilanzdefiziten sind der Import von Arbeitslosigkeit, eine damit verbundene De-Industrialisierung, Verluste an wirtschaftlicher Dynamik und an Einkommen sowie Probleme, die mit steigenden Schulden, der Abh&auml;ngigkeit von den Finanzm&auml;rkten und im schlimmsten Fall von Gl&auml;ubigern einher gehen: Austerit&auml;t und sogenannte Strukturanpassungsprogramme, die nach allen Erfahrungen in eine tiefe Krise mit anschlie&szlig;ender jahrelanger Depression f&uuml;hren. Dies sind bekanntlich die Folgen in Griechenland, Spanien, Frankreich und anderen Eurol&auml;ndern.</p>
<p>Auch wenn es oberfl&auml;chlich so aussieht, als h&auml;tten &Uuml;berschussl&auml;nder wegen zus&auml;tzlicher Arbeitspl&auml;tze oder Defizitl&auml;nder wegen kreditfinanzierter Importe einen Vorteil &ndash; es gibt diese Vorteile nur kurzfristig. Wenn &uuml;berhaupt gewinnt nur einer auf Kosten des anderen. Es ist bestenfalls ein Nullsummenspiel; in der Regel ein Negativsummenspiel, bei dem beide verlieren. Handelsbilanzdifferenzen untergraben die Kooperationsbereitschaft und die Kooperationsf&auml;higkeit, sie st&uuml;tzen Strategien des Gegeneinanders im Handel. Komparative Vorteile im Handel gibt es nur, wenn alle gewinnen.</p>
<h5>3. Die derzeitige Situation ist untragbar</h5>
<h2 class="auto-created">3.1. Weiter so?</h2>
<p>Wenn es nicht gelingt, die &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite durch Ver&auml;nderungen in der Regulation der W&auml;hrungsunion unter Kontrolle zu bekommen, wird sich die Eurokrise in dauerhafter Depression und s&auml;kularer Stagnation fortsetzen. Werden die &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite nicht abgebaut, wachsen sie gar weiter an, kann es zu einer schweren Krise des Finanzsystems und scharfen Einbr&uuml;chen der wirtschaftlichen Entwicklung in der EU oder in einzelnen Volkswirtschaften kommen. Eine schwere Krise muss aber keine zwangsl&auml;ufige Folge sein. Die M&ouml;glichkeiten, durch staatliche Interventionen oder Rettungspakete schwere Krisen abzuwehren, wurden in den letzten Jahren erheblich erweitert. Allerdings wird damit nur Zeit gekauft, die grundlegenden Ursachen der divergenten Entwicklung bleiben bestehen. <br />Bleibt es bei der heute dominanten Kombination eines merkantilistischen Export-&Uuml;berschuss-Regimes mit einem schuldenfinanzierten Defizit-Regime in der EU (und der Weltwirtschaft), bleibt auch die derzeitige falsche (und zudem widerspr&uuml;chliche) Orientierung der wirtschaftlichen Entwicklung bestehen. Sie ist einerseits gerichtet auf die Verbesserung der Wettbewerbsbedingungen, um Export&uuml;bersch&uuml;sse zu erlangen, und versucht parallel zu begrenzen, dass Import&uuml;bersch&uuml;sse durch Defizite finanziert werden (was nicht zusammenpasst, denn keine &Uuml;bersch&uuml;sse ohne Defizite). Inhaltlich geht diese Orientierung einher mit Begrenzung der Lohnentwicklung, der Masseneinkommen und Austerit&auml;t. Die Folge ist s&auml;kulare Stagnation, eine geringe Innovationsdynamik und geringes Wachstum der Einkommen und der Investitionen (vgl. Hein 2016).</p>
<p>Damit sind wir bei dem eingangs angek&uuml;ndigten gr&ouml;&szlig;ten Problem der heutigen Weltwirtschaft, das eng mit der Fehlorientierung auf Export&uuml;bersch&uuml;sse und Finanzanlagen zusammenh&auml;ngt. Die wirtschaftsgeschichtlich wichtigste Aufgabe der Gegenwart ist der &Uuml;bergang zu einer umweltkompatiblen Produktionsweise in Industrie, Landwirtschaft, Konsum und Infrastrukturen in den n&auml;chsten Jahrzehnten. Eine Fortsetzung der heutigen Trends des Ressourcen- und Umweltverbrauchs wird die Existenzgrundlagen der Menschheit zerst&ouml;ren. Das wichtigste Zeitfenster daf&uuml;r ist durch den Klimawandel gesetzt: Eine Trendwende muss binnen 30 Jahren erreicht werden, eine vollst&auml;ndige Dekarbonisierung der Weltwirtschaft &bdquo;bis sp&auml;testens 2070, in den wohlhabenden L&auml;ndern bis etwa 2050 [&hellip;]&ldquo; (Messner 2016, vgl. Land 2017a, b und c).</p>
<p>Eine solche Trendwende hin zu einem globalen &ouml;kologischen Umbau der Industrie, der Landwirtschaft, des Konsums und der Infrastruktur durchzusetzen und innerhalb von hundert Jahren abzuschlie&szlig;en, ist aber mit der schwachen Innovationsdynamik des &Uuml;berschuss-Defizit-Finanzmarkt-Kapitalismus nicht zu bew&auml;ltigen. Neben einer h&ouml;heren Dynamik, einem h&ouml;heren Anteil an Innovationen, durch die alte Produkte und Verfahren durch neue abgel&ouml;st werden, geht es vor allem um die inhaltliche Neuorientierung, die Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung, die durch entsprechende marktwirtschaftskompatible Selektionsprozesse, aber auch durch juristische Rahmensetzungen (z.B. Umweltrecht, Eigentum, Nutzungsrechte und Reproduktionspflichten f&uuml;r Naturressourcen), politische Entscheidungsverfahren und staatliche Investitionen bestimmt werden. Statt der derzeit dominanten Orientierung der wirtschaftlichen Entwicklung auf Innovationen zur Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit f&uuml;r Exporte durch Reduzierung der Lohnst&uuml;ckkosten w&auml;re eine Orientierung auf absolut sinkenden Ressourcen- und Energieverbrauch und auf Umweltkompatibilit&auml;t der neuen Produkte und Verfahren geboten.</p>
<p>S&auml;kulare Stagnation und die Fehlorientierung der Selektionsprozesse sind die gr&ouml;&szlig;ten Hindernisse f&uuml;r eine notwendige neue &ouml;kologische Produktionsweise, einen &Ouml;kokapitalismus. Auch die schwache Einkommensentwicklung ist eine Fehlorientierung, selbst wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag, dass sinkende Einkommen f&uuml;r die Umwelt besser w&auml;ren. Einkommen, die hinter der sowieso schon schwachen Produktivit&auml;tsdynamik zur&uuml;ckbleiben oder gar sinken, behindern den &ouml;kologischen Umbau. Eine Ver&auml;nderung der Konsummuster ist nur m&ouml;glich, wenn die Disponibilit&auml;t der Einkommensverwendung steigt und die mit dem &ouml;kologischen Umbau verbundenen Wert- und Preissteigerungen f&uuml;r umweltkompatible Produktion von den Konsumenten auch verkraftet werden k&ouml;nnen, und zwar ohne sozialen Abstieg. Die derzeitige Orientierung auf Kostensenkung durch billige Massenprodukte verengt den Spielraum f&uuml;r den Umbau der Konsummuster und f&uuml;hrt in die falsche Richtung. Zudem werden betr&uuml;gerische Praktiken bei der Produktqualit&auml;t, den Umweltparametern und der Verbraucherkennzeichnung herausgefordert. Auch die Verlagerung der Produktion in L&auml;nder mit geringen Umweltstandards passt zu einer Orientierung auf Export&uuml;bersch&uuml;sse.</p>
<p>Kurz: Das gr&ouml;&szlig;te weltwirtschaftliche Problem &ndash; die fehlende Umweltkompatibilit&auml;t der heutigen Produktionsweise und der die Tragf&auml;higkeitsgrenzen der &Ouml;kosysteme &uuml;bersteigende Ressourcenverbrauch &ndash; und das zweitgr&ouml;&szlig;te Problem &ndash; die &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite in den Handelsbilanzen und die damit verbundene Kumulation von Finanzschulden und Finanzverm&ouml;gen anstelle von Entwicklung des Sachverm&ouml;gens &ndash; bedingen und verst&auml;rken sich wechselseitig.</p>
<p>Die damit verbundene Ungleichheit in den L&auml;ndern und die gespaltene Entwicklung zwischen den Volkswirtschaften mit &Uuml;bersch&uuml;ssen (Deutschland vor allem) auf der einen Seite, denen mit Defiziten trotz hoher Produktivit&auml;t (Frankreich, Norditalien) und denen mit Defiziten bei geringerer Produktivit&auml;t (Griechenland, Portugal) zerst&ouml;rt die Grundlage der friedlichen Zusammenarbeit der Nationen in der EU und in der Weltwirtschaft. Die aus Ungleichheit und fehlender wirtschaftlicher Perspektive resultierenden sozialen und politischen Auseinandersetzungen werden Sicherheit und Stabilit&auml;t der Eurozone weiter untergraben. Wenn sich nichts &auml;ndert, wird dieser Euro die EU zerst&ouml;ren.</p>
<h2 class="auto-created">3.2. Wie kann die Eurokrise &uuml;berwunden werden?</h2>
<p>Grunds&auml;tzlich gibt es drei Vorschl&auml;ge zur &Uuml;berwindung der Eurokrise.</p>
<p>*Ausgleich der Differenzen durch Transfers: Solche Vorschl&auml;ge gibt es von Varoufakis (Galbraith u.a. 2013) und Busch (&bdquo;Europa geht auch solidarisch&ldquo;, Busch u.a. 2016). Auch der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Macron denkt an ein europ&auml;isches Budget und europ&auml;ische Steuern (Zeit Online 26.09.2017). Ein solches gemeinsames Budget zur Umverteilung zwischen den L&auml;ndern der EU m&uuml;sste sehr gro&szlig; sein. Dabei denke man an die Gr&ouml;&szlig;enordnung der &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Bereich von mehreren hundert Milliarden EUR pro Jahr. Daf&uuml;r w&auml;re wiederum a) eine &uuml;ber den Nationalstaaten stehende demokratische Entscheidungsstruktur erforderlich &ndash; jedenfalls wenn man keine rein technokratische Finanzregierung will. Dies erfordert ein von den Nationalstaaten unabh&auml;ngiges Budgetrecht des Europ&auml;ischen Parlaments, mit dem Steuern erhoben und Ausgaben get&auml;tigt werden k&ouml;nnen, die der Gr&ouml;&szlig;enordnung der erforderlichen Umverteilung entsprechen. Und b) erfordert dies technische Verfahren und eine Europ&auml;ische Finanzverwaltung, die die Erhebung europ&auml;ischer Steuern und die Finanzierung der Ausgaben abwickelt. Faktisch w&uuml;rde die Finanzverwaltung der Nationalstaaten auf regionale Befugnisse herabgestuft werden m&uuml;ssen.</p>
<p>* Etablierung einer koordinierten Lohnregulation der Eurozonen-Staaten und ihrer Tarifparteien, die daf&uuml;r sorgt, dass die nationalen Lohnniveaus den nationalen Produktivit&auml;tsniveaus entsprechen. Dann n&auml;mlich w&uuml;rden Leistungsbilanzungleichgewichte nur tempor&auml;r auftreten und k&ouml;nnten nicht &uuml;ber mehrere Jahre zu Gr&ouml;&szlig;enordnungen anwachsen, die die Funktionsweise des W&auml;hrungssystems substanziell untergraben. &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite entstehen nur, wenn Produktivit&auml;tsdifferenzen nicht durch entsprechende Lohn- und Einkommensdifferenzen kompensiert sind. Eine an der Produktivit&auml;tsentwicklung orientierte Regulation der L&ouml;hne innerhalb der Eurozone w&uuml;rde die wichtigste Ursache der Handelsbilanzdivergenzen beseitigen. Dieser Vorschlag wurde seit Ende der 1990er Jahre immer wieder von Heiner Flassbeck und anderen unterbreitet (u.a. Flassbeck u. Spieker 2001, Flassbeck u.a. 2013).<br />Prinzipiell sind beide Vorschl&auml;ge kombinierbar, wobei der entscheidende Effekt durch die Lohnregulation erreicht werden muss. Die Gr&ouml;&szlig;enordnung der Umverteilung, die n&ouml;tig w&auml;re, um &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite vollst&auml;ndig durch Transfers auszugleichen, ist weder politisch durchsetzbar noch w&auml;re dies wirtschaftlich vern&uuml;nftig, solange es sich um selbst&auml;ndige Volkswirtschaften mit differenten Lohnniveaus, unterschiedlichen Sozialsystemen und verschiedener Sprache und Kultur handelt. Aber erg&auml;nzend und vor allem auf Investitionen bezogen k&ouml;nnten Transfers eine wichtige Rolle spielen. Geeignet w&auml;re ein Investitionsprogramm f&uuml;r den &ouml;kologischen Umbau, mit dem neue umweltkompatible Produkte und Verfahren entwickelt und in den Markt eingef&uuml;hrt und der Ressourcenverbrauch gesenkt werden k&ouml;nnten: Kredite f&uuml;r private Unternehmen, &ouml;ffentliche Investitionen, europaweiter Umbau der Infrastruktur, Verkehr, Bildung, Wissenschaft (vgl. Land 2017).</p>
<p>* Die dritte Alternative w&auml;re die Aufl&ouml;sung der Eurozone. Dies hat insbesondere Mitchell (2017) untersucht. Er vergleicht die verschiedenen Varianten des Umbaus und der Aufl&ouml;sung. Seiner Meinung nach ist eine Transferl&ouml;sung weder politisch durchsetzbar noch kulturell tragbar (S. 460 ff): &bdquo;Eine wichtige Voraussetzung f&uuml;r ein effektives W&auml;hrungssystem mit vielen Regierungsebenen ist, dass die B&uuml;rger interregionalen Transfers von Staatsausgaben gegen&uuml;ber tolerant sein m&uuml;ssen [&hellip;]&ldquo; Die bessere L&ouml;sung w&auml;re eine partielle oder vollst&auml;ndige Aufl&ouml;sung der Eurozone:</p>
<ul>
<li>der Wechselkurs k&ouml;nnte wieder benutzt werden, um Divergenzen in Produktivit&auml;ts- und Lohnentwicklung auszugleichen,</li>
<li>jede Nation w&uuml;rde die Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die eigene W&auml;hrung wiederherstellen und die f&uuml;r die Gestaltung wirtschaftlicher Entwicklung wichtige Kooperation von Zentralbank und Finanzministerium reaktivieren, damit k&ouml;nnte Arbeitslosigkeit &uuml;berwunden werden, die wirtschaftliche Entwicklung und die Einkommen k&ouml;nnten dynamisiert und die Entwicklungsrichtung hin zu einem &ouml;konomischen Umbau gestaltet werden.</li>
</ul>
<p>F&uuml;r eine Aufl&ouml;sung der Eurozone sind verschiedene Szenarien denkbar.</p>
<ul>
<li>Die beste Variante w&auml;re eine Aufl&ouml;sung durch Wiedereinf&uuml;hrung der nationalen W&auml;hrungen in einem gestalteten und koordinierten Prozess, der vertraglich vereinbart werden m&uuml;sste. Daraus k&ouml;nnte ein neues europ&auml;isches W&auml;hrungssystem mit festen, aber anpassbaren Wechselkursen hervorgehen, eine verbesserte Variante, die die Fehler der 2. Generation des Europ&auml;ischen W&auml;hrungssystems (EWS II) vermeidet. </li>
<li>Eine ebenfalls tragf&auml;hige L&ouml;sung w&auml;re der Austritt einzelner Staaten bei Wiedereinf&uuml;hrung der eigenen nationalen W&auml;hrung. Auch daf&uuml;r w&auml;re eine vertraglich vereinbarte und gesteuerte L&ouml;sung sinnvoll, aber auch der Austritt in eigener Regie w&auml;re machbar. </li>
<li>Die dritte, teuerste und schlechteste L&ouml;sung w&auml;re der Zusammenbruch des Eurosystems in einer schweren Finanzkrise, in der nationale W&auml;hrungssysteme ad hoc neu gegr&uuml;ndet werden m&uuml;ssten. </li>
</ul>
<p>In jedem Fall w&auml;re die Aufl&ouml;sung des Euros mit erheblichen Kosten verbunden, wobei vertraglich geregelte L&ouml;sungen weniger Kosten verursachen als eine Aufl&ouml;sung im Crash. Mitchell meint, dass einige der kommunizierten Kalkulationen die Kosten &uuml;bertreiben. <br />&bdquo;Der Kostenaufwand der Krise, der durch sinnlose Sparma&szlig;nahmen noch erh&ouml;ht wurde, ist enorm. Griechenland hat 25 Prozent seiner Wirtschaft eingeb&uuml;&szlig;t, und die Sparpolitik hat eine Generation von jungen Menschen hervorgebracht, die keine Beziehung zur Arbeit hat und heranwachsen wird, ohne je gearbeitet zu haben. Dadurch, dass sie keine Gelegenheiten hat, Erfahrung zu sammeln, wird diese sozial entwurzelte Kohorte extrem benachteiligt. Viele andere WWU-L&auml;nder machen eine &auml;hnliche Erfahrung.</p>
<p>Die Belege in diesem Buch zeigen, dass der Aufwand eines Austritts zwar enorm sein wird, die langfristigen Kosten einer mehr oder weniger permanenten Sparpolitik jedoch noch h&ouml;her sein werden. &hellip; <br />Ein geordneter Austritt w&auml;re f&uuml;r jede Nation der bessere Weg. Italien sollte vorangehen, sowohl in Anbetracht seiner Gr&ouml;&szlig;e und relativen Bedeutung in Europa als auch der schlimmen Sch&auml;den, die seine Struktur durch die Sparpolitik davontr&auml;gt.&ldquo; (Mitchell 2017: 572)</p>
<h2 class="auto-created">3.3. Handlungs&shy;m&ouml;g&shy;lich&shy;keiten</h2>
<p>Politisch ist derzeit keiner der m&ouml;glichen Wege aus der Krise der Eurozone bzw. der Krise eines Finanzmarkt-&Uuml;berschuss-Defizit-Kapitalismus denkbar. Weder Transfers in der erforderlichen Gr&ouml;&szlig;enordnung, noch eine l&auml;nder&uuml;bergreifende Lohnregulation sind politisch machbar, auch ein einvernehmlicher Austritt einzelner L&auml;nder oder eine geregelte Aufl&ouml;sung der Eurozone ist nicht vorstellbar.<br />Daraus folgt: Es wird auf absehbare Zeit weiter bei der krisenhaften Entwicklung, s&auml;kularer Stagnation, falschen Entwicklungsrichtungen, hoher Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und zunehmenden Differenzen zwischen den Eurol&auml;ndern bleiben. Ob eine neue Finanzkrise oder andere wirtschaftliche oder politische Br&uuml;che eine neue Situation schaffen, kann nat&uuml;rlich niemand vorhersagen. &bdquo;Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende!&ldquo; (7)</p>
<p>Handlungsm&ouml;glichkeiten bestehen aber in folgender Weise:</p>
<p>1. Aufkl&auml;rung ist angesagt, vor allem &uuml;ber die Ursachen und Folgen der &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite sowie die Eurokrise. Vor allem m&uuml;sste man versuchen, die falschen und nicht selten von interessierter Seite verbreiteten Diagnosen zu widerlegen: Staatsschuldenkrise, zu hohe L&ouml;hne, zu hohe Staatsdefizite, Gelddrucken usw. Dann w&auml;ren die verheerenden Wirkungen der derzeitigen L&ouml;sungsstrategien &ndash; Flexibilisierung der Arbeitsm&auml;rkte (es geht um mehr Druck auf die L&ouml;hne), Austerit&auml;t, Sparprogranne &ndash; herauszustellen. Drittens schlie&szlig;lich w&auml;re es n&ouml;tig, ungeschminkt die Wahrheit &uuml;ber die Gefahren der &ouml;kologischen Krise &ouml;ffentlich anzusprechen und klarzumachen, dass dies die zentrale Aufgabe ist, wenn sich die Menschheit in letzter Minute noch retten will. Rettung aber verlangt Investitionen und Neuerungen statt Sparen in der Krise und Abwarten.</p>
<p>2. Dringend erforderlich ist, der verbreiteten Angstmache vor dem Austritt einzelner L&auml;nder aus dem Euro oder der Wiedereinf&uuml;hrung nationaler W&auml;hrungen entgegenzutreten. Diese &bdquo;Drohung&ldquo; dient der Erpressung politischer Bewegungen, Parteien und Regierungen. Nat&uuml;rlich w&auml;ren der Austritt oder die Aufl&ouml;sung mit hohen Kosten verbunden, die aber bei einem einvernehmlichen und geordneten &Uuml;bergang finanzierbar sind. Der Satz &bdquo;F&auml;llt der Euro, f&auml;llt Europa&ldquo; ist falsch. Richtig ist, dass das Eurosystem, so wie es derzeit funktioniert, Europa zerst&ouml;rt. Es muss ver&auml;ndert oder aufgehoben werden, wenn man die friedliche und gedeihliche Zusammenarbeit der europ&auml;ischen Nationen, den sozialen Fortschritt f&uuml;r alle, erhalten will. Die Aufl&ouml;sung der Eurozone ist eine m&ouml;gliche Option und &ndash; entsprechend gestaltet &ndash; nicht notwendig reaktion&auml;r oder katastrophal.</p>
<p>3. Neben einer Debatte &uuml;ber die m&ouml;gliche Aufl&ouml;sung der Eurozone kann und muss nat&uuml;rlich auch &uuml;ber deren Umbau diskutiert werden. Die zentrale Frage ist, ob man sich ein System der gemeinschaftlichen Lohnregulation vorstellen kann und ob die damit verbundenen Probleme, die Unterschiedlichkeit der heute bestehenden nationalen Verfahren der Lohnfindung, l&ouml;sbar sind. Keine Partei in Deutschland hat diese Frage &bdquo;auf dem Schirm&ldquo;. F&uuml;r erg&auml;nzende Transfersysteme bestehen bessere Chancen, weil Linke, SPD und mit Einschr&auml;nkungen auch B&uuml;ndnis 90 Die Gr&uuml;nen sich in diese Richtung bewegen &ndash; allerdings kaum erkennen, um welche Gr&ouml;&szlig;enordnungen es hier geht. Macron hat zwar Ideen, sieht aber bislang nicht, das Transfersysteme ohne eine grundlegende Lohnregulation nicht funktionieren werden.<br />&bdquo;Die Eurozone ist also alles andere als eine &bdquo;optimale W&auml;hrungsunion&ldquo; &ndash; das hei&szlig;t aber noch lange nicht, dass der Euro nicht dennoch funktionieren kann.&ldquo; (Priewe 30.01.2017)</p>
<p>Gel&auml;nge der Umbau der Eurozone, w&auml;re dies besser als eine Aufl&ouml;sung; gelingt er aber nicht, w&auml;re ein &bdquo;Weiter so&ldquo; verheerend.</p>
<p><i>Teil II widmet sich den Ursachen der &Uuml;bersch&uuml;ssen bzw. Defiziten in den einzelnen Staaten der Eurozone sowie den m&ouml;glichen Ausgleichsmechanismen. Er erscheint in der folgenden Ausgabe der vorg&auml;nge (Nr. 221, Heft 1/2018) und kann vorab auf der Webseite der Zeitschrift gelesen werden: </i><a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220/"><i>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/online_artikel/220/</i></a><i>.</i></p>
<p><i>RAINER LAND&nbsp;&nbsp; Dr. sc. oec. (Jg. 1952), studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin. Seit 1992 ist er Redakteur der Zeitschrift Berliner Debatte Initial. Seit den 1980er Jahren arbeitet er an &raquo;Bausteinen zu einer evolutorischen Theorie der Moderne&laquo;. Seit 2000 ist er in diversen empirischen und theoretischen Projekten am selbst gegr&uuml;ndeten Th&uuml;nen-Institut e. V. In Bollewick t&auml;tig.</i></p>
<p><b>Literatur:</b></p>
<p>Borger, Klaus (2017): Leistungsbilanz: &Uuml;berschuss reduzieren, Deutschland st&auml;rken. In: KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 178 v. 08.08.2017, <a href="https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Fokus-Volkswirtschaft/Fokus-2017/Fokus-Nr.-178-August-2017-Leistungsbilanz%C3%BCberschuss.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Fokus-Volkswirtschaft/Fokus-2017/Fokus-Nr.-178-August-2017-Leistungsbilanz%C3%BCberschuss.pdf</a></p>
<p>Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung (2017): Jugendarbeitslosigkeit in Europa. <a href="http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/225124/jugendarbeitslosigkeit-in-europa" target="_blank" rel="noopener">http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/225124/jugendarbeitslosigkeit-in-europa</a>.</p>
<p>Busch, Klaus; Axel Troost; Gesine Schwan; Frank Bsirske; Joachim Bischoff; Mechthild Schrooten; Harald Wolf (2016a): Europa geht auch solidarisch! Streitschrift f&uuml;r eine andere Europ&auml;ische Union. Hamburg: VSA-Verlag.</p>
<p>Busch, Klaus; Axel Troost; Gesine Schwan; Frank Bsirske; Joachim Bischoff; Mechthild Schrooten; Harald Wolf (2016b): Antwort auf Martin H&ouml;pners und Heiner Flassbecks Artikel &sbquo;Nutzlose Wechselkursanpassungen?&lsquo;, Makroskop v. 07.12.2016,, <a href="https://makroskop.eu/2016/12/antwort-auf-martin-hoepners-und-heiner-flassbecks-artikel-nutzlose-wechselkursanpassungen/" target="_blank" rel="noopener">https://makroskop.eu/2016/12/antwort-auf-martin-hoepners-und-heiner-flassbecks-artikel-nutzlose-wechselkursanpassungen/</a>.</p>
<p>Deutsche Bundesbank(6.10.2017): Deutsches Auslandsverm&ouml;gen legt deutlich zu&ldquo;, <a href="https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Themen/2017/2017_10_06_auslandsvermoegen.html?searchArchive=0&amp;searchIssued=0&amp;sub-mit=Suchen&amp;templateQueryString=auslandsverm%C3%B6gen" target="_blank" rel="noopener">https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Themen/2017/2017_10_06_auslandsvermoegen.html?sub-mit=Suchen&amp;searchIssued=0&amp;templateQueryString=auslandsverm%C3%B6gen&amp;searchArchive=0</a>.</p>
<p>Dullien, Sebastian; Ulrich Fritsche (2007): Anhaltende Divergenz bei Inflations- und Lohnentwicklung in der Eurozone: Gefahr f&uuml;r die W&auml;hrungsunion? In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 76, 4, S. 56-76.</p>
<p>Europ&auml;ische Union: Jugendarbeitslosenquoten in den Mitgliedsstaaten im August 2017. <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/</a>.</p>
<p>Felbermayr, Gabriel (2010): Schadet Deutschlands Exportpolitik den Nachbarn? In: ifo Schnelldienst 63. Jahrgang Nr. 15/2010, M&uuml;nchen: ifo Institut</p>
<p>Flassbeck, Heiner (1988): Preise, Zins und Wechselkurs. Zur Theorie der offenen Volkswirtschaft bei flexiblen Wechselkursen. Wirtschaftswissenschaftliche und wirtschaftsrechtliche Untersuchungen 23. T&uuml;bingen: J.C.B. Mohr.</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Friedrike Spiecker (2001): Lohnstruktur und Besch&auml;ftigung. Gutachten im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung. Berlin: Otto-Brenner-Stiftung</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Paul Davidson; James K. Galbraith; Richard Koo; Jayati Ghosh (2013): Handelt jetzt! Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft. Frankfurt: Westend Verlag, <a href="http://nbn-resolving.de/urn%3Anbn%3Ade%3A101%3A1-201304251409" target="_blank" rel="noopener">http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:101:1-201304251409</a>.</p>
<p>Flassbeck, Heiner (2015a): Die Eurokrise und die Krise des &ouml;konomischen Urteilsverm&ouml;gens. In: Betrifft JUSTIZ Nr. 124 | Dezember 2015, M&uuml;hltal, S. 165.</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Costas Lapavitsas (2015b): Nur Deutschland kann den Euro retten: Der letzte Akt beginnt. Frankfurt: Westend Verlag</p>
<p>Flassbeck, Heiner (2016a): Der italienische Patient. Makroskop v. 29.07.2016 und 2.8.2016, <a href="https://makroskop.eu/2016/07/der-italienische-patient-1/" target="_blank" rel="noopener">https://makroskop.eu/2016/07/der-italienische-patient-1/</a>.</p>
<p>Flassbeck, Heiner (2016b): Ist das Eurosystem &uuml;berwindbar? Eine Replik auf Busch u. a. Makroskop v. 15.12.2016, <a href="https://makroskop.eu/2016/12/ist-das-eurosystem-ueberwindbar-eine-replik-auf-busch-u/" target="_blank" rel="noopener">https://makroskop.eu/2016/12/ist-das-eurosystem-ueberwindbar-eine-replik-auf-busch-u/</a>.</p>
<p>Flassbeck, Heiner u.a. (2017a): Das Schuldenproblem und die europ&auml;ische Krise. Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft.</p>
<p>Flassbeck, Heiner u.a. (2017b): Markt und Staat neu denken. Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft.</p>
<p>FOCUS Online (2017): Finanzminister Sch&auml;uble soll Trump Wirtschafts-Nachhilfe geben. FOCUS Online v. 19.04.2017, <a href="http://www.focus.de/finanzen/news/handelsueberschuesse-finanzminister-schaeuble-soll-trump-wirtschafts-nachhilfe-geben_id_6984301.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.focus.de/finanzen/news/handelsueberschuesse-finanzminister-schaeuble-soll-trump-wirtschafts-nachhilfe-geben_id_6984301.html</a>.</p>
<p>Fratzscher, Marcel (2017): Handels&uuml;bersch&uuml;sse: Warum die US-Kritik an Deutschland teilweise stimmt&ldquo;. Spiegel Online v. 31.01.2017, <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/donald-trump-warum-die-us-kritik-an-deutschland-teilweise-stimmt-a-1132576.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/donald-trump-warum-die-us-kritik-an-deutschland-teilweise-stimmt-a-1132576.html</a>.</p>
<p>Galbraith, James K.; Stuart Holland; Yanis Varoufakis (2013): Bescheidener Vorschlag zur L&ouml;sung der Eurokrise. M&uuml;nchen: Kunstmann.</p>
<p>Halevi, Joseph; Nicholas J. Theocarakis; Yanis Varoufakis (2011): Modern Political Economics: Making sense of the post-2008 world. Routledge: Taylor &amp; Francis Ltd.</p>
<p>Hein, Eckhard (2016): S&auml;kulare Stagnation oder Stagnationspolitik? In: Berliner Debatte Initial 27 (2/2016).</p>
<p>Herrmann, Ulrike (2016): Verluste der deutschen Banken: Auf der Spur des verlorenen Geldes, taz v. 30.10.2016, <a href="http://www.taz.de/%215348343/" target="_blank" rel="noopener">http://www.taz.de/!5348343/</a>.</p>
<p>H&ouml;pner, Martin (2013): Ein W&auml;hrungsraum und viele Lohnregime. In: dms &ndash; der moderne staat &ndash; Zeitschrift f&uuml;r Public Policy, Recht und Management, 6. Jg., Heft 2/2013, S. 289-309</p>
<p>H&ouml;pner, Martin; Alexander Spielau (2015): Diskretion&auml;re Wechselkursregime: Erfahrungen aus dem Europ&auml;ischen W&auml;hrungssystem, 1979&ndash;1998. MPIfG Discussion Paper 15/11, Max-Planck-Institut f&uuml;r Gesellschaftsforschung, K&ouml;ln</p>
<p>H&ouml;pner, Martin; Heiner Flassbeck (2016): Nutzlose Wechselkurskorrekturen? Makroskop v. 22.11.2016, <a href="https://makroskop.eu/2016/11/nutzlose-wechselkurskorrekturen/" target="_blank" rel="noopener">https://makroskop.eu/2016/11/nutzlose-wechselkurskorrekturen/</a>.</p>
<p>H&ouml;pner, Martin (2017): Reformbaustelle W&auml;hrungsunion: Voran in ein EWS II? In: Flassbeck, Heiner u.a., Markt und Staat neu denken. Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft.</p>
<p>Keynes, J. M. (1980), Closing Speech, Bretton Woods Conferences, July 22, 1944. In: D. E. Moggridge (Hg.), Collected Writings of John Maynard Keynes, Vol. XXVI, Activities 1941 &ndash; 1946; Shaping the Post &#8211; War World, Bretton Woods and Reparations, London. Zitiert nach Varoufakis 2016 Kindle-Positionen 5530-5532.</p>
<p>K&uuml;hnlenz, Andr&eacute; (2017): Eurozone: Eine Konjunktur-Entt&auml;uschung bahnt sich an. In: Makronom-Blog v. 11.10.2017, <a href="https://makronom.de/eurozone-eine-konjunktur-enttaeuschung-bahnt-sich-an-23421" target="_blank" rel="noopener">https://makronom.de/eurozone-eine-konjunktur-enttaeuschung-bahnt-sich-an-23421</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2015): 25 Jahre Deutsche Einheit &ndash; Ist das Wirtschafts- und Sozialmodell der vereinigten Bundesrepublik zukunftsf&auml;hig? In: Wirtschaftsdienst. Zeitschrift f&uuml;r Wirtschaftspolitik. Heft 6, Juni 2015, <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2010/10/Rainer-Land-25-Jahre-Deuitsche-Einheit-korrigiert.-rla-3.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2010/10/Rainer-Land-25-Jahre-Deuitsche-Einheit-korrigiert.-rla-3.pdf</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2017a): Der Irrtum der Postwachstumsdebatte (Teil 1, 2 und 3). In: Makroskop v. 04.04.2017, 25.4.2017 und 28.04.2017, <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2017/04/2017-04-28-der-irrtum-der-postwachstumsdebatte-1-2-3.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2017/04/2017-04-28-der-irrtum-der-postwachstumsdebatte-1-2-3.pdf</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2017b): Kapitalismus reloaded. Regime wirtschaftlicher Entwicklung im &Uuml;bergang vom 20. zum 21. Jahrhundert. Skript zu einem Vortrag am 22.4.2017 im Max-Lingner-Haus Berlin, <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2017/03/2017-03-12-Land_Kapitalismus-reloaded-mit-Bild.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2017/03/2017-03-12-Land_Kapitalismus-reloaded-mit-Bild.pdf</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2017c): Ist &Ouml;kokapitalismus m&ouml;glich? In: Flassbeck, Heiner u.&nbsp;a. Markt und Staat neu denken. Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft.</p>
<p>Messner, Dirk (2016): Passt das &Ouml;kologische zum Sozialen. &Uuml;berlegungen in turbulenten Zeiten. Festvortrag f&uuml;r Erhard Eppler, Stuttgart 09.12.2016, <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2013/09/Messner-Festvortrag-f%C3%BCr-Erhard-Eppler.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2013/09/Messner-Festvortrag-f%C3%BCr-Erhard-Eppler.pdf</a>.</p>
<p>Mitchell, William (2017): Dystopie Eurozone: Gruppendenken und Leugnung im gro&szlig;en Stil. Berlin: Lola Books.</p>
<p>Mosler, Warren (2017): Die sieben unschuldigen, aber t&ouml;dlichen Betr&uuml;gereien der Wirtschaftspolitik. Berlin: Lola Books.</p>
<p>Priewe, Jan (2011): Die Weltwirtschaft im Ungleichgewicht: Ursachen, Gefahren, Korrekturen. Wiso-Diskurs Expertisen und Dokumentationen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik. Bonn: Abt. Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung.</p>
<p>Priewe, Jan (2017a): Ist die Eurozone vielleicht doch ein &sbquo;optimaler W&auml;hrungsraum&lsquo;?&ldquo;. Makronom(blog) v. 30.01.2017, <a href="https://makronom.de/ist-die-eurozone-vielleicht-doch-ein-optimaler-waehrungsraum-19143" target="_blank" rel="noopener">https://makronom.de/ist-die-eurozone-vielleicht-doch-ein-optimaler-waehrungsraum-19143</a>.</p>
<p>Priewe, Jan (2017b): Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse: Wie das ifo-Institut den neuen deutschen Merkantilismus legitimiert&ldquo;. Makronom (blog) v. 09.08.2017, <a href="https://makronom.de/leistungsbilanzueberschuesse-wie-das-ifo-institut-den-neuen-deutschen-merkantilismus-legitimiert-22424." target="_blank" rel="noopener">https://makronom.de/leistungsbilanzueberschuesse-wie-das-ifo-institut-den-neuen-deutschen-merkantilismus-legitimiert-22424.</a></p>
<p>Scharpf, Fritz W. (2017): Rettet Europa vor dem Euro! In: Berliner Republik v. 14.06.2017, <a href="http://www.brepublik.de/aktuelleausgabe/retteteuropavordemeuro" target="_blank" rel="noopener">http://www.brepublik.de/aktuelleausgabe/retteteuropavordemeuro</a></p>
<p>Scharpf, Fritz W. (ohne Datum): Zur&uuml;ck zu nationalen W&auml;hrungen, Cicero Online. <a href="http://cicero.de/wirtschaft/zurueck-zu-nationalen-waehrungen/47548" target="_blank" rel="noopener">http://cicero.de/wirtschaft/zurueck-zu-nationalen-waehrungen/47548</a></p>
<p>Schulmeister, Stephan (2012): Mitten in der gro&szlig;en Krise: ein &bdquo;New Deal&ldquo; f&uuml;r Europa. Wiener Vorlesungen im Rathaus, Edition Gesellschaftskritik 7. Wien: Picus Verlag.</p>
<p>Varoufakis, Yanis (2012): Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft. Aus dem Engl. von Ursel Sch&auml;fer., M&uuml;nchen: Verlag Antje Kunstmann (Kindle-Version).</p>
<p>Varoufakis, Yanis (2016): Das Euro-Paradox: wie eine andere Geldpolitik Europa wieder zusammenf&uuml;hren kann. &Uuml;bersetzt von Ursel Sch&auml;fer. M&uuml;nchen: Verlag Antje Kunstmann (Kindle-Version).</p>
<p>Varoufakis, Yanis (2017): Die ganze Geschichte: meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment. M&uuml;nchen: Verlag Antje Kunstmann (Kindle-Version).</p>
<p>Zeit Online (2017): Zukunft der EU: Emmanuel Macron fordert Neugr&uuml;ndung der EU&ldquo;. Die Zeit v. 26. September 2017, Abschn. Politik. <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-09/zukunft-eu-emmanuel-macron-rede" target="_blank" rel="noopener">http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-09/zukunft-eu-emmanuel-macron-rede</a>.</p>
<p><b>Datenquellen:</b></p>
<p>Statista 2017: <a href="https://de.statista.com/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/</a></p>
<p>Daten und Grafiken:</p>
<p>Abb. 1: Europ&auml;ische Union: Handelsbilanzsalden der Mitgliedsstaaten im Jahr 2016 (in Milliarden Euro), <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/252105/umfrage/handelsbilanz-der-eu-laender/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/252105/umfrage/handelsbilanz-der-eu-laender/</a> (Zugriff: 31.10.2017).</p>
<p>Abb. 2: Daten: Eurostat: <a href="http://ec.europa.eu/eurostat/de/data/database" target="_blank" rel="noopener">http://ec.europa.eu/eurostat/de/data/database</a> (Zugriff: 31.10.2017); eigene Grafiken.</p>
<p>Abb. 3: Europ&auml;ische Union &amp; Euro-Zone: Handelsbilanzsaldo von 2006 bis 2016 (in Milliarden Euro), <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/15640/umfrage/handelsbilanz-der-eu/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/15640/umfrage/handelsbilanz-der-eu/</a> (Zugriff: 31.10.2017). </p>
<p><b>Anmerkungen:</b></p>
<p>1 Unsch&auml;dlich ist, wenn Kredite, Direktinvestitionen und Transfers keine grunds&auml;tzliche Abh&auml;ngigkeit des Empf&auml;ngers von den Gebern schaffen, die so eingeleitete wirtschaftliche Entwicklung langfristig wieder zu ausgeglichenen Bilanzen f&uuml;hrt und die Finanzierungskonditionen resistent gegen Finanzkrisen und spekulative Attacken der Finanzm&auml;rkte gestaltet sind. Nachholende Entwicklung rechtfertigt mittelfristig anhaltende &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite. Aber nicht selten haben derartige Entwicklungen zu finanziellen Katastrophen gef&uuml;hrt &ndash; endogene Pfade nachholender Entwicklung scheinen erfolgreicher. Man bedenke, dass der gegenw&auml;rtig erfolgreichste Fall nachholender Entwicklung &ndash; China &ndash; zwar mit immensen Direktinvestitionen von Unternehmen aus den USA und anderen entwickelten Industriel&auml;ndern verbunden war, aber die Zufl&uuml;sse der Direktinvestitionen seit Mitte der 1980er Jahre niemals zu einem Handelsbilanzdefizit Chinas gef&uuml;hrt haben. Das chinesische Modell nachholender Entwicklung beruht darauf, die Direktinvestitionen aus den USA und anderen f&uuml;hrenden Industriel&auml;ndern durch Exporte in diese L&auml;nder zu finanzieren, mehr noch: <i>Export&uuml;bersch&uuml;sse </i>zu erzielen und gewaltige Finanzreserven in internationalen Devisen und Wertpapieren anzulegen. China ist Empf&auml;nger von Direktinvestitionen, hat aber einen Export&uuml;berschuss. Die USA haben einen Import&uuml;berschuss, sind aber Geber von Direktinvestitionen; ein Land, das Technologie exportiert und Massenprodukte importiert. Deutschland ist Geber von Direktinvestitionen und hat zugleich einen Export&uuml;berschuss. Dies sind drei ganz verschiedene Konstellationen. Die chinesische Strategie, Direktinvestitionen zu empfangen, diese aber nicht durch Verschuldung, sondern durch Export&uuml;bersch&uuml;sse aus einer Gl&auml;ubigerposition heraus zu finanzieren, war und ist sehr erfolgreich. Sie setzt umgekehrt das Interesse von global aufgestellten US-Unternehmen (und anderen westlichen Unternehmen) voraus, China als Produktionsstandort mit vergleichsweise geringen L&ouml;hnen auszunutzen, um dort Waren herzustellen, die f&uuml;r entwickelte L&auml;ndern mit hohen Einkommen vorgesehen sind und dorthin <i>exportiert </i>werden sollen, also vor allem in den USA, und die dort durch <i>Defizite</i>, Verschuldung von privaten und &ouml;ffentlichen Haushalten, finanziert werden m&uuml;ssen. Die westlichen Unternehmen konnten so (Lohn-)Kosten senken, ihre internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessern und h&ouml;here Gewinne erreichen. Dabei konnte China Konditionen durchsetzen, die den Zugang zu moderner westlicher Technologie erm&ouml;glichten, ohne die Kontrolle &uuml;ber die in China agierenden westlichen Unternehmen zu verlieren (Regeln f&uuml;r Sonderwirtschaftszonen und Joint-Venture). China wurde nie abh&auml;ngig von globalen Finanzm&auml;rkten. Sp&auml;testens seit der Finanzkrise versucht China, dieses Modell exportorientierter nachholender Industrieentwicklung auf eine mehr binnenorientierte Entwicklung umzustellen und schrittweise aus der &Uuml;berschussposition heraus zu kommen, vor allem durch steigende L&ouml;hne und den Umbau der Produktpalette (z.B. erneuerbare Energie, Autos, Konsumg&uuml;ter f&uuml;r den Binnenmarkt). Man wird sehen, welche Probleme dabei auftreten und ob es gelingt. Die Kombination von Direktinvestitionen mit Handelsbilanz<i>defiziten </i>(mit Verschuldung also), typisch f&uuml;r einige andere Entwicklungsl&auml;nder, scheint dagegen selten erfolgreich.</p>
<p>2 Vgl.: Flassbeck u.a. 2013, 2015b, 2017a, 2017b, Flassbeck 2015a, 2016b; Priewe 2017a und 2017b, Borger 2017, Fratzscher 2017, anders argumentieren z.B. Felbermayr 2010 und Sch&auml;uble lt. Focus Online v. 19.04.2017.</p>
<p>3 Die Idee, irgendwann in der Zukunft die akkumulierten Finanzmittel einzusetzen, um G&uuml;ter zu kaufen, scheitert in der Regel, weil sie nur umsetzbar w&auml;re, wenn das &Uuml;berschussland zum Defizitland w&uuml;rde, sich also strukturell auf eine importorientierte Industrie- und Konsumstruktur und auf eine Kultur des Entsparens umstellte.</p>
<p>4 Auch eine steigende Sparquote ohne steigende Binneninvestitionen k&ouml;nnte zu Export&uuml;bersch&uuml;ssen f&uuml;hren. In Deutschland aber spielt dies nur eine untergeordnete Rolle, die Sparquote der Haushalte ist bis 1999 gesunken, seither schwankt sie zwischen 9,5 und 10,5 Prozent, erkl&auml;rt also die zur&uuml;ckbleibende Inlandsnachfrage nicht hinreichend.</p>
<p>5 Steigende L&ouml;hne f&uuml;hren im Inland zu einer steigenden Binnennachfrage, daher zu Produktionswachstum und mehr Besch&auml;ftigung.</p>
<p>6 So argumentiert Warren Mosler (2017): &bdquo;Importe sind reale Nutzen, Exporte sind reale Kosten. [&hellip;] Ein Handelsbilanzdefizit erh&ouml;ht in Wirklichkeit unseren realen Lebensstandard. [&hellip;] je h&ouml;her das Handelsbilanzdefizit, desto besser.&ldquo; (S. 72) Dies gilt aber nur f&uuml;r die USA und nur unter zwei Voraussetzungen. Erstens d&uuml;rften die Importe nicht zu einer Reduzierung der eigenen Produktion, zu Arbeitslosigkeit und Einkommenseinbu&szlig;en f&uuml;hren. Nur wenn die US-Regierung durch entsprechende hohe Budgetdefizite daf&uuml;r sorgen w&uuml;rde, dass die Wirtschaft voll ausgelastet ist und Vollbesch&auml;ftigung gegeben w&auml;re, w&uuml;rden durch Defizit finanzierte Importe einen zus&auml;tzlichen realen Nutzen bringen. Das ist aber nicht der Fall. Tats&auml;chlich haben insbesondere die Republikaner hohe Budgetdefizite verhindert, weshalb der Import&uuml;berschuss faktische Arbeitsplatzverluste zur Folge hat. Und zweitens m&uuml;ssten die &Uuml;berschussl&auml;nder die W&auml;hrung des Defizitlandes bzw. Schuldscheine des Staates und der Banken des Defizitlandes unbeschr&auml;nkt akzeptieren, wie dies nur beim Dollar der Fall ist, vielleicht aber nicht in alle Zukunft. Mit anderen Worten: Sie d&uuml;rfen nicht merken, dass sie durch den Export einen realen Schaden haben, und nicht f&uuml;rchten, der Dollar k&ouml;nnte erheblich an Wert verlieren. Da beides nicht der Fall ist, schadet das Handelsbilanzdefizit nicht nur den &Uuml;berschussl&auml;ndern, sondern auch den USA, zumindest den Arbeitnehmern, der Mittelschicht und den normalen Haushalten. Nur die Banken und Finanzmarktakteure verdienen an der Finanzierung des Defizits.</p>
<p>7 Matrix Revolutions, Lana &amp; Lilly Wachowski (Regie), USA 2003, <a href="https://de.wikiquote.org/wiki/Matrix_Revolutions" target="_blank" rel="noopener">https://de.wikiquote.org/wiki/Matrix_Revolutions</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/ueberschuesse/">Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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