
Verborgene Wunden: Strukturelle Diskriminierung und die ostdeutsche Erfahrung im gesamtdeutschen Diskurs
Werden Ostdeutsche strukturell diskriminiert? Ja, meint Julia Brade in ihrem Beitrag. Dazu erläutert sie, welche Perspektiven es dazu im wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs gibt. Sie kommt zum Ergebnis, dass man im öffentlichen Diskurs marginalisierte Ostdeutsche kommunikativ erreicht, indem die Perspektiven von Ostdeutschen, die sich benachteiligt oder deklassiert sehen, diskursiv uneingeschränkt anerkannt werden.
Die Reaktionen auf die Frage, ob es strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen gibt, die ich zu Beginn meiner Recherchen für diesen Artikel gestellt habe, waren sehr unterschiedlich: Von Zustimmung und Bestärkung („Das ist so wichtig!“) über neutrales Schulterzucken („Das ist für mich kein Thema mehr.“) bis hin zu Unverständnis („Wozu jetzt noch?“) oder latenter Genervtheit („So wird das ja nie was mit der Einheit.“ oder „Ich bin Europäer!“). Ich versuche in diesem Beitrag erstens zu zeigen, dass die Frage zu bejahen ist. Zweitens erläutere ich, welche Perspektiven es dazu im wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs gibt. Ausblickend möchte ich Ansätze zur Diskussion stellen, die diese spannungsgeladene Debatte (Sichtbarmachen der Benachteiligung versus Relativierung/Opfervorwurf) entschärfen können. Dabei geht es mir darum, Verständnis für den jeweils anderen Standpunkt zu schaffen und Verständigung möglich zu machen.
Woran zeigt sich strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen?
Die Kategorie Diskriminierung von Ostdeutschen kommt weder im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) noch in der Charta der Vielfalt noch in den Fortbildungskatalogen zu Diversität oder Diskriminierung vor. Zu Recht? Kategorien wie Neurodiversität werden immer prominenter, aber Diversity beziehungsweise Diskriminierung Ost – dafür gibt es wenig Aufmerksamkeit. Woran liegt das, und worum geht es hier wirklich? Mir geht es weder um Identitätspolitik noch darum, in der Vergangenheit zu stochern. Der Ansatz, nach der strukturellen Diskriminierung von Ostdeutschen zu fragen, ist vielmehr ein Mosaikstein, um die aktuellen gesellschaftspolitischen Erscheinungen und Prozesse in Ostdeutschland zu verstehen und zu verändern. Wo Wut, Aggressionen oder auch Schweigen sind, sind offene Wunden. Nur wenn diese gesehen und die Stimmen dazu gehört werden, können Wunden heilen.
Um welche Wunden geht es? Der Historiker Jörg Ganzenmüller (2025) spricht von drei Erfahrungsebenen, um die Zeit der Wende bis hin zur Gegenwart zu beschreiben: Verlusterfahrungen, Entwertungserfahrungen und Ohnmachtserfahrungen. Alle drei Ebenen sind von einem Dominanzverhältnis geprägt, von einem Gefühl nicht auf Augenhöhe zu sein. Dieses Gefühl hat sich tief in das kollektive Gedächtnis vieler Ostdeutscher gegraben. Die Wucht an Erfahrungen, die von einem Großteil als überfordernd und ungerecht erlebt wurde, prägt die heutige Gesellschaft inklusive der Nachwendegeneration.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Wenn es im Folgenden um „Ostdeutsche“ und „Westdeutsche“ geht, geht es nicht um Aussagen über Identitätsaspekte einzelner Menschen, sondern um „strukturelle Aussagen über und zwischen sozialen Gruppen, die notwendigerweise analytische Abstraktionen und Generalisierungen bedeuten“ (Miethe 2019: 6).
Stimmungsbild durch Umfrage
Die zitierten Reaktionen aus meinem Umfeld sind das Ergebnis einer anonymen Online-Umfrage, die ich im Frühjahr 2025 per Mail und Nachrichten-App verschickt habe, mit der Bitte, sie an weitere Bekannte aus ganz Deutschland weiterzuleiten. Damit konnte ich ein Stimmungsbild einfangen.
Den Begriff Diskriminierung habe ich durch den weniger akademisch klingenden Ausdruck Benachteiligung ersetzt. Die Fragestellung lautete: „Nimmst du eine Benachteiligung Ostdeutscher wahr?“ Begründungen zur jeweiligen Antwort konnten zusätzlich formuliert werden. Von 127 Befragten stimmten circa 60 Prozent mit „Ja“ und 40 Prozent mit „Nein“.
Interessant ist, dass die Begründungen der Nein-Antworten fast ausschließlich subjektive Empfindungen darstellten, während die Ja-Antworten fast ausschließlich mit objektiven, strukturellen Faktoren begründet wurden. Außerdem waren die Ja-Begründungen bedeutend länger. Die Begründungen habe ich jeweils in Kategorien geclustert und quantifiziert. Für einen Eindruck hier die Kategorien und zusätzlich einige Begründungen, die so oder so ähnlich besonders häufig vorkamen:
Kategorien der Ja-Begründungen und einige Beispiele (O-Töne):
Ungleichverteilung von Vermögen, Löhnen und Renten: „staatliche Subventionen gehen hauptsächlich in Großunternehmen, die mehrheitlich in Westdeutschland ihren Firmensitz haben“, „Ostdeutsche haben deutlich weniger Einkommen trotz höheren Arbeitspensums, sie haben sehr viel weniger Vermögen, vor diesem Hintergrund wirkt sich auch das Steuersystem (relativ hohe Besteuerung von Arbeit und relativ geringe Besteuerung von Vermögen) nachteilig auf Ostdeutsche aus”, „Fehlende finanzielle Ressourcen aus Familienbesitz, Gewerbe etc. (kaum Privateigentum vor der Wende, kaum Erbschaft, akkumulierter Besitz oder Finanzen, die an Folgegenerationen vererbt werden können) führt zu weniger Kapital im Osten, zu Benachteiligung (nach der Wende konnten ostdeutsche Personen kaum Immobilien am eigenen Wohnort erwerben, hatten kaum Startkapital, damit weniger Ressourcen um zu investieren, zu sparen, anzulegen oder zu erwerben.“, „keine Anerkennung von Berufs- oder Studienabschlüssen – heißt – weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Rentenberechnung.“
50 Mal erwähnt.
Unterrepräsentation in Führungspositionen sowie Einfluss auf Entscheidungen: „Ostdeutsche sind in allen relevanten Bereichen (Wirtschaft, Politik, Medien, Justiz und Wissenschaft) unterdurchschnittlich oft in Führungspositionen vertreten und haben daher weniger Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten.“, „bei der Besetzung hochrangiger Positionen im universitären Kontext, auch Uniklinikum“, „Politik wird im Westen gemacht. Die Probleme der Ossis werden nur als rechts, links oder rückwärts gerichtet und deshalb kaum beachtet.“, „Ostdeutsche sind unter leitenden Funktionsträgern in Verwaltung, Ministerien, Hochschulen und großen Firmen deutlich unterrepräsentiert. Selbst in Ostdeutschland sind z.B. heute noch über die Hälfte der Staatssekretäre aus Westdeutschland.“
21 Mal erwähnt.
Abwertende Darstellung in den Medien oder durch Äußerungen, Dialekte, Witze, Klischees: „Diffamierung als Rechtsradikale, Stasi“, „Man wird anders wahrgenommen, als ob man die Welt erklärt bekommen muss.“, „Kulturell gelten ostdeutsche Eigenschaften und Verhaltensweisen als weniger angesehen.“, „Wenn im öffentlichen Raum, einschl. von Medien, über deutsche Geschichte oder Politik und andere Themen von vor 1989 gesprochen wird, wird meist nur die westdeutsche Geschichte/Politik/Leben dargestellt. Dann denke ich mir häufig, in Ostdeutschland war das anders, das ist nicht meine Geschichte. Ich fühle mich nicht zugehörig und angesprochen.“, „Medien sind in westdeutscher Hand.“
24 Mal erwähnt.
Kategorien der Nein-Begründungen und einige typische Beispiele:
Betrifft mich nicht: „bin ausreichend gut situiert.“ „Betrifft mich nicht persönlich“, „Ich werde nicht benachteiligt.“ „da sich in den letzten Jahren sehr viel entwickelt hat. Z.B. beim Gehalt. Und daraus heraus empfinde ich auch keine Benachteiligung.“
14 Mal erwähnt.
Herkunft beziehungsweise O/W hat keine Relevanz oder ist kein Thema: „…die Herkunft wurde nie zum Thema, da ich auch keinen Dialekt spreche.“; „Spielt im Alltag keine Rolle, woher ich komme. Fühle mich auch als Gesamtdeutsche.“, „Ich denke nicht mehr in diesen Kategorien Ost- bzw. Westdeutsch.“, „Weil ich in Westdeutschland lebe und ich oft gar nicht weiß, wer ost- oder westdeutsch ist.“
10 Mal erwähnt.
Chancengleichheit/individuell: „Gleiche Chancen vorhanden bei gleicher Qualifikation.“, „Es gibt überall Benachteiligung, aber nicht speziell, weil man aus dem Osten stammt“, „Ostdeutsche haben die gleichen Rechte und Möglichkeiten wie Westdeutsche. Alles andere ist rein individuell.“, „Benachteiligt wird, wer sich benachteiligen lässt. Dies entsteht u.a. durch fehlendes oder kleineres Selbstbewusstsein bzw. Selbstwertgefühl.“, „Jeder hat die Möglichkeit sich zu entwickeln. Die meisten Unzufriedenen wollen sich nur nicht die Mühe machen und suchen deshalb einfache Ausreden und geben anderen die Schuld.“
10 Mal erwähnt.
Mediengemacht: „Ich halte eine angebliche Diskriminierung von Medien gemacht.“, „Ich fühle mich als Deutscher und finde die Ost-West Spaltung des Volkes durch Medien und solche Umfragen das letzte.“
2 Mal erwähnt.
Etwa zwei Drittel der Befragten sind oder fühlen sich eher Ostdeutsch. Die große Mehrheit derer nimmt eine Benachteiligung Ostdeutscher wahr, und begründet dies mit strukturellen Faktoren. Diese Texte waren im Schnitt mehr als doppelt so lang.
Anzunehmen ist, dass hinter den längeren Antworten nicht nur ein Mitteilungsbedürfnis steht, sich etwa den als ungerecht empfundenen Verhältnissen (Lohngefälle bei gleicher Arbeitsleistung etc.) oder über ungerechte Behandlung bei Bewerbungsprozessen Luft zu machen (wie Bewerbung in Stuttgarter Unternehmen mit Leipziger Adresse – abgelehnt; gleiches Bewerbungsschreiben mit Adresse der Eltern aus Bremen – erfolgreich) oder: „Wenn man in der Firma [in Ostdeutschland] mal anspricht, dass Führungspositionen nur westdeutsch besetzt sind, wird mit den Augen geleiert – frei nach dem Motto: Nicht das Thema schon wieder […]“. Vor allem aber lässt sich ein Erklärungsbedürfnis vermuten. Es gab viele Begründungen, die mehrere Absätze einnahmen, eine sogar anderthalb DIN-A-4-Seiten.
Dieses Bedürfnis nach Mitteilung oder Erklärung ist bei den Nein-Antworten nicht zu erkennen, sondern eher die subjektive Einschätzung, dass es nicht (mehr) wahrgenommen beziehungsweise eher eine indifferente Position eingenommen wird.
Mehr westdeutsch als ostdeutsch Sozialisierte haben mit „Nein“ geantwortet, aber auch viele Ostdeutsche (insbesondere Männer). Und einige Westdeutsche antworteten auch mit „Ja“. Es ist also nicht nur eine West-Ost-Unterteilung, aber die Tendenz, dass Ostdeutsche eher als Westdeutsche eine Benachteiligung sehen, ist deutlich erkennbar.
Bemerkenswert waren die Reaktionen auf die Frageform zu Benachteiligung (Ja oder Nein) und vor allem auf die Entscheidungsfrage, ob sich die Person „eher Ostdeutsch“ oder „eher Westdeutsch“ einordnen würde (persönliche Angabe). Nicht Wenige meinten, dass sie sich weder als „eher Ostdeutsch“ noch „eher Westdeutsch“ fühlten oder schrieben Ähnliches in die Kommentare. Bei etwa einem Fünftel lässt sich das Bedürfnis erkennen, nicht in das Ost-West-Schema eingeordnet zu werden.
Hier zeigt sich, was im öffentlichen Diskurs momentan heiß diskutiert wird – die Frage nach einer ostdeutschen Identität und Selbstidentifikation: Wer fühlt sich wann mit wem als Ostdeutsch? Und von welchen Akteuren wird dies gegebenenfalls instrumentalisiert? (Vgl. Spissinger et al. 2024; Mau 2024: 72f.)
Auch sonst spiegeln die Ergebnisse dieser Umfrage insofern den öffentlichen Diskurs wider, als dass die unterschiedlichen Ansichten auch dort zu beobachten sind: einerseits die Akteure, die auf Benachteiligung und Abwertung aufmerksam machen und auf deren Sichtbarkeit drängen; andererseits die Akteure, die sich teils dagegen, meist eher relativierend zum Sichtbarmachen in der Benachteiligungsfrage äußern.
Die in den Ja-Begründungen genannten Antworten und deren Kategorien finden sich auch in einschlägigen Quellen wieder. Aus Platzgründen kann hier nur auf diese verwiesen werden: Foroutan (2021: 194f.) geht auf die ökonomischen, sozialen und symbolischen/kulturellen Faktoren ein und konstatiert in den Bereichen Armut, Erwerbslosigkeit, Überalterung ein deutliches Gefälle zwischen Ost und West (vgl. auch Ganzenmüller 2025). Neueste Zahlen zur Unterrepräsentanz in Elitenpositionen finden sich beim Forschungsprojekt Elitenmonitor 2025 (Lorenz et al. 2025) oder auch bei Kollmorgen et al. (2024). Forschungsanalysen zur westdeutsch dominierten Presselandschaft und entsprechende Deutungsmacht über das Bild „der Ostdeutschen“, über Stereotype werden in der Dokumentation Es ist kompliziert. Der Osten in den Medien (MDR 2024) dokumentiert. Weitere Analysen dazu bieten Lutz Mükke (2021) und Thomas Ahbe (2024).
Was bedeutet strukturelle Diskriminierung?
Um die Frage nach der strukturellen Diskriminierung Ostdeutscher beantworten zu können, braucht es einen Blick auf die verschiedenen Bedeutungen von Diskriminierung. Wenn im öffentlichen Diskurs von Diskriminierung gesprochen wird, stecken dahinter meist unterschiedliche Konzepte. Grob zusammengefasst: Ich kann unter Diskriminierung eher Einzelereignisse verstehen, beispielsweise, wenn jemand aufgrund seiner Hautfarbe, seines Geschlechts oder Alters etc. beleidigt oder angegriffen wird, oder eher als ein komplexes Phänomen, das solche Einzelereignisse – auch in subtiler Form – in einem umfassenden gesellschaftlichen Kontext und primär unter der Prämisse eines Herrschafts- und Machtgefälles begreift.
Relevant wird dies für unsere Ausgangsfrage zum Beispiel bei der Aussage des Soziologen Steffen Mau, wenn er über „Ostdeutsche Identität“ schreibt. Dort heißt es etwa: „Einen ‚Ossismus‘ als gruppenbezogene Diskriminierung gibt es bis auf wenige Ausnahmen nicht.“ Er begründet dies damit, „dass ‚das Ostdeutsche‘ kein äußerlich sichtbares Merkmal ist, auf das man gewollt oder ungewollt, immer wieder zurückgewiesen wird“ (Mau 2024: 81). Trotzdem gibt es, so Mau, „extrem starke Ungleichheiten, Benachteiligung oder Unterprivilegierung von Ostdeutschen“ (Hoffmann 2024).
Ist Diskriminierung also eine Frage der Definition? Analog zur Formulierung in meiner Umfrage wird Diskriminierung häufig auch synonym mit Benachteiligung benutzt: „Alltagsprachlich wird unter Diskriminierung ein abwertendes Sprechen und benachteiligendes Handeln verstanden, dem negative Emotionen und Stereotype zu Grunde liegen“ (Scherr 2023: 18f.).
Dem Diskriminierungsforscher Albert Scherr (2023: 19) zufolge, sind die Ursachen von Diskriminierung nicht die Vorurteile selbst. Es muss vielmehr berücksichtigt werden, „wie dies mit den jeweiligen Macht- und Ungleichverhältnissen verschränkt ist“.
In den meisten Ansätzen der Diskriminierungsforschung ist die strukturelle Ebene entscheidend. Für Czollek et al. (2019: 803f.) nimmt sie deshalb eine zentrale Stellung ein, weil, „bestimmte Menschen nicht ausschließlich Alltagsdiskriminierung erfahren, sondern diskriminierende Praxen tief in gesellschaftlichen Feldern verankert sind”. „Strukturell“ bezeichnet im Konzept Social Justice und Radical Diversity die Verwobenheit und das Zusammenwirken der individuellen, institutionellen und kulturellen Ebene von Diskriminierung.
Neben den Ebenen individuell, institutionell und strukturell verstehe ich Diskriminierung als ein komplexes Phänomen mit vielen offenen, subtilen und versteckten Aspekten. Zudem sind bei Diskriminierung zwei Achsen in den Blick zu nehmen: die horizontale Achse (der kulturellen Differenz) und die vertikale Achse (der strukturellen Ungleichheiten (Vermögen, Status etc.) (Miethe 2019: 7, in Anlehnung an das Konzept der Dominanzkultur von Rommelspacher).
Ob es Diskriminierung von Ostdeutschen gibt, entscheidet sich damit, wie ich Diskriminierung definiere. In der oben zitierten Äußerung von Mau bezieht sich Diskriminierung primär auf die individuelle Ebene. Ob der Diskriminierung zwingend ein äußerlich sichtbares Merkmal zugrunde liegen muss, klärt sich im Abschnitt zu Intersektionalität, ebenso die Frage, ob „die ostdeutsche Erfahrung […] gleichberechtigt ins Register anderer Diskriminierungskategorien einzutragen“ ist (Mau 2024: 85).
In welchem Maße ist die strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen erforscht?
Für die Diskriminierungsforschung kann man das Handbuch Diskriminierung für diese Frage heranziehen, da in ihm der aktuelle Forschungsstand in zahlreichen Kapiteln und aus zahlreichen Perspektiven abgebildet wird (Scherr et al. 2023).
Hier lassen sich allerdings nur drei Erwähnungen zu „Ost“/“Ostdeutsch/e“ finden:
In einer Aufzählung von „verschiedenen statusniedrigen Gruppen“ (Alleinerziehende, Ostdeutsche, ethnische Minderheiten etc.) (El-Mafaalani et al. 2023: 207).
Im Kapitel zu Klassistischer Diskriminierung von Armen und sozial Ausgegrenzten, wo die in Ostdeutschland im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt höher liegenden Armuts- und SGB-II-Quote verdeutlicht wird (übrigens neben „viele[n] Städte[n] im Ruhrgebiet, Bremen, Berlin“) (Chassé 2023: 473).
Im Kapitel zum Ansatz Social Justice und Radical Diversity (Czollek et al. 2023: 803), wo zahlreiche Diversitykategorien und entsprechende Diskriminierungsformen aufgezählt werden, auch „Diskriminierung Ost“.
Somit gibt es keine nennenswerte Auseinandersetzung mit der Kategorie Ost im Handbuch. Angesichts der Brisanz des Themas wäre eine Erweiterung um ein Kapitel dazu nötig. Die Analyse empirisch nachweisbarer Diskriminierungseffekte, sprich der konkreten Ungleichbehandlung von Ostdeutschen im Gegensatz zu subjektiv wahrgenommener Benachteiligung, ist bisher ein Forschungsdesiderat, das bearbeitet werden muss, um Aussagen über das Ausmaß von struktureller Diskriminierung für Ostdeutsche treffen zu können. Für den Bereich Arbeitsmarkt wären quantitative Studien zu Bewerbungsprozessen nötig. Hierbei wäre die Manipulation des Geburtsorts (DDR/Ostdeutsch) und des Vornamens (stigmatisierte ostdeutsche Vornamen) möglich. Effekte ließen sich auch über Experimente wie „Lost Letters“ analysieren (Zick 2023: 44).
Erkenntnisreich wäre ebenso die Erforschung eventueller Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt aufgrund von Stereotypisierung von Dialektsprecher*innen. Drei Erkenntnisse, die den Anlass für eine solche Erhebung deutlich machen und die als Standards der Regio- oder Soziolektforschung gelten:
Dialektsprecher*innen werden meist negativer bewertet als Sprecher*innen des Standarddeutschen, ihnen wird ein niedrigeres Bildungsniveau zugesprochen (Trillhaase 2021).
Sächsisch liegt auf der Beliebtheits- oder Prestigeskala seit Jahrzehnten mit Abstand am untersten Ende (Adler/Plewnia 2019; Hundt 2012; Anders 2010). Vor allem (ober-)sächsisch sprechenden Männern werden signifikant häufiger Attribute wie bildungsfern und einfältig zugeschrieben.
„Zudem könnten sich Stereotype zu Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR auf sächsisch sprechende Personen übertragen haben, da sich Ansichten über das ‚Sächsische‘ und ‚Ostdeutsche‘ teilweise überlagern.“ Daraus folgt die Empfehlung: „Für das praktische Leben bedeuten die Befunde, dass sich Dialektsprecher dieser Wahrnehmungsverzerrungen bewusst sein sollten – zum Beispiel im Bewerbungsprozess oder im beruflichen Alltag. Das gelte auch für Personalmanagerinnen und Personalmanager, um sich vom Dialekt nicht zu Fehlurteilen verleiten zu lassen.” (Terp 2021)
Auch zu diesem Diskriminierungsmerkmal (Sächsisch/Ostdeutsch als stigmatisierter Dialekt) wären quantitative Untersuchungen möglich, etwa durch Experimente mit indirekten Methoden aus der Sozialpsychologie: Hörproben mit verschiedenen Dialektsprecher*innen in Bewerbungssituationen werden abgespielt; Proband*innen bewerten die Hörproben nach Kompetenz, Sympathie etc. (Brade 2010: 437f.).
Dass Stigmatisierungen und Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt oder in Bewerbungsprozessen aufgrund ostdeutscher Stigmata (insbesondere Geburtsort, Sächsisch als Dialekt) realistisch sind, zeigen Arbeiten wie die von Liebscher (2022)i oder Porsch (2012). Ob sie auf individueller Ebene – als Einzelereignisse im Unterschied zur strukturellen Dimension von Diskriminierung – auch tatsächlich Alltag sind, kann nur durch quantitative Erhebungen herausgefunden werden. Diese gibt es bisher kaum.
Im nächsten Schritt gehe ich deshalb auf Forschungsarbeiten ein, die die strukturelle Ebene der Diskriminierungskategorie Ostdeutsch in den Fokus nehmen.
Diskriminierung Ost als Kategorie und Intersektionalität
Czollek et al. (2019: 118) bieten eine umfängliche Definition für die Kategorie Ostdeutsch an:
„Diskriminierung Ost beschreibt die Strukturelle Diskriminierung von Menschen, die eine biographische DDR-Geschichte haben oder zugeschrieben bekommen. Ferner bedeutet sie die soziale, ökonomische und kulturelle Benachteiligung von Menschen, deren Arbeits- und Lebensmittelpunkt in den Neuen Bundesländern liegt. Neben der materiellen Diskriminierung (Einkommen, Rente) wirkt Diskriminierung Ost über Stereotypisierungen, die Menschen der Gruppe Herkunft Ost zuordnen und diese gesellschaftlich abwerten.“
Auch im Konzept der Dominanzkultur mit horizontaler Differenzachse und vertikaler Hierarchieachse spielt der Einfluss der materiellen und sozioökonomischen Faktoren eine bedeutende Rolle. Miethe (2019) geht davon aus, dass nicht nur in den Kategorien Geschlecht, soziales Milieu, Migrationshintergrund etc., sondern auch im Ost-West-Vergleich eine Dominanzkultur vorliegt.ii Gründe dafür liegen in der Ungleichheit auf ökonomischer Ebene, im ungleichen Zugang zu Elitepositionen sowie im hegemonialen westdeutschen Mediendiskurs.
Über die soziologischen Analysen marginalisierter Gruppen hinaus werden in diesem Konzept auch die psychologischen Mechanismen herausgearbeitet, sprich die subtilen Mechanismen der Dominanz:
Leugnen der Ungleichheit und Erhaltung der Privilegierung: Dieses Phänomen wird eindrücklich dokumentiert und analysiert im Beitrag des MDR (2024). Naika Foroutan stellt außerdem fest, dass Westdeutsche das „Deprivationsgefühl der Ostdeutschen kaum ernst […] nehmen“ und „die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar anerkennen. Sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung“ (zit. nach Miethe 2019: 13). Neben der Leugnung gibt es auch den Mechanismus der Bagatellisierung (Miethe 2019: 14).
Problemverschiebung und Umkehrung: Demzufolge seien das Problem „nicht massive Transformationsprozesse, wie sie ansonsten selten Menschen zugemutet werden, oder fehlende Wertschätzung und Respekt in Gesamtdeutschland, sondern die fehlende Fähigkeit der Ostdeutschen, damit umzugehen. […] Der Osten und die Ostdeutschen“ sind das Problem, das einer Lösung bedarf – nicht das westdeutsche Wirtschaftssystem, Fehler der Vereinigung oder der Transformationsprozess.“ (Miethe 2019: 14)
Internalisierung von Dominanz und Diskriminierung: Eine typische Umgangsstrategie von sozial stigmatisierten Gruppen besteht in der Assimilation (Miethe 2019: 16). Im Ost-West-Kontext bedeutet das die Verleugnung der eigenen DDR-Identität im Zusammenhang mit Scham. Das kann sich etwa im Aufgeben von eigenen Symbolen (Kleidung, Verhalten, Sprache/Dialekt etc.) ausdrücken und mit Anpassung oder Übernahme der Symbole der dominanten Gruppe kompensiert werden.
Diese subtilen, meist unbewussten psychologischen Mechanismen stehen im Widerspruch zu Maus oben zitierter These, dass es gruppenbezogene Diskriminierung Ostdeutscher bis auf wenige Ausnahmen nicht gibt (Mau 2024: 81). Ebenso kann Mau darin widerlegt werden, dass „die ostdeutsche Erfahrung [nicht] gleichberechtigt ins Register anderer Diskriminierungskategorien einzutragen“ ist (Mau 2024: 85). Dem Konzept der Intersektionalität zufolge gibt es eine wechselseitige Beeinflussung einzelner Unterdrückungs- und Diskriminierungskategorien, die der Dominanzkultur zugrunde liegen (Miethe 2019: 6). So können „Ostdeutsche als Angehörige der nicht-dominanten Gruppe im Verhältnis zu Westdeutschen als Angehörige der dominanten Gruppe beschrieben werden“. Gleichzeitig können „Ostdeutsche gegenüber anderen Personengruppen, z.B. Migranten, durchaus in einer dominanten Rolle“ sein (Miethe 2019: 6). Das Konzept der Intersektionalität sagt auch aus:
„Eine Person kann aus der einen Machtposition heraus diskriminiert und aus einer anderen heraus privilegiert sein. Im Kontakt mit anderen Machtachsen, etwa der von Klasse oder […] Rassismus, kann eine ostdeutsche Person Privilegien besitzen, die einer westdeutschen Person unzugänglich sind. Das hebt die West-Ost-Machtachse [Herrschaftskategorie] zwar nicht auf, krümmt sie aber. So kann es zu Konstellationen kommen, in denen etwa eine ostdeutsche Frau* Macht und Privilegien gegenüber einem afrodeutschen westdeutschen Mann* hat.“ (Arndt 2021: 154)
Der Ansatz der Ost-migrantischen Analogien von Foroutan et al. (2019) geht in eine ähnliche Richtung: Sie vergleicht Stigmatisierungserfahrungen von (muslimischen) Migrant*innen und Ostdeutschen, betont aber auch, dass eine Gleichsetzung nicht möglich sei, denn:
„Die Erfahrungen von Ostdeutschen und Migrant*innen ähneln sich nicht, wenn es um die Erfahrung von Rassismus geht. Im Vergleich der Strukturdaten zu Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsnähe, Gesundheit usw. ist die soziale Gruppe der Muslim*innen in Deutschland eindeutig und objektiv schlechter gestellt. Ostdeutsche müssen im Vergleich dazu nicht fürchten, von physischer Gewalt bedroht zu werden und gehören in weiten Teilen des Landes selbst zur Dominanzgesellschaft. […] Dennoch sind in spezifischen Stereotypen, die gegenüber beiden Gruppen existieren, Analogien erkennbar, die es lohnt, weiter in den Blick zu nehmen. Denn: Finden sich Ähnlichkeiten in der Abwertung sozialer Gruppen, die maximal distinkt sind – sich also stark voneinander unterscheiden –, dann kann dies ein Hinweis auf systematische Abwertungsprozesse und Privilegiensicherung von dominanten Gruppen sein.“ (Foroutan 2021: 191f.).
Zwei zentrale Ergebnisse der Analogien sind (Foroutan et al. 2019: 37):
„Ostdeutsche sind mit ähnlichen Abwertungen konfrontiert wie Muslim*innen. Westdeutsche werfen beiden Gruppen vor, sich zum Opfer zu stilisieren, nicht genug vom Extremismus zu distanzieren und noch nicht im heutigen Deutschland angekommen zu sein, womit beide Gruppen stereotypisiert und migrantisiert werden.“
„Ostdeutsche zeigen zwar Anerkennung für die Lage der Muslim*innen, sehen sich aber auf gleicher (unterer) Stufe wie Muslim*innen als Bürger zweiter Klasse benachteiligt und mit Leistungshürden und Positionsschranken konfrontiert. Westdeutsche erkennen die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar an: sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung.“
Somit geht es nicht darum, die ostdeutsche Erfahrung gleichberechtigt mit Rassismus etc. zu setzen, sondern darum, die Mechanismen von dominanten und nicht-dominanten Gruppen offen zu legen und dadurch möglicherweise Empathie und Koalitionsmöglichkeiten der intersektionalen Praxis zu erzeugen.
Diskriminierung uneingeschränkt sichtbar machen? Der gesellschaftspolitische Diskurs
Es ist deutlich geworden, dass es unterschiedliche Perspektiven auf die Frage gibt, ob Diskriminierung und Benachteiligung Ostdeutscher vorliegt. Dies zeigt sowohl meine kleine Umfrage als auch der wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Diskurs:
So gibt es die deutliche Forderung vieler Autor*innen, die Benachteiligung in ihrer ganzen Wucht sichtbar zu machen, um auf systemische Strukturen und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten aufmerksam zu machen: erwähnt wurde bereits Foroutan, die zusammen mit Hensel öffentlich über die „Gesellschaft der Anderen“ (2020) diskutiert hat. Engagiert schreibt auch Petra Köpping (2018), die unter anderem auf die gravierenden Folgen der Treuhandzeit aufmerksam macht und auf eine umfassende Aufarbeitung der Fehler der Transformationszeit drängtiii; so übrigens auch jüngere Akteure wie die Initiative #Wir sind der Osten, 3te Generation Ost oder Autorinnen wie Erler (2025) oder Zepter (2022: 163). Letztere hat ähnlich wie Oschmann (2023), allerdings aus westdeutscher Sicht, auf vermeintlich witzig gemeinte, aber verletzende Abwertungen sowie auf Alltagsdiskriminierung aufmerksam gemacht.
Oschmann hat 2023 diesen Diskurs mit seinem Buch Der Osten: eine westdeutsche Erfindung in hohem Maße angefeuert, indem er sich in bewusst zugespitzter Weise zu den in der Einleitung erwähnten drei Erfahrungsebenen von Verlust, Entwertung und Ohnmacht äußert sowie auf systemische Schieflagen hinweist, die bis heute anhalten. Dies hat in den Feuilletons und unter Expert*innen eine hitzige Debatte entfacht. Zahlreiche Gegenstimmen haben reagiert. Kowalczuk befürchtet „Ostdeutschtümelei“ und den Verfall der Ostdeutschen in die Opferrolle, statt in die Eigenverantwortung zu gehen (Wolf 2024). Kollmorgen (2025) mahnt unter anderem an, dass Oschmann pauschalisierend von „den“ Ostdeutschen und „den“ Westdeutschen spricht und all die nicht mit einbezieht, die sich nicht in das „Ost-West-Schema“ pressen lassen wollen. Und Mau (ähnlich wie Kowalczuk und Kollmorgen) benennt zwar Phänomene wie Benachteiligung, Unterprivilegierung und Deklassierungserfahrungen (Hoffmann 2024), stellt aber Oschmanns These um, so dass nicht der Westen den Osten als anders begreife, „sondern der Osten sich selbst“ (Mau 2024: 77), da der Westen dem Osten in einer „Egalhaltung“ gegenübertrete. Dies belegt Mau mit seiner Studie (Mau/Lux/Heide 2024), in der jüngere und ältere Ost- und Westdeutsche nach Unterschieden und Konflikten zwischen Ost und West befragt werden. Während bei jüngeren Ostdeutschen die Differenz- und Konfliktwahrnehmung überraschenderweise ganz leicht zunimmt, nimmt sie bei jüngeren Westdeutschen deutlich ab (und ist bei Westdeutschen generell viel geringer), was Mau als Beweis sieht, dass kein Othering (und damit keine Diskriminierung aufgrund von Fremdmachung) vorliegen kann. (Mau 2024: 77f.; Mau/Lux/Heide 2024: 12).
Dies möchte ich infrage stellen, insofern dass die mit einer direkten Methode abgefragte „Egalhaltung“, also das geringe Wahrnehmen von Unterschieden und Konflikten, nicht heißen muss, dass auch keine Negativ-Stereotypisierung und Diskriminierung geschieht. Mir kann jemand „völlig egal“ sein, und gleichzeitig kann ich mich ihm überlegen fühlen und ihn abwertend behandeln. Prominente Beispiele gibt es zuhauf. Am einflussreichsten erscheinen mir zwei Personen: Zum einen der milliardenschwere Springer-Chef Matthias Döpfner, dessen Äußerungen über „Ossis“ als „Kommunisten oder Faschisten“ laut des Journalisten Hajo Schumacher kein Einzelfall sind, sondern eine westdeutsche Denkschule beschreiben (MDR 2024). Zum anderen Friedrich Merz, der abweichende Meinungen von Ostdeutschen zur Ukraine-Politik nicht als gleichwertige Stimmen sieht, sondern ihnen pauschal Wissenslücken attestiert, die er gönnerhaft schließen will (Focus 2024), womit er seiner Deutungsmacht Ausdruck verleiht.iv
Es geht also nicht um den westdeutschen Durchschnittsbürger oder eventuelle Schuldzuschreibungen Westdeutschen gegenüber, sondern um die problematische Dynamik, in der einflussreiche Eliten tradierte negative Stereotype über Ostdeutsche perpetuieren und diese somit als negativ anders oder abweichend stigmatisieren. Die Einwände gegen Oschmanns provokante Thesen, etwa die Befürchtung, Ostdeutsche könnten in die Opferrolle abdriften und ihre Eigenverantwortung vernachlässigen, sind einerseits verständlich, gehen aber an der Sache vorbei:
Der Kernpunkt ist die immense Deutungsmacht des Westens, die von politischen und medialen Influencer*innen gemacht wird. Oschmann zielt darauf ab, diese Dominanzachse sichtbar zu machen. Der Kern der Diskussion sollte daher in der Notwendigkeit liegen, die realen Ereignisse und gegenwärtigen Verhältnisse ungeschönt darzustellen und systemische Probleme offen zu legen. Dieses Sichtbarmachen der Missstände ist essenziell, bildet aber nur den ersten Schritt. Daran anschließend ist es unabdingbar, einen konstruktiven Dialog zu fördern. Die Herausforderung liegt darin, die Erfahrungen und politischen Perspektiven Ostdeutscher vollständig anzuerkennen, statt sie unter Verweis auf die Wende als Glück und Freiheitsgewinn zu relativieren.v Die dahinterstehenden Befürchtungen – eine Verfestigung der Opferrolle, Verstärkung von Ressentiments und die politische Instrumentalisierung von Ostalgie – sollten ernst genommen werden, aber nicht dazu führen, notwendige Diskurse zu vermeiden oder zu dämpfen. Bei Menschen, die sich marginalisiert fühlen, stoßen solche Relativierungen und Verweise auf taube Ohren, mehr noch: Es verstärkt die Reaktanz.
Ausblick
Wie kann man Menschen, die sich marginalisiert fühlen, zumindest auf kommunikativer Ebene erreichen? Dazu müssen die Perspektiven von Ostdeutschen, die sich benachteiligt oder deklassiert sehen, diskursiv anerkannt werden. Dies muss uneingeschränkt geschehen, auch wenn man die Perspektive womöglich nicht teilt. Vor allem braucht es eine offenere und multiperspektivische Streitkultur (vgl. Flaßpöhler 2024).
Konkret gibt es dafür erprobte Dialogformate, die nach dem Prinzip des offenen Sprechens und bewertungsfreien Zuhörens sogar in Kommunen, etwa in Brandenburg, umgesetzt werden (Mehr Demokratie 2025). Dort kommt das Thema Ost-West immer wieder zur Sprache und wird in Dialogveranstaltungen umgesetzt. In kleineren Gruppen werden diese tiefen persönlichen und kollektiven Erfahrungs- und Aufarbeitungsprozesse auch in der Bildungs-, Traumaarbeit oder in Erzählcafés durchgeführt (momentan in Thüringen in der Pilotphase; auch beschrieben bei Miethe 2014).
Uneingeschränkt Perspektiven anerkennen heißt auch, das Bedürfnis nach Aufarbeitung der als schmerzhaft und ungerecht empfundenen Transformationszeit ernst zu nehmen und zu erforschen, und zwar auch hier nicht relativierend oder in Konkurrenz zur historischen und individuellen Aufarbeitung der DDR-Geschichte (wie bei Mau 2024: 84), sondern im Prinzip des „Sowohl als auch“. Soziohistorische Großprojekte, wie das gerade im Entstehen begriffene Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle haben nur eine Chance tatsächlich zukunftsweisend zu sein, wenn sie die Vielzahl an Geschichts- und Gegenwartsnarrativen zulassen und möglichst wertfrei nebeneinander stehen lassen. Eine besondere Rolle kommt dabei auch den öffentlich-rechtlichen und Leitmedien zu, mit Berichten, die sowohl die Probleme als auch die vorhandenen (geschichtlichen) Errungenschaften des Ostens beinhalten, idealerweise erzählt von Journalist*innen, die die spezifischen Narrative und Perspektiven von Ostdeutschen gleichwertig darstellen.
Wenn „der Osten“ also merkt, dass „der Westen“ seine Wunden und Errungenschaften anerkennt, dann gibt es eine reelle Chance, dass Ostdeutsche ihre Ressentiments nicht nur Westdeutschen, sondern auch anderen marginalisierten Gruppen gegenüber abbauen. Aber das ist eine andere Geschichte …
Julia Brade leitet das Thüringer Zentrum für Interkulturelle Öffnung. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind diversitätsorientierte Personal- und Organisationsentwicklung (Beratung, Coaching, Training, Moderationen, Workshops und Seminare).
Literatur
Adler, Astrid/Plewnia, Albrecht 2019: Die Macht der großen Zahlen. Aktuelle Spracheinstellungen in Deutschland, Mannheim.
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Anmerkungen
i Liebscher geht auf mehrere Diskriminierungsfälle von Menschen mit DDR-Biografie ein; etwa auf den Fall einer Klage, wo eine Bewerberin in Stuttgart aufgrund ihrer DDR-Biografie abgelehnt wurde (Randnotizen in der Bewerbung: Minus-Zeichen hinter „Ossi – “, sowie die Notiz „DDR“). Auch die darauffolgende Klage über die Kategorie „Ethnische Herkunft“ im AGG wurde in mehreren Instanzen abgewiesen. Liebscher diskutiert, wie die Benachteiligung Ostdeutscher unter Rechtsschutz gestellt werden könnte, ob über das AGG oder offene Listen von Diskriminierungskategorien (soziale Herkunft; Weltanschauung), wie es bereits im Berliner Landesantidiskriminierungsgesetzes ermöglicht wurde (Liebscher 2022).
ii Miethes Argument für eine Ost-West-Kategorie respektive ihr Ansatz, dass Hierarchie- und Machtverhältnisse einen bedeutenden Einfluss haben, werden im Großen und Ganzen auch von den hier zitierten Autor*innen geteilt. Sie alle beschäftigen sich hauptsächlich mit Diskriminierungskategorien wie Soziales Milieu, Migrationshintergrund, Geschlecht etc. und widmen sich in einzelnen Aufsätzen der Diskriminierungsachse Ost-West (Liebscher 2022; Miethe 2019; Arndt 2021). Foroutan (2021) und Kolleg*innen hatten mit Ost-migrantischen Analogien ein groß angelegtes Forschungsprojekt.
iii Zur Rolle der Treuhand in Bezug auf Abwertungsprozesse und Empfindungen siehe auch den Beitrag von Paul Seibicke in diesem Heft.
iv Bereits 2001 machte Merz mit negativen Äußerungen über Ostdeutsche auf sich aufmerksam und wollte nach den Wahlerfolgen der PDS „dem trotzig-pubertären Lümmelvolk im Osten das Taschengeld entziehen“ (Rehberg 2006: 223).
v Kowalczuk: „Viele tun so, als wären ihre Erfahrungen einzigartig, als wäre nur ihnen etwas geschehen. Dabei hatten die Ostdeutschen vor allem Glück. Sie sind in einem der reichsten und einem der zehn freiesten Länder der Welt ohne eigenes Zutun wach geworden und sozial abgefedert wie 95 Prozent der Weltbevölkerung es nicht sind. Und trotzdem tut eine Mehrheit von ihnen immer so, als wenn sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet würden.“ (Wolf 2024)