Publikationen / vorgänge / vorgänge Nr. 161: Der ostdeutsche Weg

Die Ostdeut­schen als "Handlanger"?

Mit dem Hineinströmen der Ostdeutschen in die Bundesrepublik im Jahr 1990 wurde bei den Westdeutschen auch das Bedürfnis wachgerufen, ihre eigene Identität gegen die so anders erscheinenden Deutschen aus dem Osten zu behaupten. Um mit den Ostdeutschen umzugehen, musste man sich von ihnen abgrenzen, ihre Andersartigkeit erklären oder sie zumindest in irgendeiner Weise etikettieren oder einordnen. Das produzierte bestimmte Stereotype von den Ostdeutschen, die auch heute noch Geltung haben.

Neu ist die Konstruktion solcher Heterostereotype, fest gefügter Bilder vom Anderen, nicht. Wie Identitäten durch mehr oder minder unbewusst erfolgende, stigmatisierende Alteritäts-Konstruktionen stabilisiert wurden und werden, zeichnete der Historiker Wolfgang Reinhard kürzlich am Beispiel des negativen Spanier-Bildes in den neuzeitlichen europäischen Kulturen nach. Er stieß dabei auf ein weit verbreitetes und auch heute noch anzutreffendes mentales Konstrukt, das Juliän Juderfas bereits 1914 La Leyanda negra, die schwarze Legende, getauft hatte (vgl. Reinhard 2001: 159ff.). Die vier Eckpunkte des dort kondensierten Spanien-Bildes waren die Greuel der Inquisition und der Conquista, die Schandtaten Phillips II. und schließlich die „tyrannischen Absichten“ und die „perverse Natur“ der Spanier überhaupt.

Ähnliche Mechanismen der Identitätszuschreibung lassen sich für das westdeutsche Bild von den Ostdeutschen beobachten. Dieses Bild spannt sich zwischen vier Eckpunkten auf.

Der erste Punkt wird durch die Thematisierung von „Terror und Repression“ markiert. Prototypisch für diese Position ist vor allem die These, dass sich – außer einer Clique von Verbrechern – niemand mit der DDR, ihren Werten und ihrer Praxis arrangiert oder gar identifiziert hätte, so dass die Gesellschaft lediglich durch Repressionen, Angst und Opportunismus zusammengehalten worden sei. Darüber hinaus kompensiert man im Westen die verfehlte Sühnung und die ebenso verspätet wie einseitig vorgenommene Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die Gegenüberstellung der bundesdeutschen Demokratie mit „den beiden deutschen Diktaturen“.

Den zweiten Eckpunkt bildet das Thema „Mangel und wirtschaftliche Insuffizienz“. Durch die damit einhergehende inflationäre Verwendung des Terminus „marode“ ist die deutsche Alltagssprache zwar um ein neues Wort bereichert worden, doch der Blick auf jene politischen Konstellationen und internationalen Ausbeutungsverhältnisse, ohne die der bundesdeutsche Wohlstand nicht zu erklären ist, wurde nachhaltig verstellt.

Vom dritten Eckpunkt aus blickt man ästhetisierend auf den Osten. Den bundesdeutschen Perzeptionsmustern gemäß findet man im Ost-Alltag vor allem ärmliche Biederkeit – und in der Ästhetisierung von Politik, Macht und Tradition lediglich brutal-diktatorischen Pomp. Da die West-Beobachter dazu neigen, die ideologischen Inhalte der politischen Formensprache auszublenden, rufen diese Formen bei den West-Betrachtern lediglich deren innere Bilder vom Nationalsozialismus (andere ästhetische Inszenierungen scheinen nicht so präsent zu sein) wieder in Erinnerung.

Vom vierten Eckpunkt aus werden die sozialisatorischen und mentalen Effekte des Lebens in der DDR thematisiert. Hier bildet man die Andersartigkeit der Ostdeutschen mittels des Konstrukts der „seelischen Deformation“ ab. Als manifeste Sozialisationsprodukte der DDR-Gesellschaft werden den Ostdeutschen jene Eigenschaften zugeschrieben, welche die Westdeutschen – ihrem eigenen Selbstbild nach – erfolgreich abgelegt haben, nämlich Autoritarismus und gefügige Verantwortungslosigkeit, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Indifferenz gegenüber dem Erbe des Nationalsozialismus.

Die Existenz der Diktatur oder wirtschaftlicher Effizienzdefizite sind ebenso gewiss, wie die Andersartigkeit ästhetischer und sozialisatorischer Muster in der DDR. Die stereotype Reduktion der Ostdeutschen auf diese Gewissheiten scheint jedoch vor allem ein Akt westlicher Selbstversicherung zu sein. Das zeigt sich besonders dann, wenn es in der Diskussion nicht mehr um die DDR, sondern um die Gegenwart geht.

Sind die Ostdeut­schen schuld?

Vor allem das unselige Deformations-Stereotyp wurde kürzlich wieder in Dienst genommen, als der Historiker und Publizist Arnulf Baring in der Welt die schlechte Lage im Osten beschrieb und nach Erklärungen suchte (vgl. Baring 2002). Die Krisensymptome, die Baring nennt, sind unbestritten und treffen in besonderer Weise den Osten und seine Bevölkerung: die Arbeitslosigkeit, die Abwanderung, die Entvölkerung und Vergreisung des Landes. In den zwölf Jahren seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik sind über zwei Millionen Ostdeutsche in den Westen abgewandert – ebenso viele wie in den zwölf Jahren zwischen der Gründung der DDR und dem Mauerbau. Die größte Rolle im Mobilitätskalkül der einfachen Deutschen scheint damals wie heute das Wohlstandsversprechen des Westens zu spielen. Die anhaltende Krise trifft die Ostdeutschen vor allem auch deswegen so hart, weil den Familienverbänden eben jene Reserven fehlen, die die Eltern- und Großelterngenerationen andernorts in den fetten Dekaden akkumulieren konnten. Eine fünfzigjährige Ärztin ist im Westen meist aus allen Schwierigkeiten heraus, im Osten feiert sie heute das zehnjährige Jubiläum der Niederlassung und den Langmut der Bank. Wer im Osten noch ein ganzes Arbeitsleben vor sich hat, und seine Chancen vor Ort mit denen in anderen Landstrichen verrechnet, tut also das, was überall auf der Welt getan wird: abwandern.

Die wirtschaftliche Misere in den neuen Bundesländern trifft jedoch nicht nur die Ostdeutschen, sie ist auch eine Herausforderung für den Westen und die dort vorherrschenden Selbstbilder. Schließlich schrieb man den wirtschaftlichen Erfolg und die politische Stabilität der Bundesrepublik vor allem der Entscheidung für das richtige, scheinbar universell erfolgversprechende Prinzip der sozialen Marktwirtschaft zu – weniger der historischen Sondersituation, die den „kurzen Traum der immerwährenden Prosperität“ (Burkart Lutz) möglich machte. Im ungemütlichen Erwachen aus diesem Traum zeigt sich, dass der erlebte Weststandard nicht vollständig und dauerhaft auf das Territorium der neuen Bundesländer ausgeweitet werden kann und – aufgrund der Abwesenheit eines plausiblen alternativen Gesellschaftsmodells – auch nicht muss. Nun, nach dem Ende der Beitritts-Konjunktur wird der Abbruch des marktwirtschaftlichen Aufschwungs im Osten zu einem erklärungsbedürftigen Umstand.

Diesen Erklärungsbedarf füllt Arnulf Baring jetzt mit seiner These von den „seelischen Verheerungen“, die der Sozialismus einst angerichtet habe. Wie bei einer Art versäumter Alphabetisierung verhindere die psychische Deformation der Ostbevölkerung einen Aufschwung im Osten. So wird aus westlicher Perspektive die anhaltende Krise in den neuen Bundesländern zur Blamage des einstigen sozialistischen Systemkonkurrenten, nicht zur Blamage der eigenen Prinzipien.

Folgt man Baring, fehlen der Ostbevölkerung solche Eigenschaften wie „Verantwortungsgefühl, Risikobereitschaft und selbstsichere Unternehmensfreude“ – eine Diagnose, die eine schlichte Deduktion aus den vermuteten Strukturdefiziten des Sozialismus ist. Ein unvoreingenommener Blick in soziologische Statistiken zeigt etwas anderes: Die 1990er Jahre in Ostdeutschland bieten geradezu ein Lehrstück für die vitalen Fähigkeiten einfacher Menschen, ihr Leben noch einmal in ein neues Bedingungsgefüge hinein zu entwerfen. Über 22 Prozent der einst in der DDR Beschäftigten arbeiten nach der Vereinigung in einem für sie völlig neuen Sektor, dem Dienstleistungsbereich. Bei der Gruppe der Selbständigen, auf die Baring ja rekurriert, ist es ähnlich, sie hat sich im Osten in den ersten fünf Jahren nach dem Beitritt fast verdreifacht. Solche Veränderungsschübe im Erwerbsleben hat kein deutscher Bevölkerungsteil zuvor je erlebt. Dies alles ignoriert Arnulf Baring. Das gilt auch für die Tatsache, dass die ostdeutsche Bevölkerung mit einer unblutigen Revolution eine Diktatur zum Abtritt zwang und sich für einen Systemwechsel entschied – was ebenso ein Novum in der deutschen Geschichte ist. Baring will davon nichts wissen. Offensichtlich gehört solcherart politische Laientätigkeit nicht zu dem von ihm erwünschten Traditionskanon – zudem passt sie ja auch nicht zu dem Klischee, das das sozialisatorische Erbe der DDR als eine einzige Hypothek zeigt. Zu Barings Bemühungen, das Bild von den Ostdeutschen so dunkel möglich zu malen, gehören auch seine Erwägungen, ob selbst die Nationalsozialisten „unser Volk viel weniger beschädigt haben als die Kommunisten“. Man mag hier sarkastisch anfügen: Und das, obwohl doch so wenige von den Kommunisten den Nationalsozialismus überlebten.

Da „seelische Verheerungen“ nicht ganz so augenscheinlich sind, wie die Verheerung Europas durch Nationalsozialismus und Krieg, stützt sich Arnulf Baring beim Nachweis der psychischen Deformiertheit der Ostdeutschen auf die Thesen des Hallenser Psychoanalytikers und Therapeuten Hans-Joachim Maaz, die dieser 1990 in seinem Buch Der Gefühlsstau veröffentlichte. Allerdings übersieht Baring hierbei, dass Maaz‘ Diagnose von den seelischen Verletzungen und Frustrationen nicht auf dem Vergleich der sozialisatorischen Verhältnisse in der DDR mit den vermeintlich weniger krankmachenden sozialisatorischen Verhältnissen der Bundesrepublik basierte – denn den Westen kannte der Autor, als er sein Manuskript verfasste, noch gar nicht -, sondern aus dem Vergleich der realen DDR-Verhältnisse mit den aus Sicht des Therapeuten wünschenswerten Verhältnissen, welche den Menschen ein gesünderes und erfüllteres Leben ermöglichen sollten. Welche „seelischen Verheerungen“ durch die Sozialisation unter normalen bundesdeutschen Verhältnissen sichtbar werden, hätte man schon 1991 in Maaz‘ zweitem Buch Das gestürzte Volk oder Die unglückliche Einheit nachlesen können, Baring scheint das jedoch nicht getan zu haben.

Der alte Traum vom neuen Menschen

Die vom Kommunismus angerichteten „seelischen Verheerungen“ sind nach Baring auch die Erklärung dafür, warum die „Bewohner aus den Plattenbausiedlungen“ nicht in die Innenstädte ziehen wollen. „Weshalb sollten sie Freude an einem Renaissance-Erker oder einem Barockportal empfinden? Man hat sie nie gelehrt, dass dergleichen schön und für das Selbstgefühl der Bewohner wichtig ist.“ Neben dem Mangel am aufschwungfördernden Distinktionsbedürfnis habe der Kommunismus auch den Sinn für die richtigen Traditionen zerstört – anders übrigens als „in unserem Nachbarland Polen“, wie der Autor betont. Dort „sind auf den Briefmarken Dwors abgebildet, also traditionelle Gutshäuser, kleine Landschlösschen. Auch in der Gegenwartsliteratur entdeckt Polen in überraschender Breite seine alten, adligen Traditionen wieder.“ Ob die ehemaligen Stahlarbeiter aus den Plattenbausiedlungen um Nowa Huta aufgrund dieser Traditionspflege jetzt alle in die Landschlösschen oder in die Krakower Stadtvillen umgezogen sind und ein besseres „Selbstgefühl“ haben, teilt Baring leider nicht mit.

Weiter heißt es in der Baringschen Abrechnung, den Ostdeutschen würde nicht nur die richtige, also die innige und verehrende Bezugnahme auf die Aristokratie zur Selbstbild-Stabilisierung fehlen, sondern auch die bürgerlichen Tugenden, Werte und Traditionen. Und selbst der Stolz einstiger sozialdemokratischer Handwerksmeister sei ihnen vom „Regime der Handlanger, Landarbeiter“ verwehrt worden. Mit diesem Volk der „Handlanger“ lässt sich natürlich auch kein Aufschwung bewerkstelligen. Eine Chance sieht der Autor deswegen nur in der Zuwanderung aus dem Westen, einer „neuartigen, friedlichen Ostkolonisation“ durch die Kinder und Enkel der seit 1945 in den Westen Abgewanderten, damit sie in den neuen Bundesländern wieder „breite Mittelschichten“ und „ein flächendeckendes Bürgertum“ bilden können. „In dieser gesellschaftlichen Mitte wachsen aber in allen Ländern, in allen Gesellschaften der Welt Kreativität und Ver-antwortungsgefühl, Risikobereitschaft und selbstsichere Unternehmungsfreude.“ Das Schema dieser Überlegungen wirkt – zumindest in Ostdeutschland – bekannt: Anstatt die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Funktionsdefizite des eigenen Systems zu reflektieren und zu reformieren, hofft man auf an die Gegebenheiten besser angepasste, auf neue Menschen. Auf den „Neuen Menschen“ setzte auch schon die SED-Propaganda in den 1950er und 60er Jahren.

Dass aus dem Westen importierte und anders sozialisierte Mittelständler in der ostdeutschen Sonderwirtschaftszone mehr Erfolg hätten, als die einheimischen Steh-AufMännchen, ist allerdings zu bezweifeln. Denn nicht die Menschen sind das Problem und sie sollten auch nicht schwarzgeredet werden. Vielmehr muss der unpopulären Einsicht Bahn gebrochen werden, dass die goldenen Zeiten der Vollbeschäftigung, des Aufschwungs und Wachstums so nicht wiederkehren werden und dass der weitere Rückbau des Sozialstaats diese Zeiten auch nicht zurückbringt. Die Legenden über die Ostdeutschen sind in einer solchen Situation gewiss tröstlich für das gekränkte West-Gemüt, produktiv sind sie nicht.

Literatur

Reinhard, Wolfgang (2001): ‚Eine so barbarische und grausame Nation wie diese‘. Die Konstruktion der Alterität Spaniens durch die Leyanda Negra und ihr Nutzen für allerhand Identitäten; in: Gehrke, Hans-Joachim (Hg.): Geschichtsbilder und Gründungsmythen, Würzburg, S. 159-177

Baring, Arnulf (2002): Ostwärts liegt eine demoralisierte Gesellschaft. Entvölkerte Landschaften, seelische Verheerungen. Das Erbe des Kommunismus in den neuen Ländern; in: Die Welt v. 16. November 2002

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