Publikationen / vorgänge / vorgänge Nr. 161: Der ostdeutsche Weg

Ohne Erinne­rungs­kultur kein Selbst­be­wusst­sein

 

Sprache ist verräterisch – nehmen wir zum Beispiel den Begriff „Vergangenheitsbewältigung“: Für mich hört er sich immer wie ein Kraftakt an, wie eine Anstrengung, die man unternimmt, um etwas zu besiegen. Er macht die Vergangenheit zu einem Feind, mit dem man es aufnehmen muss und gegen den man siegen muss, damit er endlich klein und unbedeutend wird. Was bewältigt wurde, landet im allerbesten Fall zur Besichtigung in der Vitrine der Geschichte, als Trophäe vielleicht; meistens aber im Mülleimer der Geschichte. Und manche meinen, da gehöre es auch hin. Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ verrät den Wunsch nach einem Schlussstrich: früher oder später, vielleicht nicht sofort, ein bisschen muss man noch tun bis dahin, ein bisschen bewältigen – aber dann ist die Angelegenheit erledigt. Endlich.

Aber das Leben ist anders. Wir sind umgeben, durchsetzt und durchtränkt mit Geschichten; jede und jeder von uns besteht im Grunde aus Geschichten und Geschichte. Wir sind also Geschichte. Und deswegen ist es ein Unsinn zu sagen, was vergangen ist, sei nicht wichtig. Die Vergangenheit zu verleugnen, heißt, sich selbst zu verleugnen. Wer also die Vergangenheit verachtet, gering schätzt oder diffamiert, verachtet, diffamiert auch immer sich selbst.

Das menschliche Repertoire von Möglichkeiten, mit der Vergangenheit umzugehen, ist groß: Erinnern. Erzählen. Trauern. Scham empfinden. Erklären. Beichten. Erforschen. Beweinen. Hymnen singen. Darüber Streiten. Tagebuch führen. Memoiren schreiben. Orden verleihen. Bäume zum Gedenken pflanzen. Es gibt Gedenkstätten, Museen, Heldenlegenden, Archive, Befreiungsmythen, Therapien, Geschichtswettbewerbe, Straßennamen, Gedenktage und den Streit der Historiker.

Selbst-Bewusstsein schließt die eigene Geschichte und die eigenen Geschichten immer ein. Das gilt für Individuen ebenso wie für Gesellschaften. Deshalb heißt die Demokratie zu stärken und demokratische Tugenden und Verhalten zu fördern immer auch, sich der Geschichte(n), der Vergangenheit zu stellen. Die Mächtigen aller Zeiten wissen, welche Bedeutung es hat, auf welche Ereignisse in der Vergangenheit sich eine Gesellschaft bezieht, wie sie bewertet werden, mit welchen Begrifflichkeiten eine Epoche in das kollektive Gedächtnis eingeht. Die Definition des Vergangenen entfaltet große Kraft – nicht zuletzt deshalb wird zum Beispiel so erbitterter Widerstand dagegen geleistet, die DDR einen „Unrechtsstaat“ zu nennen. Wolf Biermann hat es in einem seiner Lieder auf den Punkt gebracht: „Die Zukunft wird entschieden im Streit um die Vergangenheit“.

Vielleicht aber wird der Begriff „Erinnerungskultur“ nicht ganz dem gerecht, was eine Gesellschaft nach einer vergangenen Diktatur zu leisten hat. „Aufarbeitung“ lässt ahnen, dass es um einen mühsamen Prozess geht. Und mühsam und schmerzhaft ist es ohne Zweifel, sich der Vergangenheit zu stellen, nicht zu verdrängen, nicht der Verlockung von Lügen und Legenden zu folgen. Mit Bezug auf die Aufarbeitung der SED-Diktatur sollen im Folgenden einige sehr unterschiedliche Aspekte benannt werden.

Der Versuch, Gerech­tig­keit herzu­stellen

Zu diesem Versuch, die Ungerechtigkeiten auszugleichen und Gerechtigkeit herzustellen, gehören verschiedene Dinge. Sie müssen zum Teil gesetzlich geregelt werden. Im Vordergrund steht dabei die Idee, den Opfern Genugtuung zu verschaffen.

a) Rehabilitierung und Entschädigung
Das kann immer nur annäherungsweise geschehen. Es gibt Rehabilitierungsgesetze und Entschädigungsgesetze, die weit hinter dem zurückbleiben, was die Betroffenen erhofft haben. Aber es gibt sie immerhin. Und es geht dabei nicht nur um Geld. Die betroffenen Menschen werden dadurch rehabilitiert, dass öffentlich zum Ausdruck kommt: Ihnen ist Unrecht geschehen. Das ist manchmal viel wichtiger als ein paar hundert Mark Entschädigung.

b) Strafrechtliche Aufarbeitung
Zur Gerechtigkeit gehört auch die juristische bzw. die strafrechtliche Aufarbeitung von Verbrechen in der DDR. Das ist seit 1990 in vielen Fällen geschehen, aber besonders auf diesem Gebiet sind sehr viele Hoffnungen enttäuscht worden. Opfern, die Jahre ihres Lebens im Lager oder hinter Gittern verbracht haben, leuchtet es nicht ein, dass sich Erich Mielke, der frühere Minister für Staatssicherheit, zwar wegen eines fünfzig Jahre zurückliegenden Deliktes vor Gericht verantworten musste, aber nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde für die Verbrechen der Staatssicherheit. Das ist ein sehr bitteres Kapital für viele Opfer.

Die 1991 gegründete Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) hatte bis zum 28. Dezember 2000 insgesamt über 20.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bei der Staatsanwaltschaft II in Berlin wurden rund 23.000 Verfahren geführt. Nur in 2,6 Prozent der Fälle kam es überhaupt zur Anklageerhebung. Nach jüngsten statistischen Angaben der Berliner Senatsjustizverwaltung sind 122 Angeklagte rechtskräftig verurteilt worden. Freiheitsstrafen erhielten sechs Mitglieder der politischen Führung, 17 Spitzenmilitärs und zwei Soldaten der Grenztruppen, die anderen kamen mit Bewährungsstrafen davon.

Mit dem rechtlichen Instrumentarium einer Demokratie das Unrecht einer Diktatur aufzuarbeiten, ist, als versuchte man, mit einem filigranen Besteck ein zähes Steak zu zerschneiden. Für die Aufarbeitung von Verbrechen einer Diktatur ist das Instrumentarium eines demokratischen Rechtsstaats nicht gemacht worden. Deswegen musste die juristische Aufarbeitung des DDR-Unrechts so unzulänglich bleiben. Nach dem Rückwirkungsverbot dürfen Taten, die zu DDR-Zeiten nicht unrecht waren, heute nicht strafrechtlich verfolgt werden. Für dieses Prinzip gibt es gute Gründe. Trotzdem ist es schwer zu akzeptieren.

c) personelle Erneuerung
Zur Gerechtigkeit gehört auch die personelle Erneuerung. Nach dem Ende der DDR bestand beispielsweise darüber Konsens, dass Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi nicht in Vertrauensfunktionen oder in politischen Funktionen arbeiten dürfen. Dieser Punkt ist umstritten. Viele betrachten heute die Überprüfungen auf IM-Tätigkeit als Ungerechtigkeit, für andere aber gehört sie zu dem Versuch, nach der Diktatur Gerechtigkeit herzustellen. Auch die Abwicklung von Strukturen und Institutionen gehört dazu; zum Beispiel die ersatzlose Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit.

d) Beweise zugänglich machen
Auch die Erhaltung der MfS-Archive und die Öffnung der Akten dient der Gerechtigkeit: indem Beweise gesichert und dokumentiert werden. Die Menschen in der DDR, die im Gefängnis waren, bekamen keine Unterlagen zur Hand, aus denen hervorging, warum sie einsitzen mussten. Auch Zersetzungsmaßnahmen waren natürlich ohne die Stasi-Unterlagen überhaupt nicht nachvollziehbar. Zersetzung bedeutete in der Sprache des MfS, Menschen psychologisch, sozial, beruflich, mental oder familiär zu zerstören. Die Menschen, die solchen Zersetzungsmaßnahmen ausgesetzt wurden, waren doppelt gestraft. Zum einen hatten sie unter diesen Maßnahmen zu leiden, zum anderen konnten sie sie nicht identifizieren. Es konnte passieren, dass jemand plötzlich alle Freunde verloren hatte, weil die Stasi in seinem Umfeld verbreitet hatte, er arbeite angeblich für die Stasi. Die Maßnahmepläne, mit denen die Aktionen im Einzelnen festgelegt und angewiesen wurden, finden wir in den Akten. Dass diese Beweise gesichert worden sind, anstatt ein für alle Mal weggesperrt oder vernichtet worden zu sein, ist für die Wiederherstellung von Gerechtigkeit und Würde in vielen Fällen von großer Bedeutung.

Die Stasi-Akten als Instrument der Versöhnung

Aber die geöffneten Stasi-Archive sind auch umstritten. Würden sie nicht, so wurde und wird häufig gefragt, einer innergesellschaftlichen Versöhnung und der Herausbildung eines demokratischen Konsenses im Wege stehen? Gibt es möglicherweise einen überschießenden Aufklärungswillen, der mehr verletzt als heilt? Besteht nicht die Gefahr eines politischen Voyeurismus, der nicht der Demokratie, sondern dem Sensationshunger dient? Die Erfahrung mit der Nazi-Diktatur hat uns jedoch gelehrt, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit nie zu viel, höchstens zu wenig betrieben werden kann. Die langen Schatten des NS-Regimes belegen dies. Bis heute ist die Opferfrage nicht zur Ruhe gekommen und immer wieder neu keimen nationalsozialistische Ideologien auf.

Ich zögere deshalb nicht, die Öffnung der Stasi-Akten als ein Instrument der Versöhnung zu betrachten. Seit 1991 haben Hunderttausende Menschen Einsicht in ihre Akte genommen, haben Aufschluss darüber erhalten, wie die Stasi versucht hat, ihr Leben auszuspähen und ihr Schicksal zu beeinflussen. Viele haben Enttäuschungen erlebt angesichts des Verrats durch Menschen, denen sie vertraut haben, andere waren froh, ihren Verdacht nicht bestätigt zu sehen. Und nicht wenige erfuhren Genugtuung dadurch, dass sie für sich selbst und für andere endlich den Nachweis führen konnten, dass ihnen Unrecht geschehen ist.

Dieses Wissen hat den Menschen Souveränität zurückgegeben, hat sie in die Lage versetzt, selber zu entscheiden, wie sie mit diesen Wahrheiten umgehen. Die einen haben die Dinge auf sich beruhen lassen, andere haben ein klärendes Gespräch gesucht, einige wenige haben Anzeige erstattet. Von Racheakten und Vergeltungsschlägen ist nichts bekannt geworden. Das Wissen-Dürfen und Wissen-Wollen hat Versöhnung gestiftet, denn Versöhnung ist nur möglich auf der Grundlage von Wahrheit und von freier Entscheidung. Sie kann nur von den Opfern und Benachteiligten ausgehen; sie braucht Zeit, Mut, Aufrichtigkeit und Trauer und verlangt allen Beteiligten viel ab. Ich wende mich deshalb entschieden dagegen, dass der Wunsch nach Versöhnung missbraucht wird, um Unrecht zu verharmlosen oder den Mut und den aufrechten Gang ungezählter Menschen gering zu schätzen.

Auch das öffentliche Erzählen seiner eigenen Geschichte gehört zu dieser Genugtuung. Wir sollten diesen Aspekt der Wiedergutmachung nicht aus den Augen verlieren: Die Berichte der Augenzeugen dienen nicht nur dazu, uns ins Bild zu setzen. Unsere Aufmerksamkeit für die Opfer von Diktaturen ist auch gelebte Solidarität.

Repression und Verführung: Wie Diktaturen funktio­nieren

Nach „Gerechtigkeit herstellen“ lautet die zweite Aufgabe „Wissen, was war“. Damit meine ich die vielen Möglichkeiten und Methoden, Wissen zu bergen, Dinge in Erfahrung zu bringen, verstehen zu lernen, wie eine Diktatur funktioniert. Wer das am Beispiel der DDR verstanden hat, wird feststellen, dass es – bei allen gravierenden Unterschieden – eine ganze Menge Analogien zu allen anderen Diktaturen gibt. Welcher Art waren die Strukturen, wie funktionierte die Machtgewinnung, wie wurde die Macht gesichert, welche Rolle hatten Polizei, Parteien, wie lief die Zusammenarbeit zwischen Partei, Staatssicherheit, Staatsorganen? Wir brauchen, um zu verstehen, viele Bausteine des Wissens.

Dafür haben wir die Stasi-Unterlagen und wichtige Quellen aus anderen Archiven. Aber es genügt nicht, dass die Quellen vorhanden sind, es muss auch die Möglichkeit geben, damit zu arbeiten, und das zeitnah. Die Stasi-Unterlagen standen gleich ab 1991 zur Verfügung, wir mussten nicht zwanzig, dreißig Jahre warten, bis irgendwann einmal Unterlagen wieder freigegeben werden. Als der Bundestag 1991 das Stasi-Unterlagengesetz verabschiedete, war dem eine heftige Kontroverse vorausgegangen. Dieses weltweit und historisch einmalige Gesetz wurde trotz mancher Warnungen verabschiedet -nicht zuletzt mit Verweis auf die Versäumnisse der Deutschen nach der nationalsozialistischen Diktatur.

Die Stasi-Unterlagen und andere gleichermaßen zur Verfügung stehende Quellen helfen uns, auf wichtige Fragen Antworten zu finden: Wie hat die Manipulation, die Entmündigung, die Indoktrination der Menschen funktioniert? Und mit welchem Erfolg? Hat fast die ganze Bevölkerung strikt marxistisch-leninistisch gedacht oder haben die Leute einfach nur pariert und sich ihren Teil gedacht – ganz nach dem Motto „Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still und wie es sich schicket“? Wie sind Menschen eingeschüchtert worden? Wie schafft es ein Regime, dass Millionen Menschen, wenn sie einen politischen Witz erzählen, plötzlich mit ganz leiser Stimme reden? Oder ihren Kindern am Frühstückstisch sagen: ‚Darüber dürft ihr in der Schule reden, aber darüber nicht‘? Wie macht man es, dass erwachsene und normale Leute nicht protestieren, wenn aus Schulen, aus Universitäten, aus den Medien das freie Wort verbannt ist? Menschen, die nicht verbogen worden sind, gehen hinaus und beschweren sich. Wenn sie es nicht tun, sind sie daran gehindert worden, hat man sie massenhaft eingeschüchtert: außen die Mauer, damit die Leute nicht weglaufen, innen die Stasi, damit sie den Mund halten. Ohne dies hätte die DDR nicht einmal zwanzig Jahre existiert.

Aus den Akten geht auch hervor, wie überdimensional groß der MfS-Apparat war, sehr viel größer übrigens als der Apparat der Gestapo. 1989 arbeiteten 90.000 Hauptamtliche und 174.000 IM´s (Inoffizielle Mitarbeiter) für das Ministerium für Staatssicherheit. Auch war die DDR alles andere als eine ‚Diktatur light‘, wie manche meinen. Es gerät allzu oft in Vergessenheit, dass die DDR im Lauf ihrer vierzigjährigen Existenz 250.000 politische Gefangene hatte und Millionen Menschen aus dem Land getrieben wurden. Ohne den Exodus von etwa 4 Millionen Menschen in vierzig Jahren wäre die Zahl der politischen Gefangenen wahrscheinlich wesentlich größer gewesen. Der Schaden, der in einer Gesellschaft durch den Verlust so vieler Menschen entsteht, ist nie gemessen worden.

Auch lässt sich die zerstörerische Wirkung von Diktaturen auf Gesellschaften keineswegs nur mit Zahlen von Repression und Haft beschreiben. Der zivilisatorische Schaden besteht im massenhaften Kadaver-Gehorsam, in der Kontrolle der Öffentlichkeit, im Verlust an der Freiheit des Worts in Schulen, Universitäten und Medien. Wenn die Menschen aber funktionieren, dann braucht man sie auch nicht ins Gefängnis zu stecken.

Wenn wir verstehen wollen, wie Diktaturen funktionieren, müssen wir auch ihre verführerische Seite kennen lernen: Ordnung, Sicherheit, Rundum-Fürsorge, sozialer Ausgleich, wenig Verantwortung und damit auch wenig Risiken, Fehler zu machen, keine zeitraubenden und nervenaufreibenden Debatten – das ist für viele Menschen verlockend. Wenn eine politische Entscheidung getroffen wurde, dann wird nicht lange gefackelt, da wird das eben gemacht. Diktaturen haben für nicht wenige Menschen durchaus etwas Attraktives und Verführerisches. Und manchmal bieten sie viel Sicherheit, weniger Kriminalität, vielleicht sogar garantiert bezahlbare Wohnungen und Vollbeschäftigung. Wenn man Diktaturen verstehen will, reicht es also nicht, nur auf die Seite der Repression und der Bespitzelung zu schauen. Mindestens so gefährlich ist ihre verführerische, faszinierende Seite.

Noch ganz am Anfang: Die DDR-Ge­schichte im Streit

Die Phase der Begriffsbildung über die DDR ist noch lange nicht abgeschlossen. Historische Epochen werden irgendwann im Gedächtnis der nachfolgenden Generationen auf nicht viel mehr als ein Dutzend Begriffe reduziert. Fragt man heute, was den Menschen zuerst beim Thema Nationalsozialismus einfällt, so hört man als Antwort die Topoi ‚Zweiter Weltkrieg‘, ‚Holocaust‘, ‚KZ‘, ‚Autobahn‘ und noch zehn, zwölf weitere Wörter – insgesamt relativ wenige Schlüsselbegriffe für eine ganze Epoche, Begriffe, auf die man sich irgendwann verständigt hat – oder die umstritten bleiben.

Die Frage, auf welche Begriffe irgendwann einmal die DDR reduziert wird, wenn unsere Urenkel sich über sie unterhalten, ist noch lange nicht entschieden. Was wird dazugehören? ‚Vollbeschäftigung‘? ‚Kita-Plätze‘? ‚Mauer‘ ganz sicher, auch ‚Schießbefehl‘. Auch mit welcher Bewertung diese Begriffe in unser kollektives Gedächtnis eingehen werden ist noch nicht entschieden. Darum wird der Begriff ‚Unrechtsstaat‘ von Teilen der ostdeutschen Bevölkerung so gefürchtet. Statt dessen flüchtet man sich in Formeln wie ‚ein Staat, in dem es sowohl Recht als auch Unrecht gab‘. Aber ‚Unrechtsstaat‘? Nein, das geht für viele einfach nicht.

Der öffentliche Raum als Streitforum wird erst ganz allmählich wieder erobert. Wir machen in unserer Behörde die Erfahrung, dass das Interesse an öffentlichen Debatten eher zu- als abnimmt. Gelegentlich wird der Eindruck erweckt, als sei das Interesse jetzt am Abklingen. Aber es gibt durchaus neue Impulse, neue Nachfragen. Unsere Ausstellungen werden gut besucht, aus den Schulen kommen mehr Anfragen als früher, Veranstaltungen und Vorträge sind gefragt. 2003 und 1989/90: Vierzehn Jahre sind nicht viel. Im Jahre 1959, also vierzehn Jahre nach 1945, waren die wichtigsten Fragen zum Nationalsozialismus noch nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet. Die Vorstellung, dass wir jetzt schon irgendwie am Ende dieser Aufarbeitung wären, ist ausgesprochen naiv und zum Glück auch unrealistisch.

Kein Volk von Spitzeln und Verrätern

Zum Erinnern gehört die Frage nach den immer wieder zu treffenden Entscheidungen in der DDR, zwischen Anpassung, Widerstand, Opposition, und natürlich die Frage nach den Inoffiziellen Mitarbeitern des MfS, den Menschen, die von der Stasi angeworben werden sollten. Das hat sich die Stasi nicht einfach gemacht – die betreffenden Personen wurden sorgfältig ausgewählt. Trotzdem hat mehr als die Hälfte dieser Menschen nein gesagt. Heute wissen wir, dass ihnen deswegen nichts passiert ist, aber das konnte damals natürlich niemand ahnen. Viele schlaflose Nächte hat das manche gekostet, bis sie sich gesagt haben: ‚Nein, ich mache ja viel mit, aber Spitzel werde ich nicht!‘ Die meisten waren keine Helden, sondern ganz normale Leute, manche von ihnen auch in der Partei. Es gab offenbar eine Schamgrenze für viele Menschen. In den Stasi-Unterlagen finden wir nicht nur Geschichten von Schande und Verrat, sondern auch von Mut und Anstand, aber auch von Witz und Geschicklichkeit.

Gibt es ein gutes Leben in der Diktatur? Wir waren doch kein Volk von Spitzeln und Verrätern, wir waren doch auch glücklich, wir haben doch auch gelebt und geliebt und gelacht. Mir ist es bis heute ein Rätsel, warum sich die Ostdeutschen in eine Art Geiselhaft nehmen lassen, bloß weil irgendwelche ehemaligen IM zu ihrer eigenen Verteidigung sagen, wir mussten uns ja alle irgendwie arrangieren, und es sei normal gewesen, mit dem MfS zusammenzuarbeiten. Wir mussten eben nicht, und in Wahrheit tat das nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung. Weniger als zwei Prozent der Bevölkerung arbeiteten für die Stasi. Sie war natürlich da am stärksten, wo die Situation aus der Sicht des MfS am unsichersten war: Die allermeisten Spitzel gab es deshalb in den Oppositionsgruppen. In der Initiative Frieden und Menschenrechte waren 30 oder 40 Prozent der Mitglieder IM. In den Zeitungsredaktionen dagegen gab es relativ wenige – sie waren dort offenbar nicht nötig.

Ich bin deshalb der Überzeugung, dass die Stasi-Unterlagen die Ostdeutschen nicht beschämen. Vielmehr sind sie dafür geeignet, die Würde der Ostdeutschen wieder herzustellen, weil sie beweisen, dass wir kein Volk von Spitzeln und Verrätern waren, weil sie beweisen, dass die große Mehrheit sich geweigert hat, Spitzel zu werden.

Schmerzhaft und befreiend: eine ostdeutsche Erinne­rungs­kultur

Aufarbeitung oder gar Bewältigung ist, wenn wir über Vergangenheiten reden, keine hinreichende Beschreibung für das, was wir nötig haben. Es geht vielmehr um eine Erinnerungskultur, um einen Prozess, der den ganzen Menschen betrifft, um eine zivilisatorische Leistung.

Deshalb bedeutet Leben mit der Vergangenheit mehr als die Aneignung von Wissen. Dazu gehört auch Begegnung und Gefühl, das Betrauern von Schuld und Schmerz, das Besingen von Mut und Anständigkeit, der Streit um die Bedeutung von Ereignissen, die Mühe des Ringens um die Wahrheit, die Konfrontation und das Zuhören und Schweigen.

Nur wenn es uns gelingt, auch die Schattenseiten unserer Geschichte zu integrieren und nicht auszusperren, werden wir die Freiheit gewinnen, uns auch auf die positiven Traditionen zu beziehen und sie zu nutzen. Was lehren uns die vielen kleinen Geschichten? Sie können uns helfen, etwas darüber herauszufinden, wie es sich unter Bedingungen lebt, in denen die Entscheidungsspielräume sehr eng sind, in denen man Angst hat, in denen man zur Anpassung gezwungen wird. Was macht einen da stark, was braucht man da?

In diesem Zusammenhang ist das Wahrnehmen von Biographien wichtig. Wann immer Menschen aufgeschlossen sind, versuche ich Zeitzeugen zu vermitteln, biete das insbesondere auch Schulen an. Mit Zeitzeugen meine ich nicht so sehr uns jüngere, die wir in den 1980er Jahren unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen Oppositionsarbeit betrieben haben. Wir hatten Nachteile, manche wurden auch verfolgt, aber wir mussten weder Angst um Leib und Leben haben, noch mussten wir befürchten, auf Jahre hinter Zuchthausmauern zu verschwinden. Aber die, die in den 1950er und 1960er Jahren opponierten, lebten unter anderen Bedingungen.

Bei der mentalen und psychologischen Verarbeitung der Vergangenheit spielen Stichworte wie Zorn, Trauer und Schmerz eine große Rolle. Das sind alles Begriffe, bei denen Menschen zurückzucken. Denn wer setzt sich solchen Gefühlen ohne Not aus?

Auch Scham ist ein wichtiges Thema. Nicht nur die Scham der Täter: Ich meine die Scham der großen Mehrheit der DDR-Bürger. Es ist etwas Beschämendes, so viele Jahrzehnte in einem solchen System gelebt zu haben, die Entmündigung hingenommen zu haben, eingesperrt gewesen zu sein. Über Beschämung spricht niemand gerne, man denke an die Opfer von Vergewaltigungen, die zum Teil ihr Leben lang nicht darüber reden, was ihnen angetan wurde, weil sie sich schämen, vergewaltigt worden zu sein. Die Scham derer, die in einer Diktatur gelebt haben, ist ein Phänomen, das möglicherweise in der richtigen Dimension noch gar nicht hinreichend erfasst wurde. Was haben wir mit uns geschehen lassen und wie haben wir darauf reagiert? Mit Rückzug und Migräne vielleicht – oder haben wir protestiert?

Diese Auseinandersetzung kann nicht von Kollektiven, von Organisationen, von Parteien geleistet werden. Die Durchdringung von Vergangenheit, das Aufarbeiten, das Sich-dem-Schmerz-stellen, das ist ein sehr individueller Prozess. Das klappt nicht im Kollektiv, da muss jeder allein hindurch.

Für die Würde der Ostdeut­schen: die Selbst­be­freiung feiern

Wichtig für die mentale Verarbeitung ist auch die Frage: „Worauf können wir eigentlich stolz sein?“ Das ist nicht ganz einfach. Bin ich stolz darauf, Ostdeutsche zu sein? Sicher nicht. Aber was ist eigentlich das, worauf wir als Ostdeutsche unser Selbstbewusstsein gründen können? Wovon können wir mit Stolz sagen: „Das bringen wir mit, das sind wir.“ Wie viele erfolgreiche, gar friedliche Revolutionen gab es denn in Deutschland? Leider wird die friedliche Revolution im Herbst 1989 von vielen Ostdeutschen überhaupt nicht als etwas gesehen, das ihnen Würde verleiht und auf das sie stolz zurück blicken können. Ich habe Versammlungen im Osten erlebt, bei denen gezischt wurde, als ich das Wort Revolution benutzt habe. Weil es angeblich keine Revolution war, allenfalls eine ‚Wende‘. Was heißt eigentlich ‚Wende‘? Was ist das für ein merkwürdiges Wort? Egon Krenz hat es im Oktober 1989 erfunden, seither ist es in aller Munde. Es ist schon sehr eigenartig, wie die Ostdeutschen mit diesem Begriff ihre eigene Leistung abwerten.

Ich glaube, dass die Würde und das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen dauerhaft gestärkt werden müssen. Beides sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass sich die Ostdeutschen als Bürgerinnen und Bürger und damit auch als Demokraten fühlen – und verhalten. Da braucht es Selbstbewusstsein, das sich auch auf etwas gründen kann. Man darf nicht immer das Gefühl haben, in die Ecke gestellt zu werden. Und es gibt etwas, das uns Würde verleiht: Uns selber befreit zu haben. Die Stasi-Akten der Vernichtung entrissen zu haben. Als einziges Ostblock-Land den Geheimdienst demontiert zu haben. Das sind große Leistungen, die noch im Sommer 1989 so unwahrscheinlich schienen wie eine Landung auf dem Mars. Unser Selbstbewusstsein sollte sich darauf gründen.

* Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, der am 17. November 2002 auf der Tagung „Wir sind das Volk“ in der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten wurde.

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