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	<title>Charisma Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Der kühle Glanz des Charismas: Ein aktueller Literaturbericht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Sep 2024 11:15:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Adolf Hitler]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn ein Begriff facettenreich und vieldeutig ist, dann ist ein Sammelband der beliebte pragmatische Weg, sich der Sache in „dichten Beschreibungen“ zu nähern. Am Anfang dieses Literaturberichts stehen deshalb zwei Bände dieser Gattung. Und siehe da, die Stärken dieses Konzepts überwiegen die Schwächen deutlich: Wilfried Nippel (Hg.): Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn ein Begriff facettenreich und vieldeutig ist, dann ist ein Sammelband der beliebte pragmatische Weg, sich der Sache in „dichten Beschreibungen“ zu nähern. Am Anfang dieses Literaturberichts stehen deshalb zwei Bände dieser Gattung. Und siehe da, die Stärken dieses Konzepts überwiegen die Schwächen deutlich:</p>
<p><em>Wilfried Nippel</em> (Hg.): Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao, C.H. Beck: München 2000, 320 S., ISBN 3-406-46045-3; 24,90 Euro</p>
<p>Nach einer profunden Einleitung des Herausgebers, der den Stand der Weber-Exegese in Sachen Charisma nachzeichnet, folgen fünfzehn Fallstudien, in denen „Webers Kategorien als Interpretationsangebote genommen werden“. So untersucht Hans-Ulrich Thamer die persönlichen Qualitäten Napoleons, während Ludolf Herbst nach der Inszenierungskunst und der Struktur der Anhängerschaft bei Hitler fragt und Dietmar Rothermund am Beispiel Gandhis die Kommunikation zwischen Führer und Anhängerschaft analysiert. Behandelt werden nach diesem System die üblichen Charisma-Verdächtigen von Caesar über Lincoln bis Perón und Mao; bei den Autoren handelt es sich durchgehend um ausgewiesene Fachleute in ihrem Feld.</p>
<p>Churchill, Lady Di, Stalin und John Wayne auf das Cover zu bringen, zeugt von Chuzpe. Doch damit nicht genug. Der zweite Sammelband:</p>
<p><em>Walter Jacobs</em> (Hg.): Charisma. Revolutionäre Macht im individuellen und kollektiven Erleben, Chronos: Zürich 1999, 232 S., ISBN 3-905313-36-7; 19,50 Euro</p>
<p>vermag auch so gegensätzliche Autoren wie den Heidelberger Soziologen M. Rainer Lepsius und einen Chefredakteur der Schweizer Boulevardpostille <em>Glückspost</em> zwischen zwei Buchdeckeln zu vereinen, letzterer als Experte für die „Prinzessin des Herzens“ und deren Wirkung zwischen Charisma und medialem Mythos. Lepsius steuert einen schon 1993 erschienenen und mittlerweile klassisch gewordenen Aufsatz zur charismatischen Herrschaft im Führerstaat Hitlers bei. Die übrigen sechs Autoren bedienen die ganze Spannbreite zwischen religiöser Erscheinungsform, filmischen Wirkungen (John Wayne) und den sowjetischen Herrschaftsvarianten.</p>
<p>Im Kontext der Charisma-Forschung eigentlich ein paradoxer Befund: die Politiker von heute seien weniger charismatisch als die vergangener Tage, gleichzeitig nehme aber die Personalisierung der Politik (Stichwort: <em>Candidate-Voting</em>) unaufhaltsam zu. Klarheit in diese Gemengelage bringt jetzt:</p>
<p><em>Frank Brettschneider</em>: Spitzenkandidaten und Wahlerfolg. Personalisierung &#8211; Kompetenz &#8211; Parteien. Ein internationaler Vergleich, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2002, 256 S., ISBN 3-531-13722-0; Euro 29,90</p>
<p>Brettschneider kommt das Verdienst zu, die These von der zunehmenden Kandidatenorientierung der Wähler zu Lasten der (Partei-)Programme endlich einer empirischen Prüfung unterzogen zu haben. Dazu nutzt er die Resultate der insgesamt 32 nationalen Wahlen in den USA, Großbritannien und Deutschland von 1960 bis 2000 für eine Langzeitanalyse. Sein Fazit: „Die […] Personalisierungsbehauptung, wonach Kandidatenorientierungen in den letzten Jahrzehnten für das Wählerverhalten wichtiger geworden sind, ist falsch. In keinem der drei untersuchten Länder gibt es seit 1960 einen entsprechenden Trend. Allerdings variiert das Ausmaß des ,Candidate-Voting&#8216; von Wahl zu Wahl und es unterscheidet sich von Land zu Land.“ (207)</p>
<p>In der Mediengesellschaft lässt sich persönliches Charisma von inszeniertem Starkult nur noch schwer trennen. Den vielfältigen Verbindungslinien zwischen beiden geht das folgende Bändchen nach:</p>
<p><em>Jürg Häusermann</em> (Hg.): Inszeniertes Charisma. Medien und Persönlichkeit, Max Niemeyer Verlag: Tübingen 2001, 161 S., ISBN 3-484-34050-9; 44 Euro</p>
<p>„Inszeniertes Charisma“, schreibt der Herausgeber, „das ist Charisma in einem sekundären Sinn“. Denn Charisma operiert dann nicht mehr als Wirkungsmacht entfaltende Eigenschaft einer Person, sondern als quasi implementiertes Phänomen, das nur so lange zum Tragen kommt, wie die künstlich hergestellten und sorgsam konstruierten Bedingungen dies erlauben. Zwischen der Person und den ihr zugeschriebenen Eigenschaften besteht keine zureichende Deckung mehr. Genau diesen Inszenierungsstrategien gehen die Autoren nach: Hartmut Gabler schreibt über „Charismatische Persönlichkeiten im Sport“, Ute Bechdolf über „Marlene, Marilyn und Madonna als Heldinnen der Popkultur“ und Hans Norbert Janowski über die Rolle der Person bei der medialen Charismazuschreibung. Letztendlich wirft das Buch aber mehr Fragen auf, als es beantworten kann, denn die „Annahme, es gebe in der Wirkung einer Persönlichkeit einen Kern, der sich nicht inszenieren lasse, scheint an mehreren Stellen durch“. (9)</p>
<p>Auf die Suche nach neuartigen Charismaformen als gegenwärtigem Zeitgeistphänomen macht sich:</p>
<p><em>Malte Lenze</em>: Postmodernes Charisma, Marken und Stars statt Religion und Vernunft, Deutscher Universitäts-Verlag: Wiesbaden 2002, 217 S., ISBN 3-8244-4495-X; 29,90 Euro</p>
<p>Das Buch ist durchweg anregend: Der Actionfilm <em>Terminator</em> und sein Star Arnold Schwarzenegger als moderner Charismatiker findet sich hier ebenso wie die Fetischisierung der Lebenswelt am Beispiel des Fernsehers. Der Leser ist Zeuge eines Parforceritts durch alle Spielarten moderner Medientheorie, bei dem selbst Weber schwindlig geworden wäre. Weiterführend sind in jedem Fall die Analysen Lenzes zur medialen Inszenierung von Charisma: Es geht dabei um das Wechselverhältnis von Sinnstiftung und Sinnsuche.</p>
<p>Auch in ganz anderen Bereichen wird dem Charisma nachgespürt: Ein durchherrschter Raum wie ein Unternehmen mit starken Vertikalstrukturen ist ein dankbares Objekt für eine Untersuchung von Machtbeziehungen. In einer betriebswirtschaftlichen Dissertation widmet sich:</p>
<p><em>Holger Daners</em>: Charisma in Organisationen. Die Perpetuierung charismatischer Führung, Shaker: Aachen 1999, 281 S., ISBN 3-8265-5750-6; 47 Euro</p>
<p>charismatischer Führung in Unternehmen und Organisationen. Biographien von Unternehmerlegenden wie Lee Iacocca oder Jack Welch werden auch hierzulande gerne gelesen &#8211; doch aus ihnen erfährt man kaum etwas über die Binnenstrukturen innerbetrieblicher Herrschaft. Der Autor vermag es, Webersche Kategorien zu übertragen, von den Motivationswirkungen und der Effektivität charismatischer Führung zu sprechen &#8211; wenngleich er allzuoft in bloßer Literaturzusammenstellung stecken bleibt. Und es bleibt unklar, weshalb ein auf Rationalität und Bürokratie beruhendes System wie ein Unternehmen mit einer charismatischen Führung erfolgreicher sein sollte. Was für Krisenzeiten richtig sein kann, ist in alltäglicher Prosperität oft ineffektiv.</p>
<p>Die politische Rede ist quasi die Königsdisziplin des Charismatikers, mit der er seine Anhänger mobilisiert und seine Gegner bedroht bzw. zu überzeugen versucht, ob auf der Aktionärsversammlung, im Parlament oder auf einer Demonstration.</p>
<p>Für eine Wiederbelebung der klassischen „republikanischen Rede“, die nicht nur überzeugen und gut ankommen, sondern zur wirklichen Klärung der Dinge beitragen will, plädiert in einem leidenschaftlichen Essay</p>
<p><em>Uwe Pörksen</em>: Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede, Klett-Cotta: Stuttgart 2002, 200 S., ISBN 3-608-94055-3; 16 Euro</p>
<p>Folgt man den Thesen des emeritierten Freiburger Literaturwissenschaftlers, ist mit dem Niedergang der politischen Rede und ihrer Ersetzung durch Darstellungskunst auch ein Niedergang des Politischen an sich erfolgt. Gründe dafür sieht Pörksen viele: den zunehmenden Einfluss von Medien, Technik und Naturwissenschaft auf die Politik, den Verlust an Gestaltungsfreiheit, aber auch das Aufkommen eines neuen Politikertypus. Doch Pörksen gibt die Rede nicht verloren. Spätestens in periodisch wiederkehrenden Krisen oder Umbruchszeiten erlebe sie eine Renaissance. Und während man darauf wartet, kann man sich an Pörksens glänzend geschriebenen Analysen und Handreichungen für die „wahre“ republikanische Rede freuen.</p>
<p>Die gesprochene Geschichte Westdeutschlands &#8211; so könnte man die erste Auflage der „Reden, die die Republik bewegten“ auch nennen. Mit seiner Redensammlung deutscher<br />
Politiker bot Herausgeber Horst Ferdinand 1988 einen Überblick zu den wichtigsten Stationen der Nachkriegsgeschichte. Nun also die zweite, erweiterte Ausgabe, die bis zum Jahr 1999 reicht:</p>
<p><em>Horst Ferdinand</em>: Reden, die die Republik bewegten, Leske + Budrich: Opladen 2002, 662 S., ISBN 3-8100-3338-3; 18 Euro.</p>
<p>Die Denkmäler sind alle noch dabei: Erhard (Wohlstand), Strauss (Verteidigung), Brandt (Ostpolitik) und so weiter. Das ist interessant, oft lustig, aber im Grunde bekannt. Spannender ist es da, zu sehen, welches Konzentrat der (vielen, vielen) Worte, die dem Volk in den Jahren 1989 bis 1999 um die Ohren flogen, vom Herausgeber das Prädikat „republikbewegend“ erhielten. Peter Glotz&#8216; Plädoyer für Bonn als Regierungssitz etwa, insbesondere: Beifall und Zwischenrufe. Da wird sich manch einer ärgern.</p>
<p>Gleich zwei Bände widmen sich der wichtigsten Rede eines deutschen Bundeskanzlers, der großen Regierungserklärung:</p>
<p><em>Karl-Rudolf Korte</em> (Hg.): &#8222;Das Wort hat der Herr Bundeskanzler.&#8220; Eine Analyse der großen Regierungserklärungen von Adenauer bis Schröder, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2002, 479 S., ISBN 3-531-13695-X; 34,90 Euro</p>
<p>und</p>
<p><em>Klaus Stüwe</em> (Hg.): Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schröder, Leske+Budrich: Opladen 2002, 408 S., ISBN 3-8100-32204; 34,90 Euro.</p>
<p>Sämtliche in der Bundesrepublik abgegebenen Regierungserklärungen sind in beiden Bänden dokumentiert. Allerdings werden diese in dem Band von Stüwe nur durch eine 24-seitige, recht allgemein gehaltene Einführung sowie maximal halbseitige Kurzbiografien eingerahmt, während in dem von Korte herausgegebenen Buch zahlreiche quantitative und qualitative Analysen zur Regierungserklärung als solcher und den einzelnen Reden zu finden sind. Interessant ist vor allem die Studie von Antje Schwarze und Antje Walther über die Aufgaben und Arbeitsmethoden der Redenschreiber im Bundeskanzleramt. Allerdings bleiben die meisten Einzelanalysen zu sehr innerhalb des starren vorgegebenen methodischen Rahmens, als dass sie erklären könnten, was etwa Willy Brandts Regierungserklärung von 1969 zu einer Besonderheit deutscher Parlamentsgeschichte macht.</p>
<p>Allen bekannt sind: Die Fliege und die Havanna. Vielen bekannt sind: die Verve für Empire und Freiheit. Dass die „britische Bulldogge“ auch ein literarisches Leben führte, wissen hierzulande indes Wenige. Klaus Körner hat nun eine Auswahl der von 1946 bis 1950 erschienenen siebenbändigen deutschen Übersetzung der Kriegsreden des Winston Churchill vorgenommen:</p>
<p><em>Klaus Körner</em> (Hg.): Winston S. Churchill. Reden in Zeiten des Krieges. Europa Verlag: Hamburg 2002, 319 S., ISBN-Nr. 3-203-76021-5; 24,90 Euro.</p>
<p>Kriegsreden? <em>Well</em>, während der Brite seine Bücher diktierte, schrieb er seine Reden stets vorher nieder. Wenn nicht der eigentliche Kern, so sind sie doch zweifelsohne ein fester Bestandteil seines literarischen Werks. Die Lektüre lohnt nicht wegen des Pathos, sondern vor allem wegen der Scharfsinnigkeit und des historischen Weitblicks.</p>
<p>Häufig wird Churchills Gegenspieler, Adolf Hitler, als Typus des Charismatikers schlechthin beschrieben. Eine buchlange Deutung des Aufstiegs von Hitler aus der Weberschen Charisma-Terminologie heraus hat aber bislang nur ein Autor unternommen, dessen Studie jetzt zum Glück in einer aktualisierten Neuauflage vorliegt:</p>
<p><em>Ian Kershaw</em>: Hitlers Macht. Das Profil der NS-Herrschaft, Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2001, 267 S., ISBN 3-423-30757-9; 10 Euro.</p>
<p>Die aus dem Jahre 1992 stammende Erstfassung war noch eine Vorstudie des Autors zu seiner großen Hitler-Biografie, nun in der überarbeiteten Fassung ist das Bändchen eher als Ergänzung zu verstehen. Im Zentrum steht die Frage, wie es zur Ausbildung von Hitlers Charisma kam und wie dies zur Machterlangung und -erhaltung der Nationalsozialisten eingesetzt werden konnte. Dabei läuft das Buch keinen Moment Gefahr, die sozialen und mentalen Großstrukturen, in die Hitlers Aufstieg eingebettet war, aus den Augen zu verlieren. Es geht nicht darum, wie Hitler mittels seines Charismas Geschichte machen konnte, sondern darum, wie sein Charisma zu einem bestimmten historischen Moment zur Entfaltung kam und Wirkungsmacht zeigte.</p>
<p>Noch zwei weitere Bücher können &#8211; wenn auch nicht unter der Charisma-Fragestellung verfasst &#8211; zur Erhellung des Phänomens Hitlers aus einer neuen Perspektive beitragen:</p>
<p><em>Ian Kershaw</em>: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Deutsche Verlagsanstalt: Stuttgart 1999, 396 S., ISBN 3-421-05285-9; 21 Euro.</p>
<p>Auch hier handelt es sich um die Neuauflage eines Klassikers. Denn so wie Kommunikationsforschung ohne Wirkungsanalysen nicht denkbar ist, kann auch Charisma nicht ohne den Resonanzboden der Rezeption des Führers durch seine Anhänger und Gegner erforscht werden. Und Kershaws große Studie aus dem Umfeld des berühmten Bayern-Projekts von Martin Broszat und Peter Hüttenberger ist nach wie vor die elaborierteste Arbeit über die Decodierung des Hitler-Mythos&#8216; in einem deutschen Teilstaat. Einen ganz anderen Weg geht:</p>
<p><em>Barbara Zehnpfennig</em>: Hitlers <em>Mein Kampf</em>. Eine Interpretation, Wilhelm Fink Verlag: München 2002 (2. Aufl.), 348 S., ISBN 3-7705-35333-2, 25,20 Euro</p>
<p>Hier geht es nicht um die Außenbetrachtung oder Rezeption Hitlers, sondern um die Innenanalyse auf Grundlage von Hitlers berüchtigter Bekenntnisschrift, die halb Programm und halb Autobiografie ist. Mit dem Ansatz, <em>Mein Kampf</em> als ernst zu nehmende Quelle für die Hitler-Forschung fruchtbar zu machen, werden auch Aussagen über Hitlers<br />
„charismatische Selbstwahrnehmung“ und seine Vorstellungen vom politischen Führer möglich: So wird deutlich, dass Hitler sich seiner Ausstrahlung wohl bewusst war, an ihrer ständigen Schärfung arbeitete und über deren Einsatz intensiv nachdachte.</p>
<p>Auf drei Fallbeispiele von Charisma will sich:</p>
<p><em>Georg Eickhoff</em>: Das Charisma der Caudillos: Cárdenas, Franco, Péron, Vervuert: Frankfurt/Main 1999, 320 S., ISBN 3-89354-873-4; 28,80 Euro</p>
<p>konzentrieren. So ist ein gut lesbares Buch entstanden, mit Sinn für pittoreske Szenerien, in denen die Wirkung der Caudillos in den iberoamerikanisch-katholischen Ländern im Zeitalter des Weltbürgerkriegs deutlich wird. Manches Mal hat man allerdings den Eindruck, dass der Autor selbst den auratischen Wirkungen der Caudillos erliegt und mit seiner schwelgerischen Sprache über die Stränge schlägt; die sezierende Herrschaftsanalyse ist seine Sache leider nicht. Gerade im Kapitel über Rolle und Funktion Evita Perons für das charismatische Regime ihres Mannes wünschte man sich, mehr als bloße dramatisierende Form der Nacherzählung ihres Schicksals. Was die Caudillos von ihren Pendants Hitler oder Mussolini unterschied, bleibt unklar.</p>
<p>Einen Person gab es in Deutschland nach 1945 zum Glück nicht. Das deutsche Regierungssystem ist gerade unter Rot-Grün immer mehr zu einer Ministerpräsidentendomäne geworden, allen Warnungen z.B. von Wilhelm Hennis zum Trotz. Die Wechsel von Lafontaine, Schröder, Klimmt, Eichel und jetzt Stolpe und Clement ins Bundeskabinett sprechen eine deutliche Sprache. Grund genug, sich diesem Amt einmal politikwissenschaftlich zu nähern:</p>
<p><em>Herbert Schneider</em>: Ministerpräsidenten. Profil eines politischen Amtes im deutschen Föderalismus, Leske+Budrich: Opladen 2001, 434 S., ISBN 3-8100-3030-9; 36,90 Euro.</p>
<p>Das Buch bietet umfassende Informationen in systematischer und historischer Perspektive, mit einer Fülle von Beispielen und statistischem Material. Die Unterschiede im Amtsverständnis, variierend mit den einzelnen Länderverfassungen geraten in den Blick, die soziale Herkunft, Karrierewege, die Organisation der Staatskanzleien und die länderübergreifende Zusammenarbeit. Auch dreißig Seiten allein über das Selbstverständnis der Ministerpräsidenten (u.a. als Landesvater, Manager und Kommunikator) gibt es. Implizit wird ein ganzes Forschungsfeld politischer Karrieren in Deutschland abgesteckt: politisches Charisma diesseits der nationalen Politik.</p>
<p>Die „Geschichte eines Landes im Spiegel der Biographien seiner Kanzler“ erzählen &#8211; dieser Aufgabe stellen sich zwei nicht sonderlich „strukturstarke“ Historiker:</p>
<p><em>Arnulf Baring/Gregor Schöllgen</em>: Kanzler, Krisen, Koalitionen, Siedler Verlag: Berlin 2002, 318 S., ISBN 3-88680-762-2; 24,90 Euro</p>
<p>Als Begleitbuch zu einer RTL-Fernsehreihe geschrieben, entspricht der Band dem Geschmack eines breiten Publikums. Geschichte wird in Geschichtchen erzählt, allenfalls in der Außenpolitik kommt es mal zu systematischeren Überlegungen. Nun darf man nicht den Maßstab einer Habilitationsschrift anlegen. Doch die Einsicht, dass sich die personelle „Innenausstattung der Macht“ (Peter Glotz) und eben auch das Charisma im Politischen nicht ohne Sinn für das Überpersönliche, mithin gesellschaftliche Strukturen, beschreiben und vermitteln lassen, ignorieren beide Autoren souverän. Darüber vermögen auch die gute Lesbarkeit, brillante Porträts und die intime Kenntnis deutscher Nachkriegsgeschichte, die beide Autoren demonstrieren, nicht auf Dauer hinwegzutrösten.</p>
<p>Wenn einem deutschen Politiker dieser Zeit charismatische Fähigkeiten nachgesagt werden, so ist das Willy Brandt (vgl. auch den Beitrag von Wolther von Kieseritzky in diesem Heft). Zehn Jahre nach seinem Tod hat er in Peter Merseburger den sicher für lange Zeit definitiven Biografen gefunden:</p>
<p><em>Peter Merseburger</em>: Willy Brandt 1913-1992. Visionär und Realist, Deutsche Verlags-Anstalt: München 2002, 927 S., ISBN 3-421-05328-6; 32 Euro</p>
<p>Gewiss kann man darüber streiten, ob jede Randepisode in Brandts Vita so breit hätte reflektiert werden müssen, wie das bei Merseburger fast durchweg der Fall ist. Die drei Jahre Arbeit des Autors, verbunden mit umfangreichen Archivstudien, haben sich jedenfalls gelohnt: Das Leben des Emigranten und Triumphators der „Willy-Wahlen“ 1972 wird allumfassend dargestellt. Auch der Charismatiker Brandt wird hier den Nachgeborenen erklärlich: Brandt eignete sich in seiner „inspirativen Verschwommenheit“ (Timothy Garton Ash) ideal zur Projektionsfläche für Sehnsüchte und Wünsche, sei es beim Kniefall in Warschau, sei es mit der legendären Geste im <em>Erfurter Hof</em> oder noch einmal kurz nach dem Mauerfall 1989 für viele DDR-Bürger.</p>
<p>Über Brandts momentanen Amtsnachfolger lässt sich gleiches kaum sagen, allen Flut-und sonstigen Katastrophen zum Trotz. Gleichwohl werden ihm oft mediencharismatische Fähigkeiten zugeschrieben. Nun haben gleich zwei Kenner der politischen Szenerie Biographien verfasst; beide wurden zum Teil heftig kritisiert. Der Spiegel-Redakteur:</p>
<p><em>Jürgen Hogrefe</em>: Gerhard Schröder. Ein Porträt, Siedler: Berlin 2002, 223 S., ISBN 388680-757-6; 19,90 Euro</p>
<p>macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für das Hannoveraner<em> political animal</em>. Entstanden ist ein Porträt, das von einer Fülle von Anekdoten seiner Interviewpartner und selbst beobachteter Details lebt. Das liest sich schnell und locker-flockig, doch wer mehr darüber wissen möchte, warum Schröder und nicht man selber im Kanzleramt sitzt, der bleibt nach der Lektüre ratlos. Das Ganze ist eben auch im Falle Schröder mehr als die Summe seiner Teile, doch um dieses zu erfassen, bräuchte es mehr Abstand, den Hogrefe nicht hat. So jagt eine Begebenheit die nächste, und sei sie noch so unwichtig: denn fast immer ist der Autor dabei. Auch der Charisma-Abschnitt (127ff.) enttäuscht, denn außer der knappen Feststellung, dass Schröder „es“ nicht hat (begleitet von mittlerweile ermüdenden Beschreibungen, wie sich der Kanzler durch irgend einen Journalistenpulk zu kämpfen hat) findet sich da nichts.</p>
<p>Reinhard Urschel, Redakteur der <em>Hannoverschen Allgemeinen</em>, spielt dagegen seinen Heimvorteil aus: In der weitaus umfangreicheren Biographie:</p>
<p><em>Reinhard Urschel</em>: Gerhard Schröder. Eine Biographie, Deutsche Verlags-Anstalt: München 2002, 399 S., ISBN 3-421-05508-4; 22 Euro</p>
<p>findet der Leser all das, was er über das legendäre Hannoveraner Umfeld des Kanzlers und dessen dortigen Werdegang wissen möchte. Des Autors intime Kenntnis dieses Milieus gereicht dem Buch oft zum Vorteil: Schröders soziale Beziehungen, die äußere Struktur seiner Existenz wird sichtbar. Natürlich sind Urschels persönliche Erinnerungen an Moderatorin X, die irgendwann mal etwas Falsches in die Kamera sagte, völlig unwichtig und dokumentieren allenfalls das aufgeräumte Korrespondenten-Archiv mit eigenen Artikeln sowie Eitelkeit. Jedoch vermag der vorgebildete Leser sich aus dem von analytischer Schärfe nicht gerade angekränkelten Text ein genaueres Bild vom Kanzler zusammenzusetzen.</p>
<p>Schröder zum dritten: Eine Studie des Kanzlers, die Spaß macht, hat ein junger Münsteraner Politikwissenschaftler vorgelegt (vgl. auch den Beitrag des Autors in diesem Heft):</p>
<p><em>Werner Dieball</em>: Gerhard Schröder. Körpersprache. Wahrheit oder Lüge? Prewest: Bonn 2002, 206 S., ISBN 3-9808302-0-9; 17,90 Euro</p>
<p>In einer unorthodoxen Mischung aus sozialpsychologischen und kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen rekonstruiert Dieball eine für jedermann ersichtliche Seite des „Medienkanzlers“: seine Körpersprache und all das, was seine Gestik und Mimik uns verrät. Im ersten, allgemeinen Teil erfährt man alles über Funktionsweisen und Mechanismen der Körpersprache, im zweiten wird deren Beeinflussung durch die Medien thematisiert und danach, im Hauptteil, der körpersprachliche Werdegang des Politikers Schröder von seinen Juso-Zeiten 1978 bis heute anhand von Filmausschnitten (Reden, Auftritte, Fernsehdiskussionen usw.) analysiert. Treffende Fotos untermauern die Beschreibungen &#8211; was wohl der Kanzler zu dieser Art der „Ausforschung“ sagen würde?</p>
<p>Dass der lange Lauf zu sich selbst für den derzeitigen Außenminister noch nicht zu Ende ist, meinen die beiden Berliner Journalisten:</p>
<p><em>Matthias Geis/Bernd Ulrich</em>: Der Unvollendete. Das Leben des Joschka Fischer, Alexander Fest: Berlin 2002, 252 S., ISBN 3-8286-0175-8; 24,90 Euro</p>
<p>Aus der Vielzahl enttäuschender biographischer Arbeiten zu Fischer (vgl. <em>vorgänge</em> 157 „Rot/Grün eine Bilanz“: 115f.) ragt dieses opulent bebilderte Buch über einen, von dem man fast alles weiß und der doch ein Rätsel bleibt, sprachlich und analytisch heraus. Chronologisch in der Anlage, liegen die Stärken des Buches vor allem in der Darstellung der Sponti-Zeit des Grünen sowie seiner Rolle in den grünen Wirrnissen der 1980er Jahre. Schwächer werden die Regierungsjahre seit 1998 durchdrungen; der fehlende Draufblick macht sich bemerkbar. Die angestrebte &#8218;Kühle&#8216; im Blick auf den Gegenstand (12) erreichen die Autoren auf keiner Seite: die Nähe des Objekts zwanzigjähriger Beobachtung ist immer präsent. Gleichwohl ist das Buch eine eminent kluge Beobachtung desjenigen, der „sich und andere von fast allem überzeugen und für fast alles begeistern kann. Und für dessen Gegenteil.“ (233)</p>
<p>Zum Schluss zwei ästhetische Annäherungen: Was Macht mit den Gesichtern von Politikern anrichten kann und wie sie sich über die Jahre in Gesichtszüge einbrennen kann (um dann freilich vielfach unter dicken Speckwülsten zu verschwinden), dass zeigt der üppig aufgemachte Fotoband:</p>
<p><em>Herlinde Koelbl</em>: Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen durch das Amt. Eine Langzeitstudie, Knesebeck Verlag: München 2000, 400 S. mit 120 Fotografien, ISBN 3-89660-135-0; 29,90 Euro</p>
<p>Die Autorin hat über acht Jahre hinweg Spitzenpolitiker (unter ihnen Angela Merkel, Joschka Fischer und Gerhard Schröder), Wirtschaftsführer und einen hochkarätigen Journalisten (Frank Schirrmacher) einmal im Jahr interviewt und fotografiert. Herausgekommen sind dabei intime Einblicke in den Narzissmus und das unbedingte Machtstreben, aber auch in die Verletzlichkeit der deutschen Politiker-Seele oder &#8211; wie Joschka Fischer sagt: „Politiker sind die Menschen mit den schmalen Lippen, weil sie so viel runterschlucken.“ Im Langzeitverlauf dokumentieren die Bilder den Verschleiß des politischen Führungspersonals &#8211; das Schwinden des Leuchtens aus den Augen, das langsame Senken der Mundwinkel, das Erschlaffen der Körper &#8211; aber auch gewonnenes Selbstbewusstsein, Selbstzufriedenheit und, zumindest bei einigen, die Entstehung charismatischer Wirkungen.</p>
<p>Fotografien dominieren auch den Band von:</p>
<p><em>Gabriele Kahnert</em>: Bühnen der Macht. Bilder aus Bonn, Hamburger Edition: Hamburg 1999, 79 S., ISBN 3-930908-55-7; 18 Euro</p>
<p>Erstaunlich rasch ist Bonn seit dem Regierungsumzug aus dem Bildgedächtnis der Deutschen verschwunden. Fosters Reichstagskuppel hat Wasserwerk und Behnisch-Bau erfolgreich verdrängt. Umso wichtiger ist dieser Fotoband, 1998 enstanden, der dem Ort, an dem fünfzig Jahre lang bundesdeutsche Politik gemacht, inszeniert und durchlitten wurde, ein kleines, feines Denkmal setzt. Menschenleer werden Kanzleramt (Helmut Schmidts „Kreissparkasse“), Ministerien und Parlamentsgebäude außen und innen gezeigt, Blumenrabatten und Kanzlersessel. Passenderweise gilt das letzte Foto dem ARD-Studio, aus dem der <em>Bericht aus Bonn</em> kam. Beim Betrachter stellt sich Melancholie und auch schon Fremdheit beim Blick auf diese vergangene Epoche ein. Es könnte sein, dass sich in diesen Bildern die Erklärung findet, warum in der zivilen Bonner Republik kaum Raum für Charisma war. Soll man dies bedauern?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/der-kuehle-glanz-des-charismas-ein-aktueller-literaturbericht/">Der kühle Glanz des Charismas: Ein aktueller Literaturbericht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Herrschaft und Rhetorik bei Max Weber</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/herrschaft-und-rhetorik-bei-max-weber/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Sep 2024 10:03:51 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Sozialtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wohl kaum ein Denker des 20. Jahrhunderts hat die Sozialwissenschaften auf so vielfältige Weise inspiriert wie Max Weber. Ganze Forschergenerationen haben sich an seinem Werk abgearbeitet; die ,Weberologie&#8216; hat, vor allem seit dem Erscheinungsbeginn der Max-Weber-Gesamtausgabe, scheinbar alle Bereiche seines Denkens kanonisiert. Doch dieser Eindruck täuscht: Immer noch gibt es zentrale Aspekte zumal der politischen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wohl kaum ein Denker des 20. Jahrhunderts hat die Sozialwissenschaften auf so vielfältige Weise inspiriert wie Max Weber. Ganze Forschergenerationen haben sich an seinem Werk abgearbeitet; die ,Weberologie&#8216; hat, vor allem seit dem Erscheinungsbeginn der Max-Weber-Gesamtausgabe, scheinbar alle Bereiche seines Denkens kanonisiert. Doch dieser Eindruck täuscht: Immer noch gibt es zentrale Aspekte zumal der politischen Theorie Webers, die auf ihre Entdeckung und Interpretation warten. Um einen von ihnen soll es hier gehen.</p>
<p>Schon Roland Barthes hat die Omnipräsenz der alten Rhetorik in der europäischen Kultur angedeutet (Barthes 1970). Die „rhetorische Wende“ ist parallel dazu international in die akademische Welt eingedrungen, nicht zuletzt in die Politikwissenschaft (z.B. Nelson 1998) und in die Geschichte des politischen Denkens (z.B. Skinner 1996). Erstaunlicherweise zeigen sich in der Max-Weber-Forschung aber nur wenige Spuren von beidem. In dem jüngst veröffentlichten Sammelband <em>Max Webers Herrschaftssoziologie</em> (Hanke/Mommsen 2001) etwa fehlen die Stichworte &#8218;Rhetorik&#8216; und „Rede“ im Sachregister.</p>
<p><em>Die römische Agrargeschichte in ihrer Bedeutung für das Staats- und Privatrecht:</em></p>
<p>Der Titel seiner Habilitationsschrift (1891) verweist schon auf althistorische Themen bei Weber, die sich in späteren Werken bei ihm vielfach finden. Sie lassen sich, etwas überspitzt formuliert, bis in seine klassisch-humanistisch geprägte Schulzeit zurückverfolgen: Mit zwölf Jahren las er Machiavelli und kritisierte mit vierzehn „die schwache Politik Ciceros“ gegenüber Catilina (Weber 1936: 3, 12). Dieser Hintergrund zeigt sich später sowohl in seinen Begriffen, Klassifikationen und Unterscheidungen als auch im Gebrauch antiker Termini für moderne Verhältnisse. So zieht er zum Beispiel eine direkte Linie vom antiken Typus des <em>demagogos</em> zum modernen Berufspolitiker: „Der, Demagoge&#8216; ist seit dem Verfassungsstaat und vollends seit der Demokratie der Typus des führenden Politikers im Okzident. Der unangenehme Beigeschmack des Wortes darf nicht vergessen lassen, dass nicht Kleon sondern Perikles der erste war, der diesen Namen trug.&#8220; (Weber 1919: 54). [1]</p>
<p>Nach Weber bedeutet charismatische Herrschaft „Macht des Geistes und der Rede“ (Weber 1922: 481). Die explizite rhetorische Dimension ist demnach beim charismatischen Typus am stärksten. Jedoch die gesamte Legitimitäts- und Herrschaftsproblematik ist bei Weber vom rhetorischen Begriffsinstrumentarium geprägt. Davon wird im Folgenden die Rede sein.</p>
<h3 class="">Chancen der Herrschaft</h3>
<p>Webers berühmte Definition der Herrschaft lautet: „<em>Herrschaft</em> soll heissen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“ (Weber 1921/22: 28, 122; Weber 1922: 475) Begriffsgeschichtlich gesehen neutralisiert Weber damit den obrigkeitsfixierten Herrschaftsbegriff (vgl. Koselleck 1979: 128). Diese Neutralisierung hängt mit Webers zentraler begrifflicher Innovation zusammen, wonach soziale Beziehungen immer Komplexe von Chancen sind. In dieser Perspektive ist Herrschaft weder ein Besitz noch eine bloße Relation von Über- und Unterordnung, sondern hängt von den Handlungen der in der Situation anwesenden Personen ab.</p>
<p>Im Unterschied zum amorphen Begriff der Macht verweisen Befehl und Gehorsam auf die Asymmetrie der Herrschaftschancen: auf eine eindeutige Unterscheidung zwischen denen, die in aktueller Hinsicht in der Lage sind, Befehle zu erteilen, und denen, die dadurch zum Gehorsam angerufen werden. Webers Pointe liegt darin, dass beide über besondere Chancen, über bestimmte Machtanteile (vgl. Weber 1919: 36) verfügen: Die Befehlenden haben die Chance der Initiative zur Veränderung der Situation, während die zum Gehorsam Aufgerufenen sowohl durch Gehorchen als auch durch Verweigerung über spezifische Chancen verfügen.</p>
<p>Weber ist ein militanter Nominalist und nimmt auch gegen Kollektivbegriffe Stellung (z.B. Weber 1904: 210-212). Insofern singularisiert er auch die Rede von Macht-und Herrschaftsanteilen. In einem Brief an Robert Michels anlässlich des Erscheinens der <em>Soziologie des Parteiwesens</em> polemisiert Weber Ende 1910 gegen den diffusen Allerweltsbegriff der Herrschaft: „Alles in Allem: der Begriff ,Herrschaft&#8216; ist nicht <em>eindeutig</em>. Er ist fabelhaft <em>dehnbar. Jede</em> menschliche, auch: gänzlich individuelle Beziehung enthält <em>Herrschafts</em>-Elemente, vielleicht <em>gegenseitige</em> (dies ist sogar die <em>Regel</em>. so z.B. in der <em>Ehe</em>). Im gewissen Sinn <em>herrscht der Schuster</em> über <em>mich</em>, in gewissen <em>anderen ich über ihn</em> &#8211; <em>trotz</em> seiner Unentbehrlichkeit u. alleinigen Competenz. Ihr Schema ist zu <em>einfach</em> [&#8230;]“ (Weber 1994b: 761).</p>
<p>Damit verabschiedet sich Weber von der konventionellen staatlichen Herrschaftskonzeption und lässt Herrschaft als eine politisch bedeutsame Beziehung auch im privaten Bereich auftreten. Darüber hinaus verlangt jede Herrschaft bei Weber eine spezifische Rechtfertigung: Seine Konzeption entspricht so einer allgemeineren Tendenz, mit der im Laufe des 19. Jahrhunderts das Bedürfnis zur Legitimation der Herrschaft von einer Ausnahme zur Regel wurde (Hilger in: Koselleck u.a. 1982: 98).</p>
<p>Um die Asymmetrie der herrschaftlichen Machtanteile zu legitimieren, setzen also sowohl die Akzeptanz als auch die Verwerfung der jeweiligen Herrschaftsansprüche eine persuasive Aktivität hinsichtlich der zum Gehorsam Bestimmten voraus. In diesem Sinne ist bei Weber jede Herrschaft auf Rhetorik angewiesen, um als legitim verstanden zu werden. Dementsprechend beruft er sich auf den Chancen-Charakter der Legitimität der Herrschaft: „Die ,Legitimität&#8216; einer Herrschaft darf natürlich auch nur als <em>Chance</em>, in einem dafür relevanten Maße gehalten werden und praktisch behandelt zu werden, angesehen werden&#8220; (Weber 1921/22: 123).</p>
<p>Der Verweis auf Chancen bedeutet, dass für Weber die Herrschaft rein formal ist, d.h. eine Ausnutzung der Chancen zu unterschiedlichen Zwecken ermöglicht &#8211; also sowohl die Etablierung eines bestimmten Anteils von Herrschaft als auch deren Verweigerung. Die bisherige Lektüre der <em>Soziologischen Grundbegriffe</em>, dem Anfangskapitel von Webers nachgelassenem Werk <em>Wirtschaft und Gesellschaft</em> (Weber 1921/22), ist von deren Narrative in Richtung des jeweils komplizierteren und &#8218;geordneteren&#8216; Charakters der Chancenkomplexe geprägt. Webers Formulierungen erlauben aber ebenso Chancen, die jeweiligen ,Ordnungen und Mächte&#8216; aufzulösen.</p>
<h3 class="">Legiti&shy;mie&shy;rung der Herrschaft</h3>
<p>Der rhetorische Charakter der Legitimität wird durch ihre Glaubensabhängigkeit verstärkt: Jede Herrschaft „sucht […] den Glauben an ihre ,Legitimität&#8216; zu erwecken und zu pflegen“ (Weber 1921/22: 122; Weber 1922: 475). Es gibt für die Legitimität keine ,objektive&#8216; Grundlage; die rhetorische Glaubwürdigkeit der jeweiligen Legitimationsbasis entscheidet. Durch die Möglichkeit von Rede und Widerrede hat für Weber jede Herrschaft &#8211; unabhängig von ihrem Geltungsbereich &#8211; einen politischen Charakter. Die faktisch bestehenden Komplexe von Herrschaft sind mehr oder weniger unbeabsichtigte Resultate (vgl. Weber 1919: 80f.) vergangener politischer Kämpfe und können als solche keine besondere Berechtigung beanspruchen.</p>
<p>Obwohl jede Herrschaft der Legitimität bedarf, ist sie nicht darauf reduzierbar. Es gibt vielmehr ein bloß faktisches Vorhandensein unterschiedlicher Macht- und Herrschaftsanteile, die diese als labil erscheinen lässt. Trotzdem kann die bloße Faktizität politisch durchaus bedeutungsvoll sein.</p>
<p>Interessanterweise benutzt Weber den Ausdruck <em>ultima ratio</em> für zwei unterschiedliche Phänomene, nämlich für die Gewaltsamkeit im Kontext des Staatsbegriffs (Weber 1921/22: 29) und in seiner <em>Wahlrecht-Broschüre</em> für die Zahl der Anhänger: Die „ultima ratio aller modernen Parteipolitik ist der Wahl- oder Stimmzettel“ (Weber 1917: 167). Die Gewaltsamkeit gilt für alle staatsförmigen politischen Verbände, während die Zahl der Stimmen für „moderne Parteipolitik“, d.h. für einen bestimmten Typus politischer Verbände, als <em>ultima ratio</em> auftritt. In beiden Fällen spezifiziert die<em> ultima ratio</em> den Charakter der Herrschaft: Sie verweist auf die Faktizität der Herrschaft, die zu einem gewissen Grad auch in modernen politischen Verbänden fortbesteht. Die Bestimmung des Staates durch „das <em>Monopol legitimen</em> physischen Zwanges“ (Weber 1921/22: 29) verweist auf den Unterschied zwischen der <em>ultima ratio</em> der Gewaltsamkeit als faktischem Machtanteil und der legalen Herrschaft des staatlichen Gewaltmonopols. Ähnliches zeigt sich bei der politischen Bedeutung der Zahl der Anhänger bei Wahlen im Vergleich zu ungeregelten Massenversammlungen.</p>
<p>Die spezifisch politische Pointe der Weberschen Legitimitätsgründe liegt nun darin, diese bloß faktische Basis der Herrschaft einzuschränken. Tradition, Legalität und Charisma verleihen der Herrschaft einen legitimen Grund, ohne sie einzuschränken. Hier wird der Unterschied Webers zu den herrschaftsablehnenden Positionen allerlei Prägung deutlich. Der rhetorische Charakter der Legitimierung von Herrschaft bedeutet zugleich ihre Umstrittenheit und geregelte Umkehrbarkeit.</p>
<p>Wenn Weber in seiner <em>Wahlrecht</em>-Broschüre Ende 1917 für die Zahl als <em>ultima ratio</em> eintritt, erteilt er der traditionellen und in Preußen-Deutschland vorhandenen Gesetzeslage eine Absage &#8211; auch der bloß legalen Herrschaft. Weber bestreitet vielmehr die Legitimität des „plutokratischen“ Dreiklassenwahlrechts und anderer Ansprüche, die Stimmen &#8211; ob sie nun Pluralstimmen, berufsständige Vertretung oder anders heißen &#8211; zu wiegen, anstatt zu zählen. Gegen eine derartige Vorgehensweise beruft er sich auf die grundsätzliche Gleichheit der Menschen und ihrer Handlungssituationen (Weber 1917: 167-172), um so die politische Berechtigung der bloßen „Zifferndemokratie“ (ebd.: 169) zu behaupten, die allen Staatsbürgerinnen eine politisch bedeutsame Chance gibt: „Gegenüber der nivellierenden, unentrinnbaren Herrschaft der Bureaukratie, welche den modernen Begriff des &#8218;Staatsbürgers&#8216; erst hat entstehen lassen, ist das Machtmittel des Wahlzettels nun einmal das einzige, was dem ihr Unterworfenen ein Minimum von Mitbestimmungsrecht über die Angelegenheiten jener Gemeinschaft, für die sie in den Tod gehen sollen, überhaupt in die Hand geben kann.“ (Weber 1917: 172)</p>
<p>Die Herrschaft im modernen Staat bedeutet nach Weber praktisch eine Herrschaft der Bürokratie, deren Universalisierung er als die größte zeitgenössische Gefahr für die individuelle und politische Freiheit sieht (Weber 1918: bes. 222f.). Um dieser legalen und unabdingbaren Herrschaft der Bürokratie entgegenzutreten, sucht Weber nach Gegengewichten, wie dem allgemeinen Wahlrecht als Ausdruck der Zifferndemokratie. Diese bedarf also keiner positiven Legitimation; die Entlegitimierung der sonstigen Herrschaftsgründe ist schon ausreichend.</p>
<p>Darüber hinaus verteidigt Weber das „parlamentarische Führertum“: „In jedem Massenstaat führt Demokratie zur bureaukratischen Verwaltung, und, ohne Parlamentarisierung, zur reinen Beamtenherrschaft.“ (ebd.: 186f.). Hier tritt die Rhetorik nun als ein Gegengewicht zur bloßen Zahl auf. Vor allem vermag „ein Parlamentarier im Kampf der Parteien zu lernen [&#8230;], die Tragweite des Wortes zu wägen“ (ebd.: 187), also die Möglichkeiten und Grenzen des Wortes als Medium der Politik abzuschätzen.</p>
<p>Eine Parlamentarierin, also eine Person, die mit Worten operiert und deren Gewicht wägt, hat durchaus Chancen, mit dem Wort zur „Umkehrung der Zahlen“ im Parlament und in der Wählerschaft beizutragen. Die reine Herrschaft der Zahl würde die parlamentarische Diskussion <em>a priori</em> den Abstimmungen unterordnen und die Abgeordneten in bloße Delegierte der Wählerschaft verwandeln. Im Parlamentarismus steckt dagegen, bei der Überredung von Gegnerinnen zum Beispiel, ein Moment charismatischer Herrschaft &#8211; und gerade deswegen tritt Weber für ihn ein. Und nur deswegen vermag Weber für die Herrschaft der Stimmenzahl der Parteien in der parlamentarischen Politik zu plädieren: als Grenzsituation gegenüber dem Kompromiss, der als Entscheidungsmodus den Interessenverbänden eigen ist (Weber 1917: 166f.).</p>
<p>Gegen die Tendenz zur Bürokratisierung reicht allerdings der Typus des nebenamtlichen Parlamentariers nicht aus. In der Schrift<em> Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland</em> (zu den Unterschieden zur Aufsatzversion s. Llanque 2000: bes. 247261) behauptet Weber, dass eine „parlamentarische Auslese der Führer“ nötig ist (Weber 1918: 227). Aus diesem Blickwinkel sieht er schon 1918 im Parlamentarismus eine Veränderung, die man in der Regel erst als neuere Entwicklung deutet (vgl. Beiträge in Burckhardt/Page 2000): Die Reden, „die ein Abgeordneter hält [sind] amtliche Erklärungen der Partei, welche dem Lande ,zum Fenster hinaus&#8216; abgegeben werden.“ (Weber 1918: 230). Weber bedauert diesen Zustand keineswegs. Er sieht in der parlamentarischen Parteiführerschaft vielmehr eine gesteigerte Chance zur Herausbildung von politischen Führern, die als Gegengewichte zur Bürokratie dienen könnten. Dies geschieht auch auf Kosten der internen Gleichheit der Abgeordneten (ebd.: 233).</p>
<p>Hieran schließt eine seiner Politik-Formeln an: Das „Wesen aller Politik ist […]: Kampf, Werbung von Bundesgenossen und von freiwilliger Gefolgschaft, &#8211; und dazu, sich in dieser schweren Kunst zu üben, bietet die Amtslaufbahn des Obrigkeitsstaats nun einmal keinerlei Gelegenheit“ (ebd.: 232). Rein performativ betrachtet, besteht also zumindest der nach ,innen&#8216; gerichtete Teil der Politik in der rhetorischen Aktivität der Werbung, in der Überredung von Menschen dazu, als Partner oder Anhänger eines politischen Führers tätig zu werden. Herrschaft innerhalb der Parteien oder der Parlamentsfraktionen ist eine Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt eine politische Führung ausbilden können. Diese freiwillige Führung kann aufgekündigt werden, wenn der Glaube an die Legitimation nicht mehr vorliegt. Hierauf zielt Weber auch mit seiner These von der „antiautoritären“ Umdeutung des Charismas, nämlich „dass die freie Anerkennung durch die Beherrschten ihrerseits die Voraussetzung der Legitimität und ihre Grundlage sei.“ (Weber 1922: 487) Umgekehrt verbinden Wahlen die Zifferndemokratie mit der charismatischen Herrschaft. In diesem Sinne kann man auch den politischen Vorteil der Legitimität durch eine große Anhängerzahl mit der Effektivität der politischen Führung durch das „Prinzip der kleinen Zahl“ (Weber 1918: 233) vereinbaren.</p>
<p>Max Weber verleiht somit der Rhetorik eine Schlüsselrolle bei der Ausübung politischer Herrschaft. Am Beispiel der politischen Praktiken des britischen Empire behauptet er: „Heute ist nun einmal nicht das eigene Dreinschlagen mit dem Schwert, sondern sind ganz prosaische Schallwellen und Tintentropfen: geschriebene und gesprochene Worte, die physischen Träger des leitenden (politischen und: militärischen!) Handelns. Es kommt nur darauf an, dass Geist und Kenntnisse, starker Wille und besonnene Erfahrung diese Worte: Befehle oder werbende Rede, diplomatische Noten oder amtliche Erklärungen im eigenen Parlament formen.“ (ebd.: 237).</p>
<p>Jahrzehnte vor der Sprechakttheorie verteidigt Weber also schon den Tatcharakter der Worte und den durchgehend rhetorischen Charakter der parlamentarischen Politik. Nun gilt dies nicht nur für die Politik der Minister und der Parteiführer, sondern auch für ihre politische Gefolgschaft, obwohl bei dieser eine geringere rhetorische Kompetenz ausreicht. Die zitierte Stelle verweist auf seine Absage nicht nur an die antiparlamentarische Kritik des „nur Redens“ (ebd.), sondern ließe sich durchaus ganz allgemein als Zurückweisung der Unterscheidung zwischen Worten und Taten, zwischen Reden und Handeln interpretieren.</p>
<h3 class="">Vertei&shy;di&shy;gung der Demagogie</h3>
<p>Der wahrscheinlich provokativste Satz der Weberschen Verteidigung der parlamentarischen Demokratie lautet: „Demokratisierung und Demagogie gehören zusammen“ (ebd.: 265). So oft Weber selbst auch gegen die ,Demagogie&#8216; &#8211; etwa der antipolitischen „Literaten“ oder des Monarchen &#8211; Stellung nimmt, so ist er doch kein Gegner der demagogischen Macht der Rede. Vielmehr geht es um den Inhalt der Demagogie: Als Mittel zur Legitimierung der charismatischen Herrschaft ist sie in der modernen parlamentarischen und demokratisierten Politik unverzichtbar.</p>
<p>Eine andere, implizite Konsequenz liegt in der Verbindung von Demokratie und Rhetorik. Diese Implikation findet man schon bei den antiken Rhetorikern. Anders als z.B. dem aus Russland stammenden Moisei Ostrogorski, neben Michels der bedeutendste zeitgenössische Parteienforscher, der nach der amerikanischen Praxis die guten Bürger gegen die bösen Politiker stellt (Ostrogorski 1903/12), sieht Weber den Bürger als einen Gelegenheitspolitiker (Weber 1919: 41). Sowohl die Berufspolitiker als auch die sie kontrollierenden Gelegenheitspolitiker bedürfen, um überhaupt politisch handeln zu können, einer rhetorischen Kompetenz. Bei Weber wird die Kompetenz des Gelegenheitspolitikers durch gelegenheitspolitische Praxis erworben. Er begründet seine Kritik an der Bismarckschen Entpolitisierung des deutschen Bürgertums ja nicht mit Wahlrechtseinschränkungen. Vielmehr erkennt er die Zahl als Ausgangspunkt der demokratisierten Herrschaft an, die eben keinerlei Legitimität bedarf.</p>
<p>Die charismatische Legitimität gilt bei Weber für die Figur des Berufspolitikers. Diesen Begriff benutzt er, im Anschluss an Lord James Bryce, der Autor von <em>The American Commonwealth</em> (1889/1914), im Doppelsinn des für die Politik und von der Politik lebenden Politikers (vgl. schon Weber 1905). Ein weiterer Grund für die Legitimierung des Berufspolitikers liegt für Weber darin, dass der Idealtypus Politiker eben einen wesentlichen Aspekt des okzidentalen Sonderwegs bildet: „Dem Okzident eigentümlich ist aber, was uns näher angeht: das <em>politische</em> Führertum in der Gestalt des freien ,Demagogen&#8216;, der auf dem Boden des nur dem Abendland, vor allem der mittelländischen Kultur, eigenen Stadtstaates, und dann des parlamentarischen ,Parteiführers&#8216;, der auf dem Boden des ebenfalls nur im Abendland bodenständigen Verfassungsstaates gewachsen ist.“ (Weber 1919: 38; s. auch Weber 1922) Sofern eine Kontinuität im historischen Idealtypus des Politikers vorliegt, besteht diese in der rhetorischen Qualität, die auch allen einzelnen Typen, die Weber in <em>Politik als Beruf</em> präsentiert, eigen ist. Der amerikanische Boss oder der britische election agent z.B. kommen ohne Rhetorik nicht aus, obwohl ihre Eloquenz vom Typus des klassischen Parlamentariers abweicht.</p>
<p>Die rhetorische Kompetenz ist es auch, mit der Weber seine berühmte Formel über die „Führerdemokratie“ einleitet: „Aber es gibt nur die Wahl: Führerdemokratie mit ,Maschine&#8216; oder führerlose Demokratie, das heißt: die Herrschaft der ,Berufspolitiker&#8216; ohne Beruf, ohne die inneren, charismatischen Qualitäten, die eben zum Führer machen.“ (ebd.: 72) Berufspolitiker ohne Beruf sind diejenigen, denen es an charismatischer Legitimität mangelt, die &#8211; was leicht zur „Herrschaft des ‚Klüngels&#8220;&#8218; führt &#8211; selbst ein Teil der bürokratischen Maschine sind (ebd.). Weber erkennt die Notwendigkeit eines politischen Apparats mit „Gefolgschaft“ an, aber nur insofern, als dieser durch charismatische Politiker geleitet wird. Dabei kann man Weber auch in gänzlich anderer Perspektive interpretieren: Die charismatischen Berufspolitikerinnen sind für die Bürgerinnen sichtbarer und können deswegen durch Wahl und durch andere. Formen öffentlicher Kontrolle in Schach gehalten bzw. entlegitimiert werden. Eine an sich legale bürokratische Parteimaschine kann dagegen auch kein politisches Gegengewicht zu den Verwaltungs- und Betriebsmaschinen darstellen.</p>
<p>Eine nachträglich berüchtigt gewordene Zuspitzung, die Weber in der im Sommer 1919 erschienenen Buchversion von Politik als Beruf vornimmt, ist seine Verteidigung der Volkswahl des Reichspräsidenten. „Das einzige Ventil für das Bedürfnis nach Führertum könnte der Reichspräsident werden, wenn er plebiszitär, nicht parlamentarisch, gewählt wird.“ (ebd.). An dieser Stelle sollte man keine Wirkungsgeschichte dieses Satzes betreiben, sondern den zentralen Punkt des Weberschen Satzes als einen politischen Sprechakt in seinem zeitgenössischen Kontext bestimmen. Keinesfalls darf man bei der Lektüre dieses Satzes die Webersche Geschichtsauffassung vergessen, nach der die Bürokratisierung, die zur Stagnation führt (vgl. Weber 1909: 277f.), die primäre entpolitisierende Gefahr darstellt. Wenn parlamentarische Parteiführer entgegen Webers früherer Meinung im nunmehr demokratisierten Deutschland nach 1918 doch als machtlos erschienen, dann sollte das fehlende charismatische Element durch die plebiszitäre Wahl des Präsidenten erweitert werden. Dies böte, so Weber, den einzelnen Bürgerinnen auch eine direktere Chance zur Entlegitimierung des gewählten Präsidenten bei der Neuwahl.</p>
<h3 class="">Webers rhetorische Politik</h3>
<p>Die Rhetorik ist, ganz allgemein formuliert, mit der Anerkennung und Ausnutzung der Kontingenz verbunden. Sie steht dabei in engem Zusammenhang mit dem im 19. Jahrhundert entstandenen Handlungsbegriff der Politik (vgl. Palonen 1985, 1998) sowie mit der damit verbundenen zeitlichen Begrenzung der Herrschaft, der Parlamentarisierung der Herrschaftskontrolle und der Verallgemeinerung des Wahlrechts. Die Berufung auf die Macht der großen Zahl allein reicht nicht gegen die traditionelle und legale Begründung der Herrschaft. Sie verlangt als Komplement auch die charismatische Herrschaft. Aber auch für die eingeführte „Zifferndemokratie“ ist nach Weber die rhetorische Legitimation einer zeitbedingten charismatischen Herrschaft nötig, um gegen die allzu leicht vollzogene Unterordnung unter die Bürokratisierung anzukämpfen.</p>
<p>Für uns ist es heute leichter als für Webers Zeitgenossinnen, den rhetorischen Charakter der Herrschaft und der Politik überhaupt anzuerkennen. Heute hat sich die Politik als Aktivität gegenüber der Wissenschaft oder den Ideologien verselbständigt und zugleich einen größeren Spielraum für die Kontingenz, für die Chancen, anders zu handeln, eröffnet (z.B. Greven 1998, 1999; Palonen 1998, 2002a). Aus dieser Sicht stellt sich die übliche Beschimpfung der Politikerinnen als nostalgische Furcht vor der Offenheit der Geschichte und vor der Omnipräsenz der Kontroversen dar. Es gibt immer noch keinen besseren Verteidiger der Politikerinnen als Max Weber (vgl. Palonen 2002b). Dazu gehört auch seine Absage an diejenigen, die die Herrschaft als solche pauschal verwerfen, entweder populistisch oder akademisch-kritizistisch, denn: Eine „führerlose Demokratie“ wäre gegenüber der alltäglichen Herrschaft der Bürokratie machtlos (Weber 1919: 72).</p>
<p>In der heutigen Politik ist alles legitimationsbedürftig, aber keine Form der Legitimation hat in sich unüberwindbare Kraft. Vielmehr gibt es gemäß der rhetorischen Tradition des Arguments i<em>n utramque partem</em> jederzeit Chancen, gute Gründe gegen jeden Legitimationsanspruch zu finden. Nicht einmal die für die Demokratisierung so zentrale Faktizität der Zahl besitzt &#8211; anders als Weber noch voraussetzte &#8211; ohne weiteres den Charakter der <em>ultima ratio.</em> Dies steigert das Bedürfnis nach charismatischer Herrschaft und vermindert zugleich die Chancen, eine derartige Herrschaft zu erreichen oder sie zumindest über eine Wahlperiode hinaus überzeugend zu legitimieren.</p>
<h3 class="">Anmerkungen</h3>
<p>1 Die Literaturangaben im Text zu Max Weber folgen ausnahmsweise den ursprünglichen Erscheinungsdaten: Dadurch sind bestimmte Entwicklungen im Denken Webers genauer nachvollziehbar. Dem Prinzip der ursprünglichen Chronologie entspricht auch die Anordnung der Texte Webers im Literaturverzeichnis.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Barthes, Roland</em> 1985 [1970]: L&#8217;ancienne rhétorique. Aide-mdmoire; in: Ders.: L&#8217;aventure sémiologique, Paris , S. 85-165</p>
<p><em>Bryce, James</em> 1995 [1889/1914]: The American Commonwealth I-II, Indianapolis</p>
<p><em>Burckhardt, Armin/Page, Kornelia</em> (Hgg.) 2000: Die Sprache des deutschen Parlamentarismus, Wiesbaden</p>
<p><em>Greven, Michael Th</em>. 1998: Die politische Gesellschaft, Opladen</p>
<p><em>Greven, Michael Th</em>. 1999: Kontingenz und Dezision, Opladen</p>
<p><em>Hanke, Edith/Mommsen, Wolfgang J.</em> (Hgg.) 2001: Max Webers Herrschaftssoziologie, Tübingen</p>
<p><em>Koselleck, Reinhart</em> 1979: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Koselleck, Reinhart</em> et. al. 1982: Herrschaft; in: <em>Geschichtliche</em> Grundbegriffe, Bd. 4, Stuttgart, S. 1-102</p>
<p><em>Llanque, Marcus</em> 2000: Demokratisches Denken im Kriege, Berlin</p>
<p><em>Nelson, John</em> S. 1998: Tropes of Politics, Madison/Wisconsin</p>
<p><em>Ostrogorski, Moisei</em> 1993 [1903/1912]: Demokratie et les partis politiques, Paris</p>
<p><em>Palonen, Kari</em> 1985: Politik als Handlungsbegriff. Horizontwandel des Politikbegriffs in Deutschland 1890-1933, Helsinki</p>
<p><em>Palonen, Kari</em> 1998: Das &#8218;Webersche Moment&#8216;. Zur Kontingenz des Politischen, Wiesbaden</p>
<p><em>Palonen, Kari</em> 2002a: Eine Lobrede für Politiker. Ein Kommentar zu Max Webers &#8218;Politik als Beruf&#8216;, Opladen</p>
<p><em>Palonen, Kari</em> 2002b: Rehabilitating the Politician. On a neglected genre in political theorizing; in: <em>Archives européennes de sociologie</em>, 53, S. 132-153.</p>
<p><em>Skinner, Quentin</em> 1996: Reason and Rhetoric in the Philosophy of Hobbes, Cambridge</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1973a [19041: Die &#8218;Objektivität&#8216; sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis; in: <em>Ders</em>.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen, S. 146-214</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1999 [1905]: Bemerkungen im Anschluss an den voranstehenden Aufsatz; in: Max-Weber-Studienausgabe 1/8, Tübingen, S. 69-72</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1988a [1909]: Agrarverhältnisse im Altertum; in: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Sozial-und Wirtschaftsgeschichte, Tübingen, S. 1-288</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1988b [1917]: Wahlrecht und Demokratie in Deutschland; in: Max-Weber-Studienausgabe 1/15, Tübingen, S. 155-189</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1988c [1918]: Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland; in: Max-Weber-Studienausgabe 1/15, Tübingen, S. 202-302</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1994a [1919]: Politik als Beruf; in: Max-Weber-Studienausgabe 1/17, Tübingen, S. 35-88</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1980 [1921/22]: Wirtschaft und Gesellschaft, hg. v. Johannes Winkelmann, Tübingen Weber, Max 1973b [1922]: Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft; in: <em>Ders</em>.: Gesammelte Auf-sätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen, S. 475-488</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1936: Jugendbriefe, hg. v. Marianne Weber, Tübingen</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1994b: Briefe 1909-1910, hgg. v. M. Rainer Lepsius u. Wolfgang J. Mommsen; in: Max-Weber-Gesamtausgabe 11/6, Tübingen</p>
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		<title>Islamistisches Charisma und totalitäre Herrschaft</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/islamistisches-charisma-und-totalitaere-herrschaft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Sep 2024 09:18:06 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>In den islamischen Ländern und besonders in den modernen islamistischen Diktaturen nimmt der charismatische Führer eine Sonderstellung ein. Er ist nicht nur Regierungschef oder Staatsoberhaupt, sondern meist auch oberste religiöse Instanz. Die Macht dieser Führer ist beträchtlich, wobei sie ihren Einfluss in der Regel weniger institutionell als personal behaupten. Charisma ist damit eines der zentralen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In den islamischen Ländern und besonders in den modernen islamistischen Diktaturen nimmt der charismatische Führer eine Sonderstellung ein. Er ist nicht nur Regierungschef oder Staatsoberhaupt, sondern meist auch oberste religiöse Instanz. Die Macht dieser Führer ist beträchtlich, wobei sie ihren Einfluss in der Regel weniger institutionell als personal behaupten. Charisma ist damit eines der zentralen Herrschaftsmittel der islamischen Diktatur (Wandat-Hagh 1999). Der charismatische Führer in seiner islamischen, antiimperialistischen, antiwestlichen Variante ist seinem Selbstverständnis nach eine revolutionäre Gegenkraft zur modernen rationalen Herrschaft, wie sie in der westlichen Welt dominiert. Sie soll hier am Beispiel der Funktion des charismatischen Führerprinzips in der „Islamischen Republik Iran“ näher beleuchtet werden.</p>
<p>Im Iran steht der charismatische religiöse Führer an der Spitze des iranischen Gottesstaates und versteht sich ideologisch als in der Tradition des Propheten und der zwölf schiitischen Imame als Stellvertreter Gottes auf Erden stehend. Der Inbegriff der so konstituierten und abgesicherten „charismatischen Autorität“ (Kimmel/Tavakol 1986: 109) ist der verstorbene Revolutionsführer Khomeini. Der gegenwärtig herrschende religiöse Führer, Khamenei, besitzt zwar nicht die Integrationskraft Khomeinis, bildet aber gemeinsam mit seinem vermeintlichen Gegenspieler Mohammad Khatami im Schattenboxen um die Macht die charismatische Autorität. Die Effizienz der von den religiösen Führern ausgeübten personalen Herrschaft kann durch Rückgriff auf Webersche Kategorien erklärt werden.</p>
<p>Folgt man Weber, wird die Gesellschaft durch Herrschaftsbeziehungen zusammengehalten. Diese werden durch unterschiedliche normative und ethische Systeme legitimiert. Charismatische Herrschaft ist im Gegensatz zu rationalen Formen bürokratischen Herrschens historisch und daher temporal. Michael S. Kimmel unterscheidet daher unter Rückgriff auf Weber die charismatische Herrschaft von der traditionalen Herrschaft (Kimmel 1980: 124). Weber schreibt: „Die traditionale Herrschaft ist gebunden an die Präzedenzien der Vergangenheit und insoweit […] regelhaft orientiert, die charismatische stürzt (innerhalb ihres Bereichs) die Vergangenheit um und ist in diesem Sinn spezifisch revolutionär.“ (Weber 1980: 141) Ihm zufolge besitzt die genuine Form der charismatischen Herrschaft einen außeralltäglichen Charakter. „Der Träger des Charisma ergreift die ihm angemessene Aufgabe und verlangt Gehorsam und Gefolgschaft kraft seiner Sendung. Ob er sie findet, entscheidet der Erfolg. […] Auch ein genialer Seeräuber kann ja eine ,charismatische&#8216; Herrschaft im hier gemeinten wertfreien Sinn üben, und die charismatischen politischen Helden suchen Beute und darunter vor allem gerade: Geld.“ (ebd.: 655)</p>
<p>Entscheidend erscheint aber vor allem die Tatsache, dass charismatische Herrschaft vielfach als Gegenreaktion auf gesellschaftliche Modernisierung auftritt und damit als gangbare Alternative zum modernen Regieren erscheint. So mobilisierte Khomeini die Frustrationen derjenigen Muslime, die Verlierer des Modernisierungsprozesses in Persien waren. Die islamische Religion diente vor allem dazu, das Charisma zu legitimieren; der „Führer“ instrumentalisierte die Religion für seine politischen Ziele. Diese im Iran erfolgte Reinterpretation der Religion diente zur Legitimation seiner charismatischen Qualitäten (Kimmel 1989: 503). Tatsächlich wurde Khomeini von Islamisten, von religiösen Nationalisten und von orthodoxen Teilen der kommunistischen Bewegung gleichermaßen als legitimer Führer der Revolution von 1979 betrachtet.</p>
<h3 class="">Das &bdquo;Crisis Charisma&ldquo; Khomeinis</h3>
<p>Für die Betrachtung der Rolle von Charisma im islamischen Iran spielen vor allem die Analysen von Ahmad Ashraf eine wichtige Rolle, erlauben sie doch einen tiefen Einblick in die Rolle Khomeinis, dessen Ausstrahlung Ashraf als „multiples Charisma“ (Ashraf 1990: 113) bezeichnete. Der religiöse Führer hat demnach sowohl ein emotionales wie ein traditionelles religiös-amtliches Charisma. Khomeini führte eine theokratische Institution ein, die sich auf den verborgenen Imam beruft, übernahm selbst die Position des <em>Supreme leader</em> und eignete sich den Titel des Imam an.</p>
<p>Ashraf spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „crisis charisma“ (Ashraf 1994: 142): Charismatische Führer bilden sich demnach in Krisenzeiten heraus, wenn die grundlegenden Orientierungswerte, die Institutionen und die Legitimation der etablierten Ordnung sowie die dominanten Klassen von Intellektuellen und der Masse in Frage gestellt werden. Khomeinis Charisma war ein „dramatisches Phänomen“, das im Kontext der symbolischen Repräsentation der schiitischen Gemeinschaft entstand (ebd.: 145). Das Charisma kennt keine ökonomische Rationalität, um materielle Interessen zu verteidigen. Daher läuft das Charisma nach Ashraf stündlich seinem Ende entgegen (ebd.: 150). Um dem vorzubeugen, bedurfte es der Institutionalisierung der „charismatischen Herrschaft“ (Sansarian 1995:190). Diese äußert sich in der Beziehung des „Führers“ zu seinen Anhängern, aber auch im Verhältnis zu den Andersdenkenden. Der islamistische Führungsstil zeichnet sich durch eine institutionelle Erneuerung und die Durchsetzung der Kontinuität der klerikalen Herrschaft aus. Die Institutionalisierung der Herrschaft verfolgt das Ziel der Durchsetzung einer permanenten charismatischen Herrschaft. Gezielt wurden Institutionen wie eine Partei der Islamisch Republikanischen Partei (IRP) zunächst eingeführt, um diese im Juni 1987 abzuschaffen, als sie nicht mehr gebraucht wurde. Insbesondere im Bereich der Justiz wurden neue Institutionen geschaffen, die die Macht des religiösen Führers absichern sollen (ebd.: 198).</p>
<p>Die revolutionäre Funktion der schiitischen Ideologie bezieht ihre Impulse aus den herrschenden Mythologien, die tief in dem kollektiven Gedächtnis der Iraner verwurzelt sind. Diese Mythologien dienen den Massen als Glaubensersatz und dem Führer und der herrschenden Elite als ideologisches Herrschaftsinstrument zur Unterdrückung der Gläubigen. Die totalitäre islamistische Pseudo- und Anti-Religion strebt die Formung der Massen nach der staatlich monopolisierten religiös begründeten Ideologie an. Totalitäre Bewegungen legitimieren sich ideologisch wie Religionen. Auf existentiellen Gebieten, wie Geburt, Hochzeit und Tod betreiben totalitäre wie religiöse Bewegungen Riten. In der „Islamischen Republik Iran“ ist gerade in diesem Bereich eine Überlappung der religiösen Rituale der Frommen mit den politischen Zielen der Führungskaste festzustellen.</p>
<p>Ziel all dieser Maßnahmen ist es, die ursprünglich rein personale charismatische Herrschaft auf ein dauerhaftes Fundament totalitärer Herrschaft zu stellen und damit auch einen Wechsel des Führers bzw. eine Art Imagetransfer vom ursprünglichen revolutionären Führer zu seinen Nachfolgern sicher zu stellen. Der weitestgehend reibungslos verlaufene Übergang von Khomeini zu Ali Khameneis Führerherrschaft hat gezeigt, dass diese Strategie unter diktatorischer Zwangsherrschaft aufgeht.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Ashraf, Ahmad</em> 1990: Theocracy and Charisma: New Men of Power in Iran; in: <em>Vidich Arthur J. u.a. </em>(Hg.): International Journal of Politics, Culture and Society, Vol. 4, No. 1, S. 113-152</p>
<p><em>Ashraf, Ahmad</em> 1994: Charisma, Theocracy, and Men of Power in Postrevolutionary Iran; in:<em> Weiner, Myron/Banuazizi, Ali</em> (Hg.): The Politics of Social Transformation in Afghanistan, Iran, and Pakistan, Syracuse</p>
<p><em>Kimmel, Michael</em> 1989: &#8222;New Prophets&#8220; and &#8222;Old Ideals&#8220;: Charisma and Tradition in the Iranian Revolution; in: <em>Social Compass</em>, Vol. 36, No.4, S.493-510</p>
<p><em>Kimmel, Michael/Tavakol, Rahmat</em> 1986: Against Satan, Charisma and Tradition in Iran; in: <em>Glassmann, Roland M./Swatos, William H</em>. (Hgg.): Charisma, History and Social Structure, Westport (Conn.)</p>
<p><em>Sanasarian, Eliz</em> 1995: Ajatollah Khomeini and the Institutionalization of Charismatic Rule in Iran, 1979-1989; in: <em>Journal of Developing Societies,</em> Volume XI, S.189-205</p>
<p><em>Wandat-Hagh, Wahied</em> i.E.: Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus: Die Islamische Republik Iran (Dissertation, Frühjahr 2003)</p>
<p><em>Wandat-Hagh, Wahied</em> 1999: Die Herrschaft des politischen Islam als eine Form des Totalitarismus, in: PROKLA 115, S. 317-342</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1980 [1921/22]: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen</p>
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		<title>Die Körpersprache &#8211; ein Weg zum Charisma? Gerhard Schröder und Edmund Stoiber in den TV-Duellen des Bundestagswahlkampfs 2002</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Sep 2024 08:54:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Körpersprache öffentlicher Personen gewinnt als Träger und Mittler von Botschaften immer mehr an Bedeutung. Ermöglicht und begünstigt wird diese Entwicklung durch die zunehmend bildhaft-plakative Personendarstellung in Printmedien und in Fernsehnachrichten. Die Rezipienten nehmen die nonverbale, also diesseits von Sprache stattfindende Kommunikation vor allem optisch-visuell auf. Jeder Mensch nimmt nonverbale Signale anderer Menschen mit seinen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Körpersprache öffentlicher Personen gewinnt als Träger und Mittler von Botschaften immer mehr an Bedeutung. Ermöglicht und begünstigt wird diese Entwicklung durch die zunehmend bildhaft-plakative Personendarstellung in Printmedien und in Fernsehnachrichten. Die Rezipienten nehmen die nonverbale, also diesseits von Sprache stattfindende Kommunikation vor allem optisch-visuell auf. Jeder Mensch nimmt nonverbale Signale anderer Menschen mit seinen Sinnen wahr und teilt sich selbst im Gegenzug, oft unbewusst, körpersprachlich mit. Jedoch ist beim bewussten Gebrauch sowie beim Lesen der Körpersprache immer noch ein ,nonverbaler Analphabetismus&#8216; zu konstatieren.</p>
<p>Die Körpersprache wird seit den 1950er Jahren als Teilbereich der Kommunikation innerhalb der Sozialpsychologie verstanden und als „die Lehre von der sprechenden Bewegung“ (Reutler 1986: 6) definiert. Paul Watzlawick, Mitbegründer der „Schule von Palo Alto“, jene 1959 als <em>Mental Research Institute</em> gegründete Kommunikationsschule der Familientherapie, stellte folgende Formel auf: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Watzlawick 1996: 53) Das ,Alphabet der Körpersprache&#8216; verrät ständig, in welcher Verfassung sich ein Mensch gegenwärtig befindet, denn auch wenn der Mensch schweigt, spricht er mit seinem Körper. Keine Bewegung ist zufällig, sondern das Ergebnis bewussten oder unbewussten Denkens.</p>
<p>In der empirischen Sozialwissenschaft sind Wort und Schrift als Untersuchungsgegenstand anerkannt. Die Körpersprache befindet sich hingegen bis heute in einer wissenschaftlichen Sonderstellung. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Literaturmarkt von unzähligen populärwissenschaftlichen Werken zum Thema &#8218;überschwemmt&#8216; ist. Dort beschäftigt man sich primär mit Käufer-Verkäufer-Situationen, denn der Körpersprache wird im heutigen Dienstleistungszeitalter für den zwischenmenschlichen Bereich des Warenaustauschs große Bedeutung attestiert. Selten wird dagegen die Körpersprache in rein theoretischen Zusammenhang gestellt; noch rarer sind Arbeiten, die sich mit dem Einfluss der nonverbalen Kommunikation in der Politik beschäftigen.</p>
<p>Jeden Tag werden die Bürger live oder vor allem im Fernsehen mit der Körpersprache der Spitzenpolitiker konfrontiert. Das galt insbesondere für den Bundestagswahlkampf 2002, in dem der Bundeskanzler und der Spitzenkandidat der Opposition, Gerhard Schröder und Edmund Stoiber, im Mittelpunkt des medialen Interesses standen. Im Folgenden wird gefragt, inwieweit Gerhard Schröders und Edmund Stoibers nonverbale Kommunikation zu ihrem politischen Erfolg/Misserfolg und zur positiven/negativen Medienpräsenz beitrug.</p>
<p>Gerhard Schröders und Edmund Stoibers körpersprachliche Signale werden am Beispiel der beiden ,Fernsehduelle&#8216; interpretiert. Die beiden Spitzenkandidaten werden schrittweise hinsichtlich Körperhaltung, Gang und Bewegung, Gestik, Gesicht und Mimik, Stimmqualität, Individualdistanz und Revierverhalten sowie äußerem Erscheinungsbild analysiert. So soll herausgefunden werden, welche Gesten typisch für Schröder und Stoiber sind, was man aus ihrem Mienenspiel ablesen kann, wie ihr Lachen und der Klang ihrer Stimme auf die Rezipienten wirken und wie sie durch ihre Motorik Besitz vom sie umgebenden Raum ergreifen.</p>
<h3 class="">Der mediale Einfluss auf die K&ouml;rper&shy;sprache in der Politik</h3>
<p>Zur Analyse der nonverbalen Kommunikation von Politikern eignen sich insbesondere Fernsehdebatten. Denn anders als bei vorbereiteten Reden wie im Deutschen Bundestag oder auf Parteitagen werden Politiker in Fernsehdiskussionen häufiger mit unvorhergesehenen Fragen oder Argumenten konfrontiert. Aus solchen Situationen heraus agieren die Diskussionsteilnehmer oft mit spontanen Gesten oder sie weisen ein unverfälschtes Mienenspiel auf. In diesen Fernsehbeiträgen besteht für die Zuschauer die Möglichkeit, genauere Schlüsse über die Körpersprache der Politiker zu ziehen als bei einstudierten Redebeiträgen. Den Stressmomenten bei hitzigen Fernsehdebatten können auch mediengerecht geschulte Politiker schwer entkommen, da in Stresssituationen körpersprachlich jeder so handelt, wie er persönlich ist. Die bildhafte Darstellung des Fernsehens eignet sich daher hervorragend, um viele Informationen über die Person, ihre Gefühle, ihre innere Haltung und ihre Lebenserfahrung zu erhalten.</p>
<p>Bei Fernsehdiskussionen vor Wahlen geht es in erster Linie um die Zielgruppe der Wähler, die erst während des Wahlkampfes eine Entscheidung fällen und deren Stimmen oft ausschlaggebend sind (Laux 1996: 64f.). Mit zunehmender Konturlosigkeit der Parteiprogramme und Unübersichtlichkeit der Parteiziele sowie ideologischer Standpunkte hat sich die Anzahl unentschlossener Wähler vor Wahltagen erhöht. Zudem ist eine Lockerung der emotionalen Bindungen beträchtlicher Teile der Wähler an ihre Parteien festzustellen und damit verbunden ein erhöhter Wechselwähleranteil (Sarcinelli 1990: 62). Durch diese Prozesse werden das Medium Fernsehen und die Macht der Bilder für Politiker noch bedeutungsvoller: In den USA wurde bereits Anfang der 1980er Jahre beobachtet, dass immer mehr Wähler sich bei ihrer Entscheidung vor allem an der Person des Kandidaten, weniger an programmatisch-inhaltlichen Aspekten orientierten (Campbell 1982: 4ff.). Für die positive Wirkung eines Kandidaten beim Fernsehpublikum hat daher der Stil seines Auftretens größere Bedeutung als seine inhaltlichen Aussagen.</p>
<p>Der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan gilt als der „klassisch nonverbale Charismatiker“ (Frey 1999: 97). Oft wird Reagan der sog. ,Tefloneffekt&#8216; zugeschrieben: Die entsprechende Person kann im Fernsehen einen besonders guten Eindruck machen, da nichts Negatives an ihr haften bleibt. Dies lässt sich vor allem durch die nonverbalen Informationsquellen wie Aussehen, Ausstrahlung und Körpersprache erklären.</p>
<p>Reagan war ein Meister der Inszenierung seiner Auftritte. Seine Pressekonferenzen wurden wie Bühnenauftritte tagelang geprobt, bis hin zu Gesten und Zwischenbemerkungen (Meyer 1992: 94). Die „Selbstinszenierung der Person als Programm“ (ebd.: 96) rückt gegenwärtig immer weiter in den Vordergrund des politischen Geschehens, denn das Transportieren von wichtigen Inhalten läuft in der durch Medien informierten Gesellschaft über Personen (Laux 1996: 9f.). Die Personalisierung ist als ein wesentliches Grundmuster der Politikvermittlung anzusehen, denn ,Köpfe&#8216; lassen sich leichter darstellen und vermitteln als Inhalte (Sarcinelli 1990: 43). In der Mediengesellschaft wird die Wirklichkeit auf den Fernsehkonsumenten zurechtgeschnitten. Er soll sie ,einfach&#8216; und auf der visuell-auditiven Ebene verarbeiten können. So werden politische Themen in der Medienwelt ganz gezielt nicht über die Sachebene vermittelt, sondern bewusst an Personen gebunden. Aus diesem Grund ist es für Politiker wichtiger als jemals zuvor, dem Publikum überzeugende Bilder ihrer Persönlichkeit zu vermitteln (Laux 1996: 27; vgl. auch vorgänge 158 „Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft“ [Heft 2/2002 — Juni]).</p>
<h3 class="">Bundes&shy;tags&shy;wahl&shy;kampf 2002: Gerhard Schr&ouml;der versus Edmund Stoiber</h3>
<p>Zur Analyse der Körpersprache von Gerhard Schröder und Edmund Stoiber wurden deren Auftritte in den beiden Fernsehduellen untersucht. Zentrale Frage war, inwiefern sie die Körpersprache für ihr politisches Agitieren einsetzen. Ferner werden ihre speziellen Reaktionsabläufe und Verhaltensweisen in bestimmten Stresssituationen der ,Duelle&#8216; beobachtet und analysiert.</p>
<h4 class="">1. Das &bdquo;Duell&ldquo; vom 25. August 2002 (RTL/Sat 1)</h4>
<p><em>Äußeres Erscheinungsbild</em><br />
Die beiden &#8218;Duellanten&#8216; präsentieren sich in ihrer Kleidersprache betont staatsmännisch. Zum klassisch-konservativ dunklen Anzug tragen sie ein helles Hemd und eine modisch, gestreifte Krawatte. Gerhard Schröder hat das in Management-Kreisen beliebte Hemd mit ,Haifischkragen&#8216; gewählt. Dieses schnürt seinen kurzen, aber breiten Hals nicht so ein und bietet ihm mehr Bewegungsfreiheit. Im Gegensatz dazu trägt sein Opponent Edmund Stoiber ein Hemd mit steifem Stehkragen. So wirkt er ,zugeknöpfter&#8216;, konservativer. Stoibers Teint ist im Laufe des Bundestagswahlkampfes immer brauner geworden. Dadurch soll er auf die Rezipienten frisch und vital wirken.</p>
<p><em>Motorik: Gerhard Schröder</em><br />
Da die beiden ,Duellanten&#8216; hinter einem Rednerpult stehen, sind für die Fernsehzuschauer nur Kopf and Oberkörper wahrzunehmen. Ihre Bein- und Fußstellung wird durch das Pult verdeckt und ist deshalb nicht zu interpretieren. Das Pult ist eine Art Schutzwall, der eine Barriere zwischen Sprecher und Zuhörer aufbaut. Bundeskanzler Gerhard Schröder hält sich am Anfang des ,Duells&#8216; mit beiden Armen am Pult fest, Oberkörper und Kopf sind statisch. In dem gesamten ,Fernsehduell&#8216; sind so gut wie keine Kopf- und Oberkörperbewegungen zu registrieren. Als Schröder etwa den Solidarpakt II anspricht und dabei auf jeglichen nonverbalen Einsatz verzichtet, verfehlen seine Worte die gewünschte Wirkung. Dieser mangelnde motorische Einsatz lasst ihn erstarrt, kraft- und tatenlos erscheinen. Lediglich als er über die Flutkatastrophe spricht und „die Bereitschaft des Volkes zusammenzustehen“, setzt er seinen Kopf zur Begleitung seiner Worte ein. In diesen Momenten agiert er als ernster Krisenmanager, der es versteht, glaubwürdig, vertrauenswürdig ,rüberzukommen&#8216;.</p>
<p><em>Motorik: Edmund Stoiber</em><br />
Um weniger aggressiv und hektisch bei den Fernsehzuschauern anzukommen, dosiert Stoiber seine Kopf- und Oberkörpermotorik. Üblicherweise ist Stoibers Motorik in Reden oder Fernsehdiskussionen äußerst lebhaft. Erst nach etwa einer halben Stunde wird seine Motorik etwas offensiver. Als er beispielsweise formuliert „Wir sind gegen die Ökosteuer“, schiebt er Kopf und Oberkörper leicht nach vorne, um seine Entschlossenheit, die Ökosteuer abzusetzen, zu demonstrieren. Jedoch wirkt er nicht so hektisch, fahrig wie noch bei früheren TV-Auftritten, sondern ruhiger, fernsehgerechter.</p>
<p><em>Mimik: Gerhard Schröder</em><br />
Nur zur Begrüßung lächelt Schröder kurz und abgeklärt in die Kamera. Das sonst so häufig zitierte schalkhaft-joviale Medienlächeln steht heute nicht auf seiner ,nonverbalen Tagesordnung&#8216;. Seine Mundwinkel sind oft weit nach unten gezogen, wodurch er einen pessimistischen, missmutigen Eindruck hinterlässt. Ganz besonders deutlich wird dies, wenn Schröder in der Zuhörerrolle ist und von seinem Herausforderer Stoiber kritisiert wird. Zu den herabgezogenen Mundwinkeln kommt ein ungewohnt defensives Blickverhalten. Während sein Kontrahent Stoiber das Thema Arbeitslosigkeit anspricht, senkt Schröder seinen Blick ausweichend nach unten. In dieser Situation offenbart er Unsicherheit, er möchte mit diesem Problem nicht konfrontiert werden. Als Schröder eine Zusammenarbeit mit der PDS ausschließt, entgegnet Stoiber schlagfertig: „Das glaub ich ihm nicht.“ Schröders nonverbale Antwort folgt in Form von einem lauten Schnalzen mit der Zunge, dem sich ein kurzes, unechtes Lächeln anschließt. Das unbeherrschte Zungeschnalzen offenbart deutlich Schröders Verärgerung; es zeigt, dass er nicht in jeder Situation der souveräne ,Medienprofi&#8216; ist. Ein weiteres Merkmal für seine Verlegenheit äußert sich im mehrfachen ,Lippen zusammenpressen&#8216;. Diese leicht abgewandelte Form des ,auf die Lippe beißen&#8216; ist dann zu beobachten, wenn er einen Wortbeitrag beendet hat. Als er z.B. über die Hartz-Kommission spricht, presst er seine Lippen zusammen, anstatt gewinnend zu lächeln wie sonst bei ihm üblich. [1] Gerhard Schröder weiß, dass er seine Zielvorgabe, die Arbeitslosigkeit unter 3,5 Millionen zu senken, nicht einhalten konnte. Die nonverbale Reaktion darauf drückt sich in den verkrampften, heruntergezogenen Lippen aus, die seine diesbezüglich schlechte Stimmung verraten. Die Rezipienten bemerken bewusst oder unbewusst diese mimische Unsicherheit Schröders, die im Hinblick auf das Hartz-Konzept zum Vorschein kommt.</p>
<p><em>Mimik: Edmund Stoiber</em><br />
Edmund Stoiber strahlt breit und offen zur Begrüßung in die Kamera. Der sonst eher mit Adjektiven wie ernst und verkniffen in Verbindung gebrachte Stoiber mimt in diesem ersten Fernsehduell den beinahe stets mit einem subtilen Lächeln ausgestatteten Herausforderer. Stoiber setzt sein Lächeln, bei dem die oberen Zähne offen gelegt werden, ganz bewusst ein, um Zuversicht und Wärme auszustrahlen. Da er jedoch auch bei Problemen wie der „Katastrophe der Arbeitslosigkeit“ seine Worte mit einem Lächeln begleitet, irritiert es die Rezipienten. In solchen Momenten merken die Fernsehzuschauer, dass Stoiber sich dieses Lächeln für das ,Duell&#8216; antrainiert hat. So wird die gewünschte Wirkung verfehlt, da es nicht mehr authentisch ist.</p>
<p>Im Gegensatz zu seinem politischen Gegner Gerhard Schröder ist Stoiber darauf bedacht, bei wichtigen Themen wie „Arbeitslosigkeit“ Blickkontakt zu den Fernsehzuschauern aufzunehmen. Anders als bei seinem nicht immer situationsgerechten Lächeln versteht es Stoiber hier, den Blickkontakt zu den Fernsehzuschauern geschickt und unaufdringlich einzusetzen. Mit klarem, offenem Blick transferiert er Selbstsicherheit, Offenheit und Freundlichkeit. Dass bei diesem ,Duell&#8216; ganz besonders Stoibers mimische Konstitution gefestigt ist, zeigt die Situation, in der er Schröder direkt anspricht: „Ich würde Ihnen raten, mehr in die Akten zu schauen.“ Einerseits spielt er durch diesen Satz auf sein Image des ,Aktenfressers&#8216; an, andererseits unterstellt er dem Bundeskanzler fehlendes Sachwissen. Zusätzlich dokumentiert Stoibers Körpersprache in diesem Moment sein Selbstbewusstsein: Er lächelt breit in die Kamera und zwinkert kokett den Fernsehzuschauern zu. Stoibers telegen-zentriertes Mienenspiel ist ein entscheidender nonverbaler Baustein für seinen überraschend mediengerechten Auftritt. Über die unterstützende Mimik in Form von Lächeln mit direktem Blickkontakt gelingt es ihm insgesamt, seinen Worten Nachdruck, Überzeugung und Vertrauenswürdigkeit zu verleihen.</p>
<p><em>Gestik: Gerhard Schröder</em><br />
Zu Beginn des &#8218;Duells&#8216; umklammert Schröder mit beiden Händen das Stehpult. Obwohl er sich nach etwa zwanzig Minuten aus der angespannten Haltung löst, verfällt er im Laufe der Sendung immer wieder in die Umklammerungspose, die ein Zeichen für Verkrampfung und Nervosität ist. Nur selten setzt Schröder die für ihn typischen runden, fließenden Gesten ein. Diese natürlichen, nicht gespielt wirkenden Gesten machen ihn bei vielen Fernsehzuschauern sympathisch. Bei Schröder ist die rechte Ratio-Hand, die auf konkrete, punktuelle Informationen wie Zahlen, Daten, Fakten hindeutet, dominierend. Eine besonders aktive rechte Hand demonstriert die Lust zum Handeln. Die linke Gefühls-Hand, in der eher die analogen Informationen wie Bilder und Parabeln verarbeitet werden, kommt bei Schröder weniger zum Einsatz. Lediglich bei der vorletzten Frage zur Rolle seiner Ehefrau Doris Schröder-Köpf, bedient er sich seiner linken Gefühlshand. Ob er dieses nonverbale Stilmittel nun bewusst oder unbewusst einsetzt, bleibt offen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass er durch den spontan wirkenden Einsatz der linken Gefühlshand, gepaart mit der ruhig ertönenden Stimme, beim Themenkomplex „Die Rolle der Frau“ Sympathien bei den Betrachtern gewinnt.</p>
<p><em>Gestik: Edmund Stoiber</em><br />
Edmund Stoibers Gestik ist im Unterschied zu vergangenen Fernsehauftritten deutlich reduzierter. Auch er umklammert die meiste Zeit mit beiden Händen das Rednerpult. An seinen hervorkommenden Fingerknöcheln ist abzulesen, dass er das Pult mit seinen Händen förmlich ,malträtiert&#8216;. Sie umschließen das Pult so fest, als wolle er es zerdrücken. Das Pult fungiert als eine Art Ableiter für seine Angespanntheit und Nervosität. Nur gelegentlich offenbart sich in Ansätzen seine sonst so lebhafte Fingersprache, indem er einzelne Finger nach außen hin abspreizt. Es ist anzunehmen, dass dieses Fingerabspreizen Stoiber nicht bewusst ist. Der aufmerksame Zuschauer spürt jedoch, dass er versucht, sich zu bremsen, sein gestisches Repertoire zurückzuhalten. Die sonst für ihn typischen Dominanzgebärden wie Zeigefingereinsatz oder ,Handkantenschläge&#8216; werden unterdrückt, da sie zu aggressiv auf die Rezipienten wirken. Ein kurzer symbolischer Hilferuf Stoibers ist zu vernehmen, als Moderator Peter Kloeppel ihn darauf hinweist, er könne ruhig den Bundeskanzler anschauen und nicht ihn, wenn er diesen direkt anspreche. Daraufhin fasst sich Stoiber an seinen Ehering und dreht kurz daran. Diese bei Stoiber häufig in angespannten Situationen zu beobachtende Geste ist für ihn ein Appell an sein Gefühl. Die Geste hat für ihn einen meditativen, beruhigenden Charakter.</p>
<p><em>Fazit des ersten Duells</em><br />
Gerhard Schröders überwiegend monotoner Tonfall in Kombination mit dem geringen Einsatz von Mimik und Gestik demonstrieren Lustlosigkeit an diesem ,Duell&#8216;. Zwar strahlt er bei manchen Themen durch seine ruhige, sonore Stimme und sparsame Gestik Besonnenheit und Überlegenheit aus. Jedoch wäre angesichts hoher Arbeitslosigkeit und geringen Wirtschaftswachstums, mit denen ihn sein Gegner und die Moderatoren konfrontieren, etwas mehr körpersprachliches Engagement gefragt. Er agiert insgesamt in allen nonverbalen Komponenten zu defensiv. In diesem erstem &#8218;Duell&#8216; ist Schröder nicht der ,Medienkanzler&#8216;, sondern wird als müder, kraftloser, teilweise durch die Mimik resigniert wirkender Staatsmann in Erinnerung bleiben. Die Körpersprache wäre ein probates Mittel gewesen, um den potenziellen Wählern und Wählerinnen mehr Zuversicht und Tatkraft zu vermitteln.</p>
<p>Die nonverbale Analyse des ersten deutschen Fernsehduells lässt vermuten, dass sich Kanzlerkandidat Edmund Stoiber in ein ,Medientrainingslager&#8216; begeben hat. Durch reduziertere Motorik, freundliches, zum Zuschauer Blickkontakt aufnehmendes Mienenspiel gelingt es ihm, seinem hölzernen Image entgegenzuwirken. Zusätzlich klingt seine Stimme ruhiger, klarer als üblich, da er seine vielzitierten ,Ähs&#8216; und &#8218;Ohs&#8216; unterdrückt. Dadurch hinterlässt er einen angenehmeren Eindruck bei den Rezipienten. Den einzig richtig schwachen verbalen und nonverbalen Moment hat Stoiber bei der vorletzten Frage. Auf die Rolle ihrer Ehefrauen angesprochen, reagiert Stoiber weitaus unbeholfener als Schröder. Während der Bundeskanzler hier mit ruhiger Stimme und linker Gefühlshand selbstbewusst ein modernes Frauenbild vertritt, gerät Stoiber in die Defensive. Seine Sätze werden zu lang, die ,Ähs&#8216; häufen sich. Als er seiner Ehefrau Karin attestiert, „mit der Ehe eine große soziale Aufgabe in Bayern übernommen zu haben“ und das sie sich „nur in der ihr gebotenen Zurückhaltung äußere“, holt ihn der ,Christiansen-Effekt&#8216; ein. Stoiber verfällt plötzlich wieder in das alte Rollenbild vom unbeholfenen, reaktionären, konservativen Politiker zurück. In diesem Augenblick wird deutlich, dass es trotz des Medientrainings nahezu unmöglich ist, permanent eine einstudierte Rolle zu spielen. Die aufmerksamen Fernsehzuschauer spüren, dass beim Frauenbild Stoibers Worte, Körpersprache und Stimmklang in Inkongruenz zueinander stehen.</p>
<p>Da jedoch die medialen Erwartungen an Stoiber deutlich geringer waren als an Schröder, ist davon auszugehen, dass er bei diesem ersten ,Duell&#8216; als Punktsieger hervorging. [2]</p>
<h4 class="">2. Das &bdquo;Duell&ldquo; vom 8. September 2002 (ARD/ZDF)</h4>
<p>Vor diesem zweitem ,Duell&#8216;, ausgetragen auf der öffentlich-rechtlichen Bühne, wurde in sämtlichen Medien über den Sinn und Zweck der ,TV-Duelle` diskutiert. Liefern sie den Rezipienten auf der Inhaltsebene einen sachpolitischen Erkenntnisgewinn oder geht es lediglich darum, welcher der beiden ,Duellanten&#8216; die schönere Krawatte oder das bessere Make-up aufweisen kann? Die Meinungen hierzu waren vielfältig. Zweifellos war nach dem ersten ,Duell&#8216;, bei dem über fünfzehn Millionen Fernsehzuschauer einschalteten, eine politisierte Stimmung in Deutschland zu spüren. Sowohl ,Normalbürger&#8216; als auch die sogenannten Experten tauschten sich jedoch primär darüber aus, wer telegener ,rüberkommt&#8216;. Da die Telegenität durch die Körpersprache bestimmt wird, spiegelte sich die Erwartungshaltung für das zweite ,Duell&#8216; in zwei Fragen wider: „Wird sich Gerhard Schröder diesmal körpersprachlich offensiver, als &#8218;Medienprofi&#8216; präsentieren?“ und „Wie werden sich die ungünstigeren Umfragewerte der Meinungsforschungsinstitute auf Edmund Stoibers Körpersprache auswirken?“. [3]</p>
<p><em>Äußeres Erscheinungsbild</em><br />
Edmund Stoiber hat deutlich kürzere Haare gegenüber dem letzten ,Duell&#8216;. Durch die glatter anliegenden Haare wirkt er auf die Rezipienten jugendlicher, moderner. Ein Novum bei Stoiber ist übrigens, dass er in beiden ,Fernsehduellen&#8216; erstmals in seiner Politiklaufbahn auf das Tragen seines Siegelrings verzichtete. Der Siegelring gehörte bereits in den 1970er Jahren zu seinem äußeren Erscheinungsbild.[4] Es ist zu vermuten, dass Stoiber bewusst auf dieses Accessoire verzichtet, um nicht zu konservativ zu wirken.</p>
<p>Der Bundeskanzler ist gegenüber dem letzten ,Duell&#8216; besser geschminkt, wodurch sein Blick klarer, offener wirkt und er insgesamt einen vitaleren Eindruck hinterlässt. In puncto Kleidersprache präsentieren sich die Spitzenkandidaten im schwarzem Anzug und weißem Hemd beinahe identisch.</p>
<p><em>Motorik: Gerhard Schröder</em><br />
Der Bundeskanzler gibt diesmal nicht den übertrieben gravitätischen, statischen Staatsmann, sondern wirkt in seiner Haltung weitaus gelöster. Hat er einen Wortbeitrag abgeschlossen, unterstützt er diesen mit leichtem Kopfvorschieben und meist freundlichem Gesichtsausdruck. Dadurch begleitet er seine verbalen Ausführungen und vermittelt den Zuschauern Hoffnung und Selbstsicherheit. Insbesondere als es um die Irak-Politik geht, wird seine Körpersprache, speziell seine Motorik offener, engagierter. Er löst sich vom Stehpult, ballt die rechte Faust, schiebt Kopf und Oberkörper vor und verkündet mit ruhiger Stimme, dass er „gegen eine militärische Intervention im Irak“ sei. Die vorgebeugte Körperhaltung signalisiert, dass dieses Thema ihm besonders wichtig ist.</p>
<p><em>Motorik: Edmund Stoiber</em><br />
Stoibers motorisches Management ist viel angriffslustiger und offensiver als vor zwei Wochen. Hierbei ist in erster Linie sein Kopf zu erwähnen, den er während der mehr als 75 Minuten dauernden Sendung über ein Dutzend Mal direkt nach links zu seinem Opponenten Schröder wendet. Durch diese Kopfbewegungen ergreift er die Initiative und geht voll auf Konfrontationskurs zum Bundeskanzler. Stoiber stellt sich jedoch kein einziges Mal seitlich zu Schröder oder wendet den Oberkörper zu diesem. Dadurch, dass er immer nur den Kopf zu Schröder dreht, wird seine innere Verkrampfung sichtbar. Stoiber bleibt motorisch das gesamte ,Duell&#8216; über dem eng gesteckten Korsett in Form des Stehpults treu.</p>
<p><em>Mimik: Gerhard Schröder</em><br />
Im Vergleich zum vergangenen ,Duell&#8216; ist das Mienenspiel des Bundeskanzlers freundlicher. Er schmunzelt häufig, sucht öfter den direkten Blickkontakt zum Zuschauer. So gewinnt er Vertrauen und Zustimmung. Direkt zu Beginn der Sendung, ,sorgt&#8216; sich Schröder um einen besseren Kommunikationsablauf: „Vielleicht schaffen wir es ja mit Ihrer Hilfe.“ Diesen Satz begleitet er mit jovialem Lächeln und einem kurzen ,über die Lippe lecken&#8216;. Damit belohnt er sich für seinen koketten Spruch, der keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass er sich diesmal als ,Medienkanzler&#8216; präsentiert. Während er noch beim ersten ,Duell&#8216; meistens verbittert die Lippen zusammengepresst hat, zieht sich stattdessen das kurze ,über die Lippe lecken&#8216; durch die gesamte Sendung. Es ist ein Indiz für seine Sicherheit und sein Wohlbefinden.[5]</p>
<p>In Schröders Stimme spiegelte sich sein Lächeln wider. Dadurch wirkt er nicht so gereizt und missmutig wie noch bei der ersten Auseinandersetzung, sondern positiv und gelassen. Sein meist freundliches, offenes Mienenspiel zu Beginn und Ende einer Antwort zeichnen das Bild eines sympathischen, manchmal humorvollen Bundeskanzlers. Dass die Mimik entspannter ist, kann man auch daran erkennen, dass Schröder viel häufiger den Blickkontakt zu den Rezipienten sucht. So signalisiert er Selbstsicherheit und die Zuschauer schenken ihm bei wichtigen sachpolitischen Themen wie der Irak-Frage mehr Glauben.</p>
<p>Das Körpersprache, speziell Augen nicht lügen können, wird bei der Frage deutlich, ob Arbeitsminister Walter Riester eine „zweite Spielzeit“ bekommt. Nach zweimaligem Wiederholen der Frage antwortet er mit einem flüchtigen, emotionslosen: „Ja sicher.“ Schröders Stimmklang, der verkrampfte Mund und sein ins Leere laufender Blick offenbaren an dieser Stelle, dass er nicht hinter seiner Aussage steht.</p>
<p>Wenn er einen Punkt wie das Aufheben des Reformstaus explizit hervorheben möchte, reißt er die Augen auf, zieht die Augenbrauen hoch, schiebt den Kopf etwas nach vorne und blickt zum Schluss für einen Moment direkt in die Kamera. Schaute Schröder bei der &#8218;Duell&#8216;-Premiere noch in der Rolle des Zuhörers meistens missmutig, unwirsch drein, so blickt er nun freundlicher, überlegen wirkend zu seinem Herausforderer Stoiber.</p>
<p><em>Mimik: Edmund Stoiber</em><br />
Auch im Mienenspiel sind Veränderungen zu registrieren. Zwar ist Stoiber wieder darum bemüht, freundlich zu schauen, jedoch hat er das permanente, manchmal aufgesetzt wirkende Dauergrinsen, bekannt aus dem ,Duell&#8216;-Debüt, abgelegt. Er setzt sein Lächeln sparsamer und vor allem passender ein, so dass es authentischer wirkt. Da Stoiber diesmal mehr darauf bedacht ist, mit motorischen Angriffen Schröder zu attackieren, nimmt er deutlich weniger Blickkontakt zu den Fernsehzuschauern auf. Der gezielte Einsatz des Blickkontakts im ersten ,Duell&#8216; war ein entscheidendes nonverbales Mittel für Stoibers Überraschungserfolg. Während er eine Frage gestellt bekommt, wirkt sein Mienenspiel meistens angestrengt. Stoibers leicht zurückgelehnter Oberkörper scheint angespannt, der Mund wirkt strichförmig verkniffen und die Augen schließt er für einen Moment, kurz bevor er antwortet. Durch diese motorisch-mimische Abfolge strahlt Stoiber keine Souveränität und Dynamik auf die Rezipienten aus.</p>
<p><em>Gestik: Gerhard Schröder</em><br />
Im Vergleich zum erstem ,Duell&#8216; setzt Schröder viel häufiger Hände und Arme zur Betonung seiner Worte ein. Um Tatkraft und Entschlossenheit zu unterstreichen, kommt überwiegend die rechte Aktionshand zum Zuge. Dabei sind vor allem offene, Greif- und Dominanzgesten zu beobachten. Bei der offenen Handbewegung wird die sensible Handfläche preisgegeben. So möchte er Vertrauen gewinnen, die Bewegung wirkt positiv. Die Greifgesten gebraucht er, um ein sachpolitisches Thema wie die Bildungspolitik einzugrenzen, um dann unmittelbar folgend mit leichtem Fausteinsatz zu demonstrieren, dass er die Herausforderungen in Angriff nehmen wird. Es sind ruhige, sichere Gesten mit denen der Bundeskanzler seine Standpunkte vertritt. Sie stehen in Kongruenz zu seiner meist ruhigen, klaren und souveränen Stimme. Auch bei diesem Auftritt gelingt es Schröder, sein verbales- und nonverbales Paradebeispiel anzubringen. Es ist das ,Meisterstück&#8216; seiner Selbstinszenierung, wenn er mit gesenkter, betroffener Stimme, ernstem bis melancholischem Blick und sparsamen Gesten von seinen „eigenen schweren persönlichen Erfahrungen“ in Sachen Bildungspolitik berichtet. Da Stoiber durch seine kalt wirkende Zwischenbemerkung „Schöne Worte!“ prompt in Schröders ,Moralfalle&#8216; tappt, kann der ,Schröder-Effekt&#8216; voll und ganz auf die Rezipienten wirken. Schröder lässt es sich zudem nicht nehmen, Stoiber gegenüber den moralischen ,Prediger&#8216; zu geben, indem er betont: „So sollten Sie nicht über meine Erfahrung reden. Das sollten Sie nicht machen.“ Stoiber steht da wie ein ungezogener Schuljunge, der vom gestrengen Oberlehrer zurechtgewiesen werden muss. Der bayerische Ministerpräsident weiß auf Schröders Moralpredigt kein probates Mittel und sein „Ich habe auch das Glück gehabt, aus einfachen Verhältnissen herkommend Abitur machen zu dürfen“ wirkt geradezu lächerlich und völlig fehl am Platze. Mit der ,Betroffenheits-Nummer&#8216; sticht der &#8218;menschelnde&#8216; Schröder den kühlen, sachorientierten Stoiber aus.</p>
<p>Als Schröder von der Moderatorin Sabine Christiansen auf mögliche Koalitionen angesprochen wird, gibt er erneut den versierten ,Medienprofi&#8216;: Mit weiter, offener rechten Hand, angehobener Stimme und kurzem ,über die Lippe lecken&#8216; formuliert er: „Ich verstehe ja Ihr Fragebedürfnis&#8230;“. Schröder hinterlässt bei den Fernsehzuschauern einen authentischen Eindruck, da Worte, Stimmklang und Gesten harmonieren, scheinbar aus dem Inneren fließen.</p>
<p><em>Gestik: Edmund Stoiber</em><br />
Ähnlich wie bei der letzten Veranstaltung unterdrückt Stoiber seine Hand- und Armbewegungen und bleibt auch gestisch in seinem Korsett. Nur manchmal, als er etwa über die Hartz-Kommission spricht, spreizt er den Zeigefinger ,dolchartig&#8216; zu Schröder ab. Stoiber ist so darauf bedacht, das Pult zu umklammern, dass es ihm versagt bleibt, die Hände zu lösen, sich seitlich zu drehen und auf Schröder zu zeigen. Es scheint, als ob Stoiber die fehlende Gestik durch seine zahlreichen Kopfbewegungen ersetzen möchte. Als er über mögliche Reformen des Sozialversicherungssystems redet, gehen seine beiden Hände nur einmal kurz marionettenartig nach oben. In den seltenen Fällen, in denen Stoiber seine Hände einsetzt, wirken sie fremdgesteuert und damit nicht authentisch. Die gehemmte Gestik verhindert, dass sie ihm als Transportmittel der Kommunikation dienen.</p>
<p><em>Fazit des zweiten ,Duells&#8216;</em><br />
Edmund Stoiber präsentiert sich im Vergleich zum ersten ,Duell&#8216; deutlich angriffslustiger. Sein großes Problem besteht jedoch darin, dass er sich nicht aus dem Korsett des Stehpults lösen kann. Er würde vielleicht gerne aus diesem Käfig entfliehen, schafft es aber nur mit den Kopfbewegungen oder dem abgespreizten Zeigefinger bis zu den ,imaginären Gitterstäben&#8216;. Stoiber ist nonverbal so eingegrenzt, regelrecht eingepfercht, dass wesentliche Kommunikationselemente gar nicht oder nur bruchstückhaft wirken können. Auch sein Schlusswort ist rhetorisch und körpersprachlich unstrukturiert. Dabei verspricht er sich zu oft; auch die vielen unruhigen Kopfbewegungen können bei den Fernsehzuschauern Irritationen auslösen.</p>
<p>Gerhard Schröder gibt zwar wieder den Staatsmann, jedoch ruft er diesmal noch weitere Rollen ab. So präsentiert er sich u.a. als alerter Charmeur, ernster Krisenmanager, tatkräftiger Modernisierer und moralischer Prediger. Insbesondere beim Schlussappell spielt er seine medialen Fähigkeiten aus, indem er rhetorisch geschickt betont, dass er die Kräfte, die er während der Flutkatastrophe gespürt habe, nutzen möchte. Zusätzlich spricht er das von Stoiber vernachlässigte Thema, sich speziell für die Frauen, d.h. für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, einzusetzen, an. Schröder formuliert seine Zielvorstellungen mit klarer, sonorer Stimme und direktem Blickkontakt in die Kamera, so dass sie direkt die Adressaten erreichen. Das zweite ,Duell&#8216; hat eindrucksvoll bewiesen, dass Gerhard Schröder der souveräne ,Medienkanzler&#8216; ist.[6]</p>
<p><em>Gerhard Schröder &#8211; Medialer ,Musterkanzler&#8216; der Zukunft?</em></p>
<p>Gerhard Schröder gewinnt durch ein medienwirksames Lächeln, lässige Körperhaltung und sonore Stimme vor allem in Talkshows Sympathien in der Bevölkerung. Der ,Inszenierungsartist&#8216; Schröder weiß genau, wo die Kameras stehen, in die er lächeln muss, damit die potenziellen Wähler positive Bilder geliefert bekommen. Einzelne körpersprachliche Signale wie das Berühren von Gesprächspartnern wirken einstudiert und werden bewusst als Mittel der manipulativen Kommunikation eingesetzt. In Deutschland ist es unter den Spitzenpolitikern noch nicht wie in den USA üblich, zuzugeben, dass sie ihre Körpersprache trainieren. Deshalb bleibt es ungeklärt, ob Gerhard Schröder die Berührungsgeste vom ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton kopierte, das strahlende Lächeln vom englischen Premierminister Tony Blair abschaute oder von seinen Medienberatern empfohlen bekam.</p>
<p>Durch die Sparsamkeit seiner Gestik und die meistens gleich laut bleibende Stimme verkörpert Schröder am Rednerpult oder in der Fernsehdiskussion Ruhe und Gelassenheit. Seine telegen-zentrierte Körpersprache eignet sich besonders für Talkshow-Auftritte oder Interviews, wo er weitaus stärker zur Wirkung kommt als auf jeder Rednertribüne.</p>
<p>Da der Showaspekt in der Politik immer mehr Bedeutung erlangt, werden die Politiker zu Akteuren, die auf der Politikbühne mit zunehmender Globalisierung und Internationalisierung zu Staatsschauspielern werden. Um in der Welt der Politik mediengerecht agieren zu können, wird für die Politiker die Fähigkeit der Selbstdarstellung immer entscheidender. Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer stellt fest: „Der Eindruck zählt, nicht das Argument, das Bild und nicht die Rede, das Ereignis, die Bewegung und nicht der Gedanke.“ (Meyer/Kampmann 1998: 41)7 Die Bilder fügen sich zu einem Image. Das Image bringt Wählerstimmen.</p>
<p>Mit der zunehmenden Amerikanisierung der Wahlkämpfe in Deutschland wird die Bedeutung der Körpersprache für die kandidierenden Politiker weiter ansteigen. Parallel dazu wird der Einfluss von Medienberatern- bzw. trainern zunehmen. Nonverbale Ausdrucksmerkmale wie Haltung, Gestik, Mimik, Stimmklang und äußeres Erscheinungsbild erhalten durch die audio-visuellen Kommunikationsmedien in ihrer Bedeutung eine neue Dimension. Die Gesetzmäßigkeiten der Informationsübertragung durch Massenmedien machen sich vor allem Politiker mehr und mehr zu Nutze. Die Sensibilisierung menschlicher Grundregungen, eine philanthropische, auf Mitmenschlichkeit setzende Ansprache und das Betonen von allgemeinen Moralvorstellungen sind zu Grundregeln einer mediengerechten Verpackung politischer Aussagen in Reden und Interviews geworden. Die Beziehungsebene wird im Vergleich zur Inhaltsebene immer wichtiger.</p>
<p>Die internationale mediengesteuerte Personalisierung bedarf der kritischen Beobachtung: Zukünftig könnten Profilanalysen von Politikern dazu führen, dass die Parteien eine Politiker-Selektion nach Medientauglichkeit durchführen. So vertritt u.a. Siegfried Frey die Auffassung, der Politiker mit Ecken und Kanten könnte durch einen neuen, weitaus geschmeidigeren Typus von Politiker, der gewissermaßen maßgerecht für das Auge des Betrachters gezüchtet wird, ersetzt werden (Frey 1999: 132).</p>
<p>Wie auch immer diese Tendenzen im Einzelfall zu gewichten sind: Mit fortschreitender Personalisierung wird die Fähigkeit zur Selbstdarstellung in Verknüpfung mit der nonverbalen Kommunikation ein entscheidender Faktor für den politischen Erfolg sein. Gerhard Schröder passt ideal in diese Politikform: Im heutigen Medienzeitalter wollen Politiker überzeugende Bilder ihrer Persönlichkeit auf die Bürger transferieren. Gerhard Schröder präsentiert sich ganz in diesem Sinne als mediengewandter Politikdarsteller, ausgestattet mit einem medientauglichen Charisma. Dennoch gibt es auch im gegenwärtigen Politikalltag noch viele Belege dafür, dass jemand trotz fehlender Selbstdarstellungsgabe hohe Ämter bekleidet oder auf eine erfolgreiche politische Karriere zurückblicken kann. In diesen Fällen kompensieren Politiker ihr medienunwirksames Äußeres durch parteiinterne Verflechtungen, Abhängigkeiten und Loyalitätsbindungen. Im Hinblick auf die begonnene Legislaturperiode bleibt jedoch offen, wie sich Gerhard Schröders ,nonverbales Management&#8216; im Zeichen der innen- und außenpolitischen Krisen entwickeln wird: Denn Körpersprache ist nie statisch, sondern unterliegt Veränderungen. Zumindest eines bleibt festzuhalten: Die Interpretation von Körpersprache, bislang von der Politikwissenschaft ,stiefmütterlich&#8216; behandelt, ist von zentraler und wachsender Bedeutung, wenn künftig Machterwerb, Herrschaftsbeziehungen und personale Macht analysiert werden sollen &#8211; unabhängig davon, wie man den Stellenwert von Körpersprache für die Politik letztlich bewerten mag.</p>
<h3 class="">Anmerkungen</h3>
<p>1 Das optimistisch wirkende Lächeln ist sonst ein entscheidender nonverbaler Faktor für Schröders politischen Erfolg. Kurz vor der Landtagswahl in Niedersachen 1998 lieferte sich Schröder ein ,TV-Duell&#8216; mit dem Oppositionsführer der Union, Christian Wulff. Hier lächelte Schröder stets am Ende seines Wortbeitrags (Dieball 2002: 123).</p>
<p>2 Die Frage, wer das erste ,Duell gewonnen&#8216; hat, wurde von den Meinungsforschungsinstituten unterschiedlich bewertet. Eine Blitzumfrage der ,Forschungsgruppe Wahlen&#8216; ergab, dass Stoiber mit 37 Prozent besser abgeschnitten hat als Schröder mit 35 Prozent.</p>
<p>3 Konnte die CDU/CSU noch im Juli/August einen fast uneinholbar geglaubten Vorsprung von mehreren Prozentpunkten aufweisen, sah das Stimmungsbild im September ausgeglichen aus. Bei der Sonntagsfrage kamen SPD und CDU/CSU jeweils auf 38 Prozent (Süddeutsche Zeitung vom 7./8. September 2002)</p>
<p>4 Im Rahmen meines Dissertationsprojekts konnte ich sämtliche Fernseh- und Fotomaterialien von Edmund Stoiber seit 1978 analysieren: Stoiber trug stets den Siegelring.</p>
<p>5 Das Lecken bzw. ,Nachschmecken&#8216; der eigenen Worte gehörte schon als Juso zu Schröders nonverbalem Basis-Repertoire (Dieball 2002: 178).</p>
<p>6 Das zweite ,TV-Duell&#8216; konnte mit 15,26 Millionen Zuschauern eine Rekord-Einschaltquote für eine Politiksendung verbuchen. Das Meinungsforschungsinstitut ,Infratest dimap&#8216; ermittelte unmittelbar nach der Sendung, dass 50 Prozent der Zuschauer Schröder, 28 Prozent dagegen Stoiber besser fanden. Unter den unentschlossenen Wählern waren 42 Prozent von Schröder, 22 Prozent von Stoiber überzeugt.</p>
<p>7 Verwiesen sei auf das Buch Die Macht des Bildes von Siegfried Frey, das diese Entwicklung beschreibt. Frey erforschte die Wirkung von Bewegtbildpräsentationen durch eine empirische Auswertung von 180 Nachrichtenclips, die den Rezipienten jeweils für 10 Sekunden gezeigt wurden. Das Ergebnis war, dass die nonverbale Kommunikation von Politikern in hohem Maße zur Imagebildung beiträgt (Frey 1999: 110ff.).</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Campbell, Angus</em> (Hg.) 1964: The American Voter. An Abridgement, New York</p>
<p><em>Dieball, Werner</em> 2002: Gerhard Schröder: Körpersprache &#8211; Wahrheit oder Lüge? Bonn</p>
<p><em>Frey, Siegfried</em> 1999: Die Macht des Bildes. Der Einfluß der nonverbalen Kommunikation auf Kultur und Politik, Bern u.a.</p>
<p><em>Hetterich, Volker</em> 2000: Von Adenauer zu Schröder &#8211; Der Kampf um die Stimmen. Eine Längsschnittanalyse der Wahlkampagnen von CDU und SPD bei den Bundestagswahlen 1949 bis 1998, Opladen</p>
<p><em>Laux, Lothar/Schütz, Astrid</em> 1996: „Wir, die wir gut sind.“ Die Selbstdarstellung von Politikern zwischen Glorifizierung und Glaubwürdigkeit, München</p>
<p><em>Meyer, Thomas</em> 1992: Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Meyer, Thomas/Kampmann, Martina</em> 1998: Politik als Theater. Die neue Macht der Darstellungskunst, Berlin</p>
<p><em>Reutler, Bernd H</em>. 1986: Körpersprache im Bild. Die unbewussten Botschaften. Ihre Merkmale Deutung auf einen Blick, Wiesbaden</p>
<p><em>Sarcinelli, Ulrich</em> u.a. 1990: Politikvermittlung und Politische Bildung, Bad Heilbrunn</p>
<p><em>Schwartzenberg, Roger-Gérard</em> 1980: Politik als Showgeschäft. Moderne Strategien im Kampf um die Macht, Düsseldorf <em>vorgänge</em> 158 „Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft“ (Heft 2/2002 &#8211; Juni)</p>
<p><em>Watzlawick, Paul</em> u.a. 1996: Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen und Paradoxien. 9. unveränderte Aufl., Bern u.a.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/die-koerpersprache-ein-weg-zum-charisma-gerhard-schroeder-und-edmund-stoiber-in-den-tv-duellen-des-bundestagswahlkampfs-2002/">Die Körpersprache &#8211; ein Weg zum Charisma? Gerhard Schröder und Edmund Stoiber in den TV-Duellen des Bundestagswahlkampfs 2002</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Erzeugung „vorwärtsgerichteter Unruhe“: Überlegungen zum Charisma von Jörg Haider</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/die-erzeugung-vorwaertsgerichteter-unruhe-ueberlegungen-zum-charisma-von-joerg-haider/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 11 Sep 2024 10:30:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Charisma]]></category>
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		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In der zeitgenössischen politikwissenschaftlichen Diskussion, die häufig von funktionalistischen Basistheorien geleitet wird, ist Charisma beinahe zwangsläufig eine unterbelichtete analytische Kategorie. Allenfalls als schwache Reminiszenz an die von Max Weber entworfene Typologie von Herrschaftsformen, in der die auf Charisma begründete Gefolgschaft eines Führers eine der möglichen Grundkonfigurationen politischer Herrschaft darstellt, taucht das Phänomen auf &#8211; freilich [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In der zeitgenössischen politikwissenschaftlichen Diskussion, die häufig von funktionalistischen Basistheorien geleitet wird, ist Charisma beinahe zwangsläufig eine unterbelichtete analytische Kategorie. Allenfalls als schwache Reminiszenz an die von Max Weber entworfene Typologie von Herrschaftsformen, in der die auf Charisma begründete Gefolgschaft eines Führers eine der möglichen Grundkonfigurationen politischer Herrschaft darstellt, taucht das Phänomen auf &#8211; freilich meist als Relikt der Vergangenheit, nicht als tauglicher Ansatz für die Gegenwart. Wer mehr Inspirationen sucht, muss sich in den kulturwissenschaftlichen Disziplinen umschauen, vor allem in der Ikonographie und in den modernen Medienwissenschaften, die sich &#8211; wenn auch nicht unbedingt unter politischen Problemstellungen &#8211; mit der Frage auseinandersetzen, wie und wodurch Personen zur ideellen Gesamtprojektionsfläche uneingelöster Bedürfnisse, Hoffnungen, untergründiger Stimmungen und emotionaler Wünsche werden. Denn genau diese Fragen müssen adressiert werden, wenn man die Wirkung von Charisma erklären will.</p>
<p>Die Reserven der etablierten Politikwissenschaft gegenüber einem solchen Zugang zum Charisma von Personen liegen auf der Hand, denn es geht dabei um die abgedunkelte, sich dem rein rationalen Diskurs entziehende Seite politischen Handelns. Wenn man Politik hauptsächlich als einen prozedural gesteuerten Prozess rationaler Willensbildung und Entscheidungsfindung versteht, erscheint die Beschäftigung mit Charisma wenig relevant. Begreift man Politik dagegen als einen konflikthaften Prozess, in dem politische Akteure ihre Legitimität und ihre Wirkung auch durch eine eigene mobilisierende Gefühlssprache sowie durch das Setzen und Besetzen politischer Zeichen und Symbole gewinnen, dann kommt die Bedeutung charismatischer Führungspersönlichkeiten zwangsläufig in den Blick.</p>
<p>Es ist von daher kein Zufall, dass allenfalls in Teilen der semiologisch ausgerichteten politischen Kultur- und Kommunikationsforschung, in der es unter anderem um die Wirkung von Sprache, Symbolen und Mythen geht, Charisma als politisch zu analysierende Kategorie behandelt wird. In den letzten Jahren taucht die Rolle von Charisma auch im Zusammenhang mit der Diskussion über die Personalisierung politischer Kommunikationsangebote in modernen Wahlkämpfen auf (vgl. Holtz-Bacha et al. 1998). In Abwandlung des bekannten Diktums von Marshall McLuhan „<em>The Medium is the message</em>“ münden solche Ansätze häufig in der Erkenntnis: Die Person ist die message. In den entsprechenden Studien geht es aber vor allem um die Fähigkeit der politischen Akteure, im „Politainment“-Zirkus die bessere Show als der politische Gegner abzuliefern. Insofern verbleiben diese Ansätze meistens an der Oberfläche einer medial vermittelten Darstellungspolitik und lassen die nötige Trennschärfe zu einem gehaltvollen Begriff von Charisma, wie ihn Weber in seiner Typologie entwickelt hat, vermissen. Andererseits eröffnen sie neue Zugänge zur Bedeutung von Charisma in der Politik einer modernen Mediendemokratie mit ihren eigenen kommunikativen Strukturmerkmalen. Wenn man verstehen will, warum charismatische Führungspersönlichkeiten auch in den liberalen Demokratien der Gegenwart eine suggestive Wirkung entfalten können, muss man hinter die Oberfläche medialer Selbstinszenierungen schauen und jene diskursiven Praktiken in den Blick nehmen, mit denen Charismatiker es immer noch verstehen, kollektive Leidenschaften zu entfachen, Identitätskonflikte zu politisieren und das öffentliche Publikum &#8211; Gegner wie Gefolgsleute &#8211; in ihren Bann zu ziehen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die rhetorische Fähigkeit vieler charismatischer Politiker, <em>vox populi</em> ungefiltert in den politischen Prozess einzubringen und diese gegen den Konsens der herrschenden politischen und intellektuellen Eliten in Stellung zu bringen. Charisma und Populismus bilden deshalb nicht selten ein Zwillingspaar. Ohne die Aura charismatischer Führungspersönlichkeiten, die die Fähigkeit besitzen, heterogene soziale Gruppen zu mobilisieren und Gesellschaften zu polarisieren, verlieren populistische Bewegungen einen großen Teil ihrer Attraktivität.</p>
<h3 class="">Haider &ndash; die Karriere eines Charis&shy;ma&shy;ti&shy;kers</h3>
<p>Wenn auf der Folie dieser Überlegungen im Folgenden ein politisches Porträt von Jörg Haider und seiner charismatischen Rolle innerhalb der FPÖ und der österreichischen Politik gezeichnet wird, welches sich vor allem auf seine Rhetorik und seine Fähigkeit zur symbolischen Verdichtung politischer Konflikte konzentriert, dann müssen zwangsläufig jene politischen und sozialstrukturellen Bedingungen in Österreich vernachlässigt werden, die den Aufstieg der FPÖ und Jörg Haiders maßgeblich begünstigt haben. An erster Stelle müsste man hier auf die neokorporatistischen Strukturen der österreichischen Proporz-und Konkordanzdemokratie verweisen, in der sich die politische Kultur jahrzehntelang durch ein ausgeprägtes System von horizontalen und vertikalen Vernetzungen von Politik, Wirtschaft und öffentlichem Leben auszeichnete. Die den meisten parlamentarischen Systemen eigene Neigung zur <em>minimum winning coalition</em> war, von wenigen Jahren abgesehen, in Österreich durch die Große Koalition de facto außer Kraft gesetzt (vgl. Pelinka et al. 2000). Es war vor allem die FPÖ, die von dem politischen Immobilismus, der von dieser Konstellation ausging, seit den späten achtziger Jahren profitieren konnte. Allerdings, das zeigt die relative Erfolglosigkeit der FPÖ bis 1986, ist ihr rasanter Aufstieg ohne Jörg Haider und das von ihm ausgehende Charisma nicht zu verstehen.</p>
<p>Für die Erklärung der Erfolgsgeschichte der FPÖ in den letzten sechzehn Jahren und die exponierte Rolle, die Haider dabei gespielt hat, ist vor allem seine Fähigkeit hervorzuheben, Konflikte und politische Deutungskämpfe als ein konstitutives Merkmal der Politik zu begreifen. Die Erzeugung „vorwärtsgerichteter Unruhe“- diese Eigenschaft zeichnet Haider seit seinem Auftreten in den öffentlichen Arenen der österreichischen Politik aus. Schon kurz nach 1986, als er in einer Art innerparteilichem Putsch die Führung der FPÖ übernahm, verstand er es, die Schwachpunkte des österreichischen Demokratiemodells auf den Punkt zu bringen und zum Gegenstand immer neuer Angriffe auf das etablierte „Machtkartell“ zu machen. Dabei bediente er sich der rhetorischen Figur des ausgeschlossenen Dritten und positionierte die FPÖ als vermeintlich authentische Stimme der von der Teilhabe an der Macht Ausgegrenzten: Wir, die Freiheitlichen, &#8211; so könnte man typische Haider-Statements zusammenfassen &#8211; sind die Einzigen, die nicht in dieses „verfilzte System“ bzw. in die „geschlossene Gesellschaft der Zweiten Republik“, um im Jargon zu bleiben, eingebunden sind und die die politischen Verhältnisse zum Tanzen bringen können. Nach seiner Wahl als neuer Parteivorsitzender spielte Haider virtuos auf dieser Klaviatur, etwa als er sagte: „Die FPÖ hat Tausende Bürger munter gemacht, dass die Demokratie in diesem Land nicht etwas Starres ist, sondern dass es zumindest eine dritte Kraft gibt, die schonungslos, offen und ehrlich um ihre Prinzipien und Grundsätze kämpft und daher ein verlässlicher Partner für jene Bürger ist, die heute abseits stehen.“ (zit. n. Reinfeldt 2000: 35)</p>
<p>Während die Politiker der Großen Koalition mit ihrer auf die Befriedigung von Klientelinteressen ausgerichteten Politik in der Regel auf Konfliktvermeidung und Konsens orientiert waren und dadurch politische Konflikte stillgelegt hatten, betrieb Haider von Anfang an eine Repolitisierung des öffentlichen Raums. Für ihn ist Politik alles andere als das Verwalten von Sachzwängen oder die reine Befriedigung materieller Bedürfnisse verschiedener Bevölkerungsgruppen, sondern Politik ist für ihn „Verändern, Erneuern, Wandeln“ (vgl. Zöchling 1999: 153). Zu diesem Verständnis des Politischen passt die Figur des Rebellen und Nonkonformisten. In beiden Rollen hat sich Haider immer wieder erfolgreich inszeniert: mal als mutiger Politiker, der es mit dem beinahe übermächtigen politischen Establishment in Österreich aufgenommen hat; mal als Robin Hood, der sich für die armen und benachteiligten Leute einsetzt; mal als Sprachrohr des Stammtisches, der Tacheles redet oder aber als Advokat der Kriegsgeneration, der moralisches Unrecht zugefügt wird, und nicht zuletzt als Österreicher, der es mit der mächtigen EU-Bürokratie aufnimmt. In jeder dieser Rollen hat es Haider verstanden, die Öffentlichkeit zu polarisieren und kulturelle oder soziale Konflikte zu politisieren. Mit Vorliebe sucht er sich dabei solche Themen aus, die Identitätsfragen betreffen, weil diese nicht einfach in eine „Matrix aus Verhandlungen, Deliberationen und Verfahren“ (Reinfeldt 2000: 70) zu übersetzen sind, sondern sich dazu eignen, Unterschiede zu markieren und eigenes Profil zu gewinnen. Unablässig hat er dabei immer wieder „gesellschaftliche Verhältnisse und politische Verfahrensweisen [skandalisiert], die bislang in Österreich normal waren.“ (ebd.: 120) Wie kein anderer ist Haider dadurch in Österreich zu einer „ikonographischen Mediengestalt“ geworden, der die permanente Interaktion zwischen sich und dem öffentlichen Publikum sucht. Die von ihm ausgehende Polarisierung ist Teil eines Images, welches er sorgsam pflegt, denn egal ob er als positiv konnotierter politischer Rebell oder als <em>Bad Guy</em> der österreichischen Politik wahrgenommen wird &#8211; immer ist ihm die öffentliche Aufmerksamkeit sicher, die er braucht, um seine Botschaften zu platzieren. In einer Art wechselseitigem <em>Ping-Pong-Play</em> versteht es Haider, virtuos die Medien für sich zu nutzen und mit Sprachwitz und bissiger Rhetorik die gerade erwartete Rolle zu spielen. Darüber hinaus wechselt er häufig Images und umgibt sich gerne mit der Aura des braungebrannten, smarten und agilen Yuppie, der gleichwohl immer für die kleinen Leute da ist. Haider sei mit der Zurschaustellung seines fitten Körpers, die der „alpinen Siegersymbolik“ entliehen sei, die perfekte Verkörperung eines „Feschisten“ &#8211; so der österreichische Essayist Armin Thunher in einem ziemlich eindeutigen Wortspiel. Tatsächlich haben Haiders Verwandlungskünste und Rollenspiele ganz wesentlich zu seiner Aura beigetragen und ihm, im Duktus des modernen Mediendiskurses, einen hohen Unterhaltungswert verliehen.</p>
<h3 class="">Der Populist und die schweigende Mehrheit</h3>
<p>Die FPÖ hat es bis zu ihrem Eintritt in die Bundesregierung verstanden, die sich an der Person Haiders festmachende öffentliche Polarisierung selber zu einem Vehikel der Wahlkampfkommunikation zu machen &#8211; so zum Beispiel 1995, als die Partei ein Plakat kleben ließ, auf dem zu lesen war: „Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist.“ An diesem Beispiel lässt sich die Funktionsweise einer von Haider und seiner FPÖ häufig benutzten populistischen Art der Konstruktion und binären Codierung von Freund/Feind-Markierungen demonstrieren. „Sie“ &#8211; das sind die Vertreter des herrschenden politischen Machtkartells und die Haider-feindlichen kulturellen und intellektuellen Eliten Österreichs. „Für Euch“ suggeriert, dass es eine untergründige Gemeinschaft von Haider und allen, die von „denen da oben“ ausgegrenzt werden, gibt. Nach dem gleichen Muster arbeiten ähnliche Gegensatzpaare, die von Haider in der ein oder anderen Variante regelmäßig eingesetzt werden, wie etwa: „Volk versus politische Klasse, Österreicher gegen Zuwanderer, Anständige versus Asoziale, Fleißige versus Sozialschmarotzer“ (vgl. San-der 2000: 8). In der politischen Kommunikation wirken solche Ein- und Ausschließungen identitätsstiftend, weil sie einerseits ein feindliches Gegenüber, ein „Anderes“ markieren und anderseits homogene Wir-Gemeinschaften konstruieren. „Der politische Modus des rechten Populismus“, so bemerkt Sebastian Reinfeldt zu Recht, „beruht auf der Aktivierung von Leidenschaften über krasse Entgegensetzungen. Als eine Variation von Politik bezieht er sich vordergründig erst in zweiter Linie auf akute Verwaltungsprobleme des Staatswesens, denn in erster Linie zielt er auf die Lebensweisen und alltäglichen Erfahrungen der Bürger in einem Staatswesen.“ (Reinfeldt 2000: 116)</p>
<p>Haider ist es in der öffentlichen politischen Auseinandersetzung immer wieder geglückt, die Rolle des Vertreters des kleines Mannes und der &#8222;schweigenden Mehrheit der hart arbeitenden und gesetzestreuen Bürger&#8220;, die durch andere um ihren gerechten Lohn gebracht werden, zu besetzen &#8211; eine Denkfigur, die bereits aus den Anfängen des Populismus stammt und immer wieder aktualisiert werden kann. In seinem Buch <em>Die Freiheit, die ich meine</em> schrieb Haider: „Ich habe den Fehdehandschuh aufgenommen und zeige auf die immer größer werdende Kluft zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung. Das Volk denkt anders. […] Darin liegt auch die Ursache für den politischen Erfolg unserer Bewegung, dass wir entgegen der veröffentlichten Meinung des medialen und politischen Establishments die öffentlicher Meinung breiter Bevölkerungsschichten artikulieren. Die schweigende Mehrheit, die die Last des Staates trägt, hat ein Recht, gehört zu werden.“ (Haider 1993: 53)</p>
<p>Der Anspruch auf die wahre Vertretung der Volksinteressen wird dabei häufig mit einem Authentizitätsversprechen verknüpft. So lautete das tragende Motto eines „Vertrags mit Österreich“, den Haider in Anlehnung an den US-republikanischen <em>Contract with America</em> von einer Gruppe parteinaher Intellektueller ausarbeiten ließ: „Er hat Euch nicht belogen. Einfach ehrlich, einfach Jörg.“ (zit. n. Reinfeldt 2000: 196) Tatsächlich ist Haider bemüht, dieses Image unter allen Umständen aufrecht zu erhalten. So scheute er sich nicht, in einer brachialen Säuberungsaktion ohne Rücksicht auf Verluste in der eigenen Partei aufzuräumen, als vor einigen Jahren in verschiedenen Landesverbänden der FPÖ Korruption und Vetternwirtschaft zu Tage traten &#8211; ein Vorgang, der sich natürlich mit dem Anspruch der Unbestechlichkeit der FPÖ nicht vereinbaren ließ.</p>
<h3 class="">Der Revolu&shy;ti&shy;on&auml;r als tragische Figur</h3>
<p>Tatsächlich hat die Angst vor Korrumption durch Macht, vor der Pragmatisierung der Politik der FPÖ und der Aufgabe ihres „revolutionären“ Impetus, Haiders politisches Handeln bis in die jüngste Gegenwart geprägt &#8211; offenbar war ihm bewusst, dass er durch eine Normalisierung der FPÖ als Partei auch seine Rolle als Rebell und Nonkonformist einbüßen würde. Immer wieder hat er die Partei vor den Versuchungen des reinen Machterwerbs und Machterhalts gewarnt. Noch vor einem Jahr schrieb er, beschwörend auch an die eigene Partei gerichtet: „Der Erfolg der Freiheitlichen wurde durch unbeugsame Linientreue und Geradlinigkeit erreicht. Er wird in der Regierungsverantwortung nicht der Wankelmütigkeit geopfert werden. Natürlich fehlt es nicht an Versuchen, aus den freiheitlichen Regierungsmitgliedern &#8217;stinknormale Allerweltspolitiker&#8216; zu machen, die mit gedrechselten Stehsätzen die eigenen Standpunkte bemänteln […]. Mit einer solchen Wende würden sie sofort die Gnade vor den Augen der politischen Klasse finden. […] Die freiheitliche Regierungsmannschaft hat diesen Verlockungen widerstanden. […] Dass diese öffentliche Abspaltung der FP-Regierungsmannschaft vom gemeinsamen Weg der Ausgegrenzten nicht gelingt, zeugt von der Qualität der Personen.“ (Haider 2001: 14)</p>
<p>Und er fügt, sich auf den Willen der FPÖ zur aktiven Gestaltung gesellschaftlicher Brüche beziehend, hinzu: „So lange unser Tun von dieser Überzeugung getragen ist, besteht auch keine Gefahr, dass wir uns an das von uns als reformbedürftig erkannte System anpassen. Doch diese Gefahr muss man hoch einschätzen. Am Beispiel der Grünen in Deutschland kann man sehen, was eine &#8218;angepasste&#8216; Regierungsbeteiligung aus einer Reformbewegung macht.“ (ebd.: 14)</p>
<p>Man erkennt an dieser Argumentation einen der Grundzüge Haiders Rhetorik und auch seines dahinter liegenden Denkens: Selbst nachdem die FPÖ mit dem Regierungseintritt endgültig Teil des politischen Institutionensystems und der politischen Klasse geworden ist (Haider selbst amtiert bekanntlich seit vielen Jahren als Landeshauptmann in Kärnten), versucht er den Mythos aufrecht zu erhalten, demzufolge die FPÖ eigentlich außerhalb der politischen Klasse steht. Er will die Partei nach wie vor als politische Kraft jenseits des &#8222;herrschenden Blocks&#8220; positionieren, und weil er um die Fallstricke der Regierungsbeteiligung weiß, die aus der FPÖ eine andere Partei machen könnte (und teilweise auch schon gemacht hat), beharrt er hier auf dem Sonderstatus der FPÖ als im Grunde revolutionäre und treibende Kraft der Umgestaltung Österreichs, die weiterhin an der Seite der „Ausgegrenzten“ steht und sich nicht einfach mit den gegebenen Verhältnissen abfindet. So heißt es in einem seiner Texte: „Die Freiheitlichen haben zum richtigen Zeitpunkt die Verantwortung in Staat und Regierung übernommen. Wir gehen vorurteilsfrei ans Werk und sind nicht vom alten System geprägt. Wir tragen aber eine vorwärtsgerichtete Unruhe in uns, weil wir überzeugt sind, dass unser Land eine tiefgreifende Modernisierung braucht. […] Radikales Denken ist dabei zulässig, denn das Unmögliche muss gedacht werden, um das Mögliche Wirklichkeit werden zu lassen.“ (ebd.: 5)</p>
<p>Erst vor dem Hintergrund der hier sichtbar werdenden Denkstrukturen erschließt sich der politische Amoklauf, mit dem Haider die FPÖ im Sommer dieses Jahres aus der Regierung katapultiert hat. Nicht nur die Emanzipation der führenden FPÖ-Regierungsmitglieder von ihrem Übervater, sondern auch die Befürchtung, dass die FPÖ innerhalb der Regierung immer gesichtsloser und angepasster werden würde, war für Haider unerträglich. Deshalb musste er einen Sprengsatz legen, der &#8211; koste es was es wolle &#8211; verhinderte, dass aus „seiner“ Partei eine stinknormale Regierungspartei wurde. Dieses destruktive und selbstzerstörerische Vorgehen offenbart zwei Momente, die den Charismatiker häufiger auf dem Zenit seiner Macht zur tragischen Figur werden lassen: Er stolpert über den ihm eigenen Narzissmus und seinen Hang zur Selbstüberschätzung. Der Charismatiker ist meistens auch ein Exzentriker &#8211; extrem kränkbar und unberechenbar. Exzentriker, so Robert Misik, „verfügen über einen Authentizitätsbonus, der durch ihren Narzissmus getragen wird. Ihre Macken, ihre Sucht nach Aufmerksamkeit, ihre Respektlosigkeit, ihr Vorwitz, ihre Ignoranz gegenüber Gepflogenheiten und Realitäten, mit einem Wort, all jene Charaktereigenschaften, in denen sich Exzentrik erweist, heben sie vom Typus des politischen Funktionärs ab, der im schlimmsten Fall nicht mehr ist als das Amt, das er bekleidet.“ (Misik 2002: 12) Dieser Authentizitätsbonus macht zweifellos einen Teil den Aura aus, die den Charismatiker umgibt. Gewinnt die narzisstische Persönlichkeitsstörung jedoch die Oberhand, kann ein hochexplosives Gemisch entstehen, welches ihn zu einer tickende Zeitbombe macht, die jederzeit hochgehen kann. Dann ist der Charismatiker nicht mehr zu bremsen und im Zweifelsfall sogar bereit, das eigene Aufbauwerk zu vernichten. Aber man soll sich nicht täuschen. Die schweren Verluste für die FPÖ bei den Nationalratswahlen in Österreich bedeuten noch lange nicht das Ende der FPÖ und ihrer Rolle als Sammelbecken heterogener Wählerschichten, die durch eine populistische Form der politischen Mobilisierung angesprochen werden. Erst recht müssen sie nicht das Ende der Karriere von Jörg Haider und seiner Rolle als Unruheherd der österreichischen Politik bedeuten. Erprobt im innerparteilichen Machtkampf und im Aufmischen der politischen Landschaft in Österreich, verfügt er immer noch über einen nicht zu unterschätzenden politischen Instinkt, der ihm sagt, wie er aus Niederlagen neue Siege machen kann.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Haider, Jörg</em> 1993: Die Freiheit, die ich meine. Plädoyer für eine Dritte Republik, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Haider, Jörg</em> 2001: Befreite Zukunft jenseits von links und rechts, Wien (2. Aufl.)</p>
<p><em>Holtz-Bacha, Christina/Lessinger, Eva-Maria/Hettesheimer, Merle</em> 1998: Personalisierung als Strategie der Wahlwerbung; in: <em>Imhof, Kurt/Schulz, Peter</em> (Hgg.): Die Veröffentlichung des Privaten &#8211; Die Privatisierung des Öffentlichen, Opladen/Wiesbaden, S. 240-250</p>
<p><em>Misik, Robert</em> 2002: Europas Rechtspopulisten sind auch nur Exzentriker; in: <em>Frankfurter Rundschau</em><br />
(Nr. 73) v. 27. März</p>
<p><em>Pelinka, Anton/Rosenberger, Sieglinde</em> 2000: Österreichische Politik, Wien</p>
<p><em>Reinfeldt, Sebastian</em> 2000: Nicht-wir und Die-da. Studien zum rechten Populismus, Wien</p>
<p><em>Sander, Günther</em> 2000: Die Hegemonie des Ressentiments; in: <em>Pöllinger Briefe</em>, Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für regionale Kulturarbeit und Bildung, Nr. 61</p>
<p><em>Zöchling, Christa</em> 1999: Haider. Eine Karriere, Wien</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/die-erzeugung-vorwaertsgerichteter-unruhe-ueberlegungen-zum-charisma-von-joerg-haider/">Die Erzeugung „vorwärtsgerichteter Unruhe“: Überlegungen zum Charisma von Jörg Haider</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Krise, Charisma und Führungskraft: Zum Verhältnis von Persönlichkeit, Regierungssystem und politischem Wandel am Beispiel Margaret Thatchers</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Sep 2024 09:52:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Charisma]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Times hatte es schon drei Tage vor der Wahl gewusst: „Charismatic Schröder turns tide in his favour“, überschrieb sie am 19. September 2002 ihre Analyse des deutschen Bundestagswahlkampfes. Diesem Diktum schlossen sich nach der Wahl unzählige Kommentatoren an. Der überraschende Endspurt der deutschen Sozialdemokraten wurde vom publizistischen Mainstream nicht nur mit der ostdeutschen Flutwelle [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/krise-charisma-und-fuehrungskraft-zum-verhaeltnis-von-persoenlichkeit-regierungssystem-und-politischem-wandel-am-beispiel-margaret-thatchers/">Krise, Charisma und Führungskraft: Zum Verhältnis von Persönlichkeit, Regierungssystem und politischem Wandel am Beispiel Margaret Thatchers</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die <em>Times</em> hatte es schon drei Tage vor der Wahl gewusst: „Charismatic Schröder turns tide in his favour“, überschrieb sie am 19. September 2002 ihre Analyse des deutschen Bundestagswahlkampfes. Diesem Diktum schlossen sich nach der Wahl unzählige Kommentatoren an. Der überraschende Endspurt der deutschen Sozialdemokraten wurde vom publizistischen Mainstream nicht nur mit der ostdeutschen Flutwelle und dem Appell an pazifistische Emotionen erklärt, sondern auch auf den Gegensatz zwischen dem ausstrahlungsstarken Amtsinhaber und seinem überraschend blassen Herausforderer zurückgeführt. Die Umfragen, die meist die Union weit vor den Sozialdemokraten, stets aber den SPD-Kanzler vor dem CSU-Kandidaten gesehen hatten, scheinen diese Lesart zu belegen.</p>
<p>Keine Frage: Der Kanzler war in diesem Wahlkampf präsenter, agiler und vielfach auch schlagfertiger als sein Herausforderer. Aber Charisma? Ergeben Schröders unbestreitbare Qualitäten &#8211; persönlicher Charme, telegenes Auftreten und ein sicherer machtpolitischer Instinkt &#8211; in ihrer Addition tatsächlich so etwas wie Charisma? Dies führt zu einer grundsätzlichen Frage: Was kann der klassische Begriff Max Webers unter den Bedingungen einer modernen Demokratie überhaupt noch bedeuten?</p>
<p>Vielleicht hilft es, zur Beantwortung dieser Fragen einmal nicht beim Übervater Weber nachzuschlagen, sondern über den Ärmelkanal auf das Mutterland des Parlamentarismus zu blicken. Eine solche Exkursion in Sachen Charisma soll hier im Folgenden unternommen werden.</p>
<h3 class="">Konsensuale und konfron&shy;ta&shy;tive F&uuml;hrungs&shy;stile</h3>
<p>Im Jahre 1974 veröffentlichte der britische Politikwissenschaftler Dennis Kavanagh eine Studie mit dem Titel <em>Crisis, Charisma and British Political Leadership</em>. Kavanaghs These: Großbritannien sei ein Land, das nur in Krisensituationen starke politische Führer akzeptiere, sich in normalen Zeiten aber durch eine herzliche Abneigung gegen dynamische Führungsfiguren auszeichne. Kavanagh führte dies auf vier Gründe zurück: Erstens fehlten dem britischen Premierminister jene Insignien der Macht, die etwa die Aura des amerikanischen Präsidenten konstituieren und die in Großbritannien dem Monarchen vorbehalten blieben. Zweitens komme der Premier aus den Reihen der Unterhausabgeordneten, habe sein politisches Geschick daher stets auf dem parlamentarischen Parkett und nirgendwo sonst unter Beweis gestellt. Wer außerhalb des Parlaments politisches Talent entfalte, sei im britischen System chancenlos. Drittens gebe es auf den britischen Inseln keine Tradition heroischer, charismatischer oder schlicht populistischer Führergestalten wie etwa in Frankreich oder den Vereinigten Staaten. Das schwach entwickelte Staatsbewusstsein und die emanzipierte Bürgergesellschaft Großbritanniens gäben einen denkbar schlechten Nährboden für „große Männer“ ab. Viertens schließlich sorge die relative Abgeschlossenheit der politischen Klasse und ein gut entwickeltes Patronagesystem dafür, dass nur Politiker an die Spitze gelangen könnten, die sich vollkommen den Spielregeln des Establishments angepasst hätten. Vertrauenswürdigkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit und Selbstbeherrschung seien die Tugenden, über die verfügen müsse, wer in diesem System aufsteigen wolle. Außenseiter und Quereinsteiger hätten kaum eine Chance.</p>
<p>Folgt man Kavanaghs Einschätzung, hätte Margaret Thatcher eigentlich keine Chance gehabt, in Friedenszeiten an die Spitze der britischen Regierung vorzurücken. Sie wurde im Februar 1975 an die Spitze der Tory-Partei gewählt &#8211; ein Jahr, nach dem Erscheinen von Kavanaghs Thesen. Und sie tat alles, um sich als Ausnahme-Politikerin, als Star unter Durchschnittstalenten zu profilieren, als „Tigerin umgeben von Hamstern“, wie einer ihrer Minister einmal selbstironisch bemerkte (vgl. Hennessy 2000: 403). Schon in ihrer ersten Ansprache als Parteiführerin erklärte sie, die vielen Tory-Anhänger, die ihr in den vergangenen Tagen geschrieben hätten, wären immer wieder auf zwei zentrale Anforderungen an die Parteiführung zurückgekommen: einen entschiedeneren Führungsstil und eine stärkere Betonung konservativer Prinzipien. Die neue Tory-Chefin war entschlossen, diesem Bedürfnis zu entsprechen. Einer ihrer Berater bezeichnete die Kombination von Führungsbereitschaft, Willenskraft und Überzeugungsstärke im Rückblick als das Geheimnis ihres Erfolges. „Sie stand für Energie, Mut und Willenskraft. Sie war eine Naturgewalt. In einer Welt, die vielen allzu kompliziert geworden war, wurde sie oft für ihre schiere Überzeugungsstärke bewundert &#8211; ganz egal, wovon sie im Einzelnen überzeugt war. Sie befriedigte ein weit verbreitetes Bedürfnis nach Führung, dessen Wurzel wohl eine Sehnsucht nach vergangenen Eindeutigkeiten und britischer Größe war.“(Craddock 1997: 20).</p>
<p>Thatcher entwickelte schon kurz nach ihrer Wahl sehr konkrete Vorstellungen davon, wie das Land zu führen sei. Bereits bei ihrem ersten Nordamerika-Besuch im September 1975 beschrieb sie, was sie unter politischer Führung verstand: Politik sei nicht nur die Kunst des Möglichen. Wer dies sage, laufe Gefahr, für unmöglich zu halten, was möglich, ja erstrebenswert sei, wenn man nur über mehr Mut oder tiefere Einsicht verfüge. Es sei vielmehr Aufgabe der Politiker, der öffentlichen Meinung um zwei oder drei Jahre voraus zu sein, Gefahren vorauszusehen, vor ihnen zu warnen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Sie war überzeugt, dass Willensstärke alles entscheide und Geschichte letztendlich von großen historischen Persönlichkeiten gemacht werde. In einer Rede in Zürich erklärte Thatcher, sie glaube nicht, dass der Lauf der Welt vorgeschrieben und unveränderlich sei: „Geschichte wird von Menschen gemacht.“ [1] Die Aufgabe eines politischen Führers bestehe darin, die großen Strömungen der Zeit zu erkennen und sie für die eigenen Ziele zu nutzen. Zu politischer Führung gehöre die Bereitschaft anzuecken, den Streit zu suchen und für seine Überzeugungen zu kämpfen. „Ich wäre mein Geld nicht wert“, behauptete Thatcher, „wenn ich nicht Widerspruch und Kritik auslöste. Jeder, der im Leben etwas erreicht, zieht Kritik auf sich. Wenn das Ziel nur lautet &#8218;Bitte liebt mich und kritisiert mich nicht!&#8216;, wird man überhaupt nichts erreichen.“</p>
<p>Die Aufgabe von Politikern sei nicht, es jedem recht zu machen, sondern allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Unterschied ist klein, aber fein: Wer es anderen recht machen will, benötigt keinen eigenen Standpunkt. Wer dagegen anderen Gerechtigkeit widerfahren lassen will, muss genau wissen, was er selbst unter Gerechtigkeit, unter Gut und Böse versteht. Thatcher war nicht grüblerisch veranlagt. Ihre Überzeugungen bildeten den sicheren, unverrückbaren Boden, auf dem sie sich bewegte. Tiefschürfende Selbstprüfungen waren ihr fremd. Ein langjähriger Mitarbeiter berichtete, sie sei der einzige Mensch, den er niemals sagen gehört habe „Ich frage mich, ob …“. Sie kenne keinen Zweifel, habe auf alles eine Antwort parat.</p>
<p>Thatcher war bereit, ihre moralischen Grundsätze nicht nur darzulegen, sondern auch für sie zu kämpfen. Einer ihrer Vorgänger, Harold Macmillan, hatte einmal gesagt, die Leute sollten sich an Bischöfe halten, wenn sie moralische Führung suchten. Thatcher war vom Gegenteil überzeugt: Die Führung in der geistigen und moralischen Auseinandersetzung gehörte für sie zu den wichtigsten Aufgaben eines Politikers. Seine Funktion bestehe darin, die Bürger davon zu überzeugen, dass eine Handlungsweise klüger sei als eine andere: „Man kann Leute nur überzeugen, wenn man ein bisschen missionarisch veranlagt ist.“</p>
<h3 class="">Thatcher und Churchill</h3>
<p>Mit diesem Verständnis von den Führungsaufgaben eines Politikers unterschied Thatcher sich grundlegend vom Normaltypus des britischen Politikers, wie ihn Kavanagh in seiner Studie beschrieben hatte. Es ist bezeichnend, dass sie sich unter ihren Vorgängern keinen geringeren als Winston Churchill zur Leitfigur erkor &#8211; den großen Außenseiter unter den konservativen Parteiführern des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war nicht nur der mythenumrankte Führer im Krieg, der Großbritannien zur <em>finest hour</em>, dem Sieg über Hitler, geführt hatte. Sie sah in ihm auch &#8211; zu Unrecht, wie man inzwischen weiß &#8211; den entschlossenen Kämpfer für marktwirtschaftliche Reformen. Ganz bewusst stilisierte sich Thatcher als Nachfolgerin des 1965 verstorbenen Premiers, den sie vertraulich „Winston“ zu nennen pflegte. An der Wand ihres Büros im Unterhaus hing sein Porträt, das später gemeinsam mit ihr nach 10 Downing Street umzog. Einmal bezeichnete sie ihn öffentlich als „meinen Helden“, wenn sie auch im gleichen Atemzug kritisierte, Churchill sei gegen das Frauenwahlrecht gewesen. Immer wieder ließ sie in ihre Ansprachen Churchill-Zitate oder Anspielungen auf seine berühmten Reden einfließen. So spielte sie gern auf Churchills berühmte Durchhalte-Parole aus dem Jahr 1940 an, in der dieser verkündet hatte, Großbritannien werde niemals kapitulieren. Man werde in Frankreich kämpfen, auf den Meeren, auf den Stränden und Landungsbrücken, auf den Feldern und Straßen und auf den Hügeln. „We shall never surrender.“ In Thatchers leicht abgewandelter Fassung lautete die Losung: „Wir werden den Sozialismus bekämpfen, wo immer wir ihn finden &#8211; in der Hauptstadt und in den Grafschaften, auf Orts- und auf Kreisebene.“</p>
<p>Es erscheint viel versprechend, vor dem Hintergrund von Thatchers bewusster Identifizierung mit Churchill noch einmal auf Kavanaghs Studie zurückzukommen: Der Politologe sah in Churchill das typische Beispiel des charismatischen Führers, der sich von anderen Politikern vor allem in vier Punkten unterscheide: Erstens könne er in Großbritannien nur in einer Krisensituation an die Spitze gelangen. Zweitens gelinge es ihm, direkt an das Volk zu appellieren, eine besondere Beziehung zwischen Führer und Gefolgschaft herzustellen. Drittens zeichne er sich durch ungewöhnliche persönliche Eigenschaften aus: etwa durch das Bewusstsein seiner Einzigartigkeit, seiner besonderen Mission und seiner Überzeugung, das Schicksal der Nation zu verkörpern. Viertens schließlich pflege er einen revolutionären Führungsstil, der sich zum Beispiel in der Verachtung bürokratischer Regierungsmethoden, einem besonderen Aktionismus oder ausgefallenen Arbeitsgewohnheiten ausdrücken könne (Kavanagh 1974: 11-22). Alle vier Punkte aus Kavanaghs Schema treffen auch auf Thatchers politischen Stil zu.</p>
<p>Sie wurde zwar nicht wie Churchill im Krieg an die Spitze eines bedrohten Landes gerufen, sondern in Friedenszeiten an die Spitze einer demoralisierten Partei. Dennoch verdankte sie, wie er, ihren unerwarteten Aufstieg einer Situation, die von immer mehr Menschen als zunehmend krisenhaft wahrgenommen wurde. Beide Politiker hatte das weit verbreitete Bewusstsein, dass es so wie bisher nicht weitergehen könne, dass ein radikaler Wechsel nötig sei, an die Spitze der Tory-Partei getragen. Wie Churchill stammte Thatcher zwar aus den Reihen der konservativen Unterhausabgeordneten, war aber nicht mit Hilfe des Partei-Establishments, sondern gegen dessen Willen zum höchsten Amt aufgestiegen. (Darin und in der Entschlossenheit, ja Skrupellosigkeit, mit der sie ihre Chance nutzte, ähnelte Thatchers Aufstieg übrigens Angela Merkels Sturmlauf an die CDU-Parteispitze.)</p>
<p>Thatcher liebte wie Churchill den direkten Appell an ihre Mitbürger. Ihre Reden waren voll von Aufforderungen zum Handeln, deren Sprache bewusst Churchills Rhetorik nachempfunden war. Sie pflegte den Mythos der großen Staatsfrau &#8211; darin Jeanne d&#8217;Arc nicht unähnlich -, die vom Schicksal dazu auserwählt worden sei, das Land und die Welt in größter Bedrängnis zu retten. Thatcher war dabei beileibe nicht die einzige, die dem Churchill-Kult huldigte. Mit ihrer Begeisterung für den Regierungschef der Kriegszeit hatte es jedoch eine besondere Bewandtnis. Sie glaubte wie er an eine besondere, historische Berufung des britischen Volkes zur Freiheit und sah sich selbst in einer vergleichbaren Rolle wie ihr Held im Jahr 1940: das Land wachzurütteln, an seine historische Mission zu erinnern und in den Kampf zu führen. Thatcher war überzeugt, zu einer schicksalhaften Aufgabe bestimmt zu sein. In ihren Erinnerungen zitierte sie den britischen Staatsmann Chatham, Premierminister von 1766 bis 1768, mit den Worten: „Ich weiß, daß ich dieses Land retten kann, und dass nur ich dazu in der Lage bin.“ (Thatcher 1993, 22).</p>
<p>Was Kavanagh „revolutionären Führungsstil“ nennt, unterschied sich im Falle Thatchers wesentlich von demjenigen Churchills. Das beginnt bei der durch enorme Disziplin geprägten Arbeitsweise der Tochter eines methodistischen Kleinbürgers, die im krassen Gegensatz zu den eher künstlerisch-exzentrischen Gewohnheiten des Aristokraten Churchill stand, und endet mit den Aufgaben einer Parteichefin und Premierministerin in den siebziger und achtziger Jahren, die nur schwerlich mit der Arbeit eines parteiübergreifenden Kriegskabinetts des Zweiten Weltkrieges zu vergleichen sind. Dennoch gibt es auch hier eine Anzahl von Parallelen. Thatcher wie Churchill misstrauten der Ministerialbürokratie, auch wenn beide gezwungen waren, mit ihr zu kooperieren. Das Misstrauen beruhte übrigens durchaus auf Gegenseitigkeit. Thatchers Reformdrang stieß in Whitehall auf wenig Gegenliebe, bestand doch eine der wichtigsten Aufgaben der Bürokratie darin, für Kontinuität zu sorgen und drastische Veränderungen möglichst abzufedern. Anhänger des Status quo horchten skeptisch auf, wenn Thatcher verkündete, es gebe Augenblicke, in denen die Notwendigkeit zu handeln wichtiger sei als alles andere. Doch gerade diesen Drang zur Tat bewunderten die Anhänger der Politikerin. Was ihn dazu bewogen habe, für sie zu arbeiten, bekannte einer ihrer engen Mitarbeiter, „war ihr absolutes Engagement, ihr Drang wirklich etwas zu verändern, selbst wenn das für sie als Politikerin große Risiken mit sich brachte“.</p>
<h3 class="">Die Eiserne Lady und der Brioni-&shy;Kanzler</h3>
<p>Kehren wir zurück zur eingangs gestellten Fragen nach Schröder (Amts-)Charisma. Auf den ersten Blick scheint die britische Ex-Premierministerin einiges mit dem amtierenden deutschen Regierungschef gemeinsam zu haben. Schröder hat bewiesen, dass er wie Thatcher willens ist, die populistische Karte zu spielen. Kein Bundeskanzler vor ihm hat dies ähnlich skrupellos getan. Weder Thatcher noch Schröder hat auch die Außenseiterrollen, die sie beide in ihren Parteien ursprünglich einnahmen, beim Aufstieg an die Regierungsspitze geschadet. Im Gegenteil: Beide haben bewusst Tabus gebrochen, gegen den Verhaltenskodex ihrer Partei verstoßen und mit der Frontstellung gegen das Partei-Establishment geschickt vom verbreiteten Unmut der Bürger über die Parteien profitiert.</p>
<p>Vergleichbar ist auch die wirtschaftliche Krisensituation, die beide Politiker miteinander verbindet. Gern verweisen britische Zeitungen darauf, dass nicht mehr &#8211; wie in den siebziger Jahren &#8211; Großbritannien der „kranke Mann Europas“ sei, sondern Deutschland. Die Krisensymptome, so kann man allenthalben hören und lesen, seien in beiden Fällen die gleichen: niedriges Wachstum, Streiks und ein inflexibler Arbeitsmarkt. Vor dreißig Jahren stapelten sich in britischen Buchläden Publikationen mit apokalyptischen Titeln wie „The Death of British Democracy“, „The Future That Doesn&#8217;t Work“, „What&#8217;s Wrong With Britain?“ oder „Is Britain Dying?“. Heute haben in Deutschland Bücher und Aufsätze mit ähnlichen Überschriften Konjunktur: „Die deformierte Gesellschaft“, „Sind die Deutschen noch zu retten?“, „Scheitert Deutschland?“, „Der deutsche Niedergang“.</p>
<p>Es erscheint möglich, dass die Bundesrepublik gegenwärtig jene Erosion der Nachkriegsordnung durchläuft, die Großbritannien bereits in den siebziger Jahren durchmachte. Schon 1996 hat der Göttinger Politikwissenschaftler Peter Lösche beschrieben, wie das gesellschaftliche Organisations- und Regulationsmodell der sechziger und siebziger Jahre, das noch bis in die achtziger Jahre hinein seine Schuldigkeit getan habe, zum Auslaufmodell geraten sei: „Seine wesentlichen Elemente waren der entwickelte Sozialstaat, Stärkung der Massenkaufkraft, öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, starke Massengewerkschaften und ausgebaute Mitbestimmung. Das war das sozialdemokratische, keynesianische Politikmodell in der Bundesrepublik. Dies ist heute außer Betrieb, ohne dass klar wäre, wie ein modifiziertes oder neues Modell aussehen könnte, ob es ein solches überhaupt geben kann.“ (Lösche 1996: 25)</p>
<p>Hier enden allerdings die Parallelen, die sich zwischen Thatcher und Schröder ziehen lassen. Großbritannien erlebte zum Jahreswechsel 1978/79 den „Winter des Missvergnügens“, der Thatchers Tories an die Macht brachte und ihrer marktradikalen Reformpolitik zum Durchbruch verhalf. In Deutschland hingegen hat die rot-grüne Regierung in den zurückliegenden vier Jahren zwar auf gesellschaftspolitischem Gebiet wichtige Veränderungen eingeleitet. Entscheidende Strukturreformen stehen jedoch noch aus. Die Reform der Sozialversicherungssysteme oder die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes etwa werden weiterhin schmerzlich vermisst.</p>
<p>Wie auch immer man sich zu den politischen Zielen Thatchers stellt: Unverkennbar ist, dass ihre Regierungszeit zu einer gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Mobilisierung Großbritanniens beigetragen hat (und sei es durch den Widerstand gegen einzelne Regierungsprojekte). Einen vergleichbaren „Ruck“, der durchs Land geht, konnte Schröder nicht evozieren. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Der Brioni-Kanzler ist keine Eiserne Lady, und die Bundesrepublik ist keine Westminsterdemokratie.</p>
<p>Thatcher gelang es, den Überdruß an der alten Ordnung zu bündeln und für ihre Ziele zu nutzen. Ihr Image in der Öffentlichkeit richtete sie ganz auf den von ihr verfochtenen Spar- und Umstrukturierungsprozess aus. Vor ihrem Aufstieg an die Parteispitze war sie eine aus einfachen Verhältnissen stammende Tory-Dame mit Hut, Handtasche und Ehrgeiz gewesen, die einen reichen Ehemann geheiratet hatte und in der Politik Karriere machen wollte. Danach entwarf sie sich eine neue Identität. Jetzt präsentierte sie sich als „Eiserne Lady“, die im Kramladen ihres Vaters die Gesetze des Marktes verinnerlicht hatte und mithilfe der dort erlernten Tugenden den Niedergang ihres Landes umzukehren gedachte. Doch wäre es falsch zu glauben, Thatcher habe als Parteiführerin nur ein Image zur Schau getragen. Tatsächlich glaubte sie an die Eigenschaften, die zu verkörpern sie sich vorgenommen hatte: Individualismus, harte Arbeit, Leistungswille, Wettbewerb, Eigenverantwortung, Patriotismus und Familiensinn &#8211; in ihren Augen waren das Tugenden, ohne die sich ihre Nation nie aus der Krise befreien würde.</p>
<p>Erst Thatchers unverrückbare, oft engstirnige Überzeugung gab diesen disparaten Elementen Zusammenhalt. Ihr Führungswille, ihr aggressiver Populismus, ihr missionarischer Eifer &#8211; das waren die Element, die dem Thatcherismus seine Durchschlagskraft verliehen. Die Politikerin inszenierte ihre politischen Projekte als Kreuzzüge, bei denen sie an der Spitze der Kräfte des Lichts gegen die Mächte der Finsternis zu Felde zog. So präsentierte sie sich nacheinander als Jeanne d&#8217;Arc des Falklandkrieges, als Drachentöterin der Gewerkschaften, als Nemesis des Weltkommunismus, vor allem aber als streitbare Marktmissionarin, die für den Abbau staatlicher Interventionen und Subventionen focht, sei es in Großbritannien oder in der Europäischen Gemeinschaft.</p>
<p>In Schröders Fall liegen die Dinge anders. Der Kanzler hat zwar durch den zweiten Wahlsieg an Statur gewonnen. Er hat, wie der Parteienforscher Franz Walter kürzlich feststellte, „mit seiner instinktsicheren Härte, seiner skrupellosen Wendigkeit und machiavellistischen Verwegenheit […] die SPD an die Macht getrimmt und dort gehalten wie einst nur Herbert Wehner“ (Walter 2002: 6). Doch wozu Schröder die Macht nutzen will, bleibt verschwommen. Anders als Thatcher im Jahr 1979 ist er nicht unter dem Banner „It is Time for a Change“ in den Wahlkampf gezogen. Schon das 1998er-Motto, nicht alles anders, aber vieles besser machen zu wollen als der Vorgänger, signalisierte den Deutschen ein beruhigendes „Weiter so“. Vier Jahre später hat sich daran nichts wesentliches geändert.</p>
<p>Hinzu kommt, dass Schröder sorgfältig darauf bedacht bleibt, alle möglicherweise unpopulären Aspekte der Regierungspolitik gerade nicht mit seiner Person zu verbinden. Für den Kurs der Haushaltskonsolidierung war Sparkommissar Hans Eichel zuständig. Bei der Reform des Arbeitsmarktes wurde zunächst Peter Hartz vorgeschickt, jetzt fällt sie in die Kompetenz Wolfgang Clements. Dem Kanzler bleiben die staatsmännische Miene, der Brioni-Anzug und kubanische Zigarren sowie dann und wann eine populistische Hauruck-Aktion wie die „GreenCard“ oder die (gescheiterte) Rettung des Holzmann-Konzerns. Das hat taktische Vorteile: Der Kanzler kann Kurskorrekturen vornehmen, ohne selbst in die Schusslinie zu geraten. Bei Fehlschlägen sind andere schuld, der Erfolg hat viele Väter. Eine derartige Aufgabenteilung hat jedoch einen entscheidenden strategischen Nachteil. Das Verständnis für größere Zusammenhänge, für langfristig notwendige Richtungsentscheidungen ist den Bürgern auf diese Weise kaum zu vermitteln. Der Kanzler sei „ein begnadeter Situationist“, hat Walter bemerkt, „einen Begründungsbogen über seine pointilistische Politik spannen oder Sinnperspektiven darüber wölben kann er hingegen nicht“ (Walter 2002: 11).</p>
<h3 class="">Die Bundes&shy;re&shy;pu&shy;blik und die Westmins&shy;ter&shy;de&shy;mo&shy;kratie</h3>
<p>Dieses Manko an politisch einsetzbarem Charisma allein den persönlichen Vorlieben und Schwächen des Kanzlers anzukreiden, wäre allerdings unfair. In vieler Hinsicht ist die Malaise im politischen System der Bundesrepublik angelegt, das sich in zentralen Punkten von jenem des Vereinigten Königreichs unterscheidet. Sicherlich hat Kavanagh recht, wenn er feststellt, Großbritannien verfüge über keine Tradition heroischer Führungsgestalten. Charismatische Herrschaft ist nicht der Regelfall in der Westminsterdemokratie. Dennoch ermöglicht das politische System des Landes, das ohne geschriebene Verfassung auskommt, in Krisensituationen den Aufstieg charismatischer Außenseiter an die Regierungsspitze. Und was mindestens ebenso wichtig ist: Es verfügt über genug Beharrungskraft, um nach überstandener Krise die Ausnahmeerscheinungen wieder los zu werden.</p>
<p>Im Rückblick weisen der Abgang Churchills und Thatchers erstaunliche Parallelen auf. Beide wurden auf dem Höhepunkt ihres internationalen Erfolges abrupt von der großen Bühne abberufen. Churchill verlor die Unterhauswahlen vom Sommer 1945 und musste noch während der Potsdamer Konferenz seinem Nachfolger Platz machen. So wie er seinen Sieg über NS-Deutschland nicht auskosten konnte, war es Thatcher nicht vergönnt, ihren Triumph am Ende des Kalten Krieges zu genießen. Eine Revolte innerhalb der Unterhausfraktion sorgte dafür, dass sie im November 1990 jene KSZE-Konferenz in Paris vorzeitig verlassen musste, auf der der westliche Sieg im Ost-West-Konflikt besiegelt werden sollte. Sowohl Churchill als auch Thatcher wurden von Politikern abgelöst, die alles andere als charismatisch waren. Von Churchills Nachfolger, dem Labour-Politiker Clement Attlee, hieß es, er habe das politische Charisma einer Wüstenspringmaus (Hennessy 2000: 148). Und John Major galt als derart farblos, dass er in britischen Medien bald nur noch als „Mann in grau“ tituliert wurde.</p>
<p>Das politische System der Bundesrepublik funktioniert anders. Es wurde als Reaktion auf die katastrophalen Folgen der Diktatur Adolf Hitlers konzipiert. Sein oberstes Konstruktionsprinzip ist die Verhinderung charismatischer Herrschaft. Die schwache Stellung des Bundespräsidenten, die starke Position der Länder, der Bundesrat als Gegengewicht zum Bundestag, das Verhältniswahlrecht, in dem die Zweitstimme für die Partei wichtiger ist als die Erststimme für den Direktkandidaten &#8211; all das ist nicht zuletzt auf den Wunsch der Verfassungsväter und -mütter zurückzuführen, eine Wiederholung des Führerstaates zu verhindern.</p>
<p>Das Ziel wurde erreicht. Was noch aussteht, ist der Beweis, dass das Modell Deutschland in Krisensituationen aus sich selbst heraus zu tief greifenden Reformen fähig ist. Derartige Veränderungen können nicht wie in Großbritannien auf dem Wege von Parteienstreit und Konflikt durchgefochten, sie müssen vom Konsens aller, zumindest der großen Parteien getragen werden. Jenseits des Kanals reichen in der Regel deutlich weniger als fünfzig Prozent der Wählerstimmen aus, um einem Premierminister das Instrumentarium zu weit reichendem Wandel in die Hand zu geben. In der Bundesrepublik bedarf es aufgrund der Blockademöglichkeiten des Bundesrates dagegen der Übereinstimmung, des Ausgleichs und des Konsenses.</p>
<p>Wohin es führt, wenn diese Grundkonstellation außer acht gelassen wird, zeigt das Beispiel desjenigen deutschen Politikers, der Thatcher am nächsten kam: Franz Josef Strauss. Viele Briten hielten ihn für die bayrische Ausgabe der Eisernen Lady. Und in der Tat wirkt Strauss&#8216; berühmt-berüchtigte Sonthofener Rede vom November 1974 im Rückblick wie eine Vorwegnahme des Thatcher-Kurses. Als Spitzenkandidat der Union führte Strauss 1980 einen ähnlich polarisierenden Wahlkampf wie Thatcher ein Jahr zuvor. Sein Wahlergebnis war mit 44,5 Prozent sogar um 0,6 Prozent besser als das von Thatcher. Doch aufgrund des britischen Mehrheitswahlrechts hatte diese eine klare Regierungsmehrheit errungen, während Strauss dem deutschen Verhältniswahlrecht gemäß eine absolute Mehrheit deutlich verfehlte. Weil die FDP mit ihm nicht koalieren wollte, war Strauß gescheitert.</p>
<p>Helmut Kohl zog die Lehre aus dem Misserfolg des Rivalen. Er akzeptierte das Verhältniswahlrecht und bezog die Eigenarten des deutschen Föderalismus in seine politische Strategie ein. Jene Kompromiss- und Konsenssuche, die Thatcher und Strauss ablehnten, war für ihn die Grundbedingung des Erfolges. Dass auf diese Weise keine radikalen Reformen durchzusetzen waren, hielt er für einen Vorteil, nicht für einen Mangel. Aus Gerhard Schröders Perspektive dürfte das heute ein wenig anders aussehen. Es wird zu den großen Herausforderungen seiner zweiten Amtszeit gehören, nicht nur die Macht zu sichern, sondern wirklichen Wandel einzuleiten und den Bürgern die Notwendigkeit tief greifender Veränderungen verständlich zu machen. Das britische Beispiel lehrt, dass dabei eine gehörige Portion Charisma vonnöten ist.</p>
<h3 class="">Anmerkungen</h3>
<p>1 Alle Zitate stammen, soweit nicht anders ausgewiesen, aus Geppert 2002.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Percy Cradock</em> 1997: In Pursuit of British Interest. Reflections an Foreign Policy under Margaret Thatcher and John Major, London</p>
<p><em>Dominik Geppert</em> 2002: Thatchers konservative Revolution. Der Richtungswandel der britischen Tories 1975-1979, München</p>
<p><em>Peter Hennessy</em> 2000: The Prime Minister. The Office and its Holders since 1945, London Dennis Kavanagh 1974: Crisis, Charisma and British Political Leadership, London, Beverly Hills</p>
<p><em>Peter Lösche</em> 1996: Die SPD nach Mannheim. Strukturprobleme und aktuelle Entwicklungen; in: <em>Aus Politik und Zeitgeschichte</em> 6/1996, S. 20-28</p>
<p><em>Margaret Thatcher</em> 1993: Downing Street No. 10, Düsseldorf u. a.</p>
<p><em>Franz Walter</em> 2002: Mut, Verwegenheit und kühner Reformismus, in: <em>Berliner Republik</em> 5/2002, S. 6-12</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/krise-charisma-und-fuehrungskraft-zum-verhaeltnis-von-persoenlichkeit-regierungssystem-und-politischem-wandel-am-beispiel-margaret-thatchers/">Krise, Charisma und Führungskraft: Zum Verhältnis von Persönlichkeit, Regierungssystem und politischem Wandel am Beispiel Margaret Thatchers</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>„Alle unsere Hoffnungen erfüllt”: Die Sehnsucht nach Charisma: Willy Brandt und die Deutschen</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/alle-unsere-hoffnungen-erfuellt-die-sehnsucht-nach-charisma-willy-brandt-und-die-deutschen/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 11 Sep 2024 08:53:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Charisma]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
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		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Allerorten &#8211; ob in medialen Talkrunden, in der intellektuellen Öffentlichkeit oder im Privaten &#8211; ist derzeit eine Klage zu vernehmen: Mit Blick auf unsere politische Klasse wird einhellig über das mangelnde Charisma des Personals gejammert. Den Ansprüchen und Wünschen, die da an die politische Führung herangetragen werden, ist eines gemeinsam: Sie stellen der ruhmlosen Gegenwart [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Allerorten &#8211; ob in medialen Talkrunden, in der intellektuellen Öffentlichkeit oder im Privaten &#8211; ist derzeit eine Klage zu vernehmen: Mit Blick auf unsere politische Klasse wird einhellig über das mangelnde Charisma des Personals gejammert. Den Ansprüchen und Wünschen, die da an die politische Führung herangetragen werden, ist eines gemeinsam: Sie stellen der ruhmlosen Gegenwart die Epoche der Altvorderen, der kantigen, selbstbewussten, schwierigen, aber eben charismatischen Männer entgegen (Frauen haben in diesem Erinnerungskartell noch keinen rechten Platz). Der heutige Mangel erprobter Lebensbiographien &#8211; welche Initiationserfahrungen auch immer da erträumt werden &#8211; lässt viele zweifeln, wie das Land schwerwiegende Krisen künftig überstehen werde. Umgekehrt müsste man daraus schliessen, die Therapie vieler Krankheiten der Gegenwart liege in einer neuen charismatischen Begründung der Politik.</p>
<p>Der verbreitete Topos mangelnder charismatischer Qualität heutiger Politiker findet seinen Vergleichsmaßstab in zwei Phasen der westdeutschen Republik: in Konrad Adenauers Kanzlerschaft, einer &#8222;Kanzlerdemokratie&#8220; von &#8211; bei aller Modernität &#8211; eher autoritärem Zuschnitt, sowie insbesondere in der vielen Zeitgenossen noch gut erinnerlichen <strong>„</strong>Ära Brandt<strong>”</strong>. Während nun der knorrige Alte von Rhöndorf längst wissenschaftlicher Nüchternheit und Erkenntnis anheimgefallen ist, genießt die zur Lichtgestalt verklärte <strong>„</strong>Jahrhundertperson<strong>”</strong> Willy Brandt (Schwarz 1998: 672) den zweifelhaften Vorzug, noch den jeweiligen politischen Interessen dienstbar sein zu müssen. So schallte beispielsweise im vergangenen Wahlkampf dem orientierungslosen Gerhard Schröder ein gutgemeintes <strong>„</strong>Mehr Willy wagen!<strong>”</strong> (tageszeitung vom 12. August 2002) entgegen &#8211; ohne rechtes Ergebnis, sieht man von einigen Gesprächsrunden mit einem bunten Gemisch Intellektueller und Prominenter im Kanzleramt ab.</p>
<p>Nun ist geborgtes Charisma ohnehin selten wirksam. Doch die heutige Sehnsucht nach Charisma beruht zudem noch auf einem arg verkürzten Verständnis dieses Phänomens. Zumeist ist damit lediglich eine persönliche Qualität des Politikers angesprochen, und ob deren Eindruck Spuren hinterlässt, hängt in dieser Perspektive eher von der jeweiligen politischen Einstellung ab. So verstanden lässt sich das Attribut <strong>„</strong>charismatisch<strong>”</strong> ohnehin einer Vielzahl von Politikern zuweisen, neben den bereits Erwähnten etwa noch dem <strong>„</strong>Wirtschaftswunder<strong>”</strong>-Gestalter Ludwig Erhard oder dem <strong>„</strong>Macher<strong>”</strong> Helmut Schmidt &#8211; wer noch dazugehörte, darüber würde sich trefflich streiten lassen.</p>
<p>Für ein Verständnis unserer Gesellschaft, der Wandlungen und der Struktur der Demokratie hilft dies indes nicht viel weiter. Charisma ist nicht eine Frage der persönlichen Ausstrahlung, der Integrität und Lebenserfahrung von Personen, wie heute das <strong>„</strong>Defizit<strong>”</strong> meist umschrieben wird. Charismatisch begründete Führung beruht vielmehr auf einer sozialen Beziehung: Sie basiert auf der Interaktion von Führendem und Geführten; die Qualität bzw. die Verhaltensweisen einer Persönlichkeit verbinden sich mit den Bedürfnissen, Wahrnehmungen und Werten eines Teils der Gesellschaft. Entscheidend für die charismatische Anerkennung sind hierbei die wechselseitigen Attributionsprozesse: die Verwurzelung des <em>leaders </em>in den politischen, sozialen und ökonomischen Interessen der Anhänger und deren Wahrnehmung, dass die Führung der Lösung ihrer sachlichen oder persönlichen Probleme dient. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bildet die treibende Kraft der charismatischen Beziehung. Die Selbstdarstellung der charismatisch qualifizierten Persönlichkeit und die Beschaffenheit der <strong>„</strong>Mission<strong>”</strong> müssen also dem Ethos und den Erwartungen einer verunsicherten Gesellschaft entsprechen. Funktionale Bedeutung gewinnt Charisma insbesondere in Phasen gravierenden sozialen Wandels oder einer akuten Krise der gesellschaftlichen Werteorientierung. Als symbolisches Kapital kann es der <strong>„</strong>Besitzer<strong>”</strong> nutzen, wenn dieser gleichzeitig über die Fähigkeit zur Kommunikation und zur Vermittlung via Medien verfügt. Verändern sich die gesellschaftlichen Bedürfnisse und die historische Situation oder die Zuschreibung der Qualitäten, kann schnell der neuralgische Punkt erreicht werden, bei dem sich das Außergewöhnliche verliert; das Charisma <strong>„</strong>veralltäglicht<strong>”</strong> sich und die politische Führung büßt ihre Legitimation ein (Weber 1972: 661). [1] Welche Bedeutung und Funktion besitzt charismatische Politik nun für die Bundesrepublik? Am Beispiel von Willy Brandt lassen sich einige Beobachtungen machen.</p>
<h3 class="">Weder &bdquo;eisern&ldquo; noch Machi&shy;a&shy;vel&shy;list: Die charis&shy;ma&shy;ti&shy;schen Qualit&auml;ten Brandts</h3>
<p>Kaum ein Politiker hat nach dem Zweiten Weltkrieg so heftige Reaktionen bei den Deutschen ausgelöst wie Willy Brandt. Er wurde zum Träger von Hoffnungen und Projektionen und verkörperte für viele Menschen einen dringend gewünschten gesellschaftlichen und politischen Wandel. Dabei wird in den Zuwendungen zu Brandt nicht eine kraftvoll das Staatsschiff lenkende Führungsfigur beschworen oder ein geschickt taktierender Machiavellist mit dem Nimbus des Erfolgreichen. Was bewundert wurde &#8211; folgt man den Stichworten, mit denen in zahllosen Äußerungen seine Vorbildhaftigkeit begründet wird -, waren <strong>„</strong>persönliche Integrität, Tapferkeit und Mut<strong>”</strong>, oder <strong>„</strong>Verantwortungsbereitschaft, Fairness, Takt und Rücksicht<strong>”</strong>, es war die Fähigkeit zur Mitleidenschaft, mit der er jedes <strong>„</strong>Zirkuszelt in eine Kathedrale der Nächstenliebe verwandele<strong>”</strong> &#8211; kurz: er sei &#8222;ein Symbol für die Stärke der Schwachen, nicht für die Stärke des Chefs.&#8220;[2]</p>
<p>Grundlage der Identifikation vieler Menschen mit dem Sozialdemokraten bildeten die von ihm verkörperten Prinzipien der politischen Auseinandersetzung und seines gesellschaftspolitischen Modells, das sich gegen die Erfahrungen der Kanzlerdemokratie Adenauers stark abhob: der Ausgleich verantwortungs- und gesinnungsethischer Aspekte der Politik, seine Integrationsfähigkeit und die Begabung, Konflikte zu entschärfen. <strong>„</strong>Herrschen […] ist gar nicht das Modell, an dem er baut. Darum enttäuscht er tatsächlich alle Führererwartungen<strong>”</strong> (Dorothee Sölle in: Lindlau 1972: 132). Das in der Bevölkerung von Brandt gezeichnete Bild stellt einen Gegenentwurf zu den gängigen Leitvorstellungen eines <strong>„</strong>Kanzlers<strong>”</strong> vor, es erfüllte die Sehnsucht nach einer Machtausübung der Menschlichkeit und des Friedenswillens: <strong>„</strong>Er ist weder &#8218;eisern&#8216; noch ein Zyniker, noch sentimental<strong>”</strong>, rühmte etwa der eher konservative Georg Picht, er besitzt, <strong>„</strong>was in Deutschland selten geworden ist: Würde<strong>”</strong> (Lindlau 1972: 11).</p>
<p>Konstitutiv für die charismatische Beziehung, die das Verhältnis Brandts zu den Deutschen charakterisierte, war diese Zuschreibung außergewöhnlicher Eigenschaften und seine Fähigkeit, sie in dem Augenblick als symbolisches Kapital zu nutzen, als die Gesellschaft in den 1960er Jahren eines innovativen Ansatzes zur Krisenlösung bedurfte. Dabei beruhte Willy Brandts Erfolg nicht auf numinosen Qualitäten magischer Art, sondern auf einer gezielten Charismapolitik, einer Wechselwirkung von Begabungen, Projektionen, krisenhafter Situation und politischer Inszenierung.</p>
<h3 class="">Bew&auml;hrung, Stigma&shy;ti&shy;sie&shy;rung und Insze&shy;nie&shy;rung</h3>
<p>Den Grundstein seiner Wirkung am Ende der 1960er Jahre, als er zum Inbegriff der Reformdynamik und Erneuerbarkeit der Demokratie geworden war, hatte der erfahrene Politiker bereits ein Jahrzehnt zuvor in Berlin gelegt. Mit ihrer wiederkehrenden Bewährungssituation und der erhöhten internationalen Aufmerksamkeit und öffentlichen Beachtung bildete die geteilte Stadt den idealen Nährboden für die Ambitionen und die charismatische Prägung des künftigen Kanzlers. Krisenfestigkeit und Ideenreichtum ließen sich hier in Bereichen beweisen, die später für die Bundesrepublik von zentraler Bedeutung wurden: in der Ostpolitik und im deutsch-deutschen Verhältnis. Die breite nationale und internationale Anteilnahme für die <strong>„</strong>Front-Berliner<strong>”</strong>, die Reisen und Staatsbesuche boten zahlreiche Gelegenheiten, um durch weltweite Anerkennung seine Popularität daheim zu steigern. Als die Amerikaner Brandt im Februar 1959 mit einer <em>tickertape parade</em> auf den Straßen New Yorks feierten und die Bilder des im offenen Wagen stehenden, umjubelten Berliner Bürgermeisters um die Welt gingen, war die Inszenierung als <strong>„</strong>deutscher Kennedy<strong>”</strong> geboren. Kurz darauf, bei der Berliner Maikundgebung, forderte Brandt im Stil eines Volkstribuns <strong>„</strong>Macht das Tor auf!<strong>”</strong> und prophezeite Hunderttausenden, dass der Tag kommen werde, <strong>„</strong>an dem das Brandenburger Tor nicht mehr an der Grenze<strong>”</strong> liege (<em>Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie,</em> A 3). Dass seine Worte, sein Redestil auf Menschen suggestive Wirkung ausübte, hatte sich bereits 1956 gezeigt, als es ihm nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch die Sowjets gelungen war, die empörten Berliner vom Sturm auf die Grenze abzuhalten. Nimmt man die Umfragen der Meinungsforschung als Indiz, so bestätigte sich die wachsende Popularität des Kanzlerkandidaten in konstant steigenden Werten in den Bereichen des politischen Vertrauens und der Integrität: Seit Mitte der 1960er Jahre lagen die Eigenschaften <strong>„</strong>sozial<strong>”</strong>, <strong>„</strong>energisch, fester Wille<strong>”</strong>, <strong>„</strong>politisch weitsichtig<strong>”</strong>, <strong>„</strong>bedächtig, abwägend<strong>”</strong> und <strong>„</strong>modern, fortschrittlich<strong>”</strong> in den Zuschreibungen an der Spitze (Kaltefleiter 1973: 100ff.; Noelle/Neumann 1974: 295).</p>
<p>Eine Strategie der Inszenierung und des Medieneinsatzes untermauerte die charismatische Wirkung noch. Dass die größere Ausdehnung und Reichweite des medialen Informationsangebots die Vermittlung der Politik beeinflusste und diese selbst einem Darstellungswandel unterlag, war sowohl Brandt als auch seinen Beratern bewusst. So wurden alle Register der Medienklaviatur genutzt, um politische Entscheidungen rechtzeitig vorzubereiten und auf das Meinungsklima einzuwirken (Ennen 1996; Münkel 2001). Dazu gehörten die öffentliche Darstellung des Privatlebens in <em>home stories</em> und enger Kontakt mit Journalisten genauso wie ausgeklügelte Wahlkampagnen. 1961 wurde der frisch gekürte Kanzlerkandidat beispielsweise in einem cremefarbenen Mercedes Cabriolet drei Monate lang durch Stadt und Land geschickt, wobei die einzelnen Auftritte nach striktem Drehbuch erfolgten und einem Bühnenweihespiel glichen &#8211; Zeichen, Gesten und Bilder waren auf die mediale Wirkung und visuelle Vervielfältigung berechnet (Schütz 2002).</p>
<p>Mit zunehmendem bundespolitischen Einfluss wurde ein weiterer Faktor in der Disposition der charismatischen Persönlichkeit erkennbar. Die <strong>„</strong>Vergangenheit<strong>”</strong> Brandts wurde zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung: Mit der Stigmatisierung der Vita des aufstrebenden Politikers versuchten die politischen Gegner auch dessen Gesellschaftsidee in Misskredit zu bringen. Der verbreiteten deutschen Schuldabwehr und Erinnerungsverweigerung standen Personen wie Brandt als Beweis alternativer Möglichkeiten entgegen. Die Angriffe zielten deshalb auf seine Emigration und die politische Tätigkeit als radikaler Sozialist während der nationalsozialistischen Herrschaft. Sie knüpften an verbreitete Ressentiments gegen Exil und Widerstand an und gipfelten im Vorwurf des Vaterlandsverrats: Als Emigrant habe er in norwegischer Uniform gegen Deutschland gekämpft, sei Agent des KGB gewesen und habe als Rotfrontkämpfer am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen. Der Verratsvorwurf bediente sich damit zusätzlich des &#8211; in den 1960er Jahren mehrheitsfähigen &#8211; antikommunistischen Reflexes.</p>
<p>Mit dem Wertewandel in diesen Jahren und der erneut einsetzenden Debatte über die Vergangenheitsbewältigung wurde allerdings die angegriffene Person nun zum Modell positiver Identifikation. Die Biographie beglaubigte in den Augen der Anhänger gerade dessen Ideen und die für außergewöhnlich gehaltenen persönlichen Eigenschaften. In der Hervorhebung der sozialen Abweichung beförderte die Charakterisierung als Außenseiter umso mehr die charismatische Qualifizierung. Aus dem Stigma wurde Kapital: Für die in der öffentlichen Wahrnehmung gewichtiger hervortretenden Werte der Partizipation, Egalität und Solidarität konnte Brandt aufgrund seiner Herkunft und Geschichte glaubwürdig einstehen; dem Bild des <strong>„</strong>Vaterlandsverräters<strong>”</strong> stand nun die Projektion einer <strong>„</strong>Kultfigur<strong>”</strong> des guten Deutschland gegenüber. <strong>„</strong>In der Person Willy Brandts schienen brennpunktartig alle ungestillten Wünsche, alle unerfüllten Sehnsüchte, alle psychischen Bedürfnisse zu sammenzulaufen<strong>”</strong>, konstatierte später einer der Hauptverantwortlichen der Diffamierungen, Franz Josef Strauß, diese Ikonen-Funktion Brandts (Strauß 1989: 538).</p>
<h3 class="">Die 1960er Jahre als eine Phase der G&auml;rung</h3>
<p>Brandts bundespolitischer Aufstieg fiel in eine Zeit der intellektuellen Beunruhigung, in eine <strong>„</strong>Phase der Gärung<strong>”</strong> (Schönhoven 1999: 123), die tief empfundene Gefühle für die Notwendigkeit eines reformerischen Aufbruchs auslöste. Die wesentlichen wirtschaftlichen, verfassungspolitischen und militärischen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik waren in den Nachkriegsjahren und während Adenauers Kanzleidemokratie geschaffen worden. Ein entscheidendes Problem war in dieser Phase der Rekonstruktion allerdings ungelöst geblieben: die Frage nach dem Selbstverständnis der Republik, nach der Staatsräson. Wie stabil die Demokratie wirklich war, wie sie auf gesellschaftliche Umbrüche und Erschütterungen reagieren würde, war noch unerprobt. Würde <strong>„</strong>Bonn<strong>”</strong> nicht doch <strong>„</strong>Weimar?<strong>”</strong>, so lautete die vielfache Sorge und Beschwörung, die eher noch an Schärfe zunahm, als sich in der allmählich <strong>„</strong>westlicher<strong>”</strong> werdenden Gesellschaft Wertorientierung und Lebensgefühl gravierend zu wandeln begannen. Zahlreiche Vorkommnisse zeugen von einem zunehmenden Vertrauensverlust in die Funktionalität und Legitimität der gewohnten politischen Verfahrensweisen, beispielsweise das rechtswidrige Verhalten von Regierungsmitgliedern in der Spiegel-Affäre 1962; der durch die Diagnose einer <strong>„</strong>Bildungskatastrophe<strong>”</strong> genährte Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Gesellschaftssystems; die mit dem Generationsbruch beförderte neuerliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus oder die langandauernde, aufrüttelnde Debatte um die Notstandsverfassung. Mit dem öffentlichen Protestpotential, das über die Studenten, Intellektuellen- und Partei- oder Gewerkschaftszirkel hinauswuchs, bildeten sich Elemente einer <strong>„</strong>Bewegungsgesellschaft<strong>”</strong> (Neidhardt/Rucht 1999), wobei die Medien, insbesondere das Fernsehen, als Katalysatoren der Mobilisierung wirkten. Einen repräsentativen Ausdruck fand diese Unruhe in der von Karl Jaspers mit vernichtendem Befund beantworteten Frage <strong>„</strong>Wohin treibt die Bundesrepublik?<strong>”</strong>, die eine breite Debatte über den vermeintlich verhängnisvollen Weg der deutschen Demokratie auslöste (Jaspers 1966). Zudem verbreitete sich mit der Rezession 1966/67 auch ökonomisch Unsicherheit; die Phase des langanhaltenden Wachstums hatte geendet.</p>
<p>Diese innen- und gesellschaftspolitischen Befunde wurden durch zunehmende Unzufriedenheit über die außenpolitische Stagnation, mögliche Interessendivergenzen mit den Westmächten und vor allem durch das Gefühl nur begrenzter Manövrierfähigkeit in der Ost- und Deutschlandpolitik flankiert. Die Krise mündete in eine Auseinandersetzung über die bundesdeutsche Demokratie, die mit dem <strong>„</strong>Machtwechsel<strong>”</strong> 1969 die Frage nach ihrer Umgründung in der <strong>„</strong>Ära Brandt<strong>”</strong> nahelegt (Kieseritzky 2001: 15-77; Baring 1982; Görtemaker 1999: 473ff.).</p>
<h3 class=""><strong>&bdquo;</strong>Alle unseren Hoffnungen erf&uuml;llt&hellip;<strong>&rdquo;</strong>&nbsp;&ndash; Charis&shy;ma&shy;po&shy;litik in der Kanzlerzeit</h3>
<p>Erst diese Krisenerscheinungen ließen die manifeste charismatische Situation entstehen, in der die von Brandt propagierte <strong>„</strong>Vision<strong>”</strong> des <strong>„</strong>Mehr Demokratie wagen<strong>”</strong> einen Ausweg suggerieren sollte. Zahlreiche Leitbegriffe der Ethik einer staatsbürgerlichen Verantwortung &#8211; Überwindung überkommener Hierarchien, Mitverantwortung, Soziale Demokratie, Partizipation &#8211; prägten die Regierungserklärung 1969 als <strong>„</strong>Manifest des Neubeginns<strong>”</strong> (Jäger in Bracher 1986: 24). Die klassischen Bereiche der Innen- und Außenpolitik waren nun in ein gesellschaftspolitisches Modernisierungskonzept eingebettet, bei dem die einzelnen Reformen &#8211; ob betriebliche Mitbestimmung, soziale Sicherung oder Strafrechtsreform &#8211; zur <strong>„</strong>Bildung<strong>”</strong> des Menschen zusammenwirken und Individualität, Selbstbestimmung sowie soziale Gebundenheit vermitteln sollten. Brandts Formel bildete den Gegenentwurf zu Ludwig Erhards Konzept der <strong>„</strong>formierten Gesellschaft<strong>”</strong> von 1965, welches der produktiven Wirkung offen ausgetragener Konflikte und Interessenwahrnehmung misstraute. Von Brandts Appell dagegen schien eine faszinierende Dynamik auszugehen: Demokratie sei nicht nur als politisches Organisationsprinzip des Staates zu begreifen, sondern müsse, so die Forderung des Kanzlers, <strong>„</strong>alles gesellschaftliche Sein der Menschen beeinflussen und durchdringen<strong>”</strong> (Brandt 1969: 4). Die demokratische Ordnung legitimiere sich nicht nur über die Auswahl der Eliten und deren Kapazität zur Problemlösung, sondern ebenso über die umfassende Beteiligung und Mitwirkung aller am Willensbildungsprozess. Das Verhältnis zwischen Bürger und Staat bzw. Bürger und Regierung solle sich durch das kritische Engagement des Einzelnen fortentwickeln.</p>
<p>In der von Brandt gegebenen Wendung dieser Grundsätze entsprach dem idealtypisch ein Modell des mittels Konsenses herzustellenden Gesamtwillens, ein Ansatz, der mit der korporatistischen Entwicklung der Bundesrepublik korrespondierte (Lehmbruch 1999). Spätestens seit Mitte der 1960er Jahre galt etwa für die Wirtschaftsordnung der Grundsatz, dass die vorgegebenen Gesamtziele von allen Marktkräften gemeinsam verfolgt werden müssten, da ein Wettbewerb über die Ziele dysfunktional sei. Mit dem Postulat der <strong>„</strong>Globalsteuerung<strong>”</strong> aller Prozesse wurden Ergebnisse der Kybernetik und Systemanalyse auf die politische Planung übertragen; Gesprächsrunden wie die <strong>„</strong>konzertierte Aktion<strong>”</strong> oder Instrumente wie die <strong>„</strong>mittelfristige Finanzplanung<strong>”</strong> entstanden. Diese Art des Aushandelns und Absicherns innenpolitischer Entscheidungen durch ein Geflecht von Organisationen, Räten und Gremien wurde von der sozialliberalen Koalition weiter perfektioniert. Allerdings geriet diese Politik zunehmend in ein Dilemma, das angesichts der ursprünglichen Vision der wirksameren Zukunftsbewältigung wesentlich zur Entzauberung der Koalition beitragen sollte: Denn einerseits war das Konzept &#8211; das planrationale Verfahren &#8211; nur mit umfassendem staatlichen Eingreifen zu verwirklichen, andererseits wurde die Eigenverantwortlichkeit des mündig und selbstbewusst gewordenen Bürgers betont, der eben in der umständlichen Praxis dieser Steuerungsideologie unterzugehen drohte.</p>
<p>Brandts selten konkretisierte Formeln wirkten als eine Art Heilsversprechen und viele sahen &#8211; wie Siegfried Lenz &#8211; mit seiner Wahl zum Bundeskanzler im Oktober 1969 <strong>„</strong>alle unsere Hoffnungen erfüllt<strong>”</strong>. Zunächst freilich war die Basis des <strong>„</strong>Stücks Machtwechsel<strong>”</strong> (Heinemann) angesichts der knappen parlamentarischen Mehrheit &#8211; bei Minderheit der Wählerstimmen &#8211; noch ungewiss. Der neue Kanzler begegnete dieser Unsicherheit durch forciertes Tempo im Bereich der ostpolitischen Vorhaben und mittels einer meisterhaft gestalteten Charismapolitik. Bereits in seiner Regierungserklärung 1969 ging Brandt in die Offensive und vollzog mit der Formel von den <strong>„</strong>zwei Staaten in Deutschland<strong>”</strong> die entscheidende Weichenstellung in der Deutschlandpolitik. Mit der Ankündigung der Normalisierung der Beziehungen zur DDR und gleichberechtigter Verhandlungen auf Regierungsebene befriedigte er in den ersten Stunden seiner Regierung die Erwartungen der Anhänger. In den nächsten zwei Jahren wurde die Ost- und Deutschlandpolitik mit unzähligen Erklärungen, Interviews und Aktionen im Zentrum der Aufmerksamkeit gehalten. Kein anderes Thema erreichte in der öffentlichen Auseinandersetzung eine ähnliche Dramatik: Die wochenlangen geheimnisumwitterten Vertragspoker in Moskau und Warschau, die Reisen des Sonderbeauftragten Bahr und des Kanzlers selbst, seine Gespräche mit den Mächtigen der Welt, die Staatsbesuche mit ihrem glanzvollen Gepräge, bis schließlich zum Höhepunkt, der Unterzeichnung der Verträge 1970 &#8211; jeder Vorgang schien zu signalisieren, wie sich der Kanzler im fortdauernden, schweren Ringen um den Frieden zum Wohle der Nation befand.</p>
<p>In exemplarischer Weise beleuchten die beiden berühmten Gesten von Erfurt und Warschau die Mechanismen des Brandtschen Charismas: Während ihn beim Treffen mit Willi Stoph die Geste einig mit seinem Volk zeigt &#8211; mit begütigender, segensgleicher Gebärde beruhigt er am Fenster des Hotels <em>Erfurter Hof</em> die sehnsuchtsvoll Rufenden -, bekräftigt der Warschauer Kniefall beim Mahnmal im Dezember 1970 die historisch-moralische Dimension seiner Politik &#8211; eine Geste, die von einer Mehrheit der Deutschen abgelehnt wurde. Die gewaltige Wirkung beider Vorgänge hinsichtlich ihres Effektes für das Charisma Brandts beruhte auf zwei Faktoren: zum einen auf ihrer medialen Vervielfältigung, insbesondere ihrer mühelosen visuellen Kommunizierbarkeit; zum anderen auf ihrer unbestrittenen Glaubwürdigkeit, da sie den Zuweisungen Brandts als einer integren, das &#8218;andere&#8216; Deutschland verbürgenden Person entsprachen. Insbesondere der <strong>„</strong>Kniefall<strong>”</strong> löste eine Welle internationaler Hochachtung aus, die &#8211; nach seiner Preisung im <em>Time Magazine</em> als<em> Man of the Year</em> &#8211; im Jahr darauf in der Zuerkennung des Friedensnobelpreises gipfelte.</p>
<p>Dennoch bröckelte die knappe parlamentarische Mehrheit weiter, bis sie schließlich im April 1972 gänzlich geschwunden war. In dieser Krise zeigte sich abermals die charismatische Wirkung Brandts. Die verfassungsmäßige und politisch völlig legale Absicht der Opposition, den Kanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum zu stürzen, wurde weithin als unrechtmäßig, mindestens als illegitim empfunden; vielen schien es eine Attacke aus dem Hinterhalt, ein Verrat, zumal Brandts Konkurrent Rainer Barzel auf Stimmen von abtrünnigen Abgeordneten der Regierung baute. Im Vorfeld der Abstimmung vom 27. April kam es in etlichen Unternehmen zu spontanen Arbeitsniederlegungen, Betriebsräte forderten die Ausrufung des Generalstreiks und die Medien prophezeiten für den Fall des Kanzlersturzes <strong>„</strong>bürgerkriegsähnliche Zustände<strong>”</strong> oder erinnerten an das Ende von Weimar. Während der Abstimmung selbst standen im ganzen Land die Räder still, fast alle befanden sich im Bann der Radio- und Fernsehübertragung. Mit der Niederlage Barzels verstärkte sich der Nimbus des phönixgleich auferstandenen Kanzlers nochmals.</p>
<h3 class=""><strong>&bdquo;</strong>Auch Christus w&uuml;rde Willy w&auml;hlen<strong>&rdquo;</strong> &ndash; der plebis&shy;zi&shy;t&auml;re Appell</h3>
<p>Die Wahl im November 1972, von Brandt bei der Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag im September zum Plebiszit über seine Person und die von ihm verkörperten Ziele erklärt, wurde zum Votum über Aufbruch oder Stagnation, Moderne oder Tradition, aktive Demokratie oder Staatsautorität. Die charismatische Wirkung Brandts hatte zu einer Fundamentalpolitisierung und Emotionalisierung der Gesellschaft geführt; Zeugnis dessen war die mit über 90 Prozent höchste je erreichte Wahlbeteiligung der Bundesrepublik. In der Wahlkampagne rückten die mit Brandt verbundenen Bilder und Projektionen, seine Vergangenheit, die Gesten und politischen Visionen ins Zentrum der Auseinandersetzung &#8211; in stigmatisierendem und diffamierendem Bestreben ebenso wie mit der Absicht der Identifikation als Inbegriff des <strong>„</strong>anderen<strong>”</strong> Deutschland. Letzteres besaß nun eine neue inhaltliche Ausgestaltung: Entspannung und Aussöhnung mit dem Osten, Anerkennung in der Welt und gesellschaftspolitische Liberalisierung. Entsprechend erfolgreich suggerierte die SPD einer breiten Mehrheit, die Wahl von Brandt komme einem modernen Bekenntnis zur eigenen Nation gleich. Die Billigung ihres Wahlslogans <strong>„</strong>Wir sind stolz auf Deutschland<strong>”</strong> implizierte auch die Zustimmung zu Brandt und umgekehrt. Durch Ansteck-Buttons <strong>„</strong>Willy wählen<strong>”</strong> konnten zudem die Mitglieder der Gemeinde ihren Glauben öffentlich machen, was auch die quasi-religiöse Verehrung einschloss: <strong>„</strong>Auch Christus würde Willy Brandt wählen<strong>”</strong>, behaupteten beispielsweise junge evangelische Christen (zit. nach Münkel 2000: 35).</p>
<p>Am Abend des Wahltages im November 1972 zog eine überwältigende Schar von begeisterten Anhängern mit Fackeln von der Bonner Innenstadt zum Palais Schaumburg und dann herauf zum Domizil des Bewunderten auf den Venusberg. Als Brandt vor die Tür trat und die Huldigungen entgegennahm, befand er sich auf dem Zenit seiner Karriere. Zeittendenz und projizierte politische Glücksvorstellung schienen in der Person des Kanzlers zur Übereinstimmung zu kommen. Persönliche Qualitäten Brandts, die Zuschreibungen der Menschen sowie der Öffentlichkeit und die Stigmatisierung des Exilanten und Radikalen, die sich über Jahre ausgeprägt hatten, verbanden sich im Stadium der Gärung Ende der 1960er Jahre mit der Idee einer Gesellschaftsreform und Elementen medialer Inszenierung zur Charismapolitik. Diese erlebte ihren Höhepunkt als jetzt eine Welle der &#8211; partiell fast einer Apotheose gleichkommenden &#8211; Begeisterung Brandt aufs neue ins Kanzleramt trug &#8211; fast so, als hätte Jacob Burckhardt recht: <strong>„</strong>Die Geschichte liebt es bisweilen, sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem hierauf die Welt gehorcht<strong>” </strong>(Burckhardt 2000: 511).</p>
<h3 class="">Der Sturz: die Grenzen charis&shy;ma&shy;ti&shy;scher Legiti&shy;ma&shy;tion</h3>
<p>Nach der Periode der Überidentifikation während der politischen Kämpfe des Wahljahres zeigten sich allerdings die Grenzen der Charismapolitik. Der Kanzler schien zunehmend entrückt von den Kämpfen und Intrigen der Ebene; losgelöst von den Mühen und Wirren des alltäglichen politischen Geschehens war er zum Denkmal erhoben worden (Zons 1984). Dieser Eindruck wurde noch durch einen Perspektivwechsel potenziert: Mit der Beschwörung der sozialliberalen Koalition als eines historischen Bündnisses von Arbeiterschaft und Bürgertum &#8211; der Lehre aus 150 Jahren getrennter Geschichte &#8211; wurde die Orientierung auf die Zukunft gleichsam durch die Konstruktion von Tradition ersetzt. Das Ursprungscharisma wich einem neuen Gründungsmythos, der dem Prozess der Ernüchterung entgegenwirken sollte. Hervorgehoben wurden nun der <strong>„</strong>vitale Bürgergeist<strong>”</strong>, die <strong>„</strong>Bürgergesellschaft<strong>” </strong>oder die <strong>„</strong>soziale und liberale Mitte<strong>”</strong>; Geschichtspolitik ersetzte die Visionen der Demokratisierung und Friedenspolitik (BA 7, Nr. 85).</p>
<p>Diese Umwertung besaß viele Gründe; mitentscheidend waren jedoch die nach diesem Wahlsieg ins Unermessliche gestiegenen Erwartungen an die gesellschaftsverändernde Kraft der Regierung. Hatten die großen Hoffnungen in der Aufbruchseuphorie 1969 der innovatorischen Politik damals eine zusätzliche Legitimation gegeben, so riefen sie jetzt verstärkt die <strong>„</strong>gegenreformatorischen Geister<strong>” </strong>auf den Plan. Je deutlicher die Diskrepanz zwischen den Reformansprüchen und finanziellen Möglichkeiten wurde, desto schriller wurden beispielsweise die Töne im Verteilungskampf der Interessensparteien. Verhandlungsdemokratische Elemente wie die konzertierte Aktion, Expertenräte und Planungsverfahren vermochten diese nicht mehr zu dämpfen. Hier vollzog sich eine grundlegende Tendenzwende: Das Vertrauen in die Steuerbarkeit der sozialen Entwicklungen, die Zuversicht, in allen Bereichen Krisen durch vorausschauende Planung und nachvollziehbare Rationalität der Entscheidungsprozesse vermeiden zu können, war geschwunden. Statt dessen wuchs die Skepsis gegenüber einer Ideologie des Wachstums und dauernden Fortschritts. Charakteristisch waren in dieser Phase der Kanzlerschaft Brandts nicht mehr die charismatischen Gesten und die begeisternde Massenverehrung, sondern ein Bild, das die kollektive Erinnerung der Bürger auf lange Zeit prägen sollte: die nach dem Fahrverbot aufgrund der Ölpreiskrise im November 1973 verwaisten Autobahnen &#8211; als Sinnbild des zum Stillstand gekommenen Fortschritts.</p>
<p>Frühere Unterstützung hatte sich ins Gegenteil verkehrt, die enttäuschten Anhänger machten sich am Sturz des Denkmals zu schaffen. Dieses war schließlich &#8211; mehr noch als die schuldlose Verstrickung in den Verrat seines Mitarbeiters Guillaume &#8211; der Grund für den Rückzug 1974, mit dem er zudem die sozialliberale Koalition zu bewahren suchte.</p>
<h3 class="">Sehnsucht nach Charisma</h3>
<p>Es gab nicht viele charismatische Situationen in der Geschichte der Bundesrepublik. Die staatliche Rekonstruktion unter Adenauer, die deutsche Einheit unter Helmut Kohl und die pluralistisch orientierte Demokratie unter Brandt &#8211; verbunden mit einer Wende der inneren und äußeren Politik &#8211; gehören sicher dazu. <strong>„</strong>Alle unsere Hoffnungen erfüllt<strong>”</strong>&#8211; bei allen Erfolgen der charismatischen Politik Brandts ist dies allerdings ein Wunschtraum gewesen. Charismatische Zeiten sind keineswegs glücklichere Zeiten, sie sind eher Zeiten schwerer Umbrüche mit meist ungewissen Folgen. Nur selten sind die Ergebnisse so positiv wie in der <strong>„</strong>Ära Brandt<strong>”</strong>&#8211; und selbst hier muss offenbleiben, welche Langzeitwirkungen die Prinzipien der Aushandlungsdemokratie und technokratischen Planungsmethoden haben werden &#8211; der <em>circulus vitiosus</em> der dadurch neuerlich hervorgebrachten Legitimationsprobleme der Politik ist noch keineswegs durchbrochen. Das korporatistische Muster grundiert auch das heutige politische Geschehen mit zahlreichen <strong>„</strong>runden Tischen<strong>”</strong>, Bündnissen und Räten. Zwar mag der Glaube an einen planbaren Fortschritt durch staatliche Systemsteuerung erschüttert sein, doch welche politische Gruppe wollte von sich behaupten, eine &#8211; für alle Teile der Gesellschaft heilsame &#8211; Alternative zu diesem Paradigma zu besitzen? In einer von Krisen geplagten Gesellschaft mag die Sehnsucht nach charismatischer Politik durchaus verständlich sein &#8211; ob deren Fehlen am Ende aber wirklich zu beklagen ist, bleibt zu bezweifeln. Mangelndes politisches Charisma der Führung weist vielmehr auf die individuelle (staats)bürgerliche Mitbeteiligung und Selbstverantwortung in den Entscheidungsprozessen der Demokratie zurück &#8211; und dies könnte Anlass zu Trost sein.</p>
<h3 class="">Anmerkungen</h3>
<p>1 Für eine Auseinandersetzung mit Webers Charisma-Ansatz vgl. Frank Möller (Hg.): Charismatische Führer der deutschen Nation, München 2003 (im Erscheinen); darin auch eine ausführliche Diskussion der hier von mir skizzierten Charismapolitik von Willy Brandt.</p>
<p>2 Zitate von Lothar Suhling, Luise Rinser, Dorothee Sölle (Lindlau 1972: 80, 105, 133); Rolf Zundel (Die Zeit vom 17. November 1972); Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, SPD-Parteivorsitzender, Allgemeine Korrespondenz, versch. Mappen (Schreiben der Bevölkerung an Brandt).</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Baring, Arnulf</em> 1982: Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel, Stuttgart</p>
<p><em>BA</em> 7 2001: Willy Brandt: Mehr Demokratie wagen. Innen- und Gesellschaftspolitik 1969-1974, bearb. v. Wolther von Kieseritzky, Bonn (Berliner Ausgabe, Bd. 7)</p>
<p><em>Willy Brandt</em> 1969: Die Alternative; in: <em>Die Neue Gesellschaft</em> 16, S. 4.</p>
<p><em>Bracher, Karl Dietrich/Jäger, Wolfgang/Link, Werner</em> 1986: Republik im Wandel 1969-1974. Die Ära Brandt, Stuttgart</p>
<p><em>Burckhardt, Jacob</em> 2000: Weltgeschichtliche Betrachtungen; in: Werke, Bd. 10, München/Basel</p>
<p><em>Ennen, Ilka</em> 1996: Die Kommunikations- und Informationspolitik Willy Brandts, Magisterarbeit Universität Mainz</p>
<p><em>Görtemaker, Manfred</em> 1999: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München</p>
<p><em>Jaspers, Karl</em> 1966: Wohin treibt die Bundesrepublik? Tatsachen, Gefahren, Chancen, München</p>
<p><em>Kaltefleiter, Werner</em> 1973: Zwischen Konsens und Krise. Eine Analyse der Bundestagswahl 1972, Köln u.a.</p>
<p><em>Kieseritzky, Wolther</em> von 2001: Einleitung in: BA 7, S. 15-77</p>
<p><em>Lehmbruch, Gerhard</em> 1999: Die Große Koalition und die Institutionalisierung der Verhandlungsdemokratie; in: <em>Kaase, Max/Schmid, Günther</em> (Hgg.): Eine lernende Demokratie, Berlin, S. 41-61</p>
<p><em>Lepsius, M. Rainer</em> 1993: Das Modell der charismatischen Herrschaft und seine Anwendbarkeit auf den &#8222;Führerstaat&#8220; Adolf Hitlers; in: <em>Ders.</em>: Demokratie in Deutschland, Göttingen, S. 95-118</p>
<p><em>Münkel, Daniela</em> 2000: Zwischen Diffamierung und Verehrung. Das Bild Willy Brandts in der bundes-<br />
deutschen Öffentlichkeit (bis 1974); in: Tessmer, Carsten (Hg.) 2000: Das Willy-Brandt-Bild in Deutschland und Polen, Berlin, S. 23-40</p>
<p><em>Münkel, Daniela</em> 2001: Die Medienpolitik von Konrad Adenauer und Willy Brandt, in: <em>Archiv für Sozialgeschichte</em> 41, S. 297-316</p>
<p><em>Neidhardt, Friedhelm/Rucht</em>, Dieter 1999: Protestgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1950-1994; in: <em>Kaase, Max/Schmid, Günther</em> (Hgg.): Eine lernende Demokratie, Berlin, S. 129-164</p>
<p><em>Noelle, Elisabeth/Neumann, Erich Peter</em> (Hgg.) 1974: Jahrbuch der öffentlichen Meinung, Allensbach/Bonn</p>
<p><em>Schönhoven, Klaus</em> 1999: Aufbruch in die sozialliberale Ära. Zur Bedeutung der 60er Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik; in: <em>Geschichte und Gesellschaft</em> 25 (1999), S. 123-145</p>
<p><em>Schütz, Klaus</em> 2002: Die Lehren aus Kennedys Kampagne. Ein Rückblick auf den Bundestagswahlkampf 1961; in: <em>vorgänge</em> 158 (Heft 2/2002 — Juni), S. 32-38</p>
<p><em>Schwarz, Hans</em>-Peter 1998: Das Gesicht des Jahrhunderts, Berlin</p>
<p><em>Strauß, Franz</em> Josef 1989: Die Erinnerungen, Berlin</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1972 [1921/22]: Wirtschaft und Gesellschaft, hgg. von Johannes Winkelmann, Tübingen</p>
<p><em>Zons, Achim</em> 1984: Das Denkmal. Bundeskanzler Willy Brandt und die linksliberale Presse, München</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/alle-unsere-hoffnungen-erfuellt-die-sehnsucht-nach-charisma-willy-brandt-und-die-deutschen/">„Alle unsere Hoffnungen erfüllt”: Die Sehnsucht nach Charisma: Willy Brandt und die Deutschen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Charismatische Herrschaft und Vertrauen in Neuen Sozialen Bewegungen: Demokratietheoretische Probleme &#8211; lebensweltliche Erfahrungen</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Sep 2024 13:05:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Charisma]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Gründungsgeschichte der modernen Demokratie kann auch als die einer allmählichen rechtlichen Formalisierung und Institutionalisierung von Beteiligungsrechten gelesen werden. Gerade die Herstellung rechtlicher und politischer Gleichheit &#8211; Ziel und zentrales Prinzip aller Demokratisierung von politischen Systemen und Organisationen &#8211; kann nur über die „künstliche” Schaffung dieser Gleichheit auf dem sich immer wieder reproduzierenden Hintergrund natürlicher [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Gründungsgeschichte der modernen Demokratie kann auch als die einer allmählichen rechtlichen Formalisierung und Institutionalisierung von Beteiligungsrechten gelesen werden. Gerade die Herstellung rechtlicher und politischer Gleichheit &#8211; Ziel und zentrales Prinzip aller Demokratisierung von politischen Systemen und Organisationen &#8211; kann nur über die <strong>„</strong>künstliche<strong>”</strong> Schaffung dieser Gleichheit auf dem sich immer wieder reproduzierenden Hintergrund natürlicher und gesellschaftlicher Differenzen und Ungleichheiten erreicht werden. Insofern ist die Geschichte der Demokratisierung immer auch zugleich eine Geschichte der Formalisierung von Herrschaftsverhältnissen, ihrer Ämterstrukturen mit gewissen begrenzten Rechten einerseits und Mitwirkungs- und Schutzrechten andererseits gewesen. Heute nun scheint, zumeist unter dem Gesichtspunkt effektiver Zielerreichung gerade hinsichtlich staatlicher Politik, eine Phase der Informalisierung eingesetzt zu haben: Typisch hierfür sind die Hoffnungen, die von Politikern wie Sozialwissenschaftlern in den <strong>„</strong>kooperativen Staat<strong>”</strong> gesetzt werden, der sich mit nichtstaatlichen Akteuren in <em>public-privat-partnerships</em> oder <em>policy-coalitions</em> zur effektiven Problemlösung vereinbart [1]. In dem Maße, in dem die <em>Neuen Sozialen Bewegungen</em> (NSB) [2] in diesen neuen <em>governance-</em>Strukturen partizipieren &#8211; inzwischen vor allem auch auf der internationalen Ebene (Wolf 2002) -, werden auch ihre internen politischen Mechanismen und Chancenstrukturen legitimatorisch über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus relevant. Für diese inneren Strukturen ist das Fehlen rechtlich und organisatorisch verfestigter Verhältnisse charakteristisch, so dass sich die Frage stellt, auf welche Weise sie stattdessen ihre funktionalen Probleme der Koordination, Führungsrekrutierung und Wahrnehmung der Führungsfunktionen bewältigen.</p>
<p>Das Charisma wird von Max Weber im Kontext seiner politischen Soziologie der Herrschaft stets in Abgrenzung zur <strong>„</strong>bürokratischen<strong>”</strong> und <strong>„</strong>patriarchalen<strong>”</strong> behandelt &#8211; aber eben unzweifelhaft als eine soziologische Form der Herrschaft. <strong>„</strong>Im Gegensatz gegen jede Art bürokratischer Amtsorganisation kennt die charismatische Struktur weder eine Form oder ein geordnetes Verfahren der Anstellung oder Absetzung, noch der ,Karriere&#8216; oder des ,Avancements&#8216;, noch ein ,Gehalt&#8216;, noch eine geregelte Fachbildung des Trägers des Charisma oder seiner Gehilfen, noch eine Kontroll- oder Berufungsinstanz, noch sind ihr örtliche &#8218;Amtssprengel&#8216; oder exklusive sachliche Kompetenzen zugewiesen, noch endlich bestehen von den Personen und dem Bestande ihres rein persönlichen Charisma unabhängige ständige Institutionen nach Art bürokratischer Behörden&#8220; (Weber 1972: 655). Fasst man die in dem Zitat enthaltenen Negativbestimmungen positiv, so wird man mit dem Blick auf die heutige politische Wirklichkeit in den meisten politischen Parteien viele jener Merkmale <strong>„</strong>bürokratischer Amtsorganisation<strong>”</strong> wiederfinden. Hier gibt es sowohl die sprichwörtlichen Parteikarrieren und Ämterstrukturen wie auch die nach dem Parteiengesetz bestimmten rechtlichen (und bürokratischen) Verfahren zur <strong>„</strong>Anstellung oder Absetzung<strong>” </strong>oder wenigstens doch potenziellen <strong>„</strong>Kontrolle<strong>”</strong> der politischen Führer durch die Mitglieder oder &#8211; man denke an die Pflicht zur öffentlichen Rechenschaftslegung aller Einnahmen und Ausgaben &#8211; sogar die politischen Konkurrenten, die Öffentlichkeit und die Gerichte. Dass man die politische Wirklichkeit der Macht und innerparteilichen Herrschaftsprozesse nur vollständig durchschauen könnte, wenn man nicht neben den formalen auch die informellen Verhältnisse durchschaute, steht auf einem anderen Blatt &#8211; und dürfte spätestens seit den Parteispendenskandalen jedem bewusst sein. Jedenfalls können aber die informellen Prozesse den formalen Verhältnissen im Falle politischer Parteien nicht öffentlich erkennbar widersprechen, ohne dass es für die politische Führung problematisch würde und den Mitgliedern formale Rechte zum Widerspruch zu Gebote stünden.</p>
<p>Ganz anders verhält es sich, wenn man die Frage nach der charismatischen Herrschaft an die NSB richtet &#8211; eine Frage die in der Vergangenheit in Sozialwissenschaft und Praxis erstaunlich wenig gestellt wurde. Auf den ersten Blick glaubt man zu sehen, dass die in dem Weber-Zitat enthaltenen Negativbestimmungen hier weitgehend erfüllt sind: NSB kennen keine <strong>„</strong>geordneten Verfahren der Anstellung oder Absetzung<strong>”</strong>, noch beziehen ihre führenden Akteure regelmäßig <strong>„</strong>Gehalt<strong>” </strong>oder sind ihnen oder einzelnen unter ihnen <strong>„</strong>exklusive sachliche Kompetenzen zugewiesen<strong>”</strong>. Mit einem Wort: NSB ermangeln <strong>„</strong>bürokratischer Amtsorganisation<strong>”</strong>.</p>
<p>An dieser Stelle ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder man argumentiert, dass es sich bei NSB um <strong>„</strong>herrschaftsfreie<strong>” </strong>Sozialgebilde handle, so dass sich die Frage nach dem Typus der Herrschaft &#8211; charismatisch oder anders &#8211; gänzlich erübrigt, oder aber man prüft empirisch genauer, ob der an obigem Zitat entstehende erste Eindruck sich bewahrheitet. Dabei könnte sich die Vermutung, NSB wiesen charismatische Herrschaftsverhältnisse auf, bestätigen oder aber zu einer weiteren Differenzierung des Herrschaftsbegriffs um einen neuen Typus führen. Soweit die prinzipiellen Möglichkeiten, die sich eine größere, vor allem auch empirische Untersuchung der Frage zur Aufgabe stellen könnte. Mir geht es in dieser kleinen Gedankenskizze eher um erste Anregungen und Fragestellungen als bereits um letzte Antworten, an denen sich andere versuchen mögen.</p>
<h3 class="">Neue Soziale Bewegungen &ndash; ein herrschafts&shy;freier Raum?</h3>
<p>Für den Zeitgenossen der NSB seit den späten 1960er Jahren ist seit langem auffällig, in welchem Maße die Antwort nicht nur der in der Praxis wirkenden Akteure, sondern auch der ja nicht eben raren sozialwissenschaftlichen Literatur der ersten Hypothese zuneigt. Danach stellt sich die Frage nach inneren Herrschaftsverhältnissen zwar in allen anderen politischen Organisationen, insbesondere in Parteien und Verbänden, nicht aber in NSB. Die Abschlussarbeiten und Dissertationen zum Thema <strong>„</strong>innerparteiliche Demokratie<strong>” </strong>seit Ulrich Lohmars Pionierstudie (Lohmar 1963) Anfang der 1960er Jahre sind Legion; immer geht es dabei um die Chancen und Mitwirkungs-, Kontroll- und Abwehrrechte der einfachen Mitglieder &#8211; also um die innerparteiliche Herrschaftsstruktur? [3] Seit den 1970er Jahren steht &#8211; und das eben nicht nur mit antigewerkschaftlichem Impetus &#8211; die politische und wissenschaftliche Forderung nach einem Verbändegesetz im Raum, das analog zum Parteiengesetz die Forderung nach innerverbandlicher Demokratie rechtlich festschreiben sollte (vgl. Alemann/Heinze 1979). In einer politischen Situation, in der immer mehr Verbände, das heißt praktisch: ihre Vorstände oder Beauftragten, als Partner des sogenannten <strong>„</strong>kooperativen Staates<strong>” </strong>in sogenannten<em> policy-networks</em> an der autoritativen (früher hätte man gesagt: hoheitlichen) Regulierung sozialer Prozesse teilnehmen und sich die Frage nach ihrer Legitimierung genauso wie bei der staatlichen Seite stellt, hat diese Forderung sogar zunehmend politische Brisanz gewonnen.</p>
<p>Aber während diese Debatten geführt werden, schien und scheint sich die analoge Frage nach den inneren Verhältnissen von NSB nur selten zu stellen. Und wenn doch, dann nicht unter dem Herrschaftsgesichtspunkt, sondern unter dem der <strong>„</strong>funktional notwendige(n) Arbeitsteilung<strong>” </strong>und <strong>„</strong>effiziente(n) Funktionserfüllung<strong>” </strong>(Raschke 1985: 218). Unter der immerhin bemerkenswerten Kapitelüberschrift <em>Führer und Aktive</em> schreibt Joachim Raschke: <strong>„</strong>Bewegungen sind nichts ohne eine größere Zahl von Aktiven, sie entfalten sich aber auch nicht ohne Menschen, die Leitungsfunktionen übernehmen [&#8230;]. Es gibt keine führerlosen Bewegungen [&#8230;]. Mitgliedschaft in sozialen Bewegungen ist prekär, Führung (relativ) stabil<strong>” </strong>(ebd.: 214). Gerade wenn man die in diesen Sätzen zusammengefassten allgemeinen Erkenntnisse über die Notwendigkeit von Leitungs- und Führungsfunktionen (auch) in NSB für richtig hält, dann wird das Erstaunen darüber vielleicht verständlich, warum eine ansonsten herrschaftssensible Sozialwissenschaft gerade bei diesem Forschungsgegenstand der kritischen Nachfrage auszuweichen scheint. [4] Denn die Herrschaftsrechtfertigung über die Notwendigkeit von Leitungsfunktionen ist ungeachtet ihrer partiellen Wahrheit zugleich die älteste Legitimationsideologie von Herrschaft überhaupt, die ihre wissenschaftliche und ideologische Rationalisierung seit der feudalistischen Formel <strong>„</strong>Schutz (der oft Ausbeutung einschloss, M.G.) gegen Treue<strong>” </strong>bis zu neueren <strong>„</strong>Theorie der Herrschaft<strong>” </strong>(Hondrich 1973) immer wieder gefunden hat.[5] Die Erfüllung gesellschaftlich oder organisatorisch notwendiger Leitungsfunktionen gibt deren Inhabern immer auch Chancen zur über diese unmittelbaren Notwendigkeiten hinausgehender Herrschaftsausübung: zur Wahrnehmung von Direktionsgewalt und zur Aneignung oder Ausbeutung von Ressourcen zu persönlichen Zwecken. [6] Warum sollten diese Chancen und die damit an die entsprechenden Individuen oder Leitungszirkel gestellten Versuchungen a priori in NSB weniger wirksam sein als in allen anderen sozialen Gebilden?</p>
<p>Das Argument, das sich auch bei Joachim Raschke findet, dürften viele zumindest unreflektiert teilen. Danach wollen, wie er schreibt im Falle von NSB <strong>„</strong>Aktive und Führer […] im wesentlichen das gleiche&#8220; und im Übrigen sei der ,,, exit&#8216; leicht bewerkstelligt und gegenüber ,voice&#8216; fehlt es häufig an wirksamen Sanktionen<strong>” </strong>(Raschke 1985: 217f.). Nun trifft der erste Sachverhalt unzweifelhaft auch auf Parteien und insbesondere Verbände zu, denen man ja gerade wegen der Zustimmung zu den Verbandszielen oder der Übereinstimmung der Interessen beitritt. Über die Frage, ob die motivationale Schwelle für einen Partei- oder Verbandsaustritt wirklich größer ist als &#8211; nehmen wir ein in der bundesdeutschen Geschichte nicht gerade irrelevantes Beispiel &#8211; bei einer Distanzierung von der bis dahin erkennbar unterstützen Friedensbewegung, mag man trefflich streiten. Beide Formen des exits dürften ehemals Engagierten schwer fallen und sie gegenüber ihren ehemaligen Genossen oder in ihrem persönlich-politischen Kontaktfeld unter Rechtfertigungsdruck bringen. Zusammengefasst sind beide Argumente kaum so überzeugend, um von vorne herein auszuschließen, dass mit der offenkundig unvermeidbaren Struktur <strong>„</strong>Aktive und Führer<strong>” </strong>und den als ebenso unvermeidbar unterstellten funktionalen Erfordernissen der Leitung keine Herrschaftsprozesse verbunden seien.</p>
<h3 class="">Sozial&shy;wis&shy;sen&shy;schaft&shy;liche Verkl&auml;&shy;rungen des Bewegungs&shy;be&shy;griffs</h3>
<p>Für das erstaunliche Phänomen, dass nach den inneren Herrschaftsverhältnissen und demokratischen Strukturen von NSB so selten gefragt wird, und zwar bei ihren Anhängern ebenso wie bei einer ihnen zumeist recht unkritisch gegenüberstehenden Sozialwissenschaft (Greven 1988), [7] dürfte letztlich aber ein unreflektiert verbreitetes Vorurteil verantwortlich sein: Bei diesen Bewegungen und Mobilisierungsprozessen müsse es sich schon allein wegen ihrer positiven Ziele per se um demokratische Einrichtungen handeln, bei denen solche Fragen obsolet seien. Wer sich öffentlich und friedlich für Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit engagiert, dem werden ebenso wie den Bewegungen, die dadurch entstehen, offenkundig auch der persönliche demokratische Charakter und damit die angebliche Obsoletheit des Herrschaftsproblems kreditiert. Das kann aber im Einzelfall ein ziemlicher Fehlschluss sein, denn von normativ generell als positiv bewerteten Zielen, die Einzelne oder soziale Bewegungen verfolgen, lässt sich sozialwissenschaftlich nicht auf die innere Struktur sozialer Gebilde rückschließen. Denn auch hier gilt selbstverständlich der demokratische Grundsatz: Der Zweck heiligt nicht die Mittel (in diesem Fall die Organisations- und Mobilisierungsmittel). Diese müssen sich auch im Falle von als positiv angesehenen Zielen den üblichen herrschaftskritischen Fragen stellen und ihre inneren Strukturen und Prozesse nach demokratischen Prinzipien rechtfertigen. So wie die grundgesetzlich normierte Parteiendemokratie konsequent die Forderung nach innerparteilicher Demokratie nach sich zog, so wird gerade derjenige, der für die Beteiligung von NSB an <em>governance</em> plädiert, sich der Forderung nach ihrer inneren Demokratisierung nicht entziehen können. Und auch wenn alle beteiligten Individuen persönlich über demokratische Einstellungen und eine entsprechende Wertorientierung verfügten, so müssten sie doch, gerade wenn es um die Entscheidungsfindung und Ressourcenverwendung bei großen Zahlen geht, ihre Verhältnisse untereinander so regeln, dass den persönlichen Dispositionen die objektiven Verhältnisse entsprechen können. Kurz gesagt: Auch das Zusammenhandeln von Demokraten verlangt demokratische Strukturen.</p>
<p>Hinzu kommt das Problem, dass auch eine sich bestimmten NSB verbunden fühlende Sozialwissenschaft eines Tages zugestehen musste, dass sich Organisationsformen und Mobilisierungsprozesse höchst unsympathischer Art im äußersten rechten und manchmal auch ziemlich linken politischen Spektrum ebenfalls als NSB deuten lassen. Spätestens damit war klar geworden: Der NSB-Begriff musste sozialwissenschaftlich seiner vormals unproblematisierten normativen Implikationen entkleidet werden. Er stand nunmehr als Analyseinstrument auf der Tagesordnung, etwa im Zusammenhang mit ausländerfeindlichen Mobilisierungsprozessen oder, vor allem im Ausland, im Zusammenhang mit neopopulistischen Bewegungen. Daneben wurde er auch als Selbstkennzeichnung der Aktiven unter dem Gesichtspunkt der inneren Herrschaftsproblematik wichtig. Wer es für selbstverständlich hält, bei <strong>„</strong>rechten<strong>”</strong> NSB herrschaftskritisch die inneren Verhältnisse zu beleuchten, der sollte die Frage auch bei den übrigen NSB nicht aus rein begrifflichen, methodischen und erst recht nicht aus politischen Motiven ausschalten.</p>
<h3 class="">Charis&shy;ma&shy;ti&shy;sche Herrschaft in Neuen Sozialen Bewegungen</h3>
<p>Wenn man nun in Ersatzvornahme aussagekräftiger Empirie zunächst auf der Ebene von Phänomenen nach jenen Indizien und Anlässen fragt, die in den anderen genannten politischen und sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen bei Parteien und Verbänden herrschaftsrelevant wären, so könnte man —ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben &#8211; einigen der folgenden Hinweisen nachgehen.</p>
<p>Herrschaft, insbesondere charismatische Herrschaft, hat stets ein personales Element. Letztere ist ohne jene Führungsgestalten nicht denkbar, denen das Charisma von ihren Anhängern und, heute für die Mobilisierungsprozesse sozialer Bewegungen in der Massengesellschaft von besonderer Bedeutung, von den Medien zugeschrieben wird. Das Charisma existiert &#8211; jedenfalls wenn man den Begriff (herrschafts- oder religions-)soziologisch verwendet &#8211; stets nur als Attribution: als zugeschriebene, von Anhängern geglaubte Eigenschaft oder Qualität einer Person, der deswegen ohne formales Amt oder prozedurale Rekrutierung eine Führungsrolle zugestanden wird. [8] Die bei Journalisten so wohlfeile Formulierung vom <strong>„</strong>gewählten charismatischen Führer<strong>” </strong>ist im Sinne der Herrschaftssoziologie Webers unsinnig. Denn das Charisma ist weniger (wie im Zuge der gerade in der Parteien- und Wahlsoziologie heute intensiv geführten Personalisierungsdebatte erkennbar) eine Ursache für Wahlerfolge, sondern im Gegenteil der wesentliche Legitimationsgrund von nichtgewählten politischen Führern. Diese sind eben typisch für NSB, aber nicht für die übrigen demokratischen Organisationen und Systeme. Also muss man streng zwischen diesem herrschaftssoziologischen Gebrauch des Begriffes und der heute üblichen Verwendung unterscheiden, bei der damit lediglich die Beliebtheit, Anerkennung oder Popularität einer Person zum Ausdruck gebracht werden soll.</p>
<p>In NSB finden sich aber, so die These, starke Indizien für die Existenz, möglicherweise sogar in vielen Fällen Unvermeidbarkeit charismatischer Herrschaft. Sie liegen immer dann vor, wenn Personen, die durch keine formellen Prozesse oder Institutionen wie Wahlen oder Ämter legitimiert sind, bei der Bestimmung von Handlungszielen, Strategien und der Verwendung von Ressourcen so handeln und entscheiden können, dass sie auch weiterhin Gefolgschaft oder gar Gehorsam finden. Insbesondere gilt dies dann, wenn bestimmte identifizierbare Personen über einen längeren Zeitraum und bei den entsprechenden Anlässen wiederholt erfolgreich eine Führungsfunktion auszuüben vermögen. Spätestens an dieser Stelle muss an den genauen Inhalt des hier verwendeten Herrschaftsbegriffs erinnert werden. An der Weberschen Definition <strong>„</strong>Herrschaft sei die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden<strong>” </strong>(Weber 1972: 28), befremdet heute mehr die Terminologie (Befehl, Gehorsam) als die Sache selbst. Bei dem hier verwendeten Herrschaftsbegriff geht es also immer um die Motive der Fügsamkeit oder die Gründe der Legitimität für die Anerkennung von Führung. Anders als bei der Macht, die sich <strong>„</strong>auch gegen Widerstreben durchzusetzen<strong>”</strong> in der Lage sieht (ebd.: 28), geht es bei der Herrschaft nicht zuerst um die (Macht-)Ressourcen der Führerpersönlichkeiten. Letztere sind ja in sozialen Bewegungen zunächst kaum vorhanden &#8211; und wenn, dann in Abhängigkeit von Herrschaftspositionen. Vielmehr geht es um die Masse der Anhänger oder Mobilisierbaren, die auf die kommunizierten Signale und Inhalte zunächst nur potenzieller Führungsfiguren in NSB mit der Zuschreibung des Charisma, also der Anerkennung einer Führungsrolle reagieren.</p>
<h3 class="">Herrschaft&shy;s&shy;praxis in Neuen Sozialen Bewegungen</h3>
<p>Sucht man nach konkreten politischen Beispielen, wie so etwas funktioniert, so wird man besonders in lokalen, auf konkreten interpersonalen Kommunikationen beruhenden Beziehungen vor allem auf zwei Faktoren achten müssen: transferierbare Reputation und demagogische Qualität. Beide sind über die Massenmedien auch translokal auszuweiten. Wo immer sich <strong>„</strong>spontan<strong>” </strong>Anlass zu Protest und erste Ansätze zur Mobilisierung ergeben hatten &#8211; zum Beispiel in den 1990er Jahren wegen antisemitischer oder ausländerfeindlicher Übergriffe oder früher angesichts der Ende der 1970er Jahre geplanten Dislozierung amerikanischer Mittelstreckenwaffen -, da konnte man häufig den Reputationstransfer und seine Rolle bei der Mobilisierung von NSB einerseits, bei der Herausbildung von asymmetrischen Herrschaftsstrukturen andererseits beobachten. Für die Mobilisierung zunächst der Aufmerksamkeit, dann auch der Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung an Protest und Aktion, spielte die bereits vorhandene, zumeist im Berufsleben erworbene und sich in der Wertschätzung bestimmter Titel ausdrückende öffentliche Reputation derjenigen, die sich öffentlich äußerten, stets eine wichtige Rolle. Alain Touraine, der unter dem Eindruck des <strong>„</strong>Pariser Mai<strong>” </strong>1968 seine oben bereits angesprochenen objektivistischen Bewegungsvorstellungen vorsichtig revoziert, spricht in diesem Zusammenhang als Entstehungsbedingung von (neuen) sozialen Bewegungen die <strong>„</strong>Verbindung zwischen einer fordernden Elite und Unterprivilegierten<strong>” </strong>(Touraine 1976: 188) an. Hierbei käme es allerdings mehr auf die Rolle von Eliten an als auf die gerade in den NSB oft weiter gehegte, aber vergebliche Hoffnung, dass sich ihnen gerade <strong>„</strong>unterprivilegierte<strong>” </strong>anschließen würden. Die berühmten <em>Göttinger Sieben</em> standen Ende der 1950er Jahre zwar nicht am Anfang der bundesdeutschen Anti-Atombewegung, sie schufen aber ein wichtiges Handlungsmuster, dem später zahlreiche Professoren, Ärzte, Pfarrer und sogar Schauspieler folgten. Wenn es dann darum ging, <strong>„</strong>zentrale<strong>” </strong>Protestveranstaltungen auszurichten, ihre Parolen und thematischen Inhalte zu bestimmen, dann standen einige von ihnen stets genauso parat wie dann als Redner auf den Podien und Demonstrationen. Spätestens hier kommt, wenn er sich nicht schon intern in kleinerem Rahmen wie zum Beispiel auf studentischen Vollversammlungen oder Gewerkschaftsfortbildungen ausgebildet hat, der zweite Faktor ins Spiel: Demagogische Fähigkeiten können, dafür gibt es seit der Antike genügend Beispiele, Herrschaft begründen &#8211; insbesondere dann, wenn keine formalen Rekrutierungsverfahren und Ämterstrukturen vorhanden sind.</p>
<p>Schließlich finden in allen Mobilisierungen einige Akteure, darunter am leichtesten die mit bereits vorhandenem Reputationskapital, immer mehr Aufmerksamkeit der Medien, [9] die schon aufgrund ihrer eigenen internen Logiken (u.a. Personalisierung, die es ja nicht nur im Parteienwettbewerb gibt), einigen dann zu dem Titel <strong>„</strong>Sprecher<strong>” </strong>oder <strong>„</strong>Sprecherin<strong>” </strong>der jeweiligen Bewegung verhalfen. [10] Das wiederum blieb und bleibt auch in den internen Kommunikations- und Abstimmungsprozessen der NSB nicht ohne politische Auswirkungen. Medienpräsenz und die damit privilegierten öffentlichen Artikulations- und Mobilisierungsmöglichkeiten lassen sich in Herrschaftsressourcen (nicht nur [11]) in NSB transferieren. Auf diese Weise werden, idealtypisch gesehen, charismatische Führer und Führerinnen in NSB gefunden, die schließlich maßgeblich jene Funktionen wahrnehmen, von denen auch Joachim Raschke zugesteht, dass sie notwendig seien. Er unterscheidet zum Beispiel den <strong>„</strong>Zielspezialisten<strong>”</strong> mit seinem entscheidenden Einfluss darauf, was die schließlich artikulierten Mobilisierungs- und Protestziele en Detail jeweils sind, [12] den organisatorisch begabten und kommunikationsfähigen <strong>„</strong>Mobilisator<strong>” </strong>und den langfristig und konzeptionell denkenden <strong>„</strong>Strategen<strong>” </strong>(Raschke 1985: 216). Spätestens hier ist es für den teilnehmenden Zeitgenossen eine große Versuchung, jeweils konkrete Namen ins Gedächtnis zu rufen; aber das mögen die Lesenden zunächst für sich selbst in ihrem eigen Erfahrungs- und Erinnerungsraum ausprobieren, der sich ja auf ganz verschiedene Phasen und Stränge der im Einzelnen sehr unterschiedlichen NSB beziehen kann. Teil dieser Erinnerungsarbeit oder gegenwärtigen Erfahrungsreflexion sollte die Frage sein, inwiefern in der Praxis von NSB oder den ihnen angelagerten, inzwischen keineswegs nur noch lokalen, sondern auch national und transnational arbeitenden &#8222;Bewegungsnetzwerken&#8220; des &#8222;Bewegungssektors&#8220; [13] die Erfahrung von Fremdbestimmung durch die Dominanz einiger herausgehobener Führungspersonen gemacht wird. Zumindest bei nationalen und transnationalen NSB wie zum Beispiel <em>attac</em> stellen sich ja die klassischen Fragen der Repräsentation: Proportionalität, Kontrolle, Abberufung und Verwendung der Mittel. Kaum glaubhaft, dass diese und andere Fragen mit dem einfachen Hinweis auf die Übereinstimmung von <strong>„</strong>Führern<strong>” </strong>und &#8222;Aktiven&#8220; in den grundsätzlichen Zielen bereits gelöst sind.</p>
<p>Schließlich sind alle diese Fragen nicht nur wegen der mit der Wahrnehmung von Führungsfunktionen unvermeidlich verbundenen Organisations- und Direktionsgewalt, also unter dem Gesichtspunkt der Fremdbestimmung, demokratierelevant, sondern auch deswegen, weil NSB, wie wiederum die Erfahrung zeigt, in erstaunlichem Maße die Fähigkeit besitzen, materielle Ressourcen zu mobilisieren, über deren Verwendung im Einzelnen dann oft von informellen Führungszirkeln entschieden wird. Ob es sich um die lange Zeit jede studentische Vollversammlung, aber auch einige Gewerkschaftstagungen oder sogar den Evangelischen Kirchentag flankierende <strong>„</strong>spontane<strong>” </strong>Spendensammlung <strong>„</strong>Waffen für Nicaragua<strong>”</strong>, für den ANC oder andere heute längst vergessene <strong>„</strong>Befreiungsbewegungen<strong>” </strong>handelte &#8211; bei der niemand jemals genau wusste oder darauf achtete, wer eigentlich die Kollekte einsammelte und anschließend auf einem oft nur mit einer &#8218;c/o-Adresse&#8216; versehenen Konto verwaltete &#8211; oder aber die zahlreichen Aufrufe unterschiedlichster Bewegungsorganisationen und -akteure bei Großdemonstrationen oder aus Anlass bestimmter Kongresse oder Veranstaltungen oder zu bestimmten Zwecken handelt: Nicht immer entspricht offenkundig dem Ausmaß der mobilisierten Mittel auch eine Kontrolle ermöglichende und Legitimität erzeugende Mitwirkungsstruktur.</p>
<p>Hier sind natürlich die strukturbedingten Differenzen zu formalen Organisationen wie Vereinen, Verbänden oder gar den Parteien mit ihren rechtlich fixierten und institutionalisierten Rechenschafts- und Offenlegungsverpflichtungen besonders groß. Auch innerhalb des Bewegungssektors dürfte die empirische Analyse ein weites Spektrum an Strukturen und Verhältnissen aufzeigen, denn in vielen Zusammenhängen haben sich die NSB, genauer: Gruppen von Akteuren innerhalb der NSB gerade deswegen und in bester Absicht teilinstitutionalisiert, um die angesprochenen Probleme zu lösen. Aber nicht jedes <strong>„</strong>Spendenkonto<strong>” </strong>unter einem Aufruf ist in eine solche demokratische Struktur eingebunden und nicht in allen im Kontext von Bewegungen existierenden Vereinen oder Verbänden entsprechen die inneren Verhältnisse wirklich demokratischen Maßstäben. Nicht selten bestehen zwischen Vorständen, Angestellten oder Sprecherräten einerseits und <strong>„</strong>Kassenprüfern<strong>” </strong>oder ähnlichen Beauftragten andererseits derart enge politische Beziehungen, dass von einer echten Kontrolle kaum die Rede sein kann und ihre Wahrnehmung als lästige Verpflichtung empfunden wird; für Mitgliederversammlungen und Wahlen nach dem Vereinsgesetz gilt ähnliches. Generell gibt es vermutlich gerade im Kontext von NSB und ihren <strong>„</strong>Bewegungsorganisationen<strong>” </strong>eine weit verbreitete politische Teilkultur der Informalität. Diese Kultur empfindet die Durchführung gesetzlich vorgeschriebener Prozeduren weniger als Chance der Legitimierung und Kontrolle, denn als fremdbestimmten <strong>„</strong>Formalkram<strong>”</strong>, den es für das vereinsrechtlich notwendige Protokoll möglichst schnell zu veranstalten gilt, bevor man zur eigentlichen Politik zurückkehren kann.</p>
<p>Angesichts des unbestreitbaren Ausmaßes an idealistischem Engagement dürfen diese Fragen und Hinweise keineswegs als ein Generalverdacht auf Missbrauch von Direktionsgewalt und Ressourcen durch die Inhaber von Führungsfunktionen in NSB verstanden werden. Sie müssen vielmehr im Kontext meiner Problemstellung sowie der Beobachtung gesehen werden, dass diese und andere Fragen, die in vergleichbaren sozialen Gebilden nicht nur durchaus üblicherweise gestellt werden, sondern in der Regel auch institutionalisierte Antworten gefunden haben, bei NSB dagegen so sehr im Schlagschatten öffentlicher und wissenschaftlicher Aufmerksamkeit verbleiben.</p>
<h3 class="">Vertrauen als Kategorie von Herrschaft und sozialer Interaktion</h3>
<p>Eine entscheidende Voraussetzung von Informalität ist Vertrauen. Charismatische Herrschaft basiert auch auf Vertrauen, das den Führungspersonen entgegengebracht wird. Diese Strukturbeziehung ist in informellen Massenbewegungen mit ihrer nur mittelbaren Kommunikation zwischen <strong>„</strong>Führern<strong>” </strong>und <strong>„</strong>Aktiven<strong>” </strong>zu einem gewissen Grad offenkundig unvermeidbar und funktional. In den unmittelbaren Beziehungen der informellen Führungskreise scheint Vertrauen hingegen aber auch ohne Charisma auszukommen &#8211; im Gegenteil ruft es hier offenkundig Spannung und Konkurrenz hervor.</p>
<p>Soziologisch betrachtet scheint deshalb <strong>„</strong>Vertrauen<strong>”</strong> als funktionales Äquivalent der üblichen formellen Strukturen und Institutionalisierungen zur Mitwirkung und Kontrolle in demokratischen Organisationen in den fluideren und informeller strukturierten NSB zu überwiegen. Traditionen eher angelsächsischer Provenienz, die Misstrauen in die Wahrnehmung von Führungsfunktionen geradezu als demokratische Tugend begreifen, treffen jedenfalls in deutschen NSB offenkundig auf spiegelbildliche Alternativen einer über gemeinsame Ziele vermittelten Gemeinschaftsvorstellung [14]. In Massenbewegungen ohne direkte interpersonale Kontaktmöglichkeiten aller mit allen dürfte sich das Vertrauen in <strong>„</strong>Sprecher<strong>” </strong>und andere Inhaber von Führungsfunktionen vor dem Hintergrund solcher kulturellen Traditionsbestände zum Teil aus dem bereits angesprochenen Reputationstransfer, zum Teil aus angesammelten Erfahrungen mit diesem Personal bei früheren politischen Anlässen und Aktionen speisen. Solches Vertrauen hängt in seiner Belastbarkeit, also u.a. der aus ihm sich begründenden Folgebereitschaft, auch von dem Ausmaß an inhaltlicher Kontinuität von Bewegungsthemen und Aktionsformen ab. Innovationen, insbesondere wenn sie <strong>„</strong>von oben<strong>” </strong>initiiert werden, stellen besondere Belastungen dieser generalisierten Vertrauensbeziehungen dar. Hier ist dann wirklich massenwirksames Charisma einzelner Personen gefragt, wie es zeitweise in Phasen der Zuspitzung politischer Proteste und Konflikte zum Tragen kommt.[15] Die wichtigste strukturelle Vertrauensgrundlage für die informalen Binnenverhältnisse und Netzwerke, da ist sich die Soziologie ungeachtet aller Schulstreitigkeiten ziemlich einig, liegt aber in der Stabilität unmittelbarer personaler Verhältnisse. <strong>„</strong>Freundschaft<strong>”</strong> ist ein Typ solcher personalen Vertrauensbeziehungen, die ihre Stabilität nicht zuletzt aus ihrer Dauer bezieht. Eine Untersuchung von personalen Kontinuitäten des Führungspersonals in verschiedenen NSB und ihrer zeitlichen Dauer könnte hier sehr aufschlussreich sein und mit einiger Wahrscheinlichkeit eklatante Widersprüche zu zeitweise auch in einigen NSB kursierenden <strong>„</strong>basisdemokratischen<strong>”</strong> Zielvorstellungen wie Ämterrotation usw. aufweisen. [16] Alle eigene Erfahrung spricht dafür, dass gerade langjährige Vertrauensbeziehungen und mehr oder weniger politisch begründete Freundschaften sich bei einer empirischen Prüfung im Bewegungszentrum vieler NSB nachwiesen ließen. Sie stehen zweifelsfrei in einem Spannungsverhältnis zu den charismatischen Außenbeziehungen Einzelner und dürften damit für die ungeachtet aller Freundschaften für diese sozialen Gebilde ebenso notorischen internen Konkurrenzbeziehungen und Eifersüchteleien mitverantwortlich sein. Aber zugleich verbürgen sie in den angesprochenen Binnenbeziehungen funktional auch nach außen hin die Wahrnehmung, dass an der Spitze der Bewegung alles mit rechten Dingen zugeht.</p>
<p>Die politischen Freundschaften und ihre Dauer sind aber auch eine Hauptursache langfristiger politischer Patronagebeziehungen, die es nicht nur in politischen Parteien gibt (vgl. Luhmann 2002: 407ff.): Auch im Kontext von NSB werden angesichts ihrer teilweisen Professionalisierung Posten und Aufträge vergeben. So ist es nicht verwunderlich, dass zu dem mehr oder weniger institutionalisierten <strong>„</strong>Bewegungssektor<strong>”</strong> inzwischen auch die Figur des Bewegungsunternehmers gehört; schließlich müssen Millionen von Palästinensertüchern, Tausende lila Halstücher mit Friedenstaube oder Sticker mit Sonnenblumen, schließlich Embleme wie Plakate ebenso gedruckt und hergestellt werden, wie die umfangreiche Broschürenliteratur im Kontext einzelner Bewegungen. Hier werden ebenso wie im Spendensektor ganz beträchtliche Umsätze gemacht und bekanntlich verdanken ja nicht nur einige heute bekannte Verlage und Zeitschriften, sondern auch Druckereien, Buchläden, Fuhrunternehmen und sogar Reisebüros ihre Gründung und Herkunft solchen Bewegungskontexten. Die Finanz- und Wirtschaftsgeschichte des Bewegungssektors in Deutschland seit den späten 1950er Jahren ist noch nicht geschrieben &#8211; und angesichts der vielfach informellen Verhältnisse wohl auch nur sehr schwer zu rekonstruieren. [17] Angesicht des geringen Grades funktionaler Differenzierung und der vorhandenen Verschränkung politischer, organisatorischer und wirtschaftlicher Funktionswahrnehmung in den NSB wäre sie aber aus der Sicht einer herrschaftssensiblen Demokratiegeschichte auch des außerparlamentarischen Sektors wünschenswert.</p>
<h3 class="">Fazit</h3>
<p>Die vorstehenden Überlegungen und Beispiele geben wohl Anlass, die unkritische Hintergrundannahme von der inneren Herrschaftslosigkeit von NSB aufzugeben und mit den üblichen Fragen einer kritischen politischen Soziologie empirisch nachzuforschen. Dabei wäre davon auszugehen, dass wie überall in Politik und Gesellschaft gegebene <em>opportunity structures</em> auch ein gewisses Maß von Missbrauch und Dysfunktionalität im Sinne der jeweiligen Bewegungsziele ermöglichen. Mag dieses Maß angesichts der ganz überwiegend rational oder idealistisch motivierten Anhängerschaft der meisten NSB auch geringer sein als in vergleichbaren formalen Organisationen, so rechtfertigte das doch nicht das bisherige Desinteresse der Sozialwissenschaften und eben leider auch nicht jedes gespendete politische Vertrauen ihrer Anhänger. Relevant ist diese Frage aber über die Binnenbeziehung hinaus heute in dem Maße geworden, in dem NSB als NRO an Herrschaftsfunktionen politischer Systeme unmittelbar teilhaben. Dass ihre dabei agierenden Repräsentanten schwächeren mitgliedschaftlichen Partizipations- und Kontrollrechten ausgesetzt sind, beschädigt damit nicht nur ihre eigenen Legitimationsgrundlagen, sondern die Legitimität von Regieren in <em>public-private-governance-networks</em> über die bereits bekannten Maße hinaus. Solange man in diesen sich ausbreitenden informellen Strukturen auf Seiten der NRO nur die jeweils eigenen gesteigerten Partizipationsrechte und auf Seiten der formal legitimierten Regierungen nur die vermeintlichen Effektivitätsgewinne im Auge hat, befindet sich die eingangs angesprochene langfristige Entwicklungstendenz der Demokratisierung zur Zeit in einer eigenartigen Regression.</p>
<p>Zusammen mit dem als Personalisierung und Mediatisierung der Parteipolitik breit diskutierten Rückgang an innerparteilicher Demokratie könnten somit die Aspekte charismatischer und lediglich intern auf persönlichem Vertrauen basierender Führungsstrukturen in den NSB insgesamt derzeit an einem Wandel der politischen Kultur mit strukturellen Auswirkungen teilhaben, dessen Entwicklungsfluchtpunkt noch nicht recht erkennbar ist. Die paradoxe Tendenz der Relativierung gleichberechtigter formaler Mitwirkungsrechte durch Ausweitung der Partizipation von NSB in allen Phasen des politischen Prozesses scheint aber langfristig eindeutig zu sein.</p>
<h3 class="">Anmerkungen</h3>
<p>1 Ich knüpfe hier an frühere Überlegungen an, die aber auf die durch Informalisierung bedingten Veränderungen des Regierens und nicht die inneren Strukturen von Neuen Sozialen Bewegungen abzielten, siehe Greven 2000.</p>
<p>2 Die unterschiedliche Bezeichnung als NRO und NSB schuldet sich &#8211; wie bei anderen Autoren &#8211; dem jeweiligen Kontext; dass heute politikwissenschaftlich mehr von NRO als NSB die Rede ist, spiegelt die politische Einbindung sozialer Bewegungen in policy-coalitions und die an sie gerichteten Erwartungen rationalen Mitregierens sowie den momentanen Abschwung fundamentaler Opposition unbewußt, aber realistisch wider.</p>
<p>3 Auch (innerparteiliche) Demokratie ist eine Herrschaftsstruktur &#8211; nur eben eine auf politischer Gleichheit und Partizipationsrechten beruhende.</p>
<p>4 Bei Joachim Raschke wird sie immerhin in der angesprochenen Weise, anders als in zahlreichen von mir überprüften wichtigen Werken zu NSB, aufgeworfen; auf das für ihn wohl entscheidende Argument, warum es sich hier &#8222;eher&#8220; nicht um &#8222;Herrschaft&#8220; handle (Raschke 1985: 218), komme ich im Text noch zu sprechen.</p>
<p>5 Prägnante Beispiele zur &#8222;Substitution von &#8218;Herrschaft&#8216; durch &#8218;Führung&#8220;&#8218; in dem von Dietrich Nilger verfassten Unterkapitel des Stichworts &#8222;Herrschaft&#8220; in den Geschichtlichen Grundbegriffen (Hilger 1982). Bezeichnenderweise spricht Joachim Raschke dort, wo er das Thema Charisma in NSB kurz berührt, vom &#8222;charismatischen Führungstyp&#8220; (Raschke 1985: 218) und setzt es mit einem &#8222;charismatisch-autoritären&#8220; oder gar &#8222;-totalitärem Modell&#8220; (ebd.: 219) gleich.</p>
<p>6 In der Kritischen Theorie findet sich für diesen Sachverhalt die dialektische Formel von der &#8222;Surplus-Herrschaft&#8220;: als einem funktionalen Zuviel an Herrschaft und dem Gewinn, den ihre Inhaber daraus ziehen, z.B. Marcuse 1969.</p>
<p>7 Heute scheint diese unkritische Haltung sich von früherer NSB-Emphase in die neuere NGO-governance-Diskussion verschoben zu haben &#8211; so etwa bei Klaus Dieter Wolf, der glaubt, das Legitimationsproblem mitregierender NGO lasse sich durch den Hinweis auf deren &#8222;Reputation&#8220; umgehen, und bei dem die hier thematisierten inneren Probleme als legitimationsbedürftig gar nicht erst auftauchen (Wolf 2002).</p>
<p>8 Hier ist nicht der Raum, alternative Konzepte von &#8222;Führung&#8220; in der Bewegungstheorie zu diskutieren, z.B. das von Alain Touraine &#8211; allerdings noch auf dem Hintergrund der Klassenanalyse entwickelte &#8211; Konzept der &#8222;Berufung&#8220;, das &#8222;von der virtuellen Gegenwart des historischen Subjekts im Individuum ausgeht&#8220;, woraus sich eine Führungsrolle ergeben kann (Touraine 1974: 276f.). Genau hier zeigt sich der &#8222;moderne&#8220; Charakter von Webers attributions- und handlungstheoretischem Ansatz, der sich vor allen Bewegungstheorien marxistischer Provenienz durch das Fehlen jeglicher Geschichtsmetaphysik auszeichnet und der im Unterschied zu einigen neueren Ansätzen der Bewegungstheorie ohne Evolutionsannahmen auskommt.</p>
<p>9 &#8222;Was Dutschke als &#8222;totale Personalisierung&#8220; durch die bürgerlichen Massenmedien anprangerte, beschrieb eine unauflösliche Verstrickung der Bewegung insgesamt&#8220; (Koenen 2001: 36).</p>
<p>10 Eigentümlich selbstverständlich bürgerte sich auch der Begriff &#8222;Studentenführer&#8220; oder &#8222;Führer der Studentenbewegung&#8220; oder &#8222;APO-Führer&#8220; (z.B. Rudi Dutschke) ein, zuerst wohl durch die Medien, schließlich aber auch in den Bewegungskontexten (man denke an Petra Kelly) selbst und sogar in der sozialwissenschaftlichen Literatur. Dabei taucht das Adjektiv &#8222;charismatisch&#8220; nicht selten als Personenkennzeichen auf, ohne dass die hier diskutierten Fragen gestellt würden; im Zusammhang mit der heutigen attac könnte man angesichts der globalen Präsenz einiger Personen geradezu von &#8222;Starrummel&#8220; sprechen, der sicherlich auch eine ökonomische Relevanz besitzt.</p>
<p>11 Man denke an die Art, wie Joschka Fischer bis heute in seiner Partei erfolgreich &#8218;herrscht&#8216;, ohne die entsprechenden Ämter inne zu haben.</p>
<p>12 Natürlich waren in der Friedensbewegung alle für den Frieden engagiert &#8211; aber ob sich die nächste Großdemonstration nur gegen die amerikanischen Pershing II oder auch zugleich gegen die sowjetischen SS-20 richten sollte, das war doch manchmal in sehr kleinen Kreisen auszuhandeln.</p>
<p>13 Roland Roth kommt das Verdienst zu, mit diesen Begriffen die &#8222;Gegeninstitutionalisierungen&#8220; der von einigen immer noch nur als &#8222;bewegt&#8220; begriffenen NSB zum Thema gemacht zu haben &#8211; allerdings findet sich in dem ganzen Buch nicht ein Hinweis darauf, dass sich in den Strukturbildungen der &#8222;Demokratie von unten&#8220; wiederum die klassischen Demokratiefragen stellen lassen: Roth 1994.</p>
<p>14 Nach meinen persönlichen Erfahrungen stammen nicht wenige der älteren Engagierten in NSB aus früheren Kontexten der demokratischen und sozialistischen Jugendbewegung.</p>
<p>15 Man denke an die Rolle Daniel Cohn-Bendits im Pariser Mai 1968 &#8211; und das Reputationskapital, das sich für ihn daraus (bis heute?) ergab; vgl. Gilcher-Holtey 1995.</p>
<p>16 Hier finden Überlegungen in der Weber-Literatur ihren Ansatz, die die auf personalen Verhältnissen beruhenden charismatischen Herrschaftsbeziehungen wie zum Beispiel in NSB im Gegensatz zur modernisierungsbedingten &#8222;Rationalisierung&#8220; aller Lebensverhältnisse und der Politik sehen, die sich in formalisierten Prozeduren niederschlägt; siehe dazu Breuer 1994: 144ff.</p>
<p>17 Für die K-Gruppen gibt es Ansätze dazu bei Koenen 2001, die zeigen welche Ressourcen in politischen Gruppen und Bewegungen zeitweise mobilisiert werden konnten &#8211; und welche Vermögensbestände bei ihrem politischen Niedergang übrig bleiben. Ähnliche Ausmaße wird man in den viel informelleren Strukturen der meisten NSB und ihrer Bewegungsorganisationen allerdings nicht erwarten dürfen.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Alemann, Ulrich von/Heinze, Rolf G</em>. (Hgg.) 1979: Verbände und Staat, Opladen</p>
<p><em>Breuer, Stefan</em> 1994: Bürokratie und Charisma, Darmstadt</p>
<p><em>Gilcher-Holtey, Ingrid</em> 1995: Die Phantasie an die Macht, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Greven, Michael Th</em>. 2000: Die Beteiligung von Nicht-Regierungs-Organisationen als Symptom wach-<br />
sender Informationalisierung des Regierens; in: <em>vorgänge</em> 151 (Heft 3/2000 — September), S. 3-12</p>
<p><em>Greven, Michael Th</em>. 1988: Zur Kritik der Bewegungswissenschaft; in: <em>Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen</em>, 4/1988, S. 51-60</p>
<p><em>Hilger, Dietrich</em> 1982: Die Substitution von &#8218;Herrschaft&#8216; durch &#8218;Führung&#8216;: in: <em>Geschichtliche Grundbegriffe</em>, Bd. 3, Stuttgart, S. 94-98</p>
<p><em>Hondrich, Karl Otto</em> 1973: Theorie der Herrschaft, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Koenen, Gerd</em> 2001: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln</p>
<p><em>Lohmar, Ukrich</em> 1963: Innerparteiliche Demokratie, Stuttgart</p>
<p><em>Luhmann, Niklas</em> 2002: Organisation und Entscheidung, Opladen</p>
<p><em>Marcuse, Herbert</em> 1969: Versuch über die Befreiung, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Raschke, Joachim</em> 1985: Soziale Bewegungen, Frankfurt/Main u. New York</p>
<p><em>Roth, Roland</em> 1994: Demokratie von unten, Köln</p>
<p><em>Touraine, Alain</em> 1974: Soziologie als Handlungswissenschaft, Darmstadt/Neuwied</p>
<p><em>Touraine, Alain</em> 1976: Soziale Identität und soziale Bewegung; in: Ders.: Was nützt die Soziologie?, Frankfurt/Main, S. 176-207</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1972 [1921/22]: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. rev. Ausg., Tübingen</p>
<p><em>Wolf, Klaus Dieter</em> 2002: Zivilgesellschaftliche Selbstregulierung: ein Ausweg aus dem Dilemma des internationalen Regierens?; in: <em>Jachtenfuchs, Markus/Knodt, Michéle</em> (Hgg.): Regieren in internationalen Institutionen, Opladen, S. 183-214</p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/editorial-88/</link>
		
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		<pubDate>Tue, 10 Sep 2024 10:10:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Charisma]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Macht]]></category>
		<category><![CDATA[Max Weber]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>,,Wir brauchen einen großen charismatischen Internationalisten&#8220; &#8211; Richard Rorty, Philosoph in Stanford, zielte mit diesem transatlantischen Hilferuf jüngst im Merkur auf einen Europäer: Joschka Fischer. Dieser solle die EU einen, den USA zeigen, dass nicht alles nach ihrem Willen geschehe und gleich noch &#8222;eine gewaltige Initiative zur Rettung und Befreiung der armen Länder anführen, mit [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-160/publikation/editorial-88/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>,,Wir brauchen einen großen charismatischen Internationalisten&#8220; &#8211; Richard Rorty, Philosoph in Stanford, zielte mit diesem transatlantischen Hilferuf jüngst im <em>Merkur</em> auf einen Europäer: Joschka Fischer. Dieser solle die EU einen, den USA zeigen, dass nicht alles nach ihrem Willen geschehe und gleich noch &#8222;eine gewaltige Initiative zur Rettung und Befreiung der armen Länder anführen, mit der die reichen Länder auch ihre eigene Haut retten.&#8220; Bemerkenswert an diesen Sätzen ist nicht in erster Linie deren unfreiwillige Komik, sondern vor allem das Engagement, mit der einer der wichtigsten linken Intellektuellen Amerikas seine Zeitgenossen aufrütteln wollte &#8211; und dazu einen starken Mann herbeisehnte. Zwei Fragen drängen sich auf: Braucht eine Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät, einen charismatischen Führer, als letzten Ausweg sozusagen? Und was ist eigentlich gemeint, wenn von Politikern &#8222;mehr Charisma&#8220; eingefordert wird?</p>
<p>Der Begriff ,,Charisma&#8220; changiert zwischen Alltagssprache und strenger Herrschaftssoziologie. Eine feststehende Bedeutung hat er nicht. Festzuhalten bleibt aber, dass Charisma eher ein soziales Beziehungsgeflecht als die individuellen Eigenschaften einer Person umschreibt: Man ,,hat&#8220; kein Charisma, sondern erlangt es erst im Verhältnis zu anderen und in bestimmten Situationen. Von Max Weber wurde der Begriff Anfang des letzten Jahrhunderts für die modernen Sozialwissenschaften aus der Theologie adaptiert; Erfahrungen aus dem militärischen Bereich prägten ihn ebenfalls. Bis heute sind Propheten und Feldherren die prototypischen Charismatiker. In jüngster Zeit versuchte vor allem die nach wie vor prosperierende Weber-Forschung den Terminus neu zu beleben. Die <em>vorgänge</em> wollen, daran anknüpfend, die Bedeutung von Charisma für die Gegenwarts-Gesellschaften analysieren &#8211; unter Einschluss des Phänomens der Medien-Charismatiker. Dabei verfolgen die Autoren verschiedene Zugänge: Manche wählen eher die strenge herrschaftssoziologische Betrachtung, andere die Form des historischen Porträts. Diese Bandbreite ist durchaus beabsichtigt, kann man doch so der Tatsache Rechnung tragen, dass sich das unscharfe und assoziative Moment des Charisma-Begriffs ohnehin niemals wirklich präzise fassen lässt.</p>
<p>Zu unseren Beiträgen: <em>Michael Th.</em> <em>Greven</em>, Politikwissenschaftler in Hamburg, leistet mit seinem Aufsatz Pionierarbeit. Er stellt, nicht zuletzt aus eigener Anschauung, die kritische Frage nach charismatischen Strukturen in den Neuen Sozialen Bewegungen und den damit einhergehenden demokratietheoretischen Problemen. Der Berliner Historiker <em>Wolther von Kieseritzky</em> widmet sich dem &#8211; neben Rudi Dutschke &#8211; vielleicht wichtigsten Charismatiker der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Rede ist natürlich von Willy Brandt. Warum Charisma immer bei Weber nachschlagen, wenn man es doch bei Thatcher leibhaftig studieren kann?, fragt sich <em>Dominik Geppert.</em> Unser Autor vergleicht den mitunter charismatischen Kanzler Schröder mit der stets charismatischen Eisernen Lady und kommt zu dem Schluss, dass Charme, Eloquenz und die Fähigkeit, dem Wahlvolk &#8218;aufs Maul zu schauen&#8216; allein noch keinen charismatischen Politiker abgeben &#8211; zumindest eine Handtasche gehört noch dazu. <em>Lothar Probst</em> beschäftigt sich eingehend mit der von Jörg Haider ausgehenden Wirkung auf bestimmte Wählerschichten und analysiert, wie dieser rechtspopulistische Politiker es über Jahrzehnte verstanden hat, sein Charisma über die Niederungen des politischen Alltags hinweg zu retten. <em>Werner Dieball,</em> Politikwissenschaftler in Münster, untersucht in seinem Beitrag die Körpersprache der Spitzenpolitiker Schröder und Stoiber. Ihn leitet dabei die Frage, inwieweit nonverbale Ausdrucksformen Rückschlüsse auf das Charisma der Personen zulassen.<em> Wahied Wandat-Hagh</em> wendet den Weberschen Charisma-Begriff auf die Herrschaft der Islamisten im Iran an und gelangt so zu neuen Einblicken in die Natur des Regimes. Der finnische Soziologe <em>Kari Palonen</em> dringt indes tief in die Weberschen Original-Texte ein und belegt, wie stark der Herrschaftsbegriff bei diesem von der Macht der Rhetorik abhängt &#8211; und weshalb darin auch ein Stück Freiheit liegen kann. Ein <em>Literaturbericht</em> schließt wie immer den Thementeil des Heftes ab.</p>
<p>Unser <em>Essay</em> unterzieht die zur Zeit laut tönende Familienrhetorik einer eingehenden Kritik: <em>Mechtild Jansen</em> fragt nach den gesellschaftlich-ideologischen Hintergründen des Geredes von der &#8222;heiligen Familie&#8220; und postuliert ihrerseits Ziele einer neuen Familienpolitik.</p>
<p>In den <em>Kommentaren und Kolumnen</em> schreiben: <em>Christoph Butterwegge</em> über den Extremismus der Mitte, <em>Walter Beltz</em> über den Umgang der US-Amerikaner mit der muslimischen Minderheit im eigenen Land und<em> Götz-Dietrich Opitz</em> über das Ringen um die Abschaffung der Todesstrafe in den USA. <em>Benjamin Hoff</em> und <em>Florian von Alemann</em> analysieren die Veränderungen im französischen Parteiensystem nach den diesjährigen Wahlen. Unser Prager Korrespondent<em> Tomás Kafka</em> reflektiert, was es bedeutet, Jude zu sein und <em>Hans Lisken</em> schreibt über Grundrechte und Globalisierung. Es folgen die Buchbesprechungen.</p>
<p>Noch etwas in eigener Sache: die <em>vorgänge</em> trauern um ihren Gründungsverleger Gerhard Szczesny. Einen Nachruf finden Sie am Ende der Kommentare und Kolumnen.</p>
<p>Erkenntnisreiche Lektüre wünschen wie immer</p>
<p style="text-align: right;"><em>Thymian Bussemer und Alexander Cammann</em></p>
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