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	<title>DDR Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Was können wir heute aus der Friedensbewegung der 1980er Jahre lernen?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/veranstaltungen/2026/was-koennen-wir-heute-aus-der-friedensbewegung-der-1980er-jahre-lernen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Mar 2026 11:43:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Zeiten der Militarisierung, des Bellizismus, der atomaren Bedrohung und des neuen Wehrdienstes in Deutschland, braucht es mehr denn je eine Friedensbewegung und pazifistische Kräfte in Politik und Zivilgesellschaft. Doch wie kann dies gelingen? Wie können sich Menschen im Angesicht zunehmender internationaler Konflikte und Kriege für den Frieden einsetzen? Und welche Lehren können wir dabei [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/veranstaltungen/2026/was-koennen-wir-heute-aus-der-friedensbewegung-der-1980er-jahre-lernen/">Was können wir heute aus der Friedensbewegung der 1980er Jahre lernen?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In Zeiten der Militarisierung, des Bellizismus, der atomaren Bedrohung und des neuen Wehrdienstes in Deutschland, braucht es mehr denn je eine Friedensbewegung und pazifistische Kräfte in Politik und Zivilgesellschaft. Doch wie kann dies gelingen? Wie können sich Menschen im Angesicht zunehmender internationaler Konflikte und Kriege für den Frieden einsetzen? Und welche Lehren können wir dabei aus der bislang größten Friedensbewegung – jener der 1980er Jahre – ziehen? Über die historische Perspektive zu Erfolgen und Misserfolgen der Friedensbewegung der 1980er Jahre hinaus, stellt sich die Frage, wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu heutigen Kontexten bestehen und welche Anknüpfungspunkte an die damalige Friedensbewegung möglich sind.</p>
<p>Darum lädt die Humanistische Union <em>am 24. März, um 19 Uhr</em> zur Podiumsdiskussion <em>Was lernen wir aus der Friedensbewegung der 1980er Jahre heute?</em> ein. Diese findet im <em>Robert-Havemann-Saal im Haus der Demokratie und Menschenrechte (Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin)</em> statt.</p>
<p>Die Podiumsdiskussion ist der Abschluss unserer Ausstellung <a href="https://www.humanistische-union.de/thema/die-friedensbewegung-1980er-jahre-in-der-brd-fokus-west-berlin/"><em>Die</em> <em>Friedensbewegung der 1980er Jahre in der BRD – mit Fokus auf West-Berlin</em></a>, die von der Landeszentrale für politische Bildung &#8211; anlässlich des diesjährigen Abiturschwerpunkts im Fach Geschichte &#8211; gefördert wird. Vom 4. März bis 10. April 2026 wird die Ausstellung im Foyer des Robert-Havemann-Saals gezeigt. Auf sechs Roll-Ups werden ausschließlich Dokumente (Fotos, Flugblätter, Zeitungsartikel, Karikaturen etc.) der Jahre 1980 bis 1988 von beteiligten Gruppen, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Hochschulen gezeigt. Die Ausstellung bietet die Möglichkeit, sich mit den Debatten, Zielen und (Miss-)Erfolgen der Friedensbewegung auseinanderzusetzen.</p>
<p>Im Rahmen dieser Finissage soll auch diskutiert werden, wie ein Interesse an Friedenspolitik und Friedensbewegungen bei jungen Menschen entstehen kann oder verstärkt wird, und was die Ausstellung und Friedenspädagogik dazu beitragen können. Daher wird auch diskutiert, wie Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte auf die Ausstellung reagiert haben, und inwiefern die Ausstellung nicht nur historisches Wissen vermittelt, sondern auch zu Diskussionen anregen will.</p>
<p>Die Ausstellung kann während der Veranstaltung besichtigt werden.</p>
<p>Es diskutieren:</p>
<ul>
<li><strong>Hilde Schramm</strong>, Zeitzeugin, Mitwirkung an der Ausstellung</li>
<li><strong>Bettina Deutsch</strong>, Geschichtslehrerin, Mitwirkung an der Ausstellung</li>
<li><strong>Wolfram Beyer</strong>, IdK (Internationale der Kriegsgegner*innen)</li>
</ul>
<p><strong>Moderation: Hajo Funke</strong>, Politikwissenschaftler</p>
<p><em>Die Teilnahme an der Podiumsdiskussion ist, wie auch die Besichtigung der Ausstellung, </em><em>kostenlos. Um Anmeldung wird jedoch gebeten. Schreiben Sie dazu bitte eine Mail an: <a href="mailto:info@humanistische-union.de">info@humanistische-union.de</a>.</em></p>
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		<title>Was war und zu welchem Ende kam die politische Energie der Ostdeutschen? Rede vor der Akademie der Künste vom 8.11.2019</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/was-war-und-zu-welchem-ende-kam-die-politische-energie-der-ostdeutschen-rede-vor-der-akademie-der-kuenste-vom-8-11-2019/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Sep 2025 10:37:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensweisen / Pluralismus]]></category>
		<category><![CDATA[Neonazis]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[BRD]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Dialog]]></category>
		<category><![CDATA[Ostdeutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Treuhand]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>0. Drei Jahrzehnte nach dem großen Umbruch sollte man meinen, die tragenden Linien, die zu ihm führten und seine Form bestimmten, würden sichtbar werden, ins öffentliche Bewusstsein treten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bundesrepublik spinnt ihr altes Selbstgespräch über Ostdeutschland fort und fort – doch inzwischen hört dort niemand mehr zu. 1. Wie kamen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/was-war-und-zu-welchem-ende-kam-die-politische-energie-der-ostdeutschen-rede-vor-der-akademie-der-kuenste-vom-8-11-2019/">Was war und zu welchem Ende kam die politische Energie der Ostdeutschen? Rede vor der Akademie der Künste vom 8.11.2019</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">0.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Drei Jahrzehnte nach dem großen Umbruch sollte man meinen, die tragenden Linien, die zu ihm führten und seine Form bestimmten, würden sichtbar werden, ins öffentliche Bewusstsein treten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bundesrepublik spinnt ihr altes Selbstgespräch über Ostdeutschland fort und fort – doch inzwischen hört dort niemand mehr zu.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">1.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Wie kamen wir heran? Am Anfang stehen ein ganz präzises Datum und sogar eine einzelne Person. Es ist der 10. September 1989, die Person heißt Bärbel Bohley. Ein Jahr lang hatte diese kleine Frau das Treffen von 30 Oppositionellen aus den 15 Bezirken der DDR vorbereitet, auf dem jetzt die Bürgerbewegung „Neues Forum“ gegründet wird. (Es war übrigens der Grundgedanke, sie jenseits der Kirche und außerhalb der Opposition zu verankern.) –</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Natürlich, ein solcher weltgeschichtlicher Wirbel, wie er sich nun im Herbst 1989 entfaltet, hat 100 Bedingungen und 1000 Randbedingungen – die <i>Form des Handelns</i> aber, in denen die Menschen agieren (werden), die wurde hier gesetzt. <b>Dialog. Generalaussprache aller politischen Strömungen im Lande.</b> <b>Basisdemokratie der eigenen Bewegung. Gewaltlosigkeit von beiden Seiten.</b> Das war der Tanzpunkt der ostdeutschen Demokratie, und das blieb der Grundgestus ihres Handelns bis gegen Ende 1993.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">2.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Wo genau im Spektrum der politischen Haltungen in der DDR entstand der Durchbruch zur Demokratisierung? – Man kann diese Einstellungen grundsätzlich in vier Viertel teilen, um sie zu verstehen. Jedes Viertel entwickelte zu verschiedenen Zeiten verschiedene Ausstrahlungs-, Abstoßungs- oder Bindekräfte. Von links nach rechts erzählt, ergibt sich: das erste Viertel unterstützte den sozialistischen Versuch aktiv, das zweite Viertel sympathisierte ihm passiv, das dritte lehnte ihn passiv ab, das vierte Viertel lehnte ihn mehr oder weniger aktiv ab.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Fragt man nach der Akzeptanz des sozialistischen Projekts in dieser Einteilung, dann fällt auf, dass es je eine linke und eine konservative Hälfte der Bevölkerung gab.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Demokratiebewegung begann im zweiten Viertel des politischen Spektrums; hier war die Opposition der ’80er Jahre zu Hause. Ihr Aufbruch sprang augenblicklich sowohl nach links als auch nach rechts über, also in das erste und zum dritten Viertel, weil auch hier jener Grundgestus den angestauten demokratischen Bedürfnissen entsprach.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western " align="left">3.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Da war sie plötzlich, die große Zeit, das Wunderjahr. Sofort daran zu erkennen, dass die Menschen den Kopf höher trugen, im Betrieb wie auf der Straße, sie sahen einander ins Gesicht und ließen sich ansprechen. Offenheit begann als eigene Handlung. Was da als Neues Forum gegründet worden war, breitete sich innerhalb von 8 Wochen auf 200.000 Teilnehmer aus und diente im ganzen Land als Anfangsposition der realen politischen Differenzierung. Und das war nur die politische Bewegung. Flächendeckend wie in keinem anderen Land Osteuropas breitete sich Selbständigkeit exponentiell aus, ging in allen Lebensbereichen vor, drang in allen Sozialstrukturen durch. Anfangs waren es die Demonstrationen, bald aber schon die Absetzung von Bürgermeistern, die Neuwahl von Werkleitungen durch Belegschaftsversammlungen, die Bildung spontaner Bürgerkomitees, welche eigenmächtig Tore von Kasernen öffnen ließen, oder eben jene Erfurter Frauen, die am 4. Dezember die erste Bezirksverwaltung des MfS schlossen und versiegelten. Am 7. Dezember begann der Zentrale Runde Tisch in Berlin als oberste Instanz der Übergangszeit, ihm folgten hunderte kommunale und fachspezifische Runde Tische, an denen reale Verwaltungsentscheidungen getroffen wurden, noch bis weit in das Jahr ’90 hinein. Es gab keine Führung, es war Selbstorganisation. Hier handelten Bürger in Selbstbestimmung – landauf und landab!</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">4.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">„Wo hatten sie das gelernt?“, fragte spitz und treffend der ostdeutsche Soziologe Wolfgang Engler schon vor 20 Jahren. Offensichtlich konnte dies nur in der DDR geschehen sein. Aber wodurch? Durch die Erfahrung sozialer Gleichstellung der überwiegenden Mehrheit der Bürger dort. Das war für westliche Augen wohl weniger offensichtlich.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Seit den 70er Jahren trat ein Umschwung im innergesellschaftlichen Gleichgewicht der DDR ein. Auf die wie in Stein gemeißelten Verstaatlichungen antwortete ein neues Sozialverhalten. Die Gleichstellung der Menschen bei Stillstellung der Eigentumsverhältnisse hatte reale Folgen. In den Betrieben lösten sich mindestens die untersten 3, 4 Stufen der alten Hierarchie auf, Arbeiter und Angestellte waren auf gleich gestellt, noch der Meister war von der ausführenden Brigade abhängig; Ingenieure, Wissenschaftler, Ärzte galten als Teilarbeiter unter anderen Arbeitern. Die Menschen orientierten sich aneinander statt an Hierarchien und Aufstiegschancen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Es entstand eine soziale Eigendynamik, die zur Umkehr der Hierarchien tendierte und die politisch gesetzten Rahmen arbeitsalltäglich erweiterte, tatsächlich veränderte und für individuelle Lebensräume ausnutzen konnte. Das Gegenteil von westlicher Sozialisation über Marktchancen. Das war die lange Vorgeschichte und Vorbereitung von 1989. Zuletzt hockte nur noch die Regierung in einer „Nische“, keineswegs die Mehrheitsbevölkerung. Und die so oft bemühte „friedliche Revolution“ wurde in Wahrheit die kräftige Erbschaft, welche die DDR ihren Bürgern auf den Weg mitgab.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">5.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Der Mauerfall änderte allerdings ruckartig die Zusammensetzung und die Perspektiven der Demokratiebewegung. Nun erst trat das vierte, das konservative Viertel des politischen Spektrums aus seinem Wartestand hervor. Mit ihm und seiner Ausstrahlung auf das dritte Viertel (ablehnend, aber passiv hatte ich es charakterisiert) verschob sich das politische Nahziel vom Umbau der DDR zu nationalstaatlicher Wiedervereinigung. Ab Ende Dezember dominierte das Einheitsziel die öffentliche Meinung in Ostdeutschland.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Jetzt aber waren tatsächlich alle vier Viertel unterwegs, sämtliche politischen Einstellungen, sei es, sie hatten die DDR aufgebaut, mitgetragen, ertragen oder erlitten, waren nun in Bewegung geraten und standen einander gegenüber. Die Vollständigkeit dieses Gesamtauftritts der Ostdeutschen kann man noch an der enormen Wahlbeteiligung am 18. März 1990 erkennen; sie betrug 93, 4 Prozent.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">6.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Von jenen Wahlergebnissen ist meist nur das politische Resultat bekannt: mit 47 Prozent konnte sich die bürgerrechtlich dünn verzierte, von Helmut Kohl aufgepumpte ostdeutsche CDU zum Sieger erklären. Das entschied zugleich den Weg in die schnellstmögliche staatliche Einheit.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Allerdings zeigen die übrigen Wahlergebnisse noch anderes. 16 Prozent für die PDS, 22 für die SPD (Ost), 5 für die beiden Bürgerbewegungslisten. Da sprechen sich die politischen Haltungen aus den ersten drei Vierteln des politischen Spektrums aus. Diese Stimmen zusammen ergeben 43 Prozent. Sogar jetzt, in diesem Moment der tiefsten Erniedrigung der Reformperspektive, sieht man noch immer die zwei Hälften der DDR-Bevölkerung, die linke und die konservative, mit 43 zu 47 Punkten durchscheinen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ich füge hinzu: Nach 30 Jahren staatlich organisierter Einheit hat sich in Thüringen gerade wieder der gleiche Block von 44 Prozent Rot-Rot-Grün gezeigt.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">7.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Inzwischen koppelt sich die Basis immer mehr ab vom Oberbau der Einheit, schlägt sowohl nach links wie auch nach rechts aus. Woher kommt das, warum hat sie das nötig? Es begann nicht von ihrer Seite, es begann mit der Zerstörung der eigenen medialen Öffentlichkeit und wurde zementiert durch die radikale Privatisierungsstrategie der Treuhand.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Kaum zwei Jahre nach 1990 bestand in Ostdeutschland keine einzige TV-Station, keine Rundfunkanstalt, keine größere Zeitung mit gewachsener Leser-Blatt-Bindung mehr, die nicht von einer westdeutschen Chefredaktion geleitet worden wäre. Die Generalaussprache, das politische Bewusstsein, die soziale Erinnerung, alle Selbstverständigung, die sich eine ganze Bevölkerung gerade eben erobert hatte, verwandelte sich in Entmündigung und Belehrung. In den Betrieben gaben nicht mehr die Belegschaften den Ton an, sondern unerreichbare Eigentümer den Takt vor. Und statt uns selber auszusprechen, sollten wir jetzt nur noch zuhören. Das war eine scharfe Kehre, die durchaus verstanden wurde und umgehend als Lähmung wirkte. Die politische Debatte war wieder auf die Ebene des Privatgesprächs heruntergedrückt. Das war gerade der Zustand, aus dem wir gekommen waren.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Nun begannen die Rückfälle in jene Mentalitäten, aus denen man aufgebrochen war. Der Ängstliche wurde wieder ängstlich, der Mutige wieder einsam, der Zweifler wieder schüchtern, der Sozialist wieder steif und stur, der ehemalige Oppositionelle entweder Moralist oder Karrierist, der Spießer wieder spießig etc. etc.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">8.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Jeder einzelne Rückfall dünnte die ostdeutsche Demokratie aus. Bis 1993, als durch den neunmonatigen grandiosen Arbeitskampf der Kalibergleute von Bischofferode im Harz doch noch eine verzweifelte Hoffnung im Land aufkeimte, hielt die Demokratiebewegung an dem Grundgestus von 89 fest, dann war sie zerstreut und besiegt. Ihre Revolution war beendet.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wie lässt sich dieser Gang der Ereignisse zusammenfassen? Seit damals quält sich auf unserem Territorium ein Volk, das schon einmal eine Gesellschaft geworden war – das wäre die soziologische Ausdrucksweise für das Phänomen. Man sollte vielleicht zeitgemäßer sagen: Hier quält sich eine Gesellschaft, die 1989/90 schon einmal demokratisch geworden war – das wäre dann eine politologische Beschreibung desselben Sachverhalts.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">9.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Kein Ostdeutscher verachtete je die Demokratie, weder vor 1989 und erst recht nicht danach – er erkennt sie nur genauer, er nimmt sie persönlicher. Sie bedeutet ihm handhabbare Lebensumstände. Und die wollte er damals um einen vernünftigen politischen Überbau erweitern. Alle Beteiligten mussten dann schwer dazulernen, die einen gern, die anderen weniger gern. Keiner der vier politischen Haltungen blieben dabei spezifische Enttäuschungen erspart. Wenn aber auch in drei Jahrzehnten kein reales Gespräch zwischen West- und Ostdeutschland entsteht, dann liegen strukturelle Gründe vor. Da die institutionellen Voraussetzungen für einen echten Dialog so gut wie sämtlich in altbundesdeutscher Hand sind, muss die Fehlfunktion auf dieser Seite der Republik gesucht werden.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">10.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die Schlagwörter kennen wir: totalitär, zweite deutsche Diktatur, Unrechtsstaat, Nischengesellschaft, Mitläufertum, durchherrschte Gesellschaft usw. – Damit standen nun die, die allenfalls Zuschauer vom anderen Ufer aus gewesen waren, mitten in unserem Land und bewerteten Fabriken und Fähigkeiten, Leute und Lebensläufe, die sie nicht kannten und so auch nie kennenlernen konnten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Nehmen wir nur das eine Beispiel, den inflationären Gebrauch von „totalitär“ zur Charakterisierung der Natur der DDR-Gesellschaft.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dagegen steht das Ereignis selbst: Der Herbst 1989 in Ostdeutschland weist in dem größtmöglichen Maßstab eines erfolgreichen politischen Experiments aus, dass die soziale Logik der vormaligen Produktionsverhältnisse eben nicht totalitär gewesen sein kann. Und zwar gilt das für das Verhalten beider beteiligter Seiten. Der Auftritt – das Hervortreten – der ostdeutschen Demokratie und ebenso der Verlauf der Auseinandersetzung mit dem Machtapparat zeigen das an.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Unter solchen begrifflichen Masken ist die hier entstandene Gesellschaft nicht zu erkennen, sondern nur die Mutmaßungen, die vor ’89 und von außen her über uns entstanden, klappern hier weiter. Doch die alten Begriffe begreifen nicht mehr. (Für dieses Niveau der Auseinandersetzung hätte es eigentlich kein ’89 gebraucht.) Deshalb nenne ich es das „Selbstgespräch“ des Westens über den Osten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ein zweites Beispiel. Zusammen mit der institutionellen Zerstörung der ostdeutschen Öffentlichkeit bildet wohl das Stasi-Thema den inhaltlichen Eckstein, der ein reales Gespräch verhindert. Es ist der Schlagschatten, mit dem eine westdeutsche Vorstellungswelt die konkrete Erinnerung der Ostdeutschen bedrängt, verdrängt und verdunkelt. Man könnte auch von Missbrauch des Themas sprechen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Woher kommt das? Aus der Prägung der westdeutschen Intelligenz durch die Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Und wodurch entsteht das faktische Übergewicht der falschen Vergleiche? Es entsteht durch die vollständige Abwicklung der akademischen und medialen Intelligenz, die in der DDR entstanden war. Die scheinheilige (und unsaubere) Redeweise von den „zwei deutschen Diktaturen“ zeigt es an.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Argumentativ ist es bloß ein Selbstbezug, politisch aber wirkt es als Kolonialisierung.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">11.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Das sind nur zwei der Schläge auf die Köpfe der ostdeutschen Demokratie, also auf mindestens die Hälfte der Ostdeutschen. Wir denken noch darüber nach. –</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Welche Schläge es für die zwei anderen Viertel, also für die konservative Hälfte waren, das verstehen wir nicht so genau. –</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die AfD ist aber kein ostdeutsches Produkt, sondern eine ganz und gar westdeutsche Konsequenz. Sie verkörpert die Trennung des kleinen vom großen Bürgertum. Diese Spaltung wird daher im politischen System auch bestehen bleiben, sie kann nicht durch argumentative oder kulturelle Überlegenheit zum Verschwinden gebracht werden. Dieser Bruch bedeutet viel für die Bundesrepublik, er reicht tief und verändert sie zur Kenntlichkeit. Ihr Boden wird weiter nachgeben.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ostdeutschland hat solches Bürgertum nicht. Hier fließen die Wahlerfolge der AfD aus anderen Quellen. Es sind vielleicht 5 Prozent ihrer hiesigen Wählerschaft, die wirklich die Überzeugungen der Parteiführung teilen. Aber die Wunde der öffentlichen Sprachlosigkeit schwärt schon lang, das mag 15 Prozent ergeben. Die aktuellen 25 Prozent sind dagegen ein echtes Lernergebnis der Ostdeutschen aus den schlechten Umgangsformen der Denkzettel-Demokratie.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">12.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Diese neue Art Widerstand von rechts hat jedenfalls zwei verschiedene soziale Herkünfte. Die beiden deutschen Gesellschaften, wie sie aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen sind, bestehen fort. Die staatliche Vereinheitlichung hat deren Gegensätzlichkeit bislang weder deutlich erkennen noch konstruktiv auflösen können. Es ist keineswegs ausgemacht, von wo die nächsten Schritte der Demokratie ausgehen werden.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">13.</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Fragen wir abschließend. Wenn die demokratische Kompetenz von 1989 <b>heute</b> eine eigene Stimme, Öffentlichkeit und Handlungsfähigkeit hätte, was würde sie dann, an ihrem 30. Geburtstag in dem neuen Leben, sagen und tun?</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Sie würde zunächst stutzig werden über das auffällige und einfältige Gerede von der „friedlichen Revolution“. Sie würde sich dann erinnern, dass es nicht „friedlich“ war, sondern Monate unbeschreiblicher Angespanntheit waren. Sie würde erkennen, dass zu der Gewaltlosigkeit, die es ja nur war, zwei Seiten gehören.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Sie würde schließlich zu der anderen Seite sagen: Gut, wir sind noch immer anderer Meinung als Ihr – und Ihr seid es umgekehrt wahrscheinlich auch. Aber Ihr habt damals nicht geschossen, habt uns unseren Weg gehen lassen; habt Euch einer unbekannten Zukunft gebeugt. Deshalb soll von jetzt an jede verordnete Ausgrenzung enden. Also: Generalamnestie, Ende der Regelanfrage u. ä. –</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Das würde sie, denke ich, eine Generation später sagen. Und das geschähe keineswegs aus irgendwelcher „Versöhnung“, sondern einzig und allein aus Selbstachtung – aus Selbstachtung der ostdeutschen Demokratie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Klaus Wolfram</strong> arbeitete im Verfassungsausschuss des Zentralen Runden Tisches mit, in dem ein Verfassungsentwurf für die DDR erarbeitet wurde. Er war Koordinator der Programmkommission des Neuen Forum und Mitglied im Landessprecherrat des Neuen Forums. Wolfram ist seit 1994 als Lektor für den BasisDruck Verlag, den er mitgegründet hat. Wolfram ist außerdem Mitbegründer der Stiftung Haus der Demokratie Berlin.</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/was-war-und-zu-welchem-ende-kam-die-politische-energie-der-ostdeutschen-rede-vor-der-akademie-der-kuenste-vom-8-11-2019/">Was war und zu welchem Ende kam die politische Energie der Ostdeutschen? Rede vor der Akademie der Künste vom 8.11.2019</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Deutsch-deutsche Blicke auf den Faschismus zwischen Erkenntnis und abwehrender Geschichtspolitik</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/deutsch-deutsche-blicke-auf-den-faschismus-zwischen-erkenntnis-und-abwehrender-geschichtspolitik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Sep 2025 10:26:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Demokratisierung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>2025 begingen die Deutschen den Jahrestag der Befreiung vom Faschismus zum 34. Mal gemeinsam. Der Rückblick auf die gemeinsame deutsche Geschichte jedoch erfolgte geteilt. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der jungen DDR galt der 8. Mai von Anbeginn als Tag der Befreiung. Er wurde als Feiertag begangen. (Hurrelbrink 2006; Rahr/Sergijenko 2020) Die westdeutsche [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/deutsch-deutsche-blicke-auf-den-faschismus-zwischen-erkenntnis-und-abwehrender-geschichtspolitik/">Deutsch-deutsche Blicke auf den Faschismus zwischen Erkenntnis und abwehrender Geschichtspolitik</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">2025 begingen die Deutschen den Jahrestag der Befreiung vom Faschismus zum 34. Mal gemeinsam. Der Rückblick auf die gemeinsame deutsche Geschichte jedoch erfolgte geteilt. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der jungen DDR galt der 8. Mai von Anbeginn als Tag der Befreiung. Er wurde als Feiertag begangen. (Hurrelbrink 2006; Rahr/Sergijenko 2020) Die westdeutsche Republik benötigte 40 Jahre, bis sie nicht umhinkam, diesen Tag ebenfalls als Tag der Befreiung zu deklarieren. Als Katalysator wirkte die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Bundestag. Drei Jahrzehnte nach Weizsäckers Rede jedoch bezeichnet ein Spitzenfunktionär einer im Bundestag vertretenen rechtsextremen Partei den Hitlerfaschismus als „Vogelschiss der Geschichte“ und schwadroniert vom Stolz auf die Soldaten der Wehrmacht. Der Führer des völkischen Flügels seiner Partei tut es ihm vielfach nach, und die Vorsitzende dieser Partei erklärt Hitler zum Kommunisten. (Ratzsch et al. 2025).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Konti&shy;nu&shy;i&shy;t&auml;ten und Diskon&shy;ti&shy;nu&shy;i&shy;t&auml;ten</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Als Repräsentanten Westdeutschlands seien die Sozialdemokraten Willy Brandt und Herbert Wehner genannt – der eine Heimkehrer aus dem schwedischen, der andere aus dem sowjetischen Exil. Es waren aber auch Heinrich Lübke und Hans Filbinger. Der eine forderte KZ-Häftlinge als Arbeitssklaven an, (Wagner 2001) der andere sprach als „furchtbarer Jurist“ noch 1945 Urteile als Marinerichter im Sinne des Nazi-Staates. (Haase 1996)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Repräsentanten der DDR waren unter anderem Horst Sindermann, der die Konzentrationslager Mauthausen und Sachsenhausen überlebte (Pätzold et al. 2000) und dem die Wortkreation des „antifaschistischen Schutzwalls“ nachgesagt wird, sowie Klaus Gysi, der nach der Internierung in Frankreich untertauchen konnte, um während des Zweiten Weltkrieges für die KPD in den antifaschistischen Widerstand nach Deutschland zu gehen – und sich angesichts seiner jüdischen Biographie dabei besonderer Gefahren aussetzte. (König 2005) Diese exemplarisch genannten Biografien sprechen für eine Besonderheit der östlichen Republik: Sie repräsentierte trotz politischer Widersprüche das „andere Deutschland“. Und damit wirkte sie als Magnet für viele Menschen aus dem Exil: Stefan Heym, Ernst Bloch, Bertolt Brecht, aber auch Fred und Maxie Wander, die beide das ideologische Syndrom, das tief verwurzelte faschistische Denken in Österreich, nicht ertrugen. (Wander 2009)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Es schien, als würde der Osten Deutschlands nach der Befreiung zum Sammelbecken für die Menschen aus Exil und Widerstand, der Westen hingegen zum Schonraum für ehemalige Nazis und Kriegsverbrecher. Tatsächlich aber standen hüben wie drüben jene, die das Neue zu gestalten trachteten, vor einer Bevölkerung, die nicht nur tief verstrickt war in den NS-Staat, sondern zugleich von dessen Rassismus, Antisemitismus und menschenverachtendem Weltbild geprägt war. Mit dieser Bevölkerung war kein Staat zu machen, kein bürgerlich-demokratischer und allemal kein sozialistischer. Gleichwohl war ohne sie auch kein Staat zu machen!</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Erhebliche Bedeutung kam deshalb den Funktions- und Machteliten zu, die zentrale gesellschaftliche Bereiche in den beiden neuen deutschen Staaten bestimmten und damit auch, auf welchen Traditionen das Neue aufgebaut wurde.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auf dem Gebiet der späteren DDR dominierten die politischen Kräfte, die aus Widerstand und Exil zielgerichtet in den Osten Deutschlands gingen, wie Heym (1990) das in seiner Autobiographie mit den daran gekoppelten Widersprüchen differenziert darlegt. In der britischen Zone wurde versucht, auf sozialdemokratische Kräfte zurückzugreifen. In der US-amerikanischen Zone kooperierte man mit den beiden großen Kirchen. Das spülte auch besonders politisch Belastete wieder in hohe und höchste Positionen. (Billstein 1984; Giefer/Giefer 1991: 92ff.)</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Der Antifa&shy;schismus war vielf&auml;ltig und doch konsensual</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die antifaschistischen Kräfte rekurrierten in ihrem Geschichtsbild auf Positionen, wie sie in Widerstand und Exil entwickelt wurden. Diese allerdings waren – wie der Widerstand gegen den Hitlerfaschismus – heterogen. Politische Gruppierungen, die sich vor der Machtübergabe an die NSDAP noch bekämpften, waren ab Januar 1933 zur Kooperation genötigt und kultivierten ihre Solidarität spätestens in den illegalen Lagerkomitees in den Konzentrationslagern (Adler 1960). Hier, wie auch im Exil und in der antifaschistischen Kulturszene, artikulierte sich indes eine spezifische Sicht auf den deutschen Faschismus und seine Ursachen, die Heinrich Mann ([1944-1946] 1975: 8) wie folgt zum Ausdruck brachte:</p>
<blockquote class="western">
<p>„Im Felde besiegt. [&#8230;] Das nächste Mal werden wir besser rüsten, sprechen einige der neuesten deutschen Gefangenen. So aber Gott will, werden sie nichts zu rüsten haben. Keine Rüstungsfabrikanten mehr, besonders nie nie wieder die Herrschaften, die sich die Industrie nannten. Hiermit beginnt die deutsche Erziehung, wenn nach Erziehung gefragt wird.“</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Eine solche Sichtweise, das Interesse des Kapitals als ursächlich für Krieg und faschistische Herrschaft zu begreifen, durchzog den christlichen und den sozialdemokratischen Widerstand (SPD 1989), das westeuropäische Exil (Oppenheimer 1984), den kommunistischen Widerstand (Dimitroff 1935), aber desgleichen den jüdischen Widerstand gegen die Naziherrschaft (Schoeps 1997).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Diesen Konsens der antifaschistischen Kräfte artikulierte Max Horkheimer ([1939] 1988: 308f.) mit den Worten: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Hinter diese Position zurückzufallen benötigte nach dem 8. Mai 1945 und dem bald einsetzenden Kalten Krieg Zeit und eine rechte Geschichtspolitik (Steinbach 2012). Noch 1947 war angesichts dieses breiten Konsenses die CDU genötigt, ihrem Wirtschaftsprogramm eine explizit antikapitalistische Diktion zu geben: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“ (Zonenausschuss der CDU für die britische Zone 1947: 3)</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western " align="left">Der Konsens des Wider&shy;standes</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Mann und Horkheimer haben den Minimalkonsens zur Erklärung der Ursachen des deutschen Faschismus durch das andere Deutschland benannt. Demzufolge handelt es sich beim System des deutschen Faschismus um ein Bündnis und vielfach einen Kompromiss zwischen der NSDAP und den Führungsschichten der deutschen Industrie, den Banken und den gesellschaftlichen Funktionseliten. Man stimmte überein bei der Zerschlagung der Arbeiterbewegung und ihrer Organisationen, zur Einführung eines Systems der Reglementierung der Belegschaften in den Betrieben, kurz, einer Eliminierung der gesellschaftlichen Organisationen der arbeitenden Menschen. Das lag im vitalen Interesse der Kapitalseite.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die hierin erkennbare politische und wissenschaftliche Position fand sich bereits bei August Thalheimer ([1930] 1979) und Otto Bauer ([1936] 1979). Elemente dieses Denkens sind mit der von Georgi Dimitroff auf dem siebten Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1935 vertretenen Analyse an mehreren Stellen kompatibel. Letztere sollte in der späteren DDR bestimmend werden für die Interpretation der Ursachen der faschistischen Herrschaft.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dimitroffs Rede wird zumeist als frühes Definitionsmerkmal des Faschismus im offiziellen Geschichtsbild der DDR betrachtet. Dabei wird seine Position aber auf die Aussage reduziert, der Faschismus an der Macht sei die „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ (Dimitroff 1935: 6f.). Jedoch warnt er auch eindringlich, man dürfe sich „den Machtantritt des Faschismus nicht so simpel [&#8230;] vorstellen, als ob irgendein Komitee des Finanzkapitals den Beschluss faßt, an diesem und diesem Tage die faschistische Diktatur aufzurichten“ (Dimitroff 1935: 9). Wie Thalheimer hebt er die Notwendigkeit einer faschistischen Massenbasis hervor, die erst die konkrete Umsetzung des Interesses der Kapitalseite möglich mache. Allerdings bewertete Dimitroff die faschistische Massenbasis als weniger bedeutungsvoll und betonte primär das Kapitalinteresse an einer faschistischen Herrschaft. Den Gedanken der Bedeutung der Massenbasis verfolgt mit einer anders gelagerten Diktion auch Theodor W. Adorno, wenn er in seinen Studien zum autoritären Charakter von einer „Untersuchung zum potentiell faschistischen Individuum“ spricht (Adorno [1950] 1976: 1). Die darin enthaltene Erkenntnis war auch Dimitroff (1935) nicht fern, wenn er erkennt, dass die Naziideologie offenbar hegemonial geworden ist. Gleichwohl verkennt er auf fatale Weise die Bedeutung der faschistischen Massenbewegung und weicht hier von den Analysen der zeitgenössischen Autor*innen ab. Clara Zetkin ([1923] 2023: 4f.) betrachtet dies in ihrer Analyse des italienischen Faschismus wesentlich differenzierter, wenn sie die soziale Struktur der faschistischen Massenbasis hervorhebt, die proletarisch und kleinbürgerlich beeinflusst sei (Schütrumpf 2023). Dadurch exkulpierte Zetkin keinen der Beteiligten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Alle zeitgenössischen Versuche, die Ursachen des deutschen Faschismus auszumachen, auch die psychoanalytisch konnotierten (Reich [1933] 2020), waren Analysen der historischen Prozesse, die mit ziselierten Differenzierungen den Faschismus in einer bestimmten Periode in fast allen kapitalistischen Staaten ausmachten. Mit ihm verbunden waren – so die übereinstimmenden Positionen – soziale Bewegungen, die gemeinsame Merkmale aufwiesen: Ihrer sozialen Herkunft nach rekrutieren sie sich zumeist aus den bürgerlichen Mittelschichten, die von Krise und sozialem Abstieg bedroht waren. Ideologisch waren sie durch extremen Nationalismus, Antimarxismus, Autoritarismus und Militarismus gekennzeichnet. Rassismus und Antisemitismus waren kennzeichnend und ein scheinbar antikapitalistisches und pseudosozialistisches Auftreten. Die Organisationsstruktur faschistischer Bewegungen wurde als militaristisch und vom Führerprinzip durchdrungen beschrieben. Die politische Stoßrichtung richtete sich primär gegen die Arbeiterbewegung, mit dem Ziel ihrer terroristischen Zerschlagung. Der soziale Kern des Inhalts des Herrschaftssystems des Faschismus war die vollständige Unterwerfung der abhängig Beschäftigten unter das Kommando der Besitzer der Produktionsmittel. Tendenziell erfolgte – so die Beschreibung – die Verschmelzung der Führungsgruppen von Industrie, Finanzkapital, Militär und hoher Beamtenschaft mit den Führungsgruppen der faschistischen Partei zu einer neuen oligarchischen Führungsschicht (Kühnl 2014: 97).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Mit dem Einsetzen des Kalten Krieges schwand die Analyse des deutschen Faschismus und damit der Diskurs um seine Ursachen zugunsten einer interessengeleiteten Geschichtspolitik (Frei 1997). Zuvor, in den ersten zwei Jahren nach der Befreiung vom Faschismus, schien das politische Klima in Westdeutschland so desolat, wie zu vielen Hoffnungen berechtigt. Die Erfahrungen der Menschen mit dem Faschismus hatten zwischen den verschiedensten politischen und weltanschaulichen Positionen Brücken gebaut, die zu dem gemeinsamen Ziel hätten führen können, eine faschistische Entwicklung künftig unmöglich zu machen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Personelle Konti&shy;nu&shy;i&shy;t&auml;ten und Diskon&shy;ti&shy;nu&shy;i&shy;t&auml;ten</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Erste Brüche eines so erkennbaren Konsenses waren in den Westzonen bereits mit dem Beginn des Jahres 1946 beobachtbar (Badstübner/Thomas 1979). Die erfolgten Massenentlassungen von politisch Belasteten blieben nun aus, die politische Katharsis endete, als die Entnazifizierung den deutschen Ausschüssen übergeben wurde und im Mai 1948 die britische Besatzungsbehörde die Entlassung auch belasteter Personen verbot (Bauer 1947; Raiser 1947). Im Ergebnis darf für Westdeutschland von einer Renazifizierung gesprochen werden (Friedländer 1947). Hinzu kam, dass durch die Aufnahme des Art. 131 ins Grundgesetz und die dazu erlassenen Ausführungsbestimmungen Bund, Länder und Kommunen verpflichtet wurden, 20 Prozent ihrer Personalmittel für den Personenkreis aufzuwenden, der gerade wegen seiner fatalen politischen Vergangenheit aus dem Dienst entlassen worden war. Durch den Zustrom von in der DDR Entlassenen oder nach Westdeutschland geflohenen Beamten waren nun in der jungen BRD mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder im öffentlichen Dienst beschäftigt als vor dem 8. Mai 1945. (Krüger 1982) Diese Rehabilitation der Täter, gepaart mit den umfangreichen temporären Entlassungsmaßnahmen unmittelbar nach dem Mai 1945 hinterließen nicht nur bei den Betroffenen die Überzeugung von der moralischen Richtigkeit ihres Tuns vor dem 8. Mai. Dieser Konnex blieb für viele Jahre bestimmend für die Haltung breiter Kreise der westdeutschen Bevölkerung gegenüber der jüngsten deutschen Geschichte.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zwar hatten sich die alliierten Besatzungsmächte auf einen gemeinsamen Modus der Entnazifizierung geeinigt, die politische Realität in den Besatzungszonen unterschied sich jedoch. Auch innerhalb der SBZ erfolgten keine einheitlichen Vorgehensweisen. Da die sowjetischen Stellen die Ausführung in die Hände der Antifaschistischen Ausschüsse legten, entstanden die ersten Ausführungsbestimmungen zur Entnazifizierung in der SBZ im Sommer 1945 auf der Ebene der Bezirke, in denen nach unterschiedlichen Kriterien entlassen wurde, zumeist aber nach präzisen, in den Bezirken entstandenen Listen mit Funktionen im NS-Statt und in der NSDAP und ihren Gliederungen. Gleichwohl blieb die Vorgehensweise uneinheitlich. (Sareik 1964)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In offiziellen Verlautbarungen wurde in der DDR von einer vollständigen Säuberung des öffentlichen Lebens von ehemaligen Nazis gesprochen. Gleichwohl konnte davon angesichts der Verflechtung größter Teile der deutschen Bevölkerung in die nazistische Ideologie keine Rede sein. Dem entsprach der Befehl Nummer 201 vom 16. August 1947 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD): Er traf die Unterscheidung zwischen Kriegsverbrechern und nominellen ehemaligen Mitgliedern der NSDAP. Der letztgenannten Gruppe wurde das aktive und passive Wahlrecht zuerkannt. Eine noch weitergehende Maßnahme war der Befehl Nummer 35 der SMAD vom April 1948, als die Entnazifizierungen in der SBZ zum Abschluss gebracht werden sollten. Dies galt allerdings nur für den Kreis der vorher als nominelle ehemalige NSDAP-Mitglieder eingestuften Personen, nicht für jene, die der aktiven Teilnahme an der faschistischen Politik, an Kriegsverbrechen und an Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig befunden worden waren. (Mattedi 1966)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Im Ergebnis gab es weder drüben noch hüben eine personelle Erneuerung des öffentlichen Lebens, was angesichts der Verstrickung der Deutschen in ihre eigene Geschichte auch unmöglich war. Im Westen jedoch war es zu umfangreichen Rehabilitationen auch extrem Belasteter gekommen und einer personellen Re-Nazifizierung der Funktions- und Machteliten. Von ihnen war die junge DDR befreit worden. Das Bildungswesen als bedeutsamer Bereich der Vermittlung eines Bildes – auch über die jüngste deutsche Geschichte – war zwar nicht, wie behauptet, im Osten vollständig erneuert worden, wohl aber durch die „Neulehrerausbildung“ um mehr als 60 Prozent „verjüngt“ worden (Sareik 1964). Trotzdem erfolgten kritische Diskussionen angesichts der politischen Haltung auch und sogar dieses Teiles der Lehrenden zur Geschichte des deutschen Faschismus. (Syniawa 1961)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dieser Erneuerungsprozess blieb im Westen nahezu vollständig aus und wurde dort, wo Ansätze dafür existierten, bald eingeebnet (Wulff 1964). In der Folge der widersprüchlichen Prozesse der Entnazifizierung in Westdeutschland darf von einer anfänglich flächendeckenden Bestrafung gesprochen werden. Besonders in der US-Zone wurde von „The German Mind“ ausgegangen, der Kollektivschuld aller (sic!) Deutschen, die in einem unmenschlichen Autoritarismus verhaftet seien. Der Bestrafung durch Entlassung folgte die Wiedereinstellung auch hoch belasteter Nazis zuungunsten derer, die nach der Befreiung als Unbelastete provisorisch eingestellt worden waren. Das entlastete jene moralisch, die Schuld auf sich geladen hatten. Hier ist eine Ursache für das Diktum der Mitscherlichs für die „Unfähigkeit zu trauern“ zu suchen (Mitscherlich/Mitscherlich 1968). In der Folge waren die Nachkriegszeit und die 1950er Jahre durch das Beschweigen gekennzeichnet. An die Stelle der Trauer traten Überlegungen der Revanche. So wurde 1951 auf Geheiß Konrad Adenauers eine Historikerkommission einberufen, die sich mit der Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten mit dem Ziel befasste, den Alliierten eine Denkschrift vorzulegen, die das erlittene Leid der Deutschen dokumentieren sollte. (Siebeck 2013)</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Zwischen Erkenntnis und abwehrender Geschichts&shy;po&shy;litik</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Es folgte eine Phase der Befassung, auch ausgelöst durch den ersten Frankfurter Auschwitzprozess (1963-1965). Sie findet bis in die 1980er Jahre statt. Ihr folgte die dritte Phase des vermehrten Gedenkens der Opfer des faschistischen Terrors (Rhein 2024). Jetzt sind auch explizit marxistische Reflexionen der Geschichte des deutschen Faschismus in Westdeutschland möglich (Abendroth/Griepenburg 1979; Opitz 1984; Kühnl 1985). Zeitgleich erfolgte eine Gegenbewegung, als Ernst Nolte mit seiner These vom kausalen Nexus zwischen den Verbrechen Stalins in der Sowjetunion und dem Holocaust den Historikerstreit auslöste. Am 24. Juli 1980 schrieb Nolte in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Gulags in der Sowjetunion seien das faktische Prius vor Auschwitz gewesen (Nolte 1986). Der „Rassenmord“ der Faschisten sei aus Furcht vor dem älteren „Klassenmord“ durch die Bolschewiki entstanden. Nolte ([1987] 1989) vertiefte dies in seinem Buch <i>Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945</i>.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Diesem Werk Noltes ging am 5. Mai 1985 die Kranzniederlegung von US-Präsident Ronald Reagan und Bundeskanzler Helmut Kohl auf der Kriegsgräberstätte Bitburg voraus. Dieser symbolische Akt der Verbundenheit der USA mit der Bundesrepublik fand vermutlich zielgerichtet an diesem Ort statt, wo keine US-Soldaten begraben liegen, sich aber viele Gräber von SS-Soldaten befinden. Elie Wiesel bat die Bundesregierung inständig um die Wahl eines anderen Ortes. „Dieser Platz ist nicht Ihr Platz, Ihr Platz ist bei den Opfern der SS“ (zit. nach Habermas 1985). Die Kranzniederlegung in Bitburg galt als Beleg für eine Geschichtspolitik, die den Versuch unternahm, einen Schlussstrich unter die deutsche Geschichte zu ziehen, um zu einer Normalität zu gelangen, die Reagan in seiner Rede auch ökonomisch begründete, als er von einem Neuerwachen der Freiheit sprach, das er auf die Bundesrepublik bezog und in gleicher Weise auf „die neuen Demokratien Südamerikas&#8220;, mit ihren „wieder erworbenen wirtschaftlichen Freiheiten“. Der faschistische Putsch im Chile Pinochets lag erst wenige Jahre zurück. (Schimmeck 2025: 09.05 Uhr)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dieser Versuch der Normalisierung der Jahre des Naziterrors fiel auf fruchtbaren Boden in erheblichen Teilen der westdeutschen Bevölkerung. Die Presseberichterstattung bezüglich Bitburgs und besonders die darauf reagierenden Leser*innen ist erhellend. Durchgehend ist massive Abwehr erkennbar:</p>
<blockquote class="western">
<p>„Als ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS [gezogen], wehre ich mich dagegen, von den heutigen Meinungsmachern und Umerziehern als Verbrecher mit der politischen SS in einen Topf geworfen zu werden. Wir haben genau so wie die Wehrmacht getreu unserem Eid für Volk und Vaterland gekämpft. Will man nach 40 Jahren noch die Toten entnazifizieren?“ (Hübsch-Faust 1988: 1335)</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Abwehrreaktion, keinerlei Schuld anzuerkennen, entsprach der Exkulpation der Westdeutschen, die sich auf der Grundlage der hegemonialen Totalitarismusdoktrin als Opfer eines totalitären Systems inszenieren konnten, in dessen Herrschaftsgefüge die Anpassung und das Mit-Tun der Deutschen durch Terror und Gewalt erzwungen wurde. So konnten sich die Täter*innen als Opfer stilisieren. Zugleich diente die Gleichsetzung von Faschismus und Sozialismus dazu, Denkmuster, wie den vor 1945 erworbenen Antikommunismus beizubehalten, was der psychischen und gesellschaftlichen Stabilität diente, konnte er doch im Kalten Krieg in Stellung gegen die Gesellschaften des Staatssozialismus gebracht werden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Anders als in der wissenschaftlichen Diskussion blieben die Schulen neben differenzierten Beispielen (Mickel et al. 1993: 288ff.) in einigen Bundesländern bis zum heutigen Zeitpunkt der Totalitarismusdoktrin verpflichtet (Kühnl/Assling 1973: 204; Rhein 2019: 86ff.). Das gilt ebenso für den öffentlichen Diskurs (Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion 2020). An keiner Stelle wurden differenzierte Einlassungen zum komplex diskutierten Totalitarismusbegriff (vgl. Arendt [1955] 2001; Popper [1945] 2003) ins Feld geführt. Er wurde nurmehr in vulgärer Vereinfachung instrumentalisiert.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In der DDR bestand eine weitgehende Kontinuität der Thesen Dimitroffs. Das galt besonders für die Bearbeitung des Themas in den Schulen (Nimtz 1976: 145ff.). Gleichwohl galt die Haltung von Wilhelm Pieck fort, die er am 19. Juli 1945 auf einer Kundgebung der KPD zum gesellschaftlichen Neubeginn formulierte: „Ohne diese Erkenntnis über seine Mitschuld und Mitverantwortung wird unser Volk nicht die ernsten Lehren aus dieser Katastrophe ziehen […] und sich nicht den Platz in der Gemeinschaft der anderen Völker erobern.“ (Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR 1979: 117) Anders hingegen argumentierten Georg Klaus und Manfred Buhr (1972: 364): Die „[…] Niederlage des Faschismus war nicht eine Niederlage des vom Faschismus unterjochten deutschen Volkes, sondern […] ein Sieg für die deutsche Arbeiterklasse, die zu keiner Zeit eine Stütze des deutschen Faschismus gewesen ist.“ In der populären vielbändigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung aber wird die faschistische Massenbasis und damit die Schuld der deutschen Bevölkerung deutlich formuliert, wenn der eklektizistischen Ideologie der Nazis breiter Raum eingeräumt und betont wird, wie dies der erfolgreichen „Irreführung der Volksmassen“ gedient habe (Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED 1968: 27). Noch deutlicher wurde dieser Gedanke vom Historiker Wolfgang Ruge formuliert, der in erkennbarer Nähe zu Thalheimer den Bündnischarakter zwischen faschistischer Partei und Finanzkapital anspricht und die Notwendigkeit einer Massenbasis für die erfolgreiche Machtübergabe an die NSDAP betont (Ruge 1978: 348-351). Die faschistische Massenbasis wurde von namhaften Historikern der DDR vielfach herausgearbeitet. (Pätzold/Weißbecker 1981: 108ff.)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dieser Betrachtung entspricht neben vielen anderen Beispielen der Film von Konrad Wolf <i>Ich war 19</i>. Mitnichten werden die Deutschen des Jahres 1945 als resistent gegenüber der Naziideologie beschrieben, sondern erfahren jeweils starke Differenzierungen in ihren Biographien und Haltungen. Durch die episodische Struktur des Films werden tiefe Einblicke bei anhaltender Perspektive eines Ich-Erzählers möglich. Zudem deutet der Film historische Sachverhalte an, wie Übergriffe von Sowjetsoldaten gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung, die in der Geschichtsschreibung der DDR tabuisiert waren. Was Film und Geschichtsschreibung der DDR jedoch herausarbeiteten, war das fatale Mitläufertum großer Teile der deutschen Bevölkerung, die damit erkennbare Schuld der Deutschen und die Existenz einer faschistischen Massenbasis als Voraussetzung für den Machtgewinn und -erhalt des Faschismus.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Deutlich wird, wie in der DDR an ein Bild über den Faschismus angeknüpft wird, das auf antifaschistische Traditionen verweist. Dabei war gleichwohl eine Tendenz zu Vereinfachungen erkennbar, indem die Position von Dimitroff perpetuiert wurde. Dies gilt jedoch <i>nicht</i> für den wissenschaftlichen Diskurs.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ein solches Anknüpfen an Traditionen des Antifaschismus, des Widerstandes und des Exils war in Westdeutschland nur unmittelbar nach der Befreiung erkennbar. In dem von der Social-Media-Plattform X übertragenen Gespräch zwischen Elon Musk und der AfD-Vorsitzenden, in dem letztere Hitler als Kommunisten bezeichnet, wird mittels dieser abstrus anmutenden Position zugleich eine Kontinuität in der bundesdeutschen Geschichtsbetrachtung deutlich. Die im Folgenden gewählten Zitate zu einer unterstellten Äquivalenz von KPD und NSDAP aus Materialien für die Schulen möge dies verdeutlichen: „In einem für frühere und heutige Zeiten unvorstellbaren Maße wurden die politischen Kämpfe auf der Straße ausgetragen. [&#8230;] Am radikalsten waren die Nationalsozialisten und die Kommunisten. Sie hatten auch die größten Verluste. Beiden Parteien ging es vor allem um die Zerstörung der bestehenden Ordnung.“ (Tenbrock 1966: 108) KPD und NSDAP, als ungleiche Brüder ins Feld geführt, waren getragen vom „Vernichtungswillen. […] In den Parlamenten arbeiteten die beiden Parteien […] eng zusammen, um durch die Addition ihrer Stimmen, durch Obstruktion oder einfach durch Entfachung von Tumulten jede konstruktive Arbeit zu verhindern“ (Nationalsozialismus 1978: 13).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Eingedenk dieser an westdeutschen Schulen vertretenen Positionen nimmt es nicht Wunder, wenn die Glaubenssätze einer Alice Weidel auf fruchtbaren Boden fallen. Eine Kontinuitätslinie ist nicht zu leugnen. Wer von dieser Diffusion offiziöser Geschichtsbetrachtung weiß und die an Dimitrioff orientierte Faschismusbetrachtung in der DDR verunglimpft, dem darf mit Fug und Recht der Versuch unterstellt werden, laut nach dem Dieb zu rufen, auch wenn es in der Tat komplexere und differenziertere Interpretationen des deutschen Faschismus seitens antifaschistischer Traditionslinien gibt.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Angesichts der Themenstellung wurde im vorliegenden Aufsatz die Reflexion der Geschichte des deutschen Faschismus in den Blick genommen, nicht die Auswirkungen dieser Reflexion auf aktuelles gesellschaftliches Geschehen. Sind Erklärungsansätze für Ethnozentrismus, rechte Gewalt und eine Tendenz vieler Deutscher, eine rechtsextreme Partei zu wählen, auch in der Diffusion dominierender Geschichtsbilder zu suchen? Antworten bietet hier ein Aufsatz von Jörg Arnold (2020). Zumindest ermöglichen Geschichtsbilder, die systemische Ursachen zum Beispiel von rechter Gewalt ausklammern, einen Umgang mit rechter Gewalt, der sie zu unpolitischer Gewalt erklärt und eine unübersehbare Fülle immer gleicher rassistischer Vorfälle zu Einzelfällen herabwürdigt, denen keine ernste gesellschaftliche Gefahr zugrunde liege.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Geschichtsbilder aus Ost wie aus West tendierten zu fatalen Vereinfachungen. Die intensivere Zur-Kenntnisnahme der klugen Einlassungen einer Zetkin hätte in der DDR geholfen. Die Bezugnahme auf eine auf dümmliche Weise vereinfachte Totalitarismusdoktrin im Westen war der durchschaubare Versuch des Kaschierens der ökonomischen Strukturen, die eine faschistische Herrschaft begünstigen. Die aktuelle historische Entwicklung macht diese Gefahr virulent.</p>
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<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Dr. </strong><strong class="western">Wolfram Grams</strong> ist Oberstudiendirektor a. D. Er hat Sozialpädagogik, Politik und Philosophie in Hildesheim, Hannover und Marburg studiert und bei Reinhard Kühnl mit einer Arbeit zur Kontinuität nazistischer Eliten im Bildungswesen von BRD und DDR promoviert. Er war langjährig als Lehrbeauftragter an Hochschulen, in der öffentlichen Verwaltung und in der gewerkschaftlichen Arbeit. Zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge zur Allgemeinen Pädagogik, Sozialarbeit, Schule und Bildungspolitik. Langjährige Tätigkeit als Direktor beruflicher Schulen mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik. Grams ist stellvertretender Vorsitzender der Humanistischen Union und Mitglied der Redaktion der <b>vor</b>gänge.</em></p>
<p class="v-zwischenüberschrift-2-western">
<h3 class="">Literatur</h3>
<p align="justify"><em>Abendroth, Wolfgang/Griepenburg, Rüdiger</em> (Hrsg.) 1979: Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus, Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Adler, H. S.</em> 1960: Selbstverwaltung und Widerstand in den Konzentrationslagern der SS, in: <em>Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte</em>, Jg. 8, H. 3, S. 221–236.</p>
<p align="justify"><em>Adorno, Theodor W.</em> [1950] 1976: Studien zum autoritären Charakter, 2. Aufl., Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion</em> 2020: Menschenrechte und Freiheit gegen totalitäre Bedrohung verteidigen. Internationaler Tag der Menschenrechte, Berlin, <a href="https://www.cducsu.de/presse/pressemitteilungen/menschenrechte-und-freiheit-gegen-totalitaere-bedrohung-verteidigen">https://www.cducsu.de/presse/pressemitteilungen/menschenrechte-und-freiheit-gegen-totalitaere-bedrohung-verteidigen</a>.</p>
<p align="justify"><em>Arendt, Hannah</em> [1955] 2001: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, 8. Aufl., München/Zürich.</p>
<p align="justify"><em>Badstübner, Rolf/Thomas, Siegfried</em> 1979: Entstehung und Entwicklung der BRD 1945-1955. Restauration und Spaltung. 2. Aufl., Köln.</p>
<p align="justify"><em>Bauer, Leo</em> 1947: Entnazifizierung – Renazifizierung, in: <em>Wissen und Tat</em>, H. 12/13, S. 2–9.</p>
<p align="justify"><em>Bauer, Otto</em> [1936] 1979: Der Faschismus, in: Abendroth, Wolfgang/Griepenburg, Rüdiger (Hrsg.): <em>Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus</em>, Frankfurt am Main, S. 143–168.</p>
<p align="justify"><em>Billstein, Reinhold</em> 1984: Neubeginn ohne Neuordnung. Dokumente und Materialien zur politischen Weichenstellung in den Westzonen nach 1945. 2. Aufl., Köln.</p>
<p align="justify"><em>Dimitroff, Georgi</em> 1935: Arbeiterklasse gegen Faschismus. Bericht erstattet am 2. Auf. 1935 zum 2. Punkt der Tagesordnung des Kongresses: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen Faschismus, Moskau, Leningrad.</p>
<p align="justify"><em>Frei, Norbert </em>1997: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, 2. Aufl., München.</p>
<p align="justify"><em>Friedländer, Ernst </em>1947: Renazifizierung, in: <em>Die Zeit</em>, Nr. 14, S. 1.</p>
<p align="justify"><em>Giefer, Rena/Giefer, Thomas</em> 1991: Die Rattenlinie. Fluchtwege der Nazis; eine Dokumentation, Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Haase, Norbert </em>1996: „Gefahr für die Manneszucht“. Verweigerung und Widerstand im Spiegel der Spruchtätigkeit von Marinegerichten in Wilhelmshaven (1939 – 1945), Hannover.</p>
<p align="justify"><em>Habermas, Jürgen</em> 1985: Die Entsorgung der Vergangenheit, in: <em>Die Zeit</em> vom 17.05.1985.</p>
<p align="justify"><em>Horkheimer, Max</em> [1939] 1988: Die Juden und Europa, in: Ders.: <em>Gesammelte Werke</em>, Bd. 4., Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Hübsch-Faust, Monika</em> 1988: Schlussstrich-Mentalität. Bitburg, Waldheim und Höfer oder: Über den Umgang mit Vergangenheit, in: <em>Blätter für deutsche und internationale Politik</em>, Nr. 11, S. 1330-1340.</p>
<p align="justify"><em>Hurrelbrink, Peter</em> 2006: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland, in: Schwan, Gesine/Holzer, Jerzy/Lavabre, Marie-Claire/Schwelling, Birgit (Hrsg.): <em>Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich</em>, Wiesbaden, S. 71–119.</p>
<p align="justify"><em>Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED</em> (Hrsg.) 1968: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in 15 Kapiteln. Kapitel IX: Periode von Herbst 1929 bis Januar 1933, Berlin/DDR.</p>
<p align="justify"><em>Popper, Karl R.</em> [1945] 2003: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten &#8211; Hegel, Marx und die Folgen, 8. Aufl., Tübingen.</p>
<p align="justify"><em>König, Jens</em> 2005: Gregor Gysi. Eine Biographie, 2. Aufl., Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Krüger, Wolfgang</em> 1982: Entnazifiziert! Zur Praxis der politischen Säuberung in Nordrhein-Westfalen, Wuppertal.</p>
<p align="justify"><em>Kühnl, Reinhard</em> 1985: Die Weimarer Republik. Errichtung, Machtstruktur und Zerstörung einer Demokratie, Reinbek bei Hamburg.</p>
<p align="justify"><em>Kühnl, Reinhard</em> 2014: Faschismustheorien. Ein Leitfaden, 2., bearb. Neuaufl., Heilbronn.</p>
<p align="justify"><em>Kühnl, Reinhard/Assling, Reinhard</em> (Hrsg.) 1973: Geschichte und Ideologie. Kritische Analyse bundesdeutscher Geschichtsbücher, Reinbek bei Hamburg.</p>
<p align="justify"><em>Mann, Heinrich</em> [1944-1946] 1975: Über Schuld und Erziehung, in: <em>Freies Deutschland</em> (Reprint Leipzig).</p>
<p align="justify"><em>Mattedi, Norbert</em> 1966: Gründung und Entwicklung der Parteien in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949, Bonn.</p>
<p align="justify"><em>Mickel, Wolfgang W./Waßong, Eckart/Henning, Bernd</em> (Hrsg.) 1993: Politik für berufliche Schulen. Arbeits- und Lernbuch für den politisch-zeitgeschichtlichen Unterricht, 2. Aufl., Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Mitscherlich, Alexander/Mitscherlich, Margarete</em> 1968: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München/Zürich.</p>
<p align="justify">Nationalsozialismus 1978 (Neudruck), in: <em>Informationen zur Politischen Bildung</em>, Nr. 123/126/127.</p>
<p align="justify"><em>Nimtz, Walter</em> (Hrsg.) 1976: Geschichte. Lehrbuch für Klasse 9, 7. Aufl., Berlin/DDR.</p>
<p align="justify"><em>Nolte, Ernst</em> 1986: War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglicher als Auschwitz? In: <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung</em> vom 06.06.1986.</p>
<p align="justify"><em>Nolte, Ernst</em> [1987] 1989: Der europäische Bürgerkrieg 1917 &#8211; 1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus. 4. Aufl., Frankfurt am Main/Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Opitz, Reinhard</em> 1984: Faschismus und Neofaschismus, Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Oppenheimer, Max</em> 1984: Erziehung im Exil. Die Freie Deutsche Hochschule in Großbritannien, in: <em>Informationen, Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes 1933-1945 e. V.</em>, H. 1, S. 6–7.</p>
<p align="justify"><em>Pätzold, Kurt/Weißbecker, Manfred</em> 1981: Geschichte der NSDAP 1920 – 1945, Köln.</p>
<p align="justify"><em>Pätzold, Kurt/Weissbecker, Manfred/Kühnl, Reinhard/Schwarz, Erika </em>(Hrsg.) 2000: Rassismus, Faschismus, Antifaschismus. Forschungen und Betrachtungen gewidmet Kurt Pätzold zum 70. Geburtstag, Köln.</p>
<p align="justify"><em>Rahr, Alexander/Sergijenko, Wladimir</em> (Hrsg.) 2020: Der 8. Mai. Geschichte eines Tages, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Raiser, Ludwig</em> 1947: Entnazifizierung. Politische Säuberung oder Bestrafung, in: Göttinger Universitätszeitung, H. 3.</p>
<p align="justify"><em>Ratzsch, Jörg/Venohr, Stella/Schmitt-Roschmann, Verena</em> 2025: Merkel war „erste grüne Kanzlerin“. Im Online-Gespräch mit Musk rechnet AfD-Spitzenkandidatin Weidel mit der ehemaligen Bundeskanzlerin ab, in: <em>Weser Kurier</em> vom 10.01.2025, S. 4.</p>
<p align="justify"><em>Reich, Wilhelm</em> [1933] 2020: Massenpsychologie des Faschismus. Der Originaltext von 1933, Gießen/Baden-Baden.</p>
<p align="justify"><em>Rhein, Katharina</em> 2019: Erziehung nach Auschwitz in der Migrationsgesellschaft. Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus als Herausforderungen für die Pädagogik, Weinheim.</p>
<p align="justify"><em>Rhein, Katharina</em> 2024: Erziehung nach Auschwitz heute. Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus als Herausforderung für eine kritische Bildungsarbeit, in: Hawel, Marcus/Kalmring, Stefan (Hrsg.): <em>(Ohn-)Macht überwinden! Politische Bildung in einer zerrissenen Gesellschaft</em>, Berlin, S. 135–157.</p>
<p align="justify"><em>Ruge, Wolfgang </em>1978: Deutschland von 1917-1933. Von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution bis zum Ende der Weimarer Republik, 3. Aufl., Berlin/DDR.</p>
<p align="justify"><em>Sareik, Ruth</em> 1964: Die Demokratisierung des Grundschulwesens in der Provinz Sachsen vom Mai 1945 bis zum Erlaß des Schulgesetzes im Mai 1946, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Schimmeck, Tom</em> 2025: Gedenken und Kränze an einem Friedhof auch für SS-Soldaten, in: <em>Deutschlandfunk</em> vom 05.05.2025, 09:05 Uhr, <a href="https://www.deutschlandfunk.de/bitburg-kontroverse-waffen-ss-1985-100.html">https://www.deutschlandfunk.de/bitburg-kontroverse-waffen-ss-1985-100.html</a>.</p>
<p align="justify"><em>Schoeps, Julius</em> 1997: Gab es einen jüdischen Widerstand? Abwehrstrategien gegen Hitler und den NS-Terror, in: <em>Stiftung 20. Juli 1944</em> vom 18.07.1997, <a href="https://stiftung-20-juli-cms.clients.fabian.mu/storage/uploads/2018/02/28/5a96f0e92d1371997_schoeps.pdf">https://stiftung-20-juli-cms.clients.fabian.mu/storage/uploads/2018/02/28/5a96f0e92d1371997_schoeps.pdf</a>.</p>
<p align="justify"><em>Schütrumpf, Jörn </em>2023: Clara Zetkin – die erste Analytikerin des Faschismus, in: <em>Rosa-Luxemburg-Stiftung</em> vom 13.06.2023,<a href="https://www.rosalux.de/news/id/50572/clara-zetkin-die-erste-analytikerin-des-faschismus"> https://www.rosalux.de/news/id/50572/clara-zetkin-die-erste-analytikerin-des-faschismus</a>.</p>
<p align="justify"><em>Siebeck, Cornelia</em> 2013: „In ihrer kulturellen Überlieferung wird eine Gesellschaft sichtbar“? Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Assmannschen Gedächtnisparadigma, in: Lehmann, René/Öchsner, Florian/Sebald/Gerd (Hrsg.): <em>Formen und Funktionen sozialen Erinnerns. Sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen</em>, Wiesbaden, S. 65–90.</p>
<p align="justify"><em>Sozialdemokratische Partei Deutschlands</em> 1989: Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934-1940. Dritter Jahrgang 1936., 7. Aufl. 7 Bde., Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Steinbach, Peter </em>2012: Geschichte im politischen Kampf. Wie historische Argumente die öffentliche Meinung manipulieren, Bonn.</p>
<p align="justify"><em>Syniawa, Alois</em> 1961: Der Kampf der deutschen Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei bei der Durchführung der demokratischen Schulreform im Land Brandenburg in den Jahren 1945 – 1949, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Tenbrock, Robert Hermann</em> 1966: Europa und die Welt. Das 20. Jahrhundert, Ausg. B., Paderborn/ Hannover.</p>
<p align="justify"><em>Thalheimer, August</em> [1930] 1979: Über den Faschismus, in: Abendroth, Wolfgang/Griepenburg, Rüdiger (Hrsg.): <em>Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus</em>, Frankfurt am Main, S. 19–38.</p>
<p align="justify"><em>Wagner, Jens-Christian </em>2001: Massengrab an der Raketenrampe. Historiker Jens-Christian Wagner über Heinrich Lübkes Rolle beim Einsatz von KZ-Häftlingen in Peenemünde, in: <em>Der Spiegel</em>, Nr. 22, S. 218.</p>
<p align="justify"><em>Wander, Fred</em> 2009: Das gute Leben oder von der Fröhlichkeit im Schrecken. Erinnerungen, München.</p>
<p align="justify"><em>Wulff, Hinrich</em> 1964: Im Jahrfünft der Zeitschwelle. 1945 &#8211; 1950. Sachliches und Persönliches aus schweren Jahren bremischer Schulgeschichte, Bremen.</p>
<p align="justify"><em>Zetkin, Clara</em> [1923] 2023: Der Kampf gegen den Faschismus Bericht auf dem Erweitertenplenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen lnternationale (20. Juni 1923. Bericht auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen lnternationale), in: <em>Marxistische Blätter</em>, H. 2, Beilage, S. 1–13.</p>
<p align="justify"><em>Zonenausschuss der CDU für die britische Zone</em> 1947: CDU überwindet Kapitalismus und Marxismus. Das Ahlener Wirtschafts- und Sozialprogramm der CDU und die grundlegenden Anträge der CDU im Landtag von Nordrhein-Westfalen, Ahlen.</p>
<p align="justify">Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. Von 1945 bis Anfang der sechziger Jahre, Bd. 3, 1979, 3 Bde., Berlin.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/deutsch-deutsche-blicke-auf-den-faschismus-zwischen-erkenntnis-und-abwehrender-geschichtspolitik/">Deutsch-deutsche Blicke auf den Faschismus zwischen Erkenntnis und abwehrender Geschichtspolitik</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>War die DDR ein Unrechtsstaat? Ein Interview mit Dieter Grimm und Hubert Rottleuthner</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Sep 2025 10:12:52 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>1. Die DDR war kein Rechtsstaat und wollte auch keiner sein ROSEMARIE WILL [RW] Was macht einen Rechtsstaat aus, und welche ökonomischen, sozialen und politischen Voraussetzungen sind für ihn historisch konstitutiv? Bitte skizzieren Sie kurz die Ursachen seiner Entstehung und mögliche Gründe für seine Gefährdung und Zerstörung. DIETER GRIMM [DG] Grundbedingung des Rechtsstaats ist, dass [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">1. Die DDR war kein Rechtsstaat und wollte auch keiner sein</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">ROSEMARIE WILL [RW] Was macht einen Rechtsstaat aus, und welche ökonomischen, sozialen und politischen Voraussetzungen sind für ihn historisch konstitutiv? Bitte skizzieren Sie kurz die Ursachen seiner Entstehung und mögliche Gründe für seine Gefährdung und Zerstörung.</p>
<p class="v-absatz-ohne-western">DIETER GRIMM [DG] Grundbedingung des Rechtsstaats ist, dass der Staat seine Herrschaft mittels des Rechts und gemäß dem Recht ausübt. Beide Bedingungen müssen erfüllt sein. Wenn die Zweite fehlt, ist auch die Erste nicht gesichert. Der Rechtsstaat ist ein Anti-Willkür-Projekt. Erst die Verbindung beider Bedingungen schließt Willkür aus. Diese Bedingungen sind Mindestanforderungen, um die sich weitere ranken, welche die Verwirklichung der Mindestanforderungen stützen, begünstigen und verfeinern, zum Beispiel die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Gerichte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
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		<title>Besonderheiten der Gesellschaftstransformation des deutschen Ostens im Vergleich zu anderen postkommunistischen Ländern</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Sep 2025 09:57:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die übliche Einschätzung lautet: Die Bürger*innen der DDR hatten besonders im Vergleich mit den anderen Bewohner*innen des post-sozialistischen Osteuropa Glück, weil sie sofort Zugang zu einer stabilen, starken Währung und einem funktionierenden Sozialstaat bekamen und der rechtsstaatliche Rahmen der alten Bundesrepublik auf sie übertragen wurde. Sie wurden auch mit dem Beitritt zur Bundesrepublik aus einem [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/besonderheiten-der-gesellschaftstransformation-des-deutschen-ostens-im-vergleich-zu-anderen-postkommunistischen-laendern-2/">Besonderheiten der Gesellschaftstransformation des deutschen Ostens im Vergleich zu anderen postkommunistischen Ländern</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">Die übliche Einschätzung lautet: Die Bürger*innen der DDR hatten besonders im Vergleich mit den anderen Bewohner*innen des post-sozialistischen Osteuropa Glück, weil sie sofort Zugang zu einer stabilen, starken Währung und einem funktionierenden Sozialstaat bekamen und der rechtsstaatliche Rahmen der alten Bundesrepublik auf sie übertragen wurde. Sie wurden auch mit dem Beitritt zur Bundesrepublik aus einem geheimen zu einem offenen Teilhaber der Europäischen Gemeinschaften. Die anderen mussten darauf noch anderthalb Jahrzehnte warten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Soweit die ideologische Erzählung, die dann noch durch den Nachsatz ergänzt wird, dass die Bewohner*innen der DDR diesen Weg in freier Entscheidung selbst gegangen seien. Sie hätten sich, angefangen von den Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990, über die Kommunalwahlen, die Wahlen zu den Parlamente der neugegründeten ostdeutschen Bundesländern und den Bundestagswahlen im Dezember des Jahres, jedes Mal mehrheitlich für die CDU als die Partei entschieden, die eine Politik des schnellen Beitritts nach Art. 23 des Grundgesetzes anstrebte.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wie vorteilhaft aber war dieser Weg des schnellen Beitritts tatsächlich, und welche Gefahren und reale Nachteile barg er in sich? Was waren die Wege, die die anderen osteuropäischen Staaten hin zu Kapitalismus und Marktwirtschaft gingen? Wie sieht die Bilanz dieser unterschiedlichen Wege aus?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. Dieter Segert</strong> war bis 2017 Professor für Transformationsprozesse in Mittel-, Südost- und Osteuropa am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Transformationen politischer Systeme in Osteuropa, Geschichte und Erbe des europäischen Staatssozialismus, Parteienentwicklung in Osteuropa sowie Gefährdungen und Wandel der Demokratie.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/besonderheiten-der-gesellschaftstransformation-des-deutschen-ostens-im-vergleich-zu-anderen-postkommunistischen-laendern-2/">Besonderheiten der Gesellschaftstransformation des deutschen Ostens im Vergleich zu anderen postkommunistischen Ländern</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Verborgene Wunden: Strukturelle Diskriminierung und die ostdeutsche Erfahrung im gesamtdeutschen Diskurs</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/verborgene-wunden-strukturelle-diskriminierung-und-die-ostdeutsche-erfahrung-im-gesamtdeutschen-diskurs/</link>
		
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		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 15:00:46 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Reaktionen auf die Frage, ob es strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen gibt, die ich zu Beginn meiner Recherchen für diesen Artikel gestellt habe, waren sehr unterschiedlich: Von Zustimmung und Bestärkung („Das ist so wichtig!“) über neutrales Schulterzucken („Das ist für mich kein Thema mehr.“) bis hin zu Unverständnis („Wozu jetzt noch?“) oder latenter Genervtheit („So [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/verborgene-wunden-strukturelle-diskriminierung-und-die-ostdeutsche-erfahrung-im-gesamtdeutschen-diskurs/">Verborgene Wunden: Strukturelle Diskriminierung und die ostdeutsche Erfahrung im gesamtdeutschen Diskurs</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">Die Reaktionen auf die Frage, ob es strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen gibt, die ich zu Beginn meiner Recherchen für diesen Artikel gestellt habe, waren sehr unterschiedlich: Von Zustimmung und Bestärkung („Das ist so wichtig!“) über neutrales Schulterzucken („Das ist für mich kein Thema mehr.“) bis hin zu Unverständnis („Wozu jetzt noch?“) oder latenter Genervtheit („So wird das ja nie was mit der Einheit.“ oder „Ich bin Europäer!“). Ich versuche in diesem Beitrag erstens zu zeigen, dass die Frage zu bejahen ist. Zweitens erläutere ich, welche Perspektiven es dazu im wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs gibt. Ausblickend möchte ich Ansätze zur Diskussion stellen, die diese spannungsgeladene Debatte (Sichtbarmachen der Benachteiligung versus Relativierung/Opfervorwurf) entschärfen können. Dabei geht es mir darum, Verständnis für den jeweils anderen Standpunkt zu schaffen und Verständigung möglich zu machen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Woran zeigt sich struk&shy;tu&shy;relle Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung von Ostdeut&shy;schen?</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die Kategorie <i>Diskriminierung von Ostdeutschen</i> kommt weder im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) noch in der Charta der Vielfalt noch in den Fortbildungskatalogen zu Diversität oder Diskriminierung vor. Zu Recht? Kategorien wie Neurodiversität werden immer prominenter, aber Diversity beziehungsweise Diskriminierung Ost – dafür gibt es wenig Aufmerksamkeit. Woran liegt das, und worum geht es hier <i>wirklich</i>? Mir geht es weder um Identitätspolitik noch darum, in der Vergangenheit zu stochern. Der Ansatz, nach der strukturellen Diskriminierung von Ostdeutschen zu fragen, ist vielmehr <i>ein</i> Mosaikstein, um die aktuellen gesellschaftspolitischen Erscheinungen und Prozesse in Ostdeutschland zu verstehen und zu verändern. Wo Wut, Aggressionen oder auch Schweigen sind, sind offene Wunden. Nur wenn diese gesehen und die Stimmen dazu gehört werden, können Wunden heilen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Um welche <i>Wunden</i> geht es? Der Historiker Jörg Ganzenmüller (2025) spricht von drei Erfahrungsebenen, um die Zeit der Wende bis hin zur Gegenwart zu beschreiben: Verlusterfahrungen, Entwertungserfahrungen und Ohnmachtserfahrungen. Alle drei Ebenen sind von einem Dominanzverhältnis geprägt, von einem Gefühl nicht auf Augenhöhe zu sein. Dieses Gefühl hat sich tief in das kollektive Gedächtnis vieler Ostdeutscher gegraben. Die Wucht an Erfahrungen, die von einem Großteil als überfordernd und ungerecht erlebt wurde, prägt die heutige Gesellschaft inklusive der Nachwendegeneration.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Um Missverständnisse zu vermeiden: Wenn es im Folgenden um „Ostdeutsche“ und „Westdeutsche“ geht, geht es nicht um Aussagen über Identitätsaspekte einzelner Menschen, sondern um „strukturelle Aussagen über und zwischen sozialen Gruppen, die notwendigerweise analytische Abstraktionen und Generalisierungen bedeuten“ (Miethe 2019: 6).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Stimmungs&shy;bild durch Umfrage</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die zitierten Reaktionen aus meinem Umfeld sind das Ergebnis einer anonymen Online-Umfrage, die ich im Frühjahr 2025 per Mail und Nachrichten-App verschickt habe, mit der Bitte, sie an weitere Bekannte aus ganz Deutschland weiterzuleiten. Damit konnte ich ein Stimmungsbild einfangen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Den Begriff <i>Diskriminierung</i> habe ich durch den weniger akademisch klingenden Ausdruck <i>Benachteiligung</i> ersetzt. Die Fragestellung lautete: „Nimmst du eine Benachteiligung Ostdeutscher wahr?“ Begründungen zur jeweiligen Antwort konnten zusätzlich formuliert werden. Von 127 Befragten stimmten circa 60 Prozent mit „Ja“ und 40 Prozent mit „Nein“.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Interessant ist, dass die Begründungen der Nein-Antworten fast ausschließlich subjektive Empfindungen darstellten, während die Ja-Antworten fast ausschließlich mit objektiven, strukturellen Faktoren begründet wurden. Außerdem waren die Ja-Begründungen bedeutend länger. Die Begründungen habe ich jeweils in Kategorien geclustert und quantifiziert. Für einen Eindruck hier die Kategorien und zusätzlich einige Begründungen, die so oder so ähnlich besonders häufig vorkamen:</p>
<p class="v-absatz-einzug-western"><i>Kategorien der Ja-Begründungen und einige Beispiele (O-Töne):</i></p>
<ul>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Ungleichverteilung von Vermögen, Löhnen und Renten</i>: „staatliche Subventionen gehen hauptsächlich in Großunternehmen, die mehrheitlich in Westdeutschland ihren Firmensitz haben“, „Ostdeutsche haben deutlich weniger Einkommen trotz höheren Arbeitspensums, sie haben sehr viel weniger Vermögen, vor diesem Hintergrund wirkt sich auch das Steuersystem (relativ hohe Besteuerung von Arbeit und relativ geringe Besteuerung von Vermögen) nachteilig auf Ostdeutsche aus”, „Fehlende finanzielle Ressourcen aus Familienbesitz, Gewerbe etc. (kaum Privateigentum vor der Wende, kaum Erbschaft, akkumulierter Besitz oder Finanzen, die an Folgegenerationen vererbt werden können) führt zu weniger Kapital im Osten, zu Benachteiligung (nach der Wende konnten ostdeutsche Personen kaum Immobilien am eigenen Wohnort erwerben, hatten kaum Startkapital, damit weniger Ressourcen um zu investieren, zu sparen, anzulegen oder zu erwerben.“, „keine Anerkennung von Berufs- oder Studienabschlüssen – heißt – weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Rentenberechnung.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">50 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Unterrepräsentation in Führungspositionen sowie Einfluss auf Entscheidungen</i>: „Ostdeutsche sind in allen relevanten Bereichen (Wirtschaft, Politik, Medien, Justiz und Wissenschaft) unterdurchschnittlich oft in Führungspositionen vertreten und haben daher weniger Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten.“, „bei der Besetzung hochrangiger Positionen im universitären Kontext, auch Uniklinikum“, „Politik wird im Westen gemacht. Die Probleme der Ossis werden nur als rechts, links oder rückwärts gerichtet und deshalb kaum beachtet.“, „Ostdeutsche sind unter leitenden Funktionsträgern in Verwaltung, Ministerien, Hochschulen und großen Firmen deutlich unterrepräsentiert. Selbst in Ostdeutschland sind z.B. heute noch über die Hälfte der Staatssekretäre aus Westdeutschland.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">21 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Abwertende Darstellung in den Medien oder durch Äußerungen, Dialekte, Witze, Klischees</i>: „Diffamierung als Rechtsradikale, Stasi“, „Man wird anders wahrgenommen, als ob man die Welt erklärt bekommen muss.“, „Kulturell gelten ostdeutsche Eigenschaften und Verhaltensweisen als weniger angesehen.“, „Wenn im öffentlichen Raum, einschl. von Medien, über deutsche Geschichte oder Politik und andere Themen von vor 1989 gesprochen wird, wird meist nur die westdeutsche Geschichte/Politik/Leben dargestellt. Dann denke ich mir häufig, in Ostdeutschland war das anders, das ist nicht meine Geschichte. Ich fühle mich nicht zugehörig und angesprochen.“, „Medien sind in westdeutscher Hand.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">24 Mal erwähnt.</p>
</li>
</ul>
<p class="v-absatz-einzug-western"><i>Kategorien der Nein-Begründungen und einige typische Beispiele:</i></p>
<ul>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Betrifft mich nicht</i>: „bin ausreichend gut situiert.“ „Betrifft mich nicht persönlich“, „Ich werde nicht benachteiligt.“ „da sich in den letzten Jahren sehr viel entwickelt hat. Z.B. beim Gehalt. Und daraus heraus empfinde ich auch keine Benachteiligung.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">14 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Herkunft beziehungsweise O/W hat keine Relevanz oder ist kein Thema</i>: „…die Herkunft wurde nie zum Thema, da ich auch keinen Dialekt spreche.“; „Spielt im Alltag keine Rolle, woher ich komme. Fühle mich auch als Gesamtdeutsche.“, „Ich denke nicht mehr in diesen Kategorien Ost- bzw. Westdeutsch.“, „Weil ich in Westdeutschland lebe und ich oft gar nicht weiß, wer ost- oder westdeutsch ist.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">10 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Chancengleichheit/individuell</i>: „Gleiche Chancen vorhanden bei gleicher Qualifikation.“, „Es gibt überall Benachteiligung, aber nicht speziell, weil man aus dem Osten stammt“, „Ostdeutsche haben die gleichen Rechte und Möglichkeiten wie Westdeutsche. Alles andere ist rein individuell.“, „Benachteiligt wird, wer sich benachteiligen lässt. Dies entsteht u.a. durch fehlendes oder kleineres Selbstbewusstsein bzw. Selbstwertgefühl.“, „Jeder hat die Möglichkeit sich zu entwickeln. Die meisten Unzufriedenen wollen sich nur nicht die Mühe machen und suchen deshalb einfache Ausreden und geben anderen die Schuld.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">10 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Mediengemacht</i>: „Ich halte eine angebliche Diskriminierung von Medien gemacht.“, „Ich fühle mich als Deutscher und finde die Ost-West Spaltung des Volkes durch Medien und solche Umfragen das letzte.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">2 Mal erwähnt.</p>
</li>
</ul>
<p class="v-absatz-einzug-western">Etwa zwei Drittel der Befragten sind oder fühlen sich eher Ostdeutsch. Die große Mehrheit derer nimmt eine Benachteiligung Ostdeutscher wahr, und begründet dies mit strukturellen Faktoren. Diese Texte waren im Schnitt mehr als doppelt so lang.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Anzunehmen ist, dass hinter den längeren Antworten nicht nur ein Mitteilungsbedürfnis steht, sich etwa den als ungerecht empfundenen Verhältnissen (Lohngefälle bei gleicher Arbeitsleistung etc.) oder über ungerechte Behandlung bei Bewerbungsprozessen Luft zu machen (wie Bewerbung in Stuttgarter Unternehmen mit Leipziger Adresse – abgelehnt; gleiches Bewerbungsschreiben mit Adresse der Eltern aus Bremen – erfolgreich) oder: „Wenn man in der Firma [in Ostdeutschland] mal anspricht, dass Führungspositionen nur westdeutsch besetzt sind, wird mit den Augen geleiert – frei nach dem Motto: Nicht das Thema schon wieder […]“. Vor allem aber lässt sich ein Erklärungsbedürfnis vermuten. Es gab viele Begründungen, die mehrere Absätze einnahmen, eine sogar anderthalb DIN-A-4-Seiten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dieses Bedürfnis nach Mitteilung oder Erklärung ist bei den Nein-Antworten nicht zu erkennen, sondern eher die subjektive Einschätzung, dass es nicht (mehr) wahrgenommen beziehungsweise eher eine indifferente Position eingenommen wird.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Mehr westdeutsch als ostdeutsch Sozialisierte haben mit „Nein“ geantwortet, aber auch viele Ostdeutsche (insbesondere Männer). Und einige Westdeutsche antworteten auch mit „Ja“. Es ist also nicht nur eine West-Ost-Unterteilung, aber die Tendenz, dass Ostdeutsche eher als Westdeutsche eine Benachteiligung sehen, ist deutlich erkennbar.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Bemerkenswert waren die Reaktionen auf die Frageform zu Benachteiligung (Ja oder Nein) und vor allem auf die Entscheidungsfrage, ob sich die Person „eher Ostdeutsch“ oder „eher Westdeutsch“ einordnen würde (persönliche Angabe). Nicht Wenige meinten, dass sie sich weder als „eher Ostdeutsch“ noch „eher Westdeutsch“ fühlten oder schrieben Ähnliches in die Kommentare. Bei etwa einem Fünftel lässt sich das Bedürfnis erkennen, nicht in das Ost-West-Schema eingeordnet zu werden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Hier zeigt sich, was im öffentlichen Diskurs momentan heiß diskutiert wird – die Frage nach einer ostdeutschen Identität und Selbstidentifikation: Wer fühlt sich wann mit wem als Ostdeutsch? Und von welchen Akteuren wird dies gegebenenfalls instrumentalisiert? (Vgl. Spissinger et al. 2024; Mau 2024: 72f.)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch sonst spiegeln die Ergebnisse dieser Umfrage insofern den öffentlichen Diskurs wider, als dass die unterschiedlichen Ansichten auch dort zu beobachten sind: einerseits die Akteure, die auf Benachteiligung und Abwertung aufmerksam machen und auf deren Sichtbarkeit drängen; andererseits die Akteure, die sich teils dagegen, meist eher relativierend zum Sichtbarmachen in der Benachteiligungsfrage äußern.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die in den Ja-Begründungen genannten Antworten und deren Kategorien finden sich auch in einschlägigen Quellen wieder. Aus Platzgründen kann hier nur auf diese verwiesen werden: Foroutan (2021: 194f.) geht auf die ökonomischen, sozialen und symbolischen/kulturellen Faktoren ein und konstatiert in den Bereichen Armut, Erwerbslosigkeit, Überalterung ein deutliches Gefälle zwischen Ost und West (vgl. auch Ganzenmüller 2025). Neueste Zahlen zur Unterrepräsentanz in Elitenpositionen finden sich beim Forschungsprojekt Elitenmonitor 2025 (Lorenz et al. 2025) oder auch bei Kollmorgen et al. (2024). Forschungsanalysen zur westdeutsch dominierten Presselandschaft und entsprechende Deutungsmacht über das Bild „der Ostdeutschen“, über Stereotype werden in der Dokumentation <i>Es ist kompliziert. Der Osten in den Medien</i> (MDR 2024) dokumentiert. Weitere Analysen dazu bieten Lutz Mükke (2021) und Thomas Ahbe (2024).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western " align="left">Was bedeutet struk&shy;tu&shy;relle Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung?</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Um die Frage nach der strukturellen Diskriminierung Ostdeutscher beantworten zu können, braucht es einen Blick auf die verschiedenen Bedeutungen von <i>Diskriminierung</i>. Wenn im öffentlichen Diskurs von Diskriminierung gesprochen wird, stecken dahinter meist unterschiedliche Konzepte. Grob zusammengefasst: Ich kann unter Diskriminierung eher Einzelereignisse verstehen, beispielsweise, wenn jemand aufgrund seiner Hautfarbe, seines Geschlechts oder Alters etc. beleidigt oder angegriffen wird, oder eher als ein komplexes Phänomen, das solche Einzelereignisse – auch in subtiler Form – in einem umfassenden gesellschaftlichen Kontext und primär unter der Prämisse eines Herrschafts- und Machtgefälles begreift.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Relevant wird dies für unsere Ausgangsfrage zum Beispiel bei der Aussage des Soziologen Steffen Mau, wenn er über „Ostdeutsche Identität“ schreibt. Dort heißt es etwa: „Einen ‚Ossismus‘ als gruppenbezogene Diskriminierung gibt es bis auf wenige Ausnahmen nicht.“ Er begründet dies damit, „dass ‚das Ostdeutsche‘ kein äußerlich sichtbares Merkmal ist, auf das man gewollt oder ungewollt, immer wieder zurückgewiesen wird“ (Mau 2024: 81). Trotzdem gibt es, so Mau, „extrem starke Ungleichheiten, Benachteiligung oder Unterprivilegierung von Ostdeutschen“ (Hoffmann 2024).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ist Diskriminierung also eine Frage der Definition? Analog zur Formulierung in meiner Umfrage wird Diskriminierung häufig auch synonym mit <i>Benachteiligung</i> benutzt: „Alltagsprachlich wird unter Diskriminierung ein abwertendes Sprechen und benachteiligendes Handeln verstanden, dem negative Emotionen und Stereotype zu Grunde liegen“ (Scherr 2023: 18f.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dem Diskriminierungsforscher Albert Scherr (2023: 19) zufolge, sind die Ursachen von Diskriminierung nicht die Vorurteile selbst. Es muss vielmehr berücksichtigt werden, „wie dies mit den jeweiligen Macht- und Ungleichverhältnissen verschränkt ist“.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In den meisten Ansätzen der Diskriminierungsforschung ist die strukturelle Ebene entscheidend. Für Czollek et al. (2019: 803f.) nimmt sie deshalb eine zentrale Stellung ein, weil, „bestimmte Menschen nicht ausschließlich Alltagsdiskriminierung erfahren, sondern diskriminierende Praxen tief in gesellschaftlichen Feldern verankert sind”. „Strukturell“ bezeichnet im Konzept <i>Social Justice und Radical Diversity</i> die Verwobenheit und das Zusammenwirken der individuellen, institutionellen und kulturellen Ebene von Diskriminierung.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Neben den Ebenen individuell, institutionell und strukturell verstehe ich Diskriminierung als ein komplexes Phänomen mit vielen offenen, subtilen und versteckten Aspekten. Zudem sind bei Diskriminierung zwei Achsen in den Blick zu nehmen: die horizontale Achse (der kulturellen Differenz) und die vertikale Achse (der strukturellen Ungleichheiten (Vermögen, Status etc.) (Miethe 2019: 7, in Anlehnung an das Konzept der Dominanzkultur von Rommelspacher).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ob es Diskriminierung von Ostdeutschen gibt, entscheidet sich damit, wie ich <i>Diskriminierung</i> definiere. In der oben zitierten Äußerung von Mau bezieht sich Diskriminierung primär auf die individuelle Ebene. Ob der Diskriminierung zwingend ein äußerlich sichtbares Merkmal zugrunde liegen muss, klärt sich im Abschnitt zu Intersektionalität, ebenso die Frage, ob „die ostdeutsche Erfahrung […] gleichberechtigt ins Register anderer Diskriminierungskategorien einzutragen“ ist (Mau 2024: 85).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">In welchem Ma&szlig;e ist die struk&shy;tu&shy;relle Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung von Ostdeut&shy;schen erforscht?</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Für die Diskriminierungsforschung kann man das <i>Handbuch Diskriminierung</i> für diese Frage heranziehen, da in ihm der aktuelle Forschungsstand in zahlreichen Kapiteln und aus zahlreichen Perspektiven abgebildet wird (Scherr et al. 2023).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Hier lassen sich allerdings nur drei Erwähnungen zu „Ost“/“Ostdeutsch/e“ finden:</p>
<ol>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">In einer Aufzählung von „verschiedenen statusniedrigen Gruppen“ (Alleinerziehende, Ostdeutsche, ethnische Minderheiten etc.) (El-Mafaalani et al. 2023: 207).</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Im Kapitel zu <i>Klassistischer Diskriminierung von Armen und sozial Ausgegrenzten</i>, wo die in Ostdeutschland im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt höher liegenden Armuts- und SGB-II-Quote verdeutlicht wird (übrigens neben „viele[n] Städte[n] im Ruhrgebiet, Bremen, Berlin“) (Chassé 2023: 473).</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Im Kapitel zum Ansatz <i>Social Justice und Radical Diversity</i> (Czollek et al. 2023: 803), wo zahlreiche Diversitykategorien und entsprechende Diskriminierungsformen aufgezählt werden, auch „Diskriminierung Ost“.</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Somit gibt es keine nennenswerte Auseinandersetzung mit der Kategorie Ost im Handbuch. Angesichts der Brisanz des Themas wäre eine Erweiterung um ein Kapitel dazu nötig. Die Analyse empirisch nachweisbarer Diskriminierungseffekte, sprich der konkreten Ungleichbehandlung von Ostdeutschen im Gegensatz zu subjektiv wahrgenommener Benachteiligung, ist bisher ein Forschungsdesiderat, das bearbeitet werden muss, um Aussagen über das Ausmaß von struktureller Diskriminierung für Ostdeutsche treffen zu können. Für den Bereich Arbeitsmarkt wären quantitative Studien zu Bewerbungsprozessen nötig. Hierbei wäre die Manipulation des Geburtsorts (DDR/Ostdeutsch) und des Vornamens (stigmatisierte ostdeutsche Vornamen) möglich. Effekte ließen sich auch über Experimente wie „Lost Letters“ analysieren (Zick 2023: 44).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Erkenntnisreich wäre ebenso die Erforschung eventueller Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt aufgrund von Stereotypisierung von Dialektsprecher*innen. Drei Erkenntnisse, die den Anlass für eine solche Erhebung deutlich machen und die als Standards der Regio- oder Soziolektforschung gelten:</p>
<ol>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Dialektsprecher*innen werden meist negativer bewertet als Sprecher*innen des Standarddeutschen, ihnen wird ein niedrigeres Bildungsniveau zugesprochen (Trillhaase 2021).</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Sächsisch liegt auf der Beliebtheits- oder Prestigeskala seit Jahrzehnten mit Abstand am untersten Ende (Adler/Plewnia 2019; Hundt 2012; Anders 2010). Vor allem (ober-)sächsisch sprechenden Männern werden signifikant häufiger Attribute wie bildungsfern und einfältig zugeschrieben.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">„Zudem könnten sich Stereotype zu Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR auf sächsisch sprechende Personen übertragen haben, da sich Ansichten über das ‚Sächsische‘ und ‚Ostdeutsche‘ teilweise überlagern.“ Daraus folgt die Empfehlung: „Für das praktische Leben bedeuten die Befunde, dass sich Dialektsprecher dieser Wahrnehmungsverzerrungen bewusst sein sollten – zum Beispiel im Bewerbungsprozess oder im beruflichen Alltag. Das gelte auch für Personalmanagerinnen und Personalmanager, um sich vom Dialekt nicht zu Fehlurteilen verleiten zu lassen.” (Terp 2021)</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch zu diesem Diskriminierungsmerkmal (Sächsisch/Ostdeutsch als stigmatisierter Dialekt) wären quantitative Untersuchungen möglich, etwa durch Experimente mit indirekten Methoden aus der Sozialpsychologie: Hörproben mit verschiedenen Dialektsprecher*innen in Bewerbungssituationen werden abgespielt; Proband*innen bewerten die Hörproben nach Kompetenz, Sympathie etc. (Brade 2010: 437f.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dass Stigmatisierungen und Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt oder in Bewerbungsprozessen aufgrund ostdeutscher Stigmata (insbesondere Geburtsort, Sächsisch als Dialekt) realistisch sind, zeigen Arbeiten wie die von Liebscher (2022)<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a> oder Porsch (2012). Ob sie auf individueller Ebene – als Einzelereignisse im Unterschied zur strukturellen Dimension von Diskriminierung – auch tatsächlich Alltag sind, kann nur durch quantitative Erhebungen herausgefunden werden. Diese gibt es bisher kaum.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Im nächsten Schritt gehe ich deshalb auf Forschungsarbeiten ein, die die strukturelle Ebene der Diskriminierungskategorie Ostdeutsch in den Fokus nehmen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung Ost als Kategorie und Inter&shy;sek&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;lit&auml;t</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Czollek et al. (2019: 118) bieten eine umfängliche Definition für die Kategorie Ostdeutsch an:</p>
<blockquote class="western">
<p>„Diskriminierung Ost beschreibt die Strukturelle Diskriminierung von Menschen, die eine biographische DDR-Geschichte haben oder zugeschrieben bekommen. Ferner bedeutet sie die soziale, ökonomische und kulturelle Benachteiligung von Menschen, deren Arbeits- und Lebensmittelpunkt in den Neuen Bundesländern liegt. Neben der materiellen Diskriminierung (Einkommen, Rente) wirkt Diskriminierung Ost über Stereotypisierungen, die Menschen der Gruppe Herkunft Ost zuordnen und diese gesellschaftlich abwerten.“</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch im Konzept der <i>Dominanzkultur</i> mit horizontaler Differenzachse und vertikaler Hierarchieachse spielt der Einfluss der materiellen und sozioökonomischen Faktoren eine bedeutende Rolle. Miethe (2019) geht davon aus, dass nicht nur in den Kategorien Geschlecht, soziales Milieu, Migrationshintergrund etc., sondern auch im Ost-West-Vergleich eine Dominanzkultur vorliegt.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>ii</sup></a> Gründe dafür liegen in der Ungleichheit auf ökonomischer Ebene, im ungleichen Zugang zu Elitepositionen sowie im hegemonialen westdeutschen Mediendiskurs.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Über die soziologischen Analysen marginalisierter Gruppen hinaus werden in diesem Konzept auch die <i>psychologischen Mechanismen</i> herausgearbeitet, sprich die subtilen Mechanismen der Dominanz:</p>
<ol type="a">
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Leugnen der Ungleichheit und Erhaltung der Privilegierung:</i> Dieses Phänomen wird eindrücklich dokumentiert und analysiert im Beitrag des MDR (2024). Naika Foroutan stellt außerdem fest, dass Westdeutsche das „Deprivationsgefühl der Ostdeutschen kaum ernst [&#8230;] nehmen“ und „die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar anerkennen. Sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung“ (zit. nach Miethe 2019: 13). Neben der Leugnung gibt es auch den Mechanismus der Bagatellisierung (Miethe 2019: 14).</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Problemverschiebung und Umkehrung</i>: Demzufolge seien das Problem „nicht massive Transformationsprozesse, wie sie ansonsten selten Menschen zugemutet werden, oder fehlende Wertschätzung und Respekt in Gesamtdeutschland, sondern die fehlende Fähigkeit der Ostdeutschen, damit umzugehen. […] Der Osten und die Ostdeutschen“ sind das Problem, das einer Lösung bedarf – nicht das westdeutsche Wirtschaftssystem, Fehler der Vereinigung oder der Transformationsprozess.“ (Miethe 2019: 14)</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Internalisierung von Dominanz und Diskriminierung</i>: Eine typische Umgangsstrategie von sozial stigmatisierten Gruppen besteht in der Assimilation (Miethe 2019: 16). Im Ost-West-Kontext bedeutet das die Verleugnung der eigenen DDR-Identität im Zusammenhang mit Scham. Das kann sich etwa im Aufgeben von eigenen Symbolen (Kleidung, Verhalten, Sprache/Dialekt etc.) ausdrücken und mit Anpassung oder Übernahme der Symbole der dominanten Gruppe kompensiert werden.</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Diese subtilen, meist unbewussten psychologischen Mechanismen stehen im Widerspruch zu Maus oben zitierter These, dass es gruppenbezogene Diskriminierung Ostdeutscher bis auf wenige Ausnahmen nicht gibt (Mau 2024: 81). Ebenso kann Mau darin widerlegt werden, dass „die ostdeutsche Erfahrung [nicht] gleichberechtigt ins Register anderer Diskriminierungskategorien einzutragen“ ist (Mau 2024: 85). Dem Konzept der <i>Intersektionalität</i> zufolge gibt es eine wechselseitige Beeinflussung einzelner Unterdrückungs- und Diskriminierungskategorien, die der Dominanzkultur zugrunde liegen (Miethe 2019: 6). So können „Ostdeutsche als Angehörige der nicht-dominanten Gruppe im Verhältnis zu Westdeutschen als Angehörige der dominanten Gruppe beschrieben werden“. Gleichzeitig können „Ostdeutsche gegenüber anderen Personengruppen, z.B. Migranten, durchaus in einer dominanten Rolle“ sein (Miethe 2019: 6). Das Konzept der Intersektionalität sagt auch aus:</p>
<blockquote class="western">
<p>„Eine Person kann aus der einen Machtposition heraus diskriminiert und aus einer anderen heraus privilegiert sein. Im Kontakt mit anderen Machtachsen, etwa der von Klasse oder […] Rassismus, kann eine ostdeutsche Person Privilegien besitzen, die einer westdeutschen Person unzugänglich sind. Das hebt die West-Ost-Machtachse [Herrschaftskategorie] zwar nicht auf, krümmt sie aber. So kann es zu Konstellationen kommen, in denen etwa eine ostdeutsche Frau* Macht und Privilegien gegenüber einem afrodeutschen westdeutschen Mann* hat.“ (Arndt 2021: 154)</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der Ansatz der <i>O</i><i>st-m</i><i>igrantischen Analogien</i> von Foroutan et al. (2019) geht in eine ähnliche Richtung: Sie vergleicht Stigmatisierungserfahrungen von (muslimischen) Migrant*innen und Ostdeutschen, betont aber auch, dass eine Gleichsetzung nicht möglich sei, denn:</p>
<blockquote class="western">
<p>„Die Erfahrungen von Ostdeutschen und Migrant*innen ähneln sich nicht, wenn es um die Erfahrung von Rassismus geht. Im Vergleich der Strukturdaten zu Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsnähe, Gesundheit usw. ist die soziale Gruppe der Muslim*innen in Deutschland eindeutig und objektiv schlechter gestellt. Ostdeutsche müssen im Vergleich dazu nicht fürchten, von physischer Gewalt bedroht zu werden und gehören in weiten Teilen des Landes selbst zur Dominanzgesellschaft. […] Dennoch sind in spezifischen Stereotypen, die gegenüber beiden Gruppen existieren, Analogien erkennbar, die es lohnt, weiter in den Blick zu nehmen. Denn: Finden sich Ähnlichkeiten in der Abwertung sozialer Gruppen, die maximal distinkt sind – sich also stark voneinander unterscheiden –, dann kann dies ein Hinweis auf systematische Abwertungsprozesse und Privilegiensicherung von dominanten Gruppen sein.“ (Foroutan 2021: 191f.).</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zwei zentrale Ergebnisse der Analogien sind (Foroutan et al. 2019: 37):</p>
<ol>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">„Ostdeutsche sind mit ähnlichen Abwertungen konfrontiert wie Muslim*innen. Westdeutsche werfen beiden Gruppen vor, sich zum Opfer zu stilisieren, nicht genug vom Extremismus zu distanzieren und noch nicht im heutigen Deutschland angekommen zu sein, womit beide Gruppen stereotypisiert und migrantisiert werden.“</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">„Ostdeutsche zeigen zwar Anerkennung für die Lage der Muslim*innen, sehen sich aber auf gleicher (unterer) Stufe wie Muslim*innen als Bürger zweiter Klasse benachteiligt und mit Leistungshürden und Positionsschranken konfrontiert. Westdeutsche erkennen die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar an: sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung.“</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Somit geht es nicht darum, die ostdeutsche Erfahrung gleichberechtigt mit Rassismus etc. zu setzen, sondern darum, die Mechanismen von dominanten und nicht-dominanten Gruppen offen zu legen und dadurch möglicherweise Empathie und Koalitionsmöglichkeiten der intersektionalen Praxis zu erzeugen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung unein&shy;ge&shy;schr&auml;nkt sichtbar machen? Der gesell&shy;schafts&shy;po&shy;li&shy;ti&shy;sche Diskurs</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Es ist deutlich geworden, dass es unterschiedliche Perspektiven auf die Frage gibt, ob Diskriminierung und Benachteiligung Ostdeutscher vorliegt. Dies zeigt sowohl meine kleine Umfrage als auch der wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Diskurs:</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">So gibt es die deutliche Forderung vieler Autor*innen, die Benachteiligung in ihrer ganzen Wucht sichtbar zu machen, um auf systemische Strukturen und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten aufmerksam zu machen: erwähnt wurde bereits Foroutan, die zusammen mit Hensel öffentlich über die „Gesellschaft der Anderen“ (2020) diskutiert hat. Engagiert schreibt auch Petra Köpping (2018), die unter anderem auf die gravierenden Folgen der Treuhandzeit aufmerksam macht und auf eine umfassende Aufarbeitung der Fehler der Transformationszeit drängt<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>iii</sup></a>; so übrigens auch jüngere Akteure wie die Initiative #Wir sind der Osten, 3te Generation Ost oder Autorinnen wie Erler (2025) oder Zepter (2022: 163). Letztere hat ähnlich wie Oschmann (2023), allerdings aus westdeutscher Sicht, auf vermeintlich witzig gemeinte, aber verletzende Abwertungen sowie auf Alltagsdiskriminierung aufmerksam gemacht.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Oschmann hat 2023 diesen Diskurs mit seinem Buch <i>Der Osten: eine westdeutsche Erfindung</i> in hohem Maße angefeuert, indem er sich in bewusst zugespitzter Weise zu den in der Einleitung erwähnten drei Erfahrungsebenen von Verlust, Entwertung und Ohnmacht äußert sowie auf systemische Schieflagen hinweist, die bis heute anhalten. Dies hat in den Feuilletons und unter Expert*innen eine hitzige Debatte entfacht. Zahlreiche Gegenstimmen haben reagiert. Kowalczuk befürchtet „Ostdeutschtümelei“ und den Verfall der Ostdeutschen in die Opferrolle, statt in die Eigenverantwortung zu gehen (Wolf 2024). Kollmorgen (2025) mahnt unter anderem an, dass Oschmann pauschalisierend von „den“ Ostdeutschen und „den“ Westdeutschen spricht und all die nicht mit einbezieht, die sich nicht in das „Ost-West-Schema“ pressen lassen wollen. Und Mau (ähnlich wie Kowalczuk und Kollmorgen) benennt zwar Phänomene wie Benachteiligung, Unterprivilegierung und Deklassierungserfahrungen (Hoffmann 2024), stellt aber Oschmanns These um, so dass nicht der Westen den Osten als anders begreife, „sondern der Osten sich selbst“ (Mau 2024: 77), da der Westen dem Osten in einer „Egalhaltung“ gegenübertrete. Dies belegt Mau mit seiner Studie (Mau/Lux/Heide 2024), in der jüngere und ältere Ost- und Westdeutsche nach Unterschieden und Konflikten zwischen Ost und West befragt werden. Während bei jüngeren Ostdeutschen die Differenz- und Konfliktwahrnehmung überraschenderweise ganz leicht zunimmt, nimmt sie bei jüngeren Westdeutschen deutlich ab (und ist bei Westdeutschen generell viel geringer), was Mau als Beweis sieht, dass kein <i>Othering</i> (und damit keine Diskriminierung aufgrund von Fremdmachung) vorliegen kann. (Mau 2024: 77f.; Mau/Lux/Heide 2024: 12).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dies möchte ich infrage stellen, insofern dass die mit einer direkten Methode abgefragte „Egalhaltung“, also das geringe Wahrnehmen von Unterschieden und Konflikten, nicht heißen muss, dass auch keine Negativ-Stereotypisierung und Diskriminierung geschieht. Mir kann jemand „völlig egal“ sein, und gleichzeitig kann ich mich ihm überlegen fühlen und ihn abwertend behandeln. Prominente Beispiele gibt es zuhauf. Am einflussreichsten erscheinen mir zwei Personen: Zum einen der milliardenschwere Springer-Chef Matthias Döpfner, dessen Äußerungen über „Ossis“ als „Kommunisten oder Faschisten“ laut des Journalisten Hajo Schumacher kein Einzelfall sind, sondern eine westdeutsche Denkschule beschreiben (MDR 2024). Zum anderen Friedrich Merz, der abweichende Meinungen von Ostdeutschen zur Ukraine-Politik nicht als gleichwertige Stimmen sieht, sondern ihnen pauschal Wissenslücken attestiert, die er gönnerhaft schließen will (Focus 2024), womit er seiner Deutungsmacht Ausdruck verleiht.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>iv</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Es geht also nicht um den westdeutschen Durchschnittsbürger oder eventuelle Schuldzuschreibungen Westdeutschen gegenüber, sondern um die problematische Dynamik, in der einflussreiche Eliten tradierte negative Stereotype über Ostdeutsche perpetuieren und diese somit als negativ anders oder abweichend stigmatisieren. Die Einwände gegen Oschmanns provokante Thesen, etwa die Befürchtung, Ostdeutsche könnten in die Opferrolle abdriften und ihre Eigenverantwortung vernachlässigen, sind einerseits verständlich, gehen aber an der Sache vorbei:</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der Kernpunkt ist die immense Deutungsmacht des Westens, die von politischen und medialen Influencer*innen <i>gemacht</i> wird. Oschmann zielt darauf ab, diese Dominanzachse sichtbar zu machen. Der Kern der Diskussion sollte daher in der Notwendigkeit liegen, die realen Ereignisse und gegenwärtigen Verhältnisse ungeschönt darzustellen und systemische Probleme offen zu legen. Dieses Sichtbarmachen der Missstände ist essenziell, bildet aber nur den ersten Schritt. Daran anschließend ist es unabdingbar, einen konstruktiven Dialog zu fördern. Die Herausforderung liegt darin, die Erfahrungen und politischen Perspektiven Ostdeutscher vollständig anzuerkennen, statt sie unter Verweis auf die Wende als Glück und Freiheitsgewinn zu relativieren.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>v</sup></a> Die dahinterstehenden Befürchtungen – eine Verfestigung der Opferrolle, Verstärkung von Ressentiments und die politische Instrumentalisierung von Ostalgie – sollten ernst genommen werden, aber nicht dazu führen, notwendige Diskurse zu vermeiden oder zu dämpfen. Bei Menschen, die sich marginalisiert fühlen, stoßen solche Relativierungen und Verweise auf taube Ohren, mehr noch: Es verstärkt die Reaktanz.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Ausblick</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Wie kann man Menschen, die sich marginalisiert fühlen, zumindest auf kommunikativer Ebene erreichen? Dazu müssen die Perspektiven von Ostdeutschen, die sich benachteiligt oder deklassiert sehen, diskursiv anerkannt werden. Dies muss uneingeschränkt geschehen, auch wenn man die Perspektive womöglich nicht teilt. Vor allem braucht es eine offenere und multiperspektivische Streitkultur (vgl. Flaßpöhler 2024).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Konkret gibt es dafür erprobte Dialogformate, die nach dem Prinzip des offenen Sprechens und bewertungsfreien Zuhörens sogar in Kommunen, etwa in Brandenburg, umgesetzt werden (Mehr Demokratie 2025). Dort kommt das Thema Ost-West immer wieder zur Sprache und wird in Dialogveranstaltungen umgesetzt. In kleineren Gruppen werden diese tiefen persönlichen und kollektiven Erfahrungs- und Aufarbeitungsprozesse auch in der Bildungs-, Traumaarbeit oder in Erzählcafés durchgeführt (momentan in Thüringen in der Pilotphase; auch beschrieben bei Miethe 2014).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Uneingeschränkt Perspektiven anerkennen heißt auch, das Bedürfnis nach Aufarbeitung der als schmerzhaft und ungerecht empfundenen Transformationszeit ernst zu nehmen und zu erforschen, und zwar auch hier nicht relativierend oder in Konkurrenz zur historischen und individuellen Aufarbeitung der DDR-Geschichte (wie bei Mau 2024: 84), sondern im Prinzip des „Sowohl als auch“. Soziohistorische Großprojekte, wie das gerade im Entstehen begriffene Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle haben nur eine Chance tatsächlich zukunftsweisend zu sein, wenn sie die Vielzahl an Geschichts- und Gegenwartsnarrativen zulassen und möglichst wertfrei nebeneinander stehen lassen. Eine besondere Rolle kommt dabei auch den öffentlich-rechtlichen und Leitmedien zu, mit Berichten, die sowohl die Probleme als auch die vorhandenen (geschichtlichen) Errungenschaften des Ostens beinhalten, idealerweise erzählt von Journalist*innen, die die spezifischen Narrative und Perspektiven von Ostdeutschen gleichwertig darstellen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wenn „der Osten“ also merkt, dass „der Westen“ seine Wunden und Errungenschaften anerkennt, dann gibt es eine reelle Chance, dass Ostdeutsche ihre Ressentiments nicht nur Westdeutschen, sondern auch anderen marginalisierten Gruppen gegenüber abbauen. Aber das ist eine andere Geschichte …</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Julia Brade</strong> leitet das Thüringer Zentrum für Interkulturelle Öffnung. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind diversitätsorientierte Personal- und Organisationsentwicklung (Beratung, Coaching, Training, Moderationen, Workshops und Seminare).</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p align="justify"><em>Adler, Astrid/Plewnia, Albrecht</em> 2019: Die Macht der großen Zahlen. Aktuelle Spracheinstellungen in Deutschland, Mannheim.</p>
<p align="justify"><em>Ahbe, Thomas</em> 2024: Warum wandelt sich das Bild vom Osten kaum? Die identitätsstiftenden Narrative der alten Bundesrepublik als Konstante bei der diskursiven Konstruktion Ostdeutschlands und der Ostdeutschen, in: Roth, Kersten S./Pappert, Steffen (Hrsg.): <em>Ost-West-Konflikte. Interdisziplinäre Perspektiven auf den Diskurs über Deutschland und die Welt</em>, Hamburg, S. 51-71.</p>
<p align="justify"><em>Anders, Christina A.</em> 2010: Wahrnehmungsdialektologie. Das Obersächsische im Alltagsverständnis von Laien, Berlin/New York.</p>
<p align="justify"><em>Arndt, Susan</em> 2021: Ostdeutschland inmitten intersektioneller Zukünfte, in: Kowalczuk, Ilko-Sascha et al. (Hrsg.): <em>Ostdeutschlands Weg. Teil II: Gegenwart und Zukunft</em>, Bonn, S. 149-169.</p>
<p align="justify"><em>Brade, Julia</em> 2010: (Sprach)einstellungen in Mexiko. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, in: Krefeld, Thomas/Pustka, Elissa (Hrsg.): <em>Perzeptive Varietätenlinguistik</em>, Frankfurt am Main, S. 431-455.</p>
<p align="justify"><em>Chassé, Karl August</em> 2023: Klassistische Diskriminierung von Armen und sozial Ausgegrenzten, in: Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin (Hrsg.): <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden, S. 459-482.</p>
<p align="justify"><em>Czollek, Leah C. et al.</em> 2019: Praxishandbuch Social Justice und Diversity, Weinheim.</p>
<p align="justify"><em>Czollek, Maximilian et al.</em> 2023: Social Justice and Radical Diversity, in: Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin (Hrsg.): <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden, S. 799-818.</p>
<p align="justify"><em>El-Mafaalani, Aladin et al. </em>2023: Tatsächliche, messbare und subjektiv wahrgenommene Diskriminierung, in: Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin (Hrsg.): <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden, S. 195-213.</p>
<p align="justify"><em>Erler, Laura</em> 2025: Eine ostdeutsche Herkunft darf kein Karrierenachteil sein, in: <em>Neue Narrative</em>, H. 23, <a href="https://www.neuenarrative.de/magazin/eine-ostdeutsche-herkunft-darf-kein-karrierenachteil-sein/#fn2">https://www.neuenarrative.de/magazin/eine-ostdeutsche-herkunft-darf-kein-karrierenachteil-sein/#fn2</a>.</p>
<p align="justify"><em>Focus </em>2024: Nach erstem Satz von ARD-Frau fängt Friedrich Merz an, herzlich zu lachen. Interview mit Friedrich Merz, in: <em>Focus</em> vom 09.05.2024, <a href="https://www.focus.de/kultur/kino-tv/in-den-tagesthemen-nach-erstem-satz-von-ard-frau-faengt-friedrich-merz-an-herzlich-zu-lachen_id_259917809.html">https://www.focus.de/kultur/kino-tv/in-den-tagesthemen-nach-erstem-satz-von-ard-frau-faengt-friedrich-merz-an-herzlich-zu-lachen_id_259917809.html</a>.</p>
<p align="justify"><em>Flaßpöhler, Svenja</em> 2024: Streiten, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Foroutan, Naika </em>2021: Sind Ostdeutsche auch Migranten? Über Sinnhaftigkeit und Grenzen des Vergleichs von Ostdeutschen und Migrant*innen in Deutschland., in: Kowalczuk, Ilko-Sascha et al. (Hrsg.): <em>Ostdeutschlands Weg. Teil II Gegenwart und Zukunft</em>, Bonn, S. 191-205.</p>
<p align="justify"><em>Foroutan, Naika et al.</em> 2019: Ost-Migrantische Analogien I. Konkurrenz um Anerkennung. Unter Mitarbeit von Daniel Kubiak und Sabrina Zajak, Berlin; <a href="https://www.dezim-institut.de/publikationen/publikation-detail/ost-migrantische-analogien-i/">https://www.dezim-institut.de/publikationen/publikation-detail/ost-migrantische-analogien-i/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Foroutan, Naika/Hensel, Jana</em> 2020: Die Gesellschaft der Anderen, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Ganzenmüller, Jörg</em> 2025: Lebensweltliche Umbrüche in der Vereinigungsgesellschaft. Die erfahrungsgeschichtliche Dimension der Transformation Ostdeutschlands nach 1990, in: Ganzenmüller, Jörg (Hrsg.): <em>Transformationserfahrungen. Lebensweltliche Umbrüche in Ostdeutschland nach 1990</em>, Köln, S. 11-33.</p>
<p align="justify"><em>Hoffmann, Tim</em> 2024: Bestseller-Autor Steffen Mau: Der Osten wird nicht diskriminiert &#8211; er ist unterprivilegiert, Interview mit Steffen Mau, in: <em>Freie Presse</em> vom 26.06.2024; <a href="https://www.freiepresse.de/kultur/bestseller-autor-steffen-mau-der-osten-wird-nicht-diskriminiert-er-ist-unterprivilegiert-artikel13427329">https://www.freiepresse.de/kultur/bestseller-autor-steffen-mau-der-osten-wird-nicht-diskriminiert-er-ist-unterprivilegiert-artikel13427329</a>.</p>
<p align="justify"><em>Hundt, Markus</em> 2012: Warum gibt es eigentlich beliebte und unbeliebte Dialekte? In: Hünecke, Rainer/Jakob, Karlheinz (Hrsg.): <em>Die obersächsische Sprachlandschaft in Geschichte und Gegenwart</em>, Heidelberg, S.175-222.</p>
<p align="justify"><em>Kollmorgen, Raj</em> 2025: Zerrbilder. Dirk Oschmanns Erfindung des Ostens. Eine Entgegnung, in: <em>Bundeszentrale für politische Bildung</em> vom 01.02.2025; <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/558993/zerrbilder-dirk-oschmanns-erfindung-des-ostens-eine-entgegnung/">https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/558993/zerrbilder-dirk-oschmanns-erfindung-des-ostens-eine-entgegnung/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Kollmorgen, Raj et al.</em> (Hrsg.) 2024: Ferne Eliten. Die Unterrepräsentation von Ostdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund, Wiesbaden.</p>
<p align="justify"><em>Köpping, Petra</em> 2018: Integriert doch erstmal uns! Eine Streitschrift für den Osten, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Liebscher, Doris</em> 2022: Ethnizität oder Klassismus? Von den Schwierigkeiten und Möglichkeiten, die Benachteiligung Ostdeutscher antidiskriminierungsrechtlich zu fassen, in: Aleksander, Karin et al. (Hrsg.) <em>Feministische Visionen vor und nach 1989: Geschlecht, Medien und Aktivismen in der DDR, BRD und im östlichen Europa</em>, Opladen et al., S. 315-332.</p>
<p align="justify"><em>Lorenz, Astrid/Kollmorgen, Raj/Vogel, Lars/Reiser, Marion</em> (Hrsg.) vls 2025: Die Unterrepräsentation Ostdeutscher in Spitzenpositionen. Muster, Ursachen, Handlungsmöglichkeiten, Wiesbaden; <a href="https://research.uni-leipzig.de/elitenmonitor/">https://research.uni-leipzig.de/elitenmonitor/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Mau, Steffen</em> 2024: Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Mau, Steffen/Lux, Thomas/Heide, Julian</em> 2024: Ost- und Westdeutsche für immer? Zu Wahrnehmungen von Unterschieden und Konflikten zwischen Ost- und Westdeutschen, in: <em>Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie</em>, Jg. 76, H. 1, 1-23; <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11577-024-00949-z">https://link.springer.com/article/10.1007/s11577-024-00949-z</a>.</p>
<p align="justify"><em>MDR </em>2024: Es ist kompliziert. Der Osten in den Medien, in: <em>MDR </em>vom 10.10.2024; <a href="https://www.ardmediathek.de/video/mdr-dok/es-ist-kompliziert-der-osten-in-den-medien/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MjA0MC80NzEyNjItNDUxNTY1">https://www.ardmediathek.de/video/mdr-dok/es-ist-kompliziert-der-osten-in-den-medien/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MjA0MC80NzEyNjItNDUxNTY1</a>.</p>
<p align="justify"><em>Mehr Demokratie</em> 2025: Sprechen und Zuhören, in: <em>YouTube</em> vom 27.01.2025; <a href="https://www.youtube.com/watch?v=LMmod29KiS0&amp;t=10s">https://www.youtube.com/watch?v=LMmod29KiS0&amp;t=10s</a>.</p>
<p align="justify"><em>Miethe, Ingrid</em> 2014: Dominanz und Hierarchien begegnen. Interkulturelle Dimensionen deutsch-deutscher Biografiearbeit, in: Ernst, Christian (Hrsg.): <em>Geschichte im Dialog? ‚DDR-Zeitzeugen‘ in Geschichtskultur und Bildungspraxis</em>, Schwalbach am Taunus, S. 128-141.</p>
<p align="justify"><em>Miethe, Ingrid</em> 2019: Dominanzkultur und deutsche Einheit, in: <em>Berliner Debatte Initial</em>, Jg. 30 H. 4, S. 5-19.</p>
<p align="justify"><em>Mükke, Lutz</em> 2021: 30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung: Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest? Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Oschmann, Dirk</em> 2023: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Porsch, Peter</em> 2012: Warum die sächsische Sprache laut einem Gerichtsurteil kein Kündigungsgrund sein darf? Zu den politischen Dimensionen eines bundesrepublikanischen Sprachkonflikts, in: Hünecke, Rainer/Jakob, Karlheinz (Hrsg.): <em>Die obersächsische Sprachlandschaft in Geschichte und Gegenwart</em>, Heidelberg, S. 341-361.</p>
<p align="justify"><em>Rehberg, Karl-Siegbert </em>2006: Ost-West, in: Lessenich, Steffen/Nullmeier, Frank (Hrsg.): <em>Deutschland – eine gespaltene Gesellschaft</em>, Frankfurt am Main/New York, S. 209-233.</p>
<p align="justify"><em>Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin </em>(Hrsg.) 2023: Handbuch Diskriminierung, Wiesbaden.</p>
<p align="justify"><em>Scherr, Albert</em> 2023: Soziologische Diskriminierungsforschung, in: Scherr, Albert / Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin 2023: <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden., S. 17-42.</p>
<p align="justify"><em>Spissinger, Florian et al.</em> 2024: Das Ringen um ‚die Ostdeutschen‘ – über die Beharrlichkeit einer Identitätskonstruktion, in: Vogel, Lars/Lorenz, Astrid/Pates, Rebecca (Hrsg.): <em>Ostdeutschland. Identität, Lebenswelt oder politische Erfindung?</em> Wiesbaden, S. 337-357.</p>
<p align="justify"><em>Terp, Stefanie </em>2021: Dialekte beeinflussen die Wahrnehmung der Persönlichkeit, in: <em>IDW </em>vom 09.08.2021; <a href="https://idw-online.de/en/news775384">https://idw-online.de/en/news775384</a>.</p>
<p align="justify"><em>Trillhaase, Kerstin</em> 2021: Der Einfluss der deutschen Dialekte Obersächsisch und Mittelbairisch auf die Wahrnehmung der Persönlichkeit, in Sendlmeier, W. (Hrsg.): <em>Mündliche Kommunikation</em>, Bd. 11, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Wolf, Tobias </em>2024: Historiker zu Wahlergebnissen: „Mehrheit der Ostdeutschen tut so, als würden sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet“. Interview mit Ilko-Sascha Kowalczuk, in: <em>Freie Presse</em> vom 13.06.2024; <a href="https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/historiker-zu-wahlergebnissen-mehrheit-der-ostdeutschen-tut-so-als-wuerden-sie-unentwegt-untergebuttert-und-ausgebeutet-artikel13411457">https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/historiker-zu-wahlergebnissen-mehrheit-der-ostdeutschen-tut-so-als-wuerden-sie-unentwegt-untergebuttert-und-ausgebeutet-artikel13411457</a>.</p>
<p align="justify"><em>Zepter, Nicole </em>2022: Wer lacht noch über Zonen-Gaby? Ein Vorschlag zur Versöhnung, Stuttgart.</p>
<p align="justify"><em>Zick, Andreas </em>2023: Sozialpsychologische Diskriminierungsforschung, in: Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin 2023: <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden, S. 43-68.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Anmerkungen</h3>
<div id="sdendnote1">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">i </a>Liebscher geht auf mehrere Diskriminierungsfälle von Menschen mit DDR-Biografie ein; etwa auf den Fall einer Klage, wo eine Bewerberin in Stuttgart aufgrund ihrer DDR-Biografie abgelehnt wurde (Randnotizen in der Bewerbung: Minus-Zeichen hinter „Ossi – “, sowie die Notiz „DDR“). Auch die darauffolgende Klage über die Kategorie „Ethnische Herkunft“ im AGG wurde in mehreren Instanzen abgewiesen. Liebscher diskutiert, wie die Benachteiligung Ostdeutscher unter Rechtsschutz gestellt werden könnte, ob über das AGG oder offene Listen von Diskriminierungskategorien (soziale Herkunft; Weltanschauung), wie es bereits im Berliner Landesantidiskriminierungsgesetzes ermöglicht wurde (Liebscher 2022).</p>
</div>
<div id="sdendnote2">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">ii </a>Miethes Argument für eine Ost-West-Kategorie respektive ihr Ansatz, dass Hierarchie- und Machtverhältnisse einen bedeutenden Einfluss haben, werden im Großen und Ganzen auch von den hier zitierten Autor*innen geteilt. Sie alle beschäftigen sich hauptsächlich mit Diskriminierungskategorien wie Soziales Milieu, Migrationshintergrund, Geschlecht etc. und widmen sich in einzelnen Aufsätzen der Diskriminierungsachse Ost-West (Liebscher 2022; Miethe 2019; Arndt 2021). Foroutan (2021) und Kolleg*innen hatten mit Ost-migrantischen Analogien ein groß angelegtes Forschungsprojekt.</p>
</div>
<div id="sdendnote3">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">iii </a>Zur Rolle der Treuhand in Bezug auf Abwertungsprozesse und Empfindungen siehe auch den Beitrag von Paul Seibicke in diesem Heft.</p>
</div>
<div id="sdendnote4">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">iv </a>Bereits 2001 machte Merz mit negativen Äußerungen über Ostdeutsche auf sich aufmerksam und wollte nach den Wahlerfolgen der PDS „dem trotzig-pubertären Lümmelvolk im Osten das Taschengeld entziehen“ (Rehberg 2006: 223).</p>
</div>
<div id="sdendnote5">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">v </a>Kowalczuk: „Viele tun so, als wären ihre Erfahrungen einzigartig, als wäre nur ihnen etwas geschehen. Dabei hatten die Ostdeutschen vor allem Glück. Sie sind in einem der reichsten und einem der zehn freiesten Länder der Welt ohne eigenes Zutun wach geworden und sozial abgefedert wie 95 Prozent der Weltbevölkerung es nicht sind. Und trotzdem tut eine Mehrheit von ihnen immer so, als wenn sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet würden.“ (Wolf 2024)</p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/verborgene-wunden-strukturelle-diskriminierung-und-die-ostdeutsche-erfahrung-im-gesamtdeutschen-diskurs/">Verborgene Wunden: Strukturelle Diskriminierung und die ostdeutsche Erfahrung im gesamtdeutschen Diskurs</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
		<media:content url="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2025/09/vorg250-251_U1_page-0001-2-e1757940675662.jpg" medium="image"></media:content>
            	</item>
		<item>
		<title>Parteiendemokratie und Parteiensystem in Ostdeutschland: Eine Bilanz seit 1989</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/parteiendemokratie-und-parteiensystem-in-ostdeutschland-eine-bilanz-seit-1989-2/</link>
		
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		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 14:45:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine vertrackte Geschichte: Sozial&#173;de&#173;mo&#173;kratie und PDS nach dem Mauerfall Obwohl man keine kontrafaktische Geschichtsschreibung betreiben soll, ist es für einen kurzen Moment reizvoll sich vorzustellen, was hätte passieren können, wenn der Prozess der deutschen Vereinigung ab 1989 anders verlaufen wäre. Analysiert man die Entwicklung in den neuen Bundesländern, so wird bis heute – auch in [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/parteiendemokratie-und-parteiensystem-in-ostdeutschland-eine-bilanz-seit-1989-2/">Parteiendemokratie und Parteiensystem in Ostdeutschland: Eine Bilanz seit 1989</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Eine vertrackte Geschichte: Sozial&shy;de&shy;mo&shy;kratie und PDS nach dem Mauerfall</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Obwohl man keine kontrafaktische Geschichtsschreibung betreiben soll, ist es für einen kurzen Moment reizvoll sich vorzustellen, was hätte passieren können, wenn der Prozess der deutschen Vereinigung ab 1989 anders verlaufen wäre. Analysiert man die Entwicklung in den neuen Bundesländern, so wird bis heute – auch in der Politikwissenschaft – zu wenig berücksichtigt, dass es sich bei der ehemaligen DDR um eine postkommunistische Gesellschaft handelt. Anstatt deren Transformationsprozess mit anderen postkommunistischen Systemen zu vergleichen, dominierte von Beginn an die Ausrichtung auf den „großen Bruder“ im Westen, an dessen Standards es schnellstmöglich anzuschließen gelte. Die wissenschaftliche Betrachtung ist dem realen politischen Handeln hierin gefolgt.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Welche Vor- und Nachteile sich aus der Existenz dieses Bruders für den Osten ökonomisch und kulturell ergeben haben, wurde zunächst nicht und später eher zögerlich erforscht. Es könnte sich nur in einem systematischen Vergleich mit den Neudemokratien in Mittelosteuropa belegen lassen, die bei der Umgestaltung ihrer gesellschaftlichen und politischen Ordnung weitgehend auf sich gestellt waren.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a> Die Entwicklung der Parteiensysteme bietet dafür ein treffendes Beispiel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. Frank Decker</strong> ist Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Jüngste Buchveröffentlichungen: Freiheit – Gleichheit – Vertrauen, Bonn 2025 (hrsg. mit Thomas Hartmann-Cwiertnia und Jochen Dahm); Handbuch der deutschen Parteien, 4. Aufl., Wiesbaden 2025 (hrsg. mit Viola Neu) und Politik in stürmischer Zeit, Bonn 2023 (zusammen mit Eckhard Jesse und Roland Sturm).</em></p>
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<div id="sdendnote11">
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
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		<title>Demografischer Wandel im vereinten Deutschland im Zeitraum 1990 bis 2023</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/demografischer-wandel-im-vereinten-deutschland-im-zeitraum-1990-bis-2023-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 14:37:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensweisen / Pluralismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bevölkerung]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Demografie]]></category>
		<category><![CDATA[demografischer Wandel]]></category>
		<category><![CDATA[Demographie]]></category>
		<category><![CDATA[demographischer Wandel]]></category>
		<category><![CDATA[Maskulinisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Ostdeutschland]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im 35. Jahr der deutsch-deutschen Vereinigung unterscheiden sich Ost- und Westdeutschland auch demografisch voneinander. Im Osten haben sich in den vergangenen 35 Jahren dramatische demografische Veränderungen vollzogen. Dieser Wandel lässt sich mit ausgewählten demografischen Indikatoren belegen. Dazu werden zunächst die Entwicklung der Gesamtbevölkerung und deren strukturelle Veränderungen in den alten und neuen Bundesländern zwischen 1990 [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">Im 35. Jahr der deutsch-deutschen Vereinigung unterscheiden sich Ost- und Westdeutschland auch demografisch voneinander. Im Osten haben sich in den vergangenen 35 Jahren dramatische demografische Veränderungen vollzogen. Dieser Wandel lässt sich mit ausgewählten demografischen Indikatoren belegen. Dazu werden zunächst die Entwicklung der Gesamtbevölkerung und deren strukturelle Veränderungen in den alten und neuen Bundesländern zwischen 1990 und 2023 skizziert. Danach werden die Geburten- und Sterblichkeitsentwicklung und die Binnenmigration zwischen den neuen und alten Bundesländern dargestellt.</p>
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<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Dr. </strong><strong class="western">Jochen Fleischhacker</strong> geb. 1951, Dr. oec., Mitglied der Leibniz Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. Wichtigste Buchveröffentlichung: Bevölkerungsvorausberechnungen in den 1920er Jahren, in: Populations, Projections and Politics. Critical and Historical Essays on Early Twentieth Centruy Population Forecasting, hrsg. von Jochen Fleischhacker, Henk A. de Gans und Thomas Burch, Rozenberg Publishers, 2003.</em></p>
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<div id="sdendnote9">
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift</em><strong> vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
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		<title>Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit – Der „Modernisierungsvorsprung“ und seine Herausforderungen</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/gleichstellung-und-geschlechtergerechtigkeit-der-modernisierungsvorsprung-und-seine-herausforderungen-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 13:59:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensweisen / Pluralismus]]></category>
		<category><![CDATA[BRD]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipationsvorsprung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlecht]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichstellungsvorsprung]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vorbemerkung „Wir müssen nicht mehr aufholen, wir sind in vielen Dingen Vorreiter“ (Schneider 2023) und die „ostdeutsche Herkunft ist kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West 2024) – diese markigen Worte des Ostbeauftragten der Bundesregierung spiegeln wohl kaum die realen Erfahrungen vieler Ostdeutscher wider. Wie auch sollten sie [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/gleichstellung-und-geschlechtergerechtigkeit-der-modernisierungsvorsprung-und-seine-herausforderungen-2/">Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit – Der „Modernisierungsvorsprung“ und seine Herausforderungen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Vorbemerkung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">„Wir müssen nicht mehr aufholen, wir sind in vielen Dingen Vorreiter“ (Schneider 2023) und die „ostdeutsche Herkunft ist kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West 2024) – diese markigen Worte des Ostbeauftragten der Bundesregierung spiegeln wohl kaum die realen Erfahrungen vieler Ostdeutscher wider. Wie auch sollten sie sich als „Vorreiter“ wahrnehmen, wenn ihre Lebensverhältnisse auch nach 35 Jahren noch nicht denen der Westdeutschen angeglichen sind? Was sollte ihr „Qualitätsmerkmal“ sein, wenn es sich bis heute nicht in der Repräsentanz von Ostdeutschen in Spitzenpositionen und Ämtern zeigt? Der jüngste Bericht zur deutschen Einheit verzichtet auf eine vergleichende Analyse der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland, wie sie beispielsweise im Jahresbericht zur deutschen Einheit von 2020 noch vorgelegt wurde. Stattdessen werden einzelne ausgewählte Vorhaben der Bundesregierung „mit Bezug zu aktuellen Herausforderungen in Ostdeutschland“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West 2024) präsentiert; was daraus wird, bleibt abzuwarten. Ganz anders hatte beispielsweise Manuela Schwesig, Herausgeberin des Berichts zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit, agiert. Sie hat ein Thema zum Gegenstand des Berichtes gemacht, Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Ost- und Westdeutschland, und dabei einen zentralen Befund des auf umfangreichen Daten basierenden Berichts herausgestellt: „Positive Impulse der DDR für die Gleichstellung in ganz Deutschland“ (BMFSFJ 2015: 16). Die Anerkennung dieses Ost-West-Transfers sei ein wesentlicher Beitrag zum weiteren Zusammenwachsen beider Teile Deutschlands. Diesen wertschätzenden Bezug auf ostdeutsche Lebensleistungen lassen andere Berichte zur deutschen Einheit vermissen, mehr noch, sie scheinen Themen und Bereiche dezidiert auszusparen, mit denen gezeigt werden könnte, dass in der DDR oder in Ostdeutschland zum Teil auch etwas gelungen zu sein scheint, das als „Modernisierungsvorsprung“ gedeutet werden kann. Dass der „Gleichstellungsvorsprung“ (Geißler 1992) Ostdeutschlands in Sachen Geschlechtergerechtigkeit heute teilweise gar Modellcharakter für die am „adult worker model“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a> orientierte Arbeits- und Wirtschaftspolitik der Europäischen Union hat, ist allerdings nicht in jeder Hinsicht ein Grund zum Jubeln, sondern impliziert Ambivalenzen, die gleichfalls zu diskutieren sind. Der in der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts hervorgebrachte „Modernisierungsvorsprung“ (Hradil 1992) wirft heute auch Fragen hinsichtlich seiner Anschlussfähigkeit im 21. Jahrhundert auf und impliziert Herausforderungen, die systematischer herausgearbeitet werden müssen.</p>
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<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. </strong><strong class="western">Hildegard Maria Nickel</strong> war bis 2015 Professorin für Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Soziologie der Geschlechterverhältnisse, Soziologie der Arbeit/Dienstleistungsgesellschaft und gesellschaftliche und betriebliche Transformationsprozesse.</em></p>
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<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/gleichstellung-und-geschlechtergerechtigkeit-der-modernisierungsvorsprung-und-seine-herausforderungen-2/">Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit – Der „Modernisierungsvorsprung“ und seine Herausforderungen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Die ostdeutsche Wirtschaft 35 Jahre nach der Deutschen Einheit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-wirtschaft-35-jahre-nach-der-deutschen-einheit-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 13:33:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensweisen / Pluralismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Ostdeutschland]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Wiedervereinigung]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftspolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Einleitung Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 lag die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands deutlich unter derjenigen Westdeutschlands. Die Berichterstattung des Statistischen Bundesamtes zu den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen für das Gebiet der ehemaligen DDR beginnt mit dem zweiten Halbjahr 1990. Zunächst war davon ausgegangen worden, dass das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im Gebiet der ehemaligen DDR in diesem [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-wirtschaft-35-jahre-nach-der-deutschen-einheit-2/">Die ostdeutsche Wirtschaft 35 Jahre nach der Deutschen Einheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Einleitung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 lag die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands deutlich unter derjenigen Westdeutschlands. Die Berichterstattung des Statistischen Bundesamtes zu den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen für das Gebiet der ehemaligen DDR beginnt mit dem zweiten Halbjahr 1990. Zunächst war davon ausgegangen worden, dass das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im Gebiet der ehemaligen DDR in diesem Zeitraum 12.490 DM (6.386 Euro) in jeweiligen Preisen betrug beziehungsweise 29 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im Früheren Bundesgebiet (Statistisches Bundesamt 1991). Allerdings zeigte sich bei den Revisionen der Statistik, dass das Bruttoinlandsprodukt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR deutlich niedriger war als zunächst geschätzt; im Jahr 1993 wurden für das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im zweiten Halbjahr 1990 nur noch 11.649 DM (5.956 Euro) angesetzt, und die Relation zum Früheren Bundesgebiet lag demnach bei 27 Prozent (Statistisches Bundesamt 1993).</p>
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<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. Oliver Holtemöller</strong> ist stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und dort Leiter der Abteilung Makroökonomik. Zudem ist er Professor für Volkswirtschaftslehre  an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind quantitative Makroökonomik, Konjunkturzyklen und Prognose, angewandte Ökonometrie und Zeitreihenanalyse, monetäre Ökonomik, makroökonomische Politik und ökologische Makroökonomie.</em></p>
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<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 14.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 5.- €.</em></p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-wirtschaft-35-jahre-nach-der-deutschen-einheit-2/">Die ostdeutsche Wirtschaft 35 Jahre nach der Deutschen Einheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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