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	<title>vorgänge Nr. 220: Europa in der Krise Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/editorial-55/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 22 Dec 2017 17:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 1-4 Finanz- und Eurokrise, Griechenland-Schuldenkrise, Fl&#252;chtlingskrise, Brexit &#8230; immer wieder wurde in den letzten Jahren diagnostiziert, die Europ&#228;ische Union (EU) befinde sich in der Krise. Ob die jeweiligen Krisen wirklich so &#252;berraschend, dramatisch und existenziell waren, wie manche Beobachter/innen meinten, mag bezweifelt werden. Fest steht jedoch, dass die europ&#228;ische [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/editorial-55/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 1-4</p>
<p>Finanz- und Eurokrise, Griechenland-Schuldenkrise, Fl&uuml;chtlingskrise, Brexit &#8230; immer wieder wurde in den letzten Jahren diagnostiziert, die Europ&auml;ische Union (EU) befinde sich in der Krise. Ob die jeweiligen Krisen wirklich so &uuml;berraschend, dramatisch und existenziell waren, wie manche Beobachter/innen meinten, mag bezweifelt werden. Fest steht jedoch, dass die europ&auml;ische Integration bei vielen B&uuml;rger/innen in eine Legitimationskrise geraten ist: f&uuml;r sie sind die Entscheidungen von Kommission und Europaparlament kaum nachvollziehbar, ist die EU gleichbedeutend mit B&uuml;rokratie und Lobbyismus. Derweil erhalten anti-europ&auml;ische Bewegungen und Parteien erheblichen Zulauf, rechtspopulistische und nationalistische Gruppierungen steigerten ihren Einfluss im Europaparlament. Die vielbeschworene Wertegemeinschaft zeigt erkennbare Br&uuml;che, zahlreiche Mitglieder fremdeln untereinander. Der knappe Abstimmungssieg f&uuml;r den Brexit hat die Krise der EU versch&auml;rft. Wird der Brexit vollzogen, wird die europ&auml;ische Integrationszone erstmals in ihrer 60j&auml;hrigen Geschichte seit der Gr&uuml;ndung der Europ&auml;ischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1957 r&auml;umlich schrumpfen.</p>
<p>Aber welche Zusammenh&auml;nge gibt es zwischen den aktuellen Krisenph&auml;nomenen und der seit vielen Jahren artikulierten Kritik an der EU, die unter Stichworten wie Demokratiedefizit, Festung Europa oder neo-liberale Integration zusammengefasst werden kann? Mit dieser Frage befasst sich der Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe der vorg&auml;nge. Die Beitr&auml;ge beleuchten die Defizite der EU aus verschiedenen Blickwinkeln, diskutieren staatstheoretische, demokratische und &ouml;konomische Ursachen f&uuml;r die Schwierigkeiten der EU. Und sie setzen sich mit den mittlerweile vorliegenden Vorschl&auml;gen zur &Uuml;berwindung der Krise(n) auseinander. So legte die Europ&auml;ische Kommission im M&auml;rz 2017 ihr &#8222;Wei&szlig;buch zur Zukunft Europas&#8220;(1) vor. Darin stellte sie als Reaktion auf den Brexit und die anderen Krisen der EU f&uuml;nf verschiedene Szenarien zur Diskussion:</p>
<p>(1) &#8222;Weiter wie bisher&#8220;,<br />(2) &#8222;Schwerpunkt Binnenmarkt&#8220;,<br />(3) &#8222;Wer mehr will, tut mehr&#8220;,<br />(4) &#8222;Weniger, aber effizienter&#8220; und<br />(5) &#8222;Viel mehr gemeinsames Handeln&#8220;.</p>
<p>In einer Rede an der Pariser Sorbonne positionierte sich der franz&ouml;sische Staatspr&auml;sident Emmanuel Macron am 26. September 2017. Er pl&auml;dierte &#8211; ohne es explizit zu nennen &#8211; f&uuml;r Szenario 5: Denn er schlug viel mehr gemeinsames Handeln der europ&auml;ischen Staaten vor, insbesondere auf Feldern wie Zuwanderung und Asyl, Klimaschutz, Terrorismus, Cybersicherheit und Milit&auml;r. Auch forderte er einen gemeinsamen Haushalt f&uuml;r die Mitgliedstaaten der Eurozone. Schlie&szlig;lich hat der Kommissionspr&auml;sident Jean-Claude Juncker in seiner j&auml;hrlichen Rede zur Lage der Union seine Pl&auml;ne zur &Uuml;berwindung der Krise erl&auml;utert. Diese Vorschl&auml;ge stellen wir in einer Dokumentation ab Seite 105 dieser Ausgabe kurz vor.</p>
<p>Den Themenschwerpunkt er&ouml;ffnet ein Interview mit dem fr&uuml;heren Bundesverfassungsrichter <i>Dieter Grimm</i>. Er hat sich in den letzten Jahren mehrfach zu Fehlentwicklungen der EU ge&auml;u&szlig;ert, seine Aufs&auml;tze zum Thema erschienen k&uuml;rzlich als Sammelband. Im Gespr&auml;ch mit Rosemarie Will geht er auf die rechtspolitischen Ursachen f&uuml;r die manchmal technokratischen Z&uuml;ge der Union ein, setzt sich kritisch mit dem Verh&auml;ltnis von europ&auml;ischem und nationalem Recht sowie mit den Vorschl&auml;gen zur St&auml;rkung des Europaparlaments als &Uuml;berwindung der demokratischen Legitimationsdefizite auseinander. Grimm unterbreitet einen Gegenvorschlag, um die von ihm diagnostizierte &Uuml;berkonstitutionalisierung der EU zu beenden; eine Idee, wie die von der EU geregelten Fragen repolitisiert werden k&ouml;nnten. Sein Vorschlag setzt jedoch eine Vertrags&auml;nderung voraus &#8211; was angesichts der divergierenden Vorstellungen unter den Mitgliedern wenig Aussicht auf Erfolg hat.</p>
<p>Der darauffolgende Beitrag von <i>Wilfried Loth</i> zeigt, dass der Brexit und die anderen EU-Krisen der letzten Jahre in einer Linie mit zahlreichen Krisen der europ&auml;ischen Einigung stehen, die die Union seit ihrer Gr&uuml;ndung begleiten. Loth verweist dazu auf die verschiedenen Antriebskr&auml;fte und Motivationen, die der Gr&uuml;ndung der EWG zugrunde lagen, und die unterschiedlichen Vorbehalte und Bedenken, die seit jeher geltend gemacht wurden. Als vorrangig zu l&ouml;sendes Problem macht er das Demokratiedefizit der EU aus. Loth diskutiert m&ouml;gliche Szenarien f&uuml;r die weitere Entwicklung und wagt die Prognose, dass die EU nicht zerfallen wird, sondern aus der derzeitigen Situation gest&auml;rkt hervorgehen k&ouml;nnte, auch und gerade im Hinblick auf die Unterst&uuml;tzung der Bev&ouml;lkerung.</p>
<p><i>Hartmut Aden </i>skizziert im Folgenden die Probleme, die aus der Mehrebenen-Struktur der EU entstehen: das Hin- und Herschieben politischer Entscheidungen zwischen nationaler und europ&auml;ischer Gesetzgebung; die Doppelzust&auml;ndigkeiten und Kompetenzkonflikte zwischen EU und Nationalstaaten; die Grenzen europ&auml;ischer Regulierungsm&ouml;glichkeiten durch das Konsensprinzip; die lange Verfahrensdauer f&uuml;r Gesetzgebungen der Union; die unterschiedliche Umsetzung europ&auml;ischer Vorgaben in den Mitgliedstaaten &#8230; Im Ergebnis f&uuml;hre dies oft zu einer Verantwortungsdiffusion in der EU, bei der kaum auszumachen ist, welche Stelle f&uuml;r schlechte bzw. schlecht umgesetzte EU-Politik verantwortlich ist. Die L&ouml;sung sieht Aden jedoch nicht in einer Zentralisierung der EU, sondern in der deutlicheren Abgrenzung von Zust&auml;ndigkeiten f&uuml;r einzelne Politikfelder und der St&auml;rkung der Koordinationsmechanismen. Letztlich gehe es aber auch um eine Neuausrichtung der EU-Politik, die die Interessen der Bev&ouml;lkerung st&auml;rker in den Blick nehmen m&uuml;sse, um den konkreten Nutzen der Union f&uuml;r die/den Einzelne/n wieder sichtbar zu machen.</p>
<p>Auf einen besonderen Aspekt der Mehrebenen-Struktur der EU geht <i>Uwe Kranenpohl</i> ein: den Grundrechtsschutz im Zusammenspiel der beiden europ&auml;ischen Gerichte (EGMR, EuGH) und der nationalen Verfassungsgerichte. Zun&auml;chst beschreibt Kranenpohl das Verh&auml;ltnis zwischen europ&auml;ischem und nationalem (Grund-)Rechtsschutz &#8211; was die Fragen nach der Unter- oder &Uuml;berordnung bzw. Kooperation der beteiligten Gerichte einschlie&szlig;t. Konflikte zwischen den Gerichten werden nach Kranenpohl sowohl in der Kompetenzdimension (Welches Recht ist als vorrangig?) als auch in der Interpretationsdimension (Was ist der &#8222;richtige&#8220; Inhalt einer Rechtsnorm?) ausgetragen. Auf lange Sicht f&uuml;hrt nach Kranenpohl kein Weg um ein europ&auml;isches Grundrechtsschutzregime herum, denn eine koh&auml;rente gerichtliche Kontrolle des staatlichen Handelns der Union und der Mitgliedstaaten sei durch nationale Verfassungsgerichte nicht mehr hinreichend zu gew&auml;hrleisten.</p>
<p>Die &ouml;konomischen Ursachen f&uuml;r die Euro-Finanzkrise stehen im Mittelpunkt des Beitrags von <i>Rainer Land</i>. Er geht vom Zustand einer divergierenden wirtschaftlichen Entwicklung aus, welche die europ&auml;ische Wirtschaft seit Jahren pr&auml;gt. Dem deutschen Wirtschaftswachstum und Export&uuml;bersch&uuml;ssen stehen substantielle Konjunkturkrisen und betr&auml;chtliche Handelsdefizite anderer (europ&auml;ischer) Staaten gegen&uuml;ber, allen voran Gro&szlig;britannien, Frankreich und Griechenland. Der Autor verweist auf die strukturellen Probleme, die sich aus einem l&auml;ngerfristigen Export&uuml;berschuss ergeben &#8211; nicht nur f&uuml;r die sich immer st&auml;rker verschuldenden, wirtschaftspolitisch in die Abh&auml;ngigkeit geratenden L&auml;nder, denen Arbeitslosigkeit und De-Industrialisierung drohen. Anhaltende Handelsungleichgewichte bergen auch f&uuml;r ein &Uuml;berschuss-produzierendes Land wie Deutschland zahlreiche Risiken: sinkende Reall&ouml;hne und die Zunahme relativer Armut; ausbleibende Investitionen in die Infrastruktur und damit in die Zukunft; der drohende Wertverlust f&uuml;r die mit Krediten/Schuldverschreibungen finanzierten Export&uuml;bersch&uuml;sse&nbsp;&#8230; Die europ&auml;ische Finanz- und Wirtschaftspolitik sieht Land derzeit in einem Widerspruch verfangen: Einerseits versuchten die einzelnen Mitgliedstaaten, gegen&uuml;ber anderen Nationen m&ouml;glichst wettbewerbsf&auml;hig zu sein und Export&uuml;bersch&uuml;sse zu erzielen; andererseits setze die europ&auml;ische Finanzpolitik alles daran, dass f&uuml;r den Konsum dieser &Uuml;bersch&uuml;sse keine neuen Defizite entst&uuml;nden. Beides sei aber nicht miteinander zu vereinbaren &#8211; kein &Uuml;berschuss ohne ein entsprechendes Defizit an anderer Stelle. Rainer Land pl&auml;diert daf&uuml;r, die Handelsungleichgewichte innerhalb der EU und des EU-Au&szlig;enhandelns aufzul&ouml;sen. Dies sei umso wichtiger, als die bisherige Orientierung auf Wettbewerbsvorteile auch den notwendigen &ouml;kologischen Umbau der Wirtschaft blockiere. F&uuml;r die Eurozone sieht Land dabei drei grunds&auml;tzliche Optionen: den Ausgleich der &Uuml;bersch&uuml;sse/Defizite durch Transferzahlungen (die jedoch mehrere Hundert Milliarden j&auml;hrlich betr&uuml;gen); eine koordinierte Dynamik der nationalen Lohnniveaus in den Mitgliedstaaten, die strikt am Ma&szlig;stab der Produktivit&auml;t zu orientieren w&auml;ren (um Defizite/&Uuml;bersch&uuml;sse zu vermeiden); oder die Aufl&ouml;sung der Eurozone bzw. der Austritt einzelner Staaten aus dem Verbund.</p>
<p>Die folgenden beiden Beitr&auml;ge widmen sich den Gegnern der europ&auml;ischen Integration: <i>J&ouml;rg Ukrow</i> analysiert die letzten Parlamentswahlen in verschiedenen EU-Mitgliedsl&auml;ndern im Hinblick auf den Einfluss eurokritischer, rechtspopulistischer und nationalistischer Parteien. Deren Erfolge gehen einher mit dem Niedergang der Sozialdemokratie, die in fast allen Abstimmungen (bis auf die britische Labour Party unter Jeremy Corbyn) erhebliche Verluste einstecken musste. Nach Ukrows Auswertung sind es vor allem die &auml;lteren W&auml;hler/innen sowie die Menschen in l&auml;ndlichen Regionen, die zu den Wahlerfolgen der europakritischen Parteien beitragen. Zudem erweist sich die Zustimmung zur bzw. Ablehung der europ&auml;ischen Integration als stark abh&auml;ngig vom Einkommen und Bildungsstatus der Menschen, was die sozialpolitischen Defizite der EU offenlege.</p>
<p><i>Tobias Peter </i>untersucht den Einfluss rechtspopulistischer und -nationalistischer Parteien im Europaparlament. Er unterscheidet dabei vier Varianten: die extreme, ethnozentristische, populistisch-autorit&auml;re sowie eine religi&ouml;s-fundamentalistische Rechte. Da sich Vertreter/innen dieser vier Richtungen (und teilweise sogar die Abgeordneten einer Partei, s. AfD) verschiedenen Fraktionen anschlie&szlig;en, ist die St&auml;rke der Rechten im Parlament nicht ganz leicht auszumachen. Im Vergleich zu den letzten Wahlen stieg die Zahl rechtsgerichteter Abgeordneter von 46 auf 81 an. Sie verteilen sich derzeit auf drei Fraktionen: Europ&auml;ische Konservative und Reformer, Europa der Freiheit und der direkten Demokratie sowie Europa der Nationen und der Freiheit. Ihr Einfluss reicht jedoch weit dar&uuml;ber hinaus, denn zu ihrem Erfolg geh&ouml;rt nach Peter auch, dass die Rechten mittlerweile die Agenda der anderen Fraktionen beeinflussen und diese thematisch vor sich hertreiben.</p>
<p><i>Antonio L&oacute;pez-Pinas</i> Blick von au&szlig;en auf die deutsche Rolle in Europa beschlie&szlig;t diesen Schwerpunkt. Er geht vor allem auf die sozialpolitischen Defizite der EU ein, deren Regulierungsbem&uuml;hungen bisher einseitig zugunsten der Wirtschaft und des freien Handels ausfielen. Der Aufbau einer Sozialunion sei daher dringend geboten, die k&uuml;rzlich verabschiedete Initiative einer Sozialen S&auml;ule der EU (2) keineswegs ausreichend. Um derartige Vorhaben umsetzen zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssten die deutsche Bundesregierung und die &Ouml;ffentlichkeit jedoch ihre Zahlmeister-Mentalit&auml;t ablegen und d&uuml;rften nicht jede Reform mit dem Kostenargument abw&uuml;rgen. Dar&uuml;ber hinaus fordert L&oacute;pez-Pina die Deutschen auf, endlich ihre f&uuml;hrende Rolle innerhalb Europas anzuerkennen und dieser gerecht zu werden, indem sich deutsche Politiker wirklich um Europa und nicht mehr nur um deutsche Egoismen k&uuml;mmern.</p>
<p>Wir w&uuml;nschen Ihnen viele neue Einsichten und eine anregende Lekt&uuml;re mit dieser Ausgabe der <b>vor</b><i>g&auml;nge</i>,</p>
<p><i>Hartmut Aden und Sven L&uuml;ders f&uuml;r die Redaktion</i>.</p>
<p><b>Anmerkungen</b></p>
<p>1 Europ&auml;ische Kommission, Die EU der 27 im Jahr 2025 &#8211; &Uuml;berlegungen und Szenarien, Br&uuml;ssel, COM(2017)2025.</p>
<p>2 Parlament, Rat und Kommission der Europ&auml;ischen Union: Europ&auml;ische S&auml;ule Sozialer Rechte. G&ouml;teborg am 17.11.2017, abrufbar unter <a href="https://ec.europa.eu/commission/sites/beta-political/files/socialsummit-european-pillar-social-rights-booklet_de.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://ec.europa.eu/commission/sites/beta-political/files/socialsummit-european-pillar-social-rights-booklet_de.pdf</a>.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/editorial-55/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8222;Solange das Grundgesetz in Kraft ist, könnte sich Deutschland an einer Verstaatlichung der EU nicht beteiligen.&#8220;</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/solange-das-grundgesetz-in-kraft-ist-koennte-sich-deutschland-an-einer-verstaatlichung-der-eu-nicht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Dec 2017 12:01:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aufmacher]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dieter Grimm zu &#220;berkonstitutionalisierung, Demokratiedefiziten und Reformperspektiven der EU. Auszug aus: vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 5-20 Unter dem Titel &#8222;Europa ja, aber welches&#8220; legte Dieter Grimm 2016 im C.H. Beck-Verlag eine Zusammenstellung von 12 seiner zwischen 2009 und 2015 ver&#246;ffentlichten Aufs&#228;tze zum Thema Europa vor. Als Buch ist dieser Aufsatzsammlung ein au&#223;erordentlicher Erfolg [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/solange-das-grundgesetz-in-kraft-ist-koennte-sich-deutschland-an-einer-verstaatlichung-der-eu-nicht/">&#8222;Solange das Grundgesetz in Kraft ist, könnte sich Deutschland an einer Verstaatlichung der EU nicht beteiligen.&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Dieter Grimm zu &Uuml;berkonstitutionalisierung, Demokratiedefiziten und Reformperspektiven der EU. Auszug aus: vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 5-20</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-5595 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-450x450.jpg" alt="" width="450" height="450" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-450x450.jpg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-750x750.jpg 750w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-150x150.jpg 150w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-768x768.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-1536x1536.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-2048x2048.jpg 2048w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-600x600.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-337x337.jpg 337w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/grimm2s_ausM5170594-2-250x250.jpg 250w" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" /></a></span></p>
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</div>
<p><i>Unter dem Titel &#8222;Europa ja, aber welches&#8220; legte Dieter Grimm 2016 im C.H. Beck-Verlag eine Zusammenstellung von 12 seiner zwischen 2009 und 2015 ver&ouml;ffentlichten Aufs&auml;tze zum Thema Europa vor. Als Buch ist dieser Aufsatzsammlung ein au&szlig;erordentlicher Erfolg beschieden, der mit der derzeit 3. Auflage immer noch anh&auml;lt. F&uuml;r juristische Texte ungew&ouml;hnlich, gelangte das Buch sogar in die Bestsellerlisten und war f&uuml;r den Titel &#8222;Bestes politisches Buch 2016&#8220; nominiert. </i></p>
<p><i>Dieter Grimm ist emeritierter Professor f&uuml;r &Ouml;ffentliches Recht an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin und unterrichtet regelm&auml;&szlig;ig an der Yale Law School. Von 1987 bis 1999 war er Richter am Bundesverfassungsgericht und von 2001 bis 2007 Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Bereits seit 2000 ist er Permanent Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.</i></p>
<p><i>Rosemarie Will befragt im folgenden Interview Grimm zu den Hauptthesen seines Buches. Im ersten Teil geht es darum, inwiefern der EuGH die v&ouml;lkerrechtlichen Vertr&auml;ge zwischen den EU Mitgliedstaaten wie eine Verfassung behandelt bzw. auslegt und sie damit konstitutionalisiert hat. Der zweite Teil geht auf den v&ouml;lkerrechtlichen Status der EU und die Frage ein, auf welchen juristischen Begriff sich die Union bringen l&auml;sst. Zum Schluss werden aktuelle Debatten zu Krisenerscheinungen und Reformperspektiven der EU aufgegriffen.</i></p>
<h5>Konsti&shy;tu&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;li&shy;sie&shy;rung der Vertr&auml;ge durch den EuGH</h5>
<p><i>Welchen Vorgang erfasst und beschreibt der Begriff der Konstitutionalisierung der EU-Vertr&auml;ge?</i></p>
<p>Mit diesem Begriff haben amerikanische Europarechts-Wissenschaftler die Wirkungen zweier grundlegender Urteile des Europ&auml;ischen Gerichtshofs beschrieben. In diesen Urteilen von 1963 und 1964 (1) ging es um das Verh&auml;ltnis der Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge zum nationalen Recht. In den Vertr&auml;gen hatten sich die Mitgliedstaaten zur Herstellung des Gemeinsamen Marktes verpflichtet. Diese Verpflichtung schloss die Aufgabe ein, nationales Recht, das den Gemeinsamen Markt behinderte, an europ&auml;isches Recht anzupassen. F&uuml;r den Fall, dass ein Mitgliedstaat seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachkam, sahen die Vertr&auml;ge ein Vertragsverletzungsverfahren vor, das die Kommission vor dem Europ&auml;ischen Gerichtshof (EuGH) anstrengen konnte. Individuen werden dagegen durch internationale Vertr&auml;ge regelm&auml;&szlig;ig weder berechtigt noch verpflichtet. Ausnahmen von der Regel m&uuml;ssen ausdr&uuml;cklich angeordnet sein. Die Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge hatten das nicht getan.</p>
<p>In dem ersten Urteil wich der EuGH aber von dieser Tradition ab und erkl&auml;rte die Vertr&auml;ge f&uuml;r direkt in den Mitgliedstaaten anwendbar. Die objektivrechtlichen Pflichten der Mitgliedstaaten waren damit in subjektive Rechte der Marktteilnehmer verwandelt worden. Sie konnten die Europarechtswidrigkeit nationalen Rechts vor den nationalen Gerichten geltend machen. Diese mussten im Zweifel die Vereinbarkeitsfrage dem EuGH vorlegen. Kam er zu dem Ergebnis, dass nationales Recht mit europ&auml;ischem Recht unvereinbar war, setzte er es au&szlig;er Anwendung, ohne dass die Mitgliedstaaten eine Chance hatten, ihr Recht zu verteidigen.</p>
<p>In dem zweiten Urteil f&uuml;gte der EuGH hinzu, dass europ&auml;isches Recht nicht nur unmittelbar, sondern auch vorrangig gelte. Europarecht gehe allem nationalen Recht vor, selbst dem h&ouml;chstrangigen, den nationalen Verfassungen. Diese Wirkung kommt in Verfassungsstaaten der Verfassung zu. Deswegen der Ausdruck &#8222;Konstitutionalisierung&#8220;. Die Vertr&auml;ge wurden dadurch freilich nicht in eine Verfassung verwandelt, das stand nicht in der Macht des EuGH. Das h&auml;tten nur die Mitgliedstaaten durch einstimmige Vereinbarung gekonnt. Aber sie wurden mit den Wirkungen einer Verfassung versehen.</p>
<p>[&#8230;]</p>
<p><i>Du machst einen Vorschlag, wie dieser Konstitutionalisierung abgeholfen werden kann. Wie soll das gehen?</i></p>
<p>Ich will nicht die Konstitutionalisierung r&uuml;ckg&auml;ngig machen. Die beiden Urteile des EuGH von 1963 und 1964 sind akzeptiert worden, von den Mitgliedstaaten und vor allem von den nationalen Gerichten, die dem EuGH ja die F&auml;lle liefern. Sp&auml;ter haben die Mitgliedstaaten sie sogar in einem Protokoll, wenn auch nie in den Vertr&auml;gen selbst, anerkannt. Problematisch wird die Konstitutionalisierung erst durch einen weiteren Umstand. Die Vertr&auml;ge, die nunmehr konstitutionalisiert sind, enthalten ja nicht nur Regeln, wie sie sich &uuml;blicherweise in Verfassungen finden. Verfassungen organisieren politische Einheiten und regeln das Zustandekommen politischer Entscheidungen, &uuml;berlassen die Entscheidungen selbst aber dem politischen Prozess. Hier schlagen sich die Pr&auml;ferenzen, die in Wahlergebnissen zum Ausdruck kommen, nieder.</p>
<p>Die Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge, die nicht als Verfassungen gedacht waren, folgen dieser f&uuml;r den Konstitutionalismus grundlegenden Unterscheidung von Verfassungsrecht und Gesetzesrecht nicht. Sie sind voll von dem, was in jedem Mitgliedstaat gew&ouml;hnliches Gesetzesrecht w&auml;re. Deswegen sind sie so umfangreich. All diese Regelungen partizipieren nun aber an der Konstitutionalisierung. Das Ergebnis ist eine &Uuml;berkonstitutionalisierung, und diese beschert der EU ein gewichtiges, aber selten bemerktes Demokratieproblem. Was auf Verfassungsebene geregelt ist, ist dem demokratischen Prozess entzogen. Wahlen bleiben hier folgenlos. An der Verfassung endet der Handlungsspielraum der demokratisch legitimierten und verantwortlichen Organe. Hier hat das Gericht das letzte Wort. Die demokratischen Organe sind nicht nur ausgeschlossen, sie k&ouml;nnen auch nichts &auml;ndern, selbst wenn sie die Rechtsprechung des Gerichts f&uuml;r unvereinbar mit ihren Intentionen beim Vertragsschluss oder f&uuml;r sch&auml;dlich in ihren Wirkungen halten.</p>
<p>Die &Uuml;berkonstitutionalisierung verschiebt die Gewichte von den demokratisch legitimierten und kontrollierten zu den administrativen und judikativen Institutionen. Politische Entscheidungen von h&ouml;chstem Gewicht fallen in einem unpolitischen Modus und entziehen sich jeder demokratischen Korrektur. Das einzige Mittel, die Entscheidungen in den demokratischen Prozess zur&uuml;ckzuholen, sind Vertrags&auml;nderungen, die aber einstimmig von allen Mitgliedstaaten vereinbart und dann in jedem Staat ratifiziert werden m&uuml;ssen. F&uuml;r Zwecke wie die Korrektur einer Rechtsprechungslinie sind sie unerreichbar. Der EuGH ist freier als jedes staatliche oder internationale Gericht.</p>
<p><i>Welche Vorschl&auml;ge hast Du, um die &Uuml;berkonstitutionalisierung der EU zu &uuml;berwinden? Und wo sollen die politischen Kr&auml;fte innerhalb der EU herkommen, die das umsetzen k&ouml;nnen?</i></p>
<p>Der erste Teil der Frage ist leichter zu beantworten als der zweite. Die &Uuml;berkonstitutionalisierung samt ihren demokratiesch&auml;dlichen Folgen w&auml;re &uuml;berwunden, wenn s&auml;mtliche Vertragsbestandteile, die ihrer Natur nach nicht Verfassungsrecht, sondern Gesetzesrecht sind, auf die Stufe europ&auml;ischen Sekund&auml;rrechts abgesenkt w&uuml;rden. Sie blieben also europ&auml;isches Recht und der EuGH w&uuml;rde sie weiterhin auslegen, aber er k&ouml;nnte jederzeit durch Gesetzes&auml;nderungen umprogrammiert werden, wie das in jedem demokratischen Staat der Fall ist. Die Abstufung der Vorschriften, die ihrer Natur nach einfaches Recht sind, also die gro&szlig;e Mehrzahl, bedarf aber einer Vertrags&auml;nderung, die wiederum einen einstimmigen Beschluss der Mitgliedstaaten und eine Ratifikation in jedem Land voraussetzt. Das d&auml;mpft die Erfolgsaussichten, erst recht, solange das Problem nicht einmal erkannt ist.</p>
<p><i>Auff&auml;llig ist, dass Du das aktuelle Demokratie- und Legitimationsdefizit der EU nicht durch eine St&auml;rkung des Europaparlaments beseitigen willst. Warum w&uuml;rde es in der von Dir beschriebenen strukturellen Krise der EU nicht helfen, das Europaparlament in vergleichbarer Weise auszustatten wie ein nationales Parlament? </i></p>
<p>Das ist der Vorschlag, der &uuml;blicherweise gemacht wird, wenn es um die Behebung der Akzeptanzschw&auml;che der EU geht. Er w&uuml;rde jedoch meines Erachtens nicht zum Erfolg f&uuml;hren, und das aus mehreren Gr&uuml;nden. Der erste liegt nach dem bisher Gesagten auf der Hand. Eine St&auml;rkung des Europ&auml;ischen Parlaments ginge am Problem der &Uuml;berkonstitutionalisierung v&ouml;llig vorbei. Alles was auf der Vertragsebene geregelt ist, bleibt dem Parlament entzogen. Wahlen sind insoweit folgenlos. Wer das Parlament ins Spiel bringen m&ouml;chte, m&uuml;sste also erst einmal hier ansetzen.</p>
<p>Es kommen aber auch andere Gr&uuml;nde hinzu, die die Hoffnungen, die mit einer Parlamentarisierung der EU verbunden werden, d&auml;mpfen. Der erste ist die geringe Repr&auml;sentativit&auml;t des Europ&auml;ischen Parlaments. Sie h&auml;ngt wiederum mit dem Wahlrecht f&uuml;r dieses Parlament zusammen. In jedem Mitgliedstaat wird nach nationalem Wahlrecht gew&auml;hlt, und w&auml;hlbar sind nur nationale Parteien, die konsequenterweise mit nationalen Themen Wahlkampf machen. Die nationalen Parteien &#8211; &uuml;brigens mehr als 200 &#8211; spielen im Europ&auml;ischen Parlament aber keine Rolle. Dort geben die europ&auml;ischen Fraktionen den Ton an, die jedoch in keiner Gesellschaft verwurzelt sind und mit den W&auml;hlern nicht in Kontakt treten. Der Legitimationsstrom von den W&auml;hlern zum Parlament ist also in Europa unterbrochen. Die Parteien, die wir w&auml;hlen k&ouml;nnen, haben im Parlament nichts zu sagen. Die Fraktionen, die etwas zu sagen haben, k&ouml;nnen wir nicht w&auml;hlen. Auf die Europapolitik hat der W&auml;hler folglich keinen nennenswerten Einfluss. Europ&auml;ische Programme stehen nicht zur Wahl. Sie werden nach der Wahl von den Fraktionen gemacht.</p>
<p>Das lie&szlig;e sich freilich durch Neuregelung des Wahlrechts &auml;ndern. W&auml;re damit das Demokratiedefizit gedeckt? Doch wohl nur, wenn das Europ&auml;ische Parlament, das die Unionsb&uuml;rger vertritt, auch in einen europaweiten politischen Diskurs eingebettet w&auml;re, in dem die Unionsb&uuml;rger ihre Meinungen bilden und ihre Interessen vertreten k&ouml;nnen. Daf&uuml;r sind vermittelnde Institutionen zwischen W&auml;hlern und Organen n&ouml;tig, au&szlig;er Parteien also Gewerkschaften, Interessengruppen, B&uuml;rgerinitiativen und -bewegungen, ganz besonders aber europ&auml;ische Medien, ohne die ein europaweiter Diskurs nicht in Gang kommen und aufrechterhalten werden kann. Das alles ist auf europ&auml;ischer Ebene aber schwach ausgebildet oder fehlt v&ouml;llig. Es gibt bisher 28 nationale Diskurse &uuml;ber Europa, aber nur einen schw&auml;chlichen europ&auml;ischen Diskurs. Ohne ihn ist das Europ&auml;ische Parlament seiner gesellschaftlichen Basis aber ferner als jedes nationale Parlament.</p>
<p>Schlie&szlig;lich kann man das Europ&auml;ische Parlament nicht aufwerten, ohne andere Organe abzuwerten. Abgewertet w&uuml;rde der Rat, also das einzige europ&auml;ische Organ, in dem die Mitgliedstaaten vertreten sind. Er soll zum Juniorpartner des Europ&auml;ischen Parlaments werden. Aus den Mitgliedstaaten kommt &uuml;ber den Rat bisher aber die st&auml;rkste Legitimationszufuhr f&uuml;r die EU. Die Legitimationszufuhr &uuml;ber die Europa-Wahl ist demgegen&uuml;ber schwach. Mit der Aufwertung des Europ&auml;ischen Parlaments w&uuml;rde die Legitimation der EU aber von der nationalen auf eine europ&auml;ische Legitimationsquelle umgestellt. Und die Frage ist: Wo sollen die Ressourcen f&uuml;r eine europ&auml;ische Eigenlegitimation herkommen? Ich f&uuml;rchte, die EU st&uuml;nde nach einer Parlamentarisierung demokratisch nicht besser, sondern schlechter da als jetzt.</p>
<h5>Was ist die EU derzeit?</h5>
<p>[&#8230;]</p>
<p><i>Wenn man&nbsp; den&nbsp; f&uuml;r die EU geltenden Vertrag von Lissabon nimmt: Wie muss man die dort aufgestellten Regeln verstehen? </i></p>
<p>Der Lissabon-Vertrag bildet wie alle seine Vorg&auml;nger die Rechtsgrundlage der EU. Seiner Rechtsnatur nach ist er ein internationaler Vertrag. Er ist es aufgrund seiner Entstehungsweise, und er bleibt es, weil nur die Mitgliedstaaten ihn &auml;ndern k&ouml;nnen, und zwar einstimmig. Er ist also, obwohl manchmal so genannt, keine Verfassung, denn Verfassungen sind Akte der Selbstbestimmung einer Gesellschaft &uuml;ber ihre Herrschaftsform. Die EU gibt sich dagegen ihre Rechtsgrundlage nicht selbst, sie wird ihr von den Mitgliedstaaten gegeben.</p>
<p><i>Wenn man sich den vom EuGH vorangetriebenen Konstitutionalisierungsprozess anschaut: Kann man die Behauptung aufrechterhalten, dass das Vertrags&auml;nderungsrecht allein bei den Mitgliedsstaaten liege und die EU &uuml;ber keine Kompetenz-Kompetenz verf&uuml;ge? De facto kommen doch die Mitgliedsstaaten &#8211; wie Du es beschreibst &#8211; nicht wirklich an substanzielle &Auml;nderungen der Vertr&auml;ge heran, auch nicht an die Kompetenzerweiterungen, die sich aus der Interpretation durch den EuGH ergeben?</i></p>
<p>Ja, aber zwischen der &Uuml;bertragung einer Kompetenz und der Interpretation einer &uuml;bertragenen Kompetenz besteht nach wie vor ein erheblicher Unterschied. Die Vertragsform, im Unterschied zur Verfassungsform, verhindert, dass die EU sich Kompetenzen von den Mitgliedstaaten nehmen kann. Sie l&auml;sst es aber zu, dass die &uuml;bertragenen Kompetenzen ausgelegt werden, und zwar unter Umst&auml;nden sehr weit. (3) Wenn die Auslegung den Mitgliedstaaten zu weit geht, haben sie die Korrektur in der Hand: Vertrags&auml;nderungen. Dass diese wegen des Einstimmigkeitserfordernisses schwer sind, steht auf einem anderen Blatt. Das Grundverh&auml;ltnis zwischen Mitgliedstaaten und EU &auml;ndert sich dadurch nicht.</p>
<p><i>Zum Lissabon-Vertrag gibt es das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, in dem das Gericht dezidiert die Grenzen der Integration gezogen hat. Was darf die EU eigentlich nach dieser Entscheidung sein?</i></p>
<p>Das Bundesverfassungsgericht l&auml;sst keinen Zweifel daran, dass die deutschen Staatsorgane unter dem geltenden Grundgesetz nicht der Umwandlung der EU in einen europ&auml;ischen Staat zustimmen d&uuml;rfen. Die Befugnis, die eigene Staatlichkeit aufzugeben, hat das Grundgesetz den Staatsorganen nicht erteilt. Auch durch eine Verfassungs&auml;nderung lie&szlig;e sich die H&uuml;rde nicht beseitigen, denn Grundgesetz&auml;nderungen werden von den Staatsorganen beschlossen. Die Erlaubnis zur Einverleibung des deutschen Staates in die EU kann laut Bundesverfassungsgericht aber nur vom Volk kommen. Ich halte das f&uuml;r v&ouml;llig zutreffend. Die Aufgabe der deutschen Staatlichkeit ist eine Entscheidung von solcher Gr&ouml;&szlig;enordnung, dass sie nicht einer Mehrheit im Bundestag und Bundesrat &uuml;berlassen werden kann. Das bedeutet, dass die Bundesrepublik zwar Hoheitsrechte an die EU &uuml;bertragen darf, das sieht Art. 23 GG vor, aber nicht die Souver&auml;nit&auml;t. Ebenso wenig darf die Kompetenz-Kompetenz, also die Befugnis, &uuml;ber die Kompetenzverteilung zwischen EU und Mitgliedstaaten zu bestimmen, an die EU &uuml;bertragen werden.</p>
<p>Davon zu unterscheiden ist die Frage, wann europ&auml;ische Rechtsakte in Deutschland keine Geltung beanspruchen k&ouml;nnen. Das ist &#8211; weiter nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts &#8211; zum einen dann der Fall, wenn diese Rechtsakte sich nicht auf eine Kompetenz st&uuml;tzen k&ouml;nnen, welche die Mitgliedstaaten der EU &uuml;bertragen haben. Das ist v&ouml;llig unbestritten. Umstritten ist lediglich, wo im Streitfall das letzte Wort dar&uuml;ber liegt, ob eine Kompetenz &uuml;bertragen worden ist und wie weit sie reicht. Der EuGH nimmt dieses Recht f&uuml;r sich in Anspruch, das Bundesverfassungsgericht h&auml;lt sich f&uuml;r zust&auml;ndig, soweit Deutschland betroffen ist. Zum anderen schlie&szlig;t das Bundesverfassungsgericht die Anwendung europ&auml;ischer Rechtsakte in Deutschland aus, die mit der Identit&auml;t des Grundgesetzes unvereinbar sind.</p>
<p>[&#8230;]</p>
<p><i>Hei&szlig;t das, es wurde eine Grenze errichtet &#8211; aber wenn diese erreicht wird, wird es den Protest vermutlich nicht geben?</i></p>
<p>Ich kann das nicht vorhersehen. Aber im R&uuml;ckblick l&auml;sst sich sagen, dass man dem Bundesverfassungsgericht schwerlich einen Vorwurf h&auml;tte machen k&ouml;nnen, wenn es bei der Vorratsdatenspeicherung und dem Honeywell-Fall die europ&auml;ischen Rechtsakte f&uuml;r vertragswidrig erkl&auml;rt h&auml;tte. Auch im OMT-Fall (7), der die Befugnis der Europ&auml;ischen Zentralbank betraf und in dem das Bundesverfassungsgericht den EuGH erstmals die Frage der Vertragsm&auml;&szlig;igkeit einer europ&auml;ischen Ma&szlig;nahme vorgelegt hat, war die Antwort aus Luxemburg nicht befriedigend. Das Bundesverfassungsgericht h&auml;tte Gr&uuml;nde gehabt, auf seinen Bedenken im Vorlagebeschluss zu beharren. Gro&szlig;er Schaden w&auml;re dadurch nicht angerichtet worden; OMT war nie zur Anwendung gekommen.</p>
<p><i>Noch einmal zur&uuml;ck zur Frage nach der EU: Wann entsteht bei Kompetenz&uuml;bertragungen eine eigene Souver&auml;nit&auml;t? Kann man das quantifizieren oder inhaltlich benennen? Ich habe Dich so verstanden, dass Du zwischen der &Uuml;bertragung von Hoheitsrechten und dem Souver&auml;nit&auml;tsstatus unterscheidest. Beides h&auml;ngt nach meinem Verst&auml;ndnis aber zusammen, und irgendwann schl&auml;gt das eine in das andere um. </i></p>
<p>Souver&auml;nit&auml;t ist mehr als nur ein B&uuml;ndel von Hoheitsrechten. Deswegen muss man zwischen beidem unterscheiden. Das Grundgesetz sieht nur die &Uuml;bertragung von Hoheitsrechten vor. Es kann aber sein, dass ein Mitgliedstaat derart viele oder derart gewichtige Hoheitsrechte &uuml;bertr&auml;gt, dass der verbleibende Rest nicht mehr den Namen &#8222;Souver&auml;nit&auml;t&#8220; verdient. Dann h&auml;tte dieser Mitgliedstaat seine Souver&auml;nit&auml;t preisgegeben, aber das w&uuml;rde nicht bedeuten, dass die EU sie gewonnen h&auml;tte. Denn sie w&auml;re ja durch den Kompetenzgewinn noch immer nicht im Besitz der Kompetenz-Kompetenz und der Selbstbestimmung &uuml;ber ihre Existenz und Rechtsgrundlage. Das ist aber f&uuml;r die Souver&auml;nit&auml;t ausschlaggebend.</p>
<p>[&#8230;]</p>
<h5>Finanz- und Fl&uuml;cht&shy;lings&shy;krise &ndash; sowie die Diskussion um eine Reform der EU</h5>
<p><i>Jetzt mal zu den Vorschl&auml;gen des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Emmanuel Macrons f&uuml;r eine St&auml;rkung der EU (8), wozu Du ja schon Stellung genommen hast in einem FAZ-Artikel. (9) Ist das, was er vorschl&auml;gt, nach dem Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes m&ouml;glich?</i></p>
<p>Macron hat in seiner Sorbonne-Rede nicht n&auml;her erl&auml;utert, was er sich unter einem souver&auml;nen Europa vorstellt. Wenn man ihn beim Wort nimmt, also das gebr&auml;uchliche Verst&auml;ndnis von Souver&auml;nit&auml;t zu Grunde legt, dann hie&szlig;e das: Selbstbestimmung f&uuml;r die Europ&auml;ische Union und damit zugleich das Ende der Selbstbestimmung der Mitgliedstaaten. Mit den Grenzen der Integration, die das Bundesverfassungsgericht im Lissabon-Urteil aus dem Grundgesetz abgeleitet hat, w&auml;re das unvereinbar. Solange das Grundgesetz in Kraft ist, k&ouml;nnte sich Deutschland an einer Souver&auml;nit&auml;ts&uuml;bertragung und der damit einhergehenden Verstaatlichung der EU nicht beteiligen, und folglich w&auml;re sie ausgeschlossen. Sollte &#8222;souver&auml;n&#8220; dagegen nur bedeuten, dass weitere Politikfelder vergemeinschaftet w&uuml;rden, zum Beispiel die Verteidigung, oder dass Europa selbstbewusster gegen&uuml;ber den USA auftritt, w&auml;re das nur eine bildhafte, keine begriffsscharfe Redeweise &uuml;ber Souver&auml;nit&auml;t.</p>
<p>[&#8230;]</p>
<p><i>Wie beurteilst Du die Legitimierung der EZB? Muss man die nicht auch in verfassungsrechtlicher Sicht hinterfragen?</i></p>
<p>Es ist interessant zu sehen, dass die Autonomie der Bundesbank nicht im Grundgesetz garantiert war. Sie war das Ergebnis einer Praxis: Die Bundesbank wusste immer, dass sie von der Politik korrigiert werden konnte, und die Politik wusste immer, dass die Autonomie der Bundesbank ein wichtiger Legitimationsfaktor f&uuml;r die Bundesrepublik war. Aus Angst davor, dass dies in der EU anders sein k&ouml;nnte, dr&auml;ngte die Bundesrepublik auf die Festschreibung der EZB-Kompetenzen in den Vertr&auml;gen. In der Finanzkrise zeigte sich nun die Kehrseite. Sie rief das Bundesverfassungsgericht auf den Plan, das ja im Lissabon-Urteil die Direktive ausgegeben hatte, der EU d&uuml;rfe keine Blanko-Vollmacht erteilt werden. Das von EZB-Pr&auml;sident Draghi verk&uuml;ndete OMT-Programm erweckte aber den Eindruck, dass es f&uuml;r das Krisenmanagement der EZB keine Grenzen gebe. Der EuGH, den das Bundesverfassungsgericht deswegen anrief, hat die Bedenken aus Karlsruhe zerstreut, meine nicht unbedingt.</p>
<p>[&#8230;]</p>
<p><i>Noch einmal zur Fl&uuml;chtlingskrise: Im gemeinsamen Umgang der Mitgliedstaaten mit den Fl&uuml;chtlingen ist man ja schnell bei den Grundelementen von Souver&auml;nit&auml;t, der Personal- und Gebietshoheit. Wir brauchen die Absicherung der Au&szlig;engrenzen, des gemeinsamen Territoriums nach au&szlig;en; wir brauchen einheitliche Ma&szlig;st&auml;be, was den Zugang zum EU-Territorium angeht; und wir brauchen eine gemeinsame Verteilung der Fl&uuml;chtlinge. Was ist, wenn wir tats&auml;chlich eine einheitliche Fl&uuml;chtlingspolitik haben, die ja schnell in eine einheitliche Ein- und Zuwanderungspolitik umschlagen kann? W&auml;re das qualitativ etwas, was Souver&auml;nit&auml;t generiert?</i></p>
<p>Die Mitgliedstaaten der EU haben die umfassende Personal- und Gebietshoheit bereits bei der Gr&uuml;ndung der EWG 1957 aufgegeben. Zu den vier wirtschaftlichen Grundfreiheiten der Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge geh&ouml;ren auch die Freiz&uuml;gigkeit der Arbeitnehmer und die Niederlassungsfreiheit f&uuml;r Unternehmer aus den Mitgliedstaaten. Daraus hat niemand den Schluss gezogen, dass die Souver&auml;nit&auml;t auf die EU &uuml;bergegangen sei. Personal- und Gebietshoheit bestehen weiter bez&uuml;glich Personen aus Nicht-EU-Staaten. K&auml;me es zu einer Vereinheitlichung der Fl&uuml;chtlingspolitik in der EU, w&uuml;rden die Bedingungen f&uuml;r den Aufenthalt von Personen aus Nicht-EU-L&auml;ndern von der EU festgesetzt. Der Kreis der Personen, &uuml;ber deren Aufenthalt auf dem Staatsgebiet nicht mehr die Staaten selbst entscheiden k&ouml;nnten, w&uuml;rde sich also erweitern. Einen Umschlag von Quantit&auml;t in Qualit&auml;t kann ich darin nicht erkennen.</p>
<p>[&#8230;]</p>
<p><i>Die Frage der Personalhoheit ist eine Seite der staatlichen Souver&auml;nit&auml;t, die angesichts der Globalisierung immer wichtiger wird; die Verteilung der Fl&uuml;chtlinge innerhalb der EU eine andere. Wenn man das formal-juristisch betrachtet, tangiert das nicht den Kernbereich staatlicher Souver&auml;nit&auml;t?</i></p>
<p>Ich muss noch einmal daran erinnern, dass dies schon seit 1957 aufgrund der vier wirtschaftlichen Grundfreiheiten so ist, ohne dass darin irgendjemand einen Souver&auml;nit&auml;tsverlust gesehen h&auml;tte. Der Unterschied liegt darin, dass wir gegen Holl&auml;nder und &Ouml;sterreicher, die zu uns kamen, nichts einzuwenden hatten &#8211; kulturell nicht und wirtschaftlich nicht. Bei Unionsb&uuml;rgern aus den fr&uuml;her sozialistischen Staaten war das schon anders. Wegen der wirtschaftlichen Grundfreiheiten mussten sie aber nach einer &Uuml;bergangszeit akzeptiert werden. Durch den pl&ouml;tzlichen Andrang zahlreicher mittelloser Migranten aus anderen Kulturen hat sich die tats&auml;chliche Lage erheblich ge&auml;ndert, aber nicht das grunds&auml;tzliche Souver&auml;nit&auml;tsproblem.</p>
<p><i>Aber auf welcher Grundlage kann man denn jetzt eine Einigung in der Fl&uuml;chtlingsfrage herstellen, wenn die EU kein Staat ist, sie keine einzelnen Mitglieder zwingen kann?</i></p>
<p>Wie bei vielen anderen Fragen, die bisher in den Vertr&auml;gen keine Regelung gefunden haben, geht es nur &uuml;ber intergouvernementale Absprachen oder Vertrags&auml;nderungen. Dass das schwer ist, l&auml;sst sich nicht bestreiten. Man erf&auml;hrt es t&auml;glich in den Nachrichten. Aber ist das ein Grund, die EU in einen Staat zu verwandeln?</p>
<p><i>Wenn die EU den Einlass und die Verteilung der Fl&uuml;chtlinge tats&auml;chlich regelt, und auch die Sicherung der Au&szlig;engrenzen internationalisiert &#8211; dann hat sie doch eigentlich eine klassische staatliche Souver&auml;nit&auml;t? Sie verteidigt ein Territorium und sie entscheidet bei den ankommenden Personen, wer rein darf und wer nicht. Das kommt dem klassischen juristischen Souver&auml;nit&auml;tsverst&auml;ndnis nahe. W&auml;re es dann nicht sinnvoll, an dieser Stelle eine staatliche Souver&auml;nit&auml;t der EU zu generieren?</i></p>
<p>Nochmals: Die EU wird nicht dadurch souver&auml;n, dass sich die Zahl der &uuml;bertragenen Hoheitsrechte vergr&ouml;&szlig;ert. Sie w&uuml;rde souver&auml;n, wenn die Mitgliedstaaten ihr Selbstbestimmungsrecht abg&auml;ben und es der EU &uuml;bertr&uuml;gen. Das steht ihnen frei, sofern ihre Verfassung sie nicht daran hindert, aber dann ist es mit ihrer eigenst&auml;ndigen Staatlichkeit vorbei, und die EU w&uuml;rde zum Staat, ob man sich dessen bewusst war oder nicht. Die bisherigen Verh&auml;ltnisse w&uuml;rden sich dann umkehren. Nicht mehr die Mitgliedstaaten bestimmten &uuml;ber Existenz, Zweck und Formen der EU, die EU t&auml;te das selbst. Sie bek&auml;me Ihre Befugnisse nicht mehr von den Mitgliedstaaten, sie n&auml;hme sie sich von ihnen. Sie w&uuml;rde sich &uuml;ber Unions-Steuern finanzieren, nicht mehr &uuml;ber mitgliedstaatliche Beitr&auml;ge.</p>
<p>Die Frage spitzt sich also darauf zu, ob ein europ&auml;ischer Staat w&uuml;nschenswert ist. F&uuml;r mich ist diese Frage in allererster Linie eine Demokratiefrage. W&auml;re ein solcher Staat demokratief&auml;hig &#8211; Demokratie nicht in einem formalen Sinn verstanden derart, dass regelm&auml;&szlig;ig Wahlen gen&uuml;gen, sondern in einem substantiellen Sinn, dass es eine Gesellschaft gibt, die sich diskursiv &uuml;ber ihren Zustand, ihre Ambitionen und ihre Probleme verst&auml;ndigen kann, so dass sich die Demokratie nicht in Wahlen ersch&ouml;pft, sondern in Wahlen gipfelt? Und in dieser Hinsicht gibt es wohl wenig Zweifel, dass die Voraussetzungen f&uuml;r eine lebendige Demokratie in der EU erheblich schlechter sind als selbst in einem nur leidlich demokratisch funktionierenden Mitgliedstaat.</p>
<p><i>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch!<br />Die Fragen stellte Rosemarie Will.</i></p>
<p><b><i>[Das vollst&auml;ndige Interview k&ouml;nnen Sie in Ausgabe 220 der Zeitschrift vorg&auml;nge lesen. Diese kann als gedruckte oder elektronische Variante &uuml;ber den <a href="https://www.humanistische-union.de/shop/vorgaenge/">Online-Shop der Humanistischen Union </a>bestellt werden.]</i></b></p>
<p><b>Anmerkungen:</b></p>
<p>1 Die direkte Anwendbarkeit (Einklagbarkeit) des europ&auml;ischen Prim&auml;rrechts nicht nur f&uuml;r Mitgliedstaaten, sondern auch f&uuml;r Personen begr&uuml;ndet der EuGH in seinem Urteil 26/62 v. 05.02.1963 (Van Gend &amp; Loos). Den prinzipiellen Vorrang des Gemeinschaftsrechts vor dem nationalen (Verfassungs-)Recht begr&uuml;ndet der EuGH in seiner Entscheidung 6/64 v. 15.07.1964 (Costa/ENEL).</p>
<p>2 Fritz W. Scharpf (1996): Negative and Positive Integration in the Political Economy of European Welfare States, in: Gary Marks, Fritz W. Scharpf, Philippe C. Schmitter &amp; Wolfgang Streeck (Eds.), Governance in the European Union, London: Sage, pp. 15-39; id. (1998): Negative and Positive Integration in the Political Economy of European Welfare States, in: Martin Rhodes &amp; Yves M&eacute;ny (Ed.), The Future of European Welfare. A New Social Contract?, London: Palgrave Macmillan, pp. 157-177.</p>
<p>3 S. dazu auch die Dokumentation &uuml;ber die sog. Passerelles-Klauseln in den Europ&auml;ischen Vertr&auml;gen in diesem Heft.</p>
<p>4 BVerfG, Urteil des Ersten Senats vom 02. M&auml;rz 2010 &#8211; 1 BvR 256/08 (= BVerfGE 125, 260 &#8211; 385), abrufbar unter <a href="http://www.bverfg.de/e/rs20100302_1bvr025608.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.bverfg.de/e/rs20100302_1bvr025608.html</a>.</p>
<p>5 Insbesondere im 4. Aufsatz: Zum Stand der demokratischen Legitimation der Europ&auml;ischen Union nach Lissabon.</p>
<p>6 BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 06. Juli 2010 &#8211; 2 BvR 2661/06 (= BVerfGE 126, 286-331),<br /><a href="http://www.bverfg.de/e/rs20100706_2bvr266106.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.bverfg.de/e/rs20100706_2bvr266106.html</a>.</p>
<p>7 BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 21. Juni 2016 &#8211; 2 BvR 2728/13 (= BVerfGE 142, 123 &#8211; 234), <a href="http://www.bverfg.de/e/rs20160621_2bvr272813.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.bverfg.de/e/rs20160621_2bvr272813.html</a>. Die Klage richtete sich gegen den Beschluss zu <i>Outright Monetary Transactions </i>(OMT), d.h. den Ankauf von Staatsanleihen durch die Europ&auml;ische<br />Zentralbank sowie die nicht erfolgte Intervention der Bundesregierung dagegen.</p>
<p>8 Rede des Staatspr&auml;sidenten Emmanuel Macron in Athen v. 7. September 2017, abrufbar unter <a href="https://de.ambafrance.org/Staatsprasident-Macron-in-Athen-Vorschlage-fur-eine-Neugrundung-Europas" target="_blank" rel="noopener">https://de.ambafrance.org/Staatsprasident-Macron-in-Athen-Vorschlage-fur-eine-Neugrundung-Europas</a>.</p>
<p>9 Dieter Grimm: Ein souver&auml;nes Europa?, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.11.2017.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/solange-das-grundgesetz-in-kraft-ist-koennte-sich-deutschland-an-einer-verstaatlichung-der-eu-nicht/">&#8222;Solange das Grundgesetz in Kraft ist, könnte sich Deutschland an einer Verstaatlichung der EU nicht beteiligen.&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Nach der Krise: Die Zukunft der EU in historischer Perspektive</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 11:01:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>vorgänge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 21-30 In historischer Perspektive ist der Brexit eine von vielen Krisen der europäischen Einigung in den Jahrzehnten seit Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1957. Dieser Beitrag stellt die derzeitige Krise der EU in einen größeren historischen Kontext und diskutiert mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung. Der Autor entwickelt [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/nach-der-krise-die-zukunft-der-eu-in-historischer-perspektive-1/">Nach der Krise: Die Zukunft der EU in historischer Perspektive</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>vorgänge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 21-30</p>
<p><i>In historischer Perspektive ist der Brexit eine von vielen Krisen der europäischen Einigung in den Jahrzehnten seit Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1957. Dieser Beitrag stellt die derzeitige Krise der EU in einen größeren historischen Kontext und diskutiert mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung. Der Autor entwickelt dabei die Prognose, dass die EU nicht zerfallen wird, sondern aus der derzeitigen Situation sogar gestärkt hervorgehen könnte, auch und gerade im Hinblick auf die Unterstützung der Bevölkerung.  </i></p>
<p>Ist die Europäische Union am Ende? Nigel Farage, der radikale Wortführer der britischen Anti-EU-Bewegung, hat das am Tag nach dem Brexit-Votum vom 23. Juni 2016 frohgemut angekündigt: &#8222;Die EU scheitert, die EU stirbt. Ich hoffe, wir haben den ersten Stein aus der Mauer geschlagen. Ich hoffe, dies ist der erste Schritt hin zu einem Europa souveräner Nationen.&#8220; (zitiert nach ntv.de 24.6.2016) Populistische Nationalisten von Geert Wilders über Marine Le Pen bis Victor Orbán stimmten dieser Einschätzung sogleich zu, sichtlich angetan vom Auftrieb, den ihnen die Entscheidung einer knappen Mehrheit britischer Wähler_innen für den Austritt aus der Union verschaffte. Aber auch weniger parteiische Beobachter konnten nach der Brexit-Entscheidung den Eindruck gewinnen, dass die Tage der EU, wie wir sie kannten, gezählt sind. Zu deutlich drifteten wohlhabende und wirtschaftlich kränkelnde Länder in der Eurozone auseinander, zu deutlich zeigte sich auch die Blockbildung zwischen östlichen Visegrád-Ländern und westlichen Mitgliedsländern, zu stark war der Anstieg dezidiert antieuropäischer Bewegungen in praktisch allen Mitgliedsländern.</p>
<p><b>Eine Geschichte voller Krisen<br /></b><br />Ein Blick auf die Geschichte der Europäischen Union kann helfen, die Brexit-Entscheidung weniger dramatisch zu sehen (grundsätzlich hierzu Loth 2014). Tatsächlich waren Krisen eine ständige Begleiterscheinung ihrer Entstehung und ihrer Entwicklung. Sie bedurfte und bedarf eines &#8222;täglichen Plebiszits&#8220;, wie das Ernest Renan einst im Hinblick auf die Nation formuliert hat (Renan 1947), und dieses Plebiszit ist keineswegs selbstverständlich. Das ergibt sich aus der Vielschichtigkeit der Antriebskräfte, die dem Integrationsprozess zugrunde liegen. Das Verlangen nach Sicherung des Friedens, das Bemühen um eine Lösung der deutschen Frage, das Streben nach größeren Märkten und die Sorge um Selbstbehauptung in der Welt waren nicht immer gleich stark, und sie wirkten auch nicht immer in die gleiche Richtung. So ließen das Bedürfnis nach Selbstbehauptung und die ungelöste deutsche Frage einen Zusammenschluss des westlichen Europas nach dem Zweiten Weltkrieg als durchaus angemessen erscheinen; im Hinblick auf das Ziel der Friedenssicherung war diese Form des Zusammenschlusses, weil gezwungenermaßen auf Westeuropa beschränkt, dagegen problematisch geworden. Die gemeinsame Notwendigkeit zur Einigung stand gegen real sehr unterschiedliche Befindlichkeiten und Bedürfnisse der zu einigenden Staaten, das übergreifende Interesse an einem gemeinsamen Markt gegen sehr unterschiedliche wirtschaftliche Bedürfnisse der einzelnen Staaten und unterschiedliche Interessen der einzelnen Produktionssektoren. Europapolitik konnte danach keine einheitliche Politik sein; sie war und ist auch immer die Fortsetzung der Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen und Interessen auf europäischer Ebene.<br />Gleichwohl war es eine bestimmte Kombination dieser vier Impulse, die in den 1950er Jahren zur Entstehung der ersten europäischen Institutionen geführt hat: das Interesse an einer Einbindung des neuen westdeutschen Staates, der zum unverzichtbaren Partner westeuropäischer Sicherheitspolitik geworden war, verbunden mit dem niederländischen Interesse an rascher Marktöffnung und dem französischen und zuletzt auch deutschen Interesse an Selbstbehauptung gegenüber den USA. Nach der Entscheidung für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft als sozialstaatlich abgefedertes Modernisierungsprojekt nahm das Gewicht der wirtschaftlichen Motive stetig zu; gleichzeitig sorgte die Entwicklung des bipolaren atomaren Abschreckungssystems für verstärkte Impulse zur Schaffung europäischer Autonomie. Die beiden Projekte korrespondierten aber nicht notwendigerweise miteinander: Das erklärt den schleppenden Fortgang politischer Integration bei gleichzeitigen Fortschritten in Richtung auf die Verwirklichung des Binnenmarkts einer erweiterten Gemeinschaft. <br />Mit dem Ende des Kalten Krieges verlor das Ziel einer europäischen Atommacht rasch an Bedeutung; dafür wurde die Europäische Gemeinschaft jetzt mehr denn je zur Einbindung der deutschen Zentralmacht gebraucht, und an die Stelle der Ambivalenz des europäischen Projekts in der Friedensfrage traten neue Verantwortlichkeiten auf dem europäischen Kontinent wie auf der globalen Ebene. Unterdessen sind wirtschaftliche Produktivität, sozialer Konsens und demokratische Stabilität ohne die Grundlagen des gemeinsamen Marktes nicht mehr denkbar, die gemeinsamen Interessen an Friedenssicherung überwiegen potentielle nationale Rivalitäten bei weitem, und Handlungsfähigkeit auf globaler Ebene hängt mehr denn je vom gemeinsamen Auftreten der Europäer ab.<br />Die Europäische Union stellt damit einen Versuch dar, die zivilisatorischen Errungenschaften des demokratischen Nationalstaats unter den Bedingungen zunehmender Globalisierung zu erhalten und weiter zu entwickeln. Sie beruht auf der Wahrnehmung gemeinsamer und komplementärer Interessen der europäischen Nationen und einem Wissen um gemeinsame Werte und Traditionen, das es aussichtsreich erscheinen lässt, die gemeinsame Wahrnehmung dieser Interessen in Angriff zu nehmen (vgl. Loth 2011). Als gesellschaftliches Projekt weist &#132;Europa&#147; damit Züge auf, die den Nationalstaatsprojekten früherer Entwicklungsphasen entsprechen.<br />Gefördert wird dieses Projekt zweifellos durch die zunehmende Angleichung wirtschaftlicher, sozialer und gesellschaftlicher Strukturen, die im westlichen Europa im Zuge und infolge des anhaltenden Wirtschaftsbooms der 1950er und 1960er Jahre eingetreten ist und unterdessen von den postkommunistischen Staaten der östlichen Hälfte Europas in einem schwierigen Anpassungsprozess nachgeholt werden muss (vgl. Kaelble 1987; Kaelble 2007; Heydemann/Vodi?ka 2013). Ebenso tragen die vielfältigen Verflechtungen in Europa tendenziell zu seiner Durchsetzung bei: die Marktintegration, berufliche und private Mobilität, transnationale Begegnungen und Kontakte, transnational operierende Unternehmen und zunehmend transnational agierende akademische communities, schließlich die medial vermittelte Internationalisierung von Einstellungen, Moden und kulturellen Hervorbringungen. Allerdings erfassen diese Verflechtungsprozesse nicht alle Teile der europäischen Gesellschaften gleichermaßen und geht die western civilization, die sich damit ausbreitet, auch weit über Europa hinaus. Folglich führt von ihnen auch kein direkter Weg zur Entstehung einer genuin europäischen Öffentlichkeit als Medium der Selbstreferenz einer europäischen Gesellschaft.<br />Dem entspricht, dass die bisherige institutionelle Entwicklung der Europäischen Union vorwiegend auf technokratischem Weg erfolgte, ohne breite gesellschaftliche Diskussion und nachhaltige Identifizierung der Bürger der Europäischen Union mit ihren Institutionen. Angesichts der unterschiedlichen Möglichkeiten, sich ein vereintes Europa zu denken, gab es in den Ländern, die sich zum Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft entschlossen, stets Mehrheiten für ein prinzipielles Bekenntnis zu Europa; gleichzeitig fehlte es aber auch immer an eindeutiger Unterstützung für die Form von europäischer Einigung, die gerade möglich war. Die Diskrepanz zwischen gewünschtem und machbarem Europa erklärt erstens die herausragende Bedeutung einzelner Persönlichkeiten im europapolitischen Entscheidungsprozess, von Robert Schuman und Konrad Adenauer bis zu Jacques Delors, Helmut Kohl und Angela Merkel: Angesichts der Ambivalenzen in den öffentlichen Meinungen konnten starke Führungspersönlichkeiten die Weichen stellen, in direktem Kontakt mit ihren Kooperationspartnern die Routine der Apparate umgehen und Mehrheiten auf ihre Projekte verpflichten. Zweitens macht die Diskrepanz zwischen gewünschtem und machbarem Europa verständlich, wieso sich mit der Montanunion und den Römischen Verträgen eine Form der Integration durchsetzen konnte, die wenig Wert auf Bürgerbeteiligung legte und die integrierten Politikbereiche der öffentlichen Diskussion entzog: Nur wenn man die Implikationen im Ungefähren beließ, war zu verhindern, dass negative Koalitionen die stets umstrittenen Integrationsschritte vereitelten. <br />Drittens wird vor diesem Hintergrund deutlich, wieso das sogenannte Demokratiedefizit unterdessen zum drängendsten Problem der Europäischen Union geworden ist: Angesichts der Ausweitung der Kompetenzen der Gemeinschaft und der Erhöhung der Regelungsdichte, die damit einhergeht, sind Mehrheitsentscheidungen im Halbdunkel der verschiedenen Ministerratsformationen, das Aushandeln im COREPER und im Europäischen Rat und die geringe demokratische Legitimation der Kommission für den Bürger nicht mehr akzeptabel &#150; unabhängig davon, was Verfassungsrechtler dazu sagen, die sich am nationalstaatlichen Kategorienmodell orientieren. Der technokratische Umweg nach Europa, von Jean Monnet 1950 initiiert und über lange Jahre erfolgreich, zuletzt noch einmal bei der Lancierung des Programms von Maastricht, ist an sein Ende gelangt. Das haben schon die heftigen öffentlichen Debatten über den Vertrag von Maastricht und die Schwierigkeiten bei seiner Ratifizierung deutlich gemacht. Seit der Ablehnung des Verfassungsvertrags durch eine Mehrheit der Franzosen und der Niederländer im Jahr 2005 ist es ganz offenkundig. Die Zukunft der Europäischen Union wird darum in ganz entscheidendem Maße davon abhängen, wieweit es gelingt, Entscheidungen in der Europäischen Union transparent, kontrollierbar und korrigierbar zu machen.</p>
<p><b>Der Aufschwung des Populismus</b></p>
<p>Die Referenden in Frankreich und den Niederlanden haben aber auch gezeigt, dass das nicht einfach zu erreichen ist. Im Grunde ist hier ein Versuch, mehr Transparenz und Demokratie herzustellen, im ersten Anlauf gerade an einem Mangel an Transparenz und Demokratie gescheitert &#150; ein Vorgang, der alle Kennzeichen einer griechischen Tragödie aufweist. Auf die Bedrohung durch die europäische Schuldenkrise 2011/12 reagierten die Gesellschaften der Eurozone prompt mit einer Wiederbelebung nationalstaatlicher Reflexe, und nationalstaatlich orientierte Illusionisten ebenso wie gewissenlose Populisten zögerten nicht, sie für ihre Zwecke auszunutzen. Der Ansturm von Flüchtlingen aus arabischen und afrikanischen Krisenländern 2015/16 ließ den Rückzug auf vermeintlich sichere nationale Grenzen noch attraktiver erscheinen; die notwendige Solidarität zwischen den unterschiedlich betroffenen Mitgliedsländern wurde zur Mangelware. Parallel dazu setzte in den Nachfolgestaaten des Ostblocks und auch in den östlichen Bundesländern Deutschlands eine Krise der Integration in die parlamentarische Demokratie und die kapitalistische Marktwirtschaft ein, die angesichts des existenziellen Ausmaßes der Umstellung und der geringen historischen Fundierung der demokratischen Ordnung letztlich unvermeidlich war. <br />Die aktuelle Krise der EU erweist sich damit als Teil einer allgemeinen Krise der repräsentativen Demokratie, die durch die außerordentliche Beschleunigung des gesellschaftlichen Wandels im Zuge der Globalisierung hervorgerufen wurde. Wachsende Entfremdung zwischen Eliten und Teilen der Bevölkerung sowie ein entsprechender Aufschwung populistischer Bewegungen sind Symptome dieser Krise. Die EU ist aufgrund ihres komplexen Charakters in besonderem Maße von dieser Krise betroffen, und die britische Mitgliedschaft in der EU ist ihr, wie es scheint, als erstes zum Opfer gefallen. Das ist kein Zufall: Das Verhältnis der Briten zum europäischen Projekt war immer schon ambivalent, sodass schon ein kleiner Schub an nationalistischer Aggressivität genügte, um ihre Verankerung in der Union zu kippen.<br />Dennoch stehen die Chancen gut, dass dem Austritt der Briten keine weiteren Absetzbewegungen folgen, sondern die europäische Gesellschaft im Zuge der anstehenden Reformdebatte weiter an Artikulationsfähigkeit gewinnt. Dafür sprechen nicht nur die Erfahrungen bei der Durchsetzung des Lissabon-Vertrags, mit dem die Fortschritte hinsichtlich stärkerer Effektivität und höherer Transparenz, die mit dem Verfassungsvertrag beabsichtigt waren, im Wesentlichen schließlich doch erreicht wurden. Auch die Erfolge bei der Bekämpfung der Schuldenkrise durch Instrumente wie den Europäischen Stabilitätsmechanismus, der Fiskalpakt und die Bankenunion dürften ermutigend wirken. Vor allem aber dürfte der Umstand von großem Gewicht sein, dass das reale Ausmaß der unterdessen erreichten wirtschaftlichen und finanziellen Verflechtung in der Union ebenso wie die Realitäten der Globalisierung keine plausible Alternative zum weiteren Ausbau der Gemeinschaft mehr zulassen, jedenfalls keine, die mit geringeren Kosten verbunden wäre. Zudem dürfte eine Rolle spielen, dass die gemeinsame europäische Tradition durchaus genügend Anregungen für die Gestaltung eines europäischen Kollektivs bereithält.<br />Die europäische Gemeinschaft wird seit der Mitte der 1980er Jahre mehr und mehr als eine Wertegemeinschaft verstanden, die dem Pluralismus und den demokratischen Freiheiten verpflichtet ist, der Rechtsstaatlichkeit, den Menschenrechten und dem Schutz von Minderheiten. Insofern hat sich in den Diskussionen der letzten Jahrzehnte ein gemeinsames Verfassungserbe der Europäer herausgebildet, das zu einem Verfassungspatriotismus auf europäischer Ebene führen kann. Dieser europäische Patriotismus, der eher das Bekenntnis zu einem Wertesystem ausdrückt als auf gefühlsmäßiger Zugehörigkeit beruht, ist mit dem nationalen Patriotismus kompatibel. Er trägt sogar dazu bei, den nationalen Patriotismus, der von unterschiedlichen historischen Erfahrungen, den unterschiedlichen Sprachen und Kulturen geprägt ist, in Zeiten dynamischen Wandels zu stabilisieren. In dieser Hinsicht kann man durchaus von europäischer Identität im Singular sprechen. Es handelt sich freilich nicht um eine &#8222;identitäre&#8220; Konzeption von Identität, sondern um eine universalistische, die die nationalen Identitäten und die Leistungen der Nationen respektiert (vgl. Loth 2000).</p>
<p><b>Der Brexit als Praxistest</b></p>
<p>Das wurde deutlich, als mit der Entscheidung für den Brexit die Alternative zur Weiterentwicklung der EU zum ersten Mal Realität zu werden drohte. Anders als die Beobachter erhofft oder befürchtet hatten, hat der Ausgang des Referendums vom 23. Juni 2016 die Anti-EU-Bewegung keineswegs beflügelt. Im Gegenteil: Die Entscheidung der britischen Wähler_innen setzte die Anti-EU-Phantasien der Euroskeptiker einem Praxistest aus, und dieser Test fiel negativ aus. Der dramatische Kursverfall des britischen Pfunds und der Sturz vieler Aktien in den Tagen nach dem 23. Juni ließ nicht nur viele Briten ahnen, dass das britische Finanzministerium Recht gehabt hatte, als es wenige Wochen vor der Abstimmung davor warnte, ein Ausscheiden aus der EU würde innerhalb von zwei Jahren zu einem deutlichen Absinken des Bruttoinlandprodukts führen: im günstigsten Fall um 3,6 Prozent, unter ungünstigeren Bedingungen sogar um 6 Prozent (HM Government 2016; vgl. Begg 2016). Eine weitere Studie des Finanzministeriums, die im Finanzausschuss der Regierung von Theresa May in der zweiten Oktoberwoche diskutiert wurde, sagte einen Verlust an Wirtschaftsleistung von 5,4 bis 9,5 Prozent nach 15 Jahren voraus (Coates &#038; Wright 2016). Weil über die Bedingungen des Austritts noch nicht entschieden ist, kann niemand mit Bestimmtheit sagen, wie hoch die Verluste und das Absinken des Lebensstandards tatsächlich sein werden; aber tatsächlich geht es in der britischen Politik jetzt nur noch darum, diese Verluste zu begrenzen. Die Vision vom &#132;großartigsten Land der Welt&#147;, die Boris Johnson jüngst im Daily Telegraph beschworen hat (Johnson 2017), hört sich doch sehr nach dem Pfeifen im Wald an.<br />Hinzu kam die Entdeckung, wie eng die Verflechtung zwischen Großbritannien und der restlichen EU ist und wie schwierig und riskant eine Trennung folglich sein wird. Das ließ die Begeisterung für den Brexit in Großbritannien schlagartig zurückgehen. Hatten beim Referendum im Juni nur 48 Prozent für einen Verbleib in der Union gestimmt, waren es bei einer Umfrage, die die Bertelsmann-Stiftung im August durchführte, nicht weniger als 56 Prozent, die erklärten, für den Verbleib zu sein, wenn sie noch einmal abstimmen könnten. In den anderen Mitgliedsländern war die gleiche Reaktion zu beobachten: In Deutschland stieg die Zahl der Befürworter_innen eines Verbleibs von 61 Prozent bei einer Umfrage im März 2016 auf jetzt 69 Prozent, in Polen von 68 auf 77 Prozent, in Frankreich von 50 auf 53 Prozent, in Italien immerhin noch von 49 auf 51 Prozent. EU-weit stieg der Prozentsatz der Befürworter_innen eines Verbleibs in der Union von 57 auf 62 (eupinions 21.11.2016). Die Unterstützung für die populistischen Nationalisten stagnierte; in manchen Ländern ging sie auch deutlich zurück.<br />Und dann kam Trump. Das Erschrecken über den Wahlsieg eines populistischen Volksverhetzers und seine ostentative Missachtung westlicher Werte verstärkten bei vielen Europäern das Gefühl dafür, dass die demokratische Ordnung verteidigt werden muss, wenn sie Bestand haben soll. Trumps Attacken auf die EU beförderten zudem den Eindruck, dass zwischen demokratischer Ordnung und europäischer Union ein enger Zusammenhang besteht. Beide Effekte der Trump-Wahl ließen die Zustimmungsraten zur EU noch weiter ansteigen. Basisbewegungen wie &#8222;Pulse of Europe&#8220; entstanden, in Frankreich konnte Emmanuel Macron mit einem dezidiert proeuropäischen Programm die Präsidentschaftswahlen gewinnen, und in Deutschland avancierte die Stärkung Europas zu einem Wahlkampfthema, das die Isolierung der AfD verstärkte. Offensichtlich haben die Europäer (jedenfalls eine deutliche Mehrheit) im Moment der Gefährdung der EU entdeckt, was alles auf dem Spiel steht. Das hat sie gelehrt, den Wert des gemeinschaftlichen Europas wieder zu schätzen und sich für seine Verteidigung zu engagieren.</p>
<p>Und nicht nur das. Trumps Angriffe gegen den freien Welthandel, seine Infragestellung der NATO und sein Irrlichtern in der Weltpolitik haben das Bewusstsein für die Notwendigkeit gestärkt, die EU noch handlungsfähiger zu machen &#150; vornehmlich in der Außen- und Verteidigungspolitik, aber auch in vielen anderen Bereichen. Das lässt sich aus den Ergebnissen einer weiteren Meinungsumfrage ablesen, die die Bertelsmann-Stiftung im Juli 2017 durchführte. Danach ist die Zustimmungsrate zum Verbleib in der EU in den 28 Mitgliedsländern zusammen genommen unterdessen von 62 auf 70 Prozent weiter gestiegen (in Deutschland von 69 auf 75 Prozent, in Italien von 51 auf 56 Prozent). Es sind aber nur 34 Prozent mit der Richtung zufrieden, die die EU gegenwärtig nimmt. Und nicht weniger als 80 Prozent wünschen, dass die EU in globalen Angelegenheiten eine stärkere Rolle spielen soll (in Deutschland ebenfalls 80 Prozent, in Italien sogar 87 Prozent; eupinions 2017/3).</p>
<h5>Die Zukunft der Union</h5>
<p>Natürlich bleibt diese Zustimmung diffus. Sie ist nicht immer mit der notwendigen Bereitschaft verbunden, europäische Solidarität zu üben, wenn es auf Kosten der eigenen Bequemlichkeit oder der vermeintlichen nationalen Interessen geht. Hier ist &#150; wie in der Gründungskrise 1956/57 und in vielen weiteren Krisen (vgl. Loth 2017) &#150; politische Führung gefragt, insbesondere die Führung durch das deutsch-französische Tandem. Es wird in den nächsten Wochen und Monaten sehr darauf ankommen, ob und in welchem Maße Angela Merkel und Emmanuel Macron den Mut und die Kreativität aufbringen, die nötig sind, um die hierzu erforderlichen Kompromisse zu schließen. Europapolitik war immer die Kunst des Möglichen, und die europäischen Spitzenpolitiker_innen werden auch künftig daran gemessen werden, wieweit sie diese Kunst beherrschen.<br />Dringlich sind Entscheidungen auf vier Handlungsfeldern, und das in dieser Reihenfolge: Erstens eine Weiterentwicklung der Währungsunion zur Fiskalunion, die dem Auseinanderdriften prosperierender und notleidender Mitgliedsländer Einhalt gebietet; dazu werden stärkere Eingriffsrechte in die nationalen Haushalte ebenso notwendig sein wie ein effektiverer Finanztransfer zugunsten der Länder und Regionen, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Zweitens die Entwicklung eines Flüchtlingsregimes, das die Lasten des Zustroms von Flüchtlingen unter den Mitgliedsländern gleichmäßiger verteilt, als es bei der Dublin-II-Vereinbarung der Fall war. Drittens, im engen Zusammenhang damit, das Beharren auf demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätzen in Polen und in Ungarn; hier hat die EU eine Verantwortung, der sie sich nur um den Preis eines nachträglichen Scheiterns der Osterweiterung entziehen kann. Viertens eine weitere Stärkung der europäischen Verteidigungsidentität, über die Beschlüsse zur Behebung der Unterfinanzierung hinaus, die der Europäische Rat im Juni 2017 gefasst hat.<br />Unabhängig davon, wie substantiell die Entscheidungen auf diesen vier Feldern ausfallen werden, kann man davon ausgehen, dass die Europäische Union nicht zerfällt, sondern auch aus der gegenwärtigen Krise gestärkt hervorgehen wird. Das &#8222;Projekt Europa&#8220; führt, jedenfalls in absehbarer Zeit, nicht zu einem Absterben der Nationalstaaten. Vielmehr bildet es die Voraussetzung für ihr Überleben, das allerdings nur ein Überleben in veränderter Form und eingeschränkter Funktion sein kann. Europäische Identität wird darum auch die nationalen Identitäten in absehbarer Zeit nicht einfach ersetzen. Stattdessen zeichnet sich ab, dass die Menschen in Europa mit einer mehrschichtigen Identität leben, einer Identität, die regionale, nationale und europäische Momente in sich vereint. Bei den Eurobarometer-Umfragen wird das regelmäßig deutlich, wenn nach dem Selbstverständnis der Unionsbürger_innen gefragt wird. Im Mai 2012 bezeichneten sich 38 Prozent der Bürger_innen der EU 27 ausschließlich als Angehörige ihrer Nation. 49 Prozent aber sahen sich in erster Linie als Angehörige einer europäischen Nation und zugleich in einer weiteren Dimension auch als Europäer_innen. Sechs Prozent sahen sich sogar vorrangig als Europäer_innen und in erst in zweiter Linie auch noch als Angehörige einer Nation. Drei Prozent betrachteten sich ausschließlich als Europäer_innen (Standard-Eurobarometer 2012).</p>
<p>Hinter diesen aggregierten Zahlen verbergen sich natürlich unterschiedliche Bewusstseinsstände in den verschiedenen Mitgliedsländern der Union und auch innerhalb der jeweiligen Bevölkerung. Differenziert man die Ergebnisse, wird deutlich, dass die Europa-Orientierung der Bürger_innen mit ihrem Alter, ihrem Bildungsgrad, und dem Maß an gesellschaftlicher Verantwortung korreliert. Je jünger, je höher im Bildungsabschluss und in der gesellschaftlichen Stellung, desto stärker ist auch die europäische Dimension der Identität ausgeprägt. &#8222;Europa&#8220; ist danach immer noch eher ein Eliten-Projekt; gleichzeitig kann die &#132;pro-europäische&#147; Fraktion à la longue aber mit weiterem Zuwachs rechnen. Mit der weiteren Verdichtung der Beziehungen innerhalb der Union, der Stärkung europäischer Institutionen, der absehbaren Zunahme von Mobilität über nationalstaatliche Grenzen hinweg und der steigenden Bedeutung beruflicher Qualifikation wird die europäische Dimension von personaler und kollektiver Identität in Zukunft noch stärker ins Bewusstsein treten.</p>
<p>Ob und wie lange noch die nationale Identität stärkere Bindungswirkungen behaupten kann als die europäische, muss dabei grundsätzlich offen bleiben. Es gibt keinen plausiblen Beleg für die Behauptung Ralf Dahrendorfs aus dem Jahr 1994, allein der Nationalstaat sei imstande, Tiefenbindungen der gesellschaftlichen Kräfte zu schaffen (Dahrendorf 1994). Wie die Priorität der europäischen Werte und die zunehmende Transnationalität der Lebensstile zeigen, weisen die empirischen Befunde schon jetzt in eine andere Richtung. Es gehört weder besonderer Mut noch übertriebener Optimismus zu der Voraussage, dass die Gemeinsamkeiten der Europäer mit der Ausweitung der Gemeinschaftsaufgaben und der Demokratisierung europäischer Politik noch stärker hervortreten werden, allem reaktivem Aufflackern von Nationalismus zum Trotz.<br />Was daraus auf der staatsrechtlichen Ebene folgt, mag man mit Jacques Delors eine &#8222;Föderation von Nationalstaaten&#8220; nennen (Delors 2004:506). Dieser Begriff ist zwar verfassungsrechtlich nicht sehr genau; er bringt aber das fortdauernde Spannungsverhältnis zwischen Nationalstaatlichkeit und Supranationalität recht gut zum Ausdruck. Diese Föderation, die real schon jetzt besteht (auch wenn kaum jemand wagt, sie als solche zu bezeichnen), wird sich nicht wieder auflösen oder zu einer bloßen Freihandelszone mutieren, wie manche befürchten: Dazu ist der Nutzen, den alle Beteiligten aus der gegenwärtigen Konstruktion ziehen, viel zu groß; und im Konfliktfall wird das auch immer wieder deutlich. Auf der anderen Seite ist aber auch kein baldiger qualitativer Sprung zu einem weltpolitisch handlungsfähigen Europa zu erwarten, wie es von Europa-Enthusiasten immer wieder gefordert wird (vgl. etwa Cohn-Bendit/Verhofstadt 2012): Dazu wiederum bleibt der Nationalstaat für die überwiegende Mehrheit der Europäer viel zu wichtig und ist der Leidensdruck, den der Unilateralismus der amerikanischen Weltmacht verschiedentlich erzeugt, trotz der Eskapaden Trumps wohl doch zu gering.</p>
<p><b>Ein Exit vom Brexit?</p>
<p></b>Ob die Briten bei diesem gestärkten Europa dabei sein werden? Man darf gespannt sein, ob über das Ergebnis der Austritts-Verhandlungen noch einmal abgestimmt wird und ob es dann eine Mehrheit findet. Bei der verqueren Lage der britischen Innenpolitik ist es allerdings wahrscheinlicher, dass es noch einmal 10 oder 15 Jahre dauert, bis Großbritannien zur EU zurückfindet. Die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die sich ausschließlich als Angehörige ihrer Nation betrachten, war hier anders als in den kontinentalen Ländern immer höher als die Zahl derjenigen, die sich zugleich als Europäer verstanden &#8211; im Mai 2012: 60 gegenüber 42 Prozent (Standard-Eurobarometer 2012). Die Brexit-Erfahrung wird den Wandlungsprozess auch in Großbritannien beschleunigen. Man darf aber bezweifeln, ob er bis 2019 schon so weit gediehen ist, dass der Austritt dann nicht doch vollzogen wird.</p>
<p><b>WILFRIED LOTH </b>  <i>Jahrgang 1948, Dr. phil., Dr. h.c., em. Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Universität Duisburg Essen, Forschungen zur Geschichte des Katholizismus, des Kalten Krieges, der europäischen Einigung und zur Zeitgeschichte Frankreichs. Jüngste Buchveröffentlichungen: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte (2014); Charles de Gaulle (2015); Die Rettung der Welt. Geschichte der Entspannungspolitik 1950-1991 (2016).</i></p>
<h5>Literaturverzeichnis:</h5>
<p>Begg, Iain 2016: Brexit: warum, was nun und wie?, in: Integration, Jg. 39, H. 3, S. 230-241.</p>
<p>Coates, Sam &#038; Wright, | Oliver 2016: Hard Brexit could cost £66 bn a year. Leaked Treasury papers reveal lost revenue, in: The Times 11.10.2016</p>
<p>Cohn-Bendit, Daniel &#038; Verhofstadt, Guy 2012: Für Europa. Ein Manifest, München: Carl Hanser</p>
<p>Dahrendorf, Ralf 1994: Die Zukunft des Nationalstaates, in: Merkur Jg. 48, S. 751-761</p>
<p>Delors, Jacques 2004: Erinnerungen eines Europäers, Berlin: Parthas</p>
<p>Heydemann, Günther &#038; Vodi?ka, Karel (Hrsg.) 2013: Vom Ostblock zur EU. Systemtransformationen 1990-2012 im Vergleich, Göttingen: Vandenhoeck &#038; Ruprecht</p>
<p>HM Government 2016: HM Treasury analysis: the immediate economic impact of leaving the EU, Doc. Cm 9292, London</p>
<p>Johnson, Boris 2017: My vision for a bold, thriving Britain enabled by Brexit, in: Daily Telegraph 15.9.2017</p>
<p>Kaelble, Hartmut 1987: Auf dem Weg zu einer europäischen Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte Westeuropas 1880-1980, München: C.H. Beck</p>
<p>Kaelble, Hartmut 2007: Sozialgeschichte Europas seit 1945, München: C.H. Beck </p>
<p>Loth, Wilfried 2000: Regionale, nationale und europäische Identität. Überlegungen zum Wandel europäischer Staatlichkeit, in: Loth, Wilfried &#038; Osterhammel, Jürgen (Hrsg.), Internationale Geschichte. Themen &#150; Ergebnisse &#150; Aussichten, München: Oldenbourg, S. 357-369</p>
<p>Loth,Wilfried 2011: European identity: traditions, constructions, and beliefs, in: Du Luxembourg à l&#146;Europe. Hommages à Gilbert Trausch à l&#146;occasion de son 80e anniversaire, Luxembourg: Editions Saint-Paul, S. 549-555</p>
<p>Loth, Wilfried 2014: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte, Frankfurt/New York: Campus</p>
<p>Loth, Wilfried 2017: 60 Years ago: The Foundation of EEC and EAEC as Crisis Management, in: Journal of European Integration History, Jg. 23, H. 1, S. 9-28.</p>
<p>Renan, Ernest 1947 [1882]: Qu&#146;est-ce qu&#146;une nation ?, in : &#140;uvres Complètes, Bd. 1, Paris : Calmann-Lévy, S. 887-906</p>
<p>Standard-Eurobarometer 77, Frühjahr 2012: Die europäische Bürgerschaft</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/nach-der-krise-die-zukunft-der-eu-in-historischer-perspektive-1/">Nach der Krise: Die Zukunft der EU in historischer Perspektive</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Am Ende ist niemand verantwortlich? &#8211; Krisen und Verantwortungsdiffusion im EU-Mehrebenensystem</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/am-ende-ist-niemand-verantwortlich-krisen-und-verantwortungsdiffusion-im-eu-mehrebenensystem/</link>
		
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		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 31-40 Die Europ&#228;ische Union ist ein Mehrebenensystem, in dem die EU-Institutionen, die Regierungen der Mitgliedstaaten, internationale Einfl&#252;sse und Interventionen von Interessengruppen auf komplexe Weise zusammen oder gegeneinander wirken. Hartmut Aden vertritt im folgenden Beitrag die These, dass diese Komplexit&#228;t zu unklaren Verantwortungsstrukturen beitr&#228;gt und Krisen der EU verst&#228;rken oder [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 31-40</p>
<p><i>Die Europ&auml;ische Union ist ein Mehrebenensystem, in dem die EU-Institutionen, die Regierungen der Mitgliedstaaten, internationale Einfl&uuml;sse und Interventionen von Interessengruppen auf komplexe Weise zusammen oder gegeneinander wirken. Hartmut Aden vertritt im folgenden Beitrag die These, dass diese Komplexit&auml;t zu unklaren Verantwortungsstrukturen beitr&auml;gt und Krisen der EU verst&auml;rken oder sogar ausl&ouml;sen kann &#8211; insbesondere in den Bereichen, in denen nach wie vor die Regierungen der Mitgliedstaaten einen gro&szlig;en Einfluss haben. Er benennt auch m&ouml;gliche Gegenstrategien: klarere Verantwortungsstrukturen; weniger Blockademacht der mitgliedstaatlichen Regierungen; politische Inhalte, die sich st&auml;rker an den Bed&uuml;rfnissen breiter Bev&ouml;lkerungskreise als an wirtschaftlichen Interessen orientieren sowie eine weitere Demokratisierung der Entscheidungsprozesse in der EU.</i></p>
<p>Die Europ&auml;ische Union ist ein Mehrebenensystem, f&uuml;r dessen Funktionsweise Anfang der 2000er Jahre der englische Begriff Multilevel Governance etabliert worden ist (grundlegend: Hooghe &amp; Marks 2001). Die Politikformulierung und die Implementation von EU-Entscheidungen sind &uuml;ber mehrere Politikebenen und auf zahlreiche Akteure verteilt: Neben den EU-Institutionen und den Mitgliedstaaten sind subnationale Ebenen wie die deutschen Bundesl&auml;nder, die Regionen (in L&auml;ndern wie Belgien und Spanien) sowie die Kommunen beteiligt. Interessengruppen nutzen oft mehrere dieser Ebenen gleichzeitig, um die EU-Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auf vielen Politikfeldern, deren Probleme und institutionelle Strukturen von globaler Reichweite sind, ist die EU-Politik zudem in globale Verhandlungs- und Koordinationsprozesse eingebunden. Dies gilt nicht nur f&uuml;r die Au&szlig;enpolitik, sondern auch f&uuml;r zahlreiche Themen, die in den Mitgliedstaaten eher den fachlich spezialisierten Politikfeldern zugeordnet werden, z.&nbsp;B. Migrationsfragen, der Klimawandel und andere globale Umweltprobleme oder die Regulierung des globalen Handelsverkehrs. <br />Das EU-Mehrebenensystem weist zahlreiche Parallelen zum bundesdeutschen F&ouml;deralismus auf, in dem Bund, L&auml;nder und Kommunen in einer komplexen institutionellen Struktur miteinander verflochten sind. Wie der deutsche F&ouml;deralismus ist daher auch das EU-Mehrebenensystem immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen: Ist das System handlungsf&auml;hig oder zu schwerf&auml;llig? Hat die Bev&ouml;lkerung gen&uuml;gend demokratische Einflussm&ouml;glichkeiten auf Entscheidungen? F&uuml;hren politische Entscheidungen &uuml;berall in der EU auch zu den gew&uuml;nschten Ergebnissen?<br />Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen die Zusammenh&auml;nge zwischen der Verteilung von Verantwortung f&uuml;r die Politikgestaltung und -implementation auf mehrere Ebenen und Krisenph&auml;nomenen, mit denen die EU in den letzten Jahren konfrontiert war &#8211; so insbesondere die Krisen im Zusammenhang mit der fehlenden Solidarit&auml;t bei der Aufnahme von geflohenen Menschen, der Schuldenkrise in einigen Euro-Staaten und dem Brexit. Der Beitrag diskutiert zun&auml;chst Zusammenh&auml;nge zwischen der Verantwortungsdiffusion und Krisenph&auml;nomenen[1] sowie darauf aufbauend m&ouml;gliche L&ouml;sungsans&auml;tze[2].</p>
<h5>1. Verteilte Verant&shy;wor&shy;tung und Krisen der EU</h5>
<p>Komplexe und manchmal unklare Verantwortungsstrukturen im EU-Mehrebenensystem tragen zu Krisen der EU bei &#8211; sie k&ouml;nnen Krisen mit verursachen oder verst&auml;rken.</p>
<p><b>1.1 Angestrebte EU-L&ouml;sungen als Verz&ouml;gerungstaktik und Nicht-L&ouml;sung</p>
<p></b>Die fehlende Bereitschaft der Regierungen vieler Mitgliedstaaten zu einer solidarischen L&ouml;sung bei der Aufnahme von geflohenen Menschen (n&auml;her hierzu Trauner 2016) ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, dass die EU in Krisensituationen nur begrenzt handlungsf&auml;hig ist. Das Entscheidungssystem ist durch die intensive Mitwirkung des Europ&auml;ischen Parlaments an den meisten Gesetzgebungsentscheidungen demokratischer geworden. Das &#8222;ordentliche Gesetzgebungsverfahren&#8220; der EU, wie das Anfang der 1990er Jahre eingef&uuml;hrte Mitentscheidungsverfahren seit dem Vertrag von Lissabon hei&szlig;t, ist allerdings zeitaufwendig. Die kurzfristige Reaktion auf neue Herausforderungen und Krisenph&auml;nomene ist in dem Verfahren, wie es in Art. 294 des Vertrages &uuml;ber die Arbeitsweise der Europ&auml;ischen Union (AEUV) vorgesehen ist, kaum machbar. Allenfalls wenn zu einem Thema ein sehr breiter Konsens im Europ&auml;ischen Parlament und unter den im Rat vertretenen Regierungen der Mitgliedstaaten besteht, ist ein schnelles Handeln m&ouml;glich. Gerade bei Themen wie Einwanderung oder Klimaschutz, bei denen die Mitgliedstaaten sehr unterschiedliche Interessen vertreten, ist eine schnelle Einigung auf weitreichende Ma&szlig;nahmen dagegen unwahrscheinlich. Die Einf&uuml;hrung des &#8222;Trilogs&#8220; als parallel zum ordentlichen Gesetzgebungsverfahren arbeitendes Abstimmungsgremium zwischen Parlament, Kommission und den im Rat vertretenen Mitgliedstaaten (n&auml;her hierzu Chalmers, Davies &amp; Monti 2014: 121-123) tr&auml;gt zwar zu einer Beschleunigung bei, hat die Reaktionsf&auml;higkeit aber nicht grundlegend verbessert. Eine Verfahrensdauer von drei bis vier Jahren ist bei komplexeren und umstrittenen Gesetzgebungsvorhaben weiterhin &uuml;blich.<br />Viele politische Themen haben heute Dimensionen, die weit &uuml;ber den einzelnen Mitgliedstaat hinausreichen und daher sinnvollerweise auf EU-Ebene gel&ouml;st werden m&uuml;ssten. Politiker_innen in den Mitgliedstaaten k&ouml;nnen dieses Argument allerdings auch nutzen, um politische Entscheidungen auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Denn der Hinweis darauf, dass eine europ&auml;ische L&ouml;sung n&ouml;tig w&auml;re, ist nicht mehr als eine Vertagung in eine ferne Zukunft, wenn von vornherein zweifelhaft ist, dass ein Vorhaben im EU-Entscheidungsprozess die n&ouml;tigen Mehrheiten im Parlament und im Rat erreichen kann. Die Steuerpolitik ist eines von vielen Feldern, auf denen L&ouml;sungen auf diese Weise immer wieder vertagt wurden, z.&nbsp;B. die Regulierung von Spekulationsgesch&auml;ften durch eine Finanztransaktionssteuer. Die EU-weite Einf&uuml;hrung einer solchen Steuer scheiterte am Widerstand einiger Regierungen und der ihnen nahestehenden Interessengruppen (vgl. Europ&auml;ische Kommission 2012: 3).<br />K&ouml;nnen sich die Regierungsvertreter im Rat nicht einigen, so hei&szlig;t dies in der Regel, das die EU auf dem betreffenden Feld nicht t&auml;tig wird. Nicht-Entscheidungen k&ouml;nnen Krisen verst&auml;rken, wenn Ma&szlig;nahmen der Krisenpr&auml;vention an fehlenden Mehrheiten scheitern (am Beispiel der Euro-Krise: T&ouml;mmel 2017: 150f.).</p>
<p><b>1.2&nbsp;Europ&auml;ische L&ouml;sungen zum Ausschalten von Kritik auf <br />mitgliedstaatlicher Ebene</b></p>
<p>Die Regierungen der Mitgliedstaaten sind durch ihre Beteiligung an der EU-Rechtsetzung im Rat zentrale Akteure im Entscheidungssystem der EU. Sie k&ouml;nnen diese Position z.&nbsp;B. nutzen, um solche EU-Regelungen anzustreben, die national bereits gelten, um so der eigenen Wirtschaft Anpassungskosten an EU-Recht zu ersparen (vgl. hierzu B&ouml;rzel &amp; Panke 2015: 238&nbsp;f.). Dieses &#8222;Hochladen&#8220; ist allerdings mit der gr&ouml;&szlig;er gewordenen Zahl von EU-Mitgliedstaaten im Laufe der Zeit schwieriger geworden, selbst f&uuml;r einen so einflussreichen Mitgliedstaat wie Deutschland.<br />Regierungen k&ouml;nnen die Verantwortungsdiffusion im EU-Entscheidungssystem auch daf&uuml;r nutzen, Projekte auf der EU-Ebene durchzusetzen, die auf der nationalen Ebene auf Kritik und Widerst&auml;nde sto&szlig;en (w&uuml;rden) und daher kaum durchsetzbar w&auml;ren. Gelingt es, solche Themen auf die EU-Ebene zu verschieben und dort verbindliche Regelungen durchzusetzen, so wirken diese anschlie&szlig;end als verbindliche Vorgaben in Form von Richtlinien oder sogar von unmittelbar geltenden Verordnungen in die Mitgliedstaaten zur&uuml;ck. <br />Solche Verlagerungsstrategien wurden auf sehr unterschiedlichen Politikfeldern genutzt, u.&nbsp;a. in der Umweltpolitik, um Widerst&auml;nde nationaler Industrielobbies zu umgehen. Ein weiteres Beispiel dieser Vorgehensweise war die Vorratsdatenspeicherung &#8211; also die staatlich angeordnete, anlasslose Speicherung aller Kommunikationsverbindungsdaten durch die Diensteanbieter. Diese Ma&szlig;nahme wurde von nationalen Innenpolitikern und Polizeibeh&ouml;rden nach den Anschl&auml;gen in New York und Washington D.C. vom 11. September 2001 gefordert und sollte zu mehr Sicherheit beitragen. Verbindlich wurde das stark umstrittene Instrument in den meisten Mitgliedstaaten erst eingef&uuml;hrt, nachdem im Jahr 2006 hierzu eine EG-Richtlinie erlassen worden war &#8211; angeblich um die Wettbewerbsbedingungen der Diensteanbieter in der EU einheitlich auszugestalten.(1 Im April 2014 hob der Gerichtshof der EU die Richtlinie wegen Unvereinbarkeit mit der EU-Grundrechtecharta auf,2 so dass sich die Verlagerungsstrategie jedenfalls in diesem Fall nicht als langfristig tragf&auml;hig erwiesen hat.</p>
<p><b>1.3 Verantwortungsdiffusion durch verbleibende Bereiche der Regierungszusammenarbeit und Nebeninstitutionen<br /></b><br />Eine zentrale Idee des gescheiterten EU-Verfassungsvertrages und des Vertrages von Lissabon war die Schaffung einer weniger komplizierten institutionellen Struktur. Das Nebeneinander von Politikfeldern mit mehr und weniger Einfluss der EU-Institutionen, wie es Anfang der 1990er Jahre mit dem Vertrag von Maastricht geschaffen worden war, sollte abgeschafft werden. Das &#8222;S&auml;ulenmodell&#8220; der EU, bei dem die Au&szlig;enpolitik sowie die Innen- und Justizpolitik intergouvernemental waren, die Regierungen der Mitgliedstaaten also weitgehend allein das Sagen hatten, wurde mit dem Vertrag von Lissabon aufgel&ouml;st.<br />Damit ist die Dominanz der nationalen Regierungen bei EU-Entscheidungen jedoch l&auml;ngst nicht beseitigt worden (hierzu auch T&ouml;mmel 2017: 142ff.). Gerade bei der Finanzierung ihrer Projekte ist die EU nach wie vor von den Mitgliedstaaten abh&auml;ngig. Die EU hat bisher nicht das Recht, eigene Steuern zu erheben. Die sogenannten Eigenmittel stammen teils aus Zolleinnahmen, &uuml;berwiegend jedoch aus Finanzierungsbeitr&auml;gen der Mitgliedstaaten, die abh&auml;ngig von ihrem Mehrwertsteueraufkommen und ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft berechnet werden. Die Entscheidungen &uuml;ber die Festsetzung des Eigenmittelaufkommens und die mittelfristige Finanzplanung der EU fallen nach wie vor in einem intergouvernemental gepr&auml;gten Verfahren, das die Zustimmung aller Mitgliedstaaten verlangt (Art. 311 und 312 AEUV; n&auml;her hierzu Aden 2012). Gerade die sogenannten &#8222;Nettozahler&#8220;, also Staaten wie Deutschland, die in der Gesamtbilanz mehr in den EU-Haushalt einzahlen als in das Land zur&uuml;ckflie&szlig;t, haben in diesem Sonderverfahren einen sehr gro&szlig;en Einfluss auf die EU-Politik.</p>
<p>Auch die Au&szlig;enpolitik sowie die Innen- und Justizpolitik, die durch den Vertrag von Lissabon st&auml;rker in den Rahmen der neuen, einheitlich strukturierten EU integriert wurden, sind nach wie vor durch eine starke Dominanz der mitgliedstaatlichen Regierungen gepr&auml;gt. So beschr&auml;nken sich die EU-Agenturen, die f&uuml;r die Innen- und Justizzusammenarbeit eingerichtet wurden, weiterhin weitgehend auf Koordinations- und Servicefunktionen f&uuml;r die Beh&ouml;rden der Mitgliedstaaten (hierzu Aden 2017).</p>
<p>Seit dem Vertrag von Lissabon kamen sogar neue intergouvernemental dominierte Institutionen hinzu, etwa im Zuge der &#8222;Euro-Rettung&#8220;: Der Europ&auml;ische Stabilit&auml;tsmechanismus (ESM), der hierf&uuml;r etabliert wurde, ist nur teilweise in die regul&auml;ren EU-Entscheidungsverfahren eingebunden (kritisch hierzu z.&nbsp;B. Chalmers, Davies &amp; Monti 2014: 48-50 und 714&nbsp;ff.). Die finanzierenden Mitgliedstaaten haben ein hohes Gewicht bei der Entscheidung, welches Land der Eurozone unterst&uuml;tzt wird und welche Bedingungen diesem Land daf&uuml;r vorgeschrieben werden, etwa bei der Privatisierung bisher &ouml;ffentlicher Dienstleistungen. Die Verantwortung daf&uuml;r, dass die Schuldenkrise insbesondere im Falle Griechenlands bislang nicht nachhaltig gel&ouml;st werden konnte, liegt folglich weniger bei den EU-Institutionen, sondern st&auml;rker bei den Regierungen einiger anderer Mitgliedstaaten.</p>
<p><b>1.4 Komplexe Verantwortlichkeiten auch bei der Politikimplementation<br /></b><br />Verantwortungsdiffusion ist nicht nur bei der Formulierung von EU-Politik zu beobachten, sondern erst recht bei der Implementation einmal beschlossener Vorhaben. Die alte Doktrin, nach der allein die Mitgliedstaaten f&uuml;r die Umsetzung und Anwendung europ&auml;ischer Vorgaben verantwortlich sind, ist in der Praxis seit langem &uuml;berholt. Heute ist die Verwaltungsarbeit im Mehrebenensystem bei der Implementation vieler EU-Politiken eng verflochten. Zahlreiche Modelle der Zusammenarbeit zwischen europ&auml;ischen Institutionen und Agenturen auf der einen und mitgliedstaatlichen Beh&ouml;rden auf der anderen Seite haben sich entwickelt (&Uuml;berblick bei Bauer &amp; Trondal 2015; Hofmann &amp; T&uuml;rk 2006). Auf vielen Feldern koordinieren die Mitgliedstaaten ihre Verwaltungst&auml;tigkeit horizontal. Die so entstandenen Mehrebenen-Koordinationsstrukturen folgen jedoch keinem einheitlichen Modell &#8211; noch nicht einmal auf demselben Politikfeld. F&uuml;r jedes europ&auml;isierte Themenfeld werden spezifische Koordinationsstrukturen eingerichtet. Eine Standardisierung der Zusammenarbeit im &#8222;europ&auml;ischen Verwaltungsraum&#8220; findet bisher kaum statt (hierzu auch Peters &amp; Trondal 2013). Die so entstandenen Formen von Koordination und Zusammenarbeit sind nicht nur f&uuml;r Au&szlig;enstehende un&uuml;bersichtlich. Sie bergen auch Risiken f&uuml;r eine unklare Verantwortungsverteilung zwischen den beteiligten Verwaltungsakteuren auf mehreren Ebenen. Wird am Ende nicht das gew&uuml;nschte Ergebnis erzielt, so bleibt m&ouml;glicherweise unklar, wer daf&uuml;r die Verantwortung tr&auml;gt. Tendenziell vergr&ouml;&szlig;ern komplexe Mehrebenen-Koordinationsstrukturen zudem die Autonomiespielr&auml;ume von Verwaltungen gegen&uuml;ber politischer Steuerung (am Beispiel der Polizeizusammenarbeit: Aden 2014a und 2014b).</p>
<p>Werden verbindlich durch EU-Recht festgelegte und f&uuml;r die Menschen vorteilhafte europ&auml;ische Projekte aufgrund von Funktionsm&auml;ngeln des EU-Mehrebenen-Verwaltungssystems nicht, nicht &uuml;berall gleicherma&szlig;en oder unvollst&auml;ndig umgesetzt und angewandt, so f&uuml;hren die so entstehenden Defizite zu Risiken, die sich zu weiteren Krisen der EU ausweiten k&ouml;nnen &#8211; allein schon, wenn Anspruch und Wirklichkeit zu weit auseinander fallen.</p>
<h5>2. L&ouml;sungs&shy;an&shy;s&auml;tze: Mehre&shy;be&shy;nen&shy;-Ac&shy;coun&shy;ta&shy;bi&shy;lity und weitere Demokra&shy;ti&shy;sie&shy;rung</h5>
<p>Eine intensive Zusammenarbeit in einem politisch-administrativen Mehrebenensystem wie der EU erfordert viel Koordination. Eine Zentralisierung von Aufgaben, wie sie in f&ouml;deralen Systemen oft gefordert wird, verspr&auml;che allerdings keine Verbesserung. Denn die flexible Bearbeitung regional unterschiedlicher Probleme ist gerade eine St&auml;rke von Mehrebenensystemen und eine Schw&auml;che zentralisierter Systeme. Folglich sind L&ouml;sungen zur Vermeidung von Verantwortungsdiffusion gefragt, die das Mehrebenensystem weniger krisenanf&auml;llig machen.</p>
<p><b>2.1 Klarere Aufgabenverteilung &#8211; Problem erkannt, aber nur teilweise gel&ouml;st</b></p>
<p>Verantwortungsdiffusion h&auml;ngt oft mit einer unklaren Aufgabenverteilung zusammen. In der EU wurde dieses Problem bereits vor geraumer Zeit erkannt, erste Konsequenzen wurden gezogen. So unterscheidet das EU-Prim&auml;rrecht jetzt in Art. 2 bis 4 AEUV zwischen ausschlie&szlig;lichen und geteilten Gesetzgebungszust&auml;ndigkeiten der EU, &auml;hnlich der Unterscheidung zwischen ausschlie&szlig;lichen und konkurrierenden Gesetzgebungszust&auml;ndigkeiten im deutschen Grundgesetz (Art. 71 bis 74 GG). <br />Weniger klar ist die Aufgabenverteilung dagegen weiterhin bei der Implementation von EU-Recht. Hier gibt es nach wie vor eine bunte Vielfalt von Mustern der Aufgabenverteilung (vgl. Bauer &amp; Trondal (Hg.) 2015). Einheitlichere Standards w&auml;ren w&uuml;nschenswert, d&uuml;rften aber allenfalls mittelfristig realisierbar sein, da die Entscheidungsstrukturen auch politikfeldspezifisch fragmentiert sind. Die standardisierte Auslagerung zentraler Aufgaben in EU-Agenturen hat bisher nur in Ans&auml;tzen zu einer Vereinheitlichung gef&uuml;hrt.</p>
<p><b>2.2 Verbesserte Mehrebenen-Accountability-Foren</b></p>
<p>Die Verantwortungsdiffusion im EU-Mehrebenensystem war in den letzten Jahrzehnten Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Diskussionen (vgl. Harlow 2002; Bovens, Schillemans &amp; Goodin 2014). In der internationalen Fachdiskussion wird f&uuml;r die Zuweisung von Verantwortlichkeiten zumeist der Begriff Accountability verwendet. Hier wird der Begriff in einem wesentlich weiteren Sinn gebraucht als urspr&uuml;nglich in der Finanzwissenschaft oder der Betriebswirtschaft, wo er im Zusammenhang mit einer ordnungsgem&auml;&szlig;en Rechnungslegung steht. Im erweiterten Sinne steht der Accountability-Begriff heute f&uuml;r ein relationales Konzept: Er analysiert die Beziehungen zwischen denjenigen, die f&uuml;r ein bestimmtes Handeln verantwortlich sind, und denjenigen, gegen&uuml;ber denen die Verantwortung besteht, z.&nbsp;B. Vorgesetzen, Regierungsstellen, Parlamenten oder auch gegen&uuml;ber der Bev&ouml;lkerung insgesamt. Accountability-Foren sind institutionalisierte Strukturen, in denen sich Akteure gegen&uuml;ber anderen f&uuml;r ihr Handeln rechtfertigen m&uuml;ssen. In der EU gibt es zahlreiche solche Foren, z.&nbsp;B. das Europ&auml;ische Parlament, den Europ&auml;ischen Rechnungshof, die B&uuml;rgerbeauftragte, den Europ&auml;ischen Datenschutzbeauftragten, den Gerichtshof und im weiteren Sinne auch eine breite kritische &Ouml;ffentlichkeit, bestehend aus Nichtregierungsorganisationen und Medien. <br />Die vielf&auml;ltigen und komplexen Formen der horizontalen und vertikalen Verwaltungszusammenarbeit sowie divergierende mitgliedstaatliche Standards bei der Implementation von EU-Politik machen mehr Koordination auch zwischen diesen Accountability-Foren erforderlich. Dies betrifft z.&nbsp;B. die Koordination zwischen dem Europ&auml;ischen Parlament und den Parlamenten der Mitgliedstaaten, die im Laufe der Zeit an Bedeutung gewonnen hat. Einige Mitwirkungsrechte der mitgliedstaatlichen Parlamente sind heute in Art.&nbsp;12 des Vertrages &uuml;ber die Europ&auml;ische Union (EUV) verankert.<br />Auch und insbesondere die Institutionen mit speziellen Kontrollaufgaben k&ouml;nnen effektiver zur Kontrolle beitragen, wenn sie ihre T&auml;tigkeit im Mehrebenensystem koordinieren. Interessant sind hier die Ans&auml;tze, die solche Accountability-Foren nicht zentralisieren, sondern eine Koordination zwischen den Ebenen vorsehen, wie dies z.&nbsp;B. die EU-Datenschutzgrundverordnung f&uuml;r die Datenschutzaufsicht regelt (Art.&nbsp;51&nbsp;ff. DSGVO).[3] Nur solche koordinierten Accountability-Foren d&uuml;rften in der Lage sein, die Dominanz der Regierungen und Verwaltungen der Mitgliedstaaten sowie die Tendenz zu Implementationsdefiziten im EU-Mehrebenensystem wirksam einzuhegen.</p>
<p><b>2.3 Verantwortung gegen&uuml;ber der Bev&ouml;lkerung &#8211; nicht nur f&uuml;r <br />&ouml;konomische Interessen </b></p>
<p>Verbesserte Accountability-Foren allein d&uuml;rften nicht in der Lage sein, die EU vor andauernden und neuen Krisen zu bewahren. Ein Umdenken bei den Inhalten der Politik erscheint n&ouml;tig. Auch heute noch wird die EU stark von der wirtschaftlichen Integration gepr&auml;gt, wie sie &uuml;ber viele Jahrzehnte f&uuml;r die Europ&auml;ische Wirtschaftsgemeinschaft dominierend war. Allzu oft bestimmen die Interessen der gro&szlig;en Industriezweige politische Entscheidungen &uuml;ber das T&auml;tigwerden oder die Unt&auml;tigkeit der EU. Diese Pfadabh&auml;ngigkeit zu durchbrechen und die Interessen der Bev&ouml;lkerung st&auml;rker in den Blick zu nehmen, erscheint wichtig und n&ouml;tig &#8211; nicht zuletzt, um die Unterst&uuml;tzung der europ&auml;ischen Integration durch breitere Bev&ouml;lkerungskreise zu verbessern. Erfolgsgeschichten wie das Erasmus-Programm, das inzwischen weit &uuml;ber den Austausch von Studierenden hinausreicht, oder europaweite Vorgaben f&uuml;r den Verbraucherschutz zeigen, dass die EU dann auf Akzeptanz st&ouml;&szlig;t, wenn f&uuml;r die Menschen ein konkreter Nutzen sichtbar wird. Dies ist nicht nur eine Frage des Marketings f&uuml;r politische Entscheidungen, sondern auch ein Auftrag f&uuml;r mehr Politikinhalte, die breiteren Bev&ouml;lkerungskreisen Vorteile bringen.</p>
<h5>3. Schluss&shy;fol&shy;ge&shy;rungen und Ausblick</h5>
<p>Dieser Beitrag hat gezeigt, dass die Diffusion von Verantwortung im EU-Mehrebenensystem Krisen verst&auml;rken, m&ouml;glicherweise sogar ausl&ouml;sen kann. Wenn breite Bev&ouml;lkerungskreise Vorteile von EU-Politiken kaum wahrnehmen, steigt das Risiko, dass die EU ein reines Elitenprojekt bleibt. Populistische Parteien haben dann ein leichtes Spiel mit der Behauptung, der Nationalstaat sei die allein richtige Ebene f&uuml;r politische Entscheidungen, die den Interessen der eigenen Bev&ouml;lkerung dienen (hierzu auch die Beitr&auml;ge von Peter und Loth in diesem Heft). <br />Krisen k&ouml;nnen auch Chancen f&uuml;r einen Neuanfang sein, weil sie deutlich machen, dass die ausgetretenen Pfade der Politik nicht immer zielf&uuml;hrend sind. So k&ouml;nnen Krisen zu einem Wendepunkt, einer Critical Juncture (Capoccia &amp; Kelemen 2007) f&uuml;hren, die Chancen f&uuml;r Ver&auml;nderungen bietet. In dem &#8222;Wei&szlig;buch zur Zukunft Europas&#8220;, das EU-Kommissionspr&auml;sident Jean-Claude Juncker im M&auml;rz 2017 pr&auml;sentiert hat, macht die Kommission deutlich, dass ein einfaches &#8222;Weiter so&#8220; nach den Krisen der letzten Jahre keine gute L&ouml;sung w&auml;re (Europ&auml;ische Kommission 2017: 16). Der franz&ouml;sische Staatspr&auml;sident Emmanuel Macron pl&auml;dierte in seiner Rede an der Pariser Sorbonne am 26. September 2017 sogar f&uuml;r eine erhebliche Ausweitung der europ&auml;ischen Zusammenarbeit. Die Europ&auml;ische Kommission benannte in ihrem Wei&szlig;buch auch einen m&ouml;glichen Nachteil einer solchen Ausweitung: &#8222;Es besteht allerdings die Gefahr, dass sich Teile der Gesellschaft von der EU abwenden, die das Gef&uuml;hl haben, der EU mangele es an Legitimit&auml;t bzw. sie h&auml;tte den nationalen Beh&ouml;rden zu viel Macht abgenommen&#8220; (Europ&auml;ische Kommission 2017: 24). Doch wie berechtigt ist diese Annahme? Wenn z.&nbsp;B. die Regierungen der Mitgliedstaaten die EU in Zukunft weniger als bisher als zus&auml;tzliche Politikebene zur Durchsetzung eigener Interesse ansehen, k&ouml;nnten die Vorteile der europ&auml;ischen Integration auch jenseits gut gebildeter und mobiler Eliten wieder sichtbarer werden. Dies gilt auch f&uuml;r deutsche Bundesregierungen, die allzu oft in der offiziellen Rhetorik die europ&auml;ische Integration zu einem ihrer zentralen Anliegen machen, bei konkreten Entscheidungen aber die eigene, oft innovationsfeindliche und an kurzfristigen Gewinnen orientierte Industrie protegieren. Dass deutsche Regierungen die Automobilindustrie auch dann noch vor strengerer Regulierung sch&uuml;tzen, wenn sie EU-Regeln zur Luftreinhaltung massiv missachten, die im Interesse der menschlichen Gesundheit aufgestellt wurden, ist kaum geeignet, das Vertrauen der Bev&ouml;lkerung in die Leistungsf&auml;higkeit der EU-Mehrebenenpolitik zu st&auml;rken. Eine Orientierung nicht nur der europ&auml;ischen Institutionen, sondern auch der nationalen Regierungen an l&auml;ngerfristigen Interessen der Bev&ouml;lkerung k&ouml;nnte zuk&uuml;nftigen Krisen der EU vorbeugen.</p>
<p><b>HARTMUT&nbsp;ADEN</b>&nbsp;&nbsp; <i>ist Jurist und Politikwissenschaftler. Er ist Professor f&uuml;r &Ouml;ffentliches Recht, Europarecht, Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Hochschule f&uuml;r Wirtschaft und Recht Berlin, dort stv. Direktor des Forschungsinstituts f&uuml;r &Ouml;ffentliche und Private Sicherheit (F&Ouml;PS) sowie beh&ouml;rdlicher Datenschutzbeauftragter der Hochschule. Webseite: </i><a href="http://www.hwr-berlin.de/prof/hartmut-aden" target="_blank" rel="noopener"><i>www.hwr-berlin.de/prof/hartmut-aden</i></a><i>.</i></p>
<h5>Literatur:</h5>
<p>Aden, Hartmut 2012: Haushalt und Finanzierung der EU, in: Furtak, Florian T.&nbsp;&amp;&nbsp;Gro&szlig;, Bernd (Hg.), Lernziel Europa. Integrationsfelder und -prozesse. Frankfurt/Main: Lang, 141-162.</p>
<p>Aden, Hartmut 2014a: Wer ist Koch, wer ist Kellner? &#8211; Polizei und Politik im europ&auml;ischen Mehrebenensystem, in: Frevel, Bernhard &amp; Gro&szlig;, Hermann (Hg.), Polizei und Politik, Empirische Polizeiforschung XVII, Frankfurt/Main: Verlag f&uuml;r Polizeiwissenschaft, 114-127.</p>
<p>Aden, Hartmut 2014b: Koordination und Koordinationsprobleme im ambivalenten Nebeneinander: Der polizeiliche Informationsaustausch im EU-Mehrebenensystem, in: Der Moderne Staat, Zeitschrift f&uuml;r Public Policy, Recht und Management (7. Jg., Nr. 1), 55-73.</p>
<p>Aden, Hartmut 2017: Europ&auml;isierung der Polizeiarbeit &#8211; ein Sonderfall im europ&auml;ischen Verwaltungsraum?, in: Kopke, Christoph &amp; K&uuml;hnel, Wolfgang (Hg.), Demokratie, Freiheit und Sicherheit. Festschrift zum 65. Geburtstag von Hans Gerd Jaschke, Baden-Baden: Nomos, 241-253.</p>
<p>Bauer, Michael W. &amp; Trondal, Jarle (Hg.) 2015: The Palgrave Handbook of the European Administrative System, Basingstoke: Palgrave Macmillan.</p>
<p>B&ouml;rzel, Tanja A. &amp; Panke, Diana 2015: Europ&auml;isierung, in: Wenzelburger, Georg &amp; Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hg.), Handbuch Policy-Forschung, Wiesbaden: Springer VS, 225-245.</p>
<p>Bovens, Mark, Schillemans, Thomas &amp; Goodin, Robert E. 2014: Public Accountability, in: Bovens, Mark, Schillemans, Thomas &amp; Goodin, Robert E. (Hg.), The Oxford Handbook of Public Accountability, Oxford: Oxford University Press, 1-20.</p>
<p>Capoccia, Giovanni &amp; Kelemen, R. Daniel 2007: The Study of Critical Junctures. Theory, Narrative, and Counterfactuals in Historical Institutionalism, in: World Politics, 59, 341-369.</p>
<p>Castells, Antoni 2005: External audit institutions: the European Court of Auditors and its relationship with the national audit institutions of the Member States, in:&nbsp;Garcia Crespo, Milagros (Hg.), Public Expenditure Control in Europe: Coordinating Audit Functions in the European Union. Chaltenham, UK: Edward Elgar, 127-147.</p>
<p>Chalmers, Damian, Davies, Gareth &amp; Monti, Georgio 2014: European Union Law, 3. Aufl., Cambridge: Cambridge University Press.<br />Europ&auml;ische Kommission 2012: Vorschlag f&uuml;r einen Beschluss des Rates &uuml;ber die Erm&auml;chtigung zu einer Verst&auml;rkten Zusammenarbeit im Bereich der Finanztransaktionssteuer, Br&uuml;ssel, COM (2012)631 endg&uuml;ltig.</p>
<p>Europ&auml;ische Kommission 2017: Die EU der 27 im Jahr 2025 &#8211; &Uuml;berlegungen und Szenarien, Br&uuml;ssel, COM(2017)2025.<br />Harlow, Carol 2002: Accountability in the European Union. Oxford: Oxford University Press.</p>
<p>Hofmann, Herwig C.H. &amp; T&uuml;rk, Alexander H.&nbsp;2006: An introduction to EU administrative governance, in: Hofmann, Herwig C.H.&nbsp;&amp; T&uuml;rk, Alexander H. (Hg.), EU Adminstrative Governance. Cheltenham, UK: Edward Elgar, 1-8.</p>
<p>Hooghe, Liesbet &amp; Marks, Gary 2001: Multi-Level Governance and European Integration, Lanham, Maryland: Rowman &amp; Littlefield.<br />T&ouml;mmel, Ingeborg 2017: Die politische Krise der Europ&auml;ischen Union &#8211; Strukturprobleme und Entscheidungsblockaden im Mehrebenensystem, in: integration (40. Jg., Nr. 2), 141-156.</p>
<p>Trauner, Florian 2016: Wie sollen Fl&uuml;chtlinge in Europa verteilt werden? Der Streit um einen Paradigmenwechsel in der EU-Asylpolitik, in: integration (39. Jg., Nr. 2), 93-106.</p>
<p>Trondal, Jarle &amp; Peters, B.&nbsp;Guy 2013: The Rise of European Administrative Space. Lessons Learned, in: Journal of European Public Policy (JEPP) (vol. 20, no. 2), 295-307.</p>
<h5>Anmerkungen:</h5>
<p>1 Richtlinie 2006/24/EG, Erw&auml;gungsgrund 6. Zur fehlenden Kompetenz f&uuml;r die sicherheitspolitischen Ziele der Richtlinie vgl. das Interview mit Grimm in diesem Heft, S. 5ff.</p>
<p>2 Gerichtshof der EU/EuGH, Rs. C-293/12 und C-594/12, Urteil vom 8.4.2014.</p>
<p>3 &Auml;hnlich auch bei der Finanzkontrolle im Mehrebenensystem, dort allerdings bisher weniger institutionalisiert, vgl. Castells 2005 und Aden 2012.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/am-ende-ist-niemand-verantwortlich-krisen-und-verantwortungsdiffusion-im-eu-mehrebenensystem/">Am Ende ist niemand verantwortlich? &#8211; Krisen und Verantwortungsdiffusion im EU-Mehrebenensystem</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Die &#8218;Grundrechtsunion&#8216; als Ausweg aus der Krise? &#8211; Grundrechtsschutz zwischen EGMR, EuGH und nationalen Verfassungsgerichten*</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/die-grundrechtsunion-als-ausweg-aus-der-krise-grundrechtsschutz-zwischen-egmr-eugh-und-nationa-1/</link>
		
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		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 10:57:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 41 &#8211; 49 Im Zuge des Europ&#228;ischen Integrationsprozesses ist der deutsche Rechtsstaat mittlerweile intensiv in inter- und supranationale Rechtsregime eingeflochten. Dieser Beitrag geht aus politikwissenschaftlicher Perspektive der Frage nach, welche Auswirkungen das Nebeneinander des Grundrechtsschutzes durch das deutsche Bundesverfassungsgericht, den Europ&#228;ischen Gerichtshof f&#252;r Menschenrechte und den Europ&#228;ischen Gerichtshof hat. [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/die-grundrechtsunion-als-ausweg-aus-der-krise-grundrechtsschutz-zwischen-egmr-eugh-und-nationa-1/">Die &#8218;Grundrechtsunion&#8216; als Ausweg aus der Krise? &#8211; Grundrechtsschutz zwischen EGMR, EuGH und nationalen Verfassungsgerichten*</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 41 &#8211; 49</p>
<p><i>Im Zuge des Europ&auml;ischen Integrationsprozesses ist der deutsche Rechtsstaat mittlerweile intensiv in inter- und supranationale Rechtsregime eingeflochten. Dieser Beitrag geht aus politikwissenschaftlicher Perspektive der Frage nach, welche Auswirkungen das Nebeneinander des Grundrechtsschutzes durch das deutsche Bundesverfassungsgericht, den Europ&auml;ischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte und den Europ&auml;ischen Gerichtshof hat. Im Verh&auml;ltnis dieser drei Gerichte zueinander unterscheidet der Autor Konflikte &uuml;ber die Interpretation der Grundrechte von solchen &uuml;ber die Reichweite der Rechtsprechungskompetenzen.&nbsp; </i></p>
<p>&#8222;Dann gehe ich halt nach Karlsruhe!&#8220; Auch wenn dieser Satz von B&uuml;rger_innen oft leichtfertig ausgesprochen wird, da die Zulassungsh&uuml;rden einer Verfassungsbeschwerde gar nicht so leicht zu &uuml;berwinden sind (L&uuml;bbe-Wolff 2005), so signalisiert er doch auch die hohe Wertsch&auml;tzung, die das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) als Ausdruck des Rechtsstaatsprinzips in Deutschland genie&szlig;t (Kranenpohl 2009b). Im Zuge des europ&auml;ischen Integrationsprozesses ist der deutsche Rechtsstaat mittlerweile intensiv in inter- und supranationale Rechtsregime eingeflochten. Ist den B&uuml;rger_innen aber bewusst, dass sie auch &#8222;nach Luxemburg&#8220; zum Europ&auml;ischen Gerichtshof der EU (EuGH) oder &#8222;nach Stra&szlig;burg&#8220; zum Europ&auml;ischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) des Europarats ziehen k&ouml;nnen, um ihre Grundrechte zu verteidigen? <br />Daher soll zun&auml;chst beispielhaft dargestellt werden, wie Grundrechtsschutz durch europ&auml;ische Gerichte bereits praktiziert wird &#8211; und wie notwendig dieser ist. Im Weiteren werden die rechtlichen Verh&auml;ltnisse im Gerichtsverbund kurz skizziert. Schlie&szlig;lich werden einige Problemfelder im Verh&auml;ltnis der Gerichte der &#8218;Grundrechtsunion&#8216; angesprochen.</p>
<p><b>Grundrechtsschutz durch europ&auml;ische Gerichte <br /></b><br />Ende des 20. Jahrhunderts schien es, als ob sich die Idee einer umfassenden richterlichen &Uuml;berpr&uuml;fung allen staatlichen Handelns an den Grundrechten zumindest in Europa allgemein durchsetzen w&uuml;rde: Hatten schon Portugal und Spanien nach der Demokratisierung relativ starke Verfassungsgerichte eingerichtet, so beschritten auch die meisten mittelost- und osteurop&auml;ischen Demokratien nach dem Ende des Kommunismus diesen Weg (Stern 1999). Doch auch in etablierten westeurop&auml;ischen Demokratien wurde das richterliche Pr&uuml;fungsrecht gest&auml;rkt: Der in seinen Handlungsm&ouml;glichkeiten relativ eingeschr&auml;nkte franz&ouml;sische Verfassungsrat wurde zunehmend aktiver (Fromont 2007), und selbst die britische Parlamentssouver&auml;nit&auml;t erfuhr durch die Rechtsprechung des EGMR und des EuGH eine Einschr&auml;nkung (Schieren 2001). <br />Grundrechtsrelevant war zun&auml;chst vor allem die Einf&uuml;hrung der Individualbeschwerde zum EGMR. Selbstverst&auml;ndlich sollte dies vor allem dazu dienen, rechtsstaatliche Defizite in jenen Signatarstaaten der Europ&auml;ischen Menschenrechtskonvention (EMRK) zu bek&auml;mpfen, die (noch) nicht &uuml;ber einen ausgepr&auml;gten Grundrechtsschutz durch nationale Gerichte verf&uuml;gten.[1] Schnell zeigten sich aber auch Auswirkungen auf Staaten mit vergleichsweise hohem Grundrechtsstandard (Bates 2010). In dem vielleicht am meisten Aufsehen erregenden Urteil gegen Deutschland entschieden die Stra&szlig;burger Richter_innen 2009, dass die &#8218;nachtr&auml;gliche Sicherungsverwahrung&#8216; von Straft&auml;ter_innen, da sie sich kaum vom Strafvollzug unterscheide, deshalb als &#8218;Strafe&#8216; anzusehen und eine nachtr&auml;gliche Verl&auml;ngerung daher ein Versto&szlig; gegen Art.&nbsp;7 EMRK sei (EGMR, 19359/04, 17.12.2009, M. ./. Deutschland); dies zwang das BVerfG, seine Rechtsprechung zum &#8218;Abstandsgebot&#8216; der Sicherungsverwahrung vom Strafvollzug zu modifizieren (BVerfGE 128, 326, Sicherungsverwahrung III). &Auml;hnlich weitreichende Auswirkungen auf das deutsche Rechtssystem hatten Entscheidungen des EGMR zum Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens nach Art. 8 EMRK; bemerkenswert waren insbesondere die F&auml;lle Caroline und G&ouml;rg&uuml;l&uuml; (Albers 2016: 78&#8211;86; Heck&ouml;tter 2007; Kranenpohl 2016: 43&#8211;48). <br />Dagegen waren grundrechtsrelevante Entscheidungen des EuGHs zun&auml;chst auf den &ouml;konomischen Bereich beschr&auml;nkt. Aber auch diese k&ouml;nnen betr&auml;chtliche Auswirkungen haben: So entschieden die Luxemburger Richter_innen, die Verfassungsbestimmung, wonach Frauen&nbsp; in der Bundeswehr keinen Dienst an der Waffe leisten d&uuml;rften, stelle einen Versto&szlig; gegen die Gleichstellung von Mann und Frau im Berufsleben dar (EuGH, C-285/98, 11.01.2000, Kreil). Mittlerweile greift der Grundrechtsschutz des EuGHs aber deutlich weiter aus, wie seine j&uuml;ngste Entscheidung zeigt, dass die Bedingungen des geplanten Abkommens der Europ&auml;ischen Union und Kanadas &uuml;ber die &Uuml;bermittlung von Fluggastdaten gegen Art.&nbsp;7 und 8 der Europ&auml;ischen Grundrechtecharta (GRCh) verstie&szlig;en (EuGH, Gutachten 1/15, 26.07.2017).</p>
<p><b>Die Rechtsverh&auml;ltnisse im Gerichtsverbund</b></p>
<p>Allerdings ist die EMRK des Europarats nach deutscher Rechtsauffassung lediglich ein v&ouml;lkerrechtlicher Vertrag und damit &#8218;einfaches&#8216; Bundesrecht. Zudem verpflichtet die EMRK einen Mitgliedstaat im Falle eines durch den EGMR festgestellten Konventionsversto&szlig;es lediglich dazu, den konkret ger&uuml;gten Versto&szlig; mit geeigneten Mitteln zu beenden und Beschwerdef&uuml;hrer_innen gegebenenfalls zu entsch&auml;digen (Art. 41, 46 EMRK). Damit war das BVerfG in seiner Rechtsprechung &#8218;eigentlich&#8216; nicht an die Stra&szlig;burger Auslegung der EMRK gebunden. Allerdings haben die Karlsruher Richter_ innen mittlerweile anerkannt, dass die EMRK und EGMR-Rechtsprechung als &#8222;Auslegungshilfen f&uuml;r die Bestimmung von Inhalt und Reichweite von Grundrechten&#8220; dienen. Daher stehen Entscheidungen des EGMR, &#8222;die neue Aspekte f&uuml;r die Auslegung des Grundgesetzes enthalten, [&#8230;]&nbsp; rechtserheblichen &Auml;nderungen gleich, die zu einer &Uuml;berwindung der Rechtskraft&#8220; einer Karlsruher Entscheidung f&uuml;hren k&ouml;nnen (BVerfGE 128, 326, Sicherungsverwahrung III). Grunds&auml;tzlich ist das Verh&auml;ltnis der beiden Gerichte aber &#8211; wie die &#8218;Caroline-Rechtsprechung&#8216; zeigt &#8211; weniger von der Frage von &Uuml;ber- oder Unterordnung gepr&auml;gt, sondern eher davon, dass beide um eine korrekte Interpretation der einschl&auml;gigen Grundrechte in Anwendung auf den konkreten Fall ringen (Albers 2016: 83&#8211;85). <br />Allerdings hatte der EuGH schon fr&uuml;h die Chance ergriffen, die Kompetenzen der Gemeinschaften &#8211; und damit auch seine eigenen &#8211; gegen&uuml;ber den Mitgliedstaaten &#8211; und somit auch gegen&uuml;ber den mitgliedstaatlichen Gerichten &#8211; auszuweiten.[2] Doch spielte in der Luxemburger Rechtsprechung der Schutz der Grundrechte zun&auml;chst keine herausgehobene Rolle: Zu stark erschien die Integration als politisches Projekt mit wirtschaftlichem Fokus und zu sehr dominierten dementsprechend in der Rechtsprechung des EuGH &ouml;konomische Sachverhalte. Auch die feierliche Proklamation der Charta der Grundrechte der Europ&auml;ischen Union (GRCh) im Jahr 2000 &auml;nderte daran zun&auml;chst nichts, denn diese hatte zun&auml;chst nur &#8218;rechtspolitische&#8216; Bedeutung (Hoffmeister 2014: 120). Erst mit Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags 2009 wurde die GRCh Bestandteil des Prim&auml;rrechts (Art. 6 Abs. 1 EUV), womit der EuGH auf sie als grundrechtlichen Normenkatalog zur&uuml;ckgreifen kann. <br />Den sich daraus ergebenden Spielraum nutzte Luxemburg in der Entscheidung &Aring;kerberg Fransson (EuGH, C-617/10, 26.02.2013) ausgiebig. Die Richter_innen entschieden, dass eine &#8211; durch Art. 50 GRCh untersagte &#8211; Doppelbestrafung vorliege, wenn eine Steuerhinterziehung sowohl mit Strafzahlungen als auch in einem Strafverfahren sanktioniert werde. Im Vorfeld der Entscheidung wurde allerdings streitig diskutiert, ob der EuGH &uuml;berhaupt eine Zust&auml;ndigkeit beanspruchen k&ouml;nne, denn Art. 51 Abs. 1 GRCh bestimmt, dass diese &#8222;f&uuml;r die Mitgliedstaaten ausschlie&szlig;lich bei der Durchf&uuml;hrung des Rechts der Union&#8220; bindend sei. Luxemburg entschied allerdings, dass sich die Sanktionierung einer Hinterziehung der schwedischen Mehrwertsteuer auf die europ&auml;ische Mehrwertsteuerharmonisierungsrichtline 2006/12 st&uuml;tze. Weiter postulierten sie: &#8222;Wenn eine nationale Rechtsvorschrift in den Geltungsbereich des Unionsrechts f&auml;llt, sind keine Fallgestaltungen denkbar, die vom Unionsrecht erfasst w&uuml;rden, ohne dass diese Grundrechte anwendbar w&auml;ren&#8220; (EuGH, C-617/10, 26.02.2013, &sect; 21). <br />Der vom EuGH erhobene Anspruch einer weitreichenden Kontrolle mitgliedstaatlichen Handels am Ma&szlig;stab der GRCh ist auch deshalb hervorzuheben, weil der Lissabon-Vertrag in Art. 6 Abs. 2 EUV eine weitere Intensivierung des Grundrechtsschutzes vorsieht: Die Europ&auml;ische Union sollte wie die Mitgliedstaaten der EMRK beitreten, womit auch das Handeln der Union unmittelbar f&uuml;r die Jurisdiktion des EGMR zug&auml;nglich gewesen w&auml;re. Kurz vor Weihnachten 2014 erkl&auml;rte der EuGH aber die Beitritts&uuml;bereinkunft f&uuml;r mit dem Prim&auml;rrecht der Europ&auml;ischen Union nicht vereinbar (EuGH, Gutachten 2/13, 18.12.2014). Die Begr&uuml;ndung wurde vielfach kritisiert (Tomuschat 2015; Kranenpohl 2016: 50&#8211;53), insbesondere da die Gerichtsh&ouml;fe im Vorfeld auf Kooperationskurs schienen (Costa/Skouris 2011). Mit der Entscheidung dokumentiert der EuGH nach Auffassung von Beobachter_innen, dass er unwillig ist, sich in irgendeiner Form einer m&ouml;glichen Jurisdiktion des EGMR zu unterwerfen. Zweifelhaft ist allerdings, ob eine solche Strategie tats&auml;chlich erfolgreich sein wird, denn Stra&szlig;burg behielt sich schon bisher eine zumindest indirekte Pr&uuml;fung europ&auml;ischer Rechtsakte vor (EGMR, Bosphorus ./. Irland, 30.06.2005, &sect; 56), und Pr&auml;sident Dean Spielmann betonte im EGMR-Jahresbericht 2014, im Zweifel vor einer Kontrolle von m&ouml;glichen Grundrechtsverst&ouml;&szlig;en durch die Europ&auml;ische Union nicht zur&uuml;ckzuschrecken (EGMR 2015: 6).</p>
<p><b>H&ouml;here Standards in der &#8218;Grundrechtsunion&#8216;?</b></p>
<p>Wie ist diese Entwicklung zu beurteilen? Zun&auml;chst einmal l&auml;sst sich beobachten, dass die gerichtliche Kontrolldichte in der &#8218;Grundrechtsunion&#8216; zunimmt, denn m&ouml;gliche Grundrechtsverletzungen k&ouml;nnen mittlerweile vor verschiedenen Gerichten ger&uuml;gt werden. F&uuml;r unter der Jurisdiktion des BVerfG lebende B&uuml;rger_innen erscheint dies m&ouml;glicherweise als &#8218;Luxus&#8216;, doch sollte nicht &uuml;bersehen werden, dass in EU-Staaten ohne einen in gleicher Weise ausgestalteten Grundrechtsschutz &#8211; wie Gro&szlig;britannien (Schieren 2001) &#8211; lange Zeit dieser allein &uuml;ber die europ&auml;ischen Gerichtsh&ouml;fe erfolgen konnte. Zudem k&ouml;nnen die bereits skizzierten &#8218;Eingriffe&#8216; von EGMR und EuGH in den Bereichen Gleichberechtigung, Schutz der Privatsph&auml;re und Verbot von Doppelbestrafungen durchaus als erforderliche Korrekturen an der deutschen Praxis des Grundrechtsschutzes begriffen werden. <br />Damit ist insgesamt eine Akzentverschiebung in der Rechtsprechung des EGMR zu beobachten: In der Vergangenheit konzentrierten sich Stra&szlig;burger Richter_innen vor allem darauf, fundamentalen grundrechtlichen &#8218;Defiziten&#8216; in EMRK-Signatarstaaten entgegenzuwirken &#8211; und diese Aufgabe wird mit Blick auf autorit&auml;r agierende Potentat_innen in Mittel- und Osteuropa sicher nicht &uuml;berfl&uuml;ssig werden. Dazu treten in neuerer Zeit aber immer h&auml;ufiger auch Differenzen mit Verfassungsgerichten zutage, die traditionell grundrechtsaffin und grundrechtsdogmatisch aktiv sind. Dabei stehen Fragen zum Ausgleich konkurrierender grundrechtlicher Verb&uuml;rgungen in Rede. Solche Abw&auml;gungs- und Drittwirkungskonstellationen werfen allerdings &#8211; selbst bei einem gegebenen Set intersubjektiv (und transnational) als unverzichtbar erachteter Grundrechte &#8211; multidimensionale rechtliche Konflikte auf, die noch st&auml;rker als klassische abwehrrechtliche Fragestellungen &#8218;interpretationsoffen&#8216; sind (Kranenpohl 2009a). <br />Mit dem die GRCh auslegenden EuGH betritt aktuell noch ein weiterer gerichtlicher Akteur die B&uuml;hne, der zudem in &Aring;kerberg Fransson seine Entscheidungskompetenz betr&auml;chtlich ausdehnte. Angesichts der Ausweitung der EU-Gesetzgebung auf immer mehr Politikbereiche ist eine st&auml;rker auf &#8218;klassische&#8216; &#8211; und nicht nur wirtschaftliche &#8211; Grundrechte ausgerichtete Grundrechtsjudikatur durch Luxemburg sicher unumg&auml;nglich, denn diese sind der mitgliedstaatlichen Regelung &#8211; und damit (zumindest de facto) auch der mitgliedstaatlichen Jurisdiktion &#8211; weitgehend enthoben. Eine &Uuml;berpr&uuml;fung der datenschutzrechtlichen Qualit&auml;t von Regelungen zur Erfassung von Fluggastdaten, die durch Vertr&auml;ge der Europ&auml;ischen Union mit Drittstaaten kreiert werden, kann letztlich effizient und effektiv nur durch europ&auml;ische Gerichte erfolgen, die&nbsp; auch f&uuml;r alle Mitgliedstaaten rechtlich verbindliche Entscheidungen treffen. Insofern zeichnet sich der europ&auml;ische Gerichtsverbund durch gegenl&auml;ufige Tendenzen aus. Einerseits nimmt die gerichtliche &#8218;Kontrolldichte&#8216; insgesamt zu, andererseits treten aber auch gerichtliche Kompetenzkonflikte auf und nehmen an Intensit&auml;t zu.<br />Eine n&auml;here Analyse zeigt, dass Konflikte &uuml;ber die &#8222;Deutungsmacht&#8220; (Vorl&auml;nder 2006) zwischen den Gerichten in zwei analytisch zu unterscheidenden Konfliktdimensionen angeordnet sind: der Kompetenzdimension und der Interpretationsdimension. Die Kompetenzdimension rekurriert auf die Frage, welche Rechtsmaterie Vorrang genie&szlig;t, wenn Regelungen (bzw. Interpretationen) unterschiedlicher Rechtskreise (hier also Europarecht und mitgliedstaatliches Recht) divergieren &#8211; und daraus folgend, welche Kompetenzverteilung zwischen den europ&auml;ischen Institutionen und den Mitgliedstaaten besteht. W&auml;hrend im innerstaatlichen Verh&auml;ltnis unbestritten ist, dass auch einfaches zentralstaatliches Recht dem Recht der Gliedstaaten &#8211; und selbstverst&auml;ndlich auch deren Verfassungsrecht &#8211; vorgeht, ist dies f&uuml;r das Verh&auml;ltnis von Europarecht und nationalem Recht trotz des vom Europ&auml;ischen Gerichtshof fr&uuml;h beanspruchten (und durchgesetzten) &#8218;Anwendungsvorranges&#8216; des Europarechts (EuGH, 26/62, 05.02.1963, van Gend &amp; Loos) nicht unumstritten. So gilt beispielsweise in Deutschland Europarecht als einfaches Gesetzesrecht, welches sich damit im Rahmen des Grundgesetzes bewegen muss &#8211; und auf den das BVerfG letztlich auch seine Kontrollkompetenz gegen&uuml;ber der Europ&auml;ischen Union st&uuml;tzt. <br />In der Interpretationsdimension steht dagegen in Frage, wie eine Norm richtig auszulegen ist. Dies ist gerade bei den hier betrachteten Fragen nicht trivial, denn die Begriffe &#8218;Norm&#8216; und &#8218;richtig&#8216; sind in diesem Kontext alles andere als eindeutig: Hinsichtlich der &#8218;Norm&#8216; offenbart sich das Problem bereits dadurch, dass sich die unterschiedlichen Gerichte gar nicht auf einen einheitlichen Normtext beziehen, sondern auf mehrere spezifische Normkorpora. Die Gerichte suchen das offenkundige Problem unterschiedlicher Normkorpora zwar dadurch zu l&ouml;sen, dass sie bei allen textlichen Unterschieden eine weitgehende Identit&auml;t der verbrieften Rechte postulieren, doch verdeutlicht dies nur die Brisanz, die damit letztlich der Rechtsauslegung zukommt. Zudem treten gerade in Grundrechtskatalogen oftmals relativ unbestimmte, damit auslegungsbed&uuml;rftige und somit f&uuml;r den Diskurs offene Rechtsbegriffe auf, so dass die Aufgabe der &#8218;richtigen&#8216; Auslegung noch prek&auml;rer erscheint. Schlie&szlig;lich k&ouml;nnen gerade auf dem Feld der Grundrechte die juristischen Methoden viel weniger als etwa im Zivilrecht ein &#8218;Interpretationsgel&auml;nder&#8216; bereitstellen (Kranenpohl 2009a). <br />Ein in den &#8218;Kooperationsverbund&#8216; eingebundenes Gericht verf&uuml;gt damit im Falle von Divergenzen mit anderen Gerichten zur Wahrung seiner Position und Autonomie grunds&auml;tzlich &uuml;ber zwei strategische Handlungsoptionen: Entweder kann es seinen Kompetenzvorrang behaupten oder es kann argumentieren, die betreffenden Normen &#8218;besser&#8216; zu interpretieren. Interessanterweise praktiziert etwa Karlsruhe beide Strategien gegen&uuml;ber Luxemburg. Im Zuge der Solange-Entscheidungen (BVerfGE 37, 271; 73, 339) betonte das BVerfG gegen&uuml;ber dem EuGH die Luxemburger Defizite im Grundrechtsschutz. Seit Maastricht (BVerfGE 89, 155) argumentiert Karlsruhe seinerseits st&auml;rker kompetenzorientiert und best&auml;tigt etwa die Existenz des &#8222;Kooperationsverh&auml;ltnisses&#8220; mit dem EuGH im Bereich des individuellen Grundrechtsschutzes (BVerfGE 89, 155 [178]). Zugleich betont das BVerfG aber auch, dass die Europ&auml;ische Union als &#8218;Staatenverbund&#8216; nur begrenzte Hoheitsrechte von den Mitgliedstaaten &uuml;bertragen bekommen habe. Daher habe das BVerfG zu pr&uuml;fen, ob trotz des durch den Europ&auml;ischen Gerichtshof garantierten Grundrechtsschutzes, &#8222;Rechtsakte der europ&auml;ischen Einrichtungen und Organe sich in den Grenzen der ihnen einger&auml;umten Hoheitsrechte halten oder aus ihnen ausbrechen&#8220; (BVerfGE 89, 155). In der Entscheidung zum Lissabon-Vertrag von 2009 (BVerfGE 123, 267) hielt das Gericht an dieser Linie fest: Die &Uuml;bertragung weiterer nationalstaatlicher Kompetenzen auf die europ&auml;ische Ebene erfordere in jedem Fall einen f&ouml;rmlichen Gesetzesbeschluss, und gewisse Kernkompetenzen d&uuml;rften &uuml;berhaupt nicht &uuml;bertragen werden. Insbesondere behielt sich Karlsruhe aber eine &#8218;Ultra-vires-Kontrolle&#8216; und eine &#8218;Identit&auml;tskontrolle&#8216; vor. In den j&uuml;ngsten OMT-Vorlagebeschl&uuml;ssen (BVerfGE 134, 366; BVerfG, 2 BvR 859/15, 18.07.2017) zeichnet sich aber m&ouml;glicherweise ein Wandel ab, denn im Rahmen eines Vorlageverfahrens m&uuml;ssen sich die Karlsruher Richter_innen nun darauf verlegen, eine &uuml;berlegene Argumentation vorzuf&uuml;hren. <br />Insgesamt ist seit &Aring;kerberg Fransson klar zu beobachten, dass der EuGH deutlich auf die &#8218;Kompetenzkarte&#8216; setzt und sich in dieser Hinsicht &#8211; wie das EMRK-Gutachten zeigt &#8211; auch nicht &#8218;&uuml;bertrumpfen&#8216; lassen will. Der EGMR pflegt dagegen deutlich st&auml;rker einen Dialog um die angemessene Interpretation von Grundrechtsnormen. Auch das BVerfG verlegte sich &#8211; wie gezeigt &#8211; seinerseits gegen&uuml;ber dem EGMR wesentlich fr&uuml;her darauf, in der Interpretationsdimension zu argumentieren. Nationale Gerichte scheinen dagegen &#8218;kompetenzrechtlich&#8216; allenfalls R&uuml;ckzugsgefechte f&uuml;hren zu k&ouml;nnen und verst&auml;rken ihre Diskurst&auml;tigkeit in der Interpretationsdimension.</p>
<p><b>Die &#8218;Grundrechtsunion&#8216;: notwendig, aber nicht ohne Risiken<br /></b><br />Angesichts der immer deutlicheren Ausbildung einer supranationalen europ&auml;ischen Herrschaftsordnung, auf die dank zunehmender &#8222;Intensit&auml;t und &#8230; Reichweite grenz&uuml;berschreitender Austausch- und Produktionsprozesse&#8220; (Z&uuml;rn 1998: 76) auch nicht verzichtet werden kann, erscheint die Ausbildung eines europ&auml;ischen Grundrechtsschutzregimes unerl&auml;sslich. Zum einen kann &#8211; wie die aktuellen &#8218;R&uuml;ckzugsgefechte&#8216; des BVerfG zeigen &#8211; eine grundrechtsrelevante Kontrolle des Unionshandelns durch nationale Verfassungsgerichte nicht dauerhaft sichergestellt werden. Zum anderen w&auml;ren langfristig Zonen unterschiedlicher Grundrechtsstandards innerhalb der Union normativ nicht akzeptabel. An der Etablierung eines unionsweiten Schutzregimes gegen&uuml;ber Unionshandeln &#8211; gleich ob durch EuGH oder EGMR &#8211; f&uuml;hrt scheinbar kein Weg vorbei. Mit Blick auf Karlsruhe und die vom EGMR veranlasste Modifikation seiner Rechtsprechung zum Recht auf Privatheit und zum Verbot der Doppelbestrafung kann auch die Position vertreten werden, dass die Aktivit&auml;t von Gerichten, die nicht eindeutig als &#8217;nachrangig&#8216; kategorisiert werden k&ouml;nnen, einer &#8218;Versteinerung&#8216; der Rechtsprechung entgegenwirken k&ouml;nnen. Schlie&szlig;lich erscheint es mit Blick auf die Entwicklungen in manchen Mitgliedstaaten der Europ&auml;ischen Union beruhigend, dass es auch noch Richter_innen in Luxemburg und Stra&szlig;burg gibt; auch die deutschen Mitb&uuml;rger_innen scheinen gegen populistische Aufwallungen nicht v&ouml;llig gefeit &#8211; und wer wei&szlig;, ob das BVerfG auch noch auf Folgebereitschaft stie&szlig;e, wenn es gegen den (vermeintlichen) &#8218;Volkswillen&#8216; entschiede. <br />Ein solch eher polyzentrisches Regime zum Schutz der Grundrechte birgt aber auch Gefahren: Zum einen besteht das Risiko, dass gut informierte Akteure versuchen, ihre Anliegen letztinstanzlich von jenen Gerichten entscheiden zu lassen, von denen sie sich eine f&uuml;r sie g&uuml;nstige Entscheidung erhoffen. Insbesondere wenn die Gerichte Kontroversen in der Kompetenzdimension austragen, sind entsprechende Versuche nicht auszuschlie&szlig;en. Dazu absorbieren solche Kontroversen auch Energien, die die Richter_innen besser einsetzen sollten, um gemeinsam der Aush&ouml;hlung rechtsstaatlicher Garantien durch illiberale Vorstellungen eines einheitlichen Volkswillens entgegenzutreten, da die Folgebereitschaft gegen&uuml;ber ihren Entscheidungen nie &#8217;selbstverst&auml;ndlich&#8216; ist (Kranenpohl 2010: 423&#8211;431). Tragen die Gerichte ihre Kontroversen dagegen in der Interpretationsdimension aus, sind diese Gefahren zwar nicht v&ouml;llig gebannt. Es kommt dann aber nicht zum &#8222;Kampf der Gerichte&#8220; (Peters 2005), sondern der Diskurs erscheint dann als Ringen um die angemessene Anwendung von Grundrechtsnormen im &#8222;Kooperationsverh&auml;ltnis&#8220; (BVerfGE 89, 155 [178], Maastricht).</p>
<p><b>UWE KRANENPOHL</b>&nbsp;&nbsp; <i>Jahrgang 1966, Prof. Dr. phil. habil., Professor f&uuml;r Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Evangelischen Hochschule N&uuml;rnberg sowie Privatdozent an der Universit&auml;t Passau. Aktuelle Forschungsschwerpunkte: Politik und Recht, Parteien, Hochschuldidaktik; wichtigste Ver&ouml;ffentlichung: Hinter dem Schleier des Beratungsgeheimnisses (2010)</i></p>
<h5>Literatur:<br /></h5>
<p>Albers, Marion 2016: Rechtsprechungsrecht und Rechtsprechungsverb&uuml;nde, in: Rehder, Britta/Schneider, Ingrid (Hrsg.): Gerichtsverb&uuml;nde, Grundrechte und Politikfelder in Europa, Baden-Baden, S. 61&#8211;95.</p>
<p>Bates, Ed 2010: The Evolution of the European Convention on Human Rights. From Its Inception to the Creation of a Permanent Court of Human Rights, Oxford.</p>
<p>Costa, Jean-Paul/Skouris, Vassilios 2011: Joint Communication from Presidents Costa and Skouris, 24.01.2011, in: <a href="http://curia.europa.eu/jcms/upload/docs/application/pdf/2011-02/cedh_cjue_english.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://curia.europa.eu/jcms/upload/docs/application/pdf/2011-02/cedh_cjue_english.pdf</a>; 30.12.2014.</p>
<p>EGMR 2015: Annual Report 2014, in: <a href="http://www.echr.coe.int/Documents/Annual_Report_2014_ENG.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.echr.coe.int/Documents/Annual_Report_2014_ENG.pdf</a>; 30.03.2015.</p>
<p>Fromont, Michel 2007: Der franz&ouml;sische Verfassungsrat, in: Starck, Christian/Weber, Albrecht (Hrsg.): Verfassungsgerichtsbarkeit in Westeuropa, 2. Auflage, Baden-Baden, S. 227&#8211;258.</p>
<p>Heck&ouml;tter, Ulrike 2007: Die Bedeutung der Europ&auml;ischen Menschenrechtskonvention und der Rechtsprechung des EGMR f&uuml;r die deutschen Gerichte, K&ouml;ln.</p>
<p>Hoffmeister, Frank 2014: Charta der Grundrechte, in: Weidenfeld, Werner/Wessels, Wolfgang (Hrsg.): Europa von A bis Z. Taschenbuch zur Europ&auml;ischen Integration, 13. Auflage, Baden-Baden, S. 117&#8211;123.</p>
<p>Kranenpohl, Uwe 2009a: Die Bedeutung von Interpretationsmethoden und Dogmatik in der Entscheidungspraxis des Bundesverfassungsgerichts, in: Der Staat, Jg. 48, H. 3, S. 387&#8211;409.</p>
<p>Kranenpohl, Uwe 2009b: Die gesellschaftlichen Legitimationsgrundlagen der Verfassungsrechtsprechung oder: Darum lieben die Deutschen Karlsruhe, in: Zeitschrift f&uuml;r Politik, Jg. 56, H. 4, S. 436&#8211;453.</p>
<p>Kranenpohl, Uwe 2010: Hinter dem Schleier des Beratungsgeheimnisses. Der Willensbildungs- und Entscheidungsprozess des Bundesverfassungsgerichts, Wiesbaden.</p>
<p>Kranenpohl, Uwe 2016: Zwischen Karlsruhe, Luxemburg und Stra&szlig;burg. Perspektiven eines europ&auml;ischen Gerichtsverbunds zum Schutz der Grundrechte, in: Rehder, Britta/Schneider, Ingrid (Hrsg.): Gerichtsverb&uuml;nde, Grundrechte und Politikfelder in Europa, Baden-Baden, S. 33&#8211;60.</p>
<p>L&uuml;bbe-Wolff, Gertrude 2005: Die erfolgreiche Verfassungsbeschwerde. Wie man das Unwahrscheinliche wahrscheinlicher macht, in: Anwaltsblatt, Jg. 55, H. 8-9, S. 509&#8211;517.</p>
<p>Peters, Anne 2005: Die Causa Caroline. Kampf der Gerichte?, in: Betrifft Justiz, Jg. 21, H. 83, S. 160&#8211;168.</p>
<p>Schieren, Stefan 2001: Die stille Revolution. Der Wandel der britischen Demokratie unter dem Einfluss der europ&auml;ischen Integration, Darmstadt.</p>
<p>Stern, Klaus 1999: Ausstrahlungswirkung des Grundgesetzes auf ausl&auml;ndische Verfassungen, in: Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Bew&auml;hrung und Herausforderung. Die Verfassung vor der Zukunft Dokumentation zum Verfassungskongress &#8222;50 Jahre Grundgesetz / 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland&#8220; vom 6. bis 8. Mai 1999 in Bonn, Opladen, S. 249&#8211;276.</p>
<p>Tomuschat, Christian 2015: Der Streit und die Auslegungshoheit: Die Autonomie der EU als Heiliger Gral. Das EuGH-Gutachten gegen den Beitritt der EU zur EMRK, in: Europ&auml;ische Grundrechte Zeitschrift, Jg. 42, H. 5-8, S. 133&#8211;139.</p>
<p>Vorl&auml;nder, Hans (Hrsg.) 2006: Die Deutungsmacht der Verfassungsgerichtsbarkeit, Wiesbaden.</p>
<p>Z&uuml;rn, Michael 1998: Regieren jenseits des Nationalstaates. Globalisierung und Denationalisierung als Chance, Frankfurt am Main.</p>
<h5>Anmerkungen:</h5>
<p>1 Im Folgenden wird auch in Bezug auf die EMRK meist der Einfachheit halber der Begriff &#8218;Grundrechte&#8216; verwendet, obwohl diese den Terminus &#8218;Menschenrechten und Grundfreiheiten&#8216; verwendet.</p>
<p>2 S. dazu auch das Interview mit Dieter Grimm in diesem Heft, S. 5 ff.</p>
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		<title>Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 10:54:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 51 &#8211; 68 Die &#220;bersch&#252;sse in der Handelsbilanz der deutschen &#8222;Exportweltmeister&#8220; stehen international immer wieder in der Kritik. Der folgende Beitrag erkl&#228;rt, welche &#246;konomischen, gesellschaftlichen und &#246;kologischen Probleme mit diesen &#220;bersch&#252;ssen (und den notwendigen Defiziten anderer L&#228;nder) verbunden sind. Rainer Land sieht drei prinzipiellen L&#246;sungsm&#246;glichkeiten f&#252;r die Aufhebung dieser [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/ueberschuesse/">Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 51 &#8211; 68</p>
<p><i>Die &Uuml;bersch&uuml;sse in der Handelsbilanz der deutschen &bdquo;Exportweltmeister&ldquo; stehen international immer wieder in der Kritik. Der folgende Beitrag erkl&auml;rt, welche &ouml;konomischen, gesellschaftlichen und &ouml;kologischen Probleme mit diesen &Uuml;bersch&uuml;ssen (und den notwendigen Defiziten anderer L&auml;nder) verbunden sind. Rainer Land sieht drei prinzipiellen L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r die Aufhebung dieser Ungleichgewichte: der Umbau der W&auml;hrungsunion, die Aufl&ouml;sung der Eurozone oder der Austritt einzelner L&auml;nder aus der W&auml;hrungsunion. Auch wenn derzeit f&uuml;r keine der drei Optionen ausreichend politischer Wille oder &ouml;konomische Handlungsbereitschaft vorhanden sind &ndash; ein &bdquo;weiter so&ldquo; ist kein gangbarer Weg. Der Autor warnt: Wenn die strukturellen Ursachen der &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite nicht beseitigt werden, weiterhin nur Zeit gekauft und Rettungsschirme aufgefaltet werden, dann bestimmen Dauerkrisen oder Finanzcrashs unsere Zukunft, vom ausbleibenden &ouml;kologischen Umbau unserer Wirtschaft ganz zu schweigen. </i></p>
<p><b>Teil I: Handelsbilanzdivergenzen &ndash; Ursachen, L&ouml;sungen, Handlungsm&ouml;glichkeiten</b></p>
<p>Im Jahr 2017 hat die Eurozone beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) das Vorkrisenniveau (2008) &uuml;berschritten &ndash; nach zehn Jahren. Das deutsche BIP betr&auml;gt 109,82 Prozent, das BIP des Euro-Raums ohne Deutschland 101,95 Prozent (relativ zum 1. Q. 2008). Andr&eacute; K&uuml;hnlenz (2017) spricht von einer gespaltenen Konjunktur:</p>
<p>&bdquo;<i>Solange aber eine Volkswirtschaft sich von einem Konjunktureinbruch lediglich erholt, w&uuml;rde ich nicht von einem Aufschwung sprechen &ndash; der hat erst vor einem Jahr im Rest des Eurolands begonnen. Seitdem stieg die Wirtschaftsleistung [&hellip;] aber nur um magere 1,9%. Deutschland ist diesem Miniaufschwung l&auml;ngst enteilt, auch wenn die Wachstumsraten hierzulande auch nicht berauschend sind.</i>&ldquo;</p>
<p>Wenn man auf die Arbeitslosenquoten blickt, ist die gespaltene Entwicklung noch deutlicher zu bemerken. In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit seit Jahren laufend gesunken, von einem kleinen Einbruch in der gro&szlig;en Finanzkrise (2007 bis 2009) abgesehen. Sie ist heute nur noch halb so hoch wie vor der Krise. In der Eurozone ohne Deutschland hatte sie sich hingegen verdoppelt auf &uuml;ber 14 Prozent, ist seitdem nur auf 11 Prozent gesunken, das ist immer noch ein Drittel mehr als vor der Krise. Hinzu kommt eine katastrophale Lage der Jugend: In Griechenland betr&auml;gt die Jugendarbeitslosigkeit (im August 2017) 43 Prozent (2013: 58 Prozent), in Spanien 38 Prozent (2013: 55 Prozent), in Italien 35 Prozent (2014: knapp 43 Prozent) &ndash; und in Deutschland derzeit 6,4 Prozent (Statista 2017 a; vgl. Bundeszentrale 2017). Hier w&auml;chst die n&auml;chste Generation von &Uuml;berfl&uuml;ssigen heran, Menschen, die die Wahl haben zwischen sozialer Degradation, Deprivation, Resignation, einer populistischen Heilslehre, Widerstand, Separatismus oder Terrorismus. Eine derart gespaltene Entwicklung ist keine gute Voraussetzung f&uuml;r eine fortgesetzte europ&auml;ische Integration. Vielmehr untergr&auml;bt sie die Grundlagen des europ&auml;ischen Projekts und gef&auml;hrdet die Zukunft des Kontinents. Was sind die Ursachen?</p>
<p><b>1. &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite in den Handelsbilanzen</b></p>
<p>&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite in den Handelsbilanzen sind das zweitgr&ouml;&szlig;te Problem der Weltwirtschaft (auf das gr&ouml;&szlig;te, den dringend gebotenen &ouml;kologischen Umbau, gehe ich unten ein). Anhaltende und wachsende &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite sind mit komparativen Vorteilen f&uuml;r alle unvereinbar, sie fachen Wirtschaftskriege an und machen langfristig alle zu Verlierern. &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite sind auch die Ursache der Eurokrise, sie zerst&ouml;ren die Grundlage der Euro-W&auml;hrungsunion und gef&auml;hrden die Europ&auml;ische Union.</p>
<p>Betrachten wir in Abbildung 1 die Gr&ouml;&szlig;enordnung der Handelsbilanzdifferenzen und der dadurch &uuml;berwiegend bestimmten Leistungsbilanzen in der Europ&auml;ischen Union (EU) und der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion (EWU).</p>
<p>Abbildung 2 zeigt, dass Deutschland, die gr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft der Eurozone, einen gewaltigen Leistungsbilanz&uuml;berschuss in H&ouml;he von inzwischen &uuml;ber 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hat, das sind 262 Mrd. Euro. Auch die vergleichsweise kleinen Niederlande haben &Uuml;bersch&uuml;sse in H&ouml;he von bis zu 10 Prozent des BIP, das Volumen betr&auml;gt aber nur 63 Mrd. Euro. Die beiden anderen gro&szlig;en Volkswirtschaften der EU hatten Defizite: Frankreich minus 20 Mrd. Euro (2016), Italien 54 Mrd. (2010), inzwischen aber einen &Uuml;berschuss von 45 Mrd. (2016). Allerdings ist der italienische &Uuml;berschuss nicht Folge wirtschaftlichen Aufstiegs, sondern auf sinkende Importe in einer schweren Krise, auf hohe Arbeitslosigkeit, r&uuml;ckl&auml;ufige Einkommen, r&uuml;ckl&auml;ufige Staatsausgaben und Austerit&auml;t zur&uuml;ckzuf&uuml;hren (vgl. Flassbeck 2016a).</p>
<p>Die Defizite von Griechenland, Spanien und Portugal betrugen auf dem H&ouml;hepunkt mehr als 10 Prozent des BIP, der Gr&ouml;&szlig;enordnung nach zwischen 20 und 100 Mrd. EUR. Inzwischen gehen diese Defizite zur&uuml;ck &ndash; aus dem gleichen Grund wie in Italien. Nur die deutschen &Uuml;bersch&uuml;sse steigen weiter. Bis 2012 war die Handelsbilanz der Eurozone ausgeglichen, d.h. die &Uuml;bersch&uuml;sse einiger L&auml;nder entsprachen weitgehend den Defiziten anderer (Abb. 3). Die EU insgesamt hatte Defizite.</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/abb1_handelsbilanzen-eu-2016.jpg" width="297" height="500" alt=""></p>
<p>Abb. 1: Europ&auml;ische Union: Handelsbilanzsalden der Mitgliedstaaten im Jahr 2016 (in Milliarden Euro).</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/abb2a_LeistungsbilanzEuro-1.jpg" width="380" height="225" alt=""><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/abb2b_LeistungsbilanzEuro-2.jpg" width="380" height="157" alt=""></p>
<p>Abb. 2: Entwicklung der Leistungsbilanzen in Prozent des BIP 1999 bis 2016 f&uuml;r Deutschland, Frankreich, Italien, Griechenland, Spanien, Zypern, Niederlande und Portugal.</p>
<p>Da die Defizite einiger L&auml;nder der Eurozone seit 2010/2012 zur&uuml;ckgehen, gleichen sich &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite innerhalb der Eurozone nicht mehr aus. Der Handelsbilanzsaldo der gesamten Eurozone stieg seit der Krise auf inzwischen 271 Mrd. Euro. Die Eurozone ben&ouml;tigt andere L&auml;nder, die bereit sind, sich f&uuml;r Importe aus der Eurozone zu verschulden &ndash; vor allem die USA (vgl. Teil II, Abschnitt 5).</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/abb3_handelsbilanz-euro2016.jpg" width="380" height="238" alt=""></p>
<p>Abb. 3: Handelsbilanzsalden der EU und der Eurozone von 2006 bis 2016 in Mrd. Euro</p>
<h5>2. Warum sind &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite ein Problem?</h5>
<p>Wenn ein Land mehr produziert, als es verbraucht (f&uuml;r Konsum plus Investitionen), muss es die Differenz auf dem Weltmarkt absetzen, also mehr exportieren, als es importiert. Dies ist nur m&ouml;glich, wenn eine andere Volkswirtschaft mehr importiert, als sie exportiert, also ein Handelsbilanzdefizit hat. Die Summe aller Defizite und &Uuml;bersch&uuml;sse in der Weltwirtschaft ist immer Null.</p>
<p>Handelsbilanzdefizite und -&uuml;bersch&uuml;sse m&uuml;ssen durch Geld- oder Kapitaltransfers ausgeglichen werden. Wie wir oben sehen, geht es dabei insgesamt um viele hundert Milliarden Euro. Im Defizitland m&uuml;ssen Kredite in H&ouml;he des Import&uuml;berschusses aufgenommen werden, um die Importe zu finanzieren &ndash; oder es werden andere Formen von Schulden gemacht, z.B. Wertpapiere emittiert und &uuml;ber den Finanzmarkt an die Gl&auml;ubiger in den &Uuml;berschussl&auml;ndern verkauft, es wird Verm&ouml;gen ver&auml;u&szlig;ert oder Direktinvestitionen flie&szlig;en ins Land. In den &Uuml;berschussl&auml;ndern wachsen Devisen- und Wertpapierbest&auml;nde und Auslandsverm&ouml;gen. Das &Uuml;berschussland akkumuliert Finanzverm&ouml;gen, das Defizitland akkumuliert Finanzschulden. <br />&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite sind kein Problem, wenn sie sich in mittleren Fristen ausgleichen. Auch Entwicklungshilfe oder Modernisierungsprogramme, die durch Transfers, langfristige Kredite oder Direktinvestitionen finanziert sind, k&ouml;nnen zu Defiziten f&uuml;hren, denen notwendigerweise Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse bei den Geberl&auml;ndern entsprechen. (1)</p>
<p>Viele Wirtschaftswissenschaftler sehen dauerhafte &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite kritisch, weil sie die Weltwirtschaft destabilisieren und Entwicklungsrichtungen der Wirtschaft verzerren. Nicht mehr die Wohlfahrt der Bev&ouml;lkerung oder der &ouml;kologische Umbau stehen im Mittelpunkt, sondern der Gewinn von Wettbewerbsvorteilen gegen andere Volkswirtschaften. &Uuml;ber l&auml;ngere Zeit anhaltende oder gar wachsende &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite verweisen auf grundlegende Konstruktionsfehler in den Wirtschaftssystemen und sind sowohl f&uuml;r die &Uuml;berschussl&auml;nder als auch f&uuml;r die Defizitl&auml;nder langfristig negativ. (2)&nbsp; <br />Der Export&uuml;berschuss ist mit einem Abfluss von sachlichen Ressourcen (Rohstoffen, Energie, Arbeit, Verschlei&szlig; von Sachkapital) verbunden, dem kein entsprechender Zufluss sachlicher Ressourcen entspricht. Daf&uuml;r flie&szlig;en Finanzen in das &Uuml;berschussland. Nun k&ouml;nnte man meinen, mit denen k&ouml;nne man auf dem Weltmarkt ja G&uuml;ter kaufen und die abgeflossenen Ressourcen sachlich ersetzen. Ja, das w&auml;re ein ausgewogener Welthandel mit komparativen Vorteilen, denn genau dann g&auml;be es den Export&uuml;berschuss nicht mehr, dem Export w&uuml;rde n&auml;mlich ein etwa gleich hoher Import entsprechen. Genau das aber geschieht nicht. (3) Dem Abfluss von sachlichen Ressourcen entspricht kein gleichwertiger Zufluss anderer Ressourcen, das &Uuml;berschussland verliert sachliche Ressourcen und bekommt Schuldscheine. <br />Eine auf Export&uuml;bersch&uuml;sse ausgerichtete Wirtschaftsstruktur f&uuml;hrt dazu, dass die verbrauchten Ressourcen nur teilweise ersetzt werden, Investitionen sich auf die Wettbewerbsf&auml;higkeit im Au&szlig;enhandel konzentrieren, die Binnenwirtschaft zur&uuml;ckbleibt und die Infrastruktur vernachl&auml;ssigt wird &ndash; wie man in Deutschland auch empirisch beobachten kann.</p>
<p>Export&uuml;bersch&uuml;sse sind mit Einkommensverlusten bei den Masseneinkommen verbunden. Ein Export&uuml;berschuss ist nur m&ouml;glich, wenn die Bev&ouml;lkerungsmehrheit weniger konsumiert als sie produziert, also am Produktivit&auml;tszuwachs nicht oder nur eingeschr&auml;nkt partizipiert. Ein Export&uuml;berschuss ist nur m&ouml;glich, wenn die L&ouml;hne hinter der Produktivit&auml;tsentwicklung zur&uuml;ckbleiben (s. Teil II).(4) <br />In einer solchen Situation ist die Wahrscheinlichkeit f&uuml;r Finanzverm&ouml;gensverluste hoch. Export&uuml;bersch&uuml;sse f&uuml;hren dazu, dass laufend wachsende Best&auml;nde an Wertpapieren oder Devisen entstehen, zwischen verschiedenen Finanzdepots zirkulieren und irrationale Bewegungen auf den Finanzm&auml;rkten anfeuern. Die Verwertung der Finanzanlagen wird zum dominanten Selektionskriterium f&uuml;r wirtschaftliche (und wirtschaftspolitische) Entscheidungen, die Entwicklung der sachlichen Produktionsbedingungen, der Infrastruktur, der Lebensbedingungen, der Konsumstruktur usw. wird zu einem nachgeordneten Kriterium. Daher passt die Orientierung auf Export&uuml;bersch&uuml;sse zum Finanzmarktkapitalismus. <br />Exporte, die nicht zu wachsenden Importen f&uuml;hren, sondern in Finanzverm&ouml;gen angelegt werden, sind erheblichen Entwertungsrisiken ausgesetzt. Wertet ein Defizitland seine W&auml;hrung ab oder f&auml;llt der Kurs bestimmter Finanzanlagen, so reduziert sich der Wert des finanzialisierten Auslandsverm&ouml;gens &ndash; entweder schleichend oder abrupt in einer Finanzkrise. Die kumulierten Export&uuml;bersch&uuml;sse Deutschlands von 1999 bis 2015 betragen 2,6 Billionen Dollar, davon sind heute aber statistisch nur noch 1,47 Billionen Dollar Auslandsverm&ouml;gen vorhanden. Knapp 1,2 Billionen Dollar, fast die H&auml;lfte, sind in 15 Jahren durch Entwertung verloren gegangen, vor allem in der gro&szlig;en Finanzkrise und durch Ver&auml;nderung der Wechselkurse. Man kann nicht behaupten, dass sich diese Exporte bzw. diese Art von Wertanlage rentiert h&auml;tte (vgl. Herrmann 2016 und Deutsche Bundesbank 6.10.2017).</p>
<p>Auf den ersten Blick hat das &Uuml;berschussland einen Vorteil, weil der Export&uuml;berschuss die Arbeitslosigkeit scheinbar reduziert. Allerdings w&uuml;rden Lohnsteigerungen oder Inlandsinvestitionen mindestens den gleichen Effekt haben (5) &ndash; nur dass dabei nicht die virtuellen Finanzverm&ouml;gen, sondern die realen Masseneinkommen steigen, nicht der Export, sondern der Binnenmarkt expandiert sowie der Konsum und die Investitionen steigen. Zudem geht der Export von Arbeitslosigkeit zu Lasten der Arbeitslosigkeit in den Defizitl&auml;ndern. Nur dann, wenn das Defizitland den Einkommensabfluss vollst&auml;ndig durch kreditfinanzierte Mehrausgaben (also zus&auml;tzliche Verschuldung) kompensierte, k&ouml;nnte ein Steigen der Arbeitslosigkeit durch Import&uuml;bersch&uuml;sse vermieden werden. (6) Das aber ist nur den USA m&ouml;glich. Es setzt n&auml;mlich voraus, dass es entweder gen&uuml;gend kreditw&uuml;rdige Privathaushalte gibt (so scheinbar beim Hypothekenboom in den USA vor 2007, der dann zur Finanzkrise gef&uuml;hrt hat, weil die Kreditw&uuml;rdigkeit gefaked war) und/oder der Staat bei der Erh&ouml;hung der Ausgaben keinen Beschr&auml;nkungen unterliegt. Beides trifft auf andere Defizitl&auml;nder nicht zu, weil sie Handelsbilanzdefizite, also Import&uuml;bersch&uuml;sse, nur sehr beschr&auml;nkt mit ihrer eigenen W&auml;hrung finanzieren k&ouml;nnen. Importe m&uuml;ssen mit Devisen bezahlt werden. Verschulden sich andere Defizitl&auml;nder in Fremdw&auml;hrungen, z.B. durch Kredite in internationalen Reservew&auml;hrungen, werden sie schnell abh&auml;ngig und sitzen irgendwann im Schuldenturm.</p>
<p>Die negativen Folgen f&uuml;r die L&auml;nder mit Handelsbilanzdefiziten sind der Import von Arbeitslosigkeit, eine damit verbundene De-Industrialisierung, Verluste an wirtschaftlicher Dynamik und an Einkommen sowie Probleme, die mit steigenden Schulden, der Abh&auml;ngigkeit von den Finanzm&auml;rkten und im schlimmsten Fall von Gl&auml;ubigern einher gehen: Austerit&auml;t und sogenannte Strukturanpassungsprogramme, die nach allen Erfahrungen in eine tiefe Krise mit anschlie&szlig;ender jahrelanger Depression f&uuml;hren. Dies sind bekanntlich die Folgen in Griechenland, Spanien, Frankreich und anderen Eurol&auml;ndern.</p>
<p>Auch wenn es oberfl&auml;chlich so aussieht, als h&auml;tten &Uuml;berschussl&auml;nder wegen zus&auml;tzlicher Arbeitspl&auml;tze oder Defizitl&auml;nder wegen kreditfinanzierter Importe einen Vorteil &ndash; es gibt diese Vorteile nur kurzfristig. Wenn &uuml;berhaupt gewinnt nur einer auf Kosten des anderen. Es ist bestenfalls ein Nullsummenspiel; in der Regel ein Negativsummenspiel, bei dem beide verlieren. Handelsbilanzdifferenzen untergraben die Kooperationsbereitschaft und die Kooperationsf&auml;higkeit, sie st&uuml;tzen Strategien des Gegeneinanders im Handel. Komparative Vorteile im Handel gibt es nur, wenn alle gewinnen.</p>
<h5>3. Die derzeitige Situation ist untragbar</h5>
<h2 class="auto-created">3.1. Weiter so?</h2>
<p>Wenn es nicht gelingt, die &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite durch Ver&auml;nderungen in der Regulation der W&auml;hrungsunion unter Kontrolle zu bekommen, wird sich die Eurokrise in dauerhafter Depression und s&auml;kularer Stagnation fortsetzen. Werden die &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite nicht abgebaut, wachsen sie gar weiter an, kann es zu einer schweren Krise des Finanzsystems und scharfen Einbr&uuml;chen der wirtschaftlichen Entwicklung in der EU oder in einzelnen Volkswirtschaften kommen. Eine schwere Krise muss aber keine zwangsl&auml;ufige Folge sein. Die M&ouml;glichkeiten, durch staatliche Interventionen oder Rettungspakete schwere Krisen abzuwehren, wurden in den letzten Jahren erheblich erweitert. Allerdings wird damit nur Zeit gekauft, die grundlegenden Ursachen der divergenten Entwicklung bleiben bestehen. <br />Bleibt es bei der heute dominanten Kombination eines merkantilistischen Export-&Uuml;berschuss-Regimes mit einem schuldenfinanzierten Defizit-Regime in der EU (und der Weltwirtschaft), bleibt auch die derzeitige falsche (und zudem widerspr&uuml;chliche) Orientierung der wirtschaftlichen Entwicklung bestehen. Sie ist einerseits gerichtet auf die Verbesserung der Wettbewerbsbedingungen, um Export&uuml;bersch&uuml;sse zu erlangen, und versucht parallel zu begrenzen, dass Import&uuml;bersch&uuml;sse durch Defizite finanziert werden (was nicht zusammenpasst, denn keine &Uuml;bersch&uuml;sse ohne Defizite). Inhaltlich geht diese Orientierung einher mit Begrenzung der Lohnentwicklung, der Masseneinkommen und Austerit&auml;t. Die Folge ist s&auml;kulare Stagnation, eine geringe Innovationsdynamik und geringes Wachstum der Einkommen und der Investitionen (vgl. Hein 2016).</p>
<p>Damit sind wir bei dem eingangs angek&uuml;ndigten gr&ouml;&szlig;ten Problem der heutigen Weltwirtschaft, das eng mit der Fehlorientierung auf Export&uuml;bersch&uuml;sse und Finanzanlagen zusammenh&auml;ngt. Die wirtschaftsgeschichtlich wichtigste Aufgabe der Gegenwart ist der &Uuml;bergang zu einer umweltkompatiblen Produktionsweise in Industrie, Landwirtschaft, Konsum und Infrastrukturen in den n&auml;chsten Jahrzehnten. Eine Fortsetzung der heutigen Trends des Ressourcen- und Umweltverbrauchs wird die Existenzgrundlagen der Menschheit zerst&ouml;ren. Das wichtigste Zeitfenster daf&uuml;r ist durch den Klimawandel gesetzt: Eine Trendwende muss binnen 30 Jahren erreicht werden, eine vollst&auml;ndige Dekarbonisierung der Weltwirtschaft &bdquo;bis sp&auml;testens 2070, in den wohlhabenden L&auml;ndern bis etwa 2050 [&hellip;]&ldquo; (Messner 2016, vgl. Land 2017a, b und c).</p>
<p>Eine solche Trendwende hin zu einem globalen &ouml;kologischen Umbau der Industrie, der Landwirtschaft, des Konsums und der Infrastruktur durchzusetzen und innerhalb von hundert Jahren abzuschlie&szlig;en, ist aber mit der schwachen Innovationsdynamik des &Uuml;berschuss-Defizit-Finanzmarkt-Kapitalismus nicht zu bew&auml;ltigen. Neben einer h&ouml;heren Dynamik, einem h&ouml;heren Anteil an Innovationen, durch die alte Produkte und Verfahren durch neue abgel&ouml;st werden, geht es vor allem um die inhaltliche Neuorientierung, die Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung, die durch entsprechende marktwirtschaftskompatible Selektionsprozesse, aber auch durch juristische Rahmensetzungen (z.B. Umweltrecht, Eigentum, Nutzungsrechte und Reproduktionspflichten f&uuml;r Naturressourcen), politische Entscheidungsverfahren und staatliche Investitionen bestimmt werden. Statt der derzeit dominanten Orientierung der wirtschaftlichen Entwicklung auf Innovationen zur Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit f&uuml;r Exporte durch Reduzierung der Lohnst&uuml;ckkosten w&auml;re eine Orientierung auf absolut sinkenden Ressourcen- und Energieverbrauch und auf Umweltkompatibilit&auml;t der neuen Produkte und Verfahren geboten.</p>
<p>S&auml;kulare Stagnation und die Fehlorientierung der Selektionsprozesse sind die gr&ouml;&szlig;ten Hindernisse f&uuml;r eine notwendige neue &ouml;kologische Produktionsweise, einen &Ouml;kokapitalismus. Auch die schwache Einkommensentwicklung ist eine Fehlorientierung, selbst wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag, dass sinkende Einkommen f&uuml;r die Umwelt besser w&auml;ren. Einkommen, die hinter der sowieso schon schwachen Produktivit&auml;tsdynamik zur&uuml;ckbleiben oder gar sinken, behindern den &ouml;kologischen Umbau. Eine Ver&auml;nderung der Konsummuster ist nur m&ouml;glich, wenn die Disponibilit&auml;t der Einkommensverwendung steigt und die mit dem &ouml;kologischen Umbau verbundenen Wert- und Preissteigerungen f&uuml;r umweltkompatible Produktion von den Konsumenten auch verkraftet werden k&ouml;nnen, und zwar ohne sozialen Abstieg. Die derzeitige Orientierung auf Kostensenkung durch billige Massenprodukte verengt den Spielraum f&uuml;r den Umbau der Konsummuster und f&uuml;hrt in die falsche Richtung. Zudem werden betr&uuml;gerische Praktiken bei der Produktqualit&auml;t, den Umweltparametern und der Verbraucherkennzeichnung herausgefordert. Auch die Verlagerung der Produktion in L&auml;nder mit geringen Umweltstandards passt zu einer Orientierung auf Export&uuml;bersch&uuml;sse.</p>
<p>Kurz: Das gr&ouml;&szlig;te weltwirtschaftliche Problem &ndash; die fehlende Umweltkompatibilit&auml;t der heutigen Produktionsweise und der die Tragf&auml;higkeitsgrenzen der &Ouml;kosysteme &uuml;bersteigende Ressourcenverbrauch &ndash; und das zweitgr&ouml;&szlig;te Problem &ndash; die &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite in den Handelsbilanzen und die damit verbundene Kumulation von Finanzschulden und Finanzverm&ouml;gen anstelle von Entwicklung des Sachverm&ouml;gens &ndash; bedingen und verst&auml;rken sich wechselseitig.</p>
<p>Die damit verbundene Ungleichheit in den L&auml;ndern und die gespaltene Entwicklung zwischen den Volkswirtschaften mit &Uuml;bersch&uuml;ssen (Deutschland vor allem) auf der einen Seite, denen mit Defiziten trotz hoher Produktivit&auml;t (Frankreich, Norditalien) und denen mit Defiziten bei geringerer Produktivit&auml;t (Griechenland, Portugal) zerst&ouml;rt die Grundlage der friedlichen Zusammenarbeit der Nationen in der EU und in der Weltwirtschaft. Die aus Ungleichheit und fehlender wirtschaftlicher Perspektive resultierenden sozialen und politischen Auseinandersetzungen werden Sicherheit und Stabilit&auml;t der Eurozone weiter untergraben. Wenn sich nichts &auml;ndert, wird dieser Euro die EU zerst&ouml;ren.</p>
<h2 class="auto-created">3.2. Wie kann die Eurokrise &uuml;berwunden werden?</h2>
<p>Grunds&auml;tzlich gibt es drei Vorschl&auml;ge zur &Uuml;berwindung der Eurokrise.</p>
<p>*Ausgleich der Differenzen durch Transfers: Solche Vorschl&auml;ge gibt es von Varoufakis (Galbraith u.a. 2013) und Busch (&bdquo;Europa geht auch solidarisch&ldquo;, Busch u.a. 2016). Auch der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Macron denkt an ein europ&auml;isches Budget und europ&auml;ische Steuern (Zeit Online 26.09.2017). Ein solches gemeinsames Budget zur Umverteilung zwischen den L&auml;ndern der EU m&uuml;sste sehr gro&szlig; sein. Dabei denke man an die Gr&ouml;&szlig;enordnung der &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Bereich von mehreren hundert Milliarden EUR pro Jahr. Daf&uuml;r w&auml;re wiederum a) eine &uuml;ber den Nationalstaaten stehende demokratische Entscheidungsstruktur erforderlich &ndash; jedenfalls wenn man keine rein technokratische Finanzregierung will. Dies erfordert ein von den Nationalstaaten unabh&auml;ngiges Budgetrecht des Europ&auml;ischen Parlaments, mit dem Steuern erhoben und Ausgaben get&auml;tigt werden k&ouml;nnen, die der Gr&ouml;&szlig;enordnung der erforderlichen Umverteilung entsprechen. Und b) erfordert dies technische Verfahren und eine Europ&auml;ische Finanzverwaltung, die die Erhebung europ&auml;ischer Steuern und die Finanzierung der Ausgaben abwickelt. Faktisch w&uuml;rde die Finanzverwaltung der Nationalstaaten auf regionale Befugnisse herabgestuft werden m&uuml;ssen.</p>
<p>* Etablierung einer koordinierten Lohnregulation der Eurozonen-Staaten und ihrer Tarifparteien, die daf&uuml;r sorgt, dass die nationalen Lohnniveaus den nationalen Produktivit&auml;tsniveaus entsprechen. Dann n&auml;mlich w&uuml;rden Leistungsbilanzungleichgewichte nur tempor&auml;r auftreten und k&ouml;nnten nicht &uuml;ber mehrere Jahre zu Gr&ouml;&szlig;enordnungen anwachsen, die die Funktionsweise des W&auml;hrungssystems substanziell untergraben. &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite entstehen nur, wenn Produktivit&auml;tsdifferenzen nicht durch entsprechende Lohn- und Einkommensdifferenzen kompensiert sind. Eine an der Produktivit&auml;tsentwicklung orientierte Regulation der L&ouml;hne innerhalb der Eurozone w&uuml;rde die wichtigste Ursache der Handelsbilanzdivergenzen beseitigen. Dieser Vorschlag wurde seit Ende der 1990er Jahre immer wieder von Heiner Flassbeck und anderen unterbreitet (u.a. Flassbeck u. Spieker 2001, Flassbeck u.a. 2013).<br />Prinzipiell sind beide Vorschl&auml;ge kombinierbar, wobei der entscheidende Effekt durch die Lohnregulation erreicht werden muss. Die Gr&ouml;&szlig;enordnung der Umverteilung, die n&ouml;tig w&auml;re, um &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite vollst&auml;ndig durch Transfers auszugleichen, ist weder politisch durchsetzbar noch w&auml;re dies wirtschaftlich vern&uuml;nftig, solange es sich um selbst&auml;ndige Volkswirtschaften mit differenten Lohnniveaus, unterschiedlichen Sozialsystemen und verschiedener Sprache und Kultur handelt. Aber erg&auml;nzend und vor allem auf Investitionen bezogen k&ouml;nnten Transfers eine wichtige Rolle spielen. Geeignet w&auml;re ein Investitionsprogramm f&uuml;r den &ouml;kologischen Umbau, mit dem neue umweltkompatible Produkte und Verfahren entwickelt und in den Markt eingef&uuml;hrt und der Ressourcenverbrauch gesenkt werden k&ouml;nnten: Kredite f&uuml;r private Unternehmen, &ouml;ffentliche Investitionen, europaweiter Umbau der Infrastruktur, Verkehr, Bildung, Wissenschaft (vgl. Land 2017).</p>
<p>* Die dritte Alternative w&auml;re die Aufl&ouml;sung der Eurozone. Dies hat insbesondere Mitchell (2017) untersucht. Er vergleicht die verschiedenen Varianten des Umbaus und der Aufl&ouml;sung. Seiner Meinung nach ist eine Transferl&ouml;sung weder politisch durchsetzbar noch kulturell tragbar (S. 460 ff): &bdquo;Eine wichtige Voraussetzung f&uuml;r ein effektives W&auml;hrungssystem mit vielen Regierungsebenen ist, dass die B&uuml;rger interregionalen Transfers von Staatsausgaben gegen&uuml;ber tolerant sein m&uuml;ssen [&hellip;]&ldquo; Die bessere L&ouml;sung w&auml;re eine partielle oder vollst&auml;ndige Aufl&ouml;sung der Eurozone:</p>
<ul>
<li>der Wechselkurs k&ouml;nnte wieder benutzt werden, um Divergenzen in Produktivit&auml;ts- und Lohnentwicklung auszugleichen,</li>
<li>jede Nation w&uuml;rde die Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die eigene W&auml;hrung wiederherstellen und die f&uuml;r die Gestaltung wirtschaftlicher Entwicklung wichtige Kooperation von Zentralbank und Finanzministerium reaktivieren, damit k&ouml;nnte Arbeitslosigkeit &uuml;berwunden werden, die wirtschaftliche Entwicklung und die Einkommen k&ouml;nnten dynamisiert und die Entwicklungsrichtung hin zu einem &ouml;konomischen Umbau gestaltet werden.</li>
</ul>
<p>F&uuml;r eine Aufl&ouml;sung der Eurozone sind verschiedene Szenarien denkbar.</p>
<ul>
<li>Die beste Variante w&auml;re eine Aufl&ouml;sung durch Wiedereinf&uuml;hrung der nationalen W&auml;hrungen in einem gestalteten und koordinierten Prozess, der vertraglich vereinbart werden m&uuml;sste. Daraus k&ouml;nnte ein neues europ&auml;isches W&auml;hrungssystem mit festen, aber anpassbaren Wechselkursen hervorgehen, eine verbesserte Variante, die die Fehler der 2. Generation des Europ&auml;ischen W&auml;hrungssystems (EWS II) vermeidet. </li>
<li>Eine ebenfalls tragf&auml;hige L&ouml;sung w&auml;re der Austritt einzelner Staaten bei Wiedereinf&uuml;hrung der eigenen nationalen W&auml;hrung. Auch daf&uuml;r w&auml;re eine vertraglich vereinbarte und gesteuerte L&ouml;sung sinnvoll, aber auch der Austritt in eigener Regie w&auml;re machbar. </li>
<li>Die dritte, teuerste und schlechteste L&ouml;sung w&auml;re der Zusammenbruch des Eurosystems in einer schweren Finanzkrise, in der nationale W&auml;hrungssysteme ad hoc neu gegr&uuml;ndet werden m&uuml;ssten. </li>
</ul>
<p>In jedem Fall w&auml;re die Aufl&ouml;sung des Euros mit erheblichen Kosten verbunden, wobei vertraglich geregelte L&ouml;sungen weniger Kosten verursachen als eine Aufl&ouml;sung im Crash. Mitchell meint, dass einige der kommunizierten Kalkulationen die Kosten &uuml;bertreiben. <br />&bdquo;Der Kostenaufwand der Krise, der durch sinnlose Sparma&szlig;nahmen noch erh&ouml;ht wurde, ist enorm. Griechenland hat 25 Prozent seiner Wirtschaft eingeb&uuml;&szlig;t, und die Sparpolitik hat eine Generation von jungen Menschen hervorgebracht, die keine Beziehung zur Arbeit hat und heranwachsen wird, ohne je gearbeitet zu haben. Dadurch, dass sie keine Gelegenheiten hat, Erfahrung zu sammeln, wird diese sozial entwurzelte Kohorte extrem benachteiligt. Viele andere WWU-L&auml;nder machen eine &auml;hnliche Erfahrung.</p>
<p>Die Belege in diesem Buch zeigen, dass der Aufwand eines Austritts zwar enorm sein wird, die langfristigen Kosten einer mehr oder weniger permanenten Sparpolitik jedoch noch h&ouml;her sein werden. &hellip; <br />Ein geordneter Austritt w&auml;re f&uuml;r jede Nation der bessere Weg. Italien sollte vorangehen, sowohl in Anbetracht seiner Gr&ouml;&szlig;e und relativen Bedeutung in Europa als auch der schlimmen Sch&auml;den, die seine Struktur durch die Sparpolitik davontr&auml;gt.&ldquo; (Mitchell 2017: 572)</p>
<h2 class="auto-created">3.3. Handlungs&shy;m&ouml;g&shy;lich&shy;keiten</h2>
<p>Politisch ist derzeit keiner der m&ouml;glichen Wege aus der Krise der Eurozone bzw. der Krise eines Finanzmarkt-&Uuml;berschuss-Defizit-Kapitalismus denkbar. Weder Transfers in der erforderlichen Gr&ouml;&szlig;enordnung, noch eine l&auml;nder&uuml;bergreifende Lohnregulation sind politisch machbar, auch ein einvernehmlicher Austritt einzelner L&auml;nder oder eine geregelte Aufl&ouml;sung der Eurozone ist nicht vorstellbar.<br />Daraus folgt: Es wird auf absehbare Zeit weiter bei der krisenhaften Entwicklung, s&auml;kularer Stagnation, falschen Entwicklungsrichtungen, hoher Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und zunehmenden Differenzen zwischen den Eurol&auml;ndern bleiben. Ob eine neue Finanzkrise oder andere wirtschaftliche oder politische Br&uuml;che eine neue Situation schaffen, kann nat&uuml;rlich niemand vorhersagen. &bdquo;Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende!&ldquo; (7)</p>
<p>Handlungsm&ouml;glichkeiten bestehen aber in folgender Weise:</p>
<p>1. Aufkl&auml;rung ist angesagt, vor allem &uuml;ber die Ursachen und Folgen der &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite sowie die Eurokrise. Vor allem m&uuml;sste man versuchen, die falschen und nicht selten von interessierter Seite verbreiteten Diagnosen zu widerlegen: Staatsschuldenkrise, zu hohe L&ouml;hne, zu hohe Staatsdefizite, Gelddrucken usw. Dann w&auml;ren die verheerenden Wirkungen der derzeitigen L&ouml;sungsstrategien &ndash; Flexibilisierung der Arbeitsm&auml;rkte (es geht um mehr Druck auf die L&ouml;hne), Austerit&auml;t, Sparprogranne &ndash; herauszustellen. Drittens schlie&szlig;lich w&auml;re es n&ouml;tig, ungeschminkt die Wahrheit &uuml;ber die Gefahren der &ouml;kologischen Krise &ouml;ffentlich anzusprechen und klarzumachen, dass dies die zentrale Aufgabe ist, wenn sich die Menschheit in letzter Minute noch retten will. Rettung aber verlangt Investitionen und Neuerungen statt Sparen in der Krise und Abwarten.</p>
<p>2. Dringend erforderlich ist, der verbreiteten Angstmache vor dem Austritt einzelner L&auml;nder aus dem Euro oder der Wiedereinf&uuml;hrung nationaler W&auml;hrungen entgegenzutreten. Diese &bdquo;Drohung&ldquo; dient der Erpressung politischer Bewegungen, Parteien und Regierungen. Nat&uuml;rlich w&auml;ren der Austritt oder die Aufl&ouml;sung mit hohen Kosten verbunden, die aber bei einem einvernehmlichen und geordneten &Uuml;bergang finanzierbar sind. Der Satz &bdquo;F&auml;llt der Euro, f&auml;llt Europa&ldquo; ist falsch. Richtig ist, dass das Eurosystem, so wie es derzeit funktioniert, Europa zerst&ouml;rt. Es muss ver&auml;ndert oder aufgehoben werden, wenn man die friedliche und gedeihliche Zusammenarbeit der europ&auml;ischen Nationen, den sozialen Fortschritt f&uuml;r alle, erhalten will. Die Aufl&ouml;sung der Eurozone ist eine m&ouml;gliche Option und &ndash; entsprechend gestaltet &ndash; nicht notwendig reaktion&auml;r oder katastrophal.</p>
<p>3. Neben einer Debatte &uuml;ber die m&ouml;gliche Aufl&ouml;sung der Eurozone kann und muss nat&uuml;rlich auch &uuml;ber deren Umbau diskutiert werden. Die zentrale Frage ist, ob man sich ein System der gemeinschaftlichen Lohnregulation vorstellen kann und ob die damit verbundenen Probleme, die Unterschiedlichkeit der heute bestehenden nationalen Verfahren der Lohnfindung, l&ouml;sbar sind. Keine Partei in Deutschland hat diese Frage &bdquo;auf dem Schirm&ldquo;. F&uuml;r erg&auml;nzende Transfersysteme bestehen bessere Chancen, weil Linke, SPD und mit Einschr&auml;nkungen auch B&uuml;ndnis 90 Die Gr&uuml;nen sich in diese Richtung bewegen &ndash; allerdings kaum erkennen, um welche Gr&ouml;&szlig;enordnungen es hier geht. Macron hat zwar Ideen, sieht aber bislang nicht, das Transfersysteme ohne eine grundlegende Lohnregulation nicht funktionieren werden.<br />&bdquo;Die Eurozone ist also alles andere als eine &bdquo;optimale W&auml;hrungsunion&ldquo; &ndash; das hei&szlig;t aber noch lange nicht, dass der Euro nicht dennoch funktionieren kann.&ldquo; (Priewe 30.01.2017)</p>
<p>Gel&auml;nge der Umbau der Eurozone, w&auml;re dies besser als eine Aufl&ouml;sung; gelingt er aber nicht, w&auml;re ein &bdquo;Weiter so&ldquo; verheerend.</p>
<p><i>Teil II widmet sich den Ursachen der &Uuml;bersch&uuml;ssen bzw. Defiziten in den einzelnen Staaten der Eurozone sowie den m&ouml;glichen Ausgleichsmechanismen. Er erscheint in der folgenden Ausgabe der vorg&auml;nge (Nr. 221, Heft 1/2018) und kann vorab auf der Webseite der Zeitschrift gelesen werden: </i><a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220/"><i>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/online_artikel/220/</i></a><i>.</i></p>
<p><i>RAINER LAND&nbsp;&nbsp; Dr. sc. oec. (Jg. 1952), studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin. Seit 1992 ist er Redakteur der Zeitschrift Berliner Debatte Initial. Seit den 1980er Jahren arbeitet er an &raquo;Bausteinen zu einer evolutorischen Theorie der Moderne&laquo;. Seit 2000 ist er in diversen empirischen und theoretischen Projekten am selbst gegr&uuml;ndeten Th&uuml;nen-Institut e. V. In Bollewick t&auml;tig.</i></p>
<p><b>Literatur:</b></p>
<p>Borger, Klaus (2017): Leistungsbilanz: &Uuml;berschuss reduzieren, Deutschland st&auml;rken. In: KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 178 v. 08.08.2017, <a href="https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Fokus-Volkswirtschaft/Fokus-2017/Fokus-Nr.-178-August-2017-Leistungsbilanz%C3%BCberschuss.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Fokus-Volkswirtschaft/Fokus-2017/Fokus-Nr.-178-August-2017-Leistungsbilanz%C3%BCberschuss.pdf</a></p>
<p>Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung (2017): Jugendarbeitslosigkeit in Europa. <a href="http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/225124/jugendarbeitslosigkeit-in-europa" target="_blank" rel="noopener">http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/225124/jugendarbeitslosigkeit-in-europa</a>.</p>
<p>Busch, Klaus; Axel Troost; Gesine Schwan; Frank Bsirske; Joachim Bischoff; Mechthild Schrooten; Harald Wolf (2016a): Europa geht auch solidarisch! Streitschrift f&uuml;r eine andere Europ&auml;ische Union. Hamburg: VSA-Verlag.</p>
<p>Busch, Klaus; Axel Troost; Gesine Schwan; Frank Bsirske; Joachim Bischoff; Mechthild Schrooten; Harald Wolf (2016b): Antwort auf Martin H&ouml;pners und Heiner Flassbecks Artikel &sbquo;Nutzlose Wechselkursanpassungen?&lsquo;, Makroskop v. 07.12.2016,, <a href="https://makroskop.eu/2016/12/antwort-auf-martin-hoepners-und-heiner-flassbecks-artikel-nutzlose-wechselkursanpassungen/" target="_blank" rel="noopener">https://makroskop.eu/2016/12/antwort-auf-martin-hoepners-und-heiner-flassbecks-artikel-nutzlose-wechselkursanpassungen/</a>.</p>
<p>Deutsche Bundesbank(6.10.2017): Deutsches Auslandsverm&ouml;gen legt deutlich zu&ldquo;, <a href="https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Themen/2017/2017_10_06_auslandsvermoegen.html?searchArchive=0&amp;searchIssued=0&amp;sub-mit=Suchen&amp;templateQueryString=auslandsverm%C3%B6gen" target="_blank" rel="noopener">https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Themen/2017/2017_10_06_auslandsvermoegen.html?sub-mit=Suchen&amp;searchIssued=0&amp;templateQueryString=auslandsverm%C3%B6gen&amp;searchArchive=0</a>.</p>
<p>Dullien, Sebastian; Ulrich Fritsche (2007): Anhaltende Divergenz bei Inflations- und Lohnentwicklung in der Eurozone: Gefahr f&uuml;r die W&auml;hrungsunion? In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 76, 4, S. 56-76.</p>
<p>Europ&auml;ische Union: Jugendarbeitslosenquoten in den Mitgliedsstaaten im August 2017. <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa/</a>.</p>
<p>Felbermayr, Gabriel (2010): Schadet Deutschlands Exportpolitik den Nachbarn? In: ifo Schnelldienst 63. Jahrgang Nr. 15/2010, M&uuml;nchen: ifo Institut</p>
<p>Flassbeck, Heiner (1988): Preise, Zins und Wechselkurs. Zur Theorie der offenen Volkswirtschaft bei flexiblen Wechselkursen. Wirtschaftswissenschaftliche und wirtschaftsrechtliche Untersuchungen 23. T&uuml;bingen: J.C.B. Mohr.</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Friedrike Spiecker (2001): Lohnstruktur und Besch&auml;ftigung. Gutachten im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung. Berlin: Otto-Brenner-Stiftung</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Paul Davidson; James K. Galbraith; Richard Koo; Jayati Ghosh (2013): Handelt jetzt! Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft. Frankfurt: Westend Verlag, <a href="http://nbn-resolving.de/urn%3Anbn%3Ade%3A101%3A1-201304251409" target="_blank" rel="noopener">http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:101:1-201304251409</a>.</p>
<p>Flassbeck, Heiner (2015a): Die Eurokrise und die Krise des &ouml;konomischen Urteilsverm&ouml;gens. In: Betrifft JUSTIZ Nr. 124 | Dezember 2015, M&uuml;hltal, S. 165.</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Costas Lapavitsas (2015b): Nur Deutschland kann den Euro retten: Der letzte Akt beginnt. Frankfurt: Westend Verlag</p>
<p>Flassbeck, Heiner (2016a): Der italienische Patient. Makroskop v. 29.07.2016 und 2.8.2016, <a href="https://makroskop.eu/2016/07/der-italienische-patient-1/" target="_blank" rel="noopener">https://makroskop.eu/2016/07/der-italienische-patient-1/</a>.</p>
<p>Flassbeck, Heiner (2016b): Ist das Eurosystem &uuml;berwindbar? Eine Replik auf Busch u. a. Makroskop v. 15.12.2016, <a href="https://makroskop.eu/2016/12/ist-das-eurosystem-ueberwindbar-eine-replik-auf-busch-u/" target="_blank" rel="noopener">https://makroskop.eu/2016/12/ist-das-eurosystem-ueberwindbar-eine-replik-auf-busch-u/</a>.</p>
<p>Flassbeck, Heiner u.a. (2017a): Das Schuldenproblem und die europ&auml;ische Krise. Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft.</p>
<p>Flassbeck, Heiner u.a. (2017b): Markt und Staat neu denken. Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft.</p>
<p>FOCUS Online (2017): Finanzminister Sch&auml;uble soll Trump Wirtschafts-Nachhilfe geben. FOCUS Online v. 19.04.2017, <a href="http://www.focus.de/finanzen/news/handelsueberschuesse-finanzminister-schaeuble-soll-trump-wirtschafts-nachhilfe-geben_id_6984301.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.focus.de/finanzen/news/handelsueberschuesse-finanzminister-schaeuble-soll-trump-wirtschafts-nachhilfe-geben_id_6984301.html</a>.</p>
<p>Fratzscher, Marcel (2017): Handels&uuml;bersch&uuml;sse: Warum die US-Kritik an Deutschland teilweise stimmt&ldquo;. Spiegel Online v. 31.01.2017, <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/donald-trump-warum-die-us-kritik-an-deutschland-teilweise-stimmt-a-1132576.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/donald-trump-warum-die-us-kritik-an-deutschland-teilweise-stimmt-a-1132576.html</a>.</p>
<p>Galbraith, James K.; Stuart Holland; Yanis Varoufakis (2013): Bescheidener Vorschlag zur L&ouml;sung der Eurokrise. M&uuml;nchen: Kunstmann.</p>
<p>Halevi, Joseph; Nicholas J. Theocarakis; Yanis Varoufakis (2011): Modern Political Economics: Making sense of the post-2008 world. Routledge: Taylor &amp; Francis Ltd.</p>
<p>Hein, Eckhard (2016): S&auml;kulare Stagnation oder Stagnationspolitik? In: Berliner Debatte Initial 27 (2/2016).</p>
<p>Herrmann, Ulrike (2016): Verluste der deutschen Banken: Auf der Spur des verlorenen Geldes, taz v. 30.10.2016, <a href="http://www.taz.de/%215348343/" target="_blank" rel="noopener">http://www.taz.de/!5348343/</a>.</p>
<p>H&ouml;pner, Martin (2013): Ein W&auml;hrungsraum und viele Lohnregime. In: dms &ndash; der moderne staat &ndash; Zeitschrift f&uuml;r Public Policy, Recht und Management, 6. Jg., Heft 2/2013, S. 289-309</p>
<p>H&ouml;pner, Martin; Alexander Spielau (2015): Diskretion&auml;re Wechselkursregime: Erfahrungen aus dem Europ&auml;ischen W&auml;hrungssystem, 1979&ndash;1998. MPIfG Discussion Paper 15/11, Max-Planck-Institut f&uuml;r Gesellschaftsforschung, K&ouml;ln</p>
<p>H&ouml;pner, Martin; Heiner Flassbeck (2016): Nutzlose Wechselkurskorrekturen? Makroskop v. 22.11.2016, <a href="https://makroskop.eu/2016/11/nutzlose-wechselkurskorrekturen/" target="_blank" rel="noopener">https://makroskop.eu/2016/11/nutzlose-wechselkurskorrekturen/</a>.</p>
<p>H&ouml;pner, Martin (2017): Reformbaustelle W&auml;hrungsunion: Voran in ein EWS II? In: Flassbeck, Heiner u.a., Markt und Staat neu denken. Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft.</p>
<p>Keynes, J. M. (1980), Closing Speech, Bretton Woods Conferences, July 22, 1944. In: D. E. Moggridge (Hg.), Collected Writings of John Maynard Keynes, Vol. XXVI, Activities 1941 &ndash; 1946; Shaping the Post &#8211; War World, Bretton Woods and Reparations, London. Zitiert nach Varoufakis 2016 Kindle-Positionen 5530-5532.</p>
<p>K&uuml;hnlenz, Andr&eacute; (2017): Eurozone: Eine Konjunktur-Entt&auml;uschung bahnt sich an. In: Makronom-Blog v. 11.10.2017, <a href="https://makronom.de/eurozone-eine-konjunktur-enttaeuschung-bahnt-sich-an-23421" target="_blank" rel="noopener">https://makronom.de/eurozone-eine-konjunktur-enttaeuschung-bahnt-sich-an-23421</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2015): 25 Jahre Deutsche Einheit &ndash; Ist das Wirtschafts- und Sozialmodell der vereinigten Bundesrepublik zukunftsf&auml;hig? In: Wirtschaftsdienst. Zeitschrift f&uuml;r Wirtschaftspolitik. Heft 6, Juni 2015, <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2010/10/Rainer-Land-25-Jahre-Deuitsche-Einheit-korrigiert.-rla-3.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2010/10/Rainer-Land-25-Jahre-Deuitsche-Einheit-korrigiert.-rla-3.pdf</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2017a): Der Irrtum der Postwachstumsdebatte (Teil 1, 2 und 3). In: Makroskop v. 04.04.2017, 25.4.2017 und 28.04.2017, <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2017/04/2017-04-28-der-irrtum-der-postwachstumsdebatte-1-2-3.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2017/04/2017-04-28-der-irrtum-der-postwachstumsdebatte-1-2-3.pdf</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2017b): Kapitalismus reloaded. Regime wirtschaftlicher Entwicklung im &Uuml;bergang vom 20. zum 21. Jahrhundert. Skript zu einem Vortrag am 22.4.2017 im Max-Lingner-Haus Berlin, <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2017/03/2017-03-12-Land_Kapitalismus-reloaded-mit-Bild.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2017/03/2017-03-12-Land_Kapitalismus-reloaded-mit-Bild.pdf</a>.</p>
<p>Land, Rainer (2017c): Ist &Ouml;kokapitalismus m&ouml;glich? In: Flassbeck, Heiner u.&nbsp;a. Markt und Staat neu denken. Wiesbaden: Makroskop Mediengesellschaft.</p>
<p>Messner, Dirk (2016): Passt das &Ouml;kologische zum Sozialen. &Uuml;berlegungen in turbulenten Zeiten. Festvortrag f&uuml;r Erhard Eppler, Stuttgart 09.12.2016, <a href="http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2013/09/Messner-Festvortrag-f%C3%BCr-Erhard-Eppler.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.rla-texte.de/wp-content/uploads/2013/09/Messner-Festvortrag-f%C3%BCr-Erhard-Eppler.pdf</a>.</p>
<p>Mitchell, William (2017): Dystopie Eurozone: Gruppendenken und Leugnung im gro&szlig;en Stil. Berlin: Lola Books.</p>
<p>Mosler, Warren (2017): Die sieben unschuldigen, aber t&ouml;dlichen Betr&uuml;gereien der Wirtschaftspolitik. Berlin: Lola Books.</p>
<p>Priewe, Jan (2011): Die Weltwirtschaft im Ungleichgewicht: Ursachen, Gefahren, Korrekturen. Wiso-Diskurs Expertisen und Dokumentationen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik. Bonn: Abt. Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung.</p>
<p>Priewe, Jan (2017a): Ist die Eurozone vielleicht doch ein &sbquo;optimaler W&auml;hrungsraum&lsquo;?&ldquo;. Makronom(blog) v. 30.01.2017, <a href="https://makronom.de/ist-die-eurozone-vielleicht-doch-ein-optimaler-waehrungsraum-19143" target="_blank" rel="noopener">https://makronom.de/ist-die-eurozone-vielleicht-doch-ein-optimaler-waehrungsraum-19143</a>.</p>
<p>Priewe, Jan (2017b): Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse: Wie das ifo-Institut den neuen deutschen Merkantilismus legitimiert&ldquo;. Makronom (blog) v. 09.08.2017, <a href="https://makronom.de/leistungsbilanzueberschuesse-wie-das-ifo-institut-den-neuen-deutschen-merkantilismus-legitimiert-22424." target="_blank" rel="noopener">https://makronom.de/leistungsbilanzueberschuesse-wie-das-ifo-institut-den-neuen-deutschen-merkantilismus-legitimiert-22424.</a></p>
<p>Scharpf, Fritz W. (2017): Rettet Europa vor dem Euro! In: Berliner Republik v. 14.06.2017, <a href="http://www.brepublik.de/aktuelleausgabe/retteteuropavordemeuro" target="_blank" rel="noopener">http://www.brepublik.de/aktuelleausgabe/retteteuropavordemeuro</a></p>
<p>Scharpf, Fritz W. (ohne Datum): Zur&uuml;ck zu nationalen W&auml;hrungen, Cicero Online. <a href="http://cicero.de/wirtschaft/zurueck-zu-nationalen-waehrungen/47548" target="_blank" rel="noopener">http://cicero.de/wirtschaft/zurueck-zu-nationalen-waehrungen/47548</a></p>
<p>Schulmeister, Stephan (2012): Mitten in der gro&szlig;en Krise: ein &bdquo;New Deal&ldquo; f&uuml;r Europa. Wiener Vorlesungen im Rathaus, Edition Gesellschaftskritik 7. Wien: Picus Verlag.</p>
<p>Varoufakis, Yanis (2012): Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft. Aus dem Engl. von Ursel Sch&auml;fer., M&uuml;nchen: Verlag Antje Kunstmann (Kindle-Version).</p>
<p>Varoufakis, Yanis (2016): Das Euro-Paradox: wie eine andere Geldpolitik Europa wieder zusammenf&uuml;hren kann. &Uuml;bersetzt von Ursel Sch&auml;fer. M&uuml;nchen: Verlag Antje Kunstmann (Kindle-Version).</p>
<p>Varoufakis, Yanis (2017): Die ganze Geschichte: meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment. M&uuml;nchen: Verlag Antje Kunstmann (Kindle-Version).</p>
<p>Zeit Online (2017): Zukunft der EU: Emmanuel Macron fordert Neugr&uuml;ndung der EU&ldquo;. Die Zeit v. 26. September 2017, Abschn. Politik. <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-09/zukunft-eu-emmanuel-macron-rede" target="_blank" rel="noopener">http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-09/zukunft-eu-emmanuel-macron-rede</a>.</p>
<p><b>Datenquellen:</b></p>
<p>Statista 2017: <a href="https://de.statista.com/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/</a></p>
<p>Daten und Grafiken:</p>
<p>Abb. 1: Europ&auml;ische Union: Handelsbilanzsalden der Mitgliedsstaaten im Jahr 2016 (in Milliarden Euro), <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/252105/umfrage/handelsbilanz-der-eu-laender/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/252105/umfrage/handelsbilanz-der-eu-laender/</a> (Zugriff: 31.10.2017).</p>
<p>Abb. 2: Daten: Eurostat: <a href="http://ec.europa.eu/eurostat/de/data/database" target="_blank" rel="noopener">http://ec.europa.eu/eurostat/de/data/database</a> (Zugriff: 31.10.2017); eigene Grafiken.</p>
<p>Abb. 3: Europ&auml;ische Union &amp; Euro-Zone: Handelsbilanzsaldo von 2006 bis 2016 (in Milliarden Euro), <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/15640/umfrage/handelsbilanz-der-eu/" target="_blank" rel="noopener">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/15640/umfrage/handelsbilanz-der-eu/</a> (Zugriff: 31.10.2017). </p>
<p><b>Anmerkungen:</b></p>
<p>1 Unsch&auml;dlich ist, wenn Kredite, Direktinvestitionen und Transfers keine grunds&auml;tzliche Abh&auml;ngigkeit des Empf&auml;ngers von den Gebern schaffen, die so eingeleitete wirtschaftliche Entwicklung langfristig wieder zu ausgeglichenen Bilanzen f&uuml;hrt und die Finanzierungskonditionen resistent gegen Finanzkrisen und spekulative Attacken der Finanzm&auml;rkte gestaltet sind. Nachholende Entwicklung rechtfertigt mittelfristig anhaltende &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite. Aber nicht selten haben derartige Entwicklungen zu finanziellen Katastrophen gef&uuml;hrt &ndash; endogene Pfade nachholender Entwicklung scheinen erfolgreicher. Man bedenke, dass der gegenw&auml;rtig erfolgreichste Fall nachholender Entwicklung &ndash; China &ndash; zwar mit immensen Direktinvestitionen von Unternehmen aus den USA und anderen entwickelten Industriel&auml;ndern verbunden war, aber die Zufl&uuml;sse der Direktinvestitionen seit Mitte der 1980er Jahre niemals zu einem Handelsbilanzdefizit Chinas gef&uuml;hrt haben. Das chinesische Modell nachholender Entwicklung beruht darauf, die Direktinvestitionen aus den USA und anderen f&uuml;hrenden Industriel&auml;ndern durch Exporte in diese L&auml;nder zu finanzieren, mehr noch: <i>Export&uuml;bersch&uuml;sse </i>zu erzielen und gewaltige Finanzreserven in internationalen Devisen und Wertpapieren anzulegen. China ist Empf&auml;nger von Direktinvestitionen, hat aber einen Export&uuml;berschuss. Die USA haben einen Import&uuml;berschuss, sind aber Geber von Direktinvestitionen; ein Land, das Technologie exportiert und Massenprodukte importiert. Deutschland ist Geber von Direktinvestitionen und hat zugleich einen Export&uuml;berschuss. Dies sind drei ganz verschiedene Konstellationen. Die chinesische Strategie, Direktinvestitionen zu empfangen, diese aber nicht durch Verschuldung, sondern durch Export&uuml;bersch&uuml;sse aus einer Gl&auml;ubigerposition heraus zu finanzieren, war und ist sehr erfolgreich. Sie setzt umgekehrt das Interesse von global aufgestellten US-Unternehmen (und anderen westlichen Unternehmen) voraus, China als Produktionsstandort mit vergleichsweise geringen L&ouml;hnen auszunutzen, um dort Waren herzustellen, die f&uuml;r entwickelte L&auml;ndern mit hohen Einkommen vorgesehen sind und dorthin <i>exportiert </i>werden sollen, also vor allem in den USA, und die dort durch <i>Defizite</i>, Verschuldung von privaten und &ouml;ffentlichen Haushalten, finanziert werden m&uuml;ssen. Die westlichen Unternehmen konnten so (Lohn-)Kosten senken, ihre internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessern und h&ouml;here Gewinne erreichen. Dabei konnte China Konditionen durchsetzen, die den Zugang zu moderner westlicher Technologie erm&ouml;glichten, ohne die Kontrolle &uuml;ber die in China agierenden westlichen Unternehmen zu verlieren (Regeln f&uuml;r Sonderwirtschaftszonen und Joint-Venture). China wurde nie abh&auml;ngig von globalen Finanzm&auml;rkten. Sp&auml;testens seit der Finanzkrise versucht China, dieses Modell exportorientierter nachholender Industrieentwicklung auf eine mehr binnenorientierte Entwicklung umzustellen und schrittweise aus der &Uuml;berschussposition heraus zu kommen, vor allem durch steigende L&ouml;hne und den Umbau der Produktpalette (z.B. erneuerbare Energie, Autos, Konsumg&uuml;ter f&uuml;r den Binnenmarkt). Man wird sehen, welche Probleme dabei auftreten und ob es gelingt. Die Kombination von Direktinvestitionen mit Handelsbilanz<i>defiziten </i>(mit Verschuldung also), typisch f&uuml;r einige andere Entwicklungsl&auml;nder, scheint dagegen selten erfolgreich.</p>
<p>2 Vgl.: Flassbeck u.a. 2013, 2015b, 2017a, 2017b, Flassbeck 2015a, 2016b; Priewe 2017a und 2017b, Borger 2017, Fratzscher 2017, anders argumentieren z.B. Felbermayr 2010 und Sch&auml;uble lt. Focus Online v. 19.04.2017.</p>
<p>3 Die Idee, irgendwann in der Zukunft die akkumulierten Finanzmittel einzusetzen, um G&uuml;ter zu kaufen, scheitert in der Regel, weil sie nur umsetzbar w&auml;re, wenn das &Uuml;berschussland zum Defizitland w&uuml;rde, sich also strukturell auf eine importorientierte Industrie- und Konsumstruktur und auf eine Kultur des Entsparens umstellte.</p>
<p>4 Auch eine steigende Sparquote ohne steigende Binneninvestitionen k&ouml;nnte zu Export&uuml;bersch&uuml;ssen f&uuml;hren. In Deutschland aber spielt dies nur eine untergeordnete Rolle, die Sparquote der Haushalte ist bis 1999 gesunken, seither schwankt sie zwischen 9,5 und 10,5 Prozent, erkl&auml;rt also die zur&uuml;ckbleibende Inlandsnachfrage nicht hinreichend.</p>
<p>5 Steigende L&ouml;hne f&uuml;hren im Inland zu einer steigenden Binnennachfrage, daher zu Produktionswachstum und mehr Besch&auml;ftigung.</p>
<p>6 So argumentiert Warren Mosler (2017): &bdquo;Importe sind reale Nutzen, Exporte sind reale Kosten. [&hellip;] Ein Handelsbilanzdefizit erh&ouml;ht in Wirklichkeit unseren realen Lebensstandard. [&hellip;] je h&ouml;her das Handelsbilanzdefizit, desto besser.&ldquo; (S. 72) Dies gilt aber nur f&uuml;r die USA und nur unter zwei Voraussetzungen. Erstens d&uuml;rften die Importe nicht zu einer Reduzierung der eigenen Produktion, zu Arbeitslosigkeit und Einkommenseinbu&szlig;en f&uuml;hren. Nur wenn die US-Regierung durch entsprechende hohe Budgetdefizite daf&uuml;r sorgen w&uuml;rde, dass die Wirtschaft voll ausgelastet ist und Vollbesch&auml;ftigung gegeben w&auml;re, w&uuml;rden durch Defizit finanzierte Importe einen zus&auml;tzlichen realen Nutzen bringen. Das ist aber nicht der Fall. Tats&auml;chlich haben insbesondere die Republikaner hohe Budgetdefizite verhindert, weshalb der Import&uuml;berschuss faktische Arbeitsplatzverluste zur Folge hat. Und zweitens m&uuml;ssten die &Uuml;berschussl&auml;nder die W&auml;hrung des Defizitlandes bzw. Schuldscheine des Staates und der Banken des Defizitlandes unbeschr&auml;nkt akzeptieren, wie dies nur beim Dollar der Fall ist, vielleicht aber nicht in alle Zukunft. Mit anderen Worten: Sie d&uuml;rfen nicht merken, dass sie durch den Export einen realen Schaden haben, und nicht f&uuml;rchten, der Dollar k&ouml;nnte erheblich an Wert verlieren. Da beides nicht der Fall ist, schadet das Handelsbilanzdefizit nicht nur den &Uuml;berschussl&auml;ndern, sondern auch den USA, zumindest den Arbeitnehmern, der Mittelschicht und den normalen Haushalten. Nur die Banken und Finanzmarktakteure verdienen an der Finanzierung des Defizits.</p>
<p>7 Matrix Revolutions, Lana &amp; Lilly Wachowski (Regie), USA 2003, <a href="https://de.wikiquote.org/wiki/Matrix_Revolutions" target="_blank" rel="noopener">https://de.wikiquote.org/wiki/Matrix_Revolutions</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/ueberschuesse/">Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Wer ist gegen Europa? &#8211; Analyse der Wahlen in der EU nach dem Brexit-Referendum</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 10:51:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 69 &#8211; 79 Die Wahlen in Frankreich, &#214;sterreich, den Niederlanden, Bulgarien und Tschechien haben nicht nur europakritischen Parteien erhebliche Stimmenzuw&#228;chse gebracht, sondern zugleich der sozialdemokratischen Parteienfamilie in Europa &#8211; mit Ausnahme der Labour Party &#8211; eine Niederlage beschert. Der Autor stellt die Wahlergebnisse im Einzelnen vor und untersucht auch [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/wer-ist-gegen-europa-analyse-der-wahlen-in-der-eu-nach-dem-brexit-referendum-1/">Wer ist gegen Europa? &#8211; Analyse der Wahlen in der EU nach dem Brexit-Referendum</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 69 &#8211; 79</p>
<p><i>Die Wahlen in Frankreich, &Ouml;sterreich, den Niederlanden, Bulgarien und Tschechien haben nicht nur europakritischen Parteien erhebliche Stimmenzuw&auml;chse gebracht, sondern zugleich der sozialdemokratischen Parteienfamilie in Europa &#8211; mit Ausnahme der Labour Party &#8211; eine Niederlage beschert. Der Autor stellt die Wahlergebnisse im Einzelnen vor und untersucht auch das Wahlverhalten nach Alter, Einkommen, Wohnsitz und Bildungsstand. Schlie&szlig;lich weist er auf die besondere Bedeutung der europ&auml;ischen Grundwerte und die Verantwortung der Medien hin.</i></p>
<p><b>Einleitung</b></p>
<p>Europa gewinnt (wieder) an Relevanz &#8211; auch in den Augen seiner V&ouml;lker. Es wird zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen &#8211; in den Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament, die nicht mehr l&auml;nger die verl&auml;ngerte Werkbank nationaler parteipolitischer Diskurse zu werden versprechen. Die Wahlen und Abstimmungen der letzten beiden Jahre kennzeichnet die Sorge um ein Erstarken populistischer Str&ouml;mungen, mit dem sich die politischen Koordinaten der EU wie des Westens dramatisch verschoben haben. Donald Trump hat den demokratischen Diskurs &uuml;ber die Zukunft Europas auch transatlantisch wieder interessanter gemacht.[1] Nichts ist f&uuml;r immer &#8211; auch nicht das auf eine vorrangig &ouml;konomische Triebfeder ausgerichtete Integrationsprojekt EU. Das Ende der Geschichte im Sinne der von Francis Fukuyama ge&auml;u&szlig;erten Erwartung eines globalen Siegeszuges von Liberalismus, Demokratie und Marktwirtschaft ist zumindest vertagt. <br />Mit dem Sieg von &Ouml;VP und FP&Ouml; bei den Parlamentswahlen in &Ouml;sterreich und dem Wahlerfolg von Andrej Babi&#353; &#8222;Aktion unzufriedener B&uuml;rger&#8220; (ANO) in Tschechien hat sich der Kreis von Mitgliedstaaten, die durch Parteien mitregiert werden (d&uuml;rften), die gegen eine weitere Vertiefung der EU eingestellt sind und sich f&uuml;r eine R&uuml;ckgewinnung traditioneller staatlicher Souver&auml;nit&auml;t einsetzen, nochmals deutlich erweitert. Das Ungarn Victor Orbans und das Polen der von Lech Kaczyinski dominierten PiS-Regierung d&uuml;rften im Kreis der EU-Mitgliedstaaten strategische Partner gewinnen.<br />Die EU erlebt aber nicht nur eine in erheblichen Teilen der Bev&ouml;lkerung von Mitgliedstaaten der EU geduldete oder gar bef&ouml;rderte Enttabuisierung der Aush&ouml;hlung tragender europ&auml;ischer Grundwerte. Dieser Prozess wird vielmehr begleitet und bef&ouml;rdert durch eine Ent-TINA[2]-isierung der bisherigen Integrationslogik, die selbst Angeh&ouml;rige der Funktionseliten der EU auf europ&auml;ischer[3] und mitgliedstaatlicher Ebene[4] erfasst. Wer gegen die EU in ihrer bisherigen Ausgestaltung ist, muss (auch deshalb) kein Gegner Europas sein. <br />Allerdings erscheint eine Weiterentwicklung der EU au&szlig;erhalb der Wahrung des bisherigen Besitzstandes kaum vorstellbar. Insofern stellt das Brexit-Votum des Vereinigten K&ouml;nigreichs eine dramatische europ&auml;ische Zeitenwende dar. Die Briten haben mit 51,9 % f&uuml;r einen Ausstieg aus der EU gestimmt. F&uuml;r Gegner der EU stellt dieser Paukenschlag einen pr&auml;zedenzlosen Bezugspunkt f&uuml;r eine R&uuml;ckabwicklung europ&auml;ischer Integration dar, f&uuml;r die EU selbst eine erhebliche Einbu&szlig;e an politischem und &ouml;konomischem Gewicht im Rahmen der Globalisierung. Indessen hat sich die Bef&uuml;rchtung,[5] dass der Brexit einen Dominoeffekt auch auf andere europ&auml;ische L&auml;nder aus&uuml;ben k&ouml;nnte, die in einen populistisch initiierten Zyklus von Referenden in dritten Mitgliedstaaten wie Frankreich oder den Niederlanden zum EU-Austritt m&uuml;nden k&ouml;nnten, zumindest bislang als unbegr&uuml;ndet erwiesen. <br />Der folgende Beitrag bem&uuml;ht sich im Blick auf die nationalen Wahlen und Abstimmungen der vergangenen zw&ouml;lf Monate in Mitgliedstaaten der EU um eine differenzierte Betrachtung der Haltungen zum Projekt einer immer engeren Union der V&ouml;lker Europas, wie es in der Pr&auml;ambel des EU-Vertrages als Verfassungsurkunde der bestehenden EU angelegt ist. Bei der Frage, wer Gegner Europas ist, orientiert sich der Beitrag dabei normativ an den Grundwerten der EU, wie sie nicht nur im Vertrag &uuml;ber die Europ&auml;ische Union verankert sind.</p>
<p><b>Wahlergebnisse und Alarmsignale f&uuml;r Europa</b></p>
<p>Der Ausgang der Wahlen in den Mitgliedstaaten der EU l&auml;sst zumindest in den Staaten West- und Mitteleuropas einen gemeinsamen Trend der &#8211; allerdings unterschiedlich intensiven -&#8211; St&auml;rkung rechtspopulistischer und EU-kritischer Kr&auml;fte erkennen.</p>
<p>Bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in Frankreich erreichte Marine LePen im ersten Wahlgang am 23. April 2017 7 678 491 Stimmen und einen Stimmenanteil von 21,30 % der abgegebenen Stimmen. Zum zweiten Mal in der Geschichte der franz&ouml;sischen Pr&auml;sidentschaftswahlen qualifizierte sich ein Mitglied des Front National f&uuml;r die Stichwahlen. Erneut gelang es, eine sog. republikanische Solidarit&auml;t gegen dieses Mitglied zu aktivieren, was in den Sieg von Emmanuel Macron am 7. Mai 2017 mit einem Stimmenanteil von 66,10 % m&uuml;ndete. W&auml;hrend allerdings Jean-Marie LePen 2002 im zweiten Wahlgang nur 5.525.906 Stimmen errang, waren es bei seiner Tochter, Nachfolgerin und Konkurrentin Marine LePen&nbsp; 10.638.475 Stimmen.[6] Bei den anschlie&szlig;enden Parlamentswahlen gewannen KandidatInnen des Front National im ersten Wahlgang am 11. Juni 2017 nur 2.990.454 Stimmen und bei der Stichwahl am 18. Juni 2017 sogar nur 1.590.869 Stimmen. Dem Front National, geh&ouml;ren nunmehr acht (zuvor: zwei) Abgeordnete in der 577 Sitze umfassenden franz&ouml;sischen Nationalversammlung an.[7]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />Nicht nur auf der rechten, sondern auch auf der linken Seite des politischen Spektrums Frankreichs erzielten EU-kritische Kr&auml;fte zumindest Achtungserfolge: Jean-Luc M&eacute;lenchon erreichte im ersten Wahlgang der franz&ouml;sischen Pr&auml;sidentschaftswalen mit 7.059.951 Stimmen einen Anteil von 19,58 % der abgegebenen Stimmen &#8211; knapp weniger als der im erste Wahlgang drittplatzierte Kandidat Fran&ccedil;ois Fillon. Im ersten Wahlgang der franz&ouml;sischen Parlamentswahlen erreichte M&eacute;lenchons Partei La France insoumise (zu deutsch: Das unbeugsame Frankreich) mit 2.497.622 Stimme einen Stimmenanteil von 11,03 % der abgegebenen Stimmen.&nbsp; M&eacute;lenchon spricht sich u.a. f&uuml;r ein Ende der Unabh&auml;ngigkeit der EZB, eine Abschaffung des Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakts und eine umfassende Neuverhandlung der europ&auml;ischen Vertr&auml;ge aus. Falls diese Verhandlungen scheitern sollten, soll Frankreich die europ&auml;ische W&auml;hrungsunion oder nach einem Referendum die EU selbst verlassen.[8]<br />Bei der 2. Runde der Pr&auml;sidentschaftswahlen in &Ouml;sterreich errang der Kandidat der rechtspopulistischen FP&Ouml; Norbert Hofer in der Wiederholung der Stichwahl am 4. Dezember 2016 mit 2.124.661 Stimmen einen Stimmanteil von 46,21 % der abgegebenen Stimmen und unterlag damit denkbar knapp Alexander Van der&nbsp; Bellen, dem fr&uuml;heren Vorsitzenden der &ouml;sterreichischen Gr&uuml;nen.[9]&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />Bei den Nationalratswahlen am 15. Oktober 2017 wurde die konservative &Ouml;VP unter dem neuen Vorsitzenden und amtierenden Au&szlig;enminister Sebastian Kurz mit 1.595.526 Stimmen und einem Stimmenanteil von 31,47&nbsp;% (2013: 1.125.876 Stimmen &#8211; 23,99 %) st&auml;rkste politische Kraft im &ouml;sterreichischen Bundesparlament. Die FP&Ouml; erzielte mit 1.316.442 Stimmen und einem Stimmenanteil von 25,97 % (2013: 962.313 Stimmen &#8211; 20,51 %) zwar ein nur marginal schlechteres Ergebnis als die SP&Ouml; &#8211; aber in absoluten Stimmzahlen das beste Ergebnis und beim Stimmgewicht nach 1999 (26,91 %) das zweitbeste Ergebnis bei Nationalratswahlen ihrer bisherigen Parteigeschichte. Die Einbu&szlig;en der FP&Ouml; im Vergleich zu Umfragen zu Beginn des Jahres d&uuml;rften nicht zuletzt auch in der &Uuml;bernahme programmatischer Punkte der FP&Ouml;, insbesondere im Bereich der Fl&uuml;chtlings-und Migrationspolitik, durch die &Ouml;VP unter ihren neuen Vorsitzenden eine Ursache haben. Die sogenannte W&auml;hlerstromanalyse f&uuml;r &Ouml;sterreich[10] zeigt, dass die &Ouml;VP besonders Nichtw&auml;hlerInnen mobilisieren konnte &#8211; hier gewann sie 102 000 Stimmen hinzu. Aber auch bei der rechtspopulistischen FP&Ouml; konnte die &Ouml;VP viele Stimmen abgreifen, ebenso wie bei den Gr&uuml;nen. Die FP&Ouml; wiederum konnte bei den Sozialdemokraten viele W&auml;hlerInnen&nbsp;abwerben.<br />Bei den Parlamentswahlen in den Niederlanden am 15. M&auml;rz 2017 errang die offen islamfeindliche Partij voor de Vrijheid des Rechtspopulisten Geert Wilders deutliche Stimmengewichte im Vergleich zur Parlamentswahl 2012: 1.372.941 Stimmen (2012: 950.263) und 13,1 % Stimmanteil (2012: 10,1 %). Die PVV wurde damit zwar zur zweitst&auml;rksten parteipolitischen Kraft in den Niederlanden, blieb aber deutlich hinter den Erfolgserwartungen w&auml;hrend des Wahlkampfes und &#8211; trotz deren Stimmenverlusten &#8211; hinter der liberal-konservativen Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) des niederl&auml;ndischen Ministerpr&auml;sidenten Mark Rutte mit 2.238.351 Stimmen (2012: 2.504.948) und 21,3 % Stimmanteil (2012: 26,6 %) zur&uuml;ck. St&auml;rkste Gewinner bei den Parlamentswahlen waren die gr&uuml;ne Parteien GroenLinks mit einem Gewinn von 6,8 % auf 9,1 % der Stimmen, die linksliberale Partei D66 mit einem Gewinn von 4,2 % auf 12,2 % der Stimmen sowie der christdemokratische CDA mit einem Gewinn von 3,9 % auf 12,4 % der Stimmen.[11] VVD, CDA, D66 und ChristenUnie (3,4 % der Stimmen) bilden seit Oktober 2017 die neue niederl&auml;ndische Regierung.[12]<br />Bei den Parlamentswahlen in Bulgarien am 26. M&auml;rz 2017 errang das rechtspopulistische bis &#8211;extremistische Wahlb&uuml;ndnis Vereinigte Patrioten einen Stimmenanteil von 9,07 % (-2,73 %). Die neue rechtspopulistische Kraft Wolja errang 4,15 % der Stimmen. Die offen EU- und demokratiekritische Bulgarische Sozialistische Partei, die Nachfolgepartei der fr&uuml;heren sozialistischen Staatspartei, konnte ihren Stimmenanteil um 11,80 % auf 27,20 % steigern.[13] Im Nachgang zur Parlamentswahl bildete die dem christdemokratisch-konservativen europ&auml;ischen Parteiverbund EVP angeh&ouml;rige liberal-konservative, pro-europ&auml;ische GERB als st&auml;rkste parlamentarische Kraft (32,65 % der Stimmen) zusammen mit den Vereinigten Patrioten eine von der Wolja-Partei parlamentarisch unterst&uuml;tzte Koalition.<br />In Tschechien gewann bei den Parlamentswahlen am 20. und 21. Oktober 2017 Andrej Babi&#353; mit seiner ANO-Partei fast&nbsp;30&nbsp;% der Stimmen. Der Populist hat in den wenigen Jahren der politischen Existenz seiner Partei mehrere EU-kritische Positionswechsel vollzogen: von pro-EU zu EU-Skepsis, von Zustimmung zur Einwanderung ins alternde und um Arbeitskr&auml;fte ringende Tschechien zur Ablehnung, vom Euro-Bef&uuml;rworter zum&nbsp;Euro-Gegner. Die neue Protestpartei Die Piraten gewann, nicht zuletzt dank Unterst&uuml;tzung junger W&auml;hlerInnen fast 11 % der Stimmen. Die gegen die EU positionierten Kommunisten b&uuml;&szlig;ten zwar erheblich Stimmen ein, sind aber mit 8 % weiterhin stark im Parlament vertreten.&nbsp;Alarmierend bei den Parlamentswahlen in Tschechien ist insbesondere der Erfolg der neuen rechtsradikalen Bewegung Freiheit und direkte Demokratie von Tomio Okamura. Diese Bewegung fordert ein Verbot des Islams und ein Referendum &uuml;ber einen EU-Austritt Tschechiens. &#8222;Nein zum Islam, nein zum Diktat der EU!&#8220; sowie &#8222;Geld den Anst&auml;ndigen, nicht den Parasiten!&#8220; sind nur einige Beispiele ihrer zwischen Populismus und Extremismus chargierenden Slogans. Diese Partei wurde mit 10,6 % und 22 Mandaten viertst&auml;rkste Kraft im tschechischen Parlament.[14] Die einzige Partei, die einen explizit proeurop&auml;ischen Wahlkampf gef&uuml;hrt hatte, die konservative TOP 09 des fr&uuml;heren Au&szlig;enministers Karel Schwarzenberg, schaffte es nur knapp &uuml;ber die F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde.</p>
<p>Eine weitgehende Gemeinsamkeit der j&uuml;ngsten Wahlen ist der Niedergang der sozialdemokratischen Parteienfamilie in Europa.</p>
<p>Bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in Frankreich erreichte der Kandidat der Parti Socialiste&nbsp; Beno&icirc;t Hamon im ersten Wahlgang am 23. April 2017 mit 2.291.288 Stimmen und einem Stimmenanteil von 6,36 % der abgegebenen Stimmen weit abgeschlagen erstmalig in der Geschichte der franz&ouml;sischen Pr&auml;sidentschaftswahlen nur den f&uuml;nften Platz unter den BewerberInnen. Das Debakel f&uuml;r den PS setzte sich bei den anschlie&szlig;enden Parlamentswahlen vor: Dort gewannen KandidatInnen der Parti Socialiste im ersten Wahlgang am 11. Juni 2017 mit 1.685.677 Stimmen nur 7,44 % der abgegebenen Stimmen, im zweiten Wahlgang mit 1.032.842 Stimmen nur noch 5,68 % der abgegebenen Stimmen und damit 30 von 577 Mandaten in der Nationalversammlung. <br />Beim ersten Wahlgang der &ouml;sterreichischen Pr&auml;sidentschaftswahlen errang der Kandidat der SP&Ouml; Rudolf Hundstorfer am 24. April 2016 lediglich 482.790 Stimmen und einen Stimmenanteil von 11,28 %.[15] Erstmalig in der Geschichte der zweiten &ouml;sterreichischen Republik nach 1945 gelang damit einer von der SP&Ouml; unterst&uuml;tzten Person nicht der Einzug zumindest in die zweite Runde der Pr&auml;sidentschaftswahlen.[16] <br />Dieses Debakel (das in vergleichbarer Weise auch die &Ouml;VP erlitt), konnte die SP&Ouml; bei den Nationalratswahlen 2017 nicht ausgleichen: Die SP&Ouml; unter Vorsitz von Bundeskanzler Christian Kern gewann mit 1.361.746 Stimmen einen Stimmanteil von 26,86 % (2013: 1.258.605 Stimmen / 26,82 %) und konnte damit ihren absoluten Stimmenanteil zwar erh&ouml;hen, aber ihr prozentual schlechtestes Ergebnis von 2013 nur marginal verbessern.<br />Den gr&ouml;&szlig;ten Verlust bei den niederl&auml;ndischen Parlamentswahlen erlitt die sozialdemokratische Partij van de Arbeid, die nur noch 5,7 % und damit ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis erreichte &#8211; nachdem sie 2012 mit 24,8 % noch (knapp hinter der VVD) zweitst&auml;rkste parteipolitische Kraft und Regierungspartei geworden war.<br />Den gr&ouml;&szlig;ten Verlust bei den tschechischen Parlamentswahlen erlitt die sozialdemokratische ?SSD, die nur noch 7 % und damit ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis erreichte &#8211; nachdem sie 2013 mit 20,5 % noch Wahlsiegerin gewesen war.</p>
<p>Mit Blick auf die traditionell antinationalistische und proeurop&auml;ische Ausrichtung dieser Parteienfamilie und die Probleme, die mit diesem Niedergang f&uuml;r den demokratischen Diskurs &uuml;ber die Zukunft unserer Gesellschaft verbunden sein k&ouml;nnen, ist auch dieser Entwicklung ein Gef&auml;hrdungspotential f&uuml;r Europa eigen.<br />Einen Ausrei&szlig;er aus diesem Niedergang bildet lediglich die Labour Party unter Vorsitz von Jeremy Corbyn: Sie erhielt bei den vorgezogenen Unterhauswahlen am 8. Juni 2017 40 % der Stimmen (ein Zuwachs von 9,5 %) und konnte die Anzahl ihrer Sitze im Unterhaus, in dem die konservative Premierministerin May nunmehr eine von der nordirischen DUP tolerierte Minderheitsregierung f&uuml;hrt, im Vergleich zur vorherigen Wahl 2015 auf 262 von 650 Abgeordneten (+30) steigern.[17]<br />Soziodemographische Erkenntnisse aus den j&uuml;ngsten Wahlen und Abstimmungen<br />Je &auml;lter W&auml;hlerInnen sind, um so st&auml;rker sind tendenziell EU-kritische Einstellungen aktivierbar.</p>
<p>Beim britischen Referendum zur EU-Mitgliedschaft pr&auml;ferierten &auml;ltere Bev&ouml;lkerungsteile den Brexit, j&uuml;ngere den Verbleib in der EU.[18] Bei den &uuml;ber 65-J&auml;hrigen lag die Zustimmung zum EU-Austritt bei 63 %, bei den 50- bis 64-J&auml;hrigen immerhin noch bei 56 %. Unter den 25-49-J&auml;hrigen waren hingegen 55 % sog. Remainers, bei den 18-24-J&auml;hrigen sogar 80 %.<br />Hinter dem Wahlerfolg von Sebastian Kurz in &Ouml;sterreich steht zwar keine einzelne Bev&ouml;lkerungsgruppe. Allerdings waren seine Zustimmungswerte bei den &uuml;ber 60-J&auml;hrigen mit 36&nbsp;% (Stimmenanteil insgesamt: 31,6 %) am h&ouml;chsten. Bei den bis 29-J&auml;hrigen holte die Partei demgegen&uuml;ber nur 28 %, bei den 30 bis 59-J&auml;hrigen 31 %. Fast spiegelbildlich hierzu stellen sich die Werte bei der FP&Ouml; dar: Diese schnitt bei den bis 29-J&auml;hrigen (bei einem Stimmenanteil von 26 % insgesamt) mit 30 % am besten und bei den &uuml;ber 60-J&auml;hrigen mit 19 % am schlechtesten ab.<br />In einem mehrheitlich EU-kritisch eingestellten gesellschaftlichen Umfeld[19] wurde Andrej Babi&#353; mit seiner Bewegung ANO mit einem Programm, das auf die Priorit&auml;ten&nbsp; &#8222;Sicherheit&#8220;, &#8222;effektiver und wirtschaftlicher Staat&#8220;, &#8222;Investitionen in unser Land&#8220;, &#8222;Investitionen in unsere Leute&#8220; setzte, vor allem von mittleren und &auml;lteren Altersgruppen gew&auml;hlt. Bei den &uuml;ber 60-J&auml;hrigen erzielte er bei einem Gesamt-Stimmenanteil bei den tschechischen Parlamentswahlen von 29,6 % sogar 41 %.[20]<br />Ein disparateres Bild zeigt sich insoweit bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in Frankreich: Die schw&auml;chste Zustimmung erfuhr LePen dort nach Befragungen zwischen erstem und zweitem Wahlgang in der Altersgruppe der 60-69-J&auml;hrigen (30 %) sowie der Altersgruppe der mindestens 70 Jahre alten W&auml;hlerInnen (22 %). Aber auch bei den 18-24-J&auml;hrigen waren die Zustimmungswerte f&uuml;r LePen unterdurchschnittlich (34 %). Diese W&auml;hlergruppe, die in der ersten Runde der Pr&auml;sidentschaftswahlen noch mit relativer Mehrheit Jean-Luc M&eacute;lenchon gew&auml;hlt hatten, &auml;u&szlig;erten in der Befragung kurz vor der Stichwahl mit deutlicher Mehrheit (66 %) die Absicht, Macron zu w&auml;hlen. Die st&auml;rkste Zustimmung erfuhr LePen in der Altersgruppe zwischen 35 und 49 Jahren (43 %).[21] Die &uuml;ber s&auml;mtlichen Bev&ouml;lkerungsgruppen beobachtbaren Einbr&uuml;che in den Zustimmungswerten f&uuml;r LePen d&uuml;rften nicht zuletzt auch in ihrer &uuml;bereinstimmend als wenig sachkundig und pr&auml;sidentiell empfundenen Performance bei dem TV-Duell mit Macron begr&uuml;ndet liegen.[22]</p>
<p>Manches spricht daf&uuml;r, dass &auml;ltere Mitb&uuml;rgerInnen st&auml;rker als j&uuml;ngere in Zeiten tats&auml;chlicher oder&nbsp; vermeintlicher politischer, &ouml;konomischer oder gesellschaftlicher Krisen zu einer nostalgischen &#8222;Kehrtwende ins Gestern&#8220;&nbsp; neigen und unter der Sehnsucht nach der &#8222;guten alten Zeit&#8220; leiden, in der die Dinge noch unilateraler und vor allem &uuml;berschaubarer schienen.[23] J&uuml;ngere Mitb&uuml;rgerinnen, die nur die Zeit der europ&auml;ischen Erweiterung und Vertiefung kennen, k&ouml;nnen sich ein Leben mit Grenzen l&auml;ngst nicht mehr vorstellen.<br />Eine zweite Erkenntnis aus den untersuchten Wahlen: In st&auml;dtischen Milieus sind tendenziell EU-kritische Einstellungen weniger stark verbreitet als in l&auml;ndlichen.</p>
<p>Die W&auml;hlerInnen in den gro&szlig;en britischen St&auml;dten stimmten in vielen F&auml;llen gegen den EU-Austritt. In London waren fast 60 % der W&auml;hler Remainers, in Manchester sogar mehr als 60 %, in Liverpool 58,2 %. In l&auml;ndlichen Regionen wie Yorkshire war demgegen&uuml;ber der Anteil der Brexiteers besonders stark. Im dortigen Wahlbezirk East Lindsey etwa stimmten 71 % und damit nahezu drei Viertel der W&auml;hler f&uuml;r den Brexit. Hier erzielte die UKIP auch in der Vergangenheit gro&szlig;e Erfolge.<br />Befragungen zwischen erstem und zweitem Wahlgang bei der Pr&auml;sidentschaftswahl in Frankreich zufolge war der Anteil von Personen, die LePen w&auml;hlen wollten, in St&auml;dten mit mehr als 100.000 Einwohnern am geringsten, in l&auml;ndlichen Gebieten am h&ouml;chsten.[24]<br />Die proeurop&auml;isch eingestellte tschechische Partei TOP 09 erzielte in Prag mit 13&nbsp;% ihren h&ouml;chsten Stimmenanteil; au&szlig;erhalb der Hauptstadt schnitt sie erheblich schw&auml;cher ab.</p>
<p>Im Hinblick auf die Zukunft des Projekts Europa besonders bedeutsam ist eine dritte Erkenntnis: Bei ArbeiterInnen und Personen mit geringem Bildungs- und Berufsabschluss sind tendenziell EU-kritische Einstellungen st&auml;rker aktivierbar als bei sozial besser gestellten Bev&ouml;lkerungsgruppen mit h&ouml;herem Bildungs- und Berufsabschluss.</p>
<p>In der YouGov-Umfrage vom Juni 2016 sprachen sich unter den Befragten der so genannten &#8222;ABC1&#8220;-Gruppe, die in der britischen Marktforschung die Mitglieder einer der drei h&ouml;chsten sozio&ouml;konomischen Gruppen bezeichnet, 59&nbsp;% klar f&uuml;r einen Verbleib in der EU aus. In der &#8222;C2DE&#8220;-Gruppe der drei niedriger gestellten Schichten votierten hingegen 61&nbsp;% f&uuml;r den Brexit.<br />Befragungen zwischen erstem und zweitem Wahlgang bei der Pr&auml;sidentschaftswahl in Frankreich zufolge verdienen Macron-W&auml;hler mehr Geld als die seiner Kontrahentin. 75 % der Befragten, die im 2. Wahlgang f&uuml;r Macron stimmen wollten, haben in ihrem Haushalt mehr als 3.000 Euro zur Verf&uuml;gung. Befragte mit der Absicht, Le Pen zu w&auml;hlen, sind mit 45 % dagegen am ehesten in der Einkommensgruppe unter 1.250 Euro vertreten.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />Je besser ausgebildet die W&auml;hler waren, desto eher planten sie, Macron zu w&auml;hlen: W&auml;hrend 45 % der W&auml;hlerInnen mit einem geringeren Bildungsabschluss als dem bac, d.h. dem franz&ouml;sischen Abitur, planten, f&uuml;r LePen zu stimmen, waren es bei W&auml;hlerInnen mit mindestens dem bac+3, d.h. W&auml;hlerInnen mit dreij&auml;hrigem Studium und Erwerb der licence, nur 19 %.[25]<br />Wie schon bei fr&uuml;heren Wahlen in &Ouml;sterreich hat die FP&Ouml; auch 2017 unter Arbeitern besonders gut abgeschnitten. Insgesamt gaben hier 59 % ihre Stimme den Freiheitlichen (bei einem Wahlergebnis von 26 %). Die Sozialdemokraten, die klassischen Vertreter der Arbeiter, kamen in dieser Bev&ouml;lkerungsgruppe nur noch auf 19 %.[26]</p>
<p>Dies ist nicht zuletzt auch Ausfluss eines fiskal- und sozialpolitischen Defizits der vertieften europ&auml;ischen Integration &uuml;ber die Vertr&auml;ge von Maastricht und Amsterdam, in der die Balance zwischen Freiheits-, Gleichheits- und Solidarit&auml;tsversprechen zu zerbrechen und das Versprechen auf Wohlstand f&uuml;r alle zur Chim&auml;re zu werden droht.[27] Ein Vergleich zwischen deutscher Wiedervereinigung und europ&auml;ischer Integration belegt insoweit paradigmatisch bemerkenswerte Unterschiede: die deutsche Wiedervereinigung wurde innenpolitisch durch den Abschluss einer Wirtschafts-, W&auml;hrungs- und Sozialunion besiegelt, w&auml;hrend der Euro nur im Rahmen einer Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion eingef&uuml;hrt wurde, bei der schon nominell die soziale Komponente fehlte und die wirtschaftliche Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse in der EU weder vertraglich hinreichend vorgegeben noch im Zeichen der nationalen Pr&auml;gung des politischen Diskurses bei Wahlen erfolgversprechend erscheint.</p>
<p><b>Gefahren f&uuml;r Europa im Lichte der Grundwerte der EU &#8211; eine europarechtliche Einordnung</b></p>
<p>Nicht jede Gegnerschaft zu bisherigen sekund&auml;rrechtlichen Akten der EU, verbunden mit dem Wunsch, diese in unionsrechtskonformer Weise zu &auml;ndern, begr&uuml;ndet eine Gegnerschaft zur EU. Selbst der Wille zur &Auml;nderung von EUV und AEUV als &#8222;Verfassungsurkunden&#8220; der EU begr&uuml;ndet eine solche Gegnerschaft. Die Gegnerschaft geht vielmehr nur mit einer Ablehnung der Grundwerte der EU einher, die nunmehr in Art. 2 EUV verankert sind:<br />&#8222;Die Werte, auf die sich die Union gr&uuml;ndet, sind die Achtung der Menschenw&uuml;rde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschlie&szlig;lich der Rechte der Personen, die Minderheiten angeh&ouml;ren. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarit&auml;t und die Gleichheit von Frauen und M&auml;nnern auszeichnet.&#8220;<br />Es handelt sich hierbei nicht um isoliert der EU eigene Grundwerte. Auch europ&auml;ische Staaten, die (noch) nicht der EU angeh&ouml;rten oder angeh&ouml;ren, wie z.B. die T&uuml;rkei und die damalige UdSSR, aber auch au&szlig;ereurop&auml;ische Staaten wie Kanada und die USA, haben sich mit der &#8222;Charta von Paris f&uuml;r ein neues Europa&#8220;[28] als Schlussdokument der&nbsp;KSZE-Sondergipfelkonferenz am 21. November 1990 kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands auf Grundwerte verst&auml;ndigt, die mit denen des Art. 2 EUV im Wesentlichen deckungsgleich sind. Dies gilt nicht zuletzt f&uuml;r das Bekenntnis zu Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Auch f&uuml;r die Nicht-EU-Mitgliedstaaten T&uuml;rkei und Russische F&ouml;deration beansprucht diese Charta fortdauernde Geltung.<br />Nicht jede Verletzung eines der vorgenannten Grundwerte begr&uuml;ndet eine Gegnerschaft zu Europa. Dies ist &#8211; in Anlehnung an Art. 7 EUV &#8211; nur bei einer nachhaltigen Ablehnung dieser Grundwerte der Fall, insbesondere dann, wenn sich diese qualifizierte Gegnerschaft in einer staatlichen wiederholten Verletzung dieser Werte &auml;u&szlig;ert.[29]<br />Eine solche nachhaltige Ablehnung stellt es z.B. dar, wenn die FP&Ouml; in ihrem Wahlprogramm zur Nationalratswahl 2017 ausschlie&szlig;lich &ouml;sterreichische Staatsb&uuml;rger in den Genuss ihrer &#8222;Forderungen zur Beseitigung der Fairness-Krise&#8220; gelangen lassen will, die EMRK durch eine &#8222;&Ouml;sterreichische Menschenrechtskonvention&#8220;, &#8222;die auch das Heimatrecht der &Ouml;sterreicher sch&uuml;tzt&#8220;, ersetzen will, und eine &#8222;sektorale Schlie&szlig;ung des &ouml;sterreichischen Arbeitsmarktes f&uuml;r EU-Ausl&auml;nder und Drittstaatsangeh&ouml;rige zum Schutz heimischer Arbeitnehmer&#8220; fordert.[30] <br />Eine besondere Gef&auml;hrdungslage f&uuml;r Europa &#8211; Einschr&auml;nkungen der Freiheit und Missachtung der Verantwortung der Medien<br />Als Karl F&uuml;rst zu Schwarzenberg, der fr&uuml;here tschechische Au&szlig;enminister, gefragt wurde, was denn der gr&ouml;&szlig;te Konstruktionsfehler bei der Osterweiterung der Europ&auml;ischen Union w&auml;re, wies er auf die fehlende Unabh&auml;ngigkeit der Justiz hin. Das ist richtig, greift aber zu kurz. Denn die Freiheit der Medien ist genauso wichtig f&uuml;r eine demokratische Gesellschaft.[31] Aber die EU wird nicht nur durch einen zunehmenden Zugriff staatlicher Stellen auf die Medien sowie durch die Ballung von politischer und medialer Macht bedroht.[32] In nennenswertem Umfang erfolgt eine solche Gef&auml;hrdung bereits heute auch durch Hass und Fake News in sozialen Netzwerken. Um Gefahren f&uuml;r das Projekt Europa im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung nachhaltig abwehren und eind&auml;mmen zu k&ouml;nnen, bedarf es deshalb auch einer werteorientierten Kommunikationsordnung, die das Internet nicht als de facto unregulierbaren Raum toleriert, sondern den Jugendschutz und den Schutz der Menschenw&uuml;rde auch digital ernst nimmt. <br />Die geplante Digitalunion[33] ist insoweit ein wichtiger, aber noch nicht hinreichender Schritt. Zur Selbstbehauptung Europas braucht es auch den Mut, gegen au&szlig;ereurop&auml;ische Intermedi&auml;re wie Google oder Facebook europ&auml;ische Konkurrenten in Stellung zu bringen. Nur mit einer digitalen Industriepolitik Europas beh&auml;lt es seine Wettbewerbsf&auml;higkeit, ohne die seine soziale Dimension nicht ausbaubar ist.&nbsp; Auch Kleinm&uuml;tigkeit stellt deshalb eine Gefahr f&uuml;r ein demokratisches, freies, solidarisches und soziales Europa dar.</p>
<p><b>DR.&nbsp;J&Ouml;RG UKROW</b>&nbsp;&nbsp; <i>war viele Jahre lang Rundfunkreferent in der Saarl&auml;ndischen Staatskanzlei sowie als Lehrbeauftragter am Europa-Institut, Sektion Rechtswissenschaft t&auml;tig. Seit 2011 ist er Landesvorsitzender der Europa-Union Saar sowie seit diesem Jahr gesch&auml;ftsf&uuml;hrendes Vorstandsmitglied des Instituts f&uuml;r Europ&auml;isches Medienrecht (EMR).</i></p>
<h5>Anmerkungen:<br /></h5>
<p>1 Vgl. Krastev, Europad&auml;mmerung, 2017, S. 129 f.</p>
<p>2 TINA = There is no alternative.</p>
<p>3 Vgl. <i>Juncker</i>, Rede zur Lage der Union 2017, <a href="http://europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-17-3165_de.htm" target="_blank" rel="noopener">http://europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-17-3165_de.htm</a>; Report by President Donald Tusk to the European Parliament on October European Council meetings and presentation of the Leaders&#8216; Agenda, <a href="http://www.european-council.europa.eu/en/press/press-releases/2017/10/24/tusk-report-european-parliament-strasbourg/pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.european-council.europa.eu/en/press/press-releases/2017/10/24/tusk-report-european-parliament-strasbourg/pdf</a></p>
<p>4 Vgl. insbesondere die Europa-Rede des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten <i>Macron </i>am 26. September 2017 <a href="http://www.elysee.fr/declarations/article/initiative-pour-l-europe-discours-d-emmanuelmacron-pour-une-europe-souveraine-unie-democratique/" target="_blank" rel="noopener">http://www.elysee.fr/declarations/article/initiative-pour-l-europe-discours-d-emmanuelmacron-pour-une-europe-souveraine-unie-democratique/</a></p>
<p>5 Zu einer solchen Dystopie vgl. <i>Ukrow</i>, W&auml;chst Europa an seinen rechtspopulistischen Feinden? Vorg&auml;nge Nr. 216 (4/2016), S. 47 ff.</p>
<p>6 Vgl. <a href="https://www.interieur.gouv.fr/Elections/Les-resultats/Presidentielles/elecresult__presidentielle-2017/%28path%29/presidentielle-2017/FE.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.interieur.gouv.fr/Elections/Les-resultats/Presidentielles/elecresult__presidentielle-2017/(path)/presidentielle-2017/FE.html</a></p>
<p>7 Vgl. <a href="https://www.interieur.gouv.fr/Elections/Les-resultats/Legislatives/elecresult__legislatives-2017/%28path%29/legislatives-2017/FE.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.interieur.gouv.fr/Elections/Les-resultats/Legislatives/elecresult__legislatives-2017/(path)/legislatives-2017/FE.html</a>. Der Front National scheint seit den Pr&auml;sidentschafts- und Parlamentswahlen in eine versch&auml;rfte innerparteiliche Krise zu geraten; vgl. <a href="https://www.eurotopics.net/de/186557/schwaecht-machtkampf-den-front-national" target="_blank" rel="noopener">https://www.eurotopics.net/de/186557/schwaecht-machtkampf-den-front-national</a>.</p>
<p>8 Vgl. <a href="http://melenchon.fr/2016/09/23/plan-b-continue-chemin/" target="_blank" rel="noopener">melenchon.fr/2016/09/23/plan-b-continue-chemin/</a> sowie z.B. <i>Rousset/Mazuir</i>, Jean-Luc M&eacute;lenchon : son r&eacute;sultat &agrave; la pr&eacute;sidentielle, son parcours, son programme, <a href="https://www.lesechos.fr/elections/dossiers/0211690187738/0211690187738-presidentielle-2017-jean-luc-melenchon-sa-campagne-son-projet-2057500.php#DGRlqRvtEWYYqjoB.99" target="_blank" rel="noopener">https://www.lesechos.fr/elections/dossiers/0211690187738/0211690187738-presidentielle-2017-jean-luc-melenchon-sa-campagne-son-projet-2057500.php#DGRlqRvtEWYYqjoB.99</a></p>
<p>9 Vgl. <a href="http://www.bmi.gv.at/412/Bundespraesidentenwahlen/Bundespraesidentenwahl_2016/files/Kundmachung_BWB_BPW16_Ergebnis_2WG_WH.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.bmi.gv.at/412/Bundespraesidentenwahlen/Bundespraesidentenwahl_2016/files/Kundmachung_BWB_BPW16_Ergebnis_2WG_WH.pdf</a></p>
<p>10 Vgl. <a href="http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/waehlerstromanalysen/nrw17.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/waehlerstromanalysen/nrw17.html</a></p>
<p>11 Vgl. <a href="https://www.kiesraad.nl/adviezen-en-publicaties/rapporten/2017/3/kerngegevens-tweedekamerverkiezing-2017/kerngegevens-tweede-kamerverkiezing-2017" target="_blank" rel="noopener">https://www.kiesraad.nl/adviezen-en-publicaties/rapporten/2017/3/kerngegevens-tweedekamerverkiezing-2017/kerngegevens-tweede-kamerverkiezing-2017</a></p>
<p>12 <a href="https://www.heise.de/tp/features/Niederlande-Viererkoalition-aus-Wirtschaftsliberalen-Linksliberalen-Katholiken-und-Kalvinisten-3856203.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.heise.de/tp/features/Niederlande-Viererkoalition-aus-Wirtschaftsliberalen-Linksliberalen-Katholiken-und-Kalvinisten-3856203.html</a></p>
<p>13 Vgl. <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/bulgarien-populisten-dominieren-bei-wahl-im-aermsten-eu-land-a-1140110.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.spiegel.de/politik/ausland/bulgarien-populisten-dominieren-bei-wahl-im-aermsten-eu-land-a-1140110.html</a></p>
<p>14 Vgl. <i>Hassel</i>, Tschechien r&uuml;ckt nach rechts, SZ v. 23.10.2017, S. 1; <i>van de Rakt</i>, Nach der Wahl in Tschechien: Das Ende der liberalen Demokratie in &#8222;Osteuropa&#8220;?, <a href="https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl" target="_blank" rel="noopener">https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl</a></p>
<p>15 Vgl. <a href="http://wahl16.bmi.gv.at/1604-0.html" target="_blank" rel="noopener">wahl16.bmi.gv.at/1604-0.html</a></p>
<p>16 Vgl. <a href="http://www.bmi.gv.at/412/Bundespraesidentenwahlen/Historischer_Rueckblick.aspx" target="_blank" rel="noopener">www.bmi.gv.at/412/Bundespraesidentenwahlen/Historischer_Rueckblick.aspx</a></p>
<p>17 Vgl. <a href="http://researchbriefings.parliament.uk/ResearchBriefing/Summary/CBP-7979#fullreport" target="_blank" rel="noopener">researchbriefings.parliament.uk/ResearchBriefing/Summary/CBP-7979</a></p>
<p>18 Beim Brexit-Referendum wurden keine umfassenden Nachwahlbefragungen durchgef&uuml;hrt. Pr&auml;zise Daten zur W&auml;hlerstruktur und dem Abstimmverhalten gibt es deshalb nicht, wohl aber Hinweise durch Umfragen bei insgesamt 3766 W&auml;hlern des britischen Meinungsforschungsinstitut YouGov und der Zeitung &#8222;The Times&#8220; vom 20. bis 22. Juni 2016 kurz vor dem Referendum.</p>
<p>19 In einer Umfrage der Forschungsabteilung des Soziologischen Instituts CVVM gaben im Sommer 2017 nur 56 % der Befragten an, dass sie der EU-Mitgliedschaft des Landes zustimmen. 76 % meinten, dass Tschechien nicht ausreichend Einfluss auf Entscheidungen und Verhandlungen in der EU habe. Vgl. <i>van de Rakt</i>, Nach der Wahl in Tschechien: Das Ende der liberalen Demokratie in &#8222;Osteuropa&#8220;?, <a href="https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl" target="_blank" rel="noopener">https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl</a></p>
<p>20 Vgl. van de Rakt, Nach der Wahl in Tschechien: Das Ende der liberalen Demokratie in &#8222;Osteuropa&#8220;? <a href="https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl." rel="nofollow noopener">https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl.</a></p>
<p>21 Vgl. <a href="https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-qui-vote-macron-qui-vote-lepen" rel="nofollow noopener">https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-qui-vote-macron-qui-vote-lepen</a></p>
<p>22 Vgl. hierzu z.B. <a href="https://www.theguardian.com/world/2017/may/04/french-election-marine-lepen-and-emmanuel-macron-trade-insults-in-tv-debate" target="_blank" rel="noopener">https://www.theguardian.com/world/2017/may/04/french-election-marine-lepen-and-emmanuel-macron-trade-insults-in-tv-debate</a></p>
<p>23 Vgl. hierzu Bauman, Retrotopia, 2017, S. 15</p>
<p>24 L&auml;ndliche Gebiete: 43 % LePen &#8211; 57 % Macron; St&auml;dte mit 100.000 Einwohnern und Gro&szlig;raum Paris 28 % LePen &#8211; 72 % Macron; vgl. <a href="https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-quivote-macron-qui-vote-le-pen" target="_blank" rel="noopener">https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-quivote-macron-qui-vote-le-pen</a>.</p>
<p>25 Vgl. <a href="https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-qui-vote-macron-qui-vote-lepen." rel="nofollow noopener">https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-qui-vote-macron-qui-vote-lepen.</a></p>
<p>26 Vgl. <i>Brunner/Moscovici</i>, Wer in &Ouml;sterreich wen gew&auml;hlt hat, <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/waehlergruppen-breite-basis-fuer-kurz-1.3710242" target="_blank" rel="noopener">http://www.sueddeutsche.de/politik/waehlergruppen-breite-basis-fuer-kurz-1.3710242</a>.</p>
<p>27 Vgl. <i>Gu&eacute;rot</i>, Der neue B&uuml;rgerkrieg, 2017, S. 23 ff.</p>
<p>28 Vgl. <a href="http://www.bundestag.de/blob/189558/21543d1184c1f627412a3426e86a97cd/charta-data.pdf" target="_blank" rel="noopener">www.bundestag.de/blob/189558/21543d1184c1f627412a3426e86a97cd/charta-data.pdf</a></p>
<p>29 Die Bedeutung dieser nicht zuletzt auch grundrechtlichen Komponente des europ&auml;ischen Grundwerte-Kanons hat der &ouml;sterreichische Bundespr&auml;sident Van der Bellen anl&auml;sslich der Beauftragung des Vorsitzenden der &Ouml;VP, Sebastian Kurz, mit der Regierungsbildung in &Ouml;sterreich am 20. Oktober 2017 unterstrichen; vgl. <a href="http://www.bundespraesident.at/newsdetail/artikel/erklaerung-desbundespraesidenten-zum-regierungsbildungsauftrag-an-sebastian-kurz/" target="_blank" rel="noopener">http://www.bundespraesident.at/newsdetail/artikel/erklaerung-desbundespraesidenten-zum-regierungsbildungsauftrag-an-sebastian-kurz/</a></p>
<p>30 Vgl. <a href="https://www.fpoe.at/fileadmin/user_upload/www.fpoe.at/dokumente/2017/Wahlprogramm2017/Wahlprogramm_8_9_low.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://www.fpoe.at/fileadmin/user_upload/www.fpoe.at/dokumente/2017/Wahlprogramm2017/Wahlprogramm_8_9_low.pdf</a>.</p>
<p>31 Vgl. <i>Siebenhaar</i>, Verteidiger der Demokratie gesucht, <a href="http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-verteidiger-der-demokratie-gesucht-/20490666.html." target="_blank" rel="noopener">http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-verteidiger-der-demokratie-gesucht-/20490666.html.</a></p>
<p>32 So ist z.B. der Aufstieg von <i>Andrej Babi&#353; </i>ohne sein Medienimperium kaum vorstellbar. Vgl. <i>Siebenhaar</i>,Verteidiger der Demokratie gesucht, <a href="http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-verteidiger-der-demokratie-gesucht-/20490666.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-verteidiger-der-demokratie-gesucht-/20490666.html</a>.</p>
<p>33 Vgl. <a href="http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/mariya-gabriel-im-interview-kein-europaeisches-google-15266391.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0" target="_blank" rel="noopener">http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/mariya-gabriel-im-interview-kein-europaeisches-google-15266391.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0</a>.</p>
<p><b>DR.&nbsp;J&Ouml;RG UKROW</b>&nbsp;&nbsp; <i>war viele Jahre lang Rundfunkreferent in der Saarl&auml;ndischen Staatskanzlei sowie als Lehrbeauftragter am Europa-Institut, Sektion Rechtswissenschaft t&auml;tig. Seit 2011 ist er Landesvorsitzender der Europa-Union Saar sowie seit diesem Jahr gesch&auml;ftsf&uuml;hrendes Vorstandsmitglied des Instituts f&uuml;r Europ&auml;isches Medienrecht (EMR).</i></p>
<h5>Anmerkungen:<br /></h5>
<p>1 Vgl. Krastev, Europad&auml;mmerung, 2017, S. 129 f.</p>
<p>2 TINA = There is no alternative.</p>
<p>3 Vgl. <i>Juncker</i>, Rede zur Lage der Union 2017, <a href="http://europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-17-3165_de.htm" target="_blank" rel="noopener">http://europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-17-3165_de.htm</a>; Report by President Donald Tusk to the European Parliament on October European Council meetings and presentation of the Leaders&#8216; Agenda, <a href="http://www.european-council.europa.eu/en/press/press-releases/2017/10/24/tusk-report-european-parliament-strasbourg/pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.european-council.europa.eu/en/press/press-releases/2017/10/24/tusk-report-european-parliament-strasbourg/pdf</a></p>
<p>4 Vgl. insbesondere die Europa-Rede des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten <i>Macron </i>am 26. September 2017 <a href="http://www.elysee.fr/declarations/article/initiative-pour-l-europe-discours-d-emmanuelmacron-pour-une-europe-souveraine-unie-democratique/" target="_blank" rel="noopener">http://www.elysee.fr/declarations/article/initiative-pour-l-europe-discours-d-emmanuelmacron-pour-une-europe-souveraine-unie-democratique/</a></p>
<p>5 Zu einer solchen Dystopie vgl. <i>Ukrow</i>, W&auml;chst Europa an seinen rechtspopulistischen Feinden? Vorg&auml;nge Nr. 216 (4/2016), S. 47 ff.</p>
<p>6 Vgl. <a href="https://www.interieur.gouv.fr/Elections/Les-resultats/Presidentielles/elecresult__presidentielle-2017/%28path%29/presidentielle-2017/FE.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.interieur.gouv.fr/Elections/Les-resultats/Presidentielles/elecresult__presidentielle-2017/(path)/presidentielle-2017/FE.html</a></p>
<p>7 Vgl. <a href="https://www.interieur.gouv.fr/Elections/Les-resultats/Legislatives/elecresult__legislatives-2017/%28path%29/legislatives-2017/FE.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.interieur.gouv.fr/Elections/Les-resultats/Legislatives/elecresult__legislatives-2017/(path)/legislatives-2017/FE.html</a>. Der Front National scheint seit den Pr&auml;sidentschafts- und Parlamentswahlen in eine versch&auml;rfte innerparteiliche Krise zu geraten; vgl. <a href="https://www.eurotopics.net/de/186557/schwaecht-machtkampf-den-front-national" target="_blank" rel="noopener">https://www.eurotopics.net/de/186557/schwaecht-machtkampf-den-front-national</a>.</p>
<p>8 Vgl. <a href="http://melenchon.fr/2016/09/23/plan-b-continue-chemin/" target="_blank" rel="noopener">melenchon.fr/2016/09/23/plan-b-continue-chemin/</a> sowie z.B. <i>Rousset/Mazuir</i>, Jean-Luc M&eacute;lenchon : son r&eacute;sultat &agrave; la pr&eacute;sidentielle, son parcours, son programme, <a href="https://www.lesechos.fr/elections/dossiers/0211690187738/0211690187738-presidentielle-2017-jean-luc-melenchon-sa-campagne-son-projet-2057500.php#DGRlqRvtEWYYqjoB.99" target="_blank" rel="noopener">https://www.lesechos.fr/elections/dossiers/0211690187738/0211690187738-presidentielle-2017-jean-luc-melenchon-sa-campagne-son-projet-2057500.php#DGRlqRvtEWYYqjoB.99</a></p>
<p>9 Vgl. <a href="http://www.bmi.gv.at/412/Bundespraesidentenwahlen/Bundespraesidentenwahl_2016/files/Kundmachung_BWB_BPW16_Ergebnis_2WG_WH.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.bmi.gv.at/412/Bundespraesidentenwahlen/Bundespraesidentenwahl_2016/files/Kundmachung_BWB_BPW16_Ergebnis_2WG_WH.pdf</a></p>
<p>10 Vgl. <a href="http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/waehlerstromanalysen/nrw17.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/waehlerstromanalysen/nrw17.html</a></p>
<p>11 Vgl. <a href="https://www.kiesraad.nl/adviezen-en-publicaties/rapporten/2017/3/kerngegevens-tweedekamerverkiezing-2017/kerngegevens-tweede-kamerverkiezing-2017" target="_blank" rel="noopener">https://www.kiesraad.nl/adviezen-en-publicaties/rapporten/2017/3/kerngegevens-tweedekamerverkiezing-2017/kerngegevens-tweede-kamerverkiezing-2017</a></p>
<p>12 <a href="https://www.heise.de/tp/features/Niederlande-Viererkoalition-aus-Wirtschaftsliberalen-Linksliberalen-Katholiken-und-Kalvinisten-3856203.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.heise.de/tp/features/Niederlande-Viererkoalition-aus-Wirtschaftsliberalen-Linksliberalen-Katholiken-und-Kalvinisten-3856203.html</a></p>
<p>13 Vgl. <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/bulgarien-populisten-dominieren-bei-wahl-im-aermsten-eu-land-a-1140110.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.spiegel.de/politik/ausland/bulgarien-populisten-dominieren-bei-wahl-im-aermsten-eu-land-a-1140110.html</a></p>
<p>14 Vgl. <i>Hassel</i>, Tschechien r&uuml;ckt nach rechts, SZ v. 23.10.2017, S. 1; <i>van de Rakt</i>, Nach der Wahl in Tschechien: Das Ende der liberalen Demokratie in &#8222;Osteuropa&#8220;?, <a href="https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl" target="_blank" rel="noopener">https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl</a></p>
<p>15 Vgl. <a href="http://wahl16.bmi.gv.at/1604-0.html" target="_blank" rel="noopener">wahl16.bmi.gv.at/1604-0.html</a></p>
<p>16 Vgl. <a href="http://www.bmi.gv.at/412/Bundespraesidentenwahlen/Historischer_Rueckblick.aspx" target="_blank" rel="noopener">www.bmi.gv.at/412/Bundespraesidentenwahlen/Historischer_Rueckblick.aspx</a></p>
<p>17 Vgl. <a href="http://researchbriefings.parliament.uk/ResearchBriefing/Summary/CBP-7979#fullreport" target="_blank" rel="noopener">researchbriefings.parliament.uk/ResearchBriefing/Summary/CBP-7979</a></p>
<p>18 Beim Brexit-Referendum wurden keine umfassenden Nachwahlbefragungen durchgef&uuml;hrt. Pr&auml;zise Daten zur W&auml;hlerstruktur und dem Abstimmverhalten gibt es deshalb nicht, wohl aber Hinweise durch Umfragen bei insgesamt 3766 W&auml;hlern des britischen Meinungsforschungsinstitut YouGov und der Zeitung &#8222;The Times&#8220; vom 20. bis 22. Juni 2016 kurz vor dem Referendum.</p>
<p>19 In einer Umfrage der Forschungsabteilung des Soziologischen Instituts CVVM gaben im Sommer 2017 nur 56 % der Befragten an, dass sie der EU-Mitgliedschaft des Landes zustimmen. 76 % meinten, dass Tschechien nicht ausreichend Einfluss auf Entscheidungen und Verhandlungen in der EU habe. Vgl. <i>van de Rakt</i>, Nach der Wahl in Tschechien: Das Ende der liberalen Demokratie in &#8222;Osteuropa&#8220;?, <a href="https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl" target="_blank" rel="noopener">https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl</a></p>
<p>20 Vgl. van de Rakt, Nach der Wahl in Tschechien: Das Ende der liberalen Demokratie in &#8222;Osteuropa&#8220;? <a href="https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl." rel="nofollow noopener">https://www.boell.de/de/2017/10/26/tschechien-nach-der-wahl.</a></p>
<p>21 Vgl. <a href="https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-qui-vote-macron-qui-vote-lepen" rel="nofollow noopener">https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-qui-vote-macron-qui-vote-lepen</a></p>
<p>22 Vgl. hierzu z.B. <a href="https://www.theguardian.com/world/2017/may/04/french-election-marine-lepen-and-emmanuel-macron-trade-insults-in-tv-debate" target="_blank" rel="noopener">https://www.theguardian.com/world/2017/may/04/french-election-marine-lepen-and-emmanuel-macron-trade-insults-in-tv-debate</a></p>
<p>23 Vgl. hierzu Bauman, Retrotopia, 2017, S. 15</p>
<p>24 L&auml;ndliche Gebiete: 43 % LePen &#8211; 57 % Macron; St&auml;dte mit 100.000 Einwohnern und Gro&szlig;raum Paris 28 % LePen &#8211; 72 % Macron; vgl. <a href="https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-quivote-macron-qui-vote-le-pen" target="_blank" rel="noopener">https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-quivote-macron-qui-vote-le-pen</a>.</p>
<p>25 Vgl. <a href="https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-qui-vote-macron-qui-vote-lepen." rel="nofollow noopener">https://www.franceculture.fr/politique/age-diplome-revenus-qui-vote-macron-qui-vote-lepen.</a></p>
<p>26 Vgl. <i>Brunner/Moscovici</i>, Wer in &Ouml;sterreich wen gew&auml;hlt hat, <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/waehlergruppen-breite-basis-fuer-kurz-1.3710242" target="_blank" rel="noopener">http://www.sueddeutsche.de/politik/waehlergruppen-breite-basis-fuer-kurz-1.3710242</a>.</p>
<p>27 Vgl. <i>Gu&eacute;rot</i>, Der neue B&uuml;rgerkrieg, 2017, S. 23 ff.</p>
<p>28 Vgl. <a href="http://www.bundestag.de/blob/189558/21543d1184c1f627412a3426e86a97cd/charta-data.pdf" target="_blank" rel="noopener">www.bundestag.de/blob/189558/21543d1184c1f627412a3426e86a97cd/charta-data.pdf</a></p>
<p>29 Die Bedeutung dieser nicht zuletzt auch grundrechtlichen Komponente des europ&auml;ischen Grundwerte-Kanons hat der &ouml;sterreichische Bundespr&auml;sident Van der Bellen anl&auml;sslich der Beauftragung des Vorsitzenden der &Ouml;VP, Sebastian Kurz, mit der Regierungsbildung in &Ouml;sterreich am 20. Oktober 2017 unterstrichen; vgl. <a href="http://www.bundespraesident.at/newsdetail/artikel/erklaerung-desbundespraesidenten-zum-regierungsbildungsauftrag-an-sebastian-kurz/" target="_blank" rel="noopener">http://www.bundespraesident.at/newsdetail/artikel/erklaerung-desbundespraesidenten-zum-regierungsbildungsauftrag-an-sebastian-kurz/</a></p>
<p>30 Vgl. <a href="https://www.fpoe.at/fileadmin/user_upload/www.fpoe.at/dokumente/2017/Wahlprogramm2017/Wahlprogramm_8_9_low.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://www.fpoe.at/fileadmin/user_upload/www.fpoe.at/dokumente/2017/Wahlprogramm2017/Wahlprogramm_8_9_low.pdf</a>.</p>
<p>31 Vgl. <i>Siebenhaar</i>, Verteidiger der Demokratie gesucht, <a href="http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-verteidiger-der-demokratie-gesucht-/20490666.html." target="_blank" rel="noopener">http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-verteidiger-der-demokratie-gesucht-/20490666.html.</a></p>
<p>32 So ist z.B. der Aufstieg von <i>Andrej Babi&#353; </i>ohne sein Medienimperium kaum vorstellbar. Vgl. <i>Siebenhaar</i>,Verteidiger der Demokratie gesucht, <a href="http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-verteidiger-der-demokratie-gesucht-/20490666.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-verteidiger-der-demokratie-gesucht-/20490666.html</a>.</p>
<p>33 Vgl. <a href="http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/mariya-gabriel-im-interview-kein-europaeisches-google-15266391.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0" target="_blank" rel="noopener">http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/mariya-gabriel-im-interview-kein-europaeisches-google-15266391.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0</a>.</p>
<p>Eine weitgehende Gemeinsamkeit der j&uuml;ngsten Wahlen ist der Niedergang der sozialdemokratischen Parteienfamilie in Europa.</p>
<p>Bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in Frankreich erreichte der Kandidat der Parti Socialiste&nbsp; Beno&icirc;t Hamon im ersten Wahlgang am 23. April 2017 mit 2.291.288 Stimmen und einem Stimmenanteil von 6,36 % der abgegebenen Stimmen weit abgeschlagen erstmalig in der Geschichte der franz&ouml;sischen Pr&auml;sidentschaftswahlen nur den f&uuml;nften Platz unter den BewerberInnen. Das Debakel f&uuml;r den PS setzte sich bei den anschlie&szlig;enden Parlamentswahlen vor: Dort gewannen KandidatInnen der Parti Socialiste im ersten Wahlgang am 11. Juni 2017 mit 1.685.677 Stimmen nur 7,44 % der abgegebenen Stimmen, im zweiten Wahlgang mit 1.032.842 Stimmen nur noch 5,68 % der abgegebenen Stimmen und damit 30 von 577 Mandaten in der Nationalversammlung. <br />Beim ersten Wahlgang der &ouml;sterreichischen Pr&auml;sidentschaftswahlen errang der Kandidat der SP&Ouml; Rudolf Hundstorfer am 24. April 2016 lediglich 482.790 Stimmen und einen Stimmenanteil von 11,28 %.[15] Erstmalig in der Geschichte der zweiten &ouml;sterreichischen Republik nach 1945 gelang damit einer von der SP&Ouml; unterst&uuml;tzten Person nicht der Einzug zumindest in die zweite Runde der Pr&auml;sidentschaftswahlen.[16] <br />Dieses Debakel (das in vergleichbarer Weise auch die &Ouml;VP erlitt), konnte die SP&Ouml; bei den Nationalratswahlen 2017 nicht ausgleichen: Die SP&Ouml; unter Vorsitz von Bundeskanzler Christian Kern gewann mit 1.361.746 Stimmen einen Stimmanteil von 26,86 % (2013: 1.258.605 Stimmen / 26,82 %) und konnte damit ihren absoluten Stimmenanteil zwar erh&ouml;hen, aber ihr prozentual schlechtestes Ergebnis von 2013 nur marginal verbessern.<br />Den gr&ouml;&szlig;ten Verlust bei den niederl&auml;ndischen Parlamentswahlen erlitt die sozialdemokratische Partij van de Arbeid, die nur noch 5,7 % und damit ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis erreichte &#8211; nachdem sie 2012 mit 24,8 % noch (knapp hinter der VVD) zweitst&auml;rkste parteipolitische Kraft und Regierungspartei geworden war.<br />Den gr&ouml;&szlig;ten Verlust bei den tschechischen Parlamentswahlen erlitt die sozialdemokratische ?SSD, die nur noch 7 % und damit ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis erreichte &#8211; nachdem sie 2013 mit 20,5 % noch Wahlsiegerin gewesen war.</p>
<p>Mit Blick auf die traditionell antinationalistische und proeurop&auml;ische Ausrichtung dieser Parteienfamilie und die Probleme, die mit diesem Niedergang f&uuml;r den demokratischen Diskurs &uuml;ber die Zukunft unserer Gesellschaft verbunden sein k&ouml;nnen, ist auch dieser Entwicklung ein Gef&auml;hrdungspotential f&uuml;r Europa eigen.<br />Einen Ausrei&szlig;er aus diesem Niedergang bildet lediglich die Labour Party unter Vorsitz von Jeremy Corbyn: Sie erhielt bei den vorgezogenen Unterhauswahlen am 8. Juni 2017 40 % der Stimmen (ein Zuwachs von 9,5 %) und konnte die Anzahl ihrer Sitze im Unterhaus, in dem die konservative Premierministerin May nunmehr eine von der nordirischen DUP tolerierte Minderheitsregierung f&uuml;hrt, im Vergleich zur vorherigen Wahl 2015 auf 262 von 650 Abgeordneten (+30) steigern.[17]<br />Soziodemographische Erkenntnisse aus den j&uuml;ngsten Wahlen und Abstimmungen<br />Je &auml;lter W&auml;hlerInnen sind, um so st&auml;rker sind tendenziell EU-kritische Einstellungen aktivierbar.</p>
<p>Beim britischen Referendum zur EU-Mitgliedschaft pr&auml;ferierten &auml;ltere Bev&ouml;lkerungsteile den Brexit, j&uuml;ngere den Verbleib in der EU.[18] Bei den &uuml;ber 65-J&auml;hrigen lag die Zustimmung zum EU-Austritt bei 63 %, bei den 50- bis 64-J&auml;hrigen immerhin noch bei 56 %. Unter den 25-49-J&auml;hrigen waren hingegen 55 % sog. Remainers, bei den 18-24-J&auml;hrigen sogar 80 %.<br />Hinter dem Wahlerfolg von Sebastian Kurz in &Ouml;sterreich steht zwar keine einzelne Bev&ouml;lkerungsgruppe. Allerdings waren seine Zustimmungswerte bei den &uuml;ber 60-J&auml;hrigen mit 36&nbsp;% (Stimmenanteil insgesamt: 31,6 %) am h&ouml;chsten. Bei den bis 29-J&auml;hrigen holte die Partei demgegen&uuml;ber nur 28 %, bei den 30 bis 59-J&auml;hrigen 31 %. Fast spiegelbildlich hierzu stellen sich die Werte bei der FP&Ouml; dar: Diese schnitt bei den bis 29-J&auml;hrigen (bei einem Stimmenanteil von 26 % insgesamt) mit 30 % am besten und bei den &uuml;ber 60-J&auml;hrigen mit 19 % am schlechtesten ab.<br />In einem mehrheitlich EU-kritisch eingestellten gesellschaftlichen Umfeld[19] wurde Andrej Babi&#353; mit seiner Bewegung ANO mit einem Programm, das auf die Priorit&auml;ten&nbsp; &#8222;Sicherheit&#8220;, &#8222;effektiver und wirtschaftlicher Staat&#8220;, &#8222;Investitionen in unser Land&#8220;, &#8222;Investitionen in unsere Leute&#8220; setzte, vor allem von mittleren und &auml;lteren Altersgruppen gew&auml;hlt. Bei den &uuml;ber 60-J&auml;hrigen erzielte er bei einem Gesamt-Stimmenanteil bei den tschechischen Parlamentswahlen von 29,6 % sogar 41 %.[20]<br />Ein disparateres Bild zeigt sich insoweit bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in Frankreich: Die schw&auml;chste Zustimmung erfuhr LePen dort nach Befragungen zwischen erstem und zweitem Wahlgang in der Altersgruppe der 60-69-J&auml;hrigen (30 %) sowie der Altersgruppe der mindestens 70 Jahre alten W&auml;hlerInnen (22 %). Aber auch bei den 18-24-J&auml;hrigen waren die Zustimmungswerte f&uuml;r LePen unterdurchschnittlich (34 %). Diese W&auml;hlergruppe, die in der ersten Runde der Pr&auml;sidentschaftswahlen noch mit relativer Mehrheit Jean-Luc M&eacute;lenchon gew&auml;hlt hatten, &auml;u&szlig;erten in der Befragung kurz vor der Stichwahl mit deutlicher Mehrheit (66 %) die Absicht, Macron zu w&auml;hlen. Die st&auml;rkste Zustimmung erfuhr LePen in der Altersgruppe zwischen 35 und 49 Jahren (43 %).[21] Die &uuml;ber s&auml;mtlichen Bev&ouml;lkerungsgruppen beobachtbaren Einbr&uuml;che in den Zustimmungswerten f&uuml;r LePen d&uuml;rften nicht zuletzt auch in ihrer &uuml;bereinstimmend als wenig sachkundig und pr&auml;sidentiell empfundenen Performance bei dem TV-Duell mit Macron begr&uuml;ndet liegen.[22]</p>
<p>Manches spricht daf&uuml;r, dass &auml;ltere Mitb&uuml;rgerInnen st&auml;rker als j&uuml;ngere in Zeiten tats&auml;chlicher oder&nbsp; vermeintlicher politischer, &ouml;konomischer oder gesellschaftlicher Krisen zu einer nostalgischen &#8222;Kehrtwende ins Gestern&#8220;&nbsp; neigen und unter der Sehnsucht nach der &#8222;guten alten Zeit&#8220; leiden, in der die Dinge noch unilateraler und vor allem &uuml;berschaubarer schienen.[23] J&uuml;ngere Mitb&uuml;rgerinnen, die nur die Zeit der europ&auml;ischen Erweiterung und Vertiefung kennen, k&ouml;nnen sich ein Leben mit Grenzen l&auml;ngst nicht mehr vorstellen.<br />Eine zweite Erkenntnis aus den untersuchten Wahlen: In st&auml;dtischen Milieus sind tendenziell EU-kritische Einstellungen weniger stark verbreitet als in l&auml;ndlichen.</p>
<p>Die W&auml;hlerInnen in den gro&szlig;en britischen St&auml;dten stimmten in vielen F&auml;llen gegen den EU-Austritt. In London waren fast 60 % der W&auml;hler Remainers, in Manchester sogar mehr als 60 %, in Liverpool 58,2 %. In l&auml;ndlichen Regionen wie Yorkshire war demgegen&uuml;ber der Anteil der Brexiteers besonders stark. Im dortigen Wahlbezirk East Lindsey etwa stimmten 71 % und damit nahezu drei Viertel der W&auml;hler f&uuml;r den Brexit. Hier erzielte die UKIP auch in der Vergangenheit gro&szlig;e Erfolge.<br />Befragungen zwischen erstem und zweitem Wahlgang bei der Pr&auml;sidentschaftswahl in Frankreich zufolge war der Anteil von Personen, die LePen w&auml;hlen wollten, in St&auml;dten mit mehr als 100.000 Einwohnern am geringsten, in l&auml;ndlichen Gebieten am h&ouml;chsten.[24]<br />Die proeurop&auml;isch eingestellte tschechische Partei TOP 09 erzielte in Prag mit 13&nbsp;% ihren h&ouml;chsten Stimmenanteil; au&szlig;erhalb der Hauptstadt schnitt sie erheblich schw&auml;cher ab.</p>
<p>Im Hinblick auf die Zukunft des Projekts Europa besonders bedeutsam ist eine dritte Erkenntnis: Bei ArbeiterInnen und Personen mit geringem Bildungs- und Berufsabschluss sind tendenziell EU-kritische Einstellungen st&auml;rker aktivierbar als bei sozial besser gestellten Bev&ouml;lkerungsgruppen mit h&ouml;herem Bildungs- und Berufsabschluss.</p>
<p>In der YouGov-Umfrage vom Juni 2016 sprachen sich unter den Befragten der so genannten &#8222;ABC1&#8220;-Gruppe, die in der britischen Marktforschung die Mitglieder einer der drei h&ouml;chsten sozio&ouml;konomischen Gruppen bezeichnet, 59&nbsp;% klar f&uuml;r einen Verbleib in der EU aus. In der &#8222;C2DE&#8220;-Gruppe der drei niedriger gestellten Schichten votierten hingegen 61&nbsp;% f&uuml;r den Brexit.<br />Befragungen zwischen erstem und zweitem Wahlgang bei der Pr&auml;sidentschaftswahl in Frankreich zufolge verdienen Macron-W&auml;hler mehr Geld als die seiner Kontrahentin. 75 % der Befragten, die im 2. Wahlgang f&uuml;r Macron stimmen wollten, haben in ihrem Haushalt mehr als 3.000 Euro zur Verf&uuml;gung. Befragte mit der Absicht, Le Pen zu w&auml;hlen, sind mit 45 % dagegen am ehesten in der Einkommensgruppe unter 1.250 Euro vertreten.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />Je besser ausgebildet die W&auml;hler waren, desto eher planten sie, Macron zu w&auml;hlen: W&auml;hrend 45 % der W&auml;hlerInnen mit einem geringeren Bildungsabschluss als dem bac, d.h. dem franz&ouml;sischen Abitur, planten, f&uuml;r LePen zu stimmen, waren es bei W&auml;hlerInnen mit mindestens dem bac+3, d.h. W&auml;hlerInnen mit dreij&auml;hrigem Studium und Erwerb der licence, nur 19 %.[25]<br />Wie schon bei fr&uuml;heren Wahlen in &Ouml;sterreich hat die FP&Ouml; auch 2017 unter Arbeitern besonders gut abgeschnitten. Insgesamt gaben hier 59 % ihre Stimme den Freiheitlichen (bei einem Wahlergebnis von 26 %). Die Sozialdemokraten, die klassischen Vertreter der Arbeiter, kamen in dieser Bev&ouml;lkerungsgruppe nur noch auf 19 %.[26]</p>
<p>Dies ist nicht zuletzt auch Ausfluss eines fiskal- und sozialpolitischen Defizits der vertieften europ&auml;ischen Integration &uuml;ber die Vertr&auml;ge von Maastricht und Amsterdam, in der die Balance zwischen Freiheits-, Gleichheits- und Solidarit&auml;tsversprechen zu zerbrechen und das Versprechen auf Wohlstand f&uuml;r alle zur Chim&auml;re zu werden droht.[27] Ein Vergleich zwischen deutscher Wiedervereinigung und europ&auml;ischer Integration belegt insoweit paradigmatisch bemerkenswerte Unterschiede: die deutsche Wiedervereinigung wurde innenpolitisch durch den Abschluss einer Wirtschafts-, W&auml;hrungs- und Sozialunion besiegelt, w&auml;hrend der Euro nur im Rahmen einer Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion eingef&uuml;hrt wurde, bei der schon nominell die soziale Komponente fehlte und die wirtschaftliche Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse in der EU weder vertraglich hinreichend vorgegeben noch im Zeichen der nationalen Pr&auml;gung des politischen Diskurses bei Wahlen erfolgversprechend erscheint.</p>
<p><b>Gefahren f&uuml;r Europa im Lichte der Grundwerte der EU &#8211; eine europarechtliche Einordnung</b></p>
<p>Nicht jede Gegnerschaft zu bisherigen sekund&auml;rrechtlichen Akten der EU, verbunden mit dem Wunsch, diese in unionsrechtskonformer Weise zu &auml;ndern, begr&uuml;ndet eine Gegnerschaft zur EU. Selbst der Wille zur &Auml;nderung von EUV und AEUV als &#8222;Verfassungsurkunden&#8220; der EU begr&uuml;ndet eine solche Gegnerschaft. Die Gegnerschaft geht vielmehr nur mit einer Ablehnung der Grundwerte der EU einher, die nunmehr in Art. 2 EUV verankert sind:<br />&#8222;Die Werte, auf die sich die Union gr&uuml;ndet, sind die Achtung der Menschenw&uuml;rde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschlie&szlig;lich der Rechte der Personen, die Minderheiten angeh&ouml;ren. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarit&auml;t und die Gleichheit von Frauen und M&auml;nnern auszeichnet.&#8220;<br />Es handelt sich hierbei nicht um isoliert der EU eigene Grundwerte. Auch europ&auml;ische Staaten, die (noch) nicht der EU angeh&ouml;rten oder angeh&ouml;ren, wie z.B. die T&uuml;rkei und die damalige UdSSR, aber auch au&szlig;ereurop&auml;ische Staaten wie Kanada und die USA, haben sich mit der &#8222;Charta von Paris f&uuml;r ein neues Europa&#8220;[28] als Schlussdokument der&nbsp;KSZE-Sondergipfelkonferenz am 21. November 1990 kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands auf Grundwerte verst&auml;ndigt, die mit denen des Art. 2 EUV im Wesentlichen deckungsgleich sind. Dies gilt nicht zuletzt f&uuml;r das Bekenntnis zu Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Auch f&uuml;r die Nicht-EU-Mitgliedstaaten T&uuml;rkei und Russische F&ouml;deration beansprucht diese Charta fortdauernde Geltung.<br />Nicht jede Verletzung eines der vorgenannten Grundwerte begr&uuml;ndet eine Gegnerschaft zu Europa. Dies ist &#8211; in Anlehnung an Art. 7 EUV &#8211; nur bei einer nachhaltigen Ablehnung dieser Grundwerte der Fall, insbesondere dann, wenn sich diese qualifizierte Gegnerschaft in einer staatlichen wiederholten Verletzung dieser Werte &auml;u&szlig;ert.[29]<br />Eine solche nachhaltige Ablehnung stellt es z.B. dar, wenn die FP&Ouml; in ihrem Wahlprogramm zur Nationalratswahl 2017 ausschlie&szlig;lich &ouml;sterreichische Staatsb&uuml;rger in den Genuss ihrer &#8222;Forderungen zur Beseitigung der Fairness-Krise&#8220; gelangen lassen will, die EMRK durch eine &#8222;&Ouml;sterreichische Menschenrechtskonvention&#8220;, &#8222;die auch das Heimatrecht der &Ouml;sterreicher sch&uuml;tzt&#8220;, ersetzen will, und eine &#8222;sektorale Schlie&szlig;ung des &ouml;sterreichischen Arbeitsmarktes f&uuml;r EU-Ausl&auml;nder und Drittstaatsangeh&ouml;rige zum Schutz heimischer Arbeitnehmer&#8220; fordert.[30] <br />Eine besondere Gef&auml;hrdungslage f&uuml;r Europa &#8211; Einschr&auml;nkungen der Freiheit und Missachtung der Verantwortung der Medien<br />Als Karl F&uuml;rst zu Schwarzenberg, der fr&uuml;here tschechische Au&szlig;enminister, gefragt wurde, was denn der gr&ouml;&szlig;te Konstruktionsfehler bei der Osterweiterung der Europ&auml;ischen Union w&auml;re, wies er auf die fehlende Unabh&auml;ngigkeit der Justiz hin. Das ist richtig, greift aber zu kurz. Denn die Freiheit der Medien ist genauso wichtig f&uuml;r eine demokratische Gesellschaft.[31] Aber die EU wird nicht nur durch einen zunehmenden Zugriff staatlicher Stellen auf die Medien sowie durch die Ballung von politischer und medialer Macht bedroht.[32] In nennenswertem Umfang erfolgt eine solche Gef&auml;hrdung bereits heute auch durch Hass und Fake News in sozialen Netzwerken. Um Gefahren f&uuml;r das Projekt Europa im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung nachhaltig abwehren und eind&auml;mmen zu k&ouml;nnen, bedarf es deshalb auch einer werteorientierten Kommunikationsordnung, die das Internet nicht als de facto unregulierbaren Raum toleriert, sondern den Jugendschutz und den Schutz der Menschenw&uuml;rde auch digital ernst nimmt. <br />Die geplante Digitalunion[33] ist insoweit ein wichtiger, aber noch nicht hinreichender Schritt. Zur Selbstbehauptung Europas braucht es auch den Mut, gegen au&szlig;ereurop&auml;ische Intermedi&auml;re wie Google oder Facebook europ&auml;ische Konkurrenten in Stellung zu bringen. Nur mit einer digitalen Industriepolitik Europas beh&auml;lt es seine Wettbewerbsf&auml;higkeit, ohne die seine soziale Dimension nicht ausbaubar ist.&nbsp; Auch Kleinm&uuml;tigkeit stellt deshalb eine Gefahr f&uuml;r ein demokratisches, freies, solidarisches und soziales Europa dar.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/wer-ist-gegen-europa-analyse-der-wahlen-in-der-eu-nach-dem-brexit-referendum-1/">Wer ist gegen Europa? &#8211; Analyse der Wahlen in der EU nach dem Brexit-Referendum</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>In der EU gegen die EU? &#8211; Rechtsradikale und anti-europäische Parteien im Europäischen Parlament</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 10:49:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 81 &#8211; 92 Trotz ihrer kritischen Haltung zur Europ&#228;ischen Union kandidieren rechtsradikale und anti-europ&#228;ische Parteien f&#252;r das Europ&#228;ische Parlament. Dieser Beitrag untersucht die Rolle, die Abgeordnete dieser Parteien im Europ&#228;ischen Parlament spielen. Der Beitrag zeigt, dass diese Abgeordneten sich schwer tun, sich zu stabilen Fraktionen zusammenzuschlie&#223;en, weil den Fraktionen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/in-der-eu-gegen-die-eu-rechtsradikale-und-anti-europaeische-parteien-im-europaeischen-parlament-1/">In der EU gegen die EU? &#8211; Rechtsradikale und anti-europäische Parteien im Europäischen Parlament</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 81 &#8211; 92</p>
<p><i>Trotz ihrer kritischen Haltung zur Europ&auml;ischen Union kandidieren rechtsradikale und anti-europ&auml;ische Parteien f&uuml;r das Europ&auml;ische Parlament. Dieser Beitrag untersucht die Rolle, die Abgeordnete dieser Parteien im Europ&auml;ischen Parlament spielen. Der Beitrag zeigt, dass diese Abgeordneten sich schwer tun, sich zu stabilen Fraktionen zusammenzuschlie&szlig;en, weil den Fraktionen nach den Regularien des Europ&auml;ischen Parlaments Abgeordnete aus mehreren Mitgliedstaaten angeh&ouml;ren m&uuml;ssen. Dennoch haben diese Parteien einen erheblichen indirekten Einfluss, wenn es ihnen gelingt, den Diskurs und die Positionen anderer Parteien zu Themen wie Migration zu ver&auml;ndern.</i></p>
<p>Die g&auml;ngigen Einsch&auml;tzungen zur Arbeit rechtsradikaler Parteien in Europa und besonders im Europ&auml;ischen Parlament schwanken regelm&auml;&szlig;ig zwischen Hysterie und Verharmlosung. Angesichts der politischen Entwicklungen in Europa sahen viele Kommentator_innen in den Medien bereits das &#8222;Zeitalter des Rechtspopulismus&#8220; heraufziehen. Seit 2014 zog die Alternative f&uuml;r Deutschland (AfD) im Zuge einer medial angeheizten Fl&uuml;chtlingskrise &ndash; die in Wahrheit vielmehr als B&uuml;rokratiekrise bezeichnet werden muss &ndash; in 13 Landesparlamente und zuletzt als drittst&auml;rkste Kraft in den Bundestag ein. In &Ouml;sterreich zitterten die etablierten Parteien vor einem Bundespr&auml;sidenten Norbert Hofer (FP&Ouml;), welcher die erste Wahlrunde deutlich gewann und sich schlie&szlig;lich in der Stichwahl knapp dem unabh&auml;ngigen Kandidaten Van der Bellen geschlagen geben musste. Zeitgleich entschied sich eine ebenfalls knappe Mehrheit der Briten f&uuml;r den Austritt aus der Europ&auml;ischen Union, und in den USA wurde Donald Trump zum Pr&auml;sidenten gew&auml;hlt. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wollte auch eine Koalition rechtsradikaler Parteien im Europ&auml;ischen Parlament &ndash; befl&uuml;gelt durch ihr gutes Abschneiden bei den Wahlen 2014 &ndash; mit einer Blockade aller Gesetzgebung im Parlament gegen das &#8222;totalit&auml;re und technokratische System der EU&#8220; vorgehen.<br />Doch von einer Blockade der europ&auml;ischen Gesetzgebung kann seitdem keine Rede sein, auch wenn die Gr&uuml;ndung einer eigenen Fraktion, unter F&uuml;hrung des Front National und der niederl&auml;ndischen Partei f&uuml;r die Freiheit, nach anf&auml;nglichen Verz&ouml;gerungen im Juni 2015 schlie&szlig;lich gelang und als Anfang einer Befreiung gefeiert wurde. Auch konnten Le Pen und Wilders bei den folgenden nationalen Wahlen nicht so gut abschneiden wie erhofft. Umfragen sahen in den Niederlanden lange Zeit einen deutlichen Sieg von Wilders Partei voraus, schlie&szlig;lich musste sich die Partei, trotz leichter Zugewinne, mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Bei den franz&ouml;sischen Pr&auml;sidentschaftswahlen im Mai des Jahres schaffte es Le Pen zwar in die zweite Runde, musste sich dann aber mit deutlichem Abstand Emmanuel Macron geschlagen geben. Bei den Parlamentswahlen einige Wochen sp&auml;ter holte Macrons Partei die absolute Mehrheit, der Front National schnitt trotz leichter Zugewinne schwach ab. Zurzeit zerreibt sich der Front National in innerparteilichen Machtk&auml;mpfen. Die britische UK Independence Party, Motor des Brexit-Referendums, erlitt im Juni 2017 bei den Unterhauswahlen eine herbe Niederlage und droht in der elektoralen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Vielen scheint daher die Gefahr von Rechts in Europa gebannt, da die Parteien letztlich an ihren inneren Widerspr&uuml;chen oder ihre Forderungen an der Realit&auml;t scheiterten.<br />Dabei lohnt sich abseits von Hysterie und Verharmlosung ein detaillierterer Blick darauf, wie rechtsradikale Parteien Einfluss nehmen und wie sie die etablierten Parteien thematisch treiben k&ouml;nnen.</p>
<h2 class="auto-created">Wor&uuml;ber sprechen wir? Zum Begriff Rechts&shy;ra&shy;di&shy;ka&shy;lismus</h2>
<p>In der wissenschaftlichen Literatur existiert eine Vielzahl verschiedener Begrifflichkeiten zur Beschreibung dessen, was hier als radikale Rechte bezeichnet wird. Rechtsradikalismus bezeichnet allgemein eine politische Str&ouml;mung, die sich direkt oder indirekt gegen die wichtigsten Grundpfeiler liberaler Demokratien wendet &ndash; politischen Pluralismus und verfassungsrechtlichen Schutz von Minderheiten. Den Kern bilden ultranationalistische, autoritaristische und xenophobe Elemente. Dem Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung mit sozialer und funktionaler Differenzierung sowie Individualisierung wird das Gegenst&uuml;ck einer &uuml;ber nationale Zugeh&ouml;rigkeiten konstruierten und ethnisch, kulturell oder religi&ouml;s definierten kollektiven Identit&auml;t entgegengestellt (Minkenberg 1998:&nbsp;29ff.; 2011; 2013). Das Individuum hat sich und seine (B&uuml;rger-)Rechte den gr&ouml;&szlig;eren Interessen der Gemeinschaft unterzuordnen. Der Begriff Rechtsradikalismus unterstellt nicht zwingend eine dezidiert anti-demokratische Ausrichtung aller unter dem Begriff subsumierten Parteien und Organisationen. Seit den 1980er Jahren l&ouml;sten sich die meisten europ&auml;ischen rechtsradikalen Parteien von ihren faschistischen Traditionen und ihrer offen anti-demokratischen Ausrichtung. Nunmehr kann zwischen der extremen Rechten mit starken Bez&uuml;gen zu faschistischen Traditionen, einer ethnozentristischen &ndash; nicht faschistischen &ndash; Rechten, populistisch-autorit&auml;ren Nationalisten sowie einer religi&ouml;s-fundamentalistischen Rechten unterschieden werden (Minkenberg 2011:&nbsp;113; 2013:&nbsp;11f.).<br />W&auml;hrend die extreme Rechte durch Rassismus und Ethnozentrismus gekennzeichnet ist und sich nach wie vor an faschistische Traditionen der Zwischenkriegszeit anlehnt, bedient sich die ethnozentristische Rechte ethnopluralistischer Argumente f&uuml;r die Begr&uuml;ndung einer angeblichen Unvereinbarkeit von Kulturen und Ethnien. Die populistisch-autorit&auml;re Rechte tritt normalerweise mit einer starken, charismatischen F&uuml;hrung und autorit&auml;ren Strukturen auf, w&auml;hrend die religi&ouml;s-fundamentalistische Rechte Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit mit religi&ouml;sem Fundamentalismus verbindet. Allen Varianten ist die Anwendung populistischer Stilformen und Strategien gemein: &#8222;<i>Beachtenswert ist, dass alle vier Varianten Unterschiedlichkeit und Pluralismus im Namen nationaler Homogenit&auml;t durch die prim&auml;re &#8218;Wir-Gruppe&#8216; ablehnen und (populistische) politische Stilformen und Strategien anwenden, die gegen die etablierten Eliten gerichtet sind&#8220;</i> (Minkenberg 2013:&nbsp;13).[1]</p>
<h2 class="auto-created">Rechts&shy;ra&shy;di&shy;kale und anti-&shy;eu&shy;ro&shy;p&auml;&shy;i&shy;sche Parteien im Europ&auml;&shy;i&shy;schen Parlament</h2>
<p>Die Parteienlandschaft im Europ&auml;ischen Parlament ist auch f&uuml;r Menschen, die sich mit der Materie gut auskennen, nicht immer leicht zu durchblicken &ndash; zu heterogen und vielf&auml;ltig sind die einzelnen Parteien. Die Abgeordneten kommen aus 28 Mitgliedsstaaten und repr&auml;sentieren etwa 170 nationale Parteidelegationen. Orientierung geben die aktuell acht Fraktionen, zu denen sich die Parteien entlang weltanschaulicher Ausrichtung zusammengeschlossen haben. Das Beispiel der Alternative f&uuml;r Deutschland (AfD) zeigt, dass auch diese Zuordnung nicht immer eindeutig sein muss. So waren zwischenzeitlich die beiden verbliebenen der urspr&uuml;nglich sieben Abgeordneten der Partei &ndash; Beatrix von Storch und Marcus Pretzell &ndash; Mitglieder verschiedener Fraktionen. Pretzell hat mittlerweile die AfD verlassen, von Storch ist Mitglied des Bundestages geworden.<br />Seit den 1980er Jahren schlie&szlig;en sich rechtsradikale Parteien im Europ&auml;ischen Parlament zu Fraktionen zusammen. Das stetig mit mehr Kompetenzen ausgestattete Europ&auml;ische Parlament dient als Forum des Austausches und bietet gleichzeitig die M&ouml;glichkeit der Einflussnahme, ohne das Stigma, welches den rechtsradikalen Parteien auf der nationalen Ebene anhaftet. So &auml;nderten sich mit zunehmender &ouml;ffentlicher Aufmerksamkeit f&uuml;r das Thema in den 1990er Jahren auch die Namen der rechtsradikalen Fraktionen. W&auml;hrend die Fraktion der europ&auml;ischen Rechten (1984 &#8211; 1989) und die Technische Fraktion der europ&auml;ischen Rechten (1989 &#8211; 1994) ihre politische Ausrichtung noch im Namen f&uuml;hrten, haben sich die nachfolgenden Fraktionen Identit&auml;t, Tradition, Souver&auml;nit&auml;t (Januar 2007 &#8211; November 2007) und Europa der Nationen und der Freiheit (ab 2015) gegen dieses eindeutige Label entschieden. <br />Die Bildung einer Fraktion geht mit finanziellen und organisatorischen Vorteilen einher, zudem spielen sie eine zentrale Rolle in allen politischen Prozessen innerhalb des Parlaments. So w&auml;hlen sie das Pr&auml;sidium, bestimmen die Zusammensetzung der Aussch&uuml;sse, die Tagesordnung, die Auswahl der Berichterstatter_innen und entscheiden &uuml;ber die Zuteilung von Redezeiten. Nur Fraktionen oder mindestens 40 Abgeordnete gemeinsam k&ouml;nnen &Auml;nderungsantr&auml;ge zu Berichten in Plenardebatten einbringen. Schlie&szlig;en sich Abgeordnete keiner Fraktion an oder sperren sich Fraktionen dagegen, Abgeordnete bestimmter Parteien aufzunehmen, dann sind sie als Fraktionslose mit erheblich weniger Kompetenzen im Parlament ausgestattet und haben kaum eine Chance, einen wichtigen Posten im Parlament zu &uuml;bernehmen (Corbett et al. 2011:&nbsp;78). Vor allem Vertreter_innen der extremistischen Rechten &ndash; wie die ungarische Jobbik, die griechische Goldene Morgenr&ouml;te oder die deutsche NPD &ndash; geh&ouml;ren keiner Fraktion an. Aber auch Jean-Marie Le Pen, langj&auml;hriger Vorsitzender des Front National, und Bruno Gollnisch haben sich wegen Streitigkeiten &uuml;ber den Modernisierungskurs von Marine Le Pen nicht der Fraktion angeschlossen.<br />In nachfolgender Tabelle sind die Wahlergebnisse aller 2009 und 2014 ins Parlament gew&auml;hlten rechtsradikalen Parteien sowie deren ideologische Ausrichtung aufgef&uuml;hrt. Daneben existiert eine Vielzahl anti-europ&auml;ischer Parteien unterschiedlicher Parteifamilien, die zum Teil in einer rechtsradikalen Grauzone anzusiedeln sind und in ihren Erscheinungsformen nicht in G&auml;nze dargestellt werden k&ouml;nnen. Prominentestes Beispiel ist die UK Independence Party, die unter der Leitung des ehemaligen Vorsitzenden Nigel Farage mit 28 Prozent der Stimmen in Gro&szlig;britannien st&auml;rkste Partei vor Labour (25 Prozent) und den Tories (24 Prozent) wurde. Das Hauptziel der populistischen und EU-skeptischen Partei ist der Austritt Gro&szlig;britanniens aus der EU, zudem wettert sie gegen die &ndash; ihrer Ansicht nach &ndash; zu liberalen Zuwanderungsgesetze. Im Europa-Wahlkampf setze die Partei auf rassistische Vorurteile und das gezielte Sch&uuml;ren von &Auml;ngsten gegen Immigrant_innen. Ein weiteres Beispiel ist die deutsche AfD, deren Einordnung wissenschaftlich umstritten ist, deren parteipolitische Zeichen aber insgesamt auf Radikalisierung stehen (Decker 2016:12). Seit Gr&uuml;ndung der AfD verschieben sich die politischen Koordinaten stetig nach rechts, der Austritt Frauke Petrys nach den Bundestagswahlen markiert dabei die j&uuml;ngste Stufe des innerparteilichen Machtkampfes.</p>
<p><i>Ergebnisse der im Europ&auml;ischen Parlament vertretenen rechtsradikalen Parteien bei den Wahlen 2009 und 2014 </i></p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Peter_WahlergebnisTabelle2.jpg" width="380" height="192" alt=""><i>* Nicht eindeutig rechtsradikale Partei; Angaben in Klammern bedeuten kein Mandat im Parlament. Die folgenden Parteien sind eingeschlossen: Belgien: Vlaams Belang (VB); Bulgarien: Ataka; D&auml;nemark: D&auml;nische Volkspartei (DF); Deutschland: Alternative f&uuml;r Deutschland (AfD), Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD); Gro&szlig;britannien: British National Party (BNP), UK Independence Party (UKIP); Griechenland: Goldene Morgenr&ouml;te (CA), Orthodoxe Volksbewegung (LAOS); Italien: Lega Nord (LN); Niederlande: Partei f&uuml;r die Freiheit (PVV); &Ouml;sterreich: Freiheitliche Partei &Ouml;sterreichs (FP&Ouml;); Rum&auml;nien: Gro&szlig;rum&auml;nien-Partei; Schweden: Schwedendemokraten (SD); Slowakei: Slowakische Nationalpartei (SNS); Ungarn: Bewegung f&uuml;r ein besseres Ungarn (Jobbik).</i></p>
<p>Wie aus der Tabelle ersichtlich, konnten rechtsradikale Parteien 2014 in rund einem Dutzend L&auml;ndern deutliche Zugewinne verbuchen. Der Front National um Marine Le Pen wurde mit rund 25 Prozent der Stimmen st&auml;rkste Kraft in Frankreich. Damit konnte die Partei ihr Ergebnis im Vergleich zur letzten Wahl 2009 fast vervierfachen. In &Ouml;sterreich vereinigte die Freiheitliche Partei &Ouml;sterreichs (FP&Ouml;) rund 20 Prozent der Stimmen auf sich und damit acht Prozent mehr als 2009. In D&auml;nemark verbesserte die D&auml;nische Volkspartei ihr Ergebnis um acht Prozent auf nunmehr 23 Prozent der Stimmen (ausf&uuml;hrlich dazu Peter 2015). Doch es gab auch r&uuml;ckl&auml;ufige Entwicklungen &ndash; wie in Bulgarien, Rum&auml;nien und der Slowakei &ndash; wo der Wiedereinzug der Parteien nicht gelang.<br />Zurzeit existieren acht Fraktionen: Neben der konservativen Fraktion der Europ&auml;ischen Volksparteien, der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten, der Allianz der Liberalen und Demokraten f&uuml;r Europa, der Vereinten Europ&auml;ischen Linken/Nordische Gr&uuml;ne Linke und Die Gr&uuml;nen/Europ&auml;ische Freie Allianz existieren zwei Fraktionen mit rechtsradikalen Mitgliedern sowie eine eindeutig rechtsradikal gepr&auml;gte Fraktion.</p>
<p>Europ&auml;ische Konservative und Reformer<br />Die drittst&auml;rkste Fraktion, die Europ&auml;ischen Konservativen und Reformer (EKR) unter F&uuml;hrung der britischen Tories, besteht haupts&auml;chlich aus Euro(pa)-skeptischen und nationalkonservativen Parteien. Die Fraktion distanziert sich von offen rechtsradikalen Parteien, dennoch befindet sich unter ihren Mitgliedern auch die ethnozentristische D&auml;nische Volkspartei. Daneben sind in der EKR auch verschiedene Parteien vertreten, die nicht eindeutig dem rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen sind. So schloss sich die AfD, welche bei der Wahl 2014 mit sieben Abgeordneten ins Parlament gew&auml;hlt wurde, der Fraktion an. Nach Spaltung der AfD verlie&szlig; Beatrix von Storch im April 2016 die EKR-Fraktion und wechselte zu der von Nigel Farage (UKIP) dominierten Fraktion Europa der Freiheit und der direkten Demokratie. Vorausgegangen waren &Auml;u&szlig;erungen der Politikerin &uuml;ber den m&ouml;glichen Schusswaffengebrauch gegen Gefl&uuml;chtete an der deutschen Grenze. Kurze Zeit sp&auml;ter wurde Marcus Pretzell wegen offener Kontakte zu anderen rechtsradikalen Parteien in Europa aus der Fraktion ausgeschlossen. Im Februar 2016 hatte Pretzell einen Kongress zum Thema &#8222;Europ&auml;ische Visionen &ndash; Visionen f&uuml;r Europa&#8220; veranstaltet. Zu Gast waren neben der ehemaligen Bundesvorsitzenden Frauke Petry unter anderem auch Heinz-Christian Strache und Harald Vilimsky von der &ouml;sterreichischen FP&Ouml;. Pretzell schloss sich daraufhin der von Marine Le Pen gegr&uuml;ndeten Fraktion Europa der Nationen und der Freiheit an. Zu den weiteren Mitgliedern der EKR, die nicht eindeutig im rechtsradikalen Spektrum zu verorten sind, geh&ouml;ren die polnische Partei Recht und Gerechtigkeit sowie Die Finnen.</p>
<p>Europa der Freiheit und der direkten Demokratie<br />Die Fraktion Europa der Freiheit und der direkten Demokratie (EFDD) wurde nach den Wahlen 2014 als Nachfolger der Fraktion Europa der Freiheit und Demokratie (EFD) gegr&uuml;ndet. Der von der britischen UK Independence Party und der italienischen F&uuml;nf-Sterne-Bewegung dominierte Zusammenschluss vertritt EU-kritische und populistische Positionen. W&auml;hrend der Vorg&auml;nger der EFDD noch rechtsradikale Parteien wie die italienische Lega Nord und die griechische Orthodoxe Volksbewegung zu ihren Mitgliedern z&auml;hlte, sind nunmehr noch die Schwedendemokraten als Rechtsau&szlig;en-Partei vertreten. Die griechische Partei verpasste 2014 den Wiedereinzug ins Parlament, die Lega Nord schloss sich der Fraktion um Marine Le Pen an. Zudem geh&ouml;rten vor 2014 Die Finnen zur EFD.</p>
<p>Europa der Nationen und der Freiheit<br />Europa der Nationen und der Freiheit (ENF) ist die j&uuml;ngste und mitgliederschw&auml;chste Fraktion des Parlaments. Mit aktuell 19 von 40 Mitgliedern dominiert der Front National die Gruppe. Zu den weiteren Mitgliedern geh&ouml;ren einige der wichtigsten rechtsradikalen Parteien in Westeuropa &ndash; der belgische Vlaams Belang, die niederl&auml;ndische Partei f&uuml;r die Freiheit, die italienische Lega Nord und die Freiheitliche Partei &Ouml;sterreichs. Die Fraktion k&auml;mpft gegen eine weitere Vergemeinschaftung Europas und f&uuml;r mehr nationalstaatliche Souver&auml;nit&auml;t. Die Parteien treten gegen eine weitere Zuwanderung nach Europa ein und sehen vor allem im Islam eine Bedrohung.</p>
<p><b>&#8222;In Vielfalt geeint&#8220;? Rechtsradikale Parteien in der EU gegen die EU<br /></b></p>
<p>Mit Gr&uuml;ndung der neuen ENF-Fraktion schienen die Rechtsradikalen an dem Ort angekommen zu sein, den sie eigentlich bek&auml;mpfen wollten. In der Tat mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass Parteien, die f&uuml;r rein nationale Interessen antreten, sich f&uuml;r Mandate im Europ&auml;ischen Parlament bewerben. Was bringt Ultranationalisten auf europ&auml;ischer Ebene dazu, ihre inneren Widerspr&uuml;che zu &uuml;berbr&uuml;cken und eine Koalition auf Zeit zu schmieden? Wie ist zu erkl&auml;ren, dass die ENF-Parteien angetreten waren um die EU zu zerst&ouml;ren, sich dann aber die frisch gew&auml;hlte Fraktionsvorsitzende in der ersten Plenarwoche beschwerte, dass sie nicht wie alle anderen Vorsitzenden auch in der ersten Reihe des Parlaments sitzen d&uuml;rfe?<br />Nicht immer war der Versuch einer Fraktionsbildung erfolgreich. Allzu oft zerbrachen die Fraktionen, weil ihre Akteure nicht in der Lage waren, gegenseitige Vorurteile f&uuml;r das Ziel eines einflussreicheren Auftretens hintenan zu stellen. Die Fraktion Identit&auml;t, Tradition, Souver&auml;nit&auml;t zerfiel nach nur zehn Monaten, nachdem Abgeordnete der Gro&szlig;rum&auml;nien-Partei aus Protest gegen Aussagen von Alessandra Mussolini (Alternativa sociale; heute Mitglied der Forza Italia und Teil der konservativen Fraktion) die Gruppe verlie&szlig;en. Mussolini hatte zuvor die sofortige Abschiebung rum&auml;nischer Roma aus Italien gefordert und behauptet, dass Rum&auml;n_innen aus der Kriminalit&auml;t einen Lebensstil gemacht h&auml;tten. Mit dem Austritt verlor die Fraktion die erforderliche Anzahl von Mitgliedsstaaten und wurde aufgel&ouml;st.<br />Auch die aktuelle ENF-Fraktion ist nicht vor innerlichen Widerspr&uuml;chen ihrer Mitglieder gefeit. So unterh&auml;lt der Front National gute Beziehungen zu Russland und vertritt antiamerikanische Positionen, w&auml;hrend der offen rassistische belgische Vlaams Belang pro-amerikanisch und deutlich europafreundlicher aufgestellt ist. Geert Wilders ist bekannt f&uuml;r seine dezidiert pro-israelische Einstellung und unterst&uuml;tzt den israelischen Siedlungsbau. Unter dem Vorsitz Jean-Marie Le Pens trat der Front National jahrzehntelang mit antisemitischen Positionen auf. Erst seit der &Uuml;bernahme des Parteivorsitzes durch seine Tochter Marine Le Pen im Jahr 2011 gibt sich die Partei nach au&szlig;en ein moderneres Image und verzichtet auf offen rassistische und antisemitische Hetze. Marine Le Pen tritt zudem f&uuml;r die Rechte von Frauen und f&uuml;r Abtreibungen ein. Am Kern der Partei hat sich indes wenig ge&auml;ndert: Laut einer Studie der konservativen franz&ouml;sischen Stiftung Fondation pour l&#8217;Innovation Politique findet sich bei den Anh&auml;nger_innen des Front National das h&ouml;chste Niveau antisemitischer Einstellungen in Frankreich. <br />Es bleibt abzuwarten, ob die Fraktion ein &auml;hnliches Schicksal ereilen wird wie das ihrer Vorg&auml;nger-Fraktion, oder ob die Allianz bis zum Ende der Legislatur 2019 halten wird. Ihre Mitglieder eint die Ablehnung der EU, der Einwanderung, des Multikulturalismus und vor allem des Islams. Zudem bietet der Fraktionsstatus erhebliche finanzielle und organisatorische Vorteile sowie eine verst&auml;rkte mediale Aufmerksamkeit. So bot der Streit um den Sitzplatz Marine Le Pens als neue Fraktionsvorsitzende eine willkommene Gelegenheit der Selbstdarstellung. Zieht sich das Parlament (wie geschehen) auf die Position zur&uuml;ck, dass es keinen Anspruch auf &Auml;nderung der Sitzordnung im Laufe einer Legislatur gibt, kann der Front National den bew&auml;hrten Opfermythos bedienen und eine systematische Diskriminierung beklagen. Andererseits w&auml;re der Platz in der ersten Reihe des Plenums die ideale Kulisse zur medialen Selbstinszenierung gewesen, auch um der nationalen W&auml;hlerschaft bildlich zu &uuml;bermitteln, dass die Partei in der ersten Reihe mit den M&auml;chtigen Europas angekommen ist.</p>
<h2 class="auto-created">Einfluss rechts&shy;ra&shy;di&shy;kaler Parteien im Europ&auml;&shy;i&shy;schen Parlament</h2>
<p>Es existieren kaum wissenschaftliche Studien zum Einfluss rechtsradikaler Parteien im Europ&auml;ischen Parlament. Daher ist es schwer, eine belastbare Bilanz zu ziehen. Erste Hinweise zur Performance im Parlament liefern die Anwesenheitsrate rechtsradikaler Parteien im Plenum, die Nutzung parlamentarischer Kontrollinstrumente sowie die &Uuml;bernahme wichtiger Posten im Parlamentsbetrieb. Angesichts des stetigen Zuwachses an Kompetenzen f&uuml;r das Europ&auml;ische Parlament braucht es f&uuml;r die Zukunft mehr qualitative Studien, um den tats&auml;chlichen Einfluss messbar zu machen.<br />Die Anwesenheit der ENF-Mitglieder bei namentlichen Abstimmungen im Plenum liegt mit durchschnittlich 89,4 Prozent knapp &uuml;ber dem Durchschnitt (89 Prozent) aller Fraktionen.[2] Auff&auml;llig ist die geringe Anwesenheit der EKR-Mitglieder mit 87 Prozent und der EFDD-Mitglieder mit gar nur 83,6 Prozent. Die ENF-Mitglieder melden sich zudem vergleichsweise h&auml;ufig im Plenum zu Wort, vor allem die FP&Ouml; und die Lega Nord nehmen hier Spitzenpl&auml;tze ein (Schmidtke 2016). Zwar sind die gro&szlig;en Fraktionen bei der Verteilung der Redezeit in Plenarsitzungen im Vorteil, jedoch k&ouml;nnen zus&auml;tzliche Redezeiten im &bdquo;catch the eye&ldquo;-Verfahren, also Ausf&uuml;hrungen von einer Minute, und durch schriftliche Abstimmungserkl&auml;rungen gewonnen werden. Zudem dr&auml;ngt sich der Eindruck auf, dass die rechtsradikalen Abgeordneten von der M&ouml;glichkeit, sich in Ausschusssitzungen frei zu Wort zu melden, kaum Gebrauch machen. M&ouml;glicherweise liegt die Zur&uuml;ckhaltung in der schwachen medialen Berichterstattung &uuml;ber Ausschusssitzungen begr&uuml;ndet.<br />&Uuml;berdurchschnittlich h&auml;ufig nutzen Abgeordnete von Rechtsau&szlig;en-Parteien die M&ouml;glichkeit parlamentarischer Anfragen (Schmidtke 2016). Dieses unmittelbare Instrument der parlamentarischen Kontrolle wird zum einen genutzt, um Informationen zu bestimmten Themengebieten einzuholen, und zum anderen als Mittel der Kommunikation an die nationale W&auml;hlerschaft. Anfragen an Kommission und Rat &uuml;ber Themen des Wahlkreises oder ideologisch besonders aufgeladene Fragen (wie Gender-Themen[3]) sind gut geeignet, der europafeindlichen W&auml;hlerschaft zu demonstrieren, dass man der verhassten EU auf die Finger klopft. <br />In den Aussch&uuml;ssen, wo es auf inhaltliche Detailarbeit abseits der Berichterstattung ankommt, k&ouml;nnen rechtsradikale Abgeordnete durch die Ernennung als Berichterstatter_in versuchen, direkten Einfluss auf den Politik-Output des Parlaments zu nehmen. Sobald ein Gesetzentwurf der Europ&auml;ischen Kommission einem Ausschuss im Parlament zugewiesen worden ist, benennen die Ausschussmitglieder eine_n Berichterstatter_in. Diese_r ist f&uuml;r den Gesetzentwurf zust&auml;ndig und verhandelt mit den anderen Fraktionen &uuml;ber eine Stellungnahme.<br />Nur wenige rechtsradikale Abgeordnete werden als Berichterstatter_in ernannt. Es kann nicht eindeutig beantwortet werden, ob die Rechtsau&szlig;en-Parteien wenig Interesse an der &Uuml;bernahme des Amtes haben oder es die anderen Fraktionen blockieren. So strebte Mario Borghezio (Lega Nord) den Posten als Berichterstatter f&uuml;r die Sonderuntersuchung des Innenausschusses zu den von Edward Snowden aufgedeckten Geheimdienstaktivit&auml;ten an &ndash; dies konnte in letzter Minute dank gemeinsamer Anstrengungen aller anderen Fraktionen verhindert werden. In der aktuellen Legislaturperiode &uuml;bernahmen Angeh&ouml;rige der ENF-Fraktion bislang acht Mal das Amt des Berichterstatters (Stand September 2017[4]). Zum Vergleich: Die EFDD-Fraktion stellte 24 Mal den Berichterstatter, 53 Mal die GUE/NGL, 96 Mal die Gr&uuml;nen und 108 Mal die liberale ALDE. Eine rein quantitative Betrachtung sagt jedoch wenig &uuml;ber die politische Reichweite der Berichte aus, zudem ist die ENF die j&uuml;ngste aller Fraktionen.<br />Um den Einfluss rechtsradikaler Parteien in Parlamenten in G&auml;nze verstehen zu k&ouml;nnen, reicht eine Analyse der parlamentarischen Arbeit allein nicht aus. Es kommt vielmehr auch auf die indirekten Wege der Einflussnahme an.</p>
<h2 class="auto-created">Agenda-&shy;Set&shy;ting und Echo-&shy;Ef&shy;fekte rechts&shy;ra&shy;di&shy;kaler Parteien in Europa</h2>
<p>Einfluss ist die M&ouml;glichkeit, ein Set von Entscheidungen und Ereignissen zu ver&auml;ndern, die sich ohne die Pr&auml;senz und das Handeln eines bestimmten Akteurs andersartig entwickelt h&auml;tten. Einfluss kann einerseits auf konkrete legislative Initiativen oder Gesetze ausge&uuml;bt werden, aber auch andererseits auf die politische Agenda, also das Set von Themen, das in einem politischen System besondere Aufmerksamkeit erf&auml;hrt (Cobb/Elder 1983:&nbsp;86; Baumgartner/Jones 1993). Der Einfluss rechtsradikaler Parteien in der Europ&auml;ischen Politik zeigt sich weniger durch ihre konkrete Arbeit im Europ&auml;ischen Parlament, als erstens durch ihre F&auml;higkeit, die anderen Parteien thematisch vor sich her zu treiben, und zweitens durch einen Echo-Effekt zwischen den Mitgliedsstaaten. <br />Die politische Mobilisierung der radikalen Rechten h&auml;ngt im entscheidenden Ma&szlig;e davon ab, wie erfolgreich rechtsradikale Parteien darin sind, Themen in ihrem Sinne zu framen. Goffman (1980) entwickelte das Konzept des Framing als ein individuelles Interpretationsschema zur Erkl&auml;rung der Welt. Frames lokalisieren, identifizieren, etikettieren und benennen konkrete allt&auml;gliche Vorkommnisse, die im Sinne des Rahmens definiert werden, wodurch sie Erfahrungen einordnen helfen und sinnstiftend wirken.<br />Die gr&ouml;&szlig;te Herausforderung eines rechtsradikalen Framings besteht darin, an scheinbar berechtigte Sorgen der Bev&ouml;lkerung anzukn&uuml;pfen und dabei gleichzeitig ein allzu rassistisches oder ethnozentrisches Auftreten zu vermeiden. &#8222;Movement leaders have to play to the perceived fears of threatened populations while achieving frame alignment, identify potential allies, and broadening their base of support beyond racialist groups. They must also seize the political opportunities that arise, identify sympathetic institutional insiders, and forge alliances with other entities and networks to reconstitute message and image.&#8220; (Wright 2009: 191)<br />Eine hohe Glaubw&uuml;rdigkeit und Sichtbarkeit ihrer Themen sind f&uuml;r die Rechtsradikalen von entscheidender Bedeutung. Die radikale Rechte steigert ihre Glaubw&uuml;rdigkeit, indem sie zum Beispiel vorgibt, legitime Sorgen der Bev&ouml;lkerung in Bezug auf Immigration und Sicherheit zu vertreten. Sie ist dann besonders erfolgreich darin, wenn sie eine hohe narrative Wiedergabetreue erreicht, also die Problemdiagnose und die angebotenen Prognosen zur erlebten Realit&auml;t der Empf&auml;nger_innen passen und sie dabei an ein kulturelles Erbe ankn&uuml;pfen kann. Der Partei wird dann zugesprochen, &#8222;rechtm&auml;&szlig;iger Besitzer&#8220; des Themas zu sein (Meguid 2008). Dies ist besonders dann der Fall, wenn die etablierten Parteien die Themen Immigration, Staatsb&uuml;rgerschaft und nationale Identit&auml;t zuvor nicht politisch besetzten (Koopmans et al. 2005: 22). Bekommen die rechtsradikalen Themen dar&uuml;ber hinaus durch aktuelle Anl&auml;sse &ndash; wie eine gro&szlig;e Anzahl von Gefl&uuml;chteten im Land &ndash; in der &ouml;ffentlichen und medialen Wahrnehmung eine gro&szlig;e Sichtbarkeit, dann k&ouml;nnen zunehmende Wahlerfolge die der radikalen Rechten zugeschriebene F&auml;higkeit steigern, eine Kraft sozialer Ver&auml;nderung zu sein. Durch die Zentralit&auml;t und die &ouml;ffentlich-mediale Vermittlung des Themas erreicht dieses in Folge die formal-legislative Agenda. Daraus entsteht f&uuml;r die etablierten Parteien ein Teufelskreis, der die Glaubw&uuml;rdigkeit der radikalen Rechten und die Sichtbarkeit ihrer Themen weiter f&ouml;rdert. Nehmen die etablierten Parteien die rechtsradikalen Frames in der Hoffnung an, verloren geglaubte W&auml;hlerstimmen zur&uuml;ck zu gewinnen, dann steigern sie gleichzeitig deren Glaubw&uuml;rdigkeit und die wahrgenommene Wichtigkeit des Themas. Die radikale Rechte wird indirekt als die Partei empfohlen, die die Probleme fr&uuml;h erkannte und passende Policy-Angebote entwickelte. <br />Diese Kausalit&auml;t wird von einigen wissenschaftlichen Untersuchungen &uuml;ber das Verhalten und den Einfluss rechtsradikaler Parteien gest&uuml;tzt. Schain (2002) untersuchte den Einfluss des franz&ouml;sischen Front National und wies nach, dass die Politik des FN Auswirkungen auf die &ouml;ffentliche Meinung in Bezug auf das Thema Immigration hat und etablierte Parteien thematische Positionen des FN &uuml;bernehmen. Andere Studien wie die von Minkenberg (1998; 2001; 2002), Kitschelt (1995) oder Heinisch (2003) kommen zu &auml;hnlichen Ergebnissen.<br />Zuletzt gelang es Sebastian Kurz (&Ouml;VP) in &Ouml;sterreich durch die &Uuml;bernahme politischer Positionen der FP&Ouml;, dass sich Teile der abgewanderten W&auml;hler_innen wieder der &Ouml;VP zuwandten. Zum einen kann sich eine erfolgreiche Strategie gegen Rechtsradikalismus jedoch nicht darauf beschr&auml;nken, es als Erfolg zu feiern, dass rechtsradikale Parteien weniger Stimmen als erwartet erhalten, wenn gleichzeitig ultranationalistische, xenophobe und autoritaristische Positionen in den politischen Willensbildungsprozess integriert werden. Zum anderen zeigt sich, dass die FP&Ouml; durch diese Strategie keinesfalls zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wird: W&auml;hrend die Partei im Jahr 2006 noch 11 Prozent der Stimmen erhielt, waren es 17,5 Prozent im Jahr 2008, 20,5 Prozent im Jahr 2013 und bei den aktuellen Nationalratswahlen rund 26 Prozent. Auch nach der deutschen Bundestagswahl konnte man beobachten, wie die etablierten Parteien auf die Themen und Frames der AfD einstiegen &ndash; sei es der offene Schwenk der CSU nach rechts, wie ihn Horst Seehofer ank&uuml;ndigte; der Versuch der Gr&uuml;nen, mit den Konzepten Heimat und Tradition zu punkten; oder die Auseinandersetzungen in der Linkspartei zur Neuausrichtung ihrer Gefl&uuml;chtetenpolitik.<br />Dar&uuml;ber hinaus wirkt ein sich verst&auml;rkender Echo-Effekt auf die Debatten zwischen den Mitgliedsstaaten. Befl&uuml;gelt durch politische Erfolge in einem Land versuchen rechtsradikale Parteien in anderen L&auml;ndern daran anzukn&uuml;pfen &ndash; durch den Austausch von Ideen, die &Uuml;bernahme von Strategien und durch direkte Kooperation. So forderten rechtsradikale Parteien quer durch Europa nach dem Votum f&uuml;r einen Austritt Gro&szlig;britanniens aus der EU &auml;hnliche Abstimmungen in ihren L&auml;ndern, sicherten sich so einen Platz in den Schlagzeilen und konnten die ohnehin aufgeheizten Debatten weiter anfeuern. Ganz bewusst versuchen die Parteien an Erfolge anzukn&uuml;pfen, zum Beispiel indem Nigel Farrage (UKIP) kurz vor der deutschen Bundestagswahl zusammen mit der AfD-Politikerin Beatrix von Storch in Berlin auftrat, um das Thema EU-Kritik st&auml;rker in den deutschen Wahlkampf einzubringen.[5] <br />Der Echo-Effekt kann allerdings auch gegenteilige Wirkung entfalten &ndash; n&auml;mlich dann, wenn sich die rechtsradikale Performance in einem Land als nicht erfolgreich erweist und sich die Parteien in Folge gegenseitig nach unten ziehen. Das Auftreten Donald Trumps als US-Pr&auml;sident mag mit zu den sinkenden Zustimmungswerten bei den Wahlen in Frankreich und den Niederlanden beigetragen haben. Und auch nach dem Brexit-Referendum stiegen in den meisten europ&auml;ischen L&auml;ndern die Zustimmungswerte f&uuml;r einen Verbleib in der EU (s. hierzu auch den Beitrag von Loth in diesem Heft).</p>
<p><b>TOBIAS PETER</b>&nbsp;&nbsp; <i>M.A., Jahrgang 1982; von 2010 bis 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Europ&auml;ischen Parlament; zurzeit Projektleiter bei der Stiftung SPI in Berlin; Arbeitsschwerpunkte: Rechtsradikalismus, Sicherheitspolitik, Migration und Asyl. Autor verschiedener Ver&ouml;ffentlichungen, zuletzt erschien &#8222;Unabh&auml;ngige Polizeibeschwerdestellen. Was kann Deutschland von anderen europ&auml;ischen Staaten lernen?&#8220;, zusammen mit Eric T&ouml;pfer, Hg. von Deutsches Institut f&uuml;r Menschenrechte.</i></p>
<h5>Literatur:</h5>
<p>Baumgartner, Frank R.; Jones, Bryan D. (1993): Agendas and Instability in American Politics. Chicago: University of Chicago Press.</p>
<p>Corbett, Richard, Jacobs, Francis; Shackleton, Michael (2011): The European Parliament. London: John Harper.</p>
<p>Decker, Frank (2016): Die &bdquo;Alternative f&uuml;r Deutschland&ldquo; aus der vergleichenden Sicht der Parteienforschung, in: H&auml;usler, Alexander (Hg.): Die Alternative f&uuml;r Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung. Wiesbaden: Springer VS, S. 7-24.</p>
<p>Cobb, Roger W.; Elder, Charles D. (1983): Participation in American Politics. The Dynamics of Agenda-Building. Baltimore: John Hopkins University Press.</p>
<p>Goffman, Erving (1980): Rahmen-Analyse. Ein Versuch &uuml;ber die Organisation von Alltagserfahrungen Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
<p>Koopmans, Ruud; Statham, Paul; Giugni, Marco; Passy, Florence (2005): Contested citizenship. Immigration and cultural diversity in Europe (Social movements, protest, and contention, Bd. 25). Minneapolis, Minn.: Univ. of Minnesota Press.</p>
<p>Minkenberg, Michael (1998): Die neue radikale Rechte im Vergleich. USA, Frankreich, Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag.</p>
<p>Minkenberg, Michael (2001): The radical right in public office: Agenda setting and policy effects, in: West European Politics 24 (4), S. 1-21.</p>
<p>Minkenberg, Michael (2002): The New Radical Right in the Political Process: Interaction Effects in France and Germany, in: Schain et al. (Hg.): Shadows over Europe. The development and impact of the extreme right in Western Europe. New York: Palgrave Macmillan, S. 245-268.</p>
<p>Minkenberg, Michael (2011): Die radikale Rechte in Europa heute. Profile und Trends in West und Ost, in: Globisch, Claudia; Pufelska, Agnieszka; Wei&szlig;, Volker (Hg.): Die Dynamik der europ&auml;ischen Rechten. Geschichte, Kontinuit&auml;ten und Wandel. Wiesbaden: VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 111-131.</p>
<p>Minkenberg, Michael (2013): Die europ&auml;ische radikale Rechte und Fremdenfeindlichkeit in West und Ost: Trends, Muster und Herausforderungen, in: Melzer, Ralf; Serafin, Sebastian: Rechtsextremismus in Europa. L&auml;nderanalysen, Gegenstrategien und arbeitsmarktorientierte Ausstiegsarbeit. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.</p>
<p>Meguid, Bonnie M. (2008): Party competition between unequals. Strategies and electoral fortunes in Western Europe (Cambridge studies in comparative politics). Cambridge: Cambridge Univ. Press.</p>
<p>Peter, Tobias (2015): Europa Rechtsaussen. Die radikale Rechte im Europ&auml;ischen Parlament nach den Europawahlen 2014. Herausgegeben von Jan Philipp Albrecht, MdEP, Br&uuml;ssel.</p>
<p>Schain, Martin (2002): The Impact of the French National Front on the French Political System, in: Schain et al. (Hg.): Shadows over Europe. The development and impact of the extreme right in Western Europe. New York: Palgrave Macmillan, S. 223-243.</p>
<p>Schmidtke, Franziska (2016): Das Europ&auml;ische Parlament &ndash; Hochburg der Rechtspopulisten? G&ouml;ttinger Institut f&uuml;r Demokratieforschung, abrufbar unter <a href="http://www.demokratie-goettingen.de/blog/das-europaeische-parlament-hochburg-der-rechtspopulisten" target="_blank" rel="noopener">http://www.demokratie-goettingen.de/blog/das-europaeische-parlament-hochburg-der-rechtspopulisten</a></p>
<p>Williams, Michelle H. (2006): The Impact of Radical Right-Wing Parties in West European Democracies. New York: Palgrave Macmillan.</p>
<p>Wright, Stuard A. (2009): Strategic Framing of Racial-Nationalism in North America and Europe. An Analysis of a Burgeoning Transnational Network. Terrorism and Political Violence 21 (2), 189&ndash;210.</p>
<h5>Anmerkungen:</h5>
<p>1 Aus diesem Grund ist die g&auml;ngige Unterscheidung zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus zur Beschreibung der vielf&auml;ltigen Erscheinungsformen ideologisch-analytisch inhaltsleer und nicht zielf&uuml;hrend.</p>
<p>2 Ohne Fraktionslose; Daten von Votewatch.eu.</p>
<p>3 Siehe beispielhaft die Anfrage &bdquo;Schattenboxen gegen &bdquo;geschlechtsspezifische Lohngef&auml;lle&ldquo; (Gender Pay Gap) zur schriftlichen Beantwortung an die Kommission von Beatrix von Storch vom 23. M&auml;rz 2015, abrufbar unter <a href="http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?language=de&amp;pubRef=-//EP//TEXT+WQ+E-2015-004566+0+DOC+XML+V0//DE" target="_blank" rel="noopener">http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+WQ+E-2015-004566+0+DOC+XML+V0//DE&amp;language=de</a>.</p>
<p>4 Daten von Votewatch.eu.</p>
<p>5 &#8222;Mister Brexit besucht die AfD&#8220;, Deutschlandfunk vom 9.9.2017, <a href="http://www.deutschlandfunk.de/nigel-farage-in-berlin-mister-brexit-besucht-die-afd.1773.de.html?dram:article_id=395468" target="_blank" rel="noopener">http://www.deutschlandfunk.de/nigel-farage-in-berlin-mister-brexit-besucht-die-afd.1773.de.html?dram:article_id=395468</a>.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/in-der-eu-gegen-die-eu-rechtsradikale-und-anti-europaeische-parteien-im-europaeischen-parlament-1/">In der EU gegen die EU? &#8211; Rechtsradikale und anti-europäische Parteien im Europäischen Parlament</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Deutschland in, mit und für Europa* &#8211; Ein europäischer Blick aus Spanien</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 10:39:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 93 &#8211; 103 An Deutschlands Rolle in der EU gibt es verschiedenste Erwartungen &#8211; innerhalb der deutschen Parteienlandschaft, aber mehr noch von unseren europ&#228;ischen Nachbarn. Welche Vorschl&#228;ge zur &#220;berwindung der derzeitigen Krise der EU im Raum stehen, woran sich die deutsche (Europa-)Politik bisher orientiert und welche Rolle Deutschland bei [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/deutschland-in-mit-und-fuer-europa-ein-europaeischer-blick-aus-spanien-1/">Deutschland in, mit und für Europa* &#8211; Ein europäischer Blick aus Spanien</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 93 &#8211; 103</p>
<p><i>An Deutschlands Rolle in der EU gibt es verschiedenste Erwartungen &ndash; innerhalb der deutschen Parteienlandschaft, aber mehr noch von unseren europ&auml;ischen Nachbarn. Welche Vorschl&auml;ge zur &Uuml;berwindung der derzeitigen Krise der EU im Raum stehen, woran sich die deutsche (Europa-)Politik bisher orientiert und welche Rolle Deutschland bei den anstehenden Reformen spielen k&ouml;nnte und sollte, schildert der folgende Beitrag.</i></p>
<p>Die Einladung, &uuml;ber das Thema Deutschland in Europa zu schreiben, bringt mich in die Verlegenheit, mich zu einer Problematik zu &auml;ussern, &uuml;ber die mittelfristig kein Konsens zu erreichen sein wird. Ich will es dennoch versuchen.</p>
<h2 class="auto-created">Ausgangs&shy;punkt </h2>
<p>Ohne die nationalen Interessen der EU-Staaten vernachl&auml;ssigen zu wollen, meine ich, dass es nicht mehr zeitgem&auml;&szlig; ist, als europ&auml;ischer B&uuml;rger in nationalen Kategorien zu denken. Daraus entsteht f&uuml;r mich die b&uuml;rgerliche Pflicht, Europa als Ganzes im Blick zu haben. Es darf nicht mehr um Germany, France oder Spain first, sondern z. B. f&uuml;r alle Sozialfragen nur um European citizens and their protection first gehen. Schon das Grundgesetz verweist uns auf die Herstellung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse als Ziel (Art.&nbsp;72 Abs.&nbsp;2 GG) der deutschen Politik. Das muss heute auf die europ&auml;ische Politik &uuml;bertragen werden. Wenn Deutschland eine moralische Nation[1] bleiben m&ouml;chte, muss es solidarisch sein; jegliche Argumentation im Dienste von nationalen Interessen gegen sozialeurop&auml;ische Politiken und gegen eine Transfer-Union disqualifiziert sich selbst als national-demagogischer Populismus. Obwohl die Situation im Moment von der Mehrheit getragen scheint, m&ouml;chte ich nicht ausschliessen, dass sie sich morgen zum Besseren wendet.</p>
<p>Die Rede des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Emmanuel Macron in La Sorbonne[2] &uuml;ber eine Neugr&uuml;ndung der EU, die Rede Jean-Claude Junckers vor dem Europ&auml;ischen Parlament[3] und die Beschl&uuml;sse &uuml;ber soziale Rechte in G&ouml;teborg[4] kommen mir zu Hilfe, um mich mit der Neugr&uuml;ndung der EU n&auml;her zu befassen. Dabei werde ich mich hier auf Europa als Sozialunion (1.) und auf die vorgeschlagenen Reformen der Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion (2.) beschr&auml;nken.</p>
<h2 class="auto-created">1. Europa als Sozialunion </h2>
<p>F&uuml;r das Projekt einer europ&auml;ischen Sozialunion ist die Situation in Deutschland ausschlaggebend. Als Europ&auml;er habe ich in dieser Beziehung manche Bedenken: zun&auml;chst die wachsende Ungleichheit, die sich in einer Zunahme prek&auml;rer Arbeitspl&auml;tze, niedriger L&ouml;hne und von Armutsrenten in Deutschland &auml;u&szlig;ert.<br />Zwar w&auml;chst die deutsche Wirtschaft st&auml;rker denn je, hat die Zahl der Arbeitslosen 2017 einen Tiefstand erreicht, sprudeln die Steuerquellen und geht es den Deutschen in den Meinungsumfragen gut oder sogar sehr gut. In einer solchen Situation ist es aber nicht zu verstehen, dass sich die Armut in der Bev&ouml;lkerung ausbreitet und 25 Prozent der Deutschen ums soziale &Uuml;berleben k&auml;mpfen m&uuml;ssen.<br />Schlimmer noch ist der von allen Seiten wahrgenommene und anerkannte Bildungsnotstand: der Mangel an Lehrkr&auml;ften, die unzureichende Infrastruktur, chaotische Lehrprogramme, regressive F&ouml;rderung und daraus folgende Atomisierung sowie eine ziellose Beschleunigung der wissenschaftlichen Forschung &hellip; Als Europ&auml;er kann ich diese bedauerliche Situation im prosperierenden Deutschland nicht guthei&szlig;en. <br />Ebensowenig kann als selbstverst&auml;ndlich hingenommen werden, dass unsere europ&auml;ischen Gesellschaften seit der Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der unter dem Sozialdumping deutscher Unternehmer zu leiden haben, wie etwa Paul Krugman, Joseph E. Stiglitz und selbst die Welthandelsorganisation (WHO) und die Europ&auml;ische Kommission es dem ordoliberalen Finanzminister Wolfgang Sch&auml;uble und der Kanzlerin Angela Merkel in der letzten Dekade wiederholt vorgeworfen haben.</p>
<p>Seit dem Ausbruch der europ&auml;ischen Finanzkrise 2008 ist der Ruf nach europ&auml;ischer Solidarit&auml;t un&uuml;berh&ouml;rbar. Gemeint ist u.a Deutschland, nicht nur weil es sich um das reichste Land handelt, sondern auch, weil die skrupellose Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung der deutschen Banken[5] und die gnadenlose Austerit&auml;tspolitik von Finanzminister Sch&auml;uble in unseren L&auml;ndern zum Abbau sozialer Rechte gef&uuml;hrt hat: Sozialleistungen wurden gek&uuml;rzt, Tarifvertragssysteme dezentralisiert, Mindestl&ouml;hne und Geh&auml;lter im &ouml;ffentlichen Dienst eingefroren oder gesenkt. In diesem Zusammenhang darf daran erinnert werden, dass Deutschland 1953 seinerseits in den Genuss eines gro&szlig;z&uuml;gigen Schuldenschnitts seitens der westlichen Siegerm&auml;chte kam.</p>
<p>Keiner brachte wohl die Situation besser auf den Punkt als Altkanzler Helmut Schmidt in seiner Rede auf dem SPD-Bundesparteitag 2011:<br />&#8222;Unsere geopolitische Zentrallage, dazu unsere ungl&uuml;ckliche Rolle im Verlaufe der europ&auml;ischen Geschichte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, dazu unsere heutige Leistungsf&auml;higkeit, all dies zusammen verlangt von jeder deutschen Regierung ein sehr hohes Ma&szlig; an Einf&uuml;hlungsverm&ouml;gen in die Interessen unserer EU-Partner. Und unsere Hilfbereitschaft ist unerl&auml;sslich.<br />Wir Deutschen haben doch unsere gro&szlig;e Wiederaufbau-Leistung der letzten sechs Jahrzehnte auch nicht allein und nur aus eigener Kraft zustande gebracht. Sondern sie w&auml;re nicht m&ouml;glich gewesen ohne die Hilfe der westlichen Siegerm&auml;chte, nicht ohne unsere Einbettung in die europ&auml;ische Gemeinschaft und das atlantische B&uuml;ndnis, nicht ohne die Hilfen durch unsere Nachbarn, nicht ohne den politischen Aufbruch im Osten Mitteleuropas und nicht ohne das Ende der kommunistischen Diktatur. Wir Deutschen haben Grund zur Dankbarkeit. Und zugleich haben wir die Pflicht, uns der empfangenen Solidarit&auml;t w&uuml;rdig zu erweisen durch unsere eigene Solidarit&auml;t mit unseren Nachbarn! &#8230; Die deutschen Politiker und die deutschen Medien haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, diese Einsicht nachhaltig in der &ouml;ffentlichen Meinung zu vertreten.&#8220;[6]</p>
<p>Auch Jean-Claude Juncker hat das europ&auml;ische Bed&uuml;rfnis nach Solidarit&auml;t in seiner Rede zur Lage der Union unterstrichen: <br />&#8222;Wenn wir der sozialen Fragmentierung und dem Sozialdumping in Europa ein Ende setzen wollen, sollten die Mitgliedstaaten sich so schnell wie m&ouml;glich &#8230; auf die europ&auml;ische S&auml;ule sozialer Rechte einigen.&#8220;[7]</p>
<p>Nach dem letzten Europagipfel zum Thema Faire Arbeitspl&auml;tze und Wachstum am 17. November 2017 in G&ouml;teborg soll die europ&auml;ische S&auml;ule sozialer Rechte neue und wirksamere Rechte f&uuml;r die B&uuml;rger gew&auml;hrleisten. Sie hat im Wesentlichen drei Dimensionen: Chancengleichheit und Arbeitsmarktzugang, faire Arbeitsbedingungen, Sozialschutz und soziale Inklusion. Der Gastgeber, die schwedische Regierung unter Stefan L&ouml;fven, vertritt seit Langem die Position, dass sich die EU effektiver f&uuml;r die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer B&uuml;rger einsetzen solle: <br />&#8222;Die EU-Mitgliedstaaten und die EU-Institutionen m&uuml;ssen Entschlossenheit und Engagement zeigen, um die Zuversicht und das Vertrauen in die Zukunft zu st&auml;rken. Wir m&uuml;ssen konkrete Ergebnisse erzielen und den Alltag der Menschen verbessern. 2016 auf dem Gipfel von Bratislava haben wir eine echte Debatte &uuml;ber die Zukunft der EU angestossen, die durch das Anfang 2017 ver&ouml;ffentlichte Weissbuch der Europ&auml;ischen Kommission konkrete Formen angenommen hat. Im Rahmen dieser Debatte haben wir keinen Zweifel daran gelassen, dass ein gerechteres und sozialeres Europa das Herzst&uuml;ck unserer Union sein muss.<br />Der EU kommt hierbei eine wichtige unterst&uuml;tzende Rolle zu, was sich in der Entschlossenheit dieser Kommission widerspiegelt, soziale Priorit&auml;ten und soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt all ihres Handelns zu stellen.&#8220;[8] <br />Was ist von der G&ouml;teborg-Erkl&auml;rung zu halten? Gewiss verspricht sie in zwanzig Punkten unter anderem ein Recht auf faire L&ouml;hne, auf einen geregelten K&uuml;ndigungsschutz, Absicherung bei Arbeitslosigkeit sowie Gesundheitsversorgung und Pflege. Die Umsetzung obliegt aber den Mitgliedstaaten. Das Problem dabei ist, dass diese Rechte nur proklamiert wurden und die Standards nicht rechtsverbindlich und viel zu wenig konkret sind, wie Gewerkschaften und linke Parteien kritisieren.</p>
<p>Nach Einsch&auml;tzung des DGBs <br />&#8222;handelt es sich bei der Europ&auml;ischen S&auml;ule sozialer Rechte letztlich um eine Zusammenfassung des bestehenden Rechts mit einigen grundlegenden Prinzipien aus Sicht der Europ&auml;ischen Kommission. &hellip; Insofern ist es nur der allerkleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Europ&auml;ische Kommission festlegen wollte und/oder konnte.&#8220;[9] <br />DGB-Chef Reiner Hoffmann fordert deshalb, dass die S&auml;ule rechtsverbindlich und mit einem klaren sozialpolitischen Aktionsprogramm unterf&uuml;ttert wird.[10] Hoffmann schl&auml;gt eine soziale Roadmap vor, anhand derer die Menschen nachvollziehen k&ouml;nnten, ob ihre L&ouml;hne wieder steigen, die Tarifbindung wieder zunimmt, Sozialleistungen wieder Sicherheit und Schutz in Zeiten rasanter Ver&auml;nderungen geben, Arbeitslosigkeit deutlich abnimmt und Arbeitspl&auml;tze wieder sicherer werden. Daf&uuml;r sollte eine soziale Fortschrittsklausel in den EU Vertr&auml;gen verankert werden.<br />Auch der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Emmanuel Macron hat dazu Stellung genommen und seine Idee eines neu gegr&uuml;ndeten souver&auml;nen Europas ins Spiel gebracht:<br />&#8222;Wir k&ouml;nnen dem Weg der nationalen Abschottung nicht mehr folgen. &hellip; Es liegt an uns und an Euch, den einzigen Weg, der unsere Zukunft sichert, zu ebnen, und davon m&ouml;chte ich heute sprechen. Es ist die Neubegr&uuml;ndung eines souver&auml;nen, geeinten und demokratischen Europa. &hellip; Das Europa, wie wir es kennen, ist zu schwach, zu langsam, zu ineffizient, aber allein Europa kann uns seine Handlungsf&auml;higkeit in der Welt geben angesichts der grossen Herausforderungen dieser Zeit.<br />In einem Wort: Allein Europa kann tats&auml;chlich Souver&auml;nit&auml;t gew&auml;hrleisten, das heisst, die F&auml;higkeit, in der heutigen Welt zu bestehen, um unsere Werte und unsere Interessen zu verteidigen. Es gilt, eine europ&auml;ische Souver&auml;nit&auml;t aufzubauen und es besteht eine Notwendigkeit, sie aufzubauen. Warum? Weil das, was unsere Identit&auml;t ausmacht, dieses Wertegleichgewicht, dieses Verh&auml;ltnis zur Freiheit, zu den Menschenrechten, zur Gerechtigkeit etwas nie Dagewesenes auf diesem Planeten ist. Die Treue zur Marktwirtschaft, aber auch die zur sozialen Gerechtigkeit sind gleich wichtig. &hellip; <br />Wir k&ouml;nnen auch dem Weg der nationalen Abschottung nicht mehr folgen. Das w&auml;re ein kollektiver Untergang. &hellip; <br />Es liegt an uns und an euch, den einzigen Weg, der unsere Zukunft sichert, zu ebnen, und davon m&ouml;chte ich heute sprechen. Es ist die Neubegr&uuml;ndung eines souver&auml;nen, geeinten und demokratischen Europa. Haben wir gemeinsam den Mut, uns diesen Weg zu bahnen. Wie ich den Franzosen gegen&uuml;ber in jedem Augenblick dazu stand, so sage ich es heute mit ungebrochener &Uuml;berzeugung: Das Europa, wie wir es kennen, ist zu schwach, zu langsam, zu ineffizient, aber allein Europa kann uns eine Handlungsf&auml;higkeit in der Welt geben angesichts der gro&szlig;en Herausforderungen dieser Zeit.<br />In einem Wort: Allein Europa kann tats&auml;chliche Souver&auml;nit&auml;t gew&auml;hrleisten, das hei&szlig;t, die F&auml;higkeit, in der heutigen Welt zu bestehen, um unsere Werte und unsere Interessen zu verteidigen. Es gilt, eine europ&auml;ische Souver&auml;nit&auml;t aufzubauen und es besteht eine Notwendigkeit, sie aufzubauen. Warum? Weil das, was unsere Identit&auml;t ausmacht, was unsere tiefe Identit&auml;t pr&auml;gt, dieses Wertegleichgewicht, dieses Verh&auml;ltnis zur Freiheit, zu den Menschenrechten, zur Gerechtigkeit ist etwas nie Dagewesenes auf diesem Planeten. Die Treue zur Marktwirtschaft, aber auch die zur sozialen Gerechtigkeit ist ebenso wichtig.&#8220; (Macron v. 26.9.2017, S. 3)<br />&#8222;Ein Europa, das zusammensteht, um Menschen zu sch&uuml;tzen, einzugreifen, Leben zu retten, das ist ein Europa, das den Sinn f&uuml;r diese Br&uuml;derlichkeit wiederfindet, die wir in dessen Mittelpunkt gestellt haben, das sich aus seinen Beschw&ouml;rungen l&ouml;st, um konkret zu handeln und zu zeigen, welche Kraft im gemeinsamen Handeln steckt.&#8220;[11]<br />Wie reagiert Deutschland auf solche &Auml;usserungen? J&uuml;rgen Habermas hat vor einigen Wochen vor der reflexhaften Haltung Deutschlands gegen&uuml;ber Europa gewarnt: &#8222;Was das uns Deutsche wieder kostet? &hellip; sollte nicht die Antwort auf den franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten sein&#8220;[12], so der einpr&auml;gsame Titel seiner Empfehlungen. Die Melodie ist mir von anderer Seite her bekannt: Deutschland war auch im Jahr 2016 wieder der mit Abstand gr&ouml;sste Nettozahler der EU: Rund 13 Milliarden Euro betrug die Differenz zwischen dem deutschen Beitrag und den R&uuml;ckfl&uuml;ssen aus den Gemeinschaftst&ouml;pfen der Union. Auch im Verh&auml;ltnis zur Wirtschaftsleistung ist Deutschland mit 0,4 Prozent seines nationalen Bruttoeinkommens der gr&ouml;&szlig;te Nettobeitragszahler. Zweitgr&ouml;&szlig;ter Nettozahler war im vergangenen Jahr Frankreich mit 8,2 Milliarden Euro, was einem starken Anstieg um ganze 2 Milliarden Euro entspricht.[13]<br />Ein gener&ouml;ses Deutschland also? Haushaltskommissar G&uuml;nther Oettinger behauptet, die Nettobeitragszahler seien in Wahrheit die gr&ouml;&szlig;ten Nutznie&szlig;er des Haushalts: sie profitierten gesamtwirtschaftlich durch Arbeitspl&auml;tze, Exporte und Investitionen. In dieser Sicht entspricht der deutsche Beitrag eben dem Preis f&uuml;r den Binnenmarkt; oder wie Kommissionspr&auml;sident Jean-Claude Juncker sagen w&uuml;rde: es handelt sich um den Beitrag zum sozialen Zusammenwachsen der EU. [14]<br />Der Publizist Hendrik Kafsack weist in einem Artikel in der FAZ auf die Ambiguit&auml;t der G&ouml;teborg-Beschl&uuml;sse hin: <br />&#8222;Die Bef&uuml;rworter der Sozialunion versp&uuml;ren nach dem Brexit &#8230; R&uuml;ckenwind, zumal durch den Wahlsieg Macrons. Juncker und Macron sind entschlossen, der EU einen &#8217;sozialen Stempel&#8216; aufzudr&uuml;cken. Die bittere Ironie liegt darin, dass die EU mit der Proklamierung der &#8218;S&auml;ule sozialer Rechte&#8216;, unabh&auml;ngig davon, wessen Sichtweise sich durchsetzt, der Euroskepsis Vorschub leisten wird. Bleibt es am Ende bei einer blo&szlig;en Proklamation ohne Folgen, werden sich die Anh&auml;nger der Sozialunion in Frankreich und anderswo endg&uuml;ltig von der EU abwenden. &#8230; Schreitet die EU aber tats&auml;chlich auf dem Weg in die Sozialunion voran, weckt sie in den L&auml;ndern, die wie Deutschland die zus&auml;tzlichen Transfers bezahlen m&uuml;ssen, neue Euroskepsis.&#8220;[15] <br />Diese Bef&uuml;rchtung scheint gerechtfertigt, zumal auch die unverzeihlichen Unzul&auml;nglichkeiten der europ&auml;ischen S&uuml;dl&auml;nder nicht so leicht vom Tisch zu wischen sind. Es bleibt zu beklagen, dass die &ouml;ffentliche Finanz-Misere der Mittelmeer-L&auml;nder teilweise in der unf&auml;higen, wenn nicht korrupten Politik, der weiten Verbreitung von Steuerdelikten, der ineffizienten &ouml;ffentlichen Verwaltung und dem Mangel an Unternehmer-Initiative ihre Erkl&auml;rung findet.[16] Die deutsche Besorgnis entbehrt durchaus nicht einer gewissen Grundlage. Deshalb m&uuml;ssten die europ&auml;ische Sozialreformen zugleich garantieren, dass kein Missbrauch <i>(moral hazard)</i> mit ihnen getrieben wird.</p>
<h2 class="auto-created">2. Reformen in der Wirtschafts- und W&auml;hrungs&shy;u&shy;nion</h2>
<p>Pr&auml;sident Macron unterstreicht, dass sein Projekt, die Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion zu reformieren, im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit und der Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen zu sehen ist:<br />&#8222;Souver&auml;nit&auml;t bedeutet schlie&szlig;lich Wirtschafts-, Industrie- und W&auml;hrungsmacht. &hellip; Aber eine nachhaltige Wirtschaftsmacht kann nur mit Hilfe einer gemeinsamen W&auml;hrung entstehen, weshalb mir soviel an dem Ziel einer Eurozone gelegen ist. &hellip; Denn ausgehend von dieser Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion, innerhalb dieses Gremiums, k&ouml;nnen wir das Herzst&uuml;ck eines integrierten Europa schaffen. &hellip; Unsere Herausforderung inmitten der Eurozone besteht darin, herauszufinden, wie wir es schaffen, aus dieser Zone eine Wirtschaftsmacht zu machen, die mit China und den USA konkurrieren kann und wie es uns gelingt, das zu erreichen, woran wir seit zehn Jahren scheitern: Arbeitspl&auml;tze zu schaffen und daf&uuml;r zu sorgen, dass die Generation der heutigen Jugend nicht zu einer Generation wird, die durch unsere Missst&auml;nde und unsere Ungleichgewichte zur Arbeitslosigkeit verdammt ist!&#8220;[17]<br />Besonderen Wert legt Macron auf die Erreichung von Konvergenz und Stabilit&auml;t eines europ&auml;ischen Haushalts, der Mittel zur Stabilisierung von Wirtschafts-Krisen zur Verf&uuml;gung stellen soll. Dieser soll von einem durch das Europ&auml;ische Parlament kontrollierten Finanzminister gef&uuml;hrt werden.<br />Schlie&szlig;lich betrachtet Macron die Solidarit&auml;t, neben der Kultur, als einen Grundpfeiler seines Europa, ohne mit Kritik an der Austerit&auml;ts- und Wettbewerbspolitik von Merkel und Sch&auml;uble der letzten Dekade zu sparen:<br />&bdquo;Auf der Solidarit&auml;t will ich beharren, da wir seit zehn Jahren in Europa viel &uuml;ber Verantwortung gesprochen, aber die Solidarit&auml;t untereinander vergessen haben. [&hellip;] Der gemeinsame Markt, der eigentliche Geist Europas, ist, wie es Jacques Delors sagte, &sbquo;die belebende Konkurrenz, die st&auml;rkende Zusammenarbeit und die vereinende Solidarit&auml;t&lsquo;. Gleichzeitig m&uuml;ssen wir die Essenz dieses Gleichgewichts wiederfinden, damit der regellose Wettbewerb nicht zu einer endg&uuml;ltigen Spaltung f&uuml;hrt.&#8220;[18]<br />Die Ideen des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten enden nicht mit diesen Worten; er fordert zudem mehr Gerechtigkeit und mehr soziale Konvergenz. Dazu macht er zwei konkrete Vorschl&auml;ge, die eine soziale Konvergenz beim Mindestlohn und bei den Sozialversicherungsstandards einschlie&szlig;en. Er schl&auml;gt vor, <br />&#8222;dass wir uns auf eine echte Sozialkonvergenz verst&auml;ndigen und schrittweise unsere [nationalen &ndash; ALP] Sozialmodelle einander ann&auml;hern. Das ist vollkommen vereinbar mit unserer globalen Wettbewerbsf&auml;higkeit. &#8230; Nun ist ein R&uuml;ckzug im Gange, der genau daher r&uuml;hrt; &uuml;berall dort, wo die Demokratien dieses Ziel auf die Spitze getrieben haben, zugunsten einer Wettbewerbsf&auml;higkeit ohne Gerechtigkeit, sind sie an ihre Grenzen gesto&szlig;en.&#8220;[19]<br />Nat&uuml;rlich ist sich Macron der Schwierigkeiten seines Projektes voll bewusst: &#8222;Das Unaussprechliche auf Deutsch ist der Finanztransfer, das Unaussprechliche auf Franz&ouml;sisch ist die Vertrags&auml;nderung.&#8220;[20] Damit antizipiert der Pr&auml;sident die Antworten, die er vom deutschen Verfassungsgericht, von Dieter Grimm[21] und von einer breiten Mehrheit der deutschen Intelligenz &ndash; mit seiner Lissabon-Entscheidung[22] stand das Bundesverfassungsgericht ja nicht allein &ndash; erhalten wird, wenn es um die &Uuml;bertragung entscheidender Souver&auml;nit&auml;ts-Kompetenzen an die EU geht. Nun erkl&auml;rt der franz&ouml;sische Pr&auml;sident klipp und klar: &#8222;Souver&auml;nit&auml;t, Einheit und Demokratie sind f&uuml;r Europa untrennbar &#8230; Es ist dieses untrennbare Triptychon, das wir hochhalten m&uuml;ssen.&#8220;[23]<br />Ich weiss nicht, ob Macron seine Partner gut kennt: In Deutschland hat das Recht mehr Gewicht im sozialen Leben als in jedem anderen europ&auml;ischen Land. Und das Recht ist im Denken bedeutender deutscher Staatsrechtslehrer unl&ouml;sbar an den Begriff des Staates gekoppelt. Von daher f&auml;llt es den Juristen im Allgemeinen, aber besonders den Richtern des Bundesverfassungsgerichts oft schwer, sich dessen bewusst zu werden, dass der Staat nur (noch) ein historisches Ph&auml;nomen darstellt. Sicherlich hat es keinen anderen Staat gegeben und wird es so schnell keinen anderen Staat geben, der verfassunsrechtlich so konsolidiert ist wie die Bundesrepublik Deutschland, einschlie&szlig;lich der au&szlig;erordentlich entwickelten Grundrechte-Garantie. Aber selbst dieser deutsche Staat unterliegt, wie von Hesse dargelegt[24], dem historischen Wandel. <br />Ebenso schwer f&auml;llt es den Juristen zu begreifen, dass es Pr&auml;sident Macron ist, der auf der H&ouml;he der Zeit steht, wenn er uns Europa-B&uuml;rgern eine europ&auml;ische Souver&auml;nit&auml;t ans Herz legt. Gewiss kann er mit deutscher Zustimmung rechnen, wenn er fordert, dass Europa die B&uuml;rger von jetzt an besser sch&uuml;tzen m&uuml;sse, als es mit nationalen Politiken allein m&ouml;glich ist &ndash; solche Lippenbekenntnisse verpflichten den Bundestag und das Bundesverfassungsgericht zu nichts. Dagegen werden die Deutschen gro&szlig;e Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen wie Europa, das kein Staat ist, morgen souver&auml;n sein k&ouml;nnte[25] &ndash; d. h. &uuml;ber die Kompetenz-Kompetenz verf&uuml;gen w&uuml;rde. <br />Wolfgang Sch&auml;uble hat der n&auml;chsten Regierung von Berlin seine Priorit&auml;ten f&uuml;r Europa in Form eines <i>Non-paper for paving the way towards a Stability Union</i> hinterlassen:</p>
<blockquote>
<p class="bodytext">&#8222;1. We must keep fiscal responsabilities and control together, to avoid moral hazard. <br />2. We need better instruments to foster the implementation of structural reforms. <br />3. We need credible stabilization functions to deal with global or domestic shocks.&#8220;[26]</p>
</blockquote>
<p>Das Bild des B&uuml;rgers, den Macron an die Spitze der souver&auml;nen europ&auml;ischen Unionspolitik stellen m&ouml;chte, bleibt weit von den Vorstellungen des Pr&auml;sidenten des Bundestages, des Bundesverfassungsgerichts, der Leitmedien und einer breiten Mehrheit der deutschen Intelligenz entfernt. <br />Deutschland konnte nach der Wahl von Macron in Frankreich im Mai 2017 aufatmen. Aber nun ist es gerade dieser Macron, der Deutschland in die unbequeme Lage versetzt, zu seinen Reform-Vorschl&auml;gen f&uuml;r Europa Stellung zu nehmen. Mit seiner Forderung nach einem gemeinschaftlichen Verteidigungsfond, nach Steuer-Harmonisierung und einem Haushalt f&uuml;r die Eurozone stellt Macron den status quo in Europa in Frage. Das Problem ist, ob das gr&ouml;&szlig;te und reichste Land sich einem europ&auml;ischen politischen Programm anschlie&szlig;t, das von Frankreich aufgestellt und angef&uuml;hrt wird.<br />Jean Pisani-Ferry, Assessor des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten und Gast der Hertie School of Governance in Berlin, sieht das Problem in dem tiefsitzenden Verdacht der Deutschen, <br />&#8222;dass die EU-Mitgliedsstaaten ihre Probleme weniger mit nationalen Reformen als mit deutschem Geld beheben wollen. Deutsche Politiker und Meinungsmacher beurteilen praktisch jeden Vorschlag f&uuml;r eine Reform auf EU-Ebene durch dieses Prisma der Verteilungsfrage. Programme, die nicht in strukturelle Transfers m&uuml;nden sollen, werden routinem&auml;&szlig;ig auseinandergenommen, um sicherzugehen, dass sie nicht zu Geldautomaten f&uuml;r andere EU-Mitglieder werden.&nbsp; <br />So betrachten die Deutschen einen gemeinsamen Haushalt beispielsweise nicht als M&ouml;glichkeit, &ouml;ffentliche G&uuml;ter wie Forschung oder Infrastruktur zu finanzieren, sondern als Vehikel, mit dem Deutschland gezwungen werden soll, f&uuml;r die Ausgaben anderer L&auml;nder aufzukommen. In &auml;hnlicher Weise wird eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung als Programm betrachtet, im Rahmen dessen Deutschland dazu gebracht werden soll, f&uuml;r arbeitslose spanische oder franz&ouml;sische Arbeitnehmer zu bezahlen. Und ein Einlagengarantiesystem f&uuml;r Banken wird als Instrument gesehen, das umsichtige deutsche Sparer zwingen soll, f&uuml;r notleidende Kredite in Italien aufzukommen. [&hellip;]<br />Warum ist Deutschland von der Angst besessen, zu viel zu bezahlen? Am EU-Haushalt ist vieles zu kritisieren, aber Deutschland wird nicht unfair behandelt. Deutschland ist vielleicht der gr&ouml;&szlig;te Nettozahler, aber der Grund daf&uuml;r ist, dass es &uuml;ber die gr&ouml;&szlig;te Wirtschaft verf&uuml;gt. Im Verh&auml;ltnis zum Nationaleinkommen tragen L&auml;nder wie Belgien, Frankreich und die Niederlande ebenfalls einen bedeutenden Anteil ihres Nettonationaleinkommens bei.<br />&Auml;hnlich unbegr&uuml;ndet sind die deutschen Bef&uuml;rchtungen, wonach der Europ&auml;ische Stabilit&auml;tsmechanismus als Vehikel f&uuml;r versteckte Transfers dient. Ja, der ESM profitiert von niedrigen Kreditkosten, die im Wesentlichen an die kreditnehmenden L&auml;nder weitergegeben werden. Kann Griechenland seine Schulden nicht zur&uuml;ckzahlen, erleiden die ESM-Kreditgeber einen Verlust; und dieses Risiko ist in den von Griechenland zu bezahlenden Zinss&auml;tzen nicht eingepreist. Bislang allerdings hat der ESM kontinuierlich Gewinne verbucht und jeder Verlust w&uuml;rde unter den ESM-Mitgliedern aufgeteilt werden &ndash; darunter beispielsweise auch Italien. Der ESM ist weit davon entfernt, eine von den deutschen Steuerzahlern finanzierte Subventionsmaschinerie zu sein. &#8230; <br />Es wird immer im Interesse einer politischen Partei liegen, auf die &Auml;ngste der W&auml;hler zu reagieren. Politiker haben jedoch auch die Pflicht, die W&auml;hler zu informieren, wenn deren &Auml;ngste &uuml;bertrieben oder unbegr&uuml;ndet sind. Europa braucht ein Deutschland, das unausgegorene Vorschl&auml;ge ablehnt. Aber es braucht auch ein Deutschland, das seine engstirnigen Obsessionen &uuml;berwindet und F&uuml;hrerschaft an den Tag legt.&#8220;[27]&nbsp; <br />Aus der Sicht eines Spanien, das ohne Z&ouml;gern mehrheitlich der &Uuml;bertragung von Souver&auml;nit&auml;tskompetenzen an die EU zustimmen w&uuml;rde, ist dem franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten nur Gl&uuml;ck zu w&uuml;nschen. Wir Spanier sehen es f&uuml;r Europa und f&uuml;r uns als &auml;u&szlig;erst positiv an, dass die franz&ouml;sisch-deutsche Achse existiert. Wir w&uuml;rden uns gern daran anschlie&szlig;en. Allerdings darf Pr&auml;sident Macron sich nicht der Hoffnung hingeben, dass Deutschland in K&uuml;rze seine Sicht auf Europa teilen wird. Die deutsch-franz&ouml;sische Allianz muss mit erheblichem Widerstand seitens der Regierung, des Bundestages, der Banken, der Industrie und der Medien rechnen.<br />Was ist also zu tun? F&uuml;r ein s&uuml;deurop&auml;isches Land gilt zun&auml;chst: Demut und Bewunderung f&uuml;r alles Gro&szlig;artige zu zeigen, was Deutschland als Vorbild geleistet hat und weiter leistet; und gleichzeitig versuchen, mit der Erf&uuml;llung der eigenen Aufgaben, nicht nur dem eigenen Land voranzuhelfen, sondern auch dem Schmarotzer-Vorurteil der nordeurop&auml;ischen Staaten den Boden zu entziehen. Im &Uuml;brigen werden wir weiter geduldig warten m&uuml;ssen, bis die gl&uuml;ckliche Stunde kommt, in der die deutschen Verantwortlichen europ&auml;isch zu denken lernen.</p>
<p><b>ANTONIO L&Oacute;PEZ-PINA</b>&nbsp;&nbsp; <i>Prof. Dr. (Jg. 1937), ist ordentlicher Professor f&uuml;r Verfassungsrecht am Jean Monnet Lehrstuhl f&uuml;r europ&auml;ische Rechtskultur der Universidad Complutense Madrid. Ein Postgraduate Studium und verschiedene Forschungsaufenthalte f&uuml;hrten ihn an die Universit&auml;t M&uuml;nchen, die Freie Universit&auml;t Berlin, an die Sorbonne Paris, nach Michigan und nach Harvard. Er war Humboldt-Stipendiat, Senator, von 1977 bis 1979 Mitglied des Verfassungsausschusses an der spanischen verfassungsgebenden Versammlung und von 1983 bis 1991 Staatsrat (Consejo de Estado). Er hat zahlreiche Ver&ouml;ffentlichungen zum (Finanz-) Verfassungsrecht Spaniens, sowie Grundfragen des europ&auml;ischen Rechts.</i></p>
<h5>
<p>Anmerkungen:</h5>
<p>1 <i>Jasper von Altenbockum</i>, Die moralische Nation, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 2.10.2015.</p>
<p>2 <i>Emmanuel Macron</i>: Initiative f&uuml;r Europa. Rede des Staatspr&auml;sidenten an der Sorbonne. Paris am 26.09.2017, abrufbar unter <a href="https://de.ambafrance.org/IMG/pdf/macron_sorbonne_europe_integral.pdf?23641/4be243b705d8068173926eeb032184acc4a1f073" target="_blank" rel="noopener">https://de.ambafrance.org/IMG/pdf/macron_sorbonne_europe_integral.pdf?23641/4be243b705d8068173926eeb032184acc4a1f073</a>.</p>
<p>3 <i>Jean-Claude Juncker</i>, Rede zur Lage der Union 2017. Stra&szlig;burg 13.9.2017, abrufbar unter <a href="https://ec.europa.eu/germany/news/20170913-juncker-rede-zur-lage-der-union-2017_de" target="_blank" rel="noopener">https://ec.europa.eu/germany/news/20170913-juncker-rede-zur-lage-der-union-2017_de</a>.</p>
<p>4 Parlament, Rat und Kommission der Europ&auml;ischen Union: Europ&auml;ische S&auml;ule Sozialer Rechte. G&ouml;teborg 17.11.2017, abrufbar unter <a href="https://ec.europa.eu/commission/sites/beta-political/files/socialsummit-european-pillar-social-rights-booklet_de.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://ec.europa.eu/commission/sites/beta-political/files/socialsummit-european-pillar-social-rights-booklet_de.pdf</a>.</p>
<p>5 <i>Jos&eacute; M&ordf; Zufiaur / Antonio L&oacute;pez-Pina</i>, Nutznie&szlig;er Deutschland, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.3.2013.</p>
<p>6 <i>Helmut Schmidt: &#8222;</i>Deutschland in und mit Europa&#8220;. Rede auf dem SPD-Bundesparteitag am 4.12.2011 in Berlin.</p>
<p>7 <i>Juncker </i>v. 13.9.2017 (s. Anm. 3), S. 15.</p>
<p>8 Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.11.2017.</p>
<p>9 &#8222;Europa will soziale Spaltung &uuml;berwinden&#8220;. Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.11.2017.</p>
<p>10 <i>DGB-Bundesvorstand</i>: F&uuml;r mehr soziale Rechte in Europa. Resolution v. 7.11.2017, s. <a href="http://www.dgb.de/presse/++co++28097cda-c3b1-11e7-b868-52540088cada" target="_blank" rel="noopener">http://www.dgb.de/presse/++co++28097cda-c3b1-11e7-b868-52540088cada</a>.</p>
<p>11 S. <i>Macron </i>v. 26.9.2017 (Anm. 2), S. 5.</p>
<p>12 Spiegel Online v. 26.10.2017.</p>
<p>13 &#8222;Deutschland zahlt mit Abstand am meisten&#8220;, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.11.2017.</p>
<p>14 Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.11.2017.</p>
<p>15 <i>Hendrik Kafsack</i>, Sparen und gleichzeitig sozial gerecht sein?, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.11.2017.</p>
<p>16 <i>S. J. M. Zufiaur / A. L. Pina </i>2013 (Anm. 5).</p>
<p>17 <i>Macron </i>v. 26.9.2017 (Anm. 2), S. 11f.</p>
<p>18 Ebd., S. 13.</p>
<p>19 Ebd., S. 14. vorg&auml;nge #220 Schwerpunkt: Europa in der Krise</p>
<p>20 Ebd., S. 17.</p>
<p>21 <i>Dieter Grimm</i>, Ein souver&auml;nes Europa? Der franz&ouml;sische Pr&auml;sident strebt ein neues politisches Modell f&uuml;r den Kontinent an. Doch daf&uuml;r m&uuml;sste die EU verstaatlicht werden, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.11.2017; <i>ders., </i>Europa ja &ndash; aber welches? Zur Verfassung der europ&auml;&iuml;schen Demokratie, M&uuml;nchen: C. H. Beck, 2016; <i>ders., </i>Das Grundgesetz als Riegel vor einer Verstaatlichung der Europ&auml;ischen Union. Zum Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, in: Der Staat 48 (2009). S. auch das Interview mit <i>Grimm </i>in dieser Ausgabe der vorg&auml;nge.</p>
<p>22 Urteil vom 30. Juni 2009; vgl. <i>Antonio L&oacute;pez Pina</i>, Los Tratados de la Uni&oacute;n Europea, Madrid: Marcial Pons, 2007.</p>
<p>23 <i>Macron </i>v. 26.9.2017 (Anm. 2), S. 16.</p>
<p>24 <i>Konrad Hesse</i>, Constituci&oacute;n y Derecho constitucional; Significado de los derechos fundamentales, en Manual de Derecho constitucional, 2&ordf; edici&oacute;n (Edici&oacute;n, prolegomena y traducci&oacute;n de Antonio L&oacute;pez Pina). Madrid: Marcial Pons, 2001; <i>ders.</i>, Grundz&uuml;ge des Verfassungsrechts der Bundesrepublik Deutschland, 20. Neubearbeitete Auflage, Heidelberg: C. F. M&uuml;ller Verlag, 1995; <i>ders.</i>, Contribuci&oacute;n de la Doctrina y la Jurisprudencia constitucional, en Constituci&oacute;n: Norma y Realidad. Teor&iacute;a constitucional para Antonio L&oacute;pez Pina, edici&oacute;n de Jorge Alguacil; Ignacio Guti&eacute;rrez, Madrid: Marcial Pons, 2014; ders., Escritos de Derecho constitucional, edici&oacute;n de Pedro Cruz Villal&oacute;n y Miguel Azpitarte S&aacute;nchez, Madrid: Fundaci&oacute;n Coloquio Jur&iacute;dico Europeo, 2011; Ignacio Guti&eacute;rrez, Gestaci&oacute;n, recepci&oacute;n y vigencia: la teor&iacute;a de la Constituci&oacute;n y el Derecho constitucional de Konrad Hesse, Revista Espa&ntilde;ola de Derecho constitucional, n&ordm; 100, 2014; Peter Lerche, Europ&auml;ische Staatsrechtslehrer. Der Wissenschaftler Konrad Hesse, Jahrbuch des &ouml;ffentlichen Rechts der Gegenwart, Nr. 55, 2009; Peter H&auml;berle, Die &#8218;Grundz&uuml;ge&#8216; und ihre Rezeption im Ausland, Jahrbuch des &ouml;ffentlichen Rechts, Nr.. 57, 2009; ders., In Memoriam Konrad Hesse (1919-2005), Zeitschrift f&uuml;r evangelisches Kirchrecht, Nr. 50, 2005; ders., Zum Tod von Konrad Hesse (1919-2005) Archiv des &ouml;ffentliches Rechts, num. 130, 2005; Antonio L&oacute;pez Pina, Konrad Hesse, magistrado, una de las figuras del Derecho p&uacute;blico europeo, El Pa&iacute;s 20 de abril de 2005; ders., Laudatio in Verfassungsrecht zwischen Wissenschaft und Richterkunst. Konrad Hesse zum 70. Geburtstag, Hans-Peter Schneider; Rudolf Steinberg Hrsg., Heidelberg: C.F. M&uuml;ller Juristischer Verlag, 1990; Konrad Hesse, El texto constitucional como l&iacute;mite de la Interpretaci&oacute;n, en Divisi&oacute;n de poderes e Interpretaci&oacute;n. Hacia una teor&iacute;a de la praxis constitucional, edici&oacute;n de A. L&oacute;pez Pina, Madrid: Ed. Tecnos, 1987.</p>
<p>25 <i>Dieter Grimm </i>(s. Anm. 21).</p>
<p>26 <i>Wolfgang Schaeuble</i>: Non-paper for paving the way towards a Stability Union, Vortragsfolien v 9.10.2017, abrufbar unter <a href="https://de.slideshare.net/CarloRossi17/paper-schaeuble" target="_blank" rel="noopener">https://de.slideshare.net/CarloRossi17/paper-schaeuble</a></p>
<p>27 <i>Jean Pisani-Ferry</i>, Deutschlands gef&auml;hrliche Obsession, Project Syndicate v. 9.11.2017, abrufbar unter <a href="https://www.project-syndicate.org/commentary/germany-merkel-government-transfer-fears-byjean-pisani-ferry-2017-11/german" target="_blank" rel="noopener">https://www.project-syndicate.org/commentary/germany-merkel-government-transfer-fears-byjean-pisani-ferry-2017-11/german</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/deutschland-in-mit-und-fuer-europa-ein-europaeischer-blick-aus-spanien-1/">Deutschland in, mit und für Europa* &#8211; Ein europäischer Blick aus Spanien</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Vorschläge zur Reform der Europäischen Union</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 09:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>vorg&#228;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 105-113 Emmanuel Macrons &#8222;Initiative f&#252;r Europa&#8220; Am 26. September 2017 hielt der franz&#246;sische Staatspr&#228;sident eine vielbeachtete Rede an der Pariser Sorbonne, in der er seine Vorschl&#228;ge zur Reform der Europ&#228;ischen Union erl&#228;uterte. Angesichts der globalen Herausforderungen k&#246;nne die Antwort nur eine neu begr&#252;ndete, st&#228;rkere EU sein: &#8222;Es liegt an [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>vorg&auml;nge Nr. 220 (Heft 4/2017), S. 105-113</p>
<h5>Emmanuel Macrons &bdquo;Initiative f&uuml;r Europa&ldquo;</h5>
<p>Am 26. September 2017 hielt der franz&ouml;sische Staatspr&auml;sident eine vielbeachtete Rede an der Pariser Sorbonne, in der er seine Vorschl&auml;ge zur Reform der Europ&auml;ischen Union erl&auml;uterte. Angesichts der globalen Herausforderungen k&ouml;nne die Antwort nur eine neu begr&uuml;ndete, st&auml;rkere EU sein:</p>
<p>&#8222;<i>Es liegt an uns und an euch, den einzigen Weg, der unsere Zukunft sichert, zu ebnen, und davon m&ouml;chte ich heute sprechen. Es ist die Neubegr&uuml;ndung eines souver&auml;nen, geeinten und demokratischen Europa. Haben wir gemeinsam den Mut, uns diesen Weg zu bahnen. &#8230; Das Europa, wie wir es kennen, ist zu schwach, zu langsam, zu ineffizient, aber allein Europa kann uns eine Handlungsf&auml;higkeit in der Welt geben angesichts der gro&szlig;en Herausforderungen dieser Zeit. &#8230; Allein Europa kann tats&auml;chliche Souver&auml;nit&auml;t gew&auml;hrleisten, das hei&szlig;t, die F&auml;higkeit, in der heutigen Welt zu bestehen, um unsere Werte und unsere Interessen zu verteidigen. Es gilt, eine europ&auml;ische Souver&auml;nit&auml;t aufzubauen und es besteht eine Notwendigkeit, sie aufzubauen.</i>&#8220; (S. 3)</p>
<p>Inwiefern Macrons Vorschlag eine genuine Souver&auml;nit&auml;t der EU oder eine St&auml;rkung der nationalen Souver&auml;nit&auml;ten meint, erschlie&szlig;t sich nicht eindeutig aus dem Text. Folgende konkreten politischen Vorschl&auml;ge bzw. Forderungen nennt Macron in seiner Rede (ohne Anspruch auf Vollst&auml;ndigkeit):</p>
<p><b>Sicherheit</b>: st&auml;rkere Zusammenarbeit bei der Cybersicherheit; Schaffung eines gemeinsamen Raums der Sicherheit und des Rechts (S. 4); Schaffung einer europ. Zivilschutztruppe f&uuml;r Katastrophenf&auml;lle mit eigenen Rettungskr&auml;ften (S. 5)</p>
<p><b>Verteidigung</b>: die EU soll neben der NATO milit&auml;risch selbst&auml;ndig handlungsf&auml;hig werden; die im Juni 2017 beschlossene verst&auml;rkte Zusammenarbeit in Verteidigungsfragen ist rasch zu konkretisieren, z.B. durch die Entwicklung gemeinsamer milit&auml;rischer Strategien, die Integration von Soldaten anderer Mitgliedsstaaten in die eigenen Streitkr&auml;fte; mittelfristig: Schaffung einer gemeinsamen Einsatztruppe, eines gemeinsamen Verteidigungshaushalts und einer gemeinsamen Milit&auml;rdoktrin (S. 4)</p>
<p><b>Terrorismusbek&auml;mpfung</b>: Schaffung einer Europ&auml;ischen Akademie f&uuml;r nachrichtendienstliche T&auml;tigkeit (S. 4); Einrichtung einer Europ&auml;ischen Staatsanwaltschaft f&uuml;r organisierte Kriminalit&auml;t und Terrorismus, deren Kompetenzen &uuml;ber die bestehender Einrichtungen hinausgeht (ebd.)</p>
<p><b>Migration</b>: Reform der europ&auml;ischen Asylpolitik; Schaffung einer echten Europ&auml;ischen Asylbeh&ouml;rde zur Beschleunigung und Vereinheitlichung der Asylverfahren; (st&auml;rker?) vernetzte Datenbanken und sichere biometrische Ausweisdokumente; schrittweise &Uuml;bernahme der Kontrollen an den Au&szlig;engrenzen durch eine europ&auml;ische Grenzpolizei; gemeinsames Bildungs- und Integrationsprogramm und abgestimmtes Verfahren der Lastenverteilung (S. 5)</p>
<p><b>Au&szlig;enpolitik</b>: gemeinsame (Entwicklungs-)Politik gegen&uuml;ber Afrika und anderen Anrainerstaaten</p>
<p><b>Finanzen &amp; Steuern</b>: Einf&uuml;hrung einer europ&auml;ischen Finanztransaktionssteuer, aus der u.a. entwicklungspolitische Ma&szlig;nahmen finanziert werden (S.&nbsp;6); Einf&uuml;hrung des Prinzips einer Wertsch&ouml;pfungssteuer, die Gewinne am Ort der Wertsch&ouml;pfung besteuert (um die Steuervermeidung globaler Unternehmen zu unterbinden; S.&nbsp;10); Ausweitung der Eurozone; st&auml;rkerer gemeinsamer Haushalt, der Reserven f&uuml;r Kriseninterventionen bereith&auml;lt (S.&nbsp;12); st&auml;rkere politische Steuerung und parlamentarische Kontrolle des EU-Haushalts (ebd.); Harmonisierung der K&ouml;rperschaftssteuer und anderer nationaler Steuern als Voraussetzung f&uuml;r den Zugang zu einem europ. Koh&auml;sionsfond (S.&nbsp;13)</p>
<p><b>Wirtschaftspolitik</b>: einheitliche Besteuerung von CO2-Emmissionen, um den &ouml;kologischen Wandel der Wirtschaft zu beschleunigen und Ausgleichsma&szlig;nahmen zu finanzieren; europ&auml;ische Energie-Verbundnetze (S.&nbsp;7); europ&auml;isches F&ouml;rderprogramm zur Entwicklung sauberer Fahrzeuge (S.&nbsp;8); Koordination der nationalen Wirtschaftspolitiken; volle Integration der M&auml;rkte und einheitliches Unternehmensrecht (S.&nbsp;21)</p>
<p><b>Sozialpolitik</b>: gemeinsame wirtschaftspolitische Strategien zum Abbau der Arbeitslosigkeit (S. 11); Konvergenz der Sozialsysteme (S. 12/14); St&auml;rkung sozialer Gerechtigkeit, z.B. durch europ&auml;ische Aufsichtsbeh&ouml;rden zur Einhaltung von Sozialstandards (etwa bei Entsenderichtlinie/S. 13); Entwicklung eines europ&auml;ischen Sozialmodells (S. 14)</p>
<p><b>Agrarpolitik</b>: Neuausrichtung der GAP auf den Schutz vor Weltmarkeinfl&uuml;ssen (die die Nahrungsmittelsouver&auml;nit&auml;t Europas gef&auml;hrden) sowie Steuerung des Wandels (S.&nbsp;8f.); europaweit einheitliche Standards zur Sicherheit und Qualit&auml;t von Lebensmitteln (S.&nbsp;9); europ&auml;ische Forschung zu Umweltrisiken</p>
<p><b>Digitalisierung</b>: Gr&uuml;ndung einer europ&auml;ischen Agentur f&uuml;r radikale Innovationen (z.B. K&uuml;nstliche Intelligenz oder Weltraum/S. 10); Schaffung eines digitalen Binnenmarktes mit einheitlichen Regulierungsvorgaben; St&auml;rkung digitaler Urheberrechte zur gerechten Entlohung der Autoren/Schaffenden (S. 11)</p>
<p><b>Bildung</b>: St&auml;rkung des europ. Sch&uuml;ler- und Studentenaustauschs; Einrichtung europ&auml;ischer Universit&auml;ten (S. 15)</p>
<p><b>Struktur &amp; Dynamik der EU</b>: Vereinfachung des Europarechts; Verkleinerung der Kommission auf 15 Mitglieder &#8211; gro&szlig;e Mitglieder sollten auf &#8222;ihren&#8220; Kommissar verzichten (S.&nbsp;19); Gemeinschaft der verschiedenen Geschwindigkeiten, d.h. partielle Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen interessierten Mitglieder (S.&nbsp;20); &ouml;ffentliche Diskussion &uuml;ber die Reformen der EU in Konventen (S. 17)</p>
<p><b>Erweiterung</b>: Beitrittsperspektive f&uuml;r die Balkanl&auml;nder (S.&nbsp;19f.); R&uuml;ckkehr Gro&szlig;britanniens in eine reformierte EU (S. 20)</p>
<h5>Die EU der 27 im Jahr 2025 &ndash; &Uuml;berle&shy;gungen und Szenarien<br />Wei&szlig;buch zur Zukunft Europas</h5>
<p>Im M&auml;rz 2017 stellte die Kommission ihr Wei&szlig;buch zur Zukunft Europas vor. Im Mittelpunkt stehen dabei f&uuml;nf Szenarien zu verschiedenen m&ouml;glichen Entwicklungspfaden der Gemeinschaft, die auf den folgenden Seiten kurz zusammengefasst werden. Den Szenarien stellt die Kommission eine Diagnose der gegenw&auml;rtigen Herausforderungen voran, mit der die Rahmenbedingungen und der Handlungsbedarf skizziert werden:</p>
<ul>
<li>Die abnehmende Bedeutung Europas in der Welt: Im Jahr 2060 werden weniger als 5 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung in Europa leben (1900: 60 Prozent), der Anteil der europ&auml;ischen Wirtschaft am weltweiten Bruttoinlandsprodukt wird unter 20 Prozent sinken, ebenso verliert der Euro als Handelsw&auml;hrung an Bedeutung.</li>
<li>Die Gefahr einer milit&auml;rischen Eskalation von Konflikten nimmt zu, die friedensstiftende/-wahrende Funktion der EU ger&auml;t unter Druck. Die Kommission erwartet deshalb f&uuml;r die meisten Mitgliedstaaten eine Verdopplung ihrer j&auml;hrlichen Milit&auml;rausgaben bis 2045.</li>
<li>Die wirtschaftliche Entwicklung gew&auml;hrleistet nicht mehr &#8211; wie bisher &#8211; einen automatischen Wohlstandsgewinn f&uuml;r nachfolgende Generationen: erstmals drohen die J&uuml;ngeren im Vergleich zu ihren Eltern zu verarmen.</li>
<li>Die zunehmender Alterung der europ&auml;ischen Gesellschaften stellt die Renten- und Sozialversicherungssysteme vor gro&szlig;e Herausforderungen.</li>
<li>Der industrielle Wandel (Digitalisierung), die zunehmende Rohstoffknappheit und der notwendige &ouml;kologische Umbau der Wirtschaft (zur Verringerung der Klimafolgen) verlangen nach technologischen Innovationen und stellen neue Anforderungen an Bildungssysteme und die Regulierung der Arbeitsverh&auml;ltnisse.</li>
<li>Die zunehmende Migration in die EU hinein stellt die Freiz&uuml;gigkeit innerhalb der Gemeinschaft sowie den Lastenausgleich und die Solidarit&auml;t der Mitglieder untereinander auf eine harte Bew&auml;hrungsprobe.</li>
<li>Eine steigende Unzufriedenheit mit der europ&auml;ischen Politik f&uuml;hrt zu einem Vertrauensverlust und einer Legitimit&auml;tskrise der Gemeinschaft &#8211; was u.a. im Erstarken antieurop&auml;ischer Parteien und Bewegungen sichtbar wird (s. dazu die Beitr&auml;ge von Ukrow &amp; Peter in diesem Heft). Eine zentrale Ursache dieser Entt&auml;uschung sieht die Kommission vor allem in der Kluft zwischen (zu hohen) Erwartungen/ Versprechen und (zu schlechten) Ergebnissen der Gemeinschaftspolitik. Erschwerend komme hinzu, dass europ&auml;ische Rechtsetzung und dessen Umsetzung in den Mitgliedstaaten oft getrennt sind, die EU meist nicht &uuml;ber die n&ouml;tigen Mittel zur Durchsetzung einmal verabschiedeter Standards verf&uuml;ge.</li>
</ul>
<p><i><br />Europ&auml;ische Kommission, Die EU der 27 im Jahr 2025 &#8211; &Uuml;berlegungen und Szenarien. Wei&szlig;buch zur Zukunft Europas. Br&uuml;ssel, COM(2017)2025.</i></p>
<p>[die tabellarischen &Uuml;bersichten finden sich in der angeh&auml;ngten PDF-Version des Beitrags]</p>
<h5>Reformen jenseits der Vertrags&shy;&auml;n&shy;de&shy;rung</h5>
<p>Die aktuelle Rechtsgrundlage der Europ&auml;ischen Union ist der Lissaboner Vertrag, der eigentlich aus zwei separaten Vertr&auml;gen besteht:</p>
<ul>
<li>dem Vertrag &uuml;ber die Europ&auml;ische Union (EUV)</li>
<li>dem Vertrag &uuml;ber die Arbeitsweise der Europ&auml;ischen Union (AEUV).</li>
</ul>
<p>Beide Vertr&auml;ge wurden am 13. Dezember 2007 in Lissabon von den Regierungschefs der damals 27 Mitgliedstaaten unterzeichnet und traten am 1. Dezember 2009 in Kraft. In ihnen sind die Kompetenzen der Europ&auml;ischen Union, also jene Politikfelder definiert, in denen die Gemeinschaft die Rechtsetzung &uuml;bernommen hat. Dar&uuml;ber hinaus beschreiben die Vertr&auml;ge die Organe, die Struktur und Arbeitsweise der Union.</p>
<p>Eine regul&auml;re &Auml;nderung der Rechtsgrundlagen der Union ist nur durch neu ausgehandelte Vertr&auml;ge m&ouml;glich &#8211; der alle Mitglieder zustimmen m&uuml;ssen. Eine solche &Auml;nderung wird jedoch mit der zunehmenden Mitgliederzahl der Gemeinschaft immer schwieriger, weil zuvor ein Konsens &uuml;ber die Neuausrichtung der EU hergestellt werden m&uuml;sste.</p>
<p>Obwohl die Europ&auml;ische Union nicht &uuml;ber eine juristische Souver&auml;nit&auml;t im engeren Sinne verf&uuml;gt, also ihre Kompetenzen selbst und unabh&auml;ngig von den sie begr&uuml;ndenden Mitgliedsstaaten festlegen kann (s. dazu das Interview mit Dieter Grimm in diesem Heft ab S. 5), sieht der Lissaboner Vertrag f&uuml;r einige Verfahren und Kompetenzen bereits vereinfachte &Auml;nderungsklauseln vor, die unterhalb der Schwelle einer formalen Vertrags&auml;nderung m&ouml;glich sind. Diese sogenannten &#8222;Passerelle-Klauseln&#8220; erlauben beispielsweise, dass f&uuml;r bestimmte Fragen vom Prinzip der Einstimmigkeit abgewichen wird und Mehrheitsentscheidungen im Europ&auml;ischen Rat m&ouml;glich werden. Zum Ausgleich f&uuml;r die generelle Passerelle-Klausel (in Artikel 48 Absatz 7 EUV) wurde den nationalen Parlamenten ein sechsmonatiges Vetorecht einger&auml;umt.</p>
<p>Auf den folgenden Seiten dokumentieren wir die generellen und einige spezielle Passerelle-Klauseln des Vertrags von Lissabon, da sie die kurzfristigen und realistischen Handlungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r eine Reform der EU jenseits der Vertrags&auml;nderung beschreiben.</p>
<p><i>Rat der Europ&auml;ischen Union: Konsolidierte Fassungen des Vertrags &uuml;ber die Europ&auml;ische Union und des Vertrags &uuml;ber die Arbeitsweise der Europ&auml;ischen Union, Ratsdok. 6655/08, Br&uuml;ssel den 15.4.2008, abrufbar unter </i><a href="http://register.consilium.europa.eu/pdf/de/08/st06/st06655.de08.pdf" target="_blank" rel="noopener"><i>http://register.consilium.europa.eu/pdf/de/08/st06/st06655.de08.pdf</i></a></p>
<p>[die tabellarischen &Uuml;bersichten finden sich in der angeh&auml;ngten PDF-Version des Beitrags]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/220-vorgaenge/publikation/vorschlaege-zur-reform-der-europaeischen-union/">Vorschläge zur Reform der Europäischen Union</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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