Die Bibel in einer Neuausgabe
Nicht nur Arnulf Baring träumt von einer neuen Ostkolonisation (vgl. den Beitrag von Thomas Ahbe in diesem Heft), sondern auch die deutschen Kirchen. Denn die Lage ist dramatisch: Nur noch 3,8 Millionen Schäflein zählt die evangelische Kirche im Osten – über eine Million weniger als 1991. Und die armen Katholiken stellen in den neuen Ländern gerade mal 5,9 Prozent der Bevölkerung. Deswegen wird jetzt im wilden Osten missioniert, was das Zeug hält. Von der Bambushütte in den Plattenbau: Erste Kirchen-Propagandisten wurden bereits aus Papua-Neuguinea abgezogen, um sich dem schweren Dienst an der Heimatfront zu stellen (vgl. Der Spiegel 2/2003 v. 6.1.). Im kommenden Jahr soll an der Universität Greifswald ein Institut für Evangelisation errichtet werde – quasi als postmoderne Variante der sacre congregatio de propaganda fide des Papstes Gregor V. von 1622.
Unerwartete Unterstützung erhalten die Glaubensmänner nun vom Kölner Glamour-Glitter & Gleitmittel-Verlag ‚Taschen‘. Der hat gerade ein aufwändiges Reprint der Luther-Bibel von 1534 herausgebracht – voll koloriert und mit allen Original-Illustrationen zum Preis einer Volksausgabe.
Die Luther-Bibel von 1534. Vollständiger Nachdruck. Mit einer kulturhistorischen Einführung hrsg. von Stephan Füssel. Taschen Verlag: Köln, 2 Bände mit Begleitheft, 1.888 S. + 64 S., ISBN 3-8228-2196-0; 99,- Euro.
Die Edition bietet so ziemlich alles, was sich der passionierte Bibelfreund in Ost und West wünschen kann: Die klare, derbe Sprache Martin Luthers, ein sorgfältiger editorischer Kommentar und Faksimiles der Ausgabe von 1534 (die aus der Anna Amalia Bibliothek in Weimar stammt) in bestechender Qualität. Kurz: Die Ausgabe ist so schön, dass sie sogar in den vorgängen, traditionell ja dem deutschen Zentralorgans des Laizismus, Erwähnung findet. Wer in den 1970er Jahren durch Dünndruck-Bibeln in pädagogisch verbrämter Bearbeitung nachhaltig verschreckt wurde, könnte durch die Taschen-Ausgabe zu den ganz und gar nicht lustfeindlichen Wurzeln des Protestantismus zurückfinden. Es ist kein Lesen, sondern ein Blättern und Betrachten, das Lust macht.
Ob allerdings die evangelische Kirche bei ihrer Mission im Osten auf diese Multimedia-Version ihres traditionellen Blockbusters zurückgreift, ist unklar. Denn der Taschen Verlag hat gerade angekündigt, dass ausgewählte Kunden die Luther-Bibel zusammen mit dem neuesten Soft-Porno Naked as a Jaybird („The Beauty & Truth About Genitals“) zum Sonderpreis erhalten. Ende einer ungewöhnlichen Allianz oder Auftakt zu sinnesfrohen Missionsfesten?