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	<title>vorgänge Nr. 179: Die nachhaltige Gesellschaft Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/179-vorgaenge/publikation/editorial-46/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:59:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus Vorgange 179 (Heft 3/2007), S. 1ff Editorial Spätestens mit dem vierten Sachstandsbericht des Weltklimarates kann der Klimawandel als Faktum brutum der globalen Entwicklung angesehen werden, das allenfalls noch in Zweifel zieht, wer als Wissenschaftler eigenen Eitelkeiten oder fremden Interessen dient, als Journalist spektakuläre Schlagzeilen fertigen oder als Politiker sich den Konsequenzen nicht stellen will. [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/179-vorgaenge/publikation/editorial-46/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus Vorgange 179 (Heft 3/2007), S. 1ff</p>
<p><b>Editorial</b></p>
<p>Spätestens mit dem vierten Sachstandsbericht des Weltklimarates kann der Klimawandel als Faktum brutum der globalen Entwicklung angesehen werden, das allenfalls noch in Zweifel zieht, wer als Wissenschaftler eigenen Eitelkeiten oder fremden Interessen dient, als Journalist spektakuläre Schlagzeilen fertigen oder als Politiker sich den Konsequenzen nicht stellen will. Mit der Review des ehemaligen Chefvolkswirtes der Weltbank Nicholas Stern sind die Folgekosten des Treibhauseffektes zudem auf einen Nenner gebracht, mit dem in jedem Staat gerechnet wird. Auf bis zu 5,5 Billionen Dollar, ein Fünftel der materiellen Wertschöpfung beziffert er den Schaden. Dem steht ein Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes gegenüber, das zu dessen Vermeidung erforderlich wäre.</p>
<p>Das ist eine vergleichsweise geringe Summe, und Sterns ökonomische Bilanz könnte den vorschnellen Eindruck erwecken, dass allein schon das ökonomische Nutzenkalkül für einen Sieg der Vernunft sorgen müsste. Doch nicht umsonst spricht Stern angesichts der Klimakatastrophe vom &#8222;größten Marktversagen, das es je gab&#8220;. Nicht nur der Markt hat versagt, so ließe sich ergänzen, auch die Politik vermochte bislang keinen Weg zu benennen, der Entwicklung angemessen effektiv zu begegnen. Und die Gesellschaft, als dritter Akteur, ist hin und her gerissen zwischen Maßhalten und Muddling through. Da-bei ist längst klar, dass der Schutz des Klimas keine technische Maßnahme ist, die dem Einzelnen lediglich einen Kostenbeitrag abverlangen würde, sondern eine Transformation der Gesellschaft bedeutet, hin zu einer nachhaltigen. Dieser nachhaltigen Gesellschaft ist diese Ausgabe der vorgänge gewidmet,` in der wir uns weniger mit den Szenarien des Untergang beschäftigen wollen, als vielmehr dem, was zu ändern und welchen Leitlinien dabei zu folgen ist.</p>
<p>Konrad Ott entwickelt das Modell eines ökologischen Ordoliberalismus, das dem Staat gegenüber der Ökonomie als auch gegenüber dem Konsumenten eine zentrale Steuerungsfunktion zur Durchsetzung einer starken Nachhaltigkeit zuweist.</p>
<p>Holger Rogall analysiert die Grenzen klassischer Wirtschaft(-stheorie), die Probleme der Nachhaltigkeit angemessen zu erfassen, sieht zwischen beiden aber keinen Widerspruch, sondern ein Bedingungsgefüge, denn bei richtiger Steuerung entfaltet starke Nachhaltigkeit auch starke wirtschaftliche Potenziale und schafft Arbeitsplätze.<br />Dass damit Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit keineswegs schon in Einklang gebracht sind, weist Stephan Elkins nach. Er zeigt die ungleichen Belastungen auf, die Umweltschutzmaßnahmen für den Einzelnen bedeuten, je nachdem, über welche finanziellen Ressourcen er verfügt. In einer Gesellschaft, in der Konsum ein zentraler Faktor der Anerkennung ist, sind damit immer auch Teilhaberechte tangiert.<br />Felix Ekardt legt dar, dass eine Gesellschaft, die ihre Vernunftsprinzipien ernst nimmt, den Interessen künftiger Generationen die gleiche Achtung zu schenken hat wie den eigenen. Das bedeutet ein Einstehen-müssen für die Folgen des eigenen Tuns. Da es damit in den gegenwärtigen Demokratien nicht immer weit her ist, plädiert Ekardt für eine Ergänzung ihrer Prinzipien durch einen treuhänderischen Sachwalter der Interessen der künftigen Generationen.</p>
<p>Uta von Winterfeld macht sich stark für einen Begriff der Suffizienz, der sich nicht in einem individual-asketischen Maßhalten erschöpft, sondern das Konsumieren-müssen als eine Zumutung der Moderne auffasst, gegen die sich zu wehren, die Belange der Umwelt ein guter Grund sind.</p>
<p>Ein starker globaler Sachwalter des Umweltschutzes ist das Anliegen von Udo E. Simonis. Er zeichnet die bisherige Entwicklung des globalen Umweltregimes nach, prüft die in der Debatte stehenden Alternativen und plädiert für eine auf Mehrheitsentscheidung beruhende, mit Sanktionsgewalt ausgestattete &#8222;Weltorganisation für Umwelt und Entwicklung&#8220;.</p>
<p>Wie dringlich ein solches starkes globales Umweltregime ist, macht der Beitrag von Cord Jakobeit und Chris Methmann über globale Erwärmung und Migrationsprozesse deutlich. Auch wenn die wissenschaftliche Kontroverse um die Frage, ab wann von Klimaflucht gesprochen werden kann, noch nicht ausgefochten ist, steht fest, dass die durch Klimaveränderungen verursachten oder verstärkten Notsituationen in Zukunft immer mehr Menschen zur Migration zwingen werden.</p>
<p>Matthias Machnig spricht angesichts der Umwälzungen und Potenziale, die eine konsequente Orientierung auf Nachhaltigkeit zeitigen würde, von einer dritten industriellen Revolution. In ihrem Zentrum steht die Steigerung der Energie- und Materialeffizienz. Gefordert ist eine ökologische Industriepolitik.</p>
<p>Wie stark diese Revolution noch in ihren Kinderschuhen steckt, macht Michael Cramer am Beispiel der europäischen Verkehrspolitik deutlich. Noch immer werden Riesenprojekte wie die Fehmarnbelt-Brücke verfolgt, obwohl sie durch die Entwicklung längst überholt sind. Noch immer werden Straßen-, Flugverkehr und Binnenschifffahrt gefördert statt deren Umweltkosten zu internalisieren. Vom revolutionären Dreiklang von Vermeidung, Verlagerung und Effizienz ist in Brüssel noch nicht viel zu hören.</p>
<p>Einen ähnlich skeptischen Blick wirft Barbara Praetorius auf die deutsche Energiepolitik. Die hat sich ergeizige Klimaziele gesteckt, doch manches bei der Einführung hochgelobte Mittel, wie die Emmissions-Zertifikate hat bislang zwar den Energiekonzernen Geld, der Luft aber keine größere Reinheit gebracht. Anderes, wie das CO2-arme Kohlkraftwerk, ist technisch nicht ausgereift und konterkariert eher sinnvolle Investitionen, wie die in Kraft-Wärme-Kopplung. Es fehlt bislang an einem Regulierungsrahmen, der Zukunftstechniken eine angemessene Chance gibt.</p>
<p>Wie sicher ist das Wissen über den Klimawandel? Petra Pansegrau untersucht an-hand der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre das widersprüchliche Wechselspiel zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und seiner Perzeption in Medien und Politik.<br />Toleranz ist in den interkulturellen Auseinandersetzungen der letzten Jahre bisweilen zu einer rhetorischen Allzweckwaffe verkommen. In seinem Essay befreit Armin Pfahl-Traugbehr den Begriff von den mit ihm in Verbindung gebrachten kulturrelativistischen Zumutungen. Sein Plädoyer für einen Kulturpluralismus macht aus ihm ein sinnvolles Prinzip gesellschaftlichen Zusammenlebens.</p>
<p>Wolfgang Abendroth genoss über Jahrzehnte Reputation als ein Linker, der seine Überzeugung in Einklang mit einem starken Verfassungsbegriff formulierte. Dieses Bild hat spätestens mit der inzwischen bekannt gewordenen Ergebenheitsadresse zum Tode Walter Ulbrichts einen Riss bekommen. Eike Hennig, der bei Abendroth promoviert hat, gibt eine zeitgeschichtliche Einordnung dieses moralisch verwerflichen Wandels Abendroths, der auch ein Wandel seines Umfeldes ist. Es ist eine linke Geschichte.<br />Eine Rezension des aufgeklärten Multikulturalismus Heiner Bielefeldts von Gerd Pflaumer und des Standardwerkes &#8222;Der Klimawandel&#8220; von Stephan Rahmsdorf und Hans Joachim Schellnhuber von Udo E. Simonis runden diese Ausgabe der vorgänge ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lektüre wünsche.</p>
<p>Ihr</p>
<p>Dieter Rulff</p>
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		<title>Ökologischer Ordoliberalismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:55:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Legitimit&#228;t staatlichen Handelns f&#252;r die Umwelt Aus: vorg&#228;nge 179 (Heft 3/2007), S. 4-12 Problemstellung Die Verfassung des deutschen Grundgesetzes sch&#252;tzt in erster Linie die Freiheit der Lebenden, indem sie lebenden Personen Rechte einr&#228;umt, deren Einschr&#228;nkung, nicht aber deren Aus&#252;bung begr&#252;ndungspflichtig ist. Rechte sind etwas, auf das der Einzelne &#8222;pochen&#8220; kann, wenn Kollektive bestimmte Ziele [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/179-vorgaenge/publikation/oekologischer-ordoliberalismus/">Ökologischer Ordoliberalismus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Legitimit&auml;t staatlichen Handelns f&uuml;r die Umwelt</p>
<p>Aus: vorg&auml;nge 179 (Heft 3/2007), S. 4-12</p>
<h2 class="auto-created">Problemstellung</h2>
<p>Die Verfassung des deutschen Grundgesetzes sch&uuml;tzt in erster Linie die Freiheit der Lebenden, indem sie lebenden Personen Rechte einr&auml;umt, deren Einschr&auml;nkung, nicht aber deren Aus&uuml;bung begr&uuml;ndungspflichtig ist. Rechte sind etwas, auf das der Einzelne &#8222;pochen&#8220; kann, wenn Kollektive bestimmte Ziele verfolgen, um derentwillen Rechte eingeschr&auml;nkt werden sollen. Rechte sind insofern &#8222;Tr&uuml;mpfe&#8220; (Ronald Dworkin), die der Einzelne gegen Staat und Gesellschaft in H&auml;nden h&auml;lt. Weiterhin ist die Aus&uuml;bung von Rechten nicht generell, wie der Volksmund glaubt (&#8222;Wo es Rechte gibt, da gibt es auch Pflichten&#8220;), f&uuml;r den Rechtstr&auml;ger mit direkten Verpflichtungen verkn&uuml;pft. Zwar wird in den Grundgesetzkommentaren bei der Explikation dessen, was der Begriff der Menschenw&uuml;rde bedeutet, auf kantische Vorstellungen rekurriert, wonach die W&uuml;rde in der Bef&auml;higung zur Moralit&auml;t liege; die Interpretation des Rechtes auf die freie Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit legt demgegen&uuml;ber ein eher liberalistisches Freiheitsverst&auml;ndnis zugrunde, wonach die Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit zun&auml;chst bedeutet, unter Beachtung der Rechte anderer und im Rahmen der Rechtsordnung tun zu k&ouml;nnen, was einem beliebt. Der Verweis auf das &#8222;Sittengesetz&#8220; in Art 2 (1) GG ist interpretatorisch strittig. Die staatliche Ordnung ist neutral gegen&uuml;ber unterschiedlichen Vorstellungen des guten Lebens und gegen&uuml;ber kulturellen und religi&ouml;sen Werten, wobei es nat&uuml;rlich viele Konfliktf&auml;lle zwischen Rechtsordnung und kulturellen bzw. religi&ouml;sen Werten geben kann, die in der &Ouml;ffentlichkeit kontrovers diskutiert werden.<br />Die Pluralit&auml;t der Lebensstile wird in einer freiheitlichen Ordnung nicht nur geduldet, sondern begr&uuml;&szlig;t. Unbestreitbar ist allerdings, dass die allgemeine Rechtsordnung eine gewisse Schrankenwirkung gegen&uuml;ber der Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit entfalten darf. Die B&uuml;rgerInnen d&uuml;rfen daher auch durch umwelt- und naturschutzrechtliche Bestimmungen in ihren Verhaltensspielr&auml;umen eingeschr&auml;nkt werden (etwa Betretungsverbote von Naturschutzgebieten oder Wegegebote in Nationalparks). Weiterhin ist es durch Ver&auml;nderungen in der Rechtsordnung, wie etwa im Steuer- und Abgabenrecht, durchaus m&ouml;glich, Anreize f&uuml;r bestimmte Verhaltens&auml;nderungen zu setzen (&auml;hnlich wie es legitime Anreize im Rahmen einer pronatalistischen Bev&ouml;lkerungspolitik geben<br />kann). Die Neutralit&auml;t des Staates gegen&uuml;ber Lebensstilen schlie&szlig;t es allerdings aus, dass von staatlicher Seite eine Lebensweise verordnet oder stark beg&uuml;nstigt wird, die auf Vorstellungen von &ouml;kologischer Suffizienz und &#8222;voluntary simplicity&#8220; beruht. Zwar gibt es gute philosophische Gr&uuml;nde f&uuml;r einen solchen Lebensstil und f&uuml;r eine deutliche Absage an naiv hedonistischen, karrieristischen und konsumistischen Lebensstilen (Ott &amp; D&ouml;ring 2007), aber diese Gr&uuml;nde spielen auf einer Diskursebene, aus der sich der Staat zur&uuml;ck gezogen hat.<br />Dies impliziert allerdings keineswegs, dass der Staat sich auf sog. &#8222;Kernaufgaben&#8220; zur&uuml;ckziehen und alles &Uuml;brige den rationalen Wirtschaftssubjekten und ihren Abmachungen &uuml;berlassen sollte. Ein freiheitliches Verst&auml;ndnis von Individualrechten und kulturellem Lebensstilpluralismus impliziert keineswegs ein minimalistisches Staatsverst&auml;ndnis. F&uuml;r diese Auffassung soll im Folgenden argumentiert werden.</p>
<h2 class="auto-created">Ein Argument f&uuml;r gute &bdquo;Policey&ldquo;</h2>
<p>In tagespolitischen Debatten um den Umfang der Staatsaufgaben und um das Verh&auml;ltnis von Staat und Gesellschaft tauchen theoretisch interessante Fragestellungen h&auml;ufig nur noch in der Form von Metaphern auf (&#8222;aufgebl&auml;ht&#8220;, &#8222;entr&uuml;mpeln&#8220;, &#8222;verschlanken&#8220;), die &#8211; wie der Ausdruck &#8222;b&uuml;rokratisch&#8220; &#8211; abwertende Konnotationen mit sich f&uuml;hren und an weit verbreitete antib&uuml;rokratische Affekte appellieren. Es w&auml;re nun verfehlt, diesen Metaphern andere Metaphern entgegenzuhalten (und etwa davor zu warnen, dass Schlankheitswahn zur zwanghaften Magersucht ausarten k&ouml;nne). Stattdessen ist an wesentliche Argumente zu erinnern, mit denen sich die These begr&uuml;nden, dass eine entwickelte, globalisierte, konsequent an den Nutzenmaximierungsbestrebungen intelligenter Produzenten und Konsumenten orientierte kapitalistische Warenwirtschaft nicht von einem neoliberalen &#8222;Nachtw&auml;chterstaat&#8220; ad&auml;quat reguliert werden kann. Man muss den Staat gewiss nicht im Sinne einer romantischen Staatsrechtlehre als gemeinschaftliches B&uuml;ndnis der vergangenen, gegenw&auml;rtigen und zuk&uuml;nftigen Generationen verstehen, um diese These zu begr&uuml;nden.<br />Die erste moderne Verh&auml;ltnisbestimmung von Staat und b&uuml;rgerlicher Gesellschaft findet sich in der Hegelschen Rechtsphilosophie (Hegel 1821 bzw. 1976). Wenn man sich von den popul&auml;ren Interpretationen, die Hegel als Apologeten der preu&szlig;ischen Monarchie und als einen Feind der offenen Gesellschaft darstellen (so die wirkm&auml;chtige, aber unhaltbare Interpretation von Karl Popper 1960), nicht den Blick verstellen l&auml;sst, so verdient das Argument, das Hegel zu seiner Zeit zugunsten einer &#8222;guten Policey&#8220; formuliert, auch gegenw&auml;rtig Beachtung. F&uuml;r Hegel zerf&auml;llt die b&uuml;rgerliche Gesellschaft bekanntlich in das &#8222;System der Bed&uuml;rfnisse&#8220;, die &#8222;Rechtspflege&#8220; und die &#8222;Besorgung&#8220; allgemeinen Interesses durch Polizei und Korporation (&sect; 188). Das &#8222;System der Bed&uuml;rfnisse&#8220;, d.h. das System der Wirtschaft ist ein arbeitsteiliges System allseitiger Abh&auml;ngigkeit, in der die Wirtschaftsb&uuml;rger eigennutzrational ihren Privatinteressen nachgehen. Diese Sph&auml;re ist f&uuml;r Hegel der &#8222;Kampfplatz des individuellen Privatinteresses aller gegen alle&#8220; (&sect; 289). Die Rechtspflege reguliert den Verkehr der Wirtschaftsb&uuml;rger &auml;u&szlig;erlich (etwa im Vertragsrecht). Die &#8222;Policey&#8220;, d.h., modern gesprochen, die &ouml;ffentliche Verwaltung, z&auml;hlt f&uuml;r Hegel noch zur Sph&auml;re der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft hinzu; sie vermittelt durch ihre vielf&auml;ltigen regulierenden und beaufsichtigenden T&auml;tigkeiten zwischen Staat und Gesellschaft und wird dadurch die &#8222;sichernde Macht des Allgemeinen&#8220; (Riedel 1974). Hegel hatte dabei bereits eine Vorstellung von externen Effekten, d.h. davon, dass die &#8222;erlaubte Willk&uuml;r f&uuml;r sich rechtlicher Handlungen&#8220; anderen &#8222;zum Schaden oder Unrecht gereichen kann&#8220; (&sect; 232). F&uuml;r solche Probleme, die von der Rechtspflege nicht ad&auml;quat reguliert werden k&ouml;nnen, ist die &#8222;Policey&#8220; zust&auml;ndig. Dies gilt, mutatis mutandis, auch gegenw&auml;rtig: Da der moderne Staat mehrere Sph&auml;ren frei gibt, n&auml;mlich einmal die &ouml;konomische Sph&auml;re, in der die Einzelnen ihren &ouml;konomischen Privatinteressen nachgehen d&uuml;rfen, und zum zweiten die Sph&auml;re der individuellen Lebensstile, muss der Staat aus sich selbst heraus etwas aufbieten, das den immanenten Gefahren dieser Freisetzungen wirksam begegnen kann. Dies kann nur in den Formen von Recht und Administration erfolgen.</p>
<p>Das zentrale Argument zugunsten der Notwendigkeit einer solchen &#8222;Policey&#8220; beruht auf der n&uuml;chternen Annahme, dass, je reiner sich das Prinzip des rationalen Eigennutzes innerhalb der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft auspr&auml;gt, diese selbst Institutionen auspr&auml;gen muss, um Belange von allgemeinem &ouml;ffentlichen Interesse durchzusetzen. Privatpersonen sind und bleiben letztlich an ihrem privaten Vorteil orientiert. Aus der Perspektive rationaler Wirtschaftsb&uuml;rger ist es prima facie rational, externe Effekte einschlie&szlig;lich von Risiken auf andere abzuw&auml;lzen, solange dies im Rahmen der Gesetze zul&auml;ssig ist (L&auml;rm, Emissionen, Natursch&auml;den usw.).(1) Die &ouml;konomischen Interaktionen der Wirtschaftsb&uuml;rger selbst k&ouml;nnen administrative Institutionen weder komplett ersetzen noch aus sich selbst heraus erzeugen. Das Verh&auml;ltnis zwischen der T&auml;tigkeit der Wirtschaftsb&uuml;rger und der &ouml;ffentlichen Verwaltung, Hegels &#8222;Policey&#8220; ist demnach eine Beziehung des &#8222;<i>je mehr, um so mehr</i>&#8222;. Je reiner, umfassender und durchdringender das Prinzip des rationalen Eigennutzes in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft wird, umso vielf&auml;ltiger und unverzichtbarer werden die Leistungen einer staatlichen Administration. Das Komplexit&auml;tsniveau der Regulierungspraxis (etwa des Ordnungsrechts) darf daher nicht hinter dem Komplexit&auml;tsniveau der Auswirkungen &ouml;konomischer Aktivit&auml;ten zur&uuml;ckbleiben. Hierf&uuml;r sprechen auch gegenw&auml;rtig viele Ph&auml;nomene (Baurecht, Lebensmittel&uuml;berwachung, Verkehr, &#8222;Vogelgrippe&#8220; usw.). Trotz aller popul&auml;ren B&uuml;rokratismuskritik wird bei den entsprechenden Skandalen immer gefragt, ob die Beh&ouml;rden versagt h&auml;tten. Der Glaube, man k&ouml;nne durch moralische Appelle an die &#8222;Selbstverantwortung&#8220; der Wirtschaftsb&uuml;rger die Administration &uuml;berfl&uuml;ssig machen oder auch nur entlasten, w&auml;re in hegelscher Sicht ein &#8222;abstrakter Moralismus&#8220;. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r die neuerdings beliebten M&ouml;glichkeiten, in den Gesetzen selbst Klauseln zu schaffen, durch die die gesetzlichen Bestimmungen durch private Abmachungen unterlaufen werden k&ouml;nnen.<br />Hegel hatte die Probleme von Umwelt- und Naturschutz noch nicht vor Augen. Es liegt aber mittlerweile eine F&uuml;lle von Literatur vor, die die Bedeutung einer Konzeption des &ouml;ffentlichen Interesses, das kollektive G&uuml;ter fokussiert, f&uuml;r die Bestimmung von moderner Staatlichkeit betonen. Der staatlichen Ordnung f&auml;llt eine Garantenstellung f&uuml;r die Erhaltung und den Schutz &ouml;ffentlicher G&uuml;ter zu. Spieltheoretisch l&auml;sst sich modellieren, was zu erwarten steht, wenn eine solche Garantenstellung nicht mehr vorhanden ist. Die Anreize f&uuml;r individuelles Handeln sind dann so geartet, dass es f&uuml;r jeden Spieler rational<br />ist, sich m&ouml;glichst viel dieser kollektiven G&uuml;ter anzueignen, wodurch sie &uuml;ber kurz oder lang zerst&ouml;rt werden. Diese Mechanismen, die Hardin als &#8220; <i>tragedy of the commons</i> &#8220; bezeichnete, die aber besser als &#8220; <i>tragedy off free access</i> &#8220; zu bezeichnen sind, wurden von Jon Elster als Musterbeispiele f&uuml;r soziale Widerspr&uuml;che analysiert (Elster 1981). Vern&uuml;nftige Personen ziehen eine Situation staatlicher Regulierung einer anarchischen Situation der &#8220; tragedy off free access &#8220; vor. In der Rolle vern&uuml;nftiger Staatsb&uuml;rger und mit Blick auf kollektive G&uuml;ter ist es einsichtig, Regeln und Institutionen beizupflichten, durch die man als Privatperson eingeschr&auml;nkt werden k&ouml;nnte.</p>
<h2 class="auto-created">Die Staats&shy;ziel&shy;be&shy;stim&shy;mung des Artikel 20a GG</h2>
<p>Seit den 1970er Jahren wurde an der Verfassung der &#8222;Webfehler&#8220; kritisiert, dass die angesichts der Naturkrise unabweisliche Zukunftsverantwortung und der Umwelt- und Naturschutz nur unzul&auml;nglich im deutschen Grundgesetz verankert sei. Seit der &Auml;nderung der Position von CDU/CSU 1987 in dieser Frage bestand ein partei&uuml;bergreifendes Einvernehmen, dass der Umweltschutz Verfassungsrang erhalten sollte. Daher gelang es im Kontext der Verfassungs&auml;nderungen nach 1990, den Artikel 20a in das Grundgesetz aufzunehmen, der das Staatsziel des Schutzes der nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen enth&auml;lt. Der Art. 20a GG verschafft der Vorsorgepolitik staatlichen Handelns gegen&uuml;ber langfristigen &ouml;kologische Gef&auml;hrdungen eine st&auml;rkere Grundlage. Seit 2002 umfasst diese Staatszielbestimmung auch den Tierschutz, so dass der Tierschutz nicht mehr vor der Schwierigkeit steht, dass das Tierschutzgesetz als Einzelgesetz mit der hochrangig gesch&uuml;tzten Forschungsfreiheit gem&auml;&szlig; Art. 5 (3) GG kollidiert (etwa bei Tierversuchen).</p>
<p>Dass der Verfassungsgeber die Option einer Staatzielbestimmung den &uuml;brigen rechts-technischen Optionen vorgezogen hat (z. B. subjektives Grundrecht auf &#8222;gesunde Umwelt`), erweist sich im Kontext einer &#8222;Juristenverfassung&#8220; als grunds&auml;tzlich richtig. Der Zustand von Natur und Umwelt wird faktisch weitaus st&auml;rker durch die einzelgesetzliche und nicht zuletzt auch durch die untergesetzliche Ebene bestimmt (durch Anh&auml;nge, Verordnungen, Richtlinien u. dergl.), so dass eine Staatszielbestimmung umweltpolitisch sachad&auml;quat ist. Staatszielbestimmungen sind Verfassungsnormen mit rechtlich bindender Wirkung, die der Staatst&auml;tigkeit die fortdauernde Beachtung oder Erf&uuml;llung bestimmter Aufgaben &#8211; sachlich umschriebener Ziele &#8211; vorschreiben. Im Unterschied zu blo&szlig;en Programms&auml;tzen sind sie rechtsverbindlich. Man kann die Staatszielbestimmung des Art. 20a GG als eine interpretationsoffene Grundsatznorm und als Thematisierungsstrategie verstehen (Geddert-Steinacher 1995).</p>
<p>Was die Interpretationen des Art. 20a GG anbetrifft, so wurde zur n&auml;heren Bestimmung des Sinns des Art. 20a GG folgendes Argument vorgetragen. Die Aufnahme des Art. 20a GG darf nicht als Akt symbolischer Umweltpolitik missverstanden werden. Der Art. 20a GG ist kein Ersatz f&uuml;r effektive Umweltpolitik auf den verschiedenen Feldern (Naturschutz, Klimaschutz, Chemikalienpolitik, L&auml;rmschutz usw.), sondern fordert eine solche Politik (Murswiek, 1996, Rn. 43). Ferner h&auml;tte der Verfassungsgeber eine solche Staatszielbestimmung gar nicht in das Grundgesetz aufnehmen m&uuml;ssen, wenn er mit der Qualit&auml;t der Zust&auml;nde von Natur und Umwelt insgesamt zufrieden gewesen w&auml;re. Die Einsicht in die Erforderlichkeit einer Erweiterung der Staatsziele unterstellt eine diagnostische Gesamteinsch&auml;tzung, wonach die Umweltqualit&auml;t einschlie&szlig;lich der Qualit&auml;ten von Natur und Landschaft verbesserungsbed&uuml;rftig seien.</p>
<p>Wenn man dieses Argument teilt, so enth&auml;lt der Art. 20a GG ein Verschlechterungs-bzw. R&uuml;ckschrittsverbot(2) sowie einen politisch auszuf&uuml;llenden Verbesserungsauftrag (Murswiek 1996, Czybulka 1999, Kloepfer 1996, Ott 1998). Verschlechterungsverbot und Verbesserungsauftrag werden in dieser Interpretation als Regelelemente der Staatszielbestimmung des Art. 20a GG verstanden. Aus dieser Interpretation ergeben sich folgende &#8222;Eckdaten&#8220; bei der Interpretation von Art. 20a GG (Murswiek 1996):</p>
<ul>
<li>Umweltpolitik ist eine auf Dauer gestellte Aufgabe staatlicher Politik.</li>
<li>Vorsorgestrategien sind Teil der Verantwortung gegen&uuml;ber zuk&uuml;nftigen Generationen.</li>
<li>Die Umweltsituation im Jahre 1994 kann als &#8222;benchmark&#8220; f&uuml;r das dem Art. 20a GG immanente Verschlechterungsverbot gelten.</li>
<li>R&uuml;ckschritte beim Schutz der nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen sind verfassungsrechtlich bedenklich.</li>
<li>Erhebliche Eingriffe in die nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen sind begr&uuml;ndungsbed&uuml;rftig.</li>
<li>Der Verbesserungsauftrag bel&auml;sst dem Gesetzgeber gro&szlig;e politische Spielr&auml;ume der Priorit&auml;tensetzung.</li>
<li>Art. 20a steht in enger Beziehung zur ldee der Nachhaltigkeit.</li>
</ul>
<p>Diese Eckdaten d&uuml;rfen nicht konkretistisch dahingehend missverstanden werden, als sei jede Absenkung eines Grenzwertes bereits verfassungswidrig. Es geht eher um eine bilanzierende Gesamtbetrachtung von Umweltpolitik auf den verschiedenen Handlungsfeldern. Meiner pers&ouml;nlichen Auffassung zufolge ist die deutsche Umweltpolitik bei aller Kritik, die man an bestimmten Entwicklungen &uuml;ben kann, in ihren Strategien und Programmen dem Art. 20a GG insgesamt durchaus gerecht geworden. In Bezug auf Vorsorgestrategien ist zu sagen, dass die politische Ordnung bei langfristigen Gef&auml;hrdungen der nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen (B&ouml;den, Wasser, Klima, biologische Vielfalt) ein h&ouml;heres Ma&szlig; an Risikoaversion zu Grunde legen darf als die durchschnittliche Risikoaversion der einzelnen B&uuml;rgerInnen. Allerdings liegt hier in der Tat ein Spannungsverh&auml;ltnis zur Aus&uuml;bung von Rechten vor, da eine &#8222;ausufernde&#8220; Vorsorgepolitik paternalistische Formen annehmen kann.<br />Eine Staatszielbestimmung und damit auch deren interpretatorisch hergeleitete Eckpunkte richten sich an alle drei staatlichen Gewalten. Dies bedeutet, dass Legislative und Exekutive auch daf&uuml;r Sorge zu tragen haben, dass die Administration von ihren Kapazit&auml;ten her den Herausforderungen des Natur- und Umweltschutzes gewachsen sein muss. Dies schlie&szlig;t Reformen in der Umweltverwaltung keineswegs aus. Der Begriff der Reformen muss sich allerdings am Ma&szlig;stab des Art. 20a GG und seiner Implikate orientieren. In einem Sondergutachten des Sachverst&auml;ndigenrates f&uuml;r Umweltfra-gen wurde ausf&uuml;hrlich dargelegt, dass die Verwaltungsver&auml;nderungen der vergangenen Jahre diesem Begriff der Reform nur selten gen&uuml;gen und diese sog. &#8222;Reformen&#8220; Umweltverwaltungen nicht auf neue Herausforderungen einstellen (SRU 2007).</p>
<h2 class="auto-created">Das Konzept starker Nachhal&shy;tig&shy;keit</h2>
<p>Im Kontext der theoretischen Debatte um Nachhaltigkeit wurden die kontr&auml;ren Konzepte der &#8222;schwachen&#8220; und der &#8222;starken&#8220; Nachhaltigkeit einer kritischen Pr&uuml;fung unterzogen. W&auml;hrend im Konzept schwacher Nachhaltigkeit die Naturkapitalien gegen Sachkapitalien unlimitiert substituiert werden d&uuml;rfen (und dies als v&ouml;llig fair gegen&uuml;ber zuk&uuml;nftigen Personen gilt), wird in der Konzeption starker Nachhaltigkeit diese unlimitierte Substituierbarkeit bestritten. Die Naturkapitalien sind hier nicht nur bestimmte Posten in einem Portfolio, die ein &ouml;konomisch rationaler Portfolio-Manager auf ihre &ouml;konomische Rendite hin betrachten und ggf. gegen gewinnbringendere Posten auswechseln darf. Vielmehr sind es kollektive G&uuml;ter, die wir gerade dann f&uuml;r zuk&uuml;nftige Generationen erhalten m&uuml;ssen, wenn wir nicht wissen, welche Interessen und Wertvorstellungen zuk&uuml;nftige Personen haben werden, da es ja auch der Fall sein k&ouml;nnte, dass sie &#8222;biophile&#8220; Wertvorstellungen haben werden. Es erscheint merkw&uuml;rdig, wenn wir gro&szlig;en Wert auf Umwelterziehung und Naturp&auml;dagogik legen und gleichwohl eine Konzeption von Nachhaltigkeit favorisieren, in der Naturkapitalien als substituierbar gelten. Auch spricht die Multifunktionalit&auml;t vieler &ouml;kologischer Systeme stark gegen den Substitutionsoptimisus schwacher Nachhaltigkeit Aufgrund etlicher Gr&uuml;nde (ausf&uuml;hrlich Ott &amp; D&ouml;ring 2004) sind wir zuk&uuml;nftigen Generationen die Einhaltung einer kollektiven Handlungsregel schuldig, die uns verpflichtet, die Best&auml;nde (und insbesondere die lebendigen Fonds) der in sich heterogenen Naturkapitalien im Wesentlichen konstant zu halten und immer dann, wenn Naturkapitalien durch vergangene Handlungen stark abgebaut wurden, durch geeignete Handlungsma&szlig;nahmen (etwa im Bereich der Renaturierungs&ouml;kologie oder des &ouml;kologischen Waldumbaus) in Naturkapitalien zu investieren. Diese Erhaltungs- und Investitions-Regel befolgen wir kollektiv, indem wir uns auf bestimmte anspruchsvolle Handlungs- und Qualit&auml;tsziele bei der Bewirtschaftung und beim Schutz nat&uuml;rlicher Systeme einigen (B&ouml;den, W&auml;lder, Meere usw.).(3)<br />Weiterhin glauben wir gezeigt zu haben, dass die Verwirklichung von ,starker&#8216; Nachhaltigkeit keine volkswirtschaftlich unzumutbaren Kosten mit sich bringt, dass es allerdings eines klugen &Uuml;bergangsmanagements bedarf. &sbquo;Starke&#8216; Nachhaltigkeit ist ein gesellschaftliches Projekt, dessen Kosten nicht allein den Gruppen der Landnutzer aufgeb&uuml;rdet werden d&uuml;rfen, sondern anteilig von allen B&uuml;rgerInnen zu tragen sind. W&auml;re ,starke` Nachhaltigkeit in den &ouml;konomischen Anreizsystemen und den politischen Institutionen fest verankert (etwa durch die Honorierung &ouml;kologischer Leistungen oder die Finanzierung von Investitionen in Naturkapitalien), so g&auml;be es viele Koalitionschancen zwischen Protagonisten dieses Konzepts und den Gruppen der Landnutzer, die sich unter den gegenw&auml;rtigen Randbedingungen h&auml;ufig feindlich gegen&uuml;ber stehen (m&uuml;ssen). Es trifft also nicht zu, dass ,starke` Nachhaltigkeit nicht finanzierbar ist, sondern es geht darum, wof&uuml;r &#8222;wir&#8220; finanzielle Ressourcen einzusetzen (nicht) bereit sind. Man schaue nur, dass unsere Gesellschaft bereit ist, f&uuml;r den Umbau von Bahnh&ouml;fen, die Weltraumfahrt oder den Bau von Br&uuml;cken zwischen Deutschland und D&auml;nemark und f&uuml;r konventionelle Landwirtschaft Summen aufzubringen, von denen der Naturschutz nur tr&auml;umen kann. W&uuml;rde man auf weniger dieser Gro&szlig;projekte verzichten und die hierf&uuml;r vorgesehenen Summen in Natur- und Umweltschutz investieren, so w&auml;re die Umsetzung starker Nachhaltigkeit gesichert. In Bezug auf die Landwirtschaft w&uuml;rde eine Umschichtung der Agrarsubventionen diese Umsetzung erm&ouml;glichen.</p>
<p>Der Rat von Sachverst&auml;ndigen f&uuml;r Umweltfragen (SRU), dem ich seit dem Jahre 2000 angeh&ouml;ren darf, vertritt in seinem Umweltgutachten 2002 ein modifiziertes Konzept starker Nachhaltigkeit. Die Zielsysteme, die der SRU u. a. in seinen letzten Sondergut-achten zum Naturschutz, zum Meeresumweltschutz, zur Mobilit&auml;tspolitik, zur Umweltverwaltung und zum Biomasseanbau vorgeschlagen hat (alle Gutachten sind unter <a href="http://www.umweltrat.de/" target="_blank" rel="noopener">www.umweltrat.de</a> verf&uuml;gbar) lassen sich als Vorschl&auml;ge verstehen, wie die Konzeption starker Nachhaltigkeit und der Verbesserungsauftrag des Art. 20 a GG zu konkretisieren w&auml;ren. Unl&auml;ngst hat Gerd Winter daf&uuml;r pl&auml;diert, bei der Schaffung des Umweltgesetzbuches (UGB) das Konzept der starken Nachhaltigkeit so, wie es der SRU in seinem Umweltgutachten 2002 (Kapitel 1) formuliert hat, in die Grunds&auml;tze des UGB mit aufzunehmen (GAIA 2007). Die Einsicht in die Notwendigkeit guter &#8222;Policey&#8220;, der Art. 20a GG und das Konzept starker Nachhaltigkeit ergeben eine konsistente Basis f&uuml;r umweltpolitisches staatliches Handeln, das auch auf eine &Auml;nderung von Verhaltensweisen abzielt.</p>
<h2 class="auto-created">Zur Ver&auml;nderung von Lebens&shy;stilen</h2>
<p>Die Konzeption starker Nachhaltigkeit wird spezifiziert durch drei Leitlinien: Effizienz, Resilienz und Suffizienz. Die Debatten &uuml;ber Rebound-Effekte und den nach wie vor zu hohen Ressourcenverbrauch erlauben es nicht, die Hoffnungen auf eine nachhaltige Entwicklung allein auf den umwelttechnischen Fortschritt zu setzen. Wirklich nachhaltige L&ouml;sungen ergeben sich erst bei intelligenten Kombinationen aus technischem Fortschritt mit ver&auml;nderten Verhaltensweisen und Einstellungen. Es w&auml;re daher einseitig, wenn durch staatliches Handeln nur die technische Entwicklung, nicht aber die hierzu komplement&auml;ren Verhaltens&auml;nderungen gef&ouml;rdert w&uuml;rden. Da, um das Bonmot von Hermann L&ouml;ns zu verwenden, der empfindlichste K&ouml;rperteil des Menschen die Geldb&ouml;rse ist, ist der Staat berechtigt, Anreizstrukturen entsprechend zu ver&auml;ndern und insofern Verhalten indirekt zu beeinflussen. Dies spricht f&uuml;r eine &ouml;kologische Steuerreform, die Ressourcenverbrauch hoch besteuert und bestimmte verbrauchsarme T&auml;tigkeiten f&ouml;rdert. So w&auml;ren Anreize zugunsten ver&auml;nderter Ern&auml;hrungs- und Mobilit&auml;tsstile (etwa durch Kerosinsteuer) durchaus zul&auml;ssig. Es w&auml;re im Rahmen einer freiheitlichen Gesellschaft bspw. sogar zul&auml;ssig, ordnungsrechtlich eine Obergrenze f&uuml;r den Verbrauch von PKW zu setzen oder bestimmte Produkte mit Abgaben zu belasten. Die Einf&uuml;hrung eines Tempolimits verst&ouml;&szlig;t ebenso wenig gegen die freiheitliche Ordnung wie ein Dosenpfand. Die M&ouml;glichkeiten rechtlicher Regulierung im Umweltbereich sind l&auml;ngst nicht ausgesch&ouml;pft, erfordern aber politische Mehrheiten, also eine B&uuml;rgerschaft mit entsprechenden &Uuml;berzeugungen. Daher m&uuml;ssen die &Uuml;berzeugungen und Wertvorstellungen der B&uuml;rgerInnen, deren sozialen Anerkennungsverh&auml;ltnisse, die Legitimit&auml;tsgrundlagen von Politik und die vielen zul&auml;ssigen Verhaltenssteuerungen durch Ordnungs-, Steuer- und Abgabenrecht insgesamt koh&auml;rent sein und eine komplexe, f&uuml;r Ver&auml;nderungen offene Textur ergeben. In Konzeptionen deliberativer Demokratie werden institutionelle Strukturen analysiert, innerhalb derer sich solche Texturen ausbilden k&ouml;nnen (Habermas 1992, Kap. VII und VIII). Es besteht daher kein grunds&auml;tzlicher Widerspruch zwischen einer freiheitlichen Grundordnung, deliberativer Demokratie und einer Politik starker Nachhaltigkeit, wohl aber ein Konflikt zwischen einem Wirtschaftsliberalismus und einer solchen Politik. Die theoretischen und philosophischen Grundlagen des Wirtschaftsliberalismus, darunter vor allem die sog. neoklassische Mikro&ouml;konomik sind jedoch, h&ouml;flich formuliert, alles andere als selbstverst&auml;ndlich und stellen keine geeignete Grundlagen f&uuml;r Debatten &uuml;ber legitime staatliche Eingriffe dar. Erstens ist der viel beschworene m&uuml;ndige Konsument nach allem, was uns die empirische Konsumforschung lehrt, nicht einfach vorhanden, wie dies in &ouml;konomischen Modellen unterstellt wird, sondern ein Ideal, das engagierter Verbraucherpolitik bedarf. Zweitens sind auf der Grundlage der Mikro&ouml;konomik Recht (und auch zumeist Moral) nur heteronom, d.h. fremdbestimmt auferlegte Einschr&auml;nkungen der je individuellen Strategien der Nutzenmaximierung. In dieser (buchst&auml;blich &#8222;idiotischen&#8220;) Perspektive kann man an Debatten &uuml;ber die Legitimit&auml;tsbedingungen und die Grenzen regulatorischer Staatst&auml;tigkeit kaum kompetent teilnehmen, da in dieser Perspektive die konzeptionelle Differenz zwischen Privatperson und Staatsb&uuml;rger nicht vorhanden ist und die rechtsethisch zentrale Idee eines &#8222;mutual coercion by mutual agreement&#8220;, die auf dieser Differenz beruht, daher nicht wirklich anerkannt werden kann. Drittens sind die Marktl&ouml;sungen, die gegen&uuml;ber staatlichen Eingriffen favorisiert werden, h&auml;ufig solche, die in idealen Modellm&auml;rkten entwickelt worden sind. Diese idealen M&auml;rkte ruhen auf starken idealisierenden Annahmen, die in der Realit&auml;t nicht erf&uuml;llt sind (bspw. vollst&auml;ndige Information).</p>
<p>(1) Es gibt f&uuml;r den &#8222;homo oeconomicus&#8220; keinen internen Grund, sich nicht als &#8222;free rider&#8220; zu verhalten.</p>
<p>(2) Wenn irgendetwas als verbesserungsbed&uuml;rftig angesehen wird, so impliziert dies pragmatisch, dass es sich nicht verschlechtern solle. Wenn ein Elternteil zu seinem Kind sagt: &#8222;Deine Schulnoten m&uuml;ssen sich bessern!&#8220; so ist klar, dass sie sich nicht noch verschlechtern sollen.</p>
<p>(3) In einem Artikel f&uuml;r die Zeitschrift &#8222;Aus Politik und Zeitgeschichte&#8220; wurden die Kerngedanken aus der Sicht des Greifswalder Ansatzes starker Nachhaltigkeit komprimiert zusammengefasst (Egan-Krieger et al. 2007).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Czybulka, D</i>. (1999): Ethische, verfassungtheoretische und rechtliche Vor&uuml;berlegungen zum Naturschutz. In: Erbguth, W., M&uuml;ller, F., Neumann, V. (Hrsg.): Rechtstheorie und Rechtsdogmatik im Austausch. Ged&auml;chtnisschrift f&uuml;r Bernd Jeand&#8217;Heur. Schriften zum &Ouml;ffentlichen Recht, Bd. 796. Berlin: Duncker&amp;Humblot, S. 83-110.</p>
<p><i>Egan-Krieger, Tanja von, Ott, Konrad, Voget, Lieske</i>: Der Schutz des Naturerbes. Aus Politik und Zeitgeschichte, 11. Juni 2007.</p>
<p><i>Elster, Jon </i>(1981) Logik und Gesellschaft. Frankfurt/M.</p>
<p><i>Geddert-Steinacher, T</i>. (1995): Staatsziel Umweltschutz: Instrumentelle oder symbolische Gesetzgebung? In: Nida-R&uuml;melin, J., v. d. Pfordten, D. (Hrsg.): &Ouml;kologische Ethik und Rechtstheorie. Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, Bd. 10. Baden-Baden.</p>
<p><i>Habermas, J</i>. (1992): Faktizit&auml;t und Geltung. Frankfurt/M.</p>
<p><i>Hegel, G. W.F</i>. (1821): Grundlinien der Philosophie des Rechts.Werkausgabe Bd. 7, Frankfurt/M. 1976.</p>
<p><i>Heyer, K</i>. (1912): Denkmalpflege und Heimatschutz im Deutschen Recht. Berlin. Kloepfer, M. (1998): Umweltrecht. 2. Aufl. M&uuml;nchen: Beck.</p>
<p><i>Murswiek, D</i>. (1996): Kommentar zu Art. 20 a GG. In: Sacks, M. (Hrsg.): Grundgesetz. Kommentar. M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Ott, K, D&ouml;ring, R</i>. (2004): Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit. Marburg.</p>
<p><i>Ott, K, D&ouml;ring, R</i>. (2007): Soziale Nachhaltigkeit: ,Suffizienz zwischen Lebensstilen und politischer &Ouml;konomie. In: Jahrbuch f&uuml;r &Ouml;kologie &Ouml;konomie. Marburg.</p>
<p><i>Ott, K </i>(1998): Umweltethik in schwieriger Zeit. Antrittsvorlesung an der Universit&auml;t Greifswald. In: Michael-Otto-Stiftung f&uuml;r Umweltschutz (Hrsg.): Umweltethik in schwieriger Zeit. Hamburg: Michael-Otto-Stiftung, S. 51-88.</p>
<p><i>Popper, K</i>. (1980): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Francke: UTB.</p>
<p><i>Riedel, M.</i> (1975): Hegels Begriff der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und das Problem seines geschichtlichen Ursprungs. In: ders. (Hg.): Materialien zu Hegels Rechtsphilosophie. Frankfurt/M., Bd. 2, S. 247-275.</p>
<p><i>SRU (Sachverst&auml;ndigenrat f&uuml;r Umweltfragen)</i> (2002a): Umweltgutachten 2002. F&uuml;r eine neue Vorreiterrolle. Stuttgart: Metzler-Poeschel.</p>
<p><i>Winter, G</i>.: Umweltgesetzbuch oder Allgemeines Umweltgesetz? In: GAIA Heft 2 Jg. 2007, S. 108-109.</p>
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		<title>Für eine ökologische Ökonomie</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/179-vorgaenge/publikation/fuer-eine-oekologische-oekonomie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Umweltschutz und wirtschaftliche Entwicklung bedingen einander aus vorg&#228;nge Heft 3/2007,S13-25 Irgendwann in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann die Menschheit erstmals mehr Stoffe zu emittieren und zu verbrauchen als die nat&#252;rlichen Lebensgrundlagen absorbieren und regenerieren konnten. Seitdem lebt die Menschheit in einem steigenden Ma&#223;e von der Substanz statt von den Ertr&#228;gen. Die Kennzeichen dieser [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Umweltschutz und wirtschaftliche Entwicklung bedingen einander</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft 3/2007,S13-25</p>
<p>Irgendwann in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann die Menschheit erstmals mehr Stoffe zu emittieren und zu verbrauchen als die nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen absorbieren und regenerieren konnten. Seitdem lebt die Menschheit in einem steigenden Ma&szlig;e von der Substanz statt von den Ertr&auml;gen. Die Kennzeichen dieser Ausbeutung des nat&uuml;rlichen Kapitals sind:</p>
<ol>
<li>Klimaver&auml;nderung und Ozonloch,</li>
<li>&Uuml;bernutzung der erneuerbaren Ressourcen (z.B.S&uuml;&szlig;wasser, Fische),</li>
<li>Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen (z.B. fossile Energietr&auml;ger, B&ouml;den),</li>
<li>Zerst&ouml;rung von &Ouml;kosystemen, Arten- und Landschaftsvielfalt,</li>
<li>Gef&auml;hrdung der menschlichen Gesundheit durch L&auml;rm und Schadstoffe.</li>
</ol>
<p>Allein die m&ouml;glichen Folgen der Klimaerw&auml;rmung sch&auml;tzt der ehemalige Chef&ouml;konom der Weltbank Sir Niclas Stern auf bis zu 20 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts, das entspricht etwa der Gr&ouml;&szlig;enordnung der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, mit all ihren Folgen (Stern 2006). Ohne eine &ouml;kologisch vertr&auml;gliche Umstrukturierung der Industriegesellschaft hin zu einer nachhaltigen &Ouml;konomie wird es nach allem was wir wissen kein dauerhaftes Wirtschaften auf der Erde geben. Diese Erkenntnis kann seit der Rio-Konferenz 1992 als gesellschaftlicher Konsens angesehen werden (Rogall 2003:30).</p>
<h2 class="auto-created">Nachhaltige Entwicklung</h2>
<p>Es besteht allerdings &uuml;berhaupt kein Konsens dar&uuml;ber, wie eine derartige nachhaltige Entwicklung konkret auszusehen hat. Die bislang bekannteste Formulierung stammt von der Brundtland-Kommission:</p>
<p>&#8222;Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bed&uuml;rfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass k&uuml;nftige Generationen ihre eigenen Bed&uuml;rfnisse nicht befriedigen k&ouml;nnen.&#8220; (Hauff 1987:46).</p>
<p>Sie ist allgemein anerkannt, aber unpr&auml;zise. Deshalb pl&auml;diert die neue Umwelt&ouml;konomie(1) f&uuml;r folgende Definition:</p>
<p>&#8222;Eine nachhaltige Entwicklung strebt f&uuml;r alle heute lebenden Menschen und k&uuml;nftigen Generationen hohe &ouml;kologische, &ouml;konomische und sozial-kulturelle Standards in den Grenzen des Umweltraums an. Sie will somit das internationale und intergenerative Gerechtigkeitsprinzip umsetzen.&#8220; (Roga112002: 43, Abgeordnetenhaus 2006: 12).</p>
<p>Dadurch werden die Grundprinzipien einer nachhaltigen Entwicklung sichtbarer: Erstens basiert eine nachhaltige Entwicklung auf dem ethischen Grundprinzip der Gerechtigkeit (international und intergenerativ). Zweitens strebt sie nicht eine einfache Verst&auml;rkung der traditionellen nachsorgeorientierten Umweltpolitik an, sondern sie umfasst alle zentralen Bereiche des menschlichen Lebens. F&uuml;r den wirtschaftlichen Bereich bedeutet sie nicht weniger als den Umbau der wirtschaftlichen Abl&auml;ufe und Strukturen im Sinne einer nachhaltigen &Ouml;konomie. Dabei macht die verwendete Definition deutlich, dass eine nachhaltige Entwicklung nicht eine freudlose Gesellschaft in einer &#8222;&Ouml;kodiktatur&#8220; anstrebt, sondern eine Gesellschaft, in der durch die Setzung von politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen die Freiheit und die Lebensqualit&auml;t f&uuml;r alle heutigen und k&uuml;nftigen Generationen gesichert werden. Drittens kann eine gleichgewichtige Abw&auml;gung zwischen den &ouml;kologischen, &ouml;konomischen und sozial-kulturellen Zielen, wie sie in der so genannten Drei-S&auml;ulen-Theorie verfolgt wird, nur innerhalb &ouml;kologischer Leitplanken, einer Fahrrinne bzw. den Naturschranken erfolgen (UBA, WBGU, WI). Die neue Umwelt&ouml;konomie bezeichnet diese Ziele als Zieldreieck der Nachhaltigkeit in den Grenzen des Umweltraums.</p>
<p>&Uuml;bersicht 1: Zieldreieck der nachhaltigen Entwicklung im Umweltraum</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s14_1.jpg" width="380" height="213" alt=""><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s15_1.jpg" width="380" height="85" alt=""></p>
<p>Diese Definition einer nachhaltigen Entwicklung ergibt sich aus der Anerkennung des intergenerativen Gerechtigkeitsgrundsatzes, nach dem jede Generation dar&uuml;ber entscheiden k&ouml;nnen muss, welche G&uuml;ter sie wie herstellt und wie sie diese gerecht verteilt. Die Ver&auml;nderung des Klimas, die Zerst&ouml;rung der Ozonschicht, die Vergiftung der B&ouml;den, ausgestorbene Arten, ausgebeutete Rohstoff- und Energiequellen schr&auml;nken diese Freiheit unzul&auml;ssig ein, da die negativen Ver&auml;nderungen nicht in akzeptablen Zeitspannen r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden k&ouml;nnen. Da die nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen eine notwendige Bedingung (Voraussetzung) f&uuml;r das menschliche Leben und Wirtschaften darstellen, ist ihre Zerst&ouml;rung inakzeptabel. Diese Position hat das Bundesumweltministerium bereits im Jahr 1998 vertreten, als es in seinem Entwurf eines umweltpolitischen Schwerpunktprogramms formulierte:</p>
<p>&#8222;Dabei kommt der &ouml;kologischen Dimension &#8211; und damit auch der Umweltpolitik &#8211; eine Schl&uuml;sselrolle zu, denn die nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen begrenzen die Umsetzungsm&ouml;glichkeiten anderer Ziele (Umwelt als limitierender Faktor). Die nat&uuml;rlichen Voraussetzungen des Lebens auf der Erde sind nicht verhandelbar&#8220; (BMU 1998/04: 10).</p>
<h2 class="auto-created">Stetiges Wirtschafts&shy;wachstum oder Entwicklung</h2>
<p>Durch welche Art von wirtschaftlicher Entwicklung werden nun die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung am besten erreicht? Wirtschaftliches Wachstum wurde von der neoklassischen &Ouml;konomie unter anderem dadurch legitimiert, dass die Steigerung der Einkommen die Menschen immer gl&uuml;cklicher mache. Schon aus diesem Grund sei Wachstum als eins der wichtigsten &ouml;konomischen Ziele anzusehen. Diese Aussage muss heute differenzierter erfolgen. Denn seit den 1970er Jahren liegen zahlreiche empirische Untersuchungen vor, nach denen wir den Zusammenhang von Einkommen (Wohlstand) und Zufriedenheit wie folgt beschreiben k&ouml;nnen:</p>
<p>(1) Sehr arme Menschen, jene, die ihre Grundbed&uuml;rfnisse nur unzureichend befriedigen k&ouml;nnen, werden mit steigenden Einkommen in der Regel zufriedener und tendenziell gl&uuml;cklicher. Das bedeutet, dass es keine global nachhaltige Entwicklung ohne wirtschaftliche Entwicklung in den armen L&auml;ndern der Welt geben wird. Das schlie&szlig;t f&uuml;r die Entwicklungsl&auml;nder eine deutliche Erh&ouml;hung der materiellen Produktion mit ein. Eine Sicherstellung der Grundbed&uuml;rfnisse f&uuml;r eine bis 2050 auf 9 Mrd. Menschen angewachsene Welt nur durch Umverteilung ist eine Illusion. Hierf&uuml;r gibt es in den Industriel&auml;ndern keinerlei Akzeptanz.(2)</p>
<p>(2) Sind die Grundbed&uuml;rfnisse erf&uuml;llt, steigt das Gl&uuml;cksgef&uuml;hl nicht mehr entsprechend dem Einkommen (die Grenze wird mit etwa 10.000 U$ Jahreseinkommen angegeben), ja es kann sogar dazu kommen, dass eine materielle Verbesserung mit einem Absinken des Gl&uuml;cksgef&uuml;hls einhergeht. So empfanden die Westdeutschen im Jahr 2004 trotz gestiegener Einkommen eine deutlich niedrigere Lebenszufriedenheit als im Jahr 1984. Viel entscheidender f&uuml;r die Zufriedenheit werden dann Beruf, sozialen Kontakte und Anerkennung (Partnerschaften, Familie, Freunde). Eine ganz zentrale Rolle spielt z.B. die Erwerbsarbeit. Menschen die arbeitslos werden sind extrem unzufrieden, unabh&auml;ngig von der H&ouml;he der staatlichen Transferzahlungen.</p>
<p>Dass oberhalb des Levels, bei dem die Grundbed&uuml;rfnissen befriedigt sind, materielle Dinge nur wenig Einfluss auf das Zufriedenheitsgef&uuml;hl haben, liegt u. a. daran, dass Menschen sich nur kurzfristig &uuml;ber sie freuen k&ouml;nnen. Sie gew&ouml;hnen sich schlicht daran, w&auml;hrend Freunde und erf&uuml;llter Beruf st&auml;ndig neue Impulse bieten. Diese Erkenntnisse m&uuml;ssten eigentlich die Gedankengeb&auml;ude der &Ouml;konomie revolutionieren, bislang werden aber die &uuml;berholten Theorien weiter gelehrt (Heuser/Jungbluth 2007/07: 34).</p>
<p>Was ein hohes stetiges wirtschaftliches Wachstum f&uuml;r Folgen haben kann, zeigt das Beispiel China, das seit Anfang der neunziger Jahre hohe, teilweise zweistellige Wachstumsraten aufzuweisen hat. Nach Angaben des stellvertretenden Ministers f&uuml;r Umwelt Pan Yue sind u. a. folgende Umweltprobleme festzustellen:</p>
<p>(1) Die f&uuml;r Landwirtschaft und weitere Siedlungsfl&auml;che nutzbare Fl&auml;che hat sich aufgrund des Wachstums der W&uuml;sten und Siedlungsfl&auml;chen in den letzten 50 Jahren halbiert,</p>
<p>(2) auf einem Drittel des chinesischen Territoriums geht saurer Regen nieder,</p>
<p>(3) die H&auml;lfte des Wassers der sieben gr&ouml;&szlig;ten Fl&uuml;sse ist v&ouml;llig unbrauchbar und ein Viertel der B&uuml;rger Chinas hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser,</p>
<p>(4) ein Drittel der Einwohner von St&auml;dten muss stark schadstoffbelastete Luft atmen (z.B. sind in Peking 70 bis 80 Prozent aller t&ouml;dlichen Krebserkrankungen umweltbedingt. Lungenkrebs ist die h&auml;ufigste Todesursache),</p>
<p>(5) mehr als 80 Prozent des Abfalls werden nicht umweltvertr&auml;glich entsorgt und belasten damit die Umwelt,</p>
<p>(6) die Umweltbelastungen sorgen schon heute daf&uuml;r, dass 8 bis 15 Prozent des BIP zu deren Beseitigung verwendet werden m&uuml;ssten.</p>
<p>Hinzu kommen die erheblichen Gesundheitskosten und das menschliche Leid. Pan Yue kommt zu folgendem Fazit:</p>
<p>&#8222;Die &ouml;kologisch belasteten Gebiete k&ouml;nnen schon jetzt ihre Bewohner nicht mehr verkraften. Deshalb m&uuml;ssen wir in Zukunft (&#8230;) rund 186 Millionen B&uuml;rger umsiedeln. Die anderen (chinesischen) Provinzen k&ouml;nnen aber nur 33 Millionen aufnehmen. China wird also &uuml;ber 150 Millionen &ouml;kologische Migranten, ja wom&ouml;glich sogar &ouml;kologische Fl&uuml;chtlinge haben.&#8220; (Yue 2005: 149).</p>
<p>K&ouml;nnen ja m&uuml;ssen die Industriestaaten und sog. Schwellerl&auml;nder daher auf weiteres wirtschaftliches Wachstum verzichten? Daly u.a. bejahen diese Frage und fordern eine Gleichgewichts-&Ouml;konomie (Steady-State Economy), d. h. ein Wirtschaftssystem, das darauf ausgerichtet ist, eine konstante Ausstattung mit materiellen G&uuml;tern zu gew&auml;hrleisten, die f&uuml;r ein &#8222;gutes Leben&#8220; ausreicht (Daly 1991). Leider bleiben die &Ouml;konomen,</p>
<p>die sich f&uuml;r eine Steady-State Economy aussprechen, die Antwort schuldig, wie ein derartiger &#8222;systemsprengender Transformationsprozess&#8220; zu bewerkstelligen w&auml;re. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stellt nicht nur die Summe der erzeugten G&uuml;ter dar, sondern als Kehrseite auch die Summe des erzielten Volkseinkommens (Arbeitnehmereinkommen, Kapitaleinkommen und Gewinne) plus der Abschreibungen in einer Volkswirtschaft. Die Forderung, auf Wachstum zu verzichten w&auml;re gleichbedeutend mit der Forderung, die gesamtwirtschaftlichen Einkommen einzufrieren. Diese Forderung genie&szlig;t aber &#8211; selbst in den relativ wohlhabenden Industriestaaten &#8211; eine geringe Akzeptanz unter der gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung. Auch von daher ist die Zielsetzung, eine Gleichgewichts-&Ouml;konomie kurzfristig erreichen zu wollen, nicht sehr aussichtsreich, ganz zu schweigen von einer Reihe von &ouml;konomischen Problemen. So ist bis heute &#8211; auch von Steady- State &Ouml;konomen &#8211; nicht schl&uuml;ssig erkl&auml;rt worden, wie unser auf Wachstum aufgebautes Wirtschaftssystem so umzubauen w&auml;re, dass eine Gleichgewichts-&Ouml;konomie funktionieren k&ouml;nnte. Z.B. m&uuml;ssten die folgenden Fragen beantwortet werden: Wie soll in einer sozial-&ouml;kologischen Markt- oder Gemischtwirtschaft die Wachstumsrate des BIP bzw. das BNE festgelegt werden? Wie soll der Staat in einer Gemischtwirtschaft das BIP und damit das Volkseinkommen, die Nettoinvestition und Neuverschuldung konstant halten, d.h. Nachfrage- und Investitionssteigerungen verhindern? Wie soll ein hoher Besch&auml;ftigungsstand trotz weiterer Produktivit&auml;tssteigerungen erreicht werden und wie die Sozialensicherungssysteme trotz demografischen Wandels aufrechterhalten werden k&ouml;nnen?</p>
<h2 class="auto-created">Nachhaltige wirtschaft&shy;liche Entwicklung durch selektives Wachstum</h2>
<p>Unstrittig ist in der &ouml;kologischen &Ouml;konomie(3) und neuen Umwelt&ouml;konomie die Auffassung, dass eine weitere wirtschaftliche Entwicklung nur im Rahmen des Umweltraumes erfolgen darf (Einhaltung der Grenzen des Umweltraumes, von anderen auch als &#8222;&ouml;kologische Leitplanken&#8220; bezeichnet, Hinterberger 1996: 246). Da eine Strategie, die gesamtwirtschaftliche Wachstumsraten bewusst verhindern will, auf absehbare Zeit nicht als durchsetzbarer Ansatz gesehen wird, empfiehlt die neue Umwelt&ouml;konomie das Konzept eines selektiven Wachstums (Eppler 1981: 147) oder einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung (andere Autoren nennen das &#8222;qualitatives Wachstum&#8220;, Majer 1984). Eine derartige Entwicklung soll erreicht werden, indem die Rahmenbedingungen mittels politisch-rechtlicher Instrumente ge&auml;ndert werden (Schaffung &ouml;kologischer Leitplanken).</p>
<p>Bei diesem Konzept geht es um die Initiierung eines Umstrukturierungsprozesses, bei dem zukunftsvertr&auml;gliche Produkte, Verfahren und Strukturen nicht-nachhaltige Techniken und Produkte ersetzen. Hiernach w&uuml;rden die Grundelemente der sozial-&ouml;kologischen Marktwirtschaft nicht ver&auml;ndert werden, allerdings die sozial-&ouml;kologischen Leitplanken die &ouml;konomische Entwicklung weit deutlicher beeinflussen als heute. Um die Grenzen des Umweltraumes bei dieser Entwicklung einhalten zu k&ouml;nnen, muss die folgende Nachhaltigkeitsformel f&uuml;r eine wirtschaftliche Entwicklung eingehalten werden:</p>
<p>Die Steigerung der Ressourcenproduktivit&auml;t muss st&auml;ndig gr&ouml;&szlig;er als die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts sein.</p>
<p>Dabei dr&uuml;ckt die Ressourcenproduktivit&auml;t das Verh&auml;ltnis von hergestellter G&uuml;termenge zum Ressourceneinsatz (inkl. Schadstofffreisetzung) aus (z.B. BIP zu Prim&auml;renergieverbrauch oder BIP zu CO2 &#8211; Emissionen). Damit sagt die Entwicklung des Ressourcenverbrauchs etwas dar&uuml;ber aus, wie effizient eine Volkswirtschaft mit den nat&uuml;rlichen Ressourcen umgeht.</p>
<p>Die Einhaltung dieser Nachhaltigkeitsformel k&ouml;nnte das Statistische Bundesamt mittels der Umwelt&ouml;konomischen Gesamtrechnung (UGR) &uuml;berpr&uuml;fen. Die neue Umwelt&ouml;konomie empfiehlt einen Automatismus einzuf&uuml;hren, der daf&uuml;r sorgt, dass bei Nichteinhaltung der Formel durch Umweltabgaben die Preise f&uuml;r Energie und Rohstoffe j&auml;hrlich um z.B. real 5 Prozent erh&ouml;ht werden, bis die Formel eingehalten wird und die in den Jahren zuvor &uuml;berschrittenen Ressourcenverbrauche wieder ausgeglichen sind. Weizs&auml;cker hat eine derartige Preiserh&ouml;hung im Zuge einer &Ouml;kologischen Steuerreform gefordert (Weizs&auml;cker 1997: 164).</p>
<p>F&uuml;r diese &ouml;kologische Umstrukturierung (J&auml;nicke spricht von Modernisierung) der Volkswirtschaft reicht kein einzelnes Instrument oder eine Ma&szlig;nahme aus. Wenn eine zukunftsvertr&auml;gliche Wirtschaftsweise die Reduktion unserer Energie- und Stoffstr&ouml;me um 80-90 Prozent verlangt, hat nur die Aussch&ouml;pfung verschiedener Strategien Aussicht auf Erfolg (Schmidt-Bleek 1994, Deutscher Bundestag 2002/07). Hierbei sind folgende, weithin bekannte Strategiepfade einer nachhaltigen Entwicklung (&Ouml;konomie) konsequent umzusetzen(4)</p>
<p>(1) Effizienzstrategie: Vorhandene Produkte werden ressourceneffizienter (inkl. schadstoff&auml;rmer) gestaltet. Leitziel ist, die Ressourceneffizienz um den Faktor 10 zu steigern (z.B. &#8222;1-Liter-Auto&#8220;).</p>
<p>(2) Konsistenzstrategie (auch als Substitutionsstrategie bezeichnet): Hierbei werden neue zukunftsf&auml;hige Produkte entwickelt (z.B. erneuerbare Energietr&auml;ger statt &Ouml;l-Heizung).</p>
<p>(3) Suffizienzstrategie: Neue Lebensstile (Dematerialisierung der Wirtschaft, neue Konsummuster wie &#8222;gut leben statt viel haben&#8220;) und strukturver&auml;ndernde Ma&szlig;nahmen (Leitidee: &#8222;soviel internationaler Warenaustausch wie n&ouml;tig, soviel Regionalisierung wie m&ouml;glich&#8220;) sollen entwickelt und allm&auml;hlich umgesetzt werden.</p>
<p>Die oft zu beobachtende Debatte &uuml;ber Effizienz versus Konsistenz oder versus Suffizienz zielt also zu kurz (zu den Problemen und Grenzen der Strategiepfade s. Rogall 2008: Kap. 4.3).</p>
<h2 class="auto-created">Wie ist ein selektives Wachstum zu erreichen?</h2>
<p>Viele Umweltpolitiker und -wissenschaftler hoffen, dass alle Wirtschaftsakteure durch Aufkl&auml;rung und Bewusstseinsbildung erkennen, dass die &Uuml;bernutzung der Natur, z.B. die Klimaerw&auml;rmung die Lebensgrundlagen von Milliarden Menschen und anderen Lebewesen zerst&ouml;ren wird, und sie sich deshalb z.B. in ihrem Energieverbrauch bewusst einschr&auml;nken w&uuml;rden. Dem widersprechen jedoch die Erkenntnisse der Umwelt&ouml;konomie, wonach sich Menschen auf Grund von sozial-&ouml;konomischen Faktoren (Externalisierung von Umweltkosten, &ouml;ffentliche-G&uuml;ter-Problematik usw.) nur schwer dauerhaft nachhaltig verhalten k&ouml;nnen.</p>
<p>Durch die Externalisierung von Umweltkosten senden die Produkte falsche Preissignale. Konsumenten und Produzenten befinden sich im Gefangenendilemma (das Klima erw&auml;rmt sich nicht langsamer, wenn ich allein auf Flugreisen verzichte). Menschen verhalten sich bei der Auswahl von G&uuml;tern in ihrer Mehrheit oft zweckrational, d.h. wenn eine &Ouml;l-Heizung W&auml;rme betriebswirtschaftlich preiswerter zur Verf&uuml;gung stellen kann als erneuerbare Energien (da die Folgekosten der Klimaver&auml;nderung nicht im &Ouml;l-Preis enthalten sind), werden die meisten Menschen die &Ouml;l-Heizung w&auml;hlen. Diesen sozial- &ouml;konomischen Faktoren kann sich kaum jemand vollst&auml;ndig entziehen. Die Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen sind unter ethischen Gesichtspunkten traurig aber unwiderlegbar: Ohne eine &Auml;nderung der Rahmenbedingungen mittels politisch-rechtlicher Instrumente wird es keine nachhaltige Entwicklung geben.</p>
<p>Die Erkenntnisse der Umwelt&ouml;konomie wurden in den 1990er Jahren durch zwei gro&szlig;e Untersuchungen empirisch best&auml;tigt. Deren Ergebnisse zeigten, dass sich hohes Umweltbewusstsein und umweltsch&auml;dliches Verhalten keinesfalls ausschlie&szlig;en. Umweltbewusste verf&uuml;gen im Durchschnitt &uuml;ber eine wesentlich h&ouml;here Ausbildung als die weniger Umweltbewussten, hierdurch verf&uuml;gen sie in der Regel &uuml;ber besser bezahlte Berufe. Zwar trennen sie sorgf&auml;ltiger ihren M&uuml;ll als die weniger Umweltbewussten und kaufen &uuml;berdurchschnittlich viele Mehrwegflaschen, ihr h&ouml;heres Einkommen f&uuml;hrt jedoch auch zu gr&ouml;&szlig;eren Wohnungen und Pkws sowie l&auml;ngeren und h&auml;ufigeren Flugreisen. Dies kompensiert meist ihre Bem&uuml;hungen, sich umweltfreundlicher zu verhalten (Kulke 1993; Bodenstein 1998). Dieser Unterschied zwischen Denken und Handeln wird auch deutlich, wenn man sich vor Augen f&uuml;hrt, dass der Energieverbrauch der Haushalte f&uuml;r Wohnzwecke zwischen 1995 und 2005 um weitere 3,5 Prozent gestiegen ist (UBA 2006/11: 1), obgleich Zweidrittel gro&szlig;e Sorge &uuml;ber die k&uuml;nftige Umweltsituation &auml;u&szlig;ern. Eine gro&szlig;e Mehrheit von 70 Prozent aller Deutschen vertritt die Ansicht: &#8222;dass die Bundesregierung mehr f&uuml;r den Umweltschutz tun soll&#8220; (ganze 2 Prozent fordern, das sie weniger tun soll, BMU 2006/11: 41). Die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung pl&auml;diert daf&uuml;r, &#8222;dass die Politik mit allen ihr zur Verf&uuml;gung stehenden Mitteln f&uuml;r eine deutliche Verringerung von klimasch&auml;dlichen Gasen zu sorgen hat, und zwar vor allem mit Vorschriften und F&ouml;rderprogrammen.&#8220; (BMU 2006/11: 42).</p>
<p>Aus diesen und anderen empirischen Daten zieht die neue Umwelt&ouml;konomie den Schluss, dass sich die Mehrheit der deutschen Bev&ouml;lkerung Umweltma&szlig;nahmen w&uuml;nscht, die f&uuml;r alle Wirtschaftsakteure gelten, weil sie bei individuellen Ma&szlig;nahmen nicht sicher sein k&ouml;nnen, dass sich die Mehrheit gleicherma&szlig;en umweltfreundlich verh&auml;lt (Problem des Gefangenendilemmas). Die Bev&ouml;lkerung verh&auml;lt sich an dieser Stelle viel rationaler, als die Mehrzahl der Politiker dies wahrhaben will. Eine Erfolg versprechende Strategie f&uuml;r eine nachhaltige Entwicklung beschr&auml;nkt sich also nicht allein auf eine Bewusstseinsbildung der Menschen, sie besteht vielmehr in der schrittweisen Umgestaltung der Rahmenbedingungen f&uuml;r Produzenten und Konsumenten, so dass eine &ouml;kologische Modernisierung der Volkswirtschaft zum Eigeninteresse aller Akteure wird. Gelingt diese Strategie der Einf&uuml;hrung von politisch-rechtlichen Instrumenten,</p>
<p>k&ouml;nnen auch die Strategiepfade einer nachhaltigen Entwicklung umgesetzt werden. Diese Aussagen gelten auch f&uuml;r die Unternehmen. Sie haben in ihrer &uuml;berwiegenden Mehrzahl bislang keine nachhaltige Umweltschutzpolitik betrieben. Zwar haben einzelne Unternehmen &#8211; z.B. im Rahmen von &Ouml;ko-Audits &#8211; beispielgebende Verbesserungen in ihren Produktionsmethoden durchgef&uuml;hrt, auf Grund falscher Rahmenbedingungen entwickeln sie aber nur selten wirklich nachhaltige Produkte. So produziert z. B. kein Automobilkonzern ein 1- bzw. 2-J,iter-Auto, vielmehr haben &#8222;Saurier-Fahrzeuge&#8220; mit 500 PS immer noch ein gr&ouml;&szlig;eres Prestige.</p>
<p>&Uuml;bersicht 2: Umweltpolitisches Instrumentarium</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s20-1.jpg" width="380" height="257" alt=""></p>
<h2 class="auto-created">Potentiale einer &ouml;kolo&shy;gi&shy;schen Umstruk&shy;tu&shy;rie&shy;rung der Volks&shy;wirt&shy;schaft</h2>
<p>Die Behauptung, Umweltschutz koste nichts sondern spare durch die Senkung der externen Kosten per Saldo Geld ein, ist etwas undifferenziert, aber im Prinzip richtig auch wenn ein mathematischer Beweis aufgrund der bekannten Monetarisierungsprobleme (was kostet eine ausgestorbene Rotkehlchenart?) kaum erfolgen kann. &Ouml;kologische &Ouml;konomen sehen Umweltschutzma&szlig;nahmen als volkswirtschaftliche Investitionen an, die auch Geld (Kapital) kosten, ohne die gleichwohl keine Volkswirtschaft dauerhaft existieren kann.</p>
<p>Um zu ermessen, welche Auswirkungen verst&auml;rkte Umweltinvestitionen im Sinne eines &ouml;kologischen Umbaus der Volkswirtschaft auf die Zielgr&ouml;&szlig;en Besch&auml;ftigung und Bed&uuml;rfnisbefriedigung haben, ist es wichtig zu verstehen, dass eine Zunahme von Ausgaben (z.B. der Bau einer Solaranlage) nicht allein als Kosten anzusehen ist, sondern volkswirtschaftlich zugleich immer eine Steigerung von Einkommen darstellt (die Ausgaben von einem Wirtschaftsakteur z.B. einem &#8222;H&auml;uslebauer&#8220; sind immer die Einnahmen von einem anderen, z.B. einem Handwerker). Vorausgesetzt die anderen Ausgaben bleiben konstant, steigen also mit wachsenden Ausgaben f&uuml;r Umwelttechniken auch die Einkommen. Das nennt man wirtschaftliches Wachstum. &Uuml;bersteigt dieses Wachstum die Produktivit&auml;tssteigerungen entsteht hierdurch zus&auml;tzliche Besch&auml;ftigung. Das ist in Deutschland seit einigen Jahren der Fall.</p>
<p>Mit der modernen Umweltschutzgesetzgebung ist der Umweltschutzsektor zu einem der wichtigsten Besch&auml;ftigungsfelder in Deutschland geworden. Heute sind etwa 1,5 Mio. Menschen im Umweltschutzsektor besch&auml;ftigt (BMU 2006/03: 18). An diese &#8222;Erfolgsstory&#8220; k&ouml;nnte angekn&uuml;pft und ein zun&auml;chst auf 20 Jahre konzipiertes &#8222;Programm der &ouml;kologischen Modernisierung&#8220; durchgef&uuml;hrt werden. Dabei ginge es um die systematische &ouml;kologische Umstrukturierung der Wirtschaft mit dem Ziel, nachhaltige Produkte und Verfahren zu entwickeln, die die Grundbed&uuml;rfnisse der Menschen befriedigen k&ouml;nnen, und deren Einsatz sich durch den geringeren Ressourcenverbrauch langfristig z. T. selbst finanziert (z.B. Heiz&ouml;l durch Solaranlage). Um dieses Ziel zu erreichen, sollte ein Mix aus umweltpolitischen Instrumenten eingesetzt werden.</p>
<p>Aus Platzgr&uuml;nden wird im Folgenden statt einer ausf&uuml;hrlichen Beschreibung des Programms eine &Uuml;bersicht geboten (ausf&uuml;hrlich siehe J&auml;nicke 2002, Rogall 2004: 192 und Rogall 2006: 409).(5)</p>
<p><img decoding="async" border="1" alt="" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s21-1.jpg" width="380" height="236"><img decoding="async" border="1" alt="" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s22-1.jpg" width="372" height="500"></p>
<h2 class="auto-created">Fazit</h2>
<p>Der Beitrag hat die Erkenntnisse der &ouml;kologischen &Ouml;konomie und neuen Umwelt&ouml;konomie zusammengefasst, die zeigen, dass Umweltschutz und wirtschaftliche Entwicklung (im Sinne eines selektiven Wachstums) einander bedingen. Ohne sie wird es keine dauerhafte Entwicklung auf der Erde geben. Funktionieren kann eine derartige nachhaltige Entwicklung nur wenn das heutige Wachstumsparadigma durch das Ziel eines selektiven Wachstums im Rahmen des Umweltraumes ersetzt wird.</p>
<p>Nachhaltigkeitsstrategien, die dieses Ziel allein durch ein umweltbewussteres Verhalten der Konsumenten erreichen wollen zielen zu kurz. Die sozial-&ouml;konomischen Faktoren (Externalisierung, Gefangendilemma u.v.a.m.) verhindern eine individuelle nachhaltige Verhaltensweise. An diesem Marktversagen wird sich mittelfristig nichts &auml;ndern. Eine zukunftsf&auml;hige Gesellschaft kann daher keine reine Marktwirtschaft sein, sondern nur eine sozial-&ouml;kologische Markt- oder Gemischtwirtschaft, in der die demokratischen Entscheidungstr&auml;ger politisch-rechtliche Instrumente im Sinne von &ouml;kologischen Leitplanken einf&uuml;hren. In der Folge w&uuml;rden nicht nur die Grenzen der Natur respektiert sondern auch die wichtigen &ouml;konomischen Ziele Besch&auml;ftigung und Bed&uuml;rfnisbefriedigung positiv beeinflusst.</p>
<p>* Der Artikel basiert auf der 2. Aufl. des Buches Rogall, H. (2008): &Ouml;kologische &Ouml;konomie -Neue Umwelt&ouml;konomie, Wiesbaden, das im April 2008 beim VS Verlag Wiesbaden erscheinen wird, alle Quellen die in dem Artikel nicht aufgef&uuml;hrt sind, finden sich dort.</p>
<p>1 &Uuml;ber die Grundlagen einer neuen Umwelt&ouml;konomie wird seit Ende der 90er Jahre im Zuge der Diskussion um den Beitrag der &Ouml;konomie f&uuml;r eine nachhaltige Entwicklung an der Fachhochschule f&uuml;r Wirtschaft Berlin (FHW) diskutiert. Sie versteht sich als Unterschule der &ouml;kologischen &Ouml;konomie. Dabei sprechen wir immer dann von neuer Umwelt&ouml;konomie, wenn es sich um unsere eigenen Positionen handelt, die von der Mehrheitsmeinung der &ouml;kologischen &Ouml;konomie abweicht (s. Rogall 2008, Kap. 4).</p>
<p>2 Die Argumentation muss hier aus Platzgr&uuml;nden sehr Holzschnittartig erfolgen, ohne eine gerechtere Verteilung des globalen Wohlstandes (z.B. &uuml;ber gerechtere Preise) wird es keine zukunftsf&auml;hige Entwicklung geben, das gilt allerdings auch f&uuml;r die Forderung nach einer schnellstm&ouml;glichen D&auml;mpfung des Bev&ouml;lkerungswachstums.</p>
<p>3 Die &ouml;kologische &Ouml;konomie (andere Autoren sprechen von &Ouml;konomik) ist in den 1980er Jahren aus der Kritik an der neoklassischen Umwelt&ouml;konomie entstanden, sie f&uuml;hlt sich einer nachhaltigen Entwicklung verpflichtet (vgl. Bartmann 1996 und Rogall 2002 und 2008).</p>
<p>4 Die Unterteilung erfolgt aus didaktischen Gr&uuml;nden, in der Realit&auml;t ergibt sich nat&uuml;rlich eine Reihe von &Uuml;berschneidungen, z.B. unterst&uuml;tzen Vertreter der Effizienzstrategie auch Techniken der Konsistenzstrategie wie umgekehrt Vertreter der Konsistenzstrategie Effizenzstrategien unterst&uuml;tzen. Auch kann z.B. die verst&auml;rkte Nutzung des Fahrrads als ein Teil der Konsistenz- wie der Suffizienzstrategie angesehen werden.</p>
<p>5 Die &ouml;kologischen Handlungsziele f&uuml;r 2020 und 2050 werden vorangestellt (die Reduktionsziele beziehen sich immer auf das Basisjahr 1990), gefolgt von den empfohlenen Techniken und den m&ouml;glichen Besch&auml;ftigungswirkungen. Den Zahlenangaben liegen Studien zu Grunde, die teilweise unterschiedliche Abgrenzungen verwenden, manchmal den Saldo zwischen Arbeitsplatzschaffung und Abbau und manchmal nur den reinen positiven Effekt angeben. Weiterhin handelt es sich um Szenarios, bei denen von optimalen politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen ausgegangen wird. Damit k&ouml;nnen die Angaben nur die potenziellen Gr&ouml;&szlig;enordnungen wiedergeben und d&uuml;rfen nicht einfach addiert werden. Immerhin k&ouml;nnten bei konsequenter Anwendung deutlich &uuml;ber eine Millionen Arbeitspl&auml;tze geschaffen werden. Ein Teil der Investitionskosten k&ouml;nnte durch die eingesparten nat&uuml;rlichen Ressourcen finanziert werden, der andere Teil bedeutet eine Umstrukturierung des Warenkorbes.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Abgeordnetenhaus von Berlin (2006): Lokale Agenda 21 &#8211; Berlin zukunftsf&auml;hig gestalten, Brosch&uuml;re, Berlin.</p>
<p>BMU (1998/04): Entwurf eines umweltpolitischen Schwerpunktprogramms, Brosch&uuml;re. BMU (2005/O1): Umwelt und Besch&auml;ftigung, Brosch&uuml;re.</p>
<p>BMU (2006/03): Wirtschaftssektor Umwelt, Brosch&uuml;re, Berlin.</p>
<p>BMU (2006/11): Umweltbewusstsein in Deutschland 2006, Brosch&uuml;re Berlin.</p>
<p>Bodenstein, G.; Elbers, H.; Spiller, A.; Zuhlsdorf, A. (1998): Umweltsch&uuml;tzer als Zielgruppe des &ouml;kologischen Innovationsmarketings &#8211; Ergebnisse einer Befragung von BUND-Mitgliedern, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der UNI Duisburg Nr. 246, Duisburg.</p>
<p>Daly, H. (1991): Steady-State Economics, 2. Auflage, San Francisco.</p>
<p>Daly, H. (1999): Wirtschaft jenseits vom Wachstum -Die Volkswirtschaftslehre nachhaltiger Entwicklung, Salzburg, M&uuml;nchen, original: Beyond Growth, The Economics of sustainable Develpoment, Boston 1996.</p>
<p>Deutscher Bundestag (2002/07): Endbericht der Enquete -Kommission Nachhaltige Energieversorgung unter den Bedingungen der Globalisierung und der Liberalisierung, BT-Drs. 14/9400 vom 7.7.2002.</p>
<p>Eppler, E. (1981): Wege aus der Gefahr, Reinbek.</p>
<p>Hauff, V. (Hrsg.): Unsere gemeinsame Zukunft &#8211; Der Brundtland-Bericht der Weltkommission f&uuml;r Umwelt und Entwicklung, Greven 1987; Originaltitel: World Commission on Environment and Development: Our common future.</p>
<p>Heuser, U.J,&bull; Jungbluth, R. (2007): Schneller? Reicher? Gl&uuml;cklicher! in: Die Zeit Nr. 28, 5.7.2007: 21. Hinterberger, F.; Luks, F.; Stewen, M. (1996): &Ouml;kologische Wirtschaftspolitik &#8211; Zwischen &Ouml;kodiktatur und Umweltkatastrophe, Berlin.</p>
<p>J&auml;nicke, M; Volkery, A. (2002): Agenda 2002 ff &#8211; Perspektiven und Zielvorgaben nachhaltiger Entwicklung f&uuml;r die n&auml;chste Legislaturperiode., Kurzgutachten f&uuml;r die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung.</p>
<p>Kulke, U.: Sind wir im Umweltschutz nur Maulhelden?, in: Natur 3/1993.</p>
<p>Majer, H. (1984): Qualitatives Wachstum. Eine Einf&uuml;hrung in Konzeption der Lebensqualit&auml;t, Frankfurta.M.</p>
<p>Majer, H. (1999): Wachstum aus der Sicht der &ouml;kologischen &Ouml;konomie, in: Jahrbuch &Ouml;kologische &Ouml;konomik, Marburg, S. 320 ff.</p>
<p>Rogall, H. (2002): Neue Umwelt&ouml;konomie &#8211; &Ouml;kologische &Ouml;konomie, Opladen.</p>
<p>Rogall, K(2003): Akteure der nachhaltigen Entwicklung, M&uuml;nchen.</p>
<p>Rogall, H. (2004): &Ouml;konomie der Nachhaltigkeit &#8211; Handlungsfelder f&uuml;r Politik und Wirtschaft, Wies-baden.</p>
<p>Rogall, H. (2006): Volkswirtschaftslehre f&uuml;r Sozialwissenschaftler &#8211; eine Einf&uuml;hrung, Wiesbaden. Rogall, H. (2008): &Ouml;kologische &Ouml;konomie &#8211; Neue Umwelt&ouml;konomie, vollst&auml;ndig &uuml;berarbeitete und erweiterte Auflage 2. Auflage, erscheint im April 2008 beim VS Verlag Wiesbaden.</p>
<p>Schmidt-Bleek, F. (1994): Wie viel Umwelt braucht der Mensch? MIPS &#8211; das Ma&szlig; f&uuml;r &ouml;kologisches Wirtschaften, Berlin, Basel, Boston.</p>
<p>Stern, N. (2006): Stern Review &#8211; Der wirtschaftliche Aspekt des Klimawandels, Zusammenfassung: <a href="http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2006/11/2006-11-24wirtschaftliche-folgen" target="_blank" rel="noopener">http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2006/11/2006-11-24wirtschaftliche-folgen</a> des-klimawandels.html.</p>
<p>UBA- Umweltbundesamt (2006/11): wie private Haushalte die Umwelt nutzen &#8211; h&ouml;herer Energieverbrauch trotz Effizienzsteigerung, Papier. <a href="http://www.destatis.de/jetspeed/portaUcros/Sitesldesta" target="_blank" rel="noopener">http://www.destatis.de/jetspeed/portaUcros/Sitesldesta</a>&#8211;</p>
<p>tis/Internet/DE/Presse/pk/2006/LJGR/UBA-Hintergrundpapier,property=f le.pdf. UBA-Umweltbundesamt (2002): Nachhaltige Entwicklung in Deutschland, Berlin.</p>
<p>Weizs&auml;cker, E. U. v (1997): Erdpolitik, 5. Auflage, Darmstadt.</p>
<p>Yue, P. (2005): Das Wunder ist bald zu Ende, Interview in: Der Spiegel 10/2005.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/179-vorgaenge/publikation/fuer-eine-oekologische-oekonomie/">Für eine ökologische Ökonomie</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/179-vorgaenge/publikation/umweltschutz-und-soziale-gerechtigkeit/</link>
		
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:45:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>&#220;berlegungen zu einem Spannungsfeld der Umweltpolitik aus vorg&#228;nge Heft3/2007,S26-37 &#8222;&#8230; [T]he question of whether [environmental] sustainability and justice are compatible objectives can only be resolved empirically, and the range &#8211; and depth &#8211; of empirical research required to resolve this question has not been done&#8220; (Dobson 1998: 243; Einf&#252;gungen in Klammern S.E.). Man wird kaum [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>&Uuml;berlegungen zu einem Spannungsfeld der Umweltpolitik</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft3/2007,S26-37</p>
<p>&#8222;&#8230; [T]he question of whether [environmental] sustainability and justice are compatible objectives can only be resolved empirically, and the range &#8211; and depth &#8211; of empirical research required to resolve this question has not been done&#8220; (Dobson 1998: 243; Einf&uuml;gungen in Klammern S.E.).</p>
<p>Man wird kaum nennenswert Widerspruch ernten, wenn man feststellt, dass der Schutz der nat&uuml;rlichen Umwelt als gesellschaftliche Aufgabe heute weitgehend anerkannt ist und als Zielstellung in die gesellschaftlichen Institutionen Eingang gefunden hat. Die einstmalige Polarisierung der Auseinandersetzung &#8211; stilisiert in der Konfliktstellung von &Ouml;konomie versus &Ouml;kologie &#8211; ist vielfach der Erkenntnis gewichen, dass der Umweltschutz nicht nur gesellschaftliche Kosten erzeugt, sondern auch Chancen er&ouml;ffnet.(1) Es steht zu vermuten, dass auch die Anziehungskraft des in der Folge des Brundtland-Reports und der Agenda 21 (verabschiedet auf der UNCED Konferenz in Rio de Janeiro 1992) in den &ouml;kologischen Diskurs eingegangenen Begriffs des &#8222;sustainable development&#8220; bzw. der &#8222;nachhaltigen Entwicklung&#8220; vor diesem Hintergrund zu sehen ist. Statt des konfligierenden Entweder-Oder legt er eine integrative Betrachtungsweise nahe. Der Begriff verweist auf die systematische Verschr&auml;nkung von &ouml;kologischen, &ouml;konomischen und sozialen Entwicklungsbedingungen im globalen Ma&szlig;stab und repr&auml;sentiert damit eine Formel, welche die Aufforderung enth&auml;lt, Probleme in unterschiedliche Dimensionen im Zusammenhang zu denken (dazu Brand 1997, Brand/Jochum 2000). Damit ist genau besehen freilich zun&auml;chst nur das Problem benannt, das es zu l&ouml;sen gilt. Karl-Werner Brand und Georg Jochum sprechen zu Recht vom Konzept der nachhaltigen Entwicklung als einer normativen Leitidee (Brand/Jochum 2000: 174).</p>
<p>Ungeachtet der gesellschaftlichen Normalisierung von Umweltschutz entgeht schon dem aufmerksamen Zeitungsleser nicht, dass dieser, wenn er mit anderen Priorit&auml;ten in Konflikt zu geraten droht, nach wie vor oftmals unter erheblichen Durchsetzungsschw&auml;chen leidet. Man hat es hier nicht zuletzt mit dem Problem zu tun, dass sich etwa die Einsicht in die Unzul&auml;nglichkeit der kruden Entgegensetzung von &Ouml;konomie und &Ouml;kologie in konkreten empirischen F&auml;llen angesichts der real vorfindlichen komplexen Gemengelage von potentiellen Gewinnern und Verlierern, kurzfristigen und langfristigen sowie individuellen und kollektiven Interessen nicht immer ohne weiteres operationalisieren l&auml;sst. Diese Seite des die Problematik der nachhaltigen Entwicklung bestimmenden Spannungsfeldes ist dabei hinsichtlich der Struktur der Konfliktkonstellationen, der Ans&auml;tze f&uuml;r L&ouml;sungsstrategien, Instrumente etc, verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gut untersucht. Jene andere Seite in diesem dreipoligen Spannungsfeld, die durch das Verh&auml;ltnis von &ouml;kologischen zu sozialen Rationalit&auml;tsgesichtspunkten bestimmt ist, wurde dagegen bislang vergleichsweise weniger gut durchgearbeitet. Dies gilt insbesondere f&uuml;r das Verh&auml;ltnis zwischen Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit &#8211; ein Befund, der im Lichte der exponierten Rolle der Frage sozialer Gerechtigkeit im Nachhaltigkeitsdiskurs &uuml;berraschen mag.</p>
<p>Das Verh&auml;ltnis zwischen Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit wird hierzulande gerade im Zuge des Diskurses um Nachhaltigkeit h&auml;ufig als Frage intergenerationeller Gerechtigkeit oder im globalen Ma&szlig;stab als Problem im Verh&auml;ltnis zwischen Norden und S&uuml;den thematisiert (Analysen dieses Diskurses finden sich bei Brand 1997, Brand/Jochum 2000, Huber 1995). Seit einigen Jahren findet die in den USA bereits seit den 1980er Jahren gef&uuml;hrte Debatte um &#8222;Environmental Justice&#8220; auch in Deutschland verst&auml;rkte Aufmerksamkeit und wird unter Begriffen wie &#8222;Umweltgerechtigkeit&#8220; oder &#8222;umweltbezogene Gerechtigkeit&#8220; nunmehr rege rezipiert.(2) In diesem Zusammenhang wird das Problem der Umweltgerechtigkeit vor allem als eines der sozialen (Ungleich-) Verteilung von Umweltbelastungen bzw. der Folgen von Umweltbelastungen diskutiert. Auch in Deutschland sind zwischenzeitlich erste empirische Untersuchungen zu diesem Komplex durchgef&uuml;hrt worden (vgl. Bolte 2004). Man findet weiterhin einzelne Untersuchungen, die gerechtigkeitsrelevanten Fragen nachgehen, wie sie sich im Kontext von Verteilungsfragen in der Umweltpolitik stellen (etwa Decker 1994, Montada 1999). Auch aus diesem Blickwinkel kann die Frage nach dem Verh&auml;ltnis von Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit noch kaum als befriedigend ausgearbeitet gelten &#8211; was insofern verwunderlich ist, als umweltpolitische Ma&szlig;nahmen sich immer wieder dem Verdacht sozialer Gerechtigkeitsdefizite ausgesetzt sahen.</p>
<p>Die Rezeption der Debatte um Environmental Justice hat in den letzten Jahren das akademische Interesse an Gerechtigkeitsfragen im Kontext der Umweltproblematik merklich belebt. Von hier ansetzenden Bem&uuml;hungen, das Terrain mit Blick auf Perspektiven sozialwissenschaftlicher Forschung zu sichten, gehen Impulse aus, die Problematik des Zusammenhangs von Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit &uuml;ber die in der Environmental-Justice-Debatte angelegte thematische Engf&uuml;hrung hinaus grunds&auml;tzlicher anzugehen (vgl. Elvers 2007, Elvers/ Gross/ Heinrichs 2007, Wilke/ Lucas/ Krause 2006, kritisch zur thematischen Engfiihrung: Elkirrs im Erscheinen).</p>
<p>Ein zweckm&auml;&szlig;iger Ausgangspunkt f&uuml;r eine systematische Kl&auml;rung der Vielschichtigkeit dieser Beziehung scheint mir die keineswegs neue Erkenntnis zu sein, dass man es im Falle von Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit mit zwei unterschiedlichen Wertdimensionen zu tun hat. Beim Umweltschutz geht es im Kern um die Frage, nach welchen Prinzipien sich die Mitglieder einer Gesellschaft auf die &auml;u&szlig;ere Natur beziehen wollen beziehungsweise nach den Folgen der resultierenden sozialen Arrangements f&uuml;r dieselbe (und damit f&uuml;r die Gesellschaft selbst), die sie zu akzeptieren bereit sind. Bei sozialer Gerechtigkeit stehen demgegen&uuml;ber Fragen der Angemessenheit sozialer Beziehungen im Zentrum des Interesses; es geht um die Frage, nach welchen Prinzipien die Mitglieder einer Gesellschaft an dieser Gesellschaft (Chancen- und Verfahrensgerechtigkeit) beziehungsweise an den Fr&uuml;chten oder Lasten dieser Gesellschaft partizipieren sollen (Verteilungsgerechtigkeit). Diese zwei Dimensionen k&ouml;nnen in der sozialen Realit&auml;t an einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Punkte miteinander in Ber&uuml;hrung kommen: Umweltfragen k&ouml;nnen an den unterschiedlichsten Punkten sozialer Wirklichkeit Fragen sozialer Gerechtigkeit aufwerfen, wie auch umgekehrt Fragen sozialer Gerechtigkeit Umweltfragen aufwerfen k&ouml;nnen. Diese zwei Dimensionen stehen dabei ferner in keinem a priori eindeutigen Verh&auml;ltnis zueinander. Entgegen der in Diskursen zu &#8222;Environmental Justice&#8220; oder nachhaltiger Entwicklung gelegentlich anzutreffenden Neigung, pauschal einen positiven Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz zu vermuten (dazu kritisch Dobson 1998), muss man konstatieren, dass mehr Umweltschutz weder zwangsl&auml;ufig mehr soziale Gerechtigkeit zum Ergebnis hat noch mehr soziale Gerechtigkeit per se in besseren Umweltschutz m&uuml;ndet. Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit k&ouml;nnen sowohl harmonieren als auch konfligieren. Das h&auml;ngt von der konkreten Struktur des Problemzusammenhanges ab, um den es jeweils geht. Die Aufgabe, die sich die an diesen Fragen interessierte sozialwissenschaftliche Forschung zu stellen hat, ist, das Verh&auml;ltnis zwischen Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit anhand empirisch relevanter Problemstellungen systematisch aufzukl&auml;ren. Und hier gibt es auch knapp zehn Jahre nach dem von Dobson festgestellten, eingangs zitierten Mangel angesichts der Vielschichtigkeit der Problematik noch immer viel zu tun.</p>
<p>Nach dieser knappen Skizze des Feldes m&ouml;chte ich mich im Folgenden der Frage der sozialen Gerechtigkeit im Kontext von Umweltpolitik zuwenden; ganz im Sinne der Diagnose m&ouml;chte ich dies anhand der genaueren Betrachtung eines konkreten Umweltpolitikfeldes tun. Ich werde folgenderma&szlig;en vorgehen: Nach einigen &Uuml;berlegungen zur Relevanz sozialer Gerechtigkeit f&uuml;r Umweltpolitik und einer sehr kurzen Charakterisierung des fraglichen Politikfeldes werde ich einige Ergebnisse aus einer Untersuchung vorstellen, die an diesem Fall ein latentes Gerechtigkeitsproblem der Umweltpolitik herauszuarbeiten sucht. Auf der Grundlage der hier gewonnenen Einsichten werden abschlie&szlig;end Schlussfolgerungen f&uuml;r die Umweltpolitik gezogen.</p>
<h2 class="auto-created">Zur Relevanz sozialer Gerech&shy;tig&shy;keit f&uuml;r Umwelt&shy;po&shy;litik</h2>
<p>Wenn man nach der Relevanz sozialer Gerechtigkeit f&uuml;r Umweltpolitik fragt, dann ist zun&auml;chst einmal in umgekehrter Richtung festzuhalten, dass Umweltpolitik &#8211; wie jede andere Politik &#8211; direkt oder indirekt Verteilungswirkungen nach sich zieht, die mit Blick auf soziale Gerechtigkeit grunds&auml;tzlich unterschiedliche Folgen zeitigen k&ouml;nnen. Diese Folgen umweltpolitischer Ma&szlig;nahmen k&ouml;nnen mit vorherrschenden Gerechtigkeitsvorstellungen konform gehen oder eben auch nicht. Wenngleich man &#8211; wie betont &#8211; keineswegs a priori von einem sich wechselseitig bef&ouml;rdernden Verh&auml;ltnis von Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit ausgehen kann, so muss man doch vermuten, dass jedenfalls ein Weniger an sozialer Gerechtigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weniger Umweltschutz nach sich ziehen wird und zwar dann, wenn umweltpolitisches Handeln fallspezifisch m&ouml;gliche problematische gerechtigkeitspolitische Implikationen unzureichend in Rechnung stellt. Dies d&uuml;rfte insbesondere in Umweltpolitikfeldern ein Faktor sein, in denen der umweltpolitische Erfolg in entscheidendem Ma&szlig;e von der Kooperationsbereitschaft signifikanter Teile der Bev&ouml;lkerung abh&auml;ngt &#8211; sei es in Form politikkonformen Handelns oder an der Wahlurne.(3) Man kann hier eine funktionale Relevanz von Gerechtigkeit f&uuml;r Umweltpolitik konstatieren, insofern sie auf der Ebene handelnder Akteure ein starkes Motiv stiftet, Kooperationsbereitschaft zu versagen oder zu gew&auml;hren. Umweltpolitik, die unter dem Verdacht ger&auml;t, soziale Gerechtigkeitsdefizite aufzuweisen, kann sich leicht vor politische Legitimationsprobleme gestellt sehen, die den Spielraum des M&ouml;glichen erheblich restringieren. Sofern man an Umweltschutz interessiert ist, ist man schon aus diesem Grunde gut beraten, sich mit der Analyse des Zusammenhangs zwischen Umweltpolitik und sozialer Gerechtigkeit zu befassen.</p>
<h2 class="auto-created">Soziale Gerech&shy;tig&shy;keit im Kontext einer das Alltags&shy;han&shy;deln adres&shy;sie&shy;renden Umwelt&shy;po&shy;litik</h2>
<p>Im Folgenden m&ouml;chte ich die Gerechtigkeitsimplikationen von umweltpolitischen Ma&szlig;nahmen an einem spezifischen Ausschnitt von Umweltpolitik genauer erkunden. Zu diesem Zweck seien einige Ergebnisse einer Untersuchung umrissen, die das Augenmerk auf umweltpolitische Ma&szlig;nahmen richtet, die in der einen oder anderen Weise einen bestimmten Typus von Umweltproblemen zu adressieren suchen, n&auml;mlich solche, die eine wesentliche Wurzel in einer sinnhaft besetzten Lebenspraxis haben (vgl. Elkins 2005). Die Lebenswelt als Umweltproblemquelle &#8211; wenn man so will &#8211; stellt die Politik aufgrund der Struktur des Feldes, das sie hier zu bearbeiten hat, vor eine Reihe spezifischer Schwierigkeiten. Gerade hier haben wir es mit einem Terrain zu tun, auf dem die Erfolgschancen der Politik in besonderem Ma&szlig;e von der Kooperationsbereitschaft der Politikadressaten abh&auml;ngen.(4) Dementsprechend bergen mutma&szlig;liche Gerechtigkeitsdefizite einer hier ansetzenden Umweltpolitik, die eben diese Kooperationsbereitschaft unterminieren k&ouml;nnen, eine besondere Brisanz.</p>
<p>Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass mit Umweltpolitik neben ihrem sachlich unmittelbaren Zweck stets auch mittelbare Verteilungswirkungen einhergehen (dazu bspw. Decker 1994). W&auml;hrend solche Verteilungswirkungen utilitaristische Interessenpositionen ber&uuml;hren, werfen sie nicht zwangsl&auml;ufig auch Gerechtigkeitsfragen auf. Die Gerechtigkeitsproblematik, um die es hier geht, ist dort angelegt, wo durch Umweltpolitik Ver&auml;nderungen in den Kostenstrukturen von Lebenspraxen angesto&szlig;en werden. Ein paradigmatischer Fall w&auml;re hier etwa eine &Ouml;kosteuer auf umweltbelastende G&uuml;ter. Aber auch andere umweltpolitische Ma&szlig;nahmen k&ouml;nnen vergleichbare Wirkungen zeitigen. Man kommt der hier angelegten Gerechtigkeitsproblematik auf die Spur, wenn man im Kontext solcher Umweltpolitiken der Frage nach dem &#8222;Was&#8220; der Verteilung auf den Grund geht.</p>
<p>&nbsp;Geht man dieser Frage genauer nach, wird man feststellen, dass eine in dieser Weise ansetzende Umweltpolitik eine spezifische Verteilung der Beitr&auml;ge vornimmt, die den B&uuml;rgern abverlangt werden. Um welche Art von Beitr&auml;gen handelt es sich hier? Konfrontiert mit gesteigerten Kosten auf M&auml;rkten als Folge einer solchen Ma&szlig;nahme, bewegen sich die Handlungsalternativen der B&uuml;rger entlang eines Kontinuums zwischen zwei Polen, namentlich der Leistung h&ouml;herer Zahlungen f&uuml;r die Kontinuierung einer gewohnten Lebenspraxis mit einer bestimmten Umweltintensit&auml;t auf der einen Seite und der Anpassung jener Lebenspraxis an ein niedrigeres Niveau des Umweltverbrauchs auf der anderen. In welche Richtung optiert wird, h&auml;ngt dann von der Zahlungsf&auml;higkeit und Zahlungsbereitschaft ab. Bei gegebener Zahlungsf&auml;higkeit und Zahlungsbereitschaft besteht die M&ouml;glichkeit, die gewohnte Lebenspraxis gegen Mehrzahlung fortzusetzen, ohne dass damit notwendigerweise auch ein realer Beitrag zum Umweltschutz einhergeht. Im Falle mangelnder Zahlungsf&auml;higkeit beziehungsweise Zahlungsbereitschaft sieht sich der Akteur gen&ouml;tigt, die entsprechende Anpassung der Lebenspraxis zu vollziehen, womit er zwangsl&auml;ufig einen manifesten Beitrag zur Sicherung des &ouml;ffentlichen Gutes Umwelt leistet. Im Ergebnis verlangt die Politik den B&uuml;rgern nicht nur unterschiedliche, sondern qualitativ ungleichartige Beitr&auml;ge zur Herstellung bzw. Sicherung des &ouml;ffentlichen Gutes Umwelt ab: die Einen zahlen, ohne dass sie notwendig zur Sicherung des &ouml;ffentlichen Gutes beitragen; die Anderen reorganisieren ihre Lebenspraxis und leisten damit einen ebensolchen Beitrag.</p>
<p>Wo liegt nun das Problem? Die Gerechtigkeitsproblematik entspringt hier zwei Umst&auml;nden:</p>
<p>1) Der autonome Entscheidungsspielraum h&auml;ngt in diesem Zusammenhang von der Zahlungsf&auml;higkeit ab. Damit wird marktvermittelte Ungleichheit (in Form unterschiedlicher Zahlungsf&auml;higkeit) an einem Punkt wirksam, an dem die B&uuml;rger aufgrund ihres Status als B&uuml;rger legitime Anspr&uuml;che auf Geltung des Gleichheitsprinzips erheben k&ouml;nnen. Im Zuge von Umweltpolitik sind die Gesellschaftsmitglieder eben nicht nur als Marktteilnehmer adressiert &#8211; ein Kontext, in dem die Organisation des gesellschaftlichen Verkehrs nach Prinzipien von Leistungsgerechtigkeit weitgehend Anerkennung findet -, sondern zugleich in ihrem Status als B&uuml;rger. Soweit sich die Gesellschaftsmitglieder aber als B&uuml;rger begegnen, unterliegt der gesellschaftliche Verkehr jedoch Prinzipien der Gleichheit. Diese Zweideutigkeit r&uuml;hrt daher, dass die Akteure am Markt preisf&ouml;rmig mit Umweltschutzanforderungen konfrontiert werden, diese aber ihren Ursprung in politischen Entscheidungen zur Sicherung von Umweltqualit&auml;t als einem &ouml;ffentlichen Gut haben.<br />Die Bereitstellung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter f&auml;llt bekanntlich deshalb in den Zust&auml;ndigkeitsbereich kollektiv verbindlichen Handelns, weil sie zwar im gemeinsamen Interesse der B&uuml;rger liegt, aber aus strukturellen Gr&uuml;nden weder durch den Einzelnen noch in der Einstellung individuell nutzenorientierten Handelns unmittelbar gesichert werden k&ouml;nnen. M&auml;rkte weisen hier Defizite auf, weshalb diesem Sachverhalt gegebenenfalls im Zuge kollektiver Willensbildung und kollektiv verbindlichem Entscheidens abgeholfen werden muss. Im Falle von Umweltschutz geht es entsprechend darum, die B&uuml;rger durch kollektiv verbindliche Regelungen auf gemeinwohlorientiertes Handeln zu verpflichten oder n&ouml;tigenfalls an ihrer statt zu handeln. Der Tatbestand, dass den B&uuml;rgern ungleiche und vor allem auch ungleichartige Lasten bei der Sicherung des Gemeinwohls zugemutet werden, kann von dieser Warte aus als eine Verletzung von mit dem B&uuml;rgerstatus verbundenen normativen Geltungsanspr&uuml;chen begriffen werden.<br />2) Was an dieser Form der Ungleichbehandlung schwer wiegt &#8211; und dies ist der zweite f&uuml;r die Gerechtigkeitsproblematik relevante Umstand -, wird deutlich, wenn man sich die Bedeutung des Konsums in der modernen Gesellschaft vergegenw&auml;rtigt. Zum einen verk&ouml;rpert Konsum ein Moment der sozialen Teilhabe an einer verallgemeinerten Lebensweise, historisch eingebettet in einen Prozess fortschreitender sozialer Inklusion im Zuge der Verallgemeinerung des B&uuml;rgerstatus (Marshall 1992, zur Bedeutung des Konsums in diesem Zusammenhang siehe K&ouml;nig 2000, Siegrist/ Kaelble/ Kocka 1997, Polster 1993). Von dieser Warte aus kann der Zugang zum &#8222;Material&#8220; einer verallgemeinerten Lebensweise als eine Bedingung und zugleich ein Ausdruck sozialer Integration im Status vollwertiger Mitgliedschaft begriffen werden. Zum anderen spielen Konsumg&uuml;ter eine wichtige Rolle im Kontext der gesellschaftlichen Anforderungen an die Gestaltung eines eigenen Lebensentwurfs im Zuge von Individualisierung. Konsumg&uuml;ter, seien es Artefakte oder Dienstleistungen, sind wichtige Mittel der spezifischen Ausgestaltung einer Lebenspraxis; auch als Tr&auml;ger sozialen Sinns auf der Ebene der einer Lebenspraxis innewohnenden Sinnkonstruktionen sind sie eng mit dieser Praxis verwoben. Insofern kommt ihnen sowohl in instrumenteller als auch symbolischer Hinsicht als Mittel der Konstruktion und Kommunikation sozialer und individueller ldentit&auml;ten eine bedeutsame Rolle zu.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund k&ouml;nnen wir nun die potentielle Gerechtigkeitsproblematik einer Umweltpolitik, die &uuml;ber die Steigerung der Kosten von Lebenspraxen den B&uuml;rgern qualitativ ungleichartige Beitr&auml;ge zum Schutz der Umwelt abverlangt, genauer ins Visier nehmen. Mit der Steigerung der Kosten umweltbelastender Praktiken greift die Politik in die Lebenspraxis ein mit dem Ziel, hier Prozesse &ouml;kologischer Rationalisierung zu induzieren. Der Tatbestand an sich mag Interessenskonflikte provozieren, wirft aber nicht zwangsl&auml;ufig auch Gerechtigkeitsprobleme auf. Das hier zu konstatierende Gerechtigkeitsproblem entspringt vielmehr dem Umstand, dass die politikinduzierte &#8222;Obstruktion&#8220; der Lebenspraxis <i>selektiv </i>zum Tragen kommt. Dabei ist das wirksame Selektionsprinzip nicht etwa der Grad der Beeintr&auml;chtigung des Gemeinwohls durch umweltbelastendes Handeln &#8211; also die Sch&auml;digung anderer gesellschaftlich wertvoller G&uuml;ter, die es zu sch&uuml;tzen gilt -, sondern die Zahlungsf&auml;higkeit; umweltbeeintr&auml;chtigende Praktiken werden eben nur dort mit einem hohen Grad von Unausweichlichkeit obstruiert, wo es an Zahlungsf&auml;higkeit zu ihrer Kontinuierung mangelt.</p>
<p>In dieser spezifischen Selektivit&auml;t einer umweltpolitikbedingten Verteuerung der Lebenspraxis liegt ein Moment der sozialen Missachtung, welches schlie&szlig;lich den Kern des Gerechtigkeitsproblems konstituiert.(5) Soziale Missachtung in zweifacher Hinsicht: Zum einen ist in der selektiven Restriktion des Zugangs zu Konsumg&uuml;tern die Drohung der Verweigerung von Teilhabe an einer verallgemeinerten Lebensweise und damit ein Potential der sozialen Ausgrenzung angelegt. Zum anderen werden, soweit hierbei Mittel zur Realisierung einer subjektiv sinnbesetzten individuellen Lebenspraxis verwehrt werden, legitime Erwartungen der gleichwertigen Anerkennung individueller Identit&auml;tsanspr&uuml;che verletzt. In beiden F&auml;llen haben wir es &#8211; insoweit sich diese Potentialit&auml;t materialisiert &#8211; mit einer Verletzung von Geltungsanspr&uuml;chen zu tun, die unter den gegebenen Bedingungen moderner Gesellschaft f&uuml;r die vollwertige Mitgliedschaft im Status des B&uuml;rgers konstitutiv sind.(6) Solche Verletzungen k&ouml;nnen vor der Folie der normativen Grundlagen dieser Gesellschaften mit Aussicht auf Erfolg als Ungerechtigkeit beklagt werden und bergen entsprechende Risiken f&uuml;r die politische Legitimation von Umweltpolitik in sich.</p>
<h2 class="auto-created">Was folgt f&uuml;r die Umwelt&shy;po&shy;li&shy;tik?</h2>
<p>Nun kann die Schlussfolgerung aus dieser Analyse der potentiellen Gerechtigkeitsprobleme einer in besagter Weise ansetzenden Umweltpolitik kaum die sein, auf umweltpolitische Ma&szlig;nahmen dieses Typs zu verzichten. Sofern man an der Pr&auml;misse der Notwendigkeit von Umweltpolitik im Allgemeinen sowie der Bef&ouml;rderung der &ouml;kologischen Rationalisierung von Lebenspraxen im Besonderen festhalten will, wird man kaum umhin kommen, umweltbeanspruchendes Handeln mit den sozialen Kosten der Umweltnutzung zu konfrontieren &#8211; und dies auch auf der Ebene des Alltagshandelns. Eine effektive Umweltpolitik unter den Bedingungen einer modernen Gesellschaft wird insbesondere nicht auf die offenkundigen Vorteile verzichten k&ouml;nnen, dies auch vermittels des &ouml;konomischen Preismechanismus zu tun. Es ist vielmehr die Frage zu stellen, wie Umweltpolitiken, die lebensweltlich verankerte Umweltprobleme zu adressieren trachten, der Stachel sozialer Gerechtigkeitsdefizite zu ziehen ist?</p>
<p>Auf der allgemeinsten Ebene scheint mir die zentrale Anforderung an eine aussichtsreiche Strategie die einer spezifischen Entkoppelung der Sachdimension von Umweltpolitik von ihrer Sozialdimension zu sein. Das hei&szlig;t im vorliegenden Zusammenhang die Trennung von Fragen der auf den Schutz der Umwelt zielenden Probleml&ouml;sung von den Gerechtigkeitsfragen aufwerfenden Verteilungswirkungen solcher L&ouml;sungen. Dieser Ansatz der Vermeidung bzw. &Uuml;berwindung Umweltpolitik blockierender Konfliktkonstellationen ist nicht neu; Vorschl&auml;ge, die in diese Richtung zielen, weisen auf die Notwendigkeit hin, m&ouml;gliche Verteilungsfolgen von Umweltpolitik sozialpolitisch abzufedern, um so umweltpolitische Handlungsspielr&auml;ume zu er&ouml;ffnen (Decker 1994: 31 f., Nissen 1993, 1994). So empfiehlt Frank Decker (1994: 32), im Falle von Steuer- und Abgabenl&ouml;sungen &#8222;ihre Gestaltung auf der Einnahmen- und Ausgabenseite jeweils unterschiedlichen Zielvorstellungen zu unterwerfen&#8220;; die Erhebung von Steuern und Abgaben sei demnach strikt am umweltpolitischen Verursacherprinzip zu orientieren, w&auml;hrend auf der Verwendungsseite das erzielte Steueraufkommen dazu dienen solle, &#8222;unbillige soziale H&auml;rten einer Abgabenbelastung aufzufangen und auszugleichen (durch Transferzahlung u. &auml;.)&#8220;. Im hier interessierenden Zusammenhang ginge es entsprechend darum, Instrumente zu konzipieren, die es erlauben, die umweltpolitische Zielstellung &#8211; auch vermittels der Steigerung der Kosten umweltbelastender Praxis &#8211; zu verfolgen, ohne dass sich eine durch die Umweltpolitik verursachte systematische Ungleichverteilung der Lasten des Umweltschutzes in Abh&auml;ngigkeit von Zahlungsf&auml;higkeit einstellte.(7)</p>
<p>Dahingehende &Uuml;berlegungen lassen allerdings h&auml;ufig einen anderen bedeutsamen Gesichtspunkt au&szlig;er Acht. Die tats&auml;chlichen Chancen, mit einer in dieser Weise ansetzenden Politik gerechtigkeitsbedingte Legitimationsdefizite einzuhegen, werden meines Erachtens nicht allein von mutma&szlig;lich objektivierbaren Verteilungswirkungen abh&auml;ngen, sondern zudem ma&szlig;geblich vom spezifischen Politikdesign. Denn es muss der Politik ja nicht nur gelingen, durch geeignete Mechanismen gerechtigkeitspolitisch problematische Folgen der Umweltpolitik zu kontrollieren, sie muss es auch in einer Weise tun, in der es f&uuml;r die betroffenen B&uuml;rger <i>ersichtlich</i> ist, dass sie es tut. Soziale Gerechtigkeit &#8211; oder eine Verletzung derselben &#8211; ist ja nicht ein irgendwie offensichtlicher objektiver Tatbestand, sondern ein Zustand, dessen Ermittlung einem in sozialen Kommunikationszusammenh&auml;ngen zu vollziehenden normativen Evaluationsprozess unterliegt. Es gen&uuml;gt eben nicht, &#8222;unbillige soziale H&auml;rten einer Abgabenbelastung aufzufangen und auszugleichen&#8220;, wie es Decker empfiehlt, es kommt ebenso darauf an, dies in einer f&uuml;r die politische Vermittlung geeigneten Form tun.</p>
<p>Hier lag sicherlich eines der Probleme der von der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung durchgesetzten und in der bundesrepublikanischen Bev&ouml;lkerung so wenig geliebten &ouml;kologischen Steuerreform. W&auml;hrend sie von der konzeptionellen Grundidee her dem hier vorgeschlagenen Ansatz der Entkoppelung der umweltpolitischen Probleml&ouml;sung von ihren sozialen Verteilungswirkungen in gewissem Grade nachkam &#8211; und ihr dabei konzeptionelle Eleganz in der Verkn&uuml;pfung von &Ouml;konomie und &Ouml;kologie bescheinigt werden muss -, litt ihre &Uuml;berzeugungskraft unter dem, was ich andernorts als ein Komplexit&auml;tsproblem bezeichnet habe (zu den Details der Analyse vgl. Elkins 2005: 252-256). In der Politikkonzeption wurden vielf&auml;ltige Faktoren miteinander verwoben, die in diesem Rahmen selbst nicht kontrollierbar sind, welche aber die Politik in ihrer Wirksamkeit und Nachvollziehbarkeit beeintr&auml;chtigen k&ouml;nnen. W&auml;hrend der Preis an der Zapfs&auml;ule merkliche Realit&auml;t darstellt, verbleibt der konzeptionelle Rest (Senkung von Sozialversicherungsbeitr&auml;gen und Lohnnebenkosten, Verbilligung des Faktors Arbeit, Zuwachs an Arbeitspl&auml;tzen etc.) im nebul&ouml;sen Bereich von schwer durchschaubaren Zusammenh&auml;ngen und Spekulationen.</p>
<p>Ein Konzept, wie es unter dem Stichwort &#8222;&Ouml;ko-Bonus&#8220; diskutiert wird, scheint demgegen&uuml;ber weitaus vielversprechender: Eine Steuer, etwa auf Energieverbrauch, wird erhoben. Die Steuereinnahmen werden am Ende einer Rechnungsperiode auf Pro-Kopf-Basis wieder an die B&uuml;rger ausbezahlt. Wer viel verbraucht, zahlt viel. Wer aufgrund eines kleinen Einkommens wenig verbraucht (kleines oder gar kein Auto, kleine Wohnung mit geringeren Heizkosten etc.) bekommt relativ gesehen viel zur&uuml;ckerstattet &#8211; und wer weniger verbraucht als der Durchschnitt, bekommt gar mehr zur&uuml;ck als urspr&uuml;nglich steuerlich aufgewendet.<br />Mit Blick auf das hier herausgearbeitete immanente Gerechtigkeitsproblem einer die Kostenstruktur von Lebenspraxen tangierenden Umweltpolitik weist dieser Ansatz einen entscheidenden Vorteil auf: Der autonome Entscheidungsspielraum hinsichtlich der Frage, inwieweit man auf umweltpolitikbedingte Steigerungen der Kosten f&uuml;r umweltbeanspruchende Alltagspraktiken mit der Reorganisation der eigenen Lebenspraxis reagieren will, wird im Falle der weniger zahlungskr&auml;ftigen Bev&ouml;lkerungsteile nicht <i>durch Umweltpolitik selektiv</i> beschnitten. Der Ansatz ist in dieser Hinsicht nicht nur &#8222;gerechtigkeitsneutral&#8220;, er dokumentiert zudem diesen Sachverhalt auch in f&uuml;r die Politikadressaten leicht nachvollziehbarer Form. Jedenfalls ist zu vermuten, dass es nur schwer gel&auml;nge, diesen Ansatz in der &ouml;ffentlichen Auseinandersetzung mit Verweis auf verteilungsbedingte Gerechtigkeitsdefizite wirksam zu diskreditieren.<br />Der hier angerissene Punkt des konstruktiven Designs verweist im &Uuml;brigen auf eine &uuml;ber die hier diskutierte Gerechtigkeitsproblematik hinausweisende Dimension von Politik, die mit Blick auf ihre Wirksamkeit nicht untersch&auml;tzt werden sollte und oftmals zu wenig Beachtung findet. In der Anlage und Operationsweise jeder Politik findet symbolische Kommunikation mit dem politischen Publikum statt, es wird dem B&uuml;rger etwas mitgeteilt &#8211; es ist hier immer auch ein latenter Sinnhorizont angelegt, der &uuml;ber den unmittelbaren instrumentellen Zweck der jeweiligen Regelungen hinausweist. In einer Politik ist zum Beispiel eine bestimmte Lesart des zu behandelnden Problems impliziert, es werden Akteure in einer bestimmten Weise zueinander positioniert, es sind Verantwortlichkeits- und Statuszuweisungen angelegt, es werden normative Geltungsanpr&uuml;che erhoben usw. Auch im Grad der Transparenz einer Politik werden &#8211; wie gesagt &#8211; Sinngehalte transportiert; es macht einen Unterschied, ob der normative Anspruch einer Politik, &#8222;sozialer Gerechtigkeit&#8220; gen&uuml;ge zu tun, einer Pr&uuml;fung leicht zug&auml;nglich ist oder nicht. Man kann hier in einem gegen&uuml;ber der &uuml;blichen Verwendung abweichenden Sinn von &#8222;symbolischer Politik&#8220; sprechen.(8) Dieses in Rechnung zu stellen, ist eine Bedingung der Konzeption erfolgreicher (Umwelt-)Politik.<br />Ich hoffe, an dem gew&auml;hlten Ausschnitt von Umweltpolitik erfolgreich aufgezeigt zu haben, dass eine sorgf&auml;ltige Analyse der Gerechtigkeitsimplikationen von Umweltpolitik nicht nur eine akademisch interessante &Uuml;bung darstellt, sondern man auch praktisch relevante Hinweise f&uuml;r die konzeptionelle Verbesserung von Umweltpolitik erwarten kann. Solche Analysen legen die Grundlage, um der in der Formel der nachhaltigen Entwicklung angelegten Aufforderung, Probleme im Zusammenhang zu denken, nachkommen zu k&ouml;nnen. Die Feststellung Dobsons, dass nur auf der Grundlage empirischer Forschung entschieden werden kann, inwieweit Umweltvertr&auml;glichkeit und soziale Gerechtigkeit kompatible Zielstellungen sind, kann erg&auml;nzt werden. Solche Forschung kann nicht nur Spannungen aufdecken, sie kann zugleich Hinweise daf&uuml;r liefern, wie diese Zielstellungen in ein mutma&szlig;lich praktikables Passungsverh&auml;ltnis gebracht werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Nimmt man diese Zielstellung ernst, kann es freilich nicht allein um Details einzelner Politiken gehen. Im Lichte der Auseinandersetzungen um die zuk&uuml;nftige Ausgestaltung der institutionellen Arrangements des Sozialstaats, gilt es auch &uuml;ber die Funktionalit&auml;t sozialer Sicherung f&uuml;r Umweltpolitik und in diesem Kontext &uuml;ber den Zusammenhang zwischen Sozialstaat und der gesellschaftlichen Kapazit&auml;t f&uuml;r Umweltschutz erneut nachzudenken. Auch auf diesem Terrain wird letztlich &uuml;ber die Umweltpolitik der Zukunft mitentschieden. Aber das ist ein neues Thema.</p>
<ol>
<li>F&uuml;r eine &Uuml;bersicht der Entwicklung des &ouml;kologischen Diskurses in der Bundesrepublik in seinen verschiedenen Phasen bis Mitte der neunziger Jahre siehe Brand 1993, 1995 und Brand/ Eder/ Poferl 1997.</li>
<li>Siehe bspw. Bolte/Mielck 2004, Elvers 2005, 2007. F&uuml;r eine &Uuml;bersicht der deutschen Diskussion siehe Schl&uuml;ns 2007. Als weitere Anzeichen f&uuml;r dieses verst&auml;rkte Interesse seien angef&uuml;hrt, dass das Umweltbundesamt zwischenzeitlich drei Sondierungsstudien in diesem Feld in Auftrag gegeben hat (Wilke/ Liedtke et al. 2006, Wilke/ Lucas! Krause 2006, Wilke/ Schl&uuml;ns/ Kopatz 2006) und Fragen zum Zusammenhang von Umweltschutz und Gerechtigkeit seit 2002 Eingang in die regelm&auml;&szlig;ig vom Bundesministerium f&uuml;r Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit beauftragten Untersuchungen zu Umweltbewusstsein in Deutschland gefunden haben (BMU 2002, 2004, 2006). Die Ad-hoc Gruppe &#8222;Umweltgerechtigkeit und die Natur der Gesellschaft &#8211; soziologische und epidemiologische Ergebnisse und Erkl&auml;rungen&#8220; auf dem 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Soziologie im Oktober 2006 in Kassel mag als zus&auml;tzliches Indiz daf&uuml;r gelten, dass die Thematik auch in den deutschen Sozialwissenschaften angekommen ist.</li>
<li>Ein Verbot des Einsatzes bestimmter Biozide in Anstrichfarben f&uuml;r Schiffsr&uuml;mpfe -um ein willk&uuml;rliches Beispiel herauszugreifen &#8211; wird kaum weitreichende Gerechtigkeitsfragen aufwerfen, eine &Ouml;ko-Steuer auf Energie und Treibstoffe, wie wir sehen werden, schon.</li>
<li>Anderenorts wurden diese Zusammenh&auml;nge detailliert er&ouml;rtert (siehe Elkins 2005: 232-234, auch Elkins 1996 und 2000).</li>
<li>F&uuml;r eine grunds&auml;tzliche Diskussion von sozialer Gerechtigkeit als Problem sozialer Anerkennung vgl. Honneth 2003 und 1992.</li>
<li>Eine detaillierte Explikation und Diskussion dieser Geltungsanspr&uuml;che finden sich bei Marshall 1992, Honneth 2003 und Miller 1999.</li>
<li>F&uuml;r eine Diskussion der Verteilungsfolgen, die unterschiedliche mit &ouml;konomischen Instrumenten operierende Umweltpolitikans&auml;tze f&uuml;r einkommensschwache Gruppen mit sich bringen vgl. Tindale/ Hewitt 1999.</li>
<li>F&uuml;r die Diskussion eines erweiterten Begriffs der &#8222;symbolischen Politik&#8220; am Beispiel der Umweltpolitik vgl. von Prittwitz 2000.</li>
</ol>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><b><br /></b><i>BMU &#8211; Bundesministerium f&uuml;r Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.) </i>(2002): Umweltbewusstsein in Deutschland 2002. Ergebnisse einer repr&auml;sentativen Bev&ouml;lkerungsumfrage. <a href="http://www.umweltbewusstsein.de/ub/" target="_blank" rel="noopener">http://www.umweltbewusstsein.de/ub/</a> (Zugriff 03.09.2007)<br /><i>BMCJ- Bundesministerium f&uuml;r Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.)</i> (20042): Umweltbewusstsein in Deutschland 2004. Ergebnisse einer repr&auml;sentativen Bev&ouml;lkerungsumfrage. <a href="http://www.umweltbewusstsein.de/ub/" target="_blank" rel="noopener">http://www.umweltbewusstsein.de/ub/</a> (Zugriff 03.09.2007)<br /><i>BMU &#8211; Bundesministerium f&uuml;r Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.)</i> (2006): Umweltbewusstsein in Deutschland 2006. Ergebnisse einer repr&auml;sentativen Bev&ouml;lkerungsumfrage. <a href="http://www.umweltbewusstsein.de/ub/" target="_blank" rel="noopener">http://www.umweltbewusstsein.de/ub/</a> (Zugriff 03.09.2007)<br /><i>Bolte, Gabriele/ Andreas Mielck (Hg.) </i>(2004): Umweltgerechtigkeit. Die soziale Verteilung von Umweltbelastungen, Weinheim, M&uuml;nchen: Juventus.&nbsp;&#8222;<br /><i>Brand, Karl-Werner </i>(1993): Strukturver&auml;nderungen des Umweltdiskurses in Deutschland. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 1/93: 16-24.<br /><i>Brand, Karl-Werner </i>(1995): Der &ouml;kologische Diskurs. Wer bestimmt Themen, Formen und Entwicklung der &ouml;ffentlichen Umweltdebatte? In: <i>Haan, G. de </i>(Hrsg.): Umweltbewu&szlig;tsein und Massenmedien. Perspektiven &ouml;kologischer Kommunikation. Berlin: Akademie-Verlag: 47-62.<br /><i>Brand, Karl-Werner/ Eder, Klaus/ Poferl, Angelika </i>(1997): &Ouml;kologische Kommunikation in Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag.<br /><i>Brand, Karl-Werner/Jochum, Georg </i>(2000): Der deutsche Diskurs zu nachhaltiger Entwicklung, MPSTexte 1/2000. M&uuml;nchen.<br /><i>Decker, Frank </i>(1994): &Ouml;kologie und Verteilung. Eine Analyse der sozialen Folgen des Umweltschutzes. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 49/94: 22-32.<br /><i>Dobson, Andrew </i>(1998): Justice and the Environment. Conceptions of Environmental Sustainability and Theories of Distributive Justice. Oxford: Oxford University Press.<br /><i>Elkins, Stephan </i>(1996): Kulturelle. Rationalit&auml;t als Restriktion &ouml;kologischer Verkehrspolitik in den Kommunen: &Uuml;berlegungen zu einer vernachl&auml;ssigten Problemdimension. In: Sigrun Kabisch (Hg.): Umweltverhalten und Lebensqualit&auml;t in urbanen R&auml;umen, UFZ-Bericht Nr. 19/1996, Leipzig: 144-155.<br /><i>Elkins, Stephan </i>(2000): Limits of Technocratic Politics in Environmental Policy. Some Preliminary Results of a Case Study in Local Traffic Policy in Germany. Paper prepared for the ASA Annual Meeting, August 12-16, 2000, Washington, D.C. <a href="http://www.sociotrans.com/pdf/Elkins-Limits" target="_blank" rel="noopener">http://www.sociotrans.com/pdf/Elkins-Limits</a>_ Tech_Politics.pdf (Zugriff 16.12.2006).<br /><i>Elkins, Stephan </i>(2005): Soziale Gerechtigkeit als Problem umweltpolitischer Steuerung. In: <i>Michael Corsten/ Hartmut Rosa/ Ralph Schrader </i>(Hg.): Die Gerechtigkeit der Gesellschaft. Wiesbaden: VS: 229-260.<br /><i>Elkin, Stephan</i> (im Erscheinen): &#8222;Umweltgerechtigkeit&#8220;: Das Umweltgerechte und die soziale Gerechtigkeit &#8211; Dimensionen eines gesellschaftlichen Spannungsfeldes. &Uuml;berlegungen zu einem soziologischen Begriff von Umweltgerechtigkeit. In: <i>Rehberg, Karl-Siegbert </i>(Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft, Verhandlungen des 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Soziologie in Kassel: Frankfurt/ New York: Campus.<br /><i>Elvers, Horst-Dietrich </i>(2005): Umweltgerechtigkeit (Environmental Justice). Integratives Paradigma<br />der Gesundheits- und Sozialwissenschaften? UFZ-Diskussionspapiere 14/2005, Leipzig.<br /><i>Elvers, Horst-Dietrich </i>(2007): Umweltgerechtigkeit als Forschungsparadigma der Soziologie. In:<br />Soziologie, 36. Jg., Heft 1: 21-44.<br /><i>Elvers, Horst-Dietrich/ Gross, Matthias/ Heinrichs, Harald</i> (2007): The Diversity of Environmental Justice: Towards a European Approach. Unver&ouml;ffentlichtes Manuskript.<br /><i>Honneth, Axel </i>(1992): Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt a.M.: Suhrkamp (Erweiterte Ausgabe 2003).<br /><i>Honneth, Axel </i>(2003): Umverteilung als Anerkennung. Eine Erwiderung auf Nancy Fraser. In: <i>Nancy Fraser/ Axel Honneth </i>(2003), Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse, Frankfurt a.M.: Suhrkamp: 129-224.<br /><i>K&ouml;nig, Wolfgang</i> (2000): Geschichte der Konsumgesellschaft. Stuttgart: Franz Steiner Verlag. Marshall, Thomas H. (1992): B&uuml;rgerrechte und soziale Klassen. Zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Frankfurt a.M., New York: Campus.<br /><i>Marshall, Thomas H./Bottomore, Tom </i>(1992): Citizenship and Social Class, London/ Concord, MA. Miller, David (1999): Principles of Social Justice, Cambridge, MA/ London.<br /><i>Montada, Leo </i>(1999): Umwelt und Gerechtigkeit. In: <i>Linneweber, Volker/ Kals, Elisabeth</i> (Hrsg.): Umweltgerechtes Handeln. Barrieren und Br&uuml;cken. Berlin u.a.: Springer: 71-93.<br /><i>Nissen, Sylke </i>(1993): Umweltpolitik in der Besch&auml;ftigungsfalle. Marburg: Metropolis.<br /><i>Nissen, Sylke </i>(1994): Arbeitsplatzangst und politischer Immobilismus. Soziale Sicherheit und politische<br />Partizipation als Voraussetzungen staatlicher Handlungsf&auml;higkeit. In: Zeitschrift f&uuml;r Sozialreform,<br />Heft 12: 781-796.<br /><i>Polster, Werner</i> (1993: Wandlungen der Lebensweise im Spiegel der Konsumentenentwicklung &#8211; Vom Dienstleistungskonsum zum demokratischen Warenkonsum. In:<i> Klaus Voy/ Werner Polster/ Claus Thomasberger</i> (Hg.), Gesellschaftliche Transformationsprozesse und materielle Lebensweise. Beitr&auml;ge zur Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte der BRD (1949-1989), Band 2, Marburg: Metropolis (1. Auflage 1991): 215-291.<br /><i>Prittwitz, Volker von</i> (2000): Symbolische Politik &#8211; Erscheinungsformen und Funktionen am Beispiel der Umweltpolitik. In: <i>Hansj&uuml;rgens, Bernd/ L&uuml;bbe-Wolff, Gertrude</i> (Hrsg.): Symbolische Umweltpolitik.</p>
<p>Frankfurt/ a.M.: Suhrkamp: 259 -276.<br /><i>Schl&uuml;ns, Julia </i>(2007): Umweltbezogene Gerechtigkeit in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 24/2007: 25-31.<br /><i>Siegrist, Hannes/ Hartmut Kaelble/ J&uuml;rgen Kocka </i>(Hg.) (1997): Europ&auml;ische Konsumgeschichte. Zur gesellschaftlichen Kulturgeschichte des Konsums (18. bis 20. Jahrhundert). Frankfurt a.M./ New York: Campus.<br /><i>Tindale, Stephen/ Hewitt, Chris</i> (1999): Must the Poor Pay More? Sustainable Development, Social Justice, and Environmental Taxation. <i>Dobson, Andrew</i> (ed.): Fairness and Futurity. Essays on Sustainability and Justice. Oxford: Oxford University Press: 233-248.<br /><i>Wilke, Georg/ Liedtke, Christa/ Lubjuhn, Sarah/ Schmitt, Martina/ Scherhorn, Gerhard </i>(2006): Teilstudie: Potenziale f&uuml;r ein Konzept &Ouml;kologischer Gerechtigkeit in ausgew&auml;hlten Sozial-, Umwelt und Nachhaltigkeits- Berichtssystemen. Forschungsprojekt im Auftrag des Umweltbundesamts. <a href="http://www.umweltbundesamt.de/umweltbewusstsein/oekologische-gerechtigkeit.htm" target="_blank" rel="noopener">http://www.umweltbundesamt.de/umweltbewusstsein/oekologische-gerechtigkeit.htm</a> (Zugriff 03. 09. 2007).<br /><i>Wilke, Georg/ Lucas, Rainer/ Krause, Melanie</i> (2006): Teilstudie: Schnittmengen zwischen den Themen Umwelt, Gerechtigkeit und Wohlfahrt im wissenschaftlichen Nachhaltigkeits- sowie Sozialstaatsdiskurs. Forschungsprojekt im Auftrag des Umweltbundesamts. <a href="http://www.umweltbundesamt.de/umweltbewusstsein/oekologische-gerechtigkeit.htm" target="_blank" rel="noopener">http://www.umweltbundesamt.de/umweltbewusstsein/oekologische-gerechtigkeit.htm</a> (Zugriff 03.09.2007).<br /><i>Wilke, Georg/ Schl&uuml;ns, Julia/ Kopatz, Michael</i> (2006): Teilstudie: Schnittstellen zwischen den Themen Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Wohlfahrt aus der Sicht umweltpolitisch relevanter Akteure. Forschungsprojekt im Auftrag des Umweltbundesamts. <a href="http://www.umweltbundesamt.de/" target="_blank" rel="noopener">http://www.umweltbundesamt.de</a> /umweltbewusstsein/oekologische-gerechtigkeit.htm (Zugriff 03.09.2007).</p>
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		<title>Treuhänder künftiger Generationen gesucht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Generationengerechtigkeit verlangt veränderte Prinzipien in liberalen Demokratien aus vorgänge Heft3/2007,S.38-45 Die doppelte Freiheits&#173;ge&#173;f&#228;hr&#173;dung Die liberal-demokratische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung hat fast jedem ihrer lebenden Bürger ein Maß an Freiheitlichkeit und Wohlstand beschert, von dem Menschen früherer Zeiten nicht zu träumen wagten. Doch Recht und Gerechtigkeit beschränken sich auch heute noch unverändert, fast nur auf die Konfliktlösung [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Generationengerechtigkeit verlangt veränderte Prinzipien in liberalen Demokratien</p>
<p>aus vorgänge Heft3/2007,S.38-45</p>
<h2 class="auto-created">Die doppelte Freiheits&shy;ge&shy;f&auml;hr&shy;dung</h2>
<p>Die liberal-demokratische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung hat fast jedem ihrer lebenden Bürger ein Maß an Freiheitlichkeit und Wohlstand beschert, von dem Menschen früherer Zeiten nicht zu träumen wagten. Doch Recht und Gerechtigkeit beschränken sich auch heute noch unverändert, fast nur auf die Konfliktlösung unter zeitlich und meist auch räumlich zusammenlebenden Menschen und blenden damit die beiden Seiten des allerorten deklarierten &#8222;Jahrhundertziels Nachhaltigkeit&#8220; (globale und Generationengerechtigkeit) aus. Unsere überkommene räumliche &#8222;Beschränktheit&#8220; äußert sich darin, dass der erwähnte hohe Lebensstandard bisher nur einem Fünftel der Weltbevölkerung zugute kommt. Dagegen leben die Menschen im Süden oft in extremer Armut, ohne soziale Absicherung und ohne echte Bildungschance. Dazu kommen Bedrohungen durch Kriege, Bürgerkriege, autoritäre Regime oder Fundamentalismus. Auch junge und künftige Menschen erben von uns u. U. existenzbedrohende Gefährdungen des Globalklimas, der Bodenfruchtbarkeit, der Ozonschicht usw. Sollte Ländern wie China oder Indien eine Kopie unseres Wohlstandsmodells glücken und allein die dortigen 2,3 Milliarden Menschen mit (orientiert an der deutschen Personenquote) 1,2 Milliarden Pkw, einer entsprechenden Anzahl von Kühlschränken, Klimaanlagen, Waschmaschinen, über tausende Kilometer herbeigeschafften Lebens-, Genussmitteln usw. ausstatten, werden die Weltressourcen und das Klima dies wohl nicht hergeben.</p>
<p>Damit gerät zugleich das zentrale Prinzip liberaler Gesellschaften in Gefahr: die Freiheit. Denn die Gefährdung der Lebensgrundlagen bedroht die Freiheit einerseits durch Zerstörung ihrer unverzichtbaren vitalen Grundlagen: Ohne atembare Luft, essbare Nahrung, trinkbares Wasser und ein stabiles globales Klima &#8211; und ohne die regelmäßige Abwesenheit von Krieg und Bürgerkrieg (also auch von Verteilungskriegen um knappe Ressourcen) lässt sich mit der in den liberal-demokratischen Verfassungen garantierten Meinungs-, Versammlungs-, Eigentumsfreiheit usw. wenig anfangen. Andererseits droht die Lebensgrundlagengefährdung eines Tages eine ökodiktatorische Freiheitsbeseitigung auf den Plan zu rufen, weil grundlegende Veränderungen in demokratischen Gesellschaften selten radikal in kürzester Frist durchsetzbar sind. Die Intention des Konzepts Nachhaltigkeit ist gerade die Auflösung des beschriebenen international-intertemporalen Dilemmas, also die Herstellung von Gerechtigkeit zwischen heutigen und künftigen Menschen sowie zwischen Norden und Süden.</p>
<p>Der vielen Nachhaltigkeitsrhetorik stehen aber bislang in den zentralen Handlungsfeldern Ressourcenschonung und Klimaschutz nicht annähernd ausreichende Maßnahmen gegenüber. Um nur ein besonders bekanntes Beispiel für angeblich &#8222;wirksame Nachhaltigkeitspolitik&#8220; herauszugreifen: Das völkerrechtliche Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz z.B. gibt den Industrieländern vor, ihren Klimagasausstoß bis 2012 (gemessen an 1990) um 5 Prozent zu reduzieren. Deutschland z.B. soll 21 Prozent beitragen, was in Wirklichkeit freilich nur etwa 7 Prozent heißt, da der Rest schon durch den Zusammenbruch der DDR-Industrie &#8222;erbracht&#8220; wurde. Von jenen 7 Prozent ist bisher nur die Hälfte geschafft; aktuell steigen die Klimagasausstöße sogar wieder. In den Industriestaaten insgesamt fehlt es gar überhaupt an einer Reduktion. Doch selbst wenn das Kyoto-Protokoll eingehalten würde, würde es dem Vernehmen nach in 100 Jahren allenfalls ein Zehntel Grad durchschnittliche Erderwärmung (von insgesamt denkbaren zwei bis zehn Grad) vermeiden. Sollen die u. U. drastischen Folgen eines Klimawandels bis hin zu einem Zusammenbrechen des Golfstroms gebannt werden, muss man in der Tat zügig handeln. Und die notwendigen deutlicheren Reduktionsverpflichtungen müssen auch die Schwellenländer wie China, Indien, Indonesien, Brasilien oder Südafrika einbeziehen. Das heißt freilich keinesfalls, dass im Westen kein großer Handlungsbedarf mehr bestünde. Bisher gilt immer noch: Die 20 Prozent der &#8222;globalen Verbraucherklasse&#8220; verbrauchen immer noch rund 80 Prozent der Weltressourcen, mit entsprechenden Folgen auch für das Weltklima &#8211; wenngleich inzwischen nicht mehr ausschließlich Westler, sondern langsam auch Mitglieder der reichen Oberschicht in den Schwellenländern zu dieser &#8222;Klasse&#8220; gehören. Den viel beschriebenen Umweltvorreiter Europa gibt es also nur sehr bedingt.</p>
<h2 class="auto-created">Univer&shy;sa&shy;lis&shy;ti&shy;sche Freiheit als Schranke beliebiger Mehrheits&shy;herr&shy;schaft</h2>
<p>Warum <i>dürfen </i>uns künftige Generationen und anderswo lebende Menschen nicht gleichgültig sein? Die Vorfrage zu dieser Frage ist freilich, ob wir normative (moralische/rechtliche) Fragen überhaupt rational &#8211; wobei ich mit rational hier schlicht meine &#8222;mit objektiven Gründen&#8220; &#8211; entscheiden können. Dass Tatsachenaussagen &#8222;wahr&#8220; sein können, wird selten bestritten (außer von Konstruktivisten, und auch die handeln im wirklichen Leben nicht nach dieser Einstellung). Aber können Wertungs-, Sollens-, Normaussagen &#8222;richtig&#8220; bzw. &#8222;gerecht&#8220; sein? Diese seit Platon unzählige Male gestellte Frage muss zumindest kurz aufgegriffen werden, weil ohne ihre Bejahung auch die Frage nach der Generationengerechtigkeit keinen Sinn ergibt. Ich selbst argumentiere dazu (sehr kurz gefasst) zumeist wie folgt.</p>
<p>Eine häufige, besonders von den politisch immer einflußreicher werdenden Ökonomen vertretene Position bestreitet die Möglichkeit rationaler normativer Aussagen. Richtig sei deshalb allein die Norm und allein die Ordnung einer Gesellschaft, die den rein faktischen Präferenzen der Menschen entspräche. Als Gerechtigkeitskriterium verwendet sodann der utilitaristische Präferenztheoretiker die möglichst hohe Summe der faktischen Nutzenvorstellungen der Bürger (&#8222;größtes Glück der größten Zahl&#8220;).</p>
<p>Der wirtschaftsliberale Präferenztheoretiker orientiert sich dagegen an dem, worauf sich Egoisten im Konsens einigen könnten. Und bei politologischen Mehrheitstheorien ist die maßgebliche Präferenz das, was die Mehrheit der Bürger rein faktisch beschließt (wobei diese Position auch so lauten kann, dass es einzelne Grundfreiheiten wie etwa die Versammlungs- oder Meinungsfreiheit gibt, die nur aufgrund der rein faktischen Präferenzen einer Zweidrittelmehrheit abgeschafft werden dürfen). Wenn dies korrekt wäre, wäre die Generationengerechtigkeit jedenfalls im Moment am Ende (was ziemlich verheerend wäre), da &#8222;unsere faktischen Präferenzen&#8220; in puncto Nachhaltigkeit (siehe soeben) wenig ausgeprägt sind (jenseits folgenloser verbaler Bekundungen).</p>
<p>Doch nicht nur (a) die Unfähigkeit, unserem rein faktischen Wollen einen Prüfstein anzubieten, spricht gegen einen solchen Präferenzansatz: Er schließt auch (b) einen Sein-Sollen-Fehlschluss ein: Warum sollten denn die faktischen Präferenzen der Bürger (Sein) per se als richtig gelten (Sollen)? Nächste Frage: Sollen (c) nach diesen Maßstäben dann z. B. auch mehrheitlich gewollte Diktaturen als gerecht gelten? Und (d) wessen Präferenzen sind überhaupt gemeint: die der Mehrheit, die einer Zweidrittelmehrheit, einer Vierfünftelmehrheit? Und wenn Mehrheit usw., warum dann gerade dies? Plädiert man gar für einen echten Konsens, so plädiert man letztlich für einen wirtschaftsliberalen Minimalstaat (oder die Anarchie), denn wirklich einigen werden sich alle (!) Bürger in pluralistischen Gesellschaften auf kaum etwas können. Zudem enthält die Präferenzthese (e) einen performativen Selbstwiderspruch: Wer sagt, es gebe keine allgemeinen normativen Sätze, und deshalb müsse allgemein auf Präferenzen abgestellt werden, stellt selbst einen allgemeinen normativen Satz auf und widerlegt sich damit selbst.</p>
<p>Ich möchte daher anders ansetzen und mit der folgenden kleinen Überlegung zeigen, dass es rationale Normen bzw. Ordnungen (und zwar sogar in einem universalen Sinne) gibt. Die Überlegung lautet wie folgt. In einer pluralistischen Welt streiten die Menschen über normative Fragen. Selbst Fundamentalisten und Autokraten tun dies und bedienen sich dabei der menschlichen Sprache. Wer aber mit Gründen (also rational, also mit Worten wie &#8222;weil, da, deshalb&#8220;) streitet, setzt logisch zweierlei voraus: (1) dass normative Fragen überhaupt mit Gründen und ergo objektiv und nicht nur subjektivpräferenzgesteuert entschieden werden können; (2) dass die möglichen Diskurspartner gleiche unparteiische Achtung verdienen. Denn Gründe sind egalitär und das Gegenteil von Gewalt und Herabsetzung; und sie richten sich an Individuen mit geistiger Autonomie, denn ohne Autonomie kann man keine Gründe prüfen. Somit sind die Achtung vor der Autonomie der Individuen (Menschenwürde) &#8211; und übrigens auch eine gewisse Unabhängigkeit von Sonderperspektiven (Unparteilichkeit), was ich hier nicht vertiefe &#8211; universale Gerechtigkeitsprinzipien. Und nur sie sind es; denn welche universalen Prinzipien könnte man unter pluralistischen Bedingungen sonst noch herleiten?</p>
<p>Aus der Alleinstellung dieser Prinzipien folgt das, was jede liberal-demokratische Verfassung &#8211; wenn man sie denn richtig versteht &#8211; aussagt: dass eine &#8222;gerechte&#8220; Grundordnung auf maximaler gleicher Freiheit der Individuen beruhen muss. Deshalb darf dann aber letztlich jeder selbst entscheiden, wie er leben möchte. Wir brauchen deshalb, da sie einen wirksamen Freiheitsschutz versprechen, auch demokratische und gewaltenteilige Institutionen, aber sie können nach dem Gesagten nur zuständig sein für Konflikte zwischen verschiedenen Freiheiten und den (bei der Freiheit logisch mitgedachten) sehr zahlreichen Freiheitsvoraussetzungen wie Sozialstaatlichkeit, Bildung usw.</p>
<p>Für das gute Leben sind sie dagegen unzuständig. Denn rationale Maßstäbe dafür, wie man leben soll, gibt es nicht. Und jede Freiheitseinschränkung aus Gründen jenseits von Freiheit und Freiheitsvoraussetzungen würde die maximale gleiche Freiheit in Frage stellen zugunsten von Prinzipien, die selbst keine so logisch zwingende Rückbindung haben wie Würde und Unparteilichkeit, also auf bloßen &#8222;Setzungen&#8220; beruhen und damit letztlich unbegründet sind.</p>
<p>Somit ist also einerseits die Möglichkeit universaler Gerechtigkeit (also die Möglichkeit objektiver Aussagen über das richtige Zusammenleben <i>in </i>allen Gesellschaften weltweit) und andererseits ein bestimmter Inhalt universaler Gerechtigkeit in die menschliche Sprache zwingend eingeschrieben. Dass auch eine ganze Reihe scheinbar denkbarer Einwände gegen diesen Ansatz nicht greift, habe ich andernorts zu zeigen versucht. In jedem Fall ist dies keine &#8222;von außen auferlegte&#8220; oder gar &#8222;religiöse&#8220; Beschränkung &#8222;der Menschen&#8220;. Vielmehr geht es um eine Rekonstruktion dessen, was der Mensch logisch voraussetzt, wenn er lebt &#8211; und dabei zumindest gelegentlich in Gründen spricht.</p>
<h2 class="auto-created">Von der univer&shy;sa&shy;lis&shy;ti&shy;schen zur inter&shy;ge&shy;ne&shy;ra&shy;ti&shy;o&shy;nellen Freiheit</h2>
<p>Doch auch die Menschen auf der Südhalbkugel und die Menschen künftiger Generationen haben einen ebensolchen Anspruch auf gleiche Freiheit, da Gründe für eine Erweiterung der universalen zur intergenerationellen und globalen (<i>zwischen</i> den Gesellschaften herrschenden) Gerechtigkeit sprechen. Denn <i>erstens </i>ist der menschlichen Sprache, wie gesehen, die Beachtlichkeit möglicher Diskutanten und damit auch künftiger Diskutanten, eingeschrieben. Und <i>zweitens </i>sind zu ihrem Lebenszeitpunkt auch junge und künftige Menschen Menschen und damit Träger der Menschenrechte.<br />Und Rechte, die definitiv zu einem zukünftigen Zeitpunkt entstehen werden, sind schon heute beachtlich. Denn wenn ich die Lebensgrundlagen heute in einer Weise schädige, dass dieses Handeln bei jungen und künftigen Menschen später keine Freiheit (und insbesondere keine Freiheitsvoraussetzungen in Gestalt von Existenzminimum, Leben und Gesundheit mehr garantieren kann, richte ich in der Zukunft einen irreversiblen Schaden an. Und damit würden die betroffenen Rechte nicht mehr das leisten, was die menschenrechtliche Freiheit leisten soll: einen sicheren Schutz gegen Beeinträchtigungen zu gewährleisten.</p>
<p>Und die gleichen zwei Argumente gelten auch im Verhältnis <i>zwischen </i>den Nationen: Das Recht auf gleiche Freiheit muss also genau dort gelten, wo ihm die Gefahren drohen &#8211; und sie drohen ihm zunehmend über Generationen hinweg und über Landes-grenzen hinweg.</p>
<p>Deshalb kann man eine moderne liberale Freiheit vielleicht verstehen als Konzept einer radikalen Autonomie des Individuums &#8211; die sich indes ihrer Absolutheit ebenso bewusst sein muss wie ihrer Grenzen in der gleichen Autonomie aller anderen, auch derjenigen, die räumlich und zeitlich weit entfernt von uns sind. Das meint nicht nur, dass die Freiheitsrechte (a) eine intergenerationelle und globale Dimension bekommen. Vielmehr müssen sie endlich auch so interpretiert werden, dass sie auch (b) die elementaren physischen Freiheitsvoraussetzungen einschließen &#8211; also einen Anspruch nicht nur auf Sozialhilfe, sondern auch auf ein Vorhandensein einer einigermaßen stabilen Ressourcenbasis und eines entsprechenden Globalklimas haben.</p>
<p>Denn ohne ein solches Existenzminimum (und ohne Leben und Gesundheit) gibt es keine Freiheit. Ferner muss Freiheit (c) ein Einstehenmüssen für die vorhersehbaren (auch ökologischen) Folgen des eigenen Tuns &#8211; auch in anderen Ländern und in der Zukunft &#8211; einschließen. Denn Freiheit heißt Eigenständigkeit und damit Verantwortung &#8211; auch für die unangenehmen Konsequenzen des eigenen Lebensplanes. Ferner bedeutet &#8222;Freiheitsschutz dort, wo die Gefahr droht&#8220;, dass (d) die Freiheit auch einen Anspruch auf (staatlichen) Schutz vor den Mitbürgern einschließen muss &#8211; denn entgegen den liberalen Klassikern ist eben nicht &#8222;nur der Staat gefährlich&#8220;. Ich weise hier aus Raumgründen nicht nach, dass all diese Punkte nicht nur allgemein philosophisch, sondern auch verfassungsinterpretierend begründet werden können.</p>
<p>All dies überwindet den altliberalen, ökonomistischen Freiheitsbegriff und erzwingt &#8211; auch &#8211; eine andere Umweltpolitik. Die Einschränkung z.B. des Autoverkehrs oder eine Erhöhung der Energiepreise durch Ökosteuern ist dann nicht einfach freiheitsbeschränkend, sondern auch freiheitsermöglichend.</p>
<h2 class="auto-created">Freiheit und gewal&shy;ten&shy;tei&shy;lige Demokratie</h2>
<p>Doch muss all das nicht dem demokratischen Prozess überlassen bleiben? Darf die Mehrheit in einer Demokratie nicht ganz nach freiem Ermessen herrschen &#8211; und damit auch die Generationengerechtigkeit ignorieren? Viele meinen in der Tat, dass liberale Verfassungen der Mehrheit das Aufgreifen oder Nichtaufgreifen beliebiger Belange erlauben (sofern sie nicht ganz wörtlich von der Verfassung untersagt sind wie z.B. das &#8222;Führen eines Angriffskrieges&#8220; in Art. 26 GG). Ebenso wird der Erlass einer neuen Verfassung mit beliebigem Inhalt für zulässig erachtet. Nun ist, wie gesehen, die Demokratie sicher neben Würde, Unparteilichkeit und Freiheit das zentrale Grundprinzip einer gerechten Grundordnung. Denn wenn alle Menschen gleich zu respektieren sind, müssen sie auch gleichermaßen Anteil an der gesellschaftlichen Konfliktlösung haben. Das Prinzip der gleichen Achtung impliziert gerade, dass idealtypisch jeder über sich selbst entscheiden sollte &#8211; und folglich den gleichen Bezug zur Streitentscheidungsinstanz haben muss, soweit ein Konflikt z.B. zwischen verschiedenen Freiheiten und Freiheitsvoraussetzungen besteht (was der alltägliche Gegenstand von Politik ist) und daher nicht jeder allein entscheiden kann. Dies aber bedeutet Demokratie. Ferner sichert die Demokratie die Freiheit. Wenn doch die Vernunft inhaltlich offen ist, ist die Demokratie das naheliegende Entscheidungsverfahren.</p>
<p>Manche Philosophen erkennen nun zwar die Freiheit an, halten letzten Endes aber wohl (z.T. implizit) die Demokratie für vorrangig. Richtig ist dabei zunächst noch, dass &#8211; so z.B. Jürgen Habermas &#8211; Freiheit und Demokratie sich gegenseitig fördern. Habermas fasst dann aber im Weiteren das Achtungsprinzip als bloße Verfahrens- und nicht als Ergebnisregel der Demokratie auf (welche die Bürger sozusagen zeitweilig von ihren Diskurspflichten entlaste). Doch diese &#8222;freiheitlichen Garantien&#8220; erlauben der Mehrheit anscheinend immer noch, Gesetze beliebigen Inhalts zu machen, solange sich die Mehrheit dabei an der für sich weitgehend unbestimmten Unparteilichkeitsidee orientiert. Diese &#8222;radikale Demokratie&#8220; (Habermas) unterliegt jedoch den oben formulierten Einwänden gegen Präferenzansätze (von sonstigen Einwänden gegen die Habermassche Gerechtigkeitstheorie einmal abgesehen), und zu dem entwickelten universalistischen Prinzipienset passt sie einfach nicht. Eine gewaltenteilige, durch Prinzipien eingehegte Demokratie verspricht einfach ein Mehr an Freiheit, Rationalität und Unparteilichkeit als eine &#8222;radikale&#8220;.</p>
<p>Insbesondere die Generationengerechtigkeit spricht gegen die radikale Demokratie. Denn die Demokratie ist für künftige und junge Menschen kein Akt der Selbst-, sondern der Fremdbestimmtheit. Denn sie sind heute keine Beteiligten der Demokratie. Und die daher erwartbare Vernachlässigung von Langzeitinteressen ist ein Kardinalproblem der Gerechtigkeit. Deshalb braucht die Freiheit künftiger Generationen komplexere Institutionen als ein bloßes Mehrheitsprinzip, zunächst einmal die Gewaltenteilung. Denn die liberale Demokratie will ja Konflikte einer realen Welt lösen und muss darum registrieren, dass Menschen tatsächlich oft eigennützig sind, auch wenn wir dies nicht sein sollten. Und der Eigennutzen eines Politikers ist die Wiederwahl; der Eigennutzen des heutigen Wählers ist ebenfalls kurzzeitorientiert. &#8211; Nebenbei ergibt sich hier eine weitere Begründung der oben hergeleiteten intergenerationellen Wirkung der Freiheit. Denn Demokratie meint Selbstbestimmung einer Gruppe von Freien. Für künftige Generationen ist die heutige Mehrheit aber eher eine Art Diktator. Also bedürfen sie starker Freiheitsgarantien.</p>
<p>Die Generationen- und auch die globale Gerechtigkeit führen nicht nur zur Gewaltenteilung, sondern zu Fortentwicklungsideen für die Demokratie. So könnte man Wahlen verschiedener Ebenen (z.B. Europaparlament, Bundestag, Landtage) auf Sammeltermine alle zwei oder gar vier Jahre bündeln. Damit verhindert man, dass Politik anstelle eines längerfristig orientierten rationalen Diskurses zum kurzzeitorientiert-emotionalen Dauerwahlkampf wird. Unparteilichkeits- und rationalitätsfördernd sind zudem Wiederwahlbeschränkungen für Parlaments- und Regierungsmitglieder, ebenso wie Regeln, die die Wissensübermacht der (meist gesetzesentwurformulierenden) Ministerialbürokratie gegenüber den Parlamentariern begrenzen. Zusätzliche Parlamentskammern für Langzeitgesetze mit nicht gewählten Mitgliedern wären dagegen im Lichte der &#8222;doppelten Freiheitsgefährdung&#8220; eine wenig empfehlenswerte Option.</p>
<p>National und transnational nötig wäre aber ein Treuhänderorgan, welches ein Klage-recht hat und zudem die Zukunftsrechte in Gesetzgebungs- und große Verwaltungsverfahren einbringt (letzteres ist dann ein Element partizipativer Demokratie, wie es generell als Ergänzung der repräsentativen Demokratie wichtig ist). Denn irgendjemand muss die Zukunftsrechte vorbringen können. Eine solche Partizipation und Klagemöglichkeit ohne eigene exekutivische (oder gesetzgebende) Entscheidungsmacht fügt sich auch unproblematisch in das demokratische System ein. Diese Rolle könnte ein &#8222;Nachweltrat&#8220; übernehmen, der wie eine Notenbank eine (begrenzt) neben dem demokratischen Prozess liegende Form einer gestärkten Freiheitlichkeit und Unparteilichkeit der Politik wäre.</p>
<p>Der Generationengerechtigkeit abträglich sind dagegen Strukturen, die nicht wie Gewaltenteilung und gebündelte Wahlen einen rationalitäts- und unparteilichkeitsförderlichen Mehrebenen-Diskurs erzeugen, sondern gegenseitige Blockaden. Dies führt dann zu Kuhhändeln statt zu den stets nötigen Lernprozessen mit Diskursen, Entscheidungen und Abänderungen aufgrund des Lernens aus falschen Entscheidungen. Der deutsche Föderalismus ebenso wie die überkomplexe EU-Gesetzgebungsprozedur sollten deshalb überdacht werden.</p>
<h2 class="auto-created">Inter&shy;ge&shy;ne&shy;ra&shy;ti&shy;o&shy;nelle Abw&auml;gungen und Durch&shy;set&shy;zung der Nachhal&shy;tig&shy;keit &ndash; Abschied von einer natio&shy;nal&shy;staats&shy;zen&shy;trierten Politik&shy;per&shy;spek&shy;tive</h2>
<p>Die vorstehend gegebene Begründung und Einbettung der Generationengerechtigkeit bzw. Nachhaltigkeit zwingt die heutige Politik zu einem prinzipiellen Umdenken. Anhand der verschiedenen Freiheitsaspekte lassen sich die Regeln, nach denen der demokratisch-gewaltenteilige Prozess die intergenerationell kollidierenden Freiheitssphären zum Ausgleich bringen muss, weiter konturieren. Es sind dies Abwägungsregeln, die im Kern darauf angelegt sind, sowohl von der Freiheit der Lebenden als auch von der Freiheit der Künftigen möglichst viel übrig zu lassen. Bei alledem muss freilich betont werden, dass sich auf diese Weise zwar die Maßstäbe einer gerechten Politik in liberalen Demokratien angeben lassen. Das faktische Problem, dass heutige eigennutzenmaximierende Politiker, Wähler, Verbraucher, Unternehmer und womöglich auch Verfassungsrichter (die selbst Verbraucher usw. sind) am Ende trotzdem kollektiv die Generationengerechtigkeit ignorieren könnten, bleibt aber trotzdem virulent. Ebenso hören ja auch autoritäre Regime rein faktisch nicht auf zu existieren, nur weil man ihnen normativ Ungerechtigkeit nachweist. Trotzdem ist eine Gerechtigkeitstheorie wichtig, da Menschen nicht nur eigennützig handeln, sondern auch für gute Gründe (teilweise) empfänglich sind.</p>
<p>Wie aber kann die Politik ein Nachhaltigkeitsanliegen wie z.B. den Klimaschutz dann unter den Bürgern und Unternehmen durchsetzen? Wenn eine intergenerationell ausgewogene Freiheit real werden soll, wird man nicht allein auf freiwillige Initiative der Unternehmen und der heute lebenden Verbraucher (&#8222;Konsumentendemokratie&#8220; und &#8222;Selbstregulierung&#8220;) warten können. Dass ein rein freiwilliges Handeln als Konzept gegen im Detail unsichere, im Grundsatz aber erkennbare Gefährdungen wegen der menschlichen Motivationslage unrealistisch ist, übersieht die gängige wirtschaftsliberale These, dass &#8222;die Bürger&#8220; die sozialen Probleme letztlich am besten selbst kennen und lösen können. Darum benötigt man klare Spielregeln &#8211; seien es Ökosteuern, Zertifikatmärkte, Ge- und Verbote oder noch andere Instrumente. Gerade für die Spielregeln haben wir ja die Politik als Ebene des Freiheitsausgleichs zwischen den Bürgern.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wäre eine klare Normierung nachhaltigkeitsbezogener Spielregeln mitnichten einfach freiheitseinschränkend. Sie wäre vielmehr gerade auch<br />freiheitsschützend. Die liberale Demokratie dient eben dazu, unparteiische Konfliktlösungen zu ermöglichen und Machtdisbalancen zwischen den Bürgern zu neutralisieren. Ökosteuern beispielsweise können dabei eine zugleich wirksame und bürokratieminimierende Form von Spielregeln sein.</p>
<p>Was aber ist zu tun, damit ein derartiger politischer Ansatz nicht einfach niemals zu Stande kommt, weil er schlicht den Eigennutzenkalkülen von Politikern und Wählermehrheiten widerstreitet (und wenn aus analogen Ursachen auch Unternehmen und Verbraucher eine Teufelskreisstruktur bilden)? Die wesentliche Initiative nachhaltigkeitsorientierter Bürger muss darin bestehen, eben jene Spielregeln zu bejahen und im Sinne einer &#8222;kritischen Masse&#8220;, die die Eigennutzenrationalität von Politikern und Unternehmen überhaupt erst ändern kann, einzufordern. Dabei wäre freilich die Einsicht wesentlich, dass man von der Politik weniger ein rein nationalstaatliches Handeln als vielmehr das Anstoßen globaler Aktivitäten einfordern muss. Momentan untergräbt der freihandelsbedingte globale Dumpingwettlauf um kostensparende und ergo niedrige Unternehmenssteuern, Sozial- und Umweltstandards nicht nur die Armutsbekämpfung im Süden und den westlichen Sozialstaat. Er verhindert auch in Nord und Süd eine echte Umweltpolitik, die z. B. ein Generationengerechtigkeitsthema wie das Klimaproblem wirklich angehen würde. Nationalstaaten sind nicht nur gegen das Dumping relativ ohnmächtig. Sie können auch strukturell globale Probleme wie den Klimawandel kaum lösen. Auch die bisherigen Völkerrechtsverträge im Konsens und mit beliebigem (Nicht-)Vollzug durch die Staaten bringen wenig. Dies wurde am Beispiel des Kyoto-Protokolls bereits deutlich. Soziale und Umweltbelange brauchen eine globale Politik, die die globale Ökonomie einhegt. Am besten durch eine Weiterentwicklung der WTO zu einer Art abgespeckten &#8222;globalen EU&#8220;, die nicht länger nur wirtschaftsliberal Märkte (einklagbar) öffnet, sondern weltweit bindende Umwelt-, Sozialstandards und Mindestunternehmenssteuersätze schafft. Und die Umweltstandards auch gegenüber dem bisherigen West-Niveau deutlich verschärft. Begleitet werden muss dies aber durch erhebliche Finanzhilfen an die Entwicklungsländer. Exakt so werden in diesen Monaten die EU-Beitrittsstaaten in die EU integriert. Dies wird freilich erst dann auf den Weg gebracht werden, wenn wir alle realisieren, dass der alte nationalstaatliche Fokus auf die Politik an sein Ende gelangt ist.</p>
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		<title>Keine Nachhaltigkeit ohne Suffizienz</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:35:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>F&#252;nf Thesen und Folgerungen aus vorg&#228;nge Heft 3/2007,S.46-54 1.Die Bedeutung von Suffizienz f&#252;r eine nachhaltige Entwicklung ergibt sich nicht automatisch. Vielmehr stellt sich die Frage nach der Qualit&#228;t: Welche nachhaltige Entwicklung &#8211; und welche Suffizienz? Nachhaltigkeit ist als Antwort auf historische Krisensituationen wirksam geworden. Ihre Urspr&#252;nge liegen in der Waldwirtschaft und der Holzkrise im 17. [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>F&uuml;nf Thesen und Folgerungen</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft 3/2007,S.46-54</p>
<p>1.Die Bedeutung von Suffizienz f&uuml;r eine nachhaltige Entwicklung ergibt sich nicht automatisch. Vielmehr stellt sich die Frage nach der Qualit&auml;t: Welche nachhaltige Entwicklung &#8211; und welche Suffizienz?</p>
<p>Nachhaltigkeit ist als Antwort auf historische Krisensituationen wirksam geworden. Ihre Urspr&uuml;nge liegen in der Waldwirtschaft und der Holzkrise im 17. Jahrhundert. Aufgrund des ma&szlig;losen Abholzens der W&auml;lder waren die Verf&uuml;gung &uuml;ber den Rohstoff Holz und die Funktionsf&auml;higkeit der Produktionsst&auml;tte Wald gef&auml;hrdet. Nachhaltigkeit birgt eine quantitative und eine qualitative Dimension. Quantitativ soll nicht mehr Holz geschlagen werden als nachwachsen kann. Qualitativ geht es um Bodenqualit&auml;t (Humusbildung), um die Qualit&auml;t von Wasser (saurer Regen) und von Luft (CO2-Gehalt).</p>
<p>Die neuere Ausformulierung von Nachhaltigkeit geschah 1987 im Brundtland-Bericht der Weltkommission f&uuml;r Umwelt und Entwicklung und im Kontext der Armutskrise in den L&auml;ndern des S&uuml;dens und der globalen &ouml;kologischen Krise. In diesem Bericht wird Nachhaltigkeit nicht als Zustand, sondern als Prozess gefasst &#8211; nachhaltige Entwicklung bzw. Sustainable Development. Nachhaltig oder zukunftsf&auml;hig ist eine Entwicklung dann, wenn die Bed&uuml;rfnisse der heutigen Generation befriedigt werden, ohne die Bed&uuml;rfnisse der k&uuml;nftigen Generationen sowie deren Wahl ihres eigenen Lebensstiles zu gef&auml;hrden. Diese Maxime vertr&auml;gt sich nicht mit r&uuml;cksichtslosem Ressourcenverbrauch und irreversibler Umweltbelastung. Hier werden einerseits Grenzen formuliert, die kapitalistischen Gesellschaften per se fremd sind. Hier wird andererseits R&uuml;cksicht auf den Status Quo genommen, indem Nachhaltigkeit und Entwicklung zu einem wachstumskonformen Konzept kombiniert werden.</p>
<p>Das S&uuml;d-Frauennetzwerk Development Alternatives with Women for a New Era, DAWN, pl&auml;diert stattdessen f&uuml;r Sustained Livelihood. W&auml;hrend Entwicklung als Makrostrategie mit ressourcenintensivem Wachstum vereinbar erscheint, setzt livelihood an den lokalen Lebensbedingungen und Alltagserfahrungen von Frauen an. Im Livelihood-Ansatz wird Nachhaltigkeit nicht top-down verordnet, sondern bottom-up ausgehandelt.<br />Sustained livelhood verweist auf sichere Lebensgrundlagen anstelle von effizienterer Naturbeherrschung (Wichterich 2002).</p>
<p>Nachhaltigkeit steht also sowohl f&uuml;r die &Ouml;kologisierung des Vorhandenen (wachstumsbasierte &ouml;kologische Modernisierung durch technische Innovationen, Effizienzsteigerung, Recycling&#8230;) als auch f&uuml;r grundlegende Ver&auml;nderungen als Voraussetzung f&uuml;r das Erreichen von Nachhaltigkeit (&ouml;kologischer Strukturwandel, tiefgreifende strukturelle Ver&auml;nderungen von Wirtschaft und Gesellschaft v.a. in den Industriel&auml;ndern).</p>
<p>Mit Suffizienz ist die Frage aufgeworfen, wie viel genug ist bzw. mit Suffizienz wird die Aussage gemacht, dass etwas genug sein kann. Im Deutschen ist Suffizienz ein Holperwort und der Alltagssprache nicht zugeh&ouml;rig. In anderen Sprachen wird der Begriff hingegen selbstverst&auml;ndlicher gebraucht, wenn auch eher als Verb oder Adjektiv. So ist mir noch das erboste &#8222;ca suffit!&#8220; der Franz&ouml;sin im Ohr. Was der Lehrerin reichte, war allerdings nicht unser Ressourcenverbrauch, sondern sie stie&szlig; diesen Ruf immer dann aus, wenn unser unterrichtsfernes Gequatsche sich zu einem deutlich vernehmbaren L&auml;rmpegel entwickelt hatte. Im Englischen wird von Suffizienz eher negativ gesprochen, etwas ist not sufficient, &auml;hnlich im Italienischen, wenn gesagt wird, es sei non sufficiente. Im substantivverliebten Deutschen ist immerhin von Insuffizienz die Rede, wenn das menschliche Herz nicht zufriedenstellend arbeitet. Ansonsten taucht dieser alltagsferne Begriff im Kontext von &Ouml;kologie und Nachhaltigkeit auf &#8211; Wolfgang Sachs hat ihn in Anlehnung an Herman Daly in die &ouml;kologische Debatte geworfen und der Effizienz gegen&uuml;bergestellt. Dort, im Mainstream der Nachhaltigkeitsdebatte hat es die Suffizienz allerdings schwer. Das liegt zun&auml;chst an ihrer Position als kleine, moralisch aufgeladene und sozial harmlose Schwester des gro&szlig;en Bruders Effizienz.</p>
<p><i>Suffizienz hat es vor allem dann schwer und befindet sich in einer defensiven Position, wenn sie auf das individuelle Konsumverhalten reduziert wird. Mit dem moralischen Appell &#8222;Bitte verbrauche der Umwelt und den nachfolgenden Generationen zuliebe weniger und schalte auch das Standby aus&#8220; wird sie um ihre kritische Dimension gebracht. Diese liegt darin, dass die Suffizienz einer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft ein Dorn im gewinnmaximierenden Auge sein muss. Daher steht sie nicht f&uuml;r die &Ouml;kologisierung des Vorhandenen, sondern f&uuml;r grundlegende und strukturelle Ver&auml;nderungen als Voraussetzung f&uuml;r Nachhaltigkeit.</i></p>
<p>2. Im Dreigestirn der Nachhaltigkeit besetzt die Suffizienz die schw&auml;chste Position und stellt zugleich die gr&ouml;&szlig;te Herausforderung dar, weil sie mit der vorherrschenden Logik nicht kompatibel ist.</p>
<p>Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts haben wir in der Arbeitsgruppe Neue Wohlstandsmodelle am Wuppertal Institut f&uuml;r Klima, Umwelt und Energie drei Wege zu neuen Wohlstandsmodellen diskutiert:</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s47-1.jpg" width="380" height="75" alt=""></p>
<p>Die Effizienz als Weg zur Nachhaltigkeit ist vor allem von Ernst-Ulrich von Weizs&auml;cker in die deutsche Debatte eingebracht worden. Seine Hoffnung war und ist, dem naturzerst&ouml;renden technischen Fortschritt eine andere Richtung zu geben. Die in der kapitalistischen &Ouml;konomie immer schon beheimatete Vorstellung, mit m&ouml;glichst wenig m&ouml;glichst viel zu erreichen, sollte von der Steigerung der Arbeitsproduktivit&auml;t auf die Steigerung der Ressourcenproduktivit&auml;t gelenkt werden. Mittels einer &#8222;Effizienzrevolution&#8220; und dem &#8222;Faktor Vier&#8220; soll doppelter Wohlstand (insbesondere f&uuml;r die L&auml;nder des S&uuml;dens) bei halbiertem Naturverbrauch erreicht werden. Damit sollen die alten Dinosauriertechnologien &uuml;berwunden und soll ein neuer, besserer technischer Fortschritt erreicht werden. Der Effizienzgedanke vertr&auml;gt sich mit der herrschenden Logik pr&auml;chtig. Was sollte auch dagegen sprechen, die effizienzmotivierte Reduktion des Verbrauchs endlich auch zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung einzusetzen? In der Tat ist die gesellschaftliche Antwort auf die &ouml;kologische Krise heute in der Hauptsache eine Steigerung der Effizienz. Der Nachteil dieser ansonsten so kompatiblen Strategie liegt darin, dass die Effizienz dazu neigt, ihre eigenen Kinder beziehungsweise Gewinne zu fressen. Dieser so genannte &#8222;Rebound-Effekt&#8220; entsteht beispielsweise dann, wenn der geringere Treibstoffverbrauch eines Automobils dadurch kompensiert wird, dass mehr Autos produziert, mit mehr energieverbrauchenden Zusatzger&auml;ten (Klimaanlage, Bordcomputer&#8230;) ausgestattet und intensiver genutzt werden.</p>
<p>W&auml;hrend der Effizienzappell sich vor allem an die Produktionsseite richtet und auf verbesserte Technologien zielt, hat der Suffizienzappell in seinen Urspr&uuml;ngen die Konsumseite zum Adressaten und zielt auf ein ver&auml;ndertes Verhalten. Damit neigt sie dazu, sich unbeliebt zu machen. So werden ihr pr&auml;moderne Askesez&uuml;ge zugeschrieben, so wird mit ihr eine moralgeladene Verzichtshaltung assoziiert. Das Weniger im Mehr etablieren zu wollen ist wahrhaftig ein befremdliches Unterfangen. Dies widerspricht der herrschenden Logik und ist eher in gesellschaftlichen Nischen zu Hause.</p>
<p>Dass die technische Effizienz und die soziale Suffizienz als Zweigestirn einer nachhaltigen Entwicklung nicht gen&uuml;gen, darauf haben sowohl Joseph Huber als auch Jochen Diekmann hingewiesen, allerdings in verschiedener Absicht. Joseph Huber f&uuml;gt als drittes die Konsistenz hinzu. Erst mit ihr, so sein Argument, lassen sich Aussagen &uuml;ber Beschaffenheit und Qualit&auml;ten von Stoffen sowie deren Vertr&auml;glichkeit untereinander und mit der nat&uuml;rlichen Umwelt machen. Die Konsistenz stellt damit im Unterschied zur Effizienz nicht die Frage nach dem Wieviel, sondern die nach der Beschaffenheit bzw. der Qualit&auml;t von Stoffen. Jochen Diekmann sieht als Drittes nicht die Konsistenz, sondern den &ouml;kologischen Strukturwandel. Er steht ihm zufolge im Grunde nicht gleichberechtigt neben den beiden anderen Zug&auml;ngen, sondern es kommt ihm die zentrale Rolle zu, weil er umfassender ist und insbesondere auch organisatorische Innovationen einschlie&szlig;t. Dieser Gedanke hat sich allerdings im Dreigestirn der Nachhaltigkeit kaum durchsetzen k&ouml;nnen. Er ist mit dem Suffizienzzugang insofern verbunden, als dass er die &ouml;kologische Modernisierung f&uuml;r unzureichend h&auml;lt.</p>
<p>Die Zeiger der Zeit stehen jedoch auf &ouml;kologischer Modernisierung. Einige &Uuml;berlegungen zum Klimawandel m&ouml;gen dies verdeutlichen. Um die mit dem Klimawandel einhergehenden Ver&auml;nderungen zu begrenzen ist eine deutliche Reduktion des CO2-Verbrauchs erforderlich. Das klingt eigentlich nach Suffizienz. Die hegemoniale Antwort ist aber die der Effizienz. Die Bundesregierung setzt auf eine Steigerung der Energieeffizienz und der Materialeffizienz (v.a. Recycling), um den Ressourcenverbrauch und den damit verbundenen CO2-Ausstoss zu senken. Die zweite Antwort ist die der Konsistenz. Sie taucht im Kontext der erneuerbaren Energien auf. So sollen beispielsweise Biokraftstoffe die &Ouml;konomie auf die Grundlage nachwachsender und CO2-&auml;rmerer oder gar neutraler Rohstoffe stellen. Aber was bedeutet es f&uuml;r die L&auml;nder des S&uuml;dens, wenn deren Fl&auml;chen nicht der Herstellung von Nahrungsmitteln, sondern von Treibstoffen dienen? Und was bedeutet es f&uuml;r die Umwelt, wenn der &#8222;Biosprit&#8220; den Gesetzen der Effizienz insofern gehorcht, als dass m&ouml;glichst schnell m&ouml;glichst viel Biokraftstoff hergestellt werden soll? Zu den &#8222;Nebenwirkungen&#8220; der von der internationalen Energieagentur gesch&auml;tzten 147 Millionen Tonnen Biokraftstoff innerhalb der n&auml;chsten 23 Jahre geh&ouml;ren vermehrte Bodenerosionen und Milliarden Tonnen Abw&auml;sser (Holt-Gimenez 2007, S. 13). Was w&auml;re hier eine suffiziente und mit &ouml;kologischem Strukturwandel verbundene Antwort? Eric Holt-Gimenez formuliert sie so:</p>
<p>&#8222;Die Agrokraftstoffindustrie braucht keine Anreize, sondern Schranken. Dem globalen S&uuml;den die Lasten unseres exzessiven Kraftstoffverbrauchs aufzub&uuml;rden, nur weil in den Tropen die Sonne l&auml;nger scheint, mehr Regen f&auml;llt und fruchtbarere Landstriche existieren, ist schlechterdings skandal&ouml;s. Wenn die Produktion von Biokraftstoffen nicht zulasten der W&auml;lder und der Ern&auml;hrung gehen soll, m&uuml;ssen Getreide-, Zuckerrohr- und Palm&ouml;lindustrie auf koordinierte Weise reguliert werden. Biokraftstoffe bringen den l&auml;ndlichen Gegenden nur dann nachhaltige Gewinne, wenn sie nicht als Kernst&uuml;ck, sondern als Erg&auml;nzung nachhaltiger l&auml;ndlicher Entwicklung begriffen werden.&#8220; (ebenda)</p>
<p><i>Innerhalb des Dreigestirns zur Nachhaltigkeit l&auml;sst sich die soziale und politische Frage der Gerechtigkeit nur aus der Suffizienzperspektive stellen.</i></p>
<p>3. Im internationalen und im Nord-S&uuml;d-Kontext wirft Suffizienz die Frage nach gerechter Verteilung auf und gemahnt an eine Begrenzung der Gier</p>
<p>Ein mit der Suffizienz verbundenes und &uuml;ber die individuelle Konsumperspektive hinausweisendes Denken scheint ganz besonders in Indien zu Hause zu sein. So hat uns Mahatma Gandhi darauf hingewiesen, dass die Welt genug f&uuml;r jedermanns Bed&uuml;rfnisse hat &#8211; aber nicht f&uuml;r jedermanns Gier. So hat Amartya Sen betont, Hunger beruhe nicht auf Knappheit, sondern auf Armut. Hunger entsteht nicht, weil die Erde nicht gen&uuml;gend Nahrungsmittel hervorzubringen vermag, sondern weil sie ungerecht verteilt werden. Und Vandana Shiva hat im Kontext der &ouml;kologischen Krise die Frage nach einer neuen Demokratie gestellt: Die Demokratie des Lebendigen. Auch hier erklingt die Musik nachhaltiger Entwicklung nicht in effizienter Naturbeherrschung, sondern in anderen gesellschaftlichen Naturverh&auml;ltnissen, die nicht auf Ausbeutung beruhen und beispielsweise dem Krieg um Wasser demokratische Prinzipien zur Regulierung des Wassers entgegensetzen.</p>
<p>Zwar gelobten die Regierungschefs der Welt vor sieben Jahren zum Jahrtausendwechsel, die Anzahl der in extremer Armut lebenden Menschen bis 2015 zu halbieren &#8211; aber bis heute isst immer noch der Norden den S&uuml;den auf. Berechnungen von S&ouml;ren Steger (Steger 2005) zeigen: Wir verbleiben nicht in unserem eigenen n&ouml;rdlichen &#8222;Umweltraum&#8220;, sondern unser Konsum von Lebensmitteln beansprucht Fl&auml;chen weltweit:</p>
<p><img decoding="async" border="1" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s50-1.jpg" width="380" height="448" alt=""></p>
<p>Den gr&ouml;&szlig;ten Teil an ausl&auml;ndischer Fl&auml;che belegt die EU15 somit in S&uuml;d- und Lateinamerika, gefolgt von Nordamerika und Westafrika. Diese Fl&auml;chenbelegung ergibt sich in Nordamerika vor allem aus Futtermitteln (in erster Linie Soja), die in Westafrika aus Importen von Kaffee und Kakao. Der Stoff also, aus dem der Wohlstand des Nordens gemacht ist, ist nicht ungerechtigkeitsneutral. Er belastet den S&uuml;den und nimmt ihm eigene Entwicklungswege. Zum Bewohnen der Erde geh&ouml;rt folglich eine andere Kultur des G&auml;rtnerns.</p>
<p><i>So gesehen ist Suffizienz ein Menetekel. Sie gemahnt daran, dass anderen Menschen und dem anderen der Natur nicht alles, was der Nord-Westlichen Vorteilsbeschaffung dient, zugemutet werden darf.</i></p>
<p>Sp&auml;testens an dieser Stelle wird der Suffizienz vorgeworfen, sie sei normativ. Aber ist es nicht genauso normativ anzunehmen, es w&uuml;rde alles zum besten bestellt, wenn nur jeder und jede m&ouml;glichst ungest&ouml;rt dem eigenen Vorteil, dem eigenen Gewinn, der eigenen Gier nachgehen darf?</p>
<p>4. Suffizienz leuchtet erst, wenn alle gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure von ihr erfasst werden, also neben Konsumentinnen und Konsumenten auch Unternehmerinnen und Unternehmer, Politikerinnen und Politiker. Suffizienz ist gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe.</p>
<p>Die Suffizienz, so wurde oben dargelegt, wurde zun&auml;chst f&uuml;r die Konsumseite und deren Ma&szlig;halten im Verbrauch thematisiert. Im Grunde muss aber die Suffizienz nicht in die privaten Haushalte hineingetragen werden, sondern sie kann vielmehr umgekehrt von der Hauswirtschaft aus entfaltet werden. Mit den eigenen Mitteln zu haushalten und sie f&uuml;r die (materiellen wie immateriellen) Bed&uuml;rfnisse und das Wohlbefinden aller Haushaltsmitglieder einzusetzen &#8211; dieses haush&auml;lterische Prinzip liegt der Suffizienz nahe und richtet sich wie diese gegen Verschwendung. Dazu geh&ouml;rt auch die so genannte &#8222;&Ouml;ko-Suffizienz&#8220;, die sich beispielsweise in einem sparsamen Einsatz von Energie und Wasser &auml;u&szlig;ert. Schon am Beispiel des Standby zeigt sich jedoch, dass Suffizienz nicht nur im Privathaushalt wohnen kann. W&auml;re es denn nicht einfacher und kl&uuml;ger, wenn hier anstelle des zeit- und aufmerksamkeitsaufwendigen Verhaltens von Millionen von Konsumentinnen und Konsumenten die Herstellerseite einfach damit aufh&ouml;ren w&uuml;rde, solcherart Ger&auml;te zu produzieren?</p>
<p>Wie w&auml;re es &uuml;berhaupt um die Herstellerseite bestellt, wenn auch diese eine Suffizienzverpflichtung eingehen w&uuml;rde? Auch Unternehmen sind ja im Grunde Verbraucher. Ihre Bereitschaft zum sparsamen Rohstoff-, zum sparsamen Energie- und Materialverbrauch wird zumeist der Effizienzseite zugeschlagen. Tats&auml;chlich aber lassen sich auch auf der Unternehmensseite Elemente von Suffizienz finden, die &uuml;berdies einen Bezug zur Haushalts&ouml;konomie aufweisen k&ouml;nnen. Eine Gemeinsamkeit von &#8222;naturnaher Waldwirtschaft&#8220; und der &#8222;alten Haushalts&ouml;konomie&#8220; liegt beispielsweise in der Abstimmung von Ressourcenverbrauch und Ressourcennachschub. Der Grundsatz, nicht mehr B&auml;ume zu f&auml;llen als der Wald erzeugt, gew&auml;hrleistet(e), dass die Nutzung nat&uuml;rlicher Ressourcen nur in begrenztem Ma&szlig;e stattfand. Wichtig dabei ist nicht die Begrenzung an sich, sondern die F&auml;higkeit zu einer Begrenzung, weil sie ein Ziel hat: Die Produktionsf&auml;higkeit des Waldes dauerhaft zu erhalten und somit nicht nur die eigene, sondern ferner die Versorgungsgrundlage zuk&uuml;nftiger Generationen zu sichern. Das mit Suffizienz verbundene Element der R&uuml;cksichtnahme findet sich in dem Ausdruck &#8222;Z&auml;rtliche Waldwirtschaft&#8220;, der auf einer Formulierung des Gesch&auml;ftsf&uuml;hrers eines naturnahen Forstbetriebes beruht. Er sprach von einer &#8222;z&auml;rtlichen Beziehung zum Wald&#8220;, als er eine studentische Exkursion in den &#8222;Lernwald&#8220; gef&uuml;hrt hat, ein kleines Waldgebiet, das v&ouml;llig naturbelassen bleibt. Hier l&auml;sst sich lernen, wie der Wald sich selbst reproduziert, wenn keinerlei menschliche Eingriffe geschehen. Naturnahe Waldwirtschaft, so der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer, ist &#8222;Wirtschaft mit allen Sinnen&#8220;. Die Gesundheit des Waldes kann man nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken, f&uuml;hlen und h&ouml;ren. Diese Art des Wirtschaftens braucht allerdings Besonnenheit und eine Verbindung von Rationalit&auml;t und Emotionalit&auml;t. So entsteht eine Art z&auml;rtliche Verbindung zwischen dem Wald und den ihn bewirtschaftenden Personen. Auch dies hat mit Sorge und Aufmerksamkeit f&uuml;r das Andere, f&uuml;r die anderen zu tun. Zugleich aber ist es auch ein Ma&szlig;halten mit Blick auf Gewinn oder Umsatz des Unternehmens. Daher verweist Suffizienz in Unternehmen nicht einfach auf ein Weniger, sondern auf eine andere Art des Produzierens und Wirtschaftens.</p>
<p>Und die Politik beziehungsweise die politischen Akteurinnen und Akteure? Suffizienz in der Politik w&uuml;rde beispielsweise bedeuten, die Finanzstr&ouml;me in die Pr&auml;vention zu lenken, anstatt in irreparable Sch&auml;den. Damit sind jedoch eine andere Steuerungspolitik und andere Politikformen angesprochen. Die Politik m&uuml;sste t&auml;tig werden, um zu vermeiden und nicht, wenn es sich nicht mehr vermeiden l&auml;sst. Dies erfordert zeitliche und inhaltliche Weitsicht.</p>
<p>Allerdings ist die Suffizienz als Appell zum Ma&szlig;halten in der Politik l&auml;ngst zu Hause. Das macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil, eine gute M&ouml;glichkeit, der mit Suffizienz verbundenen, ernsthaften Gefahr einst&uuml;rzender Denkvoraussetzungen zu entgehen ist, ihr kritisches &#8222;Wir haben genug&#8220; in ein obrigkeitliches &#8222;Ihr habt genug zu haben&#8220; zu verwandeln. Gema&szlig;regelt werden hier nicht Konsumentinnen und Konsumenten, sondern Staatsb&uuml;rgerinnen und Staatsb&uuml;rger.</p>
<p>Appelle an Gen&uuml;gsamkeit sind in der Politik nicht neu und zun&auml;chst auch nicht in umweltschonender Absicht ausgesprochen worden. Oft &#8211; und vorzugsweise dann, wenn es im Staatshaushalt nicht gut aussieht und auch nicht recht abzusehen ist, wie und wann das zu &auml;ndern w&auml;re &#8211; ist beispielsweise vom G&uuml;rtel die Rede gewesen, der enger geschnallt werden m&uuml;sse. Dieser Appell klingt meist vorwurfsvoll &#8211; man solle nun endlich das unzeitgem&auml;&szlig;e Anspruchsdenken aufgeben. Kein Wunder also, wenn Appelle an Ma&szlig;halten unbeliebt sind. Wenngleich sie in j&uuml;ngster Zeit etwas freundlicher klingen &#8211; man m&ouml;ge doch nun, wo die Zeiten staatlicher Wohlfahrt sich dem Ende zuneigen bzw. der Globalisierung anheim fallen, bitte private F&uuml;r- und Vorsorge betreiben. Hier delegiert ein sich defensiv gebender Staat sozialpolitische Verantwortung an einzelne Staatsb&uuml;rgerInnen. &Auml;hnliches geschieht mit umweltpolitischer Verantwortung dann, wenn anstelle einer offensiven Politik die Ver&auml;nderung des Verhaltens einzelner KonsumentInnen treten soll. Suffizienz-Appelle in Form von staatlich angemahntem oder verordnetem Ma&szlig;halten sind insofern fatal, als dass sie sich allzu oft an diejenigen richten oder diejenigen treffen, die immer schon Ma&szlig; halten sollten oder mussten und daher mit Geld und materiellen G&uuml;tern so ganz &uuml;ppig nicht ausgestattet sind.</p>
<p><i>Der Gedanke einer eigensinnigen und sich ihrer selbst bewussten Suffizienz aber, w&auml;re nicht gehorsam gegen&uuml;ber sozial oder &ouml;kologisch motivierten Appellen zum Ma&szlig;halten. Er w&uuml;rde sich nicht in den angeforderten Leistungen zum Verzicht ersch&ouml;pfen. Sondern er w&uuml;rde Suffizienz zu einer politischen Angelegenheit machen, die dem Vorhandenen entgegensteht und &uuml;ber die verhandelt werden muss.</i></p>
<p>5. Der Stachel der Suffizienz liegt in einer Haltung, die in dem Spiel des unendlichen Wachstums, der unendlichen Bed&uuml;rfnisse bei immerw&auml;hrender Knappheit nicht mitspielen mag, weil sie dieses Spiel reizlos findet.</p>
<p>In Anlehnung an Bertolt Brecht l&auml;sst sich dies etwa so formulieren:<br /><i></i></p>
<p><i>Eines Tages wird Herr Keuner gefragt,<br />wie er es denn mit der Suffizienz halte.<br />&#8222;Nun ja &#8222;, antwortet Herr Keuner,<br />&#8222;so recht einleuchten will sie mir nicht.<br />Wieso soll ich pl&ouml;tzlich auf etwas verzichten,<br />das ich eigentlich noch nie haben wollte? &#8222;</i></p>
<p>Wenn nun Suffizienz weder aus der Not, noch aus der Pflicht sich einzeln verhalten der Individuen gefasst wird, wenn vielmehr Suffizienz als etwas im menschlichen (Sozial-)Verm&ouml;gen schon Vorhandenes und als politische Angelegenheit gedacht wird, dann k&ouml;nnte es so etwas geben, wie ein Recht auf Suffizienz. Dieses w&uuml;rde etwa lauten:</p>
<p><i>&#8222;Niemand soll immer mehr haben wollen m&uuml;ssen.&#8220;</i></p>
<p>Vor dem Hintergrund eines solchen Schutzrechtes w&auml;re es Aufgabe von Politik, Suffizienz zu sch&uuml;tzen und zu erm&ouml;glichen. Es verh&auml;lt sich aber gerade umgekehrt: Wer etwas nicht haben will, muss oft einen ungeheuren Aufwand betreiben, wird an den gesellschaftlichen Rand gedr&auml;ngt oder wird systematisch daran gehindert. Welch&#8216; ungeheure Anstrengung beispielsweise, im System ungedrosselter Innovationsgeschwindigkeiten, keinen neuen Computer haben zu wollen, oder diesen &#8211; und sei es aus pazifistischen Gr&uuml;nden &#8211; weder auf-, noch nach-, noch umr&uuml;sten zu wollen.</p>
<p>Der Schutzgedanke gegen&uuml;ber denjenigen, die nicht haben wollen, ist allerdings dem zuerst von Thomas Hobbes formulierten neuzeitlichen Staatsgedanken fremd, bzw. er ist darin nicht vorgesehen. Vorgesehen ist nur, das potentiell gewaltt&auml;tige Wetteifern einzelner Menschen um ein knappes Gut in staatlich geregelte Bahnen zu lenken. W&uuml;rde hingegen der Gedanke einer sch&uuml;tzenswerten Suffizienz aufgenommen, so k&ouml;nnte es nicht mehr hei&szlig;en, dass diejenigen, welche mit m&auml;&szlig;igem Besitz zufrieden sind, nicht lange w&uuml;rden bestehen k&ouml;nnen (Hobbes 1980 [1651J). Sondern es g&auml;lte, dem von Hobbes konstruierten Zwang zur Vermehrung von Besitz, Macht und Ruhm entgegenzuwirken. Wenn aber einerseits eine politische Philosophie ungebrochen bleibt, in der nur &uuml;berleben kann, wer nach deren st&auml;ndiger Vermehrung trachtet, und dann andererseits Menschen aufgefordert werden, sich mit m&auml;&szlig;igem Besitz bzw. dem schon Erreichten zu begn&uuml;gen, so ist nahe liegend, dass diese den Eindruck bekommen, in den Ruin getrieben zu werden.</p>
<p>Damit dies nicht passiert, w&auml;re nicht nur &#8211; und m&ouml;glicherweise auch nicht vor allem &#8211; der Entgrenzung mit der konsumtiven Begrenzung von Individuen zu begegnen. Sondern Begrenzung ungez&uuml;gelten Strebens nach Mehr m&uuml;sste Platz im &ouml;ffentlichen Raum haben. Dies aber w&uuml;rde bedeuten, dass der Raum nicht l&auml;nger investorenfreundlich durchkommerzialisiert werden d&uuml;rfte. Das mag bei einigen Unwillen ausl&ouml;sen &#8211; aber liegt nicht ein Widersinn darin, erst breitere Stra&szlig;en, gr&ouml;&szlig;ere Einkaufszentren und h&ouml;here Mobilfunkantennen zu bauen bzw. deren Bau zuzulassen &#8211; und anschlie&szlig;end die einzelnen Staatsb&uuml;rgerInnen und KonsumentInnen dazu aufzufordern, diese aber doch bitte nicht oder wenigstens nicht allzu sehr zu gebrauchen?</p>
<p>Daher ist ein Recht auf Suffizienz nur zu verwirklichen, wenn die formale Wirtschaftssph&auml;re wieder in eine bewusst gew&auml;hlte, begrenzte Kulturmatrix eingebunden wird. Dies bedeutet auch, dass sich die Beziehung zwischen Wirtschaft und Politik ver&auml;ndern muss und &uuml;ber wirtschaftliche Prozesse wie Ziele demokratisch verhandelt werden kann.</p>
<p>Suffizienz entfaltet ihre zentralen Bedeutungen f&uuml;r nachhaltige Entwicklung somit dann, wenn deren Ziel auf die Sicherung der Lebensgrundlagen und den Erhalt von Produktivit&auml;t gerichtet ist. Au&szlig;erdem l&auml;sst sich die mit nachhaltiger Entwicklung verbundene Gerechtigkeitsfrage innerhalb des Dreigestirns zur Nachhaltigkeit nur aus der Suffizienzperspektive stellen. Im internationalen und im Nord-S&uuml;d-Kontext wirft Suffizienz die Frage nach gerechter Verteilung auf und gemahnt an eine Begrenzung der Gier. Suffizienz gemahnt daran, dass anderen Menschen und dem anderen der Natur nicht alles, was der Nord-Westlichen Vorteilsbeschaffung dient, zugemutet werden darf. Suffizienz kann ihre Kraft jedoch erst entfalten, wenn alle gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure von ihr erfasst werden. Suffizienz als Prinzip ist nicht nur f&uuml;r Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auch f&uuml;r Unternehmerinnen und Unternehmer, f&uuml;r Politikerinnen und Politiker von hoher Bedeutung. Wenn aber der Stachel der Suffizienz in einer Haltung liegt, die im Spiel des unendlichen Wachstums und der unendlichen Bed&uuml;rfnisse bei immerw&auml;hrender Knappheit nicht mitspielen mag, dann wird nachhaltige Entwicklung als &ouml;kologische Modernisierung des Status Quo in Frage gestellt.</p>
<p><i>Die Bedeutung der Suffizienz f&uuml;r nachhaltige Entwicklung liegt nicht nur und auch nicht vor allem in der positiven Ausformulierung ma&szlig;vollen Verhaltens. Vielmehr liegt die St&auml;rke der Suffizienz in ihrem kritischen Verm&ouml;gen: Nachhaltige Entwicklung bleibt ohne die Anstrengung der grundlegenden Ver&auml;nderung gesellschaftlicher Pr&auml;missen und Strukturen insuffizient.</i></p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p><i>Hobbes, Thomas </i>(1980) [1651]: Leviathan. Stuttgart: Reclam.<br /><i>Holt-Giminez, Eric </i>(2007): Sprit vom Acker. F&uuml;nf Mythen vom &Uuml;bergang zu Biokraftstoffen. In: Le Monde diplomatique, Juni 2007, S. 12 u. 13.<br /><i>Wichterich, Christa </i>(2002): Sichere Lebensgrundlagen statt effizienterer Naturbeherrschung &#8211; Das Konzept nachhaltiger Entwicklung auf feministischer Sicht. In: G&ouml;rg, Christoph; Brand, Ulrich (Hg.): Mythen globalen Umweltmanagements. Rio + 10 und die Sackgassen &#8222;nachhaltiger Entwicklung&#8220;. M&uuml;nster: Westf&auml;lisches Dampfboot.<br /><i>Steger, S&ouml;ren </i>(2005): Der Fl&auml;chenrucksack des europ&auml;ischen Au&szlig;enhandels mit Agrarprodukten. Erschienen am Wuppertal Institut, Wuppertal Papers Nr. 152.</p>
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		<title>Institutionelle Positionierung der globalen Umweltpolitik</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Errichtung einer Welt-Umweltorganisation aus vorg&#228;nge Heft3/2007,S.55-61 Aufschlag Auf der Konferenz &#252;ber globale &#246;kologische Politik &#8222;Citizens of the Earth&#8220; am 3. Februar 2007 in Paris wurde eine aus neun Punkten bestehende Resolution vereinbart. Unter Punkt 1 hei&#223;t es: &#8222;Today, we know that humans are destroying, at an alarming rate, resources and balances that have enabled [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Errichtung einer Welt-Umweltorganisation</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft3/2007,S.55-61</p>
<h2 class="auto-created">Aufschlag</h2>
<p>Auf der Konferenz &uuml;ber globale &ouml;kologische Politik &#8222;Citizens of the Earth&#8220; am 3. Februar 2007 in Paris wurde eine aus neun Punkten bestehende Resolution vereinbart. Unter Punkt 1 hei&szlig;t es: &#8222;Today, we know that humans are destroying, at an alarming rate, resources and balances that have enabled them to evolve and are determining their future&#8230;. We must realise that we have reached a point of no return, and have caused irreparable damage&#8220;. Punkt 2 der Resolution sagt dann: &#8222;In Rio, Johannesburg, Montreal and Kyoto, the international community has moved forward on these issues. But we need to go further&#8230;.&#8220; Und unter Punkt 7 kommt die Schlussfolgerung: &#8222;We call for the transformation of the United Nations Environment Programme into a fully-fledged international Organisation that is genuinely universal. Modelled on the World Health Organisation, the United Nations Environment Organisation will be a strong voice with global recognition. It will be the instrument to assess environmental damage and understand how to repair that damage; an effective instrument to promote technologies and behaviours that respect ecosystems; a way to Support the implementation of environmental decisions all over the planet&#8220; <i>(Paris Call for Action).</i></p>
<p>Weite Passagen dieser Resolution erinnern an eine Formel, die Anne und Paul Ehrlich bereits vor langer Zeit aufgestellt hatten: I = P x A x T. Die globalen Umweltprobleme (I) sind eine Funktion dreier zentraler Triebkr&auml;fte: des Bev&ouml;lkerungswachstum (P), der Zunahme des Verbrauchs an G&uuml;tern und Diensten (A) und der etablierten, umweltsch&auml;digenden Technologie (Ehrlich &amp; Ehrlich 1971, Neuauflage 1990). Die beiden Ehrlichs haben erst sp&auml;ter bemerkt, dass sie auf der rechten Seite der Gleichung eine andere wichtige Triebkraft vergessen hatten: die Institutionen, die Umweltprobleme hervorrufen oder aber lindern helfen.</p>
<p>Fairerweise muss man sagen, dass diese Formel nicht zur Grundlage globaler Politik geworden ist: Im strikten Sinne des Wortes gibt es ja weder Weltbev&ouml;lkerungspolitik, noch Weltwachstumspolitik und Welttechnologiepolitik. Doch gibt es wichtige Institutionen, die sich der Lenkung dieser Triebkr&auml;fte widmen. Insbesondere sind die &ouml;konomischen Interessen &uuml;ber die Zeit hin verst&auml;rkt formiert und positioniert worden &#8211; mit Weltbank und Internationalem W&auml;hrungsfonds (IMF), mit Welthandelsorganisation (WTO) und Internationaler Energieagentur (IEA). Wie steht es dagegen um die Formierung und Positionierung der &ouml;kologischen Interessen? H&auml;tte es nicht angesichts des Raubbaus an Ressourcen, des Klimawandels, des Verlusts an Biodiversit&auml;t und anderer globaler Umweltprobleme l&auml;ngst zur Errichtung einer Weltumweltorganisation kommen sollen? Parit&auml;t von &Ouml;konomie und &Ouml;kologie m&uuml;sste schlie&szlig;lich erstes Prinzip sein, wenn der Aufruf von Paris die kritische Lage der Welt richtig beschreibt.</p>
<h2 class="auto-created">Die Debatte</h2>
<p>Seit gut 35 Jahren hat es seitens der Regierungen immer wieder mal Versuche gegeben, die Bem&uuml;hungen zum Schutz der globalen &Ouml;kologie zu koordinieren, durch internationales Recht, multilaterale Diplomatie und internationale Organisationen. Mehr als 500 Vertr&auml;ge zu etwa 25 verschiedenen Umweltproblemen wurden unterzeichnet, mindestens 18 bestehende internationale Organisationen haben ihre Aktivit&auml;ten um die Aufgabe Umweltschutz erweitert. Der gr&ouml;&szlig;te Teil globaler Umweltpolitik bestand dabei in der Aushandlung multilateraler Kooperationsabkommen zum Schutz der Umwelt und nat&uuml;rlicher Ressourcen, in so genannten Umweltregimen. Dieses zentrale Konzept der globalen Umweltpolitik wird verstanden als System von Prinzipien, Normen, Regeln und Verfahrensweisen, die die Akteure von Politik aufstellen oder akzeptieren, um Handlungen im Feld internationaler Beziehungen zu regulieren und zu koordinieren. Wichtige Akteure auf der internationalen Umweltb&uuml;hne sind neben den Nationalstaaten, internationale Organisationen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und internationale Konzerne, die gelegentlich in die gleiche Richtung, zumeist aber gegenl&auml;ufig agieren.</p>
<p>Die Zahl der umfassend angelegten, wichtigen globalen Umweltregime schwankt, je nach Sichtweise und Priorit&auml;tensetzung des jeweiligen Autors zwischen sechs und zw&ouml;lf &#8211; abh&auml;ngig von der Unterscheidung in globale oder ubiquit&auml;r auftretende Umweltprobleme. Das &#8222;Handbuch Globale Umweltpolitik&#8220; analysiert zum Beispiel den Verhandlungsstand und die Verhandlungsergebnisse der folgenden zehn Umweltregime: Grenz&uuml;berschreitende Luftverschmutzung, Ozonabbau, Klimawandel, gef&auml;hrliche Chemikalien und Abf&auml;lle, bedrohte Arten, Walfang, Verlust an Biodiversit&auml;t, Desertifikation, W&auml;lder und Fischerei (Chasek et a1.2006). Einige Autoren sind der Meinung, dass inzwischen fast alle menschlichen Aktivit&auml;ten in irgendeiner Form von internationalen Umweltregimen erfasst w&uuml;rden (Haas 2007: 1). Ob solche Regime aber auch erfolgreich sind, h&auml;ngt von einer Reihe von Faktoren ab &#8211; nicht zuletzt vom Prozess der Umsetzung selbst. Wer aber ist zust&auml;ndig f&uuml;r die Konsistenz dieses Patchworks unterschiedlichster, eigenst&auml;ndiger Umweltregime? Wer ist zust&auml;ndig f&uuml;r deren Effektivit&auml;t &#8211; wer sorgt f&uuml;r die n&ouml;tige Koordination, Kooperation und Integration?</p>
<p>Hier setzt die Diskussion um die grundlegende institutionelle Positionierung der globalen Umweltpolitik an, die seit Beginn der 1970er Jahre eine Reihe von H&ouml;hepunkten erlebt hat, die eng mit &ouml;kologischen Krisenf&auml;llen und umweltpolitischen Gro&szlig;ereignissen, aber auch mit einzelnen Pers&ouml;nlichkeiten verkn&uuml;pft sind. Die Geschichte der globalen Umweltpolitik ist zwar noch nicht geschrieben, doch in einzelnen Werken lassen sich viele taktisch und strategisch relevante Details finden (vgl. z.B. Simonis 1999) &#8211; und aus laufenden Forschungsprojekten sind weitere zu erwarten (besonders aus dem Global Environmental Governance-Projekt &#8211;<i> </i><a href="http://www.glogov.org/" target="_blank" rel="noopener"><i>www.glogov.org</i></a><i>).</i></p>
<p>Die erste gro&szlig;e institutionell-organisatorische Innovation folgte der ersten Konferenz der Vereinten Nationen &uuml;ber die menschliche Umwelt in Stockholm 1972, mit Gr&uuml;ndung des Umweltprogramms <i>(United Nations Environment Programme &#8211; UNEP)</i>. Dies war jedoch ein Beschluss auf kleinstem gemeinsamen Nenner, der die umweltpolitische Schw&auml;che der Vereinten Nationen bis heute pr&auml;gt. UNEP ist &#8211; anders als viele meinen &#8211; keine Sonderorganisation im Sinne der UN-Charta mit eigener Rechtspers&ouml;nlichkeit und Mitgliedschaft, wie Weltbank oder Weltgesundheitsorganisation; UNEP ist keine Beh&ouml;rde mit Kontrollmacht und Sanktionsgewalt gegen Fehlverhalten, sondern lediglich ein Programm (Nebenorgan) der UN-Generalversammlung mit Berichtspflicht gegen&uuml;ber dem Wirtschafts- und Sozialrat <i>(ECOSOC). </i>Es ist zwar das zentrale UN-Gremium im Bereich der Umweltpolitik, ist aber f&uuml;r diese Aufgabe nur unzureichend strukturiert und finanziell und personell nur schwach ausgestattet. UNEP hat einen aus Vertretern von 58 Staaten bestehenden Verwaltungsrat, der nach einem festgelegten Regionalschl&uuml;ssel f&uuml;r vier Jahre von der UN-Generalversammlung gew&auml;hlt wird, ist aber in diesem und den anderen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen nicht lokal verankert &#8211; wie das zum Beispiel bei UNICEF der Fall ist, das sich in Deutschland auf 130 lokale Gruppen mit etwa 8.000 Aktivisten st&uuml;tzen kann. Kein Wunder also, dass UNICEF sehr bekannt und beliebt ist, w&auml;hrend man UNEP bestenfalls wegen seiner nunmehr bereits zwei deutschen Direktoren kennt.</p>
<p>Die zweite zentrale Innovation der UN-Umweltpolitik kam mit der Kommission f&uuml;r Nachhaltige Entwicklung <i>(UN Commission on Sustainable Development &#8211; CSD)</i>, die im Anschluss an die UN-Konferenz &uuml;ber Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 unter Bezugnahme auf Art. 68 der UN-Charta gegr&uuml;ndet wurde. Der Breite des in Rio beschlossenen Aktionsprogramms &#8222;Agenda 21&#8220; entspricht die Breite der Aufgaben der CSD. Ihre vertraglich definierte Bestimmung ist es, im Sinne einer Querschnittsaufgabe den Folgeprozess der Rio-Konferenz sicherzustellen, die Integration von Umwelt- und Entwicklungspolitik voranzutreiben und die Umsetzung der &#8222;Agenda 21&#8220; zu gew&auml;hrleisten. Die Vertreter (im Ministerrang) von 53 nach einem Regionalschl&uuml;ssel gew&auml;hlten Mitgliedstaaten der Kommission treffen sich j&auml;hrlich zu vorher bestimmten Schwerpunktthemen. Die CSD ist also &#8211; im Rahmen der Vereinten Nationen &#8211; demokratisch legitimiert. Theoretisch k&ouml;nnte daraus eine G 53 &#8211; eine funktionsf&auml;hige Weltregierung der Premierminister &#8211; werden, zumal sie das zentrale Zukunftsthema &#8222;sustainable development&#8220; zur Hauptaufgabe hat. Im Anschluss an das Treffen der demokratisch nicht legitimierten G 8 in Heiligendamm 2007 ist &uuml;ber eine Ausweitung auf eine G 12 beziehungsweise G 20 spekuliert worden; doch diese viel n&auml;her liegende Alternative einer repr&auml;sentativen Formierung der globalen &ouml;konomischen und &ouml;kologischen Interessen &#8211; die G 53 &#8211; ist bisher nicht entdeckt und diskutiert worden.</p>
<p>Neben UNEP und CSD sowie verschiedenen relevanten Sonderorganisationen, wie insbesondere FAO, IMO, UNESCO, WMO und WHO, befassen sich auch mehrere Spezialorgane der Vereinten Nationen mit umweltpolitischen Fragen, zumindest dergestalt, dass bei deren Projekten die Auswirkungen auf die Umwelt ber&uuml;cksichtigt werden. Hier sind insbesondere die Handels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) zu nennen. Auch die UN-Regionalkommissionen haben inzwischen Umweltfragen in ihre Arbeit integriert, allerdings weniger mit globalem Fokus (zu den Aufgaben der Vereinten Nationen insgesamt siehe Gareis &amp; Varwick 2006).</p>
<p>Was die Finanzierung der globalen Umweltpolitik angeht, ist die 1990 gegr&uuml;ndete Globale Umweltfazilit&auml;t (<i>Global Environment Facility &#8211; GEF</i>) von zentraler Bedeutung. Die Weltbank verwaltet diese Einrichtung gemeinsam mit UNDP und UNEP. Aufgabe der GEF ist der Schutz globaler Umweltg&uuml;ter: des Klimas, der Ozonschicht, der internationalen Gew&auml;sser, der Biodiversit&auml;t sowie der B&ouml;den in den Trockengebieten. 1994 erfolgte eine strukturelle Reform dieser Einrichtung. Die GEF II ist nunmehr eine eigenst&auml;ndige K&ouml;rperschaft mit Vollversammlung, Rat und Sekretariat. Von den 32 Sitzen im Rat werden 16 von Entwicklungsl&auml;ndern, 2 von Transformationsl&auml;ndern und 14 von OECD-L&auml;ndern eingenommen, welche zugleich 60 Prozent der Gesamtzahl der GEF-Teilnehmer und 60 Prozent der gesamten Beitragszahlungen einschlie&szlig;en muss (sog. doppeltes Veto). Die Entwicklungsl&auml;nder k&ouml;nnten deshalb Entscheidungen der GEF blockieren, allerdings nicht, wie etwa in der UN-Generalversammlung, selbst durchsetzen.</p>
<p>Die dritte sich bietende historische Chance der grundlegenden Positionierung der globalen Umweltpolitik wurde dagegen verpasst: Die UN-Konferenz von Johannesburg 2002 hatte zwar einen anspruchsvollen und viel versprechenden Titel (<i>UN Conference on Sustainable Development</i>), doch zu einer institutionellen Innovation im Sinne einer Globalen Umweltorganisation (<i>Global Environment Organisation &#8211; GEO</i>) beziehungsweise einer Weltorganisation f&uuml;r Umwelt und Entwicklung (<i>World Environment and Development Organisation &#8211; WEDO</i>) kam es nicht. In Johannesburg wurden bedeutende Fortschritte in Richtung einer globalen Umwelt- und Entwicklungspolitik gemacht &#8211; man denke vor allem an die Best&auml;tigung der von den Staats- und Regierungschefs im Jahre 2000 formulierten Millenniumsziele (<i>Millennium Development Goals &#8211; MDGs</i>) und die konkreten Beschl&uuml;sse zur weltweiten Verbesserung der Wasserversorgung &#8211; doch zu einer durchgreifenden Reform des Systems der Vereinten Nationen sah man sich trotz verschiedener Vorarbeiten (vgl. Annan 2002) nicht in der Lage &#8211; auch nicht im Bereich der Umweltpolitik. Woran kann das liegen?</p>
<p>Wenn das Naheliegende nicht geschieht, ist man zuerst und zumeist geneigt, Politikern die Schuld daf&uuml;r zuzuschieben. Auf der B&uuml;hne der internationalen Umweltpolitik sind aber nicht nur Politiker als Akteure anzutreffen. Es gibt da auch noch andere, die internationalen Konzerne, die internationalen Organisationen, die Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Zu all diesen Akteuren w&auml;re etwas zu sagen, wenn es um die Frage geht, was globale institutionelle Innovationen zum Schutz der Umwelt verhindert oder erschwert. Ich will dagegen hier an dieser Stelle auf einen anderen Akteur zu sprechen kommen &#8211; die Wissenschaft. Man erwartet von ihr ja ganz generell, sie m&uuml;sse doch Teil der L&ouml;sung eines Problems sein. Es ist aber &#8211; f&uuml;r unseren Fall &#8211; nicht auszuschlie&szlig;en, dass sie auch Teil des Problems ist.</p>
<h2 class="auto-created">Der Streit um L&ouml;sungen</h2>
<p>Die aktuelle Frage lautet: Was tun mit UNEP? Wie sollte die St&auml;rkung und Aufwertung des UN-Umweltprogramms erfolgen? Hierzu sind mehrere, h&ouml;chst unterschiedliche Vorschl&auml;ge unterbreitet worden, die kein stimmiges sondern ein eher diffuses Bild ergeben. Mit einem gewissen Rigorismus lassen sich allerdings drei Modelltypen herauskristallisieren, die jeweils unterschiedlichen Reformbedarf signalisieren beziehungsweise erfordern (vgl. Biermann &amp; Simonis 1998; WBGU 2001; Rechkemmer 2005; Biermann &amp; Bauer 2005).</p>
<p>Der erste Modelltyp sieht eine Aufwertung von UNEP zu einer UN-Sonderorganisation vor. Was die Funktionsweise (Mitgliedschaft, Stakeholder, Entscheidungsmechanismen) angeht, gelten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beziehungsweise die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) als empfehlenswerte Muster. In diesem Fall w&uuml;rden die anderen umweltrelevanten Institutionen weiter bestehen, aber nicht integriert werden. Die zus&auml;tzliche juridische und politische Macht und Kompetenz ergibt sich allein aus dem Status einer Sonderorganisation gem&auml;&szlig; UN-Charta. Diese L&ouml;sung l&auml;sst universelle Mitgliedschaft zu und macht umweltpolitische Entscheidungen und Regulierungen auf Basis qualifizierter Mehrheiten m&ouml;glich, die f&uuml;r alle Mitgliedstaaten verbindlich w&auml;ren; Verwaltungsorgan w&auml;re eine Vollversammlung mit gleichem Stimmrecht aller Mitgliedsstaaten.</p>
<p>Der zweite Modelltyp geht einen Schritt weiter. Mit Hinweis auf die Vielzahl der multilateralen Vereinbarungen und UN-Konventionen, die zu vielf&auml;ltigen &Uuml;berlappungen im T&auml;tigkeitsbereich f&uuml;hren, wird eine Integration bestehender Einrichtungen und Programme vorgeschlagen &#8211; hin zu einer umfassenden Weltumweltorganisation (<i>Global Environment Organisation &#8211; GEO</i>). Als Muster k&ouml;nnte hier die aus dem GATT entstandene Welthandelsorganisation (WTO) gelten, die viele fr&uuml;here handelspolitische Vereinbarungen zusammengef&uuml;hrt und effektive interne Entscheidungs- und Umsetzungsmechanismen entwickelt hat.</p>
<p>Der dritte Modelltyp besteht in einer hierarchischen internationalen Organisation auf Basis des Prinzips von Mehrheitsentscheidungen und Durchsetzungsmacht gegen&uuml;ber Staaten, die die Vereinbarungen und laufenden Beschl&uuml;sse nicht erf&uuml;llen. Eine solche Organisation mit Sanktionsgewalt gilt als einzig wahre Garantie f&uuml;r die &Uuml;berwindung des immer wieder beobachteten Trittbrettfahrerverhaltens in der internationalen Umweltpolitik. Neben der Europ&auml;ischen Union gibt es auch im System der Vereinten Nationen ein Beispiel einer solchen quasi supra-nationalen Organisation &#8211; n&auml;mlich den UN-Sicherheitsrat.</p>
<p>Die pers&ouml;nliche Pr&auml;ferenz des Autors gilt einer auf das Konzept strikter Nachhaltigkeit (<i>strong sustainability</i>) fokussierenden Variante des dritten Modelltyps, deren Organisationsstruktur in <i>Abbildung 1</i> skizziert ist.</p>
<p>Im Rahmen der wissenschaftlichen Diskussion um die Reform der globalen Umweltpolitik, die seit nunmehr rund zehn Jahren anh&auml;lt, hat es eine Reihe von Ausdifferenzierungen gegeben, die sich zum Teil als Zwischenmodelle zu den oben genannten drei Modelltypen charakterisieren und zum Teil als pragmatische Anpassung an die jeweilige Realisierungschance verstehen lassen.</p>
<p><img decoding="async" border="1" alt="" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/vorg179_s60-1.jpg" width="380" height="267"></p>
<p>Hierbei spielten mehrere Fragen eine zentrale Rolle: Ob bessere Kooperation beziehungsweise Koordination schon bestehender Einrichtungen nicht deren Integration vorzuziehen sei? Ob verschiedene, bisher separate Handlungsfelder nicht zusammengelegt werden m&uuml;ssten? Wie die Interessen von Industrie- und Entwicklungsl&auml;ndern, von Nord und S&uuml;d, so ber&uuml;cksichtigt werden k&ouml;nnten, dass Widerst&auml;nde gegen die Umsetzung von Reformen reduziert werden? Wie die Weltgesellschaft besser in die Funktionsweisen und Entscheidungen der Vereinten Nationen eingebunden werden k&ouml;nne? Ob Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung nicht doch verschiedene Dinge seien, u. a. m.</p>
<p>W&auml;hrend es den Einen um die (durchaus berechtigte) Frage ging, ob die Form einer globalen Institution nicht deren erst noch zu bestimmenden Funktionen folgen m&uuml;sse (<i>form follows function</i>), ging es Anderen um massive (und teils unlautere) Kritik an jeder Art von Reform. Es geht nicht immer nur um bessere Erkenntnis &uuml;ber den Schutz der globalen &Ouml;kologie, sondern gelegentlich auch um ein ganz anderes Interesse. Wissenschaftler verstanden sich dabei oft selber als Politiker. Anstatt Politikern sorgf&auml;ltig abgestimmte und inhaltlich &uuml;berzeugende Modelle zu pr&auml;sentieren und sie dadurch zum H&auml;ndeln zu bringen, zementierten Wissenschaftler so &#8211; wissentlich oder unwissentlich &#8211; den Status quo.</p>
<p>Dem aber steht angesichts des Zustandes der Welt und der anhaltenden Belastung und Zerst&ouml;rung der Umwelt der &ouml;kologische Imperativ entgegen, der erneut angemahnt werden muss und der in starker Formulierung in Punkt 1 des <i>Paris Call for Action </i>zum Ausdruck kommt: &#8222;The time has come for lucidity&#8230;.We must admit to ourselves that we can no longer afford to be idle and that the risks and dangers are exacerbated with each passing day&#8220;.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Annan,Kofi </i>2002: Strengthening of the United Nations. An Agenda for Further Change, New York.</p>
<p><i>Biermann, Frank &amp; Udo E. Simonis</i> 1998: Eine Weltorganisation f&uuml;r Umwelt und Entwicklung. Funktionen, Chancen, Probleme, Bonn.<br /><i></i></p>
<p><i>Biermann, Frank &amp; Steffen Bauer (eds.)</i> 2005: A World Environment Organization. Solution or Threat for Effective International Environmental Governance?, Aldershot.<br /><i></i></p>
<p><i>Chasek, Pamela S., David L. Downie &amp; Janet Welsh Brown</i> 2006: Handbuch Globale Umweltpolitik, Berlin.<br /><i></i></p>
<p><i>Ehrlich, Anne H. &amp; Paul R. Ehrlich</i> 1971 (1990): The Population Explosion, London, Sydney.</p>
<p><i>Gareis, Sven Bernhard &amp; Johannes Varwick</i> 2006: Die Vereinten Nationen. Aufgaben, Instrumente und Reformen, 4. Auflage, Opladen, Farmington Hills.</p>
<p><i>Haas, Peter M. </i>2007: Turning Up the Heat on Global Environmental Governance, in: The Forum, Vol. 5, Issue 2, S. 1-5.<br /><i></i></p>
<p><i>Paris Call for Action</i> 2007: <a href="http://www.citoyensdelaterre.fr/conference/" target="_blank" rel="noopener"><i>www.citoyensdelaterre.fr/conference/</i></a><i>.<br /></i></p>
<p><i>Rechkemmer, Andreas</i> (ed.) 2005: UNEO &#8211; Towards an International Environment Organisation, Baden-Baden.</p>
<p><i>Simonis, Udo E. </i>(Hg.) 1999: Weltumweltpolitik. Grundriss und Bausteine eines neuen Politikfeldes, 2. Auflage, Berlin.<br /><i></i></p>
<p><i>Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltver&auml;nderungen (WBGU) </i>2001: Welt im Wandel. Neue Strukturen globaler Umweltpolitik, Berlin, Heidelberg.</p>
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		<title>&#8222;Winds of change&#8220;</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:05:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der globale Klimawandel im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Politik und Medien aus : vorg&#228;nge Heft 3/2007,S .102-109 Mindestens seit Mitte der 1980er Jahre bewegt die Debatte um Ursachen und Auswir&#173;kungen der globalen Klima&#173;pro&#173;ble&#173;matik immer mal wieder die deutsche &#214;ffent&#173;lich&#173;keit. Mediale Schlag&#173;zeilen wie &#8222;Die Erde wird ein &#246;der Stern&#8220;, &#8222;Massentod im Morast&#8220; oder &#8222;Warten bis wir alle [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der globale Klimawandel im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Politik und Medien</p>
<p>aus :  vorg&auml;nge Heft 3/2007,S .102-109</p>
<h2 class="auto-created">Mindestens seit Mitte der 1980er Jahre bewegt die Debatte um Ursachen und Auswir&shy;kungen der globalen Klima&shy;pro&shy;ble&shy;matik immer mal wieder die deutsche &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit. Mediale Schlag&shy;zeilen wie &bdquo;Die Erde wird ein &ouml;der Stern&ldquo;, &bdquo;Massentod im Morast&ldquo; oder &bdquo;Warten bis wir alle gegart sind&ldquo; leiten rei&szlig;erische Katas&shy;tro&shy;phen&shy;mel&shy;dungen ein und berufen sich dabei nicht auf religi&ouml;s verblendete Unter&shy;gangs&shy;pro&shy;pheten, sondern auf Wissen&shy;schaftler, die die Ratio&shy;na&shy;lit&auml;t der modernen Wissen&shy;schaft verk&ouml;rpern. Die Politik reagiert mit den in ihrer Macht stehenden Mitteln zur Abwendung der Katas&shy;tro&shy;phe: Die Diskussion der Geset&shy;zes&shy;lage in Bezug auf M&ouml;glich&shy;keiten der CO2 Reduzie&shy;rungen und die Ver&auml;nderung der Insti&shy;tu&shy;ti&shy;onen und Forschungs&shy;land&shy;schaft. Im Folgenden soll nachge&shy;zeichnet werden, wie sich die unter&shy;schied&shy;li&shy;chen Diskurse zum Klimawandel in der Wissen&shy;schaft, der Politik und den Medien entwickelt haben und welche kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tiven Risiken damit verbunden sein k&ouml;nnen. In abschlie&shy;&szlig;enden Abschnitten werden die j&uuml;ngeren Entwick&shy;lungen und insbe&shy;son&shy;dere die aktuelle Situation im Jahr 2007 abgebildet, die deutlich machen, dass ein Diskurs &uuml;ber kommende Umwelt&shy;ka&shy;ta&shy;s&shy;tro&shy;phen sich jeweils neu erschaffen und damit die gesell&shy;schaft&shy;liche Wirklich&shy;keit jeweils neu struk&shy;tu&shy;rierten kann.(1)</h2>
<p><b>Klimawandel &#8211; die ultimative Katastrophe</b></p>
<p>1986 erschien auf der Titelseite des deutschen Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL die bildliche Horrorvision einer der wohl schlimmsten vorstellbaren, vom Menschen selbst erzeugten Katastrophen: Der K&ouml;lner Dom zur H&auml;lfte unter Wasser, das Bild ist zur Ikone des Klimawandels in Deutschland geworden und referierte auf eine wissenschaftliche Warnung, die ungew&ouml;hnlich deutlich und dramatisch formuliert worden war. Was war bis dahin geschehen?</p>
<p>Die ersten fr&uuml;hen wissenschaftlichen Warnungen vor den m&ouml;glichen Auswirkungen steigender CO2-Emissionen gab es bereits seit Mitte der 1970er Jahre. Auch wenn in diesen Jahren noch die Erforschung des nat&uuml;rlichen Klimawandels als dynamisches System dominant war, wurden einige Studien ver&ouml;ffentlicht, die auf einen m&ouml;glichen anthropogenen Einfluss auf die Stabilit&auml;t des Weltklimas hinwiesen. Zu Beginn der 1980er Jahre gewannen die Warnungen an Deutlichkeit und Dramatik. Insbesondere der Arbeitskreis Energie (AKE) der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) griff das Thema auf und stellte es in einen engen Zusammenhang mit der Frage nach zuk&uuml;nftigen Energiequellen. Anfang 1986 trat der AKE dann mit einer &#8222;Warnung vor der drohenden Klimakatastrophe&#8220; an die &Ouml;ffentlichkeit, die die &#8222;vollst&auml;ndige Unbewohnbarkeit der Erde&#8220; ank&uuml;ndigte. Dieser Aufruf argumentierte deutlich f&uuml;r eine Politik der drastischen CO2-Reduzierungen:</p>
<p>&#8222;Um die drohende Klimakatastrophe zu vermeiden, muss bereits jetzt wirkungsvoll damit begonnen werden, die weitere Emission der genannten Spurengase drastisch einzuschr&auml;nken.&#8220; (zitiert nach einem vollst&auml;ndigen Abdruck des Aufrufs in der Frankfurter Rundschau vom 19.9.1986).</p>
<p>Die Forderung nach einer ver&auml;nderten Energiepolitik m&uuml;ndete sehr unverhohlen in den langfristigen Ausbau der Kernenergie, die in den Monaten nach dem Tschernobyl-Unfall auf dem Tiefpunkt ihrer Akzeptanz in Deutschland angekommen war. Entgegen bis dahin erfolgloser Versuche, die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik f&uuml;r den drohenden Klimawandel zu erlangen und damit als Argument f&uuml;r den Ausbau der Kernenergie zu etablieren, zeigte dieser Aufruf schnell Wirkung in der Politik und den Medien.(2) Auffallend an diesem Aufruf war vor allem, dass er extrem dramatische und &uuml;bertriebene Folgen und Zeitr&auml;ume des anthropogenen Klimawandels aufzeigte, dass beispielsweise der m&ouml;gliche Anstieg der mittleren Oberfl&auml;chentemperatur um 9&deg;C in Poln&auml;he einen Anstieg des Meeresspiegels um &#8222;bis zu 10 Metern&#8220; und damit ein &Uuml;berschwemmungsszenario bedeuten k&ouml;nnte. Dies war versehen mit der verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig konkreten Zeitangabe &#8222;unwiderruflich in den n&auml;chsten 50 Jahren&#8220;. Insbesondere die im Aufruf signalisierte Dringlichkeit lie&szlig; sofortiges Handeln notwendig erscheinen. In einem zweiten Aufruf 1987 wurde die Katastrophenwarnung zwar abgeschw&auml;cht, die im Text enthaltenen Handlungsanweisungen an die Politik jedoch beibehalten. Das Klimaproblem wurde damit zu einem st&auml;ndigen Thema sowohl auf der politischen wie auch der medialen Agenda. Die wissenschaftlichen Publikationen adressierten zunehmend und expliziter politische Handlungs- und Entscheidungsinstanzen:</p>
<p>&#8222;Mein Wunsch lautet deshalb: Rasche Verabschiedung einer weltweiten Klimakonvention mit zugeh&ouml;rigen Protokollen zur Minderung der Emissionen einzelner Spurengase (&#8230;). Gleichzeitig sollten die Industrienationen, die Hauptverursacher, massiv einsteigen in eine Politik der effizienteren Energienutzung (&#8230;). Aber auch die Verlangsamung der Bev&ouml;lkerungszunahme ist von zentraler Bedeutung f&uuml;r eine erfolgreiche Emissionsminderung&#8220; (H. Gra&szlig;l 1989 in: Phys. Bl. 45).</p>
<p>&#8222;Um das Klima&auml;nderungssignal nachweisen und um es eindeutig den &Auml;nderungen im CO2 und anderen Treibhausgasen zuzuschreiben, ist es notwendig diese Probleme zu reduzieren. Dieses erfordert einen massiven Ausbau der Rechnerkapazit&auml;ten, eine Verbesserung der Modelle und globale kontinuierliche Messkampagnen&#8220; (U. Cubasch et al. 1995 in: Phys. B1. 51).</p>
<p>Begleitet waren die Studien der Klimawissenschaftler zu allen Zeiten von einer Reihe wissenschaftlicher Ungewissheiten, die sowohl Ursachen, als auch Ausma&szlig; und Folgen der Klimaproblematik betrafen (so war beispielsweise eine Publikation von U. Cubasch 1995 &#8222;Klimamodelle &#8211; Wo stehen wir? Erreichtes und Probleme bei der Vorhersage und dem Nachweis anthropogener Klima&auml;nderungen mit globalen Klimamodellen&#8220; betitelt). Auf Grund der erheblich gewachsenen Datenverarbeitungskapazit&auml;ten gelang es den Wissenschaftlern aber, glaubw&uuml;rdige Modellrechnungen durchzuf&uuml;hren und Szenarien &uuml;ber zuk&uuml;nftige Entwicklungen zu entwerfen, die Klimawandel als eine globale Bedrohung aufzeigten. Auf internationaler Ebene waren es vor allem die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das 1988 gegr&uuml;ndet worden war und regelm&auml;&szlig;ig Berichte &uuml;ber die aktuellen wissenschaftlichen Einsch&auml;tzungen des anthropogen Klimawandel ver&ouml;ffentlicht, die zu einer erheblichen Glaubw&uuml;rdigkeit der wissenschaftlichen Warnung gef&uuml;hrt haben. Wissenschaftliche Warnungen haben gemeinhin eine hohe Glaubw&uuml;rdigkeit, weil sie zumeist auf Berechnungen, gesicherten Methoden und sorgf&auml;ltigen Pr&uuml;fungen in ihrer Kommunikationsgemeinschaft beruhen. Die Warnungen der Klimawissenschaftler vor dem anthropogenen Klimawandel blieben dementsprechend nicht auf die innerfachlichen Auseinandersetzungen beschr&auml;nkt. Sie zwangen die Politiker, wo immer ihnen die Bew&auml;ltigung der Folgen oder gar die M&ouml;glichkeit der Abwendung der Katastrophe zugerechnet werden konnte, zum Handeln.</p>
<p>So hatte auch im politischen Diskurs die Katastrophenwarnung der DPG eine ausl&ouml;sende Wirkung. Nachdem das Problem bis dahin nur vereinzelt diskutiert worden war, ver&auml;nderte sich die Landschaft der politischen Entscheidungs- und Beratungsgremien danach rasant. Bereits im Jahr 1987 wurde die erste Enquete-Kommission &#8222;Vorsorge zum Schutz der Erdatmosph&auml;re&#8220; einberufen. In den Folgejahren intensivierte sich die politische Aktivit&auml;t nochmals durch die Gr&uuml;ndung des Klimabeirats (1988), die Kabinettsbeschl&uuml;sse zur CO2-Minderung (1990 und 1991), die Einsetzung einer zweiten Enquete-Kommission (1990), die Unterzeichnung der Klimarahmenkonvention (1992) und regelm&auml;&szlig;ige internationale &#8222;Klimagipfel&#8220;. Der Verweis auf die drohende Klimakatastrophe reichte jedoch nicht, um die fehlende Akzeptanz f&uuml;r die Kernenergie wiederherzustellen. Der Ausbau der Kernenergie stellte f&uuml;r die Regierung offenbar keine Option ihrer Klimaschutzpolitik dar. W&auml;hrend der ganzen Zeit stellte die Wissenschaft einen wichtigen Referenzpunkt f&uuml;r die Bearbeitung des Klimaproblems durch die Politik dar. Daher wurden neben den genannten Aktivit&auml;ten eine Reihe von gro&szlig;en Forschungsinstituten gegr&uuml;ndet und mit hohen &ouml;ffentlichen F&ouml;rdermitteln ausgestattet. Begr&uuml;ndet wurde das politische Engagement mit der Dringlichkeit des Problems. Zwei Beispiele illustrieren das:</p>
<p>&#8222;Wir haben &#8211; ich sagte es schon &#8211; wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit zum gegensteuern. Was ist also zu tun? Wenn die Menschheit einen Klimakollaps vermeiden will, muss sofort gehandelt werden, denn die n&auml;chsten Jahre entscheiden dar&uuml;ber, ob die Erde im dritten Jahrtausend noch bewohnbar bleibt.&#8220; (Dr. Hartenstein, SPD, 22.9.1988).</p>
<p>&#8222;Die Arbeiten der Enquete-Kommission haben best&auml;tigt, dass der wissenschaftliche Sachverstand zum Thema Klimaproblematik, zur Treibhauskatastrophe so gesichert ist, dass deutlich wird, dass dringender Handlungsbedarf besteht und weiterer Aufschub nicht m&ouml;glich ist. (Lippold, CDU/CSU, 20.1.1995).</p>
<p>Eine weit reichende politische Entscheidung war bereits im Jahr 1992 mit der nationalen Selbstverpflichtung zur Reduzierung der CO2-Emissionen um 25 Prozent bis zum Jahr 2005 getroffen worden. Dieses im Rahmen der Vorverhandlungen zur Konferenz f&uuml;r Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro selbst gesteckte Ziel konnte zwar nie ereicht werden, nichtsdestotrotz war mit dieser Ma&szlig;nahme die Transformation des Klimathemas in einen Gegenstand der politischen Regulierung und parlamentarischen Routinen vollzogen worden. Die fr&uuml;hzeitige Selbstverpflichtung zu einer substantiellen Reduzierung der CO2-Emissionen wurde nun zunehmend zu einem Glaubw&uuml;rdigkeitsproblem f&uuml;r die Regierung.</p>
<p>Die deutschen Medien reagierten in spezifischer Weise. Sie griffen die in der Wissenschaft geborene Metapher von der &#8222;Klimakatastrophe&#8220; auf und machten sie gleicherma&szlig;en zum Orientierungs- und Bezugspunkt ihrer Kommunikation. In den gro&szlig;en Print Medien liegen die Berichterstattungen zur Klimakatastrophe seit Mitte der 1980er Jahre auf quantitativ ungew&ouml;hnlich hohem Niveau. Die noch immer vorhandenen wissenschaftlichen Ungewissheiten in der Erforschung des anthropogenen Klimawandels wurden von den Medien bis weit in die 1990er Jahre hinein nahezu vollst&auml;ndig ausgeblendet. Das markanteste Merkmal des Mediendiskurses ist eine Transformation des hypothetischen Charakters wissenschaftlicher Prognosen und damit der Unsicherheit des Wissens in Gewissheiten. Schon zu einem sehr fr&uuml;hen Zeitpunkt der Berichterstattung wird mit Verweis auf die autoritative Quelle Wissenschaft und deren Methoden die Sicherheit des Wissens konstatiert:</p>
<p>&#8222;Inzwischen aber haben Chemiker und Physiker &#8211; nach zahlreichen Messungen mit Satelliten und Simulationsversuchen in Labors &#8211; keinen Zweifel mehr, dass sich der fatale &#8222;Gew&auml;chshauseffekt&#8220; tats&auml;chlich einstellt&#8220; (Der Spiegel 35/1977, 144).</p>
<p>&#8222;Nach Ansicht amerikanischer Wissenschaftler ist der gr&ouml;&szlig;te Teil davon auf die Erw&auml;rmung und die damit verbundene Ausdehnung der Wassermassen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren; (&#8230;) Wenn die Vorhersagen &uuml;ber die globale Erw&auml;rmung durch den zunehmenden Kohlendioxidgehalt der Atmosph&auml;re stimmen, ist in den n&auml;chsten 70 Jahren mit einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels um 20 &#8211; 30 Zentimeter zu rechnen&#8220; (FAZ 14.4.1982, 33)</p>
<p>Nach der Ver&ouml;ffentlichung des DPG-Aufrufs entwickelt sich in den deutschen Medien ein Katastrophendiskurs, der sich u. a. darin &auml;u&szlig;ert, dass die Medien sich in der dramatischen Darstellung k&uuml;nftiger Bedrohungen durch den Klimawandel gegenseitig &uuml;berbieten.</p>
<p>&#8222;&Uuml;berraschend war die Katastrophe nicht gekommen. Wissenschaftler hatten beizeiten gewarnt. (&#8230;) Das Desaster, der weltweite Klima-Gau ist nicht mehr aufzuhalten&#8220; (Der Spiegel 33/1986, 122/23).</p>
<p>&#8222;&#8230;ist eine oft gestellt Frage gerade auch angesichts der nun drohenden Klima-Katastrophe. Zu resignieren w&auml;re t&ouml;dlich, f&uuml;hrte letztlich zum Untergang der Menschheit&#8220; (SZ 30./31.7.1988, 86).</p>
<p>Durch die Beibehaltung der metaphorischen Konstruktion &#8222;Klimakatastrophe&#8220; gelingt es den Medien, einerseits die &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit und andererseits den Druck auf die Politik zu erh&ouml;hen. Aus Sicht der untersuchten Massenmedien h&auml;tte ein schnelles und deutlicher verantwortungsvolles Handeln, das aufgrund der fr&uuml;hen wissenschaftlichen Warnungen vor der Klimakatastrophe auch m&ouml;glich gewesen w&auml;re, die gef&uuml;rchteten Ausma&szlig;e der Katastrophe positiv beeinflussen k&ouml;nnen. Den Politikern wird &#8211; zum Teil sehr direkt und offen &#8211; vorgeworfen, die vielf&auml;ltigen wissenschaftlichen Warnungen in den Wind geschlagen und sich zu lange auf die Unsicherheiten berufen zu haben. Die Wege zu einem wirksamen Handeln hat sich die Politik dadurch aus Sicht der Medien selbst verbaut.</p>
<p>&#8222;In den Konzernzentrale der Auto-, Energie- und Chemieproduzenten und nat&uuml;rlich auf den Chefsesseln der Politik der neunziger Jahre treiben obskure Gestalten ihr Unwesen, die die Zukunft unserer Kinder ruinieren&#8220; (FAZ 6.5.1994, 32).</p>
<p>&#8222;Nur noch Katastrophen-Management (&#8230;) bleibt als Gesetz des Handelns &uuml;brig&#8220; (Der Spiegel 12/1995, 19/21).</p>
<h2 class="auto-created">Die kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tive Risiken f&uuml;r Wissen&shy;schaft, Politik und die Medien</h2>
<p>Die oberfl&auml;chliche Betrachtung zeigt bereits, dass der anthropogene Klimawandel in der Politik und den Medien ganz unterschiedlich wahrgenommen wird. So eindeutig wie die weltumspannenden politischen Aktivit&auml;ten es nahe legen, ist die Wahrnehmung des &ouml;kologischen Risikos nicht. Die Breite und der lange Zeitraum der Diskussion verdecken den Umstand, dass die Bedrohung aus wissenschaftlicher Sicht noch keine wirklich gesicherte Erkenntnis darstellt. Es bleibt nach wie vor umstritten, welche Sicherheit und Glaubw&uuml;rdigkeit die Modellrechnungen und Simulationen k&uuml;nftiger Klimaentwicklungen zugewiesen werden kann. Soweit &uuml;berhaupt absehbar, wird der Klimawandel an unterschiedlichen Orten der Welt vermutlich unterschiedliche Folgen haben. Daraus ergibt sich, dass verschiedene nationale Regierungen und nationale Medien das Problem auch sehr unterschiedlich wahrnehmen, kommunizieren und mit unterschiedlicher Dringlichkeit versehen. Die divergierenden Wahrnehmungen und damit die Handlungsweisen, die sie begr&uuml;nden, gef&auml;hrden nicht nur die Kommunikation im Hinblick auf das &ouml;kologische Risiko, sie gef&auml;hrden auch die Urheber der Kommunikationen selbst. Neben den &ouml;kologischen Risiken bestehen damit auch Risiken der Kommunikation, die im Folgenden kurz beleuchtetet werden sollen.</p>
<p>Die Klimatologie hat sich von einem sehr randst&auml;ndigen Forschungsgebiet zu einem bedeutenden Forschungszweig entwickelt, der einen erheblichen politischen Stellenwert besitzt. Bestehende Institute und Einrichtungen wurden mit erheblich h&ouml;heren Forschungsmitteln ausgestattet, neue Institute wurden gegr&uuml;ndet und universit&auml;re Einrichtungen haben extrem an Bedeutung gewonnen. Trotz der erheblich ver&auml;nderten Forschungslandschaft und der weiterhin erheblichen &ouml;ffentlichen Aufmerksamkeit mehren sich aber seit Mitte der 1990er Jahre die Stimmen, die die fr&uuml;hen wissenschaftlichen Warnungen als &uuml;bertrieben, voreilig und strategisch bezeichnen. Damit ist in hohem Ma&szlig;e auch die Glaubw&uuml;rdigkeit der Wissenschaft gef&auml;hrdet. Wenn es Wissenschaftlern gelingt, mit Warnungen vor kommenden Katastrophen an die &Ouml;ffentlichkeit zu treten, wird ihnen h&auml;ufig geglaubt. Sie k&ouml;nnen jedoch ihre Glaubw&uuml;rdigkeit auch verlieren, wenn die vorhergesagte Katastrophe nicht eintritt bzw. das prognostizierte Ausma&szlig; sich als &uuml;bertrieben erweist. Die Wissenschaft ist aufgrund der inh&auml;renten Unsicherheit ihrer Prognosen von dem kommunikativen Risiko des Verlusts der Glaubw&uuml;rdigkeit bedroht. Dies kann insbesondere dann erheblich Folgen nach sich ziehen, wenn die Warnungen eine gro&szlig;e politische und &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit erreicht haben.</p>
<p>In der Politik werden wissenschaftliche Warnungen oftmals als Handlungsanweisungen wahrgenommen. F&uuml;r die Politik bedeuten solche Warnungen dann riskante Entscheidungsoptionen. Sowohl ein zu fr&uuml;hes Reagieren als auch ein langes Ignorieren k&ouml;nnten sich als falsch und damit gleicherma&szlig;en riskant erweisen. Die Politik sieht sich also vor das Dilemma gestellt, dass sie entweder durch Nichthandeln Legitimationsverlust erleidet oder diesen durch &uuml;berzogene Selbstverpflichtungen und Ma&szlig;nahmen auf die Zukunft verschiebt.</p>
<p>Durch den globalen Klimawandel ist eine sehr spezifische Bedrohung f&uuml;r die Politik entstanden, sollten sich die fr&uuml;hen wissenschaftlichen Warnungen tats&auml;chlich als verfr&uuml;ht herausstellen. Indem die deutsche Politik den Klimawandel auf ihre Agenda gesetzt und den wissenschaftlichen Warnungen geglaubt hat, hat sie letztlich auch ihre eigene Legitimit&auml;t riskiert. Sollten die Warnungen zur&uuml;ckgenommen werden, ist die Legitimation der Politik als Ganzes aber vor allem die einzelner Politiker (und damit ihrer Wahlchancen) in besonderer Weise gef&auml;hrdet. Das Klimaproblem bedeutet also neben dem &ouml;kologischen Risiko f&uuml;r die Politik, dass sie dar&uuml;ber hinaus vom Risiko des Legitimationsverlusts bedroht ist.</p>
<p>F&uuml;r die Medien stellt sich das Problem weniger dramatisch aber durchaus spezifisch dar. Katastrophendiskurse in den Medien sind durch &Uuml;berbietungen gekennzeichnet und geraten irgendwann auch an ihre Grenzen. Inzwischen spricht vieles daf&uuml;r, dass die Entwicklung von immer konkreteren und immer dramatischeren Untergangsszenarien die Glaubw&uuml;rdigkeit der Medienberichterstattung gef&auml;hrdet und zu &Uuml;bers&auml;ttigungstendenzen f&uuml;hrt. Eine gewisse &#8222;Katastrophenm&uuml;digkeit&#8220; auch bei einer durchaus an &ouml;kologischen Themen interessierten Leserschaft war nicht &uuml;bersehen. Damit gef&auml;hrden die Medien die Aufmerksamkeit f&uuml;r ihre eigenen Produkte. Mit sinkender Aufmerksamkeit ist aber auch das Risiko des Verlusts von Marktchancen verbunden. Seit Mitte der 1990er Jahre hat das Medieninteresse begonnen abzubr&ouml;ckeln. Die Zeit schlussfolgerte am 25.7.1997 dann auch &#8222;Den Meteorologen ist die Katastrophe abhanden gekommen&#8220;. Immer h&auml;ufiger las man nun von Skepsis gegen&uuml;ber der eigenen urspr&uuml;nglichen Position. Neu und aufmerksamkeits relevant war nun zunehmend die Gegenposition. Auf diese Weise gelingt es den Medien dann letztlich doch noch dem Risiko des Verlusts der Aufmerksamkeit zu begegnen.</p>
<h2 class="auto-created">Vor der Katastrophe oder nach der Katas&shy;tro&shy;phe?</h2>
<p>Wo stehen wir heute? Zu Beginn des neuen Jahrtausends dominierten andere Themen die Berichterstattung der deutschen Medien. Die steigende Arbeitslosigkeit und die Gefahr durch eine neue Phase des internationalen Terrorismus schienen allemal eine gr&ouml;&szlig;ere Bedrohung darzustellen als ein k&uuml;nftiger Klimawandel. Auch wenn die Forschung schon seit l&auml;ngerem von einem breiten Konsens in der wissenschaftlichen Klimadebatte ausging und zu der Aussage &uuml;bergegangen war, dass der Klimawandel bereits begonnen habe, konnte das Thema keine mit den 1990er Jahren vergleichbare &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit erlangen, obwohl die Quantit&auml;t der Berichterstattung und die politischen Aktivit&auml;ten sich kaum ver&auml;ndert haben.</p>
<p>Seit Anfang 2007 ist allerdings wieder Bewegung in die &ouml;ffentliche Debatte um den anthropogenen Klimawandel geraten. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hat in drei Etappen im Februar, April und Mai 2007 seinen aktuellen, vierten Bericht ver&ouml;ffentlicht. Die nationale und internationale Politik &auml;u&szlig;ert sich regelm&auml;&szlig;ig zu Einsch&auml;tzungen &uuml;ber Dramatik und Folgen des Klimawandels und im April 2007 besch&auml;ftigte sich erstmalig der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf Druck Gro&szlig;britanniens mit der Frage, welche Gefahren f&uuml;r den Weltfrieden durch die zunehmende Erw&auml;rmung der Erde entstehen. Selbst die bis dato &uuml;berwiegend skeptische amerikanische Regierung stellt w&auml;hrend des G8-Gipfels Anfang Juli 2007 die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls in Aussicht.</p>
<p>Die Medienaufmerksamkeit zeigt f&uuml;r das 1. Quartal des Jahres 2007 einen enormen Anstieg in der H&auml;ufigkeit ihrer Berichterstattung zum Klimawandel. Dies wurde u. a. ausgel&ouml;st durch die medienwirksam inszenierte Ver&ouml;ffentlichung des IPCC-Reports an wechselnden Orten (Paris, Br&uuml;ssel, Bangkok) mit jeweils einigen Wochen Abstand und in gro&szlig; angek&uuml;ndigten Pressekonferenzen. Hinzu kam quasi zeitgleich ein ungew&ouml;hnlich warmes Winter- und Fr&uuml;hjahrswetter in Deutschland. Begleitet wird diese Intensit&auml;t von einer Parallelit&auml;t der warnenden und skeptischen Stimmen. War die Formulierung von Klimaskepsis in den fr&uuml;heren Jahren noch eine Randerscheinung, so ist sie jetzt eine sehr viel sichtbarere Variante der Berichterstattung. Der &#8222;Spiegel&#8220; berichtete in der Woche, in der der dritte Teil des IPCC -Reports erschien, aus distanzierter Beobachterperspektive &uuml;ber die Verhandlungen des Weltklimarats und stellt die rivalisierenden Positionen unter der &Uuml;berschrift &#8222;Sirenen des Weltgewissens&#8220; dar (Der Spiegel 18/2007, 80). Nur eine Woche sp&auml;ter &#8211; und damit drei Tage nach Ver&ouml;ffentlichung des IPCC -Berichts &#8211; wechselte das Nachrichtenmagazin dann vollends die Seiten, in dem es die Comic-Zeichnung eines schwitzenden Frauenkopfs und der Sprechblase &#8222;Hilfe &#8230; die Erde schmilzt&#8220; sowie den Untertitel &#8222;Die gro&szlig;e Klimahysterie&#8220; auf das Titelblatt nahm. Im Heft selbst erschien der Leitartikel &#8222;Abschied vom Weltuntergang&#8220;, der in ungew&ouml;hnlich deutlicher Weise die Abkehr von der bisherigen Position zeigte (Der Spiegel 19/2007). In der FAZ fanden sich schon im M&auml;rz 2007 &Uuml;berschriften wie &#8222;Ist der Klimawandel nichts als Schwindel?&#8220; (23.3.2007) und &#8222;Klimawandel ist die nat&uuml;rlichste Sache der Welt&#8220; (30.3.2007). Am 11. Juni 2007 strahlte der TV-Sender RTL eine Diskussion aus, der die deutsche Version des BBC Films &#8222;The Great Global Warming Swindle&#8220; vorangestellt worden war. Die wissenschaftliche Expertise zur Klimamandelproblematik wird also insgesamt kritischer und als weniger aussagekr&auml;ftig beurteilt. Das bedeutet aber nicht zwangsl&auml;ufig, dass ein so genannter Backflash eingesetzt hat, sondern zun&auml;chst lediglich, dass die Diskussion differenzierter und polarisierter geworden ist. Dass davon auch die politischen Ma&szlig;nahmen nicht unber&uuml;hrt bleiben k&ouml;nnen, erstaunt kaum noch.</p>
<p>&#8222;Die CO2-Keule wird dazu benutzt, uns ein schlechtes Gewissen einzureden, und sie wird als Alibi von den Politikern verwendet, um nicht nur den Steuerzahler immer h&ouml;her zu belasten, sondern auch die unsinnigsten Projekte zu f&ouml;rdern&#8220; (FAZ 24.7.2007, Ti)</p>
<p>In den Tagen, in denen dieser Beitrag entsteht, ist eine bizarre Diskussion entbrannt, die zun&auml;chst in der FAZ gef&uuml;hrt und ver&ouml;ffentlicht wird. Am 30.8.2007 publiziert Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut f&uuml;r Klimafolgenforschung (PIK) einen Artikel unter der &Uuml;berschrift &#8222;Alles nur Klimahysterie?&#8220;, in welchem er in ungew&ouml;hnlich scharfer Weise die Skeptiker des Klimawandels in den Medien und der Wissenschaft angreift. Damit ist insofern eine neue Qualit&auml;t erreicht, als es nicht mehr um den kontroversen Austausch von mehr oder weniger konkurrierenden Positionen geht, sondern um offene &#8211; und namentliche &#8211; Diffamierung. In der darauf folgenden Woche, am 5.9.2007, antwortet ein Teil der von Rahmsdorf wegen unlauterer Methoden und Falschaussagen attackierter Wissenschaftler und Journalisten in der FAZ, dass &#8222;vielmehr (&#8230;) Stil und Inhalt (auf) eine tiefe Unsicherheit und ein bizarres Geltungsbed&uuml;rfnis hinweisen&#8220;. Am 12. September 2007 schaltet sich Spiegel-Online unter dem Titel &#8222;Die rabiaten Methoden des Klimaforschers Rahmstorf&#8216; ein und stellt die Argumente des Klimawissenschaftlers und der Klimaskeptiker gegen&uuml;ber, allerdings nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Rahmstorf sich &#8222;die Erziehung von Journalisten vorstellt&#8220; (<a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0%2C1518%2C505095-2%2C00.htm1" target="_blank" rel="noopener">http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,505095-2,00.htm1</a>).</p>
<p>Es bleibt zu beobachten, wie dieser Streit weiter gef&uuml;hrt wird und vor allem wie die gesellschaftlichen Systeme weiterhin mit dem Klimaproblem umgehen werden. Die Beobachtung der gesellschaftlichen Wahrnehmung des anthropogenen Klimawandels zeigt, dass ein Diskurs &uuml;ber kommende Umweltkatastrophen zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Bedingungen sich jeweils neu erschaffen kann und dann jeweils neue gesellschaftliche Wirklichkeiten konstruiert.</p>
<p>Wenngleich die Schwierigkeiten, eine verbindliche weltweite Klimaschutzkonvention zu verabschieden nach wie vor un&uuml;berwindlich erscheinen, l&auml;sst doch die politische Wahrnehmung und Bedrohung des Problems &#8211; fernab von der medialen Verarbeitung &#8211; erkennen, dass der anthropogene Klimawandel als &ouml;kologisches Risiko ernst genommen wird. Schlie&szlig;lich handelt es sich um die ultimative, die gr&ouml;&szlig;te und zugleich auch die letzte denkbare Katastrophe, die durch die Sorglosigkeit oder Uners&auml;ttlichkeit im Umgang mit Ressourcen vom Menschen selbst verursacht zu werden droht.</p>
<p>(1)Teile der folgenden Abschnitte sind ausf&uuml;hrlicher ver&ouml;ffentlicht in Pansegrau, P. , Engels, A. &amp; Peter Weingart 2000. Alle reden vom Klima. Kommunikationen zum Klimawandel zwischen Wissenschaft, Politik und Massenmedien. In: Forschung an der Universit&auml;t Bielefeld 22/2000.</p>
<p>(2)Vgl. hierzu ausf&uuml;hrlicher Weingart, P., Engels, A. &amp; Petra Pansegrau 2002. Von der Hypothese zur Katastrophe. Der anthropogene Klimawandel im Diskurs zwischen Wissenschaft, Politik und Massenmedien. Leske + Budrich.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/179-vorgaenge/publikation/winds-of-change/">&#8222;Winds of change&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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