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	<title>vorgänge Nr. 161: Der ostdeutsche Weg Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 10:44:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>&#8222;Bei uns in Rheinland-Pfalz ist nicht viel mit der Einigkeit. Den meisten Pfälzern ist das egal, denn die leben weit entfernt.&#8220; Prägnant beschrieb 1991 ein siebzehnjähriger Hauptschüler in einem Schulaufsatz die westdeutsche Perspektive auf die damalige innerdeutsche Konstellation. Wolfgang Engler, seit geraumer Zeit wichtiger soziologischer Stichwortgeber für die ostwestlichen Selbstverständigungsdiskurse, hat in seinem Buch Die [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/editorial-100/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>&#8222;Bei uns in Rheinland-Pfalz ist nicht viel mit der Einigkeit. Den meisten Pfälzern ist das egal, denn die leben weit entfernt.&#8220; Prägnant beschrieb 1991 ein siebzehnjähriger Hauptschüler in einem Schulaufsatz die westdeutsche Perspektive auf die damalige innerdeutsche Konstellation. Wolfgang Engler, seit geraumer Zeit wichtiger soziologischer Stichwortgeber für die ostwestlichen Selbstverständigungsdiskurse, hat in seinem Buch <em>Die Ostdeutschen als Avantgarde</em> noch einmal anhand alter Schulaufsätze aus der Nachwendezeit an die Stereotype erinnert, welche die Deutschen in den 1990er Jahren voneinander hegten. Viel geändert daran hat sich bis heute nicht &#8211; nur spricht man nicht mehr darüber, was die Deutschen in Ost und West voneinander trennt.</p>
<p>Von der vielbeschworenen inneren Einheit scheint das Land nach wie vor weit entfernt zu sein. Auf die Frage, ob zwischen Ost- und Westdeutschen die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten überwiegen, antworten 39 Prozent der Westdeutschen mit &#8222;die Unterschiede überwiegen&#8220;, nur 22 Prozent sehen in erster Linie die Gemeinsamkeiten. Im Osten sind sogar 58 Prozent der Menschen der Meinung, dass die Unterschiede überwiegen. Nach wie vor existieren zwei deutsche Teilgesellschaften, die in ihren Wertgefügen und politischen Orientierungen nur punktuell übereinstimmen.</p>
<p>Allerdings scheinen sich mittlerweile beide Seiten an die wechselseitige Fremdheit und Andersartigkeit gewöhnt zu haben. Vielleicht sind diese Unterschiede ja tatsächlich für die deutsche Normalität 2003 kein wirkliches Problem mehr? Der Diskurs in und über Ostdeutschland hat sich jedenfalls in den letzten Jahren spürbar verändert: Trotz oder gerade wegen dauerhaft fehlender &#8222;blühender Landschaften&#8220; und mittlerweile gesamtdeutsch gewordener Krisenerfahrungen geht es nicht mehr darum, dem Traum von der inneren Einheit politisch und publizistisch nachzujagen. Stattdessen hat sich ein ostdeutsches Eigenleben entwickelt, das paradoxerweise erst in jenem Moment voll sichtbar wurde, als die PDS bei der letzten Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Plötzlich öffnete sich der Vorhang und selbst in den westlich dominierten Medien wurde hinter der lange Zeit alles andere absorbierenden PDS-Debatte ein Stück der neuen ostdeutschen Realität sichtbar. Vielleicht hat damit auch ein weiteres Kapitel im innerdeutschen Verhältnis begonnen: das des ostdeutschen Selbstbewusstseins. Die Zeit der Alibi-Ostler jedenfalls scheint nunmehr auch in der Politik vorbei zu sein: In den beiden westlichsten deutschen Parteien sitzen nunmehr jeweils ostdeutsche Frauen an den Schalthebeln der Macht &#8211; Angela Merkel als Parteivorsitzende der CDU und Katrin Göring-Eckardt als Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Und in der SPD bereitet sich der Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck auf die Nach-Schröder-Ära vor. Gregor Gysi, der Ost-Star des Westens, landete dagegen unsanft auf dem Altenteil: Als Politrentner kann er nun seiner Talkshowleidenschaft frönen.</p>
<p>Die neue Lust am Osten schlägt sich jenseits der Politik in den Verkaufszahlen der <em>Zonenkinder</em> von Jana Hensel ebenso nieder wie in den journalistischen Karrieren von Maybritt Illner oder Alexander Osang. Die Verlage publizieren unablässig junge ostdeutsche Literatur. Gesellschaftlich und kulturell ist die Renaissance Ostdeutschlands also schon weit fortgeschritten; Englers <em>Ostdeutsche als Avantgarde</em> können dafür als Chiffre dienen &#8211; auch wenn man seinen Thesen nicht zustimmen mag.</p>
<p>All diese Befunde relativieren mitnichten das dauerhafte Desinteresse des Westens am Osten. Dort, wo der Osten nicht exotisch ist, existiert er auch nicht. Nach wie vor findet Ostdeutschland in den Medien vorwiegend auf Skandal- oder Katastrophen-Basis statt. Die Oder- und Elbefluten lösten hier die Stasi-Debatten ab. Ostdeutsche Normalität ist hingegen kein Thema. Dabei gäbe es viel zu entdecken. Denn der Osten hat sich verändert, auch angeglichen &#8211; und ist doch anders geblieben, wie diese <em>vorgänge</em>-Ausgabe belegt. <em>Detlef Pollack</em> schildert die ostdeutschen Anerkennungskämpfe nach 1989 auf der Grundlage eigener Erfahrungen, um diese (Selbst)wahrnehmungen am Ende dem Säurebad soziologischer Relativierung auszusetzen. Eine Selbstanalyse anderer Art betreibt <em>Wolfgang Engler:</em> Er versucht, seinen Kritikern mit einer Reflexion über seine sich wandelnden Forschungsmotive Paroli zu bieten. Ohne ehrliche, selbstkritische Erinnerung keine ostdeutsche Zukunft: <em>Marianne Birthler,</em> die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, plädiert vehement dafür, sich auch weiterhin mit der DDR-Geschichte auseinanderzusetzen und keinesfalls die Akten über ihr zu schließen. Die Integrationsleistungen der ostdeutschen Verbände und Kommunen seit 1989/90 nimmt <em>Alexander Thumfart</em> in den Blick: Die Unterschiede zum Westen sind unverändert groß &#8211; nicht zuletzt in Sachen ostdeutscher Demokratiezufriedenheit. Nach der Zukunft ostdeutscher Städte fragen <em>Achim Schröer, Sascha Vogler</em> und <em>Thilo Lang</em>: Konzepte einer alternativen Urbanität könnten für die von Abwanderung und demographischer Krise geplagten Städte eine Perspektive bieten. Hat die PDS nach der Niederlage bei der letzten Bundestagswahl noch eine Zukunft?<em> Gero Neugebauer</em> untersucht, warum die West-Ausdehnung der PDS gescheitert ist und welche Rückwirkungen dies auf die Handlungsfähigkeit der Partei im Osten hat. In einem Kommentar spricht sich Benjamin Hoff, selbst junger Reformer innerhalb der PDS, dafür aus, die jüngsten Wahlniederlagen parteiintern als Ermutigung für einen konsequenten Modernisierungskurs zu begreifen. <em>Peter Bender</em> reflektiert den schwierigen Prozess der inneren Einheit und zeigt Wege auf, wie sich die &#8222;innerdeutschen Beziehungen&#8220; besser gestalten ließen. <em>Thomas Ahbe</em> weist am Beispiel Arnulf Barings nach, welche Stereotypen nach wie vor das Bild vieler Westdeutschen von ihren ostdeutschen Landsleuten prägen. <em>Mareike Dittmer</em> untersucht die besonderen Probleme zeitgenössischer Kunst in Ostdeutschland, während <em>Alexander Cammann</em> einen Deutungsversuch des gegenwärtigen Booms junger ostdeutscher Literatur und Essayistik unternimmt. Der Dichter und Georg-Büchner-Preisträger Durs Grünbein weitet im Gespräch die Perspektive: Es geht um den Zusammenhang zwischen dem Überzeitlichen und der Gegenwart als Voraussetzung moderner Lyrik. Wie immer rundet unser <em>Literaturbericht</em> den Thementeil ab.</p>
<p>Im <em>Essay</em> beklagt <em>Matthias Zimmer</em> den Zustand der politischen Klasse. Unser Autor ist überzeugt, dass im Gestrüpp von Koalitionsrücksichten, Bund-Länder-Kompetenzen und dem Druck organisierter Interessen auch die jetzt projektierten Reformen bis zur Unkenntlichkeit und Unwirksamkeit verwässert werden. Eine veritable Theoriedebatte liefern sich <em>Friedhelm Grützner</em> und <em>Herfried Münkler</em> zu Beginn unserer <em>Kommentare und Kolumnen:</em> Ausgehend von Münklers Essay über die Bürgergesellschaft in der<em> vorgänge-Ausgabe 158</em> kritisiert Grützner die seines Erachtens gefährlichen tugendgemeinschaftlichen Visionen des Berliner Politikwissenschaftlers, während dieser in Grützners Replik sozialkonservative Abwehrreflexe am Werke sieht. <em>Hartmut Aden</em> untersucht, welche Hindernisse einer freiheitssichernden Reform des deutschen Polizeisystems im Wege stehen, während <em>Jan Patjens</em> sich mit dem endlosen Gezerre vor dem Bundesverfassungsgericht um das Verbot der NPD auseinandersetzt. <em>Eike Hennig</em> kommentiert die Wahlen in Hessen und Niedersachsen. Rezensionen runden das Heft ab.</p>
<p>Eine (freilich rein ideell) gewinnbringende Lektüre wünschen wie immer</p>
<p><em>Thymian Bussemer und Alexander Cammann</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/editorial-100/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Ostdeutsche Anerkennungsprobleme</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/ostdeutsche-anerkennungsprobleme/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 11:19:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es begann am 9. November Wer über den sozialen Wandel in Ostdeutschland in den letzten Jahren sprechen will, ist gut beraten, mit dem 9. November 1989 zu beginnen. Dieser Tag bezeichnet den entscheidenden Einschnitt, der die Geschichte der DDR von dem Prozess ihrer Inkorporierung in das größere Deutschland trennt. Wenn ich mich an diesen Tag [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="">Es begann am 9. November</h3>
<p>Wer über den sozialen Wandel in Ostdeutschland in den letzten Jahren sprechen will, ist gut beraten, mit dem 9. November 1989 zu beginnen. Dieser Tag bezeichnet den entscheidenden Einschnitt, der die Geschichte der DDR von dem Prozess ihrer Inkorporierung in das größere Deutschland trennt. Wenn ich mich an diesen Tag zurückerinnere, muss ich gestehen, dass ich das Ereignis dieses Tages genaugenommen verpasst habe: Am Abend des 9. November besuchte ich einen Vortrag in der Universität und ging anschließend, ohne noch einmal das Radio anzustellen, ins Bett. Als ich am nächsten Morgen die Nachrichten hörte, erfuhr ich, dass die SED-Führung die Grenze geöffnet und sich bereits Tausende von DDR-Bürgern auf den Weg in den Goldenen Westen gemacht hatten. Im Fernsehen sah ich, wie wildfremde Menschen sich umarmten und nicht fassen konnten, was geschehen war. Die Menschen tanzten auf der Mauer, öffneten Sektflaschen und prosteten sich zu. Vielen von ihnen liefen Tränen über die Wangen.</p>
<p>Ich war an diesem Morgen allein in meiner Wohnung, und mit dem Verlassen der Wohnung hatte sich auf einmal alles verändert. Ich schlug denselben Weg zur Universität ein, den ich auch sonst immer genommen hatte. Die Straßen boten das bekannte Bild. Die Häuser sahen so grau aus wie eh und je, die Straßenbahn quietschte in denselben Kurven, und dennoch war alles anders. Nun würden wir dazugehören; nun wären wir nicht mehr die armen Schwestern und Brüder im Osten, die man bemitleiden, die man ermuntern und denen man Pakete schicken musste. Nun wären wir nicht mehr ausgeschlossen von dem Leben, das man im Westen führte, von der glitzernden Welt des Konsums, von den Büchern, die es nur dort zu kaufen gab, den wissenschaftlichen Diskussionen an den Universitäten, den neuesten spanischen und französischen Filmen, den Zeitschriften und Zeitungen mit ihrer freien Meinungsäußerung. New York, Paris, Bielefeld, Mailand &#8211; all das stand uns jetzt offen. Selbst die wunderbaren Frauen, die jeder von uns schon in der Werbung gesehen hatte und die sich so elegant und natürlich bewegen konnten, dass einem ganz schwindelig wurde, waren nun nicht mehr unerreichbar. Ich gebe zu: Ich war stolz auf uns und dankbar. Damit hatte ich, ehrlich gesagt, nicht mehr gerechnet. Alles würde anders werden.</p>
<p>Und in der Tat, vieles in meinem Leben wurde anders. Auf einmal fing ich an, Artikel in Zeitschriften zu veröffentlichen, die ich früher kaum zu sehen bekommen hatte. Ich nahm an Konferenzen teil, die in Bonn, Bremen oder Frankfurt am Main stattfanden, hielt Vorträge vor westdeutschen Studenten, traf Wissenschaftler, deren Namen ich bislang nur aus der Literatur kannte. Ich diskutierte mit Kollegen in Princeton, Oxford und Tübingen. Natürlich war das alles ziemlich anstrengend. Schließlich musste man, wenn man einigermaßen mithalten wollte, sich erst einmal mit den westlichen Standards vertraut machen, Neues lernen und sich das Fach, das man gewählt hatte, ein zweites Mal erschließen. Daneben aber war es auch erforderlich, die eigene Stelle zu verteidigen, Evaluationen und Umstrukturierungen zu überstehen und die alltäglichen beruflichen Pflichten von der universitären Gremienarbeit bis zur Durchführung von Lehrveranstaltungen zu erfüllen. Außerdem musste man die Gelegenheit nutzen und ins Ausland gehen, Englisch lernen und internationale Standfestigkeit erlangen. Und natürlich musste man publizieren. Auch wenn das mehr oder weniger eine Überforderung darstellte und man sich als eingeschüchterter Ossi den Herausforderungen des neuen Lebens nicht immer gewachsen fühlte, war das alles doch in hohem Maße aufregend, interessant und wichtig. Mein berufliches Leben erfuhr eine völlige Veränderung. Endlich hatte ich das Gefühl, beruflich wirklich etwas erreichen zu können.</p>
<h3 class="">Erste Irrita&shy;ti&shy;onen</h3>
<p>Die erste Irritation setzte ein, als ich im Mai 1990 mit einem westdeutschen Kollegen durch die Straßen von Leipzig ging und dieser mir erklärte, das hier, &#8211; und dabei wies er auf die Mixtur von renovierungsbedürftigen Altbauten und hässlichen Neubauten &#8211; würde ich in zwei Jahren nicht mehr wiedererkennen: &#8222;Wenn erst einmal die D-Mark rollt; dann bleibt hier nichts mehr, wie es war.&#8220; Seit Jahren verspürte ich das erste Mal das Bedürfnis, das verfallende Leipzig in Schutz zu nehmen und für seine Schönheit zu werben. Es war merkwürdig: Noch vor kurzem hatte ich selber den Verfall der Stadt beklagt und mich bei den gemeinsamen Spaziergängen durch Leipzig vor meinen westdeutschen Besuchern geschämt. Und nun wehrte ich mich dagegen, dass alles anders werden sollte. Dabei war es doch genau dies, was ich wollte: Ja, es sollte anders werden. Aber ich wollte es selber sagen. Ich wollte derjenige sein, der den Veränderungsbedarf definiert, aber nicht derjenige, den man von den erforderlichen Änderungen zu überzeugen hat.</p>
<p>Die nächste Irritation erlebte ich, als ich eine westdeutsche Familie, die ich schon vor 1989 kannte, in Braunschweig besuchte. Ich wurde gefragt, warum wir in der DDR denn alles so hätten verkommen lassen, die Straßen, die Häuser, die Gärten, ja selbst die Zäune vor den Gärten. Ich versuchte meinen Bekannten klarzumachen, dass es in einer Mangelwirtschaft nicht einfach sei, die Häuser zu erhalten. Aber warum wir denn nicht wenigstens die Türen und die Fenster gestrichen hätten. Farbe hätte es doch auch bei uns gegeben. Ich entgegnete, dass die Häuser zwar äußerlich in einem schlechten Zustand, die Wohnungen in den Häusern oft aber sehr gut eingerichtet waren. In der DDR habe man zwischen öffentlich und privat streng getrennt. Für das Nicht-Private habe sich keiner zuständig gefühlt. Es habe sich einfach nicht gelohnt, da zu investieren. Aber in der Tschechoslowakei seien die Straßen in einem viel besseren Zustand als bei uns; die hätten das doch auch hingekriegt, warum nicht wir?</p>
<p>Mit meinem ersten westdeutschen Verleger erlebte ich die nächste Irritation. Als wir bei einem unserer Gespräche im Frühsommer 1990 auf die Staatssicherheit zu sprechen kamen, erklärte er mir, da würde noch viel nach oben kommen. Wer weiß, wer nicht alles dazugehört habe. Was einer auch immer behaupte, man könne sich auf niemanden verlassen. Dann beschwerte sich ein wildfremder Mensch im Zug, der irgendwie mitbekommen hatte, wo ich herkam, darüber, dass es sich angesichts der allgemeinen Verrottung für ihn überhaupt nicht lohne, sein in der DDR befindliches Erbe &#8211; ein Mietshaus &#8211; anzutreten: &#8222;Da habt ihr euch ja was Schönes geleistet!&#8220; Als sich im Frühherbst 1990 abzeichnete, dass nicht die SPD die Bundestagswahl gewinnen, sondern Kohl wiedergewählt werden würde, erklärte mir eine Frau aus Frankfurt am Main in vorwurfsvollem Ton: &#8222;Das haben wir nur euch zu verdanken. Wir hätten den Wechsel zur SPD geschafft. Ihr bringt uns um all unsere Erfolge.&#8220;</p>
<p>Mein anfänglicher Enthusiasmus hatte es schwer, sich angesichts von so viel Ablehnung, Geringschätzung und Kollektivhaftung zu behaupten. Skeptische Vorsicht und der zunehmende Wille zur Verleugnung meiner ostdeutschen Identität oder, wo dies nicht gelang, gerade umgekehrt zur Selbstverteidigung ergriffen mich. Immer häufiger war ich froh, wenn ich mich unter Ostdeutschen bewegte und nicht auf die Angriffe der Westdeutschen reagieren musste. Unter uns erzählten wir uns Witze über die Westdeutschen und bestätigten uns in unseren Erfahrungen, die jeder auf seine Weise mit ihnen, sei es im Betrieb, auf der Straße oder auch in der eigenen Verwandtschaft, gemacht hatte. Wir machten uns lustig über ihre Art, alles besser zu wissen, über ihr selbstinszenatorisches Auftreten und ihren abschätzigen Umgang mit uns Ostdeutschen und waren uns einig in unserer Verurteilung ihrer Arroganz.</p>
<h3 class="">Entt&auml;uschte Hoffnungen</h3>
<p>Die Geschichte der Kommunikation der Ostdeutschen mit ihren westdeutschen Landsleuten ist eine Geschichte enttäuschter Hoffnungen, eine Geschichte der Zurückweisung, des Aufrechnens und der Stigmatisierung. Die von drüben nahmen uns nicht auf als die verloren geglaubten Brüder und Schwestern, die doch eigentlich schon immer dazugehört hatten, die nur durch den Zufall ihrer Geburt auf die falsche Seite geraten waren und durch einen unerwarteten Glücksfall der Geschichte wieder zurückkehren durften und auf die daher jetzt besondere Rücksicht zu nehmen war. Wir wurden vielmehr zu Eindringlingen, denen man ihre Verfehlungen und ihre Inkompetenz, ihre Zurückgebliebenheit und Beschränktheit, ihre Trägheit und Wettbewerbsunfähigkeit vorzuhalten hatte. Als ob wir um unsere fachliche Unterlegenheit und unsere moralischen Fehltritte nicht selbst genug und übergenug gewusst hätten! Das war es doch, was den Ostdeutschen fehlte: Selbstbewusstsein. Schon die Jahre unter Ulbricht und Honecker waren nicht dazu angetan, das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen zu stärken. Nun wurden wir schon wieder in unserer Selbstachtung verletzt. So trat bei vielen Ostdeutschen Selbstrechtfertigung an die Stelle von ehrlichem Bekenntnis, Verdrängung an die Stelle von Vergangenheitsaufarbeitung, Verweigerung an die Stelle von Dialog, denn die Bedingung für die Bereitschaft, sich mit der eigenen, möglicherweise schuldhaften Vergangenheit wahrhaftig auseinander zu setzen, ist die Fähigkeit, über die Inhalte und Formen dieses Diskurses selbst zu bestimmen.[1]</p>
<p>In der Tat, die Euphorie hielt nur für einen Moment. Innerhalb kürzester Zeit sahen sich die Ostdeutschen in den westlichen Medien, im Kontakt mit westdeutschen Bekannten, ja im Kreis der eigenen Verwandtschaft mit einem Bild von sich konfrontiert, das sie mit ihrem Selbstbild nicht in Übereinstimmung zu bringen vermochten. Dieses Bild zeigte die Ostdeutschen nicht nur als naiv und zurückgeblieben &#8211; so sahen sie sich teilweise vielleicht selbst -, sondern auch als obrigkeitshörig, unmündig, unterindividualisiert, harmoniesüchtig, kollektiviert, innovationsschwach, inkompetent und faul. Selbst wenn sie auf sich selbst möglicherweise durchaus skeptisch blickten, so war es für sie doch unerträglich, von denen, deren Überlegenheit sie bereitwillig zu akzeptieren bereit waren, derart schlecht beurteilt zu werden. Zur materiell ungünstigeren Lage kam das Gefühl, nicht geachtet zu sein. Als dann die Zahl der Arbeitslosen stieg, in der DDR erworbene Berufsabschlüsse und Diplome nicht anerkannt wurden, mehr und mehr Westdeutsche in Führungspositionen einrückten und Ostdeutsche minderqualifizierte Arbeit anzunehmen hatten, stellte sich bei vielen der Eindruck ein, Bürger zweiter Klasse zu sein. Sowohl ihre materielle Schlechterstellung als auch ihre Stigmatisierung und Stereotypisierung in der westlich dominierten Öffentlichkeit brachte viele Menschen in Ostdeutschland dazu, sich als zurückgesetzt wahrzunehmen. Der Kampf um Anerkennung, den seither viele Ostdeutsche führen, resultiert aus diesem Gefühl der allgemeinen Benachteiligung und der Entwertung der Ostdeutschen und ihrer Herkunft.</p>
<h3 class="">Strategien im Kampf um Anerkennung</h3>
<p>Dabei kann man diesen Kampf auf verschiedene Weise austragen. Viele antworteten auf die Erfahrung der Unterprivilegierung mit Überanpassung. Sie sind vor allem daran interessiert, zu zeigen, dass sie nicht obrigkeitshörig, innovationsschwach, faul und harmoniesüchtig sind, sondern fleißig, politisch mündig und streitbar. Sie wollen so sein, wie sie sich die Wessis vorstellen &#8211; erfolgreich und selbstbewusst &#8211; und ihre Vergangenheit so schnell wie möglich abstreifen. Im extremen Fall geht die Identifikation mit dem Westen so weit, dass sie anfangen, sich über die Unbeholfenheit und Trägheit der Ostdeutschen zu mokieren, und ihnen gegenüber genau diejenige Perspektive einnehmen, die sie von der westdeutschen Seite auf sich gerichtet sehen. Dann beginnen sie, den Ostdeutschen zu erklären, wie wenig sie von der Marktwirtschaft und Demokratie bislang begriffen hätten und wie viel sie noch lernen müssten. Ihre persönliche Geschichte erzählen sie als eine Geschichte der Befreiung von den beengten Verhältnissen in der DDR &#8211; eine Befreiung, die ihnen zur Findung ihres wahren Selbst verholfen habe, die aber eben manchen Ostdeutschen überfordere, da er die Unfreiheit gewohnt und daher der Freiheit nicht gewachsen sei.</p>
<p>Eine andere Möglichkeit, auf die Erfahrung der Demütigung und Benachteiligung zu reagieren, besteht im Rückzug aus der Politik. Politik und Öffentlichkeit, insbesondere die Massenmedien, die politischen Parteien sowie Staat und parlamentarische Arbeit werden als eine schmutzige Angelegenheit betrachtet, mit der man nichts zu tun haben möchte. Einmal habe man sich vielleicht auf politische Versprechungen eingelassen. Einmal habe man politischen Führern vertraut. Nie wieder &#8211; das ist die Parole. Der heutige Rechtsstaat und die Demokratie werden als genau so verderbt angesehen wie die ihrer ideologischen Hüllen entkleidete DDR. Allem, was von oben kommt, müsse man misstrauen. Der kleine Mann auf der Straße sei doch immer der Betrogene.</p>
<p>Nostalgie &#8211; die wirklichkeitsverzerrende Verklärung der DDR-Vergangenheit &#8211; ist eine dritte Möglichkeit des Reagierens auf die Entwertungs- und Ungleichheitserfahrungen nach 1989. Die allgemeine Verurteilung der DDR-Vergangenheit wird hellwach zur Kenntnis genommen, aber nicht akzeptiert. &#8222;Es war nicht alles so schlecht in der DDR, wie es jetzt dargestellt wird&#8220; &#8211; das ist die Devise der Nostalgiker. Sie versuchen, zu ihrer Herkunft aus der DDR zu stehen und sie gegen ihre Desavouierung zu verteidigen. Je ferner das DDR-System rückt, desto schöner wird es und desto kritischer wird der Blick auf den Westen. Auch wenn wir Ossis sind, so können wir euch doch das Wasser reichen. Ihr seid vielleicht erfolgreicher, dafür sind wir solidarischer. Ihr seid vielleicht wettbewerbsfähiger, dafür sind wir friedliebender. Ihr seid vielleicht durchsetzungsfähiger, dafür sind wir improvisationsfreudiger usw. Die DDR-Nostalgie erreichte Mitte der 1990er Jahre ihren Höhepunkt, und sie war in dieser Zeit mit einer starken Reserve gegenüber dem westlichen System und gegenüber den Menschen in Westdeutschland verbunden. Außerdem ging sie einher mit einer Ausgrenzung der Westdeutschen. &#8222;Über das Leben in der DDR kann nur mitreden, wer selbst dort gelebt hat&#8220;, so lautete das Motto (Der Spiegel Nr. 27/3. Juli 1995: 49). So wie man sich selbst ausgegrenzt fühlte, schottete man sich auch vom Westen ab. Die DDR-Nostalgie war nicht die Fortschreibung einer gewachsenen DDR-Identität, sondern eine Reaktion auf Probleme der sozialen Akzeptanz und ökonomischen Integration der Ostdeutschen im wiedervereinigten Deutschland. Die sogenannte DDR-Identität entstand überhaupt erst, nachdem die DDR untergegangen war (anders Engler 2002: 22). Es handelt sich um eine nachträgliche Identität, die von der Verklärung der Vergangenheit und aus der Abwehr ihrer Stigmatisierung lebt. Die DDR-Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist ein höchst umstrittenes Gut. Lebendig aber ist sie nicht deshalb, weil die Menschen im Osten Deutschlands noch immer an der Vergangenheit kleben und sich gegenüber der Gegenwart verweigern, sondern deshalb, weil sie der Macht der Gegenwart ausgesetzt sind, in der das Leben in der DDR keinen sozial anerkannten Wert besitzt. Es ist der gegenwärtige Streit um die DDR, ihre öffentliche Verurteilung und ihre spiegelbildliche, vor allem privat vorgetragene Verteidigung, die die Vergangenheit am Leben hält.</p>
<p>Der Nostalgie eng verwandt ist die Empörung über die gegenwärtigen Zustände, das Jammern und Klagen über die gegenwärtig erlebbaren Ungerechtigkeiten und Zumutungen. Sie unterscheidet sich von der Nostalgie dadurch, dass es ihr nicht vorrangig um die Rettung der DDR geht, sondern um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Fairness. Insofern aber stellt sie ebenso wie die Nostalgie eine Reaktion auf die erfahrene Abwertung und Schlechterstellung der Ostdeutschen im gesamtdeutschen Kontext dar. Viele der Ostdeutschen suchen regelrecht danach, beleidigt und herabgesetzt zu werden. Sie wollen gedemütigt werden, da ihnen dies einen allgemein anzuerkennenden Grund gibt, sich zu verteidigen. Je größer die Ungerechtigkeit, desto stärker die Legitimation, sich zu empören. Die erfahrene und in ihrer Gefühlsqualität hier auch gar nicht in Abrede zu stellende Demütigung ist nämlich schwer zu greifen. So richtig schlecht geht es den meisten ja nicht; und schreiende Ungerechtigkeiten lassen sich auch kaum nachweisen. Da braucht man Gelegenheiten, um sich Genugtuung verschaffen zu können. Die Opferrolle ist ein geeignetes Instrument, um mit guten Gründen klagen und anklagen zu können. Und man kann auf Berücksichtigung hoffen, denn wer will schon einen Beleidigten nochmals zurücksetzen? Das Jammern und Klagen der Ostdeutschen erweist sich insofern nicht nur als ein Ausdruck ihrer Deprivilegierung, sondern auch als eine geschickte Strategie, die eigenen nicht beachteten Interessen einzubringen und durchzusetzen. Sie ist eine Form der Sprachfindung, der partiellen Überwindung erfahrener Ohnmacht, der Gemeinschaftsbildung und wechselseitigen Bestärkung sowie ein Mittel der Erpressung. Man zeigt die Ungerechtigkeiten in der Verteilung des nationalen Reichtums zwischen Ost und West auf und fordert Umverteilung ein. So wie man sich selbst nicht anerkannt fühlt, ist man auch nicht bereit, das westliche System und seine Leistungen anzuerkennen. Es wird als ineffektiv und menschenunwürdig, als bürokratisch und erstarrt, vor allem aber als ungerecht und unsozial charakterisiert. Man führt Klage über die hohe Zahl der Arbeitslosen, über die steigende Kriminalität, über die Reformunfähigkeit der Bundesregierung, über die Beteiligung Deutschlands an Militäreinsätzen der NATO sowie am Konsumismus des westlichen Lebensstils. Man möchte Schlechtes an der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Ordnung des Westens finden, denn man sieht sich selber schlecht bewertet. Die Unzufriedenheit mit der Markwirtschaft, dem Rechtsstaat und der Demokratie ist insofern auch eine Form der Kompensation für die erfahrene Abwertung und Zurücksetzung (vgl. Pollack 1997: 10).</p>
<h3 class="">Der Ostdeutsche &mdash; ein Produkt der geschei&shy;terten Integration</h3>
<p>Sollte diese Beschreibung etwas Richtiges treffen, dann wäre das Aufkommen des nörgelnden, sich verweigernden, sich beschwerenden und empörenden Ossis nicht so sehr das Produkt einer in der DDR durchlaufenen Sozialisation, die es dem Ostdeutschen erschwert, sich dem Westen zu öffnen. Vielmehr erscheint er als Produkt der weitgehend misslungenen Integration der Ostdeutschen in das wiedervereinigte Deutschland. Hinter der Unzufriedenheit der Ostdeutschen, ihrer Kritik am Westen und ihrer Distanz gegenüber dem westlichen Institutionensystem und ihren Vertretern stände dann weniger das weiterwirkende Erbe des obrigkeitlichen und paternalistischen Staatssystems der DDR als die Erfahrung der Abwertung und Schlechterstellung der Ostdeutschen im wiedervereinigten Deutschland. In gewisser Weise ist der trotzig seine Identität behauptende Ossi das Ergebnis des Blicks der Westdeutschen auf die Ostdeutschen und der Umwertung der ihm zugeschriebenen Merkmale.</p>
<p>Tatsächlich haben sich die als typisch ostdeutsch angesehenen Einstellungen erst im Laufe der Zeit herausgebildet. Unmittelbar nach dem Umbruch war die Zufriedenheit der Ostdeutschen mit der Demokratie oder der Marktwirtschaft weitaus höher als nur wenige Jahre danach (Noelle-Neumann/Köcher 1997: 670). Ebenso haben sich auch die Akzeptanz von leistungsbedingten sozialen Unterschieden, von individueller Eigenverantwortlichkeit und persönlicher Leistungsbereitschaft erst im Laufe der Zeit negativ entwickelt (vgl. IPOS 1990-1995). Das DDR-System wurde im Vergleich zu Westdeutschland 1990 noch weitaus schlechter eingeschätzt als zum Beispiel Mitte der 1990er Jahre. Und die Fixierung auf den Staat und die Erwartungen an ihn haben sich auch erst im Laufe der Jahre erhöht. In diesen als charakteristisch für die Ostdeutschen angesehenen Einstellungen und Orientierungen drückt sich in erster Linie nicht ein Fortwirken in der DDR erfahrener Prägungen aus, sondern eine Reaktion auf im wiedervereinigten Deutschland gemachte Erfahrungen. Zur DDR will kaum einer zurück. Wohl aber dient die DDR so manchem als Symbol der Identitätskonstruktion und der Selbstverteidigung.</p>
<p>Dass es so kam, hätte man wissen können, denn asymmetrische Sozialverhältnisse tendieren zur Umkehrung der in ihnen installierten Machtungleichgewichte. Gerade dort, wo Macht sich als überlegen inszeniert, wo sie Deutungshoheit beansprucht und Entscheidungen an sich reißt, provoziert sie Verweigerung, Rückzug, Abwehr, ja Protest. Macht ist eine soziale Relation, in der die eine Seite trotz ihrer komfortablen Ausstattung mit Ressourcen und Befugnissen auf die Anerkennung der anderen angewiesen bleibt. In modernen Gesellschaften gibt es keinen Ausstieg aus der Reziprozität der Sozialverhältnisse. Weder Autorität noch Geld, weder Rhetorik noch Wahrheit lösen sie auf. Die Zulassung asymmetrischer sozialer Beziehungen musste daher früher oder später zwangsläufig zur Einklagung von Symmetrie und zur Selbstbehauptung des Entwerteten führen. Das heißt natürlich nicht, dass es notwendig zu Veränderungen, wohl aber, dass es unvermeidlich zu Konflikten kommt.</p>
<h3 class="">Die Relati&shy;vie&shy;rung funkti&shy;o&shy;naler Eindeu&shy;tig&shy;keiten</h3>
<p>Auch wenn die hier angestellten Überlegungen hie und da überzeugen sollten, ist ihnen gegenüber Skepsis geboten &#8211; vor allem deshalb, weil die verfolgte Argumentationslinie so schön aufgeht, irgendwie zu glatt ist und die Dinge zu sehr auf den Punkt zu bringen versucht. Das Problem dieser Art des Argumentierens besteht darin, dass es sich um eine funktionale Analyse handelt, die alle Phänomene auf ein einziges Bezugsproblem bezieht &#8211; auf das Problem der Schlechterstellung und Abwertung der Ostdeutschen &#8211; und daraus alle relevanten Verhaltensweisen der Ostdeutschen zu erklären versucht: die Überanpassung, den Rückzug, die Nostalgie, die Empörung sowie das Klagen und Jammern. Gegenüber einer solchen funktionalistischen Perspektive müssen jedoch zumindest drei Differenzierungen angebracht werden.</p>
<p>Erstens lässt sich neben dem herausgestellten Gleichberechtigungs- und Anerkennungsproblem eine Vielzahl weiterer Bezugsprobleme denken, die das Handeln der Ostdeutschen vielleicht ebenso oder noch stärker bestimmen. Zu nennen wären hier etwa Probleme des beruflichen Aufstiegs oder der Ausbildung, Probleme in den Beziehungen mit Nachbarschaft und Freunden, Familienprobleme, Probleme der Kindererziehung oder Möglichkeiten des Reisens, des Konsums, der Erlebnissteigerung und der Selbstverwirklichung usw. Das Anerkennungsproblem ist nur eines unter vielen, und welchen Stellenwert es im Leben der Ostdeutschen hat, dürfte von Fall zu Fall variieren.</p>
<p>Zweitens bedarf das in der funktionalen Analyse ausfindig gemachte Bezugsproblem vielleicht gar nicht der Lösung. Es mag durchaus richtig sein, dass viele Ostdeutsche sich als Bürger zweiter Klasse definieren, sich nicht gleichberechtigt und anerkannt fühlen und der Meinung sind, dass es ihnen schlechter als den Westdeutschen geht. Aber daraus folgt nichts. Weder werden die meisten Ostdeutschen zu Nostalgikern noch ziehen sie sich in die Schmollecke zurück, weder empören sie sich noch versuchen sie, die besseren Wessis zu sein. Auch wenn die Menschen in Ostdeutschland vielleicht ein Anerkennungs- und Gleichberechtigungsproblem haben, streben sie nicht nach seiner Lösung. Die Sozialwissenschaften begehen den Fehler, einen zu hohen Bedarf an Konsistenz in der individuellen Lebensführung vorauszusetzen. Die Menschen können auch mit ungelösten Problemen leben. Die Tatsache, dass es ihnen materiell nicht schlecht geht, wie auch die, dass es zum Leben in der westlichen Gesellschaft ohnehin keine ernsthafte Alternative gibt, dürfte ihnen dabei helfen, sich in den gegenwärtigen Verhältnissen einzurichten. In der Tat erwecken die neuesten Berichte und Umfragedaten den Eindruck, als seien die Ostdeutschen in der Bundesrepublik angekommen. Die Zufriedenheit der Ostdeutschen mit der Demokratie hat sich erhöht (Allbus 2000). Das Vertrauen in die politischen Institutionen ist gestiegen (Priller 1999: 16; Statistisches Bundesamt 2000: 433). Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen sagt, dass es ihnen heute besser geht als vor 1989 (INRA 2000). Nur 15 Prozent bevorzugen die DDR vor der BRD. Auch wenn die meisten Ostdeutschen kaum die Hoffnung haben, dass die wirtschaftlichen Probleme Ostdeutschlands demnächst gelöst werden, auch wenn sie nach wie vor zwischen Ost und West keine Gleichberechtigung sehen, auch wenn sie der Meinung sind, die Ostdeutschen würden als Bürger zweiter Klasse behandelt, denken sie, dass es sich in der Bundesrepublik ganz gut leben lässt, akzeptieren sie die bundesrepublikanische Ordnung und wollen kein anderes politisches oder wirtschaftliches System als das gegenwärtige (vgl. ebd. sowie Emnid 1998). Die Ostdeutschen werden auf Jahre und Jahrzehnte schlechter gestellt sein als die Westdeutschen &#8211; das denkt die Mehrheit der Ostdeutschen, aber sie hat sich damit abgefunden. Euphorie gibt es im Osten Deutschlands natürlich nicht, inzwischen aber ein beachtliches Maß an Gelassenheit und Loyalität.</p>
<p>Drittens tendiert die funktionale Analyse dazu, zu unterstellen, dass die Menschen ganz unterschiedliche Möglichkeiten besäßen, auf das ausgemachte Bezugsproblem zu reagieren. Ob sie sich zurückziehen oder protestieren, ob sie sich beklagen oder anpassen, ob sie der schönen alten Zeit nachtrauern oder ihre Unzufriedenheit instrumentell zur Durchsetzung ihrer Interessen benutzen &#8211; all diese Möglichkeiten werden von dieser Analyse als funktional gleichwertige Alternativen behandelt, zwischen denen der Einzelne zu wählen vermag. Das Individuum wird damit als rationaler Akteur aufgefasst, der strategisch entscheidet, welche Handlungsalternative ihm am meisten nützt und die geringsten Kosten verursacht. Wenn er sich verweigert oder empört oder jammert und sich nicht anpasst, so wird er dafür seine rationalen Gründe haben. Diese Perspektive, die den Osttrotz des Einzelnen nicht einfach als irrational abtut, hat viel für sich, denn sie verzichtet darauf, eine opake Größe, etwa das kulturelles Erbe des Staatssozialismus oder die ostdeutsche Mentalität oder Identität der ehemaligen DDR-Bürger, einzuführen, um alles abweichende Verhalten der Ostdeutschen darauf zurückzuführen. Gewöhnlich nämlich werden Verhaltensweisen und Einstellung der Ostdeutschen, die unverständlich erscheinen oder auch nur dem westlichen Muster nicht entsprechen, auf das Weiterwirken der in der DDR-Zeit angeeigneten kulturellen Bestände zurückgeführt. Um Kultur handelt es sich, wenn etwas rational nicht erklärt werden kann. Demgegenüber erlaubt die funktionale oder utilitaristische Perspektive, auch auf den ersten Blick unverständliche Einstellungen und Verhaltensweisen noch auf ihre rationalen Gründe hin zu befragen.</p>
<h3 class="">Die Normalit&auml;t des kognitiven Grabens zwischen Ost und West</h3>
<p>Dennoch muss überprüft werden, ob das menschliche Handeln nicht weitaus stärker durch frühere Prägungen restringiert ist, als das die funktionalistische oder rationalistische Analyse zulassen will. Natürlich ist es ein Gewinn an analytischer Genauigkeit, wenn nicht überall dort, wo Ost- und Westdeutsche nicht übereinstimmen, die DDR-Vergangenheit bemüht wird, um die Differenzen zu erklären. Aber auch wenn man die Eigenlogik des Handelns rationaler Akteure ernst nimmt, muss man doch damit rechnen, dass sich frühere Prägungen als persistent erweisen und auch heutige Verhaltens- und Einstellungsmuster noch bestimmen. Worin diese Prägungen bestehen, dies wird genau zu prüfen sein. Funktionale und rationale Analysen vermeiden jedenfalls eindimensionale Erklärungen, wie sie immer wieder von kulturalistischen Ansätzen, etwa auch von der politischen Kulturforschung, vorgelegt werden. Aber sie stehen selbst in der Gefahr, ein zu hohes Maß an Eindeutigkeit in ihren Erklärungen hervorzubringen, wenn sie versuchen, Handeln als ausschließlich interessenbestimmt oder ausschließlich als Problemlösungsverhalten zu interpretieren. Insofern ist es dann doch erforderlich, auf kulturelle Prägungen einzugehen, sofern sie denn stets zu situativen Gelegenheitsstrukturen sowie zu individuellen Interessenkalkülen ins Verhältnis gesetzt werden. Dies ist kein Plädoyer für einen reinen, sondern für einen gemäßigten Konstruktivismus, denn auch soziale Konstruktionen müssen, wenn sie wirksam sein wollen, an Traditionen und kulturelle Bestände anschließen und auf ihnen aufbauen.</p>
<p>Die wirksamen Traditionslinien, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart führen, müssen also sorgfältig herausgearbeitet werden und auf gegenwärtige Interessenkonflikte und Situationserfordernisse bezogen werden. Die oftmals unterschätzte DDR-Forschung und die Transformationsforschung haben hier vieles bereits geleistet. In der Öffentlichkeit allerdings sind die Ergebnisse dieser Forschungen bislang nur teilweise angekommen. Dort gilt der Ostdeutsche, sofern man sich für ihn überhaupt interessiert, noch immer als das kaum verständliche, schwierige Wesen, dem man sich nur mit Kopfschütteln nähern kann: &#8222;Der Ossi &#8211; das unbekannte Wesen&#8220; titelte beispielsweise der <em>Stern</em> im vergangenen Jahr (<em>Stern</em> Nr. 18/25. April 2002). Die Ostdeutschen hingegen nehmen das Unverständnis, das man ihnen entgegenbringt, inzwischen gelassen. Sie rechnen nicht mehr damit, dass es zwischen Ost und West zu einer wirklichen Verständigung kommt und dass sie einen gleichberechtigten Platz in der deutschen Vereinigungsgesellschaft einnehmen. Die Hoffnungen, die sie einst in die Wiedervereinigung setzten, sind vergangen. Mit ihnen aber auch die Frustration über die misslingende Kommunikation mit den Menschen aus dem andern Teil Deutschlands. Der kognitive Graben, der Ost und West nach wie vor trennt, ist zur Normaljtät geworden. Wenige nehmen ihn noch wahr, jedenfalls leidet kaum noch einer unter ihm. Man ist angekommen in der westdeutschen Gegenwart und hat genug anderes zu tun, als sich noch um seine ostdeutschen Empfindlichkeiten zu kümmern.</p>
<p>1 So hat die Kollektivschuldthese der Alliierten auch schon nach dem Zweiten Weltkrieg die Bereitschaft der Deutschen, sich ihrer Verantwortung und Schuld im Dritten Reich zu stellen, nachdrücklich beeinträchtigt (Vgl. Greschat 2002: 174ff.).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Literatur</p>
<p><em>Allbus</em> 2000: Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus)</p>
<p><em>Emnid</em> 1998: Sozialer und kultureller Wandel in Ost- und Westdeutschland. Eine Befragung, durchgeführt im Auftrag des Lehrstuhls für vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, Bielefeld</p>
<p><em>Engler, Wolfgang</em> 2002: Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin</p>
<p><em>Greschat, Martin</em> 2002: Die evangelische Christenheit und die deutsche Geschichte nach 1945: Weichenstellungen in der Nachkriegszeit, Stuttgart</p>
<p><em>INRA</em> 2000: Political Culture in Central and Eastern Europe. Befragung in elf ausgewählten mittelosteuropäischen Ländern, durchgeführt im Auftrag des Lehrstuhls für vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, Frankfurt/Oder</p>
<p><em>IPOS</em> 1990-1995: Einstellungen zu aktuellen Fragen der Innenpolitik. Studie des IPOS-Instituts, Mannheim</p>
<p><em>Noelle-Neumann, Elisabeth/Köcher, Renate</em> (Hg.) 1997: Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 19931997, München</p>
<p><em>Pollack, Detlef 1997:</em> Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung: Der Wandel der Akzeptanz von Demokratie und Marktwirtschaft in Ostdeutschland; in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 13/1997, S. 3-12</p>
<p><em>Priller, Eckhard 1999</em>: Demokratieentwicklung und gesellschaftlioche Mitwirkung in Ostdeutschland: Kontinuitäten und Veränderungen. Arbeitspapier des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung F III 99-410, Oktober</p>
<p><em>Statistisches Bundesamt</em> (Hg.) 2000: Datenreport 1999. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn</p>
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		<title>Die östliche Erfahrung im theoretischen Diskurs</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/die-oestliche-erfahrung-im-theoretischen-diskurs/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 12:26:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Öffentlich über den eigenen Arbeitsprozess zu reflektieren, ist nicht ungefährlich: Die narzisstische Versuchung, sich ungebührlich in den Vordergrund zu spielen, lauert bei einem solchen Unterfangen gleich hinter der nächsten Kurve, und dass ihr einige Große des Fachs versiert auswichen, ist ermutigend, aber keine Garantie. Zum Beispiel Pierre Bourdieu. Dessen Dauerreflexion auf die intellektuelle Produktion, in [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/die-oestliche-erfahrung-im-theoretischen-diskurs/">Die östliche Erfahrung im theoretischen Diskurs</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Öffentlich über den eigenen Arbeitsprozess zu reflektieren, ist nicht ungefährlich: Die narzisstische Versuchung, sich ungebührlich in den Vordergrund zu spielen, lauert bei einem solchen Unterfangen gleich hinter der nächsten Kurve, und dass ihr einige Große des Fachs versiert auswichen, ist ermutigend, aber keine Garantie.</p>
<p>Zum Beispiel Pierre Bourdieu.</p>
<p>Dessen Dauerreflexion auf die intellektuelle Produktion, in kollektiver wie in eigener Sache, zuletzt noch einmal &#8222;postum&#8220; in seinem <em>Soziologischen Selbstversuch</em> (Bourdieu 2002), sucht in der jüngeren Sozialwissenschaft ihresgleichen und ist doch nicht ohne Weiteres generalisierbar.</p>
<p>Bourdieus Problem war der <em>Homo academicus</em> (Bourdieu 1988), eingelassen in ein universitäres Feld, dessen immanenten Kräften und Kämpfen ausgesetzt und vor die Notwendigkeit gestellt, Autonomie gegenüber diesen vielfältigen Feld- und Positionseffekten genau dadurch zu erringen, daß er sie ins Kalkül zog &#8211; die Tradition und Macht der &#8222;Fakultäten&#8220;; die Denkgebote, Sprachroutinen und Jargons; den kulturellen Korpsgeist; die habitualisierte Geringschätzung, wenn nicht Verachtung des Alltäglichen und Gewöhnlichen.</p>
<p>Ich selbst habe das Innere dieses Feldes frühzeitig verlassen, zu Beginn der 1980er Jahre, um eine Position ganz an seinem Rande einzunehmen &#8211; die eines Theoriedozenten an einer kleinen Kunsthochschule in Ostberlin, die seit Jahrzehnten mit großem Erfolg für Nachwuchs am deutschsprachigen Theater sorgt.</p>
<p>Die Konsequenzen dieser Entscheidung, ihre Auswirkungen auf die eigene Arbeit, traten mir erst nach und nach ins Bewusstsein.</p>
<p>Künstlerische Produktionsprozesse sind nicht weniger traditionslastig als wissenschaftliche, entwickeln Strukturen und Methoden wie diese, sind aber weit stärker und unentrinnbarer zur Welt hin geöffnet, auf sie verwiesen. Wahrnehmung, Beobachtung und Nachahmung, die Techniken der Mimesis, sind speziell für die darstellenden Künste von herausragender Bedeutung; die Realität wird gefiltert, aber die Filter selbst sind plastischer und durchlässiger als im Fall der institutionalisierten Theorieproduktion.</p>
<p>Arbeitet man als Soziologe längere Zeit in einer solchen Umgebung, dann geraten auch die mitgebrachten Standards, die theoretischen nicht minder als die empirischen, unter ihren Einfluss. Das theoretische Interesse verlagert sich in die kulturelle und ästhetische Sphäre, woraus es zunehmend seine Anregungen bezieht und im selben Zuge gewinnen die dort zirkulierenden Themen und Gegenstände dokumentarische Aussagekraft. Der akademische Jargon schleift sich ab und nähert sich dem Essay, Kunstwerke verschiedenster Zeiten und Genres treten gleichberechtigt neben die harten soziologischen Fakten und dienen als &#8222;Evidenzen&#8220; für theoretische Einsichten.</p>
<p>Lasse ich meine Arbeiten von den frühen achtziger Jahren bis, in die jüngste Zeit Revue passieren, dann referieren sie genau diese Akzentverschiebung; noch die beiden Aufsatzsammlungen aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre (Engler 1992; 1995) wirken verglichen mit den späteren Büchern über die Ostdeutschen wie Mischlinge: halb akademische Abhandlung, halb soziologische Erzählung.</p>
<h3 class="">Distanz zum univer&shy;si&shy;t&auml;ren Feld</h3>
<p>&#8222;Es ist eine alte Einsicht der Interpretationslehre, dass (wissenschaftliche) Schriften nicht ohne die Bezüge zu verstehen sind, die sie in zeitbedingten gesellschaftlichen Diskursen finden.&#8220;</p>
<p>Mit diesen Worten eröffnete der Berliner Soziologe Sighard Neckel seine Grundsatzkritik an meinem jüngsten Buch über die Ostdeutschen (Engler 2002), dem er vorwarf, alles vergessen und verdrängt zu haben, was die vorangegangenen Analysen gegen den DDR-Sozialismus vorzubringen wussten (Neckel 2002).</p>
<p>Ich greife seine Kritik um so bereitwilliger auf, weil ich ihre Voraussetzung teile und keineswegs der Ansicht bin, dass die schrittweise Lösung aus spezifisch universitären Abhängigkeiten allein schon gleichbedeutend mit dem Aufbruch in geistige Freiheit ist.</p>
<p>Die Befreiung vom akademischen Fremdzwang, sofern sie überhaupt gelingt, geht, dessen bin ich mir wohl bewusst, mit neuen Zwängen und Abhängigkeiten einher. Wer gegenüber dem universitären Feld auf Distanz geht, verliert auch dessen Schutz gegenüber den Mächten der Welt und wo sich das Denken stärker zur &#8222;Wirklichkeit&#8220; öffnet, droht es zugleich, deren Strömungen, selbst Stimmungen anheimzufallen.</p>
<p>Die vier Arbeiten über den Staatssozialismus im allgemeinen, über die Ostdeutschen im besonderen, über die ich hier hauptsächlich berichte, entstanden im Bannkreis dieser Gefahr und tragen unverkennbar ihre Spuren.</p>
<p>Um mit dem ersten Text zu beginnen (Engler 1992), so wüsste ich seinen Entstehungskontext nicht besser zu beschreiben als wiederum mit Neckels Worten:</p>
<p>&#8222;Der zeitgeschichtliche Impuls dieses bemerkenswerten &#8218;Versuches&#8216; war der gerade überwundene paternalistische Polizeistaat der SED, deren Lebenswelt Engler wenig Gnade gewährte.&#8220;</p>
<p>Das <em>war</em> der Impuls, kein Zweifel, und ihm nachzugeben lag insofern nahe, als die eigene, randständige Position im kulturellen Spektrum, die institutionell eher schwache Abgrenzung zur Normalität des Alltagslebens in der DDR das gleichsam spontane Mitdenken und Mitfühlen mit dem gesellschaftlichen Durchschnitt, mit der Mehrheit, überaus begünstigte. Ich teilte den massenhaften Wunsch, mit der Vergangenheit konsequent zu brechen und verspürte kein Bedürfnis, das sozialistische Projekt in Gestalt des &#8222;Dritten Weges&#8220; wiederaufleben zu lassen.</p>
<h3 class="">Die Antwort der Gesell&shy;schaft auf das politische System</h3>
<p>Diesem Bruch-Impuls gemäß konzentrierte ich mich in dieser Studie auf jene Realitätsausschnitte, für die dieser Sinne und Gedanken schärfte, auf den staatssozialistischen Herrschaftsmechanismus, und thematisierte das soziale und alltägliche Leben innerhalb jener Grenzen, die er ihm zu ziehen gedachte bzw. tatsächlich zog. Mit Elias Zivilisationstheorie und Foucaults Machtanalysen gewappnet, untersuchte ich die wechselseitige Durchdringung und Komplizenschaft von staatlicher Disziplinierung und Alltagsleben.</p>
<p>Davon abzurücken, sehe ich auch gegenwärtig keinen Grund.</p>
<p>Mein erstes Buch über die Ostdeutschen (Engler 1999) reservierte dem Überwachungsstaat ein eigenes Kapitel, das dessen Zugriff auf die sozialen und persönlichen Beziehungen bis in die umgangssprachlich privat genannten Lebensbezirke hinein verfolgte, was selbst einstige DDR-Oppositionelle wie Ehrhard Neubert bei aller sonstigen Kritik positiv vermerkten: &#8222;Engler schenkt der Herrscherkaste der DDR nichts.&#8220; (Neubert 1999)</p>
<p>Was ich an <em>Die zivilisatorische Lücke</em> heute kritisch sehe, ist ihr methodischer Reduktionismus; die einseitige Konzentration auf die Herrschaftsverhältnisse; die Analyse der sozialen, beruflichen und persönlichen Beziehungen fast nur aus dieser Perspektive; die vorrangige Behandlung der Gesellschaft als ein vom Staat geschaffenes Wesen, als <em>natura naturata</em> und nicht (auch) als zeugende Substanz, <em>als natura naturans.</em> Kritikwürdig ist der wiederholte Fehlschluss unmittelbar vom politischen System auf den gesellschaftlichen Zusammenhang sowie die tendenziell unhistorische Betrachtung, die der mal schritt-, mal schubweisen Emanzipation der Gesellschaft vom staatlichen Machtdiktat höchst ungenügend gerecht wurde.</p>
<p>Mit diesen Einseitigkeiten und Auslassungen unzufrieden, fügte ich dem Text ein Schlusskapitel an, <em>Die ungewollte Moderne</em> überschrieben, das im gedanklichen Eilschritt all das einsammelte, was die Untersuchung bis dahin liegengelassen hatte: Individualisierung und machtkritische Gemeinschaftsbildung; Räume und Formen der persönlichen wie interpersonellen Autonomie; Umschlag der von oben eingeleiteten Enttraditionalisierung in effektive Modernisierung; Fortbildung staatlich verordneter Freizügigkeit innerhalb der Grenzen der DDR zu über sie hinausweisenden Freiheitsansprüchen.</p>
<p>Dieser Schlussteil, der auf der methodischen Einsicht beruhte, hinfort genauestens zwischen politischem System, auch dem rigidesten, und der <em>Antwort</em> zu unterscheiden, die es gesellschaftlich und individuell auslöst, bahnte den weiteren Arbeiten zu diesem Gegenstand den Weg.</p>
<h3 class="">Vom Analytiker zum Protago&shy;nisten ostdeut&shy;scher Selbs&shy;t&shy;eth&shy;ni&shy;sie&shy;rung?</h3>
<p>Zunächst in einer Aufsatzsammlung, die dieses Fazit gleich im Titel führte &#8211; <em>Die zivilisatorische Lücke</em> (Engler 1995) -, von heute aus gesehen Übungen, Vorstudien für die beiden folgenden Bücher, um Differenzierung und Prozesshaftigkeit bemüht, aber zu skizzenhaft und episodisch, um im Rückblick befriedigen zu können.</p>
<p>In der Sache weiterzukommen, setzte größeren zeitlichen Abstand zum Objekt der Untersuchung voraus, und indem die Zeit verging, veränderte sich zugleich der mentale Kontext der Analyse, die gesellschaftliche Stimmungslage.</p>
<p>Der Einheitsprozess, schreibt Neckel, &#8222;[veränderte] den Bezugsrahmen des ostdeutschen Diskurses über sich selbst grundsätzlich [&#8230;] Statt Kritik an der vergangenen Autokratie überwog jenseits der Elbe nun die Selbstbehauptung gegenüber der triumphierenden Bundesrepublik. Das &#8218;Staatsvolk der DDR&#8216;, das in all seiner &#8218;Einheit&#8216; nur in der Fiktion von SED-Ideologen existierte, geriet zum Objekt eines ostdeutschen &#8218;Gemeinsamkeitsglaubens&#8216; (Max Weber), der die Bewohner der neuen Bundesländer als eigene deutsche Ethnie verstand. Die westdeutsche Vereinnahmung näherte ihn ebenso wie das politische Kalkül ostdeutscher Akteure, im gesamtdeutschen Staat Mobilisierungschancen zu wahren.&#8220;</p>
<p>Was folgt, ist der Vorwurf eines halt- und richtungslosen Abdriftens in geistigen Populismus:</p>
<p>&#8222;Die Erwartung an Soziologen ist es, solche Metamorphosen mit kritischer Distanz zu begleiten. Doch spätestens mit seinem Buch <em>Die Ostdeutschen</em> von 1999 dürfte Engler auf die Seite jener gewechselt haben, die sich als Protagonisten der ostdeutschen Selbstethnisierung verstehen [&#8230;]. So verschwand der an Elias geschulte Blick auf die Wechselwirkung von Macht und Alltagskultur [&#8230;]. Wo einst &#8218;zivilisatorische Lücken&#8216; klafften, erwuchs nunmehr der Retrokult der &#8218;arbeiterlichen` DDR, an dem auch westdeutsche Leser ihre kitschigen Vorstellungen vom ostdeutschen &#8218;Land der kleinen Leute&#8216; (Günter Gaus) aufwärmen durften.&#8220;</p>
<p>Es ist mir hier nicht um eine detaillierte Replik zu tun. Mehr als die Ausführung im einzelnen verdient der Ansatzpunkt des Vorwurfs eine nähere Erörterung &#8211; der vermeintliche Verlust an kritischer Distanz.</p>
<p>Ich komme nicht umhin zuzugestehen, dass sich mein Blick auf die Ostdeutschen, auf ihre Vorgeschichte als DDR-Bürger ebenso wie auf ihre Haltung im neuen Staatswesen im selben Maße veränderte, in dem der Blick der Ostdeutschen auf sich selbst sich veränderte. Als die Ostdeutschen ihre Vergangenheit mehrheitlich am liebsten rückstandslos entsorgt hätten, sah und beurteilte auch ich die DDR-Gesellschaft äußerst kritisch, und ich sprach ihr verstärkt Eigensinn und Eigenleben zu, als dieselbe Mehrheit ähnlich zu denken und zu empfinden begann.</p>
<p>Ist das nicht ein geradezu klassischer Ausweis intellektueller Heteronomie?</p>
<p>Das hängt davon ab, wie man den gesellschaftlichen Stimmungswandel beurteilt.</p>
<p>So lange man darin nicht mehr und anderes entdeckt als das Bedürfnis, die DDR-Geschichte zu verklären, den Einigungsprozess im Ganzen zu diskreditieren, sticht der Vorwurf geistiger Dienstbarkeit. Versteht man ihn dagegen als ein noch unabgeschlossenes Ringen um ein vielschichtigeres und realitätsnäheres Bild der Vergangenheit, das auch die ostdeutsche Lebenswirklichkeit nach dem Umbruch vom Makel minderen Seins befreit, dann liegen die Dinge komplizierter.</p>
<h3 class="">Jenseits der Extreme: eine realis&shy;ti&shy;sche Erz&auml;hlung der DDR-Ge&shy;sell&shy;schaft</h3>
<p>Und so scheint es mir.</p>
<p>Ich begreife den mentalen Umschwung als Kern eines gesellschaftlichen Erkenntnisprozesses hin zu mehr Tiefenschärfe und stärkerer Konturierung und schreibe ihm eine Logik zu, von deren Analyse die soziologische Erkenntnis nur profitieren kann; ich sage und meine &#8222;Analyse&#8220;, nicht schlichten Nachvollzug.</p>
<p>Fraglos gewinnt die DDR-Vergangenheit in der Retrospektive von Einzelnen und ganzen Gruppen oftmals beschönigende Züge, die die Widersprüche des Systems glätten, seine Unverträglichkeiten kaschieren, seine Härten und Grausamkeiten überspielen. Diese Trivialliteratur, in Nachwendezeiten entstanden, ist für die Zwecke einer realistischen Gesellschaftsgeschichte völlig unbrauchbar und sich ihrer zu bedienen, käme auf dieselbe ideologische Verzerrung hinaus, die entstünde, wollte man die Französische Revolution aus der Perspektive der aristokratischen Exilliteratur des frühen neunzehnten Jahrhunderts beurteilen.</p>
<p>Bestrebt, eine wirklichkeitsnahe Erzählung der DDR-Gesellschaft zu verfassen, enthielt ich mich dieser trüben Quellen ebenso wie ihres durchaus erhellenderen Pendants, der Oppositionsliteratur, weil ich an den Überzeugungen und Erfahrungen der Mehrheit interessiert war, und diese Mehrheit stand der Funktionärsschicht nicht minder reserviert gegenüber als deren Gegenspielern.</p>
<p>In der für mich entscheidenden Frage &#8211; der nach dem &#8222;Grund&#8220; für 1989, im doppelten Sinne des Wortes &#8211; fand ich weder in den Rechtfertigungsschriften der einstmals Begünstigten des Systems noch in den Verdammungstexten ihrer Widersacher hinreichenden Aufschluss. Die Regierenden samt der Masse der Parteigänger und Nutznießer des DDR-Sozialismus betrachteten den 89er Herbst als eine Art historischen Irrtum, als einen Akt der Konterrevolution; für sie hätte er gar nicht kommen <em>dürfen</em>. Für die Weitsichtigeren unter ihnen hätte er nicht kommen <em>müssen</em>, wenn rechtzeitig Reformen eingeleitet worden wären. Für die Ausgeschlossenen und Ausgegrenzten wiederum hätte das Ereignis gar nicht eintreten <em>können</em>, wenn sie selber nicht den Weg dazu gewiesen hätten. Die einen geißelten die Mehrheit der Ostdeutschen als politisch Verführte, die den Versprechungen der westlichen Konsumgesellschaft erlagen, die anderen hielten ihr Langmut und Ängstlichkeit, wo nicht gar Feigheit vor.</p>
<p>Wie Geduld und Furcht mehr und mehr wichen, um schließlich in radikales Aufbegehren umzuschlagen, warum die Ostdeutschen plötzlich konnten, was sie so lange wollten, aber nicht wagten &#8211; darüber schwiegen sich Oppositions- und Rechtfertigungsliteratur gleichermaßen aus.<br />
<em>Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land</em> (Engler 1999) zeichnete diesen Prozess, in dessen Verlauf die Gesellschaft im Wartestand, die Gesellschaft an sich zur Gesellschaft für sich wurde, zum sprach- und handlungsfähigen Akteur, entlang der dafür maßgeblichen politisch-historischen Zäsuren und Erfahrungen nach und erfüllte damit ein unabweisbares Bedürfnis der &#8222;Aufständischen von 1989&#8220;.</p>
<h3 class="">Ein Blick auf die Scharniere zwischen alter und neuer Ordnung</h3>
<p>Die geistige Selbstverpflichtung auf die Mitte der Gesellschaft, die Mehrheit der Ostdeutschen, birgt die schon angesprochene Gefahr in sich, das Peridel zu weit zu der dem Machtpol gegenüberliegenden Seite hin ausschlagen zu lassen, Maß und Reichweite gesellschaftlicher Autonomie zu übertreiben, dem Staat rückblickend abzusprechen, was des Staates war und fast bis zu seinem Ende blieb &#8211; die Vorherrschaft über das soziale Leben.</p>
<p>Mehr noch als das erste Buch über die Ostdeutschen setzte sich sein Nachfolger (Engler 2002) dieser Gefahr aus und so konnte es nicht verwundern, dass die Kritik diesen neuralgischen Punkt der Darstellung ins Visier nahm.</p>
<p>&#8222;Zwar ist es eine allzu simple soziologische Konzeption, von einem Herrschaftssystem direkt auf das Alltagsverhalten zu schließen. Aber Engler lanciert die ebenso naive Idee, dass sich ostdeutsche Lebenswelt und SED-Autokratie weitgehend widersprachen&#8220;, wandte Neckel ein.</p>
<p>Andere sahen es ähnlich: &#8222;Bestrebt, den platten Determinismus seiner Kritiker zu widerlegen, übertreibt er jedoch&#8220; (David 2002). &#8222;Ein ins Heroische überzeichnetes Bild von den Ostdeutschen&#8220; (Bisky 2002). &#8222;Das ist eine Geschichte aus der Bibel, ein Märchen, Stoff für einen Kaurismäki-Film&#8220; (Schubert 2002). &#8222;Viele Thesen des Buches klingen verrückt unhaltbar.&#8220; (P[ergande] 2002)</p>
<p>Ohne dieser Kritik auszuweichen, möchte ich sie zunächst mit der Problemstellung konfrontieren, die der &#8222;Avantgarde&#8220; die Richtung wies.</p>
<p>Sie nahm die Frage des Vorläufers &#8211; Was ermöglichte den Ostdeutschen, mit ihrer Vergangenheit zu brechen? &#8211; auf und überführte sie in eine andere: Worauf konnten die Ostdeutschen bei ihrem Versuch, in und mit der neuen Gesellschaft zurechtzukommen, zurückgreifen; auf welche Ressourcen, Verhaltenseigenschaften, Gewohnheiten konnten sie sich dabei stützen?</p>
<p>Mich interessierte nicht oder doch nicht in erster Linie, welche Fähigkeiten und Einsichten der alte Staat unterdrückt oder an ihrer Entfaltung gehindert hatte, sondern welche Vermögen in der Auseinandersetzung mit ihm und seinem Machtanspruch gereift waren, woran sich im Umstellungsprozess anknüpfen, was von dem Erbe sich benutzen oder mindestens umfunktionieren ließ. Ebenso verfuhr ich mit der Periode nach dem Vollzug der deutschen Einheit. Interessanter als im einzelnen aufzulisten, welche Erfahrungen durch den Beitritt der Ostdeutschen zur Bundesrepublik entwertet, welche Praktiken entfunktionalisiert wurden, schien mir der umgekehrte Zugang &#8211; herauszufinden, welche Aspekte der mentalen Überlieferung durch die neuen Verhältnisse unterstützt oder sogar erst in vollem Maße entwickelt wurden. Die Repressionshypothese, schon in bezug auf die DDR viel zu grob und vereinfachend, kam für die neuen Gegebenheiten erst recht nicht in Betracht.</p>
<p>Ein selektiver Blick, gewiss; ein Blick, der auf die Anschlussstücke, auf die Scharniere zwischen der alten und der neuen Ordnung gerichtet war und bei der Recherche oft genug ins Staunen darüber geriet, wie sich einstige Laster in Tugenden verwandelten, Rückständigkeit in Zeitgenossenschaft.</p>
<p>So konservierte gerade der Mangel an technisch-technologischer Rationalisierung der DDR-Wirtschaft einen ökonomischen Typus, der an die gewandelten Arbeitsverhältnisse gleichsam voradaptiert war, weil er sich auf Improvisation verstand, auf Basteln und Erfinden, auf Zufälle und jähe Situationswechsel, und damit ebenso ungewollt wie exakt jenen Anforderungen entsprach, die flexible Betriebswirtschaften ihren Mitarbeitern auferlegen.</p>
<p>Ähnliches ließe sich über die Kollektive sagen, diese kleinen sozialen Ökosysteme, die zu DDR-Zeiten höchst unterschiedliche Funktionen erfüllten, individuelle Leistung eher bremsten als förderten, die einzelnen aber stets auf die Gruppe als quasi-natürlichen Bezugsrahmen ihres Denkens und Verhaltens orientierten und dadurch zeitig auf das Grundprinzip moderner Fertigungsprozesse, das Teamwork, einstimmten.</p>
<h3 class="">Irritierend provo&shy;zie&shy;rend: die Zukunft der ostdeut&shy;schen Erfahrung</h3>
<p>Die Ostdeutschen waren nicht die besseren Menschen und schon gar keine Heroen, und wenn ich auch nicht ausschließen kann, daß der selektive Fokus meiner Untersuchung diese Vorstellung genährt hat, so lag mir doch nichts ferner als eine derartige Idealisierung.</p>
<p>&#8222;Wer sich an die Vorstellung gewöhnt, dass unter dem simpel strukturierten &#8218;SED-Regime&#8216; eine moderne, an Gemeinsamkeiten und Autonomie orientierte Gesellschaft lebte, der wird auch die kleinen Leute im heutigen Osten verstehen&#8220;, faßte Jens Bisky in seiner schon zitierten Kritik eine der beiden Hauptabsichten des Buches in einem Satz zusammen.</p>
<p>Die andere, durchaus provozierend gemeinte, fand ihren Niederschlag in einer Internet-Besprechung: &#8222;Bei allen Rezensionen, die zum Buch geschrieben wurden, fällt auf, mit wie viel Unverständnis die Schreiber in Westdeutschland ans Werk herangingen [&#8230;]. Vielleicht kommt der Text für Westdeutschland ein paar Jahre zu früh.&#8220; (http:// www.konnetti.de/aktuell/buchtipps.html)</p>
<p>Zwar gab es durchaus wohlwollende Besprechungen der <em>Avantgarde</em> durch westdeutsche Kritiker; aber mehrheitlich empfanden sie seinen Titel und seine Anlage als verstörend, als ärgerlich und deplatziert. Der ostdeutschen Erfahrung seit 1990 Aussagekraft und Relevanz auch für Westdeutsche und Westeuropäer zuzuerkennen irritierte eine Meinungsbildung, die sich seit längerem darauf verständigt hat, dass der Osten zur Nachahmung, zur Reproduktion westlicher Standards bestimmt ist, dass er nachholt, aufholt, aber keinesfalls überholt.</p>
<p>Nun behaupte ich an keiner Stelle, dass die Ostdeutschen die Westdeutschen bereits überholt hätten, ihnen schon vorauseilten, sage ich nicht, die Ostdeutschen <em>sind</em> die Avantgarde; ich fordere lediglich dazu auf, sie und ihre kollektive Erfahrung als in die Zukunft weisend <em>anzusehen</em>, sich <em>vorzustellen</em>, daß das ostdeutsche Grossexperiment mit (aufgezwungenen) Lebensweisen jenseits der Arbeitsgesellschaft im Maßstab von Millionen auch den Menschen im Westen eine mögliche Perspektive weist.</p>
<p>Wer sich diese Vorstellung nicht zu eigen machen, wer die Perspektive nicht wechseln kann oder will, dem muss das Buch tatsächlich wie &#8222;ein Märchen&#8220; erscheinen, bestenfalls als &#8222;Denkstoff für eine Welt von übermorgen, für die von morgen gewiss noch nicht&#8220;, wie Peter Jakobs schrieb (Jakobs 2002).</p>
<p>Wer dazu oder immerhin bereit ist, sich irritieren zu lassen, liest das Buch vielleicht wie Warnfried Dettling &#8211; mit intellektueller Reserve, in die sich unversehens Verführung mischt: &#8222;Es könnte aber wohl sein, dass ein Wandel der Mentalitäten viele Entwicklungen erst möglich macht, nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturell-zivile, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen, nicht nur in der Gegenwart, sondern auch für Englers Zukunftsprojekt.&#8220; (Dettling 2002)</p>
<p>&#8222;Haarsträubend, doch grundverkehrt ist Englers Streitschrift nicht&#8220;, schrieb Michael Pilz (Pilz 2002) und einen derart gespaltenen Eindruck hervorzurufen, war ein wesentlicher Zweck der Übung.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Bisky, Jens</em> 2002: Traumbilder vom Osten in den Farben des Westens; in: <em>Süddeutsche Zeitung</em> vom 9. Oktober</p>
<p><em>Bourdieu, Pierre</em> 1988: Homo academicus, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Bourdieu, Pierre</em> 2002: Ein soziologischer Selbstversuch, Frankfurt/Main</p>
<p><em>David, Wolfgang</em> 2002: Etwas viel Avantgarde; in: <em>Sächsische Zeitung</em> vom 5./6. Oktober</p>
<p><em>Dettling, Warnfried</em> 2002: Das Richtige im Falschen; in: Die <em>Zeit</em>-Literaturbeilage, Oktober</p>
<p><em>Engler, Wolfgang 1992:</em> Die zivilisatorische Lücke. Versuche über den Staatssozialismus, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Engler, Wolfgang 1995:</em> Die ungewollte Moderne. Ost-West-Passagen, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Engler, Wolfgang 1999:</em> Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin</p>
<p><em>Engler, Wolfgang 2002:</em> Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin</p>
<p><em>Jakobs, Peter 2002:</em> Die Ostdeutschen als Avantgarde; in:<em> Wirtschaft und Markt</em>, 11/2002</p>
<p><em>Neckel, Sighard 2002:</em> Liebenswerter Volksstamm im Stande der Unschuld; in: <em>Frankfurter Rundschau</em> vom 9. Oktober</p>
<p><em>Neubert, Ehrhard 1999:</em> Königskinder der DDR; in: <em>Süddeutsche Zeitung</em> vom 24. März</p>
<p><em>P[ergande], F[rank] 2002:</em> Verrückt unhaltbar; in: <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung</em> vom 4. Dezember</p>
<p><em>Pilz, Michael 2002:</em> Generation Zone; in: <em>Die Welt</em> vom 2. Oktober</p>
<p><em>Schubert, Kai 2002:</em> Der Osten als Experimentierfeld; in: <em>Scheinschlag.</em> Berliner Stadtzeitung, 11/2002</p>
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		<title>Ohne Erinnerungskultur kein Selbstbewusstsein</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/ohne-erinnerungskultur-kein-selbstbewusstsein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 13:04:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>&#160; Sprache ist verräterisch &#8211; nehmen wir zum Beispiel den Begriff &#8222;Vergangenheitsbewältigung&#8220;: Für mich hört er sich immer wie ein Kraftakt an, wie eine Anstrengung, die man unternimmt, um etwas zu besiegen. Er macht die Vergangenheit zu einem Feind, mit dem man es aufnehmen muss und gegen den man siegen muss, damit er endlich klein [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<p>Sprache ist verräterisch &#8211; nehmen wir zum Beispiel den Begriff &#8222;Vergangenheitsbewältigung&#8220;: Für mich hört er sich immer wie ein Kraftakt an, wie eine Anstrengung, die man unternimmt, um etwas zu besiegen. Er macht die Vergangenheit zu einem Feind, mit dem man es aufnehmen muss und gegen den man siegen muss, damit er endlich klein und unbedeutend wird. Was bewältigt wurde, landet im allerbesten Fall zur Besichtigung in der Vitrine der Geschichte, als Trophäe vielleicht; meistens aber im Mülleimer der Geschichte. Und manche meinen, da gehöre es auch hin. Der Begriff &#8222;Vergangenheitsbewältigung&#8220; verrät den Wunsch nach einem Schlussstrich: früher oder später, vielleicht nicht sofort, ein bisschen muss man noch tun bis dahin, ein bisschen bewältigen &#8211; aber dann ist die Angelegenheit erledigt. Endlich.</p>
<p>Aber das Leben ist anders. Wir <em>sind</em> umgeben, durchsetzt und durchtränkt mit Geschichten; jede und jeder von uns besteht im Grunde aus Geschichten und Geschichte. Wir sind also Geschichte. Und deswegen ist es ein Unsinn zu sagen, was vergangen ist, sei nicht wichtig. Die Vergangenheit zu verleugnen, heißt, sich selbst zu verleugnen. Wer also die Vergangenheit verachtet, gering schätzt oder diffamiert, verachtet, diffamiert auch immer sich selbst.</p>
<p>Das menschliche Repertoire von Möglichkeiten, mit der Vergangenheit umzugehen, ist groß: Erinnern. Erzählen. Trauern. Scham empfinden. Erklären. Beichten. Erforschen. Beweinen. Hymnen singen. Darüber Streiten. Tagebuch führen. Memoiren schreiben. Orden verleihen. Bäume zum Gedenken pflanzen. Es gibt Gedenkstätten, Museen, Heldenlegenden, Archive, Befreiungsmythen, Therapien, Geschichtswettbewerbe, Straßennamen, Gedenktage und den Streit der Historiker.</p>
<p>Selbst-Bewusstsein schließt die eigene Geschichte und die eigenen Geschichten immer ein. Das gilt für Individuen ebenso wie für Gesellschaften. Deshalb heißt die Demokratie zu stärken und demokratische Tugenden und Verhalten zu fördern immer auch, sich der Geschichte(n), der Vergangenheit zu stellen. Die Mächtigen aller Zeiten wissen, welche Bedeutung es hat, auf welche Ereignisse in der Vergangenheit sich eine Gesellschaft bezieht, wie sie bewertet werden, mit welchen Begrifflichkeiten eine Epoche in das kollektive Gedächtnis eingeht. Die Definition des Vergangenen entfaltet große Kraft &#8211; nicht zuletzt deshalb wird zum Beispiel so erbitterter Widerstand dagegen geleistet, die DDR einen &#8222;Unrechtsstaat&#8220; zu nennen. Wolf Biermann hat es in einem seiner Lieder auf den Punkt gebracht: &#8222;Die Zukunft wird entschieden im Streit um die Vergangenheit&#8220;.</p>
<p>Vielleicht aber wird der Begriff &#8222;Erinnerungskultur&#8220; nicht ganz dem gerecht, was eine Gesellschaft nach einer vergangenen Diktatur zu leisten hat. &#8222;Aufarbeitung&#8220; lässt ahnen, dass es um einen mühsamen Prozess geht. Und mühsam und schmerzhaft ist es ohne Zweifel, sich der Vergangenheit zu stellen, nicht zu verdrängen, nicht der Verlockung von Lügen und Legenden zu folgen. Mit Bezug auf die Aufarbeitung der SED-Diktatur sollen im Folgenden einige sehr unterschiedliche Aspekte benannt werden.</p>
<h3 class="">Der Versuch, Gerech&shy;tig&shy;keit herzu&shy;stellen</h3>
<p>Zu diesem Versuch, die Ungerechtigkeiten auszugleichen und Gerechtigkeit herzustellen, gehören verschiedene Dinge. Sie müssen zum Teil gesetzlich geregelt werden. Im Vordergrund steht dabei die Idee, den Opfern Genugtuung zu verschaffen.</p>
<p><em>a) Rehabilitierung und Entschädigung</em><br />
Das kann immer nur annäherungsweise geschehen. Es gibt Rehabilitierungsgesetze und Entschädigungsgesetze, die weit hinter dem zurückbleiben, was die Betroffenen erhofft haben. Aber es gibt sie immerhin. Und es geht dabei nicht nur um Geld. Die betroffenen Menschen werden dadurch rehabilitiert, dass öffentlich zum Ausdruck kommt: Ihnen ist Unrecht geschehen. Das ist manchmal viel wichtiger als ein paar hundert Mark Entschädigung.</p>
<p><em>b) Strafrechtliche Aufarbeitung</em><br />
Zur Gerechtigkeit gehört auch die juristische bzw. die strafrechtliche Aufarbeitung von Verbrechen in der DDR. Das ist seit 1990 in vielen Fällen geschehen, aber besonders auf diesem Gebiet sind sehr viele Hoffnungen enttäuscht worden. Opfern, die Jahre ihres Lebens im Lager oder hinter Gittern verbracht haben, leuchtet es nicht ein, dass sich Erich Mielke, der frühere Minister für Staatssicherheit, zwar wegen eines fünfzig Jahre zurückliegenden Deliktes vor Gericht verantworten musste, aber nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde für die Verbrechen der Staatssicherheit. Das ist ein sehr bitteres Kapital für viele Opfer.</p>
<p>Die 1991 gegründete <em>Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität</em> (ZERV) hatte bis zum 28. Dezember 2000 insgesamt über 20.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bei der Staatsanwaltschaft II in Berlin wurden rund 23.000 Verfahren geführt. Nur in 2,6 Prozent der Fälle kam es überhaupt zur Anklageerhebung. Nach jüngsten statistischen Angaben der Berliner Senatsjustizverwaltung sind 122 Angeklagte rechtskräftig verurteilt worden. Freiheitsstrafen erhielten sechs Mitglieder der politischen Führung, 17 Spitzenmilitärs und zwei Soldaten der Grenztruppen, die anderen kamen mit Bewährungsstrafen davon.</p>
<p>Mit dem rechtlichen Instrumentarium einer Demokratie das Unrecht einer Diktatur aufzuarbeiten, ist, als versuchte man, mit einem filigranen Besteck ein zähes Steak zu zerschneiden. Für die Aufarbeitung von Verbrechen einer Diktatur ist das Instrumentarium eines demokratischen Rechtsstaats nicht gemacht worden. Deswegen musste die juristische Aufarbeitung des DDR-Unrechts so unzulänglich bleiben. Nach dem Rückwirkungsverbot dürfen Taten, die zu DDR-Zeiten nicht unrecht waren, heute nicht strafrechtlich verfolgt werden. Für dieses Prinzip gibt es gute Gründe. Trotzdem ist es schwer zu akzeptieren.</p>
<p><em>c) personelle Erneuerung</em><br />
Zur Gerechtigkeit gehört auch die personelle Erneuerung. Nach dem Ende der DDR bestand beispielsweise darüber Konsens, dass Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi nicht in Vertrauensfunktionen oder in politischen Funktionen arbeiten dürfen. Dieser Punkt ist umstritten. Viele betrachten heute die Überprüfungen auf IM-Tätigkeit als Ungerechtigkeit, für andere aber gehört sie zu dem Versuch, nach der Diktatur Gerechtigkeit herzustellen. Auch die Abwicklung von Strukturen und Institutionen gehört dazu; zum Beispiel die ersatzlose Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit.</p>
<p><em>d) Beweise zugänglich machen</em><br />
Auch die Erhaltung der MfS-Archive und die Öffnung der Akten dient der Gerechtigkeit: indem Beweise gesichert und dokumentiert werden. Die Menschen in der DDR, die im Gefängnis waren, bekamen keine Unterlagen zur Hand, aus denen hervorging, warum sie einsitzen mussten. Auch Zersetzungsmaßnahmen waren natürlich ohne die Stasi-Unterlagen überhaupt nicht nachvollziehbar. Zersetzung bedeutete in der Sprache des MfS, Menschen psychologisch, sozial, beruflich, mental oder familiär zu zerstören. Die Menschen, die solchen Zersetzungsmaßnahmen ausgesetzt wurden, waren doppelt gestraft. Zum einen hatten sie unter diesen Maßnahmen zu leiden, zum anderen konnten sie sie nicht identifizieren. Es konnte passieren, dass jemand plötzlich alle Freunde verloren hatte, weil die Stasi in seinem Umfeld verbreitet hatte, er arbeite angeblich für die Stasi. Die Maßnahmepläne, mit denen die Aktionen im Einzelnen festgelegt und angewiesen wurden, finden wir in den Akten. Dass diese Beweise gesichert worden sind, anstatt ein für alle Mal weggesperrt oder vernichtet worden zu sein, ist für die Wiederherstellung von Gerechtigkeit und Würde in vielen Fällen von großer Bedeutung.</p>
<h3 class="">Die Stasi-Akten als Instrument der Vers&ouml;hnung</h3>
<p>Aber die geöffneten Stasi-Archive sind auch umstritten. Würden sie nicht, so wurde und wird häufig gefragt, einer innergesellschaftlichen Versöhnung und der Herausbildung eines demokratischen Konsenses im Wege stehen? Gibt es möglicherweise einen überschießenden Aufklärungswillen, der mehr verletzt als heilt? Besteht nicht die Gefahr eines politischen Voyeurismus, der nicht der Demokratie, sondern dem Sensationshunger dient? Die Erfahrung mit der Nazi-Diktatur hat uns jedoch gelehrt, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit nie zu viel, höchstens zu wenig betrieben werden kann. Die langen Schatten des NS-Regimes belegen dies. Bis heute ist die Opferfrage nicht zur Ruhe gekommen und immer wieder neu keimen nationalsozialistische Ideologien auf.</p>
<p>Ich zögere deshalb nicht, die Öffnung der Stasi-Akten als ein Instrument der Versöhnung zu betrachten. Seit 1991 haben Hunderttausende Menschen Einsicht in ihre Akte genommen, haben Aufschluss darüber erhalten, wie die Stasi versucht hat, ihr Leben auszuspähen und ihr Schicksal zu beeinflussen. Viele haben Enttäuschungen erlebt angesichts des Verrats durch Menschen, denen sie vertraut haben, andere waren froh, ihren Verdacht nicht bestätigt zu sehen. Und nicht wenige erfuhren Genugtuung dadurch, dass sie für sich selbst und für andere endlich den Nachweis führen konnten, dass ihnen Unrecht geschehen ist.</p>
<p>Dieses Wissen hat den Menschen Souveränität zurückgegeben, hat sie in die Lage versetzt, selber zu entscheiden, wie sie mit diesen Wahrheiten umgehen. Die einen haben die Dinge auf sich beruhen lassen, andere haben ein klärendes Gespräch gesucht, einige wenige haben Anzeige erstattet. Von Racheakten und Vergeltungsschlägen ist nichts bekannt geworden. Das Wissen-Dürfen und Wissen-Wollen hat Versöhnung gestiftet, denn Versöhnung ist nur möglich auf der Grundlage von Wahrheit und von freier Entscheidung. Sie kann nur von den Opfern und Benachteiligten ausgehen; sie braucht Zeit, Mut, Aufrichtigkeit und Trauer und verlangt allen Beteiligten viel ab. Ich wende mich deshalb entschieden dagegen, dass der Wunsch nach Versöhnung missbraucht wird, um Unrecht zu verharmlosen oder den Mut und den aufrechten Gang ungezählter Menschen gering zu schätzen.</p>
<p>Auch das öffentliche Erzählen seiner eigenen Geschichte gehört zu dieser Genugtuung. Wir sollten diesen Aspekt der Wiedergutmachung nicht aus den Augen verlieren: Die Berichte der Augenzeugen dienen nicht nur dazu, uns ins Bild zu setzen. Unsere Aufmerksamkeit für die Opfer von Diktaturen ist auch gelebte Solidarität.</p>
<h3 class="">Repression und Verf&uuml;hrung: Wie Diktaturen funktio&shy;nieren</h3>
<p>Nach &#8222;Gerechtigkeit herstellen&#8220; lautet die zweite Aufgabe &#8222;Wissen, was war&#8220;. Damit meine ich die vielen Möglichkeiten und Methoden, Wissen zu bergen, Dinge in Erfahrung zu bringen, verstehen zu lernen, wie eine Diktatur funktioniert. Wer das am Beispiel der DDR verstanden hat, wird feststellen, dass es &#8211; bei allen gravierenden Unterschieden &#8211; eine ganze Menge Analogien zu allen anderen Diktaturen gibt. Welcher Art waren die Strukturen, wie funktionierte die Machtgewinnung, wie wurde die Macht gesichert, welche Rolle hatten Polizei, Parteien, wie lief die Zusammenarbeit zwischen Partei, Staatssicherheit, Staatsorganen? Wir brauchen, um zu verstehen, viele Bausteine des Wissens.</p>
<p>Dafür haben wir die Stasi-Unterlagen und wichtige Quellen aus anderen Archiven. Aber es genügt nicht, dass die Quellen vorhanden sind, es muss auch die Möglichkeit geben, damit zu arbeiten, und das zeitnah. Die Stasi-Unterlagen standen gleich ab 1991 zur Verfügung, wir mussten nicht zwanzig, dreißig Jahre warten, bis irgendwann einmal Unterlagen wieder freigegeben werden. Als der Bundestag 1991 das Stasi-Unterlagengesetz verabschiedete, war dem eine heftige Kontroverse vorausgegangen. Dieses weltweit und historisch einmalige Gesetz wurde trotz mancher Warnungen verabschiedet -nicht zuletzt mit Verweis auf die Versäumnisse der Deutschen nach der nationalsozialistischen Diktatur.</p>
<p>Die Stasi-Unterlagen und andere gleichermaßen zur Verfügung stehende Quellen helfen uns, auf wichtige Fragen Antworten zu finden: Wie hat die Manipulation, die Entmündigung, die Indoktrination der Menschen funktioniert? Und mit welchem Erfolg? Hat fast die ganze Bevölkerung strikt marxistisch-leninistisch gedacht oder haben die Leute einfach nur pariert und sich ihren Teil gedacht &#8211; ganz nach dem Motto &#8222;Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still und wie es sich schicket&#8220;? Wie sind Menschen eingeschüchtert worden? Wie schafft es ein Regime, dass Millionen Menschen, wenn sie einen politischen Witz erzählen, plötzlich mit ganz leiser Stimme reden? Oder ihren Kindern am Frühstückstisch sagen: &#8218;Darüber dürft ihr in der Schule reden, aber darüber nicht&#8216;? Wie macht man es, dass erwachsene und normale Leute nicht protestieren, wenn aus Schulen, aus Universitäten, aus den Medien das freie Wort verbannt ist? Menschen, die nicht verbogen worden sind, gehen hinaus und beschweren sich. Wenn sie es nicht tun, sind sie daran gehindert worden, hat man sie massenhaft eingeschüchtert: außen die Mauer, damit die Leute nicht weglaufen, innen die Stasi, damit sie den Mund halten. Ohne dies hätte die DDR nicht einmal zwanzig Jahre existiert.</p>
<p>Aus den Akten geht auch hervor, wie überdimensional groß der MfS-Apparat war, sehr viel größer übrigens als der Apparat der Gestapo. 1989 arbeiteten 90.000 Hauptamtliche und 174.000 IM´s (Inoffizielle Mitarbeiter) für das Ministerium für Staatssicherheit. Auch war die DDR alles andere als eine &#8218;Diktatur light&#8216;, wie manche meinen. Es gerät allzu oft in Vergessenheit, dass die DDR im Lauf ihrer vierzigjährigen Existenz 250.000 politische Gefangene hatte und Millionen Menschen aus dem Land getrieben wurden. Ohne den Exodus von etwa 4 Millionen Menschen in vierzig Jahren wäre die Zahl der politischen Gefangenen wahrscheinlich wesentlich größer gewesen. Der Schaden, der in einer Gesellschaft durch den Verlust so vieler Menschen entsteht, ist nie gemessen worden.</p>
<p>Auch lässt sich die zerstörerische Wirkung von Diktaturen auf Gesellschaften keineswegs nur mit Zahlen von Repression und Haft beschreiben. Der zivilisatorische Schaden besteht im massenhaften Kadaver-Gehorsam, in der Kontrolle der Öffentlichkeit, im Verlust an der Freiheit des Worts in Schulen, Universitäten und Medien. Wenn die Menschen aber funktionieren, dann braucht man sie auch nicht ins Gefängnis zu stecken.</p>
<p>Wenn wir verstehen wollen, wie Diktaturen funktionieren, müssen wir auch ihre verführerische Seite kennen lernen: Ordnung, Sicherheit, Rundum-Fürsorge, sozialer Ausgleich, wenig Verantwortung und damit auch wenig Risiken, Fehler zu machen, keine zeitraubenden und nervenaufreibenden Debatten &#8211; das ist für viele Menschen verlockend. Wenn eine politische Entscheidung getroffen wurde, dann wird nicht lange gefackelt, da wird das eben gemacht. Diktaturen haben für nicht wenige Menschen durchaus etwas Attraktives und Verführerisches. Und manchmal bieten sie viel Sicherheit, weniger Kriminalität, vielleicht sogar garantiert bezahlbare Wohnungen und Vollbeschäftigung. Wenn man Diktaturen verstehen will, reicht es also nicht, nur auf die Seite der Repression und der Bespitzelung zu schauen. Mindestens so gefährlich ist ihre verführerische, faszinierende Seite.</p>
<h3 class="">Noch ganz am Anfang: Die DDR-Ge&shy;schichte im Streit</h3>
<p>Die Phase der Begriffsbildung über die DDR ist noch lange nicht abgeschlossen. Historische Epochen werden irgendwann im Gedächtnis der nachfolgenden Generationen auf nicht viel mehr als ein Dutzend Begriffe reduziert. Fragt man heute, was den Menschen zuerst beim Thema Nationalsozialismus einfällt, so hört man als Antwort die Topoi &#8218;Zweiter Weltkrieg&#8216;, &#8218;Holocaust&#8216;, &#8218;KZ&#8216;, &#8218;Autobahn&#8216; und noch zehn, zwölf weitere Wörter &#8211; insgesamt relativ wenige Schlüsselbegriffe für eine ganze Epoche, Begriffe, auf die man sich irgendwann verständigt hat &#8211; oder die umstritten bleiben.</p>
<p>Die Frage, auf welche Begriffe irgendwann einmal die DDR reduziert wird, wenn unsere Urenkel sich über sie unterhalten, ist noch lange nicht entschieden. Was wird dazugehören? &#8218;Vollbeschäftigung&#8216;? &#8218;Kita-Plätze&#8216;? &#8218;Mauer&#8216; ganz sicher, auch &#8218;Schießbefehl&#8216;. Auch mit welcher Bewertung diese Begriffe in unser kollektives Gedächtnis eingehen werden ist noch nicht entschieden. Darum wird der Begriff &#8218;Unrechtsstaat&#8216; von Teilen der ostdeutschen Bevölkerung so gefürchtet. Statt dessen flüchtet man sich in Formeln wie &#8218;ein Staat, in dem es sowohl Recht als auch Unrecht gab&#8216;. Aber &#8218;Unrechtsstaat&#8216;? Nein, das geht für viele einfach nicht.</p>
<p>Der öffentliche Raum als Streitforum wird erst ganz allmählich wieder erobert. Wir machen in unserer Behörde die Erfahrung, dass das Interesse an öffentlichen Debatten eher zu- als abnimmt. Gelegentlich wird der Eindruck erweckt, als sei das Interesse jetzt am Abklingen. Aber es gibt durchaus neue Impulse, neue Nachfragen. Unsere Ausstellungen werden gut besucht, aus den Schulen kommen mehr Anfragen als früher, Veranstaltungen und Vorträge sind gefragt. 2003 und 1989/90: Vierzehn Jahre sind nicht viel. Im Jahre 1959, also vierzehn Jahre nach 1945, waren die wichtigsten Fragen zum Nationalsozialismus noch nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet. Die Vorstellung, dass wir jetzt schon irgendwie am Ende dieser Aufarbeitung wären, ist ausgesprochen naiv und zum Glück auch unrealistisch.</p>
<h3 class="">Kein Volk von Spitzeln und Verr&auml;tern</h3>
<p>Zum Erinnern gehört die Frage nach den immer wieder zu treffenden Entscheidungen in der DDR, zwischen Anpassung, Widerstand, Opposition, und natürlich die Frage nach den Inoffiziellen Mitarbeitern des MfS, den Menschen, die von der Stasi angeworben werden sollten. Das hat sich die Stasi nicht einfach gemacht &#8211; die betreffenden Personen wurden sorgfältig ausgewählt. Trotzdem hat mehr als die Hälfte dieser Menschen nein gesagt. Heute wissen wir, dass ihnen deswegen nichts passiert ist, aber das konnte damals natürlich niemand ahnen. Viele schlaflose Nächte hat das manche gekostet, bis sie sich gesagt haben: &#8218;Nein, ich mache ja viel mit, aber Spitzel werde ich nicht!&#8216; Die meisten waren keine Helden, sondern ganz normale Leute, manche von ihnen auch in der Partei. Es gab offenbar eine Schamgrenze für viele Menschen. In den Stasi-Unterlagen finden wir nicht nur Geschichten von Schande und Verrat, sondern auch von Mut und Anstand, aber auch von Witz und Geschicklichkeit.</p>
<p>Gibt es ein gutes Leben in der Diktatur? Wir waren doch kein Volk von Spitzeln und Verrätern, wir waren doch auch glücklich, wir haben doch auch gelebt und geliebt und gelacht. Mir ist es bis heute ein Rätsel, warum sich die Ostdeutschen in eine Art Geiselhaft nehmen lassen, bloß weil irgendwelche ehemaligen IM zu ihrer eigenen Verteidigung sagen, wir mussten uns ja alle irgendwie arrangieren, und es sei normal gewesen, mit dem MfS zusammenzuarbeiten. Wir mussten eben nicht, und in Wahrheit tat das nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung. Weniger als zwei Prozent der Bevölkerung arbeiteten für die Stasi. Sie war natürlich da am stärksten, wo die Situation aus der Sicht des MfS am unsichersten war: Die allermeisten Spitzel gab es deshalb in den Oppositionsgruppen. In der <em>Initiative Frieden und Menschenrechte</em> waren 30 oder 40 Prozent der Mitglieder IM. In den Zeitungsredaktionen dagegen gab es relativ wenige &#8211; sie waren dort offenbar nicht nötig.</p>
<p>Ich bin deshalb der Überzeugung, dass die Stasi-Unterlagen die Ostdeutschen nicht beschämen. Vielmehr sind sie dafür geeignet, die Würde der Ostdeutschen wieder herzustellen, weil sie beweisen, dass wir kein Volk von Spitzeln und Verrätern waren, weil sie beweisen, dass die große Mehrheit sich geweigert hat, Spitzel zu werden.</p>
<h3 class="">Schmerzhaft und befreiend: eine ostdeutsche Erinne&shy;rungs&shy;kultur</h3>
<p>Aufarbeitung oder gar Bewältigung ist, wenn wir über Vergangenheiten reden, keine hinreichende Beschreibung für das, was wir nötig haben. Es geht vielmehr um eine Erinnerungskultur, um einen Prozess, der den ganzen Menschen betrifft, um eine zivilisatorische Leistung.</p>
<p>Deshalb bedeutet Leben mit der Vergangenheit mehr als die Aneignung von Wissen. Dazu gehört auch Begegnung und Gefühl, das Betrauern von Schuld und Schmerz, das Besingen von Mut und Anständigkeit, der Streit um die Bedeutung von Ereignissen, die Mühe des Ringens um die Wahrheit, die Konfrontation und das Zuhören und Schweigen.</p>
<p>Nur wenn es uns gelingt, auch die Schattenseiten unserer Geschichte zu integrieren und nicht auszusperren, werden wir die Freiheit gewinnen, uns auch auf die positiven Traditionen zu beziehen und sie zu nutzen. Was lehren uns die vielen kleinen Geschichten? Sie können uns helfen, etwas darüber herauszufinden, wie es sich unter Bedingungen lebt, in denen die Entscheidungsspielräume sehr eng sind, in denen man Angst hat, in denen man zur Anpassung gezwungen wird. Was macht einen da stark, was braucht man da?</p>
<p>In diesem Zusammenhang ist das Wahrnehmen von Biographien wichtig. Wann immer Menschen aufgeschlossen sind, versuche ich Zeitzeugen zu vermitteln, biete das insbesondere auch Schulen an. Mit Zeitzeugen meine ich nicht so sehr uns jüngere, die wir in den 1980er Jahren unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen Oppositionsarbeit betrieben haben. Wir hatten Nachteile, manche wurden auch verfolgt, aber wir mussten weder Angst um Leib und Leben haben, noch mussten wir befürchten, auf Jahre hinter Zuchthausmauern zu verschwinden. Aber die, die in den 1950er und 1960er Jahren opponierten, lebten unter anderen Bedingungen.</p>
<p>Bei der mentalen und psychologischen Verarbeitung der Vergangenheit spielen Stichworte wie Zorn, Trauer und Schmerz eine große Rolle. Das sind alles Begriffe, bei denen Menschen zurückzucken. Denn wer setzt sich solchen Gefühlen ohne Not aus?</p>
<p>Auch Scham ist ein wichtiges Thema. Nicht nur die Scham der Täter: Ich meine die Scham der großen Mehrheit der DDR-Bürger. Es ist etwas Beschämendes, so viele Jahrzehnte in einem solchen System gelebt zu haben, die Entmündigung hingenommen zu haben, eingesperrt gewesen zu sein. Über Beschämung spricht niemand gerne, man denke an die Opfer von Vergewaltigungen, die zum Teil ihr Leben lang nicht darüber reden, was ihnen angetan wurde, weil sie sich schämen, vergewaltigt worden zu sein. Die Scham derer, die in einer Diktatur gelebt haben, ist ein Phänomen, das möglicherweise in der richtigen Dimension noch gar nicht hinreichend erfasst wurde. Was haben wir mit uns geschehen lassen und wie haben wir darauf reagiert? Mit Rückzug und Migräne vielleicht &#8211; oder haben wir protestiert?</p>
<p>Diese Auseinandersetzung kann nicht von Kollektiven, von Organisationen, von Parteien geleistet werden. Die Durchdringung von Vergangenheit, das Aufarbeiten, das Sich-dem-Schmerz-stellen, das ist ein sehr individueller Prozess. Das klappt nicht im Kollektiv, da muss jeder allein hindurch.</p>
<h3 class="">F&uuml;r die W&uuml;rde der Ostdeut&shy;schen: die Selbst&shy;be&shy;freiung feiern</h3>
<p>Wichtig für die mentale Verarbeitung ist auch die Frage: &#8222;Worauf können wir eigentlich stolz sein?&#8220; Das ist nicht ganz einfach. Bin ich stolz darauf, Ostdeutsche zu sein? Sicher nicht. Aber was ist eigentlich das, worauf wir als Ostdeutsche unser Selbstbewusstsein gründen können? Wovon können wir mit Stolz sagen: &#8222;Das bringen wir mit, das sind wir.&#8220; Wie viele erfolgreiche, gar friedliche Revolutionen gab es denn in Deutschland? Leider wird die friedliche Revolution im Herbst 1989 von vielen Ostdeutschen überhaupt nicht als etwas gesehen, das ihnen Würde verleiht und auf das sie stolz zurück blicken können. Ich habe Versammlungen im Osten erlebt, bei denen gezischt wurde, als ich das Wort Revolution benutzt habe. Weil es angeblich keine Revolution war, allenfalls eine &#8218;Wende&#8216;. Was heißt eigentlich &#8218;Wende&#8216;? Was ist das für ein merkwürdiges Wort? Egon Krenz hat es im Oktober 1989 erfunden, seither ist es in aller Munde. Es ist schon sehr eigenartig, wie die Ostdeutschen mit diesem Begriff ihre eigene Leistung abwerten.</p>
<p>Ich glaube, dass die Würde und das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen dauerhaft gestärkt werden müssen. Beides sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass sich die Ostdeutschen als Bürgerinnen und Bürger und damit auch als Demokraten fühlen &#8211; und verhalten. Da braucht es Selbstbewusstsein, das sich auch auf etwas gründen kann. Man darf nicht immer das Gefühl haben, in die Ecke gestellt zu werden. Und es gibt etwas, das uns Würde verleiht: Uns selber befreit zu haben. Die Stasi-Akten der Vernichtung entrissen zu haben. Als einziges Ostblock-Land den Geheimdienst demontiert zu haben. Das sind große Leistungen, die noch im Sommer 1989 so unwahrscheinlich schienen wie eine Landung auf dem Mars. Unser Selbstbewusstsein sollte sich darauf gründen.</p>
<p>* Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, der am 17. November 2002 auf der Tagung &#8222;Wir sind das Volk&#8220; in der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten wurde.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/ohne-erinnerungskultur-kein-selbstbewusstsein/">Ohne Erinnerungskultur kein Selbstbewusstsein</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Transformation und Integration</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 14:00:31 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mit dem Fall der Mauer 1989 begann im Osten Deutschlands ein Prozess, der bis heute anhält: die Transformation eines Staates sowjetischen Typs in eine freiheitliche parlamentarische Demokratie mit sozialer Marktwirtschaft. Diese Transformation Ostdeutschlands, die innerhalb der Transition mittel-osteuropäischer Staaten einen Sonderfall darstellt, war und ist untrennbar verknüpft mit der Integration der neuen Bundesländer in eine [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/transformation-und-integration/">Transformation und Integration</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Mit dem Fall der Mauer 1989 begann im Osten Deutschlands ein Prozess, der bis heute anhält: die Transformation eines Staates sowjetischen Typs in eine freiheitliche parlamentarische Demokratie mit sozialer Marktwirtschaft. Diese Transformation Ostdeutschlands, die innerhalb der Transition mittel-osteuropäischer Staaten einen Sonderfall darstellt, war und ist untrennbar verknüpft mit der Integration der neuen Bundesländer in eine gemeinsame Bundesrepublik Deutschland. Transformation und Integration bilden die zwei Seiten der selben Medaille (Beyme 2001: 424ff).</p>
<p>Der Spezialfall einer deutsch-deutschen Transformation und Integration lässt sich zugespitzt beschreiben als das Ineinander-Schieben zweier über vier Jahrzehnte getrennter spezifischer geschichtlicher Koppelungen von Struktur und Kultur. Dabei geht die aktuelle Transitionsforschung nicht mehr davon aus, dass die Gestalt der Ankunftsgesellschaft, also das Ergebnis der integrativen Transformation, bereits feststeht, sondern nimmt an, dass es in verschiedenen Bereichen der politischen Wirklichkeit zu ganz unterschiedlichen Formen von Integration <em>und</em> Desintegration kommt. Daher sollte es uns weder überraschen noch schockieren, wenn wir empirisch auf heterogene Formen von Anschlüssen <em>und</em> Abbrüchen, Verzahnungen <em>und</em> Blockaden, Persistenzen <em>und</em> Innovationen stoßen (Thumfart 2002: 20-42). Angesichts des epochalen Charakters dieser Wandlungsprozesse wäre es im Gegenteil sogar erstaunlich (und vielleicht auch bedenklich), wenn wir nur auf ein reibungsloses Funktionieren träfen.</p>
<p>Ein Teilbereich dieser Transformations- und Integrationsprozesse soll im Folgenden als eine Sonde für die Deutung anderer sozialer und ökonomischer Wandlungen untersucht werden: das politische System. Im Mittelpunkt stehen zum einen intermediäre Institutionen, die bislang im Schatten vielfältiger Betrachtungen zu ostdeutschen Parteien standen, nämlich Unternehmerverbände und Gewerkschaften, zum anderen geht es um Besonderheiten in den &#8222;Schulen der Demokratie&#8220;, also den Gemeinden. Am Ende finden sich anhand einiger Beobachtungen zum Demokratieverständnis allgemeine Aussagen zur politischen Kultur im Osten.</p>
<h3 class="">Die Verb&auml;nde im Umbau&shy;pro&shy;zess: Re-Ver&shy;be&shy;trieb&shy;li&shy;chung und Repr&auml;&shy;sen&shy;ta&shy;ti&shy;ons&shy;l&uuml;&shy;cken</h3>
<p>Wenn es auch keine Unternehmerverbände gab, so existierten in der DDR gleichwohl einzelne Gewerkschaften unter dem Dach des FDGB. Vor diesem Hintergrund handelt es sich bei der Installierung des Verbändesystems in den neuen Bundesländern nicht um einen Neubau, sondern um einen integrierenden Umbau bereits bestehender Elemente.</p>
<p>Die einzelnen West-Gewerkschaften schlugen verschiedene Wege ein, um ihre ostdeutschen Pendants in die Strukturen der Interessenvermittlung einzubauen; darauf kann hier nicht weiter eingegangen werden (siehe insgesamt Thumfart 2002: 303-319). Eine Voraussetzung war dabei allerdings die starke Betriebszentriertheit des FDGB (Thaa 1996: 84-91). Innerhalb der Strukturen einer &#8222;arbeiterlichen Gesellschaft&#8220; (Wolfgang Engler) regelten die Gewerkschaften für ihre 1988 9,6 Millionen Mitglieder im Betrieb neben arbeitstechnischen und ausbildungsrechtlichen Fragen etwa auch die Auszahlung von Renten, von Kuren und Heilmitteln, von Zuschüssen und Wochengeldern, und organisierten Kinderbetreuungen, Erholungseinrichtungen und vielfältige kulturelle Angebote. Trotz einer vielleicht missmutigen Loyalität der ArbeiterInnen dem FDGB insgesamt gegenüber werteten diese an den Betrieb gebundenen Leistungen den FDGB in den Augen der Belegschaften beträchtlich auf. Diesen Hintergrund historisch gewachsener Organisationsformen und mentaler Haltungen muss man bedenken, wenn man einen Prozess weitreichenden Scheiterns nach 1989 analysieren will.</p>
<p>1990 herrschte unter den westdeutschen Tarifpartnern und der Regierung Helmut Kohls Konsens darüber, die bewährten Strukturen korporatistischer Politikgestaltung nach Ostdeutschland zu übertragen. Mit der illusorischen Erwartung &#8222;blühender Landschaften&#8220; sollte staatlich autorisierte Tarifautonomie den Übergang in die Marktwirtschaft einvernehmlich steuern und sozial verträglich gestalten, zur gesellschaftlichen Akzeptanz und arbeitspolitischen Pazifizierung beitragen, sowie insgesamt zu einer schnellen Anpassung der Ost- an die Westlöhne führen (Schmidt 2001: 163-164).</p>
<p>Diesem Ziel arbeitete allerdings das konkrete Handeln der korporatistisch vernetzten Eliten entgegen: Denn nicht nur dominierten in den Unternehmensverbänden die westdeutschen Eliten und schufen damit eine massive Repräsentationslücke für ostdeutsche Verbandsvertreter und Interessen, sondern die Einkaufs- und Wirtschaftsstrategien der großen West-Unternehmen waren mit dafür verantwortlich, dass ostdeutsche Firmen und Betriebe in diesem Sektor kaum Absatzmärkte fanden und in ökonomische Schwierigkeiten gerieten. Verstärkt durch zunehmende De-Industrialisierung und die von Westdeutschland aus projektierte (von ostdeutschen Arbeitnehmern begrüßte) situationsinadäquate Hoch-Lohn-Politik traten daraufhin ostdeutsche Betriebe und Unternehmen aus den jeweiligen Interessenverbänden wieder aus oder erst gar nicht erst ein. Das hatte u.a. den Effekt, dass aufgrund nicht vorhandener Tarifpflicht in fast keinem Bereich die vorgeschriebenen Tariflöhne gezahlt wurden und weiterhin werden (Wiesenthai 1996: 283). So waren 1995 lediglich 36 Prozent aller ostdeutschen Industriebetriebe Mitglied in einem tariffähigen Arbeitgeberverband, 1998 nur noch 30-32 Prozent. Speziell von den ostdeutschen Neugründungen zahlten über 80 Prozent zum Teil erheblich unter dem Tariflohn. Die nahezu ausschließliche Konzentration der westdeutschen Entscheidungseliten auf die tripartistische Systemintegration hatte die Mitgliederintegration in Ostdeutschland dermaßen beschädigt, dass die ursprünglichen Ziele hinter dem Horizont verschwanden. Doch das ist nur die eine Seite.</p>
<p>Zuvor jedoch ein Blick auf die Gewerkschaften: Durch die verschiedenen Strategien der Kooperation oder Integration der Einzelgewerkschaften im Jahre 1990 verfügten die Gewerkschaften zunächst über eine hohe Mitgliederzahl auch in Ostdeutschland. Aus diversen Gründen, etwa Arbeitslosigkeit, Vorruhestand, Enttäuschung, verloren die Gewerkschaften 1993/94 allerdings zwei Fünftel ihrer Mitglieder, in Thüringen sogar die Hälfte. Gleichwohl blieb der Organisationsgrad relativ hoch und die Betriebsratswahlen erbrachten gute Ergebnisse. Trotz dieser eher positiven Entwicklung lassen sich an Fallstudien deutliche Tendenzen aufzeigen, die dieses lichte Bild trüben.</p>
<p>Seit etwa 1991/1992 hatte sich auf regionaler Ebene (etwa in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen) ein lokaler Korporatismus aufgebaut, der in enger Kooperation von Unternehmensleitungen, Landes- und Regionalpolitikern sowie Gewerkschaftern die Stärkung regionaler ökonomischer Verhältnisse intendierte. Anfangs erfolgreich, gerieten speziell die Gewerkschaften ab etwa Mitte 1993 unter doppelten Druck. Durch die Kündigung von Flächentarifverträgen seitens der Arbeitgeber bzw. den Nicht-Beitritt von Unternehmen verloren die Gewerkschaften Einflussmöglichkeiten; andererseits wurden sie dazu genötigt, die Interessen ihrer arbeitenden Mitglieder stärker zu betonen als die Forderungen arbeitsloser Mitglieder. Zeichnete sich damit ein Scheitern der geplanten wirtschaftlichen Entwicklung durch Netzwerkbildung ab, reagierten die gewerkschaftlich gebundenen Betriebsräte auf spezielle Weise. Statt überregionale und überbetriebliche Interessen der ArbeiterInnen einer Branche zu vertreten, arbeiteten sie ausgesprochen häufig eng mit dem betrieblichen Management zusammen, um vor Ort zu retten, was ihrer Meinung nach noch zu retten war. Betriebliches Arbeitnehmerhandeln entkoppelte sich zunehmend von gewerkschaftlichem Handeln und der Systemlogik intermediärer Interessenvertretung und reaktivierte eine Handlungsorientierung, die bereits in den DDR-Betrieben Gang und Gäbe war: betriebspatriotischer Eigennutz zu Lasten anderer Betriebe (Bluhm 1995; Schmidt 2001: 185ff.). Wir haben damit auf Seiten der Gewerkschaften eine ganz ähnliche Situation wie bei den Unternehmensverbänden. Eine anfänglich unvermeidbare Konzentration der Funktionselite auf überregionale Systemintegration torpedierte schließlich die Mitgliederintegration und damit die Verpflichtungsfähigkeit gegenüber lokalen Betriebsräten und Mitgliedern.</p>
<p>Gerade durch diese Ähnlichkeit der Situation von verbands-flüchtigen Arbeitgebern und gewerkschafts-distanzierten Arbeitnehmervertretern wurden jedoch<em> unterhalb</em> der letztlich gescheiterten makro-korporatistischer Integrationsstrukturen spezifische Formen lokaler Eliten-Kooperation reaktiviert, die an in der DDR eingeübte Muster anschlossen. Das ist die andere Seite der Medaille. Man könnte diese Form der Integration als betrieblich-regionalen Situationskorporatismus bezeichnen, der zwar flexibel und auch situationsangemessen agiert, aber keine dauerhaften und verlässlichen Strukturen ausbildet, eng und abschottend ausgerichtet ist und dezidiert auf gemeinsamen kognitiven Landkarten ruht (Czada 1997: 200ff.). Es liegt völlig in der Logik dieser Geschichte, wenn sich der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, im Januar 2003 bei den ArbeitnehmerInnen mit den Worten bedankt, sie hätten &#8222;mit ihren Arbeitgebern Schicksalsgemeinschaften gegründet und durch persönlichen Verzicht auf mehr Geld das Überleben ihrer Betriebe gesichert&#8220; (Süddeutsche Zeitung vom 11./12. Januar 2003). Diese Entwicklung in Ostdeutschland scheint sich als eine Parallelaktion zu einer verbandlich konzentrierten Industriepolitik in Westdeutschland zu vollziehen. So stellen wir etwa in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg spezifische Formen regionaler Netzwerkbildung zwischen kommunal-regionalen Institutionen, Kammern, Universitäten und Verbänden fest, die eine Makro-Steuerung der Arbeitsbeziehungen durch den traditionellen Korporatismus unterlaufen (Heinze/Schmid 1994).</p>
<h3 class="">&bdquo;Schulen der Demokratie&ldquo;? Die Kommunen in Ostdeut&shy;sch&shy;land</h3>
<p>Die Kommunen werden gemeinhin als die Schulen der Demokratie bezeichnet. Die umfängliche Neuerrichtung kommunaler politischer Selbstverwaltung in Ostdeutschland soll unter der Perspektive der Zivilgesellschaft vorgestellt werden. Grund hierfür ist nicht nur die Aktualität bürgergesellschaftlicher Diskurse (vgl. Münkler 2002 sowie die Beiträge von Grützner und Münkler in diesem Heft), sondern ist auch dem Faktum geschuldet, dass die Kommunalordnungen der neuen Bundesländer aus der Erfahrung der &#8222;Wende&#8220; heraus ausgesprochen partizipationsfreundlich angelegt sind. Einwohneranträge, Bürgerbegehren, Bürgerentscheide, Bürgerforen, Bürgerbeauftragte und Informationsrechte sind nur einige der Instrumente zivilgesellschaftlicher Beteiligungsmöglichkeiten. Gerade hierin haben die ostdeutschen Kommunalordnungen politisches Neuland betreten. Drei Akteurskreise der kommunalen Ebene sind hier wichtig: die Verwaltung, die politische Entscheidungselite und die Bürger.</p>
<p><em>a) Kommunalverwaltungen</em></p>
<p>In den Kommunalverwaltungen lässt sich seit etwa 1991/1992 ein Personalmix feststellen, der über die Zeiten hinweg ziemlich stabil geblieben ist. Etwa 30 Prozent der Kommunalverwaltung besteht aus Altpersonal, das bereits in der DDR Positionen auf der unteren Ebene des politisch-administrativen Systems inne gehabt hatte. Etwa 50 Prozent sind ostdeutsches Verwaltungsneupersonal, das nach 1989 aus dem ökonomischen oder technisch-naturwissenschaftlichen Bereich in die Verwaltung gewechselt ist. Und die restlichen 20 Prozent bilden westdeutsches Verwaltungspersonal, das zu etwas mehr als der Hälfte aus erfahrenen Verwaltungsprofis besteht und in der Regel leitende Positionen besetzt. Die Integration der diversen Verwaltungskulturen gestaltete sich oft genug schwierig. Das ostdeutsche Verwaltungsaltpersonal orientiert sich überwiegend am Begriff des Kollektivs mit ausgesprochen gruppengebundener Loyalität. Probleme werden ad hoc angegangen, sind einzelfall-geprägt, klientel- und stark output-bezogen und favorisieren den kurzen Dienstweg in gewohnten Beziehungsnetzwerken. An der Zweckmäßigkeit des Rechts und vor allem langer <em>bargaining</em>-Prozesse wird gezweifelt und statt dessen für schnelle und paternalistische Entscheidungsweisen optiert (Thumfart 2002: 640-648).</p>
<p>Nach einer kurzen Phase nahezu bedingungsloser Anpassung an Verfahren westdeutscher Verwaltungspraxis hat das ostdeutsche kommunale Verwaltungsneupersonal eine deutliche Umorientierung vollzogen &#8211; mit insgesamt ambivalenten Ergebnissen. Einerseits wird eine stark technokratische Problemlösungsvorstellung vertreten, andererseits wird die Anonymität, Bürgerferne und Regelungsdichte von Verwaltungspraxis beklagt. Diese zwei Optionen sind nicht immer vereinbar, führen allerdings auch dazu, dass die zunehmend größer gewordenen Spielräume bei konkreten Entscheidungen vor Ort eher im Sinne imaginierter Bürgerinteressen und lokaler Kontexte gelöst werden (Schubert 1997: 83ff.).</p>
<p>Trotz dieser Unterschiede sind beiden Gruppen drei Wertvorstellungen gemeinsam. Erstens stehen beide Akteursgruppen politischer Einflussnahme oder der Vorstellung einer auch politisch agierenden Verwaltung zurückhaltend gegenüber. Zweitens sind beide Personalgruppen der Auffassung, dass der Staat insgesamt sozialstaatliche Interventionen und eine weitgehende Versorgung der Bürger zu leisten hat, und drittens sind die Außenbeziehungen zu Interessengruppen auch des ökonomischen Feldes ausgesprochen gering (Giese 1999: 219ff./346ff.). Konfliktmanagement und das Leitbild konkurrenz-demokratischer Aushandlungsprozesse sind kaum Teil des Verwaltungsverständnisses. Es spricht einiges dafür, dass hier ein überkommenes, &#8222;unpolitisches Gemeindemodell möglichst konfliktfreier Kooperation&#8220; weiterwirkt (Neckel 1999: 65).</p>
<p><em>b) politische Repräsentanten</em></p>
<p>Überraschend hoch war die Karrierekontinuität bei den politischen Repräsentanten. 60-80 Prozent der Bürgermeister und mehr als 60 Prozent der Stadtparlamentarierinnen setzten ihre Karriere auch in der zweiten Wahlperiode fort; etwa 25 Prozent schieden aus, nicht primär, weil sie nicht mehr wiedergewählt wurde, sondern weil sie sich aus Enttäuschung nicht mehr aufstellen ließen. Knapp 80 Prozent aller Stadt- und Kreisräte waren sogenannte Politikneulinge, die &#8211; ganz im Unterschied zu Westdeutschland &#8211; zu drei Vierteln über einen naturwissenschaftlich-technischen oder medizinischen Ausbildungshintergrund verfügten.</p>
<p>Sehr viel deutlicher als in westdeutschen Kommunen äußern die kommunalen Delegationseliten die Maxime einer &#8222;Koalition der Vernunft&#8220;, in der eine fraktionsübergreifende und sachbezogene Politik der Problemlösung favorisiert wird. Ist so eine parteipolitisch unterfütterte Fraktionssolidarität wenig ausgeprägt oder wird sogar deutlich zurückgewiesen, praktizieren die politischen Repräsentanten in den Rathäusern de facto so etwas wie ein &#8222;präsidentielles System&#8220; (Wollmann 1997: 317). Mitbedingt durch die Direktwahl des Bürgermeisters/der Bürgermeisterin, steht ihm/ihr die Ratsversammlung als gesamter Rat gegenüber, diesseits oder jenseits einer klassischen Spaltung in &#8222;Regierungspartei&#8220; und &#8222;Opposition&#8220;. Die BürgermeisterInnen und DezernentInnen können sich daher auf stabile Mehrheiten kaum verlassen, sondern sind in aller Regel genötigt, bei jeder Sachentscheidung oder politischen Handlungsoption erneut um Zustimmung und Unterstützung zu werben, mit der Möglichkeit, Personen und Positionen in nicht klar erkennbarer Weise gegeneinander auszuspielen. Diese handlungspraktische Umsetzung einer &#8222;Koalition der Vernunft&#8220; ist zwar ratsintern in aller Regel konsensorientiert. Sie bedingt aber speziell im Außenverhältnis zur Öffentlichkeit gleichzeitig, dass Entscheidungen und Verantwortlichkeiten nicht eindeutig zugerechnet werden können. Sie geht auch zu Lasten einer konfliktorischen Konzeption von Demokratie, in der klar erkennbare politische Positionen öffentlich um die Politikgestaltungsmacht kämpfen bzw. in kompromissorientierte Aushandlungsprozesse verstrickt sind (Pollach/Wischmann/- Zeuner 2000: 277ff.). Gerade in diesem Muster parteipolitischer Reserviertheit und Streitvermeidung treffen sich die Delegationseliten mit einem großen Teil kommunalen ostdeutschen Verwaltungspersonals.</p>
<p><em>c) Der ostdeutsche Bürger</em></p>
<p>Diese Form eines nach außen auf konsensuelle Politik bedachten Agierens scheint darüber hinaus aber auch den Bürgerinnen der Gemeinden und Kreise deutlich entgegenzukommen. Wie Studien zur Politischen Kultur gezeigt haben, schätzen ostdeutsche Bürgerinnen öffentlichen Konflikt wenig und präferieren im Gegenzug einen deutlich harmonistischen und an der unparteilich sachlichen Lösung von Problemen ausgerichteten Politikstil (Gabriel 2000; Arzheimer/Klein 2000). Insofern reflektieren die präsidentiellen Handlungsrationalitäten im Rat und die starke Zunahme Freier Bürgerlisten durchaus die politisch-kulturellen Präferenzen der lokalen Bevölkerung.</p>
<p>Trotz dieser Entsprechung ist das Vertrauen in die Kompetenz von Gemeinde- und Stadträten sowie der kommunalen Verwaltung deutlich geringer als in Westdeutschland. Die BürgerInnen beklagen die stark gestiegene Bürokratisierung, die gewachsene Anonymität wie vor allem, dass &#8222;Verwaltung und Politik auf lokaler Ebene [&#8230;] jetzt weniger als früher informell beeinflußbar (sind)&#8220; (Schlegelmilch 1996: 541). Hier äußert sich eine personalistisch akzentuierte und historisch sozialisierte Eingabementalität, die langen Handlungsketten mit öffentlicher Aushandlungsnötigung misstraut, bzw. diese Form öffentlicher Konfliktaustragung noch kaum erlernt und von Seiten der Verwaltung auch noch kaum erfahren hat (Engler 1997). So nimmt das Diktum von Hermann Hill mit Blick auf die kommunale Ebene nicht wunder: &#8222;Kaum ein Verband oder Verein, geschweige denn eine muntere Bürgerinitiative kommt den Praktiken in Politik und Verwaltung im Osten ernsthaft ins Gehege&#8220; (Hill 1997: 32). Und auch Adalbert Evers konstatiert, dass &#8222;es in weiten Landesteilen der neuen Bundesländer schwierig (ist), irgendjemand zu finden, der sich in der lokalen Selbstverwaltung engagiert&#8220; (Evers 2001: 278).</p>
<p>Das ist aber nur die eine Seite. Unterhalb oder außerhalb dieser politischen Ebene existieren in ostdeutschen Gemeinden durchaus spezifische bürgerliche Kooperationsformen. So haben sich etwa in Halle, Magdeburg, Dresden und Rostock sogenannte Tauschringe entwickelt, in denen BürgerInnen Leistungen des täglichen Lebens wie Tapezieren, Umzug, Babysitten, Haushaltshilfen organisieren und dies mit kommunalen Stellen koordinieren (Ebert/Hesse 2003). Auch zeigen Untersuchungen, dass die Häufigkeit des ehrenamtlichen Engagements in Vereinen und Verbänden in Ostdeutschland zwar insgesamt deutlich geringer ist als in Westdeutschland, aber eben doch vorhanden. Interessant ist allerdings, dass sich dieses Engagement kaum mit politischen Intentionen verbindet, sondern stark am persönlichen, möglichst auch beruflichen Nutzen orientiert ist (Gensicke 2003).</p>
<p>Zusammen lässt sich konstatieren: Die strukturell bereitgestellten zivilgesellschaftlich ausgerichteten <em>politischen</em> Partizipationsmöglichkeiten werden von den BürgerInnen in ostdeutschen Kommunen nicht oder kaum genutzt. Die Gründe dafür liegen bei einer wenig nach außen orientierten Verwaltung, die (organisierten) irritierenden Bürgereinfluss wenig schätzt. Sie liegen bei einer Politik, die Aushandlungsprozesse in die internen Arenen verlegt, selber parteiendistanziert agiert und die öffentliche Austragung von Konflikten scheut, um stattdessen das Bild einer konsensuell-sachlichen Entscheidungsfindung zu vermitteln. Und sie liegen bei den Bürgern, die die Stimme kaum erheben, kulturelle Orientierungen der Konfliktvermeidung besitzen und weder über die Erfahrung noch die Anleitung verfügen, längere Handlungsketten und Koalitionen für allgemeinere politische Interessen herzustellen. Damit sind auch jene, sich zum Teil wechselseitig bestätigenden wie stärkenden kulturellen Faktoren benannt, die die ursprünglich intendierte Ausbildung zivilgesellschaftlicher Formen einer aktiven Gesellschaft und damit auch die vertikale wie horizontale politisch-demokratische Integration wenn nicht blockieren, so doch erschweren.</p>
<h3 class="">Politische Kultur und Demokra&shy;tie&shy;zu&shy;frie&shy;den&shy;heit im Osten</h3>
<p>Immer wieder im Zentrum des Forschungsinteresse stehen die Einstellungen der Deutschen zur Demokratie. Diese Einstellungen werden üblicherweise in zwei große Fragekomplexe aufgeteilt. Der erste Komplex befasst sich mit den Orientierungen gegenüber den Prinzipien des Ordnungsmodells Demokratie. Der zweite Komplex bezieht sich auf die Orientierung gegenüber der demokratischen Realität in der Bundesrepublik Deutschland. Zunächst zum ersten Komplex:</p>
<p>Fragt man nach der Unterstützung der Idee der Demokratie, so lässt sich feststellen, dass sowohl in West- als auch Ostdeutschland diese Unterstützung seit 1990 kontinuierlich zurückgegangen ist. In Ostdeutschland vollzog sich dieser Rückgang deutlicher und von einem geringeren Wert aus (Gabriel/Neller 2000: 77).</p>
<p>Völlig überraschend und zum Teil konträr dazu zeigt sich jedoch in Ostdeutschland eine andere Entwicklung. Die Ostdeutschen unterstützen nämlich einzelne Prinzipien der Demokratie stärker als die Westdeutschen. So ist seit 1990 die Unterstützung der Meinungsfreiheit in Ostdeutschland gestiegen, ebenfalls die des Prinzips alternierender Parteienregierung. Leicht gefallen, aber trotzdem noch höher als in Westdeutschland ist die Unterstützung des Prinzips eines Rechts auf Opposition (Gabriel 2000: 45f.).</p>
<p>Was können wir aus diesen Werten schließen? Zunächst gibt es in Ost- und Westdeutschland ein Set an Grundregeln der Demokratie, das gleichermaßen relativ hoch wie konstant unterstützt wird. Hier herrscht durchaus eine Gemeinsamkeit zwischen Ost und West. Gleichzeitig zeigt sich in Ostdeutschland eine deutliche Inkonsistenz in den Orientierungen: Die prinzipielle Unterstützung dieser Werte geht einher mit einem deutlichen Rückgang in der Unterstützung der Idee der Demokratie. Diese Diskrepanz im Einstellungs<em>muster</em> existiert in Westdeutschland nicht. Diese Divergenz wird noch sichtbarer in einem anderen Wert: 1994 und 1998 sprachen sich in Ostdeutschland lediglich 48 Prozent bzw. 46 Prozent konsequent gegen eine Diktatur aus, in Westdeutschland immerhin 71 Prozent bzw. 74 Prozent (Arzheimer/Klein 2000: 373). Wie dies zur starken Präferenz für Meinungsfreiheit und Pluralismus passt, ist ein wichtiges Thema der politischen Kulturforschung.</p>
<p>Hinweise können die Ergebnisse zum zweiten Komplex liefern, den <em>Orientierungen gegenüber der Realität der Demokratie.</em> Diese Demokratiezufriedenheit hat sich insgesamt ziemlich heftig bewegt, lässt aber kein definitives Muster erkennen. Gleichwohl sind einige Ergebnisse nicht sehr erfreulich.</p>
<p>So hatte die Demokratieunterstützung in Deutschland in West und Ost 1997 die schwerste Akzeptanzkrise. Nur 43 Prozent der Westdeutschen und nur 24 Prozent der Ostdeutschen unterstützten das reale Ordnungssystem der Demokratie (Gabriel 1999: 836). Vier Faktoren sind für diese Haltungen in Ostdeutschland (und zum Teil auch in Westdeutschland) entscheidend. Den wohl wichtigsten Faktor bildet in Ostdeutschland (etwas weniger in Westdeutschland) die Einstellung gegenüber der sozioökonomischen Lage. Je schlechter die gesamtwirtschaftliche Lage eingeschätzt wird und je weniger Hoffnungen auf eine zukünftige Besserung existieren, desto negativer wird die Demokratie in ihrer Performanz bewertet. Hier spielen allerdings auch Gerechtigkeitsfragen eine Rolle, die den Faktor Ökonomie deutlich mit normativen Wertbindungen aufladen. Der zweite Faktor besteht im Vertrauen in die Institutionen des Parteienstaats. Je weniger Vertrauen in die Problemlösungskompetenz besteht, desto geringer ist die Zustimmung zur realen Demokratie. Drittens spielen positive Orientierungen gegenüber (Aspekten) der DDR-Vergangenheit eine gewisse Rolle. Je stärker diese positive Erinnerung ist, desto geringer die Unterstützung der aktuellen Demokratie. Und viertens spielen die politischen Partizipationschancen eine Rolle. Je schwächer der personale Einfluss auf politische Entscheidungen eingeschätzt wird, desto geringer ist die Akzeptanz (Thumfart 2002: 788822).</p>
<p>All diese Faktoren haben gleichzeitig keine signifikante Auswirkung auf die <em>Unterstützung der ideellen Prinzipien</em> der Demokratie. Das heißt: Trotz der Abwertung der Performanz der Demokratie bleibt die überaus positive Orientierung gegenüber einzelnen Prinzipien der Demokratie unangetastet (Gabriel/Neller 2000: 77f.). Umgekehrt folgt daraus, dass es gerade nicht diese Prinzipien sind, die für die Abwertung der Performanz des Systems und die steigende Demokratieunzufriedenheit verantwortlich sind.</p>
<p>Was könnte man aus diesen Ergebnissen für Schlüsse ziehen? Erstens ist es nicht sonderlich überraschend, dass die reale Demokratie hinsichtlich ihrer ökonomischen Leistung bewertet wird. Wir finden das in allen Transformationsländern, etwa Polen, Ungarn und Tschechien. Durchaus problematisch ist jedoch speziell für Ostdeutschland die große kognitive Dissonanz zwischen den Prinzipien und der negativ bewerteten Performanz der Demokratie. Auf eine merkwürdige Art treten die Prinzipien nicht in Kontakt mit der Realität. Damit aber scheinen jene demokratischen Prinzipien auch nicht als Faktoren zu wirken, die massive Gründe sind oder sein können, die reale Demokratie zu verteidigen oder aktiv zu stabilisieren bzw. zu unterstützen. Überspitzt und provokativ formuliert: Es scheint besonders in den neuen Bundesländern zuviel idealistische und gesinnungsethische Innerlichkeit zu existieren.</p>
<p>Diese Entwicklung trifft <em>grosso modo</em> auch auf die Jugendlichen zu. So verfügt die Generation der nach 1970 Geborenen in Ostdeutschland über eine ähnlich hohe Präferenz für demokratische Werte wie die Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig stieg aber der Anteil derer, der mit der realen Demokratie deutlich unzufrieden ist, auf 25 Prozent, derjenigen, die ambivalent eingestellt sind, auf 50 Prozent. Und ein konstant hoher Teil der jüngeren Generation kann sich &#8211; unabhängig vom Bildungsgrad &#8211; sogar vorstellen, dass eine Diktatur u.U. besser ist als eine Demokratie; 14 Prozent lehnen die Demokratie sogar ganz ab (West: 4 Prozent) (Reinhardt/Tillmann 2001).</p>
<p>Das soll nun nicht heißen, die meisten Jugendlichen in Ostdeutschland hätten &#8222;rechte&#8220; Einstellungen. Aber Jugendliche scheinen wie die Gesamtbevölkerung dazu zu tendieren, gewisse demokratische Werte von ihrer Beurteilung der demokratischen und sozialen Wirklichkeit zu entkoppeln. Scheinbar gelingt es weder den Medien noch der Schule noch der Politik, diese &#8222;Generationenkette&#8220; wenn schon nicht zu unterbrechen, so doch zu beeinflussen. Gerade hier liegen aber die Aufgaben der Schulen und Universitäten. Werte, Leben, Person, Gesellschaft und die Beurteilung von demokratischer Politik müssen enger zusammen geführt werden. Die positive Sicht auf demokratische Normen muss gesellschaftlich und politisch urteilspraktisch werden, indem man etwa Pluralismus, Abweichung, Dissens als produktiv ausweist. Das gilt natürlich nur für solche Abweichungen, die allen anderen dasselbe Recht zugestehen wie sich selber. Die Position einer so genannten &#8222;Schön-Wetter-Demokratie&#8220; sollte in die Einsicht transformiert werden, dass Demokratie die einzige Staatsform ist, die es erlaubt, in einer Gesellschaft unweigerlich auftretende Konflikte friedlich und so vernünftig wie möglich zu lösen. Das führt nicht nur zur Integration, sondern bedeutet auch, dass &#8222;das öffentliche Interesse an einem demokratischen Entscheidungsprozess demselben Ziel zustrebt wie das private Interesse, Ansichten so auszubilden, dass dadurch die Selbstachtung gefördert wird&#8220; (Hirschman 1996: 100).</p>
<p>Literatur</p>
<p><em>Arzheimer, Kai/Klein, Markus</em> 2000: Gesellschaftspolitische Wertorientierungen und Staatszielvorstellungen im Ost-West-Vergleich; in: <em>Falter, Jürgen</em> W. et al. (Hg.), Wirklich ein Volk? Die politischen Orientierungen von Ost- und Westdeutschen im Vergleich, Opladen, S. 363-402</p>
<p><em>Beyme, Klaus von</em> 2001: Die Entwicklung Ostdeutschlands nach der Vereinigung im Licht der vergleichenden Transformationsforschung; in: <em>Schluchter, Wolfgang/Quint, Peter E</em>. (Hg.), Der Vereinigungsschock. Vergleichende Betrachtungen zehn Jahre danach, Weilerswist, S. 417-436</p>
<p><em>Bluhm, Katharina</em> 1995: Regionale Unterstützungsnetzwerke in der ostdeutschen Industrie: Der Interessenverband Chemnitzer Maschinenbau; in: <em>Wiesenthal, Helmut</em> (Hg.), Einheit als Interessenpolitik, Frankfurt/Main/New York, S. 160-193</p>
<p><em>Czada, Roland</em> 1997: Vereinigung und Systemtransformation als Governance Problem; in: <em>Corsten, Michael/Voelzkow, Helmut</em> (Hg.), Transformation zwischen Markt, Staat und Drittem Sektor, Marburg, S. 195-216</p>
<p><em>Ebert, Olaf/Hesse, Andreas</em> 2003: Freiwilligenagenturen in Ostdeutschland. Neue Hoffnungsträger der Engagementförderung?; in: <em>Backhaus-Maul</em>, Holger et al. (Hg.), Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland, Opladen, S. 219-236</p>
<p><em>Engler, Wolfgang</em> 1997: &#8218;Aushandlungsgesellschaft&#8216; DDR; in: Beck, <em>Ulrich/Sopp, Peter</em> (Hg.), Individualisierung und Integration. Neue Konfliktlinien und neuer Integrationsmodus?, Opladen, S. 37-46</p>
<p><em>Evers, Adalbert 2001</em>: Freiwilliges und bürgerschaftliches Engagement, Ehrenamt, Selbsthilfe und Bürgergesellschaft. Begriffe machen Politik; in:<em> Arbeiterwohlfahrt Bundesverband</em> (Hg.), Ehrenamt im Wandel. Sozialbericht 2001, Bonn, S. 37-44</p>
<p><em>Gabriel, Oscar W.</em> 1999: Demokratie in der Vereinigungskrise? Struktur, Entwicklung und Bestimmungsfaktoren der Einstellungen zur Demokratie im vereinigten Deutschland; in: <em>Zeitschrift für Politikwissenschaft</em>, 9. Jg., H. 3, S. 827-861</p>
<p><em>Gabriel, Oscar W</em>. 2000: Demokratische Einstellungen in einem Land ohne demokratische Traditionen?; in:<em> Falter, Jürgen W.</em> et al. (Hg.), Wirklich ein Volk? Die politischen Orientierungen von Ost-und Westdeutschen im Vergleich, Opladen, S. 41-72</p>
<p><em>Gabriel, Oscar W./Neller, Katja</em> 2000: Stabilität und Wandel politischer Unterstützung im vereinigten Deutschland; in: <em>Esser, Hartmut</em> (Hg.), Der Wandel nach der Wende, Wiesbaden, S. 67-89</p>
<p><em>Gensicke, Thomas</em> 2003: Freiwilliges Engagement in Ostdeutschland. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage; in: <em>Backhaus-Maul, Holger</em> et al. (Hg.), Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland, Opladen, S. 89-107</p>
<p><em>Giese, Petra 1999</em>: Kommunale Selbstverwaltung und Wirtschaftsförderung. Eine qualitative Studie in Brandenburg, Opladen</p>
<p><em>Heinze, Rolf G./Schmid, Josef</em> 1994: Mesokorporatistische Strategien im Vergleich: Industrieller Strukturwandel und die Kontingenz politischer Steuerung in drei Bundesländern; in: <em>Streeck, Wolfgang</em> (Hg.), Staat und Verbände, Opladen, S. 65-99</p>
<p><em>Hill, Hermann 1997:</em> Verwaltung der 2. Generation; in: ders. (Hg.), Erfolg im Osten IV. Die öffentliche Verwaltung der 2. Generation, Baden-Baden, S. 26-39</p>
<p><em>Hirschman, Albert 0.</em> 1996: Selbstbefragung und Erkenntnis, München</p>
<p><em>Münkler, Herfried</em> 2002: Die Bürgergesellschaft &#8211; Kampfbegriff oder Friedensformel? Potenzial und Reichweite einer Modeterminologie, in:<em> vorgänge</em> 158 (2/2002 &#8211; Juli), S. 115-125</p>
<p><em>Neckel, Sighard</em> 1999: Waldleben. Eine deutsche Stadt im Wandel seit 1989, Frankfurt/Main/New York<br />
<em>Pollach, Gunter/Wischmann, Jörg/Zeuner, Bodo</em> 2000: Ein nachhaltig anderes Parteiensystem. Profile und Beziehungen von Parteien in Ostdeutschen Kommunen, Opladen</p>
<p><em>Reinhardt, Sybille/Tillmann, Frank</em> 2001: Politische Orientierungen Jugendlicher; in: <em>Aus Politik und</em> <em>Zeitgeschichte</em> B 45/2001, S. 3-13</p>
<p><em>Schlegelmilch, Cordia</em> 1996: Für das Volk oder mit dem Volk? Über die Schwierigkeiten mit der Demokratie in der sächsischen Kleinstadt Wurzen; in:<em> Deutschland Archiv</em> H. 4, S. 535-542</p>
<p><em>Schmidt, Rudi</em> 2001<em>:</em> Restrukturierung und Modernisierung der ostdeutschen Industrie; in: <em>Bertram,</em> <em>Hans/Kollmorgen, Raj</em> (Hg.), Die Transformation Ostdeutschlands, Opladen, S. 163-193</p>
<p><em>Schubert, Andreas</em> 1997: Steuerung der kommunalen Selbstentwicklung in Rostock; in: <em>Hill, Hermann</em><br />
(Hg.), Erfolg im Osten IV. Die öffentliche Verwaltung der 2. Generation, Baden-Baden, S. 83-89</p>
<p><em>Thaa, Winfried</em> 1996: Die Wiedergeburt des Politischen. Zivilgesellschaft und Legitimitätskonflikt in<br />
den Revolutionen von 1989, Opladen</p>
<p><em>Thumfart, Alexander</em> 2002: Die politische Integration Ostdeutschlands, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Wiesenthal, Helmut</em> 1996: Sozio-ökonomische Transformation und Interessenvertretung; in: <em>Diewald, Martin/ Mayer, Karl U.</em> (Hg.), Zwischenbilanz der Wiedervereinigung, Opladen, S. 279-288</p>
<p><em>Wollmann, Hellmut</em> 1997: Transformation der ostdeutschen Kommunalstrukturen: Rezeption, Eigenentwicklung, Innovation; in: <em>Ders.</em> et al. (Hg.), Transformation der politisch-administrativen Strukturen in Ostdeutschland, Opladen, S. 259-327</p>
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		<title>Geordneter Rückzug oder less is more?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2026 10:55:51 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Kehrtwende in der Stadt&#173;ent&#173;wick&#173;lung? Ostdeutschland schrumpft, und am deutlichsten schrumpfen die Städte. Ob in Leipzig oder Leinefelde: über eine Million Wohnungen stehen leer, Schulen und Kindergärten werden geschlossen, Gewerbebrachen gehören seit langem zum Stadtbild. Für die Kommunalpolitik, insbesondere für die Stadtplanung, stellen sich durch den Bevölkerungsrückgang und eine nachlassende wirtschaftliche Dynamik neue Herausforderungen, die zu [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/geordneter-rueckzug-oder-less-is-more/">Geordneter Rückzug oder less is more?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="">Kehrtwende in der Stadt&shy;ent&shy;wick&shy;lung?</h3>
<p>Ostdeutschland schrumpft, und am deutlichsten schrumpfen die Städte. Ob in Leipzig oder Leinefelde: über eine Million Wohnungen stehen leer, Schulen und Kindergärten werden geschlossen, Gewerbebrachen gehören seit langem zum Stadtbild. Für die Kommunalpolitik, insbesondere für die Stadtplanung, stellen sich durch den Bevölkerungsrückgang und eine nachlassende wirtschaftliche Dynamik neue Herausforderungen, die zu den Wachstumsvisionen des letzten Jahrzehnts nicht recht passen wollen.</p>
<p>Kohls &#8222;blühende Landschaften&#8220; waren bis weit in die 1990er Jahre die Leitvorstellung auch in der Stadtentwicklungspolitik. Erwartet wurden ein beständiger Zugewinn von Einwohnern, Gewerbetreibenden und Wirtschaftskraft. Tatsächlich hat sich auch einiges getan: Der ostdeutsche Bauboom kurbelte nach 1990 die gesamtdeutsche Wirtschaft an, historische Innenstädte wurden ebenso wie periphere Plattenbaugebiete saniert und strahlen in neuem Glanz. Die langfristigen Wachstumshoffnungen jedoch stellten sich als unrealistisch heraus. Viele Maßnahmen, z.B. der damals hochsubventionierte Bau von Shoppingcentern und überdimensionierten Gewerbegebieten auf der grünen Wiese, haben sich mittlerweile vielerorts als kontraproduktiv für die Entwicklung der Städte und ihrer Zentren erwiesen (vgl. Häußermann 1999). Das Schicksal der Städte scheint somit beispielhaft für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands in den letzten Jahren: Auf breiter Ebene wird nun ein Paradigmenwechsel vom Wachstums- zum Schrumpfungsmanagement erforderlich. Alternative Wege müssen beschritten werden, um eine neue ökonomische und gesellschaftliche Basis herauszubilden.</p>
<p>Zur Bewältigung der städtebaulichen und wohnungswirtschaftlichen Folgen der Schrumpfung haben Bund und Länder das Förderprogramm<em> Stadtumbau Ost</em> ins Leben gerufen. Es soll die Kommunen ermutigen, sich kreativ mit den Herausforderungen der Schrumpfung, insbesondere mit dem gravierenden Wohnungsleerstand, zu beschäftigen. Bis 2009 werden 2,7 Mrd. Euro für Aufwertungsmaßnahmen und ausdrücklich auch für den Abriss &#8222;nicht mehr benötigten Wohnraums&#8220; bereitgestellt (BMVBW 2002: 1). Die fachliche Diskussion über Umsetzungsstrategien und Leitbilder für eine regressive Stadtentwicklung jedoch hat im Grunde erst begonnen.</p>
<p>Im Folgenden werden &#8211; bezogen auf die Situation in Ostdeutschland &#8211; die Ursachen, Hintergründe und Folgen des Schrumpfungsprozesses dargelegt, die kommunalpolitische Karriere des Themas in den letzten Jahren und schließlich die aktuellen strategischen Ansätze beschrieben und diskutiert.</p>
<h3 class="">Ursachen und Folgen des Schrump&shy;fungs&shy;pro&shy;zesses</h3>
<p>Die Ursachen des demographischen und ökonomischen Wandels sind auf verschiedene gesellschaftliche, politische, soziale und wirtschaftliche Umbrüche nach 1989/90 zurückzuführen (vgl. Lang/Tenz 2003: 11 ff). Für die ostdeutschen Städte bedeutete dies in erster Linie einschneidende wirtschaftliche Strukturveränderungen, die im Regelfall auch von städtischen Funktionsverlusten begleitet waren.</p>
<p>Unmittelbar nach der Wende setzte mit der Anpassung an das marktwirtschaftliche System schlagartig eine <em>Deindustrialisierung</em> ein, die nur unzureichend durch andere Gewerbeformen des tertiären Sektors kompensiert werden konnte. Darüber hinaus wurde die schwierige Arbeitsmarktsituation auch durch institutionelle Rückbildungsprozesse (<em>DeLPGsierung, De-Militarisierung oder De-Administrierung</em>) und der weitgehend unkompensierten Verschiebung von Verwaltungsfunktionen verstärkt (Hannemann 2002: 4). Parallel wurde dieser Umstrukturierungsprozess von Bevölkerungsabwanderungen in die westlichen Bundesländer und von drastischen Geburtenrückgängen &#8211; zwischen 1989 und 1994 ging die Zahl der Geburten um ca. 60 Prozent zurück (BBR 2001: 6) &#8211; begleitet. Darüber hinaus haben fast alle ostdeutschen Städte auch hohe Nahwanderungsverluste &#8211; vorwiegend aufgrund eines nachholbedingten Ein- und Mehrfamilienhausbaus in stadtnahen Umlandgemeinden &#8211; hinnehmen müssen. Daneben fanden angesichts der in den Stadtzentren zu Beginn der 1990er Jahre vielerorts ungeklärten Eigentumsverhältnisse (<em>Restitutionsproblematik</em>) Umlandwanderungen weiterer städtischer Funktionen (insbesondere grossflächiger Einzelhandel) im großen Umfang statt. Diese <em>Suburbanisierungs</em>&#8211; bzw. <em>Desurbanisierungsprozesse</em> wurden durch eine Fehlsteuerung von Bausubventionen noch verstärkt und führten in den meisten Städten zu hohen Wohnungsleerständen sowohl in Altbau- als auch Plattenbauquartieren (vgl. Rietdorf et al. 2001). In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre war Leerstand &#8211; im Gegensatz zum verbreiteten Klischee &#8211; noch überwiegend ein Problem im innerstädtischen Altbaubestand. 1998 standen bezogen auf alle neuen Bundesländern in der Baualtersgruppe bis 1918 mehr als 30 Prozent der Wohnungen leer, gegenüber 8 Prozent im DDR-Wohnungsbau (BMVBW 2000: 18). Allerdings fand seither eine Verschiebung hin zu steigenden Leerstandsanteilen in den DDR-Neubaugebieten statt.</p>
<p>Mit dieser Leerstandssituation sind eine Vielzahl von Auswirkungen für das funktionale Stadtgefüge verbunden. Ohne kontinuierliche Bestandsentwicklung sind stadthistorisch wertvolle Ensembles durch abgängige Bausubstanz in ihrem Bestand bedroht. Stadtbild und Wohnumfeld werden durch leerstehende Wohngebäude beeinträchtigt, was sich in einem negativen Image von Stadtquartieren und in einer fehlenden Aktivität potenzieller Investoren niederschlägt. Der Wegzug wirtschaftlich stabilerer Haushalte führt zur einseitigen Entwicklung der Bevölkerungsstruktur in den Abwanderungsgebieten: Ältere Einpersonenhaushalte nehmen zu, die Anzahl junger Familien und von Haushalten mit mittleren bis gehobenen Einkommen verringert sich. Die Folge ist die Auflösung gewachsener Nachbarschaftsstrukturen, die Überalterung resp. Verarmung der zurückgebliebenen Bevölkerungsanteile. Mit einer Verwahrlosung von ganzen Stadtteilen kann eine<em> Fluchtabwanderung</em> von ursprünglich dort verweilen wollenden Mietern einsetzen: eine irreversible Abwärtsspirale, die allgemein von Verfall, Resignation der Zurückgebliebenen und Negativimages geprägt ist.</p>
<p>Zudem spiegelt sich der Bevölkerungsrückgang in einer unzureichenden Auslastung der wohnungsnahen Infrastruktur wider. Angesichts der mangelnden wirtschaftlichen Tragfähigkeit müssen viele Einrichtungen, insbesondere Schulen und Kindertagesstätten, geschlossen oder zusammengelegt werden. Auch ist oftmals die Unterhaltung eines effizienten, öffentlichen Personennahverkehrs durch den Bevölkerungsrückgang nicht mehr gewährleistet, der Anteil des motorisierten Individualverkehrs steigt.</p>
<p>Wohnungsüberangebot und zunehmende Leerstände führen zum Absinken der Mieteinnahmen. Dadurch werden Sanierungs- oder Neubaumaßnahmen im Bestand eingeschränkt oder hinausgezögert. Hinzu kommt, dass Leerstände zusätzlich auch Verwaltungs-, Instandhaltungs- und Kapitalkosten, teilweise noch für Altschulden aus DDR-Zeiten, verursachen. Bei Kumulierung aller Faktoren sind Wohnungsunternehmen von der Insolvenz bedroht.</p>
<p>Die demographisch bedingte Schrumpfung und ihre Folgen werden sich in Zukunft noch verstärken (vgl. Birg 2001). Aufgrund der in den letzten Jahren erfolgten Verringerung durchschnittlicher Haushaltsgrößen konnten bislang Bevölkerungsrückgänge vielerorts durch den allgemeinen Anstieg privater Haushalte teilweise kompensiert werden. Seit 1990 hat sich die Anzahl der ostdeutschen Haushalte deutlich vergrößert, wobei allerdings räumliche Unterschiede auftreten, die in einigen Städten schon seit einigen Jahren eine negative Entwicklung der Haushaltszahlen erkennen lassen. Doch führt allein der oben erwähnte drastische Geburtenrückgang bis 2010 zur weiteren Verringerung der ostdeutschen Bevölkerung von derzeit rd. 17,4 Mio. auf 16,7 Mio. Personen (BBR 2001: 8).</p>
<p>Dadurch wird ab 2015 mit dem sog. <em>Echoeffekt</em> geburtenschwacher Jahrgänge aus der Zeit nach 1989 gerechnet, der eine noch ausgeprägtere Bevölkerungsreduktion hervorrufen wird. Obwohl die Zahl der privaten Haushalte bis dahin durch die Bildung <em>älterer</em> Haushalte und die Wohnungsnachfrage geburtenstarker 1970er-Jahrgänge, die zunehmend in das sog. <em>Haushaltsbildungsalter</em> geraten, weiter ansteigt, kann die fortgesetzte Haushaltsverkleinerung die demographische Bevölkerungsschrumpfung nach 2015 nicht mehr auffangen. Aller Voraussicht nach wird sich dann das Haushaltsaufkommen dauerhaft verringern, so dass spätestens im Jahr 2030 wieder die Haushaltszahl aus dem Jahr 2000 erreicht wird (BMVBW 2000: 39). Aus den prognostizierten Entwicklungen wird deutlich, dass die eigentlichen Herausforderungen des Schrumpfungsprozesses den ostdeutschen Kommunen noch bevorstehen.</p>
<h3 class="">Phasen der Proble&shy;mer&shy;ken&shy;nung</h3>
<p>Die Problematik der beschriebenen Schrumpfungsprozesse und ihrer Folgen wurde viele Jahre weder erkannt, noch thematisiert oder politisch-konzeptionell angegangen. In welchen Phasen spielte sich die Veränderung der Problemwahrnehmung ab, und in welchem Stadium befinden sich die ostdeutschen Städte gerade? Wir versuchen im Folgenden eine Typologie der Problemerkennung und teilen die jüngere Geschichte und die Zukunft der ostdeutschen Stadtentwicklung in sieben Phasen ein.</p>
<p>Der Umbruch 1989/90 prägte die erste Phase der Stadtentwicklung in Ostdeutschland nach 1990. In dieser <em>Chaos- und Orientierungsphase</em> war aufgrund der massiven politischen, sozialen und ökonomischen Umbruchsituation noch nicht klar, wo die Entwicklung hin geht. Hinzu kam, dass insbesondere die Städte durch die Vernachlässigung ihrer historischen Substanz in der Zeit der DDR enorm geschwächt waren. Die unmittelbare Nachwendezeit war aus stadtentwicklungspolitischer Perspektive geprägt durch den Aufbau der Planungs- und Entscheidungsebenen. Durch die desolate Situation in den Zentren aufgrund von Restitutionsverwirrungen und unkalkulierbaren Altlastenrisiken sowie durch schlecht organisierbare beziehungsweise fehlende Steuerungsmechanismen und -vorgaben, wurden Entwicklungen des Handels, des Gewerbes und des Wohnens auf der Grünen Wiese und in den Umlandgemeinden der Städte begünstigt. So befinden sich in Ostdeutschland mittlerweile zwei Drittel der Einzelhandelsflächen auf der &#8222;grünen Wiese&#8220; (BBR 2000: 15). Die Verkaufsfläche des Einkaufszentrums <em>Saale-Park</em> vor den Toren Leipzigs beispielsweise überstieg bereits 1995 mit 86.000 m2 das Angebot in der Innenstadt um ca. 16.000 m2 (BBR 2000: 55).</p>
<p>Der Umbau der ostdeutschen Wirtschaft durch die Treuhand war in den Jahren 1993/94 größtenteils abgeschlossen. Erste Anzeichen einer Verstetigung negativer Entwicklungstrends hätten zwar aus heutiger Sicht schon in dieser <em>Ignoranzphase</em> erkannt werden können. Politik und Planung waren jedoch immer noch zu sehr fixiert auf die ausgegebenen Wachstumsperspektiven und nicht in der Lage, erste Anzeichen rückläufiger Stadtentwicklungsprozesse aufzunehmen. Bis Ende 1999 wurden durch eine breit angelegte Förderung ca. 750.000 Wohnungen neu gebaut (BMVBW 2000: 10ff), obwohl bereits 1990 über 400.000 Wohnungen leer standen und spätestens seit Mitte der 1990er Jahre ein dauerhafter Wohnungsleerstand absehbar war.</p>
<p>In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde es dann zunehmend schwieriger, über Einwohnerverluste, konstant hohe oder gar steigende Arbeitslosigkeit und die wachsenden Wohnungsleerstände hinwegzusehen. Dennoch reagierte die Stadtpolitik nicht auf immer bedrohlichere Prozesse der Schrumpfung und setzte statt dessen auf <em>Verdrängung </em>des Themas<em>.</em> Zwar wuchs das Problembewusstsein und der Handlungsbedarf (einer Steuerung der Schrumpfung) wurde immer offensichtlicher, aber die politische Durchsetzbarkeit einer regressiven Stadtentwicklungspolitik schien unmöglich. Weiterhin wurde also Wachstum propagiert, prophezeit und als Ziel der Stadtentwicklung ausgegeben.</p>
<p>Das Wissen um die Probleme reichte daher noch nicht aus, die <em>Analysephase</em> einzuleiten; dazu war erst noch der dramatische, konzertierte Hilferuf der Wohnungswirtschaft erforderlich. Deren Lobbyinteressen ist es zu verdanken, dass eine auf Bundesebene eingesetzte Expertenkommission zum wohnungswirtschaftlichen Strukturwandel (BMVBW 2000) eine umfassende Analyse zur Leerstandssituation und -entwicklung vorlegen und diese mit integrierten Handlungsempfehlungen verbinden konnte. Diese Offenbarung ging einher mit detaillierteren Analysen und dem Eingeständnis planerischer Ratlosigkeit im Umgang mit Schrumpfung.</p>
<p>Spätestens angestoßen durch den Wettbewerb der Bundesregierung im Rahmen des Programms <em>Stadtumbau-Ost</em> zur Erstellung integrierter Stadtentwicklungskonzepte, befinden sich mittlerweile die meisten Städte in einer<em> Konzeptions- und Experimentierphase.</em> Die Planerinnen und Planer versuchten sich durch neue Ideen dem Phänomen zu nähern und umschrieben ihre noch sehr analytisch geprägten Konzepte mit Begriffen wie<em> Kern-Plasma-Modell, die perforierte Stadt oder</em> <em>weniger ist mehr.</em> Das positive Schrumpfen (<em>shrink positive)</em> und ein <em>qualitatives Wachstum</em> wurden eingefordert. Doch umsetzbare Strategien zur Steuerung einer regressiven Stadtentwicklung fehlen bisher; Kreativität im Umgang mit quantitativen Bedarfsrückgängen braucht Zeit und gesellschaftlichen Nährboden. Im Grunde fehlt (noch) beides. Zu verfestigt sind die automatischen Verknüpfungen unserer Wahrnehmung von Fortentwicklung und Wachstum. Und die Zeit drängt, weil die Probleme so groß sind, dass man sie nicht mehr länger unbearbeitet lassen darf. Darüber hinaus lassen die zukünftige demographische Entwicklung und die aktuellen wirtschaftlichen Aussichten keine Entspannung erkennen. Schaffen wir also den Paradigmenwechsel von einer Planung des Wachstums hin zu einer Steuerung und kreativen Nutzung der ungewohnten Prozesse?</p>
<p>Erste Städte befinden sich bereits in der <em>Realisierungsphase</em> und experimentieren mit dem Stadtumbau. Sie haben die aktuellen Rahmenbedingungen akzeptiert und wissen, dass sie nur eine Chance haben, wenn sie ihre in der Schrumpfung verborgenen Potenziale nutzen (vgl. Oswalt et al. 2002; Lang/Tenz 2002), ohne dabei zukünftiges Wachstum vorauszusetzen. Sie wissen, dass es nur um eine Konsolidierung der Negativentwicklungen gehen kann. Die ehemaligen Industriestädte Schwedt und Leinefelde z.B. sammeln schon seit Jahren Erfahrungen im Rückbau ihrer weitläufigen Plattenbausiedlungen und verfolgen dabei innovative Ansätze: Rückbau von elf auf vier bis fünf Etagen, Stadtvillen aus durchtrennten Zeilenbauten, Recycling von Plattenelementen (vgl. Stadt Leinefelde 2002: 47; für Schwedt BMVBW 2001a: 56ff.). Derzeit kann aber noch niemand richtig abschätzen, in welche Richtung die Entwicklung insgesamt geht.</p>
<p>Es macht wenig Sinn, die vorgenommene Phaseneinteilung an einzelnen Jahren fest zu machen, soll sie doch nur grob den Umgang mit Prozessen der Schrumpfung seit der Wiedervereinigung verdeutlichen. Überwunden hat die Krise allerdings noch keine Stadt im Osten. So warten alle auf die <em>Erfolgsphase,</em> die endlich erkennen lässt, welche Bemühungen der Planer und (Stadt-)Politiker erfolgreich sind und welche nicht. Dabei muss vor allem noch diskutiert werden, was denn eigentlich als Erfolg gewertet werden muss, unter den besonders widrigen ökonomischen und vor allem demographischen Zukunftsaussichten Ostdeutschlands. Offensichtlich ist jedoch, dass unsere Städte auch ohne Wachstum Orte sein müssen, in denen sich die Menschen, die dort leben, dauerhaft wohl fühlen können.</p>
<h3 class="">Strategien der Schrumpfung &ndash; Chancen f&uuml;r eine alternative Urbanit&auml;t?</h3>
<p>Die Herausforderungen für die Stadtplanung sind also im Großen und Ganzen erkannt. Im Rahmen des Stadtumbaus stellt sich nun, nicht zuletzt durch den Druck aus der Wohnungswirtschaft, als primäres Problem ein städtebauliches: der Umgang mit der zu groß gewordenen räumlichen Hülle einer ausgedünnten Stadtgesellschaft. Heißt dies im Klartext Abriss?</p>
<p>Die Strategien zum Umgang mit Schrumpfung befinden sich immer noch in der Konzeptions- und Experimentierphase. Denn die stadtplanerischen Leitgedanken der letzten Jahre und Jahrzehnte stehen auf den ersten Blick quer zu den Herausforderungen schrumpfender Städte. Das seit den 1980er Jahren vorherrschende <em>Leitbild Europäische Stadt</em> &#8211; als Gegensatz zur amerikanischen Stadt und zu modernistischen Leitbildern der 1950er und 1960er Jahre &#8211; steht für bauliche Dichte und eine Stadt der kurzen Wege, Nutzungsmischung sowie eine Konzentration der zentralen Funktionen wie Handel, Kultur und Dienstleistung auf die Innenstädte. Und wer als Planer mit den Ideen der bestandorientierten westdeutschen <em>Behutsamen Stadterneuerung</em> der 1980er Jahre groß geworden ist, tut sich mit großflächigen Abrissen ohnehin schwer. Denn schließlich besitzen die von hohen Leerständen betroffenen Quartiere doch auch erhaltenswerte städtebauliche und sozialräumliche Qualitäten; schließlich kann der Abriss von an sich noch nutzbarem Wohnraum doch nicht als ökologisch und ökonomisch nachhaltig gelten, und nicht zuletzt verweisen einige Experten auf einen erhöhten Zuwanderungsdruck aus dem Ausland in der nahen Zukunft vor allem im Zuge der Osterweiterung der EU (Ganser 2001). Dabei ist dieses Warten auf bessere Zeiten keinesfalls als eine passive Strategie zu sehen: Denn das Konzept <em>Einmotten</em> impliziert bauliche Sicherungen und gestalterische Herausforderungen. Doch stößt diese Idee als Breitenstrategie schnell auf Schwierigkeiten. Zum einen sind die Konzepte für ein stadtraumverträgliches Einmotten bis jetzt immer noch vage geblieben. Zum anderen gilt vielen zunehmend als unwahrscheinlich, dass überhaupt &#8222;bessere Zeiten&#8220; mit Bevölkerungswachstum kommen werden: Denn Zuwanderung fand von jeher in wirtschaftlich prosperierende Regionen Deutschlands statt &#8211; doch dazu werden die meisten Regionen Ostdeutschlands auf absehbare Zeit nicht gehören. Um wohnungsmarktrelevant zu werden, wäre in vielen Städten zudem eine ganz massive Zuwanderung erforderlich, welche die Integrationsbereitschaft und -fähigkeit der ostdeutschen Stadtgesellschaften wahrscheinlich überfordern würde.</p>
<p>Wenn also doch Bestände rückgebaut werden sollen: nach welchem Leitbild? Eine theoretisch denkbare Strategie, die auf einer regionalen Sichtweise des Problems beruht, bestünde in der <em>Konzentration auf erhaltungsfähige Zentren</em> &#8211; und der Vernachlässigung, d.h. dem in Kauf genommenen Leerziehen und Verfall, der restlichen Siedlungen. Im Rahmen von Fördermittelzuweisungen der regionalen Entwicklungspolitik werden solche Gedankenspiele durchaus schon angestellt: Macht es noch Sinn, periphere Regionen wie die Prignitz oder die Uckermark zu fördern, wenn dasselbe Geld wohl effektiver in Frankfurt/Oder oder der Stadt Brandenburg eingesetzt wäre? Bei der Planung von sozialer Infrastruktur, spielen ähnliche Überlegungen ebenfalls eine Rolle: Wenn Krankenhäuser und Schulen in einer Region geschlossen werden sollen, konzentriert man die verbleibenden Potenziale lieber auf einen gut erschlossenen zentralen Standort statt nach dem Gießkannenprinzip zu verfahren? Eine radikale Entscheidung für diesen Ansatz ist jedoch faktisch weder sozial wünschenswert &#8211; davor steht das Gebot der gleichwertigen Lebensbedingungen &#8211; noch politisch umsetzbar.</p>
<p>Dieses Gedankenmodell lässt sich auch auf die städtische Ebene übertragen. Die Stärkung von dauerhaft funktionsfähigen und attraktiven Zentren trifft sich mit den zuvor angesprochenen Leitbildern der dichten Europäischen Stadt. Eine Orientierung auf die Innenstadt bedeutet Rückbau von den Rändern her, und damit eine <em>Re-Urbanisierung</em> in mehrdimensionaler Hinsicht &#8211; räumlich, sozial, verkehrlich usw. Für die städtische Peripherie hieße dies nicht nur großflächige Abrisse ganzer Stadtviertel &#8211; und damit überproportional der noch jungen und z.T. frisch sanierten Großsiedlungen aus DDR-Zeiten -, sondern auch einen restriktiven Umgang mit der weiteren Außenentwicklung vor allem im Einfamilienhausbereich. Dagegen müssten die Innenstädte als attraktiver Wohnort auch für die potenziellen Stadtflüchter qualifiziert werden, etwa durch die weitere Sanierung und den bedarfsgerechten Umbau des Altbaubestandes. Diese Schrumpfung von außen nach innen wird bereits in einigen neueren Stadtentwicklungskonzepten favorisiert (z.B. in Brandenburg/Havel, BMVBW 2001a: 55). Die Umsetzungsschwierigkeiten dieser für viele Planer sicherlich bestechenden Idee liegen dabei nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet, da teilweise gut ausgestattete, periphere Wohnungen zugunsten von noch mit hohem Aufwand zu renovierenden Altbauten oder teuren innerstädtischen Neubauten abgerissen werden müssten, sondern vor allem auf gesellschaftlich-kulturellem Gebiet: Trotz der schon jahrzehntelangen Anstrengungen, die urbanen Qualitäten der Stadt gegenüber der angeblichen vorstädtischen Ödnis herauszustreichen, scheint die Attraktivität Suburbias ungebrochen.</p>
<p>Die spannendste Diskussion entspinnt sich deswegen momentan über Vorstellungen einer Art <em>alternativen Urbanität</em>, die versucht, die Phänomene schrumpfender Städte aufzufangen und kreativ als neue Qualitäten zu verwenden. Beispielsweise versteht der Begriff der<em> perforierten</em> Stadt des Leipzigers Planers Lütke Daldrup (Lütke Daldrup 2001) die durch vorsichtige Ausdünnung der dichten Blockstrukturen der Leipziger Innenstadt entstehenden Lücken als ein Potenzial &#8211; eine Gratwanderung zwischen der Auflösung historischer Substanz und der Beibehaltung von Kernelementen &#8222;stadträumlicher Syntax&#8220; (ebd.: 44). Bei der Perforierung sollen keine Löcher entstehen, sondern z.B. neue Grünflächen, die relativ kostengünstig als &#8222;wilde Parks&#8220;, als Mietergärten oder Bolzplätze gestaltet werden können. Der Begriff <em>Stadtlandschaft</em> erlebt neu interpretiert eine Renaissance. Um den Blick zu weiten, werden auch provokative Ideen wie der durch das Bauhaus Dessau ins Spiel gebrachte Safari-Park (Oswalt et al. 2001: 62) entwickelt: ein leergezogener Plattenbaustadtteil wird, in Teilen der Natur zurückgegeben, als Abenteuerpark gestaltet und soll als touristische Attraktion dienen. Aber auch durch<em> neue Wohnformen,</em> die eine interessante städtebauliche und soziale Mischung versprechen, können homogene Stadtstrukturen aufgelockert werden. Dazu gehören nicht nur die bereits erwähnten Stadtvillen und der Etagenrückbau in Schwedt und Leinefelde: Wittenberge plant beim Abriss gründerzeitlicher Blockstrukturen am Innenstadtrand den Neubau von Reihenhäusern (BMVBW 2001b: 92f); auf größeren Brachen könnten sogar innerstädtische Einfamilienhäuser entstehen. Auch bestehende Bauten erhalten eine neue Chance: das Zuviel an umbautem Raum kann durch eine <em>Extensivierung</em> <em>von Nutzungen</em> bespielt werden, z.B. wenn die leerstehende Nachbarwohnung als Abstellkammer oder Partyraum zum Betriebskostenpreis gemietet wird. Schließlich kann auch der Prozess des Rückbaus selbst durch seine <em>Kultivierung</em> positiv genutzt werden: temporäre Nutzungen und<em> house art</em> in leerstehenden Wohnblöcken, oder Führungen und Veranstaltungen á la <em>Schaustelle Ost</em> im Abbruchgebiet (vgl. Schröer 2002). Alternative Urbanität stellt somit nicht nur Ansprüche an die politischen Entscheidungsträger, Planer und Architekten, sondern vor allem an die Stadtgesellschaft selbst, die sich aktiv ihren Raum neu erobern und interpretieren muss.</p>
<p>Diese hier idealtypisch vorgestellten Strategien werden in der Praxis des Stadtumbau-Prozesses im Regelfall nicht in Reinform verfolgt. Der größten Erfolg ist von einer Kombination der verschiedenen Ansätze auf regionaler, städtischer und auch auf Quartiersebene zu erwarten. Oft findet sich eine Differenzierung der Stadtgebiete in bereits konsolidierte Areale, zu konsolidierende &#8211; dorthin fließen die meisten Fördermittel ruhigzuhaltende (Stichwort passive Sanierung) und rückzubauende. Das Thema der alternativen Urbanität ist dabei jedoch oft nur im Hintergrund oder gar nicht zu erkennen. Eine stärkere Kreativität wäre wünschenswert, denn während Regionalplanung oder bundeseinheitliche Eigenheimförderung nicht von den Kommunen beeinflusst werden können, hätten die Städte die Entwicklung von alternativer Urbanität selbst im Griff.</p>
<h3 class="">Ausblick</h3>
<p>Noch ist unklar, wie sich die ostdeutschen Städte in Zukunft entwickeln werden. Seit 1989/90 haben sich demographische und ökonomische Trends verfestigt, die bisherige Planungsansätze ins Wanken gebracht haben. Gleichzeitig konnte aber die baulich-funktionale Substanz der Städte erheblich verbessert werden. Die ökonomische und demographische Entwicklung Ostdeutschlands und auch der ostdeutschen Städte lässt aufgrund der Wirkungen der DDR-Politik und der vielfältigen Maßnahmen im Zuge der Transformation nach 1989 einen eigenständigen Entwicklungspfad vermuten, der mit der Stadtentwicklung im Westen Deutschlands in den vergangenen fünfzig Jahren so gut wie keine Gemeinsamkeiten aufweist. Es macht daher keinen Sinn, gängige westdeutsche Steuerungsmuster und Planungsprinzipien auf Ostdeutschland zu übertragen. Die Diskussion läuft in die gegenteilige Richtung: Inwiefern sind die ostdeutschen Erfahrungen mit Schrumpfungsprozessen auf westdeutsche Situationen im Rahmen des 2002 angelaufenen Programms <em>Stadtumbau West</em> anwendbar?</p>
<p>Die Zukunft der Städte im Osten Deutschlands als Orte von Kultur, sozialem Zusammenleben und Innovation wird derzeit neu geschrieben. Die Herausbildung einer alternativen Urbanität, die in der Lage ist, unsere Städte als lebenswerte und funktionsfähige Orte zu erhalten, ist dabei die vordringlichste gesamtgesellschaftliche Aufgabe.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Bertram, Hans/Kallmorgen, Raj</em> 2001: Die Transformation Ostdeutschlands, Opladen</p>
<p><em>Birg, Herwig</em> 2001: Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa, München<br />
BBR [<em>Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung]</em> (Hg.) 2001: Perspektiven der Wohnbauinvestition in den neuen Ländern, Bonn</p>
<p>BBR [<em>Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung</em>] (Hg.) 2000: Raumordnungsbericht 2000, Berichte, Bd. 7, Bonn</p>
<p>BMVBW [<em>Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen]</em> (Hg.) 2000: Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Bundesländern. Bericht der Kommission, Berlin</p>
<p>BMVBW [<em>Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen]</em> (Hg.) 2001a: Läuft die Platte leer? Möglichkeiten und Grenzen von Strategien zur Leerstandbekämpfung in Großsiedlungen, Berlin</p>
<p>BMVBW [<em>Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen</em>] (Hg.) 2001b: Stadtumbau in den neuen Ländern. Integrierte wohnungswirtschaftliche und städtebauliche Konzepte zur Gestaltung des Strukturwandels auf dem Wohnungsmarkt der neuen Länder</p>
<p>BMVBW [<em>Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen]</em> (Hg.) 2002: Informationen zum Stadtumbau Ost &#8211; April 2002, Berlin</p>
<p><em>Ganser, Karl</em> 2001: Hände weg, liegenlassen, in: <em>Der Architekt</em>, H. 4, (Themenheft<em> Shrink positive</em>), S. 27-30</p>
<p><em>Hannemann, Christine</em> 2002: Schrumpfende Städte: Überlegungen zur Konjunktur einer vernachlässigten Entwicklungsoption für Städte; in: <em>Infobrief Stadt</em> 2030, Nr. 6, S. 4-10<br />
<em>Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter</em> 1987: Neue Urbanität, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter</em> 1988: Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie; in: Soziologische Stadtforschung, (<em>= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft</em> 29), S. 78-94</p>
<p><em>Häußermann, Hartmut</em> 1999: Die Städte in den neuen Bundesländern &#8211; Schrumpfung und Verfall; in: <em>vorgänge</em> 145 &#8222;City oder Kiez?&#8220; (1/1999 — März), S. 50-66</p>
<p><em>Lang, Thilo/Tenz, Eric</em> 2002: Entwicklungspotenziale schrumpfender ostdeutscher Städte Ein Plädoyer für eine positivere Betrachtungsweise der Stadtentwicklungsprozesse; in: <em>Planerin,</em> H. 4, S. 63-64</p>
<p><em>Lang, Thilo/Tenz, Eric</em> 2003: Von der schrumpfenden Stadt zur Lean City &#8211; Prozesse und Auswirkungen der Stadtschrumpfung in Ostdeutschland und deren Bewältigung, Dortmund</p>
<p><em>Lütke Daldrup, Engelbert</em> 2001: Die perforierte Stadt. Eine Versuchsanordnung; in: Stadtbauwelt, 92. Jg., H. 24 (Themenheft <em>Die perforierte Stadt</em>), S. 40-45</p>
<p><em>Oswalt, Philipp et al.</em> 2001: Experimenteller Stadtumbau in Ostdeutschland &#8211; Weniger ist mehr (&#8222;Bauhaus-Studie&#8220;), Dessau</p>
<p><em>Oswalt, Philipp et. al.</em> 2002: Experiment Stadtumbau; in: Berliner Debatte Initial, 13. Jg., H. 2 (Themenheft <em>Schrumpfende Städte</em>), S. 57-63</p>
<p><em>Rietdorf, Werner/Liebmann, Heike/Haller, Christoph</em> 2001: Schrumpfende Städte, verlassene Großsiedlungen? Stadtstrukturelle Bedeutung und Probleme von Großwohnsiedlungen; in: DISP, 37. Jg., H. 146, S. 4-17</p>
<p><em>Schröer, Achim 2002</em>: Kultivierte Schrumpfung; in: <em>die tageszeitung</em> vom 23. September</p>
<p><em>Stadt Leinefelde (Hg.)</em> 2002: Stadtentwicklungskonzept. Stadtumbau Ost &#8211; Stand Juli 2002, Leinefelde</p>
<p><em>Statistisches Bundesamt</em> 2000 (Hg.): Bevölkerungsentwicklung Deutschlands bis zum Jahr 2050. Ergebnisse der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden</p>
<p>Internet</p>
<p>www.bauhaus-dessau.de/de/projects.asp?p=stadtumbau(<em>Bauhaus-Studie)</em></p>
<p>www.bmvbw.de <em>(Informationen zum Stadtumbau</em>)</p>
<p>www.newsletter.stadt2030.de (<em>Infobrief Stadt 2030</em>)</p>
<p>www.schrumpfende-stadt.de (diverse Informationen)</p>
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		<title>Die PDS &#8211; nach dem Absturz im Osten im Westen am Ende?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/die-pds-nach-dem-absturz-im-osten-im-westen-am-ende/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2026 11:06:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem Desaster der PDS bei der Bundestagswahl 2002 sahen viele Kommentatoren keine Hoffnung mehr für die PDS als gesamtdeutsche sozialistische Partei, manche sahen und sehen sie überhaupt am Ende. Als Ursache dafür wird immer wieder die gescheiterte West-Ausdehnung der Partei angeführt. Das mag verwundern, denn der 1998 in den westdeutschen Ländern gewonnene Anteil von [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nach dem Desaster der PDS bei der Bundestagswahl 2002 sahen viele Kommentatoren keine Hoffnung mehr für die PDS als gesamtdeutsche sozialistische Partei, manche sahen und sehen sie überhaupt am Ende. Als Ursache dafür wird immer wieder die gescheiterte West-Ausdehnung der Partei angeführt. Das mag verwundern, denn der 1998 in den westdeutschen Ländern gewonnene Anteil von 1,2 Prozent der Zweitstimmen wurde 2002 in etwa (1,1 Prozent) gehalten. Das war zwar weit entfernt von den angepeilten zwei Prozent, aber auch die hätten angesichts des Absturzes der Partei in der Gunst der ostdeutschen Wähler &#8211; ihr Anteil fiel von 21,6 (1998) auf 16,9 Prozent &#8211; der PDS nicht geholfen, wieder in den Deutschen Bundestag einzuziehen. Dafür hätten die Sozialisten 2,2 Prozent der alten Bundesbürger &#8211; oder insgesamt knapp 500.000 Stimmen mehr &#8211; für sich gewinnen müssen.</p>
<p>Der mangelnde Zuspruch im Westen macht das zentrale Problem der Partei aus: Versagen die PDS und vor allem ihr westdeutscher Flügel weiterhin bei dem Versuch, die Partei aus ihrer regionalen Verhaftung in den ostdeutschen Landen zu befreien und sie von einer Regionalpartei mit diffus werdendem Profil zu einer gesamtdeutschen modernen sozialistischen Partei zu machen, ist auch die Fortexistenz der PDS als ganzes gefährdet. Die Führung hat dies erkannt und bereits seit 1990 mit unterschiedlichem Erfolg das Projekt &#8222;Go West, PDS&#8220; betrieben. Nun, nach zwölf Jahren, ist diese Strategie wahrscheinlich an ihr Ende gekommen und die PDS vom gesamtdeutschen Spielfeld wieder auf den Seitenplatz verwiesen worden.</p>
<p>Woran ist die Partei gescheitert? Blieb sie &#8222;fremd im eigenen Land&#8220;, wie Hasko Hüning meint, weil ihre Identität so stark von ihrer politischen wie regionalen Herkunft geprägt ist, dass sie im Westen keine Akzeptanz findet? Hatte sie wirklich Chancen, die politischen und kulturellen Differenzen zwischen Ost und West zu überwinden und in beiden Lagern attraktiv zu werden &#8211; oder ist ein solcher Brückenschlag ohne Selbstaufgabe überhaupt nicht möglich? Kann die PDS, die die vergangene ostdeutsche Kultur gegen die Dominanz der westdeutschen verteidigte, damit zugleich zu deren Modernisierung beitragen? Oder hat die PDS im Westen einfach nur die falschen Frontleute gehabt?</p>
<p>Die Wahlniederlage der Partei mit dem Abgang Gysis als Senator in Berlin, der Flut an Elbe und Mulde und dem Nein der rot-grünen Regierung zum Krieg im Irak zu deuten, ist plausibel, greift aber zu kurz. Denn Gregor Gysis verließ fluchtartig ein bereits sinkendes Schiff. Und die Flut hat zwar den Kanzler nach oben gespült und zur Wahrnehmung der SPD als Partei der sozialen Gerechtigkeit beigetragen, eine Aufwärtsentwicklung der PDS aber hat sie nicht gestoppt. Schließlich war mit der Haltung der Koalition zur Kriegsfrage der PDS das Alleinstellungsmerkmal der &#8222;Anti-Kriegspartei&#8220; abhanden gekommen, doch war es angesichts der Kluft zwischen der Rhetorik der Partei (Roland Claus: &#8222;Die PDS ist die einzige Partei, die bereits siebzehn Mal gegen den Krieg gestimmt&#8220; hat) und ihrer nicht sehr konstruktiven Haltung zum Irak-Problem nicht weiter verwunderlich, dass die Wähler die Friedenskompetenz den Regierungsparteien (42 Prozent) und nicht der PDS (16 Prozent) zusprachen.</p>
<p>Alles begann in Münster</p>
<p>Die wahren Gründe für den Niedergang der ostdeutschen Sozialisten liegen also tiefer. Die PDS war schon seit dem Frühjahr des Jahres 2002 einer Entwicklung ausgesetzt, deren erstes Resultat das politische Scheitern bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war. Dieses war durch verschiedene Faktoren bestimmt, zu denen das Programm-, Politik- und Personalangebot der PDS ebenso zählten wie ihr Politikstil, ihr Kompetenzprofil und ihr Rückhalt in der ostdeutschen Gesellschaft. Diese und weitere Faktoren, darunter das parteiinterne Schisma, beeinflussten auf Bundesebene die Wahlstrategie, den Wahlkampf und letztlich auch das Wahlergebnis.</p>
<p>Dabei waren die Rahmenbedingungen für die PDS ursprünglich günstig. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Wirtschaftsentwicklung schwach, der Aufbau Ost kam kaum voran und der Wunsch nach einer sozial gerechten Politik war weit verbreitet. Zwar hatte sich die Performance von Rot-Grün 2002 gegenüber den Vorjahren leicht verbessert; sie bot jedoch noch genügend Angriffspunkte für die Opposition; auch für die PDS. Sie war sich zu Beginn des Wahljahres &#8211; glaubt man ihrer Vorsitzenden &#8211; zudem sicher, im Herbst die Nummer eins in Ostdeutschland zu werden und mindestens fünf Direktmandate sowie mehr als sechs Prozent der Zweitstimmen gewinnen zu können. Der stellvertretende Parteivorsitzende Dieter Dehm sprach sogar von neun bis zehn Prozent &#8211; auch wenn hier war vielleicht Zweckoptimismus im Spiel war.</p>
<p>Anscheinend meinte man in der PDS, nach den Erfolgen von 1998/99 und dem guten Ergebnis 2001 in Berlin (im Westteil der Stadt war man bei knapp sieben Prozent gelandet), nun die negativen Erfahrungen aus den wenigen westdeutschen Wahlkämpfen, an denen die PDS in den letzten acht Jahren teilgenommen hatte, vergessen zu können. Denn bislang hatte sie im Westen keinen Erfolg dabei gehabt, jene enttäuschten Links-Wähler für sich zu gewinnen, die sich von SPD und Grünen abgewendet hatten. Es gelang der PDS außerhalb Berlins in keinem West-Wahlkampf, sich über enge Lagergrenzen hinaus Akzeptanz zu verschaffen und in das Vakuum einzudringen, das durch den Gang der SPD in die Mitte entstanden war. Dies hat nicht nur mit ihrer Rolle als SED-Nachfolgepartei zu tun. Die Botschaft der PDS, den Kapitalismus überwinden und eine neue Form der sozialen Gerechtigkeit herstellen zu wollen, weckte im westdeutschen Wahlvolk stets den Verdacht, die Partei wolle tiefe Eingriffe in die bestehenden persönlichen Eigentums- und Besitzverhältnisse vornehmen. Dieser Eindruck war angesichts ihres teilweise diffusen und anachronistischen Parteiprogramms, das keine Möglichkeit bot zu erkennen, was denn &#8222;moderner Sozialismus&#8220; als politische Konzeption und Strategie sein sollte, nicht zu verhindern. Das Wahlprogramm mit seinem Identitätsangebot PDS als Partei der sozialen Gerechtigkeit, als Friedenspartei und als Partei, die insbesondere Ost-Interessen vertritt, konnte nicht von der regionalen Anbindung der PDS ablenken, selbst wenn sich die Wahrnehmung der Differenzen zwischen Ost und West in Deutschland auf beiden Seiten gewandelt hat und diese nicht mehr als Ausdruck eines manifesten Konflikts betrachtet werden. Da half es der Partei wenig, zur Ergänzung der repräsentierten &#8222;Ost-Interessen&#8220; als &#8222;Westangebot&#8220; Konflikte und Probleme zu thematisieren, die in der westdeutschen Teilgesellschaft wirklich existieren. Dass die angebotenen Problemlösungen nicht auf Akzeptanz stießen hatte jenseits des oben erwähnten Generalverdachts zum einen mit der berechtigten Vermutung fehlender Kompetenz zu tun, zum anderen jedoch mit dem spezifischen Wertangebot der PDS, auf dessen Grundlage heute auf Dauer keine Allianz zwischen einer kleinen politischen Elite und einer breiteren sozialen Basis mehr bestehen kann. Denn die PDS, die sich im Osten Deutschlands lange Zeit daran erfreuen konnte, als politische Repräsentantin der sozialen Gerechtigkeit zu gelten, findet für diesen Anspruch im Westen außerhalb eines eng begrenzten Spektrums kaum Resonanz. Da hilft es auch nicht, auf Themen auszuweichen, für die &#8211; siehe das Beispiel &#8222;Sozialismus&#8220; &#8211; keine Nachfrage besteht oder &#8211; siehe das Beispiel &#8222;AntiKriegs-Partei&#8220; &#8211; keine politischen Ressourcen jenseits der Rhetorik zu erkennen sind. Und dann sind da noch die alten Hirsche im Revier.</p>
<h3 class="">Auf das falsche Pferd gesetzt</h3>
<p>Weshalb glaubte die PDS trotz ihrer geringen Akzeptanz in der westdeutschen Öffentlichkeit und ohne politische Persönlichkeiten mit hohem Aufmerksamkeitswert, in der West-Wählerschaft auf breitere Resonanz zu stoßen? Wie konnte man übersehen, dass die West-Gliederungen trotz der nicht geringen materiellen und sonstigen Unterstützung durch die ostdeutschen Landesverbände und die Bundespartei überfordert waren? Die rund 4.500 Mitglieder in der alten Bundesrepublik reichen als Basis für eine Parteiorganisation nicht aus. Der Zulauf zur Partei ist nach wie vor gering, ebenso die Verweildauer der neuen Aktivisten, und bei den Überläufern von SPD und Grünen handelt es sich zu oft um frustrierte Kader ohne Hoffnung auf eine weitere politische Karriere. Prominente Mandatsträger oder profilierte Intellektuelle jedenfalls wechseln in der Regel nicht zur Partei des Demokratischen Sozialismus. Ohne gesellschaftliche Basis aber kann aus der West-PDS keine Volkspartei werden. Ein Großteil der Neuzugänge, darunter vor allem die Aktivisten aus dem altlinken westdeutschen Spektrum, wird von ostdeutschen PDSlern mit diffusen Vorbehalten betrachtet. Denn der Kern des PDS-Milieus ist weiterhin antiwestlich in dem Sinn, dass er die West-Linken nicht als &#8222;Fleisch vom eigenen Fleische&#8220; betrachtet. Aus dieser Perspektive sind westdeutsche Sozialisten vielleicht momentan nützlich &#8211; vor allem aber hoffentlich bald entbehrlich.</p>
<p>Das ist jedoch nur eine Seite des innerparteilichen Ost/West-Gegensatzes; zur anderen gehört, dass auch die PDSler im Westen oft ein gespanntes Verhältnis zur und Vorbehalte gegenüber der Bundespartei haben. Dazu mag beigetragen haben, dass das Projekt &#8222;Westaufbau&#8220; ohne große Begeisterung betrieben wurde. Zwar wurde die PDS als Trägerin eines neuen linken sozialistischen Parteienprojekts von den Teilen der westdeutschen Linken willkommen geheißen, die hofften, mit ihrer Hilfe eigene Organisationsprobleme zu lösen oder gar aus ihrem Ghetto ausbrechen zu können, in dem sie gefangen sind, solange die SPD und die Grünen noch den Ruf genießen, zumindest einen linken Flügel, wenn auch oft ohne Federkleid, zu haben. Doch die PDS verweigerte nach anfänglichem Schnuppern im Sommer 1990 den interessierten westdeutschen Linken ein integriertes Bündnis und die verweigerten sich, mit wenigen Ausnahmen, dann der PDS. Dazu trug bei, dass nach Gregor Gysi weder Lothar Bisky und erst recht nicht Gabi Zimmer bereit waren, den Gang nach Westen gegen die Bedenken des Milieus der PDS und dessen mentale Vorbehalte zu betreiben. Offensichtlich wollte man der eigenen Klientel nicht zumuten, seine Identität und Zustimmung zum &#8222;Sozialismusversuch DDR&#8220; aufzugeben und sich an eine linke Kultur zu gewöhnen, die eher von bundesrepublikanischen bzw. gesamtdeutschen Fragestellungen bestimmt wird. Wenn die PDS auf die Leistungen ihrer Vorgängerpartei verwies (was zuletzt mit sehr kritischen Untertönen geschah), wurde ihr von westlicher Seite entgegengehalten, dass ihr die spezifischen Erfahrungen aus dem Klassenkampf in der alten BRD fehlen und dass sie einem Konzept des modernisierten Sozialismus anhängt, das auf einer tendenziell anachronistischen Grundlage basiert: dem reformierten Sozialismuskonzept aus DDR-Zeiten, dem der Bezug zu den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen fehlt. Diese Kritiker kamen zu dem Schluss, dass die Unfähigkeit der Partei, einen kontinuierlichen offenen Diskussionsprozess über das Projekt &#8222;Moderner Sozialismus&#8220; zu organisieren, nur bedeuten könne, dass daran innerhalb der PDS kein Interesse bestünde. Andere Altlinke zeigten sich skeptisch gegenüber der pragmatischen Praxis der PDS in ostdeutschen Regierungen, die sie als Abweichung von der außerparlamentarischen Oppositionsstrategie betrachten. In der ostdeutschen PDS war man dagegen über Versuche der ideologischen Bevormundung, über Autonomieansprüche, über sektiererische Tendenzen sowie über Bündnisse mit mehr als dubiosen politischen Gruppierungen irritiert, die vielfach als parteischädigend betrachtet wurden. Diese Haltung verhinderte nicht, dass ehemalige Westlinke in den Parteivorstand gewählt wurden, obwohl manche von ihnen der PDS, wie die PDS ihnen, fremd waren und sind.</p>
<h3 class="">Der Traum ist aus&hellip;</h3>
<p>Dieser parteiinterne Integrationsprozess ist oft konfliktträchtig und neuerdings sogar paradox für die PDS verlaufen. So wurden bei den Vorstandswahlen auf dem Parteitag in Gera im Herbst 2002 mehrheitlich Vertreter von Politikauffassungen aus West wie Ost erkoren, die sich deutlich an traditionellen Konfliktmustern und tendenziell dogmatischen Sozialismuskonzepten ausrichten, nicht jedoch an PDS-typischen &#8222;Ost-Interessen&#8220;. Die sind künftig der Vorsitzenden Zimmer als Spielwiese überlassen und sollen kein zentrales Identitätsmerkmal der PDS mehr sein. Könnte das nicht als ein Fortschritt auf dem Wege der PDS in ihre gesamtdeutsche Zukunft gesehen werden, wenn die PDS auf ihre ausgeprägte ostdeutsche Duftmarke verzichten würde? Einiges spricht dafür. Denn der Ost/West-Konflikt verliert an Virulenz, wie beispielsweise die gesamtdeutsche Solidarität während der Flut gezeigt hat. Eine neue, nicht länger DDR-bestimmte, sondern regional sowie soziokulturell akzentuierte Ost-Identität, die zugleich die Abkehr von der bisherigen &#8222;Ostalgie&#8220; bedeutet, entzieht der PDS nach und nach ihren wesentlichen Existenzgrund. Handelt die &#8222;neue&#8220; PDS da nicht durchaus rational, wenn sie nicht mehr den innerdeutschen Ost/West-Konflikt, sondern den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit (wenn auch verwässert als Konflikt zwischen arm und reich) zu ihrem Thema machen will? Allerdings bestünde dann die Gefahr, dass sich für dieses &#8222;neue&#8220; alte Produkt Sozialismus keine relevante Nachfrage findet und der Partei dann &#8211; ihres Regionalvertretungsanspruches beraubt und in mindestens zwei internen Lagern hausend &#8211; die Bedeutungslosigkeit droht. Skeptikern erscheint angesichts dieser Alternative pragmatischer, was die Landesverbände der PDS in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern versuchen, nämlich relevante politische Probleme praktisch zu lösen und damit die Existenzberechtigung und zugleich die Zukunftsfähigkeit der Partei zu beweisen. Denn der Weg zur gesamtdeutschen Partei hat der PDS nur neue Depressionen verschafft, und auch ihre Leistungen im Osten haben nicht zu einer Konsolidierung geführt. Wäre es da nicht angemessen, die diversen politischen linken Biotope des Westens in ihrem Saft schmoren zu lassen, den unverdrossen vorgetragenen Avantgardeanspruch aufzugeben und sich von der Idee zu verabschieden, das Projekt &#8222;Go West, PDS&#8220; rette nicht nur die ostdeutsche PDS vor dem Absinken in den Dunst der Region, sondern verwandele sie zur gesamtdeutschen sozialistischen Partei?</p>
<p>Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist nicht in Sicht. Die Wahrheit sieht wohl eher so aus: Die PDS hat ihre historische Kernaufgabe erledigt, einen Teil der ostdeutschen Gesellschaft in das System der Bundesrepublik zu integrieren. Jetzt wird sie dort nicht mehr unbedingt gebraucht und im Westen ist sie ganz und gar überflüssig. Mit ihrem gegenwärtigen Anspruch wirkt die Partei nur noch anachronistisch. Das Scheitern des Sozialismus hat bislang keine Nachfrage nach einem neuen Versuch erzeugt, und ob der Bedarf eines Tages entsteht, hängt nicht von der PDS ab. Die Partei sollte sich nach den Niederlagen in Ost und West darüber verständigen, wozu sie notwendig ist — nach über zwölf Jahren Praxis muss sie ihre Strategie der gesellschaftlichen Realität anpassen. Über die Zukunft der PDS werden die Wähler entscheiden; vorausgesetzt, sie erinnern sich an die Partei, die jetzt erfahren hat, was zuerst Kinder erfahren: Träumen ist das eine, machen das andere.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/die-pds-nach-dem-absturz-im-osten-im-westen-am-ende/">Die PDS &#8211; nach dem Absturz im Osten im Westen am Ende?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Jahre der Entscheidung</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/jahre-der-entscheidung-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2026 11:22:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Theoriemagazin Perspektive 21 der SPD in Brandenburg hat das Schwerpunktthema seiner jüngsten Ausgabe überschrieben mit &#8222;Ende der Nachwendezeit. PDS am Ende?&#8220;. Bezugspunkt für diesen Titel war die erste Regierungserklärung des neu gewählten brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD), in der er darlegte: &#8222;Zwölf Jahre nach der Wiedergründung des Landes Brandenburg ist die Nachwendezeit abgelaufen. Die [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/jahre-der-entscheidung-2/">Jahre der Entscheidung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Theoriemagazin<em> Perspektive 21</em> der SPD in Brandenburg hat das Schwerpunktthema seiner jüngsten Ausgabe überschrieben mit &#8222;Ende der Nachwendezeit. PDS am Ende?&#8220;. Bezugspunkt für diesen Titel war die erste Regierungserklärung des neu gewählten brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD), in der er darlegte: &#8222;Zwölf Jahre nach der Wiedergründung des Landes Brandenburg ist die Nachwendezeit abgelaufen. Die Zeit ist zu Ende, die gekennzeichnet war durch den dramatischen Umbruch des Jahres 1989 und seine Folgen&#8220;.</p>
<p>Für die Richtigkeit dieser Prognose sprechen einige Fakten. Der wohl wichtigste: Am 22. September 2002 erlitt die PDS bei den Bundestagswahlen eine für ihr Projekt &#8222;Bundesweite Ausdehnung&#8220; verheerende Niederlage. Nicht nur im Westen, auch im Osten gingen Stimmen verloren. Die PDS ist seitdem nur noch mit zwei Abgeordneten im Deutschen Bundestag vertreten. Das miese Wahlergebnis war hausgemacht und ist wohl in erster Linie auf die mangelnde politisch-programmatische Profilierung der Partei zurückzuführen. Angesichts eines extrem personalisierten Wahlkampfes und der Frage &#8222;Stoiber oder Schröder?&#8220; haben die Wählerinnen und Wähler in der PDS keinen rechten Gebrauchswert gefunden und sich überwiegend für Rot-Grün entschieden. Doch die Wahlniederlage auf diese einmalige Konstellation zurückzuführen, würde zu kurz greifen. Denn aus den vorliegenden Wahlanalysen wird deutlich, dass die PDS, wie auch der Rest der ostdeutschen Parteienlandschaft, im Umbruch ist.</p>
<p>Die PDS hat flächendeckend verloren, also auch dort wo sie an Regierungen beteiligt ist. Daraus pauschal zu folgern, dass Regierungsbeteiligungen der PDS per se schaden, wäre allerdings eine ungedeckte Annahme. Aus Analysen ist vielmehr bekannt, dass die Mehrheit der PDS-Wählerschaft wünscht, dass die Partei sich an Regierungen beteiligt, wenn sich die Chance dazu bietet. Allerdings changiert die Erwartungshaltung der Wählerinnen und Wähler ständig zwischen zwei Polen: Vor Wahlen hegen sie vor allem die Erwartung, die PDS möge mit ihren Stimmen Schlimmeres &#8211; etwa CDU-geführte Regierungen &#8211; verhüten. Gewählt wird sie vor allem aus einer oppositionellen Haltung heraus. Nach Wahlen, in denen die PDS erfolgreich abgeschnitten hat, findet dann regelmäßig ein Perspektivenwechsel statt: nun wird erwartet, dass die PDS Verantwortung übernimmt und für jene blühenden Landschaften sorgt, die Helmut Kohl einst versprochen hat. Gelingt ihr dies nicht, so wendet sich die im Vergleich zu Westdeutschland enorm große Zahl an Wechselwählern schnell enttäuscht von ihr ab.</p>
<h3 class="">
Die Mobilisierungsfähigkeit der PDS lässt nach</h3>
<p>Bei der Bundestagswahl 2002 hat die PDS erstmals mehr Wählerinnen und Wähler an die Gruppe der Nichtwählerinnen verloren, als sie aus dieser Gruppe gewinnen konnte. Die Wahlbeteiligung lag bei 79 Prozent (1998: 82 Prozent). Dort, wo die PDS am stärksten verloren hat, ist auch die Wahlbeteiligung besonders niedrig. So lag sie zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern bei 71 Prozent und in Sachsen-Anhalt gar bei 68 Prozent. Das lässt auf eine abnehmende Mobilisierungsfähigkeit der Partei schließen, die sich von der Situation 1998 insofern unterscheidet, als die PDS dort von einer hohen Bereitschaft zum Politikwechsel auf Seiten der Wählerinnen und Wähler profitierte.</p>
<p>Besonders deutlich trat dieses Mobilisierungsdefizit der PDS in ihren Hochburgen zu Tage, die in der Regel in den Verwaltungszentren der ehemaligen DDR liegen. Dies kann bedeuten, dass die vormalige &#8222;Dienstklasse&#8220; der DDR samt ihrem Nachwuchs und Anhang, die bislang den wichtigsten Sockel der PDS-Wählerbasis stellte, als Wählerreservoir an Bedeutung verliert. Die Gründe hierfür liegen auch in demografischen Veränderungen und dem Wegzug der Leute in die alten Bundesländer. Doch ist nicht zu übersehen, dass die alten Mittel- und Oberschichten der DDR sich von der Partei abwenden. Die PDS verliert die Kernsubstanz ihrer Wählerschaft. Das traditionelle sozio-politische Umfeld der SED-Nachfolgepartei bricht damit weg &#8211; und dies möglicherweise endgültig. Die Gewinnung neuer Wählerschichten, wie sie der PDS bei den Wahlen 1998/1999 sowie 2001 sehr gut gelungen war, ist jedoch offensichtlich nicht stabil genug, um dauerhaft ausgleichend zu wirken. Entsprechenden Prognosen eines dauerhaften Zweitstimmenanteils der PDS von rund 20 Prozent in Ostdeutschland müssen demnach &#8211; zumindest nach derzeitiger Lage &#8211; nach unten korrigiert werden. Eine wichtige Rolle spielt hierfür das Verhalten der Jungwähler. Im Unterschied zu den vorangegangenen Wahlen ist es der PDS bei den Bundestagswahlen 2002 nicht gelungen, ihr traditionell gutes Abschneiden bei den Erstwählerinnen und Erstwählern zu wiederholen. Sie erzielte am 22. September 2002 bei allen Wählerinnengruppen annähernd gleiche Ergebnisse und stellt damit einen Sonderfall bei den Parteien dar. Die PDS hat in den Altersgruppen der 18- bis 29-jährigen sowie der 30- bis 44jährigen jeweils zwei Prozentpunkte und in den weiteren Altersgruppen jeweils einen Prozentpunkt verloren. Die FDP konnte aus gesondert zu analysierenden Gründen bei den 18- bis 29-jährigen im Verhältnis zu ihrem Resultat bei den anderen Altersgruppen die höchste Zustimmung erringen und sich hier um 3 Prozentpunkte steigern. Doch auch die Grünen konnten in diesem WählerInnen-Segment zwei Prozentpunkte zulegen.</p>
<p>Aus diesen Daten lässt sich schlussfolgern, dass die weitläufig vertretene Annahme, im Osten Deutschlands habe sich seit 1990 ein stabiles Dreiparteiensystem herausgebildet, möglicherweise korrigiert werden muss. Bislang haben SPD, CDU und PDS dort zusammen weit über 80 Prozent der Stimmen gebunden. Bündnis 90/Die Grünen und die FDP erlangten in den neuen Bundesländern hingegen kaum politische Relevanz. Es zeigte sich jedoch, dass die FDP in jüngster Zeit in den neuen Ländern signifikant zugelegt hat. Zwar scheiterte sie bei der zeitgleich zur Bundestagswahl durchgeführten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,7 Prozent an der 5-Prozent-Hürde, doch wäre sie bezogen auf die Bundestagszweitstimmen mit 5,4 Prozent sicher im Landtag gewesen. In ihrer Hochburg Sachsen-Anhalt steigerte sich die FDP bei den Bundestagszweitstimmen um 3,9 Prozent und wäre auch hier mit 7,0 Prozent stabil im Landtag vertreten gewesen &#8211; wenngleich sie ihr überragendes Stimmergebnis der vergangenen Landtagswahl bei den Wahlen zum Bundestag nicht erreicht hat. Dieses Ergebnis ist jedoch ein Sonderfall, der eher der Schwäche der CDU und daraus folgendem taktischen Wahlverhalten des Elektorats zuzurechnen ist.</p>
<h3 class="">
Was die Partei tun muss</h3>
<p>Dieser Befund stellt für die PDS nicht zwangsläufig das politische Ende, aber doch ein erhebliches Problem dar. Sie ist zwar nach wie vor eine im Osten etablierte Regional- und Milieupartei, doch haben sich die bereits 1998 feststellbaren Risse im Wählerfundament der PDS vergrößert. Künftig wird das Etikett, &#8222;Interessenvertretung Ostdeutschlands&#8220; zu sein, kein Garant für Wahlerfolge mehr darstellen, wenn mit diesem Anspruch nicht eine glaubwürdige Interessenvertretung verbunden werden kann. Anfang der 1990er Jahre hat die PDS gerade auf diese Weise ihre Erfolgsgeschichte beginnen können: Ihr Weg führte sie zurück von der entrückten Staatspartei SED in die Mitte der Ost-Gesellschaft &#8211; und dann mit der Ost-Gesellschaft in die neue Gesellschaft hinein. Die Partei lebte damals tatsächlich stark von unten her. Sie konnte durch Zuhören Vertrauen aufbauen, selbst soziale Kompetenz gewinnen und darüber den politisch Stummen eine Stimme gegeben. Sie wurde gerade dadurch zum politischen Bezugspunkt vieler, die nach ihren eigenen &#8211; nicht von der Partei oktroyierten &#8211; Maßstäben ihren Platz in der neuen Gesellschaft bestimmen wollten. Zehn Jahre später nimmt die Neigung zu, Ansprüche fern von den realen Möglichkeiten der Partei zu formulieren. Wie stark Realität und Wunsch mittlerweile auseinanderklaffen wurde während der Hochwasserkatastrophe deutlich, als tatsächlich eine &#8222;Partei von unten&#8220; gebraucht und gewünscht wurde &#8211; da war die PDS als Gesamtpartei strukturell und konzeptionell nicht zu erkennen.</p>
<p>Nur durch die Etablierung eines politischen und strategischen Gebrauchswertes, eines Alleinstellungsmerkmals, das sie von den anderen Parteien klar unterscheidet, wird es der PDS in Zukunft gelingen, neue Wählerschichten vor allem in den alten Bundesländern zu gewinnen und dauerhaft an sich zu binden. Denn im Unterschied zu den Grünen, die 1990 aus dem Bundestag herausgewählt wurden, und im Osten so schwach sind wie die PDS im Westen, reicht das PDS-Wählerpotenzial zwischen Kap Arkona und Zwickau nicht aus, um bundesweit 5 Prozent der Stimmen zu erringen &#8211; für die Grünen zwischen Amrum und Konstanz dagegen funktioniert diese Strategie aufgrund der höheren Bevölkerungszahl. Nur dann, wenn es der PDS gelingt, überzeugende Reformvorschläge für die drängenden gesellschaftlichen Fragen zu entwickeln und mit der-ihr zugesprochenen Kompetenz für soziale Gerechtigkeit zu verbinden, wird die Partei politische Anerkennung wiedergewinnen bzw. vielfach erstmals erlangen. In der laufenden Legislaturperiode wird sich demnach die Frage entscheiden, ob es mit der PDS einer Partei links von SPD und Grünen gelingt, den programmatischen Sprung von der Strukturbewahrung, insbesondere im Bereich des Sozialstaates, zur &#8222;Substanzerneuerung&#8220; im Sinne der Herstellung sozialer Gerechtigkeit bei der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme, der Überwindung der staatlichen Finanzkrise und der Neuorientierung föderaler Strukturen zu vollziehen. Gelingt ihr dies nicht, könnte das Ende der Nachwendezeit möglicherweise wirklich synonym für das Ende der PDS als gesamtdeutscher Linkspartei stehen.</p>
<h3 class="">
Literatur</h3>
<p><em>PDS-Parteivorstand (Hg.)</em> 2001: Die Mitgliedschaft, der große Lümmel. Studie zur Mitgliederbefragung 2000 der PDS; in: Pressedienst der PDS, Berlin</p>
<p><em>SPD-Brandenburg (Hg.)</em> 2002: Ende der Nachwendezeit. PDS am Ende?; in: Perspektive 21 &#8211; Brandenburgische Hefte für Wissenschaft und Politik, Heft 17</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/jahre-der-entscheidung-2/">Jahre der Entscheidung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Von der äußeren zur inneren Einheit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/von-der-aeusseren-zur-inneren-einheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2026 11:28:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Deutschland ist vereint, die Deutschen sind es nicht. Wir leben in einem gemeinsamen Staat, aber nach wie vor in zwei Gesellschaften, die sich wenig oder gar nicht füreinander öffnen. Doch darüber zu sprechen, bedarf fast einer Rechtfertigung. Im Ostteil der Republik ist das Thema innere Einheit kaum noch ein Thema, weil Enttäuschung und Trotz es [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Deutschland ist vereint, die Deutschen sind es nicht. Wir leben in einem gemeinsamen Staat, aber nach wie vor in zwei Gesellschaften, die sich wenig oder gar nicht füreinander öffnen. Doch darüber zu sprechen, bedarf fast einer Rechtfertigung. Im Ostteil der Republik ist das Thema innere Einheit kaum noch ein Thema, weil Enttäuschung und Trotz es ersticken, im Westteil gilt es &#8211; außer wenn Wahlen anstehen &#8211; als erledigt und abgehakt. Seit Arbeitslosigkeit und Insolvenzen nicht nur den Osten, sondern auch den Westen bedrängen, hat jeder nur noch Augen für die eigenen Sorgen. Viele Nöte sind gesamtdeutsch, aber sie führen nicht zusammen, sondern noch weiter auseinander.</p>
<p>Natürlich gibt es Einwände. Ein besonders ignoranter lautet, zwischen Bayern und Hamburgern bestünden mindestens so große Unterschiede wie zwischen West- und Ostdeutschen. Aber zwischen Sachsen und Mecklenburgern sind Abstand und wechselseitige Vorurteile nicht geringer. Was Ost- und Westdeutsche trennt, sind nicht Dialekt und Landsmannschaft, sondern vierzig Jahre Leben in unvereinbaren, einander feindlichen Systemen, die jeden formten und prägten &#8211; auch diejenigen, die sich dagegen sträubten oder es nicht wahrhaben wollen. Selbst die Alternativen und Aussteiger im Westen bleiben der alten Bundesrepublik verhaftet, und die Dissidenten und Feinde der DDR bleiben doch Kinder dieses Staates. Dazu kommen noch dreizehn Jahre einer Vereinigungspolitik und -praxis, die tiefe Verbitterung im Osten und verärgerte Abwendung im Westen hervorrief. Bayern und Preußen sind sich fremd, aber sie verachten einander nicht. Wenn der Vergleich überhaupt etwas hergibt, dann höchstens für einen Definitionsversuch dessen, was die Vereinigung erreichen soll, nämlich einen Zustand, in dem Ost- und Westdeutsche einander nicht ferner stehen als Schwaben und Friesen oder Thüringer und Pommern.</p>
<p>Ernster erscheint schon der Hinweis, dass die schlimmsten Auseinandersetzungen zwischen Ost und Ost stattfinden. Kein Zweifel, eine ganze Skala von Vorbebalten bis zu blankem Hass trennt einstige Bürgerrechtler von einst Regime-Nahen, zuweilen auch Bürgerrechtler untereinander. Besonders böse geht es zwischen ostdeutschen Schriftstellern zu, die unter einem uneingestandenen Rechtfertigungszwang leiden; die einen, weil sie in den Westen gegangen sind, die anderen, weil sie nicht dorthin gingen. Jeder verteidigt heute seinen Lebensweg, es gibt keine Verständigung mehr, und aus alten Freunden werden unversöhnliche Feinde. Aber bei alledem handelt es sich um die Zwiste kleiner Gruppen, die für die Allgemeinheit wenig interessant sind. Vor allem besagt die Existenz eines Streits nichts gegen die Existenz eines anderen.</p>
<p>Auch die &#8222;Wossis&#8220; verändern das Gesamtbild nicht wesentlich. Von den Westlern, die jetzt im Osten leben, werden viele zu hilfreichen Interpreten oder sogar vehementen Vertretern des Ostens. Hier ist ein Stück weit eine neue deutsch-deutsche Realität entstanden: Es gibt Ost-Studenten im Westen und auch West-Studenten im Osten. Je jünger die Leute sind, desto leichter finden sie zueinander, das Zusammenwachsen kommt mit dem Heranwachsen neuer Generationen &#8211; gewiss ist das allerdings nicht. Wir haben Inseln der Vereinigung, wo erreicht wird, was das ganze Land braucht. Aber es sind nur Inseln, umgeben vom großen Meer aus Unkenntnis und Unverständnis.</p>
<p>Nicht falsch sind manche historische Verweise. Von Theodor Storm stammen einige herrliche Sätze, in denen er das Auftreten und die Anmaßung der Preußen schildert, nachdem sie sich 1867 Schleswig und Holstein einverleibt hatten. Wer darin Preußen durch &#8222;Wessis&#8220; ersetzt, hat einen aktuellen Text, der im Osten genüsslich zitiert und weitergereicht wird. Aber man kann Storm auch optimistisch lesen: Trotz alledem, was damals war, entstand ein einheitliches Deutschland. Auch von den Polen kann man lernen. Mehr als hundert Jahre war ihr Land dreigeteilt und doch schafften sie zwischen 1919 und 1939 die Verschmelzung der russischen, österreichischen und deutschen Gebiete zu einem einheitlichen Staat. Auf lange Sicht gibt all das Hoffnung &#8211; aber nur, wenn man es nicht bei nationalem Gottvertrauen lässt.</p>
<p>Vor zwölf Jahren, im Juli 1991, notierte ein westdeutscher Beobachter zehn Empfehlungen für den Umgang der Deutschen miteinander. Sie waren glücklich vereinigt, aber stellten damals, ein Jahr nach der Währungsunion, enttäuscht und erschreckt fest, wie fremd sie einander geworden waren. Die Ratschläge werden hier resümiert, weil sie einen Anhalt geben können, was sich seitdem verändert hat und was immer noch so ist wie damals.</p>
<p><em>Erstens:</em> Wir sollten wissen, wie wenig wir voneinander wissen. Nach vierzig Jahren Teilung und Trennung ist Unkenntnis erklärlich; und man könnte sie langsam verringern, wenn nicht die meisten glaubten, sie wüssten ausgezeichnet Bescheid. Dieses Halbwissen festigt sich zur Überzeugung, je mehr die gängigen Vorurteile sich zu bestätigen scheinen. Die Westdeutschen meinen, dass die Ostdeutschen eben doch von ihrem Kommunismus verdorben worden seien; und den Ostdeutschen scheint es, als hätten die SED-Propagandisten doch nicht so unrecht gehabt, denn die Westdeutschen seien tatsächlich vom Kapitalismus menschlich ruiniert.</p>
<p><em>Zweitens:</em> Wir sollten nichts für selbstverständlich nehmen. Wir sprechen dieselbe Sprache, gehören derselben Nation an und hegen dieselben elementaren Wünsche, da ist zwar anzunehmen, der andere empfinde, denke und reagiere wie man selbst, doch allzu oft tut er es nicht. Wer bei seinem deutschen Gegenüber gleiches Verhalten voraussetzt, erfährt leicht Enttäuschungen. Wer hingegen den anderen für anders hält, erlebt angenehme Überraschungen und bewahrt sich den Weg zum Verständnis.</p>
<p><em>Drittens:</em> Wir sollten mehr beobachten als beurteilen. Nötig ist, erst einmal festzustellen, was ist, warum es so ist und weshalb es meistens nicht anders sein kann. Nur wer versteht, darf auch verurteilen. Nur wer versteht, vermag auch zu würdigen. Er kann Nöte der Ostdeutschen bedenken, die nicht sichtbar sind; und kann auch Leistungen achten, die nicht &#8222;Weltspitze&#8220; sind. Er kann erkennen, dass es auch in Westdeutschland Armut gibt und dass Wohlstand dort oft teuer bezahlt wird.</p>
<p><em>Viertens:</em> Wir sollten Verallgemeinerungen fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Nicht jeder Ostdeutsche jammert und klagt, nicht jeder Westdeutsche fährt nur deshalb nach Osten, weil er ein Haus wiederhaben will. Nicht alle Ostdeutschen sind ohne Initiative und nicht alle Westdeutschen arrogant.</p>
<p><em>Fünftens:</em> Wir sollten uns bewusst machen, dass die politischen Philosophien und unterschiedlichen Lebensformen tiefe und lang andauernde Wirkungen haben. Westdeutsche denken ökonomisch, Ostdeutsche denken sozial. Das ist stark vereinfacht, aber beweist sich täglich. Wenn die Vereinigung nicht weiter misslingen soll, werden die Westdeutschen begreifen müssen, dass die soziale Betrachtungsweise ihrer Landsleute nicht nur kommunistischer Erziehung und fürsorglicher Kumpanei entspringt: hier zeigen sich auch Spuren einer anderen Lebensauffassung, in der Effizienz und Erfolg nicht alles bedeuten. Aber ebenso müssen die Ostdeutschen sich klarmachen, dass sie nicht beides haben können, den Lebensstandard des Westens und die Gemütlichkeit des Ostens.</p>
<p><em>Sechstens:</em> Wir sollten uns vor Perfektionismus hüten. Es gibt Probleme, die kann man nicht lösen, sondern nur entschärfen. So ist die Hinterlassenschaft von Stasi und SED auf keine Weise befriedigend zu ordnen &#8211; was immer man tut, viele Beteiligte oder Betroffene werden unzufrieden sein, und zwar mit Grund. Gerechtigkeit kann es nicht geben, sondern nur eine möglichst große Annäherung daran. Und das gilt nicht nur für die politische, sondern auch für die soziale Gerechtigkeit.</p>
<p><em>Siebtens:</em> Wir sollten, wenn es Konflikte gibt, fragen, ob wir nicht selbst schuld sind. Kein Kanzler oder Fachminister hat sich nach 1990 die Mühe gemacht, den Ostdeutschen geduldig und ausführlich zu erklären, was die Rentenregelungen, das neue Steuerrecht und die Modernisierung von Wirtschaft und Landwirtschaft für sie bedeuten. Kein führender Politiker hat sich nach der Einheit hingestellt und gesagt, warum getan wird, was getan werden muss und wie groß die Lasten werden. Kein persönliches Wort, nur administrative Bekanntmachungen, keine überzeugende Geste der Teilnahme, nur routinierter Optimismus. Nicht das Volk ist schuld, wenn es die Regierung nicht versteht; die Regierung ist schuld, weil sie sich nicht verständlich macht. Wenn wir daran nichts ändern, enden auch wir eines Tages bei Brechts Empfehlung an die Regierung, das Volk aufzulösen und sich ein neues zu wählen.</p>
<p><em>Achtens:</em> Wir sollten uns vorstellen, alles wäre umgekehrt verlaufen. Die Westdeutschen müssten sich auf die Verhältnisse einstellen, die in der DDR herrschten. Sie müssten in einer Mangelwirtschaft zurechtkommen, in einer Diktatur überleben, sich zwischen Charakter und Karriere entscheiden oder eine Balance zwischen beidem versuchen, die nie ganz gelingt. Die meisten Alt-Bundesbürger stünden ebenso rat- und hilflos vor der Ostwelt, wie jetzt viele Ex-DDR-Bürger vor der komplizierten Westwelt stehen. Wie opferwillig wären die Ostdeutschen, wenn sie die Reichen wären und die armen Bundesbürger aus wirtschaftlicher Not erretten müssten? Und wer nach treuem Dienst für die SED &#8222;abgewickelt&#8220; wurde, sollte &#8211; auch wenn ihm Unrecht geschieht &#8211; wenigstens einmal bedenken, wie seine Partei heute in Westdeutschland verfahren würde, wenn sie der Sieger wäre.</p>
<p><em>Neuntens:</em> Wir sollten wissen, dass es keine besseren und keine schlechteren Deutschen gibt. Weder Leistung noch Leid begründen eine moralische Überlegenheit. Wir sind alle das Ergebnis einer unterschiedlichen Geschichte, eine andere Erklärung gibt es nicht, denn bis 1945 waren wir noch alle gleich.</p>
<p><em>Zehntens:</em> Wir sollten allen Verstand und alle Phantasie bemühen, um das Ungleichgewicht zwischen uns zu verringern. Der Kern aller Schwierigkeiten, zueinander zu kommen, liegt im Unterschied der Kräfte. Die Westdeutschen sind sich selbst genug, die Ostdeutschen sind auf ihre Landsleute angewiesen. Die Westdeutschen fühlen sich den ehemaligen DDR-Bürgern überlegen, da fällt es schwer, bescheiden zu sein. Die Ostdeutschen fühlen sich unterlegen, da fällt es schwer, nicht sperrig zu werden und zwischen Anpassung und Anmaßung die Mitte zu halten. Schlimmer als der Verlust von Geld, Arbeitsplätzen und Lebenschancen ist die Demütigung, die damit verbunden ist.</p>
<p>Das alles wurde vor zwölf Jahren gesagt. Manches ist offenkundig überholt, anderes erscheint noch peinlich aktuell, und vieles wirkt nicht mehr richtig, aber auch noch nicht falsch. Ost- und Westdeutsche werden vermutlich unterschiedlicher Meinung sein, und es gibt genug gute Gründe zu streiten, ob und inwieweit wir der &#8222;inneren Einheit&#8220; näher gekommen sind. In jedem Falle ginge es uns besser, wenn darüber nicht mehr geschwiegen, sondern gestritten würde &#8211; wie es dankenswerter Weise in diesem Heft der vorgänge geschieht.</p>
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		<title>Die Ostdeutschen als &#8222;Handlanger&#8220;?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/die-ostdeutschen-als-handlanger/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2026 11:34:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mit dem Hineinströmen der Ostdeutschen in die Bundesrepublik im Jahr 1990 wurde bei den Westdeutschen auch das Bedürfnis wachgerufen, ihre eigene Identität gegen die so anders erscheinenden Deutschen aus dem Osten zu behaupten. Um mit den Ostdeutschen umzugehen, musste man sich von ihnen abgrenzen, ihre Andersartigkeit erklären oder sie zumindest in irgendeiner Weise etikettieren oder [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Mit dem Hineinströmen der Ostdeutschen in die Bundesrepublik im Jahr 1990 wurde bei den Westdeutschen auch das Bedürfnis wachgerufen, ihre eigene Identität gegen die so anders erscheinenden Deutschen aus dem Osten zu behaupten. Um mit den Ostdeutschen umzugehen, musste man sich von ihnen abgrenzen, ihre Andersartigkeit erklären oder sie zumindest in irgendeiner Weise etikettieren oder einordnen. Das produzierte bestimmte Stereotype von den Ostdeutschen, die auch heute noch Geltung haben.</p>
<p>Neu ist die Konstruktion solcher Heterostereotype, fest gefügter Bilder vom Anderen, nicht. Wie Identitäten durch mehr oder minder unbewusst erfolgende, stigmatisierende Alteritäts-Konstruktionen stabilisiert wurden und werden, zeichnete der Historiker Wolfgang Reinhard kürzlich am Beispiel des negativen Spanier-Bildes in den neuzeitlichen europäischen Kulturen nach. Er stieß dabei auf ein weit verbreitetes und auch heute noch anzutreffendes mentales Konstrukt, das Juliän Juderfas bereits 1914 <em>La Leyanda negra,</em> die schwarze Legende, getauft hatte (vgl. Reinhard 2001: 159ff.). Die vier Eckpunkte des dort kondensierten Spanien-Bildes waren die Greuel der Inquisition und der Conquista, die Schandtaten Phillips II. und schließlich die &#8222;tyrannischen Absichten&#8220; und die &#8222;perverse Natur&#8220; der Spanier überhaupt.</p>
<p>Ähnliche Mechanismen der Identitätszuschreibung lassen sich für das westdeutsche Bild von den Ostdeutschen beobachten. Dieses Bild spannt sich zwischen vier Eckpunkten auf.</p>
<p>Der erste Punkt wird durch die Thematisierung von &#8222;Terror und Repression&#8220; markiert. Prototypisch für diese Position ist vor allem die These, dass sich &#8211; außer einer Clique von Verbrechern &#8211; niemand mit der DDR, ihren Werten und ihrer Praxis arrangiert oder gar identifiziert hätte, so dass die Gesellschaft lediglich durch Repressionen, Angst und Opportunismus zusammengehalten worden sei. Darüber hinaus kompensiert man im Westen die verfehlte Sühnung und die ebenso verspätet wie einseitig vorgenommene Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die Gegenüberstellung der bundesdeutschen Demokratie mit &#8222;den beiden deutschen Diktaturen&#8220;.</p>
<p>Den zweiten Eckpunkt bildet das Thema &#8222;Mangel und wirtschaftliche Insuffizienz&#8220;. Durch die damit einhergehende inflationäre Verwendung des Terminus &#8222;marode&#8220; ist die deutsche Alltagssprache zwar um ein neues Wort bereichert worden, doch der Blick auf jene politischen Konstellationen und internationalen Ausbeutungsverhältnisse, ohne die der bundesdeutsche Wohlstand nicht zu erklären ist, wurde nachhaltig verstellt.</p>
<p>Vom dritten Eckpunkt aus blickt man ästhetisierend auf den Osten. Den bundesdeutschen Perzeptionsmustern gemäß findet man im Ost-Alltag vor allem ärmliche Biederkeit &#8211; und in der Ästhetisierung von Politik, Macht und Tradition lediglich brutal-diktatorischen Pomp. Da die West-Beobachter dazu neigen, die ideologischen Inhalte der politischen Formensprache auszublenden, rufen diese Formen bei den West-Betrachtern lediglich deren innere Bilder vom Nationalsozialismus (andere ästhetische Inszenierungen scheinen nicht so präsent zu sein) wieder in Erinnerung.</p>
<p>Vom vierten Eckpunkt aus werden die sozialisatorischen und mentalen Effekte des Lebens in der DDR thematisiert. Hier bildet man die Andersartigkeit der Ostdeutschen mittels des Konstrukts der &#8222;seelischen Deformation&#8220; ab. Als manifeste Sozialisationsprodukte der DDR-Gesellschaft werden den Ostdeutschen jene Eigenschaften zugeschrieben, welche die Westdeutschen &#8211; ihrem eigenen Selbstbild nach &#8211; erfolgreich abgelegt haben, nämlich Autoritarismus und gefügige Verantwortungslosigkeit, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Indifferenz gegenüber dem Erbe des Nationalsozialismus.</p>
<p>Die Existenz der Diktatur oder wirtschaftlicher Effizienzdefizite sind ebenso gewiss, wie die Andersartigkeit ästhetischer und sozialisatorischer Muster in der DDR. Die stereotype Reduktion der Ostdeutschen auf diese Gewissheiten scheint jedoch vor allem ein Akt westlicher Selbstversicherung zu sein. Das zeigt sich besonders dann, wenn es in der Diskussion nicht mehr um die DDR, sondern um die Gegenwart geht.</p>
<h3 class="">Sind die Ostdeut&shy;schen schuld?</h3>
<p>Vor allem das unselige Deformations-Stereotyp wurde kürzlich wieder in Dienst genommen, als der Historiker und Publizist Arnulf Baring in der Welt die schlechte Lage im Osten beschrieb und nach Erklärungen suchte (vgl. Baring 2002). Die Krisensymptome, die Baring nennt, sind unbestritten und treffen in besonderer Weise den Osten und seine Bevölkerung: die Arbeitslosigkeit, die Abwanderung, die Entvölkerung und Vergreisung des Landes. In den zwölf Jahren seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik sind über zwei Millionen Ostdeutsche in den Westen abgewandert &#8211; ebenso viele wie in den zwölf Jahren zwischen der Gründung der DDR und dem Mauerbau. Die größte Rolle im Mobilitätskalkül der einfachen Deutschen scheint damals wie heute das Wohlstandsversprechen des Westens zu spielen. Die anhaltende Krise trifft die Ostdeutschen vor allem auch deswegen so hart, weil den Familienverbänden eben jene Reserven fehlen, die die Eltern- und Großelterngenerationen andernorts in den fetten Dekaden akkumulieren konnten. Eine fünfzigjährige Ärztin ist im Westen meist aus allen Schwierigkeiten heraus, im Osten feiert sie heute das zehnjährige Jubiläum der Niederlassung und den Langmut der Bank. Wer im Osten noch ein ganzes Arbeitsleben vor sich hat, und seine Chancen vor Ort mit denen in anderen Landstrichen verrechnet, tut also das, was überall auf der Welt getan wird: abwandern.</p>
<p>Die wirtschaftliche Misere in den neuen Bundesländern trifft jedoch nicht nur die Ostdeutschen, sie ist auch eine Herausforderung für den Westen und die dort vorherrschenden Selbstbilder. Schließlich schrieb man den wirtschaftlichen Erfolg und die politische Stabilität der Bundesrepublik vor allem der Entscheidung für das richtige, scheinbar universell erfolgversprechende Prinzip der sozialen Marktwirtschaft zu &#8211; weniger der historischen Sondersituation, die den &#8222;kurzen Traum der immerwährenden Prosperität&#8220; (Burkart Lutz) möglich machte. Im ungemütlichen Erwachen aus diesem Traum zeigt sich, dass der erlebte Weststandard nicht vollständig und dauerhaft auf das Territorium der neuen Bundesländer ausgeweitet werden kann und &#8211; aufgrund der Abwesenheit eines plausiblen alternativen Gesellschaftsmodells &#8211; auch nicht muss. Nun, nach dem Ende der Beitritts-Konjunktur wird der Abbruch des marktwirtschaftlichen Aufschwungs im Osten zu einem erklärungsbedürftigen Umstand.</p>
<p>Diesen Erklärungsbedarf füllt Arnulf Baring jetzt mit seiner These von den &#8222;seelischen Verheerungen&#8220;, die der Sozialismus einst angerichtet habe. Wie bei einer Art versäumter Alphabetisierung verhindere die psychische Deformation der Ostbevölkerung einen Aufschwung im Osten. So wird aus westlicher Perspektive die anhaltende Krise in den neuen Bundesländern zur Blamage des einstigen sozialistischen Systemkonkurrenten, nicht zur Blamage der eigenen Prinzipien.</p>
<p>Folgt man Baring, fehlen der Ostbevölkerung solche Eigenschaften wie &#8222;Verantwortungsgefühl, Risikobereitschaft und selbstsichere Unternehmensfreude&#8220; &#8211; eine Diagnose, die eine schlichte Deduktion aus den vermuteten Strukturdefiziten des Sozialismus ist. Ein unvoreingenommener Blick in soziologische Statistiken zeigt etwas anderes: Die 1990er Jahre in Ostdeutschland bieten geradezu ein Lehrstück für die vitalen Fähigkeiten einfacher Menschen, ihr Leben noch einmal in ein neues Bedingungsgefüge hinein zu entwerfen. Über 22 Prozent der einst in der DDR Beschäftigten arbeiten nach der Vereinigung in einem für sie völlig neuen Sektor, dem Dienstleistungsbereich. Bei der Gruppe der Selbständigen, auf die Baring ja rekurriert, ist es ähnlich, sie hat sich im Osten in den ersten fünf Jahren nach dem Beitritt fast verdreifacht. Solche Veränderungsschübe im Erwerbsleben hat kein deutscher Bevölkerungsteil zuvor je erlebt. Dies alles ignoriert Arnulf Baring. Das gilt auch für die Tatsache, dass die ostdeutsche Bevölkerung mit einer unblutigen Revolution eine Diktatur zum Abtritt zwang und sich für einen Systemwechsel entschied &#8211; was ebenso ein Novum in der deutschen Geschichte ist. Baring will davon nichts wissen. Offensichtlich gehört solcherart politische Laientätigkeit nicht zu dem von ihm erwünschten Traditionskanon &#8211; zudem passt sie ja auch nicht zu dem Klischee, das das sozialisatorische Erbe der DDR als eine einzige Hypothek zeigt. Zu Barings Bemühungen, das Bild von den Ostdeutschen so dunkel möglich zu malen, gehören auch seine Erwägungen, ob selbst die Nationalsozialisten &#8222;unser Volk viel weniger beschädigt haben als die Kommunisten&#8220;. Man mag hier sarkastisch anfügen: Und das, obwohl doch so wenige von den Kommunisten den Nationalsozialismus überlebten.</p>
<p>Da &#8222;seelische Verheerungen&#8220; nicht ganz so augenscheinlich sind, wie die Verheerung Europas durch Nationalsozialismus und Krieg, stützt sich Arnulf Baring beim Nachweis der psychischen Deformiertheit der Ostdeutschen auf die Thesen des Hallenser Psychoanalytikers und Therapeuten Hans-Joachim Maaz, die dieser 1990 in seinem Buch Der Gefühlsstau veröffentlichte. Allerdings übersieht Baring hierbei, dass Maaz&#8216; Diagnose von den seelischen Verletzungen und Frustrationen nicht auf dem Vergleich der sozialisatorischen Verhältnisse in der DDR mit den vermeintlich weniger krankmachenden sozialisatorischen Verhältnissen der Bundesrepublik basierte &#8211; denn den Westen kannte der Autor, als er sein Manuskript verfasste, noch gar nicht -, sondern aus dem Vergleich der realen DDR-Verhältnisse mit den aus Sicht des Therapeuten wünschenswerten Verhältnissen, welche den Menschen ein gesünderes und erfüllteres Leben ermöglichen sollten. Welche &#8222;seelischen Verheerungen&#8220; durch die Sozialisation unter normalen bundesdeutschen Verhältnissen sichtbar werden, hätte man schon 1991 in Maaz&#8216; zweitem Buch<em> Das gestürzte Volk</em> <em>oder Die unglückliche Einheit</em> nachlesen können, Baring scheint das jedoch nicht getan zu haben.</p>
<h3 class="">Der alte Traum vom neuen Menschen</h3>
<p>Die vom Kommunismus angerichteten &#8222;seelischen Verheerungen&#8220; sind nach Baring auch die Erklärung dafür, warum die &#8222;Bewohner aus den Plattenbausiedlungen&#8220; nicht in die Innenstädte ziehen wollen. &#8222;Weshalb sollten sie Freude an einem Renaissance-Erker oder einem Barockportal empfinden? Man hat sie nie gelehrt, dass dergleichen schön und für das Selbstgefühl der Bewohner wichtig ist.&#8220; Neben dem Mangel am aufschwungfördernden Distinktionsbedürfnis habe der Kommunismus auch den Sinn für die richtigen Traditionen zerstört &#8211; anders übrigens als &#8222;in unserem Nachbarland Polen&#8220;, wie der Autor betont. Dort &#8222;sind auf den Briefmarken <em>Dwors</em> abgebildet, also traditionelle Gutshäuser, kleine Landschlösschen. Auch in der Gegenwartsliteratur entdeckt Polen in überraschender Breite seine alten, adligen Traditionen wieder.&#8220; Ob die ehemaligen Stahlarbeiter aus den Plattenbausiedlungen um Nowa Huta aufgrund dieser Traditionspflege jetzt alle in die Landschlösschen oder in die Krakower Stadtvillen umgezogen sind und ein besseres &#8222;Selbstgefühl&#8220; haben, teilt Baring leider nicht mit.</p>
<p>Weiter heißt es in der Baringschen Abrechnung, den Ostdeutschen würde nicht nur die richtige, also die innige und verehrende Bezugnahme auf die Aristokratie zur Selbstbild-Stabilisierung fehlen, sondern auch die bürgerlichen Tugenden, Werte und Traditionen. Und selbst der Stolz einstiger sozialdemokratischer Handwerksmeister sei ihnen vom &#8222;Regime der Handlanger, Landarbeiter&#8220; verwehrt worden. Mit diesem Volk der &#8222;Handlanger&#8220; lässt sich natürlich auch kein Aufschwung bewerkstelligen. Eine Chance sieht der Autor deswegen nur in der Zuwanderung aus dem Westen, einer &#8222;neuartigen, friedlichen Ostkolonisation&#8220; durch die Kinder und Enkel der seit 1945 in den Westen Abgewanderten, damit sie in den neuen Bundesländern wieder &#8222;breite Mittelschichten&#8220; und &#8222;ein flächendeckendes Bürgertum&#8220; bilden können. &#8222;In dieser gesellschaftlichen Mitte wachsen aber in allen Ländern, in allen Gesellschaften der Welt Kreativität und Ver-antwortungsgefühl, Risikobereitschaft und selbstsichere Unternehmungsfreude.&#8220; Das Schema dieser Überlegungen wirkt &#8211; zumindest in Ostdeutschland &#8211; bekannt: Anstatt die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Funktionsdefizite des eigenen Systems zu reflektieren und zu reformieren, hofft man auf an die Gegebenheiten besser angepasste, auf neue Menschen. Auf den &#8222;Neuen Menschen&#8220; setzte auch schon die SED-Propaganda in den 1950er und 60er Jahren.</p>
<p>Dass aus dem Westen importierte und anders sozialisierte Mittelständler in der ostdeutschen Sonderwirtschaftszone mehr Erfolg hätten, als die einheimischen Steh-AufMännchen, ist allerdings zu bezweifeln. Denn nicht die Menschen sind das Problem und sie sollten auch nicht schwarzgeredet werden. Vielmehr muss der unpopulären Einsicht Bahn gebrochen werden, dass die goldenen Zeiten der Vollbeschäftigung, des Aufschwungs und Wachstums so nicht wiederkehren werden und dass der weitere Rückbau des Sozialstaats diese Zeiten auch nicht zurückbringt. Die Legenden über die Ostdeutschen sind in einer solchen Situation gewiss tröstlich für das gekränkte West-Gemüt, produktiv sind sie nicht.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Reinhard, Wolfgang (2001)</em>: &#8218;Eine so barbarische und grausame Nation wie diese&#8216;. Die Konstruktion der Alterität Spaniens durch die Leyanda Negra und ihr Nutzen für allerhand Identitäten; in: <em>Gehrke, Hans-Joachim (Hg.)</em>: Geschichtsbilder und Gründungsmythen, Würzburg, S. 159-177</p>
<p><em>Baring, Arnulf (2002):</em> Ostwärts liegt eine demoralisierte Gesellschaft. Entvölkerte Landschaften, seelische Verheerungen. Das Erbe des Kommunismus in den neuen Ländern; in:<em> Die Welt</em> v. 16. November 2002</p>
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