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	<title>Herrschaft Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Der kühle Glanz des Charismas: Ein aktueller Literaturbericht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Sep 2024 11:15:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Adolf Hitler]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn ein Begriff facettenreich und vieldeutig ist, dann ist ein Sammelband der beliebte pragmatische Weg, sich der Sache in „dichten Beschreibungen“ zu nähern. Am Anfang dieses Literaturberichts stehen deshalb zwei Bände dieser Gattung. Und siehe da, die Stärken dieses Konzepts überwiegen die Schwächen deutlich: Wilfried Nippel (Hg.): Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn ein Begriff facettenreich und vieldeutig ist, dann ist ein Sammelband der beliebte pragmatische Weg, sich der Sache in „dichten Beschreibungen“ zu nähern. Am Anfang dieses Literaturberichts stehen deshalb zwei Bände dieser Gattung. Und siehe da, die Stärken dieses Konzepts überwiegen die Schwächen deutlich:</p>
<p><em>Wilfried Nippel</em> (Hg.): Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao, C.H. Beck: München 2000, 320 S., ISBN 3-406-46045-3; 24,90 Euro</p>
<p>Nach einer profunden Einleitung des Herausgebers, der den Stand der Weber-Exegese in Sachen Charisma nachzeichnet, folgen fünfzehn Fallstudien, in denen „Webers Kategorien als Interpretationsangebote genommen werden“. So untersucht Hans-Ulrich Thamer die persönlichen Qualitäten Napoleons, während Ludolf Herbst nach der Inszenierungskunst und der Struktur der Anhängerschaft bei Hitler fragt und Dietmar Rothermund am Beispiel Gandhis die Kommunikation zwischen Führer und Anhängerschaft analysiert. Behandelt werden nach diesem System die üblichen Charisma-Verdächtigen von Caesar über Lincoln bis Perón und Mao; bei den Autoren handelt es sich durchgehend um ausgewiesene Fachleute in ihrem Feld.</p>
<p>Churchill, Lady Di, Stalin und John Wayne auf das Cover zu bringen, zeugt von Chuzpe. Doch damit nicht genug. Der zweite Sammelband:</p>
<p><em>Walter Jacobs</em> (Hg.): Charisma. Revolutionäre Macht im individuellen und kollektiven Erleben, Chronos: Zürich 1999, 232 S., ISBN 3-905313-36-7; 19,50 Euro</p>
<p>vermag auch so gegensätzliche Autoren wie den Heidelberger Soziologen M. Rainer Lepsius und einen Chefredakteur der Schweizer Boulevardpostille <em>Glückspost</em> zwischen zwei Buchdeckeln zu vereinen, letzterer als Experte für die „Prinzessin des Herzens“ und deren Wirkung zwischen Charisma und medialem Mythos. Lepsius steuert einen schon 1993 erschienenen und mittlerweile klassisch gewordenen Aufsatz zur charismatischen Herrschaft im Führerstaat Hitlers bei. Die übrigen sechs Autoren bedienen die ganze Spannbreite zwischen religiöser Erscheinungsform, filmischen Wirkungen (John Wayne) und den sowjetischen Herrschaftsvarianten.</p>
<p>Im Kontext der Charisma-Forschung eigentlich ein paradoxer Befund: die Politiker von heute seien weniger charismatisch als die vergangener Tage, gleichzeitig nehme aber die Personalisierung der Politik (Stichwort: <em>Candidate-Voting</em>) unaufhaltsam zu. Klarheit in diese Gemengelage bringt jetzt:</p>
<p><em>Frank Brettschneider</em>: Spitzenkandidaten und Wahlerfolg. Personalisierung &#8211; Kompetenz &#8211; Parteien. Ein internationaler Vergleich, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2002, 256 S., ISBN 3-531-13722-0; Euro 29,90</p>
<p>Brettschneider kommt das Verdienst zu, die These von der zunehmenden Kandidatenorientierung der Wähler zu Lasten der (Partei-)Programme endlich einer empirischen Prüfung unterzogen zu haben. Dazu nutzt er die Resultate der insgesamt 32 nationalen Wahlen in den USA, Großbritannien und Deutschland von 1960 bis 2000 für eine Langzeitanalyse. Sein Fazit: „Die […] Personalisierungsbehauptung, wonach Kandidatenorientierungen in den letzten Jahrzehnten für das Wählerverhalten wichtiger geworden sind, ist falsch. In keinem der drei untersuchten Länder gibt es seit 1960 einen entsprechenden Trend. Allerdings variiert das Ausmaß des ,Candidate-Voting&#8216; von Wahl zu Wahl und es unterscheidet sich von Land zu Land.“ (207)</p>
<p>In der Mediengesellschaft lässt sich persönliches Charisma von inszeniertem Starkult nur noch schwer trennen. Den vielfältigen Verbindungslinien zwischen beiden geht das folgende Bändchen nach:</p>
<p><em>Jürg Häusermann</em> (Hg.): Inszeniertes Charisma. Medien und Persönlichkeit, Max Niemeyer Verlag: Tübingen 2001, 161 S., ISBN 3-484-34050-9; 44 Euro</p>
<p>„Inszeniertes Charisma“, schreibt der Herausgeber, „das ist Charisma in einem sekundären Sinn“. Denn Charisma operiert dann nicht mehr als Wirkungsmacht entfaltende Eigenschaft einer Person, sondern als quasi implementiertes Phänomen, das nur so lange zum Tragen kommt, wie die künstlich hergestellten und sorgsam konstruierten Bedingungen dies erlauben. Zwischen der Person und den ihr zugeschriebenen Eigenschaften besteht keine zureichende Deckung mehr. Genau diesen Inszenierungsstrategien gehen die Autoren nach: Hartmut Gabler schreibt über „Charismatische Persönlichkeiten im Sport“, Ute Bechdolf über „Marlene, Marilyn und Madonna als Heldinnen der Popkultur“ und Hans Norbert Janowski über die Rolle der Person bei der medialen Charismazuschreibung. Letztendlich wirft das Buch aber mehr Fragen auf, als es beantworten kann, denn die „Annahme, es gebe in der Wirkung einer Persönlichkeit einen Kern, der sich nicht inszenieren lasse, scheint an mehreren Stellen durch“. (9)</p>
<p>Auf die Suche nach neuartigen Charismaformen als gegenwärtigem Zeitgeistphänomen macht sich:</p>
<p><em>Malte Lenze</em>: Postmodernes Charisma, Marken und Stars statt Religion und Vernunft, Deutscher Universitäts-Verlag: Wiesbaden 2002, 217 S., ISBN 3-8244-4495-X; 29,90 Euro</p>
<p>Das Buch ist durchweg anregend: Der Actionfilm <em>Terminator</em> und sein Star Arnold Schwarzenegger als moderner Charismatiker findet sich hier ebenso wie die Fetischisierung der Lebenswelt am Beispiel des Fernsehers. Der Leser ist Zeuge eines Parforceritts durch alle Spielarten moderner Medientheorie, bei dem selbst Weber schwindlig geworden wäre. Weiterführend sind in jedem Fall die Analysen Lenzes zur medialen Inszenierung von Charisma: Es geht dabei um das Wechselverhältnis von Sinnstiftung und Sinnsuche.</p>
<p>Auch in ganz anderen Bereichen wird dem Charisma nachgespürt: Ein durchherrschter Raum wie ein Unternehmen mit starken Vertikalstrukturen ist ein dankbares Objekt für eine Untersuchung von Machtbeziehungen. In einer betriebswirtschaftlichen Dissertation widmet sich:</p>
<p><em>Holger Daners</em>: Charisma in Organisationen. Die Perpetuierung charismatischer Führung, Shaker: Aachen 1999, 281 S., ISBN 3-8265-5750-6; 47 Euro</p>
<p>charismatischer Führung in Unternehmen und Organisationen. Biographien von Unternehmerlegenden wie Lee Iacocca oder Jack Welch werden auch hierzulande gerne gelesen &#8211; doch aus ihnen erfährt man kaum etwas über die Binnenstrukturen innerbetrieblicher Herrschaft. Der Autor vermag es, Webersche Kategorien zu übertragen, von den Motivationswirkungen und der Effektivität charismatischer Führung zu sprechen &#8211; wenngleich er allzuoft in bloßer Literaturzusammenstellung stecken bleibt. Und es bleibt unklar, weshalb ein auf Rationalität und Bürokratie beruhendes System wie ein Unternehmen mit einer charismatischen Führung erfolgreicher sein sollte. Was für Krisenzeiten richtig sein kann, ist in alltäglicher Prosperität oft ineffektiv.</p>
<p>Die politische Rede ist quasi die Königsdisziplin des Charismatikers, mit der er seine Anhänger mobilisiert und seine Gegner bedroht bzw. zu überzeugen versucht, ob auf der Aktionärsversammlung, im Parlament oder auf einer Demonstration.</p>
<p>Für eine Wiederbelebung der klassischen „republikanischen Rede“, die nicht nur überzeugen und gut ankommen, sondern zur wirklichen Klärung der Dinge beitragen will, plädiert in einem leidenschaftlichen Essay</p>
<p><em>Uwe Pörksen</em>: Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede, Klett-Cotta: Stuttgart 2002, 200 S., ISBN 3-608-94055-3; 16 Euro</p>
<p>Folgt man den Thesen des emeritierten Freiburger Literaturwissenschaftlers, ist mit dem Niedergang der politischen Rede und ihrer Ersetzung durch Darstellungskunst auch ein Niedergang des Politischen an sich erfolgt. Gründe dafür sieht Pörksen viele: den zunehmenden Einfluss von Medien, Technik und Naturwissenschaft auf die Politik, den Verlust an Gestaltungsfreiheit, aber auch das Aufkommen eines neuen Politikertypus. Doch Pörksen gibt die Rede nicht verloren. Spätestens in periodisch wiederkehrenden Krisen oder Umbruchszeiten erlebe sie eine Renaissance. Und während man darauf wartet, kann man sich an Pörksens glänzend geschriebenen Analysen und Handreichungen für die „wahre“ republikanische Rede freuen.</p>
<p>Die gesprochene Geschichte Westdeutschlands &#8211; so könnte man die erste Auflage der „Reden, die die Republik bewegten“ auch nennen. Mit seiner Redensammlung deutscher<br />
Politiker bot Herausgeber Horst Ferdinand 1988 einen Überblick zu den wichtigsten Stationen der Nachkriegsgeschichte. Nun also die zweite, erweiterte Ausgabe, die bis zum Jahr 1999 reicht:</p>
<p><em>Horst Ferdinand</em>: Reden, die die Republik bewegten, Leske + Budrich: Opladen 2002, 662 S., ISBN 3-8100-3338-3; 18 Euro.</p>
<p>Die Denkmäler sind alle noch dabei: Erhard (Wohlstand), Strauss (Verteidigung), Brandt (Ostpolitik) und so weiter. Das ist interessant, oft lustig, aber im Grunde bekannt. Spannender ist es da, zu sehen, welches Konzentrat der (vielen, vielen) Worte, die dem Volk in den Jahren 1989 bis 1999 um die Ohren flogen, vom Herausgeber das Prädikat „republikbewegend“ erhielten. Peter Glotz&#8216; Plädoyer für Bonn als Regierungssitz etwa, insbesondere: Beifall und Zwischenrufe. Da wird sich manch einer ärgern.</p>
<p>Gleich zwei Bände widmen sich der wichtigsten Rede eines deutschen Bundeskanzlers, der großen Regierungserklärung:</p>
<p><em>Karl-Rudolf Korte</em> (Hg.): &#8222;Das Wort hat der Herr Bundeskanzler.&#8220; Eine Analyse der großen Regierungserklärungen von Adenauer bis Schröder, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2002, 479 S., ISBN 3-531-13695-X; 34,90 Euro</p>
<p>und</p>
<p><em>Klaus Stüwe</em> (Hg.): Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schröder, Leske+Budrich: Opladen 2002, 408 S., ISBN 3-8100-32204; 34,90 Euro.</p>
<p>Sämtliche in der Bundesrepublik abgegebenen Regierungserklärungen sind in beiden Bänden dokumentiert. Allerdings werden diese in dem Band von Stüwe nur durch eine 24-seitige, recht allgemein gehaltene Einführung sowie maximal halbseitige Kurzbiografien eingerahmt, während in dem von Korte herausgegebenen Buch zahlreiche quantitative und qualitative Analysen zur Regierungserklärung als solcher und den einzelnen Reden zu finden sind. Interessant ist vor allem die Studie von Antje Schwarze und Antje Walther über die Aufgaben und Arbeitsmethoden der Redenschreiber im Bundeskanzleramt. Allerdings bleiben die meisten Einzelanalysen zu sehr innerhalb des starren vorgegebenen methodischen Rahmens, als dass sie erklären könnten, was etwa Willy Brandts Regierungserklärung von 1969 zu einer Besonderheit deutscher Parlamentsgeschichte macht.</p>
<p>Allen bekannt sind: Die Fliege und die Havanna. Vielen bekannt sind: die Verve für Empire und Freiheit. Dass die „britische Bulldogge“ auch ein literarisches Leben führte, wissen hierzulande indes Wenige. Klaus Körner hat nun eine Auswahl der von 1946 bis 1950 erschienenen siebenbändigen deutschen Übersetzung der Kriegsreden des Winston Churchill vorgenommen:</p>
<p><em>Klaus Körner</em> (Hg.): Winston S. Churchill. Reden in Zeiten des Krieges. Europa Verlag: Hamburg 2002, 319 S., ISBN-Nr. 3-203-76021-5; 24,90 Euro.</p>
<p>Kriegsreden? <em>Well</em>, während der Brite seine Bücher diktierte, schrieb er seine Reden stets vorher nieder. Wenn nicht der eigentliche Kern, so sind sie doch zweifelsohne ein fester Bestandteil seines literarischen Werks. Die Lektüre lohnt nicht wegen des Pathos, sondern vor allem wegen der Scharfsinnigkeit und des historischen Weitblicks.</p>
<p>Häufig wird Churchills Gegenspieler, Adolf Hitler, als Typus des Charismatikers schlechthin beschrieben. Eine buchlange Deutung des Aufstiegs von Hitler aus der Weberschen Charisma-Terminologie heraus hat aber bislang nur ein Autor unternommen, dessen Studie jetzt zum Glück in einer aktualisierten Neuauflage vorliegt:</p>
<p><em>Ian Kershaw</em>: Hitlers Macht. Das Profil der NS-Herrschaft, Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2001, 267 S., ISBN 3-423-30757-9; 10 Euro.</p>
<p>Die aus dem Jahre 1992 stammende Erstfassung war noch eine Vorstudie des Autors zu seiner großen Hitler-Biografie, nun in der überarbeiteten Fassung ist das Bändchen eher als Ergänzung zu verstehen. Im Zentrum steht die Frage, wie es zur Ausbildung von Hitlers Charisma kam und wie dies zur Machterlangung und -erhaltung der Nationalsozialisten eingesetzt werden konnte. Dabei läuft das Buch keinen Moment Gefahr, die sozialen und mentalen Großstrukturen, in die Hitlers Aufstieg eingebettet war, aus den Augen zu verlieren. Es geht nicht darum, wie Hitler mittels seines Charismas Geschichte machen konnte, sondern darum, wie sein Charisma zu einem bestimmten historischen Moment zur Entfaltung kam und Wirkungsmacht zeigte.</p>
<p>Noch zwei weitere Bücher können &#8211; wenn auch nicht unter der Charisma-Fragestellung verfasst &#8211; zur Erhellung des Phänomens Hitlers aus einer neuen Perspektive beitragen:</p>
<p><em>Ian Kershaw</em>: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Deutsche Verlagsanstalt: Stuttgart 1999, 396 S., ISBN 3-421-05285-9; 21 Euro.</p>
<p>Auch hier handelt es sich um die Neuauflage eines Klassikers. Denn so wie Kommunikationsforschung ohne Wirkungsanalysen nicht denkbar ist, kann auch Charisma nicht ohne den Resonanzboden der Rezeption des Führers durch seine Anhänger und Gegner erforscht werden. Und Kershaws große Studie aus dem Umfeld des berühmten Bayern-Projekts von Martin Broszat und Peter Hüttenberger ist nach wie vor die elaborierteste Arbeit über die Decodierung des Hitler-Mythos&#8216; in einem deutschen Teilstaat. Einen ganz anderen Weg geht:</p>
<p><em>Barbara Zehnpfennig</em>: Hitlers <em>Mein Kampf</em>. Eine Interpretation, Wilhelm Fink Verlag: München 2002 (2. Aufl.), 348 S., ISBN 3-7705-35333-2, 25,20 Euro</p>
<p>Hier geht es nicht um die Außenbetrachtung oder Rezeption Hitlers, sondern um die Innenanalyse auf Grundlage von Hitlers berüchtigter Bekenntnisschrift, die halb Programm und halb Autobiografie ist. Mit dem Ansatz, <em>Mein Kampf</em> als ernst zu nehmende Quelle für die Hitler-Forschung fruchtbar zu machen, werden auch Aussagen über Hitlers<br />
„charismatische Selbstwahrnehmung“ und seine Vorstellungen vom politischen Führer möglich: So wird deutlich, dass Hitler sich seiner Ausstrahlung wohl bewusst war, an ihrer ständigen Schärfung arbeitete und über deren Einsatz intensiv nachdachte.</p>
<p>Auf drei Fallbeispiele von Charisma will sich:</p>
<p><em>Georg Eickhoff</em>: Das Charisma der Caudillos: Cárdenas, Franco, Péron, Vervuert: Frankfurt/Main 1999, 320 S., ISBN 3-89354-873-4; 28,80 Euro</p>
<p>konzentrieren. So ist ein gut lesbares Buch entstanden, mit Sinn für pittoreske Szenerien, in denen die Wirkung der Caudillos in den iberoamerikanisch-katholischen Ländern im Zeitalter des Weltbürgerkriegs deutlich wird. Manches Mal hat man allerdings den Eindruck, dass der Autor selbst den auratischen Wirkungen der Caudillos erliegt und mit seiner schwelgerischen Sprache über die Stränge schlägt; die sezierende Herrschaftsanalyse ist seine Sache leider nicht. Gerade im Kapitel über Rolle und Funktion Evita Perons für das charismatische Regime ihres Mannes wünschte man sich, mehr als bloße dramatisierende Form der Nacherzählung ihres Schicksals. Was die Caudillos von ihren Pendants Hitler oder Mussolini unterschied, bleibt unklar.</p>
<p>Einen Person gab es in Deutschland nach 1945 zum Glück nicht. Das deutsche Regierungssystem ist gerade unter Rot-Grün immer mehr zu einer Ministerpräsidentendomäne geworden, allen Warnungen z.B. von Wilhelm Hennis zum Trotz. Die Wechsel von Lafontaine, Schröder, Klimmt, Eichel und jetzt Stolpe und Clement ins Bundeskabinett sprechen eine deutliche Sprache. Grund genug, sich diesem Amt einmal politikwissenschaftlich zu nähern:</p>
<p><em>Herbert Schneider</em>: Ministerpräsidenten. Profil eines politischen Amtes im deutschen Föderalismus, Leske+Budrich: Opladen 2001, 434 S., ISBN 3-8100-3030-9; 36,90 Euro.</p>
<p>Das Buch bietet umfassende Informationen in systematischer und historischer Perspektive, mit einer Fülle von Beispielen und statistischem Material. Die Unterschiede im Amtsverständnis, variierend mit den einzelnen Länderverfassungen geraten in den Blick, die soziale Herkunft, Karrierewege, die Organisation der Staatskanzleien und die länderübergreifende Zusammenarbeit. Auch dreißig Seiten allein über das Selbstverständnis der Ministerpräsidenten (u.a. als Landesvater, Manager und Kommunikator) gibt es. Implizit wird ein ganzes Forschungsfeld politischer Karrieren in Deutschland abgesteckt: politisches Charisma diesseits der nationalen Politik.</p>
<p>Die „Geschichte eines Landes im Spiegel der Biographien seiner Kanzler“ erzählen &#8211; dieser Aufgabe stellen sich zwei nicht sonderlich „strukturstarke“ Historiker:</p>
<p><em>Arnulf Baring/Gregor Schöllgen</em>: Kanzler, Krisen, Koalitionen, Siedler Verlag: Berlin 2002, 318 S., ISBN 3-88680-762-2; 24,90 Euro</p>
<p>Als Begleitbuch zu einer RTL-Fernsehreihe geschrieben, entspricht der Band dem Geschmack eines breiten Publikums. Geschichte wird in Geschichtchen erzählt, allenfalls in der Außenpolitik kommt es mal zu systematischeren Überlegungen. Nun darf man nicht den Maßstab einer Habilitationsschrift anlegen. Doch die Einsicht, dass sich die personelle „Innenausstattung der Macht“ (Peter Glotz) und eben auch das Charisma im Politischen nicht ohne Sinn für das Überpersönliche, mithin gesellschaftliche Strukturen, beschreiben und vermitteln lassen, ignorieren beide Autoren souverän. Darüber vermögen auch die gute Lesbarkeit, brillante Porträts und die intime Kenntnis deutscher Nachkriegsgeschichte, die beide Autoren demonstrieren, nicht auf Dauer hinwegzutrösten.</p>
<p>Wenn einem deutschen Politiker dieser Zeit charismatische Fähigkeiten nachgesagt werden, so ist das Willy Brandt (vgl. auch den Beitrag von Wolther von Kieseritzky in diesem Heft). Zehn Jahre nach seinem Tod hat er in Peter Merseburger den sicher für lange Zeit definitiven Biografen gefunden:</p>
<p><em>Peter Merseburger</em>: Willy Brandt 1913-1992. Visionär und Realist, Deutsche Verlags-Anstalt: München 2002, 927 S., ISBN 3-421-05328-6; 32 Euro</p>
<p>Gewiss kann man darüber streiten, ob jede Randepisode in Brandts Vita so breit hätte reflektiert werden müssen, wie das bei Merseburger fast durchweg der Fall ist. Die drei Jahre Arbeit des Autors, verbunden mit umfangreichen Archivstudien, haben sich jedenfalls gelohnt: Das Leben des Emigranten und Triumphators der „Willy-Wahlen“ 1972 wird allumfassend dargestellt. Auch der Charismatiker Brandt wird hier den Nachgeborenen erklärlich: Brandt eignete sich in seiner „inspirativen Verschwommenheit“ (Timothy Garton Ash) ideal zur Projektionsfläche für Sehnsüchte und Wünsche, sei es beim Kniefall in Warschau, sei es mit der legendären Geste im <em>Erfurter Hof</em> oder noch einmal kurz nach dem Mauerfall 1989 für viele DDR-Bürger.</p>
<p>Über Brandts momentanen Amtsnachfolger lässt sich gleiches kaum sagen, allen Flut-und sonstigen Katastrophen zum Trotz. Gleichwohl werden ihm oft mediencharismatische Fähigkeiten zugeschrieben. Nun haben gleich zwei Kenner der politischen Szenerie Biographien verfasst; beide wurden zum Teil heftig kritisiert. Der Spiegel-Redakteur:</p>
<p><em>Jürgen Hogrefe</em>: Gerhard Schröder. Ein Porträt, Siedler: Berlin 2002, 223 S., ISBN 388680-757-6; 19,90 Euro</p>
<p>macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für das Hannoveraner<em> political animal</em>. Entstanden ist ein Porträt, das von einer Fülle von Anekdoten seiner Interviewpartner und selbst beobachteter Details lebt. Das liest sich schnell und locker-flockig, doch wer mehr darüber wissen möchte, warum Schröder und nicht man selber im Kanzleramt sitzt, der bleibt nach der Lektüre ratlos. Das Ganze ist eben auch im Falle Schröder mehr als die Summe seiner Teile, doch um dieses zu erfassen, bräuchte es mehr Abstand, den Hogrefe nicht hat. So jagt eine Begebenheit die nächste, und sei sie noch so unwichtig: denn fast immer ist der Autor dabei. Auch der Charisma-Abschnitt (127ff.) enttäuscht, denn außer der knappen Feststellung, dass Schröder „es“ nicht hat (begleitet von mittlerweile ermüdenden Beschreibungen, wie sich der Kanzler durch irgend einen Journalistenpulk zu kämpfen hat) findet sich da nichts.</p>
<p>Reinhard Urschel, Redakteur der <em>Hannoverschen Allgemeinen</em>, spielt dagegen seinen Heimvorteil aus: In der weitaus umfangreicheren Biographie:</p>
<p><em>Reinhard Urschel</em>: Gerhard Schröder. Eine Biographie, Deutsche Verlags-Anstalt: München 2002, 399 S., ISBN 3-421-05508-4; 22 Euro</p>
<p>findet der Leser all das, was er über das legendäre Hannoveraner Umfeld des Kanzlers und dessen dortigen Werdegang wissen möchte. Des Autors intime Kenntnis dieses Milieus gereicht dem Buch oft zum Vorteil: Schröders soziale Beziehungen, die äußere Struktur seiner Existenz wird sichtbar. Natürlich sind Urschels persönliche Erinnerungen an Moderatorin X, die irgendwann mal etwas Falsches in die Kamera sagte, völlig unwichtig und dokumentieren allenfalls das aufgeräumte Korrespondenten-Archiv mit eigenen Artikeln sowie Eitelkeit. Jedoch vermag der vorgebildete Leser sich aus dem von analytischer Schärfe nicht gerade angekränkelten Text ein genaueres Bild vom Kanzler zusammenzusetzen.</p>
<p>Schröder zum dritten: Eine Studie des Kanzlers, die Spaß macht, hat ein junger Münsteraner Politikwissenschaftler vorgelegt (vgl. auch den Beitrag des Autors in diesem Heft):</p>
<p><em>Werner Dieball</em>: Gerhard Schröder. Körpersprache. Wahrheit oder Lüge? Prewest: Bonn 2002, 206 S., ISBN 3-9808302-0-9; 17,90 Euro</p>
<p>In einer unorthodoxen Mischung aus sozialpsychologischen und kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen rekonstruiert Dieball eine für jedermann ersichtliche Seite des „Medienkanzlers“: seine Körpersprache und all das, was seine Gestik und Mimik uns verrät. Im ersten, allgemeinen Teil erfährt man alles über Funktionsweisen und Mechanismen der Körpersprache, im zweiten wird deren Beeinflussung durch die Medien thematisiert und danach, im Hauptteil, der körpersprachliche Werdegang des Politikers Schröder von seinen Juso-Zeiten 1978 bis heute anhand von Filmausschnitten (Reden, Auftritte, Fernsehdiskussionen usw.) analysiert. Treffende Fotos untermauern die Beschreibungen &#8211; was wohl der Kanzler zu dieser Art der „Ausforschung“ sagen würde?</p>
<p>Dass der lange Lauf zu sich selbst für den derzeitigen Außenminister noch nicht zu Ende ist, meinen die beiden Berliner Journalisten:</p>
<p><em>Matthias Geis/Bernd Ulrich</em>: Der Unvollendete. Das Leben des Joschka Fischer, Alexander Fest: Berlin 2002, 252 S., ISBN 3-8286-0175-8; 24,90 Euro</p>
<p>Aus der Vielzahl enttäuschender biographischer Arbeiten zu Fischer (vgl. <em>vorgänge</em> 157 „Rot/Grün eine Bilanz“: 115f.) ragt dieses opulent bebilderte Buch über einen, von dem man fast alles weiß und der doch ein Rätsel bleibt, sprachlich und analytisch heraus. Chronologisch in der Anlage, liegen die Stärken des Buches vor allem in der Darstellung der Sponti-Zeit des Grünen sowie seiner Rolle in den grünen Wirrnissen der 1980er Jahre. Schwächer werden die Regierungsjahre seit 1998 durchdrungen; der fehlende Draufblick macht sich bemerkbar. Die angestrebte &#8218;Kühle&#8216; im Blick auf den Gegenstand (12) erreichen die Autoren auf keiner Seite: die Nähe des Objekts zwanzigjähriger Beobachtung ist immer präsent. Gleichwohl ist das Buch eine eminent kluge Beobachtung desjenigen, der „sich und andere von fast allem überzeugen und für fast alles begeistern kann. Und für dessen Gegenteil.“ (233)</p>
<p>Zum Schluss zwei ästhetische Annäherungen: Was Macht mit den Gesichtern von Politikern anrichten kann und wie sie sich über die Jahre in Gesichtszüge einbrennen kann (um dann freilich vielfach unter dicken Speckwülsten zu verschwinden), dass zeigt der üppig aufgemachte Fotoband:</p>
<p><em>Herlinde Koelbl</em>: Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen durch das Amt. Eine Langzeitstudie, Knesebeck Verlag: München 2000, 400 S. mit 120 Fotografien, ISBN 3-89660-135-0; 29,90 Euro</p>
<p>Die Autorin hat über acht Jahre hinweg Spitzenpolitiker (unter ihnen Angela Merkel, Joschka Fischer und Gerhard Schröder), Wirtschaftsführer und einen hochkarätigen Journalisten (Frank Schirrmacher) einmal im Jahr interviewt und fotografiert. Herausgekommen sind dabei intime Einblicke in den Narzissmus und das unbedingte Machtstreben, aber auch in die Verletzlichkeit der deutschen Politiker-Seele oder &#8211; wie Joschka Fischer sagt: „Politiker sind die Menschen mit den schmalen Lippen, weil sie so viel runterschlucken.“ Im Langzeitverlauf dokumentieren die Bilder den Verschleiß des politischen Führungspersonals &#8211; das Schwinden des Leuchtens aus den Augen, das langsame Senken der Mundwinkel, das Erschlaffen der Körper &#8211; aber auch gewonnenes Selbstbewusstsein, Selbstzufriedenheit und, zumindest bei einigen, die Entstehung charismatischer Wirkungen.</p>
<p>Fotografien dominieren auch den Band von:</p>
<p><em>Gabriele Kahnert</em>: Bühnen der Macht. Bilder aus Bonn, Hamburger Edition: Hamburg 1999, 79 S., ISBN 3-930908-55-7; 18 Euro</p>
<p>Erstaunlich rasch ist Bonn seit dem Regierungsumzug aus dem Bildgedächtnis der Deutschen verschwunden. Fosters Reichstagskuppel hat Wasserwerk und Behnisch-Bau erfolgreich verdrängt. Umso wichtiger ist dieser Fotoband, 1998 enstanden, der dem Ort, an dem fünfzig Jahre lang bundesdeutsche Politik gemacht, inszeniert und durchlitten wurde, ein kleines, feines Denkmal setzt. Menschenleer werden Kanzleramt (Helmut Schmidts „Kreissparkasse“), Ministerien und Parlamentsgebäude außen und innen gezeigt, Blumenrabatten und Kanzlersessel. Passenderweise gilt das letzte Foto dem ARD-Studio, aus dem der <em>Bericht aus Bonn</em> kam. Beim Betrachter stellt sich Melancholie und auch schon Fremdheit beim Blick auf diese vergangene Epoche ein. Es könnte sein, dass sich in diesen Bildern die Erklärung findet, warum in der zivilen Bonner Republik kaum Raum für Charisma war. Soll man dies bedauern?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/der-kuehle-glanz-des-charismas-ein-aktueller-literaturbericht/">Der kühle Glanz des Charismas: Ein aktueller Literaturbericht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Herrschaft und Rhetorik bei Max Weber</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/herrschaft-und-rhetorik-bei-max-weber/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Sep 2024 10:03:51 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Sozialtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wohl kaum ein Denker des 20. Jahrhunderts hat die Sozialwissenschaften auf so vielfältige Weise inspiriert wie Max Weber. Ganze Forschergenerationen haben sich an seinem Werk abgearbeitet; die ,Weberologie&#8216; hat, vor allem seit dem Erscheinungsbeginn der Max-Weber-Gesamtausgabe, scheinbar alle Bereiche seines Denkens kanonisiert. Doch dieser Eindruck täuscht: Immer noch gibt es zentrale Aspekte zumal der politischen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wohl kaum ein Denker des 20. Jahrhunderts hat die Sozialwissenschaften auf so vielfältige Weise inspiriert wie Max Weber. Ganze Forschergenerationen haben sich an seinem Werk abgearbeitet; die ,Weberologie&#8216; hat, vor allem seit dem Erscheinungsbeginn der Max-Weber-Gesamtausgabe, scheinbar alle Bereiche seines Denkens kanonisiert. Doch dieser Eindruck täuscht: Immer noch gibt es zentrale Aspekte zumal der politischen Theorie Webers, die auf ihre Entdeckung und Interpretation warten. Um einen von ihnen soll es hier gehen.</p>
<p>Schon Roland Barthes hat die Omnipräsenz der alten Rhetorik in der europäischen Kultur angedeutet (Barthes 1970). Die „rhetorische Wende“ ist parallel dazu international in die akademische Welt eingedrungen, nicht zuletzt in die Politikwissenschaft (z.B. Nelson 1998) und in die Geschichte des politischen Denkens (z.B. Skinner 1996). Erstaunlicherweise zeigen sich in der Max-Weber-Forschung aber nur wenige Spuren von beidem. In dem jüngst veröffentlichten Sammelband <em>Max Webers Herrschaftssoziologie</em> (Hanke/Mommsen 2001) etwa fehlen die Stichworte &#8218;Rhetorik&#8216; und „Rede“ im Sachregister.</p>
<p><em>Die römische Agrargeschichte in ihrer Bedeutung für das Staats- und Privatrecht:</em></p>
<p>Der Titel seiner Habilitationsschrift (1891) verweist schon auf althistorische Themen bei Weber, die sich in späteren Werken bei ihm vielfach finden. Sie lassen sich, etwas überspitzt formuliert, bis in seine klassisch-humanistisch geprägte Schulzeit zurückverfolgen: Mit zwölf Jahren las er Machiavelli und kritisierte mit vierzehn „die schwache Politik Ciceros“ gegenüber Catilina (Weber 1936: 3, 12). Dieser Hintergrund zeigt sich später sowohl in seinen Begriffen, Klassifikationen und Unterscheidungen als auch im Gebrauch antiker Termini für moderne Verhältnisse. So zieht er zum Beispiel eine direkte Linie vom antiken Typus des <em>demagogos</em> zum modernen Berufspolitiker: „Der, Demagoge&#8216; ist seit dem Verfassungsstaat und vollends seit der Demokratie der Typus des führenden Politikers im Okzident. Der unangenehme Beigeschmack des Wortes darf nicht vergessen lassen, dass nicht Kleon sondern Perikles der erste war, der diesen Namen trug.&#8220; (Weber 1919: 54). [1]</p>
<p>Nach Weber bedeutet charismatische Herrschaft „Macht des Geistes und der Rede“ (Weber 1922: 481). Die explizite rhetorische Dimension ist demnach beim charismatischen Typus am stärksten. Jedoch die gesamte Legitimitäts- und Herrschaftsproblematik ist bei Weber vom rhetorischen Begriffsinstrumentarium geprägt. Davon wird im Folgenden die Rede sein.</p>
<h3 class="">Chancen der Herrschaft</h3>
<p>Webers berühmte Definition der Herrschaft lautet: „<em>Herrschaft</em> soll heissen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“ (Weber 1921/22: 28, 122; Weber 1922: 475) Begriffsgeschichtlich gesehen neutralisiert Weber damit den obrigkeitsfixierten Herrschaftsbegriff (vgl. Koselleck 1979: 128). Diese Neutralisierung hängt mit Webers zentraler begrifflicher Innovation zusammen, wonach soziale Beziehungen immer Komplexe von Chancen sind. In dieser Perspektive ist Herrschaft weder ein Besitz noch eine bloße Relation von Über- und Unterordnung, sondern hängt von den Handlungen der in der Situation anwesenden Personen ab.</p>
<p>Im Unterschied zum amorphen Begriff der Macht verweisen Befehl und Gehorsam auf die Asymmetrie der Herrschaftschancen: auf eine eindeutige Unterscheidung zwischen denen, die in aktueller Hinsicht in der Lage sind, Befehle zu erteilen, und denen, die dadurch zum Gehorsam angerufen werden. Webers Pointe liegt darin, dass beide über besondere Chancen, über bestimmte Machtanteile (vgl. Weber 1919: 36) verfügen: Die Befehlenden haben die Chance der Initiative zur Veränderung der Situation, während die zum Gehorsam Aufgerufenen sowohl durch Gehorchen als auch durch Verweigerung über spezifische Chancen verfügen.</p>
<p>Weber ist ein militanter Nominalist und nimmt auch gegen Kollektivbegriffe Stellung (z.B. Weber 1904: 210-212). Insofern singularisiert er auch die Rede von Macht-und Herrschaftsanteilen. In einem Brief an Robert Michels anlässlich des Erscheinens der <em>Soziologie des Parteiwesens</em> polemisiert Weber Ende 1910 gegen den diffusen Allerweltsbegriff der Herrschaft: „Alles in Allem: der Begriff ,Herrschaft&#8216; ist nicht <em>eindeutig</em>. Er ist fabelhaft <em>dehnbar. Jede</em> menschliche, auch: gänzlich individuelle Beziehung enthält <em>Herrschafts</em>-Elemente, vielleicht <em>gegenseitige</em> (dies ist sogar die <em>Regel</em>. so z.B. in der <em>Ehe</em>). Im gewissen Sinn <em>herrscht der Schuster</em> über <em>mich</em>, in gewissen <em>anderen ich über ihn</em> &#8211; <em>trotz</em> seiner Unentbehrlichkeit u. alleinigen Competenz. Ihr Schema ist zu <em>einfach</em> [&#8230;]“ (Weber 1994b: 761).</p>
<p>Damit verabschiedet sich Weber von der konventionellen staatlichen Herrschaftskonzeption und lässt Herrschaft als eine politisch bedeutsame Beziehung auch im privaten Bereich auftreten. Darüber hinaus verlangt jede Herrschaft bei Weber eine spezifische Rechtfertigung: Seine Konzeption entspricht so einer allgemeineren Tendenz, mit der im Laufe des 19. Jahrhunderts das Bedürfnis zur Legitimation der Herrschaft von einer Ausnahme zur Regel wurde (Hilger in: Koselleck u.a. 1982: 98).</p>
<p>Um die Asymmetrie der herrschaftlichen Machtanteile zu legitimieren, setzen also sowohl die Akzeptanz als auch die Verwerfung der jeweiligen Herrschaftsansprüche eine persuasive Aktivität hinsichtlich der zum Gehorsam Bestimmten voraus. In diesem Sinne ist bei Weber jede Herrschaft auf Rhetorik angewiesen, um als legitim verstanden zu werden. Dementsprechend beruft er sich auf den Chancen-Charakter der Legitimität der Herrschaft: „Die ,Legitimität&#8216; einer Herrschaft darf natürlich auch nur als <em>Chance</em>, in einem dafür relevanten Maße gehalten werden und praktisch behandelt zu werden, angesehen werden&#8220; (Weber 1921/22: 123).</p>
<p>Der Verweis auf Chancen bedeutet, dass für Weber die Herrschaft rein formal ist, d.h. eine Ausnutzung der Chancen zu unterschiedlichen Zwecken ermöglicht &#8211; also sowohl die Etablierung eines bestimmten Anteils von Herrschaft als auch deren Verweigerung. Die bisherige Lektüre der <em>Soziologischen Grundbegriffe</em>, dem Anfangskapitel von Webers nachgelassenem Werk <em>Wirtschaft und Gesellschaft</em> (Weber 1921/22), ist von deren Narrative in Richtung des jeweils komplizierteren und &#8218;geordneteren&#8216; Charakters der Chancenkomplexe geprägt. Webers Formulierungen erlauben aber ebenso Chancen, die jeweiligen ,Ordnungen und Mächte&#8216; aufzulösen.</p>
<h3 class="">Legiti&shy;mie&shy;rung der Herrschaft</h3>
<p>Der rhetorische Charakter der Legitimität wird durch ihre Glaubensabhängigkeit verstärkt: Jede Herrschaft „sucht […] den Glauben an ihre ,Legitimität&#8216; zu erwecken und zu pflegen“ (Weber 1921/22: 122; Weber 1922: 475). Es gibt für die Legitimität keine ,objektive&#8216; Grundlage; die rhetorische Glaubwürdigkeit der jeweiligen Legitimationsbasis entscheidet. Durch die Möglichkeit von Rede und Widerrede hat für Weber jede Herrschaft &#8211; unabhängig von ihrem Geltungsbereich &#8211; einen politischen Charakter. Die faktisch bestehenden Komplexe von Herrschaft sind mehr oder weniger unbeabsichtigte Resultate (vgl. Weber 1919: 80f.) vergangener politischer Kämpfe und können als solche keine besondere Berechtigung beanspruchen.</p>
<p>Obwohl jede Herrschaft der Legitimität bedarf, ist sie nicht darauf reduzierbar. Es gibt vielmehr ein bloß faktisches Vorhandensein unterschiedlicher Macht- und Herrschaftsanteile, die diese als labil erscheinen lässt. Trotzdem kann die bloße Faktizität politisch durchaus bedeutungsvoll sein.</p>
<p>Interessanterweise benutzt Weber den Ausdruck <em>ultima ratio</em> für zwei unterschiedliche Phänomene, nämlich für die Gewaltsamkeit im Kontext des Staatsbegriffs (Weber 1921/22: 29) und in seiner <em>Wahlrecht-Broschüre</em> für die Zahl der Anhänger: Die „ultima ratio aller modernen Parteipolitik ist der Wahl- oder Stimmzettel“ (Weber 1917: 167). Die Gewaltsamkeit gilt für alle staatsförmigen politischen Verbände, während die Zahl der Stimmen für „moderne Parteipolitik“, d.h. für einen bestimmten Typus politischer Verbände, als <em>ultima ratio</em> auftritt. In beiden Fällen spezifiziert die<em> ultima ratio</em> den Charakter der Herrschaft: Sie verweist auf die Faktizität der Herrschaft, die zu einem gewissen Grad auch in modernen politischen Verbänden fortbesteht. Die Bestimmung des Staates durch „das <em>Monopol legitimen</em> physischen Zwanges“ (Weber 1921/22: 29) verweist auf den Unterschied zwischen der <em>ultima ratio</em> der Gewaltsamkeit als faktischem Machtanteil und der legalen Herrschaft des staatlichen Gewaltmonopols. Ähnliches zeigt sich bei der politischen Bedeutung der Zahl der Anhänger bei Wahlen im Vergleich zu ungeregelten Massenversammlungen.</p>
<p>Die spezifisch politische Pointe der Weberschen Legitimitätsgründe liegt nun darin, diese bloß faktische Basis der Herrschaft einzuschränken. Tradition, Legalität und Charisma verleihen der Herrschaft einen legitimen Grund, ohne sie einzuschränken. Hier wird der Unterschied Webers zu den herrschaftsablehnenden Positionen allerlei Prägung deutlich. Der rhetorische Charakter der Legitimierung von Herrschaft bedeutet zugleich ihre Umstrittenheit und geregelte Umkehrbarkeit.</p>
<p>Wenn Weber in seiner <em>Wahlrecht</em>-Broschüre Ende 1917 für die Zahl als <em>ultima ratio</em> eintritt, erteilt er der traditionellen und in Preußen-Deutschland vorhandenen Gesetzeslage eine Absage &#8211; auch der bloß legalen Herrschaft. Weber bestreitet vielmehr die Legitimität des „plutokratischen“ Dreiklassenwahlrechts und anderer Ansprüche, die Stimmen &#8211; ob sie nun Pluralstimmen, berufsständige Vertretung oder anders heißen &#8211; zu wiegen, anstatt zu zählen. Gegen eine derartige Vorgehensweise beruft er sich auf die grundsätzliche Gleichheit der Menschen und ihrer Handlungssituationen (Weber 1917: 167-172), um so die politische Berechtigung der bloßen „Zifferndemokratie“ (ebd.: 169) zu behaupten, die allen Staatsbürgerinnen eine politisch bedeutsame Chance gibt: „Gegenüber der nivellierenden, unentrinnbaren Herrschaft der Bureaukratie, welche den modernen Begriff des &#8218;Staatsbürgers&#8216; erst hat entstehen lassen, ist das Machtmittel des Wahlzettels nun einmal das einzige, was dem ihr Unterworfenen ein Minimum von Mitbestimmungsrecht über die Angelegenheiten jener Gemeinschaft, für die sie in den Tod gehen sollen, überhaupt in die Hand geben kann.“ (Weber 1917: 172)</p>
<p>Die Herrschaft im modernen Staat bedeutet nach Weber praktisch eine Herrschaft der Bürokratie, deren Universalisierung er als die größte zeitgenössische Gefahr für die individuelle und politische Freiheit sieht (Weber 1918: bes. 222f.). Um dieser legalen und unabdingbaren Herrschaft der Bürokratie entgegenzutreten, sucht Weber nach Gegengewichten, wie dem allgemeinen Wahlrecht als Ausdruck der Zifferndemokratie. Diese bedarf also keiner positiven Legitimation; die Entlegitimierung der sonstigen Herrschaftsgründe ist schon ausreichend.</p>
<p>Darüber hinaus verteidigt Weber das „parlamentarische Führertum“: „In jedem Massenstaat führt Demokratie zur bureaukratischen Verwaltung, und, ohne Parlamentarisierung, zur reinen Beamtenherrschaft.“ (ebd.: 186f.). Hier tritt die Rhetorik nun als ein Gegengewicht zur bloßen Zahl auf. Vor allem vermag „ein Parlamentarier im Kampf der Parteien zu lernen [&#8230;], die Tragweite des Wortes zu wägen“ (ebd.: 187), also die Möglichkeiten und Grenzen des Wortes als Medium der Politik abzuschätzen.</p>
<p>Eine Parlamentarierin, also eine Person, die mit Worten operiert und deren Gewicht wägt, hat durchaus Chancen, mit dem Wort zur „Umkehrung der Zahlen“ im Parlament und in der Wählerschaft beizutragen. Die reine Herrschaft der Zahl würde die parlamentarische Diskussion <em>a priori</em> den Abstimmungen unterordnen und die Abgeordneten in bloße Delegierte der Wählerschaft verwandeln. Im Parlamentarismus steckt dagegen, bei der Überredung von Gegnerinnen zum Beispiel, ein Moment charismatischer Herrschaft &#8211; und gerade deswegen tritt Weber für ihn ein. Und nur deswegen vermag Weber für die Herrschaft der Stimmenzahl der Parteien in der parlamentarischen Politik zu plädieren: als Grenzsituation gegenüber dem Kompromiss, der als Entscheidungsmodus den Interessenverbänden eigen ist (Weber 1917: 166f.).</p>
<p>Gegen die Tendenz zur Bürokratisierung reicht allerdings der Typus des nebenamtlichen Parlamentariers nicht aus. In der Schrift<em> Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland</em> (zu den Unterschieden zur Aufsatzversion s. Llanque 2000: bes. 247261) behauptet Weber, dass eine „parlamentarische Auslese der Führer“ nötig ist (Weber 1918: 227). Aus diesem Blickwinkel sieht er schon 1918 im Parlamentarismus eine Veränderung, die man in der Regel erst als neuere Entwicklung deutet (vgl. Beiträge in Burckhardt/Page 2000): Die Reden, „die ein Abgeordneter hält [sind] amtliche Erklärungen der Partei, welche dem Lande ,zum Fenster hinaus&#8216; abgegeben werden.“ (Weber 1918: 230). Weber bedauert diesen Zustand keineswegs. Er sieht in der parlamentarischen Parteiführerschaft vielmehr eine gesteigerte Chance zur Herausbildung von politischen Führern, die als Gegengewichte zur Bürokratie dienen könnten. Dies geschieht auch auf Kosten der internen Gleichheit der Abgeordneten (ebd.: 233).</p>
<p>Hieran schließt eine seiner Politik-Formeln an: Das „Wesen aller Politik ist […]: Kampf, Werbung von Bundesgenossen und von freiwilliger Gefolgschaft, &#8211; und dazu, sich in dieser schweren Kunst zu üben, bietet die Amtslaufbahn des Obrigkeitsstaats nun einmal keinerlei Gelegenheit“ (ebd.: 232). Rein performativ betrachtet, besteht also zumindest der nach ,innen&#8216; gerichtete Teil der Politik in der rhetorischen Aktivität der Werbung, in der Überredung von Menschen dazu, als Partner oder Anhänger eines politischen Führers tätig zu werden. Herrschaft innerhalb der Parteien oder der Parlamentsfraktionen ist eine Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt eine politische Führung ausbilden können. Diese freiwillige Führung kann aufgekündigt werden, wenn der Glaube an die Legitimation nicht mehr vorliegt. Hierauf zielt Weber auch mit seiner These von der „antiautoritären“ Umdeutung des Charismas, nämlich „dass die freie Anerkennung durch die Beherrschten ihrerseits die Voraussetzung der Legitimität und ihre Grundlage sei.“ (Weber 1922: 487) Umgekehrt verbinden Wahlen die Zifferndemokratie mit der charismatischen Herrschaft. In diesem Sinne kann man auch den politischen Vorteil der Legitimität durch eine große Anhängerzahl mit der Effektivität der politischen Führung durch das „Prinzip der kleinen Zahl“ (Weber 1918: 233) vereinbaren.</p>
<p>Max Weber verleiht somit der Rhetorik eine Schlüsselrolle bei der Ausübung politischer Herrschaft. Am Beispiel der politischen Praktiken des britischen Empire behauptet er: „Heute ist nun einmal nicht das eigene Dreinschlagen mit dem Schwert, sondern sind ganz prosaische Schallwellen und Tintentropfen: geschriebene und gesprochene Worte, die physischen Träger des leitenden (politischen und: militärischen!) Handelns. Es kommt nur darauf an, dass Geist und Kenntnisse, starker Wille und besonnene Erfahrung diese Worte: Befehle oder werbende Rede, diplomatische Noten oder amtliche Erklärungen im eigenen Parlament formen.“ (ebd.: 237).</p>
<p>Jahrzehnte vor der Sprechakttheorie verteidigt Weber also schon den Tatcharakter der Worte und den durchgehend rhetorischen Charakter der parlamentarischen Politik. Nun gilt dies nicht nur für die Politik der Minister und der Parteiführer, sondern auch für ihre politische Gefolgschaft, obwohl bei dieser eine geringere rhetorische Kompetenz ausreicht. Die zitierte Stelle verweist auf seine Absage nicht nur an die antiparlamentarische Kritik des „nur Redens“ (ebd.), sondern ließe sich durchaus ganz allgemein als Zurückweisung der Unterscheidung zwischen Worten und Taten, zwischen Reden und Handeln interpretieren.</p>
<h3 class="">Vertei&shy;di&shy;gung der Demagogie</h3>
<p>Der wahrscheinlich provokativste Satz der Weberschen Verteidigung der parlamentarischen Demokratie lautet: „Demokratisierung und Demagogie gehören zusammen“ (ebd.: 265). So oft Weber selbst auch gegen die ,Demagogie&#8216; &#8211; etwa der antipolitischen „Literaten“ oder des Monarchen &#8211; Stellung nimmt, so ist er doch kein Gegner der demagogischen Macht der Rede. Vielmehr geht es um den Inhalt der Demagogie: Als Mittel zur Legitimierung der charismatischen Herrschaft ist sie in der modernen parlamentarischen und demokratisierten Politik unverzichtbar.</p>
<p>Eine andere, implizite Konsequenz liegt in der Verbindung von Demokratie und Rhetorik. Diese Implikation findet man schon bei den antiken Rhetorikern. Anders als z.B. dem aus Russland stammenden Moisei Ostrogorski, neben Michels der bedeutendste zeitgenössische Parteienforscher, der nach der amerikanischen Praxis die guten Bürger gegen die bösen Politiker stellt (Ostrogorski 1903/12), sieht Weber den Bürger als einen Gelegenheitspolitiker (Weber 1919: 41). Sowohl die Berufspolitiker als auch die sie kontrollierenden Gelegenheitspolitiker bedürfen, um überhaupt politisch handeln zu können, einer rhetorischen Kompetenz. Bei Weber wird die Kompetenz des Gelegenheitspolitikers durch gelegenheitspolitische Praxis erworben. Er begründet seine Kritik an der Bismarckschen Entpolitisierung des deutschen Bürgertums ja nicht mit Wahlrechtseinschränkungen. Vielmehr erkennt er die Zahl als Ausgangspunkt der demokratisierten Herrschaft an, die eben keinerlei Legitimität bedarf.</p>
<p>Die charismatische Legitimität gilt bei Weber für die Figur des Berufspolitikers. Diesen Begriff benutzt er, im Anschluss an Lord James Bryce, der Autor von <em>The American Commonwealth</em> (1889/1914), im Doppelsinn des für die Politik und von der Politik lebenden Politikers (vgl. schon Weber 1905). Ein weiterer Grund für die Legitimierung des Berufspolitikers liegt für Weber darin, dass der Idealtypus Politiker eben einen wesentlichen Aspekt des okzidentalen Sonderwegs bildet: „Dem Okzident eigentümlich ist aber, was uns näher angeht: das <em>politische</em> Führertum in der Gestalt des freien ,Demagogen&#8216;, der auf dem Boden des nur dem Abendland, vor allem der mittelländischen Kultur, eigenen Stadtstaates, und dann des parlamentarischen ,Parteiführers&#8216;, der auf dem Boden des ebenfalls nur im Abendland bodenständigen Verfassungsstaates gewachsen ist.“ (Weber 1919: 38; s. auch Weber 1922) Sofern eine Kontinuität im historischen Idealtypus des Politikers vorliegt, besteht diese in der rhetorischen Qualität, die auch allen einzelnen Typen, die Weber in <em>Politik als Beruf</em> präsentiert, eigen ist. Der amerikanische Boss oder der britische election agent z.B. kommen ohne Rhetorik nicht aus, obwohl ihre Eloquenz vom Typus des klassischen Parlamentariers abweicht.</p>
<p>Die rhetorische Kompetenz ist es auch, mit der Weber seine berühmte Formel über die „Führerdemokratie“ einleitet: „Aber es gibt nur die Wahl: Führerdemokratie mit ,Maschine&#8216; oder führerlose Demokratie, das heißt: die Herrschaft der ,Berufspolitiker&#8216; ohne Beruf, ohne die inneren, charismatischen Qualitäten, die eben zum Führer machen.“ (ebd.: 72) Berufspolitiker ohne Beruf sind diejenigen, denen es an charismatischer Legitimität mangelt, die &#8211; was leicht zur „Herrschaft des ‚Klüngels&#8220;&#8218; führt &#8211; selbst ein Teil der bürokratischen Maschine sind (ebd.). Weber erkennt die Notwendigkeit eines politischen Apparats mit „Gefolgschaft“ an, aber nur insofern, als dieser durch charismatische Politiker geleitet wird. Dabei kann man Weber auch in gänzlich anderer Perspektive interpretieren: Die charismatischen Berufspolitikerinnen sind für die Bürgerinnen sichtbarer und können deswegen durch Wahl und durch andere. Formen öffentlicher Kontrolle in Schach gehalten bzw. entlegitimiert werden. Eine an sich legale bürokratische Parteimaschine kann dagegen auch kein politisches Gegengewicht zu den Verwaltungs- und Betriebsmaschinen darstellen.</p>
<p>Eine nachträglich berüchtigt gewordene Zuspitzung, die Weber in der im Sommer 1919 erschienenen Buchversion von Politik als Beruf vornimmt, ist seine Verteidigung der Volkswahl des Reichspräsidenten. „Das einzige Ventil für das Bedürfnis nach Führertum könnte der Reichspräsident werden, wenn er plebiszitär, nicht parlamentarisch, gewählt wird.“ (ebd.). An dieser Stelle sollte man keine Wirkungsgeschichte dieses Satzes betreiben, sondern den zentralen Punkt des Weberschen Satzes als einen politischen Sprechakt in seinem zeitgenössischen Kontext bestimmen. Keinesfalls darf man bei der Lektüre dieses Satzes die Webersche Geschichtsauffassung vergessen, nach der die Bürokratisierung, die zur Stagnation führt (vgl. Weber 1909: 277f.), die primäre entpolitisierende Gefahr darstellt. Wenn parlamentarische Parteiführer entgegen Webers früherer Meinung im nunmehr demokratisierten Deutschland nach 1918 doch als machtlos erschienen, dann sollte das fehlende charismatische Element durch die plebiszitäre Wahl des Präsidenten erweitert werden. Dies böte, so Weber, den einzelnen Bürgerinnen auch eine direktere Chance zur Entlegitimierung des gewählten Präsidenten bei der Neuwahl.</p>
<h3 class="">Webers rhetorische Politik</h3>
<p>Die Rhetorik ist, ganz allgemein formuliert, mit der Anerkennung und Ausnutzung der Kontingenz verbunden. Sie steht dabei in engem Zusammenhang mit dem im 19. Jahrhundert entstandenen Handlungsbegriff der Politik (vgl. Palonen 1985, 1998) sowie mit der damit verbundenen zeitlichen Begrenzung der Herrschaft, der Parlamentarisierung der Herrschaftskontrolle und der Verallgemeinerung des Wahlrechts. Die Berufung auf die Macht der großen Zahl allein reicht nicht gegen die traditionelle und legale Begründung der Herrschaft. Sie verlangt als Komplement auch die charismatische Herrschaft. Aber auch für die eingeführte „Zifferndemokratie“ ist nach Weber die rhetorische Legitimation einer zeitbedingten charismatischen Herrschaft nötig, um gegen die allzu leicht vollzogene Unterordnung unter die Bürokratisierung anzukämpfen.</p>
<p>Für uns ist es heute leichter als für Webers Zeitgenossinnen, den rhetorischen Charakter der Herrschaft und der Politik überhaupt anzuerkennen. Heute hat sich die Politik als Aktivität gegenüber der Wissenschaft oder den Ideologien verselbständigt und zugleich einen größeren Spielraum für die Kontingenz, für die Chancen, anders zu handeln, eröffnet (z.B. Greven 1998, 1999; Palonen 1998, 2002a). Aus dieser Sicht stellt sich die übliche Beschimpfung der Politikerinnen als nostalgische Furcht vor der Offenheit der Geschichte und vor der Omnipräsenz der Kontroversen dar. Es gibt immer noch keinen besseren Verteidiger der Politikerinnen als Max Weber (vgl. Palonen 2002b). Dazu gehört auch seine Absage an diejenigen, die die Herrschaft als solche pauschal verwerfen, entweder populistisch oder akademisch-kritizistisch, denn: Eine „führerlose Demokratie“ wäre gegenüber der alltäglichen Herrschaft der Bürokratie machtlos (Weber 1919: 72).</p>
<p>In der heutigen Politik ist alles legitimationsbedürftig, aber keine Form der Legitimation hat in sich unüberwindbare Kraft. Vielmehr gibt es gemäß der rhetorischen Tradition des Arguments i<em>n utramque partem</em> jederzeit Chancen, gute Gründe gegen jeden Legitimationsanspruch zu finden. Nicht einmal die für die Demokratisierung so zentrale Faktizität der Zahl besitzt &#8211; anders als Weber noch voraussetzte &#8211; ohne weiteres den Charakter der <em>ultima ratio.</em> Dies steigert das Bedürfnis nach charismatischer Herrschaft und vermindert zugleich die Chancen, eine derartige Herrschaft zu erreichen oder sie zumindest über eine Wahlperiode hinaus überzeugend zu legitimieren.</p>
<h3 class="">Anmerkungen</h3>
<p>1 Die Literaturangaben im Text zu Max Weber folgen ausnahmsweise den ursprünglichen Erscheinungsdaten: Dadurch sind bestimmte Entwicklungen im Denken Webers genauer nachvollziehbar. Dem Prinzip der ursprünglichen Chronologie entspricht auch die Anordnung der Texte Webers im Literaturverzeichnis.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Barthes, Roland</em> 1985 [1970]: L&#8217;ancienne rhétorique. Aide-mdmoire; in: Ders.: L&#8217;aventure sémiologique, Paris , S. 85-165</p>
<p><em>Bryce, James</em> 1995 [1889/1914]: The American Commonwealth I-II, Indianapolis</p>
<p><em>Burckhardt, Armin/Page, Kornelia</em> (Hgg.) 2000: Die Sprache des deutschen Parlamentarismus, Wiesbaden</p>
<p><em>Greven, Michael Th</em>. 1998: Die politische Gesellschaft, Opladen</p>
<p><em>Greven, Michael Th</em>. 1999: Kontingenz und Dezision, Opladen</p>
<p><em>Hanke, Edith/Mommsen, Wolfgang J.</em> (Hgg.) 2001: Max Webers Herrschaftssoziologie, Tübingen</p>
<p><em>Koselleck, Reinhart</em> 1979: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Koselleck, Reinhart</em> et. al. 1982: Herrschaft; in: <em>Geschichtliche</em> Grundbegriffe, Bd. 4, Stuttgart, S. 1-102</p>
<p><em>Llanque, Marcus</em> 2000: Demokratisches Denken im Kriege, Berlin</p>
<p><em>Nelson, John</em> S. 1998: Tropes of Politics, Madison/Wisconsin</p>
<p><em>Ostrogorski, Moisei</em> 1993 [1903/1912]: Demokratie et les partis politiques, Paris</p>
<p><em>Palonen, Kari</em> 1985: Politik als Handlungsbegriff. Horizontwandel des Politikbegriffs in Deutschland 1890-1933, Helsinki</p>
<p><em>Palonen, Kari</em> 1998: Das &#8218;Webersche Moment&#8216;. Zur Kontingenz des Politischen, Wiesbaden</p>
<p><em>Palonen, Kari</em> 2002a: Eine Lobrede für Politiker. Ein Kommentar zu Max Webers &#8218;Politik als Beruf&#8216;, Opladen</p>
<p><em>Palonen, Kari</em> 2002b: Rehabilitating the Politician. On a neglected genre in political theorizing; in: <em>Archives européennes de sociologie</em>, 53, S. 132-153.</p>
<p><em>Skinner, Quentin</em> 1996: Reason and Rhetoric in the Philosophy of Hobbes, Cambridge</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1973a [19041: Die &#8218;Objektivität&#8216; sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis; in: <em>Ders</em>.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen, S. 146-214</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1999 [1905]: Bemerkungen im Anschluss an den voranstehenden Aufsatz; in: Max-Weber-Studienausgabe 1/8, Tübingen, S. 69-72</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1988a [1909]: Agrarverhältnisse im Altertum; in: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Sozial-und Wirtschaftsgeschichte, Tübingen, S. 1-288</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1988b [1917]: Wahlrecht und Demokratie in Deutschland; in: Max-Weber-Studienausgabe 1/15, Tübingen, S. 155-189</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1988c [1918]: Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland; in: Max-Weber-Studienausgabe 1/15, Tübingen, S. 202-302</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1994a [1919]: Politik als Beruf; in: Max-Weber-Studienausgabe 1/17, Tübingen, S. 35-88</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1980 [1921/22]: Wirtschaft und Gesellschaft, hg. v. Johannes Winkelmann, Tübingen Weber, Max 1973b [1922]: Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft; in: <em>Ders</em>.: Gesammelte Auf-sätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen, S. 475-488</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1936: Jugendbriefe, hg. v. Marianne Weber, Tübingen</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1994b: Briefe 1909-1910, hgg. v. M. Rainer Lepsius u. Wolfgang J. Mommsen; in: Max-Weber-Gesamtausgabe 11/6, Tübingen</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Charismatische Herrschaft und Vertrauen in Neuen Sozialen Bewegungen: Demokratietheoretische Probleme &#8211; lebensweltliche Erfahrungen</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/charismatische-herrschaft-und-vertrauen-in-neuen-sozialen-bewegungen-demokratietheoretische-probleme-lebensweltliche-erfahrungen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Sep 2024 13:05:23 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Gründungsgeschichte der modernen Demokratie kann auch als die einer allmählichen rechtlichen Formalisierung und Institutionalisierung von Beteiligungsrechten gelesen werden. Gerade die Herstellung rechtlicher und politischer Gleichheit &#8211; Ziel und zentrales Prinzip aller Demokratisierung von politischen Systemen und Organisationen &#8211; kann nur über die „künstliche” Schaffung dieser Gleichheit auf dem sich immer wieder reproduzierenden Hintergrund natürlicher [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Gründungsgeschichte der modernen Demokratie kann auch als die einer allmählichen rechtlichen Formalisierung und Institutionalisierung von Beteiligungsrechten gelesen werden. Gerade die Herstellung rechtlicher und politischer Gleichheit &#8211; Ziel und zentrales Prinzip aller Demokratisierung von politischen Systemen und Organisationen &#8211; kann nur über die <strong>„</strong>künstliche<strong>”</strong> Schaffung dieser Gleichheit auf dem sich immer wieder reproduzierenden Hintergrund natürlicher und gesellschaftlicher Differenzen und Ungleichheiten erreicht werden. Insofern ist die Geschichte der Demokratisierung immer auch zugleich eine Geschichte der Formalisierung von Herrschaftsverhältnissen, ihrer Ämterstrukturen mit gewissen begrenzten Rechten einerseits und Mitwirkungs- und Schutzrechten andererseits gewesen. Heute nun scheint, zumeist unter dem Gesichtspunkt effektiver Zielerreichung gerade hinsichtlich staatlicher Politik, eine Phase der Informalisierung eingesetzt zu haben: Typisch hierfür sind die Hoffnungen, die von Politikern wie Sozialwissenschaftlern in den <strong>„</strong>kooperativen Staat<strong>”</strong> gesetzt werden, der sich mit nichtstaatlichen Akteuren in <em>public-privat-partnerships</em> oder <em>policy-coalitions</em> zur effektiven Problemlösung vereinbart [1]. In dem Maße, in dem die <em>Neuen Sozialen Bewegungen</em> (NSB) [2] in diesen neuen <em>governance-</em>Strukturen partizipieren &#8211; inzwischen vor allem auch auf der internationalen Ebene (Wolf 2002) -, werden auch ihre internen politischen Mechanismen und Chancenstrukturen legitimatorisch über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus relevant. Für diese inneren Strukturen ist das Fehlen rechtlich und organisatorisch verfestigter Verhältnisse charakteristisch, so dass sich die Frage stellt, auf welche Weise sie stattdessen ihre funktionalen Probleme der Koordination, Führungsrekrutierung und Wahrnehmung der Führungsfunktionen bewältigen.</p>
<p>Das Charisma wird von Max Weber im Kontext seiner politischen Soziologie der Herrschaft stets in Abgrenzung zur <strong>„</strong>bürokratischen<strong>”</strong> und <strong>„</strong>patriarchalen<strong>”</strong> behandelt &#8211; aber eben unzweifelhaft als eine soziologische Form der Herrschaft. <strong>„</strong>Im Gegensatz gegen jede Art bürokratischer Amtsorganisation kennt die charismatische Struktur weder eine Form oder ein geordnetes Verfahren der Anstellung oder Absetzung, noch der ,Karriere&#8216; oder des ,Avancements&#8216;, noch ein ,Gehalt&#8216;, noch eine geregelte Fachbildung des Trägers des Charisma oder seiner Gehilfen, noch eine Kontroll- oder Berufungsinstanz, noch sind ihr örtliche &#8218;Amtssprengel&#8216; oder exklusive sachliche Kompetenzen zugewiesen, noch endlich bestehen von den Personen und dem Bestande ihres rein persönlichen Charisma unabhängige ständige Institutionen nach Art bürokratischer Behörden&#8220; (Weber 1972: 655). Fasst man die in dem Zitat enthaltenen Negativbestimmungen positiv, so wird man mit dem Blick auf die heutige politische Wirklichkeit in den meisten politischen Parteien viele jener Merkmale <strong>„</strong>bürokratischer Amtsorganisation<strong>”</strong> wiederfinden. Hier gibt es sowohl die sprichwörtlichen Parteikarrieren und Ämterstrukturen wie auch die nach dem Parteiengesetz bestimmten rechtlichen (und bürokratischen) Verfahren zur <strong>„</strong>Anstellung oder Absetzung<strong>” </strong>oder wenigstens doch potenziellen <strong>„</strong>Kontrolle<strong>”</strong> der politischen Führer durch die Mitglieder oder &#8211; man denke an die Pflicht zur öffentlichen Rechenschaftslegung aller Einnahmen und Ausgaben &#8211; sogar die politischen Konkurrenten, die Öffentlichkeit und die Gerichte. Dass man die politische Wirklichkeit der Macht und innerparteilichen Herrschaftsprozesse nur vollständig durchschauen könnte, wenn man nicht neben den formalen auch die informellen Verhältnisse durchschaute, steht auf einem anderen Blatt &#8211; und dürfte spätestens seit den Parteispendenskandalen jedem bewusst sein. Jedenfalls können aber die informellen Prozesse den formalen Verhältnissen im Falle politischer Parteien nicht öffentlich erkennbar widersprechen, ohne dass es für die politische Führung problematisch würde und den Mitgliedern formale Rechte zum Widerspruch zu Gebote stünden.</p>
<p>Ganz anders verhält es sich, wenn man die Frage nach der charismatischen Herrschaft an die NSB richtet &#8211; eine Frage die in der Vergangenheit in Sozialwissenschaft und Praxis erstaunlich wenig gestellt wurde. Auf den ersten Blick glaubt man zu sehen, dass die in dem Weber-Zitat enthaltenen Negativbestimmungen hier weitgehend erfüllt sind: NSB kennen keine <strong>„</strong>geordneten Verfahren der Anstellung oder Absetzung<strong>”</strong>, noch beziehen ihre führenden Akteure regelmäßig <strong>„</strong>Gehalt<strong>” </strong>oder sind ihnen oder einzelnen unter ihnen <strong>„</strong>exklusive sachliche Kompetenzen zugewiesen<strong>”</strong>. Mit einem Wort: NSB ermangeln <strong>„</strong>bürokratischer Amtsorganisation<strong>”</strong>.</p>
<p>An dieser Stelle ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder man argumentiert, dass es sich bei NSB um <strong>„</strong>herrschaftsfreie<strong>” </strong>Sozialgebilde handle, so dass sich die Frage nach dem Typus der Herrschaft &#8211; charismatisch oder anders &#8211; gänzlich erübrigt, oder aber man prüft empirisch genauer, ob der an obigem Zitat entstehende erste Eindruck sich bewahrheitet. Dabei könnte sich die Vermutung, NSB wiesen charismatische Herrschaftsverhältnisse auf, bestätigen oder aber zu einer weiteren Differenzierung des Herrschaftsbegriffs um einen neuen Typus führen. Soweit die prinzipiellen Möglichkeiten, die sich eine größere, vor allem auch empirische Untersuchung der Frage zur Aufgabe stellen könnte. Mir geht es in dieser kleinen Gedankenskizze eher um erste Anregungen und Fragestellungen als bereits um letzte Antworten, an denen sich andere versuchen mögen.</p>
<h3 class="">Neue Soziale Bewegungen &ndash; ein herrschafts&shy;freier Raum?</h3>
<p>Für den Zeitgenossen der NSB seit den späten 1960er Jahren ist seit langem auffällig, in welchem Maße die Antwort nicht nur der in der Praxis wirkenden Akteure, sondern auch der ja nicht eben raren sozialwissenschaftlichen Literatur der ersten Hypothese zuneigt. Danach stellt sich die Frage nach inneren Herrschaftsverhältnissen zwar in allen anderen politischen Organisationen, insbesondere in Parteien und Verbänden, nicht aber in NSB. Die Abschlussarbeiten und Dissertationen zum Thema <strong>„</strong>innerparteiliche Demokratie<strong>” </strong>seit Ulrich Lohmars Pionierstudie (Lohmar 1963) Anfang der 1960er Jahre sind Legion; immer geht es dabei um die Chancen und Mitwirkungs-, Kontroll- und Abwehrrechte der einfachen Mitglieder &#8211; also um die innerparteiliche Herrschaftsstruktur? [3] Seit den 1970er Jahren steht &#8211; und das eben nicht nur mit antigewerkschaftlichem Impetus &#8211; die politische und wissenschaftliche Forderung nach einem Verbändegesetz im Raum, das analog zum Parteiengesetz die Forderung nach innerverbandlicher Demokratie rechtlich festschreiben sollte (vgl. Alemann/Heinze 1979). In einer politischen Situation, in der immer mehr Verbände, das heißt praktisch: ihre Vorstände oder Beauftragten, als Partner des sogenannten <strong>„</strong>kooperativen Staates<strong>” </strong>in sogenannten<em> policy-networks</em> an der autoritativen (früher hätte man gesagt: hoheitlichen) Regulierung sozialer Prozesse teilnehmen und sich die Frage nach ihrer Legitimierung genauso wie bei der staatlichen Seite stellt, hat diese Forderung sogar zunehmend politische Brisanz gewonnen.</p>
<p>Aber während diese Debatten geführt werden, schien und scheint sich die analoge Frage nach den inneren Verhältnissen von NSB nur selten zu stellen. Und wenn doch, dann nicht unter dem Herrschaftsgesichtspunkt, sondern unter dem der <strong>„</strong>funktional notwendige(n) Arbeitsteilung<strong>” </strong>und <strong>„</strong>effiziente(n) Funktionserfüllung<strong>” </strong>(Raschke 1985: 218). Unter der immerhin bemerkenswerten Kapitelüberschrift <em>Führer und Aktive</em> schreibt Joachim Raschke: <strong>„</strong>Bewegungen sind nichts ohne eine größere Zahl von Aktiven, sie entfalten sich aber auch nicht ohne Menschen, die Leitungsfunktionen übernehmen [&#8230;]. Es gibt keine führerlosen Bewegungen [&#8230;]. Mitgliedschaft in sozialen Bewegungen ist prekär, Führung (relativ) stabil<strong>” </strong>(ebd.: 214). Gerade wenn man die in diesen Sätzen zusammengefassten allgemeinen Erkenntnisse über die Notwendigkeit von Leitungs- und Führungsfunktionen (auch) in NSB für richtig hält, dann wird das Erstaunen darüber vielleicht verständlich, warum eine ansonsten herrschaftssensible Sozialwissenschaft gerade bei diesem Forschungsgegenstand der kritischen Nachfrage auszuweichen scheint. [4] Denn die Herrschaftsrechtfertigung über die Notwendigkeit von Leitungsfunktionen ist ungeachtet ihrer partiellen Wahrheit zugleich die älteste Legitimationsideologie von Herrschaft überhaupt, die ihre wissenschaftliche und ideologische Rationalisierung seit der feudalistischen Formel <strong>„</strong>Schutz (der oft Ausbeutung einschloss, M.G.) gegen Treue<strong>” </strong>bis zu neueren <strong>„</strong>Theorie der Herrschaft<strong>” </strong>(Hondrich 1973) immer wieder gefunden hat.[5] Die Erfüllung gesellschaftlich oder organisatorisch notwendiger Leitungsfunktionen gibt deren Inhabern immer auch Chancen zur über diese unmittelbaren Notwendigkeiten hinausgehender Herrschaftsausübung: zur Wahrnehmung von Direktionsgewalt und zur Aneignung oder Ausbeutung von Ressourcen zu persönlichen Zwecken. [6] Warum sollten diese Chancen und die damit an die entsprechenden Individuen oder Leitungszirkel gestellten Versuchungen a priori in NSB weniger wirksam sein als in allen anderen sozialen Gebilden?</p>
<p>Das Argument, das sich auch bei Joachim Raschke findet, dürften viele zumindest unreflektiert teilen. Danach wollen, wie er schreibt im Falle von NSB <strong>„</strong>Aktive und Führer […] im wesentlichen das gleiche&#8220; und im Übrigen sei der ,,, exit&#8216; leicht bewerkstelligt und gegenüber ,voice&#8216; fehlt es häufig an wirksamen Sanktionen<strong>” </strong>(Raschke 1985: 217f.). Nun trifft der erste Sachverhalt unzweifelhaft auch auf Parteien und insbesondere Verbände zu, denen man ja gerade wegen der Zustimmung zu den Verbandszielen oder der Übereinstimmung der Interessen beitritt. Über die Frage, ob die motivationale Schwelle für einen Partei- oder Verbandsaustritt wirklich größer ist als &#8211; nehmen wir ein in der bundesdeutschen Geschichte nicht gerade irrelevantes Beispiel &#8211; bei einer Distanzierung von der bis dahin erkennbar unterstützen Friedensbewegung, mag man trefflich streiten. Beide Formen des exits dürften ehemals Engagierten schwer fallen und sie gegenüber ihren ehemaligen Genossen oder in ihrem persönlich-politischen Kontaktfeld unter Rechtfertigungsdruck bringen. Zusammengefasst sind beide Argumente kaum so überzeugend, um von vorne herein auszuschließen, dass mit der offenkundig unvermeidbaren Struktur <strong>„</strong>Aktive und Führer<strong>” </strong>und den als ebenso unvermeidbar unterstellten funktionalen Erfordernissen der Leitung keine Herrschaftsprozesse verbunden seien.</p>
<h3 class="">Sozial&shy;wis&shy;sen&shy;schaft&shy;liche Verkl&auml;&shy;rungen des Bewegungs&shy;be&shy;griffs</h3>
<p>Für das erstaunliche Phänomen, dass nach den inneren Herrschaftsverhältnissen und demokratischen Strukturen von NSB so selten gefragt wird, und zwar bei ihren Anhängern ebenso wie bei einer ihnen zumeist recht unkritisch gegenüberstehenden Sozialwissenschaft (Greven 1988), [7] dürfte letztlich aber ein unreflektiert verbreitetes Vorurteil verantwortlich sein: Bei diesen Bewegungen und Mobilisierungsprozessen müsse es sich schon allein wegen ihrer positiven Ziele per se um demokratische Einrichtungen handeln, bei denen solche Fragen obsolet seien. Wer sich öffentlich und friedlich für Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit engagiert, dem werden ebenso wie den Bewegungen, die dadurch entstehen, offenkundig auch der persönliche demokratische Charakter und damit die angebliche Obsoletheit des Herrschaftsproblems kreditiert. Das kann aber im Einzelfall ein ziemlicher Fehlschluss sein, denn von normativ generell als positiv bewerteten Zielen, die Einzelne oder soziale Bewegungen verfolgen, lässt sich sozialwissenschaftlich nicht auf die innere Struktur sozialer Gebilde rückschließen. Denn auch hier gilt selbstverständlich der demokratische Grundsatz: Der Zweck heiligt nicht die Mittel (in diesem Fall die Organisations- und Mobilisierungsmittel). Diese müssen sich auch im Falle von als positiv angesehenen Zielen den üblichen herrschaftskritischen Fragen stellen und ihre inneren Strukturen und Prozesse nach demokratischen Prinzipien rechtfertigen. So wie die grundgesetzlich normierte Parteiendemokratie konsequent die Forderung nach innerparteilicher Demokratie nach sich zog, so wird gerade derjenige, der für die Beteiligung von NSB an <em>governance</em> plädiert, sich der Forderung nach ihrer inneren Demokratisierung nicht entziehen können. Und auch wenn alle beteiligten Individuen persönlich über demokratische Einstellungen und eine entsprechende Wertorientierung verfügten, so müssten sie doch, gerade wenn es um die Entscheidungsfindung und Ressourcenverwendung bei großen Zahlen geht, ihre Verhältnisse untereinander so regeln, dass den persönlichen Dispositionen die objektiven Verhältnisse entsprechen können. Kurz gesagt: Auch das Zusammenhandeln von Demokraten verlangt demokratische Strukturen.</p>
<p>Hinzu kommt das Problem, dass auch eine sich bestimmten NSB verbunden fühlende Sozialwissenschaft eines Tages zugestehen musste, dass sich Organisationsformen und Mobilisierungsprozesse höchst unsympathischer Art im äußersten rechten und manchmal auch ziemlich linken politischen Spektrum ebenfalls als NSB deuten lassen. Spätestens damit war klar geworden: Der NSB-Begriff musste sozialwissenschaftlich seiner vormals unproblematisierten normativen Implikationen entkleidet werden. Er stand nunmehr als Analyseinstrument auf der Tagesordnung, etwa im Zusammenhang mit ausländerfeindlichen Mobilisierungsprozessen oder, vor allem im Ausland, im Zusammenhang mit neopopulistischen Bewegungen. Daneben wurde er auch als Selbstkennzeichnung der Aktiven unter dem Gesichtspunkt der inneren Herrschaftsproblematik wichtig. Wer es für selbstverständlich hält, bei <strong>„</strong>rechten<strong>”</strong> NSB herrschaftskritisch die inneren Verhältnisse zu beleuchten, der sollte die Frage auch bei den übrigen NSB nicht aus rein begrifflichen, methodischen und erst recht nicht aus politischen Motiven ausschalten.</p>
<h3 class="">Charis&shy;ma&shy;ti&shy;sche Herrschaft in Neuen Sozialen Bewegungen</h3>
<p>Wenn man nun in Ersatzvornahme aussagekräftiger Empirie zunächst auf der Ebene von Phänomenen nach jenen Indizien und Anlässen fragt, die in den anderen genannten politischen und sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen bei Parteien und Verbänden herrschaftsrelevant wären, so könnte man —ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben &#8211; einigen der folgenden Hinweisen nachgehen.</p>
<p>Herrschaft, insbesondere charismatische Herrschaft, hat stets ein personales Element. Letztere ist ohne jene Führungsgestalten nicht denkbar, denen das Charisma von ihren Anhängern und, heute für die Mobilisierungsprozesse sozialer Bewegungen in der Massengesellschaft von besonderer Bedeutung, von den Medien zugeschrieben wird. Das Charisma existiert &#8211; jedenfalls wenn man den Begriff (herrschafts- oder religions-)soziologisch verwendet &#8211; stets nur als Attribution: als zugeschriebene, von Anhängern geglaubte Eigenschaft oder Qualität einer Person, der deswegen ohne formales Amt oder prozedurale Rekrutierung eine Führungsrolle zugestanden wird. [8] Die bei Journalisten so wohlfeile Formulierung vom <strong>„</strong>gewählten charismatischen Führer<strong>” </strong>ist im Sinne der Herrschaftssoziologie Webers unsinnig. Denn das Charisma ist weniger (wie im Zuge der gerade in der Parteien- und Wahlsoziologie heute intensiv geführten Personalisierungsdebatte erkennbar) eine Ursache für Wahlerfolge, sondern im Gegenteil der wesentliche Legitimationsgrund von nichtgewählten politischen Führern. Diese sind eben typisch für NSB, aber nicht für die übrigen demokratischen Organisationen und Systeme. Also muss man streng zwischen diesem herrschaftssoziologischen Gebrauch des Begriffes und der heute üblichen Verwendung unterscheiden, bei der damit lediglich die Beliebtheit, Anerkennung oder Popularität einer Person zum Ausdruck gebracht werden soll.</p>
<p>In NSB finden sich aber, so die These, starke Indizien für die Existenz, möglicherweise sogar in vielen Fällen Unvermeidbarkeit charismatischer Herrschaft. Sie liegen immer dann vor, wenn Personen, die durch keine formellen Prozesse oder Institutionen wie Wahlen oder Ämter legitimiert sind, bei der Bestimmung von Handlungszielen, Strategien und der Verwendung von Ressourcen so handeln und entscheiden können, dass sie auch weiterhin Gefolgschaft oder gar Gehorsam finden. Insbesondere gilt dies dann, wenn bestimmte identifizierbare Personen über einen längeren Zeitraum und bei den entsprechenden Anlässen wiederholt erfolgreich eine Führungsfunktion auszuüben vermögen. Spätestens an dieser Stelle muss an den genauen Inhalt des hier verwendeten Herrschaftsbegriffs erinnert werden. An der Weberschen Definition <strong>„</strong>Herrschaft sei die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden<strong>” </strong>(Weber 1972: 28), befremdet heute mehr die Terminologie (Befehl, Gehorsam) als die Sache selbst. Bei dem hier verwendeten Herrschaftsbegriff geht es also immer um die Motive der Fügsamkeit oder die Gründe der Legitimität für die Anerkennung von Führung. Anders als bei der Macht, die sich <strong>„</strong>auch gegen Widerstreben durchzusetzen<strong>”</strong> in der Lage sieht (ebd.: 28), geht es bei der Herrschaft nicht zuerst um die (Macht-)Ressourcen der Führerpersönlichkeiten. Letztere sind ja in sozialen Bewegungen zunächst kaum vorhanden &#8211; und wenn, dann in Abhängigkeit von Herrschaftspositionen. Vielmehr geht es um die Masse der Anhänger oder Mobilisierbaren, die auf die kommunizierten Signale und Inhalte zunächst nur potenzieller Führungsfiguren in NSB mit der Zuschreibung des Charisma, also der Anerkennung einer Führungsrolle reagieren.</p>
<h3 class="">Herrschaft&shy;s&shy;praxis in Neuen Sozialen Bewegungen</h3>
<p>Sucht man nach konkreten politischen Beispielen, wie so etwas funktioniert, so wird man besonders in lokalen, auf konkreten interpersonalen Kommunikationen beruhenden Beziehungen vor allem auf zwei Faktoren achten müssen: transferierbare Reputation und demagogische Qualität. Beide sind über die Massenmedien auch translokal auszuweiten. Wo immer sich <strong>„</strong>spontan<strong>” </strong>Anlass zu Protest und erste Ansätze zur Mobilisierung ergeben hatten &#8211; zum Beispiel in den 1990er Jahren wegen antisemitischer oder ausländerfeindlicher Übergriffe oder früher angesichts der Ende der 1970er Jahre geplanten Dislozierung amerikanischer Mittelstreckenwaffen -, da konnte man häufig den Reputationstransfer und seine Rolle bei der Mobilisierung von NSB einerseits, bei der Herausbildung von asymmetrischen Herrschaftsstrukturen andererseits beobachten. Für die Mobilisierung zunächst der Aufmerksamkeit, dann auch der Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung an Protest und Aktion, spielte die bereits vorhandene, zumeist im Berufsleben erworbene und sich in der Wertschätzung bestimmter Titel ausdrückende öffentliche Reputation derjenigen, die sich öffentlich äußerten, stets eine wichtige Rolle. Alain Touraine, der unter dem Eindruck des <strong>„</strong>Pariser Mai<strong>” </strong>1968 seine oben bereits angesprochenen objektivistischen Bewegungsvorstellungen vorsichtig revoziert, spricht in diesem Zusammenhang als Entstehungsbedingung von (neuen) sozialen Bewegungen die <strong>„</strong>Verbindung zwischen einer fordernden Elite und Unterprivilegierten<strong>” </strong>(Touraine 1976: 188) an. Hierbei käme es allerdings mehr auf die Rolle von Eliten an als auf die gerade in den NSB oft weiter gehegte, aber vergebliche Hoffnung, dass sich ihnen gerade <strong>„</strong>unterprivilegierte<strong>” </strong>anschließen würden. Die berühmten <em>Göttinger Sieben</em> standen Ende der 1950er Jahre zwar nicht am Anfang der bundesdeutschen Anti-Atombewegung, sie schufen aber ein wichtiges Handlungsmuster, dem später zahlreiche Professoren, Ärzte, Pfarrer und sogar Schauspieler folgten. Wenn es dann darum ging, <strong>„</strong>zentrale<strong>” </strong>Protestveranstaltungen auszurichten, ihre Parolen und thematischen Inhalte zu bestimmen, dann standen einige von ihnen stets genauso parat wie dann als Redner auf den Podien und Demonstrationen. Spätestens hier kommt, wenn er sich nicht schon intern in kleinerem Rahmen wie zum Beispiel auf studentischen Vollversammlungen oder Gewerkschaftsfortbildungen ausgebildet hat, der zweite Faktor ins Spiel: Demagogische Fähigkeiten können, dafür gibt es seit der Antike genügend Beispiele, Herrschaft begründen &#8211; insbesondere dann, wenn keine formalen Rekrutierungsverfahren und Ämterstrukturen vorhanden sind.</p>
<p>Schließlich finden in allen Mobilisierungen einige Akteure, darunter am leichtesten die mit bereits vorhandenem Reputationskapital, immer mehr Aufmerksamkeit der Medien, [9] die schon aufgrund ihrer eigenen internen Logiken (u.a. Personalisierung, die es ja nicht nur im Parteienwettbewerb gibt), einigen dann zu dem Titel <strong>„</strong>Sprecher<strong>” </strong>oder <strong>„</strong>Sprecherin<strong>” </strong>der jeweiligen Bewegung verhalfen. [10] Das wiederum blieb und bleibt auch in den internen Kommunikations- und Abstimmungsprozessen der NSB nicht ohne politische Auswirkungen. Medienpräsenz und die damit privilegierten öffentlichen Artikulations- und Mobilisierungsmöglichkeiten lassen sich in Herrschaftsressourcen (nicht nur [11]) in NSB transferieren. Auf diese Weise werden, idealtypisch gesehen, charismatische Führer und Führerinnen in NSB gefunden, die schließlich maßgeblich jene Funktionen wahrnehmen, von denen auch Joachim Raschke zugesteht, dass sie notwendig seien. Er unterscheidet zum Beispiel den <strong>„</strong>Zielspezialisten<strong>”</strong> mit seinem entscheidenden Einfluss darauf, was die schließlich artikulierten Mobilisierungs- und Protestziele en Detail jeweils sind, [12] den organisatorisch begabten und kommunikationsfähigen <strong>„</strong>Mobilisator<strong>” </strong>und den langfristig und konzeptionell denkenden <strong>„</strong>Strategen<strong>” </strong>(Raschke 1985: 216). Spätestens hier ist es für den teilnehmenden Zeitgenossen eine große Versuchung, jeweils konkrete Namen ins Gedächtnis zu rufen; aber das mögen die Lesenden zunächst für sich selbst in ihrem eigen Erfahrungs- und Erinnerungsraum ausprobieren, der sich ja auf ganz verschiedene Phasen und Stränge der im Einzelnen sehr unterschiedlichen NSB beziehen kann. Teil dieser Erinnerungsarbeit oder gegenwärtigen Erfahrungsreflexion sollte die Frage sein, inwiefern in der Praxis von NSB oder den ihnen angelagerten, inzwischen keineswegs nur noch lokalen, sondern auch national und transnational arbeitenden &#8222;Bewegungsnetzwerken&#8220; des &#8222;Bewegungssektors&#8220; [13] die Erfahrung von Fremdbestimmung durch die Dominanz einiger herausgehobener Führungspersonen gemacht wird. Zumindest bei nationalen und transnationalen NSB wie zum Beispiel <em>attac</em> stellen sich ja die klassischen Fragen der Repräsentation: Proportionalität, Kontrolle, Abberufung und Verwendung der Mittel. Kaum glaubhaft, dass diese und andere Fragen mit dem einfachen Hinweis auf die Übereinstimmung von <strong>„</strong>Führern<strong>” </strong>und &#8222;Aktiven&#8220; in den grundsätzlichen Zielen bereits gelöst sind.</p>
<p>Schließlich sind alle diese Fragen nicht nur wegen der mit der Wahrnehmung von Führungsfunktionen unvermeidlich verbundenen Organisations- und Direktionsgewalt, also unter dem Gesichtspunkt der Fremdbestimmung, demokratierelevant, sondern auch deswegen, weil NSB, wie wiederum die Erfahrung zeigt, in erstaunlichem Maße die Fähigkeit besitzen, materielle Ressourcen zu mobilisieren, über deren Verwendung im Einzelnen dann oft von informellen Führungszirkeln entschieden wird. Ob es sich um die lange Zeit jede studentische Vollversammlung, aber auch einige Gewerkschaftstagungen oder sogar den Evangelischen Kirchentag flankierende <strong>„</strong>spontane<strong>” </strong>Spendensammlung <strong>„</strong>Waffen für Nicaragua<strong>”</strong>, für den ANC oder andere heute längst vergessene <strong>„</strong>Befreiungsbewegungen<strong>” </strong>handelte &#8211; bei der niemand jemals genau wusste oder darauf achtete, wer eigentlich die Kollekte einsammelte und anschließend auf einem oft nur mit einer &#8218;c/o-Adresse&#8216; versehenen Konto verwaltete &#8211; oder aber die zahlreichen Aufrufe unterschiedlichster Bewegungsorganisationen und -akteure bei Großdemonstrationen oder aus Anlass bestimmter Kongresse oder Veranstaltungen oder zu bestimmten Zwecken handelt: Nicht immer entspricht offenkundig dem Ausmaß der mobilisierten Mittel auch eine Kontrolle ermöglichende und Legitimität erzeugende Mitwirkungsstruktur.</p>
<p>Hier sind natürlich die strukturbedingten Differenzen zu formalen Organisationen wie Vereinen, Verbänden oder gar den Parteien mit ihren rechtlich fixierten und institutionalisierten Rechenschafts- und Offenlegungsverpflichtungen besonders groß. Auch innerhalb des Bewegungssektors dürfte die empirische Analyse ein weites Spektrum an Strukturen und Verhältnissen aufzeigen, denn in vielen Zusammenhängen haben sich die NSB, genauer: Gruppen von Akteuren innerhalb der NSB gerade deswegen und in bester Absicht teilinstitutionalisiert, um die angesprochenen Probleme zu lösen. Aber nicht jedes <strong>„</strong>Spendenkonto<strong>” </strong>unter einem Aufruf ist in eine solche demokratische Struktur eingebunden und nicht in allen im Kontext von Bewegungen existierenden Vereinen oder Verbänden entsprechen die inneren Verhältnisse wirklich demokratischen Maßstäben. Nicht selten bestehen zwischen Vorständen, Angestellten oder Sprecherräten einerseits und <strong>„</strong>Kassenprüfern<strong>” </strong>oder ähnlichen Beauftragten andererseits derart enge politische Beziehungen, dass von einer echten Kontrolle kaum die Rede sein kann und ihre Wahrnehmung als lästige Verpflichtung empfunden wird; für Mitgliederversammlungen und Wahlen nach dem Vereinsgesetz gilt ähnliches. Generell gibt es vermutlich gerade im Kontext von NSB und ihren <strong>„</strong>Bewegungsorganisationen<strong>” </strong>eine weit verbreitete politische Teilkultur der Informalität. Diese Kultur empfindet die Durchführung gesetzlich vorgeschriebener Prozeduren weniger als Chance der Legitimierung und Kontrolle, denn als fremdbestimmten <strong>„</strong>Formalkram<strong>”</strong>, den es für das vereinsrechtlich notwendige Protokoll möglichst schnell zu veranstalten gilt, bevor man zur eigentlichen Politik zurückkehren kann.</p>
<p>Angesichts des unbestreitbaren Ausmaßes an idealistischem Engagement dürfen diese Fragen und Hinweise keineswegs als ein Generalverdacht auf Missbrauch von Direktionsgewalt und Ressourcen durch die Inhaber von Führungsfunktionen in NSB verstanden werden. Sie müssen vielmehr im Kontext meiner Problemstellung sowie der Beobachtung gesehen werden, dass diese und andere Fragen, die in vergleichbaren sozialen Gebilden nicht nur durchaus üblicherweise gestellt werden, sondern in der Regel auch institutionalisierte Antworten gefunden haben, bei NSB dagegen so sehr im Schlagschatten öffentlicher und wissenschaftlicher Aufmerksamkeit verbleiben.</p>
<h3 class="">Vertrauen als Kategorie von Herrschaft und sozialer Interaktion</h3>
<p>Eine entscheidende Voraussetzung von Informalität ist Vertrauen. Charismatische Herrschaft basiert auch auf Vertrauen, das den Führungspersonen entgegengebracht wird. Diese Strukturbeziehung ist in informellen Massenbewegungen mit ihrer nur mittelbaren Kommunikation zwischen <strong>„</strong>Führern<strong>” </strong>und <strong>„</strong>Aktiven<strong>” </strong>zu einem gewissen Grad offenkundig unvermeidbar und funktional. In den unmittelbaren Beziehungen der informellen Führungskreise scheint Vertrauen hingegen aber auch ohne Charisma auszukommen &#8211; im Gegenteil ruft es hier offenkundig Spannung und Konkurrenz hervor.</p>
<p>Soziologisch betrachtet scheint deshalb <strong>„</strong>Vertrauen<strong>”</strong> als funktionales Äquivalent der üblichen formellen Strukturen und Institutionalisierungen zur Mitwirkung und Kontrolle in demokratischen Organisationen in den fluideren und informeller strukturierten NSB zu überwiegen. Traditionen eher angelsächsischer Provenienz, die Misstrauen in die Wahrnehmung von Führungsfunktionen geradezu als demokratische Tugend begreifen, treffen jedenfalls in deutschen NSB offenkundig auf spiegelbildliche Alternativen einer über gemeinsame Ziele vermittelten Gemeinschaftsvorstellung [14]. In Massenbewegungen ohne direkte interpersonale Kontaktmöglichkeiten aller mit allen dürfte sich das Vertrauen in <strong>„</strong>Sprecher<strong>” </strong>und andere Inhaber von Führungsfunktionen vor dem Hintergrund solcher kulturellen Traditionsbestände zum Teil aus dem bereits angesprochenen Reputationstransfer, zum Teil aus angesammelten Erfahrungen mit diesem Personal bei früheren politischen Anlässen und Aktionen speisen. Solches Vertrauen hängt in seiner Belastbarkeit, also u.a. der aus ihm sich begründenden Folgebereitschaft, auch von dem Ausmaß an inhaltlicher Kontinuität von Bewegungsthemen und Aktionsformen ab. Innovationen, insbesondere wenn sie <strong>„</strong>von oben<strong>” </strong>initiiert werden, stellen besondere Belastungen dieser generalisierten Vertrauensbeziehungen dar. Hier ist dann wirklich massenwirksames Charisma einzelner Personen gefragt, wie es zeitweise in Phasen der Zuspitzung politischer Proteste und Konflikte zum Tragen kommt.[15] Die wichtigste strukturelle Vertrauensgrundlage für die informalen Binnenverhältnisse und Netzwerke, da ist sich die Soziologie ungeachtet aller Schulstreitigkeiten ziemlich einig, liegt aber in der Stabilität unmittelbarer personaler Verhältnisse. <strong>„</strong>Freundschaft<strong>”</strong> ist ein Typ solcher personalen Vertrauensbeziehungen, die ihre Stabilität nicht zuletzt aus ihrer Dauer bezieht. Eine Untersuchung von personalen Kontinuitäten des Führungspersonals in verschiedenen NSB und ihrer zeitlichen Dauer könnte hier sehr aufschlussreich sein und mit einiger Wahrscheinlichkeit eklatante Widersprüche zu zeitweise auch in einigen NSB kursierenden <strong>„</strong>basisdemokratischen<strong>”</strong> Zielvorstellungen wie Ämterrotation usw. aufweisen. [16] Alle eigene Erfahrung spricht dafür, dass gerade langjährige Vertrauensbeziehungen und mehr oder weniger politisch begründete Freundschaften sich bei einer empirischen Prüfung im Bewegungszentrum vieler NSB nachwiesen ließen. Sie stehen zweifelsfrei in einem Spannungsverhältnis zu den charismatischen Außenbeziehungen Einzelner und dürften damit für die ungeachtet aller Freundschaften für diese sozialen Gebilde ebenso notorischen internen Konkurrenzbeziehungen und Eifersüchteleien mitverantwortlich sein. Aber zugleich verbürgen sie in den angesprochenen Binnenbeziehungen funktional auch nach außen hin die Wahrnehmung, dass an der Spitze der Bewegung alles mit rechten Dingen zugeht.</p>
<p>Die politischen Freundschaften und ihre Dauer sind aber auch eine Hauptursache langfristiger politischer Patronagebeziehungen, die es nicht nur in politischen Parteien gibt (vgl. Luhmann 2002: 407ff.): Auch im Kontext von NSB werden angesichts ihrer teilweisen Professionalisierung Posten und Aufträge vergeben. So ist es nicht verwunderlich, dass zu dem mehr oder weniger institutionalisierten <strong>„</strong>Bewegungssektor<strong>”</strong> inzwischen auch die Figur des Bewegungsunternehmers gehört; schließlich müssen Millionen von Palästinensertüchern, Tausende lila Halstücher mit Friedenstaube oder Sticker mit Sonnenblumen, schließlich Embleme wie Plakate ebenso gedruckt und hergestellt werden, wie die umfangreiche Broschürenliteratur im Kontext einzelner Bewegungen. Hier werden ebenso wie im Spendensektor ganz beträchtliche Umsätze gemacht und bekanntlich verdanken ja nicht nur einige heute bekannte Verlage und Zeitschriften, sondern auch Druckereien, Buchläden, Fuhrunternehmen und sogar Reisebüros ihre Gründung und Herkunft solchen Bewegungskontexten. Die Finanz- und Wirtschaftsgeschichte des Bewegungssektors in Deutschland seit den späten 1950er Jahren ist noch nicht geschrieben &#8211; und angesichts der vielfach informellen Verhältnisse wohl auch nur sehr schwer zu rekonstruieren. [17] Angesicht des geringen Grades funktionaler Differenzierung und der vorhandenen Verschränkung politischer, organisatorischer und wirtschaftlicher Funktionswahrnehmung in den NSB wäre sie aber aus der Sicht einer herrschaftssensiblen Demokratiegeschichte auch des außerparlamentarischen Sektors wünschenswert.</p>
<h3 class="">Fazit</h3>
<p>Die vorstehenden Überlegungen und Beispiele geben wohl Anlass, die unkritische Hintergrundannahme von der inneren Herrschaftslosigkeit von NSB aufzugeben und mit den üblichen Fragen einer kritischen politischen Soziologie empirisch nachzuforschen. Dabei wäre davon auszugehen, dass wie überall in Politik und Gesellschaft gegebene <em>opportunity structures</em> auch ein gewisses Maß von Missbrauch und Dysfunktionalität im Sinne der jeweiligen Bewegungsziele ermöglichen. Mag dieses Maß angesichts der ganz überwiegend rational oder idealistisch motivierten Anhängerschaft der meisten NSB auch geringer sein als in vergleichbaren formalen Organisationen, so rechtfertigte das doch nicht das bisherige Desinteresse der Sozialwissenschaften und eben leider auch nicht jedes gespendete politische Vertrauen ihrer Anhänger. Relevant ist diese Frage aber über die Binnenbeziehung hinaus heute in dem Maße geworden, in dem NSB als NRO an Herrschaftsfunktionen politischer Systeme unmittelbar teilhaben. Dass ihre dabei agierenden Repräsentanten schwächeren mitgliedschaftlichen Partizipations- und Kontrollrechten ausgesetzt sind, beschädigt damit nicht nur ihre eigenen Legitimationsgrundlagen, sondern die Legitimität von Regieren in <em>public-private-governance-networks</em> über die bereits bekannten Maße hinaus. Solange man in diesen sich ausbreitenden informellen Strukturen auf Seiten der NRO nur die jeweils eigenen gesteigerten Partizipationsrechte und auf Seiten der formal legitimierten Regierungen nur die vermeintlichen Effektivitätsgewinne im Auge hat, befindet sich die eingangs angesprochene langfristige Entwicklungstendenz der Demokratisierung zur Zeit in einer eigenartigen Regression.</p>
<p>Zusammen mit dem als Personalisierung und Mediatisierung der Parteipolitik breit diskutierten Rückgang an innerparteilicher Demokratie könnten somit die Aspekte charismatischer und lediglich intern auf persönlichem Vertrauen basierender Führungsstrukturen in den NSB insgesamt derzeit an einem Wandel der politischen Kultur mit strukturellen Auswirkungen teilhaben, dessen Entwicklungsfluchtpunkt noch nicht recht erkennbar ist. Die paradoxe Tendenz der Relativierung gleichberechtigter formaler Mitwirkungsrechte durch Ausweitung der Partizipation von NSB in allen Phasen des politischen Prozesses scheint aber langfristig eindeutig zu sein.</p>
<h3 class="">Anmerkungen</h3>
<p>1 Ich knüpfe hier an frühere Überlegungen an, die aber auf die durch Informalisierung bedingten Veränderungen des Regierens und nicht die inneren Strukturen von Neuen Sozialen Bewegungen abzielten, siehe Greven 2000.</p>
<p>2 Die unterschiedliche Bezeichnung als NRO und NSB schuldet sich &#8211; wie bei anderen Autoren &#8211; dem jeweiligen Kontext; dass heute politikwissenschaftlich mehr von NRO als NSB die Rede ist, spiegelt die politische Einbindung sozialer Bewegungen in policy-coalitions und die an sie gerichteten Erwartungen rationalen Mitregierens sowie den momentanen Abschwung fundamentaler Opposition unbewußt, aber realistisch wider.</p>
<p>3 Auch (innerparteiliche) Demokratie ist eine Herrschaftsstruktur &#8211; nur eben eine auf politischer Gleichheit und Partizipationsrechten beruhende.</p>
<p>4 Bei Joachim Raschke wird sie immerhin in der angesprochenen Weise, anders als in zahlreichen von mir überprüften wichtigen Werken zu NSB, aufgeworfen; auf das für ihn wohl entscheidende Argument, warum es sich hier &#8222;eher&#8220; nicht um &#8222;Herrschaft&#8220; handle (Raschke 1985: 218), komme ich im Text noch zu sprechen.</p>
<p>5 Prägnante Beispiele zur &#8222;Substitution von &#8218;Herrschaft&#8216; durch &#8218;Führung&#8220;&#8218; in dem von Dietrich Nilger verfassten Unterkapitel des Stichworts &#8222;Herrschaft&#8220; in den Geschichtlichen Grundbegriffen (Hilger 1982). Bezeichnenderweise spricht Joachim Raschke dort, wo er das Thema Charisma in NSB kurz berührt, vom &#8222;charismatischen Führungstyp&#8220; (Raschke 1985: 218) und setzt es mit einem &#8222;charismatisch-autoritären&#8220; oder gar &#8222;-totalitärem Modell&#8220; (ebd.: 219) gleich.</p>
<p>6 In der Kritischen Theorie findet sich für diesen Sachverhalt die dialektische Formel von der &#8222;Surplus-Herrschaft&#8220;: als einem funktionalen Zuviel an Herrschaft und dem Gewinn, den ihre Inhaber daraus ziehen, z.B. Marcuse 1969.</p>
<p>7 Heute scheint diese unkritische Haltung sich von früherer NSB-Emphase in die neuere NGO-governance-Diskussion verschoben zu haben &#8211; so etwa bei Klaus Dieter Wolf, der glaubt, das Legitimationsproblem mitregierender NGO lasse sich durch den Hinweis auf deren &#8222;Reputation&#8220; umgehen, und bei dem die hier thematisierten inneren Probleme als legitimationsbedürftig gar nicht erst auftauchen (Wolf 2002).</p>
<p>8 Hier ist nicht der Raum, alternative Konzepte von &#8222;Führung&#8220; in der Bewegungstheorie zu diskutieren, z.B. das von Alain Touraine &#8211; allerdings noch auf dem Hintergrund der Klassenanalyse entwickelte &#8211; Konzept der &#8222;Berufung&#8220;, das &#8222;von der virtuellen Gegenwart des historischen Subjekts im Individuum ausgeht&#8220;, woraus sich eine Führungsrolle ergeben kann (Touraine 1974: 276f.). Genau hier zeigt sich der &#8222;moderne&#8220; Charakter von Webers attributions- und handlungstheoretischem Ansatz, der sich vor allen Bewegungstheorien marxistischer Provenienz durch das Fehlen jeglicher Geschichtsmetaphysik auszeichnet und der im Unterschied zu einigen neueren Ansätzen der Bewegungstheorie ohne Evolutionsannahmen auskommt.</p>
<p>9 &#8222;Was Dutschke als &#8222;totale Personalisierung&#8220; durch die bürgerlichen Massenmedien anprangerte, beschrieb eine unauflösliche Verstrickung der Bewegung insgesamt&#8220; (Koenen 2001: 36).</p>
<p>10 Eigentümlich selbstverständlich bürgerte sich auch der Begriff &#8222;Studentenführer&#8220; oder &#8222;Führer der Studentenbewegung&#8220; oder &#8222;APO-Führer&#8220; (z.B. Rudi Dutschke) ein, zuerst wohl durch die Medien, schließlich aber auch in den Bewegungskontexten (man denke an Petra Kelly) selbst und sogar in der sozialwissenschaftlichen Literatur. Dabei taucht das Adjektiv &#8222;charismatisch&#8220; nicht selten als Personenkennzeichen auf, ohne dass die hier diskutierten Fragen gestellt würden; im Zusammhang mit der heutigen attac könnte man angesichts der globalen Präsenz einiger Personen geradezu von &#8222;Starrummel&#8220; sprechen, der sicherlich auch eine ökonomische Relevanz besitzt.</p>
<p>11 Man denke an die Art, wie Joschka Fischer bis heute in seiner Partei erfolgreich &#8218;herrscht&#8216;, ohne die entsprechenden Ämter inne zu haben.</p>
<p>12 Natürlich waren in der Friedensbewegung alle für den Frieden engagiert &#8211; aber ob sich die nächste Großdemonstration nur gegen die amerikanischen Pershing II oder auch zugleich gegen die sowjetischen SS-20 richten sollte, das war doch manchmal in sehr kleinen Kreisen auszuhandeln.</p>
<p>13 Roland Roth kommt das Verdienst zu, mit diesen Begriffen die &#8222;Gegeninstitutionalisierungen&#8220; der von einigen immer noch nur als &#8222;bewegt&#8220; begriffenen NSB zum Thema gemacht zu haben &#8211; allerdings findet sich in dem ganzen Buch nicht ein Hinweis darauf, dass sich in den Strukturbildungen der &#8222;Demokratie von unten&#8220; wiederum die klassischen Demokratiefragen stellen lassen: Roth 1994.</p>
<p>14 Nach meinen persönlichen Erfahrungen stammen nicht wenige der älteren Engagierten in NSB aus früheren Kontexten der demokratischen und sozialistischen Jugendbewegung.</p>
<p>15 Man denke an die Rolle Daniel Cohn-Bendits im Pariser Mai 1968 &#8211; und das Reputationskapital, das sich für ihn daraus (bis heute?) ergab; vgl. Gilcher-Holtey 1995.</p>
<p>16 Hier finden Überlegungen in der Weber-Literatur ihren Ansatz, die die auf personalen Verhältnissen beruhenden charismatischen Herrschaftsbeziehungen wie zum Beispiel in NSB im Gegensatz zur modernisierungsbedingten &#8222;Rationalisierung&#8220; aller Lebensverhältnisse und der Politik sehen, die sich in formalisierten Prozeduren niederschlägt; siehe dazu Breuer 1994: 144ff.</p>
<p>17 Für die K-Gruppen gibt es Ansätze dazu bei Koenen 2001, die zeigen welche Ressourcen in politischen Gruppen und Bewegungen zeitweise mobilisiert werden konnten &#8211; und welche Vermögensbestände bei ihrem politischen Niedergang übrig bleiben. Ähnliche Ausmaße wird man in den viel informelleren Strukturen der meisten NSB und ihrer Bewegungsorganisationen allerdings nicht erwarten dürfen.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Alemann, Ulrich von/Heinze, Rolf G</em>. (Hgg.) 1979: Verbände und Staat, Opladen</p>
<p><em>Breuer, Stefan</em> 1994: Bürokratie und Charisma, Darmstadt</p>
<p><em>Gilcher-Holtey, Ingrid</em> 1995: Die Phantasie an die Macht, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Greven, Michael Th</em>. 2000: Die Beteiligung von Nicht-Regierungs-Organisationen als Symptom wach-<br />
sender Informationalisierung des Regierens; in: <em>vorgänge</em> 151 (Heft 3/2000 — September), S. 3-12</p>
<p><em>Greven, Michael Th</em>. 1988: Zur Kritik der Bewegungswissenschaft; in: <em>Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen</em>, 4/1988, S. 51-60</p>
<p><em>Hilger, Dietrich</em> 1982: Die Substitution von &#8218;Herrschaft&#8216; durch &#8218;Führung&#8216;: in: <em>Geschichtliche Grundbegriffe</em>, Bd. 3, Stuttgart, S. 94-98</p>
<p><em>Hondrich, Karl Otto</em> 1973: Theorie der Herrschaft, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Koenen, Gerd</em> 2001: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln</p>
<p><em>Lohmar, Ukrich</em> 1963: Innerparteiliche Demokratie, Stuttgart</p>
<p><em>Luhmann, Niklas</em> 2002: Organisation und Entscheidung, Opladen</p>
<p><em>Marcuse, Herbert</em> 1969: Versuch über die Befreiung, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Raschke, Joachim</em> 1985: Soziale Bewegungen, Frankfurt/Main u. New York</p>
<p><em>Roth, Roland</em> 1994: Demokratie von unten, Köln</p>
<p><em>Touraine, Alain</em> 1974: Soziologie als Handlungswissenschaft, Darmstadt/Neuwied</p>
<p><em>Touraine, Alain</em> 1976: Soziale Identität und soziale Bewegung; in: Ders.: Was nützt die Soziologie?, Frankfurt/Main, S. 176-207</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1972 [1921/22]: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. rev. Ausg., Tübingen</p>
<p><em>Wolf, Klaus Dieter</em> 2002: Zivilgesellschaftliche Selbstregulierung: ein Ausweg aus dem Dilemma des internationalen Regierens?; in: <em>Jachtenfuchs, Markus/Knodt, Michéle</em> (Hgg.): Regieren in internationalen Institutionen, Opladen, S. 183-214</p>
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