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	<title>vorgänge Nr. 223: Sport und Politik Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/editorial-57/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 21:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 1-4 Sport kann Millionen Menschen begeistern, egal ob beim Fußball, bei der Leichtathletik, beim Reiten, Eiskunstlauf oder Schach. Mit dem Deutschen Fußballbund (DFB) hat Deutschland den weltweit größten Mitgliederverband &#150; circa 7 Millionen mehr oder minder Aktive. Die Begeisterung für den Sport kann dazu beitragen, dass Menschen alles Trennende [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/editorial-57/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 1-4</p>
<p>Sport kann Millionen Menschen begeistern, egal ob beim Fußball, bei der Leichtathletik, beim Reiten, Eiskunstlauf oder Schach. Mit dem Deutschen Fußballbund (DFB) hat Deutschland den weltweit größten Mitgliederverband &#150; circa 7 Millionen mehr oder minder Aktive. Die Begeisterung für den Sport kann dazu beitragen, dass Menschen alles Trennende überwinden und gemeinsam für den Sieg ihrer Mannschaft fiebern. Insofern ist Sport wie der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, heißt es.</p>
<p>Auf der anderen Seite gibt es längst keinen unpolitischen Sport mehr. Die Politik kommt bereits dort ins Spiel, wo die Kleinen im Heimatverein kicken, wo das Geld für den Breitensport knapp wird und das marode Dach der Turnhalle nicht repariert werden kann, wo es auf die vielen ehrenamtlichen Trainer*innen und Helfer*innen ankommt, ohne die die große Masse der Sportvereine nicht existieren könnte. Wie schnell Sport politisiert wird, haben kürzlich Mesut Özil und Ilkay Gündogan erfahren, als sie im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft ein Foto mit dem türkischen Präsidenten veröffentlichten. Spätestens als die beiden wegen ihrer Fotos für das Scheitern der deutschen Mannschaft in der Vorrunde verantwortlich gemacht wurden, war das Thema Rassismus im Fußball wieder voll da &#150; auch dank der dilettantischen Reaktionen des DFBs und seiner Sprecher.</p>
<p>Nicht der Sport ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, sondern das Geld hält und treibt den Sport an. Selbst wer alles ausblendet, was mit Gigantismus, Marketing und Geschäft bei Olympiaden und Fußballweltmeisterschaften zu tun hat, sieht sich mit einer ökonomischen Realität des Sports konfrontiert, die von der Korruption bei der Vergabe von Spielen und dem Betrug der Athleten untereinander bis zum medialen Betrug an den Zuschauern reicht. Zu dieser Realität gehört auch: 250.000 $ plus Spesen für drei Sitzungen im Jahr für jedes der 37 &#132;ehrenamtlichen&#147; Mitglieder des FIFA-Councils, in dem auch DFB-Chef Reinhard Grindel sitzt; weitere 100.000 $ pro Jahr für den DFB-Chef als Vorstandsmitglied in der europäischen UEFA. Das sind nur zwei der vielen Auswüchse der Geldmaschine Fußball (SZ v. 11.1.2018). Mittlerweile gilt es als normal, dass die Sender Milliarden für die TV-Übertragungsrechte zahlen müssen &#150; und die öffentlich-rechtlichen Sender beim Kampf um die Übertragungsrechte kaum mit den Privaten mithalten können. Und in absehbarer Zukunft wird es noch viel teurer, wenn Internet-Giganten wie Amazon, Youtube oder Facebook das Streaming-Geschäft bei Sportübertragungen für sich entdecken. Sie verfügen dank ihrer globalen Reichweite über ganz andere Budgets als traditionelle Fernsehsender.</p>
<p>Mittlerweile regt sich Widerstand gegen dieses durchkommerzialisierte Sportsystem: Der <i>Fédération Internationale de Football Association </i>(FIFA) gehen zahlungskräftige Sponsoren verloren, die das autoritär-manipulative Gehabe eines Gianni Infantino nicht mittragen wollen; immer wieder melden sich Athleten zu Wort, die über gnadenlose Medaillen-Vorgaben und die Verwicklung von Trainern, Verbänden und Politik in den Dopingbetrug (in Ost und West) anprangern; in Hamburg, Innsbruck und anderen Städten wehrt sich eine kritische Öffentlichkeit dagegen, ihre Stadt zum Austragungsort für olympische Spiele zu machen, denn der ökonomische Irrsinn dieser Events (etwa millionenschwere Stadienbauten, die so gut wie keine Nachnutzung erlauben) wird immer offensichtlicher. Die anhaltende Kritik an der geplanten Fußball-WM in Katar (2022) zeigt ein gestiegenes Bewusstsein für die menschenrechtlichen Probleme im Umfeld sportlicher Megaevents, sei es die fragwürdige Vergabepraxis, die klimapolitische Unvernunft der Entscheidung oder die sklavenähnliche Ausbeutung der Arbeiter auf den Stadion-Baustellen.</p>
<p>Doch nicht nur auf internationaler Ebene, sondern auch intern, von unten, geraten die Sportverbände stärker unter Druck: Ihre Mitglieder machen zunehmend Ansprüche an die finanzielle wie materielle Ausstattung, an Transparenz und Mitsprache geltend, wo bisher die Verbandsbürokratie nahezu ungehindert walten und staatliche Regulierung nicht eingreifen konnten. Insofern erweist sich der Sport &#150; bei allen Problemen &#150; auch heute noch als höchst integrative Veranstaltung, die eine fragmentierte Gesellschaft zwar nicht kitten, aber dennoch viel zu einer lebendigen demokratischen Kultur beitragen kann. Mit diesen Fragen befasst sich die aktuelle Ausgabe der vorgänge in ihrem Schwerpunkt &#132;Sport und Politik&#147;.</p>
<p>Den Schwerpunkt eröffnet ein Beitrag von <i>Sebastian Braun</i> zur Lage des ehrenamtlichen Engagements im Sportverein. Nach Jahrzehnten des stetigen Wachstums (auf mittlerweile rund 27.5 Millionen Mitglieder in rund 91.000 Sportvereinen des Deutschen Olympischen Sportbundes, DOSB) diagnostiziert er derzeit eine Stagnation. Sie wirft die Frage nach der Zukunft des klassisch organisierten Breitensports auf. Während die Vereine bisher vom Engagement ihrer Mitglieder (und deren Umfeld) zehren, deuten sich neue, flexiblere Formen des sportlichen Miteinanders an, zu denen sich Gleichgesinnte (online) organisieren. Das in der Forschung vielfach zitierte &#132;neue Ehrenamt&#147; ist auch im Sport angekommen. Die längerfristige Mitgliedschaft in einem Verein verliert an Bedeutung, das Interesse ist heute mehr auf konkrete sportliche Angebote ausgerichtet. Die traditionelle Rolle der (Sport-)Vereine als &#132;Schulen der Demokratie&#147; und damit eine wichtige politische Funktion des Sports gerät dadurch in den Hintergrund.</p>
<p>Mit einer anderen Entwicklungsdynamik des Sports befasst sich <i>Christopher Stark</i>: der Ökonomisierung des Sports. Er beschreibt am Beispiel des deutschen Fußballs und speziell von Vertretern des DFBs, wie tief die unternehmerische Logik bereits in das Denken und Handeln von Sportlern, Trainern und Funktionären eingedrungen ist. Da werden Mannschaften als Marke etabliert, die ein bestimmtes Image pflegen und sich am Markt behaupten müssen &#150; jenseits ihrer sportlichen Leistungen und Erfolge. Stark kritisiert diese Kommerzialisierung des Fußballs, da sie neben der gesamten Verwertungslogik auch die Integrationsfunktion des Sports konterkariere, denn mit den hohen Gehältern für Spitzensportler und den irrwitzigen Summen für Übertragungsrechte vertiefe dieser Sport die soziale Spaltung der Gesellschaft.</p>
<p>Die FIFA steht mittlerweile als Sinnbild für die Kommerzialisierung des Sports: undurchsichtige Geldtransfers rund um die Vergabe von Weltmeisterschaften zählen zum Alltag der Organisation. Obwohl der Ermittlungsdruck durch schweizerische wie us-amerikanische Staatsanwälte gegen die FIFA ständig zunimmt, obwohl organisationsinterne Reformen eingeleitet und eine Ethikkommission installiert wurden, sieht <i>Mark Pieth</i> den Versuch einer Selbstregulierung des Sportverbandes als gescheitert. Unter dem derzeitigen Präsidenten wurden zentrale Entscheidungen zur Transparenz und Selbstkontrolle wieder zurück genommen. Die zweite Lehre Pieths aus dem FIFA-Debakel lautet indes: auch der Versuch einer staatlichen Kontrolle und Regulierung der FIFA ist an den politischen Rahmenbedingungen in der Schweiz gescheitert.</p>
<p>Mit den Machtkartellen im Sport und den Möglichkeiten ihrer Kontrolle befasst sich auch der Beitrag von <i>Sylvia Schenk</i>. Die frühere Leichtathletin ist seit 2006 bei Transparency International aktiv. Sie gehört dem Menschenrechtsbeirat der FIFA an und kann die Reformbemühungen des Verbandes (und die Widerstände dagegen) deshalb aus der Nähe beurteilen. Schenk warnt davor, die Transparenz und Compliance von Verbänden wie der FIFA durch politische Einflussnahme erreichen zu wollen &#150; denn nach ihrer Einschätzung ist die Politik selbst (die auf vielen Ebenen der Verbandshierarchie mitmischt) ein nicht unerheblicher Teil der Korruptions- und Menschenrechtsprobleme in den Organisationen des globalen Sports.</p>
<p>Die nächsten drei Beiträge befassen sich mit einem Problem, das den Leistungssport schon lange begleitet: Doping. <i>Michael Krüger </i>versucht, die Logik der Leistungssteigerung mit chemischen Hilfsmitteln verständlich zu machen. Dazu geht er auf die Geschichte des Dopings sowie die Versuche, es zu unterbinden und zu kontrollieren, ein. Er zeigt, wie Praktiken der Leistungssteigerung, die in Armeen und anderen Lebensbereichen eingesetzt wurden, Eingang in den Leistungssport fanden &#150; und dort plötzlich auf Vorbehalte stießen wegen ihrer gesundheitsschädlichen Folgen und der wettbewerbsverzerrenden Wirkungen. Gesundheits- und moralethische Erwägungen begründeten nach dem 2. Weltkrieg jene Anti-Doping-Politik, ohne die Doping kaum zum Problem würde. Krüger vertritt die These, dass moderner Leistungssport ohne Doping kaum denkbar sei &#150; aber ebenso das Doping ohne entsprechende Anti-Doping-Bemühungen kaum existieren würde.</p>
<p>Welche Folgen exzessives Doping für die Sportler haben kann und welche Ausmaße das Doping in der DDR erreichte, schildert die frühere Leichtathletin <i>Ines Geipel</i>. Sie engagiert sich im Verein Doping-Opfer-Hilfe, der ehemalige Leistungssportler*innen der DDR bei ihrer Rehabilitation und der Aufarbeitung des Staatsdopings unterstützt. <br />Mit den strafrechtlichen Sanktionsmöglichkeiten gegen das Doping befasst sich der Beitrag von <i>Martin Heger</i>. Er geht insbesondere der Frage nach, welche Rolle das Strafrecht neben den ohnehin existierenden Verbandsstrafen haben kann, da die dort üblichen Sperren (zwei Jahre bzw. lebenslang im Wiederholungsfall) eine für Berufssportler*innen viel abschreckendere Wirkung haben dürften als eine Bewährungsstrafe. Den Hauptzweck der 2015 in Deutschland eingeführten Strafbarkeit des Selbstdopings (§§ 3, 4 AntiDopG) sieht Heger denn auch darin, dem Sanktionsrecht der Verbände &#132;auf die Sprünge zu helfen&#147;; trotz zahlreicher Sanktionsmöglichkeiten und etablierter Anti-Doping-Agenturen würden Dopingverstößen intern immer noch sehr zögerlich verfolgt. Heger setzt sich kritisch mit den (Schutz-)Zielen, den gesetzlichen Tatbestandsmerkmalen des Selbstdopings sowie der Verhältnismäßigkeit der Vorschriften des Anti-Doping-Gesetzes auseinander.</p>
<p><i>Eike Emrich</i>, <i>Freya Gassmann</i>, <i>Tim Meyer </i>und <i>Christian Pierdzioch </i>widmen sich den ökonomischen Aspekten des Spitzensports: Nicht nur, wenn es um neue Olympiabauten geht, sieht sich der Leistungssport mit der Frage konfrontiert, ob der finanzielle Aufwand dafür wirklich gerechtfertigt ist. Emrich &#038; Co. werten zur Beantwortung dieser Frage zwei Umfragen aus, in denen die Zahlungsbereitschaft für deutsche Olympiamedaillen erfragt wurde. Ihre Auswertung zeigt eine relativ geringe Zahlungsbereitschaft für eine bessere Platzierung einzelner Athlet*innen bzw. der deutschen Mannschaft. Dennoch lassen sich aus ihrer Untersuchung, so die Autor*innen, einige Anhaltspunkte für eine bessere staatliche Sportförderung ableiten.</p>
<p>Sexuelle Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche im Sport sind Thema des Beitrags von <i>Jeannine Ohlert</i> und <i>Bettina Rulofs</i>. Seit 2010 verpflichten sich alle Mitgliedsorganisationen des DOSB, gegen sexualisierte Gewalt in ihren Reihen konsequent vorzugehen und entsprechende Präventionsarbeit zu leisten. Dieser Beschlusses werde in vielen Vereinen und Verbänden jedoch mangelhaft umgesetzt, wie die beiden Autorinnen ausführen. Sie beschreiben ein Modell zum Ablauf sexualisierter Gewaltübergriffe (&#132;Grooming&#147;) und stellen die wichtigsten Ergebnisse der Studie »Safe Sport« vor, mit der zwischen 2015 und 2017 erstmals differenzierte Zahlen zu sexualisierter Gewalt im deutschen Leistungssport erhoben wurden. Dabei gaben mehr als ein Drittel der rund 1.500 Befragten an, dass sie einmal oder häufiger sexualisierte Gewalt im Sport erlebt hatten. Aus den Resultaten dieser Untersuchung leiten Ohlert und Rulofs Möglichkeiten zur besseren Präventionsarbeit ab.</p>
<p>Die Verherrlichung und Professionalisierung von Gewalt unter Sportfans beschreibt <i>Robert Claus</i>. Er führt uns in die Szene der Hooligans ein, die sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat. Während es früher um (gelegentliche) Straßenrandale am Rande von Fußballspielen ging, habe sich daraus mittlerweile eine Kampfsportszene gebildet, in der organisierte Einzel- und Gruppenkämpfe zelebriert werden. Claus schildert die Anziehungskraft dieser Szene, ihre internationale Vernetzung und die zunehmende Nähe zu rechtsextremen Gruppierungen.</p>
<p>Mit dem rechten Erbe des Sports befasst sich zum Abschluss unseres Schwerpunkts auch <i>Hans Joachim Teichler</i>. Er geht auf die Rolle des Sports in der NS-Diktatur ein und schildert, wie schwer es den Sportverbänden in der Nachkriegsära fiel, sich mit ihrem nationalsozialistischen Erbe auseinander zu setzen. Anschließend skizziert Teichler die verschiedenen Phasen der Erinnerungspolitik in den deutschen Sportverbänden.</p>
<p>Wir hoffen, dass Ihnen diese Ausgabe der <b>vor</b><i>gänge</i> interessante Einsichten in die politischen Aspekte des Sports bietet, ohne Ihnen den Spaß an der Sache zu verderben, und wünschen Ihnen in diesem Sinne eine anregende Lektüre,</p>
<p><i>Werner Koep-Kerstin und Sven Lüders</i></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/editorial-57/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Engagement im Sportverein  strukturelle Veränderungen in der pluralisierten Sport- und Bewegungskultur</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/engagement-im-sportverein-strukturelle-veraenderungen-in-der-pluralisierten-sport-und-bewegungskul-1/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 21:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 5-14 Der Beitrag pointiert ausgew&#228;hlte Thesen zum ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement im Sportverein vor dem Hintergrund des dynamischen Wandels der Sport- und Bewegungskultur in Deutschland. Einerseits bildet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Dachverband des verbandlich organisierten Vereinssports mit rund 27.5 Millionen Mitgliedschaften in mehr als 90.000 Sportvereinen die [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/engagement-im-sportverein-strukturelle-veraenderungen-in-der-pluralisierten-sport-und-bewegungskul-1/">Engagement im Sportverein  strukturelle Veränderungen in der pluralisierten Sport- und Bewegungskultur</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 5-14</p>
<p><i>Der Beitrag pointiert ausgew&auml;hlte Thesen zum ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement im Sportverein vor dem Hintergrund des dynamischen Wandels der Sport- und Bewegungskultur in Deutschland. Einerseits bildet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Dachverband des verbandlich organisierten Vereinssports mit rund 27.5 Millionen Mitgliedschaften in mehr als 90.000 Sportvereinen die gr&ouml;&szlig;te Personenvereinigung in Deutschland. Andererseits wird die Idee vom Sportverein als einer solidargemeinschaftlich, ehrenamtlich und basisdemokratisch grundierten freiwilligen Vereinigung als Basis des Sportvereinswesens zunehmend problematisiert. W&auml;hrend im Zuge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse langfristige Mitgliedschaften, emotionale Vereinsbindungen und dauerhafte Engagementformate im lokalen Sportverein an individueller und gesellschaftlicher Relevanz verlieren, wird ein Wandel hin zu tempor&auml;ren, projektbezogenen und individuell passenden Engagements in variablen sozialen Kontexten postuliert. In dieser Perspektive kommt der Weiterentwicklung von Partizipationschancen, einer entsprechenden Informationspolitik und organisatorisch-institutioneller Flexibilit&auml;t hohe Bedeutung zu, will man Vereine f&uuml;r (neue) Mitglieder attraktiver machen und die bestehenden Mitglieder aktiv und kompetent beteiligen.</i></p>
<h2 class="auto-created">Einleitung</h2>
<p>Seit Gr&uuml;ndung des Deutschen Sportbundes (DSB) im Jahr 1950 und dann des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im Jahr 2006 hat das verbandlich organisierte Sportvereinswesen eine bemerkenswerte Mitgliedschaftszunahme erlebt, die erst in den letzten Jahren in eine Phase der Stagnation &uuml;bergegangen ist. Dieser jahrzehntelange Boom hat die Dachorganisation der deutschen Turn- und Sportbewegung zur gr&ouml;&szlig;ten Personenvereinigung in Deutschland avancieren lassen. Aktuell werden rund 27,5 Mio. Mitgliedschaften in mehr als 91.000 Sportvereinen in Deutschland registriert (vgl. DOSB, 2018). Angesichts dieser Zahlen bildet der vereins- und verbandsorganisierte Sport einen relevanten Organisationsfaktor mit lebensweltlicher Einbettung in der Zivilgesellschaft in Deutschland: Bis hinein in die Ver&auml;stelungen lokaler Alltagswelten organisieren sich Individuen auf freiwilliger Basis in Vereinen und versuchen durch das Spenden von Geld, Sachleistungen, Zeit und Wissen ihre gemeinsamen sportbezogenen Interessen in die Praxis umzusetzen (vgl. u.a. Braun 2013).</p>
<p>Allerdings sind die Formen und Kontexte, in denen sich die individuellen Akteure im Feld des Sports freiwillig engagieren, in den letzten Jahrzehnten immer vielf&auml;ltiger geworden. So expandierte die Sport- und Bewegungskultur jenseits des verbandlich organisierten Vereinssports in den letzten Jahrzehnten so dynamisch, dass l&auml;ngst eine Vielfalt von Sportformen in loseren, spontaneren, flexibleren und kurzlebigeren Netzwerken, Projekten und Initiativen in Parks und W&auml;ldern oder auf &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen ebenso wie auch in Online-Formaten (z.B. e-Sport) ausge&uuml;bt werden. W&auml;hrend in diesen Kontexten das Selbstorganisationspotenzial der Bev&ouml;lkerung zu wachsen scheint, sind offenbar traditionelle Sportverb&auml;nde &ndash; trotz der Popularit&auml;t vieler Sportarten wie z.B. dem Fu&szlig;ballspiel &ndash; mit zunehmenden Problemen bei der Gewinnung und Bindung freiwillig und ehrenamtlich engagierter Mitglieder f&uuml;r die Vereinsarbeit konfrontiert (vgl. u.a. Braun 2017; Breuer 2017; Emrich et al. 2001; Thieme 2017).</p>
<p>Vor diesem Hintergrund versucht der folgende Beitrag ausgew&auml;hlte Thesen zum ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement im Sportverein im Lichte einer sich dynamisch wandelnden Sport- und Bewegungskultur in Deutschland zu pointieren.</p>
<h2 class="auto-created">Engagement als Struk&shy;tur&shy;merkmal von Sport&shy;ver&shy;einen</h2>
<p>In seinen vergleichenden Analysen mit privatgewerblichen und staatlichen Organisationen hat Horch (1983, 1992) den analytischen Idealtypus der &#8222;<i>demokratischen ehrenamtlichen freiwilligen Vereinigung&#8220;</i> mit seinen idealtypischen Strukturbesonderheiten systematisch herausgearbeitet. Eine freiwillige Vereinigung wie z.B. ein Sportverein l&auml;sst sich demnach als ein frei gew&auml;hlter Zusammenschluss von nat&uuml;rlichen Personen charakterisieren, die im Rahmen einer formalen &ndash; d.h. geplanten, am Ziel der Vereinigung ausgerichteten und von bestimmten Personen unabh&auml;ngigen &ndash; Organisationsstruktur gemeinsam ihre sportbezogenen Ziele verfolgen.</p>
<p>Die mitgliedschaftliche Struktur bildet dabei ein zentrales Vereinsmerkmal, insofern als die Mitglieder als oberstes Entscheidungsorgan den Souver&auml;n repr&auml;sentieren, von dem Kompetenzdelegation und organisatorische Verfassungsentscheide ausgehen. Grundlage daf&uuml;r sind demokratische und partizipativ verfasste Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse, in denen die Mitglieder die Vereinsziele unabh&auml;ngig von externer Einflussnahme aushandeln und definieren. Diese Ziele werden durch die Verbindung verschiedener Formen der Mitgliederpartizipation in die soziale Praxis umgesetzt. Die Orientierung an bedarfswirtschaftlichen Zielen ist dabei das leitende Prinzip der Wirtschaftsform, d.h. Ziel der Produktion ist die Deckung eines spezifischen Bedarfs und nicht die Erwirtschaftung eines Ertrags (vgl. Braun 2003; Horch 1983, 1985, 1992; Nagel 2006; Thieme 2017).</p>
<p>Vor dem Hintergrund dieser Strukturmerkmale l&auml;sst sich das ehrenamtliche und freiwillige Engagement von Mitgliedern als ein Bestandserhaltungsgebot von Sportvereinen verstehen: Durch das Spenden von Zeit und Wissen erstellen Mitglieder f&uuml;r Mitglieder Vereinsleistungen, so dass Sportvereine als <i>&#8222;Produzenten-Konsumenten-Gemeinschaften&#8220; </i>(Horch 1983) beschrieben werden k&ouml;nnen. Strob (1999) spricht in einem &auml;hnlichen Zusammenhang auch von &#8222;Wahl-Gemeinschaften&#8220;, deren Mitglieder sich freiwillig zusammenschlie&szlig;en, um sich in &#8222;Gemeinschaftsarbeit&#8220; f&uuml;r die Realisierung ihrer Interessen zu engagieren. Wenn &#8222;<i>nicht-&ouml;konomische Anreize im Vordergrund stehen, wird die Mitgliedschaft und Mitarbeit vom Individuum nicht als ein Tauschgesch&auml;ft erlebt. Wichtige Anreize freiwilliger Vereinigungen sind tauschtheoretisch nicht zu erfassen, wie z.B. die pers&ouml;nliche Befriedigung, die daraus erw&auml;chst, da&szlig; man einen Beitrag zur Erreichung eines hochbewerteten Ziels leistet&#8220;</i> (Horch 1985: 226). In diesem Sinne argumentiert auch Strob (1999), dass &#8222;<i>die Bereitschaft zur &Uuml;bernahme von Gemeinschaftsarbeiten als Kennzeichen daf&uuml;r zu werten ist, inwieweit ein einzelnes Individuum die jeweilige Gruppierung als Gemeinschaft ansieht&#8220;</i> (Strob 1999: 160).</p>
<p>Diese Mitglieder bezeichnet Strob (1999) als &#8222;Gemeinschaftskern&#8220;, f&uuml;r den ein freiwilliges Engagement &#8222;<i>zun&auml;chst wenig spektakul&auml;r ist, gilt die Gemeinschaftsarbeit in der Binnenperspektive h&auml;ufig als ein konstitutives Merkmal der Gemeinschaft, zumindest ein konstitutives Merkmal des Gemeinschaftskerns, und geh&ouml;rt in diesem Zusammenhang schlechterdings zum Gemeinschaftsalltag&#8220;</i> (Strob 1999: 243). Insbesondere die &#8222;<i>emotionale Qualit&auml;t einer Gemeinschaft als Ausdruck einer inneren Verbundenheit verdeutlicht, warum ein Individuum ohne eine unmittelbare Nutzenerwartung eine Gemeinschaftsarbeit aus&uuml;ben kann&#8220;</i> (Strob 1999: 144). Die Mitglieder dieses Gemeinschaftskerns kontrastiert Strob (1999: 160-161) mit den Mitgliedern in der &#8222;Gemeinschaftsperipherie&#8220;, die als &#8222;Trittbrettfahrer&#8220; vom freiwilligen Engagement des Gemeinschaftskerns zu profitieren suchten, die Vereinsziele bzw. deren Erreichung anders definierten oder &#8222;<i>die jeweilige Gruppierung nicht (mehr) als Gemeinschaft wahrnehmen&#8220;</i> (Strob 1999: 161).</p>
<p>Folgt man dieser Argumentationsfigur, dann ist das freiwillige und ehrenamtliche Engagement von Mitgliedern mehr als ein unentgeltliches Engagement, um die Ziele eines Sportvereins in die soziale Praxis umzusetzen. Vielmehr kann ein solches Engagement die affektive Bindung der Mitglieder untereinander und an den Sportverein erzeugen, stabilisieren und f&ouml;rdern; und umgekehrt d&uuml;rfte diese emotionale Bindung wiederum die Bereitschaft st&uuml;tzen und anregen, sich freiwillig in dem und f&uuml;r den Sportverein zu engagieren. Diese beiden wechselseitig aufeinander bezogenen Prozesse d&uuml;rften wiederum dazu beitragen, die besondere Handlungslogik in Sportvereinen als Wahl-Gemeinschaften zu (re-)produzieren: den wechselseitigen, zielgerichteten Nutzen einerseits und insbesondere die emotionale, personale Bindung der Mitglieder andererseits, die nach Strob (1999) die freiwillige Begrenzung der individuellen Nutzenerwartung und den Handlungsmodus der &#8222;Gemeinschaftsarbeit&#8220; begr&uuml;ndet.</p>
<h2 class="auto-created">Moder&shy;ni&shy;sie&shy;rungs&shy;pro&shy;zesse im freiwil&shy;ligen und ehren&shy;amt&shy;li&shy;chen Engagement</h2>
<p>Die Beschreibung vom Sportverein als einer ehrenamtlich organisierten und basisdemokratisch grundierten freiwilligen Vereinigung wird allerdings seit langem in Frage gestellt. Zumindest gilt der &#8222;Vereinsmeier&#8220;, der nach landl&auml;ufiger Meinung in der eigenen Welt seines geselligen Sportvereins nach festgelegten Werten und Normen lebt, schon l&auml;ngst als Auslaufmodell. So res&uuml;mierte Lenk (1972) bereits in den fr&uuml;hen 1970er Jahren, dass noch bis in die 1950er Jahre hinein die Sportvereine ihre Mitglieder auf der Basis einer gemeinsamen &#8222;Idee&#8220; gesammelt h&auml;tten; Vereinsnamen (&#8222;Einheit&#8220;, &#8222;Concordia&#8220;, &#8222;Eintracht&#8220;), Vereinssymbole (Fahnen, Abzeichen), Bilder von der &#8222;Vereinsfamilie&#8220; oder das &#8222;br&uuml;derliche Du&#8220; h&auml;tten Sportvereinen den Charakter von &#8222;Lebensgemeinschaften&#8220; mit einer &#8222;<i>ganzheitlich bindenden &#8218;Lebensform'&#8220; verliehen </i>(Lenk 1972: 104). Hingegen werde schon seinerzeit der &#8222;<i>Verein (&#8230;) nicht mehr als ganzheitlich bindende &#8218;Lebensform&#8216; [&#8230;], als &#8218;wahre Lebensgemeinschaft&#8216; empfunden, sondern mehr als Zweckorganisation, die freiwillig benutzt wird, um private Freizeitbed&uuml;rfnisse zu erf&uuml;llen. Man dient keiner Idee mehr, besitzt kaum noch eine Ideologie, sondern steht dem Verein in einer &#8218;Benutzerhaltung&#8216; [&#8230;] gegen&uuml;ber&#8220;</i> (Lenk 1972: 104; dazu auch Baur/Braun 2001; Braun/Nagel 2005; Nagel 2006; Strob 1999; Thieme 2017; Zimmer 2007).</p>
<p>Wo jedoch geht es hin mit der &#8222;Solidargemeinschaft&#8220; Sportverein in Zeiten eines beschleunigten gesellschaftlichen Wandels, in der langfristige Mitgliedschaften ebenso wie dauerhafte Engagementformate im lokalen Sportverein an individueller und gesellschaftlicher Relevanz zu verlieren scheinen? Auch wenn entsprechende Thesen und Zukunftszenarien vielfach einen Sachverhalt &uuml;berbetonen und gegenl&auml;ufige Entwicklungen ausblenden, so erscheint das Bild vom &#8222;<i>Aussterben der Stammkunden&#8220;</i>, das Streeck (1999) schon vor mehreren Jahrzehnten als Zukunftsszenario f&uuml;r intermedi&auml;re Gro&szlig;organisationen und ihr lebensnahes Unterfutter in Gestalt der Vereine vor Ort entwarf, durchaus Plausibilit&auml;t beanspruchen zu k&ouml;nnen. Folgt man dieser Argumentationsfigur, dann m&uuml;sste unter den Mitgliedern auch die Bereitschaft zu &#8222;Gemeinschaftsarbeit&#8220; (Strob 1999) im Sportverein zunehmend &#8222;br&uuml;chiger&#8220; geworden sein &ndash; sei es im Hinblick auf die &Uuml;bernahme formaler (Ehren-)&Auml;mter als Funktionstr&auml;gerin bzw. -tr&auml;ger (Vorstandsmitglied, Abteilungsleitung, &Uuml;bungs- und Gruppenleitung etc.), sei es auf informeller Ebene durch das regelm&auml;&szlig;ige Mithelfen und Zupacken im Verein oder der Sportgruppe (z.B. bei Wettk&auml;mpfen, Vereinsfesten). Auch wenn die Befundlage nicht eindeutig ist, so scheinen Studien dieses Bild insbesondere f&uuml;r die Bereitschaft zur &Uuml;bernahme l&auml;ngerfristig perspektivierter und sozial verpflichtender Vereinsfunktionen zu best&auml;tigen (vgl. z.B. Braun 2017; Breuer 2017; Simonson et al. 2017).</p>
<p>Als urs&auml;chlich daf&uuml;r werden vielfach gesellschaftliche Modernisierungsprozesse ins Feld gef&uuml;hrt, die auf unterschiedlichen Ebenen diskutiert werden. So wird z.B. auf der organisationalen Ebene der Sportverb&auml;nde und Sportvereine das zunehmende Spannungsverh&auml;ltnis zwischen &Ouml;konomie und Mission thematisiert und die These vertreten, dass sich diese traditionsreichen intermedi&auml;ren Organisationen immer weitreichender wandeln w&uuml;rden: n&auml;mlich von zivilgesellschaftlich verankerten, bedarfswirtschaftlich ausgerichteten Solidargemeinschaften mit dauerhaften Mitgliedschaften und einem belastbaren Ehrenamt zu betriebswirtschaftlich gef&uuml;hrten Dienstleistungsorganisationen auf einem bunten Sportanbietermarkt, auf dem Konsumenteninnen und Konsumenten themenbezogen bestimmte Leistungen als Ware ausw&auml;hlen und gem&auml;&szlig; individueller Kosten-Nutzen-Kalk&uuml;le einkaufen w&uuml;rden (vgl. im &Uuml;berblick Braun/Nagel 2005).</p>
<p>In diesem Sinne wird auf der individuellen Ebene argumentiert, dass eine Sportvereinsmitgliedschaft nur noch aufgrund rationaler Nutzenabw&auml;gungen aufrechterhalten werde; Mitglieder treten dann &#8222;<i>gewisserma&szlig;en als Kunden auf und nehmen konkrete Dienstleistungen des Vereins im Bereich der Sportaus&uuml;bung in Anspruch&#8220;</i>, wie Cachay (1988: 228) schon in den 1980er Jahren formulierte. In dieser Argumentationsrichtung stellt sich dann auch die pers&ouml;nliche Entscheidung f&uuml;r ein freiwilliges und ehrenamtliches Engagement im Sportverein als ein Abgleich von Leistungsbilanzen dar: Ob, wie, wo, wann und wie lange man sich engagiert, werde auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Kalkulation entschieden. Seine Zeit und sein Wissen stelle man so lange unentgeltlich zur Verf&uuml;gung, solange sich die individuellen Erwartungen und Anspr&uuml;che erf&uuml;llten und sich durch das eigene Engagement Vorteile erzielen lie&szlig;en, die bei nicht kooperativem Handeln unerreichbar blieben (vgl. z.B. Horch 1983, 1992). &#8222;<i>Der Business Talk hat l&auml;ngst Einzug gehalten in die Welt der Vereine, die eigentlich keine mehr sind&#8220;</i>, kritisiert Zimmer (2012: 286); denn &#8222;&#8218;<i>in&#8216; ist ein zeitlicher absehbarer und genau kalkulierbarer &#8218;Return on Social Investment'&#8220;</i> (Zimmer 2012: 286).</p>
<h2 class="auto-created">Struk&shy;tu&shy;reller Wandel im Engagement</h2>
<p>Vor diesem Hintergrund wird in der Engagementforschung ebenso wie in gesellschaftspolitischen Engagementdebatten seit einigen Jahrzehnten die These von einem &#8222;<i>Strukturwandel des Ehrenamts&#8220;</i> im Kontext des gesellschaftlichen Wertewandels herausgestellt (vgl. z.B. Beher et al. 2000; Braun 2001; Olk 1987). Diese These von einem Wandel vom &#8222;alten&#8220; zum &#8222;neuen Ehrenamt&#8220; l&auml;sst sich anhand folgender Merkmalstypisierungen veranschaulichen:&nbsp; Einerseits w&uuml;rden an die Stelle einer l&auml;nger- oder gar langfristigen Bindung an eine spezielle Tr&auml;gerorganisation wie z.B. einen bestimmten Sportverein tempor&auml;re und projektbezogene Engagements in variablen sozialen Kontexten und Formaten treten. Andererseits w&uuml;rde die milieugebundene und langfristige Vereinssozialisation durch biografische Passungen &uuml;berlagert werden, bei der Motiv, Anlass und Gelegenheitsstrukturen f&uuml;r ein Engagement zusammenpassen m&uuml;ssten. Drittens trete an die Stelle des selbstlosen Opfers f&uuml;r einen Verband bzw. Verein der Anspruch auf individuelle Selbstverwirklichung. Viertens w&uuml;rde die Vorstellung von der Unentgeltlichkeit eines Engagements immer weitreichender mit der Erwartung an eine materielle Gegenleistung in Form von Aufwandsentsch&auml;digungen oder Honorarzahlungen konfrontiert werden. Und schlie&szlig;lich trete an die Stelle der ehrenamtlichen Laient&auml;tigkeit die Erwartung an Professionalit&auml;t im eigenen Engagement verbunden mit ad&auml;quaten Qualifizierunsgsm&ouml;glichkeiten (vgl. Baur/Braun 2000; Braun 2017).</p>
<p>Versucht man diese Merkmalstypsierungen zusammenzufassen, dann kann man sagen, dass der Typus des neuen Ehrenamtlichen prim&auml;r nach dem pers&ouml;nlichen Nutzen, Wert und Sinn seines Engagements fragt, w&auml;hrend der alte Ehrenamtliche aus einer verinnerlichten Gewohnheit heraus agiert und seine Handlungen prim&auml;r an den spezifischen Strukturen und Bedarfen eines Sportvereins ausrichtet. Zwar sind die damit verbundenen vielschichtigen Annahmen &uuml;ber einen Strukturwandel des Ehrenamts im Sportverein im Speziellen und im Feld des Sports im Allgemeinen auf empirischer Ebene bislang nicht differenzierter belegt worden, da u.a. empirische Langzeitstudien fehlen, die diesen Wandel fassen k&ouml;nnten. Sollten diese Annahmen aber zumindest partiell die Realit&auml;t eines beschleunigten gesellschaftlichen Wandels abbilden, dann d&uuml;rfte das rational motivierte Handeln den Typus des neuen Ehrenamtlichen voraussetzungsvoller machen, um ihn f&uuml;r ein Engagement in den etablierten Strukturen des Sportvereinswesens zu gewinnen und ihn dauerhaft daran zu binden. <br />Folgt man dieser Argumentationsfigur, dann k&ouml;nnen gerade die traditionellen Verb&auml;nde mit ihrem lebensweltlich gebundenen Vereinswesen nicht mehr mit der gleichen Selbstverst&auml;ndlichkeit wie fr&uuml;her auf die fr&uuml;hzeitig sozialisierte und langj&auml;hrig eingespurte &#8222;Vereinskarriere&#8220; als Modus der Gewinnung und Bindung von ehrenamtlichem und freiwilligem Engagement vertrauen (vgl. z.B. Braun 2017). In Reaktion darauf scheinen sich immer mehr Verb&auml;nde und Vereine dazu gezwungen zu sehen, &#8222;<i>Leistungen an Nichtmitglieder im Einzelhandel abzugeben und um der Erhaltung ihrer Wettbewerbsf&auml;higkeit willen auf das Zustandekommen formalisierter unspezifischer Dauerbindungen (&#8218;Mitgliedschaft&#8216;) als Voraussetzung der Nutzung von Vereinsleistungen zu verzichten&#8220;</i> (Streeck 1999: 232). Zugleich lassen sich die weitaus weniger institutionalisierten Beteiligungs- und Engagementformate in anderen Sportsettings so interpretieren, dass sie gerade einen Reflex auf die geschw&auml;chte &#8222;<i>Moral- und Ideologief&auml;higkeit des vorhandenen Institutionensystems&#8220;</i> (Streeck 1999: 229) darstellen.</p>
<p>Diese Formate setzen n&auml;mlich an die Stelle affektiv aufgeladener Mitgliedschaften, die vielfach mit einer &#8222;<i>generalisierten und unspezifischen Loyalit&auml;tsverpflichtung&#8220;</i> (Streeck 1999: 229) gegen&uuml;ber organisierten Gemeinschaftsstrukturen einhergehen, &#8222;<i>institutionell ungebundene Moralsubstitute&#8220;</i> (Streeck 1999: 229) in eher spontaneren, tempor&auml;r inszenierten und wenig formalisierten Gruppen und Netzwerken einer sich ausdifferenzierenden Sportkultur. Zahlreiche Bewegungen im Feld des Sports, die ihre Mobilisierungskraft aus Netzwerken moderner Medienvielfalt zu ziehen scheinen (von Laufbewegungen &uuml;ber Trend-, Fitness- und Gesundheitssport bis hin zu onlinebasierten Strukturen wie e-Sport), kann man auch so interpretieren, dass quer durch die gesellschaftlichen Gro&szlig;gruppen die Loyalit&auml;t gegen&uuml;ber organisierten intermedi&auml;ren Gro&szlig;verb&auml;nden im Feld des Sports abgenommen hat. Zugleich hat auch das Selbstorganisationspotenzial von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern an Effektivit&auml;t und Effizienz sowie an gesellschaftlichem Einfluss gewonnen, was sich auch im Feld des Sports dokumentiert.</p>
<h2 class="auto-created">Selbst&shy;or&shy;ga&shy;ni&shy;sa&shy;tion in Sport&shy;ver&shy;einen</h2>
<p>In diesem Sinne k&ouml;nnten die systematische Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung von Gelegenheitsstrukturen f&uuml;r Engagement und Partizipation zentrale Elemente darstellen, damit sich Mitglieder auch an der Selbstorganisation der Sportvereine aktiv und kompetent beteiligen (k&ouml;nnen). Voraussetzung f&uuml;r die Selbstorganisation in Vereinen ist n&auml;mlich nicht nur, dass die Mitglieder durch ihre Zeit- und Wissensspenden Vereinsleistungen erstellen. Sie m&uuml;ssen auch in Prozessen und Strukturen der demokratischen Willensbildung und Entscheidungsfindung &ndash; von Diskussionen in geselligen Interaktionen bis hin zu formalen Mitgliederversammlungen &ndash; ihre Interessen artikulieren, immer wieder aufs Neue abstimmen und in Vereinszielen vereinbaren k&ouml;nnen (Baur/Braun 2000; Braun 2003a; Horch 1985, 1992; Nagel 2006).</p>
<p>Diese These verweist u.a. auf die vielf&auml;ltigen Vorstellungen &uuml;ber Vereine als &#8222;<i>Schulen der Demokratie&#8220;</i>, die von Alexis de Tocquevilles vor rund 180 Jahren verfasstem Reisebericht &uuml;ber die Demokratie in Nordamerika (de Tocqueville 2001) &uuml;ber die sozialwissenschaftliche Forschung zur politischen Kultur moderner Gesellschaften (grundlegend Almond &amp; Verba 1963) bis hin zur Sozialkapital-Forschung (Putnam 2000) reichen. Mitgliedschaften und Engagement in Vereinen werden dabei mit der Figur der &#8222;kompetenten B&uuml;rgerin&#8220; bzw. des &#8222;kompetenten B&uuml;rgers&#8220; verbunden, die bzw. der &uuml;ber kognitive, prozedurale und habituelle Kompetenzen verf&uuml;gt (vgl. M&uuml;nkler 1997), um in einem demokratischen Gemeinwesen sinnhaft, verst&auml;ndig und erfolgreich handeln und insofern mit den &#8222;Zumutungen der Demokratie&#8220; (Buchstein 1996) umgehen zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Argumentiert wird in diesem Kontext, dass in freiheitlich verfassten Gesellschaften ein &#8222;B&uuml;rgersinn&#8220; zum Tragen kommen m&uuml;sse, der sich im Engagement f&uuml;r allgemeine Aufgaben manifestiere, ein Engagement also, &#8222;<i>bei dem &ndash; nach den Vorgaben einer Theorie individuellen Nutzenkalk&uuml;ls formuliert &ndash; individueller Aufwand und individuell nutzbarer Ertrag in keinem &ouml;konomisch sinnvollen Verh&auml;ltnis stehen&#8220;</i> (M&uuml;nkler 2002: 30). In diesem Argumentationszusammenhang wurde in den letzten Jahrzehnten auch der Begriff der &#8222;B&uuml;rgertugend&#8220; wiederbelebt und mit dem Begriff der &#8222;freiwilligen Selbstverpflichtung&#8220; (M&uuml;nkler 2002: 34) in ein aktuelleres Gesellschaftsverst&auml;ndnis &uuml;bersetzt. Dieser Begriff macht bereits deutlich, dass es nicht nur um rechtliche Definitionen des B&uuml;rgerstatus geht, sondern auch um die Kompetenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, um den damit verbundenen Status ausf&uuml;llen zu k&ouml;nnen. Und zu diesen Kompetenzen werden Elemente wie politische Partizipationsf&auml;higkeit und Partizipationsbereitschaft, die Bereitschaft zu Solidarit&auml;t oder Gemeinwohlorientierung zur Mehrung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter gez&auml;hlt (vgl. dazu ausf&uuml;hrlich M&uuml;nkler 1997; Putnam 2000).</p>
<p>In diesem Diskussionszusammenhang kommt der Vielzahl von lebensweltlich eingebundenen Vereinen im Allgemeinen und Sportvereinen im Speziellen eine ma&szlig;gebliche Schnittstellen- bzw. Vermittlungsfunktion zwischen Individuum und Staat, privat und staatlich oder von Staat und Gesellschaft zu (vgl. dazu detailliert Schuppert 1997). Diese Vermittlungsfunktion hat Streeck (1999) als einen komplexen und institutionell zu leistenden Prozess beschrieben, der f&uuml;r das Zur&uuml;cklegen des langen Weges vom Individuum zur Gesellschaft von elementarer Bedeutung sei. Und hier kann man fragen, inwieweit dazu in Sportvereinen ad&auml;quate Voraussetzungen existieren; denn die Beteiligung an der Selbstorganisation der Sportvereine bedarf anspruchsvoller institutioneller und auch zielgruppenspezifischer Arrangements, die kontinuierlich dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen sind. Insoweit k&ouml;nnten die Weiterentwicklung von Partizipationschancen, einer entsprechenden Informationspolitik &uuml;ber Mitwirkungsm&ouml;glichkeiten und ad&auml;quater organisatorischer institutioneller Arrangements zentrale Elemente sein, damit sich Mitglieder an der Selbstorganisation der Sportvereine aktiv und kompetent beteiligen und um f&uuml;r (neue) Mitglieder attraktiv zu sein und zur Mitwirkung an der Selbstorganisationspraxis zu ermuntern. Solche Gelegenheitsstrukturen k&ouml;nnten auch &ndash; quasi als &#8222;Nebenprodukt&#8220; &ndash; das &#8222;Sozialkapital&#8220; der modernen Gesellschaft bef&ouml;rdern, wie es der Politikwissenschaftler Robert D. Putnam (2000) nennt.</p>
<p><b>SEBASTIAN BRAUN&nbsp;</b><i>&nbsp; 1971, Dr. phil. habil., Universit&auml;tsprofessor an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin, dort Leitung der Abteilung Sportsoziologie am Institut f&uuml;r Sportwissenschaft und dar&uuml;ber hinaus der Abteilung Integration, Sport und Fu&szlig;ball am Berliner Institut f&uuml;r empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). Arbeitsgebiete: sportbezogene Forschung zu b&uuml;rgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft, Verb&auml;nden und Vereinen, Integration und Sozialkapital sowie gesellschaftlichem Engagement von Unternehmen. EMail: </i><a href="mailto:braun%40hu-berlin.de"><i>braun@hu-berlin.de</i></a><i>.</i></p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Almond, Gabriel A./Verba, Sidney</i> 1963: The Civic Culture: Political attitudes and democracy in five nations. Princeton, NJ: Princeton University Press.</p>
<p><i>Baur, J&uuml;rgen/Braun, Sebastian</i> 2000: Freiwilliges Engagement und Partizipation in ostdeutschen Sportvereinen. Empirische Befunde zum Institutionentransfer. K&ouml;ln: Sport und Buch Strau&szlig;.</p>
<p><i>Baur, J&uuml;rgen/Braun, Sebastian</i> 2001: Der vereinsorganisierte Sport in Ostdeutschland. K&ouml;ln: Sport und Buch Strau&szlig;.</p>
<p><i>Beher, Karin et al</i>. 2000: Strukturwandel des Ehrenamts. Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsproze&szlig;. Weinheim: Juventa.</p>
<p><i>Braun, Sebastian</i> 2017: Ehrenamtliches und freiwilliges Engagement im Sport im Spiegel der Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009. Zusammenfassung der sportbezogenen Sonderauswertungen (2. Auflage). <a href="http://my.page2flip.de/2895682/9813109/9815155/html5.html#/1" target="_blank" rel="noopener">http://my.page2flip.de/2895682/9813109/9815155/html5.html#/1</a> [01.01.2018].</p>
<p><i>Braun, Sebastian </i>(Hrsg.) 2013: Der Deutsche Olympische Sportbund in der Zivilgesellschaft. Eine sozialwissenschaftliche Analyse zur sportbezogenen Engagementpolitik. Wiesbaden: Springer VS.<br />Braun, Sebastian 2003. Freiwillige Vereinigungen zwischen Staat, Markt und Privatsph&auml;re. Konzepte, Kontroversen und Perspektiven; in Baur, J&uuml;rgen/Braun, Sebastian (Hrsg.): Integrationsleistungen von Sportvereinen als Freiwilligenorganisationen. Aachen: Meyer &amp; Meyer, S.&nbsp;43-87.</p>
<p><i>Braun, Sebastian</i> 2001: B&uuml;rgerschaftliches Engagement &ndash; Konjunktur und Ambivalenz einer gesellschaftspolitischen Debatte. Leviathan. Zeitschrift f&uuml;r Sozialwissenschaft, 29, S. 83-109.</p>
<p><i>Braun, Sebastian/Nagel, Michael</i> 2005: Zwischen Solidargemeinschaft und Dienstleistungsorganisation. Mitgliedschaft, Engagement und Partizipation im Sportverein; in: <i>Alkemeyer, Thomas/Rigauer, Bero/Sobiech, Gabriele</i> (Hrsg.): Organisationsentwicklungen und De-Institutionalisierungsprozesse im Sport. Schorndorf: Hofmann, S. 123-150.</p>
<p><i>Breuer, Christoph</i> (Hrsg.) 2017: Sportentwicklungsbericht 2015/2016, Band I und II. Analyse zur Situation der Sportvereine in Deutschland. K&ouml;ln: Sportverlag Strau&szlig;.</p>
<p><i>Buchstein, Hubertus</i> 1996: Die Zumutungen der Demokratie. Von der normativen Theorie des B&uuml;rgers zur institutionell vermittelten Pr&auml;ferenzkompetenz. In: Beyme, Klaus von/ Offe, Claus (Hrsg.): Politische Theorien in der &Auml;ra der Transformation. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 295-324.</p>
<p><i>Cachay, Klaus</i> 1988: Perspektiven der k&uuml;nftigen Entwicklung von Sportvereinen und Sportverb&auml;nden; in: Digel, Helmut (Hrsg.): Sport im Verein und im Verband. Historische, politische und soziologische Aspekte. Schorndorf: Hofmann, S. 219-233.</p>
<p><i>Deutscher Olympischer Sportbund</i> (DOSB) 2018: Bestandserhebung 2017. Aktualisierte Fassung vom 01.11.2014 (3. digitale Auflage). <a href="http://www.dosb.de/de/service/download-center/statistiken/" target="_blank" rel="noopener">http://www.dosb.de/de/service/download-center/statistiken/</a>&nbsp; [12.04.2018]</p>
<p><i>Emrich, Eike/Pitsch, Werner/Papathanassiou, Vassilios</i> 2001: Die Sportvereine. Ein Versuch auf empirischer Grundlage. Schorndorf: Hofmann.</p>
<p><i>Geser, Hans </i>1980: Kleine Sozialsysteme: Strukturmerkmale und Leistungskapazit&auml;ten. In: K&ouml;lner Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie, 32, S. 205-239.</p>
<p><i>Horch, Heinz-Dieter</i> 1992: Geld, Macht und Engagement in freiwilligen Vereinigungen. Grundlagen einer Wirtschaftssoziologie von Non-Profit-Organisationen. Berlin: Duncker &amp; Humblot.</p>
<p><i>Horch, Heinz-Dieter</i> 1985: Personalisierung und Ambivalenz. Strukturbesonderheiten freiwilliger Vereinigungen; in: K&ouml;lner Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie 37, S. 257-276.</p>
<p><i>Horch, Heinz-Dieter </i>1983: Strukturbesonderheiten freiwilliger Vereinigungen. Analyse und Untersuchung einer alternativen Form menschlichen Zusammenarbeitens. Frankfurt am Main: Campus.</p>
<p><i>Lenk, Hans</i> 1972: Materialien zur Soziologie des Sportvereins. Ahrensburg: Czwalina.</p>
<p><i>M&uuml;nkler, Herfried</i> 2002: B&uuml;rgerschaftliches Engagement in der Zivilgesellschaft; in: Deutscher Bundestag, Enquete-Kommission &bdquo;Zukunft des B&uuml;rgerschaftlichen Engagements (Hrsg.): B&uuml;rgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft. Opladen: Leske + Budrich, S. 29-36.</p>
<p><i>M&uuml;nkler, Herfried</i> 1997: Der kompetente B&uuml;rger; in: Klein, Ansgar/Schmalz-Bruns, Rainer (Hrsg.): Politische Beteiligung und B&uuml;rgerengagement in Deutschland. M&ouml;glichkeiten und Grenzen. Baden-Baden: Nomos, S. 153-172.</p>
<p><i>Nagel, Siegfried</i> 2006: Sportvereine im Wandel. Akteurtheoretische Analysen zur Entwicklung von Sportvereinen. Schorndorf: Hofmann.</p>
<p><i>Olk, Thomas</i> 1987: Das soziale Ehrenamt. Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, 14, S. 84-101.</p>
<p><i>Putnam, Robert D. </i>2000: Bowling alone. The collapse and revival of American community, New York: Simon &amp; Schuster.</p>
<p><i>Schuppert, Gunnar Folke</i> 1997: Assoziative Demokratie. Zum Platz des organisierten Menschen in der Demokratietheorie; in Klein, Ansgar/Schmalz-Bruns, Reiner (Hrsg.): Politische Beteiligung und B&uuml;rgerengagement in Deutschland. M&ouml;glichkeiten und Grenzen. Bonn: Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung, S. 115-152.</p>
<p><i>Simonson, Julia et al.</i> (Hrsg.) 2017: Freiwilliges Engagement in Deutschland. Wiesbaden: Springer VS.</p>
<p><i>Streeck, Wolfgang</i> 1999: Korporatismus in Deutschland. Zwischen Nationalstaat und Europ&auml;ischer Union. Frankfurt am Main: Campus.</p>
<p><i>Strob, Burkhard</i> 1999: Der vereins- und verbandsorganisierte Sport: Ein Zusammenschluss von (Wahl)Gemeinschaften? M&uuml;nster: Waxmann.</p>
<p><i>Thieme, Lutz</i> 2017: Der Sportverein. Versuch einer Bilanz. Schorndorf: Hofmann.</p>
<p><i>Tocqueville, Alexis de</i> 2001 [1835/1840]: &Uuml;ber die Demokratie in Amerika (ausgew&auml;hlt und hrsg. von J. P. Mayer). Stuttgart: Reclam.</p>
<p><i>Zimmer, Annette</i> 2012: Lokales Vereinswesen und b&uuml;rgerschaftliches Engagement: Bestandsaufnahme, Herausforderungen, Perspektiven; in Deutscher Bundestag (Hrsg.): Erster Engagementbericht &ndash; F&uuml;r eine Kultur der Mitverantwortung. Bericht der Sachverst&auml;ndigenkommission und Stellungnahme der Bundesregierung. Drucksache 17/10580 vom 23.08.2012, S. 583-586. <a href="http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/freiwilliges-engagement%2Cdid=187960.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/freiwilliges-engagement,did=187960.html</a> [01.01.2013].</p>
<p><i>Zimmer, Annette</i> 2007: Vereine &ndash; Zivilgesellschaft konkret. Wiesbaden: VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/engagement-im-sportverein-strukturelle-veraenderungen-in-der-pluralisierten-sport-und-bewegungskul-1/">Engagement im Sportverein  strukturelle Veränderungen in der pluralisierten Sport- und Bewegungskultur</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Ökonomisierung des Sports am Beispiel des deutschen Fußballs</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/die-oekonomisierung-des-sports-am-beispiel-des-deutschen-fussballs-1/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 21:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/die-oekonomisierung-des-sports-am-beispiel-des-deutschen-fussballs-1/</guid>

					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 15-25 Dass es beim Fu&#223;ball l&#228;ngst nicht mehr nur um sportliche Vergleiche geht, ist ein Gemeinplatz. Wie tief die unternehmerische Logik bereits in diese Sportart eingedrungen ist und das Denken und Handeln von Sportlern, Trainern, Funktion&#228;ren und Vereinen bestimmt, schildert Christopher Stark im folgenden Essay. Dass der Leistungssport damit [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/die-oekonomisierung-des-sports-am-beispiel-des-deutschen-fussballs-1/">Die Ökonomisierung des Sports am Beispiel des deutschen Fußballs</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 15-25</p>
<p><i>Dass es beim Fu&szlig;ball l&auml;ngst nicht mehr nur um sportliche Vergleiche geht, ist ein Gemeinplatz. Wie tief die unternehmerische Logik bereits in diese Sportart eingedrungen ist und das Denken und Handeln von Sportlern, Trainern, Funktion&auml;ren und Vereinen bestimmt, schildert Christopher Stark im folgenden Essay. Dass der Leistungssport damit die soziale Spaltung der Gesellschaft vorantreibt, ist nur eine der Folgen dieser Entwicklung.</i></p>
<h2 class="auto-created">Fu&szlig;ball als Unternehmen</h2>
<p>Der Spitzensport und insbesondere der Fu&szlig;ball sind in den letzten Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit kommerzialisiert worden. Dies kann man etwa an den Auseinandersetzungen um milliardenschwere Ausstrahlungsrechte im Fernsehen ablesen, an der Umwandlung vieler Fu&szlig;ballmannschaften in Aktiengesellschaften seit den 1990er Jahren oder am &#8222;Handel&#8220; mit Spitzensportler_innen, die f&uuml;r Millionen Euro hin und her gekauft werden.</p>
<p>Die Durch&ouml;konomisierung manifestiert sich an allen Ecken und Enden des deutschen Fu&szlig;balls. Der Erfolg von Vereinen im sportlichen Wettbewerb ist zu einem gro&szlig;en Teil dem Erfolg von konkurrierenden Privatunternehmen gewichen. Wer viel in fu&szlig;ballerisches &#8222;Humankapital&#8220; investieren kann, hat die besten Chancen auf lukrative Siege im Wettbewerb.</p>
<p>Bereits bei einem Klick auf die Internetseite des Deutschen Fu&szlig;ball-Bundes (DFB) springen einem 13 Logos von Konzernen ins Gesicht, darunter das Logo des Hauptsponsors (Mercedes-Benz) auf der H&ouml;he und in derselben Gr&ouml;&szlig;e des DFB-Logos (s. Abbildung 1, folgende Seite).</p>
<p>Zehn der zwanzig gr&ouml;&szlig;ten Fu&szlig;ballstadien in Deutschland tragen die Namen von Privatunternehmen, welche als Sponsoren fungieren oder direkt finanziell an den Vereinen beteiligt sind. (Wikipedia 2018: Fu&szlig;ballstadien in Deutschland). Die Frauen-Bundesliga tr&auml;gt sogar den Namen eines privaten Versicherungskonzerns (Allianz).</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/stark1.jpg" width="380" height="277" alt=""></p>
<p>Abbildung 1: Internetseite des DFB</p>
<p>Eine gro&szlig;e Welle der Kommerzialisierung rollte im Fu&szlig;ball hierzulande bereits 1999 los mit dem ersten B&ouml;rsengang des Fu&szlig;ballvereins Borussia Dortmund. Heute sind eine Reihe von Vereinen Aktiengesellschaften, lassen also andere mit ihrem Erfolg oder Misserfolg spekulieren. International ist der Trend zur &Ouml;konomisierung des Fu&szlig;balls zum Teil noch st&auml;rker ausgepr&auml;gt. Erster b&ouml;rsennotierter Fu&szlig;ballverein in Europa war 1983 der Londoner Club Tottenham Hotspur &ndash; passend zum neoliberalen Umbau des K&ouml;nigreichs durch Margaret Thatcher seit 1979. Seither sind Worte wie Cash-Flow, Kennzahlen, B&ouml;rsenwert, Rendite oder wachstumsbeschleunigende Investitionen zunehmend in den Vordergrund getreten und heute Normalit&auml;t im Fu&szlig;ball.</p>
<p>Der Wettbewerbscharakter des Fu&szlig;balls bezog sich einst auf die unterschiedliche regionale Herkunft von Vereinen. Heute ist dies zwar oberfl&auml;chlich betrachtet noch immer so, tats&auml;chlich befinden sich aber nicht Regionen im sportlichen Wettbewerb, sondern Marken bzw. Fu&szlig;ball-Wirtschaftsunternehmen: Spieler_innen bzw. Produktionsmittel werden zum Marktwert eingekauft und eingesetzt. Durch die erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben werden Finanzmittel erwirtschaftet, welche dann wiederum in neue Spieler_innen investiert werden. Die Vereine, die &uuml;ber die gr&ouml;&szlig;ten Geldressourcen verf&uuml;gen, sind in der Regel auch die erfolgreichsten.</p>
<p>Durch eine Regelung &uuml;ber das Stimmrecht soll in Deutschland mit der sogenannten 50+1-Regel immerhin die Entscheidungshoheit in der Hand der Fu&szlig;ballvereine selber verbleiben. Es gibt aber Ausnahmeregelungen f&uuml;r Vereine, die von Wirtschaftsunternehmen seit &uuml;ber 20 Jahren gef&ouml;rdert werden. An solche Unternehmen kann eine Mehrheit der Stimmrechte &uuml;bertragen werden. Eine solche Sonderregelung besteht f&uuml;r Betriebsvereine wie Bayer 04 Leverkusen, auch wenn sie de facto gar keine Betriebsvereine mehr sind. &Uuml;berhaupt l&auml;sst die 50+1-Regel die &Ouml;konomisierung des Fu&szlig;balls eher unber&uuml;hrt.</p>
<p>Insgesamt findet sich bei fast allen Erstliga-Vereinen ein Gewirr an Beteiligungen und Sponsoren sowie Abh&auml;ngigkeiten von Konzernen. Auch sind die meisten Vereine in Deutschland zumindest in Teilen privatwirtschaftlich organisiert. Vereine in Vereinsform sind eher selten; aber auch sie sind durchgehend von Sponsoren abh&auml;ngig. Auf Unternehmenslogos auf Trikots verzichtet keiner von ihnen, auch wenn die Einnahmen durch Kartenverk&auml;ufe und &Uuml;bertragungsrechte sicherlich ausreichend f&uuml;r die Bezahlung der Fu&szlig;baller_innen w&auml;ren.</p>
<h2 class="auto-created">Fu&szlig;ball und Privat&shy;un&shy;ter&shy;nehmen</h2>
<p>Eine weitere Stufe der &Ouml;konomisierung des Fu&szlig;balls in Deutschland stellte 2009 die Gr&uuml;ndung des Vereins RB Leipzig dar, der seither schnell durch die Ligen aufstieg. Der scheinheilige Name des Vereins &#8222;Rasen Ballsport (RB)&#8220; versucht nur halbherzig zu verschleiern, dass der Verein vom Limonaden-Imperium Red Bull gepusht, gesponsert und finanziert wird, der Name ist kein Zufall. Der Gesellschafter ist nat&uuml;rlich auch die Red Bull GmbH, die Heimarena hei&szlig;t Red Bull Arena. Das Logo des Hauptsponsors prangt auf allen Trikots und Fanartikeln. Es handelt sich bei RB Leipzig quasi um einen inoffiziellen Unternehmensverein unter den Fittichen eines Weltkonzerns, der &uuml;berhaupt nicht aus der Region Leipzig stammt.</p>
<p>Das Unternehmen Red Bull passt zur &Ouml;konomisierungsideologie, stellt es doch k&ouml;rperliche H&ouml;chstleistung in seiner PR- und Werbestrategie stets in den Vordergrund. Der gro&szlig;e, weltweite Erfolg des &uuml;bers&uuml;&szlig;ten Kunstgetr&auml;nks l&auml;sst sich aber sicherlich auch erkl&auml;ren mit dem Erfolg einer Marketingstrategie, die sich kongenial in die neoliberale Leistungsgesellschaft einzubetten vermag. In Werbeanzeigen f&uuml;r das Getr&auml;nk hei&szlig;t es etwa: &#8222;Konzentriert bei Pr&uuml;fungen&#8220; oder &#8222;Die spezielle Formel und die einzigartige Kombination von Inhaltsstoffen wurde speziell f&uuml;r Zeiten erh&ouml;hter geistiger und k&ouml;rperlicher Anstrengung entwickelt&#8220;[1]. Die Werbung passt gut in ein Umfeld von &Uuml;berforderung, &Uuml;berstunden und dem Tanz auf dem schmalen Grat am Abgrund zum Burnout.</p>
<p>Neben Red Bull sind auch andere Sponsoren aus der Lebensmittel- und Lifestyle-Industrie &ndash; wie Coca-Cola, Ferrero oder McDonald&#8217;s &ndash; h&ouml;chst zweifelhaft in ihrem gesellschaftlichen und vor allem gesundheitlichen Nutzen. Im Zuge der Fu&szlig;ball-Europameisterschaft (EM) 2016 wurde die Nationalmannschaft f&uuml;r eine Werbeaktion gemeinsam mit Sponsoren kritisiert, bei der sie f&uuml;r ungesunde Lebensmittel warb; und das mit einer zum Teil minderj&auml;hrigen Zielgruppe. Damit wirkte die Mannschaft ihrem Vorbildcharakter entgegen, denn schlie&szlig;lich soll Sport ja ein gesundes Leben verk&ouml;rpern und vermitteln. Die NGO Foodwatch warf der Fu&szlig;ballmannschaft vor, ihrer Vorbildrolle nicht gerecht zu werden. Die Diabetes Gesellschaft (DDG) rief die Mannschaft dazu auf, ihre Werbevertr&auml;ge mit Coca-Cola zu k&uuml;ndigen. Die Forderungen prallten am Deutschen Fu&szlig;ballbund (DFB) ab; man ben&ouml;tige eben die &#8222;wirtschaftliche Unterst&uuml;tzung&#8220; der &#8222;Sponsoren und Partner&#8220; (R&ouml;tzer/Telepolis 2016). Laut Aussage des Kochs der Nationalmannschaft wird pikanterweise f&uuml;r die Fu&szlig;baller selber &#8222;&uuml;berwiegend stilles Wasser und Tee&#8220; zubereitet.</p>
<p>Nicht nur Unternehmen, auch einzelne Personen der &ouml;konomischen Elite mischen im Fu&szlig;ball mit, so etwa osteurop&auml;ische Oligarchen, die ganze Clubs kaufen. Dies ist international betrachtet eine weitere Dimension der Transformation des Fu&szlig;balls nach den Prinzipien des kapitalistischen Wirtschaftssystems.</p>
<h2 class="auto-created">Wirtschaft&shy;s&shy;ideo&shy;logie im Fu&szlig;ball</h2>
<p>Von einigen Spitzenpersonen des deutschen Fu&szlig;balls wird die &#8222;Selbstregulierung der M&auml;rkte&#8220; anstelle von Sportgeist und Menschlichkeit gepredigt. Dies zeigt sich etwa bei Aussagen Oliver Bierhoffs in einem Interview mit dem Handelsblatt Mitte 2016 (Fr&ouml;hlich/Handelsblatt 2016). Aus den Worten des Fu&szlig;ballfunktion&auml;rs l&auml;sst sich ablesen, wie tief die neoliberale Ideologie in den deutschen Spitzensport eingedrungen ist;[2] etwa wenn er sagt, dass er aus der Nationalmannschaft eine &#8222;Marke&#8220; machen wolle. Bierhoff bezeichnet sich selber im Interview als &#8222;Produktmanager&#8220; f&uuml;r das &#8222;Produkt&#8220; Fu&szlig;ball:</p>
<p><i>&#8222;Wenn man es so n&uuml;chtern sehen will, ist die Nationalmannschaft eine Marke, ein Produkt, das sich stetig ver&auml;ndert. [&#8230;] Bei unseren letzten Heimspielen waren die Stadien nicht immer bis auf den letzten Platz gef&uuml;llt. Das hei&szlig;t, dass die Menschen mit dem Produkt nicht wirklich zufrieden waren, dass es nicht gehalten hat, was es versprochen hat.&#8220;</i></p>
<p>Dass die Betrachtungsweise Bierhoffs keine Frage der N&uuml;chternheit, sondern der politischen Ideologie ist, liegt auf der Hand. Er suggeriert mit seinen Aussagen, diese Sichtweise (&#8222;N&uuml;chternheit&#8220;) sei die einzig m&ouml;gliche. Es handelt sich um ein rein &ouml;konomisches Weltbild. Auf die folgende Frage des Handelsblatts, was ihm wichtiger sei, &#8222;die Liebe der Fans zu erhalten? Oder das Erwerbsstreben?&#8220;, lautet seine Antwort, er &#8222;glaube an die Selbstregulierung der M&auml;rkte. Noch ist der Bedarf da&#8220;. Wichtig sei, &#8222;die Ums&auml;tze zu steigern&#8220;.</p>
<p>Auf die Frage, wof&uuml;r die Mannschaft stehe, antwortet er: &#8222;F&uuml;r Offenheit, Vielfalt, Toleranz. Aber auch f&uuml;r Leistungsbereitschaft, Siegeswillen, Erfolg.&#8220; Zudem habe die Nationalmannschaft Empathie bewiesen, als sie die unterlegenen Brasilianer 2014 &#8222;in den Arm genommen&#8220; habe. Die Aufz&auml;hlung Bierhoffs, was die &#8222;Marke&#8220; Nationalmannschaft ausmache, liest sich wie ein BWL-Lehrbuch. &#8222;Offenheit&#8220; und &#8222;Vielfalt&#8220; werden als Marketingspritzen f&uuml;r eine steile Wirtschaftsentwicklung gesehen. Die angebliche Empathie der deutschen Fu&szlig;ballnationalmannschaft wird f&uuml;r das Selbstmarketing verwertet; ganz so, als w&auml;re es Mitleid, was die unterlegene Mannschaft aus der Dritten Welt gebrauchen k&ouml;nnte. Man habe sich sein &#8222;heutiges Image&#8220; der Toleranz aufgebaut, schiebt der Fu&szlig;ballprofi hinterher. Kein Wort nat&uuml;rlich vom rassistischen Ausfall im Jahr 2014 nach dem Sieg &uuml;ber die argentinische Nationalmannschaft, als die deutsche Nationalelf eine inakzeptable Herrenmenschen-Polemik zur Schau stellte: &#8222;So gehen die Gauchos [gehen geb&uuml;ckt], So gehen die Deutschen [gehen aufrecht]&#8220;.[3]</p>
<p>Die von Bierhoff unterstellte Toleranz ist offensichtlich nur reines Kalk&uuml;l und wird nicht aus Humanismus und Menschenfreundlichkeit heraus gelebt. Sie hat den Zweck, den &#8222;Wert der eigenen Marke&#8220; zu erh&ouml;hen. Um die Menschen geht es ihm offenbar nicht. Wenn dann noch &#8222;Leistungsbereitschaft&#8220;, &#8222;Siegeswillen&#8220; und &#8222;Erfolg&#8220; dazukommen, dann k&ouml;nnte man ebenso von einem &#8222;Exportweltmeister Deutschland&#8220; oder einer transnationalen Aktiengesellschaft anstelle einer Sportmannschaft sprechen.</p>
<p>Auf den Vorwurf, die Nationalmannschaft sei abgehoben und elit&auml;r, erwidert Bierhoff:</p>
<p><i>&#8222;Wir sind ein Premiumprodukt, ein Unternehmen, das f&uuml;r das Gesamtwohl des deutschen Fu&szlig;balls auch kommerzielle Interessen verfolgt. In erster Linie haben wir ein sch&ouml;nes Ziel: Wir wollen Menschen gl&uuml;cklich machen. [&#8230;] Der Profisport ist l&auml;ngst ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor.&#8220;</i></p>
<p>Es ist doch sehr zweifelhaft, wie die Nationalmannschaft dem Gesamtwohl des deutschen Fu&szlig;balls dadurch &#8222;dienen&#8220; soll, dass sie unternehmerisch handelt. Schlie&szlig;lich hat die &Ouml;konomisierung dazu gef&uuml;hrt, dass die Kosten f&uuml;r die Fu&szlig;ball&uuml;bertragungen explodieren und folglich immer weniger Spiele im &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehen &uuml;bertragen werden. Auch wird das eingenommene Geld nicht gerecht verteilt. Die weiblichen Profi-Fu&szlig;ballerinnen etwa bekommen nur einen verschwindend geringen Bruchteil dessen gezahlt, was den Fu&szlig;ball-M&auml;nnern zuf&auml;llt. Die Millionengeh&auml;lter der Top-Spieler der 1. M&auml;nner-Bundesliga sind gesellschaftlich kaum zu rechtfertigen.</p>
<p>Auch die Aussage, man wolle mit Fu&szlig;ball die Menschen gl&uuml;cklicher machen, ist doch etwas zweifelhaft. Wenn Menschen ihr individuelles Gl&uuml;ck nicht in selbst gew&auml;hlten T&auml;tigkeiten und der Entfaltung ihrer eigenen Kreativit&auml;t oder Pers&ouml;nlichkeit suchen, sondern ihren Alltagsfrust und ihre Unbedeutsamkeit in der gesellschaftlichen Hierarchie dadurch kompensieren, indem sie prominenten Fu&szlig;ballmannschaften zujubeln oder sogar zu Hooligans mutieren, dann kann man wohl nicht wirklich von Gl&uuml;ck im besten Sinne des Wortes sprechen. Auch wird niemand gl&uuml;cklich vom nationalistischen Taumel, der regelm&auml;&szlig;ig in die Unterscheidung von &#8222;wir Deutschen&#8220; und &#8222;die anderen&#8220; m&uuml;ndet. Wenn man im bierhoffschen Sinne die volkswirtschaftlichen Kosten des Nationalismus und des zum Teil mit ihm einhergehenden Chauvinismus gegen den &#8222;Gl&uuml;cksgewinn&#8220; durch Fu&szlig;ball gegenrechnen w&uuml;rde, w&auml;re die &ouml;konomische Bilanz m&ouml;glicherweise gar nicht so positiv.</p>
<p>Bierhoff war im &Uuml;brigen schon vor einigen Jahren mit der Zurschaustellung seines Weltbilds aufgefallen, als er sich mit der Aussage zitieren lie&szlig;: &#8222;Eliten sind keine besseren Menschen, sie sind aber auch nicht moralisch verwerflich, nur weil sie gr&ouml;&szlig;ere F&auml;higkeiten besitzen, als die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung.&#8220;</p>
<p>Nicht nur Bierhoff, auch der Fu&szlig;baller Christoph Metzelder ist in der Vergangenheit durch neoliberale Ideologie in der &Ouml;ffentlichkeit aufgefallen. Er engagierte sich f&uuml;r die Aktion &#8222;Einstig in Arbeit&#8220; der wirtschaftsnahen Lobby-Organisation &#8222;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&#8220; (INSM). Seinerzeit hob er die f&uuml;r ihn hohe Bedeutung privater Stiftungen oder Kampagnen der INSM hervor. Die Verflechtungen Metzelders mit der Wirtschaftslobby wurden im Jahr 2008 in einem offenen Brief auf dem INSM-Watchblog kritisiert, schlie&szlig;lich setzt sich die Organisation massiv f&uuml;r die Demontage des Sozialstaats und f&uuml;r die Privatisierung und &Ouml;konomisierung verschiedener Gesellschaftsbereiche ein (INSM Watchblog 2008).</p>
<p>Die beiden genannten Fu&szlig;baller stellen sicherlich ideologische Extrembeispiele dar, viele andere stehen der Umwandlung des Fu&szlig;balls in ein Unternehmen eher unpolitisch oder sogar kritisch gegen&uuml;ber. Dennoch zeigen die hier zitierten Aussagen, wie die &ouml;konomische Denkweise im Sport funktioniert.</p>
<h2 class="auto-created">Sehr viel Geld, noch mehr Geld</h2>
<p>Die Deutsche Fu&szlig;ball-Liga DFL kassiert f&uuml;r Medienrechte inzwischen pro Jahr knapp 1,2 Mrd. Milliarden Euro. Allein f&uuml;r die ARD-Sportschau am Samstag und Sonntag gehen 134 Mio. Euro an die DFL (Manager Magazin, 2016).</p>
<p>Durch die &ouml;ffentlich-rechtliche Geb&uuml;hrenzahlung wird das System &uuml;berh&ouml;hter Kosten weiter gest&uuml;tzt, auch wenn in den letzten Jahren zunehmend viele Fu&szlig;ballrechte auf Privat- und Pay-TV-Sender &uuml;bertragen wurden. Letzteres ist eine bedenkliche Entwicklung, denn wenn die Gesellschaft Fu&szlig;ball als gemeinschaftliches Event annehmen m&ouml;chte, dann ist diese Form der Privatisierung nat&uuml;rlich sozial ungerecht; nicht jeder kann sich einen Pay-TV-Vertrag leisten. Es entstehen <i>Gated Communities </i>der Sport&uuml;bertragung &ndash; eventuell auf Kosten des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Einige werden sich fragen, weshalb die Politik die Kosten der Fu&szlig;ballrechte nicht einfach deckelt. Dies liegt wohl am Glauben an den &#8222;&uuml;berlegenen freien Markt&#8220; und an der irrationalen Angst vor Eingriffen in denselben.</p>
<p>Inzwischen werden auch die Geh&auml;lter der &ouml;ffentlich-rechtlichen Top-Moderatoren kritisiert. Neben Grundgeh&auml;ltern von einer Viertelmillion Euro kamen demnach hohe f&uuml;nfstellige Boni f&uuml;r die Auftritte zweier Sportmoderatoren in Sportsendungen (Manager Magazin, 2016b). Viel bedenklicher sind aber, wie schon erw&auml;hnt, die Millionenbetr&auml;ge, die j&auml;hrlich an Fu&szlig;baller ausgezahlt werden und die von der gesamten Gesellschaft finanziert werden. Es handelt sich also um eine Umverteilung von unten nach oben, was nicht neu ist. Die Eliten haben schon immer ihre L&ouml;hne selber festgelegt. Angespornt sieht man sich wohl auch von der Selbstbedienungsmentalit&auml;t der Wirtschaftsmanager. Dazu passt der Ausspruch des ehemaligen SAP-Chefs Hasso Plattner, der sich dar&uuml;ber beschwerte, dass Eishockey-Spieler mehr Geld als er selber als SAP-Vorstandschef verdiene: &#8222;Wenn ein guter amerikanischer Eishockeyspieler mehr Geld verdient als der SAP-Vorstandschef, dann ist das ein Hinweis darauf, dass unsere Nation auf dem falschen Gleis ist&#8220;. Nat&uuml;rlich kein Wort davon, dass er selber immer noch das 120fache eines Ladenverk&auml;ufers verdient und dies nat&uuml;rlich ebenso ein Skandal ist. Man k&ouml;nnte auch sagen, die Gesellschaft ist auf dem falschen Gleis, wenn &uuml;berhaupt irgend jemand, egal ob in Wirtschaft, Sport oder sonst wo, mehr als das 5-fache des &Auml;rmsten verdient.</p>
<p>Auch andere verwenden Sport-Vergleiche, um die Leistungsgesellschaft zu propagieren. So etwa rechtfertigte der popul&auml;re Comedian Dieter Nuhr in seiner Show &#8222;Nuhr die Ruhe&#8220; von 2012 [4] Elitismus und versuchte, die Ungleichheit von Menschen zu begr&uuml;nden, weil schlie&szlig;lich nicht alle Menschen die &#8222;100-Meter-Sprintmedaille&#8220; bekommen k&ouml;nnten.</p>
<h2 class="auto-created">Sport und K&ouml;rper in der Leistungs&shy;ge&shy;sell&shy;schaft</h2>
<p>Nicht nur auf der nationalen und internationalen Ebene findet sich die Verquickung von Elitedenken und Sport. In einer Studierendenzeitschrift zu einem Amateur-Wettbewerb namens &#8222;Elite Cup&#8220; hie&szlig; es beispielsweise:</p>
<p><i>&#8222;Frisch poliert [&#8230;] stand er auf dem Organisationstisch ganz oben auf der Trib&uuml;ne: der Pokal, um den sich alles drehte &ndash; der Elite-Cup. [&#8230;] Die Honors-Studenten schafften mit einem 2:0 Sieg gegen den Elitestudiengang Osteuropastudien den vorletzten Schritt hin zu ihrem klar formulierten Ziel [&#8230;] Ein gro&szlig;er Dank geht abschlie&szlig;end an die Sponsoren &ndash; Wacker Chemie (Polo-Shirts) und die Techniker Krankenkasse (Platzmiete, Preise f&uuml;r die ersten drei Mannschaften).&#8220;</i></p>
<p>Aufstieg, Elite und Wettbewerb sind die ma&szlig;geblichen Vokabeln solcher PR-Texte. Sport wird schon auf der untersten Ebene des Amateursports &ouml;konomisch und eliteorientiert vermittelt. Worte wie Spielspa&szlig; oder Fairplay kommen weniger vor. Auch wird die Verquickung von Wirtschaft und Sport als normal dargestellt (Elitenetzwerk Bayern 2008).</p>
<p>Nach der gro&szlig;en Banken- und Wirtschaftskrise sind die Vokabeln in solchen Artikeln sicherlich etwas milder geworden. Elit&auml;res Denken ist aber auch in den Gesellschaftsschichten jenseits der Eliten weiterhin stark verankert. Viele Eltern bem&uuml;hen sich darum, ihre Spr&ouml;sslinge g&uuml;nstig im &#8222;Wettbewerb&#8220; zu positionieren. Auf einem lokalen Werbeplakat f&uuml;r eine Kinder-Fu&szlig;ballmannschaft hei&szlig;t es dann etwa: &#8222;Auf dem Weg zur Spitze&#8220; oder &#8222;leistungsorientiertes Training&#8220; f&uuml;r Kinder. &Uuml;berhaupt werden Kinder schon fr&uuml;h auf die k&ouml;rperliche Leistungserbringung und den Vergleich mit anderen konditioniert; ob nun &uuml;ber Sportvereine, benoteten Sportunterricht in der Schule oder Zwangswettbewerbe wie die Bundesjugendspiele.</p>
<p>Auch Arbeitnehmer geh&ouml;ren zur Zielgruppe von Werbekampagnen, die auf den K&ouml;rper in der Leistungsgesellschaft abzielen. Das Unternehmen FitnessFirst etwa warb mit:</p>
<p><i>&#8222;Wusstest du, dass bereits wenige Stunden Sport in der Woche zu Stressabbau f&uuml;hren und dein Wohlbefinden und deine Leistungsf&auml;higkeit im Arbeitsalltag steigern?&#8220;</i></p>
<p>Beim R&uuml;ckentrainings-Dienstleister KIESER TRAINING hie&szlig; es:</p>
<p><i>&#8222;Ein starker K&ouml;rper leistet mehr&#8220;</i> und <i>&#8222;steigert die k&ouml;rperliche und mentale Leistungsf&auml;higkeit [&#8230;] gibt Energie f&uuml;r Studium, Beruf und Sport&#8220;.</i></p>
<p>&Uuml;ber Sportdienstleistungen wird die Freizeitgestaltung der Menschen zum Zweck h&ouml;herer Leistungserbringung im Job instrumentalisiert. Zugleich soll Sport dazu beitragen, die Symptome der &Uuml;berforderung zu &uuml;berspielen, die das h&auml;ufig sinnlose, qualvolle Arbeitsleben im kapitalistischen Normalsystem mit sich bringt.</p>
<p>Auch ganz unerwartete Entwicklungen sind Teil der beschriebenen Gesamtproblematik. So werben etwa Pharmakonzerne bei jungen Frauen daf&uuml;r, dass sie ihre Regelblutungen dauerhaft unterbinden. Sie sollen mit Chemikalien bzw. k&uuml;nstlich hergestellten Hormonen die Funktion des K&ouml;rpers &#8222;optimieren&#8220;. Es greift an dieser Stelle eine &ouml;konomische Betrachtungsweise, die besagt, man m&uuml;sse seinem angeblich unzureichend optimierten K&ouml;rper auf die Spr&uuml;nge helfen. Beim Magazin SPIEGEL huldigte man in einer Titelgeschichte dieser Mainstream-Ideologie, indem man den &#8222;Sieg &uuml;ber die Gene&#8220; proklamierte (SPIEGEL 2010). Dazu passen Menschen, die <i>Selftracking </i>und <i>Lifelogging </i>betreiben. Im spielerisch dargestellten Wettbewerb mit Fitnessarmb&auml;ndern und bonbonbunten Auswertungsgrafiken, welche durch die zugeh&ouml;rige Software generiert werden, geht es nicht nur darum, selber fitter, sondern auch fitter als die anderen zu werden, was durchaus &uuml;bliche Motivationsstrategie in Wettbewerbssystemen ist.</p>
<p>Hohe Leistungsanforderungen und &Uuml;berforderung in Beruf, Bildung und Freizeit f&uuml;hren nachweislich zu Krankheiten. Hierzu z&auml;hlen auf der rein k&ouml;rperlichen Seite etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder langfristig Krebs. Auf der psychischen Seite sind es vor allem das Burnout-Syndrom, aber auch zahlreiche andere Erkrankungen wie vor allem Depressionen.</p>
<p>Anstatt Entschleunigung zu f&ouml;rdern, wird die Geschwindigkeit in unserer Gesellschaft immer weiter erh&ouml;ht. Zeitgleich werden k&uuml;nstliche Stimulanzien und eine allgemeine Fortschrittsgl&auml;ubigkeit &uuml;ber Anzeigen beworben. Im Sog der universellen Wachstumsideologie verschwimmen die Grenzen zwischen materiellen Produktionsfaktoren und lebendigen Menschen zunehmend. Die Steuerung wirtschaftlicher Prozesse wird auf den Sport und das &#8222;Managen&#8220; des Menschen &uuml;bertragen.</p>
<p>Dazu kommt, dass sich alle m&ouml;glichen Arten von Doping im Sport neuerdings auch zunehmend in der Gesellschaft insgesamt ausbreiten. Darauf hat etwa Wolfgang G&ouml;tz hingewiesen (Deckers/FAZ 2015). Der Drogenexperte fasste in einem Interview pr&auml;gnant zusammen, wie die neoliberale Ideologie zum Konsum leistungssteigernder Drogen beitr&auml;gt:</p>
<p><i>&#8222;Fr&uuml;her waren Rauschgifte gefragt, um der Realit&auml;t zu entfliehen. Mit dem Aufschwung des Neoliberalismus wurden stimulierende Drogen wie Kokain und Amphetamine attraktiv. [&#8230;] Gut m&ouml;glich, dass in einer kompetitiven Gesellschaft, in der Doping nicht mehr auf den Sport beschr&auml;nkt bleibt [&#8230;] Die legale Seite dieses Trends hei&szlig;t Energydrinks und andere Fitmacher.&#8220;</i></p>
<h2 class="auto-created">Abschlie&shy;&szlig;ende Bemerkungen</h2>
<p>An der Kommerzialisierung des Fu&szlig;balls sind einige gesellschaftliche Trends exemplarisch ablesbar. Unverkennbar ist, wie sehr der Fu&szlig;ball ganz im Sinne des alten Roms Teil einer Brot-und-Spiele-Maschinerie ist, welche die negativen Seiten des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems &uuml;berdecken hilft: die Konzentration von Reichtum aufseiten der schmalen Oberschicht und der Sporteliten sowie die anwachsende soziale Ungerechtigkeit. Zugleich hilft der Fu&szlig;ball, das Bruttoinlandsprodukt zu erh&ouml;hen, indem alle &ouml;konomischen Verwertungspotentiale ausgesch&ouml;pft werden; ganz gleich, ob das nun im Sinne der Menschen ist, oder nicht.</p>
<p>Immer da, wo Macht und gro&szlig;e Mengen Geld in Kombination auftreten, kommt es auch zur Korruption, wie am Weltverband des Fu&szlig;balls FIFA bestens ablesbar ist. Die FIFA selber ist zudem einer der gro&szlig;en Vorreiter, wenn es um die &Ouml;konomisierung des Fu&szlig;balls geht, etwa in Bezug auf die vielfach kritisierten restriktiven Markenrechte am Namen &#8222;FIFA Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaft&trade;&#8220;[5]. Die Korrumpiertheit passt zum moralischen Anspruch einer gesellschaftlichen Elite, die nur einen Wert anerkennt &ndash; n&auml;mlich den Wert des Geldes. Und so darf sich niemand wundern &uuml;ber ein elit&auml;res System des Fu&szlig;balls, das finanziert wird von Sponsoren, die Produkte bewerben, welche der Umwelt (Mercedes-Benz) oder der Gesundheit schaden (McDonald&#8217;s, Coca-Cola), aber auch die Spielsucht f&ouml;rdern (ODDSET Sportwetten).</p>
<p>Unterhalb der Eliten macht sich zeitgleich ein Wettbewerb zwischen Menschen breit, der die gesellschaftliche Atmosph&auml;re vergiftet. Die Vereinzelung und Aufl&ouml;sung gesellschaftlicher Solidarit&auml;t wird durch die zunehmend neoliberale &#8222;Sozialpolitik&#8220; weiter verst&auml;rkt, die zum Trend der elit&auml;ren Umgestaltung der Gesellschaft passt &ndash; mit exorbitant hohen Geh&auml;ltern f&uuml;r die Spitzensportler_innen, f&uuml;r deren dekadenten Reichtum die Gesellschaft zahlt. Als &Uuml;berdruckventil f&uuml;r die generelle Unzufriedenheit in den unteren Schichten dienen Gewaltexzesse und Nationalismus, die rund um den Fu&szlig;ball zur beunruhigenden Normalit&auml;t werden. Der Autor Arno Kleinebeckel nennt dies passend &#8222;Eine toxische G&auml;rung, die sich &#8218;Fu&szlig;ballfieber&#8216; nennt.&#8220; (Kleinebeckel/Telepolis 2016).</p>
<p>Insgesamt ist zu konstatieren, dass die Prinzipien der Wirtschaft fast vollst&auml;ndig auf einen weiteren Gesellschaftsbereich &uuml;bertragen worden sind. Das kapitalistisch-neoliberale System macht keinen Halt vor Sport bzw. Fu&szlig;ball. Widerstand gegen den gesellschaftlichen Trend ist kaum erkennbar. Und so muss bef&uuml;rchtet werden, dass der Fu&szlig;ball dem Zugriff der Zivilgesellschaft zugunsten der Gesetze des Marktes bereits weitgehend entzogen wurde. An die Stelle eines sportlichen Wettbewerbs von Regionen, St&auml;dten oder L&auml;ndern ist der Wettbewerb einer globalisierten Weltwirtschaft getreten. Damit ist der Fu&szlig;ball nur eine weitere Branche im Wettlauf um Wirtschaftswachstum und &ouml;konomische Dominanz.</p>
<p><b>CHRISTOPHER STARK</b><i>&nbsp;&nbsp; Jahrgang 1982, promoviert zur Zeit an der Universit&auml;t Hamburg im Bereich der Geographie (Diplom 2011). Freier Autor und politisch aktiv in au&szlig;erparlamentarischen Netzwerken; Engagement f&uuml;r mehr Basisdemokratie und gegen die &Ouml;konomisierung aller Lebensbereiche. Sein erstes Buch </i>&#8222;Neoliberalyse &ndash; &uuml;ber die &Ouml;konomisierung unseres Alltags&#8220;<i> erschien 2014 im Wiener Mandelbaum Verlag. Sein aktuelles Buch zu Diskurs und Nebenwirkungen rund um hormonelle Verh&uuml;tungsmittel erscheint 2018 im Orlanda Verlag, Berlin.</i></p>
<h2 class="auto-created">Literatur / Quellen</h2>
<p><i>Deutscher Fu&szlig;ball-Bund e.V.</i> 2018: Startseite des Internetauftritts. Abrufbar unter <a href="http://www.dfb.de/" target="_blank" rel="noopener">www.dfb.de</a>, Zugriff: 3.3.2018.</p>
<p><i>Deckers, D</i>.: Interview mit Wolfgang G&ouml;tz, FAZ vom 23.10.2015.</p>
<p><i>Elitenetzwerk Bayern</i> 2008: [Inhalt nicht mehr abrufbar]. Ehemals abrufbar unter <a href="http://www.elitenetzwerk.bayern.de/475.0.html" target="_blank" rel="noopener">www.elitenetzwerk.bayern.de/475.0.html</a> (Zugriff: 18.07.2008)</p>
<p><i>Fr&ouml;hlich, D.</i>: &bdquo;OLIVER BIERHOFF &ndash; &#8218;Wir sind ein Premiumprodukt&#8217;&ldquo;, <i>Handelsblatt </i>vom 13.06.2016.</p>
<p><i>INSM Watchblog</i> 10.08.2008: Einstieg in Arbeit: Offener Brief an Fu&szlig;ball-Nationalspieler Christoph Metzelder und die Christoph Metzelder Stiftung. Abrufbar unter: <a href="https://insmwatchblog.wordpress.com/tag/christoph-metzelder" target="_blank" rel="noopener">https://insmwatchblog.wordpress.com/tag/christoph-metzelder</a>.</p>
<p><i>Kleinebeckel, A.: </i>Brot und Spiele in Zeiten des Terrors. Telepolis.de vom 17.06.2016, abrufbar unter: <a href="https://www.heise.de/tp/features/Brot-und-Spiele-in-Zeiten-des-Terrors-3380165.html." target="_blank" rel="noopener">https://www.heise.de/tp/features/Brot-und-Spiele-in-Zeiten-des-Terrors-3380165.html.</a></p>
<p><i>Manager Magazin</i> 09.06.2016: DFL kassiert erstmals mehr als 1 Milliarde Euro pro Jahr. Abrufbar unter: <a href="http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/a-1096717.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/a-1096717.html</a>.</p>
<p><i>Manager Magazin</i> 29.06.2016: Wirbel um Honorare von Fu&szlig;ball-Experten &ndash; &#8222;Bild&#8220; ver&ouml;ffentlicht Gehaltsliste. Abrufbar unter: <a href="http://www.manager-magazin.de/koepfe/tv-experten-mehmet-scholl-und-oliver-kahn-sollen-millionen-kassieren-a-1100200.html." target="_blank" rel="noopener">http://www.manager-magazin.de/koepfe/tv-experten-mehmet-scholl-und-oliver-kahn-sollen-millionen-kassieren-a-1100200.html.</a></p>
<p><i>R&ouml;tzer, F.: </i>Werbekampagne f&uuml;r &#8222;Ungesundes&#8220;: Foodwatch wirft DFB und Nationalspieler Doppelmoral vor. Telepolis.de 14.06.2016, abrufbar unter: <a href="https://www.heise.de/tp/features/Werbekampagne-fuer-Ungesundes-Foodwatch-wirft-DFB-und-Nationalspieler-Doppelmoral-vor-3380077.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.heise.de/tp/features/Werbekampagne-fuer-Ungesundes-Foodwatch-wirft-DFB-und-Nationalspieler-Doppelmoral-vor-3380077.html</a>.</p>
<p><i>Wikipedia</i>: Fu&szlig;ballstadien in Deutschland. Abrufbar unter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Fu%C3%9Fballstadien_in_Deutschland" target="_blank" rel="noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Fu%C3%9Fballstadien_in_Deutschland</a>, Stand/Zugriff: 03.03.2018.</p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>1. S. auch: <a href="https://neoliberalyse.de/index.php/60-medienanalysen/192-harte-drogen-fuer-die-leistungsgesellschaft" target="_blank" rel="noopener">https://neoliberalyse.de/index.php/60-medienanalysen/192-harte-drogen-fuer-die-leistungsgesellschaft</a></p>
<p>2. Eine ausf&uuml;hrlichere Analyse des Interviews findet sich unter: <a href="https://neoliberalyse.de/index.php/medialyse-2/journalistisches-2/212-fussball-kommerzialisierung-im-kopf" target="_blank" rel="noopener">https://neoliberalyse.de/index.php/medialyse-2/journalistisches-2/212-fussball-kommerzialisierung-im-kopf</a></p>
<p>3. S. Video: <a href="https://youtu.be/BLpFpzzRYtY?t=28s" target="_blank" rel="noopener">https://youtu.be/BLpFpzzRYtY?t=28s</a></p>
<p>4. S. auch <a href="https://neoliberalyse.de/index.php/textelyse-2/neoliberale-texte/155-dieter-macht-doch-nuhr-spass" target="_blank" rel="noopener">https://neoliberalyse.de/index.php/textelyse-2/neoliberale-texte/155-dieter-macht-doch-nuhr-spass</a></p>
<p>5. S. auch: <a href="http://de.fifa.com/about-fifa/marketing/brand-protection/intellectual-property.html" target="_blank" rel="noopener">http://de.fifa.com/about-fifa/marketing/brand-protection/intellectual-property.html</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/die-oekonomisierung-des-sports-am-beispiel-des-deutschen-fussballs-1/">Die Ökonomisierung des Sports am Beispiel des deutschen Fußballs</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Die Lehren aus dem FIFA-Debakel</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/die-lehren-aus-dem-fifa-debakel-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 21:20:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 27-29 Wem geh&#246;rt der Sport? Sport hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion, zunächst zur Erhaltung der eigenen Fitness. Auch für Passivsportler auf der Couch vor dem Fernseher oder im Stadion ist er aber bisweilen sinnstiftend:[1] Wer möchte nicht &#8222;seinen&#8220; Club, &#8222;seine&#8220; Nationalmannschaft gewinnen sehen. Im Übrigen ist Sport ein Riesengeschäft. [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/die-lehren-aus-dem-fifa-debakel-1/">Die Lehren aus dem FIFA-Debakel</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 27-29</p>
<h2 class="auto-created">Wem geh&ouml;rt der Sport?</h2>
<p>Sport hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion, zunächst zur Erhaltung der eigenen Fitness. Auch für Passivsportler auf der Couch vor dem Fernseher oder im Stadion ist er aber bisweilen sinnstiftend:[1] Wer möchte nicht &#8222;seinen&#8220; Club, &#8222;seine&#8220; Nationalmannschaft gewinnen sehen. Im Übrigen ist Sport ein Riesengeschäft. Man denke an Ausstatter, Sponsoren, aber auch an die astronomischen Transferzahlungen für Spieler oder auch deren stattliche Löhne. Kurz: Wer Sport und Sportorganisation als Privatsache abtut, verkürzt die Realität.</p>
<h2 class="auto-created">Die FIFA-Story</h2>
<p>Die FIFA war zwar schon früh ein Machtzentrum, finanziell schlingerte sie aber über Jahrzehnte knapp am Bankrott vorbei. Erst als Adi Dassler mit Sepp Blatter (damals noch unter der Präsidentschaft von João Havelange) das neue Finanzsystem entwickelten, änderte sich fast alles: Marketing-, Fernseh- und Merchandisingrechte wurden gezielt verkauft. Bei jeder WM stiegen die Einnahmen und erreichten bald die Milliarden. Blatter (nunmehr als Präsident) und seine Getreuen sahen aber keine Veranlassung, die Struktur der FIFA zu verändern. Sie blieb ein schlichter Verein, bis 2002 noch ohne international anerkannte Buchführung. Geld und Pfründe wurden freihändig unter den Getreuen verteilt, das weitere Stimmvolk (die über 200 Landesorganisationen) wurden mit jährlichen Millionenzahlungen an das Blatter-Regime gebunden. Erst als die Protagonisten begannen, sich gegenseitig zu bekämpfen (erst die Herausforderung durch Hayatou, dann durch Bin Hammam) wurden Schritte zur Reorganisation auf dem Wege der Selbstregulierung eingeleitet. Als einer jener, die die Verantwortung für die Reorganisation von 2011 bis 2014 innehatten, habe ich miterlebt, wie sich insbesondere die UEFA (unter Platini und Infantino) gegen essentielle Reformanliegen (Amtszeitbeschränkung und zentrale Integritätsprüfung) gesperrt hat. Die Reform kam (wenn auch nur auf dem Papier) erst voran, als die staatliche Justiz (das U.S. Department of Justice [DOJ] betreffend die Vergabe von Veranstaltungen in Lateinamerika und die Schweizer Bundesanwaltschaft betreffend die WM in Russland und Katar) einschritt. Allerdings hat der neu gewählte Präsident, Gianni Infantino, sofort sämtliches Personal &#8211; insbesondere die erst kurz zuvor bestellten unabhängigen Ethiker und Finanzaufseher &#8211; durch seine Freunde und durch unschädliche, weil inkompetente Amtsträger ersetzt. Man muss die Selbstreorganisation der FIFA heute (leider) als gescheitert bezeichnen.</p>
<h2 class="auto-created">Die FIFA steht nicht alleine da</h2>
<p>Aufgrund weiterer persönlicher Erfahrungen, nunmehr als Mitglied des &#8222;Vetting Board&#8220; (Integritätsprüfung) des IAAF (des weltweiten Leichtathletikverbandes), habe ich erfahren, wie andere Sportdachverbände mit vergleichbaren Manipulationsrisiken zu kämpfen haben: Inzwischen ist bekannt, dass in Russland ein System des Staatsdopings etabliert wurde, das stark an die Gebräuche zur Zeit der Sowjetunion erinnert. Bereits vor der Olympiade von London wurden etwa bei der russischen Marathonläuferin Liliya Shobukhova extreme Blutwerte festgestellt (nach Feststellung des Britischen Unterhauses wiesen zwei Werte eine Wahrscheinlichkeit von 1:1 Milliarde auf, natürlich zu sein[2]). In einer ARD-Dokumentation von 2014 wurde das russische Staatsdoping ein erstes Mal bloß gestellt. Die Dokumentation enthüllte auch, dass Frau Shobukhova vom Sohn des damaligen Leichtathletikpräsidenten Lamine Diack erpresst worden sei. Der Sohn habe für die Geheimhaltung des Dopingbefundes 450.000 &#8364; an eine Briefkastenfirma gefordert. Als der Läuferin später seitens des Verbandes bedeutet wurde, dass man die Befunde nicht dauernd geheim halten könne und sie mit einer Sperre rechnen müsse, forderte sie das Geld zurück. Wie die Britische Unterhauskommission[3] berichtet, habe sie aber lediglich 300.000 &#8364; zurückerhalten. Der IAAF-Präsident Diack ist inzwischen abgesetzt worden und befindet sich derzeit in Frankreich im Gefängnis. Sein Sohn ist auf der Flucht. Der Nachfolger Diacks, Lord Sebastian Coe, muss sich gegenwärtig gegenüber dem Britischen Parlament und der Öffentlichkeit rechtfertigen, warum er mehr als ein halbes Jahr lang auf Informationen über den Skandal nicht reagiert habe.[4]</p>
<h2 class="auto-created">Staatliche Regulierung versus Selbst&shy;re&shy;gu&shy;lie&shy;rung</h2>
<p>Beiden oben dargestellten Beispielen ist zu entnehmen, dass die Sportdachverbände kaum in der Lage sind, sich selbst aus dem Sumpf zu befreien, in dem sie sich befinden. Es versteht sich, dass sich öffentliche Instanzen einschalten, schließlich nehmen die Sportdachverbände eine öffentliche Funktion wahr.[5] So hat vor kurzem die Parlamentarische Versammlung des Europarates einen unter dem Vorsitz von Anne Brasseur ausgearbeiteten Bericht verabschiedet, in dem Sitzstaaten von Sportorganisationen zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung aufgefordert werden.[6]</p>
<p>Es liegt nahe, dass sich die Schweiz als Sitzstaat von ca. 60 Sportdachverbänden und verwandten Organisationen (etwa das Sportgericht [CAS/TAS] und die Welt-Anti-Doping-Behörde [Wada]) mit staatlichen Vorgaben zur Regulierung der Sportdachverbände befasst.[7] Allerdings verfügen FIFA &amp; Co. im Schweizer Parlament über eine starke Hausmacht, sodass es erneut gelingen wird, entsprechende Regulierungsvorstöße abzublocken.[8]</p>
<h2 class="auto-created">Grenzen staatlicher Regulierung</h2>
<p>Die staatliche Regulierung der Sportdachverbände stößt in der spezifisch schweizerischen Landschaft auf typische Grenzen: Die Schweiz versteht sich als besonders liberales Land, wenn es darum geht, als Sitzstaat von multinationalen Unternehmen zu dienen. In einzelnen Branchen geht sie dabei erhebliche Risiken ein. Es ist bekannt, dass sie als Geldwäschezentrum für Diktatorengelder, für organisierte Kriminelle und Wirtschaftsverbrecher eine lange Tradition hat. In neuerer Zeit ist die Schweiz zum größten Rohstoffhandelsplatz der Welt avanciert. Die Konzentration der Sportdachverbände hat durchaus ihre Logik in diesem Umfeld.</p>
<p>Über die Jahre haben die Sportdachverbände es auch verstanden, sich eine parlamentarische Lobby aufzubauen. Es kommt hinzu, dass die Schweiz &#8211; bei aller demokratischen Tradition &#8211; noch immer über kein Parteienfinanzierungsgesetz verfügt, das Parlamentarier und Lobbyisten zur Offenlegung der empfangenen Gelder verpflichten würde.[9] Kurz: Das Scheitern der staatlichen Regulierung der Sportdachverbände ist eine weitere Folge der Serie &#8222;Piratenhafen Schweiz&#8220;.</p>
<p><b>MARK PIETH </b><i>  Strafrechtsprofessor an der Universität Basel, vormals Sektionschef Wirtschaftsstrafrecht im Schweizer Bundesamt für Justiz und internationaler Regulator (Gründungsmitglied FATF und 24 Jahre Präsident der OECD Working Group on Bribery), Präsident und Gründer des Basel Institute on Governance. Initiant diverser Collective Actions im Bereich Geldwäsche- und Korruptionsprävention.</i></p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>1. <i>Mark Pieth </i>(Hrsg.), Die FIFA Reform, Zürich/St. Gallen 2014, 7.</p>
<p>2. House of Commons, Digital, Culture, Media and Sport Committee, Combatting doping in sport, Fourth Report of Session 2017&#8211;19, 5.3.2018, S. 12.</p>
<p>3. Ebd., S. 13.</p>
<p>4. Ebd., S. 11&#8211;15.</p>
<p>5. <i>Pieth</i> (Endnote 1), 25 ff.</p>
<p>6. SRF vom 24.1.2018: &#8222;Kampf gegen die Korruption, Europarat will FIFA extern kontrollieren lassen.&#8220;</p>
<p>7. <i>Pieth</i> (Endnote 1), 25 ff.</p>
<p>8. Noch offen aber ist die Antwort auf die Interpellation Müller Thomas (NR: 18.3285 v. 15.3.2018): &#8222;Wie schätzt der Bundesrat die FIFA-Resolution des Europarats ein?&#8220;.</p>
<p>9. So die Kritik des Europarats (GRECO) in seiner dritten Evaluationsrunde; vgl. zur Empfehlung (Rec(2003)4).</p>
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		<title>Machtkartelle im Sport  Ohnmacht der Kontrolleure?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/machtkartelle-im-sport-ohnmacht-der-kontrolleure-1/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 21:10:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 31-38 Machtmissbrauch, Korruption, Doping, Spielmanipulationen und Menschenrechtsverletzungen &#8211; die Probleme, mit denen sich IOC, FIFA und andere internationale Sportorganisationen auseinandersetzen m&#252;ssen, sind vielf&#228;ltig. Da kommt der Ruf nach Kontrolle auf &#8211; wer aber k&#246;nnten die Kontrolleure sein? Was die M&#246;glichkeiten der internationalen Politik zur Einflussnahme angeht, besteht Skepsis, ist [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 31-38</p>
<p><i>Machtmissbrauch, Korruption, Doping, Spielmanipulationen und Menschenrechtsverletzungen &ndash; die Probleme, mit denen sich IOC, FIFA und andere internationale Sportorganisationen auseinandersetzen m&uuml;ssen, sind vielf&auml;ltig. Da kommt der Ruf nach Kontrolle auf &#8211; wer aber k&ouml;nnten die Kontrolleure sein? Was die M&ouml;glichkeiten der internationalen Politik zur Einflussnahme angeht, besteht Skepsis, ist es doch gerade die enge Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Medien mit den Funktion&auml;ren und Sportstars, die Interessenkonflikte und Fehlverhalten beg&uuml;nstigt. Wie es gehen k&ouml;nnte, haben Sponsoren gezeigt, die &ndash; besorgt um ihre Reputation &ndash; Druck auf die gef&ouml;rderten Verb&auml;nde aus&uuml;ben. W&uuml;rden sich alle Akteure auf ihre eigene Rolle besinnen und die n&ouml;tige professionelle Distanz wahren, sich selber an Gesetze halten sowie internationale Instrumente z.B. zu Compliance und Sorgfalt betr. Menschenrechte nutzen, k&ouml;nnte die Reform der Sportorganisationen entscheidend vorangebracht werden. F&uuml;r den weltweiten Erfolg kommt dabei der St&auml;rkung zivilgesellschaftlicher Elemente des Sports auf allen Ebenen die gr&ouml;&szlig;te Bedeutung zu.</i></p>
<h2 class="auto-created">Krise&shy;n&shy;er&shy;schei&shy;nungen im Sport</h2>
<p>Bei Machtkartellen im Sport kann es ja nur um das <i>Internationale Olympische Komitee</i> (IOC) oder die <i>F&eacute;d&eacute;ration Internationale de Football Associations </i>(FIFA) gehen &ndash; die beiden Spitzenorganisationen sind seit Jahren weltweit in der Kritik. Immer wieder kommen Vorw&uuml;rfe von Machtmissbrauch oder Korruption hoch, Schlagzeilen zu Menschenrechtsverletzungen (nicht nur) bei Gro&szlig;veranstaltungen dr&auml;ngen in den Vordergrund, Spielmanipulationen zum Zwecke des Wettbetrugs bedrohen die Essenz des Wettkampfsports und das Doping-Problem bekommt schon seit langem niemand in den Griff. Also wird der Ruf nach Kontrolleuren laut &ndash; aber wer sollte das sein?</p>
<p>Soweit es um strafbares Verhalten geht, ist die Antwort einfach. Staatliche Strafverfolgungsbeh&ouml;rden vom FBI &uuml;ber Scotland Yard bis zur deutschen Steuerfahndung sind ebenso wie <i>Europol</i> und <i>Interpol </i>mit Korruptions- und Betrugsf&auml;llen im Sport befasst.&nbsp; F&uuml;r die Themen Doping sowie Spielmanipulation (&#8222;<i>Match-Fixing</i>&#8222;) wurden in Deutschland Sonderstaatsanwaltschaften und sogar eigens neue Gesetze geschaffen, letztere allerdings auf dogmatisch umstrittener Grundlage und mit bislang nur &auml;u&szlig;erst geringer Wirkung. Kartellrechtliche Fragen, u.a. hinsichtlich Fernsehvertr&auml;gen oder Wettkampfformaten, haben die Kartellbeh&ouml;rden national bzw. in der Europ&auml;ischen Union im Blick.</p>
<h2 class="auto-created">Kontroll&shy;be&shy;h&ouml;rde f&uuml;r die FIFA?</h2>
<p>Einen konkreten Ruf nach mehr Kontrolle konnte man am 22. Dezember 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) lesen: Unter der &Uuml;berschrift <i>&#8222;Nehmt der FIFA das Spiel aus den H&auml;nden!&#8220;</i> pl&auml;dieren drei ehemalige Mitglieder des <i>FIFA Governance-Komitees</i> &ndash; Miguel Maduro (als Vorsitzender im Mai 2017 nicht wieder zur Wahl vorgeschlagen) sowie Navi Pilay und Joseph Weiler (als Mitglieder aus Solidarit&auml;t mit dem ausscheidenden Maduro zur&uuml;ckgetreten) &ndash; <i>&#8222;F&uuml;r ein entschlossenes T&auml;tigwerden von au&szlig;en&#8220;</i>. &#8222;&Ouml;ffentliche Beh&ouml;rden&#8220; sollen &#8222;Kontrollaufgaben&#8220; &uuml;bernehmen.</p>
<p>Perfekt &ndash; endlich eine L&ouml;sung f&uuml;r die Probleme im internationalen Sport: Weg mit den Verb&auml;nden, her mit den Beh&ouml;rden. Nur &ndash; was f&uuml;r Beh&ouml;rden? Wer schafft die von den drei Jurist*innen geforderte &#8222;<i>unabh&auml;ngige Agentur</i>&#8220; mit den &#8222;<i>Kompetenzen &hellip; zu &uuml;berpr&uuml;fen und zu beaufsichtigen</i>&#8220; und vor allem: auf welcher Legitimationsgrundlage?</p>
<h2 class="auto-created">Europarat und Europ&auml;ische Union </h2>
<p>Schauen wir uns die Auswahl an m&ouml;glichen Beh&ouml;rden bzw. von Institutionen, die eine solche Beh&ouml;rde neu schaffen sollen, an. Konkret benannt wird in dem FAZ-Artikel der Europarat, dessen Generalsekret&auml;r Thorbj&oslash;rn Jagland laut Meldungen vom 10. Januar 2018 gerade die Gemeinsamkeiten mit der FIFA bei <i>Good Governance </i>und Menschenrechten gelobt und mit FIFA-Pr&auml;sident Gianni Infantino den Abschluss eines <i>Memorandum of Understanding </i>bis Ende des Jahres 2018 vereinbart hat. Das Parlament des Europarats hat seinerseits am 24. Januar 2018 den Bericht der Abgeordneten Anne Brasseur aus Luxemburg zur &#8222;<i>Good football Governance</i>&#8220; diskutiert. In der dazu beschlossenen Resolution 2199 (2018) werden zwar die weltweiten Defizite des Fu&szlig;balls drastisch beschrieben, zugleich sind aber die Fortschritte von FIFA und UEFA (<i>Union of European Football Associations</i>) bei der <i>Governance</i> und den Menschenrechten positiv herausgestellt. Von Kontrolle und Aufsicht kein Wort; stattdessen kommt der Vorschlag, gemeinsam mit IOC, FIFA und UEFA die Machbarkeit einer unabh&auml;ngigen Einrichtung, die ein <i>Assessment der Governance </i>vornehmen soll, zu pr&uuml;fen. Das klingt nicht so, als wolle da jemand der FIFA das Spiel aus den H&auml;nden nehmen.</p>
<p>Das Gleiche l&auml;sst sich f&uuml;r die Europ&auml;ische Union (EU) feststellen. Abgesehen davon, dass diese f&uuml;r internationale Verb&auml;nde mit Sitz in der Schweiz &ndash; wie IOC, FIFA und UEFA &ndash; nicht zust&auml;ndig ist und allenfalls auf Umwegen versuchen kann, Einfluss zu nehmen, f&uuml;hren die Erfahrungen in den Expertengruppen der EU zu <i>Good Governance </i>im Sport zur Ern&uuml;chterung: Ein z&auml;hes Ringen unter den L&auml;ndervertretern um Formulierungen, oft sp&uuml;rbar mit der Bef&uuml;rchtung, man k&ouml;nnte irgendwem &ndash; sei es ein Mitgliedsland oder ein m&auml;chtiger Sportverband &ndash; auf die F&uuml;&szlig;e treten. Das ist das Kleinklein der Politik, als demokratischer Prozess durchaus nachvollziehbar &ndash; aber einen entscheidenden Schub in Richtung Reform oder gar tatkr&auml;ftige Kontrolle f&uuml;r IOC, FIFA&nbsp; oder UEFA darf man sich von diesem kleinsten gemeinsamen Nenner nicht erwarten.</p>
<h2 class="auto-created">Die Politik als Kern des Problems</h2>
<p>&Uuml;berhaupt, die Politik. Ausl&ouml;ser der in dem FAZ-Artikel zum Ausdruck kommenden Ver&auml;rgerung der drei fr&uuml;heren FIFA-Funktionstr&auml;ger*innen waren Widerst&auml;nde innerhalb der FIFA-F&uuml;hrung gegen die Entscheidung des <i>Governance-Komitees</i>, den Pr&auml;sidenten des Russischen Fu&szlig;ballverbandes, Vitali Mutko, zugleich Vize-Ministerpr&auml;sident der Russischen Konf&ouml;deration, nicht zur Wahl f&uuml;r das FIFA-Council im Mai 2017 zuzulassen. Zwar setzte sich das <i>Governance-Komitee </i>damit durch, genauso wie mit seiner Unterst&uuml;tzung auch weitreichende Schritte in der Menschenrechtspolitik erfolgreich auf den Weg gebracht wurden, aber an der FIFA-Basis grummelte es. Dies f&uuml;hrte dazu, dass das <i>FIFA-Council </i>mit Pr&auml;sident Gianni Infantino an der Spitze nicht, wie erwartet, den bisherigen Vorsitzenden Maduro zur Wahl vorschlug, sondern dem Kongress einen anderen, aus Sicht der Delegierten unbelasteten Besetzungsvorschlag unterbreitete. Das mag man feige nennen; man k&ouml;nnte daraus auch schlie&szlig;en, dass Infantinos Macht begrenzt ist. Man kann es kritisieren &ndash; aber das ist Politik. Mehrheiten m&uuml;ssen gebildet, Wahlen gewonnen, Kompromisse, auch in Personalfragen, geschlossen, werden. So l&auml;uft das in allen Parteien, in allen L&auml;ndern und auch in den Parlamenten. Die Politik und ihre Machtspielchen k&ouml;nnen wahrlich nicht als das Allheilmittel f&uuml;r den Sport dargestellt oder zur Kontrolle herangezogen werden. Im Gegenteil:</p>
<p>Gerade die Einmischung der Politik &ndash; siehe auch Mutkos Rolle als Sportminister im Hinblick auf die Doping-Manipulationen bei den Olympischen Winterspielen und Paralympics 2014 in Sotschi &ndash; ist ein wesentlicher Teil, wenn nicht der Kern des Problems von Machtkartellen im Sport. Die enge Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Medien (der Sport finanziert sich neben den Sponsoreneinnahmen vor allem &uuml;ber den Verkauf von Fernsehrechten) mit den Sportstars und Funktion&auml;ren bildet &uuml;berhaupt erst das eigentliche Machtkartell im Sport. Nur durch diese gleichgerichteten Interessen &ndash; man k&ouml;nnte in einigen F&auml;llen auch sagen: Komplizenschaft &ndash; konnte sich die M&auml;r vom sauberen Sport so lange halten. Die Politik hat &uuml;ber Jahrzehnte einen Schutzwall um den Sport gebaut, auch in demokratisch gef&uuml;hrten L&auml;ndern. Potentaten wie Oligarchen (miss)brauchen zudem den Sport f&uuml;r ihr &bdquo;<i>Image Laundering</i>&ldquo; (Hill 2008), die Wirtschaft &ndash; deutsche Konzerne eingeschlossen &ndash; schielt nach den globalen Absatzm&auml;rkten und gemeinsam mit Fernsehanstalten und Zeitungen nach Reichweite bzw. Auflage (bei der Sport-Berichterstattung sind die wenigsten Journalist*innen investigativ unterwegs). Wer im &Uuml;brigen meint, die ungute Vermengung von Politik und Sport g&auml;be es in Deutschland nicht, schaue sich aktuell die Ermittlungen um den Landessportverband Saarland an oder denke an die Reihe von Abgeordneten im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, die zugleich F&uuml;hrungsfunktionen in nationalen Sportverb&auml;nden besetzten &ndash; weitere Beispiele lassen sich auf allen Ebenen finden.</p>
<h2 class="auto-created">Druck von Donald Trump</h2>
<p>Zuletzt war es US-Pr&auml;sident Donald Trump, der in seiner unnachahmlichen Art ein besonders krasses Beispiel f&uuml;r politischen Druck auf den Sport abgab. Er twitterte am 27.&nbsp;April 2018:</p>
<p><i>&#8222;The U.S. has put together a STRONG bid w/ Canada &amp; Mexico for the 2026 World Cup. It would be a shame if countries that we always support were to lobby against the U.S. bid. Why should we be supporting these countries when they don&rsquo;t support us (including at the United Nations)?&#8220;</i></p>
<p>Zwar wies die FIFA sofort distanziert-indigniert auf ihre Ethikregeln f&uuml;r die Bewerbung hin, doch wie soll ein Sportverband den US-Pr&auml;sidenten z&auml;hmen? Und wie steht es um die Entscheidungsfreiheit der Delegierten beim FIFA-Kongress zur Wahl zwischen den Bewerbungen von Marokko einerseits und der <i>United Bid </i>(USA/Kanada/Mexiko) andererseits?</p>
<p>Angesichts solcher Ausw&uuml;chse w&uuml;nscht man sich weder staatliche Kontroll-Beh&ouml;rden f&uuml;r die Sportorganisationen noch l&auml;sst sich politische Einflussnahme auf den Sport &uuml;berhaupt als L&ouml;sung propagieren.</p>
<h2 class="auto-created">Verflech&shy;tung mit der Wirtschaft</h2>
<p>Genauso wenig l&auml;sst sich von der Wirtschaft erwarten &ndash; jedenfalls solange es nicht nur um reines Business geht, sondern die Emotionen mitspielen. Bestes Beispiel daf&uuml;r ist der Aufsichtsrat des FC Bayern M&uuml;nchen, in dem deutsche Wirtschaftsf&uuml;hrer angesichts des Steuerstrafverfahrens gegen Uli Hoene&szlig; mit ihren eigenen <i>Compliance</i>-Anspr&uuml;chen in Widerspruch gerieten; von Oligarchen und Neureichen, die sich inzwischen von Spitzenvereinen &uuml;ber Radteams bis zu internationalen Gro&szlig;events in den Sport einkaufen, gar nicht zu reden. Auch Fernsehanstalten k&ouml;nnen beim Kauf von TV-Rechten in einem Zwiespalt landen &ndash; erinnert sei an die ARD als Sponsor des <i>Team Telekom</i> um Jan Ullrich mit ihren &Uuml;bertragungen der <i>Tour de France </i>bis 2008. Ganz zu schweigen von eigener Verwicklung in rechtswidriges Vorgehen &ndash; bei den Korruptionsermittlungen des FBI gegen FIFA-Funktion&auml;re in S&uuml;damerika sa&szlig;en u.a. US-Unternehmen als Zahler von Bestechungssummen mit auf der Anklagebank. &Uuml;berhaupt werden die Sportrechte als ein Einfallstor f&uuml;r Machtmissbrauch von Funktion&auml;ren gesehen.</p>
<p>Doch aus der Wirtschaft kamen auch die ersten Absetzbewegungen aus dem Interessengeflecht des Sports &ndash; zumindest die Global Player m&uuml;ssen inzwischen zunehmend auf ihre Reputation achten. Als es bei der FIFA zu ungem&uuml;tlich wurde angesichts immer neuer Korruptionsvorw&uuml;rfe, drohte Sponsor <i>adidas</i> 2015 mit dem Ausstieg und machte gemeinsam mit US-Sponsoren wie <i>Coca-Cola </i>Druck auf die FIFA-F&uuml;hrung in Richtung grunds&auml;tzlicher Reformen.</p>
<h2 class="auto-created">Rollen&shy;di&shy;stanz und die Nutzung inter&shy;na&shy;ti&shy;o&shy;naler Instrumente</h2>
<p>Damit wird der Blick auf den einzig wirksamen Ansatz zur Verhinderung von Machtkartellen im und mit dem Sport gelenkt: Wenn alle Akteure sich auf ihre eigene Rolle besinnen und die n&ouml;tige professionelle Distanz wahren, sich selber an Gesetze und sonstige Regeln halten sowie die jeweiligen Partner an entsprechenden Vorgaben messen, k&ouml;nnen politische Interessenkonflikte sowie wirtschaftliche Einflussnahme deutlich eingegrenzt werden. Zus&auml;tzlich ist eine St&auml;rkung der zivilgesellschaftlichen Elemente der Sportorganisationen n&ouml;tig.</p>
<p>F&uuml;r ein solches Vorgehen macht die Resolution 2199 (2018) des Europarates von Januar 2018 wichtige Vorschl&auml;ge. Sie fordert u.a., in die Satzungen internationaler Sportorganisationen ein Verbot f&uuml;r die Wahl von Regierungsmitgliedern in Entscheidungsgremien aufzunehmen. Damit w&auml;re ein &#8222;Fall Mutko&ldquo; &ndash; die Kombination von nationalem Sportminister und nationalem Verbandspr&auml;sidenten in einer Person &ndash; von vornherein satzungsm&auml;&szlig;ig ausgeschlossen. Das w&uuml;rde die nationale Kandidatenauswahl entpolitisieren und zugleich Druck von den Verantwortlichen an der internationalen Verbandsspitze und den zur Abstimmung berufenen Delegierten nehmen. Au&szlig;erdem sollen nach den Vorstellungen des Europarates Aufsichtsgremien und operatives Gesch&auml;ft der Sportorganisationen deutlich voneinander abgegrenzt sowie der kommerzielle Aufgabenbereich von der eigentlichen F&uuml;hrung des Sports getrennt werden. Konsequenterweise m&uuml;sste dies dann entsprechend auch auf nationaler Ebene praktiziert werden.</p>
<p>Zwar l&auml;sst sich eine &ndash; indirekte oder subtile &ndash; politische Beeinflussung auch so nicht v&ouml;llig ausschlie&szlig;en, die Verantwortlichen im Sport in den einzelnen L&auml;ndern h&auml;tten dann aber zumindest eine bessere Ausgangsposition, um unliebsame Eingriffe anzuprangern und &ndash; gegebenenfalls mit Unterst&uuml;tzung des internationalen Verbandes &ndash; dagegen vorzugehen. Das verlangt im Grunde eine neu auszutarierende Balance zwischen der Autonomie des Sports einerseits und staatlicher Regelsetzung andererseits. Selbstverst&auml;ndlich kann die Unabh&auml;ngigkeit der Sportverb&auml;nde nicht gleichbedeutend mit einem rechtsfreien Raum sein &ndash; das betont auch die Resolution des Europarats. Soweit &ouml;ffentliche und/oder private Gelder gew&auml;hrt werden, ist eine Rechenschaftspflicht &uuml;ber die ordnungsgem&auml;&szlig;e Verwendung selbstverst&auml;ndlich. Zudem m&uuml;ssen Staaten sowie die Staatengemeinschaft sicherstellen, dass die Rechte von Mitgliedern, Sportlerinnen und Sportlern (insbesondere im Profisport), sowie Besch&auml;ftigten und sonstigen Dritten seitens der Sportorganisationen ber&uuml;cksichtigt werden. Das erfordert eine entsprechende Rahmensetzung einschlie&szlig;lich der M&ouml;glichkeit von Vorgaben zur <i>Governance</i>, wie das in vielen L&auml;ndern mit Richtlinien zur Sportf&ouml;rderung bereits praktiziert wird. Auch in Deutschland sollen innerhalb der geplanten Spitzensportreform erstmals <i>Governance</i>-Kriterien als ein Gesichtspunkt f&uuml;r die k&uuml;nftige F&ouml;rderung herangezogen werden.</p>
<p>Seitens der Wirtschaft k&ouml;nnte erg&auml;nzend der Weg der FIFA-Sponsoren weiter gegangen und sogar inhaltliche Hilfestellung f&uuml;r die Sportverb&auml;nde geleistet werden. Neben <i>Compliance</i>-Anforderungen an einen gesponserten Veranstalter, Verein oder Verband l&auml;sst sich <i>Know how</i> der Unternehmen zur Risikopr&auml;vention auch f&uuml;r Sportorganisationen nutzen. <i>Coca-Cola </i>und <i>adidas</i> haben 2017 je einen Vertreter in den unabh&auml;ngigen Menschenrechtsbeirat der FIFA entsandt: Sie bringen ihre Erfahrungen mit den UN-Leitprinzipien f&uuml;r Wirtschaft und Menschenrechte in die Arbeit einer Sportorganisation ein und helfen so, dass die FIFA wie ein Unternehmen Schritt f&uuml;r Schritt ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht gerecht wird.</p>
<h2 class="auto-created">Nichts geht ohne starke Zivil&shy;ge&shy;sell&shy;schaft</h2>
<p>Entscheidend f&uuml;r die weitere Entwicklung auf internationaler Ebene wird allerdings sein, ob die Ma&szlig;nahmen &ndash; der FIFA, anderer internationaler Sportverb&auml;nde, von Sponsoren oder Institutionen wie dem Europarat gleicherma&szlig;en &ndash; denjenigen Kr&auml;ften auf nationaler Ebene helfen, die Ver&auml;nderungen in ihren eigenen Verb&auml;nden bzw. L&auml;ndern bewirken wollen und k&ouml;nnen und daf&uuml;r auf internationale R&uuml;ckendeckung angewiesen sind. Die Fu&szlig;ball-Welt wird mit Intransparenz, Vetternwirtschaft, Korruption u.a. zu k&auml;mpfen haben, solange es auf allen Kontinenten &ndash; Europa kann sich nicht als Ausnahme sehen &ndash; eine nicht unbetr&auml;chtliche Zahl von L&auml;ndern gibt, in denen rechtsstaatliche Grunds&auml;tze nur eingeschr&auml;nkt gelten und die sich u.a. deshalb auf den hintersten R&auml;ngen im Korruptionsindex bewegen. Auch Doping l&auml;sst sich nicht eingrenzen, solange etliche Staaten Mitwisser bis hin zu Komplizen von Manipulation sind.</p>
<p>Internationaler politischer Druck kann zwar einiges bewegen, aber letztlich bedarf es der Menschen vor Ort, die sich engagieren und f&uuml;r Verbesserungen in ihrem jeweiligen Land k&auml;mpfen. Sportorganisationen stehen f&uuml;r Ideale und erreichen damit Menschen, die sonst kaum angesprochen werden. Signale aus den internationalen Verb&auml;nden, wie es z.B. ein grunds&auml;tzlicher Ausschluss von Regierungsmitgliedern in Gremien w&auml;re, haben einen hohen Verbreitungsgrad und k&ouml;nnen weltweit die Reformkr&auml;fte im Sport unterst&uuml;tzen.</p>
<p>Eine besondere M&ouml;glichkeit bieten Bewerbungen um internationale Gro&szlig;veranstaltungen. FIFA und UEFA evaluieren inzwischen <i>Compliance</i>-Ma&szlig;nahmen und die Anwendung der UN-Leitlinien f&uuml;r Wirtschaft und Menschenrechte als Teil der Bewerbungsunterlagen; auch das IOC hat entsprechende Klauseln in den Ausrichtervertrag f&uuml;r die Olympischen Sommerspiele 2024 und 2028 aufgenommen. Die umfassende Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen im jeweiligen Land geh&ouml;rt dabei zum Standard. Wer immer sich bewirbt, muss die Bev&ouml;lkerung und betroffene Interessengruppen ansprechen, Mindeststandards von Transparenz einhalten und sich mit den eigenen Defiziten, z.B. bei den Menschenrechten, auseinandersetzen. Das ist ein spannender Prozess, der weit &uuml;ber die sportliche Bedeutung der jeweiligen Veranstaltung hinausgeht. Der Vergleich der Unterlagen der Bewerber Marokko und USA/Kanada/ Mexiko f&uuml;r den <i>FIFA World Cup </i>2026 zeigt, was dargestellt und bewertet werden muss. Da werden Probleme offengelegt, unterschiedliche Entwicklungsphasen von Nationen sichtbar &ndash; aber auch die m&ouml;glichen Anst&ouml;&szlig;e, die eine Sportgro&szlig;veranstaltung geben kann. Bleibt nur zu hoffen, dass die Politik sich heraush&auml;lt und sich nicht eine Kontrolle anma&szlig;t, die sie gar nicht leisten kann.</p>
<p><b>SYLVIA SCHENK</b><i>&nbsp;&nbsp; Rechtsanw&auml;ltin, war von 1979 bis 1989 Arbeitsrichterin und 1989 bis 2001 hauptamtliche Stadtr&auml;tin in Frankfurt am Main. 1972 nahm sie an den Olympischen Spielen in M&uuml;nchen im 800m-Lauf teil. Ehrenamtlich ist sie seit 1973 im Sport und ab 2006 bei </i>Transparency International <i>aktiv, wo sie 2007 &ndash; 2010 deutsche Vorsitzende und bis 2014 internationale Sportbeauftragte war. Heute leitet Sylvia Schenk die Arbeitsgruppe Sport von </i>Transparency Deutschland<i>. Sie geh&ouml;rt dem Vorstand der </i>Deutschen Olympischen Akademie<i>, dem Beirat f&uuml;r Integrit&auml;t und Unternehmensverantwortung der </i>Daimler AG<i>, dem </i>INTERPOL Standing Committee on Ethical Matters<i> sowie dem </i>Menschenrechtsbeirat der FIFA<i> an.</i></p>
<h2 class="auto-created">Literaturhinweise</h2>
<p>Europarat, Towards a framework for modern sports governance, Resolution 2199 (2018) v. 24.1.2018, <a href="http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-XML2HTML-EN.asp?fileid=24443&amp;lang=en" target="_blank" rel="noopener">http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-XML2HTML-EN.asp?fileid=24443&amp;lang=en</a></p>
<p>FAZ: &#8222;Nehmt der Fifa das Spiel aus den H&auml;nden!&#8220;, <i>FAZ v. 22.12.2017</i>, <a href="http://www.faz.net/-gu9-9534j" target="_blank" rel="noopener">http://www.faz.net/-gu9-9534j</a></p>
<p>FIFA: FIFA und der Europarat: Eine starke Partnerschaft, <i>fifa.com v. 10.1.2018</i>, <a href="http://de.fifa.com/governance/news/y=2018/m=1/news=fifa-und-der-europarat-eine-starke-partnerschaft-2926218.html" target="_blank" rel="noopener">http://de.fifa.com/governance/news/y=2018/m=1/news=fifa-und-der-europarat-eine-starke-partnerschaft-2926218.html</a></p>
<p>FIFA: Independent advisory board of human rights experts to meet on 13 March, Pressemitteilung v. 10.3.1017, <a href="http://www.fifa.com/governance/news/y=2017/m=3/news=independent-advisory-board-of-human-rights-experts-to-meet-on-13-march-2875485.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.fifa.com/governance/news/y=2017/m=3/news=independent-advisory-board-of-human-rights-experts-to-meet-on-13-march-2875485.html</a></p>
<p>Aileen Graef: Trump pushes for US-Canada-Mexico 2026 World Cup bid, <i>CNN v. 27.4.2018</i>, <a href="https://edition.cnn.com/2018/04/26/politics/donald-trump-world-cup-bid/index.html" target="_blank" rel="noopener">https://edition.cnn.com/2018/04/26/politics/donald-trump-world-cup-bid/index.html</a></p>
<p>(hel): ARD und Team Telekom verl&auml;ngern Vertrag, <i>FAZ v. 17.1.2001</i>, <a href="http://www.faz.net/aktuell/sport/radsport-ard-und-team-telekom-verlaengern-vertrag-115437.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.faz.net/aktuell/sport/radsport-ard-und-team-telekom-verlaengern-vertrag-115437.html</a></p>
<p>Declan Hill: Sichere Siege: Fu&szlig;ball und organisiertes Verbrechen oder wie Spiele manipuliert werden. Kiepenheuer&amp;Witsch 2008 (2. Aufl.)</p>
<p>S&ouml;nke Iwersen: Compliance schie&szlig;t keine Tore, <i>Handelsblatt v. 9.8.2016</i>, <a href="http://www.handelsblatt.com/my/sport/fussball/uli-hoeness-for-fc-bayern-president-compliance-schiesst-keine-tore/13990362.html?ticket=ST-9006430-0fwkPppL4Qybq6OvNy6f-ap2" target="_blank" rel="noopener">http://www.handelsblatt.com/my/sport/fussball/uli-hoeness-for-fc-bayern-president-compliance-schiesst-keine-tore/13990362.html?ticket=ST-9006430-0fwkPppL4Qybq6OvNy6f-ap2</a></p>
<p>Matt Jones: Donald Trump 2026 World Cup Bid Tweet Prompts FIFA Ethics Rules Warning, bleacherreport.com v. 27.4.2018, <a href="http://bleacherreport.com/articles/2772945-donald-trump-2026-world-cup-bid-tweet-prompts-fifa-ethics-rules-warning" target="_blank" rel="noopener">http://bleacherreport.com/articles/2772945-donald-trump-2026-world-cup-bid-tweet-prompts-fifa-ethics-rules-warning</a></p>
<p>Stefan Kaiser: Adidas droht mit Ausstieg als Fifa-Sponsor, <i>Spiegel Online v. 16.12.2015</i>, <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/fifa-adidas-droht-mit-ausstieg-als-sponsor-a-1068054.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/fifa-adidas-droht-mit-ausstieg-als-sponsor-a-1068054.html</a></p>
<p>J&uuml;rgen Kalwa: Korruption durch die Hintert&uuml;r, <i>Deutschlandfunk v. 1.5.2018</i>, <a href="http://www.deutschlandfunk.de/sportrechte-korruption-durch-die-hintertuer.1346.de.html?dram%3Aarticle_id=416944" target="_blank" rel="noopener">http://www.deutschlandfunk.de/sportrechte-korruption-durch-die-hintertuer.1346.de.html?dram%3Aarticle_id=416944</a></p>
<p>Daniel Kirch: Wie CDU und SPD den Saar-Sport regieren, <i>Saarbr&uuml;cker Zeitung v. 15.1.2018</i>, <a href="https://www.saarbruecker-zeitung.de/politik/themen/wie-cdu-und-spd-den-saar-sport-regieren_aid-7050921" target="_blank" rel="noopener">https://www.saarbruecker-zeitung.de/politik/themen/wie-cdu-und-spd-den-saar-sport-regieren_aid-7050921</a></p>
<p>Jens Weinreich: gesagt ist gesagt. ARD nicht mehr live bei der Tour de France, Blogbeitrag v. 16.10.2008, <a href="https://www.jensweinreich.de/2008/10/16/gesagt-ist-gesagt-2-ard-nicht-mehr-live-bei-der-tour-de-france/" target="_blank" rel="noopener">https://www.jensweinreich.de/2008/10/16/gesagt-ist-gesagt-2-ard-nicht-mehr-live-bei-der-tour-de-france/</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/machtkartelle-im-sport-ohnmacht-der-kontrolleure-1/">Machtkartelle im Sport  Ohnmacht der Kontrolleure?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Doping  ein ungelöstes Problem des Sports</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/doping-ein-ungeloestes-problem-des-sports-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 39-54 Die Versuche, mit Medikamenten und anderen chemischen Stoffen die eigene Leistungsf&#228;higkeit zu verbessern, sind weder eine Erfindung der Moderne, noch des Sports. Im Leistungssport wird Doping jedoch zunehmend problematisiert, kontrolliert und sanktioniert &#8211; bisher freilich ohne die Aussicht, dass sich dies abstellen lie&#223;e. Wie sich Doping und der [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/doping-ein-ungeloestes-problem-des-sports-1/">Doping  ein ungelöstes Problem des Sports</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 39-54</p>
<p><i>Die Versuche, mit Medikamenten und anderen chemischen Stoffen die eigene Leistungsf&auml;higkeit zu verbessern, sind weder eine Erfindung der Moderne, noch des Sports. Im Leistungssport wird Doping jedoch zunehmend problematisiert, kontrolliert und sanktioniert &ndash; bisher freilich ohne die Aussicht, dass sich dies abstellen lie&szlig;e. Wie sich Doping und der Kampf gegen Doping gemeinsam entwickelt haben, welche Rolle die Professionalisierung des Sports dabei spielte und warum der moderne Leistungssport ohne Doping kaum denkbar ist, schildert Michael Kr&uuml;ger im folgenden Beitrag.</i></p>
<h2 class="auto-created">Einleitung</h2>
<p>Doping wird als das gr&ouml;&szlig;te Problem des Sports unserer Zeit angesehen. Das Verbot von Doping im Sport hat den Zweck, die Gesundheit der Athleten zu sch&uuml;tzen und Betrug zu verhindern. &ldquo;<i>To protect the Athletes&rsquo; fundamental right to participate in doping-free sport and thus promote health, fairness and equality for Athletes worldwide</i>&rdquo;, wird im Strategic Plan der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) als ihr wichtigstes Ziel bezeichnet. Um dieses Ziel zu erreichen, soll systematisch und weltweit gegen Doping vorgegangen werden: &ldquo;<i>To ensure harmonized, coordinated and effective anti-doping programs at the international and national level with regard to detection, deterrence and prevention of doping</i>&rdquo;.[1] Die WADA war 1999 von Staaten und Sportorganisationen mit dem Ziel gegr&uuml;ndet worden, den Kampf gegen Doping effektiver zu f&uuml;hren und zu gewinnen.[2]</p>
<p>Trotz aller Anti-Dopingma&szlig;nahmen scheint das Doping-Problem nicht nur nicht beherrscht zu werden, sondern weiter zu wachsen. Die Medien tragen wesentlich zu diesem Eindruck bei, weil sie auf der Suche nach Sensationen und Skandalen beim Thema Doping leicht f&uuml;ndig werden. Ein aktuelles Beispiel sind die j&uuml;ngsten Enth&uuml;llungen zum sogenannten russischen Staatsdoping, das von der investigativ arbeitenden ARD-Dopingredaktion aufgedeckt wurde.[3] Immer wieder geht es darum, dass Athleten unerlaubte Mittel nutzen, anstatt sich an die Regeln zu halten; dass &Auml;rzte, Betreuer und Funktion&auml;re Athleten beim Dopingbetrug unterst&uuml;tzen, anstatt sie davon abzuhalten; dass Sportverb&auml;nde bei der Kontrolle ihrer Dopingregeln versagen, anstatt die Regeln durchzusetzen; dass Staaten und Verb&auml;nde, anstatt Doping zu verbieten und zu kontrollieren, Doping unterst&uuml;tzen oder sogar verordnen. Obwohl es keine Menschengruppe gibt, die medizinisch und biochemisch so intensiv getestet und kontrolliert wird wie Hochleistungssportler, dreht sich die Dopingspirale weiter. Der &bdquo;gl&auml;serne Mensch&ldquo; ist im Hochleistungssport Wirklichkeit geworden,[4] und trotzdem verfestigt sich der Eindruck, dass es mit dem Dopingbetrug schlimmer statt besser werde. Der gl&auml;serne Athlet scheint an die Stelle des &bdquo;m&uuml;ndigen Athleten&ldquo; getreten zu sein.[5] Die Dopingexperten Verner M&oslash;ller und Paul Dimeo bezeichnen diese Entwicklungen als &bdquo;the end of sport&ldquo;.[6]</p>
<p>Im Folgenden wird die Genese von Doping und Anti-Doping in ihren Grundz&uuml;gen geschildert. Danach wird das Dopinggeschehen in gr&ouml;&szlig;ere historische und soziale Kontexte gestellt, bevor &uuml;ber Hintergr&uuml;nde und Ursachen von Doping reflektiert wird. Doping geh&ouml;rt inzwischen zu den am intensivsten erforschten Themen des Sports. Der Beitrag st&uuml;tzt sich auf die wichtigsten Studien und Arbeiten zu diesem Feld.[7]</p>
<h2 class="auto-created">Was ist Doping und wie haben sich Doping und Antidoping entwickelt?</h2>
<p>Die zentrale These der historisch und soziologisch ausgerichteten Studie von Marcel Reinold zur Geschichte des Dopings und Anti-Dopings lautet, dass es Doping erst gibt, seit es Anti-Doping gibt. Doping sei eine &bdquo;Konstruktion&ldquo;, so Reinold, genauer gesagt eine historische und soziale Konstruktion.[8] Doping sei das Ergebnis eines Diskurses, in dem die Einnahme von leistungssteigernden Mitteln und Medikamenten im Sport als Doping bezeichnet und verboten wurde. Deshalb seien Doping und Anti-Doping nicht voneinander zu trennen.</p>
<p>Die Diskussion &uuml;ber Doping geht zur&uuml;ck bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als sich der moderne Leistungs- und Wettkampfsport in den westlichen, zivilisierten L&auml;ndern verbreitete. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Debatte wieder aufgegriffen. Die Kriegserfahrungen von Soldaten haben wesentlich dazu beigetragen, dass insbesondere Aufputschmittel und Drogen, die in allen Armeen verwendet wurden und werden, auch im Leistungssport zum Einsatz kamen. Die bekannteste Aufputschdroge, die in der deutschen Wehrmacht anfangs sogar von der Armeef&uuml;hrung ausgegeben wurde, war Pervitin.[9] &Auml;hnliche Mittel mit denselben Wirkstoffen (Metamphetamine) wurden auch in anderen Armeen eingesetzt.[10] Pervitin war nach dem Zweiten Weltkrieg eines der am weitesten verbreiteten Aufputschmittel im Sport. Ebenso haben der Vietnamkrieg, die Afghanistan-Kriege und die Irakkriege zur Verbreitung von Drogen, allgemein Suchtmitteln sowie Psychopharmaka beigetragen.</p>
<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich insbesondere in Deutschland &Auml;rzte und Sport&auml;rzte Sorgen um die Gesundheit der Athleten. Sie wussten um die Gefahren von Aufputschmitteln, zumal viele von ihnen, wie Arthur Mallwitz, den Krieg (bei ihm waren es sogar beide Weltkriege) miterlebt und erfahren hatten, welche Rolle diese Mittel im Krieg bei den Soldaten der Wehrmacht gespielt hatten.[11]</p>
<p>In Deutschland war die Dopingdefinition des Deutschen Sport&auml;rztebundes von 1952 ma&szlig;geblich und von nachhaltiger Wirkung.[12] Sie wurde letztlich von den Sportverb&auml;nden &uuml;bernommen. Die Einnahme leistungssteigernder Mittel und Medikamente sei gesundheitssch&auml;dliches Doping und versto&szlig;e gegen die Chancengleichheit im sportlichen Wettkampf. Deshalb sollte Doping ge&auml;chtet und verboten werden. Wenn Medikamente mit der Absicht eingenommen werden, die sportliche Leistung im Wettkampf zu erh&ouml;hen, m&uuml;sse von Doping gesprochen werden, und zwar unabh&auml;ngig davon, ob die Leistungssteigerung tats&auml;chlich aufgrund des Medikaments erfolge oder nicht. Allein die Absicht zu dopen, sollte moralisch ge&auml;chtet und verboten werden.[13] Damit wurde eine verbreitete und ge&uuml;bte Praxis der Einnahme von leistungssteigernden Mitteln moralisch ins Unrecht gesetzt.</p>
<p>Diese gesinnungsethische Definition von Doping war allerdings nicht geeignet, um gepr&uuml;ft und kontrolliert zu werden. Sie appellierte an die Fairness und den Sportsgeist der Athleten, &Auml;rzte und Betreuer ebenso wie an ihr Selbstverst&auml;ndnis, im Sport trotz aller Anstrengungen, aller Risiken und allem Kampf nicht den Prinzipien der Humanit&auml;t, der k&ouml;rperlichen Unversehrtheit und Gesundheit zuwider zu handeln. Deshalb sollte allein schon der Gedanke tabuisiert werden, gegen die Grunds&auml;tze eines humanen Spitzensports zu versto&szlig;en, ohne dass jedoch das Verbot kontrolliert werden konnte. Sie schuf jedoch ein Bewusstsein daf&uuml;r, dass Medikamente zur Leistungssteigerung im sportlichen Wettkampf weder mit dem Geist des Sports noch mit dem Ethos des Arztes vereinbar sind. &Auml;rzte sind verpflichtet, Kranken zu helfen. Ihre Aufgabe besteht jedoch nicht darin, Sportlern zu besseren Leistungen zu verhelfen. Grupe hat mehrfach gemahnt, dass der Versto&szlig; gegen dieses sportliche und &auml;rztliche Ethos durch Doping den Sport in seinem humanen Sinn und Selbstverst&auml;ndnis &bdquo;mitten ins &sbquo;Herz&lsquo;&ldquo; treffe. Doping sei kein Kavaliersdelikt.[14]</p>
<p>Das Ziel eines humanen Leistungssports ohne Doping und Leistungsmanipulation wurde 1977 in der &bdquo;Grundsatzerkl&auml;rung f&uuml;r den Spitzensport&ldquo; des Deutschen Sportbundes ausdr&uuml;cklich noch einmal formuliert, als sich jedoch bereits ein ganz anderes Verst&auml;ndnis von Doping und Dopingkontrollen durchgesetzt hatte.[15] Der Philosoph und Ruder-Olympiasieger von 1960, Hans Lenk, hatte gefordert, den olympischen Leitspruch des <i>citius, altius, fortius </i>durch ein <i>humanius</i> zu erg&auml;nzen.[16] Sein Rezept gegen Doping war die Erziehung zum &bdquo;m&uuml;ndigen Athleten&ldquo; durch &bdquo;demokratisches Training&ldquo;.[17]</p>
<p>In den 1960er Jahren erfolgte ein Paradigmenwechsel im Verst&auml;ndnis von Doping. Der Beschluss, Doping nicht mehr nur moralisch zu verurteilen, sondern die Einnahme von Dopingmitteln zu verbieten und die Einhaltung des Verbotes auch zu kontrollieren, zu &uuml;berpr&uuml;fen und Verst&ouml;&szlig;e sanktionieren zu wollen, ging von den Sportverb&auml;nden und am Ende vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) aus. Der Grund f&uuml;r diesen Wandel von der &bdquo;intensionalen zur extensionalen Definition&ldquo; lag darin, dass sich zu Beginn der 1960er Jahre Berichte &uuml;ber Dopingvorf&auml;lle h&auml;uften.[18] F&uuml;r das IOC und seinen Pr&auml;sidenten Avery Brundage spielte der Tod des d&auml;nischen Radfahrers Knud Enemark Jensen bei den Olympischen Spielen von Rom 1960 eine wichtige Rolle. Er wurde auf Doping zur&uuml;ckgef&uuml;hrt.[19] 1967 starb Tom Simpson bei der Tour de France am Mont Ventoux.[20]</p>
<p>Nun definierten die Sportverb&auml;nde, an der Spitze das IOC, Doping anhand einer Liste verbotener Medikamente. Wer Medikamente zu sich nahm, die auf dieser Liste verzeichnet sind, galt als gedopt und musste mit Sanktionen rechnen. Die Liste wurde von der Medizinischen Kommission des IOC erstellt und enthielt zun&auml;chst eine Reihe aufputschender Mittel und Medikamente, die bis dahin im Wettkampf genommen und jetzt verboten waren. Ihr Verbot sollte nun auch kontrolliert werden. Diese extensionale Dopingdefinition schuf die M&ouml;glichkeit, Dopingvergehen objektiv durch Kontrollen nachzuweisen. Nun mussten jedoch entsprechende Strukturen aufgebaut werden, um Doping zun&auml;chst im Wettkampf und dann auch im Training kontrollieren zu k&ouml;nnen. Au&szlig;erdem mussten Strafen f&uuml;r diejenigen Athleten definiert und durchgesetzt werden, denen die Einnahme eines Medikaments nachgewiesen werden konnte.</p>
<p>Die Kehrseite dieser Dopingdefinition auf der Grundlage von konkreten, objektivierten Dopinglisten, von denen man sich die L&ouml;sung des Dopingproblems versprach, offenbarte sich jedoch erst nach und nach. Sie bestand darin, dass alle anderen Mittel und Medikamente, die nicht ausdr&uuml;cklich aufgef&uuml;hrt waren, als erlaubt galten. Nun kam es in der Folge nicht mehr nur zu einem Wettkampf der Athleten auf dem Platz und auf der Bahn, sondern auch der &Auml;rzte und Pharmazeuten, Mittel zu entwickeln und einzusetzen, die zwar wirksam sind, aber nicht auf der Dopingliste stehen. Der langj&auml;hrige Vorsitzende der Anti Doping Kommission des Internationalen Leichtathletik Verbandes (IAAF), Arne Ljungquist, sprach von einem &bdquo;Hase-Igel-Rennen&ldquo;, das nun einsetzte;[21] also zwischen denen, die die Dopinglisten erstellten sowie Verfahren und Methoden zur Kontrolle der verbotenen Mittel und Substanzen entwickelten, und den anderen Spezialisten und erfahrenen Experten, die alternative Methoden zu entwickeln versuchten, die wirksam waren, aber weder als verboten auf der Liste standen noch nachweisbar waren. Das Rennen ist bis heute nicht beendet.</p>
<p>Der Wandel von der gesinnungsethisch motivierten, intensionalen zur pragmatisch-kriminologischen, extensionalen Dopingdefinition bedeutete den entscheidenden Schritt hin zur Institutionalisierung und B&uuml;rokratisierung von Anti-Doping. Doping und Anti-Doping entwickelten sich zu einem festen Bestandteil des modernen, organisierten Leistungssports, wie ihn auch Allen Guttmann in Anlehnung an Max Weber charakterisiert hatte.[22] Die Anti-Doping-B&uuml;rokratie reicht &uuml;ber die Grenzen der Sportverwaltung hinaus. Dopingverst&ouml;&szlig;e sind nicht mehr nur Regelverst&ouml;&szlig;e, die sportintern geregelt und sanktioniert werden. Durch spezifische Anti-Dopinggesetze in einigen L&auml;ndern, seit 2015 auch in Deutschland, sind dopende Athleten sowie ihre Helfer und Helfershelfer zu Kriminellen geworden, die &uuml;ber Sportgerichte hinaus von Gerichten verurteilt und bestraft werden k&ouml;nnen.[23]</p>
<h2 class="auto-created">Hinter&shy;gr&uuml;nde und Ursachen der Doping&shy;spi&shy;rale </h2>
<p><b>Leistungssteigernde Mittel in Sport und Gesellschaft</b></p>
<p>Warum nehmen Sportler leistungssteigernde Mittel und Medikamente?</p>
<p>Untersuchungen wie die des norwegischen Soziologen und Philosophen Gunnar Breivik haben gezeigt, dass Athleten alles tun, d.h. auch bereit sind, den Tod in Kauf zu nehmen, nur um zu gewinnen oder auch nur, um den letzten Kick bei einer au&szlig;ergew&ouml;hnlichen sportlichen Leistung oder Performance zu erleben.[24] Manchmal geht es darum, schwindende Kr&auml;fte zu kompensieren oder besondere Lust und Befriedigung zu empfinden. Sie &uuml;ben und trainieren, sie strengen sich an und k&auml;mpfen mit aller Kraft des Willens und des K&ouml;rpers, mit voller Anstrengung und Konzentration. Sie stellen ihr Leben und ihre Ern&auml;hrung bis zur Selbstaufgabe auf diesen Kampf ein und z&ouml;gern schlie&szlig;lich auch nicht, Aufputschmittel, Drogen und Medikamente zu sich zu nehmen, sei es um die Anstrengungen und die Schmerzen zu ertragen oder die Leistungsgrenzen &uuml;ber die ihnen auf nat&uuml;rliche Weise m&ouml;gliche Grenze hinaus zu verschieben.</p>
<p>Von antiken Athleten ist &uuml;berliefert, dass sie sich nicht nur speziell ern&auml;hrten, sondern auch allerlei Wundermittel zu sich nahmen, um siegreich zu sein.</p>
<p>Sich besonderer Mittel und Methoden zur Leistungssteigerung zu bedienen, war und ist bis heute nicht nur ein Ph&auml;nomen der Athletik und des Sports, sondern auch anderer Lebensbereiche. Im Arbeitsleben, in Armeen und in Kriegen, aber auch in der Kunst, in der Literatur, in der Musik und sogar in der Liebe werden Drogen und Medikamente genommen, um die Leistungsf&auml;higkeit zu verbessern oder auch nur zu erhalten, Erm&uuml;dung zu &uuml;berwinden, Schmerzen zu ertragen und nicht zuletzt, um Lust zu steigern. Die Geschichte der menschlichen Sexualit&auml;t ist voll von Mythen &uuml;ber Aphrodisiaka zur Steigerung der Potenz.[25] Dieses Beispiel zeigt nicht nur, wie eng der Zusammenhang von Lust und Leistung nicht nur im Sport ist, sondern verweist auch auf eine gewisse Ironie der Biologie und Leistungsphysiologie. Sie besteht darin, dass dieselben Mittel zur Steigerung der Lust, n&auml;mlich m&auml;nnliche Geschlechtshormone, auch zu den effektivsten Dopingmitteln z&auml;hlen.[26]</p>
<p>Anabolika-Doping hat seinen Weg auch &uuml;ber die Bodybuilding- und Kraftsportszene in den Leistungssport gefunden.[27] In der DDR wurde der Einsatz von Anabolika mit Hilfe von Medizin, Wissenschaft und Pharmaindustrie perfektioniert.[28] Die in Fitness- und Bodybuilding-Studios umgesetzten Drogen, anabolen Steroide und sonstigen Medikamente sind Teil eines wachsenden Schwarzmarktes, in dem &auml;hnlich wie im Drogenhandel illegal Gesch&auml;fte auf Kosten der Gesundheit der Nutzer gemacht werden.</p>
<h2 class="auto-created">Pferdesport und Radsport</h2>
<p>Im Pferdesport sollen bereits im 17. Jahrhundert Mittel eingesetzt worden sein, um Wetten zu manipulieren, indem favorisierte Pferde mit Arsen vergiftet wurden. Diese Praxis wurde verboten und unter Strafe gestellt, weil dadurch faire Wettchancen nicht mehr gegeben und somit hohe Wetteins&auml;tze gef&auml;hrdet waren. Dieses negative Doping wurde dann im Radsport positiv gewendet, indem die Rennfahrer entweder selbst Aufputschmittel sowie Drogengifte wie Arsen und Strychnin zu sich nahmen oder von ihren Managern verabreicht bekamen.[29] Sie erhofften sich dadurch zumindest f&uuml;r die Zeit des Wettkampfs eine h&ouml;here Leistungsf&auml;higkeit.</p>
<p>&Uuml;ber die langfristigen Wirkungen dieser Drogen und Medikamente auf ihre Gesundheit machten sich die Athleten entweder keine Gedanken, oder sie wussten nichts davon. F&uuml;r die Fahrer ging es zun&auml;chst darum, &uuml;berhaupt die Strapazen solcher Stra&szlig;enrennen wie der Tour de France, die erstmals 1903 durchgef&uuml;hrt wurde, oder der Sechstagerennen in den Radsportarenen &uuml;berstehen zu k&ouml;nnen. Insbesondere w&auml;hrend der &bdquo;heroischen Epoche&ldquo; der Tour vor dem ersten Weltkrieg sind zahlreiche Geschichten (oder Mythen) &uuml;berliefert, die von der &bdquo;Tour der Leiden&ldquo; einschlie&szlig;lich der Manipulationen, T&auml;uschungen und zahllosen Mittel und Medikamente handeln, die den Fahrern verabreicht wurden.[30] Anfangs lautete das Prinzip, dass jeder Fahrer auf eigene Kosten und eigenes Risiko f&auml;hrt.[31] Die Fahrer waren Profis. Sie mussten ihren Sport selbst finanzieren und ihren Lebensunterhalt mit ihm verdienen.</p>
<h2 class="auto-created">Sport im Sp&auml;tka&shy;pi&shy;ta&shy;lismus</h2>
<p>Der Hoch- und H&ouml;chstleistungssport etablierte sich als eine Art Abbild der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf st&auml;ndige Leistungsoptimierung, auf Wachstum und Steigerung angewiesen ist. Christian Graf von Krockow (1927-2002), der sich auch mit dem gesellschaftlichen Ph&auml;nomen des Sports auseinandersetzte, betonte, dass &bdquo;Leistung, Konkurrenz und Gleichheit&ldquo; gleicherma&szlig;en Grundprinzipien des Sports wie der modernen, kapitalistischen Gesellschaft darstellen.[32] F&uuml;r den neomarxistischen Kulturkritiker Theodor W. Adorno (1903-1969) war der Sport Ausdruck und Instrument des Kapitalismus, um den Menschen k&ouml;rperlich auszubeuten und den Zw&auml;ngen der kapitalistischen Ordnung unterzuordnen.[33]</p>
<p>Einig waren sich Krockow und Adorno in der Auffassung, dass der Sport, insbesondere der moderne Hochleistungssport, auf dem Gebiet der K&ouml;rperkultur den &bdquo;Geist des Kapitalismus&ldquo; atme, wie ihn Max Weber verstanden und interpretiert hatte.[34] Weber bezeichnete damit eine Haltung, in der eine T&auml;tigkeit zum Beruf wird, also ihren Sinn in sich selbst findet. Der Kapitalist gibt sich nicht damit zufrieden, etwas zu k&ouml;nnen und etwas zu haben, er will mehr: mehr k&ouml;nnen, mehr wissen, mehr haben. Er m&ouml;chte nicht etwas haben, um leben zu k&ouml;nnen, sondern er lebt, um mehr zu erwerben und mehr zu haben. Analog lie&szlig;e sich sagen, dass der Leistungssportler nicht Sport treibt, weil er seinen K&ouml;rper trainieren m&ouml;chte oder Spa&szlig; daran hat, sondern er hat Spa&szlig; daran, wenn er nach besseren Leistungen strebt und ihm bessere Leistungen gelingen. Citius, altius, fortius lautet das Motto der Olympischen Bewegung. Die st&auml;ndige Steigerung wird f&uuml;r den Leistungs- und Hochleistungssportler zum Selbstzweck. Diese Haltung unterscheidet sich grundlegend von der p&auml;dagogischen Gymnastik oder dem patriotischen Turnen, bei denen die k&ouml;rperliche &Uuml;bung Mittel zum Zweck, aber nicht Beruf ist. Die Spirale aus Leistungs- und Gewinnerwartung, Sensation und Spannung als Signum f&uuml;r die moderne, kapitalistische Kultur und Zivilisation scheint typisch f&uuml;r den Bereich des Sports, genauer gesagt des Berufssports zu sein.</p>
<p>Diese kapitalistische Haltung zum Sport als Beruf traf paradoxerweise auch auf die fr&uuml;heren kommunistischen Staaten dieser Welt zu. In der Sowjetunion und der DDR, aber auch in China und bis heute in anderen totalit&auml;ren Staaten, unabh&auml;ngig von der jeweiligen Staatsideologie, bildete der Hoch- und H&ouml;chstleistungssport eine Insel des kapitalistischen Wettbewerbs und Fortschritts, wenn auch mit Einschr&auml;nkungen.[35] W&auml;hrend die Sportfunktion&auml;re den Sport und die Athleten als Mittel verstanden, um politische Ziele zu erreichen, wurde f&uuml;r die Athleten selbst der Sport zum Beruf, wie dies Max Weber als bezeichnend f&uuml;r den kapitalistischen Geist betrachtet hatte. Die Athleten in totalit&auml;ren Regimen unterliegen deshalb einem doppelten Zwang: einerseits dem Geist des Kapitalismus und andererseits der Herrschaft des Regimes. Ein weiteres Paradoxon besteht darin, dass die professionelle Haltung zum Sport als Beruf im Weberschen Sinne auch auf den Bereich des Amateursports zutraf, also auf den Sport, der in der b&uuml;rgerlichen westlichen Welt ausdr&uuml;cklich nicht als Beruf, sondern als &bdquo;Liebhaberei&ldquo; verstanden werden sollte.</p>
<h2 class="auto-created">Amateur&shy;sport und Berufssport</h2>
<p>Die Unterscheidung von Berufs- und Amateursport kam erst mit den Olympischen Spielen der Neuzeit auf, die nach dem Willen der Gr&uuml;nder um Pierre de Coubertin im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nur f&uuml;r Amateure und nicht f&uuml;r Berufsathleten ge&ouml;ffnet waren. Amateure waren solche Sportler, die ihren Sport aus und als Vergn&uuml;gen, jedoch nicht als Profession betrieben. Die Amateurregel des IOC schloss Athleten aus, die ihren Lebensunterhalt mit Sport verdienten. Diese Regel wurde so streng gehandhabt, dass manchen Athleten wie dem US-amerikanischen Leichtathleten indianischer Abstammung, Jim Thorpe (1887-1953), nachtr&auml;glich seine Goldmedaille im Zehnkampf bei den Olympischen Spielen von Stockholm 1912 aberkannt wurde, weil er zuvor als professioneller Baseballspieler in den USA t&auml;tig war.[36] Der &ouml;sterreichische Skifahrer Karl Schranz (geb. 1938) wurde noch 1972 von den Olympischen Winterspielen in Innsbruck ausgeschlossen, weil er Werbung f&uuml;r eine Kaffeemarke gemacht haben soll.[37]</p>
<p>Bis heute ist Trikotwerbung bei den Olympischen Spielen verboten. Im Unterschied zu Weltmeisterschaften und anderen gro&szlig;en Sportereignissen werden vom IOC als Veranstalter und Besitzer der Olympischen Spiele keine Pr&auml;mien an die Athleten gezahlt. Nach dem Olympischen Kongress 1981 in Baden-Baden wurde die Zulassungsregel 26 der Olympischen Charta jedoch ge&auml;ndert.[38] Nun durften auch professionelle Sportler an Olympischen Spielen teilnehmen. Die Schleusen f&uuml;r die Kommerzialisierung und Professionalisierung der Olympischen Spiele und des gesamten Leistungs- und Hochleistungssports waren damit ge&ouml;ffnet.</p>
<p>Welchen Sinn hatte die Amateurregel und was hat sie mit den Dopingproblemen des Sports zu tun? Die Amateurregel l&auml;sst sich aus der Geschichte des Sports erkl&auml;ren. Sie wurde eingef&uuml;hrt, weil sich die elit&auml;re und adelige Tr&auml;gerschicht des britisch-englischen Sports, die Gentleman-Klasse, ein soziales Reservat schaffen wollte. Die &bdquo;Leisure Class&ldquo;, wie sie 1899 der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen in seiner kritischen Analyse und Sozialsatire beschrieb, wollte auf demonstrative Weise unter sich bleiben.[39] Nur wer Sport zum Spa&szlig; treibt und nicht auf ihn angewiesen ist, kann ihn im &bdquo;richtigen&ldquo;, sportlich-fairen Geist betreiben, so die Auffassung der Vertreter des Amateursports seit der Gr&uuml;ndung des Internationalen Olympischen Komitees 1894 in Paris. Damals war auf einem von Pierre de Coubertin einberufenen Kongress zu Fragen des Amateursports die Ausrichtung der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen beschlossen worden, nur f&uuml;r Amateure.[40]</p>
<p>&Auml;hnlich wie der Leistungssport ein kapitalistischer Stachel im Fleisch der sozialistischen und kommunistischen Staaten war, stellte der Amateurismus einen Anachronismus im Kapitalismus dar, zumindest im Sinne Max Webers. Die Idee des Amateurismus stammte aus der Welt des englischen Landadels (<i>gentry</i>) und der <i>Gentlemen</i>.[41] Sie passte nicht zu den kapitalistischen Prinzipien des Wachstums und Fortschritts, die auch f&uuml;r den modernen olympischen Leistungs- und Hochleistungssport galten: <i>citius &ndash; altius &ndash; fortius</i>. Es ist deshalb kein Zufall, dass Coubertin selbst den Amateurismus f&uuml;r eine &bdquo;bewundernswerte Mumie&ldquo; hielt,[42] die er ins Museum stellen wollte. Er hielt es f&uuml;r eine &bdquo;Utopie&ldquo; versuchen zu wollen, &bdquo;dem Kampfsport eine Leitlinie verbindlicher M&auml;&szlig;igung aufzuerlegen&ldquo;, sagte er in seiner Rundfunkansprache 1935. In dieser Rede vor den Olympischen Spielen von Berlin (1936) fasste der Gr&uuml;nder der olympischen Bewegung am Ende seines Lebens noch einmal die &bdquo;philosophischen Grundlagen des modernen Olympismus&ldquo; zusammen. Statt M&auml;&szlig;igung forderte er &bdquo;ungehemmte Freiheit&ldquo; f&uuml;r die Anh&auml;nger des olympischen Sports.[43]</p>
<p>Coubertin erw&auml;hnte jedoch nicht, dass diese Freiheit auch darin bestehen kann, die eigene Gesundheit oder die des Gegners zu zerst&ouml;ren. Sein Ideal eines olympischen Athleten war der d&eacute;brouillard &ndash; der Typ eines gewieften, cleveren und kompromisslosen K&auml;mpfers, der im Sport genauso wie im wirklichen Leben seinen Mann steht.[44] Frauen wollte er dagegen nicht als Wettk&auml;mpfer im Olympiastadion sehen.</p>
<h2 class="auto-created">Die Tendenz zum Exzess</h2>
<p>In seinem Aufsatz &bdquo;La Psychologie du sport&ldquo; aus dem Jahr 1900, den Ernst Hojer 1972 ins Deutsche &uuml;bersetzte, reflektierte Coubertin grunds&auml;tzlich &uuml;ber das von seinem Beichtvater Pater Henri Didon &uuml;bernommene Motto<i> citius, altius, fortius</i>. Dieser Geist des modernen Sports bzw. der Olympischen Spiele der Neuzeit sei im Prinzip derselbe wie in der Antike: &bdquo;Das wiederum kann zu der Schlussfolgerung f&uuml;hren&ldquo;, meinte Coubertin am Ende seines Aufsatzes, &bdquo;da&szlig; heute wie damals eine Tendenz des Sports zum Exzess besteht; er strebt nach gr&ouml;&szlig;erer Geschwindigkeit, gr&ouml;&szlig;erer H&ouml;he und st&auml;rkerer Kraft &ndash; immer nach mehr.&ldquo; Und er f&uuml;gt hinzu: &bdquo;Das ist sein Nachteil, meinetwegen &ndash; im Hinblick auf das menschliche Gleichgewicht. Doch das ist auch sein Adel &ndash; und seine Poesie.&ldquo;[45]</p>
<p>Die Amateurregel galt bis zum Ende der IOC-Pr&auml;sidentschaft von Avery Brundage. Dieser hielt sie f&uuml;r die beste Immunabwehr gegen Doping und Betrug im Sport;[46] denn wer Sport als Amateur, aus Vergn&uuml;gen und Spielerei betreibt, wer existentiell nicht auf den Sport und den Sieg im Sport angewiesen ist, der hat auch keine Veranlassung, sich selbst und andere zu betr&uuml;gen oder seine Gesundheit &uuml;ber Geb&uuml;hr aufs Spiel zu setzen, sondern nur so lange und wie es ihm Spa&szlig; macht. Aber das ist dann nicht mehr das Problem der Organisatoren von Amateursportveranstaltungen wie den Olympischen Spielen, sondern allein der Athleten selbst. Doping war also in den Augen von Brundage und anderen Olympiern wie Carl Diem nur ein Problem des Berufssports, aber nicht des olympischen Amateursports. &bdquo;Der Berufssport ist, mag er noch so sehr in der Sportspalte der Zeitung behandelt werden, nicht &sbquo;Sport&lsquo;, sondern das Gegenteil davon: Gewerbe, und zwar geh&ouml;rt er zum Schaustellerberuf, mit dem er auch vielfach Berufszucht und -strenge gemein hat. Es handelt sich hierbei nicht um ein Werturteil, sondern um einen Sachverhalt. Berufssport ist kein Sport&ldquo;, sagte Carl Diem.[47]&nbsp;</p>
<p>Im Umfeld der Olympischen Spiele 1972, als erstmals systematische Dopingkontrollen im Wettkampf angesagt waren, wollte Brundage das Problem gar nicht wahrhaben und stimmte nur halbherzig zu, dass sich auch das IOC an der Finanzierung der Dopingkontrollen beteiligte.[48] Die Amateurregel konnte, &auml;hnlich wie heute die Anti-Doping-Regeln, nicht wirksam kontrolliert und durchgesetzt werden. Aber der Geist des Amateursports wirkte sich m&auml;&szlig;igend auf die Tendenz des Sports zum &bdquo;Exzess&ldquo; aus, weil die Athleten nicht ihre gesamte Existenz auf die Karte Sport setzen konnten, sondern Schule, Ausbildung, Studium und Beruf zumindest f&uuml;r die Mehrzahl der Amateursportler genauso wichtig waren wie ihr Sport. Mit dem Ende der Amateurregel ver&auml;nderte sich diese Balance der Lebensf&uuml;hrung von Leistungssportlern. Wer im Sport siegreich und erfolgreich sein wollte, musste ihn nun zu seinem Lebensmittelpunkt, zu seinem Beruf machen.</p>
<h2 class="auto-created">Doping im Amateur&shy;sport</h2>
<p>Tats&auml;chlich wurde auch schon zu Beginn der Olympischen Spiele der Neuzeit von Amateuren gedopt. Unklar ist allerdings, in welchem Umfang und in welcher Intensit&auml;t. Der erste aktenkundige Versto&szlig; gegen eine Dopingregel bei Olympischen Spielen fand 1908 bei den Olympischen Spielen von London im Marathonlauf statt. Die Organisatoren hatten ausdr&uuml;cklich in den Regeln zum Marathonlauf festgelegt, dass die Einnahme von &bdquo;Drugs&ldquo; verboten sei und zur Disqualifikation f&uuml;hre.[49] Der italienische Marathonl&auml;ufer Dorando Pietri, der als erster die Ziellinie &uuml;berquerte, hatte dagegen versto&szlig;en. Er war mit Strychnin und Atropin gedopt. Ebenso wie schon der Sieger des Marathonlaufs von 1904 in Saint Louis, Thomas Hicks. Damals hatte es allerdings noch kein Dopingverbot gegeben. Disqualifiziert wurde Pietri in London jedoch nicht wegen Doping, sondern weil er v&ouml;llig entkr&auml;ftet und orientierungslos nur mit Hilfe von &Auml;rzten und Betreuern die Ziellinie hatte &uuml;berqueren k&ouml;nnen.</p>
<p>Das System des Amateursports wurde offiziell nach dem Olympischen Kongress von Baden-Baden 1981 aufgegeben. Daf&uuml;r gibt es mehrere Gr&uuml;nde: erstens wurde die Unterscheidung zwischen Amateuren und professionellen Athleten obsolet, seit die kommunistischen Staaten des Ostblocks mit der Sowjetunion und der DDR an der Spitze, ihre Athleten als &bdquo;Staatsamateure&ldquo; behandelten; sie handelten im staatlichen Auftrag und wurden auch vom Staat bezahlt und trainiert. Amateure im Westen waren dagegen Hobbysportler. Berufssportler wie beispielsweise Boxer, Radrennfahrer, Tennisspieler oder Bundesliga-Lizenzspieler durften dagegen nicht an Olympischen Spielen teilnehmen. Zudem wandte sich das Zuschauerinteresse immer mehr dem professionellen Sport zu. Das Interesse am Amateur- oder Hobbysport nahm dagegen ab.</p>
<p>Mit dem Wechsel versch&auml;rfte sich jedoch das Dopingproblem. Sollten je gro&szlig;e Unterschiede zwischen Amateur- und Berufssport im Hinblick auf die Einnahme von leistungssteigernden Mitteln und Medikamenten bestanden haben, ebneten sie sich nun endg&uuml;ltig ein. Beispiele sind Dopingf&auml;lle im professionellen Radsport und im olympischen Sport, insbesondere in der olympischen Leichtathletik, aber auch im Schwimmen und in den Kraftsportarten, etwa dem Gewichtheben. W&auml;hrend vom IOC und den traditionellen Amateursportverb&auml;nden nach und nach immer striktere Antidopingregeln und Listen mit verbotenen Medikamenten und Mitteln eingef&uuml;hrt wurden, geschah dies im Berufssport eher z&ouml;gerlich.[50] Im Berufsradsport, insbesondere bei den gro&szlig;en Stra&szlig;enrennen wie der Tour de France, hielten Fahrer, Betreuer und &Auml;rzte an der &uuml;blichen Praxis der Einnahme von aufputschenden und leistungssteigernden Mitteln und Medikamenten trotz Dopinglisten und Verboten fest. Kontrollen wurden weder konsequent durchgef&uuml;hrt noch ernst genommen.</p>
<p>Eine &Auml;nderung des Dopingverhaltens und der Dopingmentalit&auml;t erfolgte erst, als sich der Staat in das Sport- und Dopinggeschehen einmischte. Diese Einmischung erfolgte auf zweierlei Art und Weise. Erstens durch spezifische Anti-Dopinggesetze, die in einigen L&auml;ndern schon fr&uuml;h erlassen wurden, beispielsweise in Frankreich und Italien, und die in den 1990er Jahren dazu f&uuml;hrten, dass w&auml;hrend der Tour de France Razzien gegen Doping durchgef&uuml;hrt wurden, die beinahe zum Ende dieses Radsportereignisses gef&uuml;hrt h&auml;tten. Zweitens f&uuml;hrten diese Dopingskandale im neuen Jahrhundert zur Gr&uuml;ndung der WADA und der nationalen Anti-Dopingkommissionen (NADA). Mit der Gr&uuml;ndung dieser Agenturen verlagerten sich die Verantwortung und Kontrolle von Dopingvergehen im Sport von den Sportverb&auml;nden mit dem IOC an der Spitze hin zu den Staaten. Der Kampf gegen Doping im Sport ist nun nicht mehr nur eine Angelegenheit des Sports, sondern auch der staatlichen Politik und der Steuerzahler; denn die Finanzierung der WADA und der NADAs und damit die Finanzierung der Dopingkontrollen erfolgt zu wesentlichen Teilen und in vielen L&auml;ndern ausschlie&szlig;lich aus Steuermitteln.</p>
<h2 class="auto-created">Resumee</h2>
<p>Die Dopingthematik verdeutlicht, dass der Sport seinen Charakter als mehr oder weniger private Eigenwelt eingeb&uuml;&szlig;t hat.[51] Er steht nicht mehr f&uuml;r sich, sondern ist Teil von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Zumindest scheint dies auf den Hochleistungssport zuzutreffen. Er steht f&uuml;r den &bdquo;Geist des Kapitalismus&ldquo;, f&uuml;r Leistung, Konkurrenz und Chancengleichheit. F&uuml;r ihn gelten sowohl die spezifischen Regeln der jeweiligen Sportart als auch die Regeln des Kapitalismus. Hochleistungssportler betreiben Sport nicht als Hobby, sondern als Beruf. Wenn Hobby- und Freizeitsportler Drogen, Medikamente oder sonstige leistungssteigernde Mittel und Medikamente einnehmen, wie dies massenhaft der Fall ist, entspricht das zwar nicht dem Geist eines fairen Sports, der der Gesundheit dienlich sein soll; aber es wird nicht kontrolliert und auch nicht sanktioniert. Dopende Freizeitsportler verhalten sich dabei nicht anders als Menschen, die leistungssteigernde Mittel und Medikamente in anderen Lebenszusammenh&auml;ngen einnehmen. Solange sie dies nicht im Stra&szlig;enverkehr oder am Arbeitsplatz tun, ist das auch nicht verboten.</p>
<p>Professionelle Hochleistungssportler handeln jedoch nicht als Privatpersonen, sondern als &ouml;ffentliche Personen, die die Regeln ihres Berufs einhalten m&uuml;ssen.</p>
<p>Der professionelle Spitzensport unterliegt heute mehr denn je den Prinzipien unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Er ist auf Konkurrenz, Wachstum und Steigerung angelegt: Citius, altius, fortius. Allerdings handelt es sich um einen regulierten Wachstumsmarkt. Nicht alle Mittel zur Steigerung sind erlaubt. Die Versuchung wird deshalb weiterhin bestehen, gegen diese Regeln zu versto&szlig;en, um sich Vorteile in diesem Wettbewerb zu verschaffen. Doping wird auch in Zukunft ein Bestandteil des Sports bleiben, genauso wie dies f&uuml;r andere kriminelle Delikte in anderen Bereichen unserer Wirtschaft und Gesellschaft zutrifft. Staat und Sport werden deshalb, wie Sysyphos im Mythos, ihre Aufgabe nie erledigen k&ouml;nnen, ihre Regeln zu pr&uuml;fen, deren Einhaltung zu kontrollieren und Verst&ouml;&szlig;e gegen die Regeln zu sanktionieren.</p>
<p><b>PROF. DR.&nbsp;MICHAEL KR&Uuml;GER</b><i>&nbsp;&nbsp; ist Professor f&uuml;r Sportwissenschaften mit den Schwerpunkten Sportp&auml;dagogik und Sportgeschichte am Institut f&uuml;r Sportwissenschaft der WWU M&uuml;nster. Er forscht und lehrt zu historisch-politischen sowie p&auml;dagogisch-sozialen und ethischen Fragen und Problemen der Sportentwicklung. Zahlreiche Publikationen und Lehrb&uuml;cher; aktuelle Forschungsprojekte zur Geschichte des Dopings sowie zur Geschichte der Sportmedizin in Deutschland. J&uuml;ngste Ver&ouml;ffentlichungen: Visual Sources in the History of Sports: Potential, Problems, and Perspectives with Selected Examples of Sporting Art. In: Historical Social Research, 43(2/2018), S. 72-91; German fu&szlig;ball-recent developments and origins. In: German Journal of Exercise and Sport Research, 48(2/2018), S. 1-9 (gemeinsam mit Herzog Markwart &amp; Reinhart Kai).</i></p>
<h2 class="auto-created">Literaturverzeichnis</h2>
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<p>Kr&uuml;ger, Michael; Becker, Christian; Nielsen, Stefan; Reinold, Marcel (2014): Doping und Anti-Doping in der Bundesrepublik Deutschland 1950 bis 2007. Genese, Strukturen, Politik. Hildesheim: Arete Verlag.</p>
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<p>Lenk, Hans (1979): &#8222;M&uuml;ndiger Athlet&#8220; und &#8222;demokratisches Training&#8220;. In: Hartmut Gabler, Hans Ebersp&auml;cher, Erwin Hahn, Jan Kern und Guido Schilling (Hg.): Praxis der Psychologie im Leistungssport. 1. Auflage. Berlin, M&uuml;nchen, Frankfurt a.M.: Verlag Bartels &amp; Wernitz KG (Trainerbibliothek, Band 19), S. 483&ndash;503.</p>
<p>Lenk, Hans (1984): The Essence of Olympic Man: Toward an Olympic Philosophy and Anthropology. In: <i>International Journal of Physical Education</i> 21 (2), S. 13.</p>
<p>Ljungquist, Arne (2002): Pharmakologische Manipulation der sportlichen Leistung. Ist das Hase-Igel-Rennen unendlich? In: Helmut Digel und Hans Hermann Dickhuth (Hg.): Doping im Sport. T&uuml;bingen: Attempto-Verlag (Sport in der heutigen Zeit, 2), S.&nbsp;77&ndash;86.</p>
<p>Maennig, Wolfgang (2003): From the Mature Athlete to the Homo Sportivus Oeconomicus. In: Michael Kr&uuml;ger (Hg.): Menschenbilder im Sport. Schorndorf: Hofmann (Reihe Sportwissenschaft, 32), S. 174&ndash;193.</p>
<p>Meutgens, Ralf (Hg.) (2007): Doping im Radsport. Bielefeld: Delius Klasing Verl.</p>
<p>Moller, Verner; Waddington, Ivan; Hoberman, John M. (Hg.) (2015): Routledge handbook of drugs and sport. London: Routledge.</p>
<p>M&oslash;ller, Verner; Dimeo, Paul (2013): Anti-doping &ndash; the end of sport. In: <i>International Journal of Sport Policy and Politics</i>, S. 1&ndash;14. DOI: 10.1080/19406940.2013.798740.</p>
<p>Nationales Olympisches Komitee f&uuml;r Deutschland (Hg.) (1982): Der Kongre&szlig;. Berichte und Dokumente zum 11. Olympischen Kongre&szlig;, Baden-Baden 1981. Unter Mitarbeit von Christoph Vedder (Red.). 11. Olympischer Kongre&szlig;. Baden-Baden, 23.09. &#8211; 26.09.1981. M&uuml;nchen: NOK.</p>
<p>Pieper, Werner (Hg.) (2002): Nazis on Speed. Drogen im 3. Reich. L&ouml;hrbach: Pieper und The Gr&uuml;ne Kraft.</p>
<p>Pr&uuml;ller, Heinz (1970): Weisser Lorbeer. Die Karl-Schranz-Story. Wien: Express V.</p>
<p>R&auml;tsch, Christian; Hofmann, Albert (2008): Pflanzen der Liebe. Aphrodisiaka in Mythos, Geschichte und Gegenwart ; mit Rezepten und praktischen Anwendungen. Essen: Magic-Bookworld-Verl.</p>
<p>Reinold, Marcel (2010): Doping. In: Michael Kr&uuml;ger und Hans Langenfeld (Hg.): Handbuch Sportgeschichte. Schorndorf: Hofmann (Beitr&auml;ge zur Lehre und Forschung im Sport, 173), S. 362&ndash;377.</p>
<p>Reinold, Marcel (2016): Doping als Konstruktion. Eine Kulturgeschichte der Anti-Doping-Politik. 1st ed. Bielefeld: Transcript Verlag (Histoire, v.104). Online verf&uuml;gbar unter <a href="https://ebookcentral.proquest.com/lib/gbv/detail.action?docID=4818970" target="_blank" rel="noopener">https://ebookcentral.proquest.com/lib/gbv/detail.action?docID=4818970</a>.</p>
<p>Sch&auml;fer, Josef Hermann (2003): Ministerialrat Dr. med. Arthur Mallwitz (1880-1968). Ein Leben f&uuml;r Sport, Sportmedizin und Gesundheitsvorsorge: eine Aufarbeitung seines Nachlasses. Essen: Datext.</p>
<p>Veblen, Thorstein (2011): Theorie der feinen Leute (Original: Theory of the Leisure Class, 1899). Eine &ouml;konomische Untersuchung der Institutionen. 2. Aufl., ungek&uuml;rzte Ausg. Frankfurt, M.: Fischer-Taschenbuch-Verl. (Fischer, 17625).</p>
<p>Waddington, Ivan; Hoberman, John Milton; M&oslash;ller, Verner (Hg.) (2015): Routledge handbook of drugs and sport. London: Routledge (Routledge International Handbooks). Online verf&uuml;gbar unter <a href="http://search.ebscohost.com/login.aspx?AN=1016433&amp;db=nlebk&amp;direct=true&amp;scope=site" target="_blank" rel="noopener">http://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&amp;scope=site&amp;db=nlebk&amp;AN=1016433</a>.</p>
<p>Weber, Max (2015): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Vollst. Ausg., 2. Aufl. Hamburg: Nikol.</p>
<p>Wheeler, Robert W. (1979): Jim Thorpe. World&#8217;s Greatest Athlete. Rev. ed. Norman, London: University of Oklahoma Press.</p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>1. Vorwort des WADA-Strategieplanes 2014, <a href="https://www.wada-ama.org/en/resources/world-anti-doping-program/strategic-plan" target="_blank" rel="noopener">https://www.wada-ama.org/en/resources/world-anti-doping-program/strategic-plan</a> (Zugriff 19.2.2018).</p>
<p>2. Kr&uuml;ger und Nielsen; Waddington et al. 2015.</p>
<p>3. <a href="https://www.sportschau.de/doping/geheimsache-doping102.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.sportschau.de/doping/geheimsache-doping102.html</a> (Zugriff 8.3.2018)</p>
<p>4. Der Topathlet als &bdquo;gl&auml;serner&ldquo; Mensch ist seit Jahren zu einem Topos der Doping- und Anti-Doping Berichterstattung geworden, z.B. <a href="https://www.welt.de/sport/article152973429/Die-einzigartige-Tortur-der-deutschen-Topathleten.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.welt.de/sport/article152973429/Die-einzigartige-Tortur-der-deutschen-Topathleten.html</a> (Zugriff 22.2.2018).</p>
<p>5. Dieser Begriff geht auf Hans Lenk zur&uuml;ck (Lenk 1979); s. auch Maennig 2003, der als Alternative zum m&uuml;ndigen zwar nicht den gl&auml;sernen Athleten (athleta vitreus), sondern den Homo Sportivus Oeconomicus sah.</p>
<p>6. M&oslash;ller und Dimeo 2013</p>
<p>7. Aus der inzwischen beinahe un&uuml;berschaubaren Anzahl an j&uuml;ngeren Publikationen seien als &Uuml;berblickswerke genannt: M&oslash;ller et al. 2015 und Dresen et al. 2015. Die gr&uuml;ndlichste historisch-soziologische Einzelstudie stammt von Reinold 2016. Siehe au&szlig;erdem eigene Studien Kr&uuml;ger et al. 2014; Kr&uuml;ger et al. 2015; grundlegend ist die Pionierarbeit von Hoberman 1994.</p>
<p>8. Reinold 2016</p>
<p>9. Pieper 2002</p>
<p>10. Goodman 1995</p>
<p>11. Sch&auml;fer 2003</p>
<p>12. Im Folgenden nach Reinold 2016, bes. S. 71-124.</p>
<p>13. Reinold 2016, S. 90/91.</p>
<p>14. Grupe 2002, hier S. 60.</p>
<p>15. Deutscher Sportbund (DSB) 1977</p>
<p>16. Lenk 1984</p>
<p>17. Lenk 1979</p>
<p>18. Reinold 2016, S. 97</p>
<p>19. Dimeo 2013</p>
<p>20. Fotheringham 2007</p>
<p>21. Ljungquist 2002</p>
<p>22. Guttmann 2004</p>
<p>23. Das Gesetz gegen Doping im Sport (Anti-Doping-Gesetz &#8211; AntiDopG) wurde im Dezember 2015 vom Deutschen Bundestag verabschiedet.</p>
<p>24. Breivik 2003; Gilberg et al. 2007</p>
<p>25. Herzog 2018; R&auml;tsch und Hofmann 2008</p>
<p>26. Testosteron als k&ouml;rpereigenes m&auml;nnliches Geschlechtshormon war lange Zeit nicht nachweisbar, wenn es im Sport als anaboles Dopingmittel eingesetzt wurde. Zu den aus dieser sportlichen Sicht unerw&uuml;nschten Nebenwirkungen bei M&auml;nnern und Frauen geh&ouml;ren gravierende Auswirkungen auf die Sexualit&auml;t.</p>
<p>27. Kl&auml;ber 2010</p>
<p>28. Latzel 2009</p>
<p>29. Reinold 2010; Kr&uuml;ger 2006; Meutgens 2007</p>
<p>30. Blickensd&ouml;rfer und Baumann 1997, S. 19-27.</p>
<p>31. Kr&uuml;ger 2006, S. 331.</p>
<p>32. Krockow 1980</p>
<p>33. Adorno 2003, S. 79; Kr&uuml;ger 2004</p>
<p>34. Weber 2015</p>
<p>35. Krockow 1990, S. 286-288</p>
<p>36. Wheeler 1979</p>
<p>37. Pr&uuml;ller 1970</p>
<p>38. Nationales Olympisches Komitee f&uuml;r Deutschland 1982</p>
<p>39. Adorno 2003 berief sich in seiner kapitalistischen Kulturkritik auf Veblen 2011</p>
<p>40. Coubertin und Daume 1996, S. 18/19.</p>
<p>41. Holt 1993, S. 98-116.</p>
<p>42. Coubertin und Daume 1996, S. 17.</p>
<p>43. Coubertin 1967, S. 151.</p>
<p>44. Coubertin 1974, darin Coubertins Rede &uuml;ber die &bdquo;Philosophie des D&eacute;brouillard&ldquo; am 30. Juli 1907 anl&auml;sslich der Verleihung des &bdquo;Diplom des D&eacute;brouillards&ldquo; des &bdquo;Sport Populaires&ldquo; an der Sorbonne in Paris, S. 169-174.</p>
<p>45. Hojer et al. 1972, S. 113.</p>
<p>46. Brundage hielt deshalb auch an der Idee Coubertins vom Sport als einer religio athletae fest Brundage et al. 1971</p>
<p>47. Diem 1960, S. 25.</p>
<p>48. Kr&uuml;ger et al. 2015, S. 62/63.</p>
<p>49. British Olympic Council 1908, S. 72.</p>
<p>50. Kr&uuml;ger 2006</p>
<p>51. Kr&uuml;ger 2005, S. 172-180.</p>
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		<title>Staatliches Zwangsdoping mit System</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 20:50:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Dopingsystem im DDR-Leistungssport und die Schwierigkeiten seiner Aufarbeitung. In: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 55-59 Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wurde sie fortan von der Staatssicherheit mit Zersetzungsma&#223;nahmen belegt. Bei einer Blinddarmoperation wurde ihr im Auftrag der Stasi die Bauchmuskulatur durchschnitten, so dass sie im Jahr 1985 ihre Sportler-Karriere abbrechen musste. Nach der Wende engagierte [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Dopingsystem im DDR-Leistungssport und die Schwierigkeiten seiner Aufarbeitung. In: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 55-59</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/geipel1.jpeg" target="_blank" rel="noopener"><img decoding="async" class="alignnone wp-image-3908 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/geipel1-600x398.jpeg" alt="Staatliches Zwangsdoping mit System" width="600" height="398" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/geipel1-600x398.jpeg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/geipel1-1000x664.jpeg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/geipel1-768x510.jpeg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/geipel1-800x531.jpeg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/geipel1-450x299.jpeg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/geipel1.jpeg 1280w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a></span></p>
<p class="news-single-imgcaption">
</div>
<p><i>Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wurde sie fortan von der Staatssicherheit mit Zersetzungsma&szlig;nahmen belegt. Bei einer Blinddarmoperation wurde ihr im Auftrag der Stasi die Bauchmuskulatur durchschnitten, so dass sie im Jahr 1985 ihre Sportler-Karriere abbrechen musste. Nach der Wende engagierte sich Geipel f&uuml;r die rechtsstaatliche Aufarbeitung des DDR-Zwangsdopings, dem sie als Jugendliche selbst unterworfen war. Geipel trat im Berliner Hauptprozess um das DDR-Zwangsdoping als Nebenkl&auml;gerin auf, wurde als DDR-Dopingopfer anerkannt und engagiert sich heute im Verein Doping-Opfer-Hilfe e.V., den sie seit f&uuml;nf Jahren leitet. Der Verein vertritt die Interessen der Doping-Gesch&auml;digten und listet derzeit rund 1.500 Betroffene. </i></p>
<p>755 Olympiamedaillen, 768 Weltmeister- und 747 Europameistertitel &#8211; die Erfolgsbilanz der DDR aus vierzig Jahren Sportgeschichte kann sich sehen lassen. Sie brachte dem kleinen Land viel Ruhm, Anerkennung und Jubel ein, pr&auml;gte seine Identit&auml;t. Doch so viel Sportwunderwerk verlangt auch nach Erkl&auml;rung. Der Welt wie der ostdeutschen Bev&ouml;lkerung wurde Glauben gemacht, dass es das herausragende F&ouml;rdersystem des Landes, seine einzigartigen Trainingskonzepte, die un&uuml;bertroffene Betreuung der Athleten, aber auch die besondere Aufmerksamkeit des Staates, mithin die &Uuml;berzeugung des Sozialismus seien, die das Sportwunder m&ouml;glich machten. M&auml;rchen sind das eine, die Sportrealit&auml;t der DDR sah anders aus.</p>
<p>Wie Dokumente der Staatssicherheit belegen, beschloss die DDR-Regierung 1974 den geheimen Staatsplan 14.25, der faktisch nichts anderes als ein fl&auml;chendeckendes Zwangsdoping von ann&auml;hernd 15.000 Kaderathleten bedeutete. Verantwortlich f&uuml;r den &#8222;Staatsplan Sieg&#8220; war die Hauptabteilung XX/3 der Staatssicherheit. Zu ihren Aufgaben geh&ouml;rten die strenge Geheimhaltung sowie in weiten Teilen auch die Organisation des staatlichen Dopingprogramms, die Observation und &#8222;Zersetzung&#8220; systemkritischer Athleten, die &Uuml;berwachung illegaler Dopingforschung, die Verhinderung der Flucht prominenter Athleten bzw. sogenannter Geheimnistr&auml;ger, die absolute Kontrolle bei internationalen Sportmeetings sowie auch internationale Sport-Spionage. In der DDR-Gesellschaft hatte der Sportbereich seine Eigenheiten: Medaillen trugen zum besseren Image des Systems bei, viele Medaillen versprachen entsprechend viel Systemimage. Insofern entwickelte der Geheimdienst ab 1974 zahlreiche Aktivit&auml;ten um den illegalen Plan 14.25 herum. Nichts wurde dem Zufall &uuml;berlassen. So wie das Dopingsystem mit den Jahren immer weiter entglitt, explodierte auf der anderen Seiten die Zahl der Stasi-Spitzel im Sport. Arbeiteten 1972 etwa zehn Prozent der DDR-Olympioniken dem Geheimdienst zu, waren es 1976 in Montreal 14 Prozent, 1980 in Lake Placid 20 Prozent und 1984 in Sarajevo bereits 25 Prozent. Das Spitzelsystem im DDR-Hochleistungssport z&auml;hlte in den 1980er Jahren ann&auml;hernd 3.000 Stasi-Zutr&auml;ger.</p>
<p>Auch in Sachen Doping ging es ab 1974 allein um Maximierung. F&uuml;r diesen rabiaten Kurs setzte Stasi-Chef Erich Mielke keinen geringeren als den Leiter des Finanzimperiums &#8222;Kommerzielle Koordinierung&#8220; (KoKo), Alexander Schalck-Golodkowski, ein und betraute ihn mit der Restrukturierung des ostdeutschen Spitzensports. Dieser legte Mielke Mitte der 1980er Jahre ein Konzept zur Umstrukturierung der Sportmedizinischen Dienstes &ndash; zun&auml;chst des SC Dynamo Berlin &ndash; vor, das binnen kurzem zur Generallinie f&uuml;r den Hochleistungssport im ganzen Land wurde. Schalck-Golodkowski entwarf das Modell des Athleten als einer &#8222;<i>echten sozialistischen Gemeinschaftsarbeit</i>&#8222;, der in der &#8222;<i>Einheit zwischen Sportfunktion&auml;r, Wissenschaft und Produktion</i>&#8220; fabriziert werden sollte. &#8222;<i>Die Zersplitterung der wissenschaftlich-praktischen Kapazit&auml;ten ohne einheitliche und koordinierende Leitung</i>&#8222;, schrieb er, &#8222;<i>f&uuml;hrt zu erheblichen Effektivit&auml;tsverlusten. Das wirkt sich in der Industrie &ndash; nur so will ich das vergleichen &ndash; im gleichen Sinn negativ aus.&#8220;</i></p>
<p>Der effiziente DDR-Maschinenathlet als Ideal f&uuml;r den zuk&uuml;nftigen Drogensport. In diesem Sinne wurde f&uuml;r das Olympiajahr 1984, in dem die DDR mit dem ersten Platz der L&auml;nderwertung in Los Angeles lieb&auml;ugelte, eine neue &#8222;&Uuml;berbr&uuml;ckungsma&szlig;nahme&#8220; f&uuml;r Sporth&ouml;hepunkte durchgesetzt. Das geheime Forschungsinstitut f&uuml;r K&ouml;rperkultur und Sport (FKS) in Leipzig hatte mittels Computer exakte Zeitpl&auml;ne f&uuml;r Athleten erstellt, um die mittlerweile international eingef&uuml;hrten Steroid-Kontrollen durch &#8222;<i>genau errechnete und erprobte Dosen von Testosteron und Epitestosteron, intramuskul&auml;r gespritzt, zu &uuml;berbr&uuml;cken.</i>&#8220; Das hei&szlig;t: zu umgehen. Schalck schlug vor, die notwendigen Ger&auml;te sofort im Westen anzukaufen, um auf diesem Weg die &#8222;<i>wissenschaftlich-feindliche Haltung, speziell der Leistungsmediziner</i>&#8220; auszubremsen. Auch aus diesem Grund erh&ouml;hte sich der Valutabedarf f&uuml;r den DDR-Sport in den 1980er Jahren rapide: zwischen 1985 und 1987 von 6,8 auf 12,2 Millionen. Viel Geld f&uuml;r ein marodes Land.</p>
<p>Doch im inneren Zirkel der Sportmacht ging es l&auml;ngst um Explosiveres: Der &#8222;<i>Ruf nach der Wunderwaffe</i>&#8220; war laut geworden. Das meinte nicht mehr Steroide allein, sondern Wachstumshormone, Gendoping, EPO, Blutdoping, Psychopharmaka und speziell f&uuml;r den einzelnen Athleten entwickelte und genau abgestimmte Substanzkombinationen. Bereits am 1.12.1983 hatte IM &#8222;Technik&#8220; alias Dr. Manfred H&ouml;ppner, Chefinitiator des DDR-Staatsdopings, seinem F&uuml;hrungsoffizier &uuml;ber eine v&ouml;llig neue Substanz berichtet: Somatropin. &#8222;<i>Ausgehend von Ver&ouml;ffentlichungen in der Westpresse erkl&auml;rte der IM, dass es sich bei diesem Pr&auml;parat um ein sogenanntes Wachstumshormon handelt. Das Pr&auml;parat findet schon mehrere Jahrzehnte Anwendung in der Medizin bei kleinw&uuml;chsigen Menschen, um deren Wachstumsprozess zu beeinflussen. Bei nicht richtiger Anwendung bzw. &uuml;berh&ouml;hten Dosierungen kann es dabei zu Missbildungen bestimmter K&ouml;rperteile kommen.</i>&#8220; Knapp vier Wochen sp&auml;ter war das Pr&auml;parat im Land, und H&ouml;ppner erkl&auml;rte lapidar: &#8222;<i>Das Pr&auml;parat Somatropin wird gegenw&auml;rtig gepr&uuml;ft</i>.&#8220; Die Pr&uuml;fung fand in Kreischa, am Zentralinstitut des Sportmedizinischen Dienstes statt, das gleichzeitig zentrales DDR-Doping-Kontrolllabor war. Aus Somatropin wurde das DDR-Pr&auml;parat Sotropin H. entwickelt, das Wintersportlern ins l&auml;dierte Knie oder minderj&auml;hrigen Turnerinnen und Schwimmerinnen ins R&uuml;ckenmark gespritzt wurde. Diese Substanzen waren kreuzgef&auml;hrlich, sie wurden aus den Hirnanhangsdr&uuml;sen von Leichen gewonnen. Die &Auml;rzte in Kreischa aber zeigten sich erfreut &uuml;ber den Behandlungserfolg.</p>
<p>Doch auch Somatropin oder Sotropin H reichten nicht aus. Am 2.5.1985 schrieb F&uuml;hrungsoffizier &#8222;Erich&#8220; nach einem Bericht von H&ouml;ppner: <i>&#8222;Der IM informierte &uuml;ber das Forschungsprogramm und den dazu einbezogenen Personenkreis. Dar&uuml;ber hinaus sind noch ca. 100 Aktive im Rahmen der angewandten Untersuchung einbezogen, jedoch sind diese nicht dar&uuml;ber informiert, dass es sich um Forschungsprobleme handelt bzw. davon, was sie tats&auml;chlich bekommen. Ihnen wurde lediglich gesagt, dass die Untersuchungen dem Zwecke der Erarbeitung einer wissenschaftlichen Arbeit dienen und deshalb w&ouml;chentlich dar&uuml;ber berichtet werden muss, welche Erscheinungen und Empfindungen bei ihnen aufgetreten sind.&#8220;</i></p>
<p>Unklar bleibt, welche Mittel bei der hochkar&auml;tigen Studie an den Athleten zum Einsatz kamen. Seit Mitte der 1980er Jahre existieren in H&ouml;ppners IM-Akten immer wieder Berichte zu Forschungen au&szlig;erhalb des &#8222;Staatsplans 14.25&#8220;, so etwa eine Mitteilung aus dem Jahr 1986: <i>&#8222;Am 25.6.1986 fand im Sporthotel eine interne Beratung &uuml;ber Probleme der Verbesserung der Sauerstoffversorgung bei Leistungssportlern statt. Es muss davon ausgegangen werden, dass zumindest ab dem Zeitpunkt dieser Beratung der angef&uuml;hrte Personenkreis Kenntnis dar&uuml;ber erhielt, dass man sich im Leistungssport der DDR mit dem Gedanken des Blutdopings besch&auml;ftigt. In diesem Zusammenhang muss beachtet werden, dass seit April 1986 das Blutdoping auf der Verbotsliste der Medizinischen Kommission des IOC steht, in Auswertung der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles. Die gegenw&auml;rtigen Untersuchungen auf diesem Gebiet laufen au&szlig;erhalb des Staatsplanthemas 14.25.&#8220;</i></p>
<p>Tatsache ist, dass das perfektionierte Dopingsystem der DDR in den 1980er Jahren erodierte: Bis zu 20 Prozent der Sport&auml;rzte, insbesondere Frauen, gaben ihr Berufsfeld auf. Auch der Widerstand unter den Athleten gegen die zwangsverordneten Substanzeinnahmen wuchs. Andererseits verweisen die Unterlagen des Geheimdienstes f&uuml;r den genannten Zeitraum auf einen Sprung in eine neue Doping-&Auml;ra: illegale Versuche am Menschen, ungepr&uuml;fte Kombinationen verschiedenster Substanzen, Blutdoping, Amphetamine; weiterhin Oral-Turinabol und das nie auf den Medikamentenlisten der DDR verzeichnete, nur f&uuml;r den DDR-Sport produzierte STS 646; ferner reines Testosteron, Weckamine, Diuretika, Betablocker, psychotrope Substanzen, Nasensprays mit Androstendion, Opiate, Wachstumshormone. Die Liste war endlos. Die Folgen des chemische Cocktails, der den Athleten ohne jede Information verabreicht wurde, waren immer weniger absehbar. Von der urspr&uuml;nglichen Konzeption eines zentralistisch gesteuerten Dopingsystems im DDR-Leistungssport war nur wenig &uuml;brig geblieben. &Uuml;ber das Land hatten sich l&auml;ngst Drogenringe gebildet, finanziert von der Staatssicherheit und besonders agilen SED-Bezirksleitungen, betrieben von notorisch siegeshungrigen Sportclubs, von pr&auml;mienabh&auml;ngigen Trainern, mitunter auch von erfolgreichen Athleten, die vermeintlich weicheres Doping aus dem Westen mitbrachten, um es in Valuta umzurubeln.</p>
<p>Um aufzukl&auml;ren, mit welchen sowjetischen Pr&auml;paraten das DDR-Sportsystem in den 1980er Jahren hantierte, bed&uuml;rfte es Forschungen in russischen Archiven. Dasselbe gilt f&uuml;r rum&auml;nische oder bulgarische Archive, die ebenso wenig erforscht sind. Schon wegen H&ouml;ppners eigener IM-Akte &ndash; 1986 der letzte Bericht; der vierte, bis heute verschwundene Band im Mai 1987 angelegt; die gesamte Akte erst 1989 verplombt &ndash; muss seine Aussage aus dem Jahr 1990 ernst genommen werden: <i>&#8222;Nach dem Fall der Mauer wurde die Parole ausgegeben, s&auml;mtliche belastenden Papiere zu vernichten. Der nur m&uuml;ndlich weitergegebene Befehl kam von ganz oben. Zwischen November 1989 und April 1990 wanderten fast alle Dokumente in den Rei&szlig;wolf.&#8220;</i> (Stern Nr. 49 v. 29.11.1990, S.&nbsp;203b)</p>
<p>Bislang sind erst etwa 50 Prozent der Stasiunterlagen zum DDR-Sport ausgewertet worden. Mit dem &Ouml;ffnen der Archive nach 1989 fiel das vermeintliche Sportwunder DDR wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und es wurde sichtbar, wie viele Opfer das System produziert hatte. Nach DDR-internen Sch&auml;tzungen ging man im Hinblick auf den Staatsplan 14.25 davon aus, dass bei 20 Prozent der Sportlerinnen und Sportler irreversible Sch&auml;den aufgetreten waren. Trotz dieses Wissens wurde die kriminelle Praxis jedoch nicht eingeschr&auml;nkt, sondern im Gegenteil sogar noch radikalisiert. Vors&auml;tzliche K&ouml;rperverletzungen sowie geheime Forschungen am Menschen waren zum staatlichen Auftrag erkl&auml;rt worden. So berichten Gesch&auml;digte heute u. a., dass sie in speziellen Forschungsklassen, in den Sportclubs, aber auch am illegalen Forschungsinstitut FKS Leipzig vor allem in den 1980er Jahren f&uuml;r zahllose Menschenversuche herhalten mussten. Und sie berichten auch, was sich unterhalb des vermeintlich legitimen Staatsplans 14.25 im DDR-Sport ereignete: k&ouml;rperliche Gewalt, Sadismus, sexueller Missbrauch und alle erdenklichen Formen von psychischer Vereinnahmung. Die physischen, psychischen und sozialen Sch&auml;den werden aufgrund des nach wie vor verbreiteten Schweigens im organisierten Sport erst heute in ihrem ganzen Umfang sichtbar.</p>
<h2 class="auto-created">Bekannte Doping-Sch&auml;&shy;di&shy;gungen bei Einnahme von anabolen Steroiden</h2>
<p><b>F&uuml;r beide Geschlechter:</b></p>
<ul>
<li>Organst&ouml;rungen (v.a. Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldr&uuml;se, Niere, Magen, Darm)</li>
<li>pathologische Herzvergr&ouml;&szlig;erungen (Hypertrophie) sowie dadurch augel&ouml;ste St&ouml;rungen (&#8222;pl&ouml;tzlicher&#8220; Herztod, Herzinfarkte, Herzinsuffizienz, Herzrhythmusst&ouml;rungen)</li>
<li>Leberfunktionsst&ouml;rungen</li>
<li>Tumore (v.a. an Leber, Brust, Geb&auml;rmutter, Hoden, Blut)</li>
<li>Stoffwechsel- und Blutkreislaufsch&auml;den, Kardiomyopathien, Thromben, Venenverschl&uuml;sse, gest&ouml;rte Lymphsysteme, Bluthochdruck</li>
<li>Haut-Steroidakne, Talgdr&uuml;sen-Zysten, Follikel-Entz&uuml;ndungen</li>
<li>Asthma und Autoimmunerkrankungen</li>
<li>schwere Gelenksch&auml;den (v.a. H&uuml;fte, Knie, Arm und Hand), Sch&auml;den an Wirbels&auml;ule und Halswirbeln</li>
<li>Muskelspannung (&#8222;Hartspann&#8220;), Kr&auml;mpfe, Zerrungen und Muskelrisse</li>
<li>gesch&auml;digtes Blutbildungssystem (benigner Tumor)</li>
<li>Polyneuropathien</li>
<li>chronisches Ersch&ouml;pfungssyndrom, Rebound-Ph&auml;nomene</li>
<li>psychische Sch&auml;digungen: erh&ouml;hte Aggressivit&auml;t, aggressiver Zerst&ouml;rungswahn, Angstst&ouml;rungen, dissoziative St&ouml;rungen, Panikattacken, Suchterkrankungen (h&auml;ufig Bulimie, Alkoholismus, Drogen, Tablettenabh&auml;ngigkeit), Depressionen, Borderline-St&ouml;rungen, Bipolarit&auml;t, Psychosen, chronifizierte Suizidalit&auml;t</li>
</ul>
<h2 class="auto-created">M&auml;dchen und Frauen</h2>
<ul>
<li>ver&auml;nderte Geschlechtsorgane (u.a. Uterusatrophie, Klitoris-Hypertrophie, Reduktion der Br&uuml;ste)</li>
<li>Menstruationsst&ouml;rungen</li>
<li>Mammakarzinom</li>
<li>exzessive Libidosteigerung</li>
<li>m&auml;nnliche K&ouml;rperbehaarung, Stimmvertiefung</li>
<li>Fehlgeburten und Kinderlosigkeit</li>
<li>Sch&auml;den in der 2. Generation (v.a. Deformationen von Organen, H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en), Skelettsch&auml;den (Klumpf&uuml;&szlig;e)</li>
</ul>
<h2 class="auto-created">Jungen und M&auml;nner</h2>
<ul>
<li>ver&auml;nderte Geschlechtsorgane (z.B. R&uuml;ckbildung des Hoden)</li>
<li>Prostata-Karzinome</li>
<li>gest&ouml;rte Spermienproduktion</li>
<li>Gyn&auml;komastie (vergr&ouml;&szlig;erte, weiblich erscheinende Brust)</li>
</ul>
<p><b>INES GEIPEL</b><i>&nbsp;&nbsp; Jahrgang 1960, wuchs in Sachsen bzw. Th&uuml;ringen auf und betrieb als Jugendliche Leistungssport in der DDR. Anfang der 1980er Jahre geh&ouml;rte sie der DDR-Leichtathletik-Nationalmannschaft an und stellte 1984 gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen vom SC Motor Jena mit 42,20&nbsp;s einen Vereins-Weltrekord &uuml;ber 4 &times; 100 Meter auf.</i></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/staatliches-zwangsdoping-mit-system-1/">Staatliches Zwangsdoping mit System</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Das Strafrecht als scharfes Schwert bei der Sanktionierung von Doping?</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 20:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 61-73 Verst&#246;&#223;e gegen das Doping-Verbot im kommerziellen Leistungssport wurden bisher in erster Linie durch die Sportverb&#228;nde geahndet und verfolgt: Den gedopten Sportlern drohen Geldstrafen, zeitweise oder gar lebenslange Sperren. Welche Funktion kann es haben, die Beteiligung Dritter bzw. dopende Sportler selbst auch noch mit strafrechtlichen Mitteln zu belangen? Martin [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 61-73</p>
<p><i>Verst&ouml;&szlig;e gegen das Doping-Verbot im kommerziellen Leistungssport wurden bisher in erster Linie durch die Sportverb&auml;nde geahndet und verfolgt: Den gedopten Sportlern drohen Geldstrafen, zeitweise oder gar lebenslange Sperren. Welche Funktion kann es haben, die Beteiligung Dritter bzw. dopende Sportler selbst auch noch mit strafrechtlichen Mitteln zu belangen? Martin Heger unterzieht die Schutzzwecke, die gesetzlichen Tatbestandsmerkmale sowie die Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit der gegenw&auml;rtigen Vorschriften des Anti-Doping-Gesetzes einer kritischen W&uuml;rdigung.</i></p>
<h2 class="auto-created">I. Krimi&shy;nal&shy;strafen als sch&auml;rfstes Schwert im staatlichen Sankti&shy;ons&shy;ar&shy;senal</h2>
<p>Gemeinhin gilt das (Kriminal-)Strafrecht als sch&auml;rfstes Schwert im Arsenal denkbarer staatlicher Sanktionsinstrumente. Und das gilt nicht nur f&uuml;r das deutsche Recht; auch die Europ&auml;ische Union geht bei der gelegentlich zwingenden Vorgabe von Kriminalstrafen davon aus, dass diese als besonders scharfe Sanktion anzusehen sind. Grund hierf&uuml;r ist die (Kriminal-)Strafe als das auf eine Straftat folgende Sanktionsmittel. Dass eine (Kriminal-)Strafe innerhalb des Kreises m&ouml;glicher Sanktionen eine in ihrer Wirkung herausgehobene Stellung einnimmt, zeigt sich vor allem in der M&ouml;glichkeit, nicht nur eine Geldsanktion, sondern stets auch eine Freiheitsstrafe zu verh&auml;ngen. Das macht einen wesentlichen Unterschied zum in seiner Struktur ansonsten durchaus verwandten Ordnungswidrigkeitenrecht aus, welches eben &#8222;nur&#8220; Bu&szlig;gelder vorsieht. Zwar kennt die Rechtsordnung durchaus andere F&auml;lle staatlich verordneter Eingriffe in die Fortbewegungsfreiheit &ndash; zu nennen sind etwa die Unterbringung in der Psychiatrie, Abschiebehaft, Untersuchungshaft (&sect;&sect; 112 ff. StPO) und Sicherungsverwahrung (&sect;&sect; 66 ff. StGB) -, doch ist &ndash; unabh&auml;ngig davon, ob solche Ma&szlig;nahmen (wie die beiden letztgenannten) ihrerseits einen unmittelbaren Bezug zum Strafrecht haben &ndash; festzuhalten, dass es hier stets um die Abwehr von Gefahren &ndash; sei es f&uuml;r die Allgemeinheit (wie gegen&uuml;ber gef&auml;hrlichen Personen), sei es f&uuml;r ein Verfahren (wie etwa bei Untersuchungshaft) &ndash; geht, nicht um die repressive Sanktionierung von bereits abgeschlossenem und als solchem rechtsf&ouml;rmig festgestellten Fehlverhalten.</p>
<p>Die (Kriminal-)Strafe ersch&ouml;pft sich nach verbreiteter Ansicht aber nicht nur in der Zuf&uuml;gung eines &Uuml;bels in Form des Entzugs von Verm&ouml;gen oder Freiheit als Folge eines vorausgegangenen rechtsf&ouml;rmig festgestellten Fehlverhaltens; dazu kommt vielmehr noch eine sozialethische Missbilligung dieses Verhaltens nach &ouml;ffentlicher Verhandlung &#8222;im Namen des Volkes&#8220;[1] als einer strafw&uuml;rdigen Tat. Da nach &sect; 46 StGB jede Kriminalstrafe tat- und schuldangemessen sein muss, bringt nicht blo&szlig; der Schuldspruch zum Ausdruck, dass der Verurteilte eine Straftat begangen hat;[2] die daf&uuml;r verh&auml;ngte Strafe zeigt an, wie schwer die Tat und die Schuld des Angeklagten wiegen. Damit stellt jede Kriminalstrafe als solche &ndash; und nicht blo&szlig; der Schuldspruch &ndash; ein sozialethisches Unwerturteil &uuml;ber das angeklagte Verhalten des T&auml;ters dar.[3] Vor diesem Hintergrund gilt eine (Kriminal-)Strafe auch dann als eine besonders scharfe Sanktion, wenn das mit ihr zugef&uuml;gte &Uuml;bel wie bei einer Geldstrafe oder einer zur Bew&auml;hrung ausgesetzten Freiheitsstrafe f&uuml;r den Betroffenen nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig f&uuml;hlbar ist.[4]</p>
<p>Eine Orientierung am <i>homo oeconomicus</i>, der auch die Strafe samt aller Verfahrenskosten schlicht in eine Gesamtsaldierung der Vor- und Nachteile der Begehung des strafbaren Verhaltens einstellt,[5] hat sich in Deutschland nicht durchsetzen k&ouml;nnen, weil aufgrund des besonderen Missbilligungscharakters, aber auch der h&ouml;chstpers&ouml;nlichen Wirkung einer Freiheitsstrafe der wirtschaftliche (Un-)Wert einer Strafe nicht blo&szlig; als rechnerisches Minus m&ouml;glichen Gewinnen aus der Straftatbegehung entgegengehalten werden kann.</p>
<h2 class="auto-created">II. Krimi&shy;nal&shy;strafen als &bdquo;scharfes Schwert&ldquo; gegen&uuml;ber gedopten Sportler_innen?</h2>
<p>Dieser Vorspann ist f&uuml;r das Anti-Doping-Strafrecht in mehrerlei Hinsicht von Belang. Einerseits konkurriert die Strafbarkeit von Selbstdoping mit dem seit den 1960er Jahren im Verbandsstrafrecht der Sportverb&auml;nde weltweiten System der Verbandssanktionen bzw. Verbandsstrafen. Neben auch hier m&ouml;glichen Geldstrafen sind in der Praxis vor allem Sperren vorgesehen. Dagegen ist die Disqualifikation eines Sportlers/einer Sportlerin, der/die &ndash; bewusst oder unwissentlich &ndash; mit unerlaubten leistungsf&ouml;rdernden Substanzen an einem sportlichen Wettkampf teilnimmt, keine repressive Sanktion f&uuml;r m&ouml;gliches Fehlverhalten und damit keine echte (Verbands-)Strafe, sondern vielmehr schlicht ein Mittel zur Korrektur eines irregul&auml;ren Wettkampfergebnisses, denn der sportliche Wettkampf beruht darauf, dass die Wettk&auml;mpfer_innen sich nur regelkonform beteiligen k&ouml;nnen. K&ouml;nnen oder wollen sie die Regeln in ihrer Person nicht einhalten, k&ouml;nnen sie am Wettkampf nicht teilnehmen; haben sie gleichwohl teilgenommen, muss dieser Regelversto&szlig; &ndash; losgel&ouml;st von einem Verschulden des/der Betroffenen &ndash; nach den Regularien des veranstaltenden Verbandes korrigiert werden, was eben im Normalfall durch eine Herausnahme des/der nicht regelkonform antretenden Sportlers/Sportlerin geschieht. Eine Erstsperre des/der des Dopings &uuml;berf&uuml;hrten Sportlers/Sportlerin von&nbsp; zwei Jahren und eine lebenslange Sperre im Wiederholungsfall ist demgegen&uuml;ber eine echte (Verbands-)Strafe, weil sie auch dann gelten soll, wenn der/die Sportler_in durch fr&uuml;heres Doping im aktuellen Wettkampfbetrieb keinen Vorteil mehr erlangt haben kann, es also nicht um die Verhinderung regelwidriger Aktionen innerhalb eines Wettkampfs geht.</p>
<p>In den 20 Jahren seit Einf&uuml;hrung erster Strafnormen gegen Fremddoping in &sect;&sect; 6a, 95 des Arzneimittelgesetzes (AMG)[6] wird in der deutschen Rechtswissenschaft immer wieder diskutiert, ob man nicht auch &ndash; vielleicht sogar erst recht &ndash; den/die Sportler_in selbst f&uuml;r sein/ihr Fehlverhalten (das Dopen) unter Strafe stellen soll. Dagegen wurde vor allem der Einwand erhoben, die Sperren als Verbandsstrafen w&uuml;rden eine_n Spitzensportler_in, der/die ohnehin nur eine relativ kurze Karriere vor sich hat und auf eine ununterbrochene sportliche Bet&auml;tigung angewiesen ist, weit mehr treffen als Geld- oder Bew&auml;hrungsstrafen; l&auml;ngere Freiheitsstrafen seien nicht zu erwarten. Ein/eine &#8222;rationale_r Sportler_in&#8220; w&uuml;rde also alles tun, um eine Sperre zu vermeiden, weil dies sein/ihr sportiver &#8222;Tod&#8220; sei, w&auml;hrend er/sie eine milde (Kriminal-)Strafe als geringeres &Uuml;bel &#8222;leichten Herzens&#8220; akzeptieren k&ouml;nnte. W&auml;re dem so, w&auml;re die 2015 mit &sect;&sect; 3, 4 AntiDopG eingef&uuml;hrte Strafbarkeit von Selbstdoping letztlich im sportlichen Milieu gegen&uuml;ber dem/der T&auml;ter_in kein besonders scharfes Schwert; allenfalls w&auml;re eine Flankierung von Sperren als den eigentlich schweren Sanktionen denkbar. F&uuml;r diese Ausnahme von der Regel, dass Kriminalstrafen regelm&auml;&szlig;ig eine besondere Bemakelung des Verhaltens und damit f&uuml;r den Verurteilten eine besondere Schwere zukommt, k&ouml;nnte man noch anf&uuml;hren, dass verbandsrechtliche Sanktionen angesichts der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung sportlicher Wettk&auml;mpfe den/die verbandsintern sanktionierten Sportler_in nicht weniger an einen &ouml;ffentlichen Pranger stellen als die Verh&auml;ngung einer Strafe in einem Strafprozess. Gleichwohl bleibt ein Einwand: Auch Sportler_innen sind Menschen! Sie m&ouml;gen innerhalb des Sportbetriebs zu Regelwidrigkeiten bis hin zu Doping greifen, sind aber deshalb keinesfalls immun gegen die Stigmatisierung als Kriminelle, gegen das in der Verh&auml;ngung einer Kriminalstrafe als (auch) sozialethischer Missbilligung f&uuml;r ihr sportrechtswidriges Verhalten, denn neben dem professionellen Umfeld im Sportbetrieb gibt es parallel und vor allem danach ein soziales Leben in der Gesellschaft, in der man im Normalfall nicht als &#8222;Vorbestrafter&#8220; agieren will. Und das gilt auch dann, wenn an den Ausgang des Strafverfahrens keine weiteren verbands-, disziplinar- oder schadensersatzrechtlichen Konsequenzen gekn&uuml;pft werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Gleichwohl bleibt der Einwand beachtlich, dass zumindest gegen&uuml;ber einem/einer noch aktiven Profisportler_in &ndash; Amateure sind, wie noch zu zeigen sein wird, regelm&auml;&szlig;ig nicht taugliche T&auml;ter des neuen Selbstdoping-Tatbestandes &ndash; eine Verbandsstrafe einen scharfen Eingriff in die Aus&uuml;bung seines Berufs darstellt, der ihn/sie zumindest innerhalb seiner/ihrer <i>Peer Group</i> &ndash; dem Sportbetrieb &ndash; nicht weniger stigmatisieren d&uuml;rfte als eine Kriminalstrafe innerhalb der Gesellschaft. Es f&auml;llt daher schwer, in der Strafbewehrung von Selbstdoping tats&auml;chlich eine f&uuml;r den/die Sportler_in als potenzielle_n T&auml;ter_in kategorial sch&auml;rfere Sanktion zu erblicken.[7] Das unterscheidet die Situation im Sport von der Wirtschaftskriminalit&auml;t: Ist ein Verhalten nur als Ordnungswidrigkeit eingestuft, wiegt sowohl innerhalb der beteiligten Wirtschaftskreise als auch in der Gesellschaft der zugrundeliegende Vorwurf regelm&auml;&szlig;ig weniger schwer als derjenige einer Straftat. Nat&uuml;rlich k&ouml;nnte man einwenden, dass es in der Doping-Konstellation zu einer Addition zweier nicht aufeinander anrechenbarer Sanktionen kommen d&uuml;rfte, denn die Geld- oder (ausnahmsweise) Freiheitsstrafe tritt neben die Sperre. Solange allerdings die denkbaren Kriminalstrafen eher am unteren Rand der Skala liegen und bei der Bemessung der staatlicherseits verh&auml;ngten Geldstrafe die durch die vorherige sportrechtliche Aufarbeitung des Dopingfalles im Regelfall verminderte Einnahmesituation des/der Sportlers/ Sportlerin zu ber&uuml;cksichtigen ist (so dass nach Wegfall von Einnahmen aus dem Sportbetrieb die Tagessatzh&ouml;he relativ niedrig ausfallen d&uuml;rfte), ist die Kriminalstrafe zwar ein weiteres &Uuml;bel, f&uuml;hrt aber f&uuml;r den/die betroffene_n Sportler_in eben nicht zu einer v&ouml;llig anderen Schwere der Sanktion.</p>
<p>Vor dem Hintergrund der Verbandsautonomie aus Art. 9 GG und der daraus folgenden grundrechtlich garantierten Berechtigung der (hier: Sport-)Verb&auml;nde, ihre internen Regeln (z.B. f&uuml;r Wettk&auml;mpfe) selbst zu setzen und durch ihre Organe durchzusetzen bzw. zu sanktionieren, erscheint daher die Kriminalstrafe f&uuml;r Selbstdoping nicht prim&auml;r als besonders scharfes Schwert. Vielmehr &ouml;ffnet die Strafbewehrung einen parallelen Sanktionsweg, der dem Verbandsrecht &#8222;auf die Spr&uuml;nge helfen soll&#8220;. Fakt ist n&auml;mlich, dass trotz des seit Jahrzehnten auch mit &ouml;ffentlicher Hilfe weltweit ausgebauten sportrechtlichen Verfolgungsinstrumentariums gegen Doping &ndash; die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), der in allen Staaten nationale Anti-Doping-Agenturen zur Seite gestellt sind (NADA), und deren Entscheidungen durch das internationale Sportschiedsgericht (TAS/CAS) in Lausanne &uuml;berpr&uuml;ft werden &ndash; die Zahl der bekannt gewordenen Doping-F&auml;lle im Spitzensport auf niedrigem Niveau verharrt, w&auml;hrend empirische Untersuchungen zu einer viel h&ouml;heren Dunkelziffer gelangen.[8] Die in letzter Zeit vorgenommenen Nachtests fr&uuml;herer Olympiaden zeigen ebenfalls, dass die Zahl der unmittelbar im Anschluss an einen Wettkampf bekannt gewordenen Doping-F&auml;lle allenfalls die &bdquo;Spitze des Eisbergs&ldquo; markiert. Es hat den Anschein, als w&uuml;rden die von den Verb&auml;nden untersuchten Dopingproben weitgehend an den tats&auml;chlichen Dopingf&auml;llen vorbeigehen;[9] es werden gerade so viele (bzw. wenige) positive Sportler_innen gefunden, dass man nicht auf den Gedanken kommen m&uuml;sste, das Anti-Doping-Verfahren als von vorneherein wirkungslos einzustufen, das als &#8222;Feigenblatt&#8220; tats&auml;chlich ein fehlendes Interesse der Sportverb&auml;nde an der Aufdeckung zu vieler Dopingf&auml;lle und an einer Entlarvung prominenter Bannertr&auml;ger_innen kaschieren soll.</p>
<p>Ein wesentliches Ziel der P&ouml;nalisierung von Selbst-Doping ist deshalb die Er&ouml;ffnung staatlicher Untersuchungsinstrumente auch f&uuml;r Doping im Sport. Das erhellt ein kurzer R&uuml;ckblick in die urspr&uuml;ngliche Anti-Doping-Norm des AMG, die ja nur das Fremddoping und damit das Umfeld des/der letztlich gedopten Sportlers/Sportlerin erfassen sollte. Damit verband sich die Hoffnung, dass in Ansehung eines positiven Dopingbefundes bei einem/einer Sportler_in dessen/deren Umfeld &ndash; Betreuer_innen, &Auml;rzt_ innen, Trainer_innen etc. &ndash; ins Visier der Strafverfolger kommen sollte und der/die Sportler_in, der/die sich ja nicht selbst belasten konnte, verpflichtet gewesen w&auml;re aufzukl&auml;ren, wer ihm/ihr was gegeben hat.[10]</p>
<p>Diese Hoffnung erwies ich freilich bald als tr&uuml;gerisch, denn innerhalb des Sportbetriebs fand sich bis heute so gut wie kein_e Whistleblower_in, weil die nachteiligen Folgen &ndash; der faktische Ausschluss aus der Sportgruppe nach Belastung von T&auml;ter_innen &ndash; offenbar so schwer wiegen, dass ein Auspacken nicht tunlich erscheint. Ein_e erwischte_r Doping-S&uuml;nder_in beteuert daher zumeist, nicht zu wissen, wie er/sie an die Substanz geraten ist.</p>
<p>Der <i>status quo ante </i>war also kein effektives Mittel zur Dopingbek&auml;mpfung im Spitzensport. Deshalb und weil die zwischenzeitlich diskutierte M&ouml;glichkeit einer Betrugs-Strafbarkeit von gedopten Profisportler_innen[11] bereits im ersten Strafverfahren in den dogmatischen Fallstricken des &sect; 263 StGB ihre_n Meister_in finden sollte,[12] hat sich der Gesetzgeber zur Strafbewehrung des Selbstdopings entschlossen. Zwar k&ouml;nnte ein bekanntgewordener Dopingfall damit nicht mehr genutzt werden, um den/die Sportler_in zu einer Aussage gegen sein/ihr Umfeld zu motivieren, weil dem/der Sportler_in angesichts drohender eigener Strafverfolgung ein Auskunftsverweigerungsrecht gem. &sect; 55 StPO zusteht, doch hat sich diese Idee ja zuvor als nicht realistisch erwiesen. Dagegen kann ein verbandsrechtlicher Dopingfall nunmehr als Grundlage eines Strafverfahrens gegen den/die Sportler_in genommen werden. Freilich sind die subjektiven Anforderungen und Beweisma&szlig;st&auml;be hierf&uuml;r im Verbandsstrafverfahren[13] niedriger als im Kriminalstrafverfahren; f&uuml;r eine Verbandsstrafe gen&uuml;gt jedes Verschulden und der Nachweis kann im Wege eines Anscheinsbeweises gef&uuml;hrt w&auml;hrend,[14] w&auml;hrend eine Kriminalstrafe wegen Selbst-Dopings Vorsatz des/der Sportlers/Sportlerin und einen Vollbeweis desselben erfordert. Daher gen&uuml;gt ein verbandsrechtlicher Dopingnachweis nur als Grundlage f&uuml;r den Verdacht, der freilich wiederum die staatlichen Ermittlungsorgane zur Einleitung eines Strafverfahrens befugt.</p>
<h2 class="auto-created">III. Das Anti-&shy;Do&shy;ping-&shy;Ge&shy;setz &ndash; Ein erstes Sport&shy;s&shy;traf&shy;ge&shy;setz</h2>
<h2 class="auto-created">1. Sportrecht und Strafrecht</h2>
<p>Weil der Sport kein rechtsfreier Raum ist, sind die Strafgesetze ebenfalls anwendbar. Praktisch spielte bislang das Strafrecht aber nur eine untergeordnete Rolle, weil den Sportverb&auml;nden bei der Verfolgung sportbezogener Regelverst&ouml;&szlig;e faktisch ein &bdquo;Pr&auml;&ldquo; einger&auml;umt wurde. Das galt auch f&uuml;r die Bek&auml;mpfung von Doping durch Sportler. Deren Umfeld wurde bereits seit 1998 durch Straftatbest&auml;nde im AMG erfasst. Strafbar war das Inverkehrbringen, Anwenden und seit 2007 bzw. 2013 auch Besitz und Erwerb nicht geringer Mengen von Arzneimitteln mit Dopingwirkstoffen. Mit dem folgenden Anti-Doping-Gesetz wurde 2015 in &sect; 4 i.V.m. &sect; 3 AntiDopG erstmals ein strafbewehrtes Verbot von Selbstdoping eingef&uuml;hrt.[15]</p>
<h2 class="auto-created">2. Rechtsg&uuml;ter der AntiDop&shy;G-Straf&shy;tat&shy;be&shy;st&auml;nde</h2>
<p>Nach &sect; 1 AntiDopG sollen die Doping-Verbote und deren Strafbewehrung der Gesundheit des Sportlers und der Integrit&auml;t des Sports und dabei insbesondere der Fairness und der Chancengleichheit dienen. In der Rechtswissenschaft entz&uuml;ndet sich Kritik an der Unklarheit dieser Rechtsgutsbestimmung.[16] Dem wird &sect; 1 AntiDopG allerdings nur begrenzt gerecht, geht es doch um den &#8222;Zweck des Gesetzes&#8220;. Dieser muss nicht identisch sein mit der Rechtsgutsbestimmung f&uuml;r die Straftatbest&auml;nde. Der Gesundheitsschutz der Sportler ist ein anerkanntes Rechtsgut,[17] doch sind damit Strafnormen gegen Selbstdoping nicht zu rechtfertigen. Die anderen Zwecke sind bis zum AntiDopG noch nicht als Rechtsg&uuml;ter anerkannt worden.[18] Kritik entz&uuml;ndet sich insbesondere an der strafrechtlichen Schutzw&uuml;rdigkeit der &#8222;Integrit&auml;t des Sports&#8220; als zu unbestimmt.</p>
<p>Es bleiben die Einzelaspekte der Integrit&auml;t des Sports, der Schutz der Chancengleichheit und die Fairness. So beruht das Wettbewerbsstrafrecht der &sect;&sect; 298 ff. StGB auf der Idee eines unbeeinflussten wirtschaftlichen Wettbewerbs[19] und damit der Chancengleichheit; die Idee der Fairness findet sich im Prinzip des <i>fair trial</i> als Prozessmaxime,[20] wobei der Kern dieses prozessualen Fairnessprinzips[21] in der Waffengleichheit der Parteien liegt. Da es beim Rechtsgutsprinzip nur um Zwecke der materiellen Strafnormen gehen kann, bleibt die Chancengleichheit im Sport.[22] Weil diese die Einhaltung vorbestimmter Regeln durch beide Wettk&auml;mpfer meint, steckt in dieser Rechtsgutsbestimmung zugleich eine Beschr&auml;nkung der Selbstdopingstrafbarkeit auf den organisierten Wettkampfsport.</p>
<p>Dass Verletzungen der Chancengleichheit im professionellen Wettkampfsport zugleich zu einer Bereicherung des/der gedopten Sportlers/Sportlerin f&uuml;hren k&ouml;nnen und damit Verm&ouml;gensrechte der sauberen Sportler_innen tangieren, f&uuml;hrt nicht per se dazu, dass der Verm&ouml;gensschutz als weiteres Rechtsgut gelten kann. Allerdings hat der Gesetzgeber in der Begr&uuml;ndung darauf verwiesen, dass die Chancengleichheit im unmittelbaren Zusammenhang mit wirtschaftlichen Interessen steht.[23] Dass zumindest der Spitzensport erhebliche wirtschaftliche Bedeutung hat, wird man nicht bestreiten k&ouml;nnen, so dass diese Einbeziehung wirtschaftlicher Sch&auml;den (f&uuml;r die &#8222;sauberen&#8220; Sportler_innen, aber auch Sponsor_innen etc.) in den Zweckkanon des &sect; 1 AntiDopG nicht zu kritisieren ist. Das gilt insbesondere mit Blick auf Selbstdoping, denn hier wird ein Teil der T&auml;ter_innen gerade &uuml;ber sein/ihr wirtschaftliches Interesse an der Wettkampfteilnahme, welche ihm/ihr die Einnahmen gebracht hat, definiert. Dann ist es konsequent, f&uuml;r dieses Sonderdelikt als von der sportlichen Chancengleichheit mitgesch&uuml;tztes Rechtsgut auch Verm&ouml;gensinteressen anzusehen. Dieser (Mit-)Verm&ouml;gensschutz bei der Strafbarkeit von Selbstdoping h&auml;ngt auch damit zusammen, dass Doping im Sport zwar ein betr&uuml;gerisches Element zukommt, eine &#8222;echte&#8220; Betrugsstrafbarkeit[24] aber zumeist an anderen Faktoren scheitert.[25]</p>
<h2 class="auto-created">IV. Die Straf&shy;tat&shy;be&shy;st&auml;nde gegen Selbst&shy;do&shy;ping</h2>
<h2 class="auto-created">1. Die objektive Tatseite von &sect; 4 Abs. 1 Nr. 4 und 5 sowie Abs. 2 AntiDopG</h2>
<p>&sect; 4 Abs. 1 Nr. 4 und 5 sowie Abs. 2 enthalten drei Tatbestandsvarianten f&uuml;r Verst&ouml;&szlig;e gegen die in &sect; 3 AntiDopG gesetzlich geregelten Verbote des Selbstdopings: Bei sich Anwenden und Anwendenlassen, gedopt am Wettkampf Teilnehmen sowie Erwerb und Besitz auch geringer Mengen von Dopingmitteln zum Eigengebrauch.</p>
<h2 class="auto-created">2. Die subjektive Tatseite</h2>
<p>Gemeinsam ist allen Selbstdopingtatbest&auml;nden, dass die Tathandlungen mindestens bedingten Vorsatz erfordern (&sect; 15 StGB); die Fahrl&auml;ssigkeitsklausel des &sect; 4 Abs. 6 AntiDopG gilt hier nicht. Dar&uuml;ber hinaus muss die Tathandlung verbunden sein mit der Absicht, sich bei einem Wettbewerb des organisierten Sports einen Vorteil zu verschaffen. Absicht ist hier im Sinne von dolus directus I zu verstehen. &#8222;Wettbewerb des organisierten Sports&#8220; ist in &sect; 3 Abs. 3 AntiDopG legal definiert als &#8222;jede Sportveranstaltung, die</p>
<ol>
<li>von einer nationalen oder internationalen Sportorganisation oder in deren Auftrag oder mit deren Anerkennung organisiert wird und</li>
<li>bei der Regeln einzuhalten sind, die von einer nationalen oder internationalen Sportorganisation mit verpflichtender Wirkung f&uuml;r ihre Mitgliedsorganisationen verabschiedet wurden.&ldquo;</li>
</ol>
<p>Nach dem Wortlaut ist ein solcher nur anzunehmen, wenn kumulativ die Sportveranstaltung von einer Sportorganisation organisiert oder anerkannt ist (Nr. 1) und die daf&uuml;r vorgesehenen verbindlichen Regeln einzuhalten sind (Nr. 2). Der Gesetzgeber hat dies in der Begr&uuml;ndung an Beispielen verdeutlicht: Wird von einer Firma ein Marathon ohne Anerkennung des Sportverbandes durchgef&uuml;hrt, liegt kein Wettbewerb vor; laufen alle Teilnehmer_innen des Firmenlaufs danach beim Berlin-Marathon, liegt ein Wettbewerb vor. Schon dadurch werden alle Sportler_innen, die nicht an organisierten Veranstaltungen teilnehmen, von einer Strafdrohung ausgenommen. Dass damit private Massenl&auml;ufe nicht strafrechtlich erfasst sind, stellt keinen Versto&szlig; gegen den Gleichheitssatz (Art. 3 Abs. 1 GG) dar, denn deren Teilnehmer_innen w&auml;ren &ndash; selbst wenn man darin einen organisierten Wettbewerb sehen wollte &ndash; angesichts von &sect; 4 Abs. 7 AntiDopG keine tauglichen T&auml;ter_innen, so dass in Hinsicht auf eine Strafbarkeit eine Ungleichbehandlung der nicht unter &sect; 4 Abs. 7 AntiDopG fallenden Teilnehmer_innen beider L&auml;ufe nicht erkennbar ist.</p>
<h2 class="auto-created">3. Der T&auml;terkreis</h2>
<p>Denn auch bei der Teilnahme an einem organisierten Lauf etc. sollen nur die Spitzenathlet_innen erfasst werden. Daher wird durch &sect; 4 Abs. 7 AntiDopG der T&auml;terkreis f&uuml;r alle Varianten des Selbstdopings beschr&auml;nkt &ndash; alternativ &ndash; einerseits auf Kaderathlet_innen (Nr. 1) und andererseits auf Sportler_innen, die aus der sportlichen Bet&auml;tigung unmittelbar oder mittelbar Einnahmen von erheblichem Umfang erzielen (Nr. 2). Strukturell handelt es sich damit bei den Strafnormen gegen Selbstdoping um Sonderdelikte, deren Tatbestand nur durch einen bestimmten Kreis von Sportler_innen verwirklicht werden kann.</p>
<p>W&auml;hrend die Fokussierung auf Kaderathlet_innen unter Bestimmtheitsgesichtspunkten (Art.&nbsp;103 Abs.&nbsp;1 GG) keine Probleme aufweist, denn entweder ein_e Sportler_in ist Mitglied eines Testpools oder nicht, ist dies mit Blick auf die Einnahmen-Klausel nicht so einfach. Der dahinterstehende Gedanke ist aber &uuml;berzeugend: Es geht darum, dass bei allen organisierten Sportwettk&auml;mpfen Doping zwar verboten ist (&sect; 3 AntiDopG), aber nur f&uuml;r Kaderathlet_innen und Profis eine Strafbarkeit droht. Hier zeigt sich auch die Verbindung der Chancengleichheit mit Verm&ouml;gensinteressen, denn Profis leben nicht nur f&uuml;r den Sport, sondern vom Sport, so dass die unrechtm&auml;&szlig;ige Erzielung von Einnahmen regelm&auml;&szlig;ig bei anderen (Profi-)Sportler_innen zu entsprechenden Einnahmeverlusten f&uuml;hren muss. Insoweit erweckt die Begr&uuml;ndung des Gesetzentwurfs freilich den Eindruck, es seien eher wenige Wettbewerbe, die nicht bereits mit Testpool-Athlet_innen bestritten werden. Dabei ist bekannt, dass bis zur vierten Fu&szlig;ballliga in einer gro&szlig;en Zahl echte Profis t&auml;tig sind, die von Entgelten seitens von Vereinen, Veranstalter_innen oder Sponsor_innen nicht nur ihren Sport finanzieren, sondern ihren Lebensunterhalt bestreiten. Diese sind vom Gesetzeswortlaut des &sect;&nbsp;4 Abs. 7 Nr. 2 AntiDopG eindeutig erfasst. Letztlich kommt es nicht darauf an, ob die fragliche Liga aus Profisportler_innen besteht; ma&szlig;geblich ist der/die einzelne Sportler_in, der/die entweder einem Testpool zugeh&ouml;rt oder mit der Aus&uuml;bung seines/ihres Sports in Wettbewerben gem. &sect; 3 Abs. 3 AntiDopG (also nicht bei Firmenl&auml;ufen) nach Abzug seiner Aufwendungen Einnahmen von erheblichem Umfange erzielt. Angesichts des Wortlauts und der Begr&uuml;ndung erscheinen zwei Aspekte bemerkenswert: Einerseits kommt es nicht auf das Verh&auml;ltnis der Einnahmen aus dem Sportbetrieb zu den sonstigen Einnahmen oder Verm&ouml;gensverh&auml;ltnissen des/der Sportlers/Sportlerin an, so dass Sportler_innen aus reichen Familien nicht privilegiert sind; andererseits muss nur der &Uuml;berschuss erheblich sein, nicht auch in Relation zu den get&auml;tigten Aufwendungen, so dass man in Zukunft in der Rechtsprechung fixe Mindest&uuml;bersch&uuml;sse definieren kann. Als Untergrenze liegt eine Orientierung an den zivilprozessualen Pf&auml;ndungsfreigrenzen (derzeit 13.000 EURO) nahe.[26]</p>
<p>Die Einnahmen m&uuml;ssen zur Tatzeit &#8222;aus der sportlichen Bet&auml;tigung&#8220; erzielt werden. Anders als bei &#8222;gewerbsm&auml;&szlig;igem&#8220; Handeln gen&uuml;gt es nicht, wenn der/die T&auml;ter_ in durch Doping Einnahmen zu erzielen hofft. Die sportliche Bet&auml;tigung muss bereits zur Zeit des Dopens finanziell Fr&uuml;chte getragen haben. Das beschr&auml;nkt das Risiko der Strafverfolgung und macht es f&uuml;r Sportler_innen transparent. Nachwuchssportler_innen, die am Anfang ihrer Profikarriere stehen, sind nur erfasst, wenn sie bereits nennenswerte Einnahmen erzielt haben. Dopt sich jemand au&szlig;erhalb eines Testpools, um erst danach Einnahmen zu erzielen, ist er/sie nicht taugliche_r T&auml;ter_in. Hat ein_e fr&uuml;her erfolgreiche_r Sportler_in keine Einnahmen aus dem Sportbetrieb mehr, ist er/sie ebenfalls kein_e taugliche_r T&auml;ter_in, auch wenn er/sie durch das Doping ein &#8222;Comeback&#8220; versucht und damit Einnahmen zu erzielen sucht.</p>
<h2 class="auto-created">V. Einzelne Problem&shy;felder</h2>
<h2 class="auto-created">1. Gesetz&shy;ge&shy;bungs&shy;kom&shy;pe&shy;tenz</h2>
<p>Soweit es sich bei den Regelungen des AntiDopG um solche auf dem Gebiet des b&uuml;rgerlichen Rechts, des Strafrechts und des Verfahrensrechts handelt, begr&uuml;ndet Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG eine konkurrierende Gesetzgebungskompetenz. Dagegen gibt es f&uuml;r die Angelegenheiten des Sports im GG keinen Kompetenztitel. Dieser Grundsatz greift hier im Ergebnis aber nicht durch, weil es sich bei den Regelungen der &sect;&sect; 1 &ndash; 3 prim&auml;r um vorweggenommene Pr&auml;zisierungen der nachfolgend begr&uuml;ndeten Strafbarkeit handelt, so dass insgesamt das AntiDopG den Charakter eines Strafgesetzes tr&auml;gt.[27]</p>
<p>Die Koexistenz explizierter Prim&auml;r- und Strafnormen ist wesenstypisch f&uuml;r das Nebenstrafrecht. Bei den allermeisten derartigen Normkomplexen handelt es sich in der Gesamtschau jedoch nicht um ein Strafgesetz. Dagegen gilt etwa das Embryonenschutzgesetz, weil alle Grenzen durch deren &Uuml;bertretung jeweils bei Strafe verbietende Tatbest&auml;nde markiert werden, der Sache nach als Strafgesetz. Gleiches gilt f&uuml;r das AntiDopG. So enth&auml;lt &sect; 1 die gesch&uuml;tzten Rechtsg&uuml;ter als Legitimationsgrundlage der Straftatbest&auml;nde.[28] &sect; 4 benennt dieselben; &sect; 5 enth&auml;lt eine Regelung zur Einziehung. &sect;&nbsp;8 enth&auml;lt mit den Vorgaben zum Informationsaustausch von den Strafverfolgungsbeh&ouml;rden zur Verbandsgerichtsbarkeit der Sache nach Regelungen, die dem Strafverfahrensrecht zuzuordnen sind. Schlie&szlig;lich enth&auml;lt &sect; 12 eine Konzentrationserm&auml;chtigung f&uuml;r die Strafgerichte. Zwar enthalten &sect;&sect; 2 und 3 als Prim&auml;rnormen umfassende Verbote bestimmter Doping-Praktiken, doch gewinnen diese ihre Relevanz und Durchsetzbarkeit &uuml;ber die Strafbewehrung. Daher handelt es sich beim AntiDopG um ein spezielles Sportstrafgesetz.</p>
<p>Fremdk&ouml;rper in einem Strafgesetz sind die Datenverarbeitungserm&auml;chtigung an die NADA in &sect; 10 und die Erleichterung der Einf&uuml;hrung eines Sportschiedsgerichtsbarkeit in &sect; 11, welche strukturell zu &sect;&sect; &sect;&sect; 1025 ff. ZPO gepasst h&auml;tte.[29] Bei beiden ist aber der Sachzusammenhang zu den Doping-Verboten, welche im AntiDopG unter Strafe gestellt sind, evident, so dass diese Ausnahmen nichts an der Zuordnung des AntiDopG zum Strafrecht &auml;ndern. Der Gesetzgeber sieht daher mit Recht alle Normen des AntiDopG mit Ausnahme von &sect; 7, der durch Art. 74 Abs. 1 Nr. 19 GG (Recht der Arzneien) erfasst wird, als von Art. 74 Abs. 1 GG gedeckt an.[30]</p>
<h2 class="auto-created">2. Verfas&shy;sungs&shy;wid&shy;rig&shy;keit der Besitz&shy;straf&shy;bar&shy;keit?</h2>
<p>Besonders umstritten im Gesetzgebungsverfahren war die mit &sect; 4 Abs. 2 AntiDopG eingef&uuml;hrte Strafbarkeit des Erwerbs und Besitzes bereits geringer Mengen von Dopingmitteln zum Eigengebrauch. Da es beim Selbstdoping um den Schutz der Chancengleichheit im Wettkampf des/der betroffenen Sportlers/Sportlerin geht, handelt es sich bei der Besitzstrafbarkeit um eine Vorverlagerung in das Gef&auml;hrdungsstadium; die Erwerbsstrafbarkeit stellt eine weitere Vorverlagerung dar, dient doch der Erwerb zumeist dem Besitz.</p>
<p>Der Besitz als strafbare Handlung ist nicht nur im Kontext des AntiDopG umstritten, weil dahinter keine Aktivit&auml;t des/der T&auml;ters/T&auml;terin steht. Allenfalls h&auml;lt dieser einen bemakelten Zustand aufrecht. Gleichwohl hat der Strafgesetzgeber die Besitzstrafbarkeit ausgebaut.[31] Prototyp war der in &sect; 29 Abs. 1 Nr. 3 BtMG p&ouml;nalisierte Besitz von Drogen auch in geringen Mengen (arg. e contrario &sect; 29a Abs. 1 Nr. 2 BtMG); dazu hat das BVerfG in seiner Cannabis-Entscheidung[32] den Weg frei gemacht f&uuml;r eine Einstellung gem. &sect;&sect; 153, 153a StPO. Vorliegend hat der Gesetzgeber bewusst das Besitzverbot zum Eigengebrauch von Dopingmitteln ohne Mengenbeschr&auml;nkung strafbewehrt. Eine pauschale Einstellungsl&ouml;sung verbietet sich angesichts der divergenten Rechtsg&uuml;ter; w&auml;hrend die vom BtMG gesch&uuml;tzte Volksgesundheit durch geringe Mengen selbst zu nutzender Drogen kaum ber&uuml;hrt wird, gen&uuml;gt f&uuml;r einen Versto&szlig; gegen die Chancengleichheit jede einzelne Einnahme einer Dopingsubstanz mit Wettkampfbezug. Die Besitzstrafbarkeit l&ouml;st vor allem Nachweisprobleme, wenn man bei einem/ einer Sportler_in Dopingmittel findet, die er/sie noch nicht angewendet hat. Ich m&ouml;chte nicht verhehlen, dass ich selbst gegen die mit Besitz- und Erwerbsstrafbarkeit verbundene Vorverlagerung der Strafbarkeit Vorbehalte gehegt habe.[33] Da der Gesetzgeber sich dazu aber entschieden hat, sind diese Strafnormen auch anzuwenden. <br />Angek&uuml;ndigte Verfassungsbeschwerden d&uuml;rften daran nichts &auml;ndern, zumal die Risiken f&uuml;r Sportler_innen, die aufgrund eines Dopingfundes in ihrer Tasche um ihre berufliche Zukunft f&uuml;rchten, schon deshalb nicht durch die Kriminalisierung ausgel&ouml;st werden, weil der Besitz geringer Mengen von Dopingmitteln bereits nach Verbandsrecht zu einer Dopingsperre f&uuml;hrt.[34]</p>
<h2 class="auto-created">3. Beweis&shy;ver&shy;wer&shy;tungs&shy;ver&shy;bot?</h2>
<p>Im AntiDopG findet sich keine Regelung f&uuml;r ein Beweisverwertungsverbot hinsichtlich der von Sportler_innen bei Sportwettk&auml;mpfen abgegebenen Doping-Proben im Strafprozess. Ob man ein ungeschriebenes Beweisverwertungsverbot annehmen muss, erscheint mir freilich nicht so nahe liegend, wie anderen.[35] Immer wieder wird eine Parallele zum Gemeinschuldner-Beschluss des BVerfG[36] bem&uuml;ht, der allerdings eine gesetzliche Offenbarungspflicht betrifft; ob man das wirklich allein wegen der Monopolstellung der Sportverb&auml;nde und der in manchem durch &ouml;ffentlich-rechtliche Funktionen aufgeladenen, aber privatrechtlich organisierten NADA annehmen m&ouml;chte, erscheint zweifelhaft. Ein grundlegender Unterschied wird dabei unterschlagen: Nat&uuml;rlich muss sich der/die Sportler_in, will er/sie an einem Wettkampf teilnehmen auch &ndash; wie die Konkurrent_innen &ndash; den vorgegebenen Regeln einschlie&szlig;lich von Doping-Verbot und -Kontrolle unterwerfen; anders als in der Situation des Gemeinschuldners hat er/sie es aber in der Hand, sich jederzeit durch den Verzicht auf die Teilnahme an den Wettk&auml;mpfen dieser Verpflichtung zu entziehen, m&uuml;sste dann aber auf die &ndash; auch durch die Position der Sportverb&auml;nde &ndash; erzielbaren (im)materiellen Vorteile verzichten, die eine Teilnahme im organisierten Sport und damit nach dessen f&uuml;r alle geltenden Regeln mit sich bringt. Verweigert ein_e Sportler_in seine/ihre Mitwirkung bei einem Dopingtest, ist diese weder erzwingbar noch strafbar; er/sie muss lediglich akzeptieren, dass der Verband aufgrund der darin liegenden Verletzung der Verbandsstatuten, die nach Verbandsrecht Grundlage einer Wettkampfteilnahme sind, ihm/ihr eine Teilnahme an weiteren Wettk&auml;mpfen verweigert.[37]</p>
<h2 class="auto-created">VI. Fazit</h2>
<p>Inhaltlich f&uuml;llt das AntiDopG einerseits L&uuml;cken, die die Anti-Doping-Strafnormen im AMG offen gelassen haben. Das gilt etwa f&uuml;r Dopingmittel, die nicht Arzneimittel sind, so dass dopingverseuchte Nahrungserg&auml;nzungsmittel nicht l&auml;nger ausgeklammert bleiben. Mit den Straftatbest&auml;nden gegen Selbstdoping betritt es andererseits Neuland; diese dienen dem Schutz der Chancengleichheit im sportlichen Wettbewerb. Die Erwerbs- und Besitzstrafbarkeit f&uuml;hrt zu einer Vorverlagerung. Alle Formen des Selbstdopings erfordern Vorsatz; das unterscheidet die Strafbarkeit von den an das gleiche Verhalten ankn&uuml;pfenden Verbandssanktionen. Die Besitzstrafbarkeit ist nicht verfassungswidrig; allerdings sollte die Vorverlagerung der Strafbarkeit in das Gef&auml;hrdungsstadium des Rechtsgutes bei der Strafzumessung ber&uuml;cksichtigt werden. Schlie&szlig;lich ist die Annahme eines Beweisverwertungsverbots hinsichtlich von Angaben des/der Sportlers/Sportlerin im Verbandsverfahren f&uuml;r ein Strafverfahren nicht angezeigt.</p>
<p>Ob die Selbstdoping-Strafbarkeit tats&auml;chlich zu einem effektiven Instrument im Kampf gegen Doping im Spitzensport erstarken wird, muss sich zeigen. Jedenfalls steht den nicht stets effektiven Verbandssanktionen mit den Kriminalstrafen ein zweites Schwert zur Seite. Studien belegen empirisch, dass der jahrzehntelange Kampf der Sportverb&auml;nde gegen Doping im Spitzensport entgegen zahlreicher positiver Bewertungen innerhalb der Strafrechtswissenschaft allenfalls die Spitze des Eisbergs erfasst und damit die Mehrzahl der Dopingf&auml;lle unbeachtet gelassen hat. Dass staatliche Ermittlungen umfassendes Doping teils effektiver aufzukl&auml;ren verm&ouml;gen als die Sportverb&auml;nde, zeigt der Fall von Lance Armstrong. Es bleibt abzuwarten, ob auch die deutsche Justiz das geschmiedete Schwert zum Einsatz bringen kann.</p>
<p><b>MARTIN HEGER</b><i>&nbsp;&nbsp; Jahrgang 1968, Studium der Rechtswissenschaften, Promotion (zum Nie&szlig;brauch) sowie Habilitation (&raquo;Die Europ&auml;isierung des deutschen Umweltstrafrechts&laquo;) an der Universit&auml;t T&uuml;bingen; nach einer Lehrstuhlvertretung in Regensburg seit dem Wintersemester 2005/06 an der Humboldt Universit&auml;t zu Berlin Professor f&uuml;r Strafrecht, Strafprozessrecht, Europ&auml;isches Strafrecht und Neuere Rechtsgeschichte. Zahlreiche Publikationen auf dem Gebiet des Sportstrafrechts, zuletzt etwa zur Strafbarkeit von Doping nach dem Anti-Doping-Gesetz in medstra &#8211; Zeitschrift f&uuml;r Medizinstrafrecht 2017, S. 205-216.</i></p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>1. Dazu nur <i>Kulhanek</i>, ZRP 2015, 155 ff.</p>
<p>2. Vgl. <i>Hamel</i>, Strafen als Sprechakt, 2009.</p>
<p>3. Dazu <i>K&uuml;hl</i>, in: FS Eser, 2015, S. 149 ff.</p>
<p>4. Im Zuge der Debatte um die Einf&uuml;hrung von Unternehmensstrafen verwies Nakamichi auf eine von ihm in Japan durchgef&uuml;hrte Umfrage unter Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer_innen, die f&uuml;r ihr Unternehmen vor die Wahl zwischen einer echten Kriminalstrafe in relativ geringer H&ouml;he oder einer f&uuml;nfmal h&ouml;heren Geldbu&szlig;e gestellt worden sind; trotz des weit h&ouml;heren Geldbetrags hat sich fast die H&auml;lfte f&uuml;r das Bu&szlig;geld und damit gegen die Kriminalstrafe entschieden.</p>
<p>5. Dazu <i>Wittig</i>, Der rationale Verbrecher, 1993.</p>
<p>6. Dazu <i>Heger</i>, SpuRt 2001, 92 ff.</p>
<p>7. Vgl. <i>Chrobok</i>, Zur Strafbarkeit nach dem Anti-Doping-Gesetz, 2017, S. 158 f.</p>
<p>8. Vgl. <i>Ulrich et al</i>., Doping in Two Elite Athletics Competitions Assessed by Randomized-Response Surveys (<a href="https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs40279-017-0765-4" target="_blank" rel="noopener">https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs40279-017-0765-4</a>; zuletzt abgerufen am 14.5.2018).</p>
<p>9. Anders aber <i>Chrobok </i>(En. 7), S. 159: &#8222;Festzuhalten ist, dass die Verb&auml;nde den sportlichen Wettbewerb schneller, umfassender (&hellip;) und damit effektiver von Doping freihalten k&ouml;nnen.&#8220;</p>
<p>10. So auch <i>Heger</i>, SpuRt 2001, 92, 95.</p>
<p>11. Dazu <i>Cherkeh</i>, Betrug (&sect; 263 StGB), ver&uuml;bt durch Doping im Sport, 1999; <i>ders./Momsen</i>, NJW 2001, 1745 ff.; <i>Heger</i>, JA 2003, 76, 80 ff.</p>
<p>und in: Jahn u.a. (Hrsg.), Medizinrecht, 2015, S. 121, 133 ff.; <i>Grotz</i>, SpuRt 2005, 93 ff.; <i>Figura</i>, Doping: zwischen Freiheitsrecht und notwendigem Verbot, 2009, S. 152 ff.; <i>Gl&ouml;ckner,</i> Die strafrechtliche Bedeutung von Doping: de lege lata und de lege ferenda, 2009, S. 140 ff.</p>
<p>12. Zum Fall Schumacher vgl. <i>Heger</i>, in: Jahrbuch der BWG 2013/14, 2016, S. 17 ff.</p>
<p>13. Dazu <i>Petri</i>, Die Dopingsanktion, 2004.</p>
<p>14. Dazu <i>Merget</i>, Beweisf&uuml;hrung im Sportgerichtsverfahren anhand des direkten und indirekten Dopingnachweises, 2015.</p>
<p>15. Zur Geschichte <i>Bindels</i>, in: Pfister (Hrsg.), Das Anti-Doping-Gesetz, 2016, S. 9 ff.</p>
<p>16. Dazu aus (sport-)philosophischer Sicht <i>Franke</i>, DOPING 1/2016, S. 16 ff. &ndash; Zum Verh&auml;ltnis von Ethik und Recht aus juristischer Sicht <i>Momsen-Pflanz</i>, Die sportethische und strafrechtliche Bedeutung des Dopings, 2005; <i>Heger</i>, Doping &ndash; Von der moralischen Frage zum juristischen Problem, in: Franke (Hrsg.), Ethik im Sport, 2011, S. 135 ff.</p>
<p>17. Zum Gesundheitsschutz durch Kriminalstrafen gegen Dopingeinsatz vgl. <i>Schulz</i>, Doping als strafbare Gesundheitsgef&auml;hrdung, 2016.</p>
<p>18. Seit 2017 sollen &sect;&sect; 265c, 265d StGB allerdings auch dem Schutz der Integrit&auml;t des Sports dienen (vgl. auch zu den Unterschieden zum ADG <i>Heger</i>, in: Lackner/K&uuml;hl, StGB, 29. Aufl. 2018, &sect; 265c Rn. 1).</p>
<p>19. Vgl. <i>Heger</i>, in: Lackner/K&uuml;hl, StGB, Vor &sect; 298 Rn. 1. &ndash; Daher zielte <i>Fritzweiler</i>, SpuRt 1998, 234 ff., auf die Einf&uuml;gung eines neuen &sect; 299a gegen Doping im Sport.</p>
<p>20. Vgl. <i>Heger</i>, Strafprozessrecht, 2013, Rn. 216.</p>
<p>21. Dazu <i>Gaede</i>, Fairness als Teilhabe, 2007; Jahn, ZStW 127 (2015), 549 ff.</p>
<p>22. Dazu <i>Heger</i>, SpuRt 2007, 153 ff. &ndash; Verfassungsrechtliche Bedenken bei Jahn, in: FS R&ouml;ssner, 2015, S. 599, 608 ff. und ders., SpuRt 2015, 149, 150 ff.</p>
<p>23. Zur Orientierung auf den Gesichtspunkt der Verm&ouml;gensgef&auml;hrdung <i>Ott</i>, Strafw&uuml;rdigkeit und Strafbed&uuml;rftigkeit des Selbstdopings im Leistungssport, 2013, S. 115 ff.</p>
<p>24. Dazu <i>Cherkeh</i>, Betrug (&sect; 263 StGB), ver&uuml;bt durch Doping im Sport, 1999; <i>ders./Momsen</i>, NJW 2001, 1745 ff.; <i>Heger</i>, JA 2003, 76, 80 ff. und in: Jahn u.a. (Hrsg.), Medizinrecht, 2015, 121, 133 ff.; Grotz, SpuRt 2005, 93 ff.; <i>Figura</i>, Doping: zwischen Freiheitsrecht und notwendigem Verbot, 2009, S. 152 ff.; <i>Gl&ouml;ckner</i>, Die strafrechtliche Bedeutung von Doping: de lege lata und de lege ferenda, 2009, S. 140 ff.</p>
<p>25. Zum Betrugsstrafverfahren gegen Jan Ullrich s. <i>Merten</i>, SpuRt 2006, 177 ff.</p>
<p>26. So auch <i>Chrobok</i> (En. 7), S. 175 ff.</p>
<p>27. F&uuml;r eine Bundeskompetenz auch <i>Chrobok</i> (En. 7), S. 40 f.</p>
<p>28. Zur Rechtsg&uuml;terordnung als Grundlage der Straftatbest&auml;nde vgl. <i>K&uuml;hl</i>, in: ders./Reichhold/Ronellenfitsch, Einf&uuml;hrung in die Rechtswissenschaft, 2. Aufl. 2015, &sect; 12 Rn. 11 ff. &ndash; Ausf. <i>Hefendehl/v. Hirsch/Wohlers</i> (Hrsg.), Die Rechtsgutstheorie, 2003; <i>Swoboda</i>, ZStW 122 (2010), 24 ff.</p>
<p>29. Zur Schiedsgerichtsbarkeit im Sportrecht <i>Adolphsen</i>, in: ders./Nolte/Lehner/Gerlinger (Hrsg.), Sportrecht in der Praxis, 2011, S. 247 ff.; speziell zum Doping-Verfahren <i>Lehner</i>, ebda., S. 319 ff.</p>
<p>30. BT-Drs. 18/4849, S. 20.</p>
<p>31. Vgl. <i>Eckstein</i>, Besitz als Straftat, 2001, und in: ZStW 117 (2005), 109 ff., sowie <i>F-C. Schroeder</i>, ZIS 2007, 444 ff.</p>
<p>32. BVerfGE 90, 145.</p>
<p>33. <i>Heger</i>, ZRP 2015, 218 f.</p>
<p>34. Zu Verbandssanktionen <i>Adolphsen</i>, Internationale Dopingstrafen, 2003; <i>Petri</i>, Die Dopingsanktion, 2004.</p>
<p>35. So pl&auml;diert <i>Jahn</i> f&uuml;r ein Beweisverwendungsverbot, welches den Strafverfolgungsbeh&ouml;rden verwehren soll, aufgrund verbandsrechtlicher Erkenntnisse ein Ermittlungsverfahren zu beginnen und innerhalb dessen eigene Beweise zu erheben (z.B. Blutprobe).</p>
<p>36. BVerfGE 56, 37.</p>
<p>37. Dazu krit. <i>Chrobok</i> (En. 7), S. 179 ff.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/das-strafrecht-als-scharfes-schwert-bei-der-sanktionierung-von-doping-1/">Das Strafrecht als scharfes Schwert bei der Sanktionierung von Doping?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<item>
		<title>Was darf es kosten?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/was-darf-es-kosten-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 20:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Zahlungsbereitschaft f&#252;r olympische Medaillen und zur Finanzierung des deutschen Spitzensports. In: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 75-92 Der Medaillenspiegel am Ende olympischer Wettbewerbe bringt die sportpolitischen Erfolge oder Misserfolge der Nationen auf den Punkt. Eine gute Platzierung im Ranking der Medaillen gilt zumeist als Ausweis einer erfolgreichen F&#246;rderung des Spitzensports im Land, deren finanzieller [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Zahlungsbereitschaft f&uuml;r olympische Medaillen und zur Finanzierung des deutschen Spitzensports. In: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 75-92</p>
<p><i>Der Medaillenspiegel am Ende olympischer Wettbewerbe bringt die sportpolitischen Erfolge oder Misserfolge der Nationen auf den Punkt. Eine gute Platzierung im Ranking der Medaillen gilt zumeist als Ausweis einer erfolgreichen F&ouml;rderung des Spitzensports im Land, deren finanzieller Aufwand auch &uuml;ber die gewonnenen Medaillen legitimiert wird. Doch wie hoch ist die &#8222;Nachfrage&#8220; nach deutschen Olympiamedaillen von Seiten der Bev&ouml;lkerung eigentlich? Und wie viel Geld sind die Menschen bereit, f&uuml;r den Spitzensport auszugeben? Diese Fragen beantwortet das Autor*innenteam des folgenden Beitrags, indem es Sportf&ouml;rderung und Medaillengewinne als die beiden Seiten der &Ouml;konomie des Sports betrachtet und zwei Umfragen zur Zahlungsbereitschaft der Deutschen f&uuml;r den Spitzensport auswertet. Ihre Untersuchung bietet zugleich einige Anhaltspunkte daf&uuml;r, wie die staatliche F&ouml;rderpolitik verbessert werden kann.</i></p>
<h2 class="auto-created">Einleitung</h2>
<p><i>&#8222;The olympic games are competitions between athletes in individual or team events and not between countries&#8220;</i> (IOC 2011: 19). Gleichwohl werden olympische Sportwettbewerbe medial h&auml;ufig im Medaillenspiegel als eine Konkurrenz der teilnehmenden Nationen inszeniert. Nicht selten wird hierzulande der Eindruck erweckt, es w&uuml;rden von deutschen Sportlern zu wenige Medaillen &#8222;produziert&#8220;. Tats&auml;chlich ist allerdings wenig &uuml;ber die wirkliche Nachfrage nach Medaillen in der Bev&ouml;lkerung bekannt, weshalb auch niemand die Frage beantworten kann, ob der Staat &uuml;berhaupt den Medaillengewinn auf Kosten des Steuerzahlers finanzieren sollte und ob aus Sicht der Bev&ouml;lkerung zu viele oder zu wenige Medaillen produziert werden.[1)</p>
<p>Wie das Sozialprodukt optimal zwischen der Produktion &ouml;ffentlicher und privater G&uuml;ter aufzuteilen ist, diskutierte bereits Wicksell (1896). &Ouml;ffentliche G&uuml;ter k&ouml;nnen nicht am Markt gehandelt werden. Ihre Nutzung erfolgt ohne Rivalit&auml;t im Konsum und damit ohne marktgebundene Knappheitsindikatoren.[2] Daraus folgt zwangsl&auml;ufig eine permanent steigende Nachfrage und zunehmende Produktion &ouml;ffentlicher G&uuml;ter. Beg&uuml;nstigt werden solche &Uuml;berproduktionen &ouml;ffentlicher G&uuml;ter dadurch, dass Politiker die daraus resultierenden finanziellen Folgen, die meist erst nach dem Ende ihrer jeweiligen Wahlperiode anfallen, langfristig Dritten (sprich: dem Steuerzahler) &uuml;berantworten. Langfristige Kostendeckungsvorschl&auml;ge werden vermieden und die Kosten &uuml;ber die Zeit systematisch untersch&auml;tzt, zudem entwickelt sich ein stummer Konsens zwischen den beteiligten Parteien, sich gegenseitig bei der Ausweitung der Produktion &ouml;ffentlicher G&uuml;ter zu unterst&uuml;tzen. Das systematische Untersch&auml;tzen langfristiger Kosten erleichtert diese Form der Kooperation. Ein neues Stadion oder ein Schwimmbad sind schnell gebaut, laufende Betriebs- und langfristige Erhaltungskosten bleiben entweder aktuell unber&uuml;cksichtigt oder werden zu niedrig angesetzt, fallen aber in der Zukunft in Form von Erhaltungs- und Sanierungsaufwand in voller H&ouml;he und dauerhaft an &ndash; selbst bei Nichtnutzung (s. nicht mehr genutzte Olympiabauten). Aktuell gew&auml;hrte Subventionen verst&auml;rken diesen Prozess, da Subventionen in der Regel nur zum Aufbau neuer, nicht jedoch zur Unterhaltung der bestehenden Anlagen verwendet werden d&uuml;rfen. So sind selbst finanziell schw&auml;chere Gemeinden oder St&auml;dte kurzfristig in der Lage, den Ausbau bzw. Aufbau &ouml;ffentlicher G&uuml;ter zu finanzieren, deren Unterhalt sie in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten stark belastet, wenn nicht gar &uuml;berfordert.</p>
<p>Dieses Zusammenspiel der politischen Kr&auml;fte l&auml;sst sich auch bei der Spitzensportf&ouml;rderung und ihrem staatlichen Ziel, dem Medaillengewinn beobachten (Haut, Emrich &amp; Prohl 2016; Emrich, Gassmann, Haut, Pierdzioch &amp; Prohl 2016). Teile der Medien kommunizieren die gewonnene Zahl nationaler Medaillen, vergleichen sie mit fr&uuml;heren Medaillenerfolgen und kommen so zumindest bei Sommerspielen zur These von der fortschreitenden Krise des Leistungssports. Ein bedrohlicher R&uuml;ckgang der nationalen sportlichen Erfolge wird von ihnen teilweise als Indikator f&uuml;r eine allgemeine Krise der Leistungsf&auml;higkeit der Nation interpretiert. Das provoziert legitimierende Reaktionen des organisierten Sports (vgl. zu &auml;hnlichen Mustern am Beispiel von Fangewalt Anthonj, Emrich &amp; Pierdzioch 2015): Auf die Medienberichte reagiert gew&ouml;hnlich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der in &Uuml;bereinstimmung mit den Spitzenverb&auml;nden reflexhaft mehr Geld f&uuml;r die Sportf&ouml;rderung fordert, gleichzeitig aber auch Defizite in der Vorbereitung und F&ouml;rderung der Athleten durch einzelne Spitzenverb&auml;nde beklagt (zur Spitzensportfinanzierung s. Emrich, Pierdzioch &amp; Flatau 2011; Emrich, Pierdzioch &amp; Rullang 2013). Der Bundesminister des Inneren verweigert die deutliche Erh&ouml;hung von F&ouml;rdermitteln mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit eines effizienteren F&ouml;rdersystems und fordert Organisationsreformen, deren Entwicklung er aktuell f&ouml;rdert (s. das PotAS-System, mit dessen Hilfe der DOSB in Abstimmung mit dem Bundesminister des Inneren versucht, ein umfassendes Kriteriensystem zur Einsch&auml;tzung des k&uuml;nftigen Medaillenpotentials einer Sportart als Grundlage der Mittelzuweisung zu entwickeln).[3] In diesem Kontext erwartet er bei ann&auml;hernd gleicher F&ouml;rderh&ouml;he 30 Prozent mehr Medaillen, geht also von erheblichen Rationalisierungsreserven und einer aktuell ineffizienten Organisation aus.[4] Dahinter steckt aber auch die Idee einer klaren Plan- und Produzierbarkeit sportlichen Erfolgs.</p>
<p>Die staatliche Subventionierung der Medaillenproduktion f&uuml;hrt so zu einem dauerhaft kommunizierten Mangel gewonnener Medaillen. Sie ist gleichzeitig sowohl f&uuml;r eine eventuelle, die Zahlungsbereitschaft &uuml;berschreitende &Uuml;berproduktion als auch f&uuml;r Klagen &uuml;ber den (tats&auml;chlichen oder vermeintlichen) Mangel an Medaillen verantwortlich.[5]</p>
<p>Der Bundesminister des Inneren unterstellt dabei, dass in der Bev&ouml;lkerung grunds&auml;tzlich eine hohe Nachfrage nach Medaillen besteht. Wenn diese Annahme falsch w&auml;re, w&uuml;rde dies bedeuten, dass viel mehr Steuergelder f&uuml;r die Medaillenproduktion ausgegeben werden, als die Bev&ouml;lkerung selbst zu zahlen bereit ist. Zur Beantwortung der Frage, ob die Kosten der Medaillenproduktion zu rechtfertigen sind, vergleichen wir im Folgenden die Zahlungsbereitschaft der Bev&ouml;lkerung mit den Kosten der Bereitstellung der Medaillen.[6]</p>
<h2 class="auto-created">Zahlungsbereitschaft</h2>
<p>Der Zahlungsbereitschaft der Bev&ouml;lkerung f&uuml;r Medaillenerfolge kommt in der (sport-)politischen Diskussion eine Schl&uuml;sselrolle zu. Deshalb wird seit einigen Jahren in der sport&ouml;konomischen Forschung die Methode der <i>Willingness to Pay </i>(WTP) eingesetzt, um die Zahlungsbereitschaft der Bev&ouml;lkerung zu ermitteln (u.a. Breuer &amp; Hallmann 2011; Wicker, Hallmann, Breuer &amp; Feiler 2012; Bakkenb&uuml;ll &amp; Dilger 2017; Rohkohl &amp; Flatau 2017).[7]</p>
<p>Die bisherigen Studien zur Ermittlung der Zahlungsbereitschaft f&uuml;r den Leistungssport weisen in der Art der Fragestellungen (offene/geschlossene Fragen), in der Einleitung und Einordnung des Themas, der Abfrage konkreter Zahlungsbetr&auml;ge und -modi zahlreiche Unterschiede auf, weshalb ihre Ergebnisse kaum vergleichbar sind. Angesichts des diffusen Forschungsstandes sollen im vorliegenden Beitrag auf der Grundlage neu erhobener Daten drei Fragen empirisch beantwortet werden:</p>
<ol>
<li>Wie sieht die Nachfrage der Bev&ouml;lkerung nach Medaillen aus?</li>
<li>Wie sieht die Spenden- bzw. Zahlungsbereitschaft der Bev&ouml;lkerung f&uuml;r Medaillen aus?</li>
<li>Welche Faktoren bestimmen die Spenden- bzw. Zahlungsbereitschaft?</li>
</ol>
<h2 class="auto-created">Daten</h2>
<p>Zur Untersuchung der WTP im Sinne der Bereitschaft, Athleten durch Spenden zu f&ouml;rdern, wurde ein Datensatz aus zwei Befragungen anl&auml;sslich der Olympischen Spiele in London (2012) und Rio de Janeiro (2016) erstellt. Dies war m&ouml;glich, da in den beiden Erhebungen bis auf eine Ausnahme Fragen mit exakt gleichem Wortlaut und Antwortm&ouml;glichkeiten gestellt wurden.</p>
<p>Die Daten anl&auml;sslich der Olympischen Spiele in London wurden von Mai bis Oktober 2012 mittels einer Online- und Paper-Pencil-Befragung erhoben. Der Fragebogen wurde in Online- und Printausgaben von (deutschen?) Zeitungen mit dem entsprechenden Link beworben. Dies f&uuml;hrt zu einer &Uuml;berrepr&auml;sentation von jungen, hoch gebildeten Teilnehmern. Um auch andere Gruppierungen zu erreichen, wurde der Fragebogen als Print-Version in Hessen und im Saarland zus&auml;tzlich an ausgew&auml;hlten Orten direkt eingesetzt (N=899; zur Methodik und zu den Datens&auml;tzen vgl. im Detail Haut et al., 2016; Gassmann et al., 2018).</p>
<p>Im Vorfeld und Nachgang der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro wurde von Juli bis August 2016 eine standardisierte Online-Befragung durchgef&uuml;hrt. Die Mitgliedsorganisationen der Deutschen Olympischen Akademie gaben den Hinweis auf die Befragung an ihre Mitglieder weiter und leiteten sie in &Uuml;bersetzungen an die jeweiligen nationalen Pendants der Olympischen Akademien in anderen L&auml;ndern weiter. Dabei kamen sowohl der E-Mail-Verteiler als auch Facebook zum Einsatz. Mit diesem Schneeballverfahren wurden 710 Personen erreicht, die an der Befragung teilnahmen (davon 565 in Deutschland). Durch die Art der Gewinnung der Befragungsteilnehmer handelt es sich um eine selektive Stichprobe von an Olympischen Spielen interessierten sportaffinen Personen. F&uuml;r eine bessere Vergleichbarkeit wurden aus dem Gesamtdatensatz alle nicht in Deutschland lebenden Personen ausgeschlossen. Damit standen f&uuml;r die Auswertungen die Angaben von insgesamt 1.464 Personen zur Verf&uuml;gung. Um m&ouml;gliche Unterschiede zwischen den Befragten aus den beiden Stichproben aufzuzeigen, wurden die Auswertungen teilweise f&uuml;r den Gesamtdatensatz und teilweise f&uuml;r die Einzeldatens&auml;tze durchgef&uuml;hrt.</p>
<p>61% der Befragten waren M&auml;nner (39% Frauen). Im Durchschnitt waren die Befragten 42 Jahre alt (Standardabweichung 17, MIN: 14, MAX: 88), mehrheitlich mit hohem Bildungsniveau (Sch&uuml;ler: 2%, Hauptschulabschluss: 8%, Mittlere Reife: 17%, Fachabitur: 10%, Abitur: 63%; s. Haut et al., 2016). Das hohe Bildungsniveau spiegelt sich auch im Netto-Einkommen der Haushalte wider, welches mittels vorgegebener Antwortkategorien erfasst wurde.[8] Der Median lag hier zwischen 2250 &euro; und 2500 &euro;. Die Befragten sind mehrheitlich (82%) oder waren fr&uuml;her (14%) sportlich aktiv.</p>
<p>Tabelle 1 gibt verschiedene Einstellungen wieder, etwa zum Nationalstolz, das Interesse am Medaillenspiegel generell, am deutschen Abschneiden sowie am Erfolg der deutschen Athletinnen und Athleten und den genutzten Informationskan&auml;len(vgl. auch Emrich et al. 2016: 51). Insgesamt sind die Befragten im Durchschnitt eher stolz darauf, Deutsche zu sein, sie interessieren sich nicht sehr f&uuml;r den Medaillenspiegel und es ist ihnen auch nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig wichtig, dass Deutschland bei den Olympischen Spielen viele Medaillen gewinnt. F&uuml;r die Werte in Tabelle 1 ist zu beachten, dass die Mittelwerte aufgrund der differierenden Skalenbreite von 1 bis 5 bzw. 1 bis 4 nicht direkt miteinander vergleichbar sind.</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/emrich1.jpg" width="380" height="283" alt=""></p>
<p>Tabelle 1: &Uuml;bersicht der verwendeten Einstellungsskalen</p>
<p>Die Befragten nutzen durchschnittlich 2,4 unterschiedliche Medienarten, um sich &uuml;ber die Olympischen Spiele zu informieren. Zudem wurde die Evaluationsgl&auml;ubigkeit ermittelt, d.h. die Bereitschaft, sich an externen, vordergr&uuml;ndig rationalen Ratgebern zu orientieren. Um die Evaluationsgl&auml;ubigkeit zu ermitteln, wurden Daten f&uuml;r sieben unterschiedliche Bereiche (Pop-Song, Oper, Buch, Film, Theater, Kunstwerk, Restaurant) auf einer Skala erfasst, die zwischen den Erhebungen 2012 und 2016 differierte. In 2012 wurde eine vierstufige Skala (von 1 &#8217;stimme &uuml;berhaupt nicht zu&#8216; bis 4 &#8217;stimme voll und ganz zu&#8216;) und in 2016 eine f&uuml;nfstufige Skala (von 1 &#8217;stimme &uuml;berhaupt nicht zu&#8216; bis 5 &#8217;stimme voll und ganz zu&#8216;) erhoben; letztere wurde deshalb auf eine 4-stufige Skala transformiert. Die so erhobene Evaluationsgl&auml;ubigkeit ist im Mittel mit 2,2 eher gering ausgepr&auml;gt.</p>
<h2 class="auto-created">Ergebnisse zur Zahlungs&shy;be&shy;reit&shy;schaft</h2>
<p>Die WTP wurde mittels zweier miteinander verkn&uuml;pfter Konzepte erfragt. Zun&auml;chst wurde nach der Bereitschaft gefragt, die Olympiateilnehmer/-innen durch eine j&auml;hrliche Spende zu f&ouml;rdern; anschlie&szlig;end nach der Spendenbereitschaft, &#8222;damit Deutschland im Medaillenspiegel ganz vorne ist.&#8220; Beide Fragen waren als hybride Fragen mit den Antwortkategorien &#8222;nein&#8220; bzw. &#8222;ja, und zwar ____&euro; j&auml;hrlich&#8220; angelegt. Mit dieser im Vergleich zu anderen Studien offenen Fragestellung wird nicht suggeriert, dass man bereit sein m&uuml;sste, Geld zu spenden.[9] Zugleich sieht diese Frageform ausdr&uuml;cklich vor, dass die Spendenbereitschaft verneint werden kann.[10]</p>
<p>Weiterhin beziehen sich Spenden nur auf einmalige Ausgaben, da sie freiwillig sind und auch nur freiwillig wiederholt werden k&ouml;nnen. Mit der gew&auml;hlten Formulierung wird auch der hypothetische Charakter der Frage vermieden, da die (individuelle) Spendenbereitschaft eher einem tats&auml;chlich realisierbaren Verhalten entspricht, im Gegensatz zur Erfassung der WTP auf der Grundlage einer fiktiven Steuererh&ouml;hung bei einer Finanzierung durch die Allgemeinheit.</p>
<p>Konkret wurde in beiden Erhebungen gefragt &#8222;W&auml;ren Sie bereit, f&uuml;r die F&ouml;rderung der Olympiateilnehmer/-innen einen j&auml;hrlichen Beitrag zu spenden?&#8220; Beide Frageb&ouml;gen waren sowohl vor als auch nach den Spielen frei geschaltet (s. Tabelle 2).[11] Insgesamt ein Viertel aller Befragten w&auml;re bereit, j&auml;hrlich einen Beitrag zu spenden, wobei sich die Ergebnisse der beiden Stichproben deutlich unterscheiden: W&auml;hrend es 2016 fast ein Drittel (32%) war, waren 2012 lediglich 19% bereit, einen Betrag zur F&ouml;rderung der Athleten zu spenden. Ob diese Differenz durch eine ver&auml;nderte &ouml;ffentliche Wahrnehmung des Leistungssports bzw. der Athleten oder durch die unterschiedliche Art der Stichprobengenerierung zu erkl&auml;ren ist, kann leider nicht beantwortet werden. In jedem Fall f&auml;llt der Anteil Spendenwilliger im Vergleich zu anderen Studien deutlich geringer aus (vgl. den &Uuml;bersichtsartikel von Gassmann et al. i. Dr.).</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/emrich2.jpg" width="380" height="131" alt=""></p>
<p>Tabelle 2: F&ouml;rderbereitschaft f&uuml;r deutsche Olympiateilnehmer/-innen</p>
<p>Die Frage &#8222;W&uuml;rden Sie einen Beitrag spenden, damit Deutschland im Medaillenspiegel ganz vorne ist?&#8220; verneinten insgesamt 94% (s. Tabelle 3), bei marginalen Unterschieden zwischen den Datens&auml;tzen (Ablehnung 93% bzw. 94%). Dies k&ouml;nnte darauf hindeuten, dass die o.g. Differenzen in der Bereitschaft zur F&ouml;rderung der Athleten zwischen den Stichproben nicht auf eine ver&auml;nderte generelle Spendenbereitschaft f&uuml;r den Sport zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind, sondern eine ge&auml;nderte Spendenbereitschaft f&uuml;r die Athletenf&ouml;rderung anzeigen.</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/emrich3.jpg" width="380" height="142" alt="">Tabelle 3: F&ouml;rderbereitschaft, damit Deutschland im Medaillenspiegel ganz vorne ist</p>
<p>Die Auswertungen in den Tabellen 4 und 5 beziehen sich auf die Angaben in den offenen Feldern zur H&ouml;he des Spendenbetrags f&uuml;r die F&ouml;rderung der Teilnehmer/-innen bzw. zur Verbesserung der Position im Medaillenspiegel. Im Durchschnitt w&uuml;rden die Befragten 92&euro; zur F&ouml;rderung der Athleten spenden, wobei die Unterschiede zwischen den beiden Stichproben (90&euro; in 2012 und 92&euro; in 2016) marginal sind. In beiden F&auml;llen liegt der Mittelwert jedoch durch sehr hohe Spendensummen deutlich &uuml;ber dem Median: Die H&auml;lfte der Befragten w&uuml;rde mehr als 50&euro; spenden, die Spendenbeitr&auml;ge der &uuml;brigen w&uuml;rden geringer ausfallen.</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/emrich4.jpg" width="380" height="175" alt="">Tabelle 4: H&ouml;he der Spendenbereitschaft f&uuml;r Teilnehmer der Olympischen Spiele</p>
<p>Die Bereitschaft, Geld f&uuml;r eine vordere Platzierung im Medaillenspiegel zu spenden, f&auml;llt geringer aus als die zur F&ouml;rderung der Teilnehmer (s. Tabelle 5): die Befragten sind bereit, durchschnittlich 58&euro; daf&uuml;r zu spenden, jedoch betr&auml;gt der Median auch hier 50&euro;. Auff&auml;llig sind st&auml;rkere Differenzen im Mittelwert (2012: 48&euro; | 2016: 72&euro;) bzw. beim Median (2012: 23&euro; | 2016: 100&euro;).[12]</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/emrich5.jpg" width="380" height="172" alt="">Tabelle 5: H&ouml;he der Spendenbereitschaft f&uuml;r eine bessere Platzierung Deutschlands im Medaillenspiegel.</p>
<h2 class="auto-created">Deter&shy;mi&shy;nanten der Zahlungs&shy;be&shy;reit&shy;schaft</h2>
<p>Aufgrund des geringen Stichprobenumfangs und des damit verbundenen Stichprobenfehlers werden in der weiteren Analyse nur die Daten zur Athletenf&ouml;rderung herangezogen (s. Tabellen 2 und 4). Um Einflussfaktoren auf die Spendenbereitschaft zu pr&uuml;fen, wurde &uuml;ber alle Befragten eine logistische Regression[13] gerechnet, zur Pr&uuml;fung der H&ouml;he der Spendenbereitschaft eine lineare Regression.[14] In die Analyse gingen die im Methodenteil dargestellten Variablen ein.</p>
<p>Es zeigt sich, dass 2016 im Vergleich zu 2012 ein h&ouml;herer Anteil der im Vor- und Nachfeld der Olympischen Spiele Befragten bereit war, Geld zur Athletenf&ouml;rderung zu spenden (s. Tabelle 6, Spalte 1). Frauen und M&auml;nner zeigen keine Unterschiede in ihrer Spendenbereitschaft, auch das Alter hatte keinen Einfluss. Personen mit Abitur sind im Vergleich zu Personen mit mittlerer Reife eher zu einer Spende bereit. Bei den Einkommensklassen fallen zwei Gruppen durch eine besondere Spendenbereitschaft auf: Personen, die mehr als 5000&euro; verdienen und solche, die zwischen 500&euro; und 750&euro; verdienen; beide Gruppen w&uuml;rden eher Geld spenden als Personen, die weniger als 500&euro; monatlich zur Verf&uuml;gung haben.</p>
<p>Die sportliche Aktivit&auml;t wirkt sich nicht auf die Spendenbereitschaft auf, wobei die Gruppe der sportlich nicht-aktiven stichprobenbedingt sehr klein ausf&auml;llt.</p>
<p>Der Stolz, Deutscher zu sein, wirkt sich ebenso wie ein hohes Interesse am Medaillenspiegel positiv auf die Spendenbereitschaft aus. Dagegen hat die subjektive Bedeutung, dass Deutschland insgesamt bei den Olympischen Spielen m&ouml;glichst viele Medaillen gewinnt bzw. dass die teilnehmenden Athletinnen und Athleten Medaillen gewinnen, keinen Einfluss. Die Anzahl der Medienarten, die als Informationsquelle &uuml;ber die Olympischen Spiele verwendet werden, wirkt sich ebenfalls positiv auf die Spendenbereitschaft aus. Die Evaluationsgl&auml;ubigkeit hat dagegen einen negativen Effekt: Personen, die Ratgebern eine hohe Wichtigkeit beimessen, w&uuml;rden eher kein Geld spenden, verglichen mit denen, die ohne Ratgeber auskommen. Insgesamt weist das Modell eine relativ geringe Anpassungs- bzw. Erkl&auml;rungsg&uuml;te (in der Statistik als Pseudo-R&sup2; bezeichnet) von 0,122 auf.</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/emrich6b.jpg" width="380" height="438" alt=""></p>
<p>Tabelle 6: Ergebnisse der Regressionen der Gesamtdaten</p>
<p>Die lineare Regression auf die H&ouml;he der Spendenbereitschaft ergibt nur wenige signifikante Ergebnisse (Tabelle 6, Spalte 2). Die Befragten mit einem h&ouml;heren Nationalstolz w&uuml;rden demnach einen h&ouml;heren Betrag spenden. Zudem w&uuml;rden Personen mit einem Haushaltsnettoeinkommen zwischen 1250 &euro; bis unter 1500 &euro; sowie &uuml;ber 5.000&euro; mehr Geld spenden als Personen, denen nur 500&euro; zur Verf&uuml;gung stehen. Allerdings wird nur 9,9% der Varianz der abh&auml;ngigen Variable erkl&auml;rt (statistisch liegt das korrigierte R&sup2; bei nur 0,099).</p>
<h2 class="auto-created">Folgerungen f&uuml;r das System der Spitzen&shy;sport&shy;f&ouml;r&shy;de&shy;rung</h2>
<p>Die untersuchte Spendenbereitschaft der Befragten ist als eher gering einzusch&auml;tzen. Die Frage &bdquo;W&auml;ren Sie bereit, f&uuml;r die F&ouml;rderung der Olympiateilnehmer/-innen einen j&auml;hrlichen Beitrag zu spenden?&ldquo;, verneinten rund 68 Prozent der Befragten; die Frage, ob sie einen Beitrag spenden w&uuml;rden, damit Deutschland im Medaillenspiegel ganz vorne ist, verneinten rd. 93 Prozent der in Deutschland lebenden Befragten.</p>
<p>Die in einigen fr&uuml;heren Studien berichteten hohen Betr&auml;ge k&ouml;nnen generell nicht best&auml;tigt werden. Dies h&auml;ngt wahrscheinlich damit zusammen, dass bei der hier zun&auml;chst gestellten Entscheidungsfrage und der erst darauf folgenden Frage nach der Spendenh&ouml;he sozial erw&uuml;nschtes Antwortverhalten vermieden wurde. Au&szlig;erdem wurde darauf verzichtet, den Eindruck zu erwecken, dass die Zahlung von mehr Geld in das System erfolgversprechend ist. W&auml;hrend im Hinblick auf die Spendenbereitschaft einige Determinanten identifiziert werden konnten, k&ouml;nnen &uuml;ber die Determinanten der Spendenh&ouml;he (auch aufgrund der wenigen Personen, die &uuml;berhaupt zu Zahlungen bereit waren) kaum belastbare Aussagen getroffen werden.</p>
<p>Angesichts dieser Befunde stellt sich nicht die Frage nach &#8222;immer mehr&#8220; staatlicher F&ouml;rderung der Medaillenproduktion, sondern vielmehr die Frage, wie bei gegebenem (oder sogar einem verringerten) F&ouml;rdervolumen ein staatliches Sportf&ouml;rdersystem aussehen k&ouml;nnte.[15]</p>
<p>Staatliche Verwaltung ist nach Max Weber (1980) grunds&auml;tzlich an das Prinzip legaler Herrschaft gebunden und bedarf deshalb der B&uuml;rokratie. Eine staatlich finanzierte Sportf&ouml;rderung ist deshalb ohne ein Mindestma&szlig; an B&uuml;rokratie kaum denkbar. Passt aber der b&uuml;rokratische Organisationsmodus grunds&auml;tzlich zur Produktion von Medaillen? Diese Frage muss auch f&uuml;r Mischformen zwischen B&uuml;rokratie und Markt (so genannte hybride Organisationen) erlaubt sein (Williamson 1991). Grunds&auml;tzlich nimmt der interne Abstimmungsaufwand (die Transaktionskosten) mit der Gr&ouml;&szlig;e einer B&uuml;rokratie und der Komplexit&auml;t des Gegenstandes zu (s. die Analysen zum kooperativen Produktionsverbund im Spitzensport: Emrich &amp; G&uuml;llich 2005). Die Vorstellung, dass es eine Verwaltungsspitze gibt, die &uuml;ber alle Dinge vor Ort in allen Verb&auml;nden vollst&auml;ndig informiert ist und sachad&auml;quat entscheidet, wird durch Informationsmangel, aber auch durch Informationsverschmutzungen[16] vielfach konterkariert. Auf jeder Ebene der Sachkompetenz wird Information ver&auml;ndert, d.h. zuf&auml;llig oder absichtlich (miss-)interpretiert. Je mehr man Informationsverschmutzung mit Kommunikation bek&auml;mpft, umso gr&ouml;&szlig;er wird das Risiko einer zunehmenden Informationsverschmutzung, die sich auch durch die sprachliche Semantik und aus der unterschiedlichen Interpretation durch die Beteiligten ergibt. Gleichzeitig existiert kein Effizienzdruck f&uuml;r die staatliche B&uuml;rokratie, die sich nicht wie die Privaten im Markt st&auml;ndig verbessern und reformieren muss.[17]</p>
<p>Der Unterschied zwischen staatlicher B&uuml;rokratie und den B&uuml;rokratien der Verb&auml;nde liegt darin, dass letztere durchaus im Wettbewerb miteinander um einen m&ouml;glichst hohen Medaillenanteil bzw. den Gewinn m&ouml;glichst prestigetr&auml;chtiger Medaillen stehen. Die in Verb&auml;nden t&auml;tigen Menschen empfinden im Gegensatz zur staatlichen B&uuml;rokratie also durchaus Konkurrenzdruck. Dar&uuml;ber hinaus stellt sich die Frage, ob die in den Verb&auml;nden t&auml;tigen Mitarbeiter mit der gleichen N&uuml;chternheit agieren, wie es nach Weber (1980: 126ff) im Rahmen der b&uuml;rokratischen Herrschaft f&uuml;r staatliche Beamten charakteristisch ist, was allein schon aufgrund der h&auml;ufigen biographischen Verbindungen zum Sport bezweifelt werden kann. Daraus resultiert die Frage, wie man durch Anreize sowohl staatliche Beamte als auch Angestellte in Verbandsb&uuml;rokratien effizienter lenken kann. Wenn etwa Einkommenschancen eines staatlichen Beamten von der Zahl seiner Mitarbeiter abh&auml;ngen, wird er die Aufgaben m&ouml;glichst zeitaufw&auml;ndig ausf&uuml;hren; wenn Einkommenschancen einer Verbandsb&uuml;rokratie teilweise von den erzielten Erfolgen abh&auml;ngen, wird sie eher schnell und sachgerecht entscheiden. W&uuml;rden f&uuml;r die zust&auml;ndigen Beamten im Bundesministerium des Innern leistungsbezogene Gehaltsbestandteile gezahlt, die sich nach dem nationalen Abschneiden bei Olympia richten, w&auml;re der in den Medien dargestellte Konflikt zwischen dem Generaldirektor des DOSB und dem zust&auml;ndigen Ministerialdirektor im Bundesministerium des Inneren wohl eher vermeidbar (s. dazu Hecker &amp; Reinsch 2015).[18]</p>
<p>Wenn also eine staatliche B&uuml;rokratie auf Verbandsb&uuml;rokratien trifft, treffen unterschiedliche Logiken der Verhaltensrationalit&auml;t aufeinander. Damit stellt sich die Frage, ob der Markt oder hybride Organisationsformen (zwischen Staat und Markt) besser geeignet sind. Eine grunds&auml;tzliche M&ouml;glichkeit best&uuml;nde darin, b&uuml;rokratische Verfahren bei berechenbaren, vorhersehbaren und klar regulierten, an das Gesetz gebundenen Entscheidungsverfahren anzuwenden und den Markt eher dort zuzulassen, wo Flexibilit&auml;t, Dynamik und schnelle Reaktionen verlangt werden. Man kann sich z.B. sklavisch an vorgegebene Kriterien der Sportf&ouml;rderung (etwa des PotAs-Systems) halten oder Spielr&auml;ume lassen, um flexibel auf Sondersituationen zu reagieren, damit aber m&ouml;glicherweise Regeln der F&ouml;rderung dehnen oder au&szlig;er Kraft setzen (s. Emrich, Pierdzioch &amp; Rullang 2013). Um Abstimmungsprobleme und Inkonsistenzen in den zeitlichen Entscheidungshorizonten zu vermeiden, k&ouml;nnte man leistungsbezogene Budgets einf&uuml;hren und den Verb&auml;nden etwa einen Betrag global zur Verf&uuml;gung stellen. So w&uuml;rde ein Wettbewerb um die besten L&ouml;sungen generiert und zudem Kompetenz und Haftung zusammengef&uuml;hrt. Diesen Wettbewerb k&ouml;nnte man auch auf die staatlichen Sportb&uuml;rokratien der L&auml;nder um die besten L&ouml;sungen ausweiten, statt m&uuml;hselige Versuche der Standardisierung und Vereinheitlichung seitens des DOSB zu unternehmen. Man k&ouml;nnte auch die F&ouml;rdermittel direkt den Athleten (als pers&ouml;nliches Budget) zuweisen, anstatt den Institutionen. Athleten k&ouml;nnten damit direkt &uuml;ber ihre F&ouml;rdermittel verf&uuml;gen und diese bei Verb&auml;nden, Trainern, Betreuern, aber auch bei Personen und Einrichtungen ihrer Wahl ausgeben. Dies w&uuml;rde auch jene privaten Haushalte (z.B. Familien mit Sport treibenden Kindern und Jugendlichen) entlasten, die mit erheblichem Ressourceneinsatz den Sport ihrer Kinder subventionieren; und es w&uuml;rde Medaillengewinne bef&ouml;rdern, zu denen der Staat und/oder der jeweilige Sportverband lediglich einen subsidi&auml;ren Beitrag leisten.</p>
<p>Gleichzeitig gilt es aber bei der Bemessung &ouml;ffentlicher F&ouml;rdermittel zu bedenken, dass (wie eingangs dargestellt) der Olympiasieg Merkmale eines privaten Gutes aufweist, dessen &ouml;konomische Verwertung im Markt (z.B. als Sponsoringvertrag) durchaus an den Sieger gekn&uuml;pft ist, da weite Personenkreise von der Vermarktung des Gutes teilweise ausgeschlossen sind. Es liegt also eine klassische Form der Privatisierung der Ertr&auml;ge bei gleichzeitiger Vergemeinschaftung der Kosten vor.</p>
<p>Mit einem geeigneten Rechnungswesen k&ouml;nnten die Leistungen im Kostenaufwand vergleichbar gemacht werden; also etwa: Was kostet eine Medaille im Bobfahren, was eine im Rudern? Was kostet ein Tag im Trainingslager f&uuml;r einen Sportler an verschiedenen Orten usw.? Die B&uuml;rokratien der Sportverb&auml;nde sind also nicht, wie vom Bundesinnenminister implizit unterstellt, das &Uuml;bel, sondern die Anwendung b&uuml;rokratischer Organisation in den falschen Bereichen. Interessanterweise kommt der Widerstand gegen die oben aufgezeigten M&ouml;glichkeiten nicht nur aus der Sportverwaltung, sondern auch aus der Politik. Die Sportb&uuml;rokratie im BMI hat l&auml;ngst ein bilaterales Monopol (s. Niskanen 1971) herausbildet, das Transparenz und Kostenrechnung nicht realisieren will bzw. zu verhindern sucht.[19]&nbsp;</p>
<p>F&uuml;r die Reformbestrebungen im beschriebenen Setting gilt das &Ouml;lflecktheorem (Ludwig von Mises [1929] 1976): Weil Intransparenzen nicht beseitigt, Fehlanreize nicht korrigiert und Kostenrechnungen nicht konsequent realisiert werden (nur bei klar dokumentierten Kosten muss eine normative Entscheidung f&uuml;r Sportf&ouml;rderung umfassend politisch begr&uuml;ndet werden), f&uuml;hrt jeder Eingriff in das bestehende Sportf&ouml;rdersystem und damit in die Produktion &ouml;ffentlicher G&uuml;ter zu unkalkulierbaren Reaktionen. Offensichtlich gilt dies auch f&uuml;r die Subventionierung der als &ouml;ffentliches Gut betrachteten nationalen Medaillen, die nur von einer Minderheit der deutschen Bev&ouml;lkerung als Indikator f&uuml;r die Leistungsf&auml;higkeit in anderen Bereichen angesehen wird (Haut, Emrich &amp; Prohl 2016).</p>
<p>Eine auch nur ann&auml;hernde Sch&auml;tzung von Rationalisierungsreserven der Sportb&uuml;rokratie und der staatlichen B&uuml;rokratie ist schwer bis unm&ouml;glich. Allerdings erweist sich die Vorstellung, der Staat k&ouml;nne alles besser, stets als (zu) teuer. Nach Richter (1999), der die Probleme der Transformation von National&ouml;konomien untersucht hat, ist auch die Tendenz zur Zentralisierung und Lenkung der Medaillenproduktion kritisch zu sehen. Emrich und Pierdzioch (2010) haben das &Uuml;berleben planwirtschaftlicher Muster des DDR-Sports nach der Wiedervereinigung untersucht. Dem Diktat des Zentralkomitees der SED in der DDR unterstellt, wurde in der staatlichen B&uuml;rokratie im Rahmen eines mehrj&auml;hrigen Plans der sportliche Erfolg der DDR als klassisches &ouml;ffentliches Gut einerseits und als Mittel im Kampf der Nationen um weiche G&uuml;ter andererseits in hohem Umfang bereitgestellt. Empirische Kenntnisse dar&uuml;ber, wie die DDR-Bev&ouml;lkerung die Produktion dieses &ouml;ffentlichen Gutes im Verh&auml;ltnis zur Produktion anderer &ouml;ffentlicher G&uuml;ter bewertete, sind nicht bekannt. Interessant ist die Tendenz einer fortw&auml;hrenden Belohnung von Ineffizienzen durch h&ouml;here Subventionierung, die auch nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten weiter besteht.</p>
<p><b>EIKE EMRICH</b><i>&nbsp;&nbsp; 1957, Univ.-Prof. Dr., Universit&auml;t des Saarlandes, Professur f&uuml;r Sport&ouml;konomie und Sportsoziologie, kooptierter Professor in der Wirtschaftswissenschaft. Forschungsinteressen: Organisationen im Sport, &Ouml;konomik des Dopings, &Ouml;konomik des Ehrenamts, Bildungs&ouml;konomik, Bedingungen spitzensportlichen Erfolgs, Sozio&ouml;konomik sozialer Probleme, Politische &Ouml;konomik insbesondere des Sports, Probleme der Wettbewerbsintegrit&auml;t.<br /></i><b>FREYA GASSMANN</b><i>&nbsp;&nbsp; 1983, Dr. phil., Master of Arts in Soziologie, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universit&auml;t des Saarlandes am Lehrstuhl f&uuml;r Sport&ouml;konomie und Sportsoziologie. J&uuml;ngste Buchver&ouml;ffentlichung: Wissenschaft als Leidenschaft? &Uuml;ber die Arbeits- und Besch&auml;ftigungsbedingungen wissenschaftlicher Mitarbeiter (2018). Frankfurt: Campus. Forschungsinteressen: Hochschulforschung, Sportsoziologie, Arbeitsmarktsoziologie, quantitative Methoden.<br /></i><b>TIM MEYER&nbsp;</b><i>&nbsp; 1988, Master of Science in Volkswirtschaftslehre, externer Doktorand am Lehrstuhl f&uuml;r Monet&auml;re &Ouml;konomik der Helmut-Schmidt-Universit&auml;t/Universit&auml;t der Bundeswehr Hamburg. Forschungsinteressen: Makro&ouml;konomik, Immobilien&ouml;konomik, Prognosen, Sport&ouml;konomik, &Ouml;konomik des Ehrenamtes. <br /></i><b>CHRISTIAN PIERDZIOCH&nbsp;</b><i>&nbsp; 1972, Univ.-Prof. Dr., Helmut-Schmidt-Universit&auml;t/Universit&auml;t der Bundeswehr Hamburg, Professur f&uuml;r Monet&auml;re &Ouml;konomik,&nbsp; Forschungsinteressen: Monet&auml;re &Ouml;konomik, Makro&ouml;konomik, Internationale &Ouml;konomik, Finanzmarkt&ouml;konomik, Umfragedaten und Prognosen, Politische &Ouml;konomik.</i></p>
<h2 class="auto-created">Literaturverzeichnis</h2>
<p><i>Anthonj, Pierre; Emrich, Eike &amp; Pierdzioch, Christian</i> 2015: Zur Dynamik sozialer Probleme im Sport. Eine Analyse der Fangewalt und ihrer Bek&auml;mpfung im deutschen Fu&szlig;ball.; in: <i>Soziale Probleme</i>, Jg. 26, H. 1, S. 1-27.</p>
<p><i>Bakkenb&uuml;ll, Linn-Brit &amp; Dilger, Alexander</i> 2017: Zahlungsbereitschaften f&uuml;r deutsche Erfolge bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi; in: <i>German Journal of Exercise and Sport Research</i>, Jg. 47, H. 4, S. 360-370.</p>
<p><i>Breton, Albert &amp; Wintrobe, Ronald</i> 1975: The equilibrium size of a budget maximizing bureau; in: <i>Journal of Political Economy</i>, Jg. 83, H. 1, S. 195-207.</p>
<p><i>Breuer, Christoph &amp; Hallmann, Kirstin </i>2011: Die gesellschaftliche Relevanz des Spitzensports in Deutschland. K&ouml;ln: Sportverlag Strau&szlig;.</p>
<p><i>Drepper, Daniel</i> 2012: Olympia: Das System Plansport &ndash; Millionen f&uuml;r Medaillen. Der Westen Recherche Blog vom 24.07.2012.</p>
<p><i>Emrich, Eike &amp; G&uuml;llich, Arne</i> 2016: Produktion sportlicher Erfolge; in: Christian Deutscher, Gregor Hovemann, Tim Pawlowski, &amp; Lutz Thieme (Hrsg.), <i>Handbuch Sport&ouml;konomik </i>(S. 139-162). Hofmann: Schorndorf.</p>
<p><i>Emrich, Eike &amp; Pierdzioch, Christian</i> 2010: Konvergenz und Effizienz? Zur &Uuml;bernahme von Elementen des DDR-Sports in den bundesdeutschen Spitzensport; in: Kurt Bohr &amp; Arno Krause (Hrsg.), <i>20 Jahre deutsche Einheit. Bilanz und Perspektiven</i> (S. 105-122). Baden-Baden: Nomos.</p>
<p><i>Emrich, Eike &amp; Pierdzioch, Christian</i> 2013a: A note on the international coordination of antidoping policies; in: <i>Journal of Sports Economics</i>, Jg. 16, H. 3, S. 312-321.</p>
<p><i>Emrich, Eike &amp; Pierdzioch, Christian</i> 2013b: Joining the international fight against doping; in: <i>Applied Economics Letters</i>, Jg. 20, H. 15, S. 379-382.</p>
<p><i>Emrich, Eike; Gassmann, Freya; Haut, Jan; Pierdzioch, Christian &amp; Prohl, Robert</i> 2016: Medaillen f&uuml;r die nationale Repr&auml;sentanz? Zur Bedeutung von Medaillenerfolgen bei Olympischen Spielen, in: <i>Sport und Gesellschaft</i>, Jg. 12, H. 1, S. 39-68.</p>
<p><i>Emrich, Eike &amp; G&uuml;llich, Arne</i> 2005: Zur &bdquo;Produktion&ldquo; sportlichen Erfolges: Organisations-strukturen, F&ouml;rderbedingungen und Planungsannahmen in kritischer Analyse. K&ouml;ln: Sport und Buch Strau&szlig;.</p>
<p><i>Emrich, Eike; Pierdzioch, Christian &amp; Rullang, Christian </i>2013: Zwischen Regelgebundenheit und diskretion&auml;ren Spielr&auml;umen: Die Finanzierung des bundesdeutschen Spitzensports, in: <i>Sport und Gesellschaft</i>, Jg. 10, H. 1, S. 3-26.</p>
<p><i>Emrich, Eike; Pierdzioch, Christian &amp; Flatau, Jens</i> 2011: Common Agency und diskretion&auml;re Handlungsspielr&auml;ume im Umgang mit &ouml;ffentlichen Finanzmitteln im bundesdeutschen Spitzensport &ndash; eine empirische Analyse, in: In Eike Emrich, Christian Pierdzioch, &amp; Martin-Peter B&uuml;ch (Hrsg.), <i>Europ&auml;ische Sportmodelle. Gemeinsamkeiten und Differenzen in international vergleichender Perspektive </i>(S. 177-196). Schorndorf: Hofmann.</p>
<p><i>Galbraith, John Kenneth</i> 1963: Gesellschaft im &Uuml;berflu&szlig;. M&uuml;nchen: Droemer/Knaur.</p>
<p><i>Gassmann, Freya; Meyer, Tim; Emrich, Eike &amp; Pierdzioch Christian</i> (i. Dr.). Zur Zahlungsbereitschaft f&uuml;r nationale sportliche Erfolge: Forschungsstand und Forschungsperspektiven, in:&nbsp; Eike Emrich &amp; Christian Pierdzioch (Hrsg.), Sektion Sport&ouml;konomik, innerhalb des Handbuchs Sport und Sportwissenschaft, Arne G&uuml;llich &amp; Michael Kr&uuml;ger (Hrsg.), Frankfurt: Springer.</p>
<p><i>Gassmann, Freya; Emrich, Eike; Pierdzioch, Christian &amp; Meyer, Tim </i>2018: Nachhaltigkeit, Menschenrechte und Transparenz f&uuml;r Olympische Spiele &ndash; Wunsch und Wirklichkeit im Spiegel neuer Umfrageergebnisse, in: Nowak, Gerhard (Hrsg.), Regionalentwicklung des Sports. Hofmann: Schorndorf, S. 323-40.</p>
<p><i>Glaser, Hermann</i> 1972: Das &ouml;ffentliche Deutsch. Berlin: Fischer.</p>
<p><i>Haut, Jan, Prohl; Robert &amp; Emrich, Eike</i> 2016: Nothing but medals? Attitudes towards the importance of Olympic success; in: <i>International Review for the Sociology of Sport</i>, Jg. 51, H. 3, S. 332-348.</p>
<p><i>Hecker, Anno &amp; Reinsch, Michael </i>2015: DOSB nach Olympia-Aus : Angst vor der feindlichen &Uuml;bernahme. FAZ vom 04.12.2015 online unter <a href="http://www.faz.net/aktuell/sport/" target="_blank" rel="noopener">http://www.faz.net/aktuell/sport/</a><br />sportpolitik/dosb-fuerchtet-nach-olympia-aus-feindliche-uebernahme-13948878.html.</p>
<p><i>Hirschman, Albert </i>O. 1970: Exit, voice and loyalty. Responses to decline in firms, organizations and states. Cambridge: Harvard University Press.</p>
<p><i>Mises von, Ludwig</i> [1929] 1976: Kritik des Interventionismus &ndash; Verstaatlichung des Kredits?. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag.</p>
<p><i>Niskanen, William</i> 1971: Bureaucracy and representative government. Chicago: Aldine-Atherton.</p>
<p><i>Richter, Rudolf</i> 1999: A note on the transformation of economic systems; in: <i>University of Saarland Economic Series</i>, No. 9907.</p>
<p><i>Rohkohl, Finja, &amp; Flatau, Jens</i> 2017: Zur Messung der Pr&auml;ferenzen f&uuml;r nationale Sporterfolge bei Olympischen Sommerspielen; in: <i>Sport und Gesellschaft</i>, Jg. 14, H. 2, S. 133-161.</p>
<p><i>Spiegel Online </i>2012: Friedrich scheitert vor Gericht: DOSB-Zielvereinbarungen m&uuml;ssen &ouml;ffentlich bleiben. SPON vom 24.09.2012 unter <a href="http://www.spiegel.de/sport/fussball/" target="_blank" rel="noopener">http://www.spiegel.de/sport/fussball/</a><br />gerichtsentscheid-dosb-zielvereinbarungen-muessen-oeffentlich-bleiben-a-57608.html.</p>
<p><i>Weber, Max </i>1980: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundri&szlig; der verstehenden Soziologie. T&uuml;bingen: Mohr.</p>
<p><i>Wicker, Pamela; Hallmann, Kirstin; Breuer Christoph, &amp; Feiler, Svenja </i>2012: The value of Olympic success and the intangible effects of sport events &ndash; A contingent valuation approach in Germany; in: <i>European Sport Management Quarterly</i>, Jg. 12, H. 4, S. 337-355.</p>
<p><i>Williamson, Oliver E. </i>1991: Comparative economic organization: The analysis of discrete structural alternatives; in: <i>Administrative Science Quarterly</i>, Jg. 36, H. 2, S. 269-296.</p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>1. Die Problematik der angemessenen Verwendung des Sozialprodukts f&uuml;r &ouml;ffentliche G&uuml;ter zeigt sich bereits in Galbraiths&rsquo; (1963) Klage &uuml;ber die &bdquo;&ouml;ffentliche Armut&ldquo;. Seiner Auffassung nach setzen B&uuml;rger einer Besteuerung zum Zweck der Produktion &ouml;ffentlicher G&uuml;ter Widerstand entgegen, weil ihre Steueraversion st&auml;rker ausgepr&auml;gt sei als ihr Wunsch nach &ouml;ffentlichen G&uuml;tern.</p>
<p>2. Allerdings kann es vereinzelt zur zeitlich befristeten Begrenzung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter mittels Wartezeit kommen, also ein Surrogat f&uuml;r die Preisbildung im Markt in Form der Preisbildung durch Wartezeit (z.B. Wartezeiten f&uuml;r Studienpl&auml;tze in Numerus Clausus-F&auml;chern).</p>
<p>3. Siehe Reform der Spitzensportf&ouml;rderung unter <a href="https://www.dosb.de/de/leistungssport/leistungssportreform/" target="_blank" rel="noopener">https://www.dosb.de/de/leistungssport/leistungssportreform/</a>; Zugriff am 7.9.2017.</p>
<p>4. In Zeit-Online vom 28.09.2016 hei&szlig;t es: &bdquo;De Maizi&egrave;re hatte bereits zu Jahresbeginn die Strukturen im deutschen Sport kritisiert und 30 Prozent mehr Medaillen gefordert. So wird sich das BMI zuk&uuml;nftig nicht mehr damit begn&uuml;gen, die Verteilung der Gelder dem DOSB und den Verb&auml;nden zu &uuml;berlassen. Durch die genauen F&ouml;rderkriterien gibt es nun einen strikten Rahmen. Ein Modell, das der DOSB mittr&auml;gt. &sbquo;Ich erhoffe mir von der Reform, dass die Gelder zielgerichtet, sportfachlich begr&uuml;ndet und effizient eingesetzt werden&lsquo;, erkl&auml;rte der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper&ldquo; (online unter: <a href="http://www.zeit.de/sport/2016-09/spitzensport-reform-deutsche-sportler-medaillen-olympische-spiele" target="_blank" rel="noopener">http://www.zeit.de/sport/2016-09/spitzensport-reform-deutsche-sportler-medaillen-olympische-spiele</a>, Zugriff am 7.9.2017</p>
<p>5. Dabei wird h&auml;ufig ausgeblendet, dass die Problematik in der &bdquo;Medaillenproduktion&ldquo; in einem nicht unwesentlichen Ausma&szlig; von externen Faktoren beeinflusst wird. F&ouml;rdersysteme sind vielleicht in der Lage, in einem gewissen Ma&szlig;e Einfluss auf die erwartbare Leistung des Athleten zu nehmen, jedoch nicht auf die Leistung der Athleten anderer Nationen im Wettbewerb. Der Erfolg im Ringen um Medaillen kann damit nur teilweise geplant und beeinflusst werden (zu den Auswirkungen am Beispiel der internationalen Koordination der Dopingbek&auml;mpfung, vgl. Emrich &amp; Pierdzioch 2013a; 2013b).</p>
<p>6. Unabh&auml;ngig davon k&ouml;nnte staatlicherseits ein &bdquo;infant industry&ldquo; Argument vorgebracht werden. Dies w&uuml;rde implizieren, dass der Staat erst die Produktion von Medaillen anschieben muss, weil dann die Produktion von weiteren Medaillen einfacher wird, also eine Anwendung klassischer &Uuml;berlegungen zu Skalenertr&auml;gen. Dagegen spricht allerdings der empirische Befund, dass die zwischen Politik und Sport abgestimmten Sportf&ouml;rderprogramme f&uuml;r deutsche Athleten erhebliche Wirksamkeitsprobleme haben (vgl. Emrich &amp; G&uuml;llich 2016).</p>
<p>7. (vgl. f&uuml;r einen &Uuml;bersichtsartikel Gassmann, Meyer, Emrich &amp; Pierdzioch i. Dr.).</p>
<p>8. Beginnend mit unter 500 Euro, dann gestaffelt in Klassenbreiten von 250 Euro von 500 bis unter 2500 Euro und in Klassenbreiten von 500 Euro von 2500 bis unter 3000 Euro, danach in Klassenbreiten von 1000 Euro von unter 3000 Euro bis unter 5000 Euro sowie nach oben offen &uuml;ber 5000 Euro.</p>
<p>9. Generell kann diskutiert werden, ob eine geschlossene Ja/Nein-Frage und eine davon losgel&ouml;ste offene Frage nicht die bessere Wahl gewesen w&auml;re, da dem Befragten durch die Hybridfrage w&auml;hrend der Beantwortung klar war, dass von ihm erwartet wird, dass er eine bestimmte Summe eintragen soll, wenn er seine Bereitschaft angibt. M&ouml;glicherweise f&uuml;hrt dies dazu, dass er daraufhin seine Antwort auf die Entscheidungsfrage &uuml;berdenkt.</p>
<p>10. Generell kann diskutiert werden, ob eine geschlossene Ja/Nein-Frage und eine davon losgel&ouml;ste offene Frage nicht die bessere Wahl gewesen w&auml;re, da dem Befragten durch die Hybridfrage w&auml;hrend der Beantwortung klar war, dass von ihm erwartet wird, dass er eine bestimmte Summe eintragen soll, wenn er seine Bereitschaft angibt. M&ouml;glicherweise f&uuml;hrt dies dazu, dass er daraufhin seine Antwort auf die Entscheidungsfrage &uuml;berdenkt.</p>
<p>11. Die Auswertungen beziehen sich in beiden F&auml;llen nur auf Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung in Deutschland lebten.</p>
<p>12. Ein Blick auf die Verteilung relativiert die Unterschiede. Die Aufz&auml;hlung der 33 Angaben ergibt, dass 16 der 33 Personen einen Wert &le; 50&euro; und 17 Personen einen Wert &ge; 100&euro; angegeben haben. Kein Befragter w&auml;hlte einen Betrag zwischen 50&euro; und 100&euro;, weshalb aufgrund einer einzigen Person der Median bei 100&euro; und nicht darunter liegt.</p>
<p>13. Bei einer logistischen Regression ist die abh&auml;ngige Variable bin&auml;r kodiert (keine Spende=0 und Spende=1) und es wird die Wahrscheinlichkeit modelliert, dass die abh&auml;ngige Variable in einer dieser beiden Kategorien landet. Bei einer linearen Regression hingegen sind unterschiedliche Auspr&auml;gungen der abh&auml;ngigen Variablen (z.B. die Spendenh&ouml;he). Beide Verfahren dienen dazu, mittels der erkl&auml;renden Variablen das Modell m&ouml;glichst gut an den Datensatz anzupassen. Grob formuliert geht es darum, den Einfluss derjenigen erkl&auml;renden Variablen, die f&uuml;r diesen Zweck besonders hilfreich sind (statistisch gesprochen: signifikant, im Sinne von bedeutsam/&uuml;berzuf&auml;llig sind), zu ermitteln.</p>
<p>14. Eine trunkierte Regression mittels Maximum-Likelihood-Methode (Methode zur Bestimmung der Modellpassung f&uuml;r parametrische Sch&auml;tzverfahren), die Antworten jener, die nicht bereit f&uuml;r eine Spende gewesen waren, beachtet h&auml;tte, konvergierte nicht. Die Verteilung weist keine klare linke Trunkierung auf, sondern ist eher eine linkssteile und rechtsschiefe Verteilung.</p>
<p>15. Dar&uuml;ber hinaus stellt sich nat&uuml;rlich auch die grunds&auml;tzliche Frage: Sollte ein Gut namens Medaillenspiegel &uuml;berhaupt bereitgestellt werden und in welcher Qualit&auml;t? Wobei es hier auch zu bedenken gilt, dass bei Einstellung der Produktion von &ouml;ffentlichen G&uuml;tern evtl. auch mit negativen Folgen zu rechnen w&auml;re.</p>
<p>16. Glaser (1972) versteht unter dem Begriff der Informationsverschmutzung das Problem, dass eine &uuml;berm&auml;&szlig;ige Quantit&auml;t an Information zur Uninformiertheit f&uuml;hrt, da die relevanten Informationen in der Masse untergehen. Verst&auml;rkt wird dies durch Sprachverwirrungen.</p>
<p>17. Die unterschiedlichen Logiken staatlicher und privater B&uuml;rokratien erl&auml;utert Hirschman (1970) am Beispiel der staatlichen Eisenbahn in Nigeria, die sich durch einen Reformstau gegen&uuml;ber dem LKW-Transport als nicht konkurrenzf&auml;hig erwies.</p>
<p>18. Allgemein tendieren B&uuml;rokraten dazu, das Budget zu maximieren, wenn Bef&ouml;rderungsm&ouml;glichkeiten begrenzt sind (vgl. am Beispiel des Milit&auml;rs Breton &amp; Wintrobe 1975).</p>
<p>19. Das zeigt nicht zuletzt die Auseinandersetzung um die Ver&ouml;ffentlichung von Finanzierungsdaten des Sports: Der Journalist Daniel Drepper erstritt vor dem Verwaltungsgericht Berlin die Verpflichtung des BMI, die Daten zur Finanzierung der Sportverb&auml;nde herauszugeben. Der Beschluss erstreckte sich auch auf die Zielvereinbarungen (vgl. Spiegel Online 2012; Drepper 2012).</p>
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		<title>Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sport</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 20:20:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 93-104 In der sogenannten &#8222;M&#252;nchener Erkl&#228;rung&#8220; verpflichten sich die Mitgliedsorganisationen des Deutschen Olympischen Sportbundes, Ma&#223;nahmen gegen sexualisierte Gewalt im Sport zu ergreifen. Allerdings befindet sich die Diskussion um dieses Thema noch in vielen Vereinen und Verb&#228;nden im Anfangsstadium. Nach Begriffskl&#228;rungen zur sexualisierten Gewalt beschreiben Jeannine Ohlert und Bettina Rulofs [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 93-104</p>
<p><i>In der sogenannten &#8222;M&uuml;nchener Erkl&auml;rung&#8220; verpflichten sich die Mitgliedsorganisationen des Deutschen Olympischen Sportbundes, Ma&szlig;nahmen gegen sexualisierte Gewalt im Sport zu ergreifen. Allerdings befindet sich die Diskussion um dieses Thema noch in vielen Vereinen und Verb&auml;nden im Anfangsstadium. Nach Begriffskl&auml;rungen zur sexualisierten Gewalt beschreiben Jeannine Ohlert und Bettina Rulofs spezifische Risikofaktoren im Sport. Sie stellen ein theoretisches Modell zum (zeitlichen) Ablauf eines Ereignisses schwerer sexualisierter Gewalt im Sport vor, den sogenannten &#8222;Grooming&#8220;-Prozess. Erst zwischen 2015 und 2017 wurden im Rahmen der Studie &raquo;Safe Sport&laquo; differenzierte Zahlen zu sexualisierter Gewalt im organisierten Sport in Deutschland erhoben. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass insgesamt mehr als ein Drittel der 1529 Befragten einmal oder h&auml;ufiger eine Situation sexualisierter Gewalt im Sport erlebt hatten; bei 11% war es sogar schwere sexualisierte Gewalt. Zwei Drittel aller Betroffenen waren bei der ersten Gewalterfahrung noch nicht erwachsen. Frauen und M&auml;dchen sind deutlich h&auml;ufiger von sexualisierter Gewalt betroffen; ebenfalls Sportler_innen mit homosexueller oder bisexueller Orientierung im Vergleich zu heterosexuellen Athlet_innen. Der Beschreibung der Folgen von Gewalt und der M&ouml;glichkeiten der Pr&auml;vention sexualisierter Gewalt folgt der Hinweis, dass &auml;hnliche Studien, wie sie zum Wettkampf- und Leistungssport vorliegen, auch f&uuml;r das Breitensportniveau gebraucht werden.</i></p>
<p>Durch die #MeToo-Kampagne gegen sexualisierte Gewalt bei gleichzeitigem Auftreten von Verdachtsf&auml;llen im Sport in verschiedenen L&auml;ndern (z.B. Fu&szlig;ball in England, Turnen in den USA, Alpiner Skilauf in &Ouml;sterreich, Fechten in Deutschland) ist das Thema sexuelle &Uuml;bergriffe im Sport in j&uuml;ngster Zeit vermehrt in den Fokus der &Ouml;ffentlichkeit geraten. Angesto&szlig;en wurde die Debatte im Sport jedoch bereits im Jahr 2010 durch die Berichterstattung &uuml;ber die Vorf&auml;lle sexualisierter Gewalt in Internatsschulen und kirchlichen Einrichtungen und den in der Folge eingesetzten Runden Tisch gegen sexuellen Kindesmissbrauch auf Ebene der Bundesregierung. Im Fahrwasser der gesamtgesellschaftlichen und politischen Diskussion verabschiedete die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) bereits 2010 die so genannte &#8222;M&uuml;nchener Erkl&auml;rung&#8220;, in der sich alle Mitgliedsorganisationen des DOSB (z.B. Landessportb&uuml;nde, Spitzenverb&auml;nde und Verb&auml;nde mit besonderen Aufgaben) dazu verpflichteten, Ma&szlig;nahmen gegen sexualisierte Gewalt im Sport zu ergreifen. Dennoch befindet sich die Diskussion um das Thema sexualisierte Gewalt im Sport noch in vielen Vereinen und Verb&auml;nden im Anfangsstadium, wie die Daten der j&uuml;ngst durchgef&uuml;hrten Studien im Forschungsprojekt &raquo;Safe Sport&laquo; zeigen. Im Folgenden soll ein &Uuml;berblick gegeben werden &uuml;ber die vorliegenden Fakten und aktuellen Entwicklungen zum Thema sexualisierte Gewalt in den Sportorganisationen in Deutschland.</p>
<h2 class="auto-created">Begriffskl&auml;rung</h2>
<p>Bei der Besch&auml;ftigung mit dem Thema sexuelle &Uuml;bergriffe ist es notwendig, vorab zu kl&auml;ren, was genau unter einem &#8222;&Uuml;bergriff&#8220; und auch unter dem Begriff &#8222;sexuell&#8220; zu verstehen ist. Da weder in Deutschland noch international die Verwendung einheitlich ist, gibt es gro&szlig;e Schwierigkeiten, wenn die Zahlen verschiedener wissenschaftlicher Studien verglichen werden sollen. Im Bereich des Sports verwenden aktuellere Studien vermehrt den Begriff der &#8222;sexualisierten Gewalt&#8220; (engl. <i>sexual violence</i>), um eine Vereinheitlichung zu f&ouml;rdern. Daher wird dieser Begriff auch in diesem Beitrag genutzt. Sexualisierte Gewalt wird hier verstanden als jede Art sexualisierter Handlung, die darauf ausgerichtet ist, Menschen in ihrer Integrit&auml;t und W&uuml;rde zu verletzen. Darunter fallen unterschiedliche Formen der Machtaus&uuml;bung mit dem Mittel der Sexualit&auml;t, also Handlungen mit K&ouml;rperkontakt, ohne K&ouml;rperkontakt und auch grenzverletzendes Verhalten. Um dennoch verschiedene Formen sexualisierter Gewalt voneinander trennen zu k&ouml;nnen, schl&auml;gt Brackenridge (2001) vor, sexualisierte Gewalt speziell im Sport als ein Kontinuum zu beschreiben. Dieses reicht von sexueller Bel&auml;stigung &uuml;ber eine &#8222;graue Zone&#8220; bis hin zu sexuellem Missbrauch. Vertommen und Kolleg_innen erstellten auf Basis dieses Kontinuums schlie&szlig;lich drei Kategorien sexualisierter Gewalt, die nicht nur die Art der Situation, sondern zus&auml;tzlich die H&auml;ufigkeit der Erfahrung durch die betroffene Person einbeziehen (Vertommen et al., 2016). Auf diese Weise wird eine Situation sexueller Bel&auml;stigung (wie z.B. sexuell anz&uuml;gliche Bemerkungen), die bei einmaligem Vorkommen als leichte Form eingestuft wird, als moderate oder sogar schwere Form sexualisierter Gewalt gesehen, wenn eine Person sie h&auml;ufiger oder sogar dauerhaft erdulden muss. Unter <i>leichte sexualisierte Gewalt </i>fallen demnach Ereignisse wie anz&uuml;gliche Blicke, sexistische Witze oder auch Nachrichten in sozialen Medien mit sexuellem Inhalt, wenn diese einmalig (nicht &ouml;fter) stattfinden. Unter <i>moderater sexualisierter Gewalt </i>werden die gleichen Ereignisse eingestuft, wenn sie zwei bis viermal stattgefunden haben. Zus&auml;tzlich z&auml;hlt zu dieser Kategorie grenzverletzendes Verhalten wie Massagen, Ber&uuml;hrungen oder das Eindringen in die Intimsph&auml;re, wenn diese Ereignisse von den Betroffenen als unangenehm empfunden werden und einmalig passieren. Finden die bisher genannten Ereignisse jedoch h&auml;ufiger oder sogar regelm&auml;&szlig;ig statt, so z&auml;hlen sie zu <i>schwerer sexualisierter Gewalt</i>. Weiterhin fallen in diese letztgenannte Kategorie auch die in der Regel unter sexuellem Missbrauch subsumierten Verhaltensweisen wie erzwungene K&uuml;sse sowie versuchter oder erfolgter Sex gegen den eigenen Willen. Insgesamt ist bei dieser Abstufung zu ber&uuml;cksichtigen, dass auch sogenannte leichte Formen der sexualisierten Gewalt die Betroffenen subjektiv stark belasten k&ouml;nnen und gegebenenfalls Vorstufen von schweren &Uuml;bergriffen sind.</p>
<h2 class="auto-created">Spezielle Risiko&shy;fak&shy;toren des Sports</h2>
<p>Als Bedingungen f&uuml;r die Entstehung von sexualisierter Gewalt im Sport werden h&auml;ufig sowohl die sozialen Strukturen des Sports angef&uuml;hrt, z.B. ungleiche Geschlechterverh&auml;ltnisse, die starke K&ouml;rperlichkeit des Sports, die Erfolgsausrichtung und Sozialisation in einer Risikokultur[1], enge Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnisse zwischen Trainer_innen und Athlet_innen im Leistungssport, als auch sportspezifische Situationen und Gelegenheiten, wie Umkleide- und Duschsituationen oder Kleidungsvorschriften und deren Kontrolle (Klein &amp; Palzkill, 1998; Rulofs, 2015). Eine besondere Schwierigkeit stellt die Situation zwischen Trainer_in und Athlet_in dar, die von Abh&auml;ngigkeiten und einem Machtgef&auml;lle gekennzeichnet sein kann. Sie bergen besondere Risiken f&uuml;r Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt. Dabei sind auch die Geschlechter- und Generationenverh&auml;ltnisse relevant. Trainer- und F&uuml;hrungspositionen im Sport sind &uuml;berwiegend von M&auml;nnern besetzt; das Alters- und Kompetenzgef&auml;lle zwischen heranwachsenden Sportler_innen und erwachsenen Betreuer_innen beinhaltet potentielle Gef&auml;hrdungen f&uuml;r Ausbeutung und Gewalt, insbesondere wenn junge Sportler_innen dem Ziel des sportlichen Erfolgs alles unterordnen und dieses gemeinsam mit dem Trainer bzw. der Trainerin erreichen m&ouml;chten (Brackenridge, 2001).</p>
<p>Verschiedene Studien im Sport benennen zudem einige Personengruppen, die ein erh&ouml;htes Risiko besitzen, sexualisierte Gewalt zu erleben. So sind in der Regel Frauen und M&auml;dchen deutlich h&auml;ufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als M&auml;nner bzw. Jungen. Weiterhin sind auch Sportler_innen mit homosexueller oder bisexueller Orientierung h&auml;ufiger Opfer von &Uuml;bergriffen als heterosexuelle Athlet_innen. Andere Personenmerkmale, die international als Risikofaktor f&uuml;r sexualisierte Gewalt gelten, sind das Vorliegen einer Behinderung (sowohl k&ouml;rperlicher als auch geistiger Art) oder auch ein Migrationshintergrund (Ohlert et al., 2018).</p>
<h2 class="auto-created">Der &bdquo;Grooming&ldquo;-Prozess im Sport</h2>
<p>Um Ereignissen sexualisierter Gewalt im Sport intensiver auf den Grund zu gehen, entwickelten Cense und Brackenridge (2001) auf Basis eines generellen Modells von Finkelhor (1984) sowie damals vorhandener empirischer Daten ein theoretisches Modell zum Ablauf eines Ereignisses schwerer sexualisierter Gewalt im Sport (siehe Abbildung 1).</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/ohlert1.jpg" width="380" height="462" alt=""></p>
<p>Abbildung 1: Modell der zeitlichen Entwicklung sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen im Sport (adaptiert nach Cense &amp; Brackenridge, 2001).</p>
<p>So gehen die Autorinnen von verschiedenen Phasen im Ablauf aus, beginnend zun&auml;chst mit der Motivation der T&auml;terin bzw. des T&auml;ters und dem anschlie&szlig;enden &Uuml;berwinden der pers&ouml;nlichen Hemmungen sowie der allgemeinen externen Barrieren aufgrund der Kultur und Strukturen in der jeweiligen Sportart. Anschlie&szlig;end erfolgt die Auswahl einer Zielperson, bei welcher zun&auml;chst ggf. spezifische Barrieren (z.B. die Einbindung der Person in ein Team) umgangen werden m&uuml;ssen, um schlie&szlig;lich mit dem so genannten Grooming-Prozess zu beginnen. Grooming ist dadurch charakterisiert, dass die T&auml;terin bzw. der T&auml;ter zun&auml;chst im Laufe der Zeit bei der Zielperson eine Abh&auml;ngigkeit von der eigenen Person erzeugt, so dass eine Trennung unangenehme sportliche Konsequenzen f&uuml;r die Sportlerin bzw. den Sportler h&auml;tte. Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass ein Aufstieg in eine h&ouml;here Leistungsstufe in Aussicht gestellt oder tats&auml;chlich umgesetzt wird, welcher abh&auml;ngig von der Person der T&auml;terin bzw. des T&auml;ters ist. Anschlie&szlig;end wird der Kontakt immer pers&ouml;nlicher, auch indem z.B. Gef&auml;lligkeiten gew&auml;hrt werden, die anderen Athlet_innen nicht zugestanden werden. Diese zun&auml;chst &#8222;unauff&auml;lligen&#8220; Situationen (z.B. Einzeltrainings oder auch Nachhilfe bei Schulproblemen) werden im Laufe der Zeit vermehrt in den privaten Bereich verschoben, w&auml;hrend gleichzeitig nach und nach auch die k&ouml;rperliche N&auml;he forciert wird. Ziel ist hier, dass die Athletin bzw. der Athlet durch die graduellen Verschiebungen den Punkt verpasst, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Erst nach dieser Phase erfolgt der eigentliche Missbrauch, der h&auml;ufig mehrere Jahre andauern kann (wie lange h&auml;ngt sowohl von den beteiligten Personen ab als auch von Dritten, die den Missbrauch unter Umst&auml;nden irgendwann bemerken). Im letzten Schritt des Modells sucht sich die T&auml;terin bzw. der T&auml;ter nach dem Ende des Missbrauchs in der Regel eine neue Zielperson. Falls er/sie eine Art Beziehung zur ehemaligen Zielperson aufrecht erh&auml;lt, kann es zudem passieren, dass weitere Bel&auml;stigungen oder Bedrohungen erfolgen, auch wenn die eigentliche Missbrauchsphase bereits abgeschlossen ist.</p>
<p>Bei der Anwendung des Modells sollte beachtet werden, dass dieses vor allem aufgrund qualitativer Daten entstanden ist und noch nicht quantitativ empirisch &uuml;berpr&uuml;ft wurde. Dennoch baut es auf einer Vielzahl von Studien auf, die sich im Detail mit dem Prozess des sexuellen Missbrauchs besch&auml;ftigt haben, und bildet daher wesentliche inhaltliche Aspekte sehr gut ab. Es sollte jedoch auch bedacht werden, dass sich das Modell mit schweren Formen sexualisierter Gewalt besch&auml;ftigt. F&uuml;r leichte oder moderate Formen finden sich m&ouml;glicherweise andere Einflussfaktoren. Es ist allerdings auch denkbar, dass diese leichten Formen sexualisierter Gewalt Teil des oben genannten Grooming-Prozesses sind und nicht getrennt betrachtet werden sollten, da sie irgendwann in schwerer sexualisierter Gewalt m&uuml;nden.</p>
<h2 class="auto-created">Studienlage zu sexua&shy;li&shy;sierter Gewalt im Sport</h2>
<p>Im internationalen Raum liegen verschiedene empirische Studien vor, die je nach Definition und Sportkontext unterschiedliche Pr&auml;valenzraten sexualisierter Gewalt im Sport ermitteln. In einer Zusammenfassung der verschiedenen Studien kommt Fasting (2012) zu dem Ergebnis, dass die Pr&auml;valenz bei einer weiten Definition im Sinne von sexueller Bel&auml;stigung zwischen 14% und 73% variiert und bei einer engen Definition (ausschlie&szlig;lich sexuelle &Uuml;bergriffe mit K&ouml;rperkontakt) zwischen 2% und 22% liegt. Die erheblichen Spannweiten in den Daten verweisen auf das grunds&auml;tzliche Problem der Vergleichbarkeit der Untersuchungen. Zudem sind die Ergebnisse aufgrund unterschiedlicher Strukturen der Sportsysteme nicht unmittelbar auf Deutschland &uuml;bertragbar.</p>
<p>In Deutschland generierten Klein und Palzkill (1998) auf der Basis von qualitativen Interviews erste Einsichten zu sexualisierter Gewalt im Sport, wobei sie den Fokus auf Gewalt gegen M&auml;dchen und Frauen richteten. Erst in den Jahren 2013 bis 2015 wurden im Rahmen der Studie &raquo;Safe Sport&laquo; erstmals differenzierte Zahlen zu sexualisierter Gewalt im organisierten Sport in Deutschland erhoben (Allroggen et al., 2016; Ohlert et al., 2017; Ohlert et al., 2018). Insgesamt 1.529 Kaderathlet_innen[2] ab 16 Jahren nahmen an einer umfangreichen Online-Befragung teil. Die Teilnehmenden stammten aus 128 verschiedenen Sportarten, die 57 Sportverb&auml;nden zugeordnet werden konnten.</p>
<p>Die Ergebnisse zeigen, dass insgesamt mehr als ein Drittel (37,6%) der Befragten einmal oder h&auml;ufiger im Leben eine Situation sexualisierter Gewalt im Sport erlebt hatten; bei 11,2% war es sogar schwere sexualisierte Gewalt (nach der oben beschriebenen Definition; siehe Abbildung 2).</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Ohlert_Abbildung2.jpg" width="380" height="196" alt=""></p>
<p>Abbildung 2: Pr&auml;valenz sexualisierter Gewalt im Sport unterteilt nach den verschiedenen Schweregraden.</p>
<p>&Auml;hnlich wie in anderen Studien konnten auch bei &raquo;Safe Sport&laquo; Geschlechtsunterschiede gefunden werden (48% der Athletinnen und 23% der Athleten haben Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt); Sportler_innen mit nicht heterosexueller Orientierung waren h&auml;ufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als Athlet_innen, die sich selbst als heterosexuell bezeichneten. Weitere, in anderen Studien h&auml;ufig nachgewiesene Unterschiede zwischen verschiedenen Subgruppen von Athlet_innen konnten jedoch nicht nachgewiesen werden. So zeigte sich weder ein erh&ouml;htes Risiko f&uuml;r Kadersport-Athlet_innen mit Migrationshintergrund noch f&uuml;r Kadersportler_innen mit k&ouml;rperlicher Behinderung (Menschen mit geistiger Behinderung wurden nicht befragt). Auch zwischen verschiedenen Alters-, Kader- oder Sportartengruppen ergaben sich keine Unterschiede in der Pr&auml;valenz sexualisierter Gewalt. Hervorzuheben ist, dass zwei Drittel aller Betroffenen bei der ersten Gewalterfahrung noch nicht erwachsen waren, und somit in einer Altersphase mit sexualisierter Gewalt konfrontiert wurden, in der Schutz und gesunde Entwicklungsbedingungen hoch bedeutsam sind (Allroggen et al., 2016).</p>
<p>Sexualisierte Gewalt tritt aber nicht als isoliertes Ph&auml;nomen auf, sondern ist vielfach mit k&ouml;rperlicher und/oder emotionaler Gewalt verbunden. Mit k&ouml;rperlicher Gewalt sind dabei in der &raquo;Safe Sport&laquo;-Studie Handlungen gemeint wie jemanden zu sch&uuml;tteln, zu schlagen oder zu w&uuml;rgen (und zwar au&szlig;erhalb des sportlichen Vollzugs). Emotionale Gewalt beinhaltet Handlungen von Mobbing &uuml;ber Erniedrigungen bis hin zur Androhung von k&ouml;rperlicher Gewalt. Auch f&uuml;r die in Deutschland befragten Kaderathlet_innen zeigte sich, dass lediglich 2% der Personen, die von sexualisierter Gewalt berichteten, ausschlie&szlig;lich dieser ausgesetzt waren (s. Abbildung 3). Mehr als die H&auml;lfte der Betroffenen (54%) erfuhr neben der sexualisierten Gewalt auch emotionale Gewalt in irgendeiner Form, und 43% berichteten, alle drei Gewaltformen mindestens einmal in ihrem Leben im Sportkontext erfahren zu haben.</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/Ohlert_Abbildung3.jpg" width="380" height="119" alt=""></p>
<p>Abbildung 3: &Uuml;berschneidung der Erfahrungen sexualisierter Gewalt mit Erfahrungen zu anderen Gewaltformen innerhalb des Sports.</p>
<p>In vielen Studien zu sexualisierter Gewalt und auch im Modell von Cense und Brackenridge stehen m&auml;nnliche Personen, insbesondere die Trainer als T&auml;ter im Fokus. Auch bei &raquo;Safe Sport&laquo; waren es ausschlie&szlig;lich m&auml;nnliche, erwachsene Personen, die als T&auml;ter bei <i>schwerer</i> sexualisierter Gewalt angegeben wurden. Dennoch legen die Studienergebnisse auch nahe, dass die T&auml;ter_innen etwas differenzierter betrachtet werden sollten: So waren bei <i>leichter </i>sexualisierter Gewalt auch 14% T&auml;terinnen zu identifizieren, zudem handelte es sich bei fast zwei Dritteln (60%) um andere Sportler_innen, bei 30% um jugendliche T&auml;ter_innen und in 49% der F&auml;lle war eine ganze Gruppe beteiligt (keine Einzelperson). Verantwortliche erwachsene Personen (Trainer_in, Betreuer_in, Physiotherapeut_in etc.) waren jedoch auch zu 20% f&uuml;r leichte sexualisierte Gewalt verantwortlich. Bei <i>schwerer</i> sexualisierter Gewalt hingegen waren in der Studie alle T&auml;ter erwachsen und m&auml;nnlich, allerdings handelte es sich bei 11% auch um einen anderen Sportler, und bei 21% nicht um eine direkt betreuende Person, sondern eine andere Person aus dem gleichen Verein. Demnach sollte in Pr&auml;ventionsprogrammen auch die Gruppe der gleichaltrigen Sportler_innen ber&uuml;cksichtigt werden.</p>
<h2 class="auto-created">Folgen sexua&shy;li&shy;sierter Gewalt</h2>
<p>Das Erleben sexualisierter Gewalt, insbesondere in der Kindheit, hat Folgen f&uuml;r die betroffenen Personen. In mehreren Studien konnten vor allem psychische Konsequenzen wie ein erh&ouml;htes Depressionsrisiko, &Auml;ngste, psychotische St&ouml;rungen, Dissoziation, soziale Anpassungsprobleme und Pers&ouml;nlichkeitsst&ouml;rungen nachgewiesen werden, aber auch Folgen wie Essst&ouml;rungen, Substanzmissbrauch und risikoreiches Sexualverhalten (Maniglio, 2009). In der Studie &raquo;Safe Sport&laquo; zeigte sich, dass auch vermeintlich &#8222;leichte&#8220; Formen sexualisierter Gewalt durchaus Folgen haben k&ouml;nnen: So gaben immerhin 10% der befragten Athlet_innen, die leichte sexualisierte Gewalt erlebt hatten, an, dass sie aufgrund des Ereignisses unter psychischen Beschwerden litten, 2% sogar l&auml;nger als sechs Monate. Bei schwerer sexualisierter Gewalt waren diese Zahlen entsprechend h&ouml;her mit 53% f&uuml;r psychische Beschwerden (bei 32% l&auml;nger als sechs Monate). Insgesamt 11% der Betroffenen hatten aufgrund der Erfahrungen eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch genommen (Allroggen et al., 2016).</p>
<p>Neben den pers&ouml;nlichen Konsequenzen f&uuml;r die Betroffenen sollte zudem im Sportsystem nicht au&szlig;er Acht gelassen werden, dass sexualisierte Gewalt auch Folgen f&uuml;r Vereine und Verb&auml;nde haben kann: In der Befragung der Kaderathlet_innen berichteten 5% der Betroffenen sexualisierter Gewalt von einem Wechsel der Trainingsgruppe, 4% von einem Vereinswechsel, und 1% von einem Wechsel der Sportart, zudem einige Athleten von reduzierter Motivation f&uuml;r den Sport. Hierbei sollte bedacht werden, dass die Dunkelziffer sicherlich deutlich h&ouml;her ist, denn diejenigen, die aufgrund der Ereignisse mit ihrem Sport komplett aufh&ouml;ren, konnten in dieser Befragung gar nicht erfasst werden.</p>
<h2 class="auto-created">Pr&auml;vention sexua&shy;li&shy;sierter Gewalt</h2>
<p>Zur Pr&auml;vention sexualisierter Gewalt wurden seit 2010 Netzwerke im Sport und auch au&szlig;erhalb des Sports aufgebaut, die Angebote f&uuml;r Vereine zur Verf&uuml;gung stellen. Der Status Quo der Pr&auml;ventionsarbeit im organisierten Sport wurde im Projekt &raquo;Safe Sport&laquo; ebenfalls durch Befragungen &ndash; sowohl auf der Ebene der Verb&auml;nde als auch der Vereine &ndash; erhoben. Als wesentlicher Motor in der Entwicklung des Kinderschutzes und der Pr&auml;vention sexualisierter Gewalt k&ouml;nnen neben der Deutschen Sportjugend (dsj) im DOSB vor allem die Landessportb&uuml;nde und ihre Sportjugenden bezeichnet werden. So haben z.B. alle Landessportb&uuml;nde eine_n Beauftragte_n f&uuml;r das Thema benannt und fast alle die Thematik in Qualifizierungsma&szlig;nahmen eingebunden. Im Vergleich dazu ist f&uuml;r die nationalen Spitzenverb&auml;nde (zust&auml;ndig f&uuml;r den Wettkampf- und Leistungssport in einzelnen Sportarten) noch ein Nachholbedarf zu konstatieren (Rulofs et al., 2016). Es wurde bereits eine Vielzahl an Materialien entwickelt, die von Vereinen und Verb&auml;nden genutzt werden k&ouml;nnen und die &uuml;ber die jeweiligen Homepages abrufbar sind.[3] Alle diese Ans&auml;tze zielen darauf ab, das Thema sexualisierte Gewalt in den Vereinen und Organisationen zu enttabuisieren und den betreuenden Personen Handlungssicherheit durch Wissensaufbau und formale Regeln zu geben, w&auml;hrend gleichzeitig eine St&auml;rkung der Athlet_innen erfolgt, damit diesen im Falle eines &Uuml;bergriffs oder einer Grenz&uuml;berschreitung das Gef&uuml;hl der Hilflosigkeit genommen wird. Insbesondere durch klare Umgangsregeln, Ethik-Codes und die Vorlage erweiterter F&uuml;hrungszeugnisse soll potentiellen T&auml;ter_innen signalisiert werden, dass im jeweiligen Verein eine &#8222;Kultur des Hinsehens&#8220; praktiziert wird, die alle Personen sch&uuml;tzt. Gleichzeitig werden auf diese Weise Trainer_innen vor falschen Vorw&uuml;rfen gesch&uuml;tzt.</p>
<p>Die Erhebungen im Projekt &raquo;Safe Sport&laquo; zeigen jedoch, dass die von den Verb&auml;nden entwickelten Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen noch zu selten die Ebene der Vereine an der Basis des Sports erreichen. Nur gut ein Drittel der Vereine in Deutschland gibt z.B. an, sich aktiv gegen sexualisierte Gewalt im Sport einzusetzen. Dagegen ist beispielsweise in ca. einem Drittel der Vereine keine einzige spezifische Ma&szlig;nahme zur Pr&auml;vention sexualisierter Gewalt implementiert. Eine Selbstverpflichtung oder ein Ethik-Code wird in 31% der Vereine von Trainer_innen unterschrieben; 29% der Vereine haben verbindliche Regeln f&uuml;r den Umgang mit Kindern und Jugendlichen definiert; 26% der Vereine verlangen ein F&uuml;hrungszeugnis von Mitarbeitenden und regelm&auml;&szlig;ige Schulungen zur Pr&auml;vention sexualisierter Gewalt werden nur in 9% der Vereine durchgef&uuml;hrt (Hartmann-Tews et al., 2016). Diese noch relativ schwach ausgepr&auml;gte Pr&auml;ventionsstruktur in den Sportvereinen ist angesichts der Ergebnisse der Kaderathlet_innen-Befragung umso bedenklicher, denn sexualisierte Gewalterfahrungen machen Athlet_innen am h&auml;ufigsten im Kontext des Vereins (deutlich seltener im Olympiast&uuml;tzpunkt, Sportinternat etc.; Allroggen et al., 2016).</p>
<h2 class="auto-created">Aktuelle Entwick&shy;lungen im Sportsystem in Deutschland</h2>
<p>Die Ergebnisse der Studie &raquo;Safe Sport&laquo; wurden bundesweit im organisierten Sport, aber auch in der Presse mit vergleichsweise gro&szlig;em Interesse aufgenommen und dienten bereits als Anlass, erste Ma&szlig;nahmen abzuleiten. Zun&auml;chst wurden f&uuml;r die verschiedenen Organisationstypen des Sports in Deutschland spezifische Handlungsempfehlungen entwickelt: f&uuml;r die Landessportverb&auml;nde, Spitzenverb&auml;nde, Verb&auml;nde mit besonderen Aufgaben, Sportvereine und das Verbundsystem Nachwuchsleistungssport (hierzu geh&ouml;ren die Sportinternate, Nachwuchsleistungszentren, Eliteschulen des Sports sowie die Olympiast&uuml;tzpunkte). Diese Handlungsempfehlungen wurden an die Mitgliedsorganisationen des DOSB und der dsj weitergegeben und sollen dort als Grundlage f&uuml;r die Initiierung von Ma&szlig;nahmen gegen sexualisierte Gewalt dienen.</p>
<p>Weiterhin konnte aufgrund der &raquo;Safe Sport&laquo;-Ergebnisse erreicht werden, dass das Thema sexualisierte Gewalt Eingang fand in das Attribute-System der Potentialanalyse-Kommission des DOSB. Diese Kommission wird laut aktueller Planungen daf&uuml;r zust&auml;ndig sein, das von der Bundesregierung f&uuml;r alle leistungssportlich orientierten Sportverb&auml;nde zur Verf&uuml;gung gestellte F&ouml;rdergeld auf die Verb&auml;nde zu verteilen. Hierzu wird ein so genanntes Potentialanalysesystem (PotAS) verwendet, innerhalb welchem verschiedene verbandsbezogene Aspekte bewertet werden, um das Potential des jeweiligen Verbandes einzusch&auml;tzen, zuk&uuml;nftig bei internationalen gro&szlig;en Wettk&auml;mpfen (insbes. Olympischen Spielen) erfolgreich zu sein (PotAS Kommission, 2018). Indem die Pr&auml;vention sexualisierter Gewalt explizit als Attribut in das System aufgenommen wurde, erhalten Sportverb&auml;nde, welche eine_n Ansprechpartner_in zum Thema sexualisierte Gewalt und ein Pr&auml;ventionskonzept sowie einen Verhaltenscodex vorweisen k&ouml;nnen, zuk&uuml;nftig voraussichtlich mehr F&ouml;rdergelder als Verb&auml;nde, die diese Ma&szlig;nahmen noch nicht ergriffen haben. Dies kann als gro&szlig;er Erfolg bezeichnet werden, denn hierdurch bekommen die leistungsorientiert arbeitenden Sportverb&auml;nde einen finanziellen Anreiz, sich mit dem Schutz vor sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen.</p>
<p>Aus Sicht des Breitensports w&auml;re jedoch als wichtige weitere Grundlage zur Pr&auml;vention sexualisierter Gewalt eine Studie notwendig, welche belastbare Zahlen liefern kann zur Pr&auml;valenz sexualisierter Gewalt in denjenigen Sportvereinen, die <i>&uuml;berwiegend breitensportlich </i>orientiert sind, denn die Ergebnisse der Athlet_innenbefragung aus &raquo;Safe Sport&laquo; sind lediglich aussagekr&auml;ftig f&uuml;r den Wettkampf- und Leistungssport und k&ouml;nnen nicht ohne weiteres auf den Breitensport &uuml;bertragen werden. Da jedoch eine hohe Zahl der Kinder und Jugendlichen ihren Sport auf Breitensportniveau und in kleinen, rein ehrenamtlich gef&uuml;hrten Vereinen treiben, w&auml;re eine solche Studie sehr wichtig f&uuml;r Erkenntnisse dar&uuml;ber, ob und inwiefern der Schutz junger Menschen vor Gewalterfahrungen im Breitensport angemessen entwickelt ist.</p>
<p><b>JEANNINE OHLERT</b><i>&nbsp;&nbsp; Jahrgang 1975, Dipl.-Psych., Dr. phil, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule K&ouml;ln sowie an der Klinik f&uuml;r Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universit&auml;tsklinikum Ulm; aktuelle Forschungsfelder sind das Thema sexualisierte Gewalt im Sport, die Pers&ouml;nlichkeitsentwicklung junger Athlet_innen sowie Gruppenprozesse in Sportmannschaften.</i></p>
<p><b>BETTINA RULOFS&nbsp;</b><i>&nbsp; Jahrgang 1971, Dipl.-Sportlehrerin, Dr. sportwiss., Akademische Oberr&auml;tin am Institut f&uuml;r Soziologie und Genderforschung der Deutschen Sporthochschule K&ouml;ln; aktuelle Forschungsfelder sind Kinderschutz und die Pr&auml;vention sexualisierter Gewalt, soziale Konstruktion von Geschlecht im Sport, Management von Diversit&auml;t im organisierten Sport, F&ouml;rderung von Inklusion im Schulsport.</i></p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Allroggen, M., Ohlert, J., Gramm, C. &amp; Rau, T. (2016). Erfahrungen sexualisierter Gewalt von Kaderathlet/-innen. In B. Rulofs (Hrsg.), <i>&#8222;Safe Sport&#8220; &ndash; Schutz von Kindern und Jugendlichen im organisierten Sport in Deutschland: Erste Ergebnisse des Forschungsprojektes zur Analyse von H&auml;ufigkeiten, Formen, Pr&auml;ventions- und Interventionsma&szlig;nahmen bei sexualisierter Gewalt.</i> K&ouml;ln: Deutsche Sporthochschule K&ouml;ln, S.&nbsp;9&ndash;12.</p>
<p>Brackenridge, C. (2001). <i>Spoilsports. Understanding and preventing sexual exploitation in sport.</i> London: Routledge.</p>
<p>Cense, M. &amp; Brackenridge, C. (2001). Temporal and developmental risk factors for sexual harassment and abuse in sport. <i>European Physical Education Review</i>, 7 (1), S. 61&ndash;79.</p>
<p>Fasting, K. (2012). <i>What do we know about sexual harassment and abuse in sport in Europe?</i> Vortrag bei der Europ&auml;ischen Konferenz &#8222;Safer, better, stronger! Prevention of sexual harassment and abuse in sport&#8220;, Berlin.</p>
<p>Finkelhor, D. (1984). <i>Child sexual abuse. New theory and research.</i> New York: Free Press.</p>
<p>Hartmann-Tews, I., Rulofs, B., Feiler, S. &amp; Breuer, C. (2016). Zur Situation der Pr&auml;vention und Intervention in Sportvereinen. In B. Rulofs (Hrsg.), <i>&#8222;Safe Sport&#8220; &ndash; Schutz von Kindern und Jugendlichen im organisierten Sport in Deutschland: Erste Ergebnisse des Forschungsprojektes zur Analyse von H&auml;ufigkeiten, Formen, Pr&auml;ventions- und Interventionsma&szlig;nahmen bei sexualisierter Gewalt. </i>K&ouml;ln: Deutsche Sporthochschule K&ouml;ln, S.&nbsp;18&ndash;21.</p>
<p>Klein, M. &amp; Palzkill, B. (1998). <i>Gewalt gegen M&auml;dchen und Frauen im Sport. Pilotstudie im Auftrag des Ministeriums f&uuml;r Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen.</i> D&uuml;sseldorf: Ministerium f&uuml;r Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen.</p>
<p>Maniglio, R. (2009). The impact of child sexual abuse on health. <i>A systematic review of reviews. Clinical psychology review</i>, 29 (7), S. 647&ndash;657. <a href="https://doi.org/10.1016/j.cpr" target="_blank" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.cpr</a>. 2009.08.003</p>
<p>Ohlert, J., Rau, T., Rulofs, B. &amp; Allroggen, M. (2017). Pr&auml;valenz und Charakteristika sexualisierter Gewalt im Spitzensport in Deutschland. <i>Leistungssport</i>, 47 (3), S. 44&ndash;47.</p>
<p>Ohlert, J., Seidler, C., Rau, T., Rulofs, B. &amp; Allroggen, M. (2018). Sexual violence in organized sport in Germany. <i>German Journal of Exercise and Sport Research</i>, 48 (1), S.&nbsp;59-68. <a href="https://doi.org/10.1007/s12662-017-0485-9" target="_blank" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/s12662-017-0485-9</a></p>
<p>PotAS Kommission. (2018). <i>Attributesystem</i>. Zugriff am 21.03.2018. Verf&uuml;gbar unter <a href="https://www.potas.de/files/Attributesystem.pdf" target="_blank" rel="noopener">https://www.potas.de/files/Attributesystem.pdf</a></p>
<p>Rulofs, B. (2015). Sexualisierte Gewalt. In W. Schmidt, N. Neuber, T. Rauschenbach, H.-P. Brandl-Bredenbeck, J. S&uuml;&szlig;enbach &amp; C. Breuer (Hrsg.), <i>Dritter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht</i>. Schorndorf: Hofmann, S.&nbsp;370&ndash;392.</p>
<p>Rulofs, B., Wagner, I. &amp; Hartmann-Tews, I. (2016). Zur Situation der Pr&auml;vention und Intervention in den Mitgliedsorganisationen des DOSB/der dsj. In B. Rulofs (Hrsg.), &#8222;<i>Safe Sport&#8220; &ndash; Schutz von Kindern und Jugendlichen im organisierten Sport in Deutschland: Erste Ergebnisse des Forschungsprojektes zur Analyse von H&auml;ufigkeiten, Formen, Pr&auml;ventions- und Interventionsma&szlig;nahmen bei sexualisierter Gewalt </i>(S.&nbsp;13&ndash;17). K&ouml;ln: Deutsche Sporthochschule K&ouml;ln.</p>
<p>Thiel, A., Mayer, J. &amp; Digel, H. (2010). <i>Gesundheit im Spitzensport &ndash; Eine sozialwissenschaftliche Analyse.</i> Schorndorf: Hofmann.</p>
<p>Vertommen, T., Schipper-van Veldhoven, N., Wouters, K., Kampen, J. K., Brackenridge, C. H., Rhind, D. J. A. et al. (2016). Interpersonal violence against children in sport in the Netherlands and Belgium. <i>Child Abuse &amp; Neglect</i>, 51, S. 223&ndash;236. <a href="https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2015.10.006" target="_blank" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2015.10.006</a></p>
<h2 class="auto-created">Anmerkungen:</h2>
<p>(1) Die Sozialisation in einer Risikokultur basiert darauf, dass Athlet_innen in ihrem Sport h&auml;ufig an ihre Grenzen und zum Teil dar&uuml;ber hinaus gehen m&uuml;ssen, um ihre Leistungsf&auml;higkeit zu erweitern. Hierdurch entsteht das Risiko, dass eigene Grenzen von den Sportler_innen gar nicht mehr erkannt werden Thiel, Mayer und Digel (2010).</p>
<p>(2) Als Kaderathlet_innen gelten alle Sportler_innen, die aufgrund ihrer Leistungen in der eigenen Sportart f&uuml;r eine Auswahlmannschaft ihres Bundeslandes (D/C- bzw. D-Kader) oder f&uuml;r das deutsche Nationalteam (B- bzw. A-Kader) nominiert wurden.</p>
<p>(3) Materialien der dsj unter <a href="http://www.dsj.de/kinderschutz" target="_blank" rel="noopener">www.dsj.de/kinderschutz</a>; Materialien des LSB NRW unter <a href="http://www.lsb.nrw/" target="_blank" rel="noopener">www.lsb.nrw/</a> unsere-themen/gegen-sexualisierte-gewalt-im-sport</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/sexualisierte-gewalt-gegen-kinder-und-jugendliche-im-sport-1/">Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sport</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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