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	<title>Werner Bergmann Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Energiebedarf aus ökologischer Perspektive: Wie die Energie das Leben bestimmt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Aug 2024 10:34:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Klima]]></category>
		<category><![CDATA[Energiepolitik]]></category>
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		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Zukunft wird zeigen, ob es der Menschheit gelingt, ein Gleichgewicht zwischen dem Energieverbrauch und dem Erhalt der Lebensbedingungen zu finden. Werner Bergmann versucht in seinem Beitrag, auf die wesentlichen historisch-gesellschaftlichen Prozesse einzugehen, die mit der Energienutzung hervorgebracht wurden. Ausgehend vom Klimawandel geht er dabei auf die Ausformung des Wirtschaftslebens, die Energienutzung, die vorhandenen Strategien [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-245/publikation/energiebedarf-aus-oekologischer-perspektive-wie-die-energie-das-leben-bestimmt/">Energiebedarf aus ökologischer Perspektive: Wie die Energie das Leben bestimmt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-teaser-western"><em>Die Zukunft wird zeigen, ob es der Menschheit gelingt, ein Gleichgewicht zwischen dem Energieverbrauch und dem Erhalt der Lebensbedingungen zu finden. Werner Bergmann versucht in seinem Beitrag, auf die wesentlichen historisch-gesellschaftlichen Prozesse einzugehen, die mit der Energienutzung hervorgebracht wurden. Ausgehend vom Klimawandel geht er dabei auf die Ausformung des Wirtschaftslebens, die Energienutzung, die vorhandenen Strategien zur Problembewältigung und deren Grenzen ein. Dabei kommt er zum Ergebnis, dass der Riss zwischen Menschen und nichtmenschlicher Natur durch Gestaltung einer Kreislaufwirtschaft überwunden werden könne.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-absatz-ohne-western">Alles begann mit dem Feuer. Der prähistorische Mensch lernte, das Feuer zu zähmen, zu nutzen und zu einem Teil der eigenen Gesellschaft zu machen. (Soentgen 2023). Feuer ist ein chemischer Prozess, der Wärme und Licht erzeugt, Energie wird verfügbar. Die gezielte Nutzung der Energie erlaubte die Gestaltung der Lebenswelt und des Lebensraums – unabhängig von der ökologischen Ordnung. Die Nutzung und Beherrschung des Feuers beruhten zuerst auf der Verbrennung von natürlichen Stoffen wie Holz, Torf und Dung. Der gezielte Umgang und die kulturelle Nutzung des Feuers ermöglichten es den Menschen, eine ökologische Nische zu schaffen. Mit dem Verlassen der Jäger-und-Sammler-Situation entstanden die agrarischen Gesellschaften in einem Zeitraum von wenigen tausend Jahren. Sie beruhten auf einer Nutzung der Solarenergieströme, dabei wurden vor allem biologische Energiereserven (Pflanzen und Tiere) genutzt (Horn/Bergthaller 2019: 156). Das Feuer spielte weiterhin eine zentrale Rolle: Es ermöglichte die Entwicklung keramischer Gefäße und anderer Gerätschaften für die Verbesserung und Aufbewahrung von Nahrung (Soentgen 2023: 56). Energie ist also die Voraussetzung von allem Leben auf Erden, sie ermöglicht Wachstum und Werden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Mit dem häufig behaupteten Wandel zum <i>Anthropozän</i> hat sich ein neuer verstärkter Eingriff der Menschen in die Natur ergeben. Physikalische Klimamodelle erklären, wie das Erdklima zu verstehen ist und warum die Menschen in einem angenehmen Temperaturbereich leben können. Ausgehend von der Sonneneinstrahlung werden die Fälle ungehinderter Abstrahlung mit dem Ergebnis globaler Temperatur -18°C, Treibhauseffekt ohne Konvektion + 35°C und Treibhauseffekt mit Konvektion +17°C betrachtet. Konvektion entsteht, wenn die aufgewärmte Luft aufsteigt, sich in der Atmosphäre abkühlt und wieder herunterfällt. So ergibt sich ein neues Gleichgewicht. Die Modellergebnisse belegen mit dem gegebenen Wert von +15°C ein Gleichgewicht vor Beginn der industriellen Revolution. Ab der Nutzung von Kohle, später Erdgas und Öl, um zusätzliche Energie zu verbrauchen, gelangen zusätzliche Treibhausgase in die Erdatmosphäre und führen letztlich zur beobachtenden Erderwärmung.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Energie ist die Fähigkeit Arbeit zu verrichten, um zum Beispiel eine Bewegung zu bewirken oder in Form elektromagnetischer Strahlung in Erscheinung zu treten. Ausgangspunkt ist zuallererst Verbrennung, welche Wärme und Licht erzeugt. Wesentlich sind die physikalischen Eigenschaften der Energie beschrieben im ersten und zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Der erste Hauptsatz, der Energieerhaltungssatz, besagt, dass alle Energieformen miteinander verwandt sind und bei Umwandlung die Summe aller Energien in einem geschlossenen System konstant bleibt, erstmals definiert von J. R. Mayer (1840), Helmholtz (1847) und Clausius (1850) (vgl. Prigogine/Stengers 1990: 116ff.)<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a>. Der zweite Hauptsatz formuliert Bedingungen der Umwandlung. Dieser Satz besagt, dass die Umwandlungen real und mit Energiedegradation verbunden sind. Dies führt zur Einführung der physikalischen Größe <i>Entropie</i>. Damit wurde die Zeit mit einer bevorzugten Richtung ausgestattet. Die newtonsche Physik hat keinen Zeitbegriff, die Gesetze gelten gleich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Entropie dagegen unterscheidet zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wärme fließt natürlicherweise vom warmen zum kalten Körper (Rovelli 2018: 25). Entropie bestimmt Gleichgewichtszustände von höherer Entropie (weitgehend geordnet) zu neuem Gleichgewicht mit niedriger Entropie (zunehmend ungeordnet), vorgegeben durch die negative Definition des Zeitpfeils. Es ergibt sich ein Zeitablauf. Anders definiert wird hier die Energie in Form hoher Wärme nach Umwandlung durch Dissipation in niedrige Wärme geändert. Die Nutzung niedriger Wärme ist begrenzt und physikalisch aufwendig. Das wird heute gesellschaftlich viel diskutiert bei der Umwandlung von niedriger Lufttemperatur in Heizungstemperatur mittels zusätzlicher elektrischer Energie durch die Wärmepumpe.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dies führt zu Fragen zur Natur, zum biologischen Wachstum, zum Werden und zur Ökologie. Wenn wachsende Unordnung bei niedriger Entropie gegeben ist, muss es Mechanismen und Prozesse geben, die die Entstehung neuer Strukturen ermöglichen. Mit Hinweis auf Boltzmann fragt Mayum (2001: 47), ob Leben – neben dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik – ein neues Gesetz benötigt. Wir kommen darauf später zurück. Die Nutzung der Energie ist Segen und Fluch zugleich. Die Zukunft wird zeigen, ob es der Menschheit gelingt, ein Gleichgewicht zwischen dem Energieverbrauch und dem Erhalt der Lebensbedingungen zu finden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In den folgenden Abschnitten werde ich versuchen, auf die wesentlichen gesellschaftlichen Prozesse, die mit der Energienutzung hervorgebracht wurden, einzugehen. Ausgehend vom Klimawandel gehe ich auf die Ausformung des Wirtschaftslebens, die Energienutzung sowie auf die vorhandenen Strategien zur Problembewältigung und deren Grenzen ein. Die mit einer Energiewende verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen und möglichen Antworten werde ich dabei auch anreißen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Energie und Klima</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Ausgehend vom Energiebegriff und der von den Anhänger*innen der Anthropozäns-Theorie gesehenen Wende, widmen wir uns der Entwicklung des Energieverbrauchs und seines Einflusses auf das Klima. Nachstehende Grafik (Abb. 1) fasst Details der Entwicklung zusammen.</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" width="555" height="292" class="aligncenter size-full wp-image-19473" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-1.png" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-1.png 555w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-1-450x237.png 450w" sizes="(max-width: 555px) 100vw, 555px" /></p>
<p class="v-absatz-ohne-western"><i>Abb. 1: Energievebrauch 1960-2050.</i></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Kurve in Abbildung 1 zeigt den zunehmenden Energieverbrauch über die Periode von 1960 bis 2020 sowie die Erwartungen bis 2050. Die Werte, hier in Petajoule (PJ) ausgedrückt, zeigen eine Erhöhung des Energieverbrauchs ausgehend von circa 200 PJ auf etwa 600 PJ im Jahr 2020 auf; das ist eine Erhöhung um 400 PJ (Faktor 3) in einem Zeitraum von 60 Jahren. Die durchschnittliche Steigerungsrate von ungefähr zwei Prozent in der betrachteten Periode ist durch die nach dem Zweiten Weltkrieg zusätzlich verfügbaren Energieträger Öl und Gas erklärbar, bei gleichzeitig wachsender Weltbevölkerung und zunehmenden Pro–Kopf-Verbrauch. Während die Steigerung des Verbrauchs im Zeitraum von 2010 bis 2019 + 1,4 Prozent pro Jahr betrug, waren die Werte für 2021 +4,9 Prozent und 2022 +2,1 Prozent. Die Szenarien erwarten im günstigen Fall eine ungebrochene Steigerung auf 750 PJ.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western " align="left">Wirtschaftswachstum</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die treibende Kraft des Energieverbrauchs ist wirtschaftliches Wachstum. Dieses wird zumeist mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Es wird mit drei Methoden erhoben: (a) Entstehung nach Wirtschaftssektoren, (b) Verwendungen wie Konsum, Investitionen und Außenbeiträge und (c) Verteilung an Arbeitnehmer*innen, Unternehmens- und Vermögenseinkommen, Abgaben minus Subventionen, Abschreibungen und Saldo der Primäreinkommen der übrigen Welt. Die Verteilung aus (c) ist allerdings kein Maß für Vermögens- und Einkommensunterschiede in der Gesellschaft. Für 2023 ergibt sich ein Betrag des BIP von 4121 Milliarden Euro für Deutschland.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Für den Zeitraum von 2020 bis 2023 ergibt sich bei einem BIP-Wachstum von 718 Milliarden Euro ein Rückgang von etwa 695 Terawattstunden (TWh) beim Energieverbrauch, das heißt: Trotz des BIP-Wachstums ist der Energieverbrauch in Deutschland gesunken. Dies dürfte durch den Rückgang im produzierenden Bereich, insbesondere der energieintensiven Industrie, im Gewerbe und Einsparungen im privaten Bereich begründet sein. Weltweit hat der Energieverbrauch jedoch weiter zugenommen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der politische Prozess orientiert sich weiterhin an der Ansicht, wirtschaftliches Wachstums sei ein Erfolg und die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Bestimmend ist die Erfahrung des wirtschaftlichen Erfolges im globalen Norden nach dem Zweiten Weltkrieg: dem Zeitalter der großen Beschleunigung. Die hegemoniale ökonomische Theorie basiert auf den Annahmen der Mikroökonomie und dem Primat der „customer’s choice”-Nutzentheorie. Dies ist die Basis unserer Wirtschaftspolitik und ein Kern der neoliberalen Argumentation für optimales Wachstum. Ausgehend von einer grundlegenden Knappheit erläutert die Theorie das optimierte Verhalten der Akteure – Haushalte, Unternehmen und Staat – beim Einsatz der Produktionsfaktoren. Eine Kritik an der Grundannahme des rationalen Verhaltens der Wirtschaftssubjekte ist vielfältig<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>ii</sup></a>. Die damit einhergehenden negativen Effekte für Umwelt und soziale Gesellschaften werden ignoriert<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>iii</sup></a>.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western " align="left">Freiheit, Autonomie und &Uuml;berfluss im Kapita&shy;lismus</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die politischen und wirtschaftlichen Änderungen im 18. und 19. Jahrhundert haben mit der Gestaltung des modernen Privateigentumsrechts die Durchdringung aller Lebensbereiche durch die Ökonomie und den <i>homo oeconomicus</i> ermöglicht. Die Nutzung der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital unter Einsatz der neu verfügbaren Energie durch Kohleverbrennung haben die wirtschaftliche Ordnung grundlegend verändert. Die Grenzen des Feudalismus waren gesprengt. Die Entwicklung der Produktivkräfte ermöglichte das Streben nach negativer Freiheit, Überfluss konnte produziert werden. Letztlich standen alle diese Entwicklungen unter dem Primat des Profits, der Freiheit des Kapitals. Die westlichen Staaten waren bereit, die private Codierung von Gütern (Kapital) im Recht zu unterstützen, nicht nur in Form von Eigentumsrechten, sondern den Gütern Priorität, Beständigkeit, Konvertierbarkeit und Universalität zu gewährleisten (Pistor 2019). Damit erhielt das Kapital eine rechtliche Qualität, die es erlaubt, Vermögen zu erschaffen und zu schützen. Das Versprechen von Autonomie sowie der damit verbundene Überfluss waren aber nicht gleich verteilt. Die sozialistische Bewegung war daher geprägt vom Bestreben, die Autonomie der Arbeit zu sichern und letztendlich das Privateigentum durch Kollektiveigentum zu ersetzen. Blicken wir heute auf den globalen Norden, scheinen formale Freiheit und Überfluss noch gegeben zu sein, allerdings begrenzt durch die Produktionsbedingungen und die damit verbundene Nutzung der menschlichen Arbeit. Gleichzeitig bleibt der Eingriff in die Natur dabei faktisch unbeachtet.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Das verlorene Jahrhundert der &Ouml;kologie</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Schon während der Zeit der industriellen Revolution haben einzelne Wissenschaftler für die Ökologie kritische Punkte angesprochen, ohne allerdings relevante Wirkungen auf den Produktionsprozess zu bewirken. Justus Liebig etwa wies 1862 auf den Raubbau des Bodens (Agrikulturchemie) hin. Er wies auf das Gesetz des Ersatzes und Erhalt hin, eine nachhaltige Landwirtschaft müsse das Zirkulieren der Bodenwirkstoffe garantieren. Karl Marx griff dies später auf und beschrieb es als den Riss zwischen Menschen und Natur (vgl. auch Saito 2023: 107ff.; Charbonnier 2022: 238ff.; Mayum 2001).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die biologische Vielfalt der Welt wird durch den Handel im großen Umfang nach wie vor genutzt. Die schädigenden ökologischen Wirkungen der Sklavenwirtschaft und der Plantagenwirtschaft wurden im Dunkeln gelassen oder ausgeblendet. Energetisch betrachtet bedeutet die Nutzung billiger oder kostenfreier Arbeitskraft (in den USA und in den Kolonien Europas) die zusätzliche Nutzung dieser menschlichen Energiereserven für die sich industrialisierenden Staaten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Entdeckung des Kohlenstoffdioxids erfolgte im 17. Jahrhundert, und Eunice Forte hat 1850 den Anstieg der Temperatur durch CO2 erkannt. Den natürliche Treibhauseffekt hat dann John Tyndall 1862 wissenschaftlich beschrieben. Die Erwärmung der Erde durch Kohlenstoffdioxyd und seine Konzentration in der Erdatmosphäre hat Ende des 19. Jahrhunderts Svante Arrhenius erforscht. Dieser anthropogene Treibhauseffekt wurde zur damaligen Zeit eher als Grund zur Hoffnung gesehen. Man erwartete ein gleichmäßigeres Klima und höhere Ernteerträge insbesondere in kälteren Teilen der Erde. Erste Bedenken hinsichtlich des Treibhauseffekts und seiner künftigen Bedeutung wurden Mitte des 20. Jahrhunderts geäußert (1941 durch Hermann Flohn). Diese Erkenntnisse konnten den wirtschaftlichen Prozess nicht beeinflussen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Verteilung des Energie&shy;ver&shy;brauchs im Wirtschafts&shy;sys&shy;tem.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Abbildung 2 zeigt die Gesamtmenge der Energie im Jahr 2021 in Deutschland und den Weg, wie die Energie verwendet wird. Die Gesamtverluste ohne Verwendung betragen ein Drittel, sie sind ohne speziellen Nutzen und führen zur allgemeinen Erderwärmung. Aber auch die anderen zwei Drittel der Energie wandeln sich am Ende in Wärme. Ein Anteil der Energie wird in den Produkten (Stahl, Glas, Plastik etc.) gespeichert. Auf lange Sicht verfallen die Produkte und die in ihnen gespeicherte Energie wird als Abfallwärme frei. Die Energie bleibt erhalten und wandelt im Produktions-und Konsumoptionsprozess nur ihre Form. Im natürlichen Prozess wandelt sich die Energie von einer mehr organisierten brauchbaren Form (hohe Entropie) zu einer ungeordneten und weniger nutzbaren Form (niedrige Entropie) um.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Eine entscheidende Rolle bei der Erwärmung spielen die freiwerdenden CO2-Emissionen bei der Verbrennung der fossilen Energien Kohle, Öl und Gas. Die globale Erwärmung beträgt heute etwa 1,4 Prozent, aufgeteilt in einem Prozent im Ozean und 1,9 Prozent für das Land. Betrachtet man den Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 277 Parts per Million (ppm) im Jahr 1750 auf 419 ppm im Jahr 2023, bildet die durch Verbrennung von Kohle, Gas, Öl und Biomasse entstandene CO2-Menge die wirtschaftliche Entwicklung des Anthropozäns ab. Vergleicht man die Erderwärmung mit den Quellen des CO2 (88 Prozent Fossil, zwölf Prozent Biomasse) und Senken wie Land (31 Prozent), Ozeane (26 Prozent) und Atmosphäre (47 Prozent), kann man den Treibhauseffekt ermessen. Die Untersuchungen über die weiteren Auswirkungen beschreiben verschiedene Szenarien. Die schon erreichten Werte der Erwärmung lassen das Erreichen des Zwei-Grad-Ziels unwahrscheinlich wirken, wenn die Nettoemissionen erst 2050 angestrebt werden.</p>
<p><img decoding="async" width="692" height="364" class="aligncenter size-full wp-image-19474" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-2.png" alt="" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-2.png 692w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-2-600x316.png 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-2-450x237.png 450w" sizes="(max-width: 692px) 100vw, 692px" /></p>
<p class="v-absatz-ohne-western"><i>Abb. 2: Energieverluste in Deutschland im Jahr 2021.</i></p>
<p class="v-zwischenüberschrift-2-western">Auswirkungen der unbegrenzten Nutzung der fossilen Energieressourcen</p>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die wirtschaftliche Entwicklung (gemessen am BIP), der Energieverbrauch und die CO2-Emissionen verlaufen parallel. Auf die ökonomisch entwickelten Staaten entfallen 60 Prozent, auf die sich entwickelnden Staaten 40 Prozent des BIP. Die regionalen Unterschiede sind deutlich: An der Spitze der Regionen liegen Asien (mit 35 Billionen US-Dollar), gefolgt von Nordamerika (27 Billionen US-Dollar), Europa (21 Billionen US-Dollar), Lateinamerika (5,8 Billionen US-Dollar) und Afrika (2,8 Billionen US-Dollar). Verteilt auf die Länder ergibt sich der jeweilige Anteil: USA: 25,5 Prozent; China: 18,4 Prozent; Japan: 4,2 Prozent; Deutschland: 4,1 Prozent.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wie aus Abbildung 3 ersichtlich wird, steigen die CO2-Emissionen deutlich in Asien, geringfügig in Afrika und Südamerika. Entscheidend dafür ist die Entwicklung in China, verursacht durch starke Verbrennung von Kohle. Die Ursachen der CO2-Erzeugung durch fossile Brennstoffe zeigt Abbildung 4.</p>
<p><img decoding="async" width="900" height="473" class="aligncenter size-full wp-image-19475" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-3-e1724236292487.png" alt="" /></p>
<p class="v-absatz-ohne-western"><i>Abb. 3: CO2-Ausstoß weltweit.</i></p>
<p><img decoding="async" width="800" height="420" class="aligncenter size-full wp-image-19476" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2024/08/Bergmann-4-e1724236323173.png" alt="" /></p>
<p class="v-absatz-ohne-western"><i>Abb. 4: Energieverbrauch weltweit.</i></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Auswirkungen des ökonomischen Systems auf die Ökologie sind gewaltig. Im neoliberalen Kapitalismus sind die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen getrieben von den Interessen der Kapitalgeber*innen und der Finanzindustrie – verbunden mit dem Ziel, kurz- und mittelfristig Profite zu erreichen. Dies wird begleitet von den nationalen Kapitalinteressen der starken Staaten. Ausgehend von der imperialistischen Entwicklung im 19. Jahrhundert beruht der Reichtum des globalen Nordens auf Ausbeutung von Boden, Naturschätzen und Menschen (jeweils insbesondere des globalen Südens).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die industrielle Revolution war im 19. Jahrhundert von zwei energetischen Erneuerungen indiziert: zum Ersten vom Ersatz des organischen Brennmaterials durch Kohle mit weit höherem Energiegehalt pro Volumen; zum Zweiten vom Übergang von heimischer Wolle auf Baumwolle. Mit der Erfindung der Dampfmaschine ergab sich zudem eine Revolution des Transportwesens; der Transport von Rohmaterial und Endprodukten erleichterte sich enorm. Begleitet von deutlichen technischen Verbesserungen im Energieeinsatz (wie dem Siemens-Martin-Prozess für die Stahlerzeugung) wurden die Effizienz und der Wirkungsgrad in der Produktion stark und beständig erhöht. Die Produktion von Wolle ist ein Prozess, der Land, Wiese und Tiere umfasst. Der Anbau von Baumwolle dagegen benötigt viel Land und viel mehr menschliche Arbeit. Die große Verfügbarkeit von Land und billigen Arbeitskräften wie Sklave*innen ermöglichten eine so menschenunwürdige wie kostengünstige Produktion von Baumwolle und das Erzielen hoher Gewinne. Zusammengenommen ermöglichten diese Faktoren eine langanhaltende Übermacht der europäischen Kolonialstaaten. Eine besondere Bedeutung hatte diese Entwicklung in Amerika. Die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Land ermöglichte die Ausweitung der Produktion – neben der Baumwolle – auf den Anbau von Tabak, Weizen und Mais. Auch die Erzeugung von Fleischprodukten konnte stark gesteigert werden. Dieser Export war zum Ende des Ersten Weltkrieges und danach ein wichtiger Teil des globalen Handels. Die Ausweitung der Produktion führte allerdings zu einer dramatischen Verschlechterung der Bodenqualität; der vernünftige Erhalt der Fruchtbarkeit durch Düngung war zu zeitaufwendig. Neues, noch fruchtbares Land war leichter, schneller und kostengünstiger einzusetzen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ein Prozess der wirtschaftlichen Beschleunigung ergab sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Verfügbarkeit von Erdöl und Erdgas. Bezogen auf Gewicht und Volumen hat Erdöl einen Vorteil durch höheren Energieinhalt verglichen mit Kohle. Dies ermöglichte die Entwicklung neuer Fahrzeuge für Mobilität, Transport und agrotechnische Bearbeitung. Die so verfügbare Antriebsenergie lässt sich in der gesamten Industrie nutzen. Erdgas gewinnt dagegen erhebliche Bedeutung in der Erzeugung von anorganischen Düngemitteln, insbesondere Ammoniak und synthetischen Pestiziden. Eine Erholung und Verbesserung des ausgelaugten Bodens wurde so ermöglicht. Zusätzliche Produkte wie Plastik und Polyethylene kamen auf den Markt. Die Verbreitung der elektrischen Energie durch Ausbau des Stromnetzes erlaubte die Distribution von Energie in der Fläche zu geringen Transportkosten. Neben der Industrie wurden auch die Privathaushalte durch neue Produkte – wie Kühlschränke und Staubsauger – erleichtert. Die industrielle Produktion konnte effizienter ausgebaut werden. Sie kann zeitunabhängig organisiert werden, der Prozess kann in Serien erfolgen, aber auch zeitüberlappend angeordnet werden. Es bleibt allerdings ein wichtiger Unterschied zwischen Industrie und agrotechnischer Wirtschaft. Letztere ist abhängig vom Wetterverlauf. Das Wirtschaftswachstum ist stetig, und damit steigt parallel der Energieverbrauch. In der modernen Landwirtschaft wird Material und Energie von außen zugeführt, eine Zirkularität kann nicht erreicht werden. Abfall und viele verseuchte Substanzen verbleiben im Boden und in der Umwelt. Das Muster, neues Land zu nutzen, kann nicht grenzenlos weiter erfolgen. Wo es erfolgt, kommt es zum Abholzen von großen Wäldern – wie in Amazonien.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Alle diese Entwicklungen führen zur ökologischen Katastrophe. Die Belastung ist am größten im globalen Süden. Auch die Gewinnung von Rohmaterial, chemischen Grundstoffen und sonstigen benötigten Seltenen Erden verwüstet die Landschaft. Entwicklungsländer mit fortgeschrittenem ökonomischem System müssen den selbsterhaltenden Anbau aufgeben und zu Monokulturen wechseln, um im Wettbewerb bestehen zu können. Dagegen wäre der selbsterhaltende Anbau unbedingt erforderlich, auch um die Lebensweise von betroffenen indigenen Völkern zu sichern. Dies würde auch das biosphärische Gleichgewicht fördern.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>iv</sup></a> Energetische Überlegungen könnten indizieren, auf welche Art und Weise der Wirkungsgrad für das sozioökonomische Gleichgewicht bestimmt werden kann. Alles Leben ist Gebrauch von Energie, es ist Energie- und Materialfluss. Die Maximierung der Produktion in der vorgegebenen Zeit berücksichtigt nicht die dafür erforderliche Energie. Würde man aber den Zeitbedarf nicht beachten, begrenzt und minimiert man automatisch den benötigten Energieinput; man arbeitet mit höherer Effizienz und besserem Wirkungsgrad.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die auf Wachstum konzentrierte neoliberale Wirtschaftspolitik ist getrieben durch Profiterwartungen und strebt die optimale Zeitnutzung an. Profiterwartungen werden an den Börsen täglich gemessen, Unternehmen müssen vierteljährlich Status und Ziele darstellen. Zeit ist knapp. Umweltkosten werden weitgehend ignoriert.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Welthandel und &ouml;kologische Auswir&shy;kungen</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Eine weitere Sicherung der dominierenden Industriestruktur ergibt sich aus den Regeln des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (General Agreement on Tariffs and Trade = GATT) der Welthandelsorganisation. Die GATT-Regeln basieren auf dem Freihandelsdogma und definieren (1) Antidiskriminierung, (2) Gegenseitigkeit und (3) das generelle Verbot von nicht-tarifbasieren Handelsbeschränkungen. Hier könnte an die von Friedrich List in <i>Das Nationale System der politischen Ökonomie </i>von 1841 formulierte Beschränkung des Handels durch Entwicklungszoll als Schutz für sich entwickelnde Länder als Ausnahme der liberalen Wirtschaftspolitik erinnert werden<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>v</sup></a>. Der gesteigerte Export in sich entwickelnde Länder führt für diese zu schlechteren Handelsbedingungen und geringeren Erlösen aus dem eigenen Export. Es fördert die Ausbeutung von Energiereserven für Rohstoffe und Nutzung des Bodens für Monokulturen. Die Abfälle und der Müll verbleiben vor Ort. Der Abfall in der Produktion in den Industriestaaten wird weitgehend ungeregelt in die Umwelt entsorgt oder zunehmend in die Entwicklungsländer verbracht. Diese Zirkulation ist nicht nachhaltig und trägt zur Erwärmung von Land und Wasser bei. Die Rückgewinnung der so gebundenen Energie mit niedriger Entropie ist limitiert. Sie ist abhängig von der Dichte und Qualität dieser Energieressourcen und von der Art und Menge der zusätzlichen erforderlichen Energie. Die Solarenergie – dafür reichlich verfügbar – hat allerdings eine zu geringe Energieintensität, um eine schnelle Wiedergewinnung zu erreichen. Dafür ist Raum und Zeit jenseits des Horizonts des menschlichen Lebens erforderlich. Abfall verbleibt in Land und Wasser. Betrachten wir die Erde – bezogen auf Land und Wasser – als geschlossenes System, spielen beide die entscheidende Rolle bei der Aufnahme des Abfalls. Steigende Produktion von anorganischen Waren, von haltbaren Materialien und großen Strukturen stehen dem biochemischen Prozess nicht zur Verfügung, der Grundlage des Wachsens und Werdens in der Natur ist. Wir können/müssen annehmen, dass die lebenden Organismen das Level von Entropieänderung zyklisch kontrollieren und balancieren.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Situation der deutschen Energie&shy;wende und &ouml;kologische Wirkung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Das wirtschaftspolitische Ziel ist weiterhin am Wachstum orientiert. In Szenarien wird mittelfristig ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet. Offen ist, ob es dabei eine weitere Reduzierung des Primärenergieverbrauchs geben wird.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der Verbrauch der Primärenergie ist ausgehend von 4085 TWh im Jahr 1990 auf 2997 TWh im Jahr 2023 gesunken. Der Anteil von erneuerbaren Energien betrugt 2023 588 TWh oder 20 Prozent, die fossilen Energien entsprechen damit 80 Prozent. Die Ziele der Bundesrepublik konzentrieren sich auf Reduzierung der CO2-Emissionen. Ausgehend vom Jahr 1990 ist eine Minderung von 70 Prozent auf einen Wert von 673 Millionen Tonnen für das Jahr 2023 erreicht worden. Das Ziel für 2030 beträgt 400 Millionen Tonnen CO2. Bis 2038 soll außerdem der Kohleausstieg erreicht werden. Ein wesentlicher Anteil der Reduzierung soll aus der Stromerzeugung kommen, die zur Zeit etwa 40 Prozent der Emissionen erzeugt. Gleichzeitig wird erwartet, dass die Stromerzeugung von 523 TWh auf 750 TWh bis 2030 erforderlich ansteigt<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>vi</sup></a>. Die erwartete Strukturänderung wird bestimmt durch die höhere Stromerzeugung für Wärme durch Wärmepumpen zum Heizen und in der Mobilität für elektrische Fahrzeuge (Burger 2024). Ökologisch bedeutsam sind die Auswirkungen durch den erhöhten Bedarf an Material für Solarenergieinstallationen, Windräder und die Produktion des elektrischen Equipments für Heizen und Mobilität im Energiesektor. Es entsteht ein hoher Bedarf an Rohstoffen für Batterien und Seltenen Erden für elektrische und elektronische Komponenten. Die benötigen Ressourcen sind zum allergrößten Teil nicht in Europa, sondern befinden sich im globalen Süden. Die Problematik der Ausbeutung dieser Reserven ist bekannt. Ist der sogenannte Green Deal geeignet, einen Weg aus diesem Dilemma aufzuzeigen? Oder wiederholt sich die imperiale Ausbeutung der Länder des globalen Südens durch die Ausbeutung ihrer Reserven nur? Die Beispiele der Gewinnung von Natrium, Lithium, Kupfer und Bauxit führen abermals zu hohen Umweltschäden für Boden, Luft, Wälder und Wasser. Mit Hilfe billiger Arbeitskräfte und der Verdrängung traditioneller Lebensweisen und indigener Völker werden diese Ressourcen „gewonnen“.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Kurzfris&shy;tige und langfris&shy;tige Erw&auml;rmung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Bei der Erderwärmung haben wir es mit einem kurzfristig zu erwartenden Anstieg durch die Nutzung fossiler Energien und die dadurch entstehende CO2-Emission zu tun. Zusätzlich lässt die langfristige Betrachtung (basierend auf dem Energieerhaltungssatz) eine zusätzliche Erwärmung erwarten, betrachtet man den Planeten als geschlossenes System. Nur Solarenergie, Windenergie und Bioenergie sind energetisch betrachtet wirklich klimaneutral<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote7sym" name="sdendnote7anc"><sup>vii</sup></a>. Der Nutzung dieser Ressourcen sind allerdings Beschränkungen gegeben. Die Intensität der Energie ist niedrig, und für die Gewinnung für die industrielle Nutzung werden große Materialstrukturen benötigt. Es ist nicht ersichtlich, wie der moderne Produktionsprozess ohne hohe Energieintensität ablaufen könnte. Neben den fossilen Brennstoffen werden zwei Ressourcen wirtschaftlich und politisch betrachtet: die Atomenergie und die Nutzung von Wasserstoff.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Kernkraftwerke sind vorhanden, tragen aber nur einen kleinen Teil zur weltweiten Primärenergieerzeugung bei. Es gibt Forderungen und Pläne zum weiteren Ausbau – europäisch und weltweit, selbst in Deutschland werden einzelne Stimmen Laut. Insgesamt scheinen die Hürden im Detail allerdings recht groß zu sein, um der Kernkraft Bedeutung zu verleihen. Die Nachteile und Probleme sind vielfältig und schwerwiegend. Der Bau von Kernkraftwerken ist mit hohen Kosten – oft nicht wirklich kontrollierbaren Kostensteigerungen – verbunden. Die Wirtschaftlichkeit ist fraglich, es bleibt eine Abhängigkeit bei der Beschaffung von Rohstoffen für die Brennelemente, die Kosten der langjährigen Behandlung des Atommülls sind völlig ungeklärt und werden zukünftigen Generationen überlassen. Es obliegt ausschließlich Expert*innen, die Behandlung und Steuerung zu beschließen und durchzuführen. Die Nutzung dieser „verriegelten Technologie“ monopolisiert das Angebot und führt zur Abhängigkeit ihrer Benutzer*innen. Eine demokratische Kontrolle erscheint schwierig<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote8sym" name="sdendnote8anc"><sup>viii</sup></a>.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Eine entscheidende Rolle in der deutschen Klimapolitik wird der Erzeugung und dem Einsatz von Wasserstoff zugemessen. Wasserstoff muss erzeugt werden. Quellen dafür sind die heute benutzten fossilen Brennstoffe, die mittels Dampfreformierung bei gleichzeitiger Erzeugung von CO2 eingesetzt werden. Zu 95 Prozent wird der Wasserstoff für die stoffliche Versorgung in den Chemieprozessen, in der Stahlproduktion und in der Zementherstellung genutzt (Goebel 2022). Die andere Methode der Erzeugung ist die Elektrolyse, heute mit fünf Prozent Anteil an der Wasserstoffproduktion beteiligt. Die Elektrolyse ist zentral für die zukünftige CO2-freie Gewinnung von Wasserstoff. Für die Elektrolyse wird elektrischer Strom benötigt, und die damit verbundene CO2-Erzeugung hängt vom Strommix ab. Er sollte klimaneutral sein. Der Wirkungsgrad bei der Erzeugung beträgt circa 70 Prozent. Neben der Nutzung als Brennstoff eignet sich Wasserstoff zur Speicherung von Energie. Die Transportbedingungen für Wasserstoff aber bringen einige Herausforderungen. Wasserstoff kann in Pipelines wie Erdgas von Erzeugenden zu Verbrauchenden oder in den Speicher gebracht werden. Wasserstoff kann auch verflüssigt werden, vergleichbar mit der Erzeugung von LNG, dabei ergeben sich etwa 30 Prozent Verluste. Der Transport von flüssigem Wasserstoff führt zu hohen Kosten. Im Vergleich zu Öl hat Wasserstoff nur etwa ein Zehntel an Energie pro Kilogramm. Damit ergeben sich nur wenige sinnvolle Anwendungen für flüssigen Wasserstoff. Weit entfernte Orte zur Erzeugung von Wasserstoff sind nur sinnvoll, wenn sie sich über Pipelines anbinden lassen. Der Transport von flüssigen H2 mit Schiffen wäre dreimal teurer als der Transport von LNG und damit ökonomisch illusorisch. Der Einsatz von klimaneutralem Wasserstoff sollte zuerst dem Ersatz der fossilen Brennstoffe in der stofflichen Anwendung dienen. Zusätzliche Mengen könnten sinnvoll zur Speicherung genutzt werden, um die Sicherheit der Stromversorgung zu gewährleisten. Das wäre eine sinnvolle Ergänzung zur fluktuierenden Erzeugung durch Wind und Sonne. Der Nutzungsgrad über Verdichtung zur Einspeicherung und dann Rückgewinnung zur elektrischen Nutzung mittels Brennstoffzellen kann mit 42 Prozent angenommen werden, mehr als die Hälfte wäre Verlust an die Umwelt (Goebel 2022). Wie aus dem Energieflusssystem ersichtlich wird, ist der Einsatz von H2 im Industriesektor am sinnvollsten, wobei die Wirtschaft sich auf wirklich notwendige Produktionen beziehen sollte. Der direkte Einsatz von elektrischer Energie ist beim Heizen mit der Wärmepumpe überlegen, und in der Mobilität ist das Elektrofahrzeug überlegen. Die aufgeführten Wirkungsgrade zeigen hohe Wärmeverluste in die Umwelt beim Einsatz von Wasserstoff.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wie weit der Ausbau der erneuerbaren Energien bei gleichzeitigem Ersatz der fossilen Energieträger und moderatem Wirtschaftswachstum gelingen kann, bleibt offen. Wichtig wäre es, die Energieintensität des BIP zu reduzieren. Wir haben als Einflussgrößen das Wirtschaftswachstum, die Strukturveränderung in der Industrie und damit Veränderung im spezifischen Energieverbrauch, den Ausbau der Erneuerbaren Energien sowie den Ersatz fossiler Brennstoffe. Welche Anforderungen kommen auf die Gesellschaft zu, und wie können wir gemeinschaftliche Lösungen erreichen? Ohne Verringerung der Nachfrage nach Gütern und Mobilität erscheinen die Ziele der deutschen Energiepolitik jedenfalls unerreichbar.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Der politische Rahmen und die gesell&shy;schaft&shy;liche Heraus&shy;for&shy;de&shy;rung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Der globale Norden ist für ein Drittel aller Kohlenstoffemissionen verantwortlich. Es ist das erklärte politische Ziel dieser Staaten, den erreichten Wohlstand zu sichern. Änderungen in der Struktur von Konsum, Mobilität und der Industrie negieren sie weitgehend. Der damit verbundene Energiebedarf wird einfach vorausgesetzt.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der Widerspruch zwischen der modernen westlichen Ökonomie und den Erfordernissen traditioneller Wirtschaftsweisen der sich entwickelnden Länder scheint sich nicht aufzulösen, sondern sogar zu verschärfen. Gleichzeitig ergibt sich in den westlichen Ländern eine gesellschaftliche Spaltung, unter anderem befördert durch ungleiche Vermögensverteilung. Das Bewusstsein für den unfairen eigenen Lebensstil nimmt zu, jedoch ohne dass sich dies breit gesellschaftlich durch veränderte Lebens-und Wirtschaftsweisen zeigen würde. Wie können wir mit diesen Asymmetrien umgehen? Verfügen wir über ein Konzept für Autonomie und Freiheit, die dem der Mechanismus von Konsum und Überfluss fremd wäre<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote9sym" name="sdendnote9anc"><sup>ix</sup></a>?</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Charbonnier (2022: 419ff.) schlägt eine Bewegung der Symmetrie vor, wo Moderne und Vormoderne, das Natürliche und das Gesellschaftliche mit einer neuen Reflexivität einer ökologischen Wissenspolitik betrachtet werden. Vielleicht erlauben uns die Erkenntnisse der Anthropologie einen Ausgleich von Menschen- und Naturgeschichte sowie der Moderne. Einen radikaleren Ansatz verfolgt Stengers in ihrer Schrift <i>In Catastrophic Times</i> von 2009. Die Klimakrise zwinge der modernen Wissenschaft den neuen Weg auf, als Sprecherin der Natur der Vormoderne zu agieren. Der Klimawandel sprengt alle Schichten der herrschenden Reflexivität. Eine Selbstkritik und Korrektur der politischen Kategorien wäre erforderlich. Eine Transformation der Mittel, mit der die Gesellschaft für sich selbst sorgt, ist für sie unausweichlich. (Stengers 2015) Einen etwas anderen Ansatz verfolgt Stengers jüngst mit<i> Making Sense in Common</i>, wo sie das Zusammendenken von dem, was wir wissen und was uns schockt, zu einem Gemeinsamen zusammenbinden will (Stengers 2023: 101ff.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Welche Bedeutung und Herausforderungen sich durch diese Umwälzungen aufdrängen, zeigt sich in einer starken Gegenbewegung wirtschaftlicher Eliten, die am Wachstumskurs festhalten wollen. Eine Korrumpierung des demokratischen Ideals ist die Folge, eine Verschärfung des politischen Konservatismus unter Nutzung der Erwartungen der Bevölkerung.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Erwartung, der Einsatz für Klimaschutz führe zu einer Überwindung des Kapitalismus, ist allzu optimistisch. Die an sozialistische Forderungen erinnernden Elemente, wie eine Befreiung mit Neubestimmung von Gebrauchswert, eine Verkürzung der Arbeitszeit, umformatierte Arbeitsteilung, Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Fokus auf systemrelevante Arbeiten zu erreichen, wirkt heute utopisch.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Gesellschaftliche Verwerfungen werden aber zunehmen; Wege zum Aufbau eines neuen Gemeinsinns müssen gefunden werden. In dem Tempo, wie der Energieverbrauch der Menschen zunimmt, nimmt auch die Destabilisierung des Weltklimas zu. Das Festhalten an der ausbeuterischen Lebensweise der reichen Länder muss aufgegeben werden. Begreifen wir die Entwicklung der Entropie als Beschreibung eines Abstiegs von höherer Ordnung zu einer zunehmenden Unordnung und zu Chaos, vielleicht zum „Hitzetod”, so sollte dem der Weg der <i>Syntropie</i> (als der Weg des Aufstiegs) entgegengesetzt werden. Lebewesen können den Aufstieg gestalten. Der Riss zwischen Menschen und nichtmenschlicher Natur kann durch Gestaltung einer Kreislaufwirtschaft überwunden werden, denn der Mensch ist Teil der Natur. Dafür wird die Gesellschaft Raum und Zeit, die sie eigentlich nicht mehr hat, benötigen. Die Beschreibung der Entropie könnte als Metapher für die Weltgesellschaft gelten, heute geprägt durch ihre zunehmende Unordnung und Unübersichtlichkeit. Ein wesentlicher Punkt wäre die Reduzierung der Arbeitszeit in den entwickelten Industrienationen, um eine neue Reflexion von Wünschen und Möglichkeiten zu erreichen und von der schier ungebremsten Güterproduktion Abschied zu nehmen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Werner Bergmann</strong> ist Diplom-Ingenieur und Ökonom. Zudem ist er seit Oktober 2023 Mitglied des Bundesvorstands der Humanistischen Union und der Redaktion der <b>vor</b>gänge. Neben seiner beruflichen Orientierung ist er vielfältig in lokale soziale Aktivitäten eingebunden. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Technologie-Entwicklung, Wirtschaftspolitik und Klimaschutz.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p align="justify"><em>Burger, Bruno</em> 2024: Energy-Charts – Der Weg durch den Daten-Dschungel Regenerativer Energien, Vortrag an der Hochschule Karlsruhe vom 10.04.2024, <a href="https://energy-charts.info/presentations/2024-04-10_Hochschule_Karlsruhe.pdf">https://energy-charts.info/presentations/2024-04-10_Hochschule_Karlsruhe.pdf</a>.</p>
<p align="justify"><em>Charbonnier, Pierre</em> 2022: Überfluss und Freiheit – Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen, Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Goebel, Olaf</em> 2022: Was bringt Wasserstoff fürs Klima? Vortrag an der LVHS Freckenhorst vom 28.01.2022, in: <em>Stadt.Klima.Wir!-Online</em> vom 31.01.2022, <a href="https://www.stadt-klima-wir.de/28-01-2022-was-bringt-wasserstoff-fuers-klima/">https://www.stadt-klima-wir.de/28-01-2022-was-bringt-wasserstoff-fuers-klima/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Horn, Eva/Burgthaler, Hannes</em> 2019: Anthropozän zur Einführung, Hamburg.</p>
<p align="justify"><em>Mayum, Kuzo</em> 2001: The Origins of Ecological Economics. The Bioeconomics of Georgescu-Roegen, London.</p>
<p align="justify"><em>Pistor, Katharina </em>2019: Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Prigogine, Ilya/Stengers, Isabelle</em> 1990: Dialog mit der Natur. Neue Wege des naturwissenschaftlichen Denkens, München.</p>
<p align="justify"><em>Rovelli, Carlo</em> 2018: Die Ordnung der Zeit, Reinbek.</p>
<p align="justify"><em>Saito, Kohe</em> 2023: Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus, München.</p>
<p align="justify"><em>Soentgen, Jens</em> 2024: Abschied vom Feuer. Der prometheische Pakt mit dem Feuer, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Stengers, Isabelle</em> 2015: In Catastrophic Times. Resisting the coming Barbarism. Lüneburg.</p>
<p align="justify"><em>Stengers, Isabelle</em> 2023: Making Sense in Common. A reading of Whitehead in Times of Collapse, Minneapolis.</p>
<h3 class="">Anmerkungen</h3>
<div id="sdendnote1">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">i </a>Das Prinzip der Energieerhaltung hatte auch in der Kultur Bedeutung, man sah friedvolle und kontrollierbare Aspekte der Natur dargestellt.</p>
</div>
<div id="sdendnote2">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">ii </a>Eine ausführliche Kritik der neoklassischen Ökonomie und des zugrundeliegenden Axioms und dessen Realität legt Mayum (2001: 7ff.) vor. Friedmans Argument, realistische Annahmen wären nicht bedeutend, solange man die Theorie benutzen kann für langfristige Aussagen, akzeptiert Mayum dabei nicht.</p>
</div>
<div id="sdendnote3">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">iii </a>Der Preis eines Produktes beinhaltet nur die Produktionskosten. Umweltschäden oder auch soziale Kosten werden nicht abgebildet. Vgl. hierzu auch den Beitrag von Andreas Sanders in diesem Heft.</p>
</div>
<div id="sdendnote4">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">iv </a>Zum Verhältnis von indigenen Völkern und Umweltschutz vgl. auch den Artikel von Yi Yi Prue in diesem Heft.</p>
</div>
<div id="sdendnote5">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">v </a>Friedrich List (1789-1846) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Wirtschaftshistoriker. Er hat einen Liberalismus mit nationaler Prägung befürwortet und gilt als Vorläufer der historischen Schule der Nationalökonomie. Wesentlich ist seine Orientierung an den Innovationsmöglichkeiten eines Staates, und er setzte sich für Schutzzölle zum Schutz und der Entwicklung der heimischen Wirtschaft ein. Das wird heute wieder für Entwicklungsländer diskutiert.</p>
</div>
<div id="sdendnote6">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">vi</a>Der aktuelle Status der Stromerzeugung mit besonderer Betrachtung der erneuerbaren Energien ist auf der Webseite zu den Energiecharts des Fraunhofer Instituts nachzulesen. Es gibt dort in den Präsentationen auch eine kritische Einschätzung der politischen Diskussion.</p>
</div>
<div id="sdendnote7">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote7anc" name="sdendnote7sym">vii </a>Vgl. zu den Begrenzungen den Beitrag von Niko Paech in diesem Heft.</p>
</div>
<div id="sdendnote8">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote8anc" name="sdendnote8sym">viii </a>Die Urananreicherungsanlage URENCIO ist ein leuchtendes Beispiel für die Unbedachtheit, wie mit Atommüll umgegangen wird. Im Natururan, gewonnen in Russland, wird dort durch Anreicherung die Konzentration erhöht, der verbleibende abgereicherte Natururan verbleibt als Müll in Gronau. Das Angereicherte Uran geht zum Konzern Framatome beziehungsweise deren Tochterfirma Advanced Nuclear Fuels (ANF) nach Lingen. Framatome hat eine Kooperation mit dem russischen Staatskonzern Rosatom mit dem Ziel, die Fertigung für Brennelemente für Reaktoren russischer Bauart dort aufzunehmen. Dies ist ein Beispiel für „verriegelte Technologie”, die der Demokratie entzogen wird.</p>
</div>
<div id="sdendnote9">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote9anc" name="sdendnote9sym">ix </a>Zum alternativen Freiheitsverständnis vgl. auch den Beitrag von Philip Dingeldey in diesem Heft.</p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-245/publikation/energiebedarf-aus-oekologischer-perspektive-wie-die-energie-das-leben-bestimmt/">Energiebedarf aus ökologischer Perspektive: Wie die Energie das Leben bestimmt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rezension: Gegen die Klimakrise mit Postkapitalismus?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-244/publikation/rezension-gegen-die-klimakrise-mit-postkapitalismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 May 2024 11:31:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Klima]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Keynesianismus]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Postkapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Toni Andreß hat berufliche Erfahrung im Bereich Marketing für Wirtschaftskonferenzen und als Berater im Bereich der Gebäude- und Energietechnik. Dieses Buch ist sein Resümee 20-jähriger Befassung mit wirtschaftspolitischen Fragen und Umweltproblemen. Dementsprechend sehen Leser*innen sich einem umfangreichen Buch mit 500 Seiten Text und circa 200 Seiten Anmerkungen und Quellenverzeichnissen gegenüber. Im Vorwort weist Andreß auf [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-244/publikation/rezension-gegen-die-klimakrise-mit-postkapitalismus/">Rezension: Gegen die Klimakrise mit Postkapitalismus?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western" align="justify">Toni Andreß hat berufliche Erfahrung im Bereich Marketing für Wirtschaftskonferenzen und als Berater im Bereich der Gebäude- und Energietechnik. Dieses Buch ist sein Resümee 20-jähriger Befassung mit wirtschaftspolitischen Fragen und Umweltproblemen. Dementsprechend sehen Leser*innen sich einem umfangreichen Buch mit 500 Seiten Text und circa 200 Seiten Anmerkungen und Quellenverzeichnissen gegenüber.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Im Vorwort weist Andreß auf die generelle Gesellschaftskritik am Kapitalismus hin. Es fehlt offensichtlich ein Gegenentwurf. Für eine solchen hält Andreß den Begriff <i>Postkapitalismus</i>, der eine Brücke zwischen Kapitalismus und Kommunismus ein solle (12). Seine Grundannahmen basieren jedoch auf den Ideen der Freiwirtschaftslehre und des Keynesianismus. Grundbetrachtungen beziehen sich auf Emissionshandel, bedingungsloses Grundeinkommen, Freihandel und Weltwährung. Analog zur Freihandelslehre und zum Postkeynesianismus fordert er eine Reform des Geldsystems und eine Versorgung der Realwirtschaft mit günstigen Krediten. Entsprechend der Bonität sollten nur Verwaltungskosten erhoben werden. Die Rückzahlung der Kredite sollte durch angemessene Tilgungsraten ohne Zinsen erfolgen. Die Umsetzung der Freiwirtschaftslehre sollte zeitgemäßer durch digitales Zentralbankgeld erfolgen, strittig bleibt dabei ob verzinst, zinslos oder sogar mit negativem Zins.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Andreß hat sich in seiner Analyse in einzelnen Kapiteln in Form von wirtschaftlichen Problemen sowie Umwelt und Klimafragen, Lösungsansätzen, Handlungsansätzen und sich den daraus ergebenen Auswirkungen befasst. Die konkreten Themen sind Kapital, Umwelt, Arbeit und Markt. In Anwendung der Freiwirtschaftslehre und des Neokeynesianismus untersucht Andreß systematisch den Status quo, Geschichte und Perspektiven oder Auswege hinsichtlich der Finanzkrisen, der Überschuldung und der Vermögensungleichheit.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Aus den Finanzkrisen, verstanden als Marktversagen, erfolgen erhebliche Kosten für die Gemeinschaft. Aus dieser desaströsen neoliberalen Politik und Wirtschaft ergeben sich Überschuldung, Reduzierung staatlicher Souveränität und ungleiche Vermögensverteilung (24). Entsprechend der Freiwirtschaftslehre und auch dem Keynesianismus sollte Geld zu geringen Kosten, im Grenzfall nur Verwaltungskosten, zur Verfügung gestellt werden. Niedrige Zinsen und geringe Inflation wären gut zu vereinbaren (43), sofern ein Gegenwert von Waren und Dienstleistungen vorhanden ist. Zinsen sieht Andreß als Ursache ungleicher Vermögensverteilung. „Gemäß der Freiwirtschaftslehre ist die Wirtschaft durch den Zins einem ständigen Wachstumszwang ausgesetzt” (48). Bei geringen Zinsen würde ein Wirtschaftswachstum begünstigt, das in Verbindung mit entsprechender Bepreisung des Umweltverbrauchs eine ökologische Wende ergäbe. Diese Erwartung widerspricht der herrschenden neoliberalen Ökonomie, in der der Zins eine immanent wichtige Lenkungsfunktion hat und derzufolge das Kapital so seine beste Verwendung findet. Ein Abschied vom Wachstum fordert Andreß aber nicht; es soll durch Begrenzung der Zinsen und Umweltabgaben neu orientiert werden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Einen Schwerpunkt des Buches nimmt die Auseinandersetzung mit der Umweltzerstörung ein. Dabei beschränkt Andreß sich nicht auf die CO2-Emissionen und die damit verbundene Erderwärmung. Die Umweltbelastung vieler Stoffe eingesetzt für Produktion und Konsum, wird detailliert beschrieben und belegt durch ausführliche Anmerkungen. Auch werden Erfahrungen mit den FCKW-Regeln untersucht. In den Handlungsempfehlungen plädiert der Autor für Emissionsrechte, begleitet von wirksamen Marktregulierungen. Die Entwicklung erneuerbarer alternativer Energien würde so beschleunigt. Die Analyse der Umweltproblematik ist der Kern des Buches und könnte mit einem Umfang von circa 200 Seiten auch eine eigenständige Monographie sein. Im Ergebnis sollen die Begrenzung und Bepreisung der Emissionen und des Einsatzes schädlicher Stoffe den Markt veranlassen, ökologisch wirksame Investitionen hervorzubringen. Zum Teil etwas unbefangen werden die möglichen technischen Optionen betrachtet, durchaus im Sinne einer unkritischen Technologie Offenheit.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In dem Kapitel zur Lohnarbeit wird für ein bedingungsloses Grundeinkommen argumentiert. Gleichzeitig werden die Alternativen zum Grundeinkommen, nämlich eine Erweiterung der bestehenden Sozialversicherungsbezüge sowie die liberalen und konservativen Positionen erwähnt. Andreß befürwortet ein Grundeinkommen in einer Höhe von 2000 Euro monatlich. Er erwartet positive Effekte für Erwerbstätigkeit, Lohnniveau, Arbeitszeit, Arbeitsproduktivität und Umgang mit der Etablierung künstlicher Intelligenz. Begleitet von einem höheren Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent für alle Güter, einer angemessenen Vermögenssteuer und der Einführung einer Finanztransaktionssteuer sei so eine Finanzierung möglich. Sinkende Arbeitszeiten würden durch höhere Produktivität ausgeglichen werden. Unbeachtet bleibt dabei der Verlust einer solidarischen Gesellschaft, der Mensch wird auf die Selbstverantwortung als Orientierung verwiesen. Die Bevölkerung wäre abhängig von der Finanzierung, und wäre die nicht erfolgreich, bliebe er ohne Schutz durch soziale Einrichtungen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Betrachtung zum Markt konzentriert sich auf den Welthandel und die damit verbundenen Konzepte der Subventionen, Einfuhrkontingente, Schutzzölle, Einwanderung und Schatten-Finanzplätze. Freihandel betrachtet Andreß historisch und als untrennbar mit dem Wirtschaftsliberalismus verbunden. Ergänzt durch soziale Marktwirtschaft wird deren gegenseitige Bedingung postuliert. Andreß zufolge sind Einfuhrkontingente, Schutzzölle und Regelung der Einwanderung abzulehnen. Lediglich die Einhaltung von Umweltstandards, die Teilnahme am Emissionshandel und globale Mindeststeuern auf Unternehmensgewinne, Kapitaleinkommen und Vermögen werden gefordert. Gänzlich unbeachtet bleibt dabei das Kapital, geprägt durch Privateigentumsrechte an Boden, Vermögen und Patenten, geschützt durch weltweit geltende Rechte, die Ursprung für die Renditen der Privateigentümer sind. Die damit verbundene kolonialistische Ausbeutung des globalen Südens wird nicht thematisiert.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Funktion von WTO und GATT im Zusammenhang mit dem Weltwährungssystem werden angesprochen und ihre Entwicklung aufgezeigt. Andreß fordert eine Ermächtigung der WTO sowie die Einführung einer internationalen Gerichtsbarkeit, um die Ansprüche aller zu gewährleisten. Hier wird auch wieder mit Bezug auf Keynes die Rolle des US-Dollars in Frage gestellt und die Einführung einer neuen internationaler Reservewährung gefordert (290).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ergibt die Gesamtbetrachtung ein kohärentes Bild? Aus Sicht des Rezensenten wird folgender Bogen gespannt: Über die Einführung von Krediten zu niedrigen Zinsen oder zinslos und der damit verbundenen Freiheit für Investitionen und dem Einsatz von Beschränkung der Umweltschäden durch strikte Regeln und Bepreisung wird ein Weg für den ökologischen Umbau der Wirtschaft aufgezeigt. Bei einer Neuorientierung der Arbeit durch Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und der damit verbundenen Produktivitätsentwicklung wird ökologisch sinnvolles Wachstum erwartet.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der Rezensent kann hier kein postkapitalistisches System erkennen. Der Begriff <i>Kapital</i> wird in seiner Substanz nicht erläutert und seine Bedeutung für das ökonomische System nicht hinterfragt. Wie wird Kapital erzeugt, und wie privilegiert er seinen Besitzer? Sein Charakter ist definiert durch <i>Beständigkeit</i>, welche die Ansprüche zeitlich ausdehnt, <i>Universalität</i>, die räumliche Ausdehnung beschreibend, und seine <i>Konvertierbarkeit</i>, die Vermögensinhaber ermöglicht, bei Bedarf Kapital in Staatsgeld umzuwandeln. Der Kapitalismus bliebe somit erhalten (vgl. Pistor 2020: 18).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Viele der aufgeführten Punkte ähneln den Diskussionen im Postkeynesianismus. Insbesondere die Geldversorgung, die Verteilung von Vermögen und Einkommen, niedrige Zinsen und niedrige Arbeitslosigkeit stehen auch hier im Zentrum (vgl. King 2022: 137).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Betrachtet man den aktuellen Diskurs über Wirtschaftspolitik, kann man nur feststellen, dass die neoliberalen Positionen immer noch hegemonial sind. Andreß versucht hier eine Fortschreibung unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte. Andreß’ Buch kann Leser*innen mit Gewinn eine Gesamtschau vermitteln, ohne sich in den Tiefen der klassischen Ökonomie zu verlieren. Das Buch beschreibt die unterschiedlichen Kritik-themen am bestehenden Wirtschaftssystem, und die Fortsetzung reflektiert vielleicht die Strategie des grünen Wirtschaftswachstums. Eine grundsätzliche Kritik an den Prinzipien von Kapital und Wettbewerb ist aber nicht gegeben. Bemerkenswert ist dafür die umfangreiche und sorgfältige Ausarbeitung der Themen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="v-absatz-ohne-western " align="justify">Zus&auml;tzlich verwendete Literatur:</h3>
<p align="justify"><em>King John E. </em>2022: Post-Keynesianismus, Wien.</p>
<p align="justify"><em>Pistor Katherina</em> 2020: Der Code des Kapitals, Berlin.</p>
<p align="right"><em>Werner Bergmann</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-244/publikation/rezension-gegen-die-klimakrise-mit-postkapitalismus/">Rezension: Gegen die Klimakrise mit Postkapitalismus?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Künstliche Intelligenz – ein Möbiusband?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorgaenge-nr-242-kuenstliche-intelligenz-und-menschenrechte/publikation/kuenstliche-intelligenz-ein-moebiusband/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jan 2024 13:38:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Künstliche Intelligenz]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/?post_type=publikation&#038;p=19112</guid>

					<description><![CDATA[<p>Systeme Künstlicher Intelligenz erscheinen heute allgegenwärtig, beherrschen die Nachrichten, politische Debatten und Entscheidungen sowie wissenschaftliche Diskussionen. Die großen Internetkonzerne überhäufen uns mit großen Werbeanzeigen, unglaublichen Versprechungen, mit der Aussicht einer schöneren, leichteren, ja, besseren Welt durch Einsatz von KI-Technologien. Auf Seiten kritischer Betrachtungen der KI hat der Roman Dave von Raphaela Edelbauer ein vielfältiges Echo [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorgaenge-nr-242-kuenstliche-intelligenz-und-menschenrechte/publikation/kuenstliche-intelligenz-ein-moebiusband/">Künstliche Intelligenz – ein Möbiusband?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Systeme Künstlicher Intelligenz erscheinen heute allgegenwärtig, beherrschen die Nachrichten, politische Debatten und Entscheidungen sowie wissenschaftliche Diskussionen. Die großen Internetkonzerne überhäufen uns mit großen Werbeanzeigen, unglaublichen Versprechungen, mit der Aussicht einer schöneren, leichteren, ja, besseren Welt durch Einsatz von KI-Technologien. Auf Seiten kritischer Betrachtungen der KI hat der Roman Dave von Raphaela Edelbauer ein vielfältiges Echo in Fernsehen und Feuilleton gefunden. Er zeigt vielleicht eine Dystopie auf, viele Elemente ließen sich auf unsere digitalisierte, vernetzte Wirklichkeit beziehen.</p>
<p>Ist es möglich, eine KI zu kreieren, die ein eigenes Bewusstsein besitzt und so dem Menschen gleich ist? Dies soll Dave, dem Supercomputer, gelingen. Mit dem Protagonisten Syz befinden wir uns in einem riesigen Labor, eigentlich einer kleinen Stadt, bevölkert von 2000 Programmierer*innen und 20 000 Helfer*innen für Service, Infrastruktur und Technik. Die Außenwelt ist nicht vorhanden, alles spielt sich in den aufsteigenden Stockwerken ab, die gleichzeitig die Hierarchie der Organisation abbilden: unten die Maschinen zur Energieversorgung, das Servicepersonal und Handwerker*innen, in der Mitte die Programmierer*innen und oben die Führung, aber auch der Kern von Dave, dem Kern des Rechenzentrums. Syz ist Programmierer, der ebenso wie seine Kolleg*innen unter extremer Anspannung Programme, genannt Skripts, schreibt, mit dem Ziel, Dave menschliches Verhalten zu ermöglichen.</p>
<p>Syz trifft eine Frau, angeblich eine Ärztin. Er wundert sich und fragt: „Arbeitest du wirklich mit Menschen?“ (S. 13) Das Labor erscheint als kleine Stadt mit allen Annehmlichkeiten für Erholung und Komfort ausgestattet. Er ist auf erneuter Suche nach der Ärztin, irrt durch die Ebenen des Labors und wird dabei von einem plötzlichen Ereignis mitgerissen. Ein Algorithmus-Fehler erzeugt einen nicht zu bremsenden Energiebedarf, die Leitungen können den Strom nicht bewältigen und schmelzen, eine Begrenzung ist nicht gegeben. Der Kampf gegen die Auswirkungen des Schadens erzeugt eine Hölle für alle Beteiligten.</p>
<p>Alle Programmierer*innen können durch Leistung in höhere Positionen aufsteigen, in Wettbewerben kämpfen sie stundenlang ununterbrochen, nehmen Drogen bis zur totalen Erschöpfung. Syz, obwohl ein exzellenter Programmierer, wird nicht für einen Aufstieg berücksichtig, er beteiligt sich nicht an Wettbewerben. Vielleicht ist dies geplant. Ein Algorithmus hat ihn ausgewählt, sein Bewusstsein soll mit einer speziellen Operation in Dave hochgeladen werden. Die Operation findet im obersten Teil des Labors statt, dort lernt er die Führungsgruppe kennen inklusive des absoluten Führers. Eine Historikerin beschreibt Syz die Außenwelt des Labors: Eine Katastrophe ungebremsten Bevölkerungswachstums, verbunden mit Knappheit an Lebensmitteln und Wasser, führe zu einem elenden Leben dort. Edelbauer beschreibt dies mit grotesken Beispielen und Bildern.</p>
<p>Der Kern der Operation, Dave Bewusstsein einzuimpfen, besteht darin, Syz seine ganze Geschichte erzählen zu lassen, sein komplettes Gedächtnis hochzuladen, vielleicht aber auch das Gedächtnis der Menschheit. Hier wird Syz auch das Buch The Art of Memory von Francis Yates zum Lesen gegeben. Yates war Mitarbeiterin des Warburg Instituts London, welches dem kulturellen Gedächtnis gewidmet ist (vgl. Assmann 2018). Der Weg der Erinnerungen von Syz führt zu mysteriösen Begegnungen und Erscheinungen, Personen tauchen auf und wundersame Orte werden erlebt. Die Autorin gibt Hinweise auf apokalyptische Filme wie Her, Solaris etc. Und am Ende erwartet uns noch eine überraschende Wende und Auflösung dieser surrealen Erlebnisse.</p>
<p>Was wäre, könnte der Algorithmus eigene Erkenntnisse gewinnen? Nach Penrose können Computer keine eigenen Erkenntnisse erzeugen. Interessanterweise führt die Autorin hier kurz die heilige Sophia ein, Göttin der der Gnostiker für Weisheit und auch Schöpferin des Demiurgs. „Alles, was in ihrem irdischen Domizil um Sophia herum geschieht, ist in Wahrheit sie selbst, Aspekte ihrer eigenen Natur, ihres Charakters, denn sie kam ja aus der All-Einheit“ (S. 425). Wäre die Weisheit von Dave, dem Computer, dann am Ende der Göttin der Weisheit nicht gleich? Vielleicht zufällig ist der Supercomputer der EU Mare Nostrum in Barcelona in einer alten Kirche aufgestellt.</p>
<p>Die Autorin hat wohl in langjähriger Arbeit viele Elemente der gegebenen Computer-, KI- und Internet-Welt in absurder Weise adressiert. Oligopolistische Konzerne wie Alphabet, Microsoft oder Amazon entwickeln unaufhaltsam das Internet fort, verbunden mit Verheißungen einer besseren Welt. Das Gesellschaftssystem hat keine Instrumente, um Technologie und Technik- Entwicklungen zu kontrollieren, insbesondere, wenn Vermögensmehrung und Machtkonzentration damit einhergehen (Jünger 1949). Der nicht zu beschränkende Energieverbrauch der Server-Farmen wird gezeigt, wie heute aus Daten des Stromverbrauchs hervorgeht (Hostaker 2022: 128). Marc Zuckerberg und Elon Musk demonstrieren die immer vorhandene Pyramide der Autorität in dieser Welt.</p>
<p>Der Roman wird mit einem Zitat von T. S. Elliott (S. 430) beendet: Wir sollten nicht aufhören nach Erkenntnissen zu streben, am Ende kommen wir doch dort an, wo wir schon vorher waren!</p>
<p>Dem Rezensenten sind beim Lesen des Buches vielfältige Referenzen zu Lektüren und Betrachtungen der Lebenswelt, der Technik und Wissenschaft und auch der heutigen Zeit eingefallen. Der Roman erfindet eine Innenwelt der KI, abgetrennt von der Außenwelt, hinterfragt die Erkenntnisfähigkeit dieser und weist auf zu hinterfragende Entwicklungen hin. Insbesondere die Beschreibung der Programmierung lässt Vergleiche mit der existierenden Computer- und Internetwelt zu. Edelbauer gelingt es, den Leser tief in die Gefühlswelt des besessenen Programmierens und die Paranoia des allgegenwärtigen Überwachungssystem mitzunehmen. Bemerkenswert ist die intensive Einarbeitung der Autorin in die breite Diskussion der KI inklusive Transhumanismus. Auch wenn der Text nicht immer leicht ist, so ist er doch spannend und lädt zum Nachdenken ein.</p>
<h3 class="">Zus&auml;tzlich verwendete Literatur</h3>
<p align="justify">Assman, Jan 2018: Religion und Kulturelles Gedächtnis, München.</p>
<p align="justify">Hostaker, Roar 2022: Zur Ökologie des Computers, in: <em>Lettre</em>, Nr. 138. S.128.</p>
<p align="justify">Jünger, F. G. 1949: Die Perfektion der Technik, Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify">Penrose, Roger 1994: Shadows of the Mind, Oxford.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorgaenge-nr-242-kuenstliche-intelligenz-und-menschenrechte/publikation/kuenstliche-intelligenz-ein-moebiusband/">Künstliche Intelligenz – ein Möbiusband?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Rezension: Dirk Moses: Nach dem Genozid. Grundlage für eine neue Erinnerungskultur</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/mitteilungen-250/publikation/rezension-dirk-moses-nach-dem-genozid-grundlage-fuer-eine-neue-erinnerungskultur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jan 2024 14:29:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Publikationen: HU-Mitteilungen]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Ereignisse und Folgen des Terroranschlags vom 7. Oktober2023 bestimmen die Politik, die Nachrichten, die Handlungen und Empfindungen vieler nachhaltig und eindrücklich. Durch das Erscheinen des Buches vor dem 7. Oktober erhält diese Auseinandersetzung mit den Begriffen Genozid, Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine von den aktuellen Ereignissen nicht belastete Aktualität. Nach dem [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ereignisse und Folgen des Terroranschlags vom 7. Oktober2023 bestimmen die Politik, die Nachrichten, die Handlungen und Empfindungen vieler nachhaltig und eindrücklich.</p>
<p>Durch das Erscheinen des Buches vor dem 7. Oktober erhält diese Auseinandersetzung mit den Begriffen <em>Genozid</em>, <em>Völkermord</em>, <em>Kriegsverbrechen</em> und <em>Verbrechen gegen die Menschlichkeit</em> eine von den aktuellen Ereignissen nicht belastete Aktualität. <em>Nach dem Genozid </em>basiert auf dem Buch <em>The Problem of Genocide</em> von Dirk Moses, erschienen 2021. Moses hat mit seinen Schriften Aufmerksamkeit erzeugt. Etwa hat sich eine Diskussion um sein Essay über Erinnerungskultur <em>Der Katechismus der Deutschen</em> (Moses 2021) und die Kritik daran von Meron Mendel in seinem Buch <em>Über Israel Reden</em> ergeben (Mendel 2023).</p>
<p>Moses betrachtet einen Genozid als Verbrechen aller Verbrechen und versucht, dessen Bedeutung für Völkermord sowie Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion zu definieren und nachzuvollziehen. Er stellt die Behauptung, massenhaftes Töten von Zivilistinnen und Zivilisten erscheint als akzeptabel, solange es durch hehre Zwecke motiviert ist, in Frage.</p>
<p>Folgen wir seinem Buch, so werden wir auf die UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes und die damit verbundene Beschreibung, „eine Handlung, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“ hingewiesen. Gilt der Genozid als Verbrechen aller Verbrechen als höchster normativer Maßstab? Demnach darf die betroffene Gruppe nicht der Feind im Krieg und oder in einer Rebellion sein. Ist sie es doch, so handelt es sich nicht um Völkermord. Wenn im Laufe eines Krieges Millionen von Menschen aus der Zivilbevölkerung umgebracht werden, kann dies demnach nicht als Völkermord benannt werden (S. 10).</p>
<p>In Referenz zum Haager Abkommen von 1907 wurden die Handlungen an den Armenierinnen und Armeniern zuerst auch nur als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Moses gibt eine tiefen Einblick in die Geschichte der Gewalt bis zurück in die Sklaverei, die Kolonialisierung und den Umgang mit indigenen Völkern. Die neue europäische Kontroverse im Bemühen darum, angemessen über koloniale Vergangenheit zu reden, könnte hierauf Bezug nehmen.</p>
<p>Mit Blick auf die Zeit nach 1948 zeigt Moses die verheerende Anzahl der zivilen Opfer in den kriegerischen Auseinandersetzungen auf. Aus der Definition des Völkermordes, des Genozids, werden die hohen Zahlen der getöteten Bevölkerung im Vietnamkrieg, im Krieg gegen Afghanistan, im Jemen, im Sudan, vielleicht insgesamt die Opfer der Vereinigten Staaten im globalen Kampf gegen den Terror davon ausgenommen. Ja, gerade als zynisch empfindet Moses die Hinnahme dieser Opfer als Kollateralschaden. Auch zivile Zerrüttung wäre nicht genozidal. Die gegebene Hierarchisierung führt zu einer ungleichen und nicht gerechtfertigten Bewertung der Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen.</p>
<p>Wohin führt diese Unterscheidung? Dirk Moses führt hierfür den Begriff der <em>dauerhaften Sicherung</em> ein (S. 65). Interessant differenziert er nach liberaler Sicherung und antiliberaler Sicherung. Liberale Sicherung bezieht sich auf das Territorium der Welt, im dem im Namen der Menschheit und Humanität höhere Ziele erstrebt werden. Ein erstes Beispiel wäre die Begründung, die imperiale Herrschaft Großbritanniens diente dem Ende des Sklavenhandelns. Generell lege hier ein Anspruch auf Sicherung universaler Werte vor, der vermeintliche Nutzen von Zivilisation, Christentum und Handel benötige und erlaube den Imperialismus. Die Folgen dieser Strategie für die vorhandene Bevölkerung werden ausführlich beschrieben. Die erforderliche dauerhafte Sicherung führe auch zu dem Begriff des <em>Rasenmähens</em>, wie die langfristige Zermürbungsstrategie von Israels Sicherheitsanalysten von Moses genannt wurde (S. 10).</p>
<p>Entgegen der liberalen Sicherung definiert Moses eine antiliberale Sicherung als Sicherung innerhalb des eigenen gegebenen oder antizipierten Territoriums gegen eine Bedrohung der eigenen Nationalität. Hier kommt die Praxis zum Tragen, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse fremde Gruppe als Feind zu sehen, als dauerhafte Bedrohung. Damit kann auf Grund der Staatsräson diese Gruppe insgesamt dauerhaft interniert, vertrieben oder ausgelöscht werden. Hier kann die Triebkraft exzessiver Gewalt gefunden werden.</p>
<p>Der nationalsozialistische „Erlösungsimperalismus“ wäre der Höhepunkt der antiliberalen Sicherung (S. 97). Eindrücklich werden die Einzigartigkeit und Besonderheit dessen analysiert und beschrieben. Die umfangreiche Darstellung mit Bezug auf historische Quellen erlaubt die Zugeschreibung der besonderen Singularität des Holocaust.</p>
<p>Lesenden bleibt es überlassen zu entscheiden, ob die Definition der dauerhaften Sicherheit und die Unterscheidung zwischen liberaler und antiliberaler Form hilfreich ist. Insbesondere die jeweils angesprochenen Territorien ergeben keine dauerhafte Differenzierung. Und ist die dauerhafte Sicherung nicht zu illusionär, um als Orientierung für politisches Handeln zu gelten (Siemens: 2021)?</p>
<p>Zum Abschluss wendet sich Moses der Erinnerungskultur zu. Er wirft die Frage auf, ob diese in Deutschland fremdbestimmt wäre. Führt die Betrachtung des Holocaust im Zusammenhang mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit älterer und jüngerer Vergangenheit zu einer Relativierung der Judenverfolgung? Hier setzt die deutliche Kritik von Mendel an. Dieser wehrt sich nicht gegen einen Vergleich sofern es die Betrachtung von Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschieden betrifft, sofern gemeinsame Kriterien angewendet werden können. Mendel (2023: 162) wehrt sich gegen die Einordnung, die Gründung des Staates Israel als koloniale Landnahme zu betrachten. Er sieht in dem Ansatz von Moses eine Intention, zum falschen Zeitpunkt eine Diskussion anzuregen, die die israelische Staatlichkeit in Frage stellt. Dies würde auch die Zustimmung aus dem rechtsextremen und nationalistischen Spektrum belegen. Der Begriff <em>dauerhafte Sicherheit</em> weist dagegen auf die Gefahren einer möglichen, sich daraus ergebenen Gewalteskalation hin. Nach Ansicht des Rezensenten kann nur eine glaubwürdige lebenswerte Perspektive für Palästina die Sicherheit Israels gewähren. Ob die Kritik Moses zwingend korrekt ist, muss die kritische Leserschaft entscheiden. Das Buch ermöglicht es, die Bedeutung des Holocaust im Verlauf der Geschichte zu verfolgen.</p>
<h3 class="">Zus&auml;tzliche verwendete Literatur</h3>
<p><em>Mendel, Meron</em> 2023: Über Israel Reden, Kiepenheuer &amp; Witsch, Köln, 4. Auflage.</p>
<p><em>Moses, Dirk</em> 2021: Der Katechismus der Deutschen in: <em>Geschichten der Gegenwart</em> vom 23.5.2021.</p>
<p><em>Siemens, Daniel</em> 2021: Illiberale Sicherheit, in: <em>Süddeutsche Zeitung</em> vom 30.4.2021.</p>
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		<title>Erklärung der HU zum Nahost-Konflikt</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/mitteilungen-250/publikation/erklaerung-der-hu-zum-nahost-konflikt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jan 2024 14:26:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Publikationen: HU-Mitteilungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wir verurteilen aufs schärfste den Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober und halten es für richtig, dass die Sicherheit des Staates Israel ein Teil der deutschen Staatsräson ist. Das durch die Hamas durchgeführte Pogrom und Massaker ist beispiellos, die von den Terroristen durchgeführten Tötungen und Entführungen sowie die offensive Verbreitung der Taten über [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/mitteilungen-250/publikation/erklaerung-der-hu-zum-nahost-konflikt/">Erklärung der HU zum Nahost-Konflikt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wir verurteilen aufs schärfste den Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober und halten es für richtig, dass die Sicherheit des Staates Israel ein Teil der deutschen Staatsräson ist. Das durch die Hamas durchgeführte Pogrom und Massaker ist beispiellos, die von den Terroristen durchgeführten Tötungen und Entführungen sowie die offensive Verbreitung der Taten über Medien erfüllen uns mit Entsetzen, es gibt keine Entschuldigung für das Unfassbare.</p>
<p>Die Art und Weise des Terrorangriffs sind in Form und Inhalt abschreckend und lassen uns tief in menschliche Abgründe blicken. Wenn jüdische Stimmen es als Wiederkehr des Holocaust empfinden, dann gilt dies zumindest für die Brutalität. Verstört muss man erfahren, dass sich trotzdem auf palästinensischer Seite eine Verstärkung und Anerkennung der Hamas ergibt. Auch die Kenntnisse über den Judenmord und Auschwitz hat die Unterstützung der Nazis durch die deutsche Bevölkerung nicht geschwächt. Die perfide Darstellung in den sozialen Medien setzt darauf.</p>
<p>Israel hat das uneingeschränkte Recht zur Selbstverteidigung, und die besondere Brutalität der Hamas erlauben keine Kontextualisierung der israelischen Geschichte in diesem Zusammenhang. Trotz aller Verletzungen bleibt aber Israel bei der Verteidigung des jüdischen Lebens an die Regeln des Völkerrechts gebunden, und die uneingeschränkte deutsche Solidarität beinhaltet auch das Hinwirken der Beachtung des Völkerrechts.</p>
<p>Die Relativierung der Taten der Hamas durch Hinweis auf die israelisch-palästinensische Vorgeschichte wurden diskutiert. Ein Bezug auf die bekannte Äußerung des UN-Generalsekretärs wurde vorgeschlagen, aber als nicht sinnvoll gesehen. Der viel benutzte Begriff der <em>Staatsräson</em> sollte vermieden werden, dessen Begrenzung durch das Rechtsstaatsprinzip wird oft nicht mitgesagt. Die von der HU in der Erklärung ausgedrückte Empathie ist ehrlich, sie gilt für die Opfer und Leiden der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten.</p>
<p>Eine besondere Verantwortung für Jüdinnen und Juden besteht in Deutschland unter Bewahrung des Rechtsstaats, jüdisches Leben bestmöglich zu schützten und uneingeschränkt zu sichern. Die Angriffe auf Synagogen in Deutschland mit Molotow-Cocktails wie auch die Beschmutzung der jüdischen Einrichtungen durch Hackenkreuze und Judensterne in faschistischer Tradition ist besonders widerlich und erfordert genaue Verfolgung und Aufklärung.</p>
<p>Gibt es besondere Maßnahmen, die Freiheit und jüdisches Leben in Deutschland zu fördern? Ist die Betonung polizeilichen Schutzes ausreichend, und wie können sich Bürgerinnen und Bürger positiv am jüdischen Leben beteiligen und damit Freiheit ermöglichen? Juden als Gruppe benötigen immer den Schutz durch das Recht. Die tiefliegenden Wurzeln des Antisemitismus in Deutschland und Europa trifft auf den Anti-Zionismus der arabischen Welt, genaue Differenzierungen sind erforderlich.</p>
<p>Die eingeleiteten Kriegshandlungen mit den intensiven Bombardierungen, die Unterbrechung der Versorgung von Gaza mit Wasser, Strom und Lebensmitteln führen zu vielen Opfern unter der palästinischen Bevölkerung und dieses Leid empört die palästinischen deutschen Mitmenschen in Deutschland. Diese Empörung darf und muss sich in Versammlungen der Betroffenen äußern dürfen. Versammlungsverbote müssen sich streng an das Rechtsstaats-Prinzip halten und dürfen nicht eingeschränkt werden. Auflagen ermöglichen es, offen demonstrierten Antisemitismus zu verhindern, manche propalästinische Aussagen sind zu ertragen, auch wenn es schwerfällt.</p>
<p>Der Begriff <em>Vertreibung</em> war insbesondere strittig. Er umfasst die Verweigerung von Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensraum. Ist es gerechtfertigt, zivile Opfer als unvermeidlich hinzunehmen, als Kollateralschäden des Krieges zu bezeichnen? Sind es nicht Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dürfen sie mit dem Hinweis auf die Einzigartigkeit des Holocaust relativiert werden?</p>
<p>Zügig muss es zu beiderseitigem Waffenstillstand kommen. Die Beruhigung der öffentlichen Diskussion, die Vermeidung einer zunehmenden Hass-Spirale und die Schaffung eines Raumes, in dem über Frieden gesprochen wird, gilt es zu erreichen.</p>
<p>Von Vielen wird Form und Inhalt der Nachrichten in den öffentlichen Medien als nicht ausgewogen wahrgenommen. Wortwahl und Fokussierung in den Diskussionen und Publikationen zu der Weiterentwicklung der Ereignisse befördern die Verschärfung der Auseinandersetzung der Gruppen. Sie erschweren den Weg des Ausgleichs.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/mitteilungen-250/publikation/erklaerung-der-hu-zum-nahost-konflikt/">Erklärung der HU zum Nahost-Konflikt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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