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	<title>Ilko-Sascha Kowalczuk Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Die Revolution von 1989.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2009 22:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Warum es vielen so schwer fällt, von ihr zu sprechen*, aus: vorgänge Nr. 185, Heft 1/2009, S. 4-13 In der DDR herrschte jahrelang gesellschaftlicher Stillstand und ab Herbst 1989 brachen sich die Ereignisse nur noch auf der Überholspur ihre Bahn &#8211; so haben es viele Menschen damals wahrgenommen. Dabei hatten sich seit Jahren die Probleme [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/185-vorgaenge/publikation/die-revolution-von-1989/">Die Revolution von 1989.</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Warum es vielen so schwer fällt, von ihr zu sprechen*,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 185, Heft 1/2009, S. 4-13</p>
<p>In der DDR herrschte jahrelang gesellschaftlicher Stillstand und ab Herbst 1989 brachen sich die Ereignisse nur noch auf der Überholspur ihre Bahn &#8211; so haben es viele Menschen damals wahrgenommen. Dabei hatten sich seit Jahren die Probleme angehäuft und fast jedem war klar, so kann es nicht weitergehen. Der Vereinigungsprozess türmte dann neue Probleme auf, die niemand vorhersah und vorhersehen konnte. Aber: Die oft als &#8222;Kosten der Einheit&#8220; apostrophierten Milliarden und sozialen Entwicklungen sind keine &#8222;Kosten der Einheit&#8220;, sondern Folge der kommunistischen Diktatur. Rückwärts gewandte Propheten gibt es viele, zuverlässige Zukunftsprognosen dagegen wenige. Deutschland, Europa und die Welt haben sich seither kräftig verändert, nicht zuletzt wegen der europäischen Revolution von 1989/90.[1] Diese Veränderungen führten dazu, dass die Ereignisse umstritten blieben. Seit 1989 wird mit &#8222;1989&#8220; Geschichtspolitik betrieben.[2] Das war unausweichlich. Aber das ist auch nicht neu. Ganz im Gegenteil, historische Selbstvergewisserung gehörte schon immer zur Politik dazu. Allein die kunstvolle Erfindung &#8222;objektiver&#8220; Geschichtserkenntnisse, &#8222;objektiver&#8220; Geschichtsdarstellungen erklärt die verbreitete Abneigung, hinzunehmen, dass historische Betrachtungen nicht nur gegenwarts- und standortgebunden, sondern auch gegenwarts- und zukunftsorientiert sind. Der Umgang mit &#8222;1989&#8220; ist dafür zwar nur ein Beispiel, aber ein besonders einprägsames. Stellten die Ereignisse wirklich eine Revolution dar? Und warum existiert ein so großer Widerwillen gegen diese Einschätzung in Deutschland?</p>
<p>Der ersten Frage kann man sich auf zwei Wegen nähern. Einerseits befragt man zeitgenössische Dokumente von 1989/90. Dann wird man feststellen, dass die Bezeichnung &#8222;Revolution&#8220; für die Vorgänge fast selbstverständlich war. Sie konkurrierte zwar stets mit &#8222;Umbruch&#8220;, &#8222;Wende&#8220;, &#8222;Zusammenbruch&#8220;, &#8222;Erosion&#8220;, &#8222;Scheitern&#8220;, &#8222;Implosion&#8220; oder &#8222;Untergang&#8220;, aber 1989/90 schlossen sich diese Begriffe noch nicht gegenseitig aus. Das erscheint logisch, weil Revolutionen die anderen Prozesse, die diese Begriffe umschreiben, mit einschließen. Von einer Revolution sprachen die Menschen aus unterschiedlichen Gründen und mit sehr unterschiedlichen Erwartungen, aber dass es sich um eine solche handelte, war 1989/90 weithin unumstritten. Selbst jene Kommunisten, die damals von &#8222;Konterrevolution&#8220; sprachen, bestätigten damit den Revolutionscharakter der Ereignisse. Die Selbsteinschätzung von Akteuren und Zeitzeugen ist bei einer Charakterisierung historischer Ereignisse allerdings nur von sehr untergeordneter Bedeutung.</p>
<p>Deshalb muss man andererseits versuchen, einen systematischen Weg einzuschlagen. Das Problematische des Revolutionsbegriffs beginnt bereits bei dem Umstand, dass er keine hinreichend akzeptierte Definition kennt. Ralf Dahrendorfs Feststellung von 1961, dass es &#8222;an einer historisch einigermaßen bewährten, soziologisch durchdachten Theorie&#8220;[3] von Revolutionen und an einem stichhaltigen Begriff ermangele, ist immer noch gültig. Unabhängig von diesem Umstand lassen sich Bedingungen und Erscheinungsformen feststellen, die eine Revolution charakterisieren. So bedeutet eine politische Revolution &#8222;eine grundlegende Umgestaltung der politischen Institutionen mit einem Austausch der Eliten (&#8230;) Die statt eines allmählichen Übergangs vergleichsweise abrupte Veränderung kann friedlich oder gewaltsam erfolgen. Zum Erfolg ist ab einem bestimmten Stadium eine breite Bevölkerungskoalition nötig.&#8220;[4] Zu den Voraussetzungen von Revolutionen zählen: &#8222;(1) soziale: relativ hohe soziale Dynamik bei gleichzeitiger sozialer Ungleichheit hinsichtlich der Chancen, aufgrund von Leistungen in die privilegierten Schichten aufsteigen zu können (&#8230;); (2) politische: Nichtvorhandensein ausreichender Möglichkeiten und Instrumentarien zur Steuerung der aufkommenden Krisenerscheinungen; (3) ökonomische: starre Monopolstellung einer dünnen Oberschicht hinsichtlich der Verfügungsmöglichkeit über Grundeigentum und Produktionsmittel; Ausschluss der produktiven Klassen vom gerechten Anteil am Sozialprodukt (&#8230;)&#8220;[5] Diese Voraussetzungen konstituieren eine revolutionäre Situation, die vom Legitimitätsverlust der Herrschenden ebenso gekennzeichnet ist wie vom Vorhandensein potentieller Trägerschichten, einem sich entwickelndem Unrechtsbewusstsein in der Gesellschaft von der Situation, einer drastischen Verschlechterung der allgemeinen Lage und einer sichtbaren Unsicherheit der Herrschenden.</p>
<p>Die konkreten Abläufe von Revolutionen unterscheiden sich erheblich voneinander.[6] Unruhen, Proteste, Demonstrationen und Streiks stoßen auf die Unfähigkeit der Herrschenden, der Krise zu begegnen. Diese weigern sich zudem, ihre Privilegien einzuschränken und die Partizipationsmöglichkeiten für die Gesellschaft zu erweitern, was zur Eroberung und Zerstörung von Regierungs- und Herrschaftsinstitutionen durch die Revolutionäre führt. Wenn man sich die historische Entwicklung 1989/90 vergegenwärtigt, dann ähneln deren Voraussetzungen, Bedingungen und Abläufe diesen allgemeinsten Aussagen über Revolutionen frappierend.</p>
<p>Kurt Lenk fasste Revolutionsziele auf der Grundlage der vielschichtigen Revolutionsforschungen in vier Punkten zusammen: &#8222;(1) Auflösung der Klassen und politischen Kräfte, die die Führung bisher innehatten sowie gründlicher Wechsel in der Zusammensetzung der herrschenden Schichten durch systematischen Abbau der Privilegien der alten Oberschichten; (2) Aufhebung der überkommenen Herrschafts- und Autoritätsverhältnisse zu Gunsten der Unterprivilegierten; (3) totaler Umbau der politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Struktur; (4) Herstellung einer neuen Verfassungsordnung und eines neuen Rechtssystems zur Stabilisierung der erreichten revolutionären Ziele.&#8220;[7]</p>
<p>Werden diese Revolutionsziele mit den Forderungen und Ergebnissen von 1989/90 verglichen, dann ergibt sich nicht nur eine deutliche Kongruenz, zugleich wird auch verständlich, warum &#8222;1989&#8220; in der DDR weder einer besonderen geistesgeschichtlichen Vorarbeit noch einer speziellen intellektuellen Führungsschicht bedurfte. Denn die &#8222;neuen Revolutionen&#8220;, wie sie 1989/90 im kommunistischen Machtbereich stattfanden, benötigten weder einen &#8222;universalistischen Fortschrittsanspruch&#8220; noch eine &#8222;philosophische Fundierung&#8220;.[8] Sie erstrebten nicht etwas prinzipiell Neues &#8211; wie etwa Revolutionen im 19. Jahrhundert -, sondern wollten Offene Gesellschaften, wie sie in westlichen Demokratien zu existieren schienen. Hannah Arendt beobachtete 1956, die ungarische (gescheiterte) Revolution sei weder vorbereitet worden noch wäre jemand auf sie vorbereitet gewesen. Entscheidend bei Revolutionen sei der Wille zur Freiheit.[9] Deshalb benötigte &#8222;1989&#8220; zwar Mobilisierungseliten in Form von Bürgerbewegungen, aber keine charismatischen Führungseliten. Einige Ziele der Revolution waren unumstritten, aber nicht die Wege und die staatliche Form. Denn selbst die Einheitsgegner bis in die SED/PDS hinein orientierten sich in ihrer Suche nach &#8222;dritten Wegen&#8220; an den verfassungsrechtlichen, juristischen, kulturellen und politischen Strukturen der Bundesrepublik. Die größten Differenzen gab es bei eigentumsrechtlichen Überlegungen, nicht bei der sozialen Marktwirtschaft.</p>
<p>1989/90 war in dieser Perspektive eine utopiefreie Revolution. Entscheidend war, dass trotz Seilschaften, MfS-Verstrickungen und vieler anderer Verwerfungen, die nach 1989 sichtbar wurden und den ostdeutschen Demokratisierungs- und gesamtdeutschen Einigungsprozess belasteten, das SED-System beseitigt wurde. Es brach nicht von allein zusammen. Dass es vieler Bedingungen für den Revolutionsausbruch bedurfte, ist in einer historischen Perspektive selbstverständlich. Und dass sich die Revolution in einem Entwicklungsprozess selbst aufbaute, ist es ebenso.[10]</p>
<p>Crane Brinton hat in seiner klassischen Studie über den Verlauf von vier großen Revolutionen eine Regelmäßigkeit als &#8222;kristallklar&#8220; herausgestellt: &#8222;Alle vier Revolutionen begannen bei Menschen, die gegen gewisse Steuern waren, sich zum Protest gegen diese organisierten und schließlich einen Punkt erreichten, wo sie für die Beseitigung der bestehenden Regierung agierten. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass die Steuergegner eine radikale Revolution wünschten oder voraussahen. Es bedeutet, dass der Übergang vom Reden über notwendige Veränderungen (&#8230;) zu konkreten Aktionen unter dem Anreiz unpopulärer Steuern erfolgte.&#8220;[11] &#8222;1989&#8220; als Massenbewegung begann genau nach diesem Schema. Die Revolution besaß ihre Ausgangspunkte in vielen solcher Ungerechtigkeiten. &#8222;Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.&#8220;[12] Der Griff nach der Notbremse glückte 1989/90. Dass dabei die Ereignisse typische Ungleichzeitigkeiten aufwiesen, steht als empirischer Befund einer Charakterisierung als Revolution nicht entgegen.</p>
<p>Wenn sich nun zusammenfassen lässt: die alte Ordnung war handlungsunfähig, delegitimiert und moralisch kompromittiert; die von ihr vertretenen Werte und Überzeugungen zerschlissen; Bürger- und Massenbewegungen stellten sich ihr entgegen und forderten neue politische, gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Strukturen; eine neue Ordnung wurde errichtet; innerhalb weniger Monate beseitigte die Bewegung alte Strukturen, Werte, Ideen, Kulturen und Herrschaftseliten, fast nichts war im öffentlichen Raum mehr wie zuvor, was spricht dann gegen die Bezeichnung als Revolution? Eigentlich nichts. Außer Otto Schilys Banane.</p>
<p>Am Wahlabend des 18. März 1990 drängelte sich auch Otto Schily, Gründungsmitglied der Grünen und gerade SPD-Mitglied geworden, vor die Kameras. In unnachahmlicher Pose kommentierte das politische Chamäleon den Ausgang der demokratischen Wahlen. Befragt, wie er die Volkskammerwahlen einschätze, zauberte er aus seinem &#8222;Zwirn&#8220;, für den ein DDR-Durchschnittsverdiener schätzungsweise ein Jahresgehalt hätte hinblättern müssen, eine Banane hervor und hielt sie grinsend vor die Kameras. Auf der DDR-Seite existierten ähnliche antidemokratische Verleumdungen des Wahlergebnisses. Stefan Heym war nur die Speerspitze all jener ostdeutschen Intellektuellen, die sich seit Jahr und Tag in den Läden des Westens bedienen konnten und nun all jene verunglimpften, die das auch endlich wollten.</p>
<p>Die Einwände und Vorbehalte gegen die Verwendung des Revolutionsbegriffs umfassen mehrere Ebenen, wobei gerade die Vielschichtigkeit zeigt, dass die Ablehnung des Begriffs weder auf eine bestimmte politische Haltung noch eine spezielle wissenschaftliche Methode, weder auf die regionale Herkunft noch ein spezifisches Sozialisationsmuster hindeutet, sondern sich durch die gesamte Gesellschaft hindurch zieht.</p>
<p>Schilys Banane symbolisiert, die Menschen hätten nichts weiter gewollt, als an den Segnungen der westlichen Konsumwelt teilhaben zu wollen. Das ist richtig, aber nur wenn man zugleich betont, was sie nicht mehr haben wollten, nämlich das politische, ökonomische und gesellschaftliche System, das ihnen die &#8222;Banane&#8220; nicht bieten konnte. Schilys &#8222;Banane&#8220; unterdrückt symbolisch, dass und wie die Menschen erzwangen, an &#8222;Bananen&#8220; ungehindert heranzukommen.</p>
<p>Oft wird eingewandt, die Revolution sei nicht zu Ende geführt worden. Das alte System zerschellte zwar, das leugnet kaum jemand, aber die Revolutionäre selbst wollten andere Ergebnisse als sie erreichten. Das ist ein sehr beliebtes Argument in Ost wie West. Dahinter steht eine Utopiesehnsucht, die allerdings verkennt, dass die absolute Mehrheit der Menschen nach der Überwindung des Systems, das von seinen Betreibern selbst als utopische Gesellschaft gepriesen wurde, keinen Sinn für neue Utopien hatte.[13] Das überließen sie nachwachsenden Generationen, sie sehnten sich nach einer historischen Erholungspause, um in ihrem Leben auch mal ohne Gesellschaftsexperimente mit grausamen Folgen entspannen zu können. Die Rede von der &#8222;abgebrochenen Revolution&#8220; beinhaltet im Kern die Bereitschaft für eine neue Diktatur und die Enttäuschung darüber, dass die eigenen Ideen nicht zur Mehrheitsidee gerieten. Zugleich steckt in dieser Enttäuschung eine unverhohlene Arroganz. Das eigene politische Handeln wird aus den historischen Kontexten gerissen. Manch mutiger Akteur der neuen Bewegung, manch einfallsreicher Redner auf einer Demonstration, manch beherzter Besetzer einer Machtzentrale glaubt heute nicht nur, Erbverwalter der Revolution zu sein, sondern auch, dass er die Bedingungen für sein persönliches Engagement allein geschaffen habe. Die SED-Führung war nicht am Ende, weil sich das oder jenes zutrug, weil dieses oder jenes gesagt wurde, die oder die Vereinigung gebildet wurde, sondern weil dies alles &#8211; wie im klassischen Revolutionsverlauf &#8211; zusammentraf mit einer breiten gesellschaftlichen Resonanz, einer großen gesellschaftlichen Handlungsbereitschaft &#8211; und sei es das Wagnis einer Flucht auf sich zu nehmen &#8211; und neuen Handlungsspielräumen, die sich für die SED im gleichen Maße verringerten. Mit anderen Worten, zur Revolution gehört meist auch dazu, dass sie die Männer und Frauen der ersten Handlungsphase wieder entlässt.</p>
<p>In Deutschland bestand eine besondere Situation, weil sich von Anfang an die Frage stellte, &#8222;Einheit durch Freiheit&#8220; oder &#8222;Freiheit durch Einheit&#8220;. Historisch scheint das erste geschehen zu sein, symbolisiert mit den ersten freien Wahlen vom 18. März 1990. Man könnte aber ebenso behaupten, der Mauerfall am 9. November 1989 habe die zweite Alternative zum historischen Fakt erhoben. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Der Mauerfall war keine eigenständige Entscheidung der SED-Führung, sondern eine gesellschaftlich erzwungene. Wer die lange Vorgeschichte des Mauerfalls ausblendet oder gering achtet, kommt schnell zu dem Schluss, &#8222;1989/90&#8220; sei das Ergebnis von Regierungshandeln in Ost wie West. Hinzu kommt ein Umstand, der grotesk ist: den Bürgerbewegungen wird oft angelastet, was ihnen in dieser Einseitigkeit gar nicht angelastet werden kann, dass sie nämlich gegen die deutsche Einheit gewesen seien. Es ging um das &#8222;wie&#8220;, nicht um das &#8222;ob&#8220;. Eines muss dabei betont werden: die größten Widerstände gegen die Einheit kamen vor dem 3. Oktober 1990 aus der Bundesrepublik, nicht aus der DDR! In dieser Phase war es ein historisches Glück, einen Mann wie Helmut Kohl zum Kanzler zu haben. Die Idee von der Einheit war in der alten bundesdeutschen Gesellschaft und bei vielen ihrer Meinungsführer vor 1989 mehrheitlich längst verabschiedet worden.</p>
<p>Auch &#8222;Revolutionsromantiker&#8220; stören sich oft an der Verwendung des Revolutionsbegriffes für &#8222;1989&#8220;. Revolutionen werden ganz oft Bedeutungen, Inhalte und Zuschreibungen zugeordnet, die viele für selbstverständlich halten, es historisch aber nicht sind. Die berühmteste lautet, ohne Blut, Rache und Opfer könne sich keine Revolution verwirklichen, weil dies bedeuten würde, dass die Machthaber zur Machtaufgabe bereit gewesen wären oder diese von sich aus abgegeben hätten. Das Argument übersieht jedoch die konkreten historischen Kontexte. Die Revolutionen gegen den Kommunismus sind dafür ein gutes Beispiel. Wegen des extremen Zentralismus und des Kadavergehorsams in den kommunistischen Herrschaftsapparaten sowie der Eingebundenheit der nationalen Systeme in das Moskauer Imperium konnten diese ohne eine neue oder klare Befehlslage nur so weitermachen wie gewohnt und nicht offensiv reagieren. In der DDR ahnte das 1989 kaum jemand, weshalb das Credo &#8222;Keine Gewalt&#8220; &#8211; das eine Reaktion auf staatliche Gewalt darstellte &#8211; vor allem dem Selbstschutz der Demonstranten galt. Zur &#8222;Revolutionsromantik&#8220; gehört auch der Glaube, die erste Phase der Revolution bestimme darüber, was aus ihr werden solle und wer künftig die Geschicke des Landes zu bestimmen habe. Dahinter verbergen sich die Abwesenheit von Rechtsprinzipien und die Sehnsucht nach Anarchie und basisdemokratischen Strukturmodellen. Solche Erscheinungen hat es ja 1990 konkret gegeben, auch noch nach den Wahlen, umso bitterer war die Enttäuschung bei &#8222;Revolutionsromantikern&#8220;, als später nach der Rechtmäßigkeit gefragt und auf dieser beharrt wurde. Zur &#8222;Revolutionsromantik&#8220; gehört ferner eine tiefe Skepsis gegenüber dem Staat, nicht allein gegenüber dem überwundenen, sondern gegenüber jeglichem Staat (sofern man diesen nicht selbst in der Hand hat). Auch demokratische Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse, die keinen basisdemokratischen Rätemodellen entsprechen, lehnen &#8222;Revolutionsromantiker&#8220; meistens ab. Schließlich gehört zur &#8222;Revolutionsromantik&#8220; der Glaube, eine Revolution löse alle Probleme und schaffe keine neuen. &#8222;Revolutionsromantiker&#8220; verwechseln meist soziale Gerechtigkeit mit sozialer Gleichheit. Sie können nicht akzeptieren, dass es soziale Gleichheit in einer Offenen Gesellschaft nicht geben kann. Völlig verständnislos stehen sie Theorien gegenüber, die soziale Ungleichheiten als gesellschaftliche Entwicklungsmotoren auffassen. Das hat zwar im Kern auch Marx so gesehen, nur leiten sie daraus mit ihm ab, das könnte in ihren Gesellschaftsmodellen aufgehoben werden und in soziale Gleichheit überführt werden. Wenn sich dagegen soziale Ungleichheiten durch einen Umbruch sogar verschärfen, so wie nach 1989, kann es sich in dieser Sicht nicht um eine Revolution gehandelt haben.</p>
<p>Die Sehnsucht nach Arkadien beinhaltet allerdings nicht nur die soziale Komponente. Denn dahinter stehen auch gegen die individuelle und gesellschaftliche Freiheit gerichtete Annahmen. Der Revolutionsbegriff stößt daher bei all jenen auf Vorbehalte oder Ablehnung, die den Willen zur Freiheit für eine Revolution nicht als konstitutiv anerkennen, die das SED-Regime nicht als ein extrem unfreiheitliches ansehen und die nicht akzeptieren können, dass der Freiheitswille 1989 der entscheidende Schlüssel für die Herausbildung der Bürgerbewegungen, für die Massenflucht und für die Massendemonstrationen war. Zugleich wird der Revolutionsbegriff von jenen entwertet oder abgelehnt, die behaupten, die SED habe einen Beitrag geleistet, der über reaktives Verhalten hinausging.</p>
<p>In der öffentlichen Wahrnehmung und Darstellung der Ereignisse werden diese ganzüberwiegend als staatliches Handeln, zumal der Bundesregierung, gezeichnet. Überlagert werden die Ereignisse zudem von der Wiedervereinigung, über deren Ausgestaltung, nicht jedoch über das Tempo, in der Tat in Bonn entschieden wurde. Aber nicht nur das: seit Anfang der neunziger Jahre dominieren in der Öffentlichkeit Betrachtungsmuster, die nach Gutsherrenmanier befinden, dass die Bürgerrechtler zwar wirklich mutig waren, zum politischen Handeln sich aber leider unfähig zeigten. In unzähligen Publikationen und öffentlichen Veranstaltungen werden die Männer und Frauen der Bürgerbewegung als &#8222;mutig&#8220;, &#8222;moralisch sauber&#8220;, &#8222;menschlich angenehm&#8220; geschildert und gezeichnet, zugleich aber schwingt dabei immer eine Abwertung mit. Das hängt damit zusammen, dass nach 1990 in die Ost-Bundesländer nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Strukturen und Rechtssysteme überführt wurden, was gewollt war, sondern auch kulturelle Praktiken, die einen Anpassungsdruck in Ostdeutschland erzeugten, der bald Widerwillen und Ablehnung produzierte. So hat die bundesdeutsche etablierte Historiographie bis zum heutigen Tag die erste erfolgreiche deutsche Revolution nicht als ihr Thema entdeckt.[14] Auch sie trug so dazu bei, dass über die DDR und die Revolution ein erschreckendes Unwissen grassiert. Denn wenn künftige Geschichtslehrer an den Universitäten kaum Möglichkeiten haben, sich mit der DDR-Geschichte auseinander zu setzen, so schlägt sich dies später auch in ihrem Beruf nieder.[15] Alle entsprechenden aktuellen Erhebungen liefern bestürzende Resultate davon, was Jugendliche in Ost wie West heute über die DDR und speziell über &#8222;1989&#8220; wissen, besser: nicht wissen.[16] Die DDR-Revolution als Teil der deutschen und europäischen Erinnerungskultur gibt es bislang nur in Sonntagsreden.</p>
<p>Es dominiert nämlich bei der Betrachtung von &#8222;1989&#8220; noch immer die Annahme, mit Gorbatschow habe alles begonnen und ihm sei alles zu verdanken. Tatsächlich war Gorbatschows Machtübernahme bereits das Ergebnis einer tiefen Krise einerseits und einer gesellschaftlichen Widerstandsbewegung andererseits, die ihren Beginn in Polen nahm. Die DDR kam erst spät dazu, weshalb das Entwicklungstempo ungleich höher ausfiel als in Polen oder Ungarn. Deshalb fand dort, wie Timothy Garton Ash formulierte, auch eher eine Revolution statt, also eine Mischung aus Reform und Revolution.[17] In der DDR und CSSR hingegen brachen Revolutionen gerade deswegen aus, weil die Machthabenden erst zu verhandeln begannen, als es für sie zu spät war. Die DDR Revolution ist ohne den internationalen Zusammenhang nicht zu erklären,[18] aber er schränkt auch wiederum, wie oft behauptet wird, die Möglichkeit, die Vorgänge als Revolution zu bezeichnen, nicht ein. Gorbatschow gehört zu diesen internationalen Zusammenhängen, auch die besondere Rolle Moskaus als Garantiemacht und Vormund für die DDR. Wer die 1848er Revolutionen, die russische Februarrevolution und den bolschewistischen Putsch 1917 oder die deutsche Novemberrevolution von 1918 ohne die offenkundigen internationalen Zusammenhänge erklären wollte, würde auch nicht weit kommen.</p>
<p>Nicht unausgesprochen darf bleiben, dass viele, die sich wortgewaltig und meinungsführerstark gegen die Verwendung des Revolutionsbegriffs aussprechen, von den historischen Vorgängen oft keine empirisch abgesicherten Kenntnisse haben. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass im Feld der Zeitgeschichte fast jeder zu wissen glaubt, was er (meist im Fernsehen) gesehen haben will. Das fängt schon bei der beliebten Behauptung an, die Charta 77 habe in der CSSR eine weitaus größere, gesellschaftlich sichtbarere Rolle gespielt als die Opposition in der DDR. Die Charta 77 hatte viele Prominente, das stimmt, aber ihre gesellschaftliche Wirkung war vor 1989 nicht größer oder kleiner als etwa die der IFM in der DDR. Die Einschätzung der Vorgänge in der DDR leidet zudem daran, dass sie für 1989/90 meist auf Ost-Berlin und Leipzig, auf das &#8222;Neue Forum&#8220; sowie wenige prominent gewordene Köpfe orientiert blieb. Zugleich wird zu wenig berücksichtigt, dass auch die oppositionellen Bewegungen politisch taktierten. Deutlich wird dies etwa am Umgang mit dem Sozialismusbegriff. Das aber lässt sich nicht aus Medienberichten oder veröffentlichten Erklärungen rekonstruieren. Deshalb fällt es auch so leicht, den Mauerfall am 9. November nicht als ein Ziel der Revolution anzusehen, sondern zu behaupten, die &#8222;eigentlichen Revolutionäre&#8220; wären zu Gunsten nationaler Zielstellungen verdrängt worden. Und deshalb ist es auch historisch nicht zutreffend, nur die Programme der bekannten Bürgerbewegungen zu den Revolutionszielen zu erklären. Das Verwirrende an dieser Revolution war &#8211; die Vorgänge in Plauen etwa stehen exemplarisch dafür -, dass Freiheits- und Einheitsforderungen von Anfang an artikuliert wurden und sich sehr schnell regionale Unterschiede zeigten. Das war damals weder den handelnden Akteuren bewusst, noch fand es in der Medienberichterstattung seinen Niederschlag. Und selbst die Massenforderung nach Reisefreiheit lässt sich interpretieren und fragen, ob es eine DDR mit offenen Grenzen hätte geben können und ob den Menschen das nicht klar war. Historiker sind nicht an die Selbstdeutungen handelnder Akteure und schon gar nicht an die Berichte beobachtender Journalisten gebunden. Hinzu kommt schließlich, dass über den Charakter der Ereignisse ja nicht die Haltung zur deutschen Frage entscheidet, sondern die Frage nach dem weiteren Umgang mit dem SED-System. Und hier waren sich Flüchtlinge, Demonstranten und Bürgerbewegungen einig.</p>
<p>Es gibt auch einen unausgesprochenen &#8222;Revolutionsneid&#8220;. Man muss schon fragen, wie diejenigen in der Bundesrepublik, die jahrelang von einer Revolution träumten, reagierten als plötzlich vor ihrer Haustür eine stattfand. Sie ignorier(t)en sie einfach oder verhöhn(t)en sie. Joseph Fischer drückte seine Gefühlslage einmal in einer Runde mit Mitgliedern des Bündnis 90 auf bezeichnende Weise aus. Er sagte sinngemäß, wenn &#8222;wir&#8220; das gemacht hätten, hätten &#8222;wir&#8220; es aber richtig gemacht. &#8222;Revolutionsneid&#8220; speist sich auch aus der Angst, die eigene politische Biographie im Westen, die geprägt gewesen sei von Mut, Widerstand und politischer Weitsicht, würde durch 1989/90 entwertet, weil Mut und Widerstand nun ganz andere Zuschreibungen erfuhren. Den Untergang der DDR als Revolution zu bezeichnen, müsste zudem das Eingeständnis enthalten, die kommunistischen Diktaturen schon längst nicht mehr als solche wahrgenommen zu haben. Denn nur wenn es sich um undemokratische, unfreie, diktatorische Staaten handelte, machte eine Revolution historischen Sinn. Deshalb ist es von der Ablehnung des Revolutionsbegriffs oft nur ein kurzer Schritt zur Verharmlosung des politischen Systems der DDR.</p>
<p>Die eingangs beschriebene Selbstverständlichkeit im Osten, die Ereignisse als Revolution zu bezeichnen, ging schließlich schnell und nachhaltig verloren. Vor allem politisch handelnde Akteure aus den Bürgerbewegungen beharren auf dem Begriff, was man freilich auch als Versuch ansehen könnte, die eigene Leistung zu würdigen und der Entwertung durch andere entgegenzutreten. Revolutionen genießen an sich in unserem Land einen guten Ruf, gerade weil es davon so wenige gab. Weil dies wiederum so ist, bezeichnen viele, die sich als Verlierer der Einheit ansehen, die Ereignisse nicht mehr so, weil sich ihre Hoffnungen und Wünsche, unabhängig davon, wie realistisch sie waren, nicht erfüllten. Nach einer &#8222;richtigen&#8220; Revolution hätte es ihnen anders ergehen müssen, meinen nicht wenige. Das trifft sich dann wiederum mit anderen Befindlichkeiten. Denn auch viele Intellektuelle und Meinungsführer der alten Bundesrepublik stehen Revolutionen nicht ablehnend gegenüber, ganz im Gegenteil. Sie könnten es sich nicht verzeihen, eine Revolution vor der eigenen Haustür verschlafen zu haben. Deshalb ignorieren sie diese einfach weiter.</p>
<p>Diese verschiedenen Vorbehalte gegen den Revolutionsbegriff greifen oft ineinander über, manche schließen sich auch gegenseitig aus, was keinen Widerspruch darstellt. Denn die Abwehrhaltung hat viele Ursachen und wurzelt nicht nur in einer gesellschaftlichen Gruppe. In den Geschichtsbüchern stehen Revolutionen als markante Fixpunkte historischer Entwicklungen, die zugleich einen langsamen Neuanfang markieren. In der Kultur- und Alltagsgeschichte spiegeln sich historische Zäsuren, wozu erfolgreiche Revolutionen gehören, dagegen meist erst mittel- oder langfristig. Das Leben der Menschen geht irgendwie weiter, persönlich bewahren sie mehr als sie aufgeben. Von Karl Marx stammt ein Bonmot, das im übertragenden Sinne dieses Problem auf den Punkt bringt. Am 24. Januar 1852 schrieb er an seinen Freund Friedrich Engels: &#8222;Die Hämorrhoiden haben mich diesmal mehr angegriffen als die französische Revolution.&#8220;[19]</p>
<p>Hoffentlich werden sich Forscher und Deuter nachfolgender Generationen wundern, wie schwer es sich die deutsche Gesellschaft und die Historiographie mit der Charakterisierung der Ereignisse 1989/90 als Revolution machte. Revolutionen haben ihren Sinn in der Negation <i>und </i>im Wiederbeginn <i>und </i>in der Suche nach Neuem. Erfolgreiche Revolutionen setzen definitiv ein Ende. Dies aber heißt auch, dass wir unsere schmale Gegenwart nur über unsere zu Geschichte gedeutete Vergangenheit begreifen können, ohne gleichzeitig Wissen über die Zukunft zu besitzen. Fest steht nur, dass die Geschichte immer weitergehen wird, so wie sie auch nie aufgehört hatte, weiterzugehen. Die vielen Endzeitstimmungen in der Geschichte erweisen sich in der Rückschau sogar als Motoren der Geschichtsentwicklung &#8211; ein Motor freilich, der den Betroffenen oft nicht nur nicht bewusst war, sondern der ihnen oftmals auch den Kopf abriss. Nicht nur unser Heute ist morgen vergangen. Auch unser Haus verändert sich stetig, nicht immer merken wir das. Deshalb hilft der Außenblick auf das Haus, um den Fortgang der Geschichte nachvollziehen zu können.</p>
<p><b>* </b>Der Text basiert auf: Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. München 2009, 602 S., insbes. dem Schlusskapitel.</p>
<p>[1] Zur Bedeutung dieser Chiffre &#8222;1989&#8220; siehe: Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak. München 2004; in Auseinandersetzung damit: Ilko-Sascha Kowalczuk: 1989 in Perspektive: Ralf Dahrendorfs Antiutopismus, in: Merkur 59(2005) 1, Nr. 669, S. 65-69.</p>
<p>[2] Ilko-Sascha Kowalczuk: Qualmende Vergangenheit. Zur Debatte um die SED-Diktatur, in: Vorgänge 45(2006) 4, Heft 176, S. 108-125.</p>
<p>[3] Ralf Dahrendorf: Über einige Probleme der soziologischen Theorie der Revolution, in: Urs Jaeggi, Sven Papcke (Hrsg.): Revolution und Theorie I. Materialien zum bürgerlichen Revolutionsverständnis. Frankfurt/M. 1974, S. 169.</p>
<p>[4] Ulrich Weiß: Revolutionen/Revolutionstheorien, in: Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze, Suzanne S. Schüttemeyer (Hrsg.): Lexikon der Politik. Band7: Politische Begriffe. München1998, S.563.</p>
<p>[5] Kurt Lenk: Revolution, in: Wolfgang W. Mickel (Hrsg.): Handlexikon zur Politikwissenschaft. Bonn 1986, S. 446.</p>
<p>[6] Charles Tilly: Die europäischen Revolutionen. München 1993.</p>
<p>[7] Lenk: Revolution, S. 447.</p>
<p>[8] Weiß: Revolutionen/Revolutionstheorien, S. 564.</p>
<p>[9] Hannah Arendt: Die Ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus. München 1958, S. 11-12; Dies.: Über die Revolution. München 1974, S. 184.</p>
<p>[10] Ausführlich dazu: Kowalczuk: Endspiel.</p>
<p>[11] Crane Brinton: Die Revolution und ihre Gesetze. Frankfurt/M. 1959, S. 118-119.</p>
<p>[12] Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, in: Ders.: Allegorien kultureller Erfahrung. Ausgewählte Schriften 1920 &#8211; 1940. Leipzig 1984, S. 168.</p>
<p>[13] Sehr lesenswert: Joachim Fest: Schweigende Wortführer. Überlegungen am Ende des Jahres 1989 (FAZ vom 30.12.1989), in: Ders.: Fremdheit und Nähe. Von der Gegenwart des Gewesenen. Stuttgart 1996, S. 211-219.</p>
<p>[14] Prononciert: Alexander Cammann: 1989 &#8211; die ignorierte Revolution, in: Ästhetik &#038; Kommunikation, 34(2003) 122/123, S. 123-129.</p>
<p>[15] In mehreren Erhebungen ist das immer wieder nachgewiesen worden. Als Beispiel siehe etwa: Jens Hüttmann, Ulrich Mählert, Peer Pasternack (Hrsg.): DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung. Berlin 2004.</p>
<p>[16] Auch dazu gibt es zahlreiche Erhebungen, siehe etwa: Ulrich Arnswald, Ulrich Bongertmann, Ulrich Mählert (Hrsg.): DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse-Schülerbefragung-Modellcurriculum. Berlin 2006; Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern ein Ost-West-Vergleich. Stamsried 2008.</p>
<p>[17] Timothy Garton Ash: Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas. 1980 1990. München, Wien 1990.</p>
<p>[18] Vgl. György Dalos: Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa. München 2009.</p>
<p>[19] Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Bd. 28, Berlin 1970, S. 12.</p>
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		<title>Qualmende Vergangenheit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/qualmende-vergangenheit/</link>
		
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		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 07:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Debatte um die SED-Diktatur, aus: vorg&#228;nge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 108-125 Die Auseinandersetzungen um die SED-Diktatur, ihre Geschichte und Folgen, schlagen immer wieder in fast regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden hohe Wellen in der &#214;ffentlichkeit. Dabei geht es zumeist weniger um historische Interpretationen. Vielmehr stehen politische Instrumentalisierungsversuche und K&#228;mpfe um Ressourcen im Mittelpunkt, so dass die [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Debatte um die SED-Diktatur,</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 108-125</p>
<p>Die Auseinandersetzungen um die SED-Diktatur, ihre Geschichte und Folgen, schlagen immer wieder in fast regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden hohe Wellen in der &Ouml;ffentlichkeit. Dabei geht es zumeist weniger um historische Interpretationen. Vielmehr stehen politische Instrumentalisierungsversuche und K&auml;mpfe um Ressourcen im Mittelpunkt, so dass die eigentlichen historischen Debatten Vehikel bei der Durchsetzung eigener Interessen bilden. Abseits der politisch und emotional aufgeladenen Diskussionen, wie sie immer wieder in der &Ouml;ffentlichkeit ausgetragen werden, hat sich l&auml;ngst eine breit ausgerichtete, methodisch und theoretisch pluralistische historische DDR- und Kommunismusforschung etabliert, die mit Problemen zu k&auml;mpfen hat, wie sie kaum einer Wissenschaftsdisziplin fremd sind. Und doch gibt es Spezifika, die die historische DDR-Forschung von anderen Teilgebieten der Zeitgeschichte unterscheiden. Die folgenden Ausf&uuml;hrungen versuchen, einigen dieser Besondertheiten nachzusp&uuml;ren und ihre Wurzeln frei zu legen. Die Grundthese des Essays lautet: Auch wenn die DDR- und Kommunismusgeschichte noch in besonderer Weise qualmt, es gibt viele Gr&uuml;nde, gelassen die &ouml;ffentlichen Debatten &uuml;ber die SED-Diktatur aufzunehmen. Einen &bdquo;richtigen Weg&ldquo; des Erinnerns und ein &bdquo;g&uuml;ltiges Geschichtsbild&ldquo; gibt es nicht.</p>
<h2 class="auto-created">Vergan&shy;gen&shy;heit als Geschichte</h2>
<p>Geschichte, und sei sie als noch so &bdquo;total&ldquo; apostrophiert, ist immer nur ein kleiner Vergangenheitsausschnitt. Das Vergangene bestimmt die Gegenwart, gerade weil diese, &bdquo;allenfalls die Breite eines Rasiermessers&ldquo; hat, &bdquo;dessen Klinge unaufh&ouml;rlich Teilst&uuml;cke der Zukunft abschneidet und der Vergangenheit zuweist.&ldquo; [1] Historische Debatten sind deshalb auch immer Auseinandersetzungen mit Gegenwartsbez&uuml;gen, nicht selten geht es allein um Gegenwart und Zukunft. Historische Re-Konstruktionen haben von ihrer Profession her zwar vor allem Historiker zum Hauptgegenstand ihrer Arbeit gemacht, aber tats&auml;chlich kommt von ihnen nur ein Teil, wahrscheinlich sogar nur ein sehr geringer, dessen, was Gesellschaften zur Selbstvergewisserung als Geschichte, als Geschichtsbilder annehmen, verteidigen, verwerfen und immer wieder aufs Neue diskutieren. Die Vergangenheit der Geschichte ist offen und ver&auml;nderbar, ihre Zukunft nicht minder. <br />Die Vehemenz, mit der zuweilen historische Debatten, Diskussionen um Vergangenheit und Geschichtsbilder, um historische Deutungen und gegenwartsbezogene Interpretationen, gef&uuml;hrt werden, diese Vehemenz und Leidenschaft l&auml;sst sich nur mit der Gegenwart von Vergangenheit als Geschichte erkl&auml;ren. Es geht um Fakten, Kontexte, Mythen, Verk&uuml;rzungen, Auslassungen und nat&uuml;rlich um Interpretationen. So wie niemand frei ist von Geschichte, so ist auch keine Geschichte &bdquo;wahr&ldquo; oder &bdquo;falsch&ldquo;. Offenkundige oder bewusste L&uuml;gen und Auslassungen beeintr&auml;chtigen die Glaubw&uuml;rdigkeit historischer Darstellungen. Aber die Abwesenheit eines Historischen W&auml;chterrates in Offenen Gesellschaften verhindert, anders als in geschlossenen Gesellschaften, eine allgemeing&uuml;ltige Qualifizierung des Wahrheitsgehaltes zu suchen. Individuell kann qualifiziert werden, was und wie auch immer, aber es bleibt eine subjektive Einsch&auml;tzung, die auch nicht dadurch objektiver wird, dass sie in bestimmten sozialen R&auml;umen oder von bestimmten sozialen Gruppen geteilt und zur Objektivit&auml;t (v)erkl&auml;rt wird. <br />Auseinandersetzungen in und um die Gegenwart sind so auch immer &bdquo;K&auml;mpfe um Geschichte&ldquo;. Deutschland hat in den Jahren seit 1989/90 mehrere solcher &bdquo;K&auml;mpfe&ldquo; erlebt. Drei Erinnerungsstr&auml;nge fielen angesichts ihrer medial aufgeladenen, gesellschaftlich breiten, politisch kontroversen und wissenschaftlich von Schuldenken charakterisierten Diskussionsformen besonders auf: Die Auseinandersetzungen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, mit den Verbrechen und Folgen, blieben der Fixpunkt der deutschen Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. Sie bilden den Referenzrahmen, der aber auch Ver&auml;nderungen unterworfen ist. Das Ende der Nachkriegsgeschichte 1989/90 und die deutsche Suche nach einem neuen Platz im europ&auml;ischen und globalen Konzert verlangt augenscheinlich nach einem historischen Selbstbewusstsein, das die Deutschen, wenn schon nicht die Verantwortung f&uuml;r die nationalsozialistischen Verbrechen und die Shoah geleugnet oder marginalisiert werden kann, so wenigstens zum Opfer ihrer selbst stilisiert. Ob nun &bdquo;Wehrmachts-&ldquo;, &bdquo;Bombenkriegs-&ldquo; oder &bdquo;Vertreibungs-opfer&ldquo; &ndash; mit diesen und anderen Debatten erhielten die Auseinandersetzungen um die nationalsozialistische Vergangenheit neue T&ouml;ne, die in dieser gesellschaftlichen Breite so vor 1989/90 in der Bundesrepublik kaum m&ouml;glich gewesen w&auml;ren. Auch wenn es zu keiner Relativierung der NS-Verbrechen kam, der kausale Zusammenhang zwischen diesen und den Folgen, wie sie sich etwa im Bombenkrieg oder in der gigantischen und m&ouml;rderischen Vertreibung auftaten, schien doch zuweilen verloren zu gehen. <br />Erreichten diese Debatten ganz Deutschland, so blieben zwei andere geographisch weitgehend separiert. &Uuml;ber die &bdquo;68er&ldquo; und die Folgen (Stichwort: Bundesau&szlig;enminister a.D. Joseph Fischer) wird &ouml;stlich von Werra und Elbe weitaus weniger gestritten, werden weitaus weniger Emotionen ausgel&ouml;st wie umgekehrt die historischen Debatten&nbsp;&uuml;ber die DDR- und Kommunismusgeschichte westlich von Werra und Elbe ebenso eher mit ethnologischem Interesse verfolgt und aufgenommen werden. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass ein staatlich geeintes Deutschland in einem sich einigendem Europa, zumal an der Nahtstelle zwischen dem politisch alten West- und dem politisch alten Osteuropa, gar nicht umhin kommen kann, neben der nationalsozialistischen Vergangenheit auch die beiden Geschichten in der Teilungszeit als etwas Gemeinsames anzunehmen und zu verarbeiten. Wie weit wir aber von dieser gemeinsamen, integrativen deutschen Geschichte noch voneinander entfernt sind, zeigte anschaulich die Debatte um das &bdquo;Schwarzbuch des Kommunismus&ldquo; Ende der neunziger Jahre. Im Gegensatz zu anderen L&auml;ndern ging es in Deutschland, das als einziges Land beide totalit&auml;ren Diktaturformen als Staatspolitik erlebt hatte, nicht um den Inhalt des &bdquo;Schwarzbuches&ldquo; und auch nicht um die SED-Diktatur. Im Zentrum der deutschen Debatte stand das Selbstverst&auml;ndnis der Bundesdeutschen vor und nach 1989. [2] <br />Vor allem &bdquo;68er&ldquo; arbeiteten sich in dieser Debatte ganz verschieden ab und suchten nach ihrem historischen und gegenw&auml;rtigen Platz. Als Joseph Fischer dann im Zentrum einer &bdquo;68er-Debatte&ldquo; stand, blieb sie im Osten merkw&uuml;rdig ungeh&ouml;rt. Und obwohl gerade diese beiden Auseinandersetzungen exemplarisch vorf&uuml;hrten, wie eng die ost- und die westdeutsche Geschichten verzahnt und verbunden sind und wie stark diese in die Gegenwart reichen, scheinen wir vom Projekt einer gemeinsamen deutschen und damit auch europ&auml;ischen Nachkriegsgeschichte fast so entfernt zu sein wie vor 15 Jahren. Bislang jedenfalls &uuml;berwiegt in den Debatten und den Darstellungen (ob nun in Form von B&uuml;chern, Filmen oder Ausstellungen) eher ein additives Nebeneinander als die synthetische Integration. [3] Nur mit Appellen werden wir diese Sackgasse nicht verlassen k&ouml;nnen. Es ist eben nicht nur methodisch ein schwieriges Unterfangen zu synthetisieren, ohne dabei gleich zu synchronisieren, [4] es stellt auch eine emotionale Herausforderung in der Zeitgeschichte, Geschichts- und Erinnerungspolitik dar, Trennendes und Verbindendes, Gegens&auml;tzliches und Gemeinsames zu analysieren und auch darzustellen.</p>
<h2 class="auto-created">Geschichte in der europ&auml;&shy;i&shy;schen Revolution 1989/91</h2>
<p>Der &bdquo;Wiederbeginn der Geschichte&ldquo; (Dahrendorf) 1989/90 hatte eine Ursache darin, dass die kommunistischen Gesellschaften sich den zwangsverordneten Geschichtskonstruktionen zu entledigen suchten und ihre Vergangenheit einer vielgliedrigen Selbstverwaltung anvertrauen wollten. Anfang der 1980er Jahre publizierten die beiden ungarischen Emigranten, Philosophen und Eheleute Agnes Heller und Ferenc Feh&eacute;r ein Buch &uuml;ber die Geschichte und Folgen der gescheiterten ungarischen Revolution von 1956. Sie scheuten sich nicht, eine politische Prognose abzugeben, eine Prognose, die anschaulich vermittelt, dass die Sehnsucht nach Hoheit &uuml;ber die Deutung der eigenen Vergangenheit in diktatorischen, geschlossenen Gesellschaften zumeist ein gesellschaftliches Grundbed&uuml;rfnis darstellt. Heller und Feh&eacute;r schrieben: &bdquo;Wer wollte mit Sicherheit voraussagen, dass es nicht doch einmal ein Staatsbegr&auml;bnis f&uuml;r Imre Nagy in Budapest geben wird? Und sollte die Stadt es erleben und ihr Ministerpr&auml;sident findet letztlich Ruhe an einem Ehrenplatz, dann k&ouml;nnen kaum mehr Zweifel bestehen, welche Parolen auf den Transparenten des Volkes stehen werden, das ihn begleitet.&ldquo; [5] Nur wenige Jahre sp&auml;ter, am 16. Juni 1989, erlebte Budapest das Bild, das von Heller und Feh&eacute;r prophezeit worden war. 31 Jahre nach der Hinrichtung von Imre Nagy und seinen Schicksalsgef&auml;hrten gedachten in Budapest Hunderttausende in einer nationalen Trauerfeier der Ermordeten von 1958 und dem Verm&auml;chtnis der blutig niedergeschlagenen ungarischen Revolution von 1956. &bdquo;Die wahre Bedeutung der Revolution von 1956 f&uuml;r die Geschichte Ungarns zeigte sich dadurch, dass die Rehabilitierung der Revolution die entscheidende politische Wende in der j&uuml;ngsten Geschichte des Landes markierte.&ldquo; [6] Der endg&uuml;ltige Zusammenbruch der &bdquo;fr&ouml;hlichsten Baracke im Kommunismus&ldquo;, wie Ungarn etwas ironisch, aber auch etwas neidisch im Ostblock genannt wurde, stand in einem engen Zusammenhang, wie in fast allen anderen kommunistischen Gesellschaften, mit der Wiederaneignung der eigenen Vergangenheit als Ausgangspunkt einer antiutopischen Revolution zum Zwecke der Wiederherstellung der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und einer selbstverwalteten Vergangenheit. [7]<br />In der CSSR stand die kurze Phase des Reformkommunismus Mitte der 1960er Jahre bereits im Zeichen einer nachholenden Entstalinisierung, und die Revolution 1989 ist ohne die konkrete historische (wenn auch zeitlich kurze) R&uuml;ckbesinnung der Gesellschaft auf die j&uuml;ngere Vergangenheit nicht hinreichend zu erkl&auml;ren. Mit Alexander Dubcek und V&aacute;clav Havel hatte sie zudem zwei F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten, die diese nunmehr freizulegende Vergangenheit symbolisch personifizierten. <br />Der Untergang des europ&auml;ischen Kommunismus begann Anfang der 1980er Jahre in Polen. Auch hier war der Protest gegen die politische und soziale Situation verbunden mit historischer Erinnerungsarbeit. Ein 1980 von Oppositionellen errichtetes Monument in Danzig erinnerte un&uuml;bersehbar an die get&ouml;teten Arbeiter der Streiks und Unruhen in verschiedenen polnischen St&auml;dten zehn Jahre zuvor. Im &bdquo;zweiten Umlauf&ldquo;, im polnischen Samisdat spielte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ohnehin eine gro&szlig;e Rolle. Wahrscheinlich war der Samisdat in Osteuropa das wichtigste Medium, in dem die Vergangenheit der eigenen Gesellschaft aus den F&auml;ngen der Ideologiew&auml;chter befreit wurde. [8] Nirgends spielte der Samisdat eine solche Rolle wie in Polen. Die Verbreitung, die Auflagenh&ouml;he, die Anzahl der B&uuml;cher, Brosch&uuml;ren und Periodika und die Etablierung einer geradezu illegalen Wirtschaftsstruktur waren in keinem Land so ausgepr&auml;gt wie in Polen. Hier existierten Zeitschriften im Samisdat, die Auflagen von &uuml;ber 5.000 St&uuml;ck erzielten und an deren Herstellung 100 Personen aktiv beteiligt waren. Einzelne B&uuml;cher erreichten Auflagen von &uuml;ber 10.000 Exemplaren.<br />Aber auch im Mutterland des Kommunismus, in der Sowjetunion, waren Samisdat-Produkte seit den sechziger Jahren weit und vielf&auml;ltig verbreitet. Den halbherzigen Reformprozess in der Gorbatschow-&Auml;ra begleiteten von Anfang an Geschichtsdebatten, die letztlich die Unausweichlichkeit des kommunistischen Untergangs historisch belegten. Parteichef Chruschtschow hatte auf dem XXII. Parteitag der KPdSU 1961 die Errichtung eines Memorials, eines Denkmals f&uuml;r einige kommunistische Opfer der Stalin-Herrschaft gefordert. Der Plan wurde nicht umgesetzt, ist aber 1987/88 in der Sowjetunion erneut aufgegriffen und auch von Gorbatschow unterst&uuml;tzt worden. [9] Nunmehr sollte aber an alle Opfer der kommunistischen Herrschaft erinnert werden. B&uuml;rgerrechtler, Schriftsteller und Historiker gr&uuml;ndeten die Vereinigung &bdquo;Memorial&ldquo;, die sich bald nicht mehr nur zum Ziel setzte, Denkm&auml;ler zu errichten, sondern auch Bibliotheken, Ausstellungen, Forschungs- und Informationszentren sowie eine Kartei aller Opfer betreuen wollte. Ihr Anliegen wurde damals von Zehntausenden unterst&uuml;tzt. Heute ist &bdquo;Memorial&ldquo; eine der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Institutionen in Russland, die neben wertvoller historischer Aufkl&auml;rungs- und Forschungsarbeit auch die Demokratisierung des autokratischen Russlands einfordert und deshalb staatlichen Repressionen ausgesetzt ist.<br />Auch in der DDR sind die sowjetischen Debatten aufmerksam und leidenschaftlich verfolgt worden. [10] Zu einer &auml;hnlichen Geschichtsdebatte aber kam es in der DDR nicht, weil die SED-F&uuml;hrung bis zum Herbst 1989 jede Revision ihrer dogmatischen Geschichtsbilder unterband, was sich am deutlichsten im Verbot sowjetischer Zeitschriften und Filme 1988/89 zeigte. Hinter den gut gesicherten Akademiet&uuml;ren soll es zwar zaghafte Versuche gegeben haben, die alten Geschichtsdogmen aufzuweichen, aber wirklich nachweisbar sind solche Bem&uuml;hungen kaum. Viele Menschen konnten zwar mit den kommunistischen Geschichtsbildern nicht viel anfangen, zumal meist eigene Erfahrungen und das Familienwissen die offizielle Geschichtspropaganda konterkarierten, aber &ouml;ffentliche Debatten dar&uuml;ber konnten nicht gef&uuml;hrt werden. Lediglich in oppositionellen Kreisen und in manchen Kirchengemeinden sind historische Gegenbilder entworfen worden. 1986 etwa unterschrieben ostdeutsche Oppositionelle einen Aufruf zum 30. Jahrestag der ungarischen Revolution, was heftige Gegenreaktion hervorrief, weil offiziell die ungarische Revolution in der DDR ebenso wie der &bdquo;17. Juni 1953&ldquo; als faschistischer bzw. konterrevolution&auml;rer Putschversuch galt. Im DDR-Samisdat erschien 1988 der Sammelband &bdquo;Spuren&ldquo;, in dem Protagonisten der Opposition erstmals die Entwicklung der unabh&auml;ngigen Friedensbewegung in der DDR darstellten. Schlie&szlig;lich haben Oppositionelle im September 1989 die Samisdat-Publikation &bdquo;Urkunde. 40 Jahre DDR&ldquo; [11] vorgelegt, die individuell erfahrene DDR-Geschichte spiegelte und so die offiziell propagierten Geschichtsbilder zur&uuml;ckwies. <br />Der enge Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Realit&auml;t, politischen Absichten der SED-F&uuml;hrung, historischen Debatten und individuellen Erfahrungen l&auml;sst sich an einem Beispiel verdeutlichen, das damals viele Menschen bewegte und heute weithin der Vergessenheit anheim gefallen ist. Am Dienstag, den 13. Oktober 1987, sendeten das sowjetische Staatsfernsehen und das ZDF erstmals ein gemeinsames, mehrst&uuml;ndiges Programm in einer Liveschaltung zwischen Leningrad und Mainz. Der H&ouml;hepunkt war erreicht, als zum Abschluss der gemeinsamen Sendung im ZDF ein bis 1986 in der Sowjetunion verbotener sowjetischer Film ausgestrahlt wurde, der zum gesamtdeutschen Ereignis geriet: In &bdquo;Die Reue&ldquo; rechnet der georgische Filmemacher Tengis Abuladse in einer &uuml;ber zweist&uuml;ndigen Tragikom&ouml;die kompromisslos mit dem Kommunismus und dem Totalitarismus jedweder Spielart ab. Der Film handelt vom verstorbenen Diktator Warlam, der von einer Frau ausgegraben wird, die seine Verbrechen offen legen will. Warlam sieht in der R&uuml;ckblende aus wie Stalins Staatssicherheitschef Berija, tr&auml;gt einen Hitlerbart und ein faschistisches Schwarzhemd. Um einen Eindruck zu vermitteln, wie dieser Film auf Ostdeutsche wirkte, zitiere ich aus dem Tagebuch eines 20j&auml;hrigen. Er schrieb am Morgen des 14. Oktober 1987: &bdquo;Ein bewegender Abend liegt hinter mir. Gestern Abend lief im ZDF der 1984 gedrehte sowjetische Film &sbquo;Die Reue&rsquo;. Vor Augen wurde ein St&uuml;ck realer Sozialismus gef&uuml;hrt. Der Teil des Sozialismus, den ich und Tausende andere bek&auml;mpfen, ausmerzen wollen. Meine Haltung wurde eher noch versch&auml;rft: Diese korrupten Verbrecher sind physisch zu vernichten, eine Psyche besitzen diese Schweine nicht. Ich bin ohne Worte.&ldquo;<br />Der Tagebuchschreiber war kein militanter Antikommunist, sondern eher ein junger Mann, der vom realen Kommunismus desillusioniert worden war und der dem Traum vom demokratischen Sozialismus anhing. Gerade deswegen, so scheint es, verteidigte er seine Utopien militant gegen jene, die vorgaben, diese Utopien verwirklicht zu haben. Seine irritierende Sprache ist offenbar Ausdruck seiner gef&uuml;hlten Ohnmacht.<br />Das Medienereignis geriet in der DDR zu einer der zahlreichen offiziellen Anti-Perestroika-Kampagnen, die ihrerseits g&auml;nzlich unbeabsichtigt die Gesellschaft aus ihrem Dornr&ouml;schenschlaf erweckten und die Geschichte nicht an ihr Ende f&uuml;hrte, wie Francis Fukuyama meinte, sondern, wie Ralf Dahrendorf beobachtete, deren Wiederbeginn letztlich zur Folge hatte. Es brodelte nach diesem Film in der DDR heftig, so heftig, dass sich erst in der &bdquo;Jungen Welt&ldquo; am 28. Oktober 1987 und dann im &bdquo;Neuen Deutschland&ldquo; am 31. Oktober/1. November 1987 zwei SED-Demagogen &ndash; Hans-Dieter Sch&uuml;tt und Harald Wessel &ndash; gen&ouml;tigt sahen zu reagieren. Sie sa&szlig;en sprichw&ouml;rtlich in der Zwickm&uuml;hle. Sie mussten den Film verurteilen, und zugleich durfte diese Verurteilung nicht in antisowjetische Ressentiments ausarten. Dieser Spagat ist den beiden deshalb nicht gelungen, weil sie die reine Lehre weisungsgem&auml;&szlig; vom Moskauer Zentrum abl&ouml;sten und urpl&ouml;tzlich wieder vom spezifisch nationalen Weg zum Sozialismus die Rede war. Sie setzten um, was Kurt Hager am 20. M&auml;rz 1987 dem &bdquo;stern&ldquo; in einem Interview, das vom SED-Politb&uuml;ro nur wenige Tage zuvor abgesegnet worden war, &uuml;bermitteln lie&szlig;. SED-Chefideologe Hager (&bdquo;Tapeten-Kutte&ldquo;) hatte verlautbaren lassen: &bdquo;W&uuml;rden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet f&uuml;hlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?&ldquo; Das war die deutlichste und zugleich bekannteste Absage an Perestroika und Glasnost, die ein SED-Funktion&auml;r formuliert hatte. Sowohl auf Sch&uuml;tts und Wessels als auch auf Hagers Einlassungen folgten jeweils Hunderte schriftliche Reaktionen emp&ouml;rter DDR-B&uuml;rger. Die drei Ideologen hatten es geschafft, zum Gespr&auml;chsthema Nr. Eins zu werden. Die Hinterfragung der verordneten Geschichtsbilder wurde so auch in der DDR, wenn auch weniger offensiv als etwa in Polen, Ungarn oder gar der Sowjetunion, zu einer zentralen Wegmarke hin zur Herbstrevolution.</p>
<h2 class="auto-created">Die Sehnsucht nach selbst&shy;ver&shy;wal&shy;teter Vergan&shy;gen&shy;heit</h2>
<p>Die Revolution selbst war bereits von einem hohen Geschichtsbewusstsein gepr&auml;gt, ein Geschichtsbewusstsein, das anzeigte, die revolutionierte Gesellschaft m&uuml;sse auch dadurch charakterisiert sein, dass die demokratische, pluralistische und individuelle Aneignung von Vergangenheit und Geschichte als Selbstverst&auml;ndlichkeit in der neuen Gesellschaft geradezu axiomatisch gesetzt sei. Die Urkunde &bdquo;40 Jahre DDR&ldquo; geh&ouml;rte zu diesem Prozess ebenso wie die Wiederbegr&uuml;ndung einer sozialdemokratischen Partei Anfang Oktober, die allein durch ihre Existenz die SED historisch delegitimierte. Auch dass B&uuml;rgerrechtler die brutalen &Uuml;bergriffe von Staatssicherheit und Volkspolizei am 7. und 8. Oktober in Berlin sofort mit etwa 70 Erinnerungsberichten dokumentierten, zeugten von dem Bewusstsein, Geschehenes nicht mehr dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Als schlie&szlig;lich Ende Oktober 1989 der Schauspieler Ulrich M&uuml;he im Ostberliner &bdquo;Deutschen Theater&ldquo; aus den Erinnerungen Walter Jankas vorlas, der etwa die brutalen Verh&ouml;rmethoden der Staatssicherheit schilderte, war das &ouml;ffentliche Schweigen &uuml;ber die Vergangenheit endg&uuml;ltig gebrochen und auch nicht mehr r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen. Gerade weil ein treuer Kommunist &uuml;ber seine Erfahrungen berichtete, hinterlie&szlig; dieses Buch und die landesweit &uuml;bertragene Lesung bis tief in die Reihen der SED sichtbare Spuren, die von Irritation bis hin zu Wut, Trauer und Scham reichten. <br />Dieses wiedererwachte gesellschaftliche Geschichtsbewusstsein zeigte sich &uuml;brigens auch am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, als etwa eine halbe Million B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen die Demokratisierung der DDR einforderten und Repr&auml;sentanten des Regimes wie Markus Wolf oder G&uuml;nter Schabowski, die auch als Redner auftraten, gnadenlos ausbuhten. Tausende Spruchb&auml;nder waren zu sehen. Der Versammlungsleiter rief kurz vor dem Ende der Kundgebung dazu auf, die &bdquo;F&uuml;lle der Transparente&ldquo; zu sammeln. Die kreativen Plakate und Transparente sollten &bdquo;bewahrt&ldquo; bleiben, weshalb sie hinter der &bdquo;B&uuml;hne&ldquo; abgelegt und in einem eigenen Depositum aufbewahrt werden sollten. Das geschah auch und bedeutete zugleich den Beginn einer geschichtspolitischen und geschichtswissenschaftlichen Debatte, die im Prinzip bis heute anh&auml;lt.<br />Die Menschen begannen aber nicht nur, ihre Revolution schon w&auml;hrend der Revolution zu historisieren, sie sorgten auch daf&uuml;r, dass die Vergangenheit &uuml;berhaupt als Geschichte, Erinnerung und Memorial diskutiert werden konnte. Denn die ab Anfang Dezember 1989 erfolgten Besetzungen von Bezirks- und Kreisdienststellen des MfS hatten ihren Ausgangspunkt in Mutma&szlig;ungen, die Staatssicherheit w&uuml;rde Teile ihrer Unterlagen ins Ausland verbringen. Der Slogan &bdquo;Meine Akte geh&ouml;rt mir&ldquo; war nur einer von vielen sinnf&auml;lligen Ausdr&uuml;cken, der das Verlangen nach Hoheit &uuml;ber die eigene Vergangenheit symbolisierte. Zum Ende der Staatssicherheit geh&ouml;rte der Wunsch, deren geheimnisumwittertes Wirken zu erkennen und gesellschaftlich wie individuell zu verarbeiten. Die &Ouml;ffnung dieser und anderer Akten, etwa der SED, geschah ohne Vorbild und fand auch nirgends Nachahmer. <br />Dieser Prozess ist vor der Wiedervereinigung in Gang gesetzt worden, zu einem Zeitpunkt, als noch niemand genau wissen konnte, wann es zur deutschen Einheit k&auml;me. Das ist zu betonen, weil immer wieder behauptet wird, der &bdquo;deutsche Weg&ldquo; in Sachen &bdquo;Aufarbeitung&ldquo; h&auml;nge eng mit dem radikalen Elitenaustausch zusammen, der aufgrund der Teilung auch nur in Deutschland m&ouml;glich gewesen sei. Das ist nur der kleinere Teil der Wahrheit. Das Stasiunterlagengesetz ist von der Volkskammer erarbeitet worden. Als es nicht Bestandteil des Einigungsvertrages wurde, waren es wieder beherzte B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen, die mit phantasievollen Aktionen und Protesten daf&uuml;r sorgten, dass eine Zusatzklausel in den Einigungsvertrag aufgenommen wurde, die ein baldiges neues Stasiunterlagengesetz in Anlehnung an das Volkskammergesetz verbindlich festschrieb. Und dies ist letztlich nur m&ouml;glich gewesen, weil in der Revolution der Staatssicherheitsdienst von der Gesellschaft besetzt und aufgel&ouml;st wurde. Nicht nur das Stasiunterlagengesetz mit seinen Folgen war singul&auml;r, auch die Besetzung der Stasizentralen fand in diesem Umfang in Osteuropa nirgends ein Pendant.<br />Auch der radikale Umbau der historischen Wissenschaft in der DDR einschlie&szlig;lich der personellen und institutionellen Konsequenzen hatte seinen Ursprung in der DDR selbst. Zun&auml;chst meldeten sich im November und Dezember einige tonangebende, aber auch einige j&uuml;ngere SED-Historiker zu Wort, die selbstkritisch einr&auml;umten, dass die Geschichtswissenschaft als Magd der Politik agierte und grundlegend erneuert werden m&uuml;sse. Wolfgang K&uuml;ttler, in den achtziger Jahren der ma&szlig;gebliche leninistische Geschichtstheoretiker an der Akademie der Wissenschaften, erkl&auml;rte am 10. November 1989 auf einer Tagung in Bayern: &bdquo;Es ist einfach vieles neu aufzuarbeiten, aber es muss nat&uuml;rlich, weil alles nicht so schnell geht, auch noch mit Vorhandenem gearbeitet werden. Ich kann f&uuml;r die Historiker sagen: was die Geschichte der DDR betrifft, sind Synthesen, die bisher erschienen sind, wirklich nicht mehr zu verwenden. Das war keine wissenschaftlich betriebene Geschichte, sondern zum gro&szlig;en Teil ein Ritual, ein zelebrierender Kult, an dem wir leider alle teilgehabt haben &ndash; nolens volens &ndash; mehr oder weniger, aber man soll das nicht zu sehr differenzieren. Das muss mit aller Sch&auml;rfe gesagt werden. Hier kann die Selbstkritik gar nicht radikal genug sein, aber das ist auch erst ein im Streit durchzusetzender Proze&szlig;.&ldquo; [12] <br />Wenig sp&auml;ter versch&auml;rfte sich die Kritik, die nunmehr aber von Au&szlig;enseitern des Faches und Nichtkommunisten vorgetragen wurde, was dann dazu f&uuml;hrte, dass die &bdquo;Selbstkritik&ldquo; der SED-Historiker verstummte und sie bald dazu &uuml;bergingen, ihr Tun und ihre Produkte vehement zu verteidigen. Am 10. Januar 1990 ver&ouml;ffentlichten schlie&szlig;lich die beiden Historiker Armin Mitter und Stefan Wolle einen Aufruf, der die Bildung eines Unabh&auml;ngigen Historiker-Verbandes in der DDR anregte. Darin hie&szlig; es: &bdquo;Auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften herrscht eine erschreckende Situation. Jahrzehntelang erstickte ein ungenie&szlig;barer Brei aus L&uuml;gen und Halbwahrheiten jede freie geistige Regung. Scholastische Albernheiten und abgestandene Gemeinpl&auml;tze wurden als &sbquo;einzige wissenschaftliche Weltanschauung&lsquo; ausgegeben. Pseudowissenschaftler schwangen sich auf den Richterstuhl marxistischer Allwissenheit und diffamierten in d&uuml;mmlicher Arroganz ganze Epochen der modernen Geistesgeschichte.&ldquo; In dem Papier hie&szlig; es weiter, dass &bdquo;Philosophie, Soziologie, selbst Kunst- und Literaturwissenschaft &#8230;. zu Best&auml;tigungsinstanzen der SED-Beschl&uuml;sse [wurden]. Das traurigste Los aber traf die Geschichtswissenschaft.&ldquo; Klar benannten die Autoren zudem, warum das &bdquo;traurigste Los&ldquo; die Historiographie traf: &bdquo;Die Legitimation, die ihr das Volk vom ersten Tag ihrer Machtergreifung an verweigerte, versuchte die SED durch eine neue Geschichtsideologie zu ersetzen.&ldquo; [13]<br />Bald zeigte sich, dass es in der historischen Debatte nicht mehr nur um Ver&auml;nderungen, sondern um einen radikalen Neuaufbau gehen m&uuml;sse, der neben institutionellen und personellen Ver&auml;nderungen letztlich zum Ziel habe, das kommunistische Geschichtsbild durch wissenschaftliche Geschichtsbilder zu ersetzen. Dies konnte dann verglichen mit den anderen postkommunistischen Staaten schneller und substantieller erfolgen, weil mit der Wiedervereinigung ganz andere M&ouml;glichkeiten vorhanden waren. Die wichtigste aber wiederum war vor der Einheit geschaffen worden: die &Ouml;ffnung der Archive. Von diesem Prozess, den die Kommunisten mehrfach zu stoppen sich anschickten, freilich erfolglos, gingen die ma&szlig;geblichen Impulse f&uuml;r die wissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der SBZ/DDR, des Kommunismus und des Verh&auml;ltnisses des Westens zum Ostblock aus. <br />In der ostdeutschen Gesellschaft war das Bed&uuml;rfnis nach historischer Auseinandersetzung, und sei es nur die eigene Biographie oder die der Familie, immens. Als kurz vor den Volkskammerwahlen im M&auml;rz 1990 der Band &bdquo;Ich liebe euch doch alle&ldquo; mit Lageberichten des MfS aus dem Jahre 1989 herauskam, versammelten sich vor dem &bdquo;Haus der Demokratie&ldquo; in Ost-Berlin, wo von LKW-Pritschen herunter der Band verkauft wurde, Tausende Menschen, um die hei&szlig; begehrte Ware zu erhalten. Die Menschen wollten wissen, was mit ihnen und um sie herum in den vergangenen Jahren eigentlich geschehen ist. Dieser Quellenband der beiden Historiker Mitter und Wolle ging innerhalb weniger Wochen in 250.000 Exemplaren &uuml;ber die Ladentische. Eine neue Geschichtsproduktion, die ganz elementare Bed&uuml;rfnisse in Umbruchzeiten bediente, war geboren worden. Es ging um allgemeine Aufkl&auml;rung und um die pers&ouml;nliche Frage, wer f&uuml;r welche markanten biographischen Punkte wirklich verantwortlich war.<br />Mitter und Wolle hatten Anfang 1990 gegen die etablierte kommunistische Historikerzunft den bereits erw&auml;hnten &bdquo;Unabh&auml;ngigen Historiker-Verband&ldquo; gegr&uuml;ndet. Im Gr&uuml;ndungsaufruf war als eine zentrale Aufgabe benannt, SED-, MfS-Unterlagen sachkundig sicherzustellen und die &bdquo;gegenw&auml;rtige Demokratiebewegung&ldquo; zu dokumentieren. Damit waren drei zentrale Felder der historiographischen Forschung und geschichtspolitischen Erinnerung benannt.<br />W&auml;hrend die Debatte um die SED-Unterlagen im Sommer 1992 beendet war und mit der Gr&uuml;ndung der SAPMO Anfang 1993 ein institutionell sichtbares Ende gefunden hatte &ndash; f&uuml;r die SED-Akten wie f&uuml;r alle anderen Unterlagen mit Ausnahme der Archivalien des DDR-Au&szlig;enministeriums, die im Ausw&auml;rtigen Amt liegen, gibt es keine drei&szlig;igj&auml;hrige Sperrfrist wie sie im Regelfall das Bundesarchivgesetz vorsieht &ndash; blieben die Auseinandersetzung um die MfS-Akten und die Unterlagen der DDR-Opposition bis in die Gegenwart hinein hochaktuell und politisch.</p>
<h2 class="auto-created">Geschichts&shy;po&shy;litik und politische Kultur</h2>
<p>Die Anfang 1990 entz&uuml;ndete Geschichtsdebatte in der DDR hat die Geschichtskultur, Geschichtspolitik, Geschichtswissenschaft und die politische Kultur der Bundesrepublik mehr ver&auml;ndert als es viele Beobachter wahrnehmen. Die Gedenkkultur der Bundesrepublik hat erst nach 1990 allm&auml;hlich Pl&auml;tze und R&auml;ume gefunden, um die Opfer und Gegner des Kommunismus wirklich zu w&uuml;rdigen. Der seit den sechziger Jahren zunehmend sinnentleerte &bdquo;Tag der deutschen Einheit&ldquo; am 17. Juni ist zwar 1990 durch den eher technokratisch zustande gekommenen Feiertag am 3. Oktober abgel&ouml;st worden, das verhinderte aber nicht, dass in einem breiten gesellschaftlichen Diskussionsprozess der Opfer des Kommunismus intensiver, w&uuml;rdiger und inhaltsreicher gedacht wird als jemals zuvor. <br />Auch wenn dies noch l&auml;ngst nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sein mag, das Gedenken etwa 2003 an den 50. Jahrestag des &bdquo;17. Juni&ldquo; hat eindr&uuml;cklich vor Augen gef&uuml;hrt, dass die Bundesrepublik eine neue, nicht nur um neue Varianten angereicherte Erinnerungs- und Geschichtskultur besitzt. [14] Bis dahin war es ein weiter und dornenreicher Weg, der hier nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden kann. Entscheidend war jedoch dabei, dass die wichtigsten Impulse daf&uuml;r aus der Gesellschaft selbst kamen, in der Regel aus Kreisen, die als Opfer und Gegner des Regimes anzusprechen sind. Die beiden Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages (1992-98) etwa, deren Wirkung kaum hoch genug veranschlagt werden kann, gingen auf eine Initiative ostdeutscher Abgeordneter zur&uuml;ck, die selbst aktiv in der DDR-Opposition t&auml;tig waren. <br />J&uuml;rgen Habermas hat 1994 vor dieser Kommission davon gesprochen, dass in Deutschland ein &bdquo;antitotalit&auml;rer Konsens&ldquo; unabdingbar f&uuml;r die weitere Entwicklung der Demokratie sei. [15] Das war vielen auch schon vorher klar. Die Bedeutung der Rede von Habermas liegt weniger im Inhalt als vielmehr darin, dass er diese Rede zu diesem Zeitpunkt hielt. Er hat damit nicht nur implizit seine Skepsis gegen&uuml;ber der Wiedervereinigung aufgegeben, er hat sogleich mit dem Schlagwort vom &bdquo;antitotalit&auml;ren Konsens&ldquo; die Totalitarismus-Theorie und die komparatistische Sicht auf Diktaturen f&uuml;r viele Linke und Linksliberale &bdquo;salonf&auml;hig&ldquo; gemacht und den Kalten Krieg gegen Antikommunisten beendet. Das war f&uuml;r die politische Kultur der Bundesrepublik wohltuend, weil au&szlig;erhalb dogmatischer Zirkel der Kommunismus endg&uuml;ltig seine angebliche Sozialutopie verlor.<br />Ein &auml;hnlicher Vorgang spielte sich ein paar Jahre sp&auml;ter ab. Es musste 2002 G&uuml;nter Grass im &bdquo;Krebsgang&ldquo; kommen, um eine Vertreibungsdebatte &uuml;berhaupt in all ihren Facetten f&uuml;hren zu k&ouml;nnen. Dass in diesen und allen anderen Debatten stets auch ideologische Annahmen und Vorurteile eine Rolle spielen, liegt auf der Hand, aber diese Vorg&auml;nge sind deshalb fundamental, weil sie die Themen von den R&auml;ndern der Gesellschaft dorthin holten, wohin sie geh&ouml;ren: in ihre Mitte. Und dies funktioniert in der Bundesrepublik nur, wenn Ikonen der Linken und Linksliberalen Themen &bdquo;frei geben&ldquo;. Das mag sich plakativ anh&ouml;ren, scheint aber der Realit&auml;t zu entsprechen. W&auml;hrend noch die &bdquo;Walser-Bubis-Debatte&ldquo; allein politisch und ideologisch zur Stellungnahme herausforderte, konnten die j&uuml;ngsten Einlassungen von Grass zu seiner eigenen Vergangenheit ein gesellschaftliches Differenzierungsverm&ouml;gen bef&ouml;rdern, das bei einem &auml;hnlichen Bekenntnis &ndash; wof&uuml;r es freilich keinen autobiographischen Anlass gibt &ndash; etwa von Ernst Nolte wohl kaum zu erwarten gewesen w&auml;re.<br />Nat&uuml;rlich w&auml;re es v&ouml;llig abwegig, alle historischen Debatten der letzten 16 Jahre in Deutschland allein auf die ostdeutsche resp. europ&auml;ische Revolution zur&uuml;ckf&uuml;hren zu wollen. Aber deren Anteil daran ist wiederum auch nicht zu leugnen. Die Debatte etwa um die Verstrickung herausgehobener bundesdeutscher Historiker in die nationalsozialistische Diktatur [16] w&auml;re, so eine These, ohne die Debatte um die legitimatorische Arbeit der ostdeutschen Historiker f&uuml;r die kommunistische Diktatur nicht m&ouml;glich gewesen. [17] Man k&ouml;nnte eine ganze Reihe weiterer Geschichtsdebatten der vergangenen Jahre anf&uuml;hren und k&ouml;nnte immer wieder eine solche These behaupten. Dass dabei die ver&auml;nderte weltpolitische Rolle Deutschlands, die Suche nach einem angemessen Platz im Konzert der M&auml;chtigen und nach einem neuen weltpolitischen Selbstverst&auml;ndnis eine erhebliche Rolle spielen, ist unbestritten. Ebenso ist zu konstatieren, dass die Indienstnahme der Vergangenheit zur Konstruktion neuer Geschichtsbilder mit dem Ziel erfolgt, die Demokratie zu st&auml;rken und auszubauen. Dass dabei zuweilen Konstruktionen zu Verzerrungen f&uuml;hren, mag aufregen, ist aber kaum zu &auml;ndern.<br />Die wissenschaftliche und breite gesellschaftliche Besch&auml;ftigung mit der DDR-Geschichte und der Geschichte des Kommunismus hat ihre Wurzeln in der Revolution von 1989/90. In der alten Bundesrepublik war die &bdquo;DDR-Forschung&ldquo; mehr Anh&auml;ngsel der Politik als im Wissenschaftsbetrieb verankert. Sie f&uuml;hrte ein Schattendasein, das allerdings stabil und gut subventioniert war. Verb&auml;nde von Opfern der kommunistischen Diktatur und von DDR-Fl&uuml;chtlingen galten gemeinhin als konservativ oder reaktion&auml;r. Ab den siebziger Jahren waren sie in der bundesrepublikanischen &Ouml;ffentlichkeit kaum noch wahrnehmbar. Die Fernsehsendungen von Gerhard L&ouml;wenthal galten vielen als nicht akzeptabel und nicht konsumierbar, als letzte Ausgeburt des Kalten Krieges. Wer sich heute unbefangen L&ouml;wenthals Sendungen anschaut, wird dies nicht verstehen k&ouml;nnen. Diese Abwehrhaltung aber symbolisiert deutlich einen in den siebziger und achtziger Jahren verbreiteten Zeitgeist, der in der DDR weder eine Diktatur noch das Teuflische an der kommunistischen Ideologie und Praxis erkennen konnte und wollte.<br />Das muss hier nicht vertieft werden. Es muss aber darauf hingewiesen werden, weil es wirkungsm&auml;chtig auch nach der Revolution blieb, zum Beispiel dort, wo den Ereignissen von 1989/90 strikt der Revolutionscharakter abgesprochen wird. Oder dort, wo das MfS, die ostdeutsche Geheimpolizei, als ein Pendant des BND/VS missverstanden wird. Oder auch dort, wo der freiheitlichen Gesellschaft arkadische Gleichheitsvorstellungen gegen&uuml;bergestellt werden.</p>
<h2 class="auto-created">SED-Dik&shy;ta&shy;tur: Gesell&shy;schaft&shy;liche Aufar&shy;b&shy;ei&shy;tung und&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; wissen&shy;schaft&shy;liche Ausein&shy;an&shy;der&shy;set&shy;zung</h2>
<p>Im Mai 2006 stellte eine von der Bundesregierung ein Jahr zuvor berufene zehnk&ouml;pfige Kommission unter Leitung des Potsdamer Zeithistorikers Martin Sabrow ihren Abschlussbericht zur Bildung eines Geschichtsverbundes &bdquo;Aufarbeitung der SED-Diktatur&ldquo; der &Ouml;ffentlichkeit vor. Die Kommission setzte sich aus Historikern, Journalisten, Museumsfachleuten und ostdeutschen B&uuml;rgerrechtlern zusammen. Hinter verschlossenen T&uuml;ren m&uuml;hte sich die Kommission ein Jahr lang, Ideen und Vorschl&auml;ge zu entwickeln und zu sammeln, um die Besch&auml;ftigung mit der SED-Diktatur in einen neuen strukturellen Zusammenhang zu stellen und so eine gewisse Dauerhaftigkeit zu erreichen. Kaum hatte die Kommission ihr Papier der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sentiert, entwickelte sich eine heftige Debatte, die wohl Kommissionsmitglieder wie interessierte Beobachter gleicherma&szlig;en &uuml;berraschte. <br />Neben viel Berichtsprosa enth&auml;lt das Papier als zentralen Vorschlag die Schaffung von drei Aufarbeitungsschwerpunkten: &bdquo;Herrschaft &ndash; Gesellschaft &ndash; Widerstand&ldquo;, &bdquo;&Uuml;berwachung und Verfolgung&ldquo; sowie &bdquo;Teilung und Grenze&ldquo;. Im Kern geht es der Kommission darum, die gesellschaftliche Aufarbeitung der SED-Diktatur zu b&uuml;ndeln und zu zentralisieren und so die gewachsene Institutionenlandschaft neu zu sortieren. Au&szlig;er strukturellen und damit finanziellen Empfehlungen schl&auml;gt die Kommission vor, k&uuml;nftig st&auml;rker als angeblich bislang geschehen, den Alltag und die Alltagskultur in den Blick zu nehmen, um so das Interaktionsverh&auml;ltnis zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Herrschern und Beherrschten besser verstehen und abbilden zu k&ouml;nnen. <br />Der Kommission blies sogleich starker Gegenwind entgegen. Es war von &bdquo;parteipolitischer einseitiger Besetzung&ldquo; der Kommission ebenso die Rede wie ihr vorgeworfen wurde, eine &bdquo;Weichsp&uuml;lung der SED-Diktatur&ldquo; betreiben zu wollen oder wenigstens einer solchen dienlich zur Seite zu stehen. Vor allem aus der &bdquo;Provinz&ldquo; kam der Vorwurf, die Aufarbeitung &bdquo;verstaatlichen&ldquo; zu wollen und eine berlinzentristische Struktur installieren zu wollen. Wochenlang wurden Zeitungsseiten und Radiosendungen mit erhitzten Beitr&auml;gen gef&uuml;llt, ohne dass sich absehen lie&szlig;, wer mit wem wor&uuml;ber eigentlich stritt. Alte &bdquo;Frontlinien&ldquo; schienen nicht mehr zu existieren, neue taten sich auf, die nur wenige Wochen zuvor undenkbar schienen. Der Gro&szlig;tanker der Aufarbeitung, die Beh&ouml;rde der Bundesbeauftragten f&uuml;r die MfS-Unterlagen, kam gleich noch mit unter Beschuss. Die einen forderten vehement dessen Untergang und die &Uuml;bergabe der Akten ins Bundesarchiv bzw. die Landesarchive, die anderen verteidigten dessen Existenz und forderten ein dauerhaften Existenzrecht. Hinzu kamen Stimmen, die eine zu starke Fixierung auf die SED-Diktatur im bundesdeutschen Erinnerungskanon beklagten. Ihre Widersacher freilich &auml;u&szlig;erten ebenso lautstark, dass eine solche Wahrnehmung geradezu grotesk sei, da genau das Gegenteil zutr&auml;fe. <br />Worum geht es eigentlich? Ganz einfach: um einen Streit, der seit der Wiedervereinigung mit unterschiedlicher Intensit&auml;t immer wieder entfacht und gef&uuml;hrt worden ist und regelm&auml;&szlig;ig im Sande zu verlaufen schien, um jedoch genauso regelm&auml;&szlig;ig wieder zu entflammen. Er wies immer drei Dimensionen auf, die nicht immer scharf voneinander zu trennen waren: es ging erstens um juristische Aspekte der Aufarbeitung, die von Entsch&auml;digungen, &uuml;ber Renten und &Uuml;berpr&uuml;fungen im &Ouml;ffentlichen Dienst bis hin zu strafrechtlich relevanten Vorg&auml;ngen (z.B. &bdquo;Politb&uuml;roprozess&ldquo;, &bdquo;Mauersch&uuml;tzenprozess&ldquo;) reichten. <br />Hinzu kamen Rehabilitierungen f&uuml;r erlittenes Unrecht sowie als &uuml;berlagernder Dauerbrenner die Frage, wie mit MfS-belasteten Personen umgegangen werden sollte und welche beruflichen Positionen diese in einem freiheitlichen Gemeinwesen einnehmen d&uuml;rften. Dieser Komplex, der auch in der Gegenwart immer noch aktuell ist, wenn er auch seine Breitendimension aus den neunziger Jahren verloren hat, soll hier unbeachtet bleiben. Mit ihm hingen und h&auml;ngen aber die anderen beiden anzusprechenden Dimensionen der Aufarbeitung eng zusammen, weil von ihnen wesentliche Impulse zur Deutungsgeschichte der SED-Diktatur und DDR-Gesellschaft ausgingen und immer noch ausgehen.<br />Diese beiden anderen Dimensionen lassen sich einerseits mit &bdquo;gesellschaftlicher Aufarbeitung&ldquo; und andererseits mit &bdquo;wissenschaftlicher Auseinandersetzung&ldquo; umschreiben, ohne dass es immer m&ouml;glich ist, beide Bereiche scharf voneinander zu trennen.<br />Die &bdquo;gesellschaftliche Aufarbeitung&ldquo; wurzelt in der Revolution selbst. Nach der Erst&uuml;rmung und Besetzung der MfS-Zentralen bildeten sich &bdquo;B&uuml;rgerkomitees&ldquo;, die zun&auml;chst die Vernichtung von MfS-Akten zu verhindern suchten, sodann erste Dokumentationen mit MfS-Akten herausgaben und schlie&szlig;lich Projekte zur historischen Aufarbeitung der SED-Diktatur initiierten. B&uuml;rgerkomitees in Leipzig, Magdeburg oder Berlin haben sich dabei Meriten erworben, die kaum &uuml;bersch&auml;tzt werden k&ouml;nnen. Daneben bildeten sich in allen ostdeutschen Bundesl&auml;ndern unabh&auml;ngige Aufarbeitungsinitiativen und Vereine, die nichtstaatliches Material in unabh&auml;ngigen Archiven sammeln, Ausstellungen organisieren, Dokumentationen ver&ouml;ffentlichen und historische Darstellungen publizieren, die allesamt dem Anliegen verbunden sind, dem Verh&auml;ltnis von Staat und Gesellschaft in der SBZ/DDR nachzusp&uuml;ren. Auch wenn die Geschichte von Opposition und Widerstand den zentralen Gegenstand dieser Bem&uuml;hungen darstellt, so sind doch in den vergangenen Jahren viele andere Themenbereiche aufgegriffen und debattiert worden. <br />Diese Initiativen, die den Anspruch einer selbstverwalteten Vergangenheit verk&ouml;rpern, werden zumeist von fr&uuml;heren Oppositionellen getragen, sind in ihrer personellen Gr&ouml;&szlig;e zumeist &uuml;berschaubar und stehen fast durchweg auf einem unsicheren finanziellen Boden. Ihr Idealismus hat viel dazu beigetragen, dass die Besch&auml;ftigung mit der SED-Diktatur in den letzten Jahren &uuml;berhaupt ein &ouml;ffentliches Thema wurde und blieb. Gerade die Nicht-Berliner Vereine sind oftmals die wichtigsten Motoren und Multiplikatoren in ihren Regionen, wenn es um die Besch&auml;ftigung mit der kommunistischen Vergangenheit geht. Gemeinsam mit Opferverb&auml;nden, die neben juristischen und politischen Anliegen auch Aufarbeitungsprojekte betreiben, haben diese Initiativen immer wieder dazu beigetragen, dass die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur ein wichtiges Thema in der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik blieb. <br />In Verbindung mit Politikern und Abgeordneten der SPD, CDU und B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen, die selbst aus oppositionellen Zusammenh&auml;ngen vor 1989/90 kamen, gelang es immer wieder, die gesellschaftliche Aufarbeitung der SED-Diktatur in &uuml;bergeordnete politische und staatliche Zusammenh&auml;nge einzuordnen. Dazu geh&ouml;ren als bekannteste Beispiele etwa die Verabschiedung des Stasiunterlagengesetzes und die Bildung der Beh&ouml;rde der Bundesbeauftragten f&uuml;r die Unterlagen des MfS, die zwei vom Deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommissionen (1992-98), deren insgesamt 33 Berichtsb&auml;nde mit Protokollen und Expertisen mittlerweile zur Grundlage der historischen DDR-Forschung &uuml;berhaupt geworden sind, oder die 1998 gegr&uuml;ndete Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, deren wichtigstes Arbeitsfeld die F&ouml;rderung von Projekten der gesellschaftlichen Aufarbeitung darstellt. Hinzu kommen vom Bund und den L&auml;ndern gef&ouml;rderte oder initiierte Museen, Gedenkst&auml;tten und Veranstaltungen. Es existiert ein weit verzweigtes Aufarbeitungs- und F&ouml;rderungsnetz, in das viele Institutionen und Verb&auml;nde involviert sind, so dass zuweilen auch erhebliche Kompetenzstreitigkeiten zu beobachten sind. <br />&bdquo;Gesellschaftliche Aufarbeitung&ldquo; in der offenen Gesellschaft umfasst aber nicht nur die bislang erw&auml;hnten autodidaktischen und erfahrungsges&auml;ttigten Profis, dazu z&auml;hlt&nbsp;&nbsp;&nbsp; ebenso der gesamte Medienbereich, der nicht nur skandalisierte und manchmal f&uuml;r&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &Uuml;berdruss am Thema sorgte, sondern auch viele seri&ouml;se und wichtige Beitr&auml;ge zur Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit lieferte. <br />Schlie&szlig;lich geh&ouml;rt dazu auch die in sich relativ abgeschottete postkommunistische Szene im Umkreis der SED/PDS/Linkspartei, die nicht nur eine erstaunliche Produktivit&auml;t auszeichnet, sondern es auch immer wieder versteht, die &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Allerdings w&auml;re es verfehlt anzunehmen, dass deren Geschichtsbilder ebenso milieuverhaftet blieben wie ihre Gruppenstruktur. Ganz im Gegenteil: in den letzten Jahren ist zu beobachten, dass zwar die Vertreter kommunistischer oder DDR-verkl&auml;render Geschichtsbilder im &ouml;ffentlichen Diskurs immer seltener in Erscheinung treten, daf&uuml;r aber scheinen ihre Theorien und Interpretationen, ihre Erkl&auml;rungen und Verkl&auml;rungen immer pr&auml;senter in den &ouml;ffentlichen Debatten zu sein. Eine freiheitliche Gesellschaft kann und muss das aushalten.<br />Neben der &bdquo;gesellschaftlichen Aufarbeitung&ldquo; existiert die &bdquo;wissenschaftliche Auseinandersetzung&ldquo; mit der kommunistischen Vergangenheit. Und es ist wirklich eher einen Neben- als ein Miteinander. Die so genannten &bdquo;Barfu&szlig;historiker&ldquo; k&ouml;nnen oft mit der Sprache, dem Denkstil, den Fragestellungen und erkenntnistheoretischen Zielen der Wissenschaftler nichts anfangen. Denen wiederum sind die Beitr&auml;ge aus der gesellschaftlichen Aufarbeitung oftmals zu moralisierend, methodisch zu unbedarft, zu politisch oder einfach nur zu &bdquo;naiv&ldquo;. Die existierende Grenze wird beidseitig nur selten&nbsp;&uuml;berschritten, das Interesse am Tun der jeweils anderen Seite ist eher gering. Es gibt nur ganze wenige Personen und Institutionen, die zielgerichtet, bewusst und systematisch zwischen den verschiedenen Ans&auml;tzen zu vermitteln suchen, die beide zu integrieren beabsichtigen und die &uuml;berhaupt die unterschiedlichen Herangehensweisen als nicht nur legitim und n&ouml;tig ansehen, sondern &uuml;berhaupt in ihrer Unterschiedlichkeit realisiert haben.<br />Die Grenze ist kulturell und von unterschiedlichen Erfahrungen gepr&auml;gt. Denn w&auml;hrend die &bdquo;gesellschaftliche Aufarbeitung&ldquo; ziemlich eindeutig &bdquo;ostdeutsch&ldquo; gepr&auml;gt ist, erscheint der wissenschaftliche Diskurs &bdquo;westdeutsch&ldquo; dominiert. Das mag plakativ klingen. Aber der Elitentransfer und die Rekrutierungspraxis nach 1989/90 haben nun einmal zur Folge gehabt, dass alle wissenschaftlichen Institutionen, die sich in den letzten Jahren mit der SED-Diktatur besch&auml;ftigten, ganz eindeutig von Wissenschaftlern gepr&auml;gt wurden, die bundesdeutsche Sozialisierungsmuster aufwiesen. Das hat zahlreiche Auswirkungen auf die Nachwuchsrekrutierung, die Debattenkultur, die Finanzierungspolitik, methodische Ausrichtungen und nicht zuletzt erkenntnistheoretische Fragestellungen gezeitigt. Das gilt im &Uuml;brigen f&uuml;r die universit&auml;re Lehre und Forschung ebenso wie f&uuml;r die au&szlig;eruniversit&auml;ren Forschungseinrichtungen (z.B. Zentrum f&uuml;r Zeithistorische Forschung Potsdam, Hannah-Arendt-Institut Dresden, Forschungsabteilung bei der BStU, Forschungsverbund SED-Staat). Es geht hier nicht darum, diese Entwicklung zu kritisieren oder zu beklagen, sie ist lediglich zur Kenntnis zu nehmen.<br />Die DDR- und Kommunismusforschung hat sich nach 1989/90 methodisch, theoretisch und empirisch so breit und plural entwickelt, wie es f&uuml;r andere Zweige der Geistes- und Sozialwissenschaften auch typisch ist. Nach einer langj&auml;hrigen selbstgew&auml;hlten Verinselung scheint sich die DDR- und Kommunismusforschung nun auch immer st&auml;rker in den allgemeinen Wissenschaftsbetrieb zu integrieren, was sich zum Beispiel an der zunehmenden Zahl komparatistischer Studien zeigt, auch die Internationalisierung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht.<br />Es ist nicht zu erwarten, dass gesellschaftliche Aufarbeitung und wissenschaftliche Besch&auml;ftigung zuk&uuml;nftig die Grenzen zwischen beiden Ans&auml;tzen flie&szlig;ender machen werden. Das w&auml;re zwar w&uuml;nschenswert, ist aber gar nicht n&ouml;tig. Denn die Selbstverwaltung der Vergangenheit folgt anderen Regeln als die wissenschaftliche Sezierung und Interpretation. Beide habe zwar zum Ziel, Geschichte zu konstruieren, aber ihre Erkenntnisinteressen unterscheiden sich so erheblich voneinander, dass &uuml;ber gelegentliche Ber&uuml;hrungspunkte hinaus ein Ineinanderaufgehen geradezu als herber gesellschaftlicher Verlust angesehen werden m&uuml;sste. Die Subtilit&auml;t wissenschaftlicher Ziele, Methoden und Interessen kann sich nicht an messbarer unmittelbarer gesellschaftlicher Wirkung ausrichten. Ebenso w&auml;re es verfehlt, gesellschaftliche Aufarbeitung ohne diese sofortige Wirkung betreiben zu wollen. Beide m&ouml;gen voneinander mehr profitieren k&ouml;nnen, als es in den letzten Jahren zumeist geschah. Und gewiss k&ouml;nnten auch bestehende gegenseitige Ressentiments, die manchmal zu einem Gegen- statt einem Nebeneinander f&uuml;hren, abgebaut werden. Aber mehr als ein konstruktives Nebeneinander k&ouml;nnte es nur zu dem Preis geben, dass ein Ansatz seine Regeln und Ziele aufgibt, was weder w&uuml;nschenswert noch auch nur denkbar oder machbar ist.<br />Die Sabrow-Kommission ist denn auch beredter Ausdruck eines solches Missverst&auml;ndnisses, dieses Nebeneinander aufheben zu wollen. Daf&uuml;r ist weniger die Kommission als vielmehr ihr Auftraggeber verantwortlich. Denn in dieser Kommission arbeiteten gestandene Wissenschaftler aus traditionellen Wissenschaftseinrichtungen und bis auf eine Ausnahme solche B&uuml;rgerrechtler, die nicht in der gesellschaftlichen Aufarbeitung institutionell fest verankert sind, mit dem Auftrag zusammen, Perspektiven f&uuml;r die gesellschaftliche Aufarbeitung zu entwickeln, ohne dabei die Forschungsperspektiven universit&auml;rer und au&szlig;eruniversit&auml;rer Wissenschaftseinrichtungen mit einbeziehen zu d&uuml;rfen. So kam denn auch ein Papier heraus, das die gesellschaftliche Aufarbeitung mit wissenschaftlichen Perspektiven versah und dabei &uuml;bersah, dass ein Gro&szlig;teil der Vorschl&auml;ge prinzipiell am Selbstverst&auml;ndnis der gesellschaftlichen Aufarbeitung vorbeizielte und eher im wissenschaftlichen Kontext zu verorten w&auml;re.</p>
<h2 class="auto-created">Geschichte und Gesell&shy;schaft</h2>
<p>Es gibt weder richtiges noch falsches Erinnern. Objektive Wahrheiten stehen den Anspr&uuml;chen offener, freiheitlicher Gesellschaften entgegen. Kritik an Geschichtsbildern,&nbsp;-konstruktionen und&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; -deutungen hat nicht nur zum Ziel, andere Bilder, Konstruktionen und Deutungen &ouml;ffentlich ins Bewusstsein zu bringen, sondern diese zugleich &uuml;ber die Kritik an anderen Entw&uuml;rfen zu sch&auml;rfen und zu hinterfragen. Die Geschichtsl&uuml;ge und bewusste Geschichtsklitterung hat in der offenen Gesellschaft nur eine begrenzte Halbwertszeit. Man mag sie harsch als solche entlarven, man kann aber auch auf den Schultern der Muse Klio sitzend gelassen bleiben. Klio schl&auml;ft nie, auch wenn man manchmal Stillstand oder Endg&uuml;ltigkeit zu sp&uuml;ren vermeint.<br />Insofern ist die &ouml;ffentliche Debatte um die SED-Diktatur und die DDR-Gesellschaft notwendig, weil sie uns exemplarisch vorf&uuml;hrt, was ohnehin geschieht. Etwas anderes aber ist die Frage, f&uuml;r wen wirft sich Klio eigentlich ins Zeug; oder: f&uuml;r wen sollte sie sich ins Zeug werfen? Diese Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten und doch zeigt sie nochmals den unterschiedlichen Ansatz von Wissenschaft und Aufarbeitung. Denn die Aufarbeitung hat das Jetzt und Hier viel st&auml;rker im Blick als die Wissenschaft. Aufarbeitung will bewegen, erinnern, dem Vergessen entrei&szlig;en, rehabilitieren, Denkm&auml;ler errichten, Gedenkst&auml;tten unterhalten, sie will zeigen, wie Unterdr&uuml;ckung funktionierte, wer unterdr&uuml;ckte und wer sich wie warum wann und mit welchen Folgen dagegen zur Wehr zu setzen suchte. Sie ist st&auml;ndig auf der Suche nach dem Besonderen, dem Ungew&ouml;hnlichen, dem Au&szlig;ergew&ouml;hnlichen, dem Erregenden und dem Wiedergutzumachenden, sie bleibt bewusst regional verankert und auf Einzelschicksale, kleinere Gruppen und dem dann &uuml;berm&auml;chtig wirkenden Staat orientiert. In der Wissenschaft sind dies alles bestenfalls Nebenerscheinungen, zumeist durch Multiplikatoren erst bewirkt. Ihr Hauptanliegen ist die Rekonstruktion, die theoretische Einordnung, die Kontextualisierung, die Erkl&auml;rung, das Verstehen, Einzelnes geht als Exemplarisches im Gr&ouml;&szlig;eren auf. Mikrostudien, Biographien sind Bausteine f&uuml;r Synthesen. Das Besondere ist interessant, das Allgemeine aber erkenntnisleitend.<br />Insofern stellt der Streit um die SED-Diktatur, soweit es sich um Aufarbeitung und Wissenschaft, ihre Themen und Methoden handelt, ein ziemlich gro&szlig;es Missverst&auml;ndnis dar. Es ist eigentlich ziemlich egal, womit sich wie besch&auml;ftigt und wie dar&uuml;ber publiziert wird. Weniger egal freilich ist die Frage, wer was macht. Den regionalen Aufarbeitungsinitiativen etwa zentral vorschreiben zu wollen, was sie zu tun und zu lassen haben, w&auml;re absurd. Finanzielle Zuwendungen mit inhaltlichen Vorgaben zu verkn&uuml;pfen ist zwar unumg&auml;nglich, aber eben auch gef&auml;hrlich f&uuml;r die Aufarbeitung selbst. Genauso w&auml;re es auch grotesk, wenn etwa eine Forschungseinrichtung der &Ouml;ffentlichen Hand, die einen ganz spezifischen, gesetzlichen und privilegierten Auftrag hat, diesem nicht nachkommen w&uuml;rde und ihr Profil und ihre Projekte so ausrichten w&uuml;rde, als w&auml;re sie ein ganz normales Forschungsinstitut. <br />Mit anderen Worten: der Geld- und Auftragsgeber darf und soll bestimmen, wer sich womit auseinandersetzt. Es sollte aber tunlichst vermieden werden, dass andere als diese dar&uuml;ber zu befinden haben. So wie sich die DFG ihre Gutachter aus einem bestimmten Sample aussucht, so sollte auch die gesellschaftliche Aufarbeitungsszene nicht durch die Brille &bdquo;fremder&ldquo; Gutachter betrachtet werden, weil deren Empfehlungen fast zwangsl&auml;ufig vor einem Kriterienhintergrund entstehen, der das Eigene gut zu evaluieren, das Fremde aber einfach nicht zu erfassen vermag. <br />Die Debatte um die SED-Diktatur leidet nicht an &bdquo;falschen&ldquo; Themen oder &bdquo;falschen&ldquo; Methoden und Theorien, sie leidet aber sehr wohl daran, und dies nun schon seit &uuml;ber 15 Jahren, dass es offenbar bei vielen eine Sehnsucht nach &bdquo;Wahrheit&ldquo; und dem &bdquo;richtigen Weg&ldquo; gibt. Das &auml;u&szlig;ert sich in Zentralisierungsw&uuml;nschen und im Ansinnen, Geschichtspolitik, Geschichtsbilder, Erinnerung und Gedenken zu verstaatlichen. Respekt und Toleranz vor der prinzipiellen und vielgliedrigen Pluralit&auml;t und dem Neben- und Miteinander von Aufarbeitung und Wissenschaft erscheinen als der simple, aber zentrale Schl&uuml;ssel, um die vielschichtigen Debatten um SED-Diktatur und Kommunismusgeschichte verzahnen zu k&ouml;nnen. <br />Dann wird auch die Aufregung ausbleiben, ob nun Alltagsgeschichte wichtiger sei als Widerstandsgeschichte, MfS-Geschichte wichtiger als Konsumverhalten, Subkultur wichtiger als Staatskunst, Repressionsgeschichte wichtiger als Anpassungsstrategien. Wahrscheinlich wird dann leichter erkennbar, dass alles seinen Sinn hat und alles eng miteinander zusammenh&auml;ngt. Und wenn die Universit&auml;ten und bestimmte Forschungseinrichtungen spezifische Themen aus welchen Gr&uuml;nden auch immer favorisieren, dann wird auch vor einem solchen Hintergrund f&uuml;r Skeptiker und Kritiker leichter verst&auml;ndlich, warum anderswo andere Thema gef&ouml;rdert werden. Am Ende werden alle Teilergebnisse zu gr&ouml;&szlig;eren Bildern zusammengef&uuml;gt, nur um sich erneut dekonstruieren zu lassen. Man h&uuml;te sich nicht vor jenen, die an selbst entdeckten Themen arbeiten und daf&uuml;r werben, selbst wenn es zuweilen penetrant sein mag, aber man h&uuml;te sich vor jenen, die einen K&ouml;nigsweg preisen und auch noch zu wissen glauben, was f&uuml;r Andere gut und f&uuml;r die Gesellschaft notwendig ist. Dahinter stehen ja nicht nur Denkverbote, sondern auch Sanktionsm&ouml;glichkeiten, meist &uuml;ber Projekt- und Stellenfinanzierung oder Rezensions- und Fu&szlig;notenkartelle. <br />Der Streit um die SED-Diktatur ist daher weniger ein Streit um Deutungen und Themen, sondern vielmehr ein Streit um Ressourcen. Wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen wird auch in diesem Streit etwas gesagt, aber was ganz anderes gemeint. Insofern ist die &ouml;ffentliche Debatte um die Geschichte der DDR und den Umgang mit ihr ein Lehrbeispiel daf&uuml;r, wie unsere Gesellschaft der Gegenwart funktioniert. Um die SED-Diktatur und die DDR-Gesellschaft zu verstehen, braucht man diese &ouml;ffentliche Debatte jedenfalls nicht zu verstehen. Da kann man getrost auf jene Mittel zur&uuml;ckgreifen, die es erm&ouml;glichen, uns historischen Epochen und Prozessen mit all ihren Widerspr&uuml;chlichkeiten anzun&auml;hern, die niemand mehr selbst erlebt hat. Und daf&uuml;r haben gesellschaftliche Aufarbeitung und wissenschaftliche Debatten in den letzten Jahren so viel Material und Analysen bereitgestellt, dass man diesen Ann&auml;herungsprozess an die Vergangenheit auf gesichertem Terrain vollziehen kann. Die Geschichte des Kommunismus in Theorie und Praxis ist ungemein aufw&uuml;hlend, tragisch, spannend und lehrreich. Es hat nicht den Anschein, als w&uuml;rde dies k&uuml;nftig anders werden. Daf&uuml;r sorgen die heute und k&uuml;nftig an der Sache Arbeitenden, nicht die in Verteilungsk&auml;mpfen Verschanzten.&nbsp; <br />&nbsp;<br />1&nbsp;&nbsp; Wehler, Hans-Ulrich: Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Geschichte und Soziologie. 2. Aufl., K&ouml;nigstein/Ts. 1984 (urspr&uuml;nglich 1976), S. 15.<br />2&nbsp;&nbsp; Vgl. Courtois, St&eacute;phane u.a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdr&uuml;ckung, Verbrechen und Terror. Mit einem Kapitel &bdquo;Die Aufarbeitung des Sozialismus in der DDR&ldquo; von Joachim Gauck und Ehrhart Neubert. M&uuml;nchen, Z&uuml;rich 1998; Courtois, St&eacute;phane u.a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus 2: Das schwere Erbe der Ideologie. M&uuml;nchen, Z&uuml;rich 2004; als repr&auml;sentativer Reader ist anzusehnen: M&ouml;ller, Horst (Hrsg.): Der rote Holocaust und die Deutschen. Die Debatte um das &bdquo;Schwarzbuch des Kommunismus&ldquo;. M&uuml;nchen, Z&uuml;rich 1999; eher in den Bereich ideologischer Kampfschriften geh&ouml;ren: Mecklenburg, Jens; Wippermann, Wolfgang (Hrsg.): &bdquo;Roter Holocaust&ldquo;? Kritik des Schwarzbuch des Kommunismus. Hamburg 1998; Klotz, Johannes (Hrsg.): Schlimmer als die Nazis? Das &bdquo;Schwarzbuch des Kommunismus&ldquo; und die neue Totalitarismusdebatte. K&ouml;ln 1999; Roth, Karl Heinz: Geschichtsrevisionismus. Die Wiedergeburt der Totalitarismustheorie. Hamburg 1999.<br />3&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vgl. etwa: Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. Bd. 2;&nbsp;&nbsp; Deutsche Geschichte vom &bdquo;Dritten Reich&ldquo; bis zur Wiedervereinigung. M&uuml;nchen 2000; Kielmansegg, Peter Graf: Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschland. Berlin 2000; Alter, Peter; Rohlfes, Joachim; Wolfrum, Edgar; Wolle, Stefan: Deutsche Geschichte. Wie wir wurden, was wir sind. 20. Jahrhundert: 1918 &ndash; 2000. Stuttgart, D&uuml;sseldorf, Leipzig 2002; Wolfrum, Edgar (Hrsg.): Die Deutschen im 20. Jahrhundert. Darmstadt 2004. Es gibt freilich eine Reihe von Beispielen, die dieses Pauschalurteil abmildern, als besonders gelungen auf europ&auml;ischer Ebene erscheint mir das Buch des niederl&auml;ndischen Schriftstellers: Mak, Geert: In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert. M&uuml;nchen 2005.<br />4&nbsp;&nbsp;&nbsp; Daf&uuml;r gibt es viele Beispiele, vgl. j&uuml;ngst etwa: Burrichter, Clemens; Nakath, Detlef; Stephan, Gerd-R&uuml;diger (Hrsg.): Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000. Gesellschaft &ndash; Staat &ndash; Politik. Ein Handbuch. Berlin 2006.<br />5&nbsp;&nbsp;&nbsp; Heller, Agnes; Feh&eacute;r, Ferenc: Ungarn &rsquo;56. Geschichte einer antistalinistischen Revolution. Hamburg 1982, S. 187.<br />6&nbsp;&nbsp;&nbsp; Alf&ouml;ldy, Geza: Ungarn 1956.</p>
<p>Aufstand, Revolution, Freiheitskampf. Heidelberg 1997, S. 46.<br />7&nbsp;&nbsp; Vgl. dazu: Ash, Timothy Garton: Ein Jahrhundert wird abgew&auml;hlt. Aus den Zentren Mitteleuropas. 1980 &#8211; 1990. M&uuml;nchen, Wien 1990; Dahrendorf, Ralf: Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak. Reden und Aufs&auml;tze. M&uuml;nchen 2004.<br />8&nbsp;&nbsp;&nbsp; Zum Samisdat vgl. nur: Hirt, G&uuml;nter; Wonders, Sascha (Hrsg.): Pr&auml;printium. Moskauer B&uuml;cher aus dem Samizdat. Bremen 1998; Samizdat. Alternative Kultur in Zentral- und Osteuropa: Die 60er bis 80 Jahre. Bremen 2000; Skilling, H. Gordon: Samizdat and an Independent Society in Central and Eastern Europe. Columbus 1989.<br />9&nbsp;&nbsp;&nbsp; Zur Bedeutung der historischen Debatten f&uuml;r den Umgestaltungsproze&szlig; siehe etwa: Davies, Robert W.: Perestroika und Geschichte. Die Wende in der sowjetischen Historiographie. M&uuml;nchen 1991; sowie auch: Geyer, Dietrich: Die Umwertung der sowjetischen Ge&shy;schichte. G&ouml;ttingen 1991.<br />10&nbsp; Als Beispiel f&uuml;r die Wahrnehmung innerhalb der Opposition siehe den Aufsatz von: Poppe, Gerd: &bdquo;Wir sind dabei, uns selbst zu erkennen&ldquo;. Die Zukunft der Vergangenheit der Sowjetunion (Juli 1989), in: Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hrsg.): Freiheit und &Ouml;ffentlichkeit. Politischer Samisdat in der DDR 1985 bis 1989. Berlin 2002, S. 527 &ndash; 542.<br />11&nbsp; Die Textvariante ist auch als Buch in der Bundesrepublik erschienen. Die Samisdat-Publikation war hingegen gestalterisch aufwendig produziert worden, so dass im Prinzip jedes der etwa 500 Exemplar ein Unikat darstellt.<br />12&nbsp; Protokoll einer Podiumsdiskussion, abgedruckt in: Burrichter, Clemens (Hrsg.): Sozialgeschichte der Wissenschaften. Zur Methodologie einer historischen Wissenschaftsforschung. Erlangen 1991, S. 68.<br />13&nbsp; Mitter, Armin; Stefan Wolle: Aufruf zur Bildung einer Arbeitsgruppe unabh&auml;ngiger Historiker in der DDR (10. Januar 1990), in: Eckert, Rainer; Kowalczuk, Ilko-Sascha; Stark, Isolde (Hrsg.): Hure oder Muse? Klio in der DDR. Dokumente und Materialien des Unabh&auml;ngigen Historiker-Verbandes. Berlin 1994, S. 22.<br />14&nbsp; Dazu vgl. ausf&uuml;hrlich: Eisenfeld, Bernd; Kowalczuk, Ilko-Sascha; Neubert, Ehrhart: Die verdr&auml;ngte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte. Bremen 2004.<br />15&nbsp; Protokoll der 76. Sitzung der Enquete-Kommission &bdquo;Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland&ldquo;, 5. Mai 1994, in: Materialien der Enquete-Kommission &bdquo;Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland&ldquo; (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), Band IX: Formen und Ziele der Auseinandersetzungen mit den beiden Diktaturen in Deutschland. Baden-Baden, Frankfurt/M. 1995, S. 690.<br />16&nbsp; Vgl. als Einstieg: Schulze, Winfried; Oexle, Otto Gerhard (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Frankfurt/M. 1999. Die Debatte ist seither &ndash; zumindest innerfachlich &ndash; nicht mehr abgebrochen, vgl. etwa: H&uuml;rter, Johannes; Woller, Hans (Hrsg.): Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte. M&uuml;nchen 2005.<br />17&nbsp; Vgl. dazu ausf&uuml;hrlicher: Kowalczuk, Ilko-Sascha: Warum erst jetzt?&ldquo; Deutsche Historiker in der Diktatur &ndash; Anmerkungen zu einer aktuellen Debatte, 1. 12. 1999 (<a href="http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/essays/koil1299.htm" target="_blank" rel="noopener">http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/essays/koil1299.htm</a>).&nbsp;</p>
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		<title>Freiheit als Weg</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Jun 2006 13:42:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ralf Dahrendorfs Tugendlehre der Freiheit. Aus: vorgänge Nr. 174, (Heft 2/2006), S. 132-135 1516 veröffentlichte Thomas Morus seine berühmte Schrift &#132;Utopia&#147;. Darin berichtet er von einer Empfindung der Insulaner, auf die man erst einmal kommen muss. Denn seine Utopier erfreuen sich, falls eine Krankheit dem nicht entgegensteht, tagtäglich ihrer Gesundheit. &#132;Dass man nämlich sagt, man [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ralf Dahrendorfs Tugendlehre der Freiheit.</p>
<p>Aus: vorgänge Nr. 174, (Heft 2/2006), S. 132-135</p>
<p><b>1516 veröffentlichte Thomas Morus seine berühmte Schrift &#132;Utopia&#147;. Darin berichtet er von einer Empfindung der Insulaner, auf die man erst einmal kommen muss. Denn seine Utopier erfreuen sich, falls eine Krankheit dem nicht entgegensteht, tagtäglich ihrer Gesundheit. &#132;Dass man nämlich sagt, man könne Gesundheit nicht empfinden, ist nach Meinung der Utopier ganz falsch. &#8230; Wer liegt in so festen Banden des Stumpfsinns oder der Lethargie, dass er nicht zugeben wollte, die Gesundheit bereite ihm Freude und Genuss. Was ist aber Genuss anderes als eine andere Bezeichnung für Vergnügen?&#147;1 </b></p>
<p>Ralf Dahrendorf  Versuchungen der Unfreiheit  Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung;  C.H. Beck  München 2006; 239 S. 19,90Euro</p>
<p>In diesem Punkt sind wohl damals wie heute nur ganze wenige Utopier. Was eigentlich ist Gesundheit? Beschreibt sie nur die Abwesenheit von Krankheit, die ziemlich genau zu bestimmen ist? Oder meint sie auch vollkommenes soziales, seelisches und körperliches Wohlbefinden? Also eine sehr individuelle Wahrnehmung, die kaum verallgemeinerbar sein dürfte? Beides scheint zutreffend zu sein, klärt aber das Problem nicht. Das erste ist lediglich eine Abgrenzung, ohne positive inhaltliche Bestimmung. Das zweite versucht ein Ideal zu umkreisen, das nur individuell beschreibbar ist. <br />Es gibt nicht viele andere Begriffe, die so zentral, evident und signifikant für Gesellschaft und Individuum und zugleich so schwierig zu definieren sind. &#132;Freiheit&#147; aber gehört dazu, zweifellos, auch wenn die Spezialbibliotheken dazu überborden und die Debatten darüber nicht abreißen. John Stuart Mills berühmte &#132;Freiheits-Formel&#147; aus dem Jahr 1859 hat nicht an Strahlkraft eingebüßt. &#132;Dies Prinzip lautet: dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eins ihrer Mitglieder einzumengen befugt ist, der ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglied einer zivilisierten Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, der ist: die Schädigung anderer zu verhüten. &#8230; Man kann einen Menschen nicht rechtmäßig zwingen, etwas zu tun oder zu lassen, weil dies besser für ihn wäre, weil es ihn glücklicher machen, weil er nach Meinung anderer klug oder sogar richtig handeln würde.&#147;2 Die Geschichte hat das Problem insofern aber nicht gelöst, weil kein Staat bisher dieses Prinzip akzeptiert hat. Natürlich, die Neuzeit hat einige Staatsmodelle hervorgebracht, die dieses Prinzip besser beachten als andere. England gehört dazu wie die USA, Frankreich wie die Bundesrepublik, Schweden wie Neuseeland und noch eine ganze Reihe weiterer Staaten. Prinzipiell freilich aber können auch diese Staaten Freiheit nur mittels Rechtsprechung, Verfassungsordnung und demokratischer Staatsprinzipien abstrakt garantieren. Jede Ordnung, jedes Gesetz, jede Regelung beeinträchtigt oder unterbindet gar die &#132;absolute Freiheit&#147;, die konkret handelnden Individuen in diesen Strukturen tun ihr übriges dazu, um die an sich garantierte Freiheit noch weiter einzuschränken, manchmal bis hin zur Unkenntlichkeit. So wie Demokratie nicht Wohlstand oder soziale Gleichheit verspricht, so bringt eine freiheitliche Grundordnung noch lange keine ideale Freiheit.<br />So wie Krankheit der Antipode zur Gesundheit ist, so stellt die Diktatur den schärfsten Gegensatz zur freiheitlichen Verfassungsordnung dar. In der Diktatur Lebende können dann genau Freiheit definieren und als absolut erstrebenswertes Ziel angeben, wenn sie die Diktatur als nicht lebenswert erachten und überwinden wollen. In der freiheitlichen Ordnung angekommen, verlieren viele den Sinn für Freiheit und sehnen sich nach Arkadien, das sie einst überwinden wollten. Dabei erfahren sie mannigfaltige Unterstützung. Denn so wie der Gesunde sich zumeist nicht seiner Gesundheit zu erfreuen weiß, so können viele in einer freiheitlichen Ordnung Sozialisierte sich nicht ihrer zunächst einmal prinzipiellen Freiheit erfreuen. Mehr noch, für viele ist sie eine Last, die sie nach Staatsinterventionen und -alimentationen rufen lässt. Nur in der Freiheit selbst lässt sich Freiheit denunzieren, und wie ich als früherer DDR-Bürger  seit 16 Jahren beobachten kann, ein medial, kulturell, politisch und wissenschaftlich alltäglicher Vorgang. Und wie ich zudem betrüblichen Quellenstudien entnehmen konnte, ein Vorgang, der sich seit der europäischen Revolution von 1989/91 eher verbessert als verschlechtert hat, d.h. die Verachtung von Freiheit trieb in den Jahren und Jahrzehnten zuvor noch breitere Massen, von noch mehr Intellektuellen angeführt, zusammen.<br />Wie aber kann man Freiheit in Freiheit erlernen? Wie kann man sie schätzen, würdigen und verteidigen lernen, wenn sie unter Inanspruchnahme der Freiheit beständig denunziert wird? Ist das überhaupt möglich, ohne gleich wieder nach dem Staat zu rufen? Könnten der Bürger und die Bürgergesellschaft wiederum eine Freiheitserziehung gewährleisten, ohne in der Erziehung Freiheitsrechte einzuschränken? Dazu gibt es bislang weder hinreichende Überlegungen noch intensive Debatten. Aber es gibt mit dem neuesten Buch von Ralf Dahrendorf einen Entwurf, den der Lord selbst &#132;Tugendlehre der Freiheit&#147; nennt.<br />Manches in dem Buch ist wohl nicht ganz so ernst gemeint, wie einige verächtliche Rezensionen vorgeben. Dahrendorfs Ausführungen aber sind insgesamt ernsthaft genug, um sie nicht nur zu bedenken, sondern auch zum Ausgangspunkt einer neuen Freiheitsdebatte werden zu lassen. Das große Thema ist nicht so sehr die Frage, warum so viele Intellektuelle den totalitären Verführungen, ob nun Faschismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus, erlegen waren, sondern vielmehr, warum einige ihnen nicht erlagen. Diese nennt er in Erinnerung an Erasmus von Rotterdam Erasmier, die sich in der nicht existierenden Societas Erasmiana versammelt sehen. Aufnahme findet, wer konsequent und lebenslang die Dahrendorfschen Tugenden der Freiheit erfüllte, die da wären &#132;Mut des Einzelkampfes um Wahrheit&#147;, &#132;Gerechtigkeit im Leben mit Widersprüchen&#147;, &#132;Besonnenheit beim engagierten Beobachten&#147; sowie &#132;Weisheit der leidenschaftlichen Vernunft&#147;. Mustermitglieder dieser Akademie sind Raymond Aron, Isaiah Berlin und Karl Raimund Popper, aber auch Norberto Bobbio, Jan Patočka, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt oder Theodor Eschenburg. Viele weitere Personen lotet Dahrendorf nach einer eventuellen Akademiemitgliedschaft aus, findet aber nicht allzu viele, die für tauglich befunden werden. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass er nur eine bestimmte Alterskohorte, zwischen 1900 und 1910 Geborene, in den Blick nimmt, sondern auch regional begrenzt bleibt. Sei es drum, dem Leser eröffnet sich trotz dieser Einschränkung schnell und einleuchtend, worum es dem Autor geht, man muss es nur erkennen wollen. Warum schaffen es nur so wenige, sich dem Zeitgeist zu verschließen, selbst wenn er den Totalitarismus welcher Spielart auch immer preist? Dahrendorf allerdings geht das Problem positiv an und untersucht, warum es manche schaffen: weil sie, trotz oder gerade wegen individueller Eigenheiten, die ihrer Umwelt zuweilen einiges abverlangten, die &#132;Tugendlehre der Freiheit&#147; lebten.<br />Auch wenn nicht alle Antworten erfüllend ausfallen mögen, auch wenn nicht jede Argumentation restlos überzeugen mag, auch wenn man nicht jeder Entschuldigung folgen kann, so bleibt doch Dahrendorfs abstrakte &#132;Tugendlehre&#147;, die einem kategorischen Imperativ gleichkommt, deshalb überzeugend, weil sie Freiheit als alternativlosen Weg ins Zentrum jeglichen Tun und Denkens rückt und dabei zugleich ein Verhaltensregister anbietet, das diesen Weg ermöglicht.<br />Ja, es gibt vieles an diesem Essay, das irritiert oder zu Widerspruch anregt. Am meisten irritiert mich, dass ein &#132;Erasmier&#147;, wenn es auch große Nähe gibt, kein &#132;Sokratiker&#147; sein könne. Dem Ersamier ist, so die Konsequenz bei Dahrendorf, das Wort und das Leben für das Wort wichtiger als das Einstehen für Handlungen, die aus dem Wort folgen. Anders formuliert: Der Erasmier geht, wenn er irgendwie kann, davon, ins Exil, während der &#132;Sokratiker&#147;, etwa auch Thomas Morus, lieber stirbt als geht. Diesen &#132;Fanatismus&#147; stellt Dahrendorf in Gegensatz zur Vernunft der Erasmier. Ebenso irritiert im Übrigen die Kategorie des &#132;Mutes&#147;. Im Totalitarismus beantwortet sich die Mut-Frage fast allein und ist hunderttausendfach, ganz individuell, mit zum Teil furchtbaren Folgen, beantwortet worden. Aber was bedeutet Mut in der Offenen, in der freiheitlichen Gesellschaft? In den 16 Jahren, die ich in der Offenen Gesellschaft lebe, habe ich darauf bislang keine wirklich überzeugende Antwort finden können. Wer es bereits als mutig empfindet, eine Meinung zu veröffentlichen und zu vertreten, für die er voraussehbar &#132;sanktioniert&#147; wird, in dem ihm etwa ein paar Türen verschlossen werden, weiß nicht, was Mut in der geschlossenen Gesellschaft bedeutet. Insofern verlangt die Offene Gesellschaft Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, aber wirklich Mut?<br />Sehr wohltuend an dem Buch von Ralf Dahrendorf ist, dass er &#150; wie schon in vielen anderen Publikationen zuvor &#150; Freiheit in Opposition zu Unfreiheit stellt und nicht, wie es manche immer wieder gern tun, in Opposition zu &#132;sozialer Gleichheit&#147; oder &#132;sozialer Gerechtigkeit&#147;. Der arkadische Traum hat mit Freiheit nichts zu tun. <br />Ungelöst freilich bleibt die große Frage, wie der eigentliche Beschützer der Freiheit, der Staat, dessen zentrale Aufgabe in einer demokratischen Verfassungsordnung gerade in der Gewährleistung der Freiheit liegt, nicht gleichzeitig zur größten Gefahr für die Einschränkung der Freiheit wird. Denn jede Hierarchie, Ordnung, Institution und Verordnung, so nützlich und auch notwendig sie sein mögen, schränkt zwangsläufig Freiheit ein. Worin ein vernünftiges Maß liegt, ist umstritten, sicherlich aber gehen Forderungen, den Sozial- und Wohlfahrtsstaat ganz abzuschaffen, was Dahrendorf nicht fordert!, dann doch erheblich zu weit.<br />Ralf Dahrendorfs Buch, durchaus mit einem Augenzwinkern geschrieben, ist aber nicht nur ein der Freiheit gewidmeter Essay, es ist auch ganz persönliches Erinnerungsbuch des Soziologen, Politikers, Wissenschaftsmanagers &#150; des Intellektuellen eben. Die von ihm vorzugsweise behandelten Aron, Berlin und Popper nennt er &#132;väterliche Freunde&#147;, was so manche, für mich durchaus wohltuende Emphase erklären mag. In einem Punkt aber irrt Ralf Dahrendorf, so glaube ich jedenfalls. Ein Erasmier habe, so der Autor, in der Regel keine (wissenschaftliche) Schule gebildet. Das mag stimmen, wenn der Blick allein auf die traditionellen Institutionen und den Vorgang einer wissenschaftlichen Schulbildung gerichtet bleibt. <br />Aber für die Wirkungsgeschichte wird man diese Feststellung nicht so einfach aufrechterhalten können. Gerade Popper und Aron, aber auch Berlin haben aus der Offenen  Gesellschaft auf vielen verschlungenen Pfaden in geschlossene Gesellschaften hinein  und, so behaupte ich, schulbildend gewirkt, ohne dass dabei eine klassische wissenschaftliche Schule herausgekommen wäre, sehr wohl aber eine Denkschule. Und das wiederum hat durchaus dazu beigetragen, dass nicht wenige sich potentiell eher &#132;sokratisch&#147; denn &#132;erasmisch&#147; verhielten. In der Offenen Gesellschaft muss man nicht zwischen dem einen oder dem anderen wählen, man kann hier für die Freiheit streiten, ohne ernstliche Sanktionen zu befürchten. Die geschlossene Gesellschaft aber bedarf auch sokratischer Intellektueller, die die Aufnahmebedingungen in die Societas Erasmiana erfüllen, um die Mauern niederzureißen und die vergleichsweise langweilige Offene Gesellschaft zu ermöglichen.</p>
<p>1    Thomas Morus: Utopie. Leipzig: Verlag Ph. Reclam, 1985, 7. Aufl., S. 86.<br />2    John Stuart Mill: Über die Freiheit. Stuttgart: Ph. Reclam jun., 1988, S. 16.</p>
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