Publikationen / vorgänge / vorgänge Nr. 250/51: Gibt es Ostdeutschland?

Gleich­stel­lung und Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit – Der „Moder­ni­sie­rungs­vor­sprung“ und seine Heraus­for­de­rungen

Der „Gleichstellungsvorsprung“ Ostdeutschlands in Sachen Geschlechtergerechtigkeit hat heute teilweise Modellcharakter. Das ist allerdings nicht in jeder Hinsicht ein Grund zum Jubeln, sondern impliziert auch Ambivalenzen. In ihrem Beitrag analysiert Hildegard Maria Nickel die Geschlechterpolitik der DDR, insbesondere im Hinblick auf die Erwerbstätigkeit und das erklärte Ziel der Gleichstellung, was dieser immer noch wirksame Vorsprung gegenüber den alten Bundesländern heute bedeutet und ob eine vermeintliche Pionierrolle ostdeutscher Frauen in einer marktliberalen Gesellschaftspolitik nicht eher stilisiert wird.

Vorbemerkung

„Wir müssen nicht mehr aufholen, wir sind in vielen Dingen Vorreiter“ (Schneider 2023) und die „ostdeutsche Herkunft ist kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West 2024) – diese markigen Worte des Ostbeauftragten der Bundesregierung spiegeln wohl kaum die realen Erfahrungen vieler Ostdeutscher wider. Wie auch sollten sie sich als „Vorreiter“ wahrnehmen, wenn ihre Lebensverhältnisse auch nach 35 Jahren noch nicht denen der Westdeutschen angeglichen sind? Was sollte ihr „Qualitätsmerkmal“ sein, wenn es sich bis heute nicht in der Repräsentanz von Ostdeutschen in Spitzenpositionen und Ämtern zeigt? Der jüngste Bericht zur deutschen Einheit verzichtet auf eine vergleichende Analyse der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland, wie sie beispielsweise im Jahresbericht zur deutschen Einheit von 2020 noch vorgelegt wurde. Stattdessen werden einzelne ausgewählte Vorhaben der Bundesregierung „mit Bezug zu aktuellen Herausforderungen in Ostdeutschland“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West 2024) präsentiert; was daraus wird, bleibt abzuwarten. Ganz anders hatte beispielsweise Manuela Schwesig, Herausgeberin des Berichts zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit, agiert. Sie hat ein Thema zum Gegenstand des Berichtes gemacht, Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Ost- und Westdeutschland, und dabei einen zentralen Befund des auf umfangreichen Daten basierenden Berichts herausgestellt: „Positive Impulse der DDR für die Gleichstellung in ganz Deutschland“ (BMFSFJ 2015: 16). Die Anerkennung dieses Ost-West-Transfers sei ein wesentlicher Beitrag zum weiteren Zusammenwachsen beider Teile Deutschlands. Diesen wertschätzenden Bezug auf ostdeutsche Lebensleistungen lassen andere Berichte zur deutschen Einheit vermissen, mehr noch, sie scheinen Themen und Bereiche dezidiert auszusparen, mit denen gezeigt werden könnte, dass in der DDR oder in Ostdeutschland zum Teil auch etwas gelungen zu sein scheint, das als „Modernisierungsvorsprung“ gedeutet werden kann. Dass der „Gleichstellungsvorsprung“ (Geißler 1992) Ostdeutschlands in Sachen Geschlechtergerechtigkeit heute teilweise gar Modellcharakter für die am „adult worker model“i orientierte Arbeits- und Wirtschaftspolitik der Europäischen Union hat, ist allerdings nicht in jeder Hinsicht ein Grund zum Jubeln, sondern impliziert Ambivalenzen, die gleichfalls zu diskutieren sind. Der in der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts hervorgebrachte „Modernisierungsvorsprung“ (Hradil 1992) wirft heute auch Fragen hinsichtlich seiner Anschlussfähigkeit im 21. Jahrhundert auf und impliziert Herausforderungen, die systematischer herausgearbeitet werden müssen.

 

Prof. Dr. Hildegard Maria Nickel war bis 2015 Professorin für Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Soziologie der Geschlechterverhältnisse, Soziologie der Arbeit/Dienstleistungsgesellschaft und gesellschaftliche und betriebliche Transformationsprozesse.

 

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