<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Thymian Bussemer Archive - Humanistische Union</title>
	<atom:link href="https://www.humanistische-union.de/autoren/thymian-bussemer/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.humanistische-union.de/autoren/thymian-bussemer/</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Thu, 09 Jul 2026 10:41:27 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.1.2</generator>
	<item>
		<title>Die Bibel in einer Neuausgabe</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/die-bibel-in-einer-neuausgabe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Jul 2026 10:41:27 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/?post_type=publikation&#038;p=20595</guid>

					<description><![CDATA[<p>Nicht nur Arnulf Baring träumt von einer neuen Ostkolonisation (vgl. den Beitrag von Thomas Ahbe in diesem Heft), sondern auch die deutschen Kirchen. Denn die Lage ist dramatisch: Nur noch 3,8 Millionen Schäflein zählt die evangelische Kirche im Osten &#8211; über eine Million weniger als 1991. Und die armen Katholiken stellen in den neuen Ländern [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/die-bibel-in-einer-neuausgabe/">Die Bibel in einer Neuausgabe</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht nur Arnulf Baring träumt von einer neuen Ostkolonisation (vgl. den Beitrag von Thomas Ahbe in diesem Heft), sondern auch die deutschen Kirchen. Denn die Lage ist dramatisch: Nur noch 3,8 Millionen Schäflein zählt die evangelische Kirche im Osten &#8211; über eine Million weniger als 1991. Und die armen Katholiken stellen in den neuen Ländern gerade mal 5,9 Prozent der Bevölkerung. Deswegen wird jetzt im wilden Osten missioniert, was das Zeug hält. Von der Bambushütte in den Plattenbau: Erste Kirchen-Propagandisten wurden bereits aus Papua-Neuguinea abgezogen, um sich dem schweren Dienst an der Heimatfront zu stellen (vgl. Der Spiegel 2/2003 v. 6.1.). Im kommenden Jahr soll an der Universität Greifswald ein Institut für Evangelisation errichtet werde &#8211; quasi als postmoderne Variante der sacre congregatio de propaganda fide des Papstes Gregor V. von 1622.</p>
<p>Unerwartete Unterstützung erhalten die Glaubensmänner nun vom Kölner Glamour-Glitter &amp; Gleitmittel-Verlag &#8218;Taschen&#8216;. Der hat gerade ein aufwändiges Reprint der Luther-Bibel von 1534 herausgebracht &#8211; voll koloriert und mit allen Original-Illustrationen zum Preis einer Volksausgabe.</p>
<p>Die Luther-Bibel von 1534. Vollständiger Nachdruck. Mit einer kulturhistorischen Einführung hrsg. von Stephan Füssel. Taschen Verlag: Köln, 2 Bände mit Begleitheft, 1.888 S. + 64 S., ISBN 3-8228-2196-0; 99,- Euro.</p>
<p>Die Edition bietet so ziemlich alles, was sich der passionierte Bibelfreund in Ost und West wünschen kann: Die klare, derbe Sprache Martin Luthers, ein sorgfältiger editorischer Kommentar und Faksimiles der Ausgabe von 1534 (die aus der Anna Amalia Bibliothek in Weimar stammt) in bestechender Qualität. Kurz: Die Ausgabe ist so schön, dass sie sogar in den vorgängen, traditionell ja dem deutschen Zentralorgans des Laizismus, Erwähnung findet. Wer in den 1970er Jahren durch Dünndruck-Bibeln in pädagogisch verbrämter Bearbeitung nachhaltig verschreckt wurde, könnte durch die Taschen-Ausgabe zu den ganz und gar nicht lustfeindlichen Wurzeln des Protestantismus zurückfinden. Es ist kein Lesen, sondern ein Blättern und Betrachten, das Lust macht.</p>
<p>Ob allerdings die evangelische Kirche bei ihrer Mission im Osten auf diese Multimedia-Version ihres traditionellen Blockbusters zurückgreift, ist unklar. Denn der Taschen Verlag hat gerade angekündigt, dass ausgewählte Kunden die Luther-Bibel zusammen mit dem neuesten Soft-Porno Naked as a Jaybird (&#8222;The Beauty &amp; Truth About Genitals&#8220;) zum Sonderpreis erhalten. Ende einer ungewöhnlichen Allianz oder Auftakt zu sinnesfrohen Missionsfesten?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/die-bibel-in-einer-neuausgabe/">Die Bibel in einer Neuausgabe</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Politik, Presse, Publikum</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/politik-presse-publikum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 18:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/politik-presse-publikum/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Zum Zustand der öffentlichen Kommunikation Aus: Vorgänge 192 ( Heft 4/2010), S.66-74 &#132;Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben wissen&#148;, so ein berühmtes Diktum Niklas Luhmanns, &#132;wissen wir durch die Massenmedien [1] Während wir uns über Alltagsvorgänge noch ganz gut unabhängig von den Medien ein Bild machen können, trifft [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/politik-presse-publikum/">Politik, Presse, Publikum</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Zustand der öffentlichen Kommunikation</p>
<p>Aus: Vorgänge 192  ( Heft 4/2010), S.66-74</p>
<p>&#132;Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben wissen&#148;, so ein berühmtes Diktum Niklas Luhmanns, &#132;wissen wir durch die Massenmedien [1] Während wir uns über Alltagsvorgänge noch ganz gut unabhängig von den Medien ein Bild machen können, trifft dieser Satz auf unser Wissen über Politik ganz besonders zu. Spätestens seit dem Ende der großen Versammlungsöffentlichkeiten, wie sie noch die 1950er Jahre prägten, und dem Beginn des Fernsehzeitalters ist Politik medialisiert, findet Politikvermittlung fast ausschließlich über die Medien statt.</p>
<p>Dieser zweistufige Fluss der Kommunikation von den Politikern zu den Medien und erst von da zu den Bürgerinnen und Bürgern hat Rückwirkungen auf das Bild, das wir uns von der Politik machen, aber auch auf die Politik selbst. Denn diese orientiert ihre gesamte Politikdarstellung, aber auch immer größere Teile ihrer Politikherstellung an der Art und Weise, wie sie sich in den Medien gespiegelt sieht. Die Politik richtet also antizipierend ihr Verhalten und Auftreten an den Medien aus oder korrigiert ihren Kurs, wenn politische Handlungen und Vorhaben in den Medien auf eine übermächtig wirkende Welle der Kritik treffen.</p>
<p>Damit gewinnt die Frage, wie die Medien Politik decodieren und darstellen, aber auch die Art und Weise, wie Politiker im Umgang mit den Medien agieren, für die Konstruktion der Öffentlichkeit eine herausgehobene Bedeutung. Denn klar ist: nur &#132;Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie&#148;, wie Willy Brandt die Journalisten einmal nannte, sind diejenigen, die tagtäglich Politiker begleiten, ihre öffentlichen Auftritte analysieren und so manche sensible Information über Handy oder SMS zugesteckt bekommen und über deren Veröffentlichung entscheiden, keinesfalls.</p>
<p>Journalisten &#8211; oder zumindest solche, die nah an den Schaltstellen der Politik ein-flussreiche Positionen bekleiden wie die Berliner Büroleiter und politischen Korrespondenten &#8211; sind heutzutage nicht nur wichtige Einflussgrößen bei der Modellierung des Bildes von Politik, sondern auch vielfach politische Akteure aus eigenem Recht, die Forderungen erheben, in Talkshows auftreten oder für private oder politische Belange ihren Einfluss geltend machen. Ob prominente ehemalige Pop-Journalisten, die als Anwohner des Berliner Nobel-Stadtteils Eichkamp ein Tempolimit auf der AVUS fordern, oder Kommentatoren von großen Illustrierten, die bestimmte Politiker einfach &#132;weg&#148; haben wollen: Journalisten verfügen in der Mediengesellschaft über genügend Einfluss (und zu dem das notwendige kommunikative Fachwissen), um ihre Anliegen lautstark zur Geltung zu bringen. Da &#132;verhört&#148; die <i>Bild-Zeitung</i> schon mal den Arbeitsministet oder ein einflussreiches Hamburger Wochenmagazin fordert brüsk von einem Minister: &#132;Abtreten!&#148; Stellvertretend für viele hier eine Drohung, welche die Zeit in der ersten Jahreshälfte 2010 an die Bundesregierung gerichtet hat: &#132;Wenn Schwarz-Gelb sich nach der Sommerpause nicht berappelt hat, dann muss und wird diese Gesellschaft einen Weg finden, sie loszuwerden.[2]</p>
<p>Die Politik hat sich auf diesen gewachsenen Medieneinfluss längst eingestellt. Sie ist in den letzten Jahrzehnten telegen geworden und imitiert die Aufinerksamkeitsregeln der elektronischen Medien. Die besten Aussichten auf ein politisches Spitzenamt hat heute, wer im Fernsehen gut rüberkommt. Doch auch eine Gegenbewegung ist zu beobachten: Die Politik zieht sich von den allgegenwärtigen Medien zurück, verlagert ihr Kerngeschäft in Arkanzirkel und Hinterzimmer, die vor Medienberichterstattung sicher sind. Wirklich wichtige Entscheidungen &#8211; etwa Gerhard Schröders Entschluss zu Neuwahlen im Mai 2005 &#8211; werden lange im kleinsten Kreis vorbereitet und dann zu einem genau definierten Zeitpunkt handstreichartig öffentlich gemacht. Man will mit dieser Taktik um jeden Preis verhindern, dass Entscheidungen in den Medien wochenlang &#132;zerredet&#148; werden. Im Fall von Schröders Neuwahl-Entschluss wurde übrigens sogar Vizekanzler Joschka Fischer von der nur zwischen Schröder, Müntefering und Steinmeier diskutierten Entscheidung überrascht.</p>
<p>So führt die immer stärkere mediale Ausleuchtung der politischen Bühne zu dem paradoxen Effekt, dass das Politische sich zurückzieht, bevor der Scheinwerfer es erfassen kann. Ob die pikanten Abwägungen der rot-grünen Regierung im Irak-Krieg im Hin-blick auf Überflugrechte und den BND in Bagdad, der konspirative Deal von Schwarz-Gelb mit den Atomkonzernen oder die deutsche Geheimdiplomatie im Hinblick auf Guantänamo: die Angst der Politik vor Skandalisierung und ritualiserter öffentlicher Erregung ihrer Entscheidungen führt unterm Strich zu einem Transparenzverlust demokratischer Politik. Immer häufiger zu beobachten ist auch eine Zweiteilung des politischen Personals in Verkäufer und Entscheider: während die einen vor der Kamera Beschlüsse verkünden, bereiten die anderen im Hinterzimmer die nächsten Entscheidungen vor. Nur leider sind &#8211; nichts ist perfekt &#8211; die Verkäufer nicht immer darüber informiert, was die Entscheider zwischenzeitlich schon entschieden haben.</p>
<p>Stellt man sich politische Kommunikation, also das öffentliche Verhandeln von alle betreffenden Belangen, als ein Dreiecksverhältnis von Politikern, Journalisten und Bürgern vor, drängt sich zwangsläufig die Frage auf, was diese Veränderungen in der Nahzone von Politik und Medien für den Dritten im Bunde, die Bürger, bedeuten. Zu vermuten ist: nichts Gutes, denn es gibt klare Anzeichen für eine Verschlechterung der demokratischen Diskursqualität, für ein Absinken des Informations- und Analyseniveaus in und durch die Medien sowie die Gefahr einer Deformation des Politischen durch die ständig steigende Beschleunigung. Die folgenden 10 Thesen sollen dies näher belegen.</p>
<h5>I.</h5>
<p>In der &#132;Berliner Republik&#148; ist nach dem Regierungsumzug in die Hauptstadt 1998 ein politisch-medialer Komplex entstanden, in dem Politiker, ihre Zuarbeiter, Journalisten, PR-Leute und Lobbyisten wie in einem geschlossenen Biotop leben. Die Erfahrungswelten dieses Biotops bilden auch die Referenzfläche für die Medienberichterstattung. Und diese Berichterstattung entscheidet wiederum darüber, was die Politik als relevante Handlungsfelder begreift. Der politisch-mediale Komplex in Berlin hat Züge einer &#132;Klasse für sich&#148;: seine Mitglieder gehören soziografisch alle zur Mittelschicht, leben in den gleichen Vierteln, haben ähnliche Interessen, besuchen die selben Restaurants und Partys, lesen die identischen Bücher und vertreten Werte, die insgesamt nur einen relativ schmalen Ausschnitt der Gesellschaft repräsentieren. Immer öfter bildet sich diese Lebenswelt direkt in der Medienberichterstattung ab, wenn etwa leidenschaftlich um den Charakter des Prenzlauer Bergs als Wohnquartier gestritten wird, Integrations- und Beschulungsfragen verhandelt werden oder Bebauungspläne zur Diskussion stehen. Die Berichterstattung über Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik &#150; jawohl, sie findet statt, aber sie bleibt abstrakt, schematisch und von Stereotypen geprägt. Durch seine hohe Selbstbezüglichkeit bildet das Biotop also zunehmend seine eigene Welt ab und reproduziert diese immer wieder, in dem es die eigenen Lebens- und Sichtweisen zum Standard aus-ruft. Grundlage für diesen Mechanismus ist das, was Niklas Luhmann &#132;Beobachtungen zweiter Ordnung&#148; genannt hat: Die Politik beobachtet in den Medien, ob sie aus ihrer Beobachtung der Gesellschaft die richtigen Schlüsse gezogen hat. Bekommt sie in den Medien Zustimmung für ihre Handlungen, lag sie offenbar richtig, bekommt sie Schelte, lag sie falsch. Die Medien sind also neben Wahlen und Umfrageergebnissen der primäre Resonanzboden für die Selbstüberprüfung politischen Handelns. Das gleiche gilt für die Medien: wenn deren publizistische Einlassungen zu politischen Debatten oder Korrekturen politischer Vorhaben fiihren, wenn sie gar von Politikern zitiert und als Beispiel angeführt werden, wissen die Medienmacher, dass sie ihre kommunikativen Interventionen richtig gesetzt haben. Deswegen beobachten die Medien unablässig die Politik dabei, wie diese die Medien beobachtet. Wären Medien und Politik nicht gesellschaftliche Teilbereiche, sondern Menschen, würden sie sich vermutlichen jeden Abend gegenseitig ansehen und fragen: &#132;Hey Baby, wie war ich?&#148; Ein geschlossenes Diskurssystem entsteht, in das es nur wenige Induktionen von außen gibt. Was dabei mehr und mehr unter die Räder kommt, ist die Realität.</p>
<h5>II.&nbsp; </h5>
<p>Das Biotop lebt vom Diskurs. Berlin-Mitte ist das Zentrum einer erregt diskutierenden Republik. Doch woher die Anstöße zu Themen kommen und wer diese steuert, vermag außerhalb des Biotops niemand zu sagen. Die stattfindenden Diskurse sind überwiegend interessensgeleitet, doch da nicht transparent wird, in wessen Interesse sie geführt werden, ist ihr Ausgangspunkt für das Publikum oft kaum nachvollziehbar. Es hätte keines Daniel Jonah Goldhagen bedurft, um zu wissen, dass viele Deutsche begeistert beim Holocaust mitgemacht haben, doch die Zeit wollte damals eine große Feuilleton-Debatte. Da störte es nicht, dass Goldhagen zentrale Erkenntnisse schon 1992 in Christopher Brownings Studie &#132;Ganz normale Männer&#148; publiziert worden waren. Und es brauchte keinen Thilo Sarrazin, um endlich festzustellen, dass mit der Integration in Deutschland nicht alles zum Besten steht. Der von der Bild-Zeitung 2003 mit viel Tam-Tam ausgegrabene &#132;Florida-Rolf` ist nicht der Archetypus des deutschen Sozialschmarotzers, sondern repräsentiert eine verschwindend kleine Gruppe von im Ausland lebenden Sozialhilfeempfängern. Und dass der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr nicht ganz so harmoniegeprägt ist, wie viel zu viele viel zu lange behauptet haben, hätte man auch schon einige Jahre früher feststellen können. Politische Kommunikation in der Berliner Republik: das sind vor allem verzerrte und fehl geleitete Diskurse. Der Einfluss von PR und Lobbying ist subtil, aber überall spürbar. Dass heutzutage pro Jahr mehrere Dutzend Fachforen zum Thema &#132;Demografischer Wandel&#148; stattfinden, ist vor allem der privaten Versicherungswirtschaft zu verdanken. Die versprach sich nämlich von einer breiten Demografie-Diskussion Schützenhilfe für die Einführung einer kapitalgedeckten privaten Säule der Altersversorgung. Gleichzeitig bilden sich um andere Themen Schweigekartelle, weil diese entweder nicht der medialen Aufinerksamkeitslogik entsprechen oder als echte Arkanbereiche sorgsam aus der öffentlichen Diskussion heraus-gehalten werden. Das Fazit zur zweiten These: es lässt sich ein irrlichtender Diskurs di= agnostizieren, weil der Funktionsmodus öffentlicher Kommunikation sich stärker an (medialen) Erregungsfaktoren als an gesellschaftlichen Regelungsbedürfnissen orientiert.</p>
<h5>III.</h5>
<p>Ein relevanter Faktor dieser diskursiven Fehlleitung ist auch im angeblich postideologischen Zeitalter die Ideologie. Denn Politik wie Medien haben sich rund fünfzehn Jahre lang einem marktradikalen Zeitgeist der Entgrenzung und des Abwerfens von Fesseln hingegeben, der freilich stärker ihre eigene Lebenswelt als die der Menschen und Mediennutzer reflektierte. Unvergessen ist Gabor Steingarts &#132;lodernder Kern der Volkswirtschaft&#148; &#150; jene hoch produktiven Bereiche der deutschen Ökonomie, die angeblich von einem Ring unproduktiver Arbeit und einen überbordenden Sozialstaat eingemauert sind, der die Volkswirtschaft erdrosselt. Gleichzeitig wurden nach der Jahrtausendwende intellektuelle Positionen hoffähig, die noch wenige Jahren zuvor tabuisiert worden wären. Etikettiert werden diese vielfach als neubürgerliche oder neo-konservative Diskussionsbeiträge. Diese bilden neben marktradikalen Positionen den zweiten großen Diskursstrang in der öffentlichen Kommunikation und kreisen um traditionelle Themen wie Familie, Staat und Werte. Thilo Sarrazins 2010 erhobene Forderung nach einer Gebärprämie von fünfzigtausend Euro für Top-Akademikerinnen kam nicht von ungefähr, sondern ist jahrelang in der familienpolitischen Debatte vorbereitet worden. Bei vielen dieser Debatten ist auffällig, dass sie Anknüpfungspunkte an extrem rechtes Gedanken-gut bieten. Ein links-liberales oder emanzipatorisches Diskursprojekt mit Deutungsmacht ist dagegen nicht in Sicht.</p>
<h5>IV.</h5>
<p>Ein neuer Schub der Medialisierung hat die Gewichte zwischen Politik und Medien zugunsten der Letzteren verschoben. Das hat mit der besonderen Stellung der Medien in der Gesellschaft zu tun. Denn die Medien haben in der Demokratie eine ganz besondere, geradezu einmalige Funktion: sie beobachten die anderen gesellschaftlichen Teilbereiche und informieren diese so über sich selbst. Um dies erfolgreich tun zu können, muss das Mediensystem sehr offen für die Funktionsweise anderer System sein, an diese schnell Anschluss gewinnen können und die dortigen Gepflogenheiten verstehen lernen. Ein Wirtschaftsjournalist muss Bilanzen lesen können, ein Medizinjournalist etwas vom menschlichen Körper verstehen. Gleichzeitig aber, darauf hat Thomas Mergel hinge-wiesen, verteidigt dieses vegetativ so offen gestaltete System seine eigene Funktionslogik geradezu radikal, in dem es alles nur nach einem Kriterium bewertet: ob es zur Veröffentlichung relevant ist oder nicht. Das Mediensystem bewahrt also im Umgang mit anderen Gesellschaftsbereichen seine Eigenständigkeit durch Beharren auf seinen eigenen Funktionscode. Das aber bedeutet: Die Medien unterwerfen jene Bereiche, die sie beobachten, ihrer eigenen Funktionslogik .[3]</p>
<p>Seit den 1980er Jahren geriet die Politik &#151; teils selbstverschuldet und eigennützig kalkuliert, teils einfach überrollt von der geballten Macht der Medien nach der Einführung des dualen Rundfunks und der damit verbundenen Vervielfältigung der Medienkanäle &#151; mehr und mehr in den Sog von Medienerwartungen, ohne sich diesen widersetzen zu können. Gleichzeitig hat sich das Medienhandeln so beschleunigt, dass die Politik nicht mehr schnell genug den Stoff liefern kann, den die Medien in unendlicher Abfolge brauchen. Deswegen &#151; und auch, weil sie zu einem gewichtigen ökonomischen Faktor aus eigenem Recht geworden sind &#151; haben die Medien sich mehr und mehr von der politischen Prozesslogik abgekoppelt und orientieren ihre Berichterstattung jetzt zu-nehmend an ihrem eigenen Funktionscode.</p>
<p>Die Folge ist, dass die Aufinerksamkeitsregeln der Medien und vor allem des Boulevards omnidominant werden. Storytelling, also die Art und Weise, wie eine Geschichte möglichst unterhaltsam bzw. dramatisch erzählt werden kann, ist seitdem für die Auswahl von Nachrichtenstoff wichtiger als Inhalte. Personalisierung und Skandalisierung werden auch dort zu Ankerpunkten der Berichterstattung, wo es um routinehafte, nicht personengebundene Sachfragen geht. Unterhaltung gewinnt immer mehr an Bedeutung und damit obsiegt die Dominanz des Formats über den Inhalt endgültig. Denn es kann nur noch berichtet werden, was für die Medienkonsumenten unterhaltsam ist. Hinzu kommt: In der modernen Medienwelt sind Prominenz und Elite austauschbar geworden. Tagtäglich können die Redaktionen zwischen Boris Becker und Angela Merkel wählen, selbst seriöse Zeitung füllen ihre Titelseiten mit der Eurovisions-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut. Durch die Gleichsetzung von E und U, von Einfluss und Bekanntheit haben die Medien vor allem einen Vorteil: sie sind von der Politik als Stofflieferanten weitgehend unabhängig geworden.</p>
<h5>V.</h5>
<p>Orchestriert wird dieser Prozess von einem Strukturwandel der Medien. Durch Konvergenz-Prozesse, die task-force-mäßige Organisation von Redaktionen und Ressorts, einen zunehmend spürbaren Einfluss des Boulevards und die Vervielfältigung der Medienkanäle bei sinkenden Personalzahlen in den Redaktionen wird Medienbericht Erstattung zunehmend beides: oberflächlich in den Inhalten und massiv konzentriert in der Intensität. Es kommt zur Vortäuschung publizistischer Pseudo-Vielfalt, etwa wenn die Springer-Blätter Welt und Berliner Morgenpost identische Artikel drucken oder die Politikressorts von Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau und Kölner Stadtanzeiger nur noch eine Redaktion für Parlamentsberichterstattung unterhalten. Damit einher geht auch eine Verschiebung innerhalb des Rankings der Leitmedien: Stern, Spiegel und Frankfurter Rundschau haben an Bedeutung eingebüßt, die Süddeutsche Zeitung hat ihr liberales Profil in den letzten Jahren zum Teil nach rechts korrigiert. Auch das öffentlich rechtliche Fernsehen hat seinen politischen Informations- und Analyse-Anspruch weitestgehend aufgeben und fungiert mehr als Service- und Infotainment-Provider. Die ökonomische Medienkrise bzw. die Strukturkrise der traditionellen Printmedien hat die-sen Prozess beschleunigt. Die Folge ist Qualitätsverlust bei gleichzeitiger Verdichtung der Kommunikation.</p>
<h5>VI.</h5>
<p>Die Politik hat nach wie vor kein Mittel gefunden, um den Ansprüchen der Medien ein eigenes, generisches Bild des Politischen entgegenzusetzen. Denn die Politik ist auf die Medien stärker angewiesen als die Medien auf die Politik. Mit der ihnen eigenen Selektionslogik entscheiden die Medien darüber, was in einer Gesellschaft als relevantes Problem empfunden wird. Damit nehmen sie der Politik die Aufgabe, aber auch die Möglichkeit ab, aus eigener Überzeugung heraus die ihr wesentlich erscheinenden Handlungsfelder zu thematisieren. Die Arbeitsteilung sieht heutzutage so aus, dass die Medien die Probleme liefern und die Politik die Lösungen. Um überhaupt Zugang zur Öffentlichkeit zu finden, imitiert die Politik die Aufinerksamlceitsregeln der Medien &#151; oft um den Preis der Selbstaufgabe. Umgekehrt gilt, dass die Medien die Bandbreite des Politischen nur unzureichend erfassen, sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht in der Lage sind, die Prozesslogik der Politik adäquat abzubilden Das eigentlich Politische bleibt für sie oft unsichtbar. Diesen Effekt macht sich die Politik zunutze, um die Medien an der Oberfläche mit den von ihnen verlangten Inszenierungen zu bedienen, aber im Hinterzimmer ihren eigenen Code, ihr eigenes Programm zu verfolgen.</p>
<h5>VII.</h5>
<p>Trotzdem ist die Politik vom zunehmenden Mediendruck nicht unbeeinflusst geblieben. In den Parteien ist ein neuer Typus aufgetaucht: der Medienpolitiker, der vorbei an den eigenen Organisations- und Basisstrukturen seine Karriere auf Medienpräsenz begründet. Und in den Medien haben  Journalisten Einfluss gewonnen, die auch offen politisch intervenieren. Ausgedient hat dagegen ein Modell des anwaltschaftlichen Journalismus, der den Schwächeren der Gesellschaft Stimme und Präsenz geben wollte. Damit korrespondiert auch in der Politik zunehmend der Abschied der als altmodisch geltenden Aktivisten für eine bessere Gesellschaft. Beide Systeme &#151; Journalismus und Politik &#151; rücken in der Mitte zusammen und werden gleichförmiger, beliebiger, mehr und mehr &#132;middle of the road&#148;.</p>
<p>VIII.</p>
<p>unrecht hat sie damit nicht: Wenn die Medien in der einen Woche gegen Kamp fhunde und in der anderen gegen die NPD mobil machen, können sie sich schon in der dritten Woche genüsslich ganz anderen Themen zuwenden. Die Politik aber hat zwei neue Arbeitspakete verordnet bekommen, die sich &#151; wie bei den Kampfhunden wegen des deutschen Föderalismus oder beim NPD-Verbot wegen der hohen verfassungsrechtlichen Hürden eines Parteienverbots &#151; über Jahre hinziehen können. Scheitert dann wie beim NPD-Verbot auch noch ein solches politisches Projekt, gilt die Problemlösungsfähigkeit der Politik als beschädigt und die Medien prangern dies lautstark an. Dass man die Politik in ein von Anfang an wenig aussichtsreiches Projekt getrieben hat, findet natürlich keine Erwähnung. Dies sind dann regelmäßig Zeiten, in denen die Betriebstemperatur von Politik und Medien auf den Gefrierpunkt sinkt.</p>
<p>Die Kumpanei von Politik und Medien ist stets eine prekäre. Die Unterstellung einer rein symbiotischen Beziehung von Politik und Medien würde übersehen, dass es sich eben nicht um identische Systeme handelt, sondern dass Politik und Medien distinkt unterschiedliche Funktionen und Operationsmodi haben. Denn bei aller habituellen und sozio-kulturellen Nähe gibt es auch handfeste Interessensunterschiede: Die Politik hat ein Interesse daran, die Medien für ihre Zwecke gefügig zu machen und Störungen in ihrem Handlungsmodus möglichst zu unterbinden. Sie bedient sich hierzu verschiedener Mittel. Dazu zählen vorrangig: Inszenierung, selektiver Nachrichtenfluss, Einflusskommunikation im Hintergrund (Spin). Die Medien haben umgekehrt ein Interesse dar-an, Politik zu sensationalisieren, um ihre Reichweite zu steigern. Ihre bevorzugten Mittel hierfür sind: Boulevardisierung, Personalisierung, Skandalisierung, Kampagnenjournalismus.</p>
<p>Mit diesen Waffen ausgestattet, treffen Politik und Medien mit ihren unterschiedlichen Zielen aufeinander. Diese lassen sich etwa wie folgt skizzieren: Während Politik auf Entscheidungen, also das Lösen von Problemen aus ist, sind Medien mit der Problemerzeugung durch Thematisierung von Missständen, Skandalen etc. beschäftigt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Geschäftsmodell der Medien auf das Erzeugen von Interesse und Aufmerksamkeit ausgerichtet ist, während sich alle Energie der Politik auf Machtgewinn oder Machterhalt durch erfolgreiche Problemlösung ausrichtet. Medien sind in ihrer Selbstwahrnehmung dann erfolgreich, wenn sie möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen. Ein Journalist berichtete einmal, er habe im Februar 2006 die Interview-Aussage der Grünen-Politikern Bärbel Höhn, wenn es zu einer massiven Ausweitung der Vogelgrippe käme, könne dies auch Folgen für die Durchführung der Fußball-WM in Deutschland haben, unter die Schlagzeile &#132;Höhn: WM absagen!&#148; gestellt. Aufmerksamkeit bescherte ihm das allemal, sachdienlich war diese Verkürzung sicher nicht. Umso merkwürdiger, dass auch um dieses Thema sofort eine heftige Debatte entstand und die Agenturen bald meldeten, dass neben Frau Höhn immer mehr Politiker für eine Absage der WM plädierten. Die Medien hatten der Politik mal wieder ein Thema beschert, an dem diese sich tagelang die Zähne ausbiss. Die Schwierigkeit der Politik mit den Medien ist nämlich, dass diese ständig neue Probleme erzeugen, welche oft die administrative Verdaulichkeit des politischen Systems übersteigen. &#132;Jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben&#148;, nennt die politische Klasse dieses Phänomen. Und ganz unrecht hat sie damit nicht: Wenn die Medien in der einen Woche gegen Kampfhunde und in der anderen gegen die NPD mobil machen, können sie sich schon in der dritten Woche genüsslich ganz anderen Themen zuwenden. Die Politik aber hat zwei neue Arbeitspakete verordnet bekommen, die sich &#8211; wie bei den Kampfhunden wegen des deutschen Föderalismus oder beim NPD-Verbot wegen der hohen verfassungsrechtlichen Hürden eines Parteienverbots &#8211; über Jahre hinziehen können. Scheitert dann wie beim NPD-Verbot auch noch ein solches politisches Projekt, gilt die Problemlösungsfähiglceit der Politik als beschädigt und die Medien prangern dies lautstark an. Dass man die Politik in ein von Anfang an wenig aussichtsreiches Projekt getrieben hat, findet natürlich keine Erwähnung. Dies sind dann regelmäßig Zeiten, in denen die Betriebstemperatur von Politik und Medien auf den Gefrierpunkt sinkt.</p>
<p>IX.</p>
<p>Wie auch immer sich die Politik-Medien-Beziehungen gerade ausgestalten, gibt es eine Konstante: die dauerhafte, professionell bedingte Korruptionsanfälligkeit der Beziehung zwischen Politik und Journalismus, die verhindert, dass es zum totalen Abbruch der Beziehungen kommt. Diese gründet sich auf verschiedene Umstände. Da ist zum einem der ständige Tausch von Publizität gegen Information, der die tägliche Umschlagsroutine im politisch-medialen Geschäft bestimmt: Für Politiker gilt: wer Journalisten mit Neuigkeiten beliefert, bekommt positive Publicity. Entsprechend sind Politiker ständig versucht, durch Weitergabe von Infoimationen die Gunst der Journalisten zu erlangen. Und der Marktwert von Journalisten richtet sich stark danach, welche (vermeintlichen) Insider-Kenntnisse sie aus der Politik zugespielt bekommen. Die Folge: es kommt immer mehr Gerüchtekommunikation in Umlauf.</p>
<p>X.</p>
<p>Verlierer dieses Prozesses ist vor allem die dritte beteiligte Partei, die Bürgerinnen und Bürger, die sowohl an die Politik einen Transparenz- wie an die Medien einen Informationsanspruch haben. Die politisch-mediale Überhitzungsspirale droht diese Interessen regelmäßig durch schlichte Überforderung und die Kommunikation von Irrelevantem zu überrollen. Hinzu kommt: das Tempo der im politisch-medialen Komplex geforderten und eingeleiteten Reform- und Modernisierungsschritte droht die Menschen, die mit anderen Zeitbezügen und anderen lebensweltlichen Verankerungen leben als die Mitglieder des Biotops, abzuhängen. In dem Maße, in dem der politisch-mediale Komplex sich schließt, wird die dritte Anspruchspartei ausgeschlossen. Diese neigt freilich dazu, sich mit dem ihr Vorgesetzten zufrieden zu geben, statt ernsthaft eine bessere, weniger interessensgeleitete und an Ansprüchen der Allgemeinheit orientierte öffentliche Kommunikation einzufordern. Auch hier sind die Befunde erschreckend: Knapp 30 Prozent der Fernsehzuschauer werden durch Fernsehnachrichten gar nicht erreicht, weil sie diese entweder sofort wegschalten, sich unmittelbar nach der Sendung nicht mehr daran erinnern können oder die Nachrichten schlicht nicht verstehen. Nur ein Teil der Zuschauer ist in der Lage, Qualitätsunterschiede etwa zwischen Kabel-1 Nachrichten und der ARD-Tagesschau zu bemerken. Dass sich unter diesen Bedingungen politische Apathie breitmacht, muss einen nicht verwundern.</p>
<h5>***</h5>
<p>So stellt sich grob gesprochen die Situation dar: die Einen können nicht (die Politik), die Anderen wollen nicht (die Medien) und die Dritten (die Bürger) erkennen gar nicht den Zusammenhang zwischen demokratischer Diskursqualität und der Ausgestaltung des Gemeinwesens.</p>
<p>Diesen Zustand zu ändern, bevor wir italienische Zustände erreichen, müsste ein Anliegen der kritischen Öffentlichkeit, des Journalismus und auch der Politik selbst sein. Sowohl Politiker wie Journalisten müssten lernen, Ambivalenz in der politischen Kommunikation hinzunehmen, weil nun einmal die Welt auch ambivalent und weitaus komplexer ist, als Agenturmeldungen oder Präsidiumsbeschlüsse dies nahe legen. An die Stelle einer apodiktischen Sicht des &#132;so ist es&#148; träte dann der Versi}ch, die Welt in ihrer Kompliziertheit abzubilden. Das wäre nicht nur eine Hilfe gegen die Politikverdrossenheit, weil sich die Menschen plötzlich ernst genommen fühlen würden, sondern es machte auch die Frage nach dem &#132;wie soll es sein&#148; viel einfacher. Denn ein kleiner Schuss an Utopie kann uns allen nur guttun.</p>
<p>[1] Luhmann, Niklas (1996): Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden (2. Aufl.), S. 9.<br />[2] Ulrich, Bernd (2010): Spielen und gurken; in Die Zeit Nr. 28 v. 8.7.2010.<br />[3] Vgl. Mergel, Thomas (2010): Politisierte Medien und medialisierte Politik. Strukturelle Kopplungen zwischen zwei sozialen Systemen; in: Klaus Arnold, Christoph Classen, Susanne Kinnebrock, Edgar Lersch u. Hans-Ulrich Wagner (Hg.): Von der Politisierung der Medien zur Medialisierung des Politischen? Zum Verhältnis von Medien, Öffentlichkeiten und Politik im 20. Jahrhundert, Leipzig, S. 29-50.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/politik-presse-publikum/">Politik, Presse, Publikum</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Links und frei</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/171-172/publikation/links-und-frei/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Dec 2005 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/links-und-frei/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Strategische Herausforderungen für eine aufgeklärte Sozialdemokratie aus: Vorgänge Nr. 171/172 ( Heft 3/4/2005 ), S.28-33 Die Wiederkehr der Sozialdemokratie im Herbst letzten Jahres glich dem Aufstieg des Phönix aus der Asche. Geschmäht, in den Umfragen auf 24 Prozent tariert und publizistisch verhöhnt, glaubte im Mai 2005, als Gerhard Schröder seine umstrittene Neuwahl-Entscheidung traf, niemand daran, [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/171-172/publikation/links-und-frei/">Links und frei</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Strategische Herausforderungen für eine aufgeklärte Sozialdemokratie</p>
<p>aus: Vorgänge Nr. 171/172 ( Heft 3/4/2005 ), S.28-33</p>
<p><i>Die Wiederkehr der Sozialdemokratie im Herbst letzten Jahres glich dem Aufstieg des Phönix aus der Asche. Geschmäht, in den Umfragen auf 24 Prozent tariert und publizistisch verhöhnt, glaubte im Mai 2005, als Gerhard Schröder seine umstrittene Neuwahl-Entscheidung traf, niemand daran, dass die SPD in den nächsten Jahren eine große Zukunft in Deutschland hätte. Dann kam der 18. September. Er bescherte der Partei zwar keinen fulminanten Wahlsieg, aber doch ein respektables Ergebnis. Der Triumph, die Partei aus dem Umfragekeller geholt zu haben, war freilich nicht mehr als ein Zwischenhoch. Das ungeschickte Agieren des scheidenden Kanzlers am Wahlabend, vor allem aber einige Wochen später der überraschende Rücktritt des Parteivorsitzenden Müntefering, des eigentlichen Stabilitätsgaranten der SPD, stürzten die älteste deutsche Partei in tiefe Verunsicherung und eine handfeste Führungskrise. Mit dem Verlust des Kanzleramts und des Parteivorsitzenden schien der Erosionsprozessler SPD unaufhaltsam.</i></p>
<p>Umso erstaunlicher, wie stabil sich die SPD Anfang 2006 darstellt. Den Sozialdemokraten ist es fast lautlos gelungen, einen Führungswechsel zu bewerkstelligen und einer neuen Regierungskoalition beizutreten. Müntefering sitzt als unangefochtener Vizekanzler fest im Sattel, während Matthias Platzeck als Parteivorsitzender, nachdem er mit einem Traum-Ergebnis ins Amt gewählt wurde, umgehend die internen Diskussionen beendete und die Partei auf eine gemeinsame Linie verpflichtete. Das Tempo und die Geschmeidigkeit, mit denen der Wechsel vollzogen wurde, waren geradezu atemberaubend.</p>
<p>Doch zu glauben, dass damit schon alles ausgestanden sei, die ausgeblutete Schröder-SPD sich nunmehr quasi automatisch revitalisiere, wäre naiv. Zu viele unaufgelöste Spannungen und Widersprüche werden der Sozialdemokratie in den nächsten Jahren das (Mit)Regieren schwer machen. Dennoch besteht die Chance, die verschiedenen Fliehkräfte so zu kanalisieren, dass am Ende tatsächlich eine erneuerte Sozialdemokratie selbstbewusst in den Wahlkampf 2009 geht. Doch welche Hürden sind bis dahin zu überwinden? Hier sollen zumindest einige Problemfelder  aufgezeigt und kurz beleuchtet .</p>
<h5>1. Heimliche Opposi&shy;ti&shy;ons&shy;sehn&shy;sucht und die M&uuml;hsal des Regierens</h5>
<p>Unter vielen Sozialdemokraten bestand in den letzten Jahren von Rot-Grün eine heimliche Sehnsucht nach der Opposition. Die Verkündigung der ständigen schlechten Nach-richten einfach &#132;den anderen&#148; überlassen und selbst an attraktiven Gesellschaftsvisionen arbeiten &#8211; das ist ein Politikstil, den die SPD sich zwischen 1982 und 1998 gründlich antrainiert hat und der sich gerade an der Basis immer noch großer Beliebtheit erfreut. Der polarisierende Wahlkampf hat in den Reihen der SPD die Abneigung gegen die CDU noch einmal verstärkt, und viele Mitglieder sind zwar rational, nicht aber emotional davon überzeugt, dass die Partnerschaft mit der CDU/CSU eine gute Lösung ist.</p>
<p>Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch offen, wie sozialdemokratisch die Große Koalition geprägt sein wird. Zwar gelang es der SPD, in den Koalitionsverhandlungen viele ihrer Inhalte durchzusetzen und eine Reihe von Schlüsselressorts zu besetzen, doch das Kanzleramt mit seiner zentralen Steuerungskompetenz und die für Fragen der gesellschaftlichen Modernisierung wichtigen Ressorts für Forschung, Wirtschaft und Familie sind in den Händen der Union. Momentan profitiert die SPD noch von dem Schock, den das überraschend schlechte Wahlergebnis in den Reihen der CDU ausgelöst hat. Doch wenn die Christdemokraten erst mit Selbstbewusstsein regieren, kann die sozialdemokratische Prägemacht in der Koalition schnell dahinschwinden. Die SPD könnte dann in die Situation kommen, in der die CDU die Innovations- und Modernisierungsthemen für sich verbucht, während die SPD mit ihren Ressorts für Kürzungen und Einschnitte steht. Eines der zentralen Streitthemen des Wahlkampfs, die Gesundheitsreform, hat der Koalitionsvertrag ausgeklammert. Spätestens wenn dieses Thema auf die Tagesordnung kommt, wird sich die Machtfrage in der Großen Koalition offen stellen. Für die SPD ist gerade dieses Thema, anders als für die CDU, eine die Identitäten Grundfesten tangierende Frage. Es wird für sie existenziell sein, wie viel von ihren Vorstellungen sie durchsetzen kann.</p>
<p>Weitgehend unklar ist ebenso noch, wie der Politikstil der Großen Koalition aussehen wird, wie sich die zwangsweise Partnerschaft ausgestaltet. Begreifen die beiden Parteien ihre Zusammenarbeit als antagonistische Kooperation und pflegen einen vertrauten Umgang miteinander, besteht für die SPD als Juniorpartnerin die Gefahr, nicht hinreichend als eigenständige Kraft wahrgenommen zu werden. Setzen SPD und Union dagegen auf Konflikt, besteht die Gefahr, dass die SPD ihre Ziele nicht durchsetzen kann, somit öffentlich als Verlierer dasteht und den Bestand des Bündnisses gefährdet. In der Praxis dürfte sich wohl eine Mischung aus beiden Strategien durchsetzen. Damit läuft die SPD erst recht Gefahr, als unberechenbar dazustehen und Konflikte zunächst hochzuspielen, um sich dann auf Formelkompromisse zu einigen &#8211; ein Politikstil, der, obwohl funktional notwendig, von der Bevölkerung ganz und gar nicht goutiert wird.</p>
<h5>2. Regierungs- versus Partei-&shy;Partei</h5>
<p>Eine zweite zentrale Frage berührt das Verhältnis von Partei und sozialdemokratischen Regierungsmitgliedern. Die SPD ist hier auf doppelter Ebene zum Erfolg verdammt: Sie muss gut und effizient regieren, und sie muss gleichzeitig als Partei mehr bieten als die bloße Regierungsbeteiligung. Hier tut sich ein potenzielles Konfliktfeld auf: während die von Müntefering geführte Riege der sozialdemokratischen Minister vor allem im Zeitrahmen der laufenden Legislaturperiode agiert, beginnen in der Parteizentrale die ersten Überlegungen für das Wahljahr 2009 und die hierfür notwendigen Weichenstellungen.</p>
<p>Die gescheiterte Kandidatur von Andrea Nahles als Generalsekretärin stand für den Versuch, die Partei als selbstbewusste Institution neben der Regierung zu positionieren. Der damalige Parteivorsitzende Müntefering wollte dies verhindern. Ihm schien die Absicherung des Regierungshandelns in die Partei hinein als zentral. Die Wahrheit dürfte, wie so oft, in der Mitte liegen: weder darf die SPD, wie etwa zu den Spätzeiten Helmut Schmidts, das Gegenteil von dem beschließen, was die Regierung plant, noch darf sie zu einem bloßen Akklamationsapparat der Regierung verkommen. Stellt man in Rechnung, dass das Regierungshandeln in den kommenden vier Jahren durch ständige Kompromisse geprägt sein wird, wird deutlich, wie dringend die Partei programmatische Visionen und Politikentwürfe entwickeln muss, um die sozialdemokratische Identität zu erhalten und nach außen zu kommunizieren.</p>
<p>Im Hinblick auf 2009 kann man schon jetzt prognostizieren, dass nicht die sozial-demokratische Regierungsriege den Mittelpunkt des politischen Angebots der SPD bilden wird. An die Stelle eines rein gouvernementalen Wahlkampfs, wie er 2002 und 2005 aus dem Kanzleramt geführt wurde, wird eine Doppelstruktur aus Protagonisten der Partei und den Reihen der sozialdemokratischen Regierungsmitglieder treten, wobei abzusehen ist, dass die Partei eine zentrale Rolle spielen wird. Folglich muss sie bis da-hin organisatorisch aufgestellt, programmatisch aufgeladen und politisch handlungsfähig gemacht werden.</p>
<p>Dies setzt eine agile, vitale und diskussionsbereite Parteistruktur voraus. Doch die ist nach sieben Jahren Regierung nicht mehr vorhanden. In den letzten fünfzehn Jahren hat die SPD rund 300.000 Mitglieder eingebüßt. Sie ist zwar immer noch die größte Volkspartei Europas, doch unter den verbliebenen 600.000 Genossinnen und Genossen ist vor allem Erschöpfung zu beobachten. Dem späten Wahlsieg von 1998 folgte kein umfassender gesellschaftlicher Aufbruch, wie er in den langen Oppositionsjahren herbeiphantasiert worden war; der nur unzureichend kommunizierte Agenda-Prozess hat die Partei durch alle Ebenen hindurch verschlissen und aufgebraucht. Erstaunlich, mit welcher Disziplin sich die Partei noch durch das Mega &#8211; Wahljahr 2005 gekämpft hat &#151; doch jetzt sind die Akkus aufgebraucht.</p>
<p>Die neue Parteiführung muss also die SPD neben der Regierung neu erfinden, ohne ihr dabei in den Rücken zu fallen. Voraussetzung für eine Rückeroberung des Kanzleramtes 2009 ist eine erneuerte Partei. Ob hierfür eine Organisationsreform notwendig ist,bleibt vorerst offen. Der neue Bundesgeschäftsführer Martin Gorholt verneint dies, kündigt aber gleichzeitig an, neue Formen der &#132;Unterstützer-Mitgliedschaft&#148; einzuführen, welche es Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten erlaubt, mit, in und für die Partei tätig zu sein, ohne sich in das traditionelle Leben der Ortsvereine einzufügen.</p>
<p>Not tut sicherlich eine Neuvermessung der sozialen Milieus und Unterstützer-Schichten der SPD. Die letzte entsprechende Studie über sozialdemokratische Lebenswelten und die mit ihnen zusammenhängenden sozio &#8211; ökonomischen Trägerschichten stammt aus den 1980er Jahren. Alle Versuche danach, das sozialdemokratische Terrain neu zu definieren &#151; man denke nur an die &#132;neue Mitte&#148; &#151; blieben nebulös und soziografisch unfundiert. Ein Wahlsieg 2009 aber setzt voraus, dass die Partei weiß, welche gesellschaftlichen Schichten und Milieus sie eigentlich umwerben muss.</p>
<h5>3. Auf der Suche nach einem neuen Profil</h5>
<p>In Bewegung geraten ist auch das inhaltliche Profil der Partei. Seit 1990 hatte es vor allem aus zwei verschiedenen Koordinatensystemen bestanden: Da war auf der einen Seite die Trennung zwischen Rechten und Linken (institutionell verkörpert durch die beiden Lager Seeheimer Kreis und Parlamentarische Linke), auf der anderen die (teilweise, aber nicht durchgehend der institutionellen Zuordnung folgende) Unterscheidung zwischen traditionsbewussten Bewahrern der Sozialstaats und eher wirtschaftsliberalen Modernisierern. Irgendwo dazwischen agierte seit Ende der 1990er Jahr das Netzwerk, ein Zusammenschluss jüngerer pragmatischer Sozialdemokraten. In den Wirren der Agenda-Politik haben sich diese Pole und Positionen mehrfach verschoben. Franz Müntefering, eigentlich ein Traditionalist, machte sich als Generalsekretär im Sommer 2003 die Agenda 2010 zu eigen und ihre Durchsetzung in der SPD zu seiner eigentlichen Aufgabe als Parteivorsitzender. Im Mai 2005 initiierte er dann die von Bevölkerung und Medien überrascht aufgenommene Kapitalismus Debatte, die aus Sicht vieler Kommentatoren eine partielle Abkehr von der bisherigen Angebots-Politik der Bundesregierung bedeutete.</p>
<p>Heute zeichnet sich in der SPD eine stärkere Betonung des traditionellen Wertes von sozialer Gerechtigkeit ab, als sie von der Schröder-Regierung verfolgt wurde. Wie aber diese diffuse Linkswende jenseits von den mit der CDU verabredeten Korrekturen an Hartz IV programmatisch und politisch umgesetzt werden soll, ist noch weitgehend offen. Die Bundestagswahl hat zumindest gezeigt, dass die traditionelle Stammwählerschaft der SPD von der Partei nach wie vor erreicht werden kann, hierfür aber eine Thematisierung von Gerechtigkeitsfragen unerlässlich ist.</p>
<p>Mit der Wahl von Matthias Platzeck zum neuen Parteivorsitzenden ist das programmatische Spektrum der SPD noch einmal um eine neue Facette erweitert worden. Platzeck hat seinen letzten Landtagswahlkampf auch dadurch gewonnen, dass er gegen alle Widerstände die umstrittenen Hartz-Reformen als notwendig verteidigt hat. Von Schröder unterscheidet sich Platzeck aber dahingehend, dass er Fragen der Kommunität, der Existenzbedingungen einer solidarischen Gesellschaft, stärker betont. Wo Schröders auf Entstaatlichung angelegtes Agieren vielfach einfach Ausdruck von Pragmatismus war (nicht umsonst fand die von ihm initiierte Debatte über die Bürgergesellschaft wenig Widerhall), scheint Platzeck in der partiellen Rücknahme von staatlicher Steuerung auch zivilgesellschaftliche Freiheitszugewinne auszumachen. Er ist ein Aufklärer, kein Verteilungstechniker. Nicht so sehr gesellschaftliche Gruppen mit ihren Ansprüchen auf Teilhabe am Sozialprodukt als vielmehr der Einzelne als Individuum steht im Mittelpunkt seiner politischen Vorstellungen, die in den Forderungen nach Bildung und individueller Selbstbefähigung ihren Niederschlag finden. Peter Glotz hielt in seinen postum erschienenen Erinnerungen fest: &#132;Für mich war die SPD (in dieser Reihenfolge) eine Partei der Aufklärung, des wissenschaftlichen Fortschritts, der Bürgerrechte und der sozialen Gerechtigkeit.&#148; Für Platzeck dürfte ähnliches gelten: Er wird den &#132;breiten, hellen Weg der Sozialdemokratie&#148; nicht zum &#132;Hohlweg der Sozialpolitik&#148; (noch einmal Glotz) werden lassen. Genau auf diesen aber wurde die SPD unfreiwillig in den Auseinandersetzungen um Hartz</p>
<h5>IV verengt.</h5>
<p>Wann die Partei sich ein neues Grundsatzprogramm gibt, welches das veraltete Programm von 1989 ablöst, ist noch nicht entschieden. Vieles spricht dafür, jetzt nichts zu übereilen. Im Berliner Willy-Brandt-Haus liegen zwei Entwürfe in den Schubladen: einer, der unter der Ägide von Olaf Scholz als Generalsekretär entstanden ist, und ein zweiter, der unter Müntefering maßgeblich von Wolfgang Thierse verfasst wurde. Wann auch immer die Partei den Diskussionsfaden wieder aufnimmt, muss sie den neu-en Koordinaten Rechnung tragen. Die radikale Kapitalmobilität des 21. Jahrhunderts und der neue Schub der Globalisierung müssen ebenso berücksichtigt werden wie die Vergemeinschaftungsprozesse in der EU, der demografische Wandel, die Verschuldung der öffentlichen Hand sowie die seit zwanzig Jahren grassierende Massenarbeitslosigkeit. Vor allem aber muss die SPD die richtige Balance finden zwischen einem klaren Bekenntnis zum Wert der sozialen Gerechtigkeit (die nicht auf eine bloße Teilhabegerechtigkeit reduziert werden sollte) und der aus diesem Bekenntnis resultierenden Gefahr, sich mit einem sozialtechnokratischen Programm für die nächsten fünfzehn Jahre im 25-Prozent-Ghetto einzuschließen.</p>
<h5>4. Die Linkspartei als Konkur&shy;rentin</h5>
<p>Die letzte große Herausforderung für die durch die Große Koalition in die politische Mitte verbannte SPD ist die Linkspartei.PDS. Noch ist fraglich, ob der Fusionsprozess aus WASG und PDS formal überhaupt gelingen wird. Klar ist aber auch, dass schon jetzt aus dem neuen Gebilde mehr entstanden ist, als die PDS im Osten und die versprengten Altlinken, Sozialdemokraten und Gewerkschafter im Westen vorher allein darstellten. Durch die Agenda-Politik der rot-grünen Bundesregierung hat sich im politischen Parteienspektrum eine Lücke aufgetan, die von den Strategen der PDS geschickt genutzt und organisatorisch untermauert wurde: Ein sozialistisches Projekt links der SPD erschien plötzlich nicht nur legitim, sondern geradezu notwendig, um die Interessen der traditionellen Sozialstaatsbewahrer zu bündeln und parlamentarisch zu repräsentieren. Die Gründung der Linkspartei stellt nicht nur das &#132;historische Bündnis&#148; der SPD mit den Gewerkschaften in Frage, auch viele Intellektuelle zeigen offene Sympathie für das Projekt. Für die SPD ändert sich damit die politische Gemengelage. Sie muss sich künftig nach rechts und links gleichzeitig abgrenzen. Manche Versuche der Parteiführung, mit dem Phänomen Linkspartei umzugehen, waren bislang eher unbeholfen. Das Argument, bestimmte politische Forderungen seien unbezahlbar, zieht bei frustrierten Wählern genauso wenig wie der (ansonsten ja absolut berechtigte) Hinweis, dass man es bei Lafontaine und Gysi mit reichlich unsicheren Kantonisten zu tun hat.</p>
<p>Der richtige Umgang mit der neuen linken Konkurrenz muss noch gefunden werden. Letztlich kann die erzwungene Abgrenzung zur Linkspartei der SPD aber auch helfen, sich auf sich selbst zu besinnen: Da man der Linkspartei im Bereich des sozialpolitischen Populismus zumindest argumentativ nicht beikommen kann, ist die Sozialdemokratie gezwungen, neben der Gerechtigkeitsfrage ihre anderen Grundwerte zu betonen: Freiheit, Aufklärung und Fortschritt. In dem Maße, in dem ihr das gelingt, versichert sie sich auch ihrer eigenen Zukunft.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/171-172/publikation/links-und-frei/">Links und frei</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Strukturwandel der Medienwelt</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/strukturwandel-der-medienwelt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 15:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/strukturwandel-der-medienwelt/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht aus: Vorg&#228;nge Nr. 169 (Heft 1/2005), S. 58-74 Die Rettung der Schriftkultur vor der totalen Visualisierung erw&#228;chst aus der Analyse ihrer Anf&#228;nge. W&#252;rde dieser Einstiegssatz Sie zum Weiterlesen des Literaturberichts animieren? Dieser Frage ist Dorothee Krings in ihrer empirischen Untersuchung &#252;ber die Wirkungen von Anfangss&#228;tzen in Pressekommentaren und Reportagen nachgegangen: Dorothee Krings: [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/strukturwandel-der-medienwelt/">Strukturwandel der Medienwelt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 169  (Heft 1/2005), S. 58-74</p>
<p><i>Die Rettung der Schriftkultur vor der totalen Visualisierung erw&auml;chst aus der Analyse ihrer Anf&auml;nge. W&uuml;rde dieser Einstiegssatz Sie zum Weiterlesen des Literaturberichts animieren? Dieser Frage ist Dorothee Krings in ihrer empirischen Untersuchung &uuml;ber die Wirkungen von Anfangss&auml;tzen in Pressekommentaren und Reportagen nachgegangen:</i></p>
<p><i>Dorothee Krings</i>: Den Anfang machen. Einstiegss&auml;tze in Reportage und Kommentar und ihr Einfluss auf die Rezeptionsentscheidung von Lesern, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissensch&auml;ften: Wiesbaden 2004, 164 S., ISBN 3-531-14254-2; 19,90 Euro</p>
<p>Sie ordnete Einstiegss&auml;tze beider Genres aus der S&uuml;ddeutschen Zeitung und lie&szlig; sie von Probanden bewerten. Die Konzentration auf die Pr&auml;ferenzen der Rezipienten, also der Leser, ergibt allerdings kein grunds&auml;tzlich neues Bild: Viele Leser w&uuml;nschen informative, nur in Ma&szlig;en verr&auml;tselte Anf&auml;nge, die Information statt Sch&ouml;nheit in den Mittelpunkt stellen, um die Entscheidung &uuml;ber das Weiterlesen rasch f&auml;llen zu k&ouml;nnen. Derart prosaische Erkenntnisse werden nicht alle von Krings nach praktischen Schreiberfahrungen mit &bdquo;Ersten S&auml;tzen&rdquo; befragten SZ-Redakteure erfreuen, zumal jene &#8211; wie wohl jeder Schreibende &#8211; von schlaflosen N&auml;chten berichten k&ouml;nnen, die ihnen Gr&uuml;beleien &uuml;ber passende Anf&auml;nge bereiteten.</p>
<p>Welche Rolle spielen &#8211; gut oder schlecht begonnene &#8211; Pressekommentare f&uuml;r die politische &Ouml;ffentlichkeit in Deutschland? Diese Frage r&uuml;hrt an das Herz der demokratischen Ordnung, weil in der Demokratie nach herk&ouml;mmlicher Interpretation der &bdquo;Vierten Gewalt&rdquo; entscheidende Kontrollfunktion zukommt. K&ouml;nnen Kommentare angesichts von Trivialisierung und Krisenanf&auml;lligkeit der Medien &uuml;berhaupt noch ihre kritische Rolle wahrnehmen? Der Sammelband von Christiane Eilders/Friedhelm Neidhardt/Barbara Pfetsch (Hgg.): Die Stimme der Medien. Pressekommentare und politische &Ouml;ffentlichkeit in der Bundesrepublik, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 431 S., ISBN 3-531-14217-8; 39,90 Euro pr&auml;sentiert dazu die mehrj&auml;hrige Forschungsarbeit der Abteilung &Ouml;ffentlichkeit und soziale Bewegungen am Berliner Wissenschaftszentrum. Anhand von f&uuml;nf &uuml;berregionalen Tageszeitungen von rechts bis links (Welt, Frankfurter Allgemeine, S&uuml;ddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, taz) wurden f&uuml;r den Untersuchungszeitraum 1994 und 1998 8.946 politische Kommentare gesammelt und ausgewertet. Der Band stellt somit eine empirisch ges&auml;ttigte, einzigartige Fundgrube dar: So r&uuml;cken die Herausgeber in Kapitel 2 der zahlenm&auml;&szlig;ig kleinen, aber redaktionell einflussreichen Gruppe von meinungsf&uuml;hrenden Kommentatoren <br />(der &bdquo;&Ouml;ffentlichkeitselite&rdquo;) zu Leibe, inklusive ihrer wechselseitigen kollegialen Wahrnehmungen. In Kapitel 4 untersucht Neidhardt die Kommentare auf die dominanten Themen und Inhalte. Im zweiten Teil des Buches finden sich dann umfassende Abschnitte zur Kommentierung der Schwerpunkte Recht und Justiz, Medienpolitik, Wissenschaft, Rechtsextremismus oder zur Gemeinwohlrhetorik. Wen der Einfluss der Qualit&auml;tspresse auf die politische &Ouml;ffentlichkeit interessiert, muss k&uuml;nftig diesen Band studieren.</p>
<p>Barbara Pfetsch, Professorin f&uuml;r Kommunikationswissenschaft an der Universit&auml;t Stuttgart-Hohenheim, hat &uuml;ber mehrere Jahr hinweg die Politikvermittlungsprozesse in Amerika und Deutschland vergleichend untersucht. Aufgrund von 112 Interviews (leider bereits aus den Jahren 1992-95 stammend), die auf insgesamt 3.000 Seiten transkribiert wurden, stellt sie die Rolle von Pressekonferenzen und Hintergrundkreisen, von Meinungsumfragen und den Einfluss der Pressesprecher sowie regierungsamtlicher Kommunikationsinstitutionen in beiden L&auml;ndern dar:</p>
<p><i>Barbara Pfetsch</i>: Politische Kommunikationskultur. Politische Sprecher und Journalisten in der Bundesrepublik und den USA im Vergleich, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 273 S., ISBN 3-531-13708-5; 32,90 Euro</p>
<p>Es ist ein theoretisch wie empirisch anspruchsvolles Projekt, das &uuml;berzeugend und detailliert das N&auml;hverh&auml;ltnis zwischen Journalismus und politischen Sprechern hierzulande belegt; die Autorin konstatiert ein &bdquo;Harmoniebed&uuml;rfnis auf beiden Seiten&rdquo;. In Amerika dagegen sei das Verh&auml;ltnis distanzierter, wenngleich die Sprecher dort sich von vorneherein den Eigenlogiken des medialen Systems viel st&auml;rker unterordneten. Noch st&uuml;nden aber einer oft voreilig als &bdquo;Amerikanisierung&rdquo; begriffenen Ver&auml;nderung in der deutschen politischen Kommunikationskultur wesentliche Faktoren entgegen: die verfassungsrechtlich gesicherte, starke Rolle der Parteien sowie die differenzierte Medienlandschaft mit einem starken Anteil &ouml;ffentlich-rechtlicher Strukturen.</p>
<p>Einer, der dieses Wechselspiel zwischen Politik und Journalisten lange Jahrzehnte miterlebte (und mit betrieb), hat nun ein dickes Buch &uuml;ber seine Erfahrungen geschrieben. J&uuml;rgen Leinemann, Reporter des Spiegel in Bonn und Berlin, kennt die politische Klasse wie kaum ein zweiter und hat viele ihrer zentralen Figuren portr&auml;tiert:</p>
<p><i>J&uuml;rgen Leinemann</i>: H&ouml;henrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker, Blessing: M&uuml;nchen 2004, 491 S., ISBN 3-89667-156-1; 20 Euro</p>
<p>Es ist ein ambivalentes Buch mit einem f&auml;lschlicherweise ein Pamphlet verhei&szlig;enden Titel geworden: Stellenweise liest es sich wie ein &ndash; passend nach Generationen gegliederter &ndash;&bdquo;Kurzer Lehrgang&#8220; in bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte. Die vielen raumgreifenden Exkurse in Kultur und Zeitgeist hat man allerdings anderswo schon pr&auml;ziser beschrieben gefunden. Zuviele Lesefr&uuml;chte aus dem Zettelkasten (von Jacob Burckhardt bis Sloterdijk), vielleicht einem zu ehrgeizigen Deutungsanspruch geschuldet, d&auml;mpfen die Lust am Notizblock des Reporters, aus dem oft brillante Erz&auml;hlungen und kluge Interpretationen stammen. Auch wenn sich der Autor an manchen Stellen autobiographisch einbringt, h&auml;tte ein wenig mehr Selbstanalyse dem Buch gut getan: Denn was w&auml;re die Welt der Politiker ohne ihre medialen Interpreten wie Leinemann?</p>
<p>Wissenschaftler und Praktiker beider Seiten (Journalisten, Politikberater, Untemehmenssprecher) f&uuml;hrt der Sammelband<br />Lothar RolkeNolker Wolff (Hgg.): Die Meinungsmacher in der Meinungsgesellschaft. Deutschlands Kommunikationseliten aus der Innensicht, Westdeutscher Verlag: Wies-baden 2003, 189 S., ISBN 3-531-14089-2; 22,90 Euro zusammen.</p>
<p>In den Aufs&auml;tzen von Miriam Meckel und Walter Bajohr treffen wir noch einmal auf die Fernsehduelle zwischen Schr&ouml;der und Stoiber 2002; die Interaktionen von Politik und Medien werden anhand dieses Beispiels oberfl&auml;chlich rekapituliert. Der ehemalige Chefredakteur des Spiegels und des manager magazins, Wolfgang Kaden verweist auf die hermetische bis irref&uuml;hrende &Ouml;ffentlichkeitsarbeit deutscher Unternehmen, die Wirtschaftsjournalisten die Arbeit erschweren. Martin L&ouml;ffelholz fordert die st&auml;rkere Verkn&uuml;pfung von handlungs- und systemtheoretischen Modellen, um die Funktion und Organisation von Politik- und Wirtschaftsjournalismus besser zu beschreiben. Hans Matthias Kepplinger versucht empirisch, die Unterschiede zwischen den medialen Kompetenzen von Managern und Politikern herauszuarbeiten.</p>
<p>Passen die wesentlichen Befunde der Journalismus- und Medienforschung auf knapp 600 Seiten zwischen zwei Buchdeckel? Obwohl dies kaum vorstellbar erscheint, ist es den Herausgebern des Handbuchs G&uuml;nter Bentele/Hans-Bernd Brosius/Otfried Jarren (Hg.): &Ouml;ffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003, 607 S., ISBN 3-531-13532-5; 38,90 Euro gelungen, den Stand der neueren Kommunikationsforschung mit beeindruckender Vollst&auml;ndigkeit abzubilden. Alle wesentlichen kommunikationsgeschichtlichen Teildisziplinen werden hier mit ihrer Forschungsprogrammatik und ihren leitenden Fragen skizziert, die wesentlichen Forschungsfelder &ndash; etwa: Kommunikatorforschung, Medienwirkungsforschung, Medieninhaltsforschung &ndash; beschrieben. Meist stammen die ca. 15 Seiten langen Eintr&auml;ge aus der Feder der f&uuml;r das jeweilige Gebiet wichtigsten Fachvertreter, so dass die Darstellung durchgehend kompetent und souver&auml;n ist. F&uuml;r jeden Leser auch au&szlig;erhalb der Kommunikationswissenschaft, der sich ein Bild vom Forschungsstand dieser Disziplin machen will, ist dieser Band eine mehr als lohnenswerte Anschaffung.</p>
<p>Die deutsche Medienwirtschaft ist sp&auml;testens seit der gro&szlig;en Medienkrise von 2001 Gegenstand zahlreicher Debatten. Wer sich mit dem Gebiet Medien&ouml;konomie systematisch befassen will, kommt um die folgende Publikation nicht herum:</p>
<p><i>Klaus-Dieter </i>Altmeppen/Matthias Karmasin (Hg.): Medien und &Ouml;konomie. Bd. 1/l: Grundlagen der Medien&ouml;konomie. Kommunikations- und Medienwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft; Bd. 1/2: Grundlagen der Medien&ouml;konomie. Soziologie, Kultur, Politik, Philosophie; Bd. 2: Problemfelder der Medien&ouml;konomie (Bd. 3 u. 4 in Vorbereitung), VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003ff., ISBN 3-531-13631-3; je 22,90 Euro (112; 2) bzw. 24,90 Euro (1/1)</p>
<p>In den insgesamt vier B&auml;nden werden die Grundlagen der Medien&ouml;konomie als einer Hybrid-Disziplin aus Medien- und Wirtschaftswisssenschaften dargestellt. Ausgehend von der Charakterisierung von Medien als meritorische G&uuml;ter (sowohl Kulturgut als auch Ware) wird die Medien&ouml;konomie als eigenst&auml;ndige Wissenschaft entwickelt und auf aktuelle Problemfelder des Medienmanagements angewandt.</p>
<p>Wer nach detaillierten Informationen zur wirtschaftlichen Krise der Tageszeitungen sucht, kann sich durch eine ebenso umfassende wie n&uuml;tzliche Artikel- und Interviewsammlung der taz arbeiten, die deren Recherchedienst anhand der in den letzten sechs Jahren in der taz zum Thema erschienenen Artikel zusammengestellt hat:</p>
<p>Zeitungsd&auml;mmerung. Die Presse, die Krise und der ganze Rest, hg. v. RechercheDienst der taz, taz: Berlin, September 2004, 136 S., Bestellm&ouml;glichkeiten: <a href="http://www.taz.de/" target="_blank" rel="noopener">www.taz.de</a>; e-mail: <a href="mailto:recherche%40taz.de">recherche@taz.de</a>; Tel. 030/2590 2284; Fax: 030/2590 2684;10 Euro zuz&uuml;gl. Versand<br />Vom Boom am Ende der 1990er Jahre, als alle &uuml;berregionalen Bl&auml;tter ihre Berlin-Seiten lancierten, &uuml;ber den beinharten Kampf einiger Verleger gegen die bisherigen Kartellrichtlinien, die Fusionen verhindern sollen, um noch gr&ouml;&szlig;ere Pressekonzentrationen zu vermeiden, bis zum Zusammenbruch des Anzeigenmarktes finden sich hier alle Tendenzen der letzten Jahre in thematischen Kapiteln geordnet. Am Ende steht ein umfangreicher Statistikteil, der Orientierung &uuml;ber die Werbeeinnahmen und Auflagenh&ouml;hen der letzten Jahre, die Beteiligungen der diversen Verlagsgruppen an der regionalen und &uuml;berregionalen Presse u.v.m. verschafft.</p>
<p>Trotz einiger Krisensymptome waren bis vor kurzem die Regionalzeitungen ein festes Standbein der deutschen Presselandschaft. Doch auch hier k&uuml;ndigen sich dramatische Ver&auml;nderungen an: Bereits Mitte der 1990er Jahre abonnierte nur ein Drittel aller 20- bis 29j&auml;hrigen eine regionale Tageszeitung, in Gro&szlig;st&auml;dten gar nur jeder sechste aus dieser Altersgruppe. Da Leser in sp&auml;teren Jahren kaum hinzugewonnen werden k&ouml;nnen, stehen auch hier unvermeidlich empfindliche Einbu&szlig;en in der Leserschaft bevor. Welche Gr&uuml;nde nun f&uuml;r jene aussterbende junge Minderheit an Abonnenten entscheidend sind, versucht die Dortmunder Dissertation von <i>Lars Rinsdorf</i>: Einflussfaktoren auf die Abonnemententscheidung bei lokalen Tageszeitungen, LIT Verlag: M&uuml;nster/Hamburg/London 2003, 201 S., ISBN 3-8258-6753-6; 19,90 Euro u.a. anhand von Interviews mit Probanden aus unterschiedlichsten Lebenswelten herauszufinden. Wichtig sind vor allem die einstigen Leseerfahrungen im Elternhaus. Je-doch erschwert eine wachsende Mobilit&auml;t die Entscheidung, dann im ersten eigenen Haushalt eine Zeitung zu abonnieren; der Preis ist &uuml;berraschenderweise eher nebens&auml;chlich. Genutzt wird die Regionalzeitung &ndash; entgegen landl&auml;ufigen Vorstellungen &ndash; weniger als lokales Servicemedium. Vielmehr steht die &uuml;berregionale Information in Mittelpunkt des Interesses; die im Vergleich zu den &Uuml;berregionalen einfachere Sprache wird hier offenbar goutiert.</p>
<p>Wer sich einen ersten &Uuml;berblick &uuml;ber die Geschichte deutscher Tageszeitungen in den letzten zweihundert Jahren verschaffen m&ouml;chte, kann sich in der ausf&uuml;hrlich bebilderten Einf&uuml;hrung von Konrad Dussel: Deutsche Tagespresse im 19. und 20. Jahrhundert, LIT Verlag: M&uuml;nster 2004, 272 S., ISBN 3-8258-6811-7; 19,90 Euro informieren. In zehn historisch angelegten Kapiteln (nur Kapitel 4 widmet sich systematisch den technischen Umw&auml;lzungen Ende des 19. Jahrhunderts) schildert der Mannheimer Lehrstuhlinhaber mitunter etwas betulich die Entwicklung der Zeitungslandschaft hierzulande. Die Parallelisierung mit der politischen Geschichte macht Sinn, doch h&auml;tte man sich einige vergleichende Betrachtungen &uuml;ber andere L&auml;nder gew&uuml;nscht. Ebenso f&auml;llt die weiterf&uuml;hrende Literatur am Ende jedes Kapitels zu kursorisch aus; die konkrete Nennung einiger Titel w&auml;re sinnvoller gewesen. Doch im ganzen kann man den Band f&uuml;r einen ersten Einstieg in die Pressegeschichte gut verwenden.</p>
<p>Zur harten Theoriearbeit: Ein Standard-Referenztitel k&ouml;nnte Bertram Scheufele: Frames &ndash; Framing &ndash; Framing-Effekte. Theoretische und methodische Grundlegung des Framing-Ansatzes sowie empirische Befunde zur Nachrichtenproduktion, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003, 248 S., ISBN 3-531-14040-X; 25,90 Euro werden. Denn auch wenn der Autor mit dem sperrigen Titel dieses Bandes wohl kaum einen Preis zur Sprachpflege in den Sozialwissenschaften gewinnen wird, leistet er doch mit diesem Buch erstaunliches. Framing ist ein relativ neues Konzept der Medienwirkungsforschung und bedeutet, dass Medienberichterstattung in den K&ouml;pfen der Zuschauer und Leser &bdquo;rahmende&rdquo; Effekte hat. Kulturelle und politische Vorlieben werden &uuml;ber Jahre und kontinuierlich durch Medienberichterstattung aufgebaut und bestimmen dann auch, wie ein aktuelles Ereignis von den Rezipienten aufgenommen wird. Das ist insoweit sehr plausibel &ndash; und erinnert schon als Walter Lippmanns ber&uuml;hmte pictures in their heads &ndash;, hatte aber bislang den Nachteil, dass die verschiedenen Framing-Modelle unterschiedlicher Wissenschaftszweige nie zu einem Konzept zusammengef&uuml;hrt wurden. Diese Arbeit hat nun Scheufele unternommen und seine systematischen Ergebnisse auch noch empirisch unterlegt. Die produktive Diskussion um die verschiedenen Framing-Modelle und ihre Effekte kann dadurch nur befl&uuml;gelt werden.</p>
<p>Der Zusammenhang zwischen der jeweils vorherrschenden Medienkultur und ihrer Reflexion in der Kulturkritik ist sp&auml;testens seit G&uuml;nter Anders&#8216; Antiquiertheit des Menschen ein g&auml;ngiger Topos auch der kommunikationswissenschaftlichen Diskussion:<br />Klaus Neumann-Braun (Hg.): Medienkultur und Kulturkritik. VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2002, 234 S., ISBN 3-531-13772-7; 24,90 Euro</p>
<p>Der vorliegende Sammelband beleuchtet dieses Wechselspiel aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Im Zentrum der Beitr&auml;ge stehen Studien zur gegenw&auml;rtigen Medienkultur, aber auch zu literaturwissenschaftlichen Themen wie &bdquo;Novalis und die Reflexivit&auml;t des H&ouml;rens&rdquo; (Harro Zimmermann). Interessant vor allem der Beitrag von J&ouml;rn Ahrens zum Thema &bdquo;Code &ndash; Anmerkungen zu einer ubiquit&auml;ren Kategorie&rdquo;, die einen ersten Versuch darstellt, eine Ordnung in die diversen Code-Begriffe der Medienwissenschaften zu bringen. Insgesamt jedoch fehlt dem Band &ndash; der als Festschrift f&uuml;r Stefan M&uuml;ller-Doohm konzipiert wurde &ndash; ein klares thematisches Zentrum. Die klassische Kulturkritik, die ja eine starke und wichtige Denkrichtung eigenen Rechts darstellt, findet hier &ndash; obwohl titelgebend &ndash; so gut wie keine Erw&auml;hnung.</p>
<p>Ein ubiquit&auml;rer Allgemeinplatz gegenw&auml;rtiger Kulturkritik ist jedenfalls das laute Klagelied &uuml;ber die ARD-Polit-Talkshow Sabine Christiansen. Das demokratiegef&auml;hrdende Potential dieses Sendeformats ist innerhalb der gebildeten St&auml;nde unumstritten (&bdquo;Parlamentsersatz&#8220;). Wer in der Hoffnung auf eine Erkl&auml;rung von Wesen und Erfolg, oder wenigstens auf eine intelligent-demaskierende Kritik dieser Sendung nach dem Buch Walter van Rossum: Meine Sonntage mit &bdquo;Sabine Christiansen&rdquo;. Wie das Palaver uns regiert, Kiepenheuer &amp; Witsch: K&ouml;ln 2004, 185 S., ISBN 3-462-03394-8; 8,90 Euro greift, wird entt&auml;uscht. Es ist ein Pamphlet, das in weiten Teilen nur am Rande mit der Sendung zu tun hat. Stattdessen breitet der Autor aus, was er ohnehin zum Zustand der Republik schon immer einmal sagen wollte oder sich hier und dort zusammengelesen hat &ndash; und das auch noch h&ouml;chst unoriginell, weil man die Kritik an Sozialabbau, Steuerflucht, Gro&szlig;kapital und neoliberalen Meinungseliten in dieser inhaltsfreien Form schon zu oft vernommen hat, als dass sie nicht irgendwann erm&uuml;dete. R&auml;tselhaft bleibt vor allem, wie der Autor, der immerhin 1988 den Ernst-Robert-Curtius-Preis f&uuml;r Essayistik erhielt, stilistisch auf das niedrige Niveau seines attackierten Objekts herabsinken konnte: eine Einladung als Gast in die Sendung w&auml;re allemal gerechtfertigt.<br />Wenn Journalisten &uuml;ber die T&auml;tigkeit von Journalisten schreiben, dient das auf der einen Seite dem Branchenklatsch und der Selbstbeweihr&auml;ucherung. Zunehmend ist aber in den letzten Jahren erkannt worden, dass &bdquo;Journalismusjournalismus&rdquo; auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion einnimmt: Wenn Medien der Gesellschaft die Selbstbeobachtung und -korrektur erm&ouml;glichen, muss auch die Beobachtungsinstanz Beobachtungen ausgesetzt sein, um einwandfrei zu funktionieren. Es geht um die Frage, wer die Kontrolleure kontrolliert.</p>
<p><i>Maja Malik</i>: Journalismusjournalismus. Funktionen, Strukturen und Strategien der journalistischen Selbstthematisierung, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 429 S., ISBN 3-531-14205-4; 38,90 Euro</p>
<p><i>Die Autorin</i> legt mit dieser preisgekr&ouml;nten Dissertation die erste gro&szlig;e Studie &uuml;ber den deutschen Medienjournalismus vor. Sie untersucht die Kommunikationsmechanismen des Journalismus &uuml;ber Journalismus im Kontext einer allgemeinen, funktionalen Journalismustheorie, kn&uuml;pft dabei an kognitionstheoretische und sozialpsychologische Erkenntnisse zur Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung an und fundiert ihre theoretischen Konzepte empirisch.</p>
<p>Vielleicht ist dem Forschungsfeld des Medienjournalismus mit Werken wie dem von Malik eine bessere Zukunft zu prophezeien als einer anderen kommunikationswissenschaftlichen Disziplin, der Zeitschriftenforschung:</p>
<p><i>Andreas Vogel</i>/Christina Holtz-Bacha (Hg.): Zeitschriften- und Zeitschrifteinforschung, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2002 (= Sonderheft 3/2002 der Publizistik. Vierteljahreshefte f&uuml;r Kommunikationsforschung), 291 S., ISBN 3-531-13661-5; 28 Euro</p>
<p>Bei dem vorliegenden Heft handelt es sich um einen neuerlichen Versuch, einer zentralen, doch wenig erforschten Pressegattung zu einer systematischen Begleitforschung zu verhelfen. In zumeist sehr &uuml;berzeugenden Aufs&auml;tzen pl&auml;dieren Autoren wie Hans Bohrmann, Rudolf St&ouml;ber, Ulrike R&ouml;ttger, Michael Schmolke und Patrick R&ouml;ssler f&uuml;r eine Integration der Zeitschriftenforschung in die Kommunikationswissenschaft, skizzieren den Forschungsstand, untersuchen einzelne Gattungen wie die Kirchenpresse oder Kundenzeitschriften und pr&auml;sentieren empirische Forschungsergebnisse. Es ist verdienstvoll, dass so der Blick einmal mehr auf den Komplex der Zeitschriften gelenkt wird. Ob dies aber zu einer nachhaltigen Vitalisierung des Forschungsfeldes f&uuml;hrt, muss angesichts des Schicksals vorheriger Versuche bezweifelt werden.</p>
<p>&bdquo;Mannsein ist kein Zuckerschlecken.&rdquo; Dieser universellen Erkenntnis f&uuml;hlen sich die Macher von Men&#8217;s Health verpflichtet, die als f&uuml;hrende deutsche M&auml;nnerzeitschrift gelten kann und immerhin mehr als 280.000 Exemplare verkaufte, &uuml;brigens zu 61 Prozent an Angestellte und Beamte (Stand: Ende 2001). Eine Dortmunder Examensarbeit hat sich nun den M&auml;nnlichkeits- und Weiblichkeitsbildern dieser Zeitschrift sowie deren Folgen f&uuml;r die dort verhandelten Liebe-und-Sexualit&auml;t-Fragen gewidmet:</p>
<p><i>Lars Bregenstroh</i>: Tipps f&uuml;r den modernen Mann. M&auml;nnlichkeit und Geschlechterverh&auml;ltnis in der Men&#8217;s Health, LIT Verlag: M&uuml;nster/Hamburg/London 2003, 175 S., ISBN 3-8258-6831-1;19,90 Euro</p>
<p>Vorbildlich wird hier Theorie mit empirischer Analyse verkn&uuml;pft: Die drei umfassenden einleitenden Kapitel referieren im Schnelldurchgang die Konstruiertheit und historische Bedingtheit der Geschlechterverh&auml;ltnisse sowie deren Widerspiegelung in den Massenmedien. Dann werden vier Ausgaben des Jahres 2001 detailliert untersucht, was dem Leser viele komische Momente verschafft. Sichtbar wird, wie dieses Produkt bekannte Vorbilder von Frauenzeitschriften erfolgreich auf eine neue Zielgruppe &uuml;bertr&auml;gt: M&auml;nner seien durch die Irritationen der Geschlechterfragen &bdquo;reif&rdquo; f&uuml;r eine solche Zeitschrift geworden &ndash; was traditionelle, allenfalls geringf&uuml;gig modernisierte M&auml;nnlichkeitsstereotype hinsichtlich K&ouml;rperlichkeit und Sexualit&auml;t gerade nicht ausschlie&szlig;t.<br />Medien und bewaffnete Konflikte: In den vergangenen Jahren wird in Fachkreisen viel &uuml;ber den Sinn und das Probleml&ouml;sungspotenzial eines &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; diskutiert. Dass die klassische Kriegsberichterstattung, in der Reporter von Krisenschauplatz zu Krisenschauplatz ziehen, nicht mehr zeitgem&auml;&szlig; ist, wird anhand der Lekt&uuml;re von <i>Bettina Gaus</i>: Frontberichte. Die Macht der Medien in Zeiten des Krieges, Campus Verlag: Frankfurt/Main/New York 2004, 193 S., ISBN 3-593-37543-5;19,90 Euro mehr als deutlich. Auf Grundlage eigener Beobachtungen weist die langj&auml;hrige Afrika-Korrespondentin der taz detailliert nach, wie Kriegsberichterstatter aus Krisenregionen durch kulturelles und politisches Unwissen, unzureichende Arbeitsbedingungen und Beeinflussung durch Kriegsparteien immer wieder ein falsches Bild vom Krieg zeichnen, das dann den Diskurs in der Heimat pr&auml;gt.</p>
<p>Ob allerdings wie auch immer gearteter &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; eine bessere Berichterstattung garantieren kann, ist umstritten. Den bislang existierenden normativen Bestimmungen des Begriffs &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; zumindest erteilt Martin L&ouml;ffelholz eine klare Absage. Dahinter stecke ein medienp&auml;dagogisches Konzept, das weder mit den realen Aufgaben und Arbeitsbedingungen von Kriegsberichterstattern noch mit der theoretischen Aufgabenzuweisungen an den Journalismus in Einklang zu bringen sei, schreibt der Ilmenauer Kommunikationswissenschaftler in der Einleitung zu:</p>
<p><i>Martin L&ouml;ffelholz </i>(Hg.): Krieg als Medienereignis II. Krisenkommunikation im 21. Jahrhundert, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-13997-5; 34,90 Euro</p>
<p>Dieser Band, Nachfolger eines &auml;hnlich angelegten Werkes aus den fr&uuml;hen 1990er Jahren, enth&auml;lt viele bemerkenswerte Beitr&auml;ge zum Verh&auml;ltnis von Journalismus und Krieg aus historischer und systematischer Perspektive, die naturgem&auml;&szlig; in ihrer Qualit&auml;t stark differieren. Herausragend der einleitende Beitrag aus L&ouml;ffelholz&#8216; Feder, in der systematisch in das Forschungsfeld Kriegs- und Krisenkommunikation eingef&uuml;hrt wird und Perspektiven f&uuml;r die Forschung aufgezeigt werden.</p>
<p>Zur&uuml;ck in die Vergangenheit: Die bundesdeutsche Nachkriegsmediengeschichte zehrt bis heute von ihren Gr&uuml;ndungsmythen. Hier waren Aufstiege aus dem scheinbaren Nichts m&ouml;glich, die in anderen, st&auml;rker von Kontinuit&auml;ten gepr&auml;gten Wirtschaftszweigen so nicht denkbar waren. Zwanzig Jahre nach dem Tod eines der umstrittensten deutschen Medienunternehmer widmet sich eine Biographie dem Wirken seiner Witwe:</p>
<p><i>Inge Kloepfer</i>: Friede Springer. Die Biographie, Hoffmann und Campe: Hamburg 2005, 319 5., ISBN 3-455-09489-9; 22 Euro</p>
<p>Das Erbe Axel Springers, das viele Konkurrenten von Kirch bis Burda gerne unter sich aufgeteilt h&auml;tten, wurde von der oft untersch&auml;tzten Friede Springer gesichert &ndash; zumindest bis auf weiteres. Der Werdegang des friesischen Kinderm&auml;dchens im Hause Springer zur M&auml;tresse, dann f&uuml;nften und letzten Ehefrau des Verlegers bis hin zur heutigen Mehrheitseignerin der AG tr&auml;gt zweifellos filmreife Z&uuml;ge. Ihre Biographin, Wirtschaftskorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat denn auch tief in die Farbeimer gelangt und manche Passage penetrant-blumig ausgemalt. Das liest sich unterhaltsam, doch h&auml;tte man die Medienmacht des Weltanschauungskonzerns Springer unter Friedes &Auml;gide &ndash; und mit Mathias D&ouml;pfner an der Spitze &ndash; gerne einmal jenseits von &bdquo;Wer gegen Wen&#8220;-Betrachtungen pr&auml;sentiert bekommen.</p>
<p>Geschickt ausge&uuml;bte Medienmacht (und eine mindestens so ambitionierte Vergangenheitspolitik) l&auml;sst sich am Beispiel des Bertelsmann-Konzerns demonstrieren. In ihrem Buch &uuml;ber die Geschichte des Mediengiganten skandalisieren Frank B&ouml;ckelmann und Hersch Fischler den aus ihrer Sicht bislang geschickt camouflierten politischen Einfluss des ostwestf&auml;lischen Konzerns. Dabei kultivieren die Autoren den aufkl&auml;rerischen Gestus:</p>
<p><i>Frank B&ouml;ckelmann/Hersch Fischler</i>: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums, Eichborn Verlag: Frankfurt/Main 2004, 348 S., ISBN 3-8218-5551-7; 19,90 Euro</p>
<p>So sehr der Einfluss von Bertelsmann ein spannendes, allemal diskutierenswertes Thema ist, so sehr verfehlt B&ouml;ckelmanns und Fischlers Enth&uuml;llungsst&uuml;ck sein Ziel. Statt den heutigen Einfluss des Medienhauses in den Mittelpunkt des Buches zu stellen, referieren sie langatmig die Unternehmensgeschichte, wobei sie sich vornehmlich auf den erst vor wenigen Jahren publizierten Bericht der Unabh&auml;ngigen Historikerkommission zur Geschichte von Bertelsmann im &bdquo;Dritten Reich&rdquo; st&uuml;tzen. Zwar gelingt es ihnen dabei, dem Konzern zahlreiche kleine und gr&ouml;&szlig;ere L&uuml;gen im Umgang mit seiner Historie nachzuweisen, doch zu einer Erhellung der Frage, wie und zu welchem Nutzen Bertelsmann heute wirtschaftlichen mit politischem Einfluss kombiniert, tr&auml;gt diese Darstellung wenig bei. Dort dagegen, wo man gerne mehr &uuml;ber die Netzwerke der G&uuml;tersloher erfahren h&auml;tte &ndash; vor allem die T&auml;tigkeit der Bertelsmann Stiftung &ndash;, verharrt die Darstellung an der Oberfl&auml;che und wird oft geradezu peinlich d&uuml;nn.</p>
<p>&bdquo;Fahl, staubgrau, dazu noch ungenau bis schlampig&rdquo; &ndash; Fritz J. Raddatz&#8216; Verdikt &uuml;ber ein Portr&auml;t des gro&szlig;en Verlegerantipoden Springers, Rudolf Augstein, f&auml;llt viel-leicht &uuml;bertrieben eindeutig aus. Jedoch ist Dieter Schr&ouml;der, einstiger Spiegel-Reporter und sp&auml;ter Chefredakteur der S&uuml;ddeutschen Zeitung, tats&auml;chlich der erratischen R&auml;tsel-natur Augsteins nicht wirklich auf den Grund gegangen:</p>
<p><i>Dieter Schr&ouml;der: </i>Augstein. Siedler: M&uuml;nchen 2004, 319 S., ISBN 3-88680-782-7; 22,90 Euro</p>
<p>Viele der zahllosen Legenden um den Spiegel-Gr&uuml;nder, die der Autor mitteilt, sind schon l&auml;nger bekannt. Zu kl&auml;ren w&auml;ren Wandel und Kontinuit&auml;ten im Leben des Verlegers gewesen, des &bdquo;Nationalliberalen&rdquo; (Ralf Dahrendorf) und &bdquo;Nationalisten&rdquo; (Erich<br />Kuby), den man &bdquo;linker gelesen [habe], als er war&rdquo; (Iring Fetscher). Interessant w&auml;re auch ein Vergleich des fr&uuml;hen mit dem sp&auml;ten Augstein: Sind die Marotten, Unberechenbarkeiten, Unsicherheiten und Unsinnigkeiten nicht erst Ausw&uuml;chse desjenigen, der alles erreicht hat und nicht mehr m&auml;chtiger und kaum noch reicher werden kann? Augsteins multipler Pers&ouml;nlichkeit kam jedenfalls j&uuml;ngst Joachim Fest in der Portr&auml;tskizze in seinem Erinnerungsbuch Begegnungen um vieles n&auml;her.</p>
<p>Augstein hatte der Sportwagenliebhaberin Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff einst einen Porsche zum Geburtstag geschenkt, den sie jedoch l&auml;chelnd zur&uuml;ckwies. Bei ihrem Arbeitgeber war sie da weniger ablehnend: Verleger Gerd Bucerius schenkte ihr ein Haus, zu ihrem 70. Geburtstag 70.000 DM und zu ihrem 80. entsprechend 80.000 Mark. Auch ansonsten ist beider Beziehung nicht unbedingt von hanseatischer bzw. preu&szlig;ischer Zur&uuml;ckhaltung gepr&auml;gt, wie man dem Briefwechsel der beiden entnehmen kann:<br />Ein wenig betr&uuml;bt, Ihre Marion. Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff und Gerd Bucerius. Ein Briefwechsel aus f&uuml;nf Jahrzehnten, hg. v. Haug von Kuenheim u. Theo Sommer, Siedler: Berlin 2003, 303 S., ISBN 3-88680-798-3; 22 Euro</p>
<p>Immer intensiv, zumeist herzlich, nicht selten aber auch leidenschaftlichemp&ouml;rt &uuml;bereinander haben beide gemeinsam das Schicksal ihrer Wochenzeitung, der Zeit, er&ouml;rtert. Rund 160 der 280 erhaltenen, zwischen 1954 und 1993 gewechselten Briefe haben die Herausgeber mit knappen Erkl&auml;rungen versehen und ver&ouml;ffentlicht, einige wohl gek&uuml;rzt um die heftigsten Invektiven &uuml;ber Redakteure des Blattes oder sonstige Personalia, von denen sich ohnehin viel in den Briefen finden. &bdquo;Was blo&szlig; ist mit der Zeitung los?&rdquo;, sorgt sich der Verleger st&auml;ndig, nicht nur in 20seitigen Blattkritiken einzelner Zeit-Ausgaben: &bdquo;wir k&ouml;nnen zwischen Spiegel und FAZ zerrieben werden.&rdquo; Beide schenkten sich nichts: &bdquo;Warum hassen Sie mich?&rdquo;, fragte er die Gr&auml;fin, die nach &bdquo;Gutsherrinnenart&rdquo; herrschen wolle, was sie mit dem Vorwurf des &bdquo;Schlotbarons&rdquo; konterte. Fast vierzig Jahre deutscher Pressegeschichte spiegeln sich in diesem ebenso sch&ouml;nen wie wichtigen Buch.</p>
<p>Zweifellos geh&ouml;ren die einzigartigen Gestalten Augstein, Axel Springer, D&ouml;nhoff einer unwiederbringlich vergangenen Epoche an. Wie sehen die heute und k&uuml;nftig pr&auml;genden Figuren des Medienbetriebs aus? 24 Studierende des Hamburger Instituts f&uuml;r Journalistik und Kommunikationswissenschaft haben erfolgreiche Journalisten interviewt, nach ihren Erfahrungen in der Branche befragt und diese Gespr&auml;che in gut gestreuter Pressearbeit schon vorab in vielen Medien untergebracht:</p>
<p><i>Bernhard P&ouml;rksen </i>(Hg.): Trendbuch Journalismus. Erfolgreiche Medienmacher &uuml;ber Ausbildung, Berufseinstieg und die Zukunft der Branche, Herbert von Halem Verlag: K&ouml;ln 2005, 299 S., ISBN 3-9311606-87-2; 16 Euro</p>
<p>Das &Uuml;berschriftenmachen will zwar noch gelernt werden: selten ist ein Buch so irref&uuml;hrend, ja resonanzverhindernd betitelt worden, da die von den Profis offerierten Trends selten &uuml;ber Allgemeinpl&auml;tze hinaus kommen. Dennoch ist es ein h&ouml;chst interessantes und &auml;u&szlig;erst kurzweiliges Buch geworden, das facettenreiche biographische Selbstausk&uuml;nfte bietet. Vergn&uuml;gt liest man, wie die Mode- und Lifestyle-Redakteurin der SZ-Wochenendbeilage Rebecca Casati von ihren unwesentlich j&uuml;ngeren Gespr&auml;chspartnerinnen mit dem fragw&uuml;rdigem Sinn ihres Schreibens konfrontiert wird oder mit ihrer Liaison mit FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Nicht alle Interviews sind derart anregend-aggressiv, trotzdem verm&ouml;gen Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, Bild-Chef Kai Diekmann, Zeit-Herausgeber Michael Naumann, Tagesthemen-Moderatorin Anne Will, Talkmasterin Sandra Maischberger und ihr Kollege Reinhold Beckmann, taz-Chefin Bascha Mika, die Reporter Cordt Schnibben und Helge Timmerberg, Klatsch-Kolumnistin Katja Ke&szlig;ler, Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg, Politik- und Medienberater wie Michael Spreng und viele andere die Probleme und Un&uuml;bersichtlichkeiten der Medienlandschaft sowie die Krisenanf&auml;lligkeit des journalistischen Berufslebens vor Augen zu f&uuml;hren.</p>
<p>Von der Krise der Tagespresse besonders betroffen scheint das Feuilleton &ndash; oder vermag es nur theatralischer als andere zu wehklagen? Schon war von Subventionierung die Rede, da es unverzichtbares Kulturgut sei. Dass es tats&auml;chlich einmal ein intellektuelles Leitmedium des Kulturjournalismus gab, das unabh&auml;ngig von den Pressionen des Marktes das geistige Bewusstsein Deutschlands nach 1945 pr&auml;gen konnte, daran erinnert die verdienstvolle und zudem gut geschriebene zeitgeschichtliche Untersuchung von <i>Monika Boll</i>: Nachtprogramm. Intellektuelle Gr&uuml;ndungsdebatten in der fr&uuml;hen Bundesrepublik, LIT Verlag: M&uuml;nster 2004, 270 S., ISBN 3-8258-7108-8; 24,90 Euro</p>
<p>Nach 22 Uhr sendeten die &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten NWDR, HR, SWF, BR und der RIAS bis in die 1960er Jahre hinein sogenannte Nachtprogramme, die den Kulturhunger der geistigen Eliten nach 1945 befriedigen sollten. Zwar blieb dieses Radioprogramm naturgem&auml;&szlig; eine Minderheitenveranstaltung, doch immerhin erreichte es beispielsweise im Sendegebiet des NWDR 100.000 Personen. Die Autorin stellt zum einen mit dem Instrumentarium der intellectual history die geistigen Traditionen der Redaktionen und Redakteure dar, wobei sie wenig &uuml;berzeugend eine &uuml;berkommene elit&auml;r-kulturkritische Dominanz herausarbeiten will. Zum anderen geht es ihr um die intellektuellen Diskurse, die via Nachtstudio in die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft wirkten und in denen sich vorzugsweise Soziologen tummelten: Plessner, Gehlen, Adorno, K&ouml;nig, Schelsky machten erst durch ihre Radiodiskussionen und -vortr&auml;ge die Soziologie zur Leitwissenschaft, so k&ouml;nnte man zugespitzt formulieren. Ihre wirksamsten Unterst&uuml;tzer sind dabei die KuIturredakteure der Rundfunkanstalten, was Boll anhand zahlreicher Archivmaterialien illustriert &ndash; nicht zuletzt der einflussreiche Nachtstudioleiter des Bayrischen Rundfunks und Gr&uuml;nder der vorg&auml;nge, Gerhard Szczesny.<br />Kulturkritik erscheint da als einziger Ausweg, wenn man nach dieser Lekt&uuml;re zur&uuml;ck aus l&auml;ngst versunkenen Zeiten in der tristen Gegenwart des Kulturjournalismus angelangt ist. In einem Sammelband reflektieren Praktiker und Theoretiker dessen aktuelle Bedeutung:</p>
<p><i>Michael Haller </i>(Hg.): Die Kultur der Medien. Untersuchungen zum Rollen- und Funktionswandel des Kulturjournalismus in der Mediengesellschaft, LIT Verlag: M&uuml;nster 2002, 234 S., ISBN 3-8258-5907-x; 20,90 Euro</p>
<p>R&uuml;diger Steinmetz deutet noch einmal die Trash-Fernsehshow Big Brother als endg&uuml;ltigen Beleg f&uuml;r den Wandel der Fernseh-Programms vom Kulturgut zur Ware; Hans-J&uuml;rgen Bucher beschreibt in einem klugen, weit in die Geschichte ausgreifenden Aufsatz den Wandel der journalistischen Schriftkultur hin zur gegenw&auml;rtig immer st&auml;rker werdenden Visualisierung von Texten durch Grafiken usw. &ndash; diese m&uuml;ssten endlich in eine Kommunikationstheorie miteinbezogen werden. Manfred Eichel, Verantwortlicher f&uuml;r Kultur beim ZDF, zeichnet das durchwachsene Schicksal der Kulturmagazine im Fernsehen nach. Und Jens Jessen, Feuilleton-Chef der Zeit, vermag in der kurzen Bl&uuml;te-zeit des Feuilletons in den 1990er Jahren nur die Glanzzeit einer seiner Untergruppen, des politischen Feuilletons, zu entdecken. Doch die Anfeindungen durch alles Popul&auml;re seien existenzgef&auml;hrdend f&uuml;r ein Genre, das Kenntnisse, Bildung und Tradition zur Voraussetzung hat: &bdquo;Wenn die Vorstellung um sich greift, Kultur m&uuml;sse anstrengungslos und Vorbildungslos f&uuml;r alle zug&auml;nglich sein, beginnt das Totengl&ouml;cklein f&uuml;r das Feuilleton zu l&auml;uten&rdquo;; es solle eine Sporenform annehmen, um im &bdquo;Dauerfrost des eskalierenden Populismus&rdquo; zu &uuml;berleben.</p>
<p>Um sich gegen diese sibirische K&auml;lte ein wenig zu w&auml;rmen, hilft auch dem individualistischen Feuilletonisten das Wir-Gef&uuml;hl, zumal wenn es mit staatlichen Finanzmitteln, in diesem Falle der Bundeskulturstiftung, wenigstens f&uuml;r ein Wochenende erzeugt wird. Eine Tagung im September 2003 wurde zum Klassentreffen des deutschen Kulturjournalismus, auf dem intensiv die Krise des Feuilletons diskutiert wurde; Vor-tr&auml;ge und Diskussionen kann man jetzt in einem ebenso intelligenten wie preiswerten Taschenbuch nachlesen:<br />Thomas Steinfeld (Hg.): Was vom Tage bleibt. Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen &Ouml;ffentlichkeit in Deutschland, Fischer Taschenbuch: Frankfurt/Main 2004, 190 S., ISBN 3-59b-16329-3;10,90 Euro</p>
<p>Die illustre Schar der Referenten &ndash; Redakteure (u.a. Patrick Bahners, Ina Hartwig, Gustav Seibt, J&uuml;rgen Kaube, Jens Jessen, Eckhard Fuhr, Thomas Steinfeld, Stephan Speicher, Lothar M&uuml;ller), publizistisch pr&auml;sente Wissenschaftler (Heinrich Detering, Heinz Bude, Moritz Ba&szlig;ler) und auch essayistisch t&auml;tige Schriftsteller (Martin Mosebach, Feridun Zaimoglu, Georg Klein) &ndash; weist wie zu erwarten kaum Auswege, aber bietet &ndash; ebenso erwartbar &ndash; zahlreiche lohnende Reflektionen. Gustav Seibts unschwer zu akzeptierende conclusio am Ende des Bandes und seiner Ausf&uuml;hrungen zur verschwindenden Bildungsb&uuml;rgerlichkeit: &bdquo;Das Feuilleton lebt von Grundlagen, die es nicht garantieren kann.&rdquo;</p>
<p>Die Grenzen werden heute vielfach &uuml;berschritten: Attackiert wurde und wird auch das herk&ouml;mmliche Feuilleton formal und stilistisch von einer relativ &bdquo;hei&szlig;en&rdquo; Spielart des Schreibens, die als New Journalism eher umschrieben denn definiert ist.</p>
<p>In Amerika aufgekommen, mit Autoren wie Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson verkn&uuml;pft, bedeutet der Begriff am ehesten wohl die Neuverkn&uuml;pfung literarischer mit journalistischen Arbeitsweisen; zugleich unter Einbeziehung fiktionaler und stark subjektiv gef&auml;rbter Momente. In einem ausgezeichneten Sammelband mit durchweg lesenswerten, oft brillanten Beitr&auml;gen kann man sich einen umfassenden &Uuml;berblick verschaffen:</p>
<p><i>Joan Kristin Bleicher/Bernhard P&ouml;rksen (Hg.): </i>Grenzg&auml;nger. Formen des New Journalism, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004; 443 S., ISBN 3-531-14096-5; 39,90 Euro</p>
<p>Bernhard P&ouml;rksen erz&auml;hlt die Geschichte des Magazins Tempo, das hierzulande einen deutschsprachigen New Journalism zu kreieren versuchte; die Popliteratur und deren Zwitterstellung zwischen Journalismus und Literatur analysiert Dirk Frank; Hans J. Kleinsteuber dekonstruiert ebenso energisch wie nachhaltig den Mythos Tom Wolfe, Niels Werber untersucht aus systemtheoretischer Perspektive die lange Geschichte der Factual Fiction, bis hin zu Daniel Defoe.</p>
<p>Verschiedenen &Uuml;berg&auml;ngen bzw. Ber&uuml;hrungspunkten zwischen Literatur und Journalismus widmet sich auch der instruktive Sammelband<br />Bernd Bl&ouml;baum/Stefan Neuhaus (Hg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 341 S., ISBN 3-531-13850-2; 34,90 Euro</p>
<p>Neben systematischen Beitr&auml;gen, u.a. zum Bild des Journalisten in der Literatur, zur Theorie und Praxis von Literaturkritik und von Hans J. Kleinsteuber &uuml;ber die Gattung des Medienthrillers, st&ouml;&szlig;t man hier auf Texte zu den Fallbeispielen Erasmus und Montaigne, Defoe, Heinrich Heine, Egon Erwin Kisch, Erich K&auml;stner u.a. Literarisch inspirierte Journalisten und Feuilletonisten von einst scheinen gegenw&auml;rtig ohnehin eine Renaissance zu erleben, werden gar in den Rang von Klassikern erhoben &ndash; vielleicht weil sich in ihren Texten Qualit&auml;ten entdecken lassen, die unter den schwierigen journalistischen Bedingungen heute nur noch selten anzutreffen sind? Das bewundernswerte und verdienstvolle Gro&szlig;projekt einer Tucholsky-Gesamtausgabe, die im Rowohlt Verlag erscheint, hat hier vor Jahren einen Anfang gemacht. Zuletzt er-schien Band 8 mit Tucholskys Texten aus dem Jahr 1926, der knapp 550 Seiten Text und 450 Seiten Anhang mit ausf&uuml;hrlichen Stellenkommentaren und Registern umfasst:</p>
<p><i>Kurt Tucholsky</i>: Gesamtausgabe Bd. 8: Texte 1926, hg. v. Gisela Enzmann-Kraiker u. Christa Wetzel, Rowohlt: Reinbek 2004, 1.012 S., ISBN 3-498-06531-9; 49,90 Euro</p>
<p>In jenem Jahr der Weimarer Republik, das der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht vor einiger Zeit als Jahr am Rande der Zeit portr&auml;tiert hat, weilt Tucholsky in Paris als Korrespondent f&uuml;r Ullstein; die meisten seiner Feuilletons ver&ouml;ffentlicht er als Peter Panter in der Vossischen Zeitung, aber auch in der Weltb&uuml;hne. Die szenisch starken 218 Texte aus diesem Jahr, grundiert von lauter Ironie, wirken f&uuml;r eine deutsch-franz&ouml;sischen Auss&ouml;hnung, kommentieren scharf die Verh&auml;ltnisse in der Weimarer Republik. Der l&auml;rmend-scheppernde Tonfall mag heute befremden, vermittelt jedoch stilistisches Zeitkolorit aus einer umk&auml;mpften Epoche.</p>
<p>Im gleichen Verlag wurden als preiswerte Taschenb&uuml;cher die Schriften Alfred Polgars wiederaufgelegt, jenes 1873 in Wien geborenen, legend&auml;ren Gro&szlig;meisters der kleinen Form:</p>
<p><i>Alfred Polgar: Kleine Schriften</i>. Bd. 1: Musterung, Bd. 2: Kreislauf, Bd. 3: Irrlicht, hg. v. Marcel Reich-Ranicki in Zusammenarbeit mit Ulrich Weinzierl, Rowohlt Taschen-buch: Reinbek 2003/2004 [EA: 1982], 461 S., 416 S. 451 S., ISBN 3-499-13506-X, 3-499-23808-X, ISBN 3-499-23809-8; je 9,50 bzw. 9,90 Euro</p>
<p>Keine Facette des Daseins scheint Polgar in der hier dargebotenen F&uuml;lle an Texten aus den 1920er bis 1950er Jahren zu &uuml;bersehen, ob es nun Schlafwagen, sp&auml;te Geburtstage oder die verschiedenen Abschiede im Leben sind. Hier verteidigt er brillant jene &bdquo;kleine Form&rdquo;: sie sei &bdquo;mit mancher Qual verkn&uuml;pftes schriftstellerisches Bem&uuml;hen, aus hundert Zeilen zehn zu machen&rdquo;, was ungerechterweise dazu gef&uuml;hrt h&auml;tte, zum &bdquo;Autor f&uuml;r Nachspeise- und Vorschlummerst&uuml;ndchen&rdquo; degradiert zu werden. Tats&auml;chlich ist es schwer, den Zauber seiner Texte zu beschreiben, der auf einer extremen Verdichtung, dem Weglassen jenes &bdquo;Schw&auml;nzelns&rdquo; beruhte, das sein Kollege Victor Auburtin doch als die wichtigste Technik des Feuilletonisten benannt hatte. Polgars Licht dagegen &bdquo;erhellt, ohne je zu blenden&rdquo;, wie Herausgeber Reich-Ranicki treffend formuliert.</p>
<p>Zu den bemerkenswertesten Wiederentdeckungen der Feuilletongeschichte geh&ouml;ren die fr&uuml;hen Texte von Sebastian Haffner, die dieser in den 1930er Jahren f&uuml;r solche Magazine wie Die Koralle oder Die Dame, aber auch die Vossische Zeitung verfasste:<br />Sebastian Haffner: Das Leben der Fu&szlig;g&auml;nger. Feuilletons 1933-1938, hg. v.<i> J&uuml;rgen Peter Schmied</i>, Hanser : M&uuml;nchen 2004, 397 S., ISBN 3-446-20490-3; 23,50 Euro</p>
<p>Einer der einflussreichsten Starpublizisten der Bundesrepublik, der erst in der Welt, dann im Stern vorzugsweise die Weltpolitik kommentierte, zudem aufsehenerregende B&uuml;cher wie seine Anmerkungen zu Hitler schrieb, hatte sich in den Anf&auml;ngen seiner journalistischen Arbeit mit Themen wie der Zigarette, der Ansichtspostkarte, der Hose, den Vorteilen der Geldverschwendung sowie den Unterschieden zwischen Fensterschlie&szlig;ern und Fenster&ouml;ffnern in Zugabteilen besch&auml;ftigt. Die Wiederentdeckung dieser Texte, von denen manche nie erschienen, ist ein Gl&uuml;cksfall, auch weil sich in ihren scheinbaren Abseitigkeiten eine &bdquo;subversive Geste&rdquo; gegen den NS-Zeitgeist verbarg: das &bdquo;Beharren auf der privaten Perspektive&rdquo; (S&uuml;ddeutsche Zeitung). &bdquo;Mit der Zigarette zwischen den Fingern ist es unm&ouml;glich, den &Uuml;bermenschen zu spielen&rdquo; &ndash; mancher oberfl&auml;chliche Rezensent hat solche und &auml;hnliche Anspielungen Haffners &uuml;berlesen. F&uuml;r die Medienlandschaft der Bundesrepublik war es dennoch eine List der Vernunft, dass Haffner 1938 in die Emigration gezwungen wurde: Er endete vielleicht ihretwegen nicht als &bdquo;Redakteur in der R&auml;tselecke&rdquo;, wie er Joachim Fest das Schicksal junger Genies beschrieb.</p>
<p>Ein Medium f&uuml;r eine solche feuilletonistisch-literarische Kultur war klassischerweise die intellektuelle Zeitschrift. Sie hat sich im Laufe der Zeit grundlegend gewandelt, bis hin zur heutigen prek&auml;ren Situation angesichts sinkender Abonnentenzahlen und eines schwindenden Lesepublikums; die Einstellung der Gewerkschaftlichen Monatshefte oder die unklare Zukunft des Kursbuchs mag das illustrieren. Tr&ouml;stlich ist hier einmal mehr der Blick in die Vergangenheit. So hat beispielsweise Sylvia Kall in ihrer Bochumer Dissertation die vier ma&szlig;geblichen literarischen Zeitschriften Ende des 18. Jahrhunderts (Allgemeine Literatur-Zeitung, Horen, Deutschland, Athenaeum) und deren explosionsartigen Boom untersucht &ndash; und ihr jeweiliges Ende nicht ausgespart:</p>
<p><i>Sylvia Kall:</i> &bdquo;Wir leben jetzt recht in Zeiten der Fehde&rdquo;. Zeitschriften am Ende des 18. Jahrhunderts als Medien und Kristallisationspunkte literarischer Auseinandersetzung, Peter Lang: Frankfurt/Main 2004, 420 S., ISBN 3-631-52396-3; 68,50 Euro</p>
<p>Das Zeitschriftengr&uuml;ndungsfieber profitierte vom &bdquo;Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit&rdquo; (Habermas) in jenen Jahrzehnten, den es zugleich bef&ouml;rderte. Ein interessiertes Publikum entstand, das lebhaften Anteil an den zwischen den Zeitschriften und ihren Autoren ausgetragenen heftigen Kontroversen nahm. Die Autorin widmet sich neben den literarischen Inhalten auch den finanziellen Aspekten und der Redaktionsorganisation der Zeitschriften.</p>
<p>Goethe hatte sich mit vielen Beitr&auml;gen an den Horen, dem Zeitschriftenprojekt seines Freundes Schiller, beteiligt und diesen ermutigt, auf die heftige Kritik an der Zeitschrift mit einem gemeinsamen Rundumschlag gegen literarisch-kritische Zeitgenossen, den ber&uuml;hmten Xenien, zu antworten. Hansj&uuml;rgen Koschwitz, emeritierter Professor f&uuml;r Kommunikationswissenschaft in G&ouml;ttingen, hat nun Goethes Umgang mit der Presse untersucht:</p>
<p><i>Hansj&uuml;rgen Koschwitz</i>: Wider das &bdquo;Journal- und Tageblattverzeddeln&rdquo;. Goethes Pressesicht und Pressenutzung, LIT Verlag: M&uuml;nster 2002, 284 S., ISBN 3-8258-4896-5; 25,90 Euro</p>
<p>In einer immensen Flei&szlig;arbeit hat der Autor alle denkbaren &Auml;u&szlig;erungen des Klassikers zur Presse zusammengetragen, wobei auch die t&auml;gliche Lekt&uuml;repraxis ber&uuml;cksichtigt wird. Dass der Geheimrat und Minister eine &bdquo;weise und kr&auml;ftige Diktatur&rdquo; gegen&uuml;ber der &bdquo;Press-Anarchie&rdquo; bef&uuml;rwortete und den &bdquo;Unfug der Pressfreiheit&rdquo; monierte, erstaunt nicht wirklich. Bei seiner privaten Lekt&uuml;re sto&szlig;en wir dagegen auf bekannte Parallelempfindungen: einerseits die Klage &uuml;ber unsinnig mit Zeitungsstudium vergeudete Zeit, andererseits die lebenslange neugierige Begeisterung f&uuml;r alles, was die Journale t&auml;glich, w&ouml;chentlich oder monatlich aus der Welt berichten.</p>
<p>Der kleine Hamburger Verlag Edition Nautilus erinnert durch Wiederankn&uuml;pfung und Fortf&uuml;hrung an ein legend&auml;res linksradikales Zeitschriftenprojekt der 1920er Jahre:</p>
<p>Die Aktion. Zeitschrift f&uuml;r Politik, Literatur, Kunst, Edition Nautilus: Hamburg, ISSN 0516-340X, Vier Lieferungen im Jahr zu je 8 Euro (23. Jg., Zweite Lieferung 2004, Heft 209: Franz Pfemfert. Zur Erinnerung an einen revolution&auml;ren Intellektuellen) Heft 209 widmet sich dem einstigen Herausgeber der Zeitschrift, dem revolution&auml;ren Irrlicht Franz Pfemfert (1879-1954), der die Aktion 1911 gr&uuml;ndete und bis 1918 auf ihren Seiten gegen den Krieg und die Sozialdemokratie k&auml;mpfte, um nach 1918 bis zur letzten Ausgabe 1932 von links gegen Lenin und die Moskauer Parteidiktatur zu agitieren. Lutz Schulenburg, der aktuelle Herausgeber, schildert mit durch N&auml;he getr&uuml;btem Blick das umtriebige Leben Pfemferts, zitiert leider viel zu ausf&uuml;hrlich aus den Pamphleten dieses Feuerkopfs. Sein Verdienst bleibt es dennoch, diese wilde Episode deutscher Zeitschriftengeschichte zwischen Expressionismus und zunehmend dogmatischerem Anarchismus ins Ged&auml;chtnis zur&uuml;ckzurufen.</p>
<p>Einer Legende der deutschen Nachkriegspublizistik hat sich der Schriftsteller und Publizist Marko Martin verschrieben: der zwischen 1948 und 1971 (mit einem kurzzeitigem Wiederaufleben 1978-1986) erschienenen Zeitschrift Der Monat:</p>
<p><i>Marko Martin: </i>&bdquo;Eine Zeitschrift gegen das Vergessen&rdquo;. Bundesrepublikanische Traditionen und Umbr&uuml;che im Spiegel der Kulturzeitschrift Der Monat, Peter Lang: Frankfurt/Main u.a. 2003, 106 S., ISBN 3-631-51105-1; 24,50 Euro</p>
<p>Martin st&uuml;tzt sich in seiner Magisterarbeit auf die ver&ouml;ffentlichten Artikel im Monat sowie Gespr&auml;che mit den ehemaligen Redakteuren Melvin Lasky, Peter H&auml;rtling und Klaus Harpprecht. Einerseits war die Zeitschrift ein Produkt der Nachkriegskultureuphorie, die geistige Erzeugnisse aller Art befl&uuml;gelte. Andererseits formierte sich hier eine breite Str&ouml;mung einer liberal grundierten, antitotalit&auml;ren Ausrichtung: Im offenen Monat schrieben Emigranten wie Hans Sahl, Siegfried Kracauer, Golo Mann und Peter de Mendelssohn; internationale Autoren wie W. H. Auden, Ignazio Silone, Raymond Aron und Isaiah Berlin und viele andere. Der Geist des amerikanischen Pragmatismus im Sinne des Philosophen John Dewey pr&auml;gte die weltoffene Zeitschrift und machte sie unter der &Auml;gide von Lasky und Hellmut Jaesrich zum Instrument von Verwestlichung und Reeducation. Melancholischer Anwandlungen vermag sich der heutige Leser nicht zu erwehren, angesichts des Themenspektrums und der glanzvollen Autorenschaft (und nicht zuletzt angesichts einer Auflage von 25.000 Exemplaren in den 1950er Jahren).</p>
<p>Die Kollegen vom seit 1947 erscheinenden und traditioneller, weniger politisch orientierten Merkur bem&uuml;hten sich um einen Autor ganz besonders: den Dichter Gottfried Benn. Wer die gemeinhin nicht immer spannungsfreie Beziehung zwischen Autor und Redakteur in all ihren Nuancen studieren m&ouml;chte, dem sei dringend geraten, exemplarisch den k&uuml;rzlich ver&ouml;ffentlichten Briefwechsel zwischen Benn und den Merkur-Herausgebern zu lesen:</p>
<p><i>Gottfried Benn</i>: Briefwechsel mit den Merkur-Herausgebern Hans Paeschke und Joachim Moras 1948-1956 (Briefe, Bd. 7), Klett-Cotta: Stuttgart 2004, 253 S., ISBN 3-608-93697-1; 23 Euro</p>
<p>Da wird beiderseits verf&uuml;hrt, geworben, gedroht, geschmeichelt, gew&auml;hrt, gebettelt, gez&uuml;rnt, gewedelt, gehuldigt und gelobt. Verstimmungen bleiben nicht aus, denn die Konkurrenz will auch mit Texten bedacht werden. Die Redakteure dr&auml;ngen stets untert&auml;nig, gieren h&ouml;flich nach Neuem und nach exklusiver Bindung; der Dichter ziert sich. Bald streift die Korrespondenz neben den Zeitl&auml;uften viel Privates und Branchentratsch. Dieser Briefwechsel ist, abgesehen von seiner Benns R&uuml;ckkehr in die Nachkriegs&ouml;ffentlichkeit geschuldeten literaturgeschichtlichen Bedeutung, ein wundersch&ouml;nes Beispiel interner Zeitschriftenkommunikation.</p>
<p>Doch wer das wahre Geheimnis einer Intellektuellenzeitschrift entschl&uuml;sseln m&ouml;chte, der sollte den kurzen Roman des amerikanischen Schriftstellers Charles Simmons lesen. Der Autor war drei&szlig;ig Jahre Redakteur der New York Times Book Review und hat als Bilanz eine hinrei&szlig;end komische Mediensatire vorgelegt:</p>
<p><i>Charles Simmons</i>: Beiles Lettres. Roman, C.H. Beck : M&uuml;nchen 2003, 183 S., ISBN 3-406-50870-3 ; 17,90 Euro</p>
<p>Frank Page, junger Redakteur bei der bedeutenden New Yorker Literaturzeitschrift Belles Lettres, erlebt kautzige Kollegen, borniert-ignorante Eigent&uuml;mer, die auf Rendite dr&auml;ngen, B&uuml;roboten, die Rezensionsexemplare verkaufen und die Bestsellerlisten manipulieren, einen Illiteraten Sanierer als neuen Chef, der den vertr&auml;umt-zynischen Alten abl&ouml;st, un&uuml;bersichtliche Aff&auml;ren und Intrigen sowie all die sonstigen Unsinnigkeiten eines Redaktionsalltags. Dieser intelligente und feinsinnige Roman offenbart das Wesen der Medien: Es ist selbstreferentielles interpersonales Chaos.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/strukturwandel-der-medienwelt/">Strukturwandel der Medienwelt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die verschwundenen Bomben des Saddam Hussein</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/3-2004/publikation/die-verschwundenen-bomben-des-saddam-hussein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Sep 2004 14:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/die-verschwundenen-bomben-des-saddam-hussein/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Eine Analyse der anglo-amerikanischen Kriegsbegr&#252;ndungspropaganda aus: Vorg&#228;nge Nr. 167 ( Heft 3/2004) , S.65-77 Alle Demokratien sind mit dem Widerspruch konfrontiert, dass ihr handelndes Personal zwar normativ der Wahrhaftigkeit verpflichtet ist, T&#228;uschungen, der instrumentelle Einsatz von Informationen sowie kleine und gr&#246;&#223;ere L&#252;gen in der politischen Tagesauseinandersetzung aber als durchaus legitim gelten. Dies ist besonders dann [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/3-2004/publikation/die-verschwundenen-bomben-des-saddam-hussein/">Die verschwundenen Bomben des Saddam Hussein</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Analyse der anglo-amerikanischen Kriegsbegr&uuml;ndungspropaganda</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 167 ( Heft 3/2004) , S.65-77</p>
<p><i>Alle Demokratien sind mit dem Widerspruch konfrontiert, dass ihr handelndes Personal zwar normativ der Wahrhaftigkeit verpflichtet ist, T&auml;uschungen, der instrumentelle Einsatz von Informationen sowie kleine und gr&ouml;&szlig;ere L&uuml;gen in der politischen Tagesauseinandersetzung aber als durchaus legitim gelten. Dies ist besonders dann der Fall, wenn politische Konflikte milit&auml;risch ausgetragen werden. Schon zur Sicherheit der eigenen Soldaten kann und darf eine Regierung nicht alles sagen, was sie &uuml;ber laufende Eins&auml;tze wei&szlig;. Auch gelten bestimmte Kriegslisten als v&ouml;lkerrechtlich legitim, die T&auml;uschung des Gegners &uuml;ber die eigenen Absichten und Aktionen ist immanenter Bestandteil der Kriegf&uuml;hrung und wird seit Jahrtausenden von allen Kriegsparteien angewandt. Anders sieht es freilich aus, wenn L&uuml;gen nicht strategisch zur F&uuml;hrung eines Krieges eingesetzt werden, sondern wenn die Begr&uuml;ndung der Notwendigkeit eines Krieges durch L&uuml;gen erfolgt. Adressat der L&uuml;gen ist dann nicht der Gegner (der ja wei&szlig;, dass die andere Seite die Unwahrheit sagt), sondern neutrale Dritte (etwa die Welt&ouml;ffentlichkeit) sowie die Bev&ouml;lkerung des eigenen Landes. Greift eine Regierung bei ihrer Kriegsbegr&uuml;ndungspropaganda auf L&uuml;gen zur&uuml;ck, untergr&auml;bt sie den demokratischen Diskurs und verhindert die freie Meinungsbildung &uuml;ber Krieg und Frieden, also &uuml;ber das wichtigste Thema, &uuml;ber das in Demokratien entschieden werden kann. Im Folgenden soll am Beispiel des Irak-Kriegs skizziert werden, wie es innerhalb von demokratischen Regierungen dazu kommen konnte, dass diese bei der Begr&uuml;ndung eines Krieges mit massiven L&uuml;gen operiert haben, und welche Folgen eine solche Irref&uuml;hrung der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit nach sich zieht.</i></p>
<h5>Anatomie einer L&uuml;ge</h5>
<p>Der Irak-Krieg 2003 ist von der Kriegskoalition mit drei Begr&uuml;ndungen gef&uuml;hrt worden: Saddam Hussein habe nach wie vor verbotene Massenvernichtungswaffen, er unterst&uuml;tze den islamistischen Terrorismus und er unterdr&uuml;cke sein Volk. Das letzte Argument<br />war und ist zwar das &uuml;berzeugendste, spielte jedoch bei der Rechtfertigung des Krieges nur eine untergeordnete Rolle. Zur zentralen Kriegsbegr&uuml;ndung wurden &ndash; zumindest bis zu Paul Wolfowitz bizarrer Erkl&auml;rung im Juni 2003, man habe sich auf den Kriegsgrund Massenvernichtungswaffen vor allem aus &bdquo;b&uuml;rokratischen Gr&uuml;nden&rdquo; geeinigt&#8216; &ndash; die A-, B- und C-Waffen des Regimes. Der britische Premier Tony Blair etwa sagte im Herbst 2002: &bdquo;Das zentrale Problem sind die Massenvernichtungswaffen. Damit liegen die Dinge ganz einfach: Der Irak muss es zulassen, diese Kapazit&auml;ten unsch&auml;dlich zu machen. Diese Forderung muss Saddam Hussein erf&uuml;llen.&rdquo; (Der Tagesspiegel v. 19.9.2002) &Auml;hnlich &auml;u&szlig;erten sich auch Pr&auml;sident George W. Bush und andere f&uuml;hrende US-Politiker immer wieder, bis die &bdquo;Weigerung&rdquo; des irakischen Regimes, seine Massenvernichtungswaffen zu verschrotten, am 20. M&auml;rz 2003 zum Beginn des Krieges f&uuml;hrte. Dieser war zwar dahingehend erfolgreich, dass der Irak milit&auml;risch rasch besiegt wurde, doch im Hinblick auf die urspr&uuml;ngliche Kriegsbegr&uuml;ndung war das Ende der Kampfhandlungen ein Desaster: Es wurde immer deutlicher, dass es im Irak offenbar keine Massenvernichtungswaffen gab. &Uuml;ber ein Jahr nach dem offiziellen Kriegsende sind Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen immer noch unauffindbar. Man kann mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit behaupten, dass es zumindest seit der zweiten H&auml;lfte der 1990er Jahre im Irak keine A-,B- oder C-Waffen mehr gab, die eine Bedrohung darstellten. Das aber bedeutet: Die amerikanische und die britische Regierung haben zur Begr&uuml;ndung des Kriegs ihre Bev&ouml;lkerungen und die Welt&ouml;ffentlichkeit in massivem Ausma&szlig; belogen. Es sind vor allem sechs L&uuml;gen, welche den Regierungen dazu dienten, ihre milit&auml;rische Intervention zu legitimieren:</p>
<ol>
<li>
<p><em>Die A-Waffen-L&uuml;ge:</em> F&uuml;hrende US-Politiker behaupteten immer wieder, Saddam sei kurz davor, Atombomben einsetzen zu k&ouml;nnen. &bdquo;Wir wissen mit absoluter Sicherheit, dass er sein Vertriebsnetz nutzt, um das Equipment zu erwerben, dass er zur Anreicherung von Uran braucht, um damit eine Nuklearbombe zu bauen&rdquo;, sagte etwa Vizepr&auml;sident Cheney in der NBC-Sendung &bdquo;Meet the Press&rdquo; am 8. September 2002 (Ciricione/Mathews/Perkovich 2004: 21).2 Beweise hierf&uuml;r hat weder die Iraq Survey Group der Koalitionsstreitkr&auml;fte noch das Iraq Action Team der Internationalen Atomenergiebeh&ouml;rde in Wien gefunden. Es gilt mittlerweile als wahrscheinlich, dass Saddam sein Atomprogramm nach der Niederlage im ersten Golfkrieg tats&auml;chlich eingestellt hat. </p>
</li>
<li>
<p><em>Die 45-Minuten-L&uuml;ge</em>: Die britische Regierung ver&ouml;ffentlichte am 24. September 2002 ihr Irak-Dossier, das vom Joint Intelligence Committee, dem Lenkungsgremium der britischen Geheimdienste, erstellt worden und mit einem Vorwort von Tony Blair versehen war. Dieses enthielt an prominenten Stellen gleich viermal die Behauptung, der Irak k&ouml;nne binnen 45 Minuten Raketen mit Massenvernichtungswaffen startklar machen. Die Tatsache, dass es sich dabei um allenfalls lokal einsetzbare Waffen mit regul&auml;ren Gefechtsk&ouml;pfen handelte, die weder f&uuml;r Israel noch f&uuml;r die britischen Truppen auf Zypern oder gar f&uuml;r Gro&szlig;britannien selbst eine Gefahr dar-stellten, wurde nicht deutlich gemacht, obwohl dies der britischen Regierung bekannt war. Stattdessen wurde die Behauptung auch von der US-Administration aufgegriffen. Zwar wurde im Irak nach Kriegsende tats&auml;chlich neuere Raketentechnik gefunden, von denen einige Systeme auch die dem Irak 1991 von den UN zugebilligten 150-Kilometer Reichweite &uuml;berschreiten konnten, doch handelte es sich eindeutig um lokale Gefechtseinrichtungen, nicht um Mittel- oder Langstreckenraketen mit Massenvernichtungswaffen. Die von Tony Blair verantwortete Informationspolitik im Hinblick auf die 45-Minuten-Behauptung wurde sp&auml;ter vom Geheimdienst-Ausschuss des britischen Parlaments als &bdquo;irref&uuml;hrend&rdquo; und &bdquo;nicht hilfreich f&uuml;r das Verst&auml;ndnis des Problems&rdquo; bezeichnet (Vgl.: The Guardian v. 12. 9. 2003;<em> Frankfurter Allgemeine Zeitung </em>v. 12.9.2003) </p>
</li>
<li>
<p><em>Die Niger-Story: </em>US-Pr&auml;sident George W. Bush behauptete in seiner Rede zur Lage der Nation am 28. Januar 2003: &bdquo;Die britische Regierung hat herausgefunden, dass Saddam Hussein j&uuml;ngst gr&ouml;&szlig;ere Mengen Uran aus Afrika kaufen wollte.&rdquo; (Ciricione/Mathews/Perkovich 2004: 24) Dokumente dar&uuml;ber waren &uuml;ber dubiose Wege an die CIA gelangt und wurden fortan propagandistisch extensiv genutzt. Dem Wei&szlig;en Haus lagen aber schon Wochen vor Bushs Rede Informationen vor, welche die Niger-Story definitiv widerlegten, darunter ein Bericht des Ex-Botschafters Joseph Wilson, der vor Ort die Geschichte untersucht hatte und sie dementierte (Ju-&#8218; disJAckerman 2003: o. S.), Wilsons Bericht hat auf jeden Fall das B&uuml;ro des Vizepr&auml;sidenten Cheney erreicht, ist dort aber offensichtlich nie weitergeleitet oder bearbeitet worden. Im M&auml;rz erkl&auml;rte auch Mohamed El Baradei, der Generaldirektor der Internati&ouml;nalen Atomenergie-Beh&ouml;rde in Wien die zugrunde liegenden Dokumente f&uuml;r gef&auml;lscht. Die Niger-Story fand sich trotzdem in zahlreichen Ver&ouml;ffentlichungen der Regierung. F&uuml;r Wilson warf das die Frage auf: &bdquo;Wenn die Regierung fundamentale Fakten zur Rechtfertigung eines Krieges falsch darstellt, wor&uuml;ber l&uuml;gt sie dann noch?&rdquo; (<em>Die Zeit </em>Nr. 29 v. 10.7.2003, S. 6) </p>
</li>
<li>
<p><em>Die C-Waffen-L&uuml;ge: </em>Au&szlig;enminister Colin Powell sagte am 8. September 2002 in Fox News Sunday: &bdquo;Es kann keinen Zweifel geben, dass er [Saddam] ein chemisches Waffenarsenal hat.&rdquo; (Ciricione/Mathews/Perkovich 2004: 29). Vor dem UN-Sicherheitsrat sagte Powell: &bdquo;Unsere konservative Sch&auml;tzung ist, dass der Irak heute ein Lager zwischen 100 und 500 Tonnen von chemischen Waffen hat. [&#8230;] Selbst mit 100 Tonnen Kampfstoffen k&ouml;nnte Saddam Hussein Massent&ouml;tungen auf mehr als 100 Quadratmeilen Territorium anrichten, eine Fl&auml;che, beinahe f&uuml;nfmal so gro&szlig; wie Manhattan.&rdquo; (ebd.: 29). Aufgefunden wurden nach Kriegsende nur Reste von Saddams 1980er-Jahre C-Waffen-Programm, Indizien f&uuml;r eine Wiederaufnahme der Programme nach 1991 konnten nicht gefunden werden.<br />&nbsp;Die Bio-Waffen-L&uuml;ge: Powell behauptete in seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat am 5. Februar 2003, dass kein Zweifel daran bestehe, &bdquo;dass Saddam Hussein biologische Waffen hat und die M&ouml;glichkeit besitzt, schnell viel mehr herzustellen: Meine Kollegen, jedes Statement, das ich heute mache, ist belegt durch Quellen, solide Quellen.&rdquo; (Der Spiegel Nr. 25/2003, S. 136) Pr&auml;sident Bush sagte auf der Nations General Assembly am 12. September 2002: &bdquo;Gerade jetzt baut und verbessert der<br />68&nbsp;vorg&auml;nge Heft 3/2004, S. 65-77&nbsp;Thymian Bussemer: Die verschwundenen Bomben des Saddam Hussein&nbsp;69 </p>
</li>
<li>
<p>Irak Einrichtungen, die f&uuml;r die Produktion von Biowaffen genutzt werden.&#8220; (Ciricione/Mathews/Perkovich 2004: 33) Und Tony Blair ging davon aus, dass der Irak &uuml;ber 10.000 Liter Anthrax und 80 Tonnen Senfgas verf&uuml;ge (Der Spiegel Nr. 25/2003, S. 135). Gefunden hat die Iraq Survey Group nichts. Die beiden Anfang Mai 2003 nahe der Stadt Mossul entdeckten LKWs wurden vorschnell als Teil der irakischen Milzbrand-Produktion ausgegeben. Das Pentagon erkl&auml;rte damals: &bdquo;Koalitionsstreitkr&auml;fte haben eine mobile irakische Biowaffen-Produktionseinrichtung gefunden.&rdquo; Anfang August sagten dann Ingenieure des Pentagon-Geheimdienstes der New York Times, es handele sich bei den LKWs nicht um Anthrax-K&uuml;chen, sondern um Wasserstofftanks f&uuml;r Wetterballons (Die Zeit Nr. 35 v. 21.8.2003, S. 4). Das hatten die Iraker im UN-Sicherheitsrat auch schon behauptet, aber niemand hatte ihnen geglaubt. Der US-Au&szlig;enminister wusste offensichtlich schon im Februar um die wackligen Beine, auf denen seine Behauptungen basierten. Als er das Material f&uuml;r die Pr&auml;sentation das erste Mal sichtete, nannte der erfahrene Milit&auml;r es schlichtweg &bdquo;Bullshit&rdquo;. Im UN-Sicherheitsrat bestand Powell dann darauf, dass CIA-Chef George Tenet direkt hinter ihm sa&szlig;, um symbolisch Teile der Verantwortung zu &uuml;ber-nehmen (Judis/Ackermann 2003: o. S.). </p>
</li>
<li>
<p><em>Die Al-Quaida-L&uuml;ge</em>: Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice sagte am 25. September 2002 im Sender PBS: &bdquo;Es gibt klare Kontakte zwischen Al Quaida und Irak. [&#8230;] Es gibt Aussagen, die beweisen, dass einige dieser Kontakte sehr wichtige sind und es eine eindeutige Beziehung gibt.&rdquo; (Ciricione/Mathews/Perkovich 2004: 44). Der damalige Pentagon-Berater Richard Perle behauptete, der irakische Geheimdienstler Ahmad al-Ani habe im April 2001 in Prag Mohammed Atta getroffen, einen der Attent&auml;ter vom 11. September (Stern Nr. 30/2003, S. 54). Beweise f&uuml;r eine Zusammenarbeit von AI-Quaida und dem Irak wurden nie aufgefunden, wenn es im Saddam-Regime auch vage &Uuml;berlegungen zur Instrumentalisierung des islamischen Terrorismus gab. Nach &Uuml;berzeugung aller Irak-Experten h&auml;tte Saddam islamischen Terrorgruppen aber nie Massenvernichtungswaffen &uuml;berlassen. Das Prager Treffen zwischen Atta und al-Ani wurde schon in einer vertraulichen Note Vaclav Havels an die USA im Herbst 2002 dementiert. Im Juli 2003 wurde al-Ani im Irak festgenommen und bestreitet seitdem ebenfalls, dass ein derartiges Treffen je stattgefunden habe.</p>
</li>
</ol>
<p>All diese L&uuml;gen sind mittlerweile offiziell und regierungsamtlich. Schon der britische Hutton-Report vom 7. Juli 2003 und der Butler-Report vom 14. Juli 2004 stellen schwere M&auml;ngel in der Art und Weise fest, wie die britische Regierung das Problem Irak &ouml;ffentlich dargestellt hat. Im Butler-Report, obwohl dieser sichtlich um eine Reinwaschung Tony Blairs bem&uuml;ht ist, hei&szlig;t es: &bdquo;Die Entscheidung der Regierung im Fr&uuml;hjahr 2002, dass eine h&auml;rtere Gangart (stronger action) (wenn auch nicht notwendigerweise als milit&auml;rische Handlung) gegen den Irak notwendig sein w&uuml;rde, um die Entwaffnung des Iraks zu beschleunigen, basierte nicht auf irgendwelchen neuen Entwicklungen in dem geheimdienstlichen Bild vom Irak. [&#8230;] Es gab keine geheimdienstlichen Erkenntnisse, die zu der Schlussfolgerung Anlass gegeben h&auml;tten, dass der Irak ein dringlicheres Problem sei als die Aktivit&auml;ten einiger anderer Staaten.&rdquo; (Butler-Report 2003: 150) Die deutlichste Sprache hat allerdings der j&uuml;ngste US-Bericht der Senatskommission &uuml;ber die Geheimdienste vom 7. Juli 2004 angeschlagen. Dort hei&szlig;t es: &bdquo;Die meisten der zentralen Urteile, die in dem Bericht ,Iraks fortgesetztes Programm f&uuml;r Massenvernichtungswaffen&#8216; des von der Intelligence Community vorgelegten National Intelligence Estimate (NIE) [das zentrale Dokument, auf das sich die US-F&uuml;hrer beriefen, T.B.] &uuml;bertrieben die vorhandenen Geheimdiensterkenntnisse und waren von den Fakten nicht gedeckt. Eine Serie von Fehlern, vor allem im Bereich des analytischen Handwerks, f&uuml;hrten zu einer Fehldarstellung der Geheimdiensterkenntnisse.&rdquo; (Select Committee 2004: o. S.) Weiter hei&szlig;t es: &bdquo;Die Haupturteile des NIE, vor allem, dass Irak ,chemische und biologische Waffen hat&#8216;, ,unbemannte Raketen entwickle&#8216;, ,wahrscheinlich plane, biologische Waffen weiterzugeben&#8216; und dass ,alle Schl&uuml;sselaspekte &ndash; Forschung und Entwicklung, Produktion und Waffenf&auml;higmachung &ndash; von Iraks offensiven biologischen Waffen aktiv und wahrscheinlich weiter entwickelt seien, als sie es vor dem Golfkrieg waren&#8216;, &uuml;bertrieben die zugrunde liegenden Geheimdienstberichte, die dem Komitee zur Verf&uuml;gung standen.&rdquo; (ebd.)</p>
<h5>Haben die Geheim&shy;dienste versagt?</h5>
<p>Bemerkenswert an dem Report der amerikanischen Senatskommission ist nicht nur, mit welcher Schonungslosigkeit die L&uuml;gen und fundamentalen Fehleinsch&auml;tzungen der US-Administration im Hinblick auf das irakische Waffenpotenzial dort analysiert werden, sondern auch, wie eindeutig dort die vermeintlich Verantwortlichen benannt werden. Dies scheint allerdings prim&auml;r politisch induziert, denn der Report w&auml;lzt Schuld von der Regierung ab, indem die Geheimdienste f&uuml;r die L&uuml;gen haftbar gemacht werden. Sowohl die britische wie die US-Regierung haben sich &mdash; nachdem &uuml;berdeutlich geworden ist, mit welchen unwahren Behauptungen sie ihren Krieg promotet haben &mdash; darauf verlegt, ihre Geheimdienste zu S&uuml;ndenb&ouml;cken zu machen, die nun f&uuml;r die falschen Aussagen gerade stehen m&uuml;ssen. Im US-Senatsbericht hei&szlig;t es: &bdquo;Die Unf&auml;higkeit der Intelligence Community, die vorhandenen Erkenntnisse im NIE akkurat zu analysieren und zu beschreiben, war das Resultat einer Kombination von systemischen Schw&auml;chen, prim&auml;r handwerklich-analytischer Art, erg&auml;nzt durch einen Mangel an Informationsaustausch, schlechtes Management und inad&auml;quate Informationsbeschaffung. Das Komitee hat keinen Beweis daf&uuml;r gefunden, dass die Fehldarstellungen der Intelligence Community &uuml;ber Iraks Massenvernichtungswaffen auf politischen Druck zur&uuml;ckzuf&uuml;hren war.&rdquo; (ebd.)</p>
<p>Damit liegt die politisch eingeschlagene Lesart klar auf dem Tisch: Die Geheimdienste, allen voran die CIA, sind daran schuld, dass Bush, Blair, Powell und Rice im guten Glauben die Unwahrheit gesagt und die ganze Welt belogen haben. Die Politiker selbst sind zu Opfern unkorrekter und verantwortungsloser Zuarbeit geworden und haben deswegen einen an sich ,richtigen` Krieg aus den falschen Gr&uuml;nden gef&uuml;hrt. F&uuml;r diese Form der Rechtfertigung spricht der amerikanische Bericht der Senatskommission, f&uuml;r sie spricht der britische Butler-Report (auch wenn sich Lord Butler anl&auml;sslich von dessen Pr&auml;sentation sichtlich bem&uuml;hte, den Vorsitzenden des Joint Intelligence Committee, John Scarlett, in Schutz zu nehmen) und f&uuml;r sie sprechen auch die im Gefolge des politischen Drucks gefallenen Entscheidungen: CIA-Chef George Tenet k&uuml;ndigte am 2. Juni 2004 seinen R&uuml;cktritt an, einen Tag sp&auml;ter folgte ihm sein Chefermittler James Pavitt (Der Tagesspiegel v. 7.7.2004).</p>
<p>Die bekannten Fakten sprechen jedoch gegen die Darstellung vom Versagen der Dienste. Denn es waren vor allem die Geheimdienste, die in der Frage des irakischen Massenvernichtungswaffenpotenzials eine verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig skeptische, auf jeden Fall aber neutrale und objektive Position eingenommen haben. Aus verschiedenen Quellen und Rekonstruktionen wird deutlich, dass die Einsch&auml;tzung der CIA im Hinblick auf den Irak eher zur&uuml;ckhaltend war. So hat Ex-CIA-Chef George Tenet mehrmals und zu-letzt am 5. Februar 2004 drauf beharrt, dass die Agency den Irak niemals als unmittelbare politische Bedrohung eingesch&auml;tzt habe (ebd.). Auch die Irak-Al-Quaida-Connection wurde von ihr stets zur&uuml;ckgewiesen. Und im CIA-Bericht &uuml;ber weltweite Waffentechnologie-Proliferation vom Januar 2002 wird die nukleare Bedrohung durch den Irak als nicht gravierend angesehen. Dort hei&szlig;t es nur: &bdquo;Wir glauben, dass der Irak wahrscheinlich damit fortgefahren hat, auf einem niedrigen Level die theoretische Forschung und Entwicklung seines Nuklearprogramms zu betreiben.&rdquo; (Judis/Ackerman 2003: o. S.) Nachgewiesen ist dagegen der Druck, den die Regierung etwa durch mehrere Besuche von Vizepr&auml;sident Cheney in Langley auf die CIA ausge&uuml;bt hat (vgl. ebd.). George Tenet war nach dem 11. September 2001 aufgrund des Versagens der CIA politisch angeschlagen und leicht unter Druck zu setzen. Die Neokonservativen haben diese Schw&auml;che genutzt, um eigene Analyse-Einheiten neben der CIA zu etablieren, die dann politisch erw&uuml;nschte und ma&szlig;geschneiderte Analysen lieferten. Vor allem im Pentagon entstanden alternative Geheimdienste, mit deren Berichten die CIA konfrontiert und so unter Druck gesetzt wurde (Die Zeit Nr. 45 v. 30.10.2003). Unter diesem Einfluss begann auch die CIA, den Irak mehr und mehr als Gefahr einzustufen und nolens volens Belege f&uuml;r dessen Waffenprogramm zu liefern. Diese zweifelhaften Erkenntnisse fallen jetzt auf die Agency zur&uuml;ck. Die Zeitschrift The New Republic spekulierte schon im Juni 2003 dar&uuml;ber, dass Tenet wohl den S&uuml;ndenbock f&uuml;r Bush abgeben m&uuml;sse (Judis/Ackerman 2003: o. S.). Genauso ist es gekommen, wenn auch aus der Agency heraus gegen diese doppelte Instrumentalisierung heftig Widerstand geleistet wurde. Eine Gruppe von CIA-Veteranen schrieb an Bush: &bdquo;Auch in der Vergangenheit hat es F&auml;lle gegeben, in denen Erkenntnisse der Geheimdienste aus politischen Gr&uuml;nden verdreht wurden. Doch nie zuvor hat es derartig systematische Verzerrungen gegeben, um unsere gew&auml;hlten Vertreter dahin zu bringen, einen Krieg zu autorisieren.&rdquo; (Der Spiegel Nr. 25/2003, 5.138)</p>
<p>Einen vergleichbaren Vorgang gab es in Gro&szlig;britannien. Dort tobte monatelang eine hitzig gef&uuml;hrte Diskussion dar&uuml;ber, ob und inwieweit das Irak-Dossier des Joint Intelligence Committees von Blairs damaligem Kommunikationsdirektor Alastair Campbell aufgemotzt (&bdquo;sexed up&#8220;) und dramatisiert worden war. Insbesondere ging es um die Frage, ob die 45-Minuten-Behauptung von Campbell in das Dossier eingef&uuml;gt worden war. Tony Blair wurde zwar im Hutton genauso wie im Butler-Report von dem Vorwurf freigesprochen, auf die Gestaltung des Dossiers Einfluss genommen zu haben, und auch Campbell konnte nicht nachgewiesen werden, dass Dossier in dramatischer Weise redigiert zu haben. Doch Fragen blieben offen. So wurde das Dossier insgesamt sechsmal von Blairs Stab zur &Uuml;berarbeitung an den Vorsitzenden des Joint Intelligence Committees,John Scarlett, zur&uuml;ckgesandt; in einer elektronischen Version des Berichts fanden sich &Auml;nderungsmarkierungen, die mit einem auf Campbell personalisierten Computer eingef&uuml;gt worden waren. Campbell musste schlie&szlig;lich zum Ende des Jahre 2003 zur&uuml;cktreten.</p>
<h5>Ersetzt Public Relations Politik&shy;for&shy;mu&shy;lie&shy;rung?</h5>
<p>Wenn nicht die Geheimdienste in erster Linie f&uuml;r die Verdrehung der Wahrheit in Sachen Irak verantwortlich waren, wer dann? Einiges spricht daf&uuml;r, dass die Irak-L&uuml;gen unmittelbar in den St&auml;ben und Schreibstuben der verantwortlichen Spitzenpolitiker entstanden sind, an jenen Schnittstellen also, die zwischen Administration und &Ouml;ffentlichkeit angesiedelt sind, und wo sich ein Heer von Redenschreibern, Marketing-Experten, Meinungsforschern und Image-Beratern mit der &ouml;ffentlichen Pr&auml;sentation von Politik<br />besch&auml;ftigt. Auch die Mitarbeiter von <i>Think Tanks </i>und die <i>Special Adviser</i> von Spitzenpolitikern wie etwa Richard Perle geh&ouml;ren zu dieser Gruppe von Leuten. Die Spin-Doctors (zum Begriff vgl. Kocks 1998; Esser 2000; Esser/Reinemann 2000; Tenscher 2000; ZfK 2000) arbeiten innerhalb des politischen Systems, doch ihr Denken orientiert sich an der Logik des Mediensystems und des Publikums. Sie interessieren sich nicht f&uuml;r die Formulierung von Gesetzen oder f&uuml;r komplexe Zusammenh&auml;nge (oder dies nur insoweit, wie es f&uuml;r die anschlie&szlig;ende Verdichtung dieser Komplexit&auml;t zu einer griffigen Formel n&ouml;tig ist), sondern f&uuml;r die Inszenierung der Politik auf der gro&szlig;en B&uuml;hne und im grellen Scheinwerferlicht. Ihre Aufgabe ist es, f&uuml;r Entscheidungen die richtigen Kommunikationslinien zu finden und sie &ouml;ffentlich zustimmungsf&auml;hig zu machen. Da dies in der Medien- und Stimmungsdemokratie eine erfolgskritische Bedingung f&uuml;r Politik ist, haben diese Berater (die es schon immer oder zumindest sehr lange gegeben hat) in den vergangenen Jahren enorm an Einfluss gewonnen. Ihre Sternstunde erleben sie stets in Krisen- oder Ausnahmezust&auml;nden, wenn unter gro&szlig;em Druck in knapper Zeit f&uuml;r eine brisante Entscheidung ein m&ouml;glichst hohes Ma&szlig; an Zustimmung generiert wer-den muss. Da Kriege in Demokratien nicht nur prinzipiell begr&uuml;ndungspflichtig sind, sondern die H&uuml;rde f&uuml;r die Entscheidung zum Krieg auch sehr hoch liegt, ist die strategische Entwicklung und Implementierung einer Kriegsbegr&uuml;ndung f&uuml;r Kommunikationsberater eine der schwierigsten Aufgaben. Noch schwieriger wird diese, wenn die Vorgaben der verantwortlichen Politiker diffus sind. Im Fall Irak war der Wille der US-Administration, den Irak anzugreifen, eindeutig vorhanden, eine plausible Begr&uuml;ndung daf&uuml;r aber nicht in Sicht. George W. Bushs bester Verb&uuml;ndeter Tony Blair erwog anf&auml;nglich, den geplanten Krieg ganz unter das Zeichen eines Regimewechsels im Irak zu stellen, bis ihn Beamte darauf hinwiesen, dass das Ziel einer Entmachtung Saddam Hussein &bdquo;als solches keine Basis im internationalen Recht h&auml;tte, und dass jede offensive milit&auml;rische Aktion gegen den Irak nur gerechtfertigt werden k&ouml;nne, wenn der Irak seine Abr&uuml;stungsverpflichtungen gem&auml;&szlig; der UN-Sicherheitsrats-Resolution 687 oder eine neuer Resolution verletze&rdquo; (Butler-Report 2004: 151). Die Massenvernichtungswaffen wurden so zum Stellvertreter-Argument, denn hier gab es eine klare rechtliche Handhabe, die aus vorangegangenen UNO-Resolutionen resultierte; sie waren der einfachste und medial wie rechtlich logischste Ausgangspunkt, um eine &uuml;bergreifende Begr&uuml;ndung f&uuml;r den Krieg zu finden. Aus diesem Ansatzpunkt nun eine konsistente Argumentationskette zu machen, war der Auftrag der <i>Spin-Doctors.</i></p>
<p>Der subtile Einfluss bzw. die Langzeitwirkung des <i>Spin-Doctoring </i>besteht einerseits darin, dass auch gew&auml;hlte Politiker ihr Handwerk mehr und mehr als prim&auml;r kommunikativ betrachten. Public Relations wird so zum Zentral-Paradigma politischen Handelns. Andererseits bestimmt jenes Bild von Politik, das unter Marketing-Gesichtspunkten entworfen wird, auch mehr und mehr das Realit&auml;tsbild der politisch Verantwortlichen. Denn letztlich regieren die erw&uuml;nschten und k&uuml;nstlich geschaffenen Images, Argumentationszusammenh&auml;nge und Sachzw&auml;nge die Realit&auml;t, sie werden wahr dadurch, dass sie in den Kreislauf der &ouml;ffentlichen Kommunikation gepumpt werden, fortan Bestandteil des Diskurses sind und irgendwann als &bdquo;Fakten&rdquo; selbst zu ihren Urhebern zur&uuml;ckflie&szlig;en. Der Widerspruch zwischen den zur&uuml;ckhaltenden Geheimdiensterkenntnissen und den &ouml;ffentlich verlautbarten dramatischen Szenarien im Fall Irak wird dann auf Seiten der Handelnden kognitiv dadurch aufgel&ouml;st, dass man der dramatischen Variante glaubt, weil dieses ja die &ouml;ffentliche, in allen Medien verbreitete, ist. Im n&auml;chsten Schritt entscheidet dann der amerikanische Pr&auml;sident (der in hohem Ma&szlig;e abh&auml;ngig davon ist, welche Informationen ihm seine Berater vorlegen) &uuml;ber einen Feldzug auf der Grundlage einer medialen und &ouml;ffentlichen Diskussion, die seine Berater vorher choreografiert und inszeniert haben, w&auml;hrend der milit&auml;rische Erfolg der Kampagne durch die politische F&uuml;hrung anhand einer Berichterstattung evaluiert wird, deren Rahmenbedingungen man vorher detailliert ausgearbeitet und zu den eigenen Gunsten definiert hat. An dieser Form von Entscheidungsbildung ist alles virtuell und beinahe jede Induktion von au&szlig;en in das Bild, das sich die Akteure von der Realit&auml;t machen, verweist doch nur wieder auf eine Manipulation der Realit&auml;t, welche die Handelnden zuvor selber vorgenommen haben. Im Hintergrund vernimmt man dabei das Grundrauschen eines Tausende von Kilometern entfernt real ausgetragenen Krieges. Vor der T&auml;uschung der Welt&ouml;ffentlichkeit steht hier also zun&auml;chst die Selbstt&auml;uschung der Handelnden (Hannah Arendt). Der Wunsch nach einer koh&auml;renten Geschichte, nach einer moralisch wertvollen Mission, nach einer gut verk&auml;uflichen Aktion pr&auml;formiert das, was die Entscheider in der Welt sehen und wie sie diese wahrnehmen, um sie anschlie&szlig;end nach ihren Vorstellungen umzugestalten.</p>
<p>Das Grundproblem dieser Form von Realit&auml;tskonstruktion besteht in einem Zusammentreffen von eigentlich klar getrennten Bereichen in einzelnen Handlungsrollen: Normativ sollte die Politik das Primat haben, w&auml;hrend Krieg und Kommunikation ihre Hilfsmittel sein k&ouml;nnen. Wenn aber die Kommunikationsaussichten im Hinblick auf ein bestimmtes Ereignis die ihm gegen&uuml;ber eingeschlagene Politik determinieren, wird auch Krieg schnell zu einer Angelegenheit, die man aus Image-Gr&uuml;nden betreibt. Kriege und bewaffnete Interventionen werden mittlerweile von vorneherein als Public-Relations-Ereignisse geplant, Fragen ihrer dramaturgischen Inszenierung erlangen damit beinahe die selbe Bedeutung, wie die politisch-milit&auml;rische Planung selbst.[3] Hannah Arendt hat diesen Sachverhalt schon vor &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren in ihrem Essay <i>Die L&uuml;ge in der Politik </i>im Hinblick auf Vietnam zusammengefasst, als sie urteilte, man habe den Krieg gef&uuml;hrt, &bdquo;um auf ein Publikum Eindruck zu machen&rdquo;, wobei man unter &bdquo;&uuml;ber milit&auml;rische Fragen unter ,politischen und Public-Relations-Gesichtspunkten&#8216; entschied (wobei ,politisch` die Aussicht auf die n&auml;chste Pr&auml;sidentenwahl und ,Public Relations&#8216; das Image der USA in der Welt bedeuten); in Betracht gezogen wurden nicht die wirklichen Risiken, sondern nur ,geeignete Reklametechniken&rdquo; (Arendt 1972: 20f.; vgl. Arendts Essay in Ausz&uuml;gen in diesem Heft).</p>
<h5>Streifzug durch die sch&ouml;ne neue Werbewelt</h5>
<p>Wie sehen diese geeigneten ,Reklametechniken` in den USA oder Gro&szlig;britannien heute aus? Im Prinzip muss man sich die Politikformulierung in bestimmten Zirkeln der Macht zunehmend so vorstellen wie Kreativ-Workshops in Werbeagenturen: Politiker, Diplomaten, Milit&auml;rs und PR-Experten sitzen zusammen, um die Konturen eines Krisenszenarios und seine Kommunikationslinien festzulegen. Man feilt an PR-Konzepten und Begriffen, bis das richtige wording, eine z&uuml;ndende Botschaft in griffigen Worten, gefunden ist (vgl. etwa Woodward 2002: 49ff.) Das Problem dabei ist, dass der gew&uuml;nschte Kommunikationseffekt oft Einfluss auf die selektierten Inhalte hat. Aus der Sicht von PR-Beratern besteht zwischen der Aussage &bdquo;Der Irak kann lokale&nbsp; Raketen-Waffensysteme besitzen, die u.U. binnen weniger als einer Stunde auf dem Gefechtsfeld einsetzbar sind&rdquo; und der Aussage &bdquo;Der Irak kann binnen 45 Minuten Massenvernichtungswaffen startklar haben&rdquo; nur ein gradueller Unterschied: Der erste Satz ist b&uuml;rokratisch und langwierig, der zweite kommt dagegen auf den Punkt und kann in der Medienarbeit eingesetzt werden. In welchem Ausma&szlig; dabei semantische Unterschiede verloren gehen, ist zumindest den Medienspezialisten unter Umst&auml;nden gar nicht bewusst. Trifft dieser Vereinfachungsdrang der Berater auf den Willen der Politiker, ihre Botschaft hinreichend zuzuspitzen, kommt es zu einem shaping the message, das die message nachhaltig ver&auml;ndert &ndash; vor allem dann, wenn sich die PR-Leute mit ihren zwar ein-g&auml;ngigen, aber nicht besonders faktentreuen Dramatisierungsregeln gegen&uuml;ber den Fachleuten durchsetzen. Nicht mehr der Sachverhalt bestimmt dann die Form der Botschaft, sondern der griffige Slogan regiert die Realit&auml;t.</p>
<p>Deutlich wird dies am Beispiel des britischen September-Dossiers, das &uuml;brigens das erste Geheimdienst-Dossier der britischen Geschichte war, das &ouml;ffentlich gemacht und f&uuml;r Zwecke der Public Advocacy eingesetzt wurde (Butler-Report 2004: 151). Die Hutton-Kommission r&uuml;gte die Marketing-Sprache des Dossiers in ungew&ouml;hnlich klaren Worten: &bdquo;Unsere Schlussfolgerung ist, dass die Sprache, die in dem September-Dossier verwendet wurde, zum Teil suggestiver war als dies in Geheimdienstdokumenten &uuml;blich ist. Wir sind der Auffassung, dass es geboten w&auml;re, zu dem ma&szlig;vollen und vorsichtigen Ton zur&uuml;ckzukehren, der bislang Geheimdienst-Einsch&auml;tzungen auszeichnete.&#8220; (Hutton-Report 2003: o. S.) Zumindest implizit f&uuml;hrte die Kommission die suggestive Machart des Dossiers auf den Einfluss Campbells zur&uuml;ck. &bdquo;Unserer Auffassung nach war es falsch, dass Alastair Campbell oder irgendwelche anderen Politikberater eine Sitzung &uuml;ber Geheimdienstfragen geleitet haben und wir empfehlen, dass diese Praxis beendet wird.&rdquo; (ebd.) Doch an einen k&uuml;nftig schwindenden Einfluss der Kommunikationsberater zu glauben, w&auml;re naiv. Der Fall Irak zeigt, dass eine auf der Grundlagen des PR-Paradigmas operierende Regierung nicht unbedingt einen guten Kriegsgrund, sondern nur eine gute Kriegsbegr&uuml;ndung braucht. Der Rest l&auml;uft dann als routinierte Medienkampagne nach allen Regeln der Kunst ab.</p>
<p>Vor allem war-time-Washington leistet sich eine F&uuml;lle konkurrierender Kommunikationsb&uuml;ros und Medienagenturen, die mit nichts anderem besch&auml;ftigt sind, als f&uuml;r die richtige Botschaft ans Volk zu sorgen. So hat die US-Administration schon in der Clinton-&Auml;ra begonnen, ihren noch aus dem Kalten Krieg herr&uuml;hrenden Apparat f&uuml;r Auslandspropaganda und internationale Kulturarbeit zu modernisieren. Ein wichtiger Schritt war dabei die Zusammenfassung der bestehenden Institutionen zu einer Organisation unter Kontrolle des Au&szlig;enministeriums. Im Zuge dieses Prozesses wurde die United States Information Agency (USIA) am 1. Oktober 1999 in das Department of State integriert.4 Zur Staatssekret&auml;rin f&uuml;r den Bereich Public Diplomacy/Public Affairs (beides moderne Synonyme f&uuml;r das unbeliebte Wort Propaganda) im Au&szlig;enministerium wurde im Oktober 2001 Charlotte Beers ernannt, die bis M&auml;rz 2003 amtierte.5 Politisch war diese bis dahin ein unbeschriebenes Blatt, in der internationalen Marketing-Szene daf&uuml;r um so besser bekannt. Beers begann ihre Karriere als Produktmanagerin f&uuml;r Uncle Ben&#8217;s Rice. Sp&auml;ter wurde sie Vorstandsvorsitzende der weltweit operierenden Werbeagentur J. Walter Thompson. Entsprechend pr&auml;gte sie dem Public-Diplomacy-Apparat die Arbeitsweise von Werbeagenturen auf: Es geht um das Besetzen der &ouml;ffentlichen Tagesordnung mit eigenen Themen und Positionen (Agenda Setting), um die Schaffung positiver Images und um die Kreation schlagkr&auml;ftiger Slogans, welche dann breit kommuniziert und in Um-lauf gebracht werden m&uuml;ssen (vgl. Bussemer 2003).</p>
<p>Obwohl sich in der letzten Zeit auch innerhalb der US-Administration jene kritischen Stimmen mehren, die Zweifel am Erfolg von nach dem Muster kommerzieller Werbekampagnen gestrickten Propagandaaktionen hegen, ist der prinzipielle Glaube an die Macht der Public Relations ungebrochen hoch. Der Jahresetat allein des Au&szlig;enministeriums f&uuml;r derartige Aktivit&auml;ten betr&auml;gt &ndash; die Rundfunkstationen eingeschlossen &ndash; zur Zeit rund 1,14 Mrd. Dollar. Die Bedeutung der Informationspolitik l&auml;sst sich auch daran ablesen, dass es unter den ma&szlig;geblichen Ministern des Bush-Kabinetts einen handfesten Streit dar&uuml;ber gibt, wer welchen Propagandaapparat unterhalten darf. So gr&uuml;ndete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld 2002 das Office of Strategic Influence, welches &ndash; und das wurde auch ganz offen so gesagt &ndash; ein B&uuml;ro f&uuml;r internationale Zersetzungspropaganda und Desinformationspolitik sein sollte. Zwar musste das Pentagon dieses B&uuml;ro nach weltweiten Protesten, vor allem von Medienvertretern, wieder schlie&szlig;en, doch nur kurz darauf wurde im Wei&szlig;en Haus ein Office of Global Communications gegr&uuml;ndet, das &auml;hnliche Aufgaben wahrnimmt und zudem die gesamte Auslandspropaganda der USA koordinieren soll &ndash; womit Bush wiederum die Kompetenzen von Colin Powells neu geschaffenen <i>Public-Diplomacy-Apparat </i>in Frage stellte (vgl. R&ouml;tzer 2002). Was der Welt&ouml;ffentlichkeit an Informationen &uuml;ber den Irak pr&auml;sentiert wurde, geht ma&szlig;geblich auf die T&auml;tigkeit dieser B&uuml;ros zur&uuml;ck.</p>
<h5>Was von den L&uuml;gen &uuml;brig blieb</h5>
<p>Die Kriegskoalition hat von 2002 bis 2004 einen ungeheuren Aufwand auf ihre Kommunikationsstrategie in Sachen Irak verwendet und sitzt am Ende doch nur auf einem Haufen L&uuml;gen, der ihre Glaubw&uuml;rdigkeit untergr&auml;bt. Die Kriegs-Kampagne geriet vor allem f&uuml;r die Bush-Regierung zum Bumerang, zu einem Kommunikationsdesaster. Die gro&szlig;e Frage ist, wie eine Administration so naiv sein kann, wenn schon nicht wider besseres Wissen (obwohl dieses verf&uuml;gbar gewesen w&auml;re), so dann doch zumindest gegen erhebliche Zweifel von allen Seiten, eine Version der Realit&auml;t zu verbreiten, von der mehr als wahrscheinlich sein musste, dass sie sich sp&auml;testens nach einem Sieg der Anti-Irak-Allianz als L&uuml;ge herausstellen w&uuml;rde. Denn letztlich wurde der gesamte hoch professionalisierte Kommunikationsapparat in den Dienst eines ziemlich atavistischen Anliegens gestellt: der Verbreitung von durchschaubaren L&uuml;gen. Dieses ungew&ouml;hnliche Zusammenspiel von ambitionierten Methoden und archaischen Zielen ist auf verschiedene Faktoren zur&uuml;ckzuf&uuml;hren: Tony Blair wollte von Anfang an den Regimewechsel im Irak und die Frage der Massenvernichtungswaffen war f&uuml;r ihn stets nur ein Hilfsmittel in der Argumentation, weshalb er ihr nur instrumentelle Beachtung schenkte. Hier greift also das Argument des &bdquo;richtigen Krieges aus den falschen Gr&uuml;nden&rdquo;. Bush dagegen mag unter dem Einfluss von Cheney, Rumsfeld und Wolfowitz wirklich geglaubt haben, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat. Der Pr&auml;sident wurde das erste Opfer der von seinem Umfeld manipulierten Realit&auml;t. Zu bedenken ist auch die relative &bdquo;Kleinteiligkeit&rdquo; des L&uuml;gengeflechts: die unwahren Behauptungen stammen alle aus verschiedenen Quellen und wurden zu verschiedenen Zeitpunkten von verschiedenen Akteuren vorgebracht. Sie sind also eher kumulativ entstanden, als dass sie Produkt einer gro&szlig; angelegten Verschw&ouml;rung sind. Eine kleine Realit&auml;tsmanipulation folgte der n&auml;chsten, bis irgendwann das L&uuml;gengeb&auml;ude in seiner ganzen Gr&ouml;&szlig;e errichtet war &ndash; und schon bald darauf unter den Augen der Welt&ouml;ffentlichkeit einst&uuml;rzte. Der &uuml;bergreifende Zusammenhang aber besteht darin, dass sich im Vorfeld des Krieges das Denken der verantwortlichen Politiker in Public-Relations-Kategorien so stark verfestigt hatte, dass alle Beteiligten nur noch bedingt in der Lage waren, den Unterschied zwischen einem guten spin und der Wahrheit zu erkennen. Die politischen F&uuml;hrer umgaben sich mit Leuten, die ihnen Informationen und Positionen nur selektiv zug&auml;nglich machten, da sie ja eben den Auftrag hatten, einen Beweis f&uuml;r die Ausgangspr&auml;misse &bdquo;Saddam hat Massenvernichtungswaffen&rdquo; zu finden. Zudem stand bei allen Handlungen die Frage im Vordergrund, welche mediale Resonanz zu erwarten sei, bevor die realen Konsequenzen der Handlung reflektiert wurden. Um noch einmal Hannah Arendt zu zitieren: &bdquo;Wenn die Staatsgeheimnisse die K&ouml;pfe der Akteure selber so vernebelt haben, da&szlig; sie die Wahrheit hinter ihren T&auml;uschungsman&ouml;vern und ihren L&uuml;gen nicht mehr erkennen oder sich an sie erinnern, dann wird das ganze T&auml;uschungsvorhaben, wie gut auch immer seine ,Marathon-Informationskampagnen` [&#8230;] und wie raffiniert ihre Reklamemethoden sein m&ouml;gen, scheitern oder das Gegenteil bewirken, d.h, es wird die Leute verwirren, ohne sie zu &uuml;berzeugen.&rdquo; (Arendt 1972: 30) Genau diesen Punkt hat die &ouml;ffentliche Debatte um die kommunikative Rechtfertigung des Irak-Kriegs erreicht. Ein Drittel der US-B&uuml;rger glaubte im Juni 2003, die Massenvernichtungswaffen Saddams seien l&auml;ngst gefunden worden, die H&auml;lfte meinte allerdings, die Regierung h&auml;tte sie in die Irre gef&uuml;hrte und am Ende wurde die Regierung offiziell vom eigenen Parlament der L&uuml;ge &uuml;berf&uuml;hrt. Das Vertrauen in die Demokratie wird damit systematisch untergraben, die M&ouml;glichkeit zu einem &ouml;ffentlichen Diskurs, in dem alle Beteiligten davon ausgehen k&ouml;nnen, dass zwar strategisch und interessengeleitet kommuniziert wird, es aber eine Wahrheitsverpflichtung der Akteure gibt, ad acta gelegt. Die USA kostet das viel von ihrer internationalen Reputation und die Regierung Bush ihre Glaubw&uuml;rdigkeit. Die Menschen trauen den USA mittlerweile beinahe jede L&uuml;ge zu. So hielten es 31 Prozent der unter 30j&auml;hrigen Deutschen 2003 f&uuml;r m&ouml;glich, dass die US-Regierung die Anschl&auml;ge vom 11. September 2001 selbst in Auftrag gegeben h&auml;tte und nur 27 Prozent glaubten, aus den Medien die volle Wahrheit &uuml;ber den 11. September erfahren zu haben (Die Zeit Nr. 31 v. 24.7. 2003, S.5).</p>
<p>Die heilsame Wirkung der Irak-Aff&auml;re k&ouml;nnte in einer Immunisierung der Menschen bestehen, in der Erkenntnis dass Politik und L&uuml;ge im Medienzeitalter stets in einer engen Liaison existieren, und dass es deswegen notwendig ist, die Aussagen der Herrschenden stets kritisch zu &uuml;berpr&uuml;fen. Zumindest der Regierung Bush d&uuml;rfte es wohl in Zukunft nicht mehr gelingen, die Weltbev&ouml;lkerung mit zweifelhaften Tatsachenbehauptungen zu beeindrucken. Daf&uuml;r hat sie zufiel von ihrem moralischen Kapital verspielt. Offen bleibt dagegen die Frage, was dies f&uuml;r die k&uuml;nftige Inszenierung von Krisen bedeutet. Denkbar w&auml;re sowohl eine weitere Verfeinerung von Public-Relations-Strategien wie auch eine von Medien und Publikum erzwungene R&uuml;ckkehr zum wirklichen politischen Diskurs, der den L&uuml;gen der Herrschenden klare Grenzen setzt.</p>
<p>[1] Wolfowitz erkl&auml;rte in einem Interview mit der Zeitschrift Vanity Fair: &bdquo;The truth is that for reasons that have a lot to do with the U.S. government bureaucracy we settled on the one issue that everyone could agree on which was weapons of mass destruction as the core reason.&rdquo; (<a href="http://www.cbs/" target="_blank" rel="noopener">http://www.cbs</a> news.com/storiesl2003/06/02/iraq/printable556471.shtml)<br />[2] F&uuml;r jede der Behauptungen lie&szlig;en sich hier vielf&auml;ltige Belege in Gestalt von Zitaten f&uuml;hrender Politiker anf&uuml;hren; ich beschr&auml;nke mich hier aber auf je eine oder zwei aussagekr&auml;ftige Quellen. Sofern die Zitate nicht deutschen Zeitungen entnommen sind, wurden sie von mir &uuml;bersetzt.<br />[3] Larry Beinhart hat diesen Vorgang in &uuml;berspitzter Form schon 1993 in seinem satirischen Roman<br />American Hero beschrieben. Daraus wurde 1997 der Hollywood-Film Wag the Dog.<br />[4] Rechtsgrundlage hierf&uuml;r war der am 21. Oktober 1998 verabschiedete Foreign Affairs Reform and<br />Restructuring Act (Public Law 105-277).<br />[5] In Beers&#8216; Verantwortungsbereich fallen die B&uuml;ros f&uuml;r Educational and Cultural Affairs und das International Information Program (IIP), die ehemalige USIA sowie das am State Department zuvor existierende Public Affairs Program.<br />[6] Umfrage des TV-Senders Fox News, zit. n. Berliner Zeitung v. 26.6.03.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Arendt, Hannah 1972: Die L&uuml;ge in der Politik. &Uuml;berlegungen zu den Pentagon-Papieren; in: Dies.: Wahrheit und L&uuml;ge in der Politik. Zwei Essays, M&uuml;nchen, S. 7-43<br />Bussemer, Thymian 2003: Medien als Kriegswaffe. Eine Analyse der amerikanischen Milit&auml;rpropaganda im Irak-Krieg; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 53. Jg., Nr. 49-50, S. 20-28<br />[Butler-Report] Report of a Committee of Privy Counsellors 2004: Review of Intelligence on Weapons of Mass Destruction (HC 898); <a href="http://www.butlerreview.org.uk/" target="_blank" rel="noopener">www.butlerreview.org.uk</a><br />Ciricione, JosephlMathews, Jessica T.lPerkovich, George 2004: W[eapons of] M[ass] D[estruction] in Iraq. Evidence and Implications. Hg, vom Carnegie Endowment for International Peace; <a href="http://www.ceip.org/files/Publications/Iraq.asp" target="_blank" rel="noopener">www.ceip.org/files/Publications/Iraq.asp</a><br />Esser, Frank 2000: Spin Doctoring. R&uuml;stungsspirale zwischen politischer PR und politischem Journalismus; in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 13. Jg., Heft 3, S. 17-24<br />Esser, Frank/Reinemann, Carsten 2000: &bdquo;Mit Zuckerbrot und Peitsche&rdquo;. Wie deutsche und britische Journalisten auf das News Management politischer Spin Doctors reagieren; in: Holtz-Bacha, Christina (Hg.) 2000: Wahlkampf in den Medien &ndash; Wahlkampf mit den Medien. Ein Reader zum Wahljahr 1998, Wiesbaden, S. 40-71<br />[Hutton-Report] House of Commons, Foreign Affairs Committee 2003: The Decision to go to War in Iraq, Ninth Report of Session 2002&ndash;03 Volume I(HC 813-I); <a href="http://www.publications.parliament/" target="_blank" rel="noopener">http://www.publications.parliament</a>. uklpa/cm2002031croselect/cmfaff/8131813.pdf<br />Judis, John B,IAckerman, Spencer 2003: The Selling of the Iraq War. The First Casuality; in: The New<br />Republic v. 30.6.2003; <a href="http://www.tnr.com/doc.mhtml?i=20030630&amp;s=ackermanjudis063003" target="_blank" rel="noopener">http://www.tnr.com/doc.mhtml?i=20030630&amp;s=ackermanjudis063003</a> Kocks, Klaus 1998: Was oder wor&uuml;ber spinnt ein Spin Doctor?; in: Ders.: Glanz und Elend der PR,<br />Opladen, S. 396-405<br />R&ouml;tzer, Florian 2002: Das Wei&szlig;e Haus will auch ein Propaganda-B&uuml;ro; in: Telepolis v. 30.7.2002; <a href="http://www.heise.deltpldeutschlspeciavauf/13007/1.html" target="_blank" rel="noopener">www.heise.deltpldeutschlspeciaVauf/13007/1.html</a>.<br />[Senatskommission] Select Committee on Intelligence of the United States Senate 2004: Report on the U.S. Intelligence Community&#8217;s Prewar Intelligence Assesments on Iraq. Ordered Reported on July 7, 2004. Washington; <a href="http://www.intelligence.senate.gov/" target="_blank" rel="noopener">www.intelligence.senate.gov</a><br />Tenscher,lens 2000: Politikvermittlungsexperten. Die Schaltzentralen politischer Kommunikation; in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 13. Jg., Heft 3, S. 7-16<br />Woodward, Bob 2002, Bush at War, New York-London-Toronto u.a.<br />ZfK 2000: Stichwort: Spin Doctors und Consultants. Einfl&uuml;sterer und Manipulatoren, in: Zeitschrift f&uuml;r Kommunikations&ouml;kologie, 2. Jg., Heft 1, S. 21 [ohne Autor]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/3-2004/publikation/die-verschwundenen-bomben-des-saddam-hussein/">Die verschwundenen Bomben des Saddam Hussein</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Landschaften der Lüge</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/167-vorgaenge/publikation/landschaften-der-luege/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Sep 2004 14:05:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/landschaften-der-luege/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht aus: Vorgänge Nr.167 ( Heft 3/2004 ), 91-101 Umfängt der &#132;Makel des Todes&#148; die Lüge, der &#132;Beigeschmack der Sterblichkeit&#148;, s( wie es in Joseph Conrads Heart of Darkness heißt? Oder ist sie doch eher die &#132;Muttersprache unserer Vernunft&#148;, wovon Johann Georg Hamann seinen Königsberger Landsmann und Wahrheitsfreund Immanuel Kant 1759 offensichtlich vergeblich [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/167-vorgaenge/publikation/landschaften-der-luege/">Landschaften der Lüge</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht</p>
<p>aus: Vorgänge Nr.167 ( Heft 3/2004 ), 91-101</p>
<p><i>Umfängt der &#132;Makel des Todes&#148; die Lüge, der &#132;Beigeschmack der Sterblichkeit&#148;, s( wie es in Joseph Conrads Heart of Darkness heißt? Oder ist sie doch eher die &#132;Muttersprache unserer Vernunft&#148;, wovon Johann Georg Hamann seinen Königsberger Landsmann und Wahrheitsfreund Immanuel Kant 1759 offensichtlich vergeblich zu überzeugen versuchte? Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die ideengeschichtliche Auseinandersetzung um die Bewertung der Lüge für Philosophie, Politik und Privatleben Maria Bettetini, Professorin für mittelalterliche Philosophie in Venedig, hat eine ebenso gelehrte wie überaus kurzweilige Einführung in die komplizierte Debattenlage verfasst:</i></p>
<p><i>Maria Bettetini</i>: Eine kurze Geschichte der Lüge. Von Odysseus bis Pinocchio, Wagenbach: Berlin 2003, 142 S., ISBN 3-8031-2461-1; 10,90 Euro</p>
<p>In systematisch angelegten Kapiteln widmet sie sich den Lügendefinitionen von Aristoteles, Augustinus und vielen anderen, den White lies (den erlaubten Lügen), den Lügenbejahern (u.a. Schopenhauer) und -verneinern (u.a. Kant und Grotius) und der Lust an der Lüge. Ihre Streifzüge führen quer durch alle Jahrhunderte und Kulturen und bieten einen ausgezeichneten, problemorientierten und stilistisch brillanten Überblick über alle Gedanken, die es jemals zur Lüge gegeben hat &#8211; eine ideale Einstiegslektüre.</p>
<p>Die deutsche Lügenexpertin lehrt Philosophie in Düsseldorf: Simone Dietz hat in der Reihe Rowohlts Enzyklopädie im vergangenen Jahr einen Extrakt ihrer Habilitationsschrift Der Wert der Lüge (Paderborn 2002) vorgelegt:</p>
<p><i>Simone Dietz</i>: Die Kunst des Lügens. Eine sprachliche Fähigkeit und ihr moralischer Wert, Rowohlt Taschenbuch: Reinbek 2003, 174 S., ISBN 3-499-55652-9; 9,90 Euro</p>
<p>Ebenso wie der Band ihrer italienischen Kollegin ist dieser Problemaufriss sehr gut geschrieben, ebenso ist er mit vielen Beispielen aus Kunst und Literatur angereichert, die die verlogenen Fähigkeiten unserer Existenz veranschaulichen. Die Autorin nähert sich der Lüge auf drei Ebenen, ergänzt um einen kleinen Schlussteil zur Lüge im Privatleben und in der Politik: Im ersten Abschnitt stellt sie die Kommunikationsform Lüge in den Mittelpunkt, zwischen Missbrauch der Sprache und Grauzonen wie Höflichkeit und Werbung; im zweiten Teil geht es um den Zusammenhang zwischen dem in den letzten Jahren stark in Mode gekommenen Vertrauensbegriff (den sie geschickt relativiert) und der Idee von Wahrheit und Wahrhaftigkeit, deren instrumentellen Charakter sie betont. Im dritten Teil deutet sie die Lüge als partielle Ermöglicherin von Freiheit. Simone Dietz betreibt eine sanfte Ehrenrettung der Lüge, die gegen allzu rasche normative Urteile wappnet.</p>
<p>Wann kommt es schon einmal vor, dass eine Dissertation 22 Jahre nach ihrem Erscheinen erneut aufgelegt wird? Herfried Münkler, Professor für Theorie der Politik an der Berliner Humboldt-Universität, hat das mit seinem Frühwerk geschafft. Es ist jetzt wieder in einer preiswerten Taschenbuchausgabe allen an Machiavelli interessierten Lesern zugänglich:</p>
<p><i>Herfried Münkler:</i> Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, Fischer Taschenbuch: Frankfurt/Main 2004, 506 S., ISBN 3-596-16178-9; 16,90 Euro</p>
<p>Das Werk des Renaissancedenkers, von vielen immer noch als Apologie der politischen Amoral und Lüge missverstanden, wird hier in einen breiten ideengeschichtlichen Horizont eingebettet (vgl. auch den Beitrag von Marc Schweska in diesem Heft). Die heute leicht angestaubt wirkende Sozialgeschichte der italienischen Stadtrepubliken mit Pest, Bankenkrisen und Kriegen, die Antikenrezeption im Werk Machiavellis und seiner Zeitgenossen sowie seine politischen Rezepturen: Münkler denkt zusammen, was zusammengehört, in der Sache befördert durch eine stupende, sich in gelehrten Verweisen und Exkursen ergehende Kenntnis der Theoriegeschichte. Umso bedauerlicher ist es, dass der zuletzt vor allem als Kriegs- und Imperientheoretiker omnipräsente &#132;Pulverkopf&#148; (Frankfurter Rundschau) es nicht für nötig befand, dieser Neuauflage seines. Erstlings mit Klassikerpotenzial wenigstens einige geringfügige Überarbeitungen angedeihen zu lassen: Weder Personen  noch Sachregister erschließen das umfängliche Werk, die wissenschaftliche Literatur verharrt auf dem Stand von 1982 und ein neues, den einen oder anderen Aspekt kommentierendes Vor- oder Nachwort vermisst man ebenfalls.</p>
<p>Der noch nicht dreißigjährige Nietzsche verfasste 1873 seine zu Lebzeiten unveröffentlichte kleine Schrift Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, die in einem Insel-Bändchen wiederveröffentlicht wurde, ergänzt um zahllose Aphorismen und Notizen des Philosophen zum Thema Lüge und vom Herausgeber (selber Verfasser einer Kulturgeschichte der Lüge) mit einem klugen Nachwort versehen:</p>
<p><i>Friedrich Nietzsche:</i> Über Wahrheit und Lüge. Ein Essay, Aphorismen und Briefe, hg. von Steffen Dietzsch, Insel: Frankfurt/Main 2000, 98 S., ISBN 3-458-19207-7; 11,80 Euro</p>
<p>Kalten Blickes verweist Nietzsche auf das Bewahrende und zugleich Zerstörende, das Lügen innewohnt. Handeln und Lügen liegen dicht beieinander &#150; Nietzsches Sicht ähnelt darin der Hannah Arendts. Lüge und Wahrheit sind soziale &#132;Relationen&#148; zu ihrer Umwelt; als solche kann man sie nicht vorab als gut oder schlecht qualifizieren. Im Zarathustra findet sich Nietzsches Attacke auf den neuen Götzen: &#132;Der Staat ist das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch [&#8230;] Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt&#148; &#150; seine Prophezeiung aus dem 19. Jahrhundert, die im 20. Jahrhundert so oft Wirklichkeit wurde.</p>
<p>Den Kampf gegen die &#132;Verneiner&#148;, also diejenigen, &#132;die die Idee der Wahrheit als Gegenstand der Forschung generell kassieren wollen&#148;, den Kampf gegen diese gefährliche Bande also ficht der im vergangenen Jahr verstorbene Philosoph Bernard Williams in seinem letzten großen Werk:</p>
<p><i>Bernard Williams: </i>Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003, 429 S., ISBN 3-518-58369-7; 34,90 Euro<br />Williams, den seine akademische Karriere nach Oxford, Cambridge und Berkeley führte (und der daneben fast zwanzig Jahre lang die English National Opera leitete), ist für die Schlacht mit allen alteuropäischen Bildungsgütern gerüstet, die er in einer brillanten Sprache nach und nach präsentiert. Wahrheit bleibt für ihn allen gängigen Relativierungen zum Trotz ein zentraler Angelpunkt, um den sich Denken und Moral drehen. Die Kategorien Aufrichtigkeit, Genauigkeit, Vertrauen werden dafür ins Feld geschickt und schlagen sich wacker, unterstützt von Williams&#8216; Lektürefrüchten von Thukydides bis zum Menschlichen Makel Philip Roths. Der britische Humor des Autors trifft die Kommandeure der Gegenseite: Das pragmatische Philosophieren seines Kollegen Richard Rorty wird da schon mal als &#132;Fahren mit leerem Tank&#148; klassifiziert. Das ist kein intellektueller Antiamerikanismus, erklärt doch der Westernfan Williams in einer Fußnote, aus den besten Filmen dieses Genres eine Anthologie der politischen Philosophie zusammenstellen zu wollen. Es gibt sie noch, die wahren Dinge.</p>
<p>Vier Schweizer Autoren hatten im Anschluss an die Abschiedsvorlesung des Politikwissenschaftlers Alois Riklin die Idee, in vier gesellschaftlichen Subsystemen nach jener Wahrhaftigkeit zu suchen:</p>
<p><i>Alois Riklin (Hg.): </i>Wahrhaftigkeit in Politik, Recht, Wirtschaft und Medien, Stämpfli/Wallstein: Bern/Göttingen 2004, 203 S., ISBN 3-89244-770-5; 24 Euro</p>
<p>Peter Studer, Vorsitzender der Schweizer Presserats und früherer Chefredakteur des Tages-Anzeigers, widmet sich der &#132;wahren Information&#148; anhand von Fallbeispielen aus der Praxis des Presserats; zuvor kommen bei ihm auch medienethische und rechtliche Aspekte zu Wort. Am interessantesten ist der Aufsatz zur ökonomischen Sphäre, den Peter Ullrich, Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, verfasst hat. Die Betrugsskandale bei Enron, bei Schweizer Grossbanken und vielen anderen großen internationalen Firmen würden in der Wirtschaft einen Klimawechsel bewirken. Die amerikanische Börsenaufsicht forderte 2002 gar von den Chefs sämtlicher US-Unternehmern, bis zu einem bestimmten Stichtag einen persönlichen &#132;Wahrheitsschwur&#148; für die Korrektheit ihrer Bilanzen und Zahlen abzuleisten. Gemeinwohl und Gewinnmaximierung stünden im Konflikt, die der neoliberale Ökonomismus zugunsten des letzteren entscheiden wolle und dabei die Wahrhaftigkeit als betriebliche Norm bekämpfe. Nicht recht zu überzeugen vermag das Plädoyer von Alois Riklin, Wahrhaftigkeit dem Weberschen Politikerdtugendkanon aus Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß hinzuzufügen: zu sehr ist das menschliche Handeln &#151; selbst in der Demokratie &#151; eben auch eine Sache der Unwahrhaftigkeit.</p>
<p>Ringvorlesungen, noch dazu im Rahmen von Graduiertenkollegs, sind beliebter Anlass zur interdisziplinären Sammelbandproduktion &#151; die Qualität der Beiträge ist zu-meist sehr unterschiedlich. Das Regensburger Graduiertenkolleg Kulturen der Lüge hat in kurzer Zeit gleich mehrere solcher Bücher zum Thema Lüge auf den Markt geworfen. Die Normalität von Lügen in Zweierbeziehungen erklärt zum Beispiel der Dresdner Soziologe Karl Lenz in einem Band mit leider etwas dramatisierenden Untertitel <i>Robert Hettlage (Hg.): </i>Verleugnen, Vertuschen, Verdrehen. Leben in der Lügengesellschaft, UVK: Konstanz 2003, 327 S., ISBN 3-89669-736-6; 29 Euro,</p>
<p>in dem weitere 13 Beiträge zu finden sind. Von der italienischen Kultur der Omertä, des Schweigens unter der Herrschaft der Mafia, berichtet die Soziologin Anita Bestler in einem spannenden Aufsatz. Im Abschnitt über die politische Arena und deren Lügenanfälligkeit schaut der Kommunikationswissenschaftler Joachim Westerbarkey hinter die verschiedenen Masken, in denen Politik auftritt, Ulrich Sarcinelli versucht dem Wechselverhältnis zwischen Diskretion und Publizität in der Politik anhand des Umgangs zwischen Politikern und Journalisten auf die Spur zu kommen. Astrid Schütz, Daniela Gröschke und Janine Hertel präsentieren eine überzeugende Typologie des politischen Skandals: sie systematisieren und verallgemeinern die Abläufe und Ausdrucksformen von Skandalen von Uwe Barschel, Roland Koch, Helmut Kohl bis Bill Clinton.</p>
<p>Ein Jahr zuvor hatte eine Ringvorlesung an gleicher Stelle einen kulturgeschichtlich breiter aufgefächerten Blick auf die Lüge geworfen:</p>
<p><i>Mathias Meyer (Hg.):</i> Kulturen der Lüge, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2003, 320 S., ISBN 3-412-05603-0; 32 Euro</p>
<p>Der schöne Schein der Goethezeit beschäftigt den Kunsthistoriker Jörg Traeger, der anhand von Landschaftsgärten, Wachsfigurenkabinetten, künstlichen Antikennlandschaften, Schattenrissen u.a. auf die Kunst der Illusionen und Täuschungen jener Zeit verweist. Der Jurist Friedrich-Christian Schroeder analysiert die Möglichkeiten des Staates, bei strafrechtlichen Ermittlungen in gewissen Fällen zu täuschen und zu lügen; und Jan-Wilhelm Beck beseitigt mit zahlreichen Beispielen die bisherige Schieflage in der Wahrnehmung der Antike: Nicht nur die Griechen, sondern auch die Römer pflegten die Lüge, von Cicero bis Sallust.</p>
<p>Soeben erschien ein Konferenzband, der die Ergebnisse einer Tagung des Graduiertenkollegs im Jahr 2003 dokumentiert:</p>
<p><i>Steffen Greschonig/Christine S. Sing (Hg.): </i>Ideologien zwischen Lüge und Wahrheitsanspruch, Deutscher Universitätsverlag: Wiesbaden 2004, 288 S., ISBN 3-8244-4581-6, 35,90 Euro</p>
<p>Leider versammelt sich hier unter dem Oberbegriff &#132;Ideologie&#148; so ziemlich alles, was man assoziativ damit verbinden kann; stellenweise hat man den Eindruck, dass es vielen der Autoren nur darauf ankam, an einen der drei Termini, die der Tagung ihren Titel gaben, inhaltlich anzudocken. Verzichtet haben die Herausgeber in ihrer vierseitigen &#132;Einführung&#148; (sic!) auf jegliche definitorische oder begriffsgeschichtliche Herleitung &#151; Ideologie scheint etwas zu sein, was sich von selbst versteht. Der rote Faden ist zwischen Aufsätzen beispielsweise über den Massenmord an den Armeniern im Spiegel der türkischen Presse, die bulgarische Lyrik unter dem Kommunismus, Gerüchteproduktion im KZ Sachsenhausen, Kanzler Schröders Fernsehinterviews zum Golfkrieg, Konstruktion nationaler Identitäten in der Sportberichterstattung und Karl Mannheims Klassiker Ideologie und Utopie nicht zu entdecken. Die Heterogenität, die man bei Ringvorlesungen meist in Kauf nimmt, wird bei Tagungsbänden leicht zum Ärgernis &#151; zumal wenn man in ihnen auf weitgehend argumentationsfreie und unfreiwillig komische Texte wie hier über die Lügen- und Mythenkultur des rumänischen Kommunismus stößt. Dabei sind in diesem Potpourri von 15 Aufsätzen sehr viele dabei, die &#151; wie der erwähnte Beitrag über Karl Mannheim &#151; für sich genommen hochinteressant sind und breite Rezeption verdienen.</p>
<p>Es geht auch anders: Wer auf die Lügen in Lynchland neugierig ist, sollte einen sehr gelungenen Sammelband zur Hand nehmen, der ebenfalls dem Regensburger Gräduiertenkolleg entstammt:</p>
<p><i>Kerstin Kratochwill/Almut Steinlein (Hg.): </i>Kino der Lüge, transcript: Bielefeld 2004, 194 5., ISBN 3-89942-180-9; 23,80 Euro<br />Verschiedene Filme und Regisseure werden in acht Beiträgen junger, kulturwissenschaftlich bestens ausgerüsteter Nachwuchswissenschaftler analysiert, u.a. David Lynchs Lost Highway (wer dieses Meisterwerk kennt, vermag die kongeniale Deutungskunst der beiden Autorinnen nicht hoch genug einzuschätzen), David Cronenbergs eXistenZ, Emir Kusturicas Schwarze Katze &#151; Weißer Kater, Antonionis Blow Up und Kurosawas Rashomon. Das Spiel mit und die Darstellung von Unwahrheit und Täuschung wird zumeist virtuos vorgeführt, bereichert um eine Einleitung von Jochen Mecke, die auf die doppelte Perspektive des Bandes hinweist: es geht einerseits um erzählte Lügen im Film, andererseits um Filme mit Lügenstruktur. Und warum Good bye, Lenin!, der deutsche Erfolgsfilm des letzten Jahres, eine Apologie des Kinos der Lüge ist, erfährt man hier auch.</p>
<p>Was trennt die List von der Lüge? Mit seinen Forschungen über Theorie, Geschichte und Praxis der List dürfte es Harro von Senger zum meistgelesenen Sinologen im deutschsprachigen Raum gebracht haben. In einem Sammelband, ebenfalls basierend auf einer Ringvorlesung, hat Senger verschiedene Beiträge zur List von Wissenschaft-lern aller erdenklichen Fachrichtungen vereint:</p>
<p><i>Harro von Senger (Hg.): </i>Die List, Suhrkamp: Frankfurt/Main 1999, 499 S., ISBN 3-518-12039-5;15 Euro</p>
<p>List und Lüge wird in theologischer Perspektive untersucht; auch Germanisten, Orientalisten, Ägyptologen, aber auch Biologen (Die listenreiche Evolution: Täuschung bei Tieren, Pflanzen, Bakterien und Viren) nehmen die List als Kategorie ernst. In einer 44seitigen Einführung bietet der Herausgeber einen detail- und beispielsatten Überblick über das, was man unter strategematischem Denken versteht, ausgehend von der jahrhundertealten chinesischen Denktradition der 36 Strategeme, in die Listen aller Arten rubriziert und klassifiziert worden sind.</p>
<p>Wer glaubt, die chinesische Strategemlehre praktisch fruchtbar machen zu können, kann einen Blick in Harro von Senger: Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden, 4. Aufl., C.H.Beck: München 2004, 197 S., ISBN 3-406-47568-X; 9,90 Euro werfen. Der Leser wird mit Listen und Listbeispielen aller Art versorgt; er erfährt Grundlegendes über die Entstehung der chinesischen Listenlehre. Doch viele der von Senger ausgewählten Beispiele sind zu skurril und werden zudem einseitig nach dem listfixierten Denken des Autors hin ausgerichtet. Das ist insofern schade, als Sengers Ansinnen, den Westen mit der chinesischen Listenlehre vertraut zu machen, verdienst-voll ist und an einigen Stellen sicher anregend und fruchtbar sein kann für theoretische Anknüpfungspunkte.</p>
<p>Wo es um Politik und Lüge oder um politische Inszenierungen geht, rückt die Beziehung von Politikern und Journalisten schnell ins Zentrum des Interesses. Gestaltet sich deren Verhältnis als Kumpanei oder als Antagonismus? Über die wechselseitigen Interpenetrationen (also die gegenseitigen Durchdringungen der beiden Systeme) ist bislang wenig bekannt. Abhilfe schafft hier<br /><i>Jochen Hoffmann:</i> Inszenierung und Interpenetration. Das Zusammenspiel von Eliten aus Politik und Journalismus, Westdeutscher Verlag: Opladen 2003, 334 S., ISBN 3-531-13889-8; 34,90 Euro</p>
<p>Die Studie analysiert die Werthaltungen, Strategien und Rollenmuster, die dem Zusammenspiel von Politik und Journalismus zugrunde liegen. Grundlage sind 50 Interviews mit Politikern und Journalisten, die der Autor geführt hat. Die Studie zeigt auf, dass aufgrund der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den beiden Bereichen eine Zone entsteht, die beiden Parteien gewisse Handlungsspielräume eröffnet (und freilich auch wieder begrenzt). Das Tauschgeschäft Information gegen Publizität lädt auf beiden Seiten zur Manipulation der Wirklichkeit ein, verfügt aber gleichzeitig über immanente Schranken, die diese Manipulationen limitieren.</p>
<p>Lügen in Zeiten des Krieges: Louis Begleys Romantitel hat in den vergangenen Jahren eine erschreckende, für alle erlebbare Konkretion erfahren. Es gibt gleichwohl noch wenig öffentlich zugängliche Quellen, in denen Militärs davon berichten, wie die Kriege flankierende Öffentlichkeitsarbeit (das Wort Propaganda gilt in diesen Kreisen längst als anrüchig) strategisch geplant und operativ implementiert wird. Für den Kosovo-Krieg liegt mit Walter Jertz: Krieg der Worte, Macht der Bilder. Manipulation oder Wahrheit im Kosovo-Konflikt, Bernard &#038; Graefe: Bonn 2001, 140 S. m. zahlr. Abb., ISBN 3-7637-6210-8; 24 Euro jetzt ein solches Dokument vor. Jertz war während des Krieges als deutscher General in die Pressestelle des Nato-Hauptquartiers in Mons abkommandiert und hat dort selbst an der Medienstrategie der Nato mitgearbeitet. Mit erstaunlicher Offenheit berichtet er darüber, mit welchen Hürden die Nato-Propagandisten während der Kampagne zu kämpfen hatten und mit welchen Maßnahmen sie versuchten, die Deutungshoheit über den Konflikt und seinen Verlauf zu verteidigen. Als Quelle für alle Forschungen zur Kriegspropaganda im späten 20. Jahrhundert ist Jertz&#8216; Erfahrungsbericht von unschätzbarem Wert.</p>
<p>Und noch ein echter Schatz ist zu verzeichnen, wenn es um Krieg und Medien im 20. Jahrhundert geht:</p>
<p><i>Bernhard Chiari/Matthias Rogg/4Volfgang Schmidt (Hg.): </i>Krieg und Militär im Film des 21. Jahrhunderts, Oldenbourg: München 2003 (=Schriftenreihe des Militärgeschichtlichen Forschungsamts 59), 653 S., ISBN 3-486-56716-0; 49,80 Euro</p>
<p>Dieser opulente Sammelband vereint erstmalig eine Vielzahl von systematischen Überlegungen zum Verhältnis von Krieg und Film respektive deren interdisziplinärer Erforschung: Film als Massenmedium kann der Kriegs- oder Anti-Kriegspropaganda dienen, als Speichermedium bewahrt er Bilder des Krieges für die Nachwelt, als Informationsmedium transportiert er Bilder eines Krieges in Echtzeit rund um die Welt. Als Spielfilm prägt er die kollektive Wahrnehmung von Krieg (Vietnam!), als Dokumentarfilm kann er Kriegsverbrechen festhalten und zum Ende von Kriegen führen. All diesen Berührungspunkten und Überschneidungen wird in dem vorliegenden Band nachgegangen. Nach einer eher wissenschaftstheoretischen Einführung des Flensburger Historikers Gerhard Paul und verschiedenen anderen Beiträgen, die sich mit den Perspektiven einer interdisziplinären, vor allem kulturwissenschaftlichen Kriegsfilmforschung beschäftigen, folgen große Unterabschnitte über die Rolle des Films im Kalten Krieg, im Ersten Weltkrieg, zur Luftwaffe im nationalsozialistischen Propagandafilm und zu Krieg und Militär im deutschen Nachkriegsfilm. Auch wenn anhand einiger Beiträge deutlich wird, dass so manche methodische und wissenschaftstheoretische Frage an das Forschungsfeld Krieg und Film noch offen ist, so stellt der Sammelband doch einen immensen Fortschritt auf diesem Gebiet dar.</p>
<p>Wenn die Regierung von George W. Bush und Dick Cheney zu Verschwörungstheorien, intellektueller Dünnbrettbohrerei und unfreiwilligen kabarettistischen Einlagen neigt, so gilt dies für viele publizistische Bush-Kritiker leider nicht minder. In den vergangenen Monaten sind eine ganze Reihe von Verdammungen der Bush-Administration erschienen, die sich an den Lügen des Weißen Hauses abarbeiten und dabei vielfach unter analytischen Sehschwächen leiden. All diese Traktate folgen prinzipiell dem selben Muster: Der von Bush proklamierte hohe moralische Anspruch wird mit den Lügen seiner Regierungspraxis kontrastiert. Das ist zwar durchweg ehrenvoll, aber nicht sonderlich erkenntnisbefördernd &#150; jedenfalls eine Übung, für die man nicht viel mehr als einen gefüllten Zettelkasten mit Zeitungsausschnitten braucht. Wirkliche Orientierungsgewinne sind nicht zu erwarten. Richtig ärgerlich ist Al Franken: Kapitale Lügner. Eine faire und ausgewogene Betrachtung von George W. Bush und seinen Neokonservativen, Riemann: München 2004, 414 S., ISBN 3-570-50054-3, 15 Euro</p>
<p>Schon der Titel (der nicht einer schlechten Übersetzung geschuldet ist, sondern auch auf englisch so lautet) macht deutlich, dass an dem Buch eben gar nichts fair und ausgewogen ist &#151; sonst wäre diese merkwürdige Absicherung nicht nötig gewesen. Verfasst ist das Buch als kabarettistische Satire und soll laut Verlagswerbung &#132;eine Attacke auf unsere Lachmuskeln&#148; sein. Doch über den halbgaren Gaga-Stil Frankens und seine gerüchteweise kolportierten Innenansichten aus der Bush-Administration (die natürlich an keiner einzigen Stelle belegt werden) kann nur lachen, wer zu viele Comedy-Soaps gesehen hat.</p>
<p>Politisch schwergewichtiger ist da Richard A. Clarke: Against All Enemies. Der Insiderbericht über Amerikas Kampf gegen den Terror, Hoffmann und Campe: Hamburg 2004, 384 S., ISBN 3-455-09478-3; 19,90 Euro</p>
<p>Gegen die Grundthese Clarkes, dass sich die US-Regierung nach dem 11. September 2001 mit dem Irak auf den falschen Feind eingeschossen hat, und nun den Kampf gegen den Terror zu verlieren droht, ist wenig einzuwenden. Fraglos versteht Clarke als Anti-Terror-Beauftragter der Clinton-Regierung etwas von seinem Metier. Die interessanten Innenansichten der Macht werden jedoch durch Clarkes wichtigtuerischen Jargon und seine eitle Selbstdarstellung weitgehend unlesbar. Zudem wirkt der pseudodokumentarische Stil nicht sehr glaubhaft. Über den 11. September etwa schreibt Clarke: &#132;Wir fuhren zwischen ihren Straßensperren hindurch &#150; und dann durch menschenleere Straßen. Ein Humvee mit einem Maschinengewehr des Kalibers 50 war an der Ecke 17th/Pennsylvania Avenue postiert. [&#8230;} Ich musste ins Weiße Haus zurück und an den Plänen arbeiten, die weitere Anschläge verhindern sollten. Ich fand meine Neun-Millimeter-Pistole aus den Beständen des Secret Service, stopfte sie in den Hosenbund und ging in die Nacht hinaus, zurück in den Westflügel.&#148; (S. 55) So geht es das ganze Buch hindurch: Details werden kolportiert, die sowohl in ihrem Wahrheitsgehalt wie in ihrer Bedeutung schwer nachvollziehbar sind (trug Condy Rice wirklich eine weiße Bluse und schwitzte stark?); Analyse ist hinter den Schilderungen von Clarkes Heldentaten kaum mehr auffindbar. Schade: Es hätte ein interessantes und wichtiges Buch sein können, doch der larmoyanteitle Tonfall macht es zu extrem anstrengender Lektüre.</p>
<p>Das Wörtchen &#132;ich&#148; fällt auch zu oft in Joseph Wilson: Politik der Wahrheit. Die Lügen, die Bush die Zukunft kosten könnten, 5. Fischer: Frankfurt/Main 2004, 416 S., ISBN 3-10-049220-X, 19,90 Euro</p>
<p>Wilson ist derjenige Diplomat, der die Niger-Story der US-Regierung (vgl. den Beitrag von Thymian Bussemer in diesem Heft) widerlegte und damit zu einiger Popularität gelangte. Die Lektüre von über 400 Seiten Autobiographie rechtfertigt das noch lange nicht. Die erste Hälfte des Buches über seine Jahre in Afrika hat zumindest mit dem Buchtitel herzlich wenig zu tun. Im zweiten Teil rekonstruiert Wilson zwar die Niger-Lüge und deren Aufdeckung, doch auch dabei steht sein persönliches Wohlergehen und Empfinden zu sehr im Mittelpunkt. Wer etwas über das Leben drittklassiger amerikanischer Diplomaten erfahren will, wird hier fündig.</p>
<p>Weniger selbstgefällig, aber trotzdem nicht viel hilfreicher ist David Corn: Die Lügen des George W. Bush: Über Dichtung und Wahrheit in der amerikanischen Politik, Heyne: München 2004, 375 S., ISBN 3-454-87831-0; 20 Euro</p>
<p>Das Buch dekliniert die Lügen und Halbwahrheiten, mit denen George W. Bush seine Karriere bestritt, systematisch durch &#151; was in diesem Falle über enzyklopädisch und steif wirkt. Corn, der als Washingtoner Büroleiter der Zeitschrift The Nation einer der erklärten Feinde Bushs ist, will partout nachweisen, dass man mit einer Untersuchung von Bushs Lügen das Wesen seiner Präsidentschaft erfassen könne (S. 21). Dafür bedürfte es freilich einer Klärung der Bedeutung von Lügen für die Politik. Doch Corn bietet nur langweilige und kleinteilige Aufzählungen: Widersprüche zwischen Aussagen Bushs von 1978 und 1994 werden zum Beweis für einen laxen Umgang des Präsidenten mit der Wahrheit. Ambivalenzen sind dem Autor fremd, jeder Sinn für Hintergründiges fehlt. Da Corn seine diversen Behauptungen nicht oder nur unzureichend belegt, sind seine Nachweise zumeist schlicht unbrauchbar.</p>
<p>Um einiges solider daher kommt dagegen das Buch des ehemaligen ZDF-Korrespondenten in Washington daher:<br />Elmar Theveßen: Die Bush-Bilanz. Wie der US-Präsident sein Land und die Welt betrogen hat, Droemer: München 2004, 349 S., ISBN 3-426-27327, 18 Euro.</p>
<p>Die Thesen sind die selben wie in den anderen Büchern: es geht um die geheime Machtübernahme der Neokonservativen, den Feldzug der Bush-Administration gegen die Clintonsche Sozialpolitik, die Lügen und moralischen Fragwürdigkeiten der Regierung. Einzig der Stil ist hier besser, die Behauptungen sind überwiegend sogar durch Quellenangaben belegt, die systematische Gliederung des Stoffes überzeugt. Doch auch hier geht es einmal mehr um eine &#132;faire, aber harte Abrechnung&#148;. Es stellt sich die Frage, warum niemand erklären will, was in Amerika in den vergangenen Jahren vor sich gegangen ist, sondern alle Autoren die vergleichsweise einfache Übung des Anprangerns vorziehen.</p>
<p>Theveßens Kollege von der Süddeutschen Zeitung, der immer noch als einziger deutscher investigativer Journalist von Rang geltende Hans Leyendecker, hat mal rasch nebenbei zusammengefasst, was dies- und jenseits des Atlantiks über Politik und Personal der Regierung Bush in den letzten Jahren geschrieben wurde:<br />Hans Leyendecker: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht, Rowohlt: Reinbek 2004, 224 S., ISBN 3-498-03920-2; 14,90 Euro</p>
<p>Mit einer Fülle weitgehend bekannter Fakten und Details wird die lügen satte Vorgeschichte des Irakkriegs seit dem 11. September 2001 noch einmal nacherzählt, dann ein bisschen historischer Hintergrund beigemischt: fertig ist ein Bestseller, der gnadenlos bis in Wortwahl und Stil hinein Komplexität reduziert. Interessante Einzelheiten finden sich zwar viele, so in seinen Porträts der führenden Figuren von Cheney, Wolfowitz bis Condoleezza Rice &#150; doch bastelt Leyendecker, dessen Recherchierkunst sich zuletzt u.a. auf das russische Adoptivkind des Ehepaars Schröders konzentrierte, daraus ein Bild des politischen Washington auf Kippschulniveau. Gute jahrzehntelange Freunde, ehemalige Studienkollegen (natürlich mit Leo Strauss als Doktorvater), Verschwörer, die schon als 25jährige damals das wollten, was sie heute umsetzen &#150; wer mehr als diese &#132;Analysen&#148; will, sucht hier leider vergebens.</p>
<p>Der einzige Autor, bei dem der allseits gepflegte dokumentarische Stil nach wie vor nicht peinlich wirkt, ist das alte Schlachtross Bob Woodward, der schon 1972 mit Carl Bernstein die Watergate-Affäre enthüllte:</p>
<p>Bob Woodward: Der Angriff. Plan of Attack, DVA: München 2004, 512 S., ISBN 3-421-05787-7; 24,90 Euro</p>
<p>Zwar wird auch bei Woodward ständig &#132;gebrüllt&#148;, &#132;mit der Faust auf den Tisch geschlagen&#148; und &#132;angestrengt auf die Landkarte gestarrt&#148;, doch erfährt man neben diesen eher störenden Details immerhin noch, dass Cheney, Rumsfeld und Wolfowitz unmittelbar nach dem 11. September 2001 mit der Planung des Irak-Feldzuges begonnen haben und sich durch nichts davon abbringen ließen. Auch lernt man einiges über den Verlauf des Krieges und die ihn begleitenden politischen Diskussionen; es entsteht ein lebendiges Bild vom Meinungsbildungsprozess in der US-Administration. Auch wenn Woodwards Stil ebenfalls auf die Nerven gehen kann, bietet sein Buch mehr als die meisten anderen Titel.</p>
<p>Einen Schuss Nachdenklichkeit bringt auch der ehemalige republikanische Abgeordnete und Nixon-Berater John Dean in die Debatte:<br />John Dean: Das Ende der Demokratie. Die Geheimpolitik des George W. Bush, Propyläen: Berlin 2004, 300 S., ISBN 3-549-07209-0; 22 Euro</p>
<p>Dean hat zumindest eine klare These: Die Bush-Administration mit ihrer Geheimniskrämerei, ihrer übersteigerten Paranoia und ihrem Hang zur Arkanpolitik gleiche der Regierung Nixon. Durch immer neue Antiterror-Gesetze und den Wildwuchs geheimer Büros und Agenturen seien die Freiheitsrechte der Bürger bedroht und werde der american dream beschädigt. Neben wirklich klugen Passagen stehen leider aber auch sehr platte: So begründet der Autor den Vergleich Bush-Nixon damit, dass beide übervolle Terminkalender hätten &#150; als ob andere US-Präsidenten den ganzen Tag Golf gespielt hätten (S. 26). Gleichwohl ist dies unter der publizistischen Anti-Bush-Produktion des letzten Jahres noch das brauchbarste Buch. Auf die definitive Interpretation des Weges, den Amerika unter George W. Bush genommen hat, müssen wir aber leider noch warten.</p>
<p>Szenenwechsel zum Schluss: Gesellschaftskritik auf der Bühne wird hierzulande heute routiniert absolviert. Allabendlich ist das an deutschen Stadttheatern zu erleben &#150; ob nun durch die regelmäßige Darstellung von Obdachlosen oder mit Hilfe von Videoschnipseln der CNN-Kriegsberichterstattung. Doch dass aus dem verdunkelten Bühnenraum heraus die stumpf gewordene Waffe der Kritik immer noch unerwartet scharf werden kann, beweisen die gesammelten Reden, Artikel und Offenen Briefe des Essayisten und Theaterkritikers Ivan Nagel, entstanden und größtenteils veröffentlicht zwischen April 2002 und Februar 2004:</p>
<p><i>Ivan Nagel:</i> Das Falschwörterbuch. Krieg und Lüge am Jahrhundertbeginn, Berliner Taschenbuch Verlag: Berlin 2004, 139 S., ISBN 3-8333-0105-8; 7,50 Euro</p>
<p>Ekel und Entsetzen über den Lügenapparat der Bush-Regierung seit dem 11. September führen Nagel die Hand; hinzu kommt die Empörung über die Sprache der Lüge, die er im politischen Alltag der Gegenwart verstärkt anzutreffen meint (vgl. auch seine Diskussion mit Peter Bender, Giovanni di Lorenzo und Gustav Seibt in diesem Heft). Kopf-schüttelnd liest man viele seiner Interventionen, in denen Einfalt und Finesse eine eigentümliche Symbiose eingehen: seine scharfe Antwort an den Irakkriegs-Befürworter György Konräd in der FAZ, seine Attacken gegen die Kriegslügen in der Süddeutschen Zeitung, seine Entlarvung des Vokabulars, mit der hierzulande die Sozialstaatsreformen verschleiert werden &#150; der subtilen Simplizität seiner Worte kann man sich schwer entziehen, auch wenn ihr zugleich wilder Furor irritiert. In seiner ebenfalls hier abgedruckten Laudatio auf Susan Sontag anlässlich der Friedenspreisverleihung des deutschen Buchhandels 2003 findet sich die Erklärung: &#132;Fühlen und Denken derer, die um 1930 in Europa geboren wurden, begann mit der Tötung von 50 Millionen Anderen.&#148; Diese Erfahrung des 1931 geborenen Nagel verleiht seinen Pamphleten gegen die Lüge als &#132;Makel des Todes&#148; (Joseph Conrad) ihre Legitimität &#150; für die Nachgeborenen zur lügen kritischen Mahnung.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/167-vorgaenge/publikation/landschaften-der-luege/">Landschaften der Lüge</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Revolte revisited</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/revolte-revisited/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:19:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/revolte-revisited/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht zur Protestforschung In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 92ff Gibt es eine Renaissance des politischen Protests in der Bundesrepublik? Lange Jahre sah es nicht danach aus. Doch manche Auguren meinen, dass seit dem Auftauchen von Attac auch hierzulande ein neuer Frühling für soziale Bewegungen angebrochen sei. Protest in der Gegenwart tritt jedenfalls [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/revolte-revisited/">Revolte revisited</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht zur Protestforschung</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 92ff</p>
<p>Gibt es eine Renaissance des politischen Protests in der Bundesrepublik? Lange Jahre sah es nicht danach aus. Doch manche Auguren meinen, dass seit dem Auftauchen von Attac auch hierzulande ein neuer Frühling für soziale Bewegungen angebrochen sei. Protest in der Gegenwart tritt jedenfalls in vielfältigen Erscheinungsformen auf &#8211; und wird intensiv erforscht. Wer sich einen Überblick darüber verschaffen will, sollte zu einem Buch greifen, das seit seinem Erscheinen zum Standardwerk für die deutsche Protestforschung avanciert ist:</p>
<p>Dieter Rucht (Hg.): Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Campus Verlag: Frankfurt/Main 2001, 324 S., ISBN 3-593-36451-4; 34,90 Euro</p>
<p>Der Sammelband, in dem neben Rucht u.a. Ruud Koopmans, Friedhelm Neidhardt, Anja C. Baukloh, Jochen Roose, Peter Hocke, Susann Burchardt und Christiane Eilders vertreten sind, verfolgt vor allem zwei Ziele: Zum einem soll hier das Phänomen Protest in der Bundesrepublik systematisch vermessen werden, zum anderen soll die Anwendbarkeit einer am Wissenschaftszentrum Berlin entstandenen Methode demonstriert werden: der Protestereignisanalyse. Auf die Auswertung von Tageszeitungen gestützt, ermöglicht es diese Methode, Intensität und Ausprägung von Protest für bestimmte Zeiträume systematisch zu erheben. In Fallbeispielen wird dies durchgespielt, u.a. am Bei-spiel rechtsextremistischer Mobilisierung oder der Ökologiebewegung in den 1980er Jahren. Hilfreich ist auch der von Neidhardt und Rucht verfasste Überblicksbeitrag zur Protestgeschichte der Bundesrepublik von 1950 bis heute, der noch einmal gegen das verbreitete Vorurteil argumentiert, erst mit 1968 hätte alles angefangen.<br />Aus der Protestforschungsproduktion des Wissenschaftszentrums stammt auch ein Sammelband zu den alljährlich wiederkehrenden Protestritualen beim Berliner 1. Mai, dem traditionellen Kreuzbergen Großkampftag:</p>
<p>Dieter Rucht (Hg.): Berlin, I. Mai 2002. Politische Demonstrationsrituale, Leske + Budrich: Opladen 2003, 248 S., ISBN 3-8100-3792-3; 17,90 Euro</p>
<p>Detailliert werden die diversen Veranstaltungen und Demonstrationen sowie deren Wahrnehmung durch Polizei, Justiz und Medien untersucht. Vor allem die Diskrepanz zwischen der von den Teilnehmern erlebten Realität und deren Darstellung in den Medien erstaunt. Auch die minutiösen Beschreibungen der einzelnen Demonstrationen und des konkurrierenden Verhältnisses der Gruppen untereinander sind nicht frei von Skurrilitäten, so wenn man erfährt, dass es 2002 drei verschiedene linksorientierte Demonstrationen gab, weil das Verhalten der Veranstalter zueinander &#132;zuweilen an den Kampf der Volksfront von Judäa gegen die Judäische Volksfront im Spielfilm Das Leben des Brian von Monty Python erinnert&#148; (89). Trotzdem legen die Autoren Wert auf die Feststellung, dass es sich bei den Protestveranstaltungen nicht ausschließlich um sinnentleerte Krawallmache handelt, sondern auch der Kreuzberger 1. Mai als sozialer Protest ernst genommen werden sollte.<br />Weitgehend friedlich ging es dagegen in einer viel beachteten Enquete-Kommission des Bundestages zu, deren Ergebnisse nun nach und nach bei Leske+Budrich erscheinen:</p>
<p>Enquete-Kommission Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements des Deutschen Bundestages (Hg.): Bürgerschaftliches Engagement in Parteien und Bewegungen, Leske + Budrich: Opladen 2003, 198 S., ISBN 3-8100-3644-7; 19,80 Euro</p>
<p>Der vorliegende zehnte Band befasst sich mit dem im engeren Sinne politischen Engagement der Zivilgesellschaft, das &#151; legt man den Freiwilligensurvey von 1999 zugrunde &#151; nicht gerade einen Kernbereich bürgerschaftlicher Aktivitäten ausmacht. Dieter Rucht untersucht in seinem für die Enquete-Kommission verfassten Gutachten Formen des Engagements außerhalb festgefasster Institutionen, vulgo Protestbewegungen und plädiert dafür, auch diese als einen integralen Bestandteil der Demokratie zu betrachten. Gerd Mielke befasst sich in seinem Beitrag mit den etablierten politischen Parteien und ihrer Offenheit für bürgerschaftliche Partizipation, wobei die Frage im Zentrum steht, ob sich diese durch Organisationsreformen steigern ließe. Bodo Zeuner untersucht die &#132;Besonderheiten des politischen Engagements in Ostdeutschland&#148;, während Gerd Langguth das Verhältnis von Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen betrachtet. Ähnlich der Fokus von Ingrid Reichart-Dreyer: sie untersucht Parteien und bürgerschaftliches Engagement in ihren Wechselwirkungen. Von den Parteien fordert sie mehr argumentatives Räsonnement und mehr Programmarbeit, nur so ließe sich dem Inhalts-Defizit des Parteibetriebes entgegenwirken und die Partizipation der Bürgergesellschaft steigern.<br />Nach den Zukunftsperspektiven nun der Blick in die Protestvergangenheit der Bundesrepublik. Die Beschreibung der Irrungen und Wirrungen des politischen Aufbegehrens in den späten 1960er Jahren ist zum beliebten Gesellschaftsspiel geworden. Was man aus dem Stoff dennoch herausholen kann, demonstriert Gerd Koenen: Der Verfasser des Roten Jahrzehnts legt nach mit weiteren Innenansichten aus dem Tollhaus des deutschen Terrorismus:</p>
<p>Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepen-heuer &#038; Witsch: Köln 2003, 365 S., ISBN 3-462-03313-1; 22,90 Euro</p>
<p>Im Mittelpunkt des Buches steht eine Dreiecksgeschichte: Gudrun Ensslin, ihr Liebhaber Bernward Vesper (der Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper) und ihre zweite große Liebe Andreas Baader. Koenen hat zielsicher den Nachlass Vespers im Deutschen Literaturarchiv in Marbach geborgen, um anhand von Korrespondenzen und anderen Aufzeichnungen den langen Weg in den Wahn nachzuzeichnen: In den frühen 1960er Jahren bemühen sich Vesper und Ensslin gemeinsam um eine Rehabilitation des Dichter-Vaters Vesper. Dabei schrecken sie nicht einmal davor zurück, die neu aufgelegten Vesper-Bücher an jüdische Rezensenten zu schicken. Ein paar Jahre später wird der Übervater Vesper dann aber zur Nazi-Figur, auf deren Demontage Bernward all seine Energie verwendet. In langen Drogenräuschen fabuliert er über sexuelle Befreiung und die Wiederkehr des Faschismus. Vor allem sein Manuskript gebliebener Roman Die Reise gilt als authentischstes literarisches Dokument des deutschen Linksextremismus. Ensslin hatte sich da schon lange mit Andreas Baader zusammengetan und gab mit ihm Bonny &#038; Clyde in deutscher Version. Alle Versuche Vespers, sie zurückzuholen, schlugen fehl. Vesper endete 1971 im Selbstmord, Ensslin 1977 in Stuttgart Stamm-heim. Koenens Buch zeichnet nicht nur die individuelle Verwirrung zweier Linksaktivisten nach; das Buch lässt sich ebenso als kollektives Portrait einer Generation lesen.<br />Und noch ein deutscher Revolutionär kommt postum ausführlich zu Wort:</p>
<p>Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979; hrsg. von Gretchen Dutschke, Kiepenheuer &#038; Witsch: Köln 2003, 430 S., ISBN 3-462-032224-0; 22,90 Euro</p>
<p>Aus den vielfach kryptischen Notizen (&#132;22. November 1967: Bußtag-Diskussion &#151; Politik vs. chr[istliche] Utopie. Ca. 400-500 Leute in einem überfüllten Saal; scharfe Kritik der Kirche &#8230;&#8220;) erschließt sich das rastlose Leben eines Berufsrevolutionärs, der kaum Zeit findet, über seine Aktivitäten und seine stetig wachsende Bedeutung zu reflektieren. So zumindest im ersten Teil der Tagebücher. Dann die Zäsur: Am 11. April 1968 schoss der Arbeiter Josef Bachmann Dutschke in den Kopf. Im ersten Tagebucheintrag danach, im Mai, notierte Dutschke: &#132;I. mal wieder die Namen der Freunde aufgeschrieben mit Hilfe von Gretchen im Krankenhaus Westend. Gaston, Christian Semler, Bernd Rabehl, Meschkat, Gollwitzer, Krippendorff, Wolfgang Neuss, Enzensberger&#8220;). So wird der Leser Zeuge jenes Kampfes, den Dutschke monatelang um sein elementares Sprech-<br />Schreib- und Denkvermögen führen musste. Danach werden die Einträge länger und länger, wirken nicht mehr so gehetzt, wie in den Jahren vor dem Attentat. Hier geht es um &#132;Rekonvaleszenz, Exil und politischen Neuanfang&#148; (Wolfgang Kraushaar). Trotz unübersehbarer editorischer Mängel und einer alles andere als unkomplizierten Lektüre, die dem Schreibstil Dutschkes geschuldet ist, wird die Tagebuch-Edition neben den drei<br />existierenden Biografien eine zentrale Quelle für die künftige Dutschke-Forschung und -Rezeption werden.<br />Der Journalist Jürgen Busche ist ein intellektueller Hans-Dampf in allen Gassen: Er versorgt die deutschen Feuilletons nunmehr seit vielen Jahren in nicht nachlassender Produktivität mit Texten zu allen möglichen Themen: Philosophie und Althistorie, hier vorzugsweise Jacob Burckhardt, aber auch die gesellschaftliche Gegenwart sind vor seinen Deutungen niemals sicher. Nun hat er sich auch (s)einer Generation angenommen und einen Essay in Buchform vorgelegt:</p>
<p>Jürgen Busche: Die 68er. Biographie einer Generation, Berlin Verlag: Berlin 2003, 189 S., ISBN 3-8270-0507-8; 17,50 Euro</p>
<p>Wenn Rot-Grün die Bundestagswahl 2002 verloren hätte, wäre Busche mit diesem Buch sicher ein erstes Fazit zum Werdegang der 68er gelungen. So jedoch irrlichtert der Band hin und her: wohlfeile und oft gehörte 68er-Kritik vermengt sich mit Generationensoziologie und aktueller Leitartikelprosa. Zu 1968 scheint einfach schon alles gesagt, obwohl es sich bei Busche oft gut liest. Nicht überzeugend erscheint die Umstandslosigkeit, mit der der Autor Fischer und Schröder zu den 68ern zählt; zu jung bzw. zu randständig waren beide damals. Überhaupt verblüfft das Buch durch die ungehemmte Lust, alle passenden und unpassenden, zumeist nicht neuen Geschichten, Namen, Fakten, Artikel aus der Bonner Republik seit 1949 hier unterzumengen &#151; der Erkenntnisgewinn des Bändchens hält sich so in Grenzen.<br />&#132;Das Bürgertum [&#8230;] hat sich von dem Ansturm der linkssozialistischen Programmatik und der antiautoritären Ideen nie so recht erholt&#148;, in anderen Ländern seien die konservativen Schichten &#132;resistenzfähiger&#148; gegenüber den &#132;moralisch-politischen Zumutungen&#148; der Linken gewesen: Derselbe Jürgen Busche schrieb das am 28. Juni 1985 in einem Leitartikel in der FAZ. Mit solchen Preziosen kann die CD-Rom aufwarten, auf der die große dreibändige Dokumentation von Wolfgang Kraushaar von 1998 er-schienen ist &#151; eine Fundgrube für jeden Archäologen der Bundesrepublik:</p>
<p>Wolfgang Kraushaar: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschen-post zum Molotowcocktail 1946 bis 1995, Hamburger Edition: Hamburg 2003; ISBN 3-930908-92-1; 38,- Euro [CD-Rom]</p>
<p>Es war eine kluge Entscheidung, die Informationsmassen der Trilogie nun auch via CD-Rom zugänglich zu machen: die Recherchemöglichkeiten sowie die zahllosen Verknüpfungen und Verweise sprechen dafür. Gegliedert ist die CD-Rom wie die Trilogie in ei-ne umfassende Chronik von 1946 bis 1995; in einen Aufsatzteil mit wichtigen zeitgenössischen Texten von Kraushaar, Claussen, Demirovic und vielen anderen, ergänzt um ein Gespräch des Herausgebers mit Oskar Negt; in eine umfangreiche Dokumentation zeitgenössischer Artikel, Interviews und unveröffentlichter Briefe. Das geistige Klima der Bundesrepublik wird am Computerbildschirm sichtbar, die Prägungen durch die Frankfurter Theoretiker und die Nachwirkungen in den linken Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre: Konferenzen und Konflikte, viele längst vergessene Personen, die in<br />kurzen Porträts vorgestellt werden, wichtige und schwer zugänglich Zeitschriftenartikel werden miteinander verbunden. Demonstrationen, Besetzungen, Straßenschlachten &#151; alles kann man hier finden. Die erstaunlich plastische Rekonstruktion der Debattenlage vermag auch den Nachgeborenen anschaulich zu vermitteln, welche Rolle z.B. Marcuses letzter Besuch in Deutschland hatte, wer sich alles im Mikrokosmos Frankfurt tummelte oder weshalb die Zeit 1980 nach langen Querelen um Habermas Berufungen und Attacken rechtskonservativer CDU-Politiker titelte: &#132;Emigriert Habermas?&#148; Kurz: eine gelungene elektronische Historisierung der Bundesrepublik.<br />Noch ist der 68er Diskurs immer noch weitgehend männlich dominiert; Helden, keine Heldinnen prägen sowohl die wissenschaftliche Wahrnehmung als auch die individuelle Erinnerung. Ein Buch des Feministischen Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung ermöglicht den Perspektivenwechsel; es ist zu einer gern gelesenen Mischung aus Erinnerung und Analyse geworden:</p>
<p>Heinrich-Böll-Stiftung/Feministisches Institut (Hg.): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion, Heinrich-Böll-Stiftung: Berlin 1999, 255 S., ISBN 3-927760-32-3; 7,50 Euro</p>
<p>Gala und Reflexion zusammenzudenken, fällt nicht gerade leicht. Dass es dennoch funktionieren kann, zeigen prominente Autorinnen, die hier die Folgen des feministischen Aufbruchs vor mehr als dreißig Jahren deuten: u.a. Christina von Braun, Viola Roggenkamp, die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, Ingrid Kurz-Scherf und Frigga Haug sowie die Regisseurin Heike Sander. Ihr Bild, an dem sie gemeinsam arbeiten, ist wahrlich unorthodox: die Rolle des Rock &#8217;n&#8216; Roll für die Entstehung der Frauenbewegung wird thematisiert, ebenso die Funktion von Frauenfesten als Initiationsritual oder welche Rolle der Feminismus in der DDR-Opposition der 1980er Jahre gespielt hat. Ergänzt von persönlichen Reminiszenzen stellt sich die Frage, ob die Frauenbewegung im Rückblick nicht die zentralen politisch-gesellschaftlichen Veränderungen initiiert hat, die sich im Gefolge vom 1968 beobachten lassen &#151; von Jürgen Habermas auf die klassische Formel &#132;Rita Süssmuth&#148; gebracht, als er einst nach den wichtigsten Folgen dieser Zeit gefragt wurde.<br />Der vergleichende Blick vermag auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Frauenbewegung zu befruchten. Eine Dissertation analysiert den weiblichen Aufbruch in Frankreich und Deutschland nach 1968:</p>
<p>Kristina Schulz: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976, Campus Verlag: Frankfurt/ New York 2002, 273 S., ISBN 3-593-37110-3; 34,90 Euro</p>
<p>Innerhalb nur weniger Jahre gewann damals Frauenprotest enorm an Bedeutung in Europa und war keineswegs mehr eine marginale Randerscheinung. Die Autorin zeigt, dass es kaum eine vergleichbar lang anhaltende demokratische Protestbewegung gab, wie die der Frauen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das gilt für beide Länder, auch wenn es viele historisch bedingte Unterschiede gab; der Bogen wird im Buch auch<br />zu den Frauenbewegungen im 19. Jahrhundert geschlagen. Einige Protagonistinnen, wie z.B. Alice Schwarzer, werden in Kurzbiographien vorgestellt; der soziale Hintergrund der Proteste wird auf diese Weise klar gezeichnet. Der chronologische Aufbau in sechs Kapiteln vom amerikanischen Radikalfeminismus über die Gründung von Frauen- und Weiberräten in der Bundesrepublik bis hin zur Zersplitterung und zum allmählichem Verfall der Bewegung ermöglicht einen umfassenden Überblick, inklusive der Erfolge beim Kampf gegen die Kriminalisierung von Abtreibung oder gegen geschlechtsspezifische Ungleichheit.<br />Die Frauenbewegungen im Europa der Gegenwart stehen im Mittelpunkt eines Bandes, der sich diesem stiefmütterlich behandelten Thema endlich unter vergleichendem Blickwinkel nähert:</p>
<p>Ingrid Miethe/Silke Roth (Hg.): Europas Töchter. Traditionen, Erwartungen und Strate-<br />gien von Frauenbewegungen in Europa, Leske + Budrich: Opladen 2003, 291 S., ISBN 3-8100-3840-7; 24,90 Euro</p>
<p>Der Sammelband geht zurück auf eine Tagung an der Berliner Evangelischen Akademie im Jahre 2002 und versammelt west- und osteuropäische Perspektiven auf das, was Frauen in Europa bewegen und bewegen können. Ute Gerhard analysiert die Rolle, die die Institutionen der EU als &#132;Rechtsgemeinschaft und politische Gelegenheitsstruktur&#148; für feministische Politik spielt. Beatrice Durand macht auf wichtige Besonderheiten des französischen Falles aufmerksam: jenseits des Rheins lehnt man die Quote als Mittel auch unter &#132;bewegten&#148; Frauen ab, was sie auf die lange republikanische Tradition des Kampfs um Gleichstellung zurückführt, die stärker sei als postmoderne, identitäre Konzepte des amerikanischen Feminismus. Ebenso wird auf den Patriarchatsbegriff sowohl in der wissenschaftlichen als auch politischen Debatte verzichtet. Larissa Lissjutkina stellt die negativen sowjetischen Prägungen ins Zentrum ihres Beitrags, um zu erklären, warum von russischen Frauen in der Geschlechterdebatte ein stereotypes &#132;Aber eine Frau muss eine Frau bleiben!&#148; zu hören ist; hinzu kommen die unterschiedlichen religiös-kulturellen Traditionen im Vielvölkerreich, die eine stärkere Akzeptanz feministischer ldeen verhindern. Eine Bündelung der Beiträge versucht am Ende Silke Roth: es zeigt sich, dass simple Gegensätze wie &#132;Nord-Süd&#148; oder &#132;Ost-West&#148; auf den Zustand der modernen europäischen Frauenbewegungen nicht passen.<br />In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit der Gegenwart werden sie bislang weitgehend ignoriert: die Frauen und Männer, die sich in der DDR der Diktatur wider-setzten. Ein Taschenbuch will da Abhilfe leisten:</p>
<p>Karl Wilhelm Fricke/Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hg.): Opposition und Wider-<br />stand in der DDR. Politische Lebensbilder, C.H.Beck: München 2002, 374 S., ISBN 3-406-47619-8; 14,90 Euro</p>
<p>56 Lebenswege, verfasst von prominenten Autoren wie Carola Stern, Hermann Weber und Falco Werkentin, aber auch von Nachwuchswissenschaftlern und DDR-Experten, stellen die Facetten widerständigen Verhaltens anschaulich dar, ohne sich in methodi-<br />schen Diskussionen, worin sich denn Dissidenz, Opposition und Protest von Widerstand unterscheiden, zu verlieren. Ein besonderes Verdienst dieser Porträtsammlung besteht darin, prominente Oppositionelle wie Robert Havemann oder Wolfgang Harich ebenso zu berücksichtigen wie kaum bekannte Frauen und Männer, die Zivilcourage und Mut mit Verfolgung bezahlen mussten. Die unterschiedlichen Phasen der Unterdrückung in der DDR, von der Frühzeit bis zu den 1980er Jahren, Iassen sich so noch einmal anschaulich nachvollziehen. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, die Autoren der Beiträge von Seiten der Herausgeber zur stärkeren Vereinheitlichung ihrer Porträts anzuhalten: Qualität und Erkenntnisgewinn unterscheiden sich von Text zu Text doch erheblich &#151; was die grundsätzlichen Verdienste dieses Sammelbandes nicht schmälert.<br />Schade, dass die Frau des DDR-Regimekritikers Robert Havemann ihre Erinnerungen an ihren Mann nicht selbst geschrieben hat; es hätte ein schönes Buch werden können. So ist ein eigenartiger Zwitter entstanden: nicht aus der Ich-Perspektive, sondern mit versuchter Distanz, wobei Politisches und Privates immer eine interessante, aber in ihrer Unentschiedenheit auf Dauer irritierende Symbiose eingehen:</p>
<p>Katja Havemann/Joachzm Widmann: Robert Havemann oder Wie die DDR sich erledigte, Ullstein: München 2003, 427 S., ISBN 3-550-07570-7; 24,- Euro</p>
<p>Dem Lebensweg des kommunistischen Antifaschisten, der das NS-Zuchthaus überlebte, in der DDR linientreu war bis zu seiner Kehre nach Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag und den Havemann selbst in seiner Autobiographie Fragen Antworten Fragen beschrieben hatte, fügt seine Frau eine schöne Facette hinzu: die Spätzeit aus den 1970er und 1980er Jahren. Viel Dissidentenklatsch erfährt man hier, aber eben auch, wie engagiert politische Grundsatzfragen diskutiert wurden, ob nun Eurokommunismus, Bahros Ideen oder die beginnende Friedensbewegung. Trotzdem gibt Katja Havemann zu wenig preis vom Leben an der Seite des wichtigsten DDR-Oppositionellen, obwohl das personelle Netzwerk, die Freundschaften und Verbindungen, auch über die Mauer hinweg, sichtbar werden. Viele Privatphotos geben den Nachlebenden Einblick in den Alltag eines Regimekritikers, der den Hausarrest in Grünheide bei Berlin erlebt und auf die Ausbürgerung seines engsten Freundes Wolf Biermann reagieren muss. Sowohl die große Havemann-Biographie als auch Katja Havemanns persönliche Erinnerungen an ihn vermag man in dem Buch aber nicht zu entdecken; beide stehen (hoffentlich) noch aus.<br />Zum politischen Protest gehören Medien, derer er sich bedient &#151; auch in der DDR. Einer dicken Dokumentation fällt nun das Verdienst zu, zum ersten Mal systematisch die Publikationsgeschichte des politischen Samisdat in der DDR in den 1980er Jahren aufzuarbeiten:</p>
<p>Ilko-Sascha ICowalczuk (Hg.): Freiheit und Öffentlichkeit. Politischer Samisdat in der<br />DDR 1985-1989. Eine Dokumentation, Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.: Berlin 2002, 597 S., ISBN 3-9804920-6-0, (Schriftenreihe des Robert-Havemann-Archivs, Bd. 7); 25,-Euro</p>
<p>Ein verblüffendes Werk ist in einer großen Fleißarbeit entstanden: Nach einer profunden einhundert Seiten umfassenden Einleitung des Herausgebers, die die wesentlichen Entwicklungen des Samisdat in der DDR vorstellt und strukturiert, lässt er in Interviews die damals Aktiven zu Wort kommen, um am Ende auf ca. 400 Seiten wichtige Texte jener Zeit zu edieren. Das Themenspektrum ist dabei weit gefasst, viele (Wieder)entdeckungseffekte stellen sich ein: die Situationen in Osteuropa, theoretische Betrachtungen zu Ernst Bloch und Hannah Arendt, Manifeste, offene Briefe, Frieden, Abrüstung, Ökologie, das Verhältnis von Kirche und oppositionellen Gruppen, der Veränderungswille von unten in der DDR, aber auch das Nachwirken der deutschen Frage gehören dazu. Prominente Autorinnen und Autoren der Texte aus jener Zeit sind dabei: Ulrike Poppe, Jürgen Fuchs, Wolfgang Ullmann, Rainer Eppelmann, Uwe Kolbe, Wolfgang Templin und Bärbel Bohley, aber auch viele mittlerweile unbekannte Namen lassen sich finden. Dieses Panorama der DDR-Opposition, unterstützt durch Fotos, Faksimiles und ein umfangreiches und höchst informatives Personenverzeichnis, zeugt von der Kreativität der Bewegung und der erstaunlichen Breite ihrer politisch-publizistischen Aktivitäten. Das Buch dürfte für geraume Zeit das Standardwerk zum Thema bleiben.<br />Gewaltloser Protest im 20. Jahrhundert ist in der historischen Rückschau mit dem Namen von Mahatma Gandhi verbunden. Vielen Menschen auch in der westlichen Welt galt er als Vorbild. Gleichzeitig gehört der von ihm inspirierte Kampf der Inder gegen den britischen Kolonialismus zu den großen Siegesgeschichten sozialen Protests. In der renommierten Taschenbuchreihe Wissen im Münchner Verlag C.H. Beck ist jüngst eine einführende Darstellung von Leben und Wirken Gandhis erschienen:</p>
<p>Dietmar Rothermund: Mahatma Gandhi, C. H. Beck: München 2003, 128 S., ISBN 3-406-48022-5; 7,90 Euro</p>
<p>Der Verfasser, der lange Zeit in Heidelberg die Geschichte Südasiens lehrte, zeichnet den Weg des 1869 geborenen Juristen nach. Seine Politisierung war nicht vorhersehbar: In Südafrika, wo er als Anwalt tätig war, begann er mit seinem Engagement für die indische Minderheit Mitte der 1890er Jahre, das ihn immer bekannter und zu einer politischen Größe machte. Ein lebenslang durchgehaltenes Keuschheitsgelübde ab 1906 und sein Manifest Indiens Freiheit aus dem Jahre 1909 kennzeichnen die neue Lebensphase: die Nichtzusammenarbeit mit der britischen Kolonialmacht wurde als bestes Mittel im Unabhängigkeitskampf Indiens beschrieben, in das er 1915 zurückkehrte. Dort begann endgültig Gandhis weltweiter Ruhm. Interessant an dem Bändchen sind die Perspektivenwechsel: einerseits ist Gandhi ein Charismatiker, andererseits der geschickte, durch-aus machtbewusste Politiker, der mit allen Seiten verhandeln konnte. Am Ende stand, nach vielen Gefängnisaufenthalten, neuartigen gewaltlosen Protestformen der Verweigerung und symbolischen Aktionen, Indiens Unabhängigkeit, bevor er 1948 von einem Attentäter erschossen wurde. Wie nur wenige regte er die späteren Protestbewegungen der westlichen Welt an &#151; leider kommt in diesem Band Gandhis Nachleben zu kurz.<br />Protest taucht in vielerlei Gestalt auf &#151; und dass Pop und Protest irgendwie zusammengehören, ist schon beinahe eine Binsenweisheit. Die Zeitschrift Testcard tritt in ihrer jüngsten Ausgabe jedoch den Beweis an, dass diese Allianz weit loser und variantenreicher ist, als man denken könnte. Die Grundhypothese der modischen Cultural Studies, dass jedem popkulturellen Artefakt in der einen oder anderen Form Momente des Widerstands oder der Emanzipation eingraviert sind, wird hier in Bausch und Bogen verworfen:</p>
<p>Testcard. Beiträge zur Popgeschichte #12: linke mythen, Juni 2003, Ventil Verlag:<br />Mainz, 302 S., ISBN 3-931555-11-9, 14,50 Euro</p>
<p>Diskutiert werden etwa der Weg der Agitrockband Ton Steine Scherben vom &#132;Verfassungsfeind zum deutschen Aushängeschild&#148; (Martin Büsser), der &#132;linke Mythos RAF&#148; (Christian Hißnauer) oder &#132;Bad Religion und die Dialektik der Aufklärung&#148; (Oliver Uschmann). Die insgesamt 32 Beiträge sind beileibe nicht durchgehend lesenswert, viele auch in einem Außenstehenden nur schwer verständlichen Slang-Deutsch geschrieben, doch den Charme der Authentizität erkennt man sofort: Hier schreiben Kenner linker Popkultur über ihren ureigenen Gegenstand.<br />Dass Musikstile Protestformen sein können, ist spätestens seit der Punk-Bewegung deutlich. Nun macht sich eine Saarbrücker Habilitationsschrift aus dem Blickwinkel der Zeitgeschichte auf, die politische Wirksamkeit von Rap in Frankreich zu untersuchen:</p>
<p>Dietmar Hüser: RAPublikanische Synthese. Eine französische Zeitgeschichte populärer Musik und politischer Kultur, Böhlau Verlag: Köln u.a. 2003, 481 S., ISBN 3-412-03903-9; 49,90 Euro</p>
<p>Originell ist nicht nur das Thema, sondern der Autor vermag es auch, soziokulturelle Phänomene der letzten zwanzig Jahre zu deuten, jenseits der ausgiebigen Vermittlung von Rap-Musik-Kenntnissen. Es wird klar, dass die Krisenwahrnehmung von Rap als Unterschichtenproblem der sozial gefährdeten megalomanen Vorstädten nicht ausreicht: Rap erfüllt eine wichtige Integrationsfunktion zwischen Eigensinn und gesellschaftlicher Bindung. Damit widerspricht Hüser weitverbreiteten Vorurteilen, die durch verzerrte mediale Skandalisierung der Rapkultur entstehen. Der Autor hat beim ausgiebigen Musikhören von 130 Platten (eine Diskografie am Ende hilft dem Fan) und bei Liedtextlektüren feststellen können, wie wenig der französische Rap von Spaß, Fun und Party geprägt ist, wie wenig auch von Gewalt und sexueller Aggression. Der Anteil politisch-gesellschaftskritischer Themen ist erstaunlich hoch. Eine Kommerzialisierung lässt sich aber nicht nur an der Plattenproduktion, sondern auch an den vielen Rap-Zeitschriften und Internetforen erkennen. Hüser untersucht Rezeptionsverhalten, musikalische Traditionen, Lebensstil, Jugendkulturen und Protestcharakter, Rituale und Mechanismen dieser musikalischen (oft Immigrations-)Bewegungen, die sich häufig als interaktives Straßentheater verstehen. Interviews mit Praktikern fließen ebenfalls in seine spannende Darstellung ein, die einen Teil moderner kultureller Nationsbildung nachvollziehbar werden lässt.<br />Jenseits nationaler Begrenzungen rücken heute mehr und mehr weltweite Protestaktivitäten in den Mittelpunkt. 1999 traten sie in Seattle mit einem großen Paukenschlag<br />erstmals in das Bewusstsein der weiteren Öffentlichkeit: jene Gruppierungen und Zusammenschlüsse, die seither als Globalisierungsgegner oder -kritiker bezeichnet werden. Doch woher kommt der Widerstand, woraus speist er sich? Systematisch nachgegangen wird diesen Fragen in:</p>
<p>Heike T&#8217;Valk/IVele Boehme (Hg.): Globaler Widerstand. Internationale Netzwerke auf der Suche nach Alternativen im globalen Kapitalismus, Verlag Westfälisches Dampfboot: Münster 2002, 221 S., ISBN 3-89691-515-0; 20,50 Euro</p>
<p>Die Beiträge dieses Sammelbands durchleuchten das Spektrum der Globalisierungskritik in seiner ganzen Breite und Heterogenität. Neben theoretischen Überlegungen zur Herkunft und Zukunft der Bewegung (Elmar Altvater, Pierre Bourdieu, Ulrich Brand, Dieter Rucht) stehen Beiträge zu einzelnen Facetten der Kampagnenführung und Öffentlichkeitsarbeit (Gottfried Oy, Albrecht von Lucke) und zu den der Globalisierungskritik inhärenten Nord-Süd-Widersprüchen (Ronald Köpke). Zudem kommen die &#132;Praktiker&#148; der Bewegung zu Wort: Kaisa Eskola und Felix Kolb schreiben über Attac, Friederike Habermann über Peoples Global Action, Daniel Mittler über Friends of the Earth und Jürgen Kaiser über Erlassjahr.de. Gerade die Mischung aus akademischer Reflexion und Praxisbericht macht das Buch zu einem attraktiven Kompendium über Verfasstheit und Ziele der Globalisierungskritik.<br />Inneneinsichten in das Entstehen und Wirken von Attac Frankreich finden sich in dem folgenden Bändchen:</p>
<p>Ruth Jung (mit Beiträgen von Jos~ Saramago, Ignacio Ramonet und Bernard Cassen): Attac: Sand im Getriebe, Edition Nautilus: Hamburg 2002, 120 S., ISBN 3-89401-400-8, 9,90 Euro</p>
<p>In einem reportagehaften Essay schildert die Autorin die Gründung und den Aufstieg Attacs und anderer globalisierungskritischer Gruppen vorwiegend in Frankreich. Sie zitiert ausgiebig die führenden Protagonisten der Bewegung, was ein lebendiges Bild von den Positionen und Intentionen der Akteure entstehen lässt. Tiefenanalyse kommt bei dieser Konstruktion leider eindeutig zu kurz, historische Exkurse erscheinen nicht immer ganz sicher platziert. Attac für Anfänger sozusagen. Von Distanz zum Gegenstand ist bei diesem Buch wenig zu spüren. Im Anschluss an den nur 52 Seiten langen Hauptteil finden sich Reden und Dokumente aus dem Umfeld von Attac, so von Jos~ Saramago, Ignacio Ramonet und Bernard Cassen, die zum Teil schon in den Blättern für deutsche und internationale Politik sowie in Le Monde Diplomatique veröffentlicht wurden.<br />Das folgende Buch muss man da als weitaus gelungener würdigen:</p>
<p>Claus Leggewie: Die Globalisierung und ihre Gegner, C.H. Beck: München 2003, 206 S., ISBN 3-406-47627-9; 9,90 Euro</p>
<p>Der Autor, nach eigenem Bekenntnis ein Sympathisant der Globalisierungskritiker, der jedoch zugleich auf seinem Recht zum unabhängigen Urteil beharren möchte, unternimmt hier den Versuch, die Globalisierung und ihre Kritiker politikwissenschaftlich zu beschreiben und zu systematisieren. Zur Kennzeichnung der Globalisierung wählt er die Begriffe Entgrenzung (Ablösung des Nationalstaats als Bezugseinheit durch größere Entitäten), Glokalisierung (das ständige Zusammenspiel globaler und lokaler Faktoren) sowie Hybridität (die Entstehung von kulturellen Mischgebilden, die teils lokal bzw. national und teils global geprägt sind). In einem zweiten Analyseschritt werden dann die Kritiker der Globalisierung unter die Lupe genommen. Leggewie unterscheidet zwischen Globalisierungskritik von rechts (etwa neo-nationalistischen Strömungen), von links (&#132;Die Kritik der Straße&#8220;), aus den einschlägigen Institutionen des globalen Kapitalismus heraus (etwa der Börsenspekulant George Soros), durch linke Intellektuelle, die im Zuge dessen eine eindrucksvolle Renaissance erleben, und durch die katholische Kirche. Seziert werden dann all diese Gruppen im Hinblick auf ihre Organisations- und Protestformen, ihr Zukunftspotenzial und vor allem ihren möglichen Beitrag für eine künftige Weltgesellschaft mit neuen demokratisch legitimierten Strukturen. Gerade durch den systematisierenden Anspruch ist dieses Buch eine hervorragende Einführung in die Welt des entfesselten Ökonomie und der durch sie hervorgebrachten Gegenbewegungen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/revolte-revisited/">Revolte revisited</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Licht und Schatten &#8211; Die vorgänge in den letzten zwei Jahren</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/180/publikation/licht-und-schatten-die-vorgaenge-in-den-letzten-zwei-jahren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Jan 2003 18:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Verbandsnachrichten]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/licht-und-schatten-die-vorgaenge-in-den-letzten-zwei-jahren/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Mitteilungen Nr. 180, S.4 Als wir, Thymian Bussemer und Alexander Cammann, vor etwas über zwei Jahren die Redaktion der vorgänge übernahmen, fanden wir eine schwierige Situation vor: Die Zeitschrift schien in die Jahre gekommen, sie traf nicht mehr die Bedürfnisse der HU-Mitgliedschaft, viele im Verband empfanden sie nur noch als Bleiwüste. Wir haben in den [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/180/publikation/licht-und-schatten-die-vorgaenge-in-den-letzten-zwei-jahren/">Licht und Schatten &#8211; Die vorgänge in den letzten zwei Jahren</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Mitteilungen Nr. 180, S.4</p>
<p>Als wir, Thymian Bussemer und Alexander Cammann, vor etwas über zwei Jahren die Redaktion der <i>vorgänge</i> übernahmen, fanden wir eine schwierige Situation vor: Die Zeitschrift schien in die Jahre gekommen, sie traf nicht mehr die Bedürfnisse der HU-Mitgliedschaft, viele im Verband empfanden sie nur noch als Bleiwüste.</p>
<p>Wir haben in den letzten Jahren den Versuch gemacht, die <i>vorgänge</i> thematisch und politisch wieder eindeutig zu positionieren, die Qualität der Hefte zu verbessern und die Zeitschrift innerhalb der HU wieder ins Gespräch zu bringen. Das ging mal besser und mal schlechter: Das Sonderheft zu &#132;40 Jahre Bürgerrechtsbewegung&#147; anlässlich des HU-Gründungsjubiläums war sicherlich einer der wichtigsten Versuche in diese Richtung; auch unsere Themenhefte zu Innerer Sicherheit und Rot-Grün wurden vor allem im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen innerhalb der HU konzipiert.</p>
<p>Parallel dazu haben wir versucht, die Zeitschrift auch außerhalb der engeren bürgerrechtlichen Zirkel wieder bekannter zu machen. Die <i>vorgänge</i> sind, das kann man ohne Übertreibung sagen, in den politisch-intellektuellen Diskurs zurückgekehrt. Regelmäßige Erwähnungen und Besprechungen des Heftes in Qualitätszeitungen wie der <i>Neuen Zürcher Zeitung</i>, der <i>Frankfurter Allgemeine Zeitung</i> und der <i>Frankfurter Rundschau</i> geben davon genauso Zeugnis wie Rezensionen im <i>Deutschlandfunk</i>, im <i>WDR</i> oder die Erwähnung der Zeitschrift in Monografien und Aufsätzen. Wir erreichen mit den <i>vorgängen</i> mittlerweile einen nicht kleinen Teil des linken intellektuellen Milieus in der Bundesrepublik, dem wir die Positionen der HU vermitteln. Die <i>vorgänge</i> werden mittlerweile wieder als linksliberales bis radikaldemokratisches Intelligenzblatt wahrgenommen, das sich vier Mal im Jahr relevanten gesellschaftspolitischen Fragestellungen widmet und dabei wissenschaftliche Fragestellungen mit politischen Positionen verbindet.</p>
<p>Wir verstehen die <i>vorgänge</i> als Bestandteil der Bürgerrechtsbewegung und legen Wert darauf, in jedem Heft bürgerrechtliche Positionen zu beziehen bzw. unsere Themen aus bürgerrechtlicher Perspektive zu beleuchten. Wir glauben, dass die <i>vorgänge</i> für die HU nach wie vor eine wichtige Funktion haben: Nicht nur, dass wir uns als Theorieorgan der Bürgerrechtsbewegung verstehen (wie etwa die im Heft stattfindenden Debatten über Zivilgesellschaft zeigen): Die Zeitschrift fungiert auch als Scharnier der HU in die kritische Wissenschaft und Publizistik hinein und wird dort auch als HU-eigenes Organ wahrgenommen.</p>
<p>Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Trotz aller Bemühungen gelingt es nicht, die Auflage der <i>vorgänge</i> deutlich zu steigern. Mehr Abonnenten, Autoren und kritische Begleiter(innen) sind aber die Grundlage dafür, dass aus dem Projekt <i>vorgänge</i> wieder eine Erfolgsgeschichte wird.</p>
<p>Deshalb die Bitte an die HU-Mitgliedschaft: Lesen Sie unser Heft und prüfen Sie, ob Sie nicht Abonnent werden wollen. Überlegen Sie, welche Institutionen oder Personen Interesse an einem dauerhaften Bezug der <i>vorgänge</i> haben könnten. Und nicht zuletzt: Schreiben Sie uns, was Sie von den <i>vorgängen</i> halten, damit Ihre Interessen in das Heft einfließen können.</p>
<h6>Thymian Bussemer, Alexander Cammann</h6>
<p><i>Bestellungen für Probehefte und Abonnements bitte an die Redaktion vorgänge, Haus der Demokratie,</i></p>
<p><i>Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin richten</i></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/180/publikation/licht-und-schatten-die-vorgaenge-in-den-letzten-zwei-jahren/">Licht und Schatten &#8211; Die vorgänge in den letzten zwei Jahren</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nachruf: Rosemarie Reichwein</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-159/publikation/nachrufrosemarie-reichwein-t/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[thorsten]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Sep 2002 08:21:01 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/?post_type=publikation&#038;p=19060</guid>

					<description><![CDATA[<p>Für Menschen, die im ihrem Leben Großes vollbracht haben, werden mitunter merkwürdige Zuschreibungen gewählt. Man nennt sie dann „elder statesman&#8220; oder „große alte Dame&#8220;. Selten ist das wirklich passend; oft wirkt es wie eine leere Begriffshülle, die man den Personen überstreift. Rosemarie Reichwein dagegen kann man mit Fug und Recht als eine der bedeutenden Frauen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-159/publikation/nachrufrosemarie-reichwein-t/">Nachruf: Rosemarie Reichwein</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Für Menschen, die im ihrem Leben Großes vollbracht haben, werden mitunter merkwürdige Zuschreibungen gewählt. Man nennt sie dann „elder statesman&#8220; oder „große alte Dame&#8220;. Selten ist das wirklich passend; oft wirkt es wie eine leere Begriffshülle, die man den Personen überstreift. Rosemarie Reichwein dagegen kann man mit Fug und Recht als eine der bedeutenden Frauen des deutschen Widerstands und als eine der wichtigsten Berlinerinnen der Nachkriegszeit bezeichnen.</p>
<p>1904 in Berlin als Rosemarie Pallat geboren, heiratete sie — nach einer Ausbildung zur Krankengymnastin und Berufstätigkeit unter anderem in Salem bei Kurt Hahn — den Sozialdemokraten und Pädagogen Adolf Reichwein. Die Eheleute wurden nach 1933 zu engagierten Gegnern des Nationalsozialismus. Reichwein verlor seine Professur und ging ins selbstgewählte innere Exil nach Tiefensee in der Mark Brandenburg, wo er als Dorfschullehrer arbeitete. Mit Beginn des Krieges 1939 entschlossen sich die Reichweins zum aktiven Widerstand gegen Hitler. Sie stießen zum Kreisauer Kreis, einer Widerstandsgruppe um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg, die sich auf dem schlesischen Gut Moltkes in dem Dorf Kreisau traf.</p>
<p>Im Juli 1944, noch vor dem Attentat auf Hitler, wurde Adolf Reichwein in Berlin verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im Oktober des selben Jahres hingerichtet. Zurück blieb seine Frau mit ihren vier Kindern.</p>
<p>Nach dem Krieg begann das zweite Leben der Rosemarie Reichwein. Sie wurde die deutsche Pionierin der Bobath-Methode, eines in England entwickelten Heilverfahrens für Spastiker, und praktizierte bis ins hohe Alter. Heute tragen nicht nur Schulen in Deutschland den Namen von Adolf Reichwein, sondern auch Gesundheitseinrichtungen den von Rosemarie.</p>
<p>Vor zwei Dingen hatte Romai, wie ihre Freunde sie nannten, in ihrem Leben Angst: Sie wollte kein erstarrtes Denkmal ihrer selbst werden und anderen Menschen nicht zur Last zu fallen. Beides ist ihr erspart geblieben. Bis ins hohe Alter wehrte sie sich erfolgreich gegen die politische Instrumentalisierung des deutschen Widerstands (vgl.<em> vorgänge</em> 153: 144). Und bis zuletzt lebte sie alleine auf jenem stillen Grundstück in einer Wannseer Seitenstraße, auf dem sie schon ihre Kindheit verbracht hatte.</p>
<p>Am Montag, dem 5. August 2002, ist Rosemarie Reichwein, bis zuletzt umgeben von ihren Kindern, gestorben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-159/publikation/nachrufrosemarie-reichwein-t/">Nachruf: Rosemarie Reichwein</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
