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	<title>vorgänge Nr. 164: Von der APO zu ATTAC: Politischer Protest im Wandel Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Jun 2013 14:01:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 1-3 Eine Demonstration, so könnte man frei nach Gertrude Stein behaupten, ist eine Demonstration ist eine Demonstration: Menschen, die für bestimmte Anliegen auf die Straße gehen, Fahnen hochhalten und Transparente schwenken. In den letzten Jahren werden die traditionellen Protestformen allerdings kräftig aufgemischt: Aktivisten schicken ihr &#132;letztes Hemd&#148; ins Kanzleramt, [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/editorial-45/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 1-3</p>
<p>Eine Demonstration, so könnte man frei nach Gertrude Stein behaupten, ist eine Demonstration ist eine Demonstration: Menschen, die für bestimmte Anliegen auf die Straße gehen, Fahnen hochhalten und Transparente schwenken. In den letzten Jahren werden die traditionellen Protestformen allerdings kräftig aufgemischt: Aktivisten schicken ihr &#132;letztes Hemd&#148; ins Kanzleramt, Bürgermeister steigen nackt in Schwimmbäder, massenhaft versandte E-Mails legen die Server von Regierungszentralen lahm und auch die Demonstration als solche wandelt ihr Gesicht: Phänomene wie Tute Bianche und Pink&#038;Silver beweisen, dass Demonstrationen nicht länger mehr oder minder disziplinierte Manifestationen politischer Überzeugungen sein müssen, sondern auch Foren für individuelle Selbstdarstellung und -verwirklichung, für innere Befreiungsakte und intensive Gemeinschaftsgefühle sein können. Pink &#038; Silver wurde erstmals bei den Demonstrationen in Prag anlässlich des IWF-Gipfels und beim G8-Gipfel in Genua im Sommer 2001 praktiziert und will, so die Aktivisten, &#132;mehr Pep und Power in langweilige Latschdemonstrationen bringen&#148;. Dafür wurde die Choreografie jener vorwiegend leicht bekleideten Damen kopiert, die sonst am Rand amerikanischer Baseballplätze Federboas schwenken: Die Aktivistinnen und Aktivisten üben Schritte, Lieder und Slogans ein und tanzen damit durch Straßen, Kaufhäuser, Bürogebäude und Amtsstuben. Ein so genannter &#132;Mega-Puschel&#148; ersetzt die traditionellen Fahnen und Transparente. Tute Bianche dagegen stammt aus den sozialen Zentren in Norditalien. Diese Aktionsform ließe sich als ziviler Ungehorsam mit eingebauter Selbstschutzkomponente umschreiben: Gepolsterte Overalls, Helme, Arm- und Schienbeinschützer, Handschuhe, Gasmasken und Schutzbrillen gehören zur Grundausstattung der Aktivisten. Ziel dieser Batman-mäßigen Ausrüstung ist es, &#132;Angst zu lindern, die physischen Schäden zu lindern und die Gruppe kompakt zu halten&#148;, wie Luca Casarini, der Sprecher der Tute Bianche schreibt.<br />Protest im Wandel: Dieses Heft der vorgänge will ihn nachzeichnen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem politischen Protest in der Bundesrepublik und seiner Reflexion durch eine zunehmend gut ausgebaute Wissenschaft. Deren Ursprünge liegen ganz nahe bei ihrem Gegenstand, die Professionalisierung des Protests hat auch eine Professionalisierung der Protestforschung bewirkt: Die Protestforschung trat Mitte der 1980er ans Licht der akademischen Öffentlichkeit und thematisierte erstmalig die neuen sozialen Bewegungen (NSB) der zweiten Hälfte der 1970er und der ersten Hälfte der 1980er Jahre, also vor allem Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung. Zwei Daten markieren das prägende Jahrzehnt der NSB: die erste Bauplatzbesetzung eines AKW in Wyhl/Kaiserstuhl im Jahre 1975 und der Kampf um Wackersdorf 1986. Doch wo stehen die neuen sozialen Bewegungen heute, welchen Stellenwert hat politischer Protest in der Bundesrepublik?<br />Unsere Autorinnen und Autoren versuchen sich an einer Antwort: Dieter Ruckt nimmt den Wandel politischen Protests in der Bundesrepublik in den Blick. Von der Ausnahmeerscheinung zum alltäglichen Phänomen, vom Protest gegen das System zum Protest im System &#151; so ließen sich seine zentralen Thesen zusammenfassen. Ansgar Klein schildert die Wege und Irrwege der Protestforschung und zeigt auf, mit welchen anderen akademischen Disziplinen diese kooperieren muss, um ihren Gegenstand an-gemessen bearbeiten zu können. Holger Nehring nähert sich dem Protest aus vergleichender Perspektive: Er zeigt auf, dass die Anti-Atom-Bewegungen der 1950er Jahre in Deutschland und Großbritannien nur scheinbar identische Bewegungen waren, während letztlich nationale Traditionen für ihre Identität konstitutiv waren. Stefan Hemler verknüpft die zwei dominierenden Deutungen in der Forschung über &#132;1968&#148; &#8211; entweder generationeller Protest oder soziale Bewegung &#151; zu einem beide Stränge umfassenden Neuansatz. Eine positive Würdigung der in den letzten Jahren oft kritisierten 68er-Proteste unternimmt Belinda Davis: Sie untersucht das kreative Potenzial der damaligen Proteste und Tabubrüche und deren Einfluss auf die politische Kultur der Bundesrepublik. Jens Ivo Engels schlägt neue theoretische Kategorien vor, um Protestbewegungen genauer analysieren zu können: Am Beispiel des Umweltprotests in der Bundesrepublik verweist er auf die Bedeutung des Verhaltensstils für die jeweiligen Ausprägungen und die Durchsetzungskraft sozialer Bewegungen. Was die 68er in Deutschland von allen anderen Protestbewegungen unterscheidet, ruft Albrecht von Lucke ins Gedächtnis: Es ist die Macht der NS-Vergangenheit, die konstitutiv für diese Generation wurde und es bis heute ist. Der Erfolg von attac wurde vor allem durch eine professionelle Medienarbeit möglich; deren Wirkung untersucht Felix Kolb. Carolin Welzel analysiert die Transformation des Protests in die virtuelle Welt des Internet und fragt, ob neue soziale Bewegungen künftig noch als sozial bezeichnet werden können. Welche (un)sichtbaren Verbindungslinien zwischen Protest und Theater, zwischen Demonstrationen auf der Bühne und auf der Straße existieren, durchleuchten Christian Hippe und Patrick Ramponi an den Beispielen von Bertolt Brecht und Peter Weiss. Der Literaturbericht rundet wie immer den Thementeil ab.<br />Der Essay von Heinz Bude in diesem Heft begibt sich in das Getümmel der gegenwärtigen Sozialstaatsdebatten: Der Kasseler Soziologe zeigt, woher die unterschiedlichen Positionen zum Sozialstaat stammen, die man in den verschiedenen westdeutschen Nachkriegsgenerationen bis heute erkennen kann. Er zeigt auf, wie die Aufgaben des Sozialstaats künftig definiert werden können, ohne dass er seine Legitimität verliert. In den Kommentaren und Kolumnen diskutiert Michael Opielka, ob ein neuer Pflichtendiskurs gemeinschaftsfördernd wirken könnte. Norbert Reichling beschreibt einen vergessenen Gedenktag in der Geschichte der Judenverfolgung. Neue Gedichte von Tomas Kafka und Jörg Bernig zeigen, dass zumindest Europas Lyriker nach wie vor an der Einheit des Kontinents festhalten. Matthias Zimmer rezensiert die wesentlichen Neuerscheinungen im Adorno-Jahr.<br />Eine weit gehend protestfreie Lektüre wünschen<br />Thymian Bussemer und Alexander Lammann</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/editorial-45/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Der Unsinn eines sozialen Pflichtdienstes</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/der-unsinn-eines-sozialen-pflichtdienstes/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Mar 2004 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Erwiderung auf Michael Opielka (vorgänge 164) In: vorgänge 165 (1-2004) S. 133-135 Die Idee eines verpflichtenden staatlichen Sozialdienstes gehört zu den periodisch immer wieder auftauchenden Konzepten, denen eine Lösung für alle möglichen gesellschaftlichen Missstände der Gegenwart zugeschrieben wird. In der letzten Ausgabe der vorginge versucht nun Michael Opielka, einen solchen Sozialdienst theoretisch zu begründen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/der-unsinn-eines-sozialen-pflichtdienstes/">Der Unsinn eines sozialen Pflichtdienstes</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Erwiderung auf Michael Opielka (vorgänge 164)</p>
<p>In: vorgänge 165 (1-2004) S. 133-135</p>
<p>Die Idee eines verpflichtenden staatlichen Sozialdienstes gehört zu den periodisch immer wieder auftauchenden Konzepten, denen eine Lösung für alle möglichen gesellschaftlichen Missstände der Gegenwart zugeschrieben wird. In der letzten Ausgabe der vorginge versucht nun Michael Opielka, einen solchen Sozialdienst theoretisch zu begründen (Opielka 2003). Er trifft damit eine Stimmung, die von Politikern wie den Ministerpräsidenten Koch, Steinbrück, Böhmer und früher Gabriel aufgegriffen wurde und wird. Leider offenbaren derartige Gedanken einen erstaunlichen Mangel an Sachkenntnis. Als Praktiker &#150; ich bin seit 30 Jahren Vorstandsmitglied des Sozialen Friedensdienstes Bremen mit derzeit 70 Zivis und 70 FSJ-Freiwilligen und ebenso lange Mitglied im Beirat für den Zivildienst in Bonn &#150; möchte ich die Frage eines Pflichtdienstes deshalb nüchtern zurecht rücken.<br />Praktisch nicht organisierbar<br />Zur Zeit gibt es in Deutschland ca. 95.000 wehrpflichtige Soldaten und ebenso viele wehrpflichtige Kriegsdienstverweigerer, die Zivil-dienst leisten, außerdem ca. 10.000 junge Männer, die andere Ersatzdienste leisten, vor allem<br />im Katastrophenschutz. Rechtsgrundlage ist die nach Art. l 2a GG mögliche, im Wehrpflicht-und Zivildienstgesetz geregelte Wehrpflicht. Wollte man einen von der Wehrpflicht unabhängigen sozialen Pflichtdienst einführen, könnte man nicht mehr nach den Kriterien militärischer Tauglichkeit nur die auswählen, die einberufen werden sollen. Vielmehr müsste man außer den 5-10% ernsthaft behinderten jungen Menschen jeweils den ganzen Geburtsjahrgang dienen lassen &#150; und zwar wegen Art. 3 GG so-wohl junge Männer und als auch junge Frauen. Das wären derzeit ca. 800.000 junge Menschen; d.h. ohne die, die zum Militär einberufen wer-den, wären es immer noch fast siebenmal mehr als heute. Wer soll das organisieren? Wer soll das bezahlen? Was sollen die dann überhaupt tun? Schon einfache praktische Überlegungen zeigen, wie weltfremd die Überlegungen zu einem Pflichtsozialdienst sind.<br />Wer etwas besser Bescheid weiß, denkt dann &#150; Opielka zitiert dafür Warnfried Dettling (ebd.: 114) &#150; an einen Pflichtdienst nur für Männer und einen freiwilligen Dienst für junge Frauen. Doch so einfach ist das nicht. Entweder bleibt man bei der Rechtsgrundlage Wehrpflicht &#150; dann ist es das, was wir derzeit haben und was mangels Wehrgerechtigkeit sowieso nicht -nehr<br />haltbar ist. Oder man will alle jungen Männer verpflichten, dann stößt man an die Grenzen von Art. 3 GG und muss den Pflichtdienst auch für junge Frauen einführen mit den gerade geschilderten Schwierigkeiten der nicht zu bewältigenden Größenordnung.<br />Dazu gehören dann auch die Kosten. Der Zivildienst mit 95.000 Zivis kostet im Jahr 850 Millionen Euro ohne die im Zivildienstetat nicht enthaltenen Kosten für Erfassung, Musterung und Repression, um die Dienstleistung durchzusetzen. Diese Kosten des Bundes müssten bei einem allgemeinen Pflichtdienst vervielfacht werden. Hinzu kämen hohe Investitionen für neue Unterkünfte, Schulen und Ämter. So billig, wie manche Milchmädchenrechnungen vortäuschen, ist der Zivildienst nämlich nicht. Zwar zahlt eine Einsatzstelle, die ihren Zivi korrekt behandelt, im Durch-schnitt nur ca. 7.000 Euro im Jahr. Aber dazu kommen eben die staatlichen Ausgaben von ca. 8.000 Euro je Zivi, die um der Wehrpflicht willen vom Bund aufgebracht werden. Volks-wirtschaftlich sind die ständig wechselnden Zivis wenig billiger als kontinuierlich tätige ungelernte Kräfte, die Steuern und Sozialabgaben zahlen. Aber die Dienstpflicht schadet vielfach durch Zeit- und Motivationsverlust den jungen Menschen, die in Deutschland so-wieso zu spät in den Beruf kommen.<br />Das Recht setzt die Grenzen<br />Schwer verständlich ist Opielkas Rückgriff auf Luchterhand, der das Überleben des Pflichtgedankens in Deutschland trotz des NS-Missbrauchs feststellt (ebd.: 118): Was hat da über alle politischen Umwälzungen hinweg überlebt und noch einmal seine tiefe Verwurzelung gezeigt? Die Leibeigenschaft des Mittelalters, als der Fürst der Staat war? Oder die Knechtschaft der Menschen in den Kolonien, deren Menschen die Pflicht mit der Nilpferdpeitsche ein-gebläut werden sollte? Oder der NS-Arbeitsdienst? KZs werden ja schwerlich gemeint sein können. Und die vielen pseudofreiwilligen<br />Dienste in der DDR dürften auch nicht als Beleg für die tiefe Verwurzelung des Pflichtgedankens taugen. Ich sehe keinen überlieferten Pflichtgedanken, der noch so schön geschmückte Arbeitsdienste rechtfertigen könnte, sondern nur fatale Überreste obrigkeitsstaatlichen Denkens.<br />Opielka beruft sich schließlich auf die Mütter und Väter des Grundgesetzes, die Pflichten in das Grundgesetz aufnehmen wollten. Sie wollten das nicht nur, sondern haben das getan. Es ist im heutigen Art. 12 GG nachzulesen. Ich empfehle das, denn der Zusammenhang ist entscheidend. Garantiert wird das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Verpflichtet werden darf nur im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen Dienstleistungspflicht. Da geht es in der Tat um die Notfälle, die Opielka meint, wenn es brennt, wenn ein Deich gefährdet ist oder ähnliches anliegt. Aber das rechtfertigt keinen umfassenden Pflichtdienst.<br />Von den praktischen Fragen ausgehend bin ich damit immer mehr zu den rechtlichen gekommen. Mit Art. 12 GG ist ein allgemeiner verpflichtender Sozialdienst nicht vereinbar. Aber selbst wenn man das Grundgesetz ändern wollte, bliebe ein Pflichtdienst unzulässig. Die Kommission zur Zukunft der Zivilgesellschaft hat gerade darauf hingewiesen, dass Pflichtdienste auch durch Völkerrecht verboten sind. Da Opielka den Verweis von Lutz auf das ILO-Abkommen zitiert (ebd.: 117), müsste er die internationale Rechtslage kennen. Er kümmert sich aber nicht darum. Deshalb möchte ich ergänzen: Nicht nur Art. 12 GG und Art. 2 des Übereinkommens über Zwangs- und<br />Pflichtarbeit der International Labor Organ i-<br />sation verbieten Zwangsdienste. Ebenso stehen insbesondere dagegen: Art. 23 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (10. Dezember 1948); Art. 8 Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte (19. Dezember 1966); Art. 6 und 7 Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (19. Dezember 1966); Art. 4 Konvention zum<br />Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten des Europarats (4. November 1950); Art. 1 Europäische Sozialcharta (18. Oktober 1961).<br />Mit den internationalen Schutzrechten können wir Deutschen nicht beliebig umspringen. Sie sind vereinbart worden gegen Kolonialismus, Stalinismus und Nationalsozialismus/Faschismus. Das einzige Land, das an allen drei Formen der Unterdrückung beteiligt war, ist Deutschland: Kolonialismus bis zum 1. Welt-krieg, Nationalsozialismus und in der DDR zusätzlich noch Stalinismus. Dass ausgerechnet wir diese internationalen Abkommen brechen, ist undenkbar. Mehrfach habe ich erlebt, dass Politiker ihre forschen Sprüche für eine Dienstpflicht sofort beendeten, wenn sie genauer in Kenntnis gesetzt wurden. Dass die Diskussion trotzdem immer wieder aufkommt, zeigt, wie politisch, historisch und rechtlich unbedarft viele daherreden, die eigentlich alle Möglichkeiten haben, sich umfassend zu in-formieren. Gerade in einer Zeitschrift, die den Bürgerrechtsgedanken in ihren Mittelpunkt stellt, muss der Dienstpflicht daher entschieden widersprochen werden. Dabei hat Opielka natürlich Recht, wenn er in den Reden vom aktivierenden Staat einen Schritt in Richtung Dienstpflichten sieht &#150; auch hier wäre eine kritische Auseinandersetzung dringend geboten.<br />Freiwilligkeit statt Zwang<br />Es bleibt die berechtigte Frage, wie soziale Verantwortung als moralische Verpflichtung<br />gefördert werden kann. Die Antwort ist ganz einfach: durch Vorbild. Diejenigen aber, die heute von Wehrpflicht und anderen Pflichten reden, denen sich zu unterziehen die jungen Menschen lernen müssten, sind nicht mit entsprechendem Vorbild voran gegangen. Meines Wissens haben weder der Bundespräsident noch sein Vorgänger, weder der Bundeskanzler noch sein Vorgänger, noch die meisten Minister und Abgeordneten Wehr- oder Ersatz-dienst geleistet.<br />Daher mein Vorschlag: Wer mehr Sozial-dienst will, sollte einmal in seinem Beruf ein Jahr aussetzen und freiwillig nur gegen Verpflegung und Taschengeld gemeinnützig irgendwo mithelfen. Das gute Beispiel wird sich auswirken. Und bis es so weit ist, sollten wenigstens die Möglichkeiten der Freiwilligendienste so ausgebaut werden, dass alle mitmachen können, die das wollen, Zur Zeit suchen viele vergeblich nach einer Möglichkeit, ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder europäischen Freiwilligendienst zu leisten. Junge Menschen wollen sich durchaus mehr engagieren, als viele Ältere denken &#150; und sie tun dabei in der Regel mehr aIs die meisten Älteren.<br />Literatur<br />Opielka, Michael 2003: Aktivierung durch Ver-<br />pflichtung? Von der Pflicht zur Erwerbsarbeit<br />zur ldee eines Sozialdienstes; in: vorgänge 164 (H. 4/2003 &#151; Dezember), S. 113-120</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/der-unsinn-eines-sozialen-pflichtdienstes/">Der Unsinn eines sozialen Pflichtdienstes</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<item>
		<title>Zum Wandel politischen Protests in der Bundesrepublik</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/zum-wandel-politischen-protests-in-der-bundesrepublik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Verbreiterung, Professionalisierung, Trivialisierung In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 4ff Sozialer und politischer Protest ist ebenso Bestandteil der Alltagskultur moderner Gesellschaften wie außergewöhnlicher, geschichtsträchtiger Momente. Unter einen breit gefassten Begriff kollektiver, öffentlicher und nicht-staatlicher Proteste mit einem gesellschaftlichen oder politischen Anliegen fällt vieles: der Offene Brief, mit dem eine Bürgerinitiative eine lokale Behörde attackiert, aber [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/zum-wandel-politischen-protests-in-der-bundesrepublik/">Zum Wandel politischen Protests in der Bundesrepublik</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Verbreiterung, Professionalisierung, Trivialisierung</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 4ff</p>
<p>Sozialer und politischer Protest ist ebenso Bestandteil der Alltagskultur moderner Gesellschaften wie außergewöhnlicher, geschichtsträchtiger Momente. Unter einen breit gefassten Begriff kollektiver, öffentlicher und nicht-staatlicher Proteste mit einem gesellschaftlichen oder politischen Anliegen fällt vieles: der Offene Brief, mit dem eine Bürgerinitiative eine lokale Behörde attackiert, aber auch eine Serie imposanter Massenproteste, die.am Ende ein politisches Regime stürzen. Proteste variieren enorm hinsichtlich ihrer Themen, Formen, Größenordnung, sozialen Träger, zeitlichen und räumlichen Verteilung sowie weiterer struktureller Merkmale. Auch erleben Menschen Proteste in vielfältigen Rollen: als Konsumenten von Nachrichten, als Passanten, Teilnehmer, Sympathisanten oder Gegner, Nutznießer oder möglicherweise auch Opfer. Proteste drängen vielfach zur Stellungnahme, aber sie werden selten zum Gegenstand eingehender Analysen.</p>
<p>Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Protest erfolgt, sofern es sich nicht um historische Studien handelt, am Rande des akademischen Betriebs. In der Regel wird Protest erst dann zum Objekt intensiver wissenschaftlicher Reflexion, wenn er sich zum massiven Problem einer Gesellschaft auswächst, sei es in Gestalt von Gewalthandlungen bis hin zum Terrorismus, sei es in großen Streikwellen, die eine Volkswirtschaft empfindlich beeinträchtigen können, sei es in der Häufung politischer Demonstrationen, die einen Legitimationsentzug gegenüber einer Regierung oder einem politischen System insgesamt sigsignalisieren. Die Breite und Vielfalt der zumeist kleinen und unspektakulären Proteste bleibt jedoch im Schatten der akademischen Aufmerksamkeit. Ist schon die wissenschaftliche Beschreibung von Protest unbefriedigend, so gilt dies erst recht für die Erforschung seiner Ursachen und Wirkungen.</p>
<p>Der vorliegende Beitrag sieht von einzelnen, herausgehobenen Protesten ganz ab; er konzentriert sich vielmehr auf die groben Linien politischen Protests in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Dieser breite Blickwinkel hat seinen Preis. Er erfordert Distanz gegenüber allen Einzelheiten, erzwingt also eine Vogelperspektive. Um im Bild zu bleiben: Es werden nur die Konturen der darunter liegenden Landschaft</p>
<p>in Gestalt auffälliger Muster &#8211; von Bergzügen, Ebenen, Flussläufen, großen Ansiedlungen &#151; sichtbar, nicht aber die einzelnen Pflanzen, Lebewesen und Häuser.</p>
<p>Soweit es jedoch um die Vermessung dieser Konturen geht, zeichnet das dafür ein-gesetzte methodische Instrument, die Protestereignisanalyse, trotz der Distanz und Mitteilbarkeit ihres Beobachtens ein relativ scharfes und genaues Bild, beruht es doch auf der statistischen Aggregation von vielen und nach einem einheitlichen Kriterienkatalog er-fassten Einzelprotesten. Das unterscheidet diese systematische Methode von der hochgraddig selektiven Wahrnehmung nachdenklicher Zeitgenossen, die sich aufgrund disperser und höchst subjektiver Wahrnehmungen und Erinnerungen ein Bild zu machen suchen.</p>
<p>Im Folgenden wird zunächst eine grobe Skizze der quantitativen Entwicklung von Proteststrukturen in der Bundesrepublik gezeichnet. Im zweiten Teil stehen mit dem Wandel der Protestkultur eher qualitative Aspekte und damit auch stärker interpretierrende Überlegungen im Mittelpunkt. Abschließend wird versucht, die wichtigsten Befunde auf einen knappen Nenner zu bringen.</p>
<p>1. Quantitative Entwicklungen: Proteststrukturen</p>
<p>Bei der Kartographie von Proteststrukturen bleibt eine wichtige Einschränkung vorweg zu betonen: Auch die systematisch und flächendeckend verfahrende Protestereignisanalyse ist selektiv, besteht doch keine realistische Möglichkeit, die Gesamtheit aller tagtäglich in einem Land stattfindenden Proteste über Jahrzehnte hinweg vollständig zu dokumentieren. Selbst die Ordnungsämter, die im Falle Berlins jährlich weit über zweitausend &#132;Versammlungen und Aufzüge&#148; registrieren (und von denen die meisten unter eine weit definierte sozialwissenschaftliche Rubrik von Protest fallen), erfassen Proteste unvollständig, wie spezielle Analysen zeigen (vgl. Hocke 2002).</p>
<p>Selektiv ist die vorliegende quantitative Analyse, die auf dem so genannten Probat-Projekt [1] beruht, in zweierlei Hinsicht. Erstens berücksichtigt sie nur Protestereignisse, über die in bundesweiten Qualitätszeitungen (Süddeutsche Zeitung und/oder Frankfurter Rundschau; ohne die jeweiligen Lokal- und Landesteile) berichtet wurde. Zweitens liegt der standardisierten Erfassung der Zeitungsberichte eine Stichprobe zugrunde, die alle Montagsausgaben und alle zusätzlichen Werktage jeder vierten Woche und damit rund 46 Prozent aller vorausgehenden &#132;Ereignistage&#8220;2 umfasst. Auch ist zu berücksichtigen, dass die auf Zeitungsberichten basierende Protestereignisanalyse kein verkleinertes Abbild der Protestwirklichkeit liefern kann. Die Medienberichterstattung orientiert sich vorrangig an Nachrichtenwerten (vgl. Galtung/Ruge 1964); sie bevorzugt bestimmte Ereignisse aufgrund von deren Merkmalen und vernachlässigt dagegen andere. Zum Beispiel werden nahezu alle großen oder sehr gewalthaltigen Ereignisse berichtet, während viele kleine und unspektakuläre Proteste unter den Tisch fallen. Die Protestereignisanalyse macht allerdings jene Proteste sichtbar, welche von national führenden Zeitungen für berichtenswert erachtet werden. Diese sind somit einem breiten, politisch interessierten Publikum zugänglich und werden auch von politischen Entscheidungsträgern wahrgennommen. Insofern handelt es sich um einen relativ unverzerrten Ausschnitt jener Protes-</p>
<p>te, die überhaupt als (potenziell) bundespolitisch bedeutsam erscheinen. Nachfolgend werden quantitative Entwicklungen in ihren ungefähren Größenordnungen beschrieben, jedoch nicht im einzelnen durch Tabellen und Grafiken ausgewiesen (vgl. dazu NeidhardtlRucht 2001 und Rucht 2003).</p>
<p>Die durchschnittliche Zahl der Proteste hat im Zeitraum von 1950 bis 1997 in der Bundesrepublik (West) von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zugenommen. Einige kurze Phasen, vor allem die Jahre 1968/69, zeichnen sich als Perioden mit besonders hoher Protestfrequenz aus, während das Gegenteil auf die Phase von 1950 bis 1965 zutrifft. Deutlich anders verläuft dagegen die Entwicklung der Teilnehmerzahlen. In dieser Hinsicht sind die Jahre 1968/69, die Hochphase der studentisch geprägten außerparlamentarischen Opposition (ApO), keineswegs herausragend. Vielmehr zeichnen sich vor allem drei markante Mobilisierungswellen ab: 1955 mit Protesten gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, von 1982 bis 1984 mit den Aktivitäten gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen sowie 1993 mit zahlreichen &#132;Lichterketten&#148; gegen Ausländerfeindlichkeit. In der DDR bzw. den neuen Bundesländern, für die Protestereignisdaten erst seit 1989 vor-liegen, bilden die Proteste in der Wendephase von 1989/90 einen herausragenden Höhhepunkt der Massenmobilisierung.</p>
<p>Die quantitativen Entwicklungslinien der Proteste und der Protestteilnehmer verlaufen somit keineswegs immer parallel. Zum Beispiel stehen relativ wenigen, aber in der Regel großen Protesten in den 1950er Jahren relativ viele, aber im Durchschnitt eher kleine Proteste in den späten 1960er Jahren gegenüber.</p>
<p>Auch die Themen der Proteste wandelten sich sehr stark im Zeitverlauf. Ungefähr stabil, zumindest bezogen auf gesamte Jahrzehnte, blieb lediglich der Anteil von Protesten im Bereich der Arbeitswelt, die allerdings in den frühen 1950er Jahren zumeist eng mit grundsätzlichen Fragen nach der Gestaltung der wirtschaftlichen und politischen Ordnung verkoppelt waren. Die Friedensproteste traten nur in kurzen, dann aber mobilisierungsstarken Phasen in Erscheinung: um 1955 gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, 1957/58 gegen die atomare. Bewaffnung derselben, 1982 bis 1984 gegen den NATO-Nachrüstungsbeschluss, 1991 gegen den Golfkrieg und, noch nicht im Datenbestand enthalten, im Februar/März 2003 gegen den Irakkrieg. Vor allem die frühen 1950er Jahre waren noch stark von Themen geprägt, die mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs zu tun hatten. Ab Mitte der 1960er Jahre dominierte die Ap0 die Protestagenda. Nicht nur thematisch sondern auch in ihren Formen stellt die Ap0 eine Zäsur in der bundesrepublikanischen Protestgeschichte dar (vgl. Kraushaar 2000). Ab den frühen 1970er Jahren überwogen einzelne Mobilisierungswellen der neuen sozialen Bewegungen, darunter Umweltschutz einschließlich der zivilen Nutzung der Atomkraft, die schon erwähnten Friedensproteste sowie Frauenproteste. Zwischen 1979 und 1981 häuften sich teilweise militante Proteste im Zusammenhang mit Hausbesetzungen, Rekrutenvereidigungen und der Räumung von Jugendzentren. Themen der neuen sozialen Bewegungen spielen bis in die Gegenwart eine anhaltend wichtige Rolle, jedoch rückten in der öffentlichen Wahrnehmung seit den frühen 1990er Jahren die aggressiven rechtsradikalen und ausländerfeindlichen Aktivitäten in den Vordergrund, welche eine</p>
<p>zahlenmäßig weitaus stärkere Gegenmobilisierung hervorriefen. Erst etwa ab 2000 gewannen globalisierungskritische Proteste, die sich in Einzelfällen bis in die 1980er Jahre zurückverfolgen lassen, in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung, obgleich sie quantitativ bislang kaum ins Gewicht fallen.</p>
<p>In der DDR überragten zunächst die Wendeproteste das gesamte Geschehen. Nach der deutsch-deutschen Vereinigung traten Proteste der Arbeitswelt stärker in den Vordergrund, während die Themen der neuen sozialen Bewegungen zu keinem Zeitpunkt eine ähnlich wichtige Rolle wie in den alten Bundesländern spielten (vgl. Burchardt 2001). Insgesamt kommt es im Verlauf der Zeit zu einer Vervielfältigung der Protestthemen, die sich immer weiter auffächern und teilweise von sehr speziellen Trägergruppen lanciert werden.</p>
<p>Auch das Repertoire der Protestformen erweiterte sich kontinuierlich. In den 1950er Jahren überwogen relativ konventionelle Protestformen, darunter vor allem Streiks, Unterschriftensammlungen und Massenkundgebungen. Gelegentlich kam es auch zu Störungen von Veranstaltungen und &#132;Straßenkrawallen&#148;. Gewaltförmige Aktionen waren relativ selten. Vor allem mit den studentischen Protesten ab Mitte der 1960er Jahre rückten bis dato nicht oder kaum genutzte Aktionsformen wie Polit-Happenings, Institutsbesetzungen, Sit-ins, Teach-ins und Straßenblockaden in den Vordergrund. Mit den nachfolgenden neuen sozialen Bewegungen wurde dieses Spektrum um Platz- und Hausbesetzungen sowie Menschenketten, aber auch durch verfahrensförmige Einsprüche (v.a. im Atomrecht und Baurecht) und verwaltungsgerichtliche Klagen erweitert. Während sich seit Mitte der 1960er Jahre der Anteil konfrontativer Aktionsformen am gesamten Protestgeschehen nicht gravierend veränderte (vgl. Rucht 2003: 47), ist der Anteil gewaltförmiger Aktions-formen seit den 1950er Jahren (1950 bis 1959: fünf Prozent) von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gestiegen und hat in den Jahren von 1990 bis 1997 insbesondere aufgrund rechtsradikaler und/oder ausländerfeindlicher Attacken einen Spitzenwert von mehr als 22 Prozent er-reicht. Hierbei gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass gewaltförmige Aktionen eine hohe Chance haben, in den Medien berichtet zu werden. Rechtsradikale und/oder ausländerfeindliche Aktionen, die hinsichtlich ihrer Häufigkeit durchaus bedeutend sind, blieben jedoch zumeist auf Kleingruppen beschränkt, während, wie schon erwähnt, die Gegenmobilisierung &#151; gemessen nach Teilnehmern, regelmäßig weit umfangreicher ausfiel.</p>
<p>Schließlich hat sich auch die Zusammensetzung der Protestgruppen im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte deutlich gewandelt. Wichtigste organisatorische Träger in den 1950er Jahren waren Gewerkschaften und Verbände von Kriegsheimkehrern, Vertriebenen und Kriegsgegnern. Die heftig diskutierten Halbstarkenkrawalle können als ein Aufbegehren gegen die bürgerliche Vorstellung von Ordnung verstanden werden; jedoch wurden dabei keine explizit politischen Anliegen artikuliert. Studentische Proteste waren selten und zumeist wenig spektakulär. Mit der außerparlamentarischen Opposition traten erstmals in großem Umfang informelle Gruppen als Träger von Protest in Erscheinung &#151; ein Trend, der sich mit dem Aufkommen von Bürgerinitiativen und Gruppen der neuen sozialen Bewegungen fortsetzte und verstärkte. Auch wurden Proteste in zunehmenden Maße von breiten Allianzen heterogener Gruppen getragen, so dass sich</p>
<p>die durchschnittliche Zahl der Organisationen, die jeweils einen Protest durchführten, deutlich erhöhte. Mit der Vervielfältigung der Protestthemen erweiterte sich auch die sozialstrukturelle Zusammensetzung der Protestierenden; sie schloss in immer stärkerem Maße auch bislang eher &#132;protestabstinente&#148; Gruppen ein. Inzwischen nutzen auch Polizisten, Lehrer und Zahnärzte das Mittel des Straßenprotests.</p>
<p>2. Qualitative Entwicklungen: Protestkulturen</p>
<p>Die geschilderten strukturellen und im Prinzip leicht quantifizierbaren Veränderungen des Protestgeschehens bilden nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite vollzogen sich auch bedeutsame qualitative Veränderungen, welche die expressive Seite des Protests, also insbesondere seine Vermittlungsformen, aber auch die gesellschaftliche Resonanz auf Proteste betreffen.</p>
<p>Die ernste, disziplinierte &#132;Kundgebung&#148; verkörperte den prototypischen Straßenprotest der 1950er Jahre. Dabei trugen Redner &#151; in aller Regel Vorsitzende von Verbänden, Vereinen oder Parteien &#151; Kritik und Forderungen den Versammelten vor, und diese machten durch Applaus, aber auch durch Schilder und Transparente, ihre Positionen deutlich.3 Heute dagegen fällt es schwer, überhaupt eine dominante Protestform zu identifizieren. Zudem ist in vielen Fällen die Grenze zwischen Organisatoren und Teilnehmern undeutlicher und das Erscheinungsbild der Protestierenden bunter geworden. Die in Straßenprotesten sichtbare symbolische Formensprache des Protests hat sich erweitert und stärker ausdifferenziert (vgl. Balistier 1996: 300). Anstelle von Marschblöcken mit geordneten Reihen bestehen die Demonstrationszüge aus lockeren Gruppen, in denen Kinder-wägen und Fahrräder mitgeführt werden. Sambagruppen, phantasievolle Verkleidungen und bemalte Gesichter erinnern an Karnevalsumzüge. Protest und Unterhaltung gehen oft eine enge Verbindung ein, so dass man, in Analogie zum Medientrend des &#132;Infotainment&#148;, von einem Trend zum &#132;Protesttainment&#148; sprechen könnte. Selbst die traditionellen Kundgebungen der Gewerkschaften am 1. Mai sind von dieser Entwicklung erfasst. Und bei manchen Veranstaltungen, etwa den Schwulenparaden zum Christopher-Street-Day, ist fraglich geworden, ob sie überhaupt noch ein Element des Protests enthalten.</p>
<p>Viele Proteste der 1950er Jahren waren politisch-ideologisch eindeutig entlang der Links-Rechts-Skala lokalisierbar. Konkrete Protestanliegen waren oft mit Systemfragen gekoppelt. Regierungskritischen Protestgruppen dieser Ära wurde &#151; meist zu Unrecht &#151; unterstellt, sie seien von Moskau oder Ostberlin gesteuert. Ideologische Abgrenzungen spielten eine wichtige Rolle. Allein die Präsentation kommunistischer Symbole im Kontext von Arbeits- oder Friedensprotesten konnte bereits zu handfesten Auseinandersetzungen führen. Dagegen besteht heute eine weitaus größere wechselseitige Toleranz zwischen Gruppen unterschiedlicher ideologischer Richtung, sofern es sich nicht gerade um politisch antagonistische Strömungen handelt.</p>
<p>Hinsichtlich ihrer sozialstrukturellen Zusammensetzung waren die jeweiligen Protestteilnehmer in den Nachkriegsjahrzehnten relativ homogen. Es protestierten je nach Thema Arbeiter, Bauern, Vertriebene, Studenten usw. Solche politisch und sozialstruk-</p>
<p>turell eindeutig klassifizierbaren Proteste sind nicht verschwunden, aber sie sind zugunsten von ideologisch und sozialstrukturell eher diffusen oder heterogenen Protesten in den Hintergrund gerückt. Entsprechend ist auch das Engagement in Protesten kaum mehr durch eine Zugehörigkeit zu einem soziokulturellen Milieu oder eine organisatorische Mitgliedschaft gewährleistet, sondern muss erst von Fall zu Fall durch aufwändige Überzeugungs- und Mobilisierungsanstrengungen &#132;hergestellt&#148; werden.</p>
<p>Weniger als in der Vergangenheit ist Protest unmittelbarer Ausdruck einer tiefen ideologischen Überzeugung Vielmehr erscheint er als ein disponibles und flexibel gehandhabttes Instrument, das prinzipiell allen Gruppen einschließlich der etablierten Verbände und Parteien zur Verfügung steht. Lediglich für einen kleinen Teil des politischen Spektrums, etwa die Autonomen und Antifas (antifaschistische Gruppen, die rechtsradikale Tendenzen bekämpfen), ist der Protest selbst ein konstitutives Merkmal kollektiver Identität. Mit der allseitigen Verfügbarkeit von Protest wird dieser auch immer weniger als &#132;Waffe der Schwachen&#148; (Scott 1985) wahrgenommen. Von Ausnahmen abgesehen, hat der Protest seine Dramatik und Außenalltäglichkeit verloren. Meist geht es nicht mehr um das Projekt von Gesellschaft, also die gesellschaftliche Ordnung schlechthin, sondern vielmehr um einzelne Projekte innerhalb der Gesellschaft (vgl. Rucht 1999). Protest gilt zunehmend als ein Mittel der Interessenvertretung unter anderen; sein Einsatz und seine Ausgestaltung scheint immer stärker taktischen Kalkülen und quasi-professionellen Regeln von Bewegungs- und Protestmanagern zu folgen, wobei dank der leichteren Verfügbarkeit technischer Kommunikationsmittel selbst kleine Gruppen eine hohe Sichtbarkeit erlangen können. Proteste werden nicht nur, wie in der Vergangenheit, in einem technischen Sinne organisiert, sondern regelrecht ausgehandelt und &#150; vor allem mit Blick auf ihre Medienresonanz &#150; inszeniert. Greenpeace hat es darin zur Meisterschaft gebracht, erlebt aber zugleich die Grenzen dieser Inszenierungskunst, die sich nicht ständig überbieten kann.</p>
<p>Die Ablösung des Protests von fest umrissenen Sozii-kulturellen Milieus ist lediglich Ausdruck einer umfassenderen Tendenz seiner Dekontextualisierung. In dem Maße wie Proteste als ein bloßes Werkzeug begriffen werden, können sie sich in ihren konkreten Formen und symbolischen Gestalten aus ihren ursprünglichen Entstehungs- und Sinnzusammenhängen lösen und &#132;modular&#148; verwendet werden. Nicht nur Gefängnisinsassen, sondern auch Parteiführer der PDS greifen zum Mittel des Hungerstreiks. Nicht nur Bürgerrechtler, sondern auch Abtreibungsgegner organisieren Sitzblockaden und singen &#132;We shall overcome&#148;, also das Lied der Gegenseite. Nicht nur Linksradikale, sondern &#150; vereinzelt &#150; auch Rechtsradikale tragen das T-Shirt mit dem Portrait von Che Guevara. Nicht nur Außenseitergruppen, sondern auch die nahezu komplette Bayerische Staatsregierung beteiligt sich am Straßenprotest, wenn es darum geht, ein Gerichtsurteil &#150; in diesem Fall das so genannte &#132;Kruzifix-Urteil&#148; des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1995 &#150; zu kritisieren. Schließlich beweist die Mode- und Werbebranche, in welchem Maße Protestsymbole verfügbar geworden sind: &#132;Action! &#150; protest, support and act&#148; verkündet etwa die Bekleidungsfirma Diesel. Und der Autoverleiher Europcar wirbt in einer Presserklärung: &#132;Im Vergleich zu Che Guevaras großen Taten können die Kunden [&#8230;] mit der umfangreichen LKW-Flotte auch besonders große Gegenstände</p>
<p>bewegen.&#8220; (zit. n. Meier 2003) Das Publikum reagiert zumeist schmunzelnd. Nur selten, etwa wenn die Grenzen des &#132;guten Geschmacks&#148; definitiv überschritten werden, wird die Kommerzialisierung vön Protest selbst zur Zielscheibe des Protests.</p>
<p>Der gelassenere Umgang mit Protest in der breiten Öffentlichkeit findet seine Entsprechung bei Polizei und Justiz. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Polizeibehörden den Veranstaltern rigide Auflagen erteilten, indem sie den Einsatz von Ordnern und das Zeigen von Laternen am Beginn und Ende des Demonstrationszuges einforderten oder, wie bei manchen Ostermärschen der frühen 1960er Jahre, lediglich Demonstrationszüge durch relativ unbelebte Viertel erlaubten. Ad acta gelegt sind auch interne Anweisungen nach dem Motto: &#132;Je früher sich die Polizei einschaltet, um so besser hat sie die Masse in der Hand.&#148; (zit. n. Weinhauer 2003) Während sich die Toleranz gegenüber regelverletzendem Protest vergrößert hat, ist die Toleranz gegenüber repressiven Maßnahmen der Polizei kleiner geworden. Der Tod eines jungen Demonstranten aus dem Umfeld der KPD in Essen im Jahr 1952 löste weitaus weniger heftige Reaktionen aus als der von Benno, Ohnesorg im Jahr 1967.</p>
<p>Der Ablauf größerer Proteste wird heute zwischen Polizei und Veranstaltern routiniert ausgehandelt; kleinere Regelverletzungen werden von den Ordnungskräften teil-weise stillschweigend geduldet, um folgenreiche Konfrontationen zu vermeiden; die Polizei begreift sich weniger als Bollwerk zum Schutze des Staates denn als Garant eines möglichst reibungsarmen Ablaufs von &#132;Veranstaltungen&#148; aller Art, zu denen eben auch Proteste zählen. Zuweilen erweist sich die Polizei sogar als engagierter Anwalt der Demonstrationsfreiheit. Ebenso gehen die Gerichte entspannter mit Protest um. Mehr als zuvor beziehen sie seine Motive und Begleitumstände ein, weniger als früher neigen sie zu einer extensiven Definition von Nötigung und Gewalt.</p>
<p>3. Fazit</p>
<p>Auf einen &#151; sicherlich etwas groben &#151; Nenner gebracht, kann man angesichts dieser Befunde und Eindrücke von einer Expansion, Professionalisierung und Trivialisierung des Protests sprechen. Diese Tendenz vollzog sich vor dem Hintergrund eines tief greifenden Wandels der politischen Kultur in der Bundesrepublik. Die Akzeptanz für Konflikt und Dissens ist gewachsen; das bürgerschaftliche Selbstverständnis hat sich verändert. Aus den einstigen Untertanen sind unbequeme, fordernde und intervenierende Bürger geworden, die selbstbewusst ihre Rechte und Interessen wahrnehmen. Soziale Bewegungen und Protestgruppen sind nicht nur Indikator dieses breiteren Trends bürgerschaftlicher Aktivierung; sie sind auch und vor allem deren Motor. Die Studentenbewegung, die sich angesichts von Anfeindungen der &#132;bürgerlichen Presse&#148; ironisch als &#132;kleine radikale Minderheit&#148; titulierte, war so gesehen eine wichtige Zwischenstufe auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der die Summe aktivistischer Minderheiten allmählich zum Signum der Mehrheitsgesellschaft wird. Im Rückblick der letzten fünfzig Jahre lässt sich behaupten, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft auf ihrem steinigen Weg zu einer &#132;Demokratie von unten&#148; (Roth 1994; Koopmans 1995) ein Stück weit vorangekommen ist.</p>
<p>[1] Das Kürzel Prodat steht für &#132;Dokumentation und Analyse von Protestereignissen in der Bundesre-publik Deutschland&#148;. Das Projekt wird, nach zweijährigen Vorarbeiten, seit 1993 am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung durchgeführt. Zu Einzelheiten des Projekts und ausgewählten Befunden vgl. Recht 2001.</p>
<p>2 &#132;Ereignistage&#148; sind im Falle von Montagszeitungen der vorausgehende Samstag und Sonntag, bei den</p>
<p>Ausgaben von Dienstag bis Samstag der jeweils vorausgehende Tag. Montagsausgaben wurden aus</p>
<p>forschungsökonomischen Gründen stärker berücksichtigt, da sie sich auf zwei Ereignistage beziehen.</p>
<p>3 Ein detailliertes Bild des Geschehens von 1949 bis 1959 bietet Kraushaar 1996.</p>
<p>Literatur</p>
<p>Balistier, Thomas 1996: Straßenprotest. Formen oppositioneller Politik in der Bundesrepublik Deutschland, Münster</p>
<p>Burchardt, Susann 2001: Problemlagen, Unzufriedenheit und Mobilisierung. Proteststrukturen in Ost-und Westdeutschland 1990-1994, Marburg</p>
<p>Galtung, Johan/Ruge, Mari Holmboe: The Structure of Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Foreign Newspapers; in: Journal ofPeace Research 2 (1964), S. 64-91</p>
<p>Hocke, Peter 2002: Massenmedien und lokaler Protest. Eine empirische Fallstudie zur Medienselektivität in einer westdeutschen Bewegungshochburg, Opladen</p>
<p>Koopmans, Ruud 1995: Democracy from Below. New Social Movements and the Political tem in West Germany, Boulder</p>
<p>Kraushaar, Wolfgang 1996: Die Protestchronik 1949-1959.4 Bände, Hamburg</p>
<p>Kraushaar, Wolfgang 2000: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg</p>
<p>Meier, Rudi 2003: Revolution sells &#151;Protest im Spiegel der Werbeindustrie von 1967 bis heute; Vortragsmanuskript für die Tagung &#132;Protest im 20. Jahrhundert&#148;, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, 12./13. September</p>
<p>Neidhardt, Friedhelm/Ruckt, Dieter 2001: Protestgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1950-1994: Ereignisse, Themen, Akteure; in: Rucht, Dieter (Hg.): Protest in der Bundesrepublik; Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt/M., S. 27-70</p>
<p>Roth, Roland 1994: Demokratie von unten. Neue soziale Bewegungen auf dem Wege zur politischen Institution, Köln</p>
<p>Rucht, Dieter 1999: Gesellschaft als Projekt &#151; Projekte in der Gesellschaft, in: Klein, Ansgar/Legrand, Hans JoseflLeif, Thomas (Hg.): Neue soziale Bewegungen &#8211; Impulse, Bilanzen und Perspektiven, Opladen, S. 15-27</p>
<p>Rucht, Dieter (Hg.) 2001: Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt/M.</p>
<p>Rucht, Dieter 2003: Bürgerschaftliches Engagement in sozialen Bewegungen und politischen</p>
<p>Kampagnen; in: Enquete-Kommission &#132;Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements&#8220;/Deut </p>
<p>scher Bundestag (Hg.): Bürgerschaftliches Engagement in Parteien und Bewegungen, Schrif </p>
<p>tenreihe: Band 10, Opladen, S. 17-155</p>
<p>Scott, James 1985: Weapons of the Weak: Everyday Forms of Resistance, New Haven</p>
<p>Weinhauer, Klaus 2003: Staatsgewalt, Massen, Männlichkeit: Polizeieinsätze gegen Jugend- und</p>
<p>Studentenproteste in der Bundesrepublik der 1950/60er Jahre; Vortragsmanuskript für die</p>
<p>Tagung &#132;Protest im 20. Jahrhundert&#148;, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung,</p>
<p>12./13. September</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/zum-wandel-politischen-protests-in-der-bundesrepublik/">Zum Wandel politischen Protests in der Bundesrepublik</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Bewegungsforschung: Quo vadis?</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:59:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Überblick zu Entstehung, Ausprägung und Forschungsstand In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 12ff Der folgende Überblick zur Bewegungsforschung geht in drei Schritten vor. Zunächst gilt es fachwissenschaftliche Erfolge zu konstatieren: Die Bewegungsforschung hat Konzepte und Instrumente hervorgebracht, die mittlerweile zum festen Repertoire der politischen Soziologie gehören (1.). In einem zweiten Schritt sind neue Herausforderungen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/bewegungsforschung-quo-vadis/">Bewegungsforschung: Quo vadis?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Überblick zu Entstehung, Ausprägung und</p>
<p>Forschungsstand</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 12ff</p>
<p>Der folgende Überblick zur Bewegungsforschung geht in drei Schritten vor. Zunächst gilt es fachwissenschaftliche Erfolge zu konstatieren: Die Bewegungsforschung hat Konzepte und Instrumente hervorgebracht, die mittlerweile zum festen Repertoire der politischen Soziologie gehören (1.). In einem zweiten Schritt sind neue Herausforderungen zu analysieren: Gesellschaftliche und politische Entwicklungen konfrontieren die Bewegungsforschung mit neuen Fragestellungen und Aufgaben und machen künftig eine stärkere Kooperation mit anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, aber auch mit Kultur- und Geisteswissenschaften erforderlich (2.). Der dritte Schritt besteht in einer unvermeidbaren Problemanzeige: Der geringe Institutionalisierungsgrad der Bewegungsforschung in der deutschen Forschungslandschaft gibt Anlass zur Skepsis, ob die skizzierten Herausforderungen hierzulande bewältigt werden können (3.).</p>
<p>1. Entstehung und Entwicklung der Bewegungsforschung</p>
<p>Die Voraussetzung für soziale Bewegungen liegt begrifflich zunächst in der mit der Aufklärung verbundenen Vorstellung, dass die Menschen die Gesellschaft und ihre sozialen Bedingungen selber gestalten können und sollen. Prägend für das politische Denken im 19. Jahrhundert ist die doppelte Erfahrung zum einen der Französischen Revolution, zum anderen der von England ausgehenden Industrialisierung: An die Stelle einer berufsständisch oder durch ererbte Privilegien vorgegebenen Hierarchie tritt ein durch Besitz, Stellung im Produktionsprozess und Bildungsniveau definiertes, prinzipiell durchlässiges soziales Gefüge. An die Stelle überkommener korporativer Bindungen tritt der Individualismus als maßgebendes Prinzip sozialer Beziehungen. Die charakteristische Organisationsform der bürgerlichen Gesellschaft ist der freie Zusammenschluss in Vereinen, Assoziationen und Gesellschaften. Mit der Dekorporierung sind für die Individuen neue, durchgängige Orientierungen erforderlich. Sie finden sich in gesamtgesellschaftlich auf-tretenden politischen und sozialen Bewegungen mit ihren Ideen und Ideologien (Göhler/Klein 1991: 261).<br />Das politische Leben des 19. Jahrhunderts wird in einem bis dahin unbekannten Maße von politischen und sozialen Bewegungen bestimmt, die aus ihrer Interessenlage heraus gesamtgesellschaftliche Ordnungsvorstellungen durchzusetzen suchen. Die Reflexion der Erfahrung des Wandels von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft macht es überhaupt erst möglich, die Mobilisierung von kollektiven Akteuren mit dem Ziel eines sozialen Wandels (oder seiner Verhinderung) mit dem Begriff der sozialen Bewegung zu verbinden. Vor diesem Hintergrund kommt der Bewegungsbegriff in den Schriften von Henri de Saint-Simon, Charles Fourier oder August Comte auf. Über deren Rezeption bei Lorenz von Stein und schließlich &#150; in besonders einflussreicher Weise &#150; bei Karl Marx findet er dann Eingang auch in die deutschsprachige Diskussion. Jenseits seiner geschichtsphilosophische Deutung sozialer Klassenkämpfe hat Marx für die europäische Bewegungsforschung folgenreich auf die Bedeutung gesellschaftlicher Zentralkonflikte für das Entstehen sozialer Bewegungen, auf soziostrukturelle Hintergründe sozialer Bewegungen und auf Probleme der Formierung kollektiver Akteure hingewiesen.<br />Antidemokratische und totalitäre Konsequenzen sozialer Bewegungen haben die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Die Voraussetzungen der Bewegungsforschung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg waren denn auch durch diese Hypothek bestimmt. Mit dem Begriff der sozialen Bewegungen verband sich vor allem die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Es dominierten hier negative Begriffskonnotationen &#150; etwa die der Verführbarkeit irrationaler Massen (Le Bon 1973 [1895]; Kornhauser 1959) und einer durch sie erfolgenden Gefährdung der Demokratie. In der DDR wurde die Arbeiterbewegung als Bestandteil&#149; der Staatsideologie ebenso instrumentalisiert wie etwa die so genannten antiimperialistischen nationalen Bewegungen im Rahmen der Blockkonfrontation: Die ideologische Funktion des Bewegungsbegriffs entzog ihn dort einer selbständigen wissenschaftlichen Diskussion. So waren es in den Wissenschaften zunächst vor allem Geschichtswissenschaft, Totalitarismustheorie (Hannah Arendt) und die Forschungen zu Nationalismus und Nationalsozialismus, die sich des Bewegungsbegriffs bedienten.<br />Erst mit einer Abgrenzung &#132;alter&#148; von den so genannten &#132;neuen&#148; sozialen Bewegungen, die als &#132;Produktivkräfte der Demokratie&#148; (Rucht 1997) verstanden werden konnten, vermochte sich die Bewegungsforschung von den Hypotheken zu lösen, die den Bewegungsbegriff bis in die 1960er Jahre belasteten. Zu einer weitergehenden Verwendung des Bewegungsbegriffs und einer Entwicklung der damit verbundenen Forschungskonzepte in der politischen Soziologie kam es in den angelsächsischen Ländern seit den 1970er Jahren, in der Bundesrepublik verspätet seit den 1980er Jahren. Politisch angestoßen wurde diese Entwicklung durch die Studentenbewegung der späten 1960er Jahre und die anschließende Entstehung der neuen sozialen Bewegungen seit den 1970er Jahren. US-amerikanische und europäische Forschungen zu sozialen Bewegungen wurden nach getrennten Anfängen seit den 1990er Jahren zunehmend aufeinander bezogen und werden seitdem im internationalen Austausch fortentwickelt (vgl. Rucht 1991). In den letzten Jahren rücken zunehmend Fragestellungen zur grenzüberschreitenden, transnationalen Protestmobilisierung in den Vordergrund (vgl. Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen (NSB) 2002; Smith 2001; Smith/Pagnucco/Lopez 1998; Smith/Chatfield/Pagnucco 1997).<br />An dieser Stelle muss ein kurzer Überblick über die Forschungsansätze der neueren Bewegungsforschung genügen. Dabei wird deutlich, dass die Entwicklung der Bewegungsforschung als ein &#132;kollektiver Lernprozess&#148; verstanden werden kann, in dem erweiterte Fragestellungen auf bestehende Mängel älterer Forschungsansätze reagierten (ausführlicher dazu Hellmann/Koopmans 1998: 12ff.). Der europäische Strang der Bewegungsforschung mit seinen Forschungen zu den &#132;neuen sozialen Bewegungen&#148; war in den 1980er Jahren stark von der Analyse gesellschaftlicher Strukturentwicklungen (structural strains) geprägt. Sozialer Wandel, Modernisierungsschübe und darauf reagierende Verunsicherungen oder Verlusterfahrungen als Ausgangspunkt von Protestmobilisierung stehen hier im Zentrum. Entsprechend spielen der gesellschaftliche Wertewandel (vgl. die Arbeiten von Inglehart und Klages) und das Entstehen neuer Mittelschichten mit postmaterialistischer Orientierung (Kriesi 1987; Brand/Büsser/Rucht 1986) eine zentrale Rolle bei der Analyse sozialer Bewegungen. Schließlich haben insbesondere die Studien von Alberto Melucci (1988; 1996) deutlich gemacht, dass soziale Bewegungen einer kollektiven Identität bedürfen und die Prozesse der Identitätsbildung bis hin zu deren sozialen Milieubezügen rekonstruiert.<br />In der US-amerikanischen Diskussion bestimmte bis in die 1960er Jahre der Collective Behavior-Ansatz (Turner/Killian 1957; Smelser 1962) das Verständnis sozialer Bewegungen &#150; kollektiver Protest war aus dieser Sicht ein zumeist irrationales Verhalten. Konzepte der relativen Deprivation (Gurr 1970; Morrison 1973; Muller 1980) machten seit den 1970er Jahren jedoch bereits auf rationale Protestmotive aufmerksam. Sie speisen sich aus der Unzufriedenheit angesichts der bestehenden Kluft zwischen gesellschaftlichen Werteerwartungen und einer davon abweichenden Realität. 1977 rückte das Konzept der Ressourcen-Mobilisierung (McCarthy/Zald 1977) das rationale Handeln von Bewegungsorganisationen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Protestaktivitäten sind demzufolge politische, strategische und zweckrational begründete Unternehmungen von Bewegungsorganisationen, die für ihre Mobilisierungsanstrengungen auf Ressourcen angewiesen sind (Geld, Zeit, Personal) und diese systematisch beschaffen müssen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Protest und sozialen Bewegungen wurden jedoch in diesem Ansatz ausgeblendet.<br />Fragen nach diesen Kontextbedingungen stehen dagegen im Mittelpunkt des Konzepts der politischen Gelegenheitsstrukturen (Political Opportunitiy Structures), das seit Mitte der 1980er Jahre nicht nur in den USA, sondern auch in Europa entwickelt wird (Eisinger 1973; Brand 1985; Kitschelt 1986; Tarrow 1988 und 1991; Kriesi 1991; Koopmans 1995). Dieser Ansatz macht darauf aufmerksam, dass die Rahmenbedingungen des politischen Systems (etwa die Offenheit oder Verschlossenheit seines Zentrums für Protestanliegen oder die Kooperationsbereitschaft von Teilen der politischen Elite mit Bewegungsakteuren) den Erfolg von sozialen Bewegungen maßgeblich bestimmen. Schließlich ist auf den Framing-Ansatz (Snow/Benford 1988 u. 1992) hinzuweisen. Hier wird deutlich, dass die Rahmung eines Problems durch einen so genannten &#132;master-frame&#148;,<br />der die zur Debatte stehende Frage mit anderen Problemdeutungsmustern verknüpft sowie Lösungs- und Anschlussmöglichkeiten für ein Problem aufzeigt, eine wesentliche Rolle für das Zustandekommen sowie für die Dynamik und die Erfolgschancen sozialer Bewegungen spielt. Framing-Konzepte analysieren den Außenbezug sozialer Bewegungen, während Konzepte kollektiver Identität ihren Innenbezug und ihre Abgrenzungsbemühungen in den Vordergrund rücken. Die skizzierten Paradigmen der Bewegungsforschung leuchten ihren Gegenstandsbereich aus verschiedenen Perspektiven empirisch aus und können sich oftmals auch sinnvoll ergänzen. Seit den 1990er Jahren bewegen sich die Diskussionen der Bewegungsforschung in einem internationalen Rahmen, werden die dargestellten Forschungsansätze geteilt und in gemeinsamen Diskussionen konzeptionell fortentwickelt.</p>
<p>2. Zur Weiterentwicklung der Bewegungsforschung</p>
<p>Die Bewegungsforschung ist mittlerweile zu einem integralen Bestandteil der politischen Soziologie geworden (vgl. Rucht 1994). Sie untersucht politische Prozesse und ihre Akteure, aber auch die sozialen Voraussetzungen sowie die organisatorische Verfasstheit und die gesellschaftlichen Auswirkungen des Handelns politischer Akteure. Perspektivverschiebungen in den Untersuchungsfeldern der politischen Soziologie (also Parteien, Verbände, Vereine, politische Eliten, Wähler und Wahlverhalten, aber eben auch soziale Bewegungen) tragen jedoch dazu bei, dass die Abgrenzungen etwa der Organisationsformen von Parteien, Verbänden und Bewegungen unscharf werden und neue Handlungszusammenhänge (etwa NGOs, public interest groups) an Bedeutung gewinnen. Die Querverbindungen, Übergangsformen und Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Formen politischen Handelns, aber auch ihre durch den Vergleich deutlich werdenden Stärken und Schwächen erlangen daher eine größere Aufmerksamkeit in der Forschung. Die Bewegungsforschung ist zudem &#150; vor allem angesichts der steigenden Bedeutung transnationaler Vernetzungen und Protestmobilisierungen &#150; darauf angewiesen, die Kooperation mit Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften zu vertiefen und ihre Arbeit in einem multidisziplinären Forschungsfeld fortzuentwickeln.<br />Zu den neueren Herausforderungen der Bewegungsforschung, die an dieser Stelle nur angerissen werden können, gehören u.a. die folgenden Entwicklungen, Problem-kreise und emergierenden Forschungsfelder:<br />Die neuen sozialen Bewegungen haben seit den 1980er Jahren einen Institutionalisierungsprozess durchlaufen (vgl. Roth 1994; Rucht/Blattert/Rink 1997; Klein/Legrand/Leif 1999). Die Organisationen des Bewegungssektors entfalten ihre spezifische Stärke jedoch nach wie vor in der öffentlichen Problemartikulation, passen ihr Handlungsrepertoire den Anforderungen der Mediendemokratie an und greifen bei Bedarf auch auf die Ressource der Protestmobilisierung zurück. Der Bewegungssektor verfügt zwar auch über institutionalisierte Organisationen, doch geht er nicht in ihnen auf. Jr bietet so weiterhin attraktive Betätigungsfelder für ein politisches Engagement, das sich nicht organisatorisch vereinnahmen lassen möchte. Die Bewegungsforschung kann vor diesem Hintergrund von den Forschungen zu Verbänden und public interest groups sowie der NG®-Forschung (s.u.) profitieren.<br />Das Handlungsinstrumentarium sozialer Bewegungen wandelt sich. Absehbar ist der Bedeutungsrückgang der Mobilisierung größerer Versammlungsöffentlichkeiten. Statt dessen werden professionelle Kampagnen und Aktionsformen an Gewicht gewinnen, die durch Inszenierung auf die Wahrnehmungsfilter der Medien ausgerichtet sind (vgl. Hasse 2000). Die Bewegungsforschung muss daher verstärkt mit der Kommunikationswissenschaft kooperieren.<br />Die Institutionalisierung der neuen sozialen Bewegungen und der Wandel ihres Handlungsinstrumentarium legt es nahe, die Bewegungsforschung systematisch im Diskussionskontext der Forschungen zu bürgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft zu verankern (Enquete-Kommission 2002; Klein 2001). Protest tritt dann in ein Kontinuum von Handlungsformen, zu dem auch die ehrenamtliche oder berufliche Übernahme von Funktionen in Bewegungsorganisationen, die Spendenakquise und die professionelle Durchführung einer Kampagne gehören können.<br />Die so genannte Dritte-Sektor-Forschung (vgl. Priller/Zimmer 2001) untersucht den Bereich der Nonprofit-Organisationen; der institutionalisierte Bewegungssektor mit seinen Organisations- und Rechtsformen ist Teil dieses Forschungsgebiets. Die Entwicklung einer Anzahl von Verbänden (gut untersucht ist dies etwa für die Umweltverbände: vgl. Roose/Rucht 2002) wird von Bewegungen stark beeinflusst; Verbände können durchaus auch die Funktion von Bewegungsorganisationen über-nehmen und Protestmobilisierungen koordinieren. Verbände und Bewegungsforschung müssen enger zusammenarbeiten.<br />Zwar sind Versuche der neuen sozialen Bewegungen, mit Bündnis 90/Die Grünen ei-ne eigene &#132;Bewegungspartei&#148; auszubilden, aufgrund der Anforderungen des Parteiensystems gescheitert, doch bleiben soziale Bewegungen durchaus ernst zu nehmende Herausforderer der politischen Parteien &#150; ihre besonderen Vorteile bei der öffentlichen Problemartikulation schlagen derzeit insbesondere auf der Ebene grenzüberschreitender Protestmobilisierung zu Buche (Leggewie 2003). Das Verhältnis von sozialen Bewegungen und Parteien dürfte daher keineswegs ein Thema der Vergangenheit sein.<br />Die nach 1989 intensivierten Bemühungen der Transformationsforschung haben deutlich gemacht, dass soziale Bewegungen und Zivilgesellschaften in Übergangsphasen von Gesellschaften zur Demokratie eine bedeutende positive Rolle spielen können (vgl. Forschungsjournal NSB 1997). Nachdem sich die Euphorie in den 1990er Jahren gelegt hat, treten Probleme &#132;defekter&#148; und gefährdeter Demokratien, aber auch die Einflüsse transnationaler Normen und der sie stützenden Akteursnetzwerke auf die Entwicklung von Demokratie und Menschenrechten (Risse/Jetschke/ Schmit 2002) wieder in den Vordergrund. Im Rahmen vergleichender Politikwissenschaft und insbesondere der Transformationsforschung dürfte die Bewegungsforschung auch künftig eine wichtige Rolle spielen.<br />Soziale Bewegungen sind &#150; wie auch Zivilgesellschaften (vgl. Roth 2003) &#150; keineswegs per se normativ &#132;gute&#148; politische Akteure. Rechte oder fundamentalistische,<br />populistische oder religiöse Bewegungen dürften künftig einen zentralen Gegen-stand der Bewegungsforschung darstellen.<br />Bewegungsorganisationen mit grenzüberschreitendem Handlungsradius haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich unter dem Kürzel &#132;NGO&#148; mittlerweile ein eigenes Feld der politischen Soziologie ausgebildet hat (vgl. Anheier/Glasius/Kaldor 2001; Brunnengräber/Klein/Walk 2001), das die verstärkte Kooperation von Bewegungsforschung, Verbändeforschung (vgl. Frantz/Zimmer 2002), aber auch die Rezeption der Theorien internationaler Beziehungen erfordert. Die von der Verbändeforschung adressierten Problemkreise der &#132;schwachen&#148; oder auch der &#132;moralischen&#148; Interessen (vgl. Willems 2002), der public interest groups und des Lobbyismus (vgl. Forschungsjournal NSB 2003) sind längst auch zu Themen im Rahmen der Bewegungsforschung geworden.<br />Die Untersuchung transnationaler Protestmobilisierungen erfordert komplexere Forschungsdesigns als jene von Protestmobilisierungen im nationalstaatlichen Rahmen &#150; vor allem in Hinblick auf den Deutungsrahmen, die Identitätsbildung der Träger-schichten und der politischen Gelegenheitsstrukturen. Die Bewegungsforschung bedarf hier des engen Austauschs und der verstärkten Kooperation mit den Forschungen zu internationalen Beziehungen, aber auch zur Demokratietheorie, in der die einschlägigen Diskussionen in der Reichweite von Konzepten der &#132;kosmopolitischen Demokratie&#148; (vgl. Archibugi/Held 1995) bis hin zu &#132;governance&#148; (vgI. Brand /Brunnengräbe/Schrader/Stock/Wahl 2000) geführt werden. Von der Medienforschung sind konzeptionelle wie empirische Hinweise über Voraussetzungen und Effekte öffentlichkeitswirksamer Kampagnen transnationaler Bewegungsnetze zu er-warten (vgl. Baringhorst 1998).<br />Transnationale Netzwerke sozialer Bewegungen stellen nicht nur besondere organisatorische Herausforderungen für die Akteure dar, sondern sind auch Schauplätze des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Werthorizonte (vgl. Bohmann 1997). Menschenrechtliche Rahmungen von Problemstellungen und die Debatte über universelle versus partikulare Wertvorstellungen erfordern die enge Kooperation der Bewegungsforschung mit Kulturwissenschaften und Philosophie.<br />Soziale Bewegungen und Protest verlieren keineswegs an gesellschaftlicher Bedeutung und sind beileibe nicht zu einem bloß historischen Thema abgesunken (damit soll nicht bestritten werden, dass die historische Bewegungsforschung beeindruckende Resultate erzielt). Vielmehr scheinen sich die ausdifferenzierten Formen politischen Handelns den Aktionsformen sozialer Bewegungen insgesamt stärker anzunähern &#150; mit durchaus ambivalenten Folgen für die Stabilität von Demokratie. Die Bewegungsforschung hat mit ihren Fragestellungen und Paradigmen, mit ihren Untersuchungsergebnissen zu einzelnen Bewegungen, Bewegungsfamilien und -sektoren, die mittlerweile qualitativ wie quantitativ mehr als bemerkenswert sind, wichtige Beiträge für die Sozialwissenschaften geleistet. Transnationale Protestnetzwerke und das Verhältnis von Bewegungen und NGOs stellen die Forschung in den nächsten Jahren ebenso vor große Aufgaben wie die<br />zunehmende Mobilisierung religiöser, fundamentalistischer oder populistischer Bewegungen. Doch die Entwicklung von Demokratie, Menschenrechten und Zivilgesellschaft auf nationaler wie internationaler Ebene erfordert künftig eine stärkere Öffnung der Bewegungsforschung für interdisziplinäre Kooperationen. Hier liegt die Zukunft der Bewegungsforschung. Zu fragen ist allerdings, ob sie diesen Anforderungen überhaupt gewachsen ist?</p>
<p>3. Die deutsche Bewegungsforschung krankt an mangelnder Institutionalisierung</p>
<p>Anders als der Frauenforschung ist es der Bewegungsforschung in Deutschland nicht gelungen, sich über eine größere Zahl von Lehrstühlen an Universitäten und Fachhoch-schulen zu etablieren. Damit unterscheidet sich der Institutionalisierungsgrad der deutschen Bewegungsforschung erheblich von dem in den angelsächsischen Ländern, aber auch in Italien oder Frankreich. In europäischen und internationalen Netzwerken mit eigenen Publikationsorganen, Buchreihen und Kongresszusammenhängen sind zwar auch Ko1legInnen aus der Bundesrepublik vertreten, doch sie können sich nicht auf entsprechende nationale Infrastrukturen in Forschung und Lehre stützen.<br />Einzelne Forscher haben das Gesicht der Bewegungsforschung in Deutschland stark geprägt: Zu ihnen gehören sicherlich Ute Gerhard, Helena Flam, Joachim Raschke, Karl Werner Brand, Herbert Kitschelt, Klaus Eder, Dieter Rucht, Roland Roth und Klaus-Dieter Opp. Institutionell einflussreich ist vor allem die von Friedhelm Neidhardt, Dieter Rucht und anderen am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in den 1990er Jahren etablierte Bewegungsforschung geworden. Diese Richtung hat je-doch in jüngster Zeit an Gewicht verloren und droht künftig am WZB ironischerweise zu einer Marginalie in den aus guten Gründen erweiterten Forschungen zu Zivilgesellschaft und Demokratie zu werden.<br />Seit 1988 gibt es mit dem Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen ein Publikationsorgan der deutschen Bewegungsforschung. Die Zeitschrift ist jedoch seit ihrer Gründung ein rein ehrenamtliches Projekt &#151; auch dies ist durchaus ein Ausdruck der bestehenden Institutionalisierungsschwäche der Bewegungsforschung in Deutschland. Das Forschungsjournal versucht die in diesem Beitrag skizzierten wissenschaftlichen Herausforderungen der Bewegungsforschung publizistisch aufzunehmen. Die Zeitschrift beschränkt sich daher nicht auf Analysen der Bewegungsforschung im engeren Sinne, sondern bezieht Fragestellungen von Zivilgesellschaft, Demokratie, Parteien-, Verbände- und NGO-Forschung, Medienforschung und Dritte-Sektor-Forschung ebenso ein wie Forschungen zur ganzen Breite des bürgerschaftlichen Engagements.<br />Berücksichtigt man die in den obigen Beispielen skizzierten fachlichen Bezüge der Bewegungsforschung zu anderen Bereichen der Sozialwissenschaften, so fällt die Bilanz etwas positiver aus. In Forschungen zu Verbänden und NGOs wird die Bewegungsforschung ebenso rezipiert wie in Frauenforschung, Dritte-Sektor-Forschung und den Untersuchungen zu bürgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft. Der Arbeitskreis &#132;Soziale Bewegungen&#148; der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaften (DVPW) bemüht sich seit einiger Zeit, die Kooperation der Bewegungsforschung mit anderen Bereichen der politischen Soziologie, allen voran der Verbändeforschung, zu intensivieren. Künftig soll auch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie stärker einbezogen werden. In regelmäßigen Fachkongressen, insbesondere zu Fragen der transnationalen Vernetzung und Protestmobilisierung, werden vor allem die Interaktionen von Bewegungen, NGOs, Verbänden und Gewerkschaften einerseits, die institutionellen und demokratietheoretischen Rahmenbedingungen der (verstärkt transnationalen) Protestmobilisierung andererseits ausgeleuchtet. Trotz der deutlich werdenden, verstärkten Integration der Bewegungsforschung in die Forschungspraxis der politischen Soziologie besteht jedoch angesichts einer unzureichenden eigenständigen Institutionalisierung der Bewegungsforschung in Deutschland Anlass zur Befürchtung, dass diese den künftigen Herausforderungen nicht gewachsen sein könnte.</p>
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		<title>Die Anti-Atomwaffen-Proteste in der Bundesrepublik und in Großbritannien</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:58:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Entwicklung der Ostermarschbewegung 1957 -1964 In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 22ff Am frostig-regnerischen Karfreitag morgen 1958 kamen etwa 10.000 Menschen auf dem Trafalgar Square im Herzen Londons zusammen, um an einem Protestmarsch gegen Atomwaffen zur nuklearen Testanstalt Aldermaston bei Keading teilzunehmen. Zu diesem Marsch hatte die erst vor kurzem gegründete Campaign for Nuclear [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Entwicklung der Ostermarschbewegung 1957 -1964</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 22ff</p>
<p>Am frostig-regnerischen Karfreitag morgen 1958 kamen etwa 10.000 Menschen auf dem Trafalgar Square im Herzen Londons zusammen, um an einem</p>
<p>Protestmarsch gegen Atomwaffen zur nuklearen Testanstalt Aldermaston bei Keading teilzunehmen. Zu diesem Marsch hatte die erst vor kurzem</p>
<p>gegründete Campaign for Nuclear Disarmament (CND) aufgerufen. Anliegen dieser Organisation war es, die britische Regierung, vor allem aber die</p>
<p>oppositionelle Labour Party, vom Sinn einer unilateralen nuklearen Abrüstung zu überzeugen. Immerhin tausend Demonstranten nahmen die Strapazen</p>
<p>des achtzig Kilometer langen Fußmarschs übers Osterwochenende auf sich. Die Tradition des Ostermarsches war geboren. Derartige Märsche sollten</p>
<p>die außerparlamentarischen Proteste der frühen 1960er Jahre in Europa und in den Vereinigten Staaten entscheidend prägen. Bereits 1960</p>
<p>organisierte eine Gruppe Hamburger Pazifisten einen bundesdeutschen Ostermarsch nach britischem Vorbild. An diesem ersten bundesdeutschen</p>
<p>Ostermarsch beteiligten sich nur einige hundert Menschen, doch schon im Jahre darauf zogen die deutschen Ostermärsche 7.500 Teilnehmer an. Auch</p>
<p>in anderen Ländern orientierten sich die Proteste gegen die Atomwaffen am britischem Vorbild. Der amerikanische Pazifist und Bürgerrechtler</p>
<p>Bayard Rustin adaptierte diese Protestform 1963 für den von Martin Luther King geführten Marsch auf Washington (vgl. Wittner 1997: 49). Das</p>
<p>Committee for a Sane Nuclear Policy, das ab 1958 recht konstant rund 25.000 Mitglieder zählte, breitete sich allmählich von den urbanen Regionen</p>
<p>an Ost- und Westküste ins Landesinnere aus. In Frankreich dagegen blieb die Anti-Atomwaffenbewegung nur sehr schwach (vgl. Hazareesingh 1994).<br />Die äußere Ähnlichkeit der Proteste in verschiedenen Ländern führt bei Beobachtern und Forschern bis heute zu der Annahme, dass es sich bei der</p>
<p>Anti-Atomwaffen-Bewegung um eine transnationale Protestbewegung gehandelt habe, die aufgrund identischer Bedrohungsszenarien ähnliche</p>
<p>Forderungen, Strategien und Protestformen her-vorgebracht habe. Ein genauerer Blick auf die Protestbewegungen in Deutschland und Großbritannien &#8211;</p>
<p>den beiden europäischen Ländern mit dem größten Widerstand gegen Atomwaffen &#151;fördert jedoch ein differenzierteres Bild zutage. Die spezifischen</p>
<p>politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen die nationalen Proteste jeweils zu verorten waren, führten auch zur Ausbildung sehr</p>
<p>unterschiedlicher Protestkulturen, die keineswegs unmittelbar gleichgesetzt werden können. Trotz aller transnationalen Verflechtungen zwischen</p>
<p>den Atomkriegsgegnern waren nationale Protesttraditionen letztlich von Ausschlag gebender Bedeutung. Die britischen und bundesdeutschen</p>
<p>Ostermärsche waren jedoch nicht nur an die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Länder gebunden und damit Produkte der Zeit &#150; sie wirkten</p>
<p>zugleich auf die politischen Kulturen ihrer Heimatländer zurück und prägten die dortigen Protestkulturen der kommenden Jahrzehnte. Diese Prozesse</p>
<p>sollen im Folgenden näher analysiert werden. Es geht somit nicht nur um die historische Analyse von Protestphänomenen. Der Essay soll auch</p>
<p>anregen, historische und gegenwärtige Proteste auf ihre historische Verankerung in gesellschaftlichen Protesttraditionen zu befragen.<br />Für die unilaterale Abrüstung: Die Proteste gegen Atomwaffen in Großbritannien<br />Den Plan für eine groß angelegte Kampagne gegen Atomwaffen in Großbritannien, welche über die traditionell pazifistischen Kreise und die Proteste</p>
<p>gegen Atomversuche der frühen 1950er Jahre hinausreichen sollte, machte zunächst der Schriftsteller und Essayist J. B. Priestley im November 1957</p>
<p>öffentlich. Dem Artikel vorausgegangen war die Enttäuschung vieler Linker in der Labour Party: Aneurin Bevan, die Leitfigur der Linken, hatte</p>
<p>sich auf dem Labour-Parteitag 1957 gegen die unilaterale nukleare Abrüstung des Vereinigten Königreichs ausgesprochen und war damit auf die Linie</p>
<p>des reformistischen Parteivorsitzenden Hugh Gaitskell eingeschwenkt.. In einem Artikel im New Statesman forderte Priestley nun eine</p>
<p>außerparlamentarische Kampagne, welche die Labour Partei vom sicherheitspolitischen Kurs Gaitskells abbringen und sich für die unilaterale</p>
<p>nukleare Abrüstung einsetzen sollte. Nur so könne eine &#132;universale Apokalypse&#148; abgewendet werden.<br />Priestleys Artikel wurde zu einer Art Gründungsdokument der Campaign for Nuclear Disarmament Sie trat Mitte Februar 1958 mit einer Versammlung in</p>
<p>der Central Hall in Westminster erstmals an die Öffentlichkeit. Mehr als 5.000 Menschen hatten sich eingefunden. Über 250 ähnliche Versammlungen</p>
<p>fanden im Lauf 1958 des Jahres landauf, landab statt. Auch 1959 und 1960 wuchs die Kampagne stetig an. Es gab keine formelle Mitgliedschaft. Doch</p>
<p>anhand des Wachstums der Ortsgruppen und der Protestveranstaltungen lässt sich in etwa der Erfolg der Kampagne ablesen. Im Jahre 1960 hatte CND</p>
<p>über 450 Ortsgruppen. Am Karfreitag dieses Jahres pilgerten etwa 10.000 Menschen nach Aldermaston, um am Marsch auf London teilzunehmen. Am</p>
<p>Ostermontag umfasste der Zug etwa 40.000 Menschen, die sich in einem Zug von etwa neun Kilometern Länge auf die britische Hauptstadt zubewegten.</p>
<p>An der Abschlussveranstaltung nahmen zwischen 60.000 und 100.000 Demonstranten teil. Zeitgenossen sprachen von der größten Protestveranstaltung</p>
<p>in London seit den Protesten der Chartisten 1848 (vgl. Wittner 1997: 46-48, 185).<br />In der Campaign for Nuclear Disarmament kamen vor allem bürgerliche Kreise zusammen, die allerdings aus ganz verschiedenen Zusammenhängen zur CND</p>
<p>stießen.<br />Zwar lehnte eine Mehrheit der Briten &#150; im Jahre 1958 64 Prozent &#150; den Einsatz von Atomwaffen als Mittel der internationalen Politik ab (vgl.</p>
<p>ebd.: 50). Die Kampagne konnte jedoch dennoch nie ganz aus ihrem spezifisch bürgerlichen Einzugskreis heraus-finden. Hinsichtlich seiner</p>
<p>Protestformen griff CND zunächst vor allem auf die Tradition der britischen Progressives des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Es ging weniger um</p>
<p>spektakuläre öffentliche Proteste, sondern eher um stille Einflussarbeit. Mahnwachen an symbolischen Orten wie Kriegerdenkmälern und öffentliche</p>
<p>Vorlesungen waren die bevorzugten Protestformen. Das brachte auch Gewerkschafter, welche den reformistischen Kurs des Labour-Vorsitzenden Hugh</p>
<p>Gaitskell ablehnten, in den Umkreis der Kampagne; sie bestimmten aber zu keinem Zeitpunkt das Erscheinungsbild und die Organisation von CND (vgl.</p>
<p>Taylor 1988: 19-47).<br />In den ersten Jahren rekrutierten sich sowohl der Vorstand als auch die weitere Anhängerschaft der Kampagne vor allem aus dem liberalen</p>
<p>Bürgertum. Prototypisch waren Intellektuelle wie der Schriftsteller J. B. Priestley, der Kanonikus der Londoner St. Pauls-Kathedrale, John</p>
<p>Collins, oder der Oxforder Historiker A. J. P. Taylor. Viele der Aktivisten der ersten Stunde kannten sich schon aus anderen Zusammenhängen, sei</p>
<p>es aus Kampagnen im Bereich der Sozialpolitik in den 1920er und 30er Jahren oder aus der Unterstützungsarbeit für die Republikaner im Spanischen</p>
<p>Bürgerkrieg.<br />Nach anfänglich rapidem Wachstum verlor die Bewegung um 1960 jedoch an Dynamik, was auf eine Radikalisierung der CND zurückgeführt werden kann.</p>
<p>CND forderte nun Großbritanniens Austritt aus der NATO als einzigen Weg zur unilateralen nuklearen Abrüstung. Das ging vielen der ursprünglichen</p>
<p>Aktivisten zu weit. Darüber hinaus schreckten Richtungskämpfe zwischen linken Gruppierungen viele der bürgerlichen Förderer ab. Eine radikalere</p>
<p>Gruppe um den inzwischen über achtzigjährigen Philosophen Bertrand Russell und seinen Assistenten Ralph Schoenman spaltete sich als Committee of</p>
<p>100 von der CND ab und versuchte, durch spektakuläre Aktionen und gezielte Regelverletzungen die Beachtung der Medien auf sich zu ziehen. Zwar</p>
<p>schafften es die vom Committee of 100 organisierten Sitzstreiks vor dem britischen Verteidigungsministerium, der amerikanischen sowie der</p>
<p>sowjetischen Botschaft und vor einigen Militärstützpunkten auf die Titelseiten der Zeitungen. Sie diskreditierten jedoch in den Augen der</p>
<p>britischen Bevölkerung die Ziele der gesamten Kampagne. Mit dem Committee of 100 stand nun auch der CND im Verruf, ein notorischer Unruhestifter</p>
<p>zu sein. 1963 kam es auf dem Ostermarsch zum Eklat, als einige Mitglieder des Komitees der 100 Lagepläne geheimer Regierungsbunker verteilten und</p>
<p>einzelne Aktivisten diese im Rahmen einer &#132;Spies for Peace&#8220;-Kampagne auch besetzten. Selbst die akute Gefahr eines Atomkrieges während der</p>
<p>Kubakrise 1962 konnte den Niedergang der Kampagne nicht aufhalten. Mit dem Beginn der Tauwetterperiode im Gefolge der Krise und mit der Wahl des</p>
<p>als links geltenden Harold Wilson zum Parteivorsitzenden der Labour Party waren auch die äußeren Bedingungen für eine außerparlamentarische</p>
<p>Kampagne weggefallen. Der Vietnamkrieg wurde nun zum Kristallisationspunkt einer neuen, sehr viel jüngeren und sehr viel radikaleren</p>
<p>Protestbewegung, für welche die tradierten Protestformen der CND in keiner Form wegweisend waren. Weit mehr verwiesen die Aktionen des Committee of 100 auf die bald einsetzenden Studentenproteste der 1960er Jahre und auf die Kampagnen &#132;von unten&#148; in den sozialen</p>
<p>Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre.<br />Von der alten zur Neuen Linken: Die Proteste gegen Atomwaffen in der Bundesrepublik<br />Die Proteste gegen den Atomtod hatten in der Bundesrepublik von Anfang an einen ganz anderen Charakter. Sie begannen zunächst nicht als Proteste</p>
<p>gegen die sozialdemokratische Partei. Sie wurden vielmehr von der SPD organisiert, die dadurch ihre Traditionslinie als Partei und soziale</p>
<p>Bewegung ein letztes Mal aufnahm. Durch eine außerparlamentarische Bewegung sollte jene, vor allem im bürgerlichen Lager verortete Mehrheit der</p>
<p>Bevölkerung gewonnen werden, welche der Partei aufgrund der absoluten Mehrheit der CDU im Parlament versagt blieb (Lehnert 1983: 186). Über den</p>
<p>Druck der öffentlichen Meinung wollte die SPD einen Einstellungswandel der Adenauer-Regierung herbeiführen. Erst in einer zweiten Phase der</p>
<p>Proteste ab 1960 dominierte nicht mehr der straff organisierte Parteiprotest, sondern der ungesteuerte Zusammenschluss &#132;von unten&#148; um den</p>
<p>Ostermarsch der Atomwaffengegner.<br />Die Anfang 1958 geplante Kampagne ,Kampf dem Atomtod&#8216; war die systematische Fortführung des sozialdemokratischen Widerstands gegen die</p>
<p>Wiederbewaffnung und einseitige Westbindung der Bundesrepublik (vgl. Dülffer 2003). Unter starker, auch finanzieller Beteiligung der</p>
<p>Gewerkschaften begann die Partei mit ihrer Kampagne. Ziel war es, die Ausstattung der gerade gegründeten Bundeswehr mit atomwaffentauglichen</p>
<p>Trägersystemen zu verhindern. Am 23. März 1958 trat ,Kampf dem Atomtod&#8216; mit einer feierlichen Kundgebung in der Frankfurter Kongresshalle an die</p>
<p>Öffentlichkeit. Obwohl die Organisatoren eher eine &#132;Mahnstunde&#148; als eine Massenveranstaltung geplant hatten, mussten viele der mehr als</p>
<p>zweitausend Besucher in Nebensäle umgeleitet werden. In der Folge wurden Landes- und Ortsgruppen gegründet, meist unter direkter Beteiligung</p>
<p>lokaler und regionaler Partei- und Gewerkschaftsgliederungen. Die Großdemonstrationen, Großkundgebungen und vereinzelten Warnstreiks standen in</p>
<p>der Tradition der Arbeiterbewegung. In den größeren deutschen Städten fanden Fackelmärsche statt. Noch dominierten nicht die Normen der</p>
<p>Gesellschaft in Frage stellende Jugendliche die Proteste, sondern vornehme ältere Herren mit Anzug und Krawatte.<br />Die Kampagne stieß in der Bevölkerung auf einige Resonanz. Eine überwältigende Mehrheit von über siebzig Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung</p>
<p>lehnte die Atombewaffnung der Bundeswehr ab. Sieht man von den Hunderttausenden ab, die sich ohnehin auf den gewerkschaftlichen Maikundgebungen</p>
<p>einfanden, nahmen zwischen An-fang April und Ende Juni 1958 etwa 325.000 Menschen an den Protesten teil (vgl. Rupp 1984: 191). Diese allgemeine</p>
<p>Unterstützung für die Kampagne schlug sich alIerdings nicht in Wahlerfolgen für die SPD nieder. Für die Wahlentscheidung schienen Themen aus dem</p>
<p>Bereich der Wirtschaft und Sozialpolitik bedeutsamer. Nach der Niederlage bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im Sommer 1958 und im</p>
<p>Zuge der pro-<br />grammatischen Neuorientierung der SPD zog sich die Partei langsam aus der Kampagne zurück (vgl. Rupp 1984).<br />Neben der SPD-Kampagne und oft in enger Kooperation mit ihr engagierten sich weitere gesellschaftliche Gruppen gegen die Atombombe. Sie machten</p>
<p>jedoch nicht den eigentlichen Charakter der Kampagne in dieser Frühphase aus. Das vom Schriftsteller und Essayisten Hans Werner Richter</p>
<p>gegründete Münchner Komitee gegen Atomrüstung war das auf Bundesebene wohl prominenteste Beispiel. Die Aktivitäten der Deutschen</p>
<p>Friedensgesellschaft, der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK), der verschiedenen sozialdemokratischen Vorfeldorganisationen wie der</p>
<p>Falken und der Naturfreunde sowie der Vereinigung der Kriegsdienstgegner (VK) sollten jedoch ebenso wenig vergessen werden wie die lokalen</p>
<p>Aktivitäten von Schüler- und Studentengruppen (vgl. Boll 2002; Schmidt 2002). Sie führten kleinere Demonstrationen und Mahnwachen an</p>
<p>Kriegerdenkmalen durch. Auch Studenten aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) protestierten gegen die Atombewaffnung der</p>
<p>Bundeswehr, oft zum Missfallen der SPD, welche von ihrer Organisation unabhängiges Engagement nur ungern dulden wollte und es sehr schnell und</p>
<p>oft zu unrecht als &#132;kommunistisch&#148; einstufte. Doch politisch bestimmend blieb die von der SPD geprägte Linie, die auch einen Kurs der rigiden</p>
<p>Abgrenzung gegenüber kommunistischen &#132;Tarnorganisationen&#148; auf Bundesebene zur Folge hatte.<br />Die Ostermärsche<br />Die SPD-Kampagne schuf erst die strukturellen Voraussetzungen dafür, dass eine von der Partei unabhängige, ja gegen deren Politik gerichtete</p>
<p>Protestbewegung entstehen konnte. Die zweite Phase der bundesdeutschen Proteste entstand nämlich gerade aus den Gruppen, welche mit der</p>
<p>programmatischen Wende der SPD und mit dem daraus resultierenden Rückzug der SPD aus dem außerparlamentarischen Raum unzufrieden waren. Eine</p>
<p>Hamburger Gruppe aus dem lokalen Verband der Kriegsdienstverweigerer um den Lehrer Hans-Konrad Tempel rief aus Enttäuschung mit der SPD-Kampagne</p>
<p>1960 die Ostermärsche der Atomwaffengegner nach englischem Vorbild ins Leben (vgl. Bethge 1981). Am ersten Marsch durch die Lüneburger Heide zum</p>
<p>britischen Stützpunkt Bergen-Hohne in der Nähe des Konzentrationslagers Bergen-Belsen beteiligten sich nur einige Hundert Demonstranten. 1961 gab</p>
<p>es bereits Ostermärsche im Norden, Süden und Südwesten Deutschlands sowie im Ruhrgebiet. In den folgenden Jahren wuchs die Teilnehmerzahl</p>
<p>sprunghaft an. Hatten sich an den ersten Märschen nur einige Tausend beteiligt, nahmen 1962 und 1963 je 50.000 Menschen in der ganzen Bundesre-</p>
<p>publik an den Protesten teil; 1964 waren es 100.000 (vgl. Wittner 1997: 220).<br />Jene Pazifisten um Hans-Konrad Tempel, welche den Ostermarsch in der Bundesrepublik einführten, reflektierten ihren Import nicht weiter. Wichtig</p>
<p>war für sie die Übernahme eines erfolgreichen Modells für friedenspolitische Demonstrationen: Im Zeichen der atomaren Gefahr ging es ihnen vor</p>
<p>allem darum, adäquate Handlungsformen zu finden, nicht so sehr um die selbstreflexive Verortung. Nur an der Oberfläche ähnelte die bundesdeutsche</p>
<p>Ostermarschbewegung den britischen Protesten. Anders als CND war<br />die deutsche Bewegung dezentral verfasst. Entsprechend gab es auch keinen zentralen Marsch. Ebenso wenig verfügte die bundesdeutsche</p>
<p>Ostermarschbewegung über die straffe Organisation ihres britischen Pendants. Es gab keinen Vorstand, sondern lediglich einen</p>
<p>Koordinationsausschuss, welcher die Aktivitäten der örtlichen Gruppen an-leiten sollte und die Pressearbeit koordinierte.<br />Das langsame Entstehen einer ganz eigenen Bewegung jenseits der Großorganisationen der Arbeiterbewegung und jenseits der festgezogenen</p>
<p>Frontlinien des Kalten Krieges war von einem stetigen Wandel des Charakters der Protestformen begleitet. Dieser Wandel hatte ebenfalls eher</p>
<p>national gesellschaftliche als transnationale Wurzeln. Der erste Sternmarsch nach Bergen-Hohne fand noch als schweigende Prozession statt. Für die</p>
<p>folgenden Ostermärsche ließ sich dies, sehr zum Missfallen einiger Unterstützer, nicht mehr durchhalten. Gerade durch die Traditionen der</p>
<p>Arbeiter- und Jugendbewegung wurden die Ostermärsche besonders im Ruhrgebiet zu einer wesentlich ausgelasseneren Veranstaltung. Vermehrt konnte</p>
<p>man nun die Traditionen der Jugendbewegung. und der sozialdemokratischen Vorfeldorganisationen auf den Märschen erkennen. Jazz-, Skiffle- und</p>
<p>Folkgruppen, ab 1965 vor allem mit den Songs der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, und politisches Kabarett wurden zu einem festen Teil der</p>
<p>Märsche. Sie waren für Traditionen der Lebensreform- und Jugendbewegung anschlussfähig (vgl. Linse 1986) und erschienen Beobachtern so als</p>
<p>&#132;linker, klampfender Wandervogel&#148; (zit. n. Siegfried 2000: 610). Wie in Großbritannien auch sahen die bundesdeutschen Demonstranten den Marsch</p>
<p>nicht allein als &#132;Demonstration gegen den Krieg&#148;, sondern &#150; so ein Augen-zeuge &#150; auch &#132;als eine Demonstration für das Leben. Daher die vielen</p>
<p>jungen Menschen, die das Leben noch vor sich haben. Sie haben ihre Instrumente mitgebracht, ihre Lieder und ihre Skepsis gegen die verstaubten</p>
<p>Ideale von gestern.&#148; (zit. n. Otto 1977: 93). Nicht allen Teilnehmern war diese Interpretation der Märsche ganz geheuer. Einige fürchteten, dass</p>
<p>&#132;durch eine Jazzkapelle der Ostermarsch schlechthin als Ulk angesehen wird.&#148; (zit. n. ebd.: 92).<br />Auch die generationelle Zusammensetzung der bundesdeutschen Ostermärsche unterschied sich von jener der britischen Bewegung. Die bundesdeutschen</p>
<p>Proteste wurden viel mehr und viel rascher als ihr britisches Pendant zu Demonstrationen einer jüngeren Generation. Jene Gruppe der in</p>
<p>Großbritannien so starken Kohorte der etwa um 1900 Geborenen fehlte auf den Ostermärschen fast ganz. Dagegen nahm die Generation der &#132;45er&#148;</p>
<p>(Moses 2000), welche in den 1920er Jahren geboren waren und das national-sozialistische Regime noch bewusst miterlebt hatten, eine zentrale Rolle</p>
<p>ein.<br />Pazifismus und Neue Linke<br />Von ihren pazifistischen Ursprüngen ausgehend, wandelten sich die bundesdeutschen Ostermärsche so zum Schmelztiegel einer Richtung der</p>
<p>bundesdeutschen &#132;Neuen Linken&#148;, welche sich die Protestformen der alten Linken und des Pazifismus kreativ aneignete. Die Forschung hat gerade der</p>
<p>Bedeutung des Pazifismus für die Entstehung einer bundesdeutschen Neuen Linken bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die Oster-<br />-marschbewegung bot ein Forum, um eine offene und öffentliche Diskussion über Fragen der Abrüstung mit Gruppen jeder Couleur unabhängig von</p>
<p>überkommenen Organisationsformen in Gang zu bringen (vgl. Negt 1976). Vor allem wurde hier der von der Neuen Linken so ersehnte Kontakt zwischen</p>
<p>studentischen Gruppen und Arbeitern Wirklichkeit. Die informierte Diskussion war ein zentraler Bestandteil des neulinken Demokratieverständnisses</p>
<p>jener Zeit und sollte zur Demokratisierung der bundesdeutschen Gesellschaft von unten beitragen (vgl. Lönnendonker 1998). Anders als in</p>
<p>Großbritannien wurde hier Demokratisierung jedoch nicht als Revitalisierung nationaler Werte gedacht, sondern vor allem als Überwindung eines</p>
<p>nationalen &#132;Sonderweges&#148;, welcher im nationalsozialistischen Regime seinen schrecklichen Höhepunkt gefunden hatte und sich in Adenauers Politik</p>
<p>der Atombewaffnung weiterhin zu manifestieren schien. Dazu sollte vor allem die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der</p>
<p>sozialistischen Splittergruppen der Weimarer Republik dienen, die insbesondere Wolfgang Abendroth immer wieder anregte. Indem sich die</p>
<p>Ostermarschierer die bislang vor allem mit militärischen Konnotationen belegte Aktionsform &#132;Marsch&#148; für Friedensdemonstrationen aneigneten,</p>
<p>versuchten sie, die politische Kultur der Bundesrepublik zu zivilisieren und endlich den Einfluss von Militär, Krieg und Gewalt in der deutschen</p>
<p>Gesellschaft zurückzudrängen (vgl. Nehring 2003).<br />In dem Diskussions- und Handlungsraum, welchen die Ostermärsche zur Verfügung stellten, sollten jene durch den Kalten Krieg und die</p>
<p>gesellschaftliche Ordnung der Bundesrepublik geprägten innen- und außenpolitischen Ordnungsmuster durchbrochen werden. Ausdruck dieser Haltung</p>
<p>war die Bereitschaft zum Gespräch mit kommunistischen Gruppen und auch mit Repräsentanten des SED-Regime, welche besonders für die Zeit ab</p>
<p>1963/64 bedeutend wurde. Es geht deshalb am Kern des Phänomens vorbei, wenn man diese Annäherungen allein unter dem Rubrum der &#132;kommunistischen</p>
<p>Unterwanderung&#148; interpretiert, zumal die SED-Zentrale die Debatten im Westen mit großem Unverständnis verfolgte.<br />Trotz der Prägekraft nationalgesellschaftlicher Faktoren spielten transnationale Bindungen eine wichtige Rolle für die Entwicklung der</p>
<p>bundesdeutschen Proteste, und zwar schon bevor studentische Gruppen Aktionsformen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen adaptierten (vgl.</p>
<p>dazu Kraushaar 1999). Der transnationale Raum bot gerade westdeutschen Pazifisten, später auch der Neuen Linken, die Möglichkeit, die in der</p>
<p>Bundesrepublik besonders eng gezogenen Grenzen des Sag- und Machbaren zu überschreiten. Besonders die War Resisters&#8216; International (WRI), die</p>
<p>schon zu Beginn der 1920er Jahre gegründet worden war, bot hier ein wichtiges Forum und stellte wichtige Verbindungen zu den</p>
<p>Bürgerrechtsbewegungen der Vereinigten Staaten her. Die bundesdeutschen Aktivisten kamen so in Kontakt mit jenen Theorien gewaltfreier direkter</p>
<p>Aktion und des gewaltfreien Widerstands, wie sie schon vom britischen Komitee der Hundert praktiziert wurden und wie sie für die sozialen</p>
<p>Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre so wichtig werden sollten. Dieser deutsch-britische Kontakt scheint die Protestformen der bundesdeutschen</p>
<p>Ostermärsche grundlegender geprägt zu haben als der Import aus den Vereinigten Staaten (vgl. Nehring 2004).<br />Trotz dieser transnationalen Prägungen überwogen letztlich zu Beginn der 1960er Jahre nationale Charakteristika. Das zeigt sich besonders bei</p>
<p>einem Blick auf den gesellschaftlichen und politischen Ort der bundesdeutschen Ostermärsche. Obwohl auch die CND zunehmend von der Neuen Linken</p>
<p>dominiert wurde, war ihre gesellschaftliche Reichweite doch wesentlich größer. Zwei Faktoren erschwerten eine breitere Resonanz der Proteste in</p>
<p>der Bundesrepublik: die Zerklüftung der bundesdeutschen Gesellschaft in konfessionelle Milieus und die Unmittelbarkeit des Kalten Krieges. Die</p>
<p>meisten Katholiken konnten sich mit den Protesten gegen Atomwaffen nicht anfreunden, hatte sich doch die katholische Kirche nicht eindeutig gegen</p>
<p>Atomwaffen ausgesprochen. Außer-dem ließen es auch in der Bewegung beteiligte Protestanten nicht an Spitzen gegen die vermeintlich spezifisch</p>
<p>katholische Politik Adenauers fehlen. Daneben verhinderte die spezifische Ausprägung des Kalten Krieges in der Bundesrepublik eine größere</p>
<p>Breitenwirkung der Bewegung. Obwohl auch die britische Regierung versuchte, die CND als trojanisches Pferd des Ostens darzustellen, blieb das für</p>
<p>die Beteiligten praktisch ohne Konsequenzen. In der Bundesrepublik dagegen, so hat es der Zeitzeuge Jürgen Seifert rückblickend einmal</p>
<p>formuliert, lief &#132;links von der SPD die Trennlinie. [&#8230;] In dem Augenblick, wo man da reinkommt, da läuft die Grenzlinie des</p>
<p>Verfassungsschutzes, [&#8230;] da kommt man in einen Bereich, wo man totgeschwiegen wird, und das hat auch Konsequenzen für die Berufsziele&#148; (zit. n.</p>
<p>Elker 1987: 45). Gerade wegen ihrer Stellung links von der SPD und damit außerhalb des Bereichs &#132;respektabler Politik&#148; gewann die bundesdeutsche</p>
<p>Kampagne die im Vergleich zur CND eigentümliche Radikalität (vgl. Otto 1977).<br />Perspektiven<br />Obwohl die bundesdeutschen und britischen Proteste gegen Atomwaffen im Übergang von den 1950er zu den 1960er Jahren Teil einer internationalen</p>
<p>Bewegung waren, darf man gerade die vielfältigen nationalen Traditionslinien zu den pazifistischen und sozialistischen Bewegungen der 1920er</p>
<p>Jahre nicht aus dem Auge verlieren. Solche in Deutschland durch das nationalsozialistische Regime verschütteten Stränge und das besondere</p>
<p>politische und gesellschaftliche Klima jener Zeit verliehen den bundesdeutschen Protesten im Zusammenhang des &#132;Kalten Bürgerkrieges&#148; (Major 1997:</p>
<p>294) ihr unverwechselbares Gepräge. Während sich die Protestformen der bundesdeutschen Bewegung zunächst stark an jene der Arbeiterbewegung</p>
<p>anlehnten, griffen die britischen Proteste primär auf Protestformen aus dem bürgerlichen Milieu zurück. In beiden Ländern wurden die Bewegungen</p>
<p>später von der Neuen Linken bzw. New Left übernommen oder abgelöst, die aber ihrerseits deutlich national ausgeprägt war. So bezog die britische</p>
<p>New Left in jener Zeit viele Anregungen aus der Auseinandersetzung mit dem ethischen Sozialismus von William Blake und William Morris. Die</p>
<p>bundesdeutsche Neue Linke rekurrierte dagegen einerseits stark auf die Bestände linkssozialistischer Ideologie aus den 1920er Jahren, welche vor</p>
<p>allem durch Wolfgang Abendroth in die bundesdeutschen Debatten eingespeist wurden. Andererseits aber setzte sie sich mit dem analytischen</p>
<p>Werkzeug internationaler neulinker Diskussionen mit der jüngsten deutschen Vergangenheit auseinander.<br />Wesentlich stärker als in Großbritannien, verwiesen die Demonstrationsformen der ersten bundesdeutschen Ostermärsche jedoch schon einerseits auf</p>
<p>die Proteste gegen den Vietnamkrieg und gegen die Notstandsgesetze sowie auf die Studentenproteste um 1967/8 und andererseits auf die</p>
<p>basisdemokratisch verfassten &#132;neuen&#148; sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre.<br />Die Analyse von Protestkulturen sollte solche national-spezifischen Ausprägungen sowie ihre gesellschaftlichen und politischen</p>
<p>Entstehungsbedingungen nicht aus dem Blick verlieren.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/die-anti-atomwaffen-proteste-in-der-bundesrepublik-und-in-grossbritannien/">Die Anti-Atomwaffen-Proteste in der Bundesrepublik und in Großbritannien</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Soziale Bewegung oder Generationskonflikt?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/soziale-bewegung-oder-generationskonflikt/</link>
		
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		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:58:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Schlichtungsvorschlag im Deutungskampf um ,1968` In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 32ff Kaum ein Ereignis der jüngeren Zeitgeschichte ist mit einer solchen Überfülle an Interpretationsansätzen bedacht worden wie ,1968`. Liegt dies am großen Aufsehen, das die 68er-Protestaktionen erregten, oder an der Theorieverliebtheit jener Zeit und ihrer Akteure? Wie auch immer &#150; aus dem Getümmel [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/soziale-bewegung-oder-generationskonflikt/">Soziale Bewegung oder Generationskonflikt?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Schlichtungsvorschlag im Deutungskampf um ,1968`</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 32ff</p>
<p>Kaum ein Ereignis der jüngeren Zeitgeschichte ist mit einer solchen Überfülle an Interpretationsansätzen bedacht worden wie ,1968`. Liegt dies am großen</p>
<p>Aufsehen, das die 68er-Protestaktionen erregten, oder an der Theorieverliebtheit jener Zeit und ihrer Akteure? Wie auch immer &#150; aus dem Getümmel der 35 Jahre</p>
<p>währenden Deutungskämpfe ragen gleichwohl zwei Positionen heraus: jene der Sozialbewegungsforschung und die an Karl Mannheim orientierte Generationstheorie.</p>
<p>Im vorliegenden Beitrag sollen diese beiden Ansätze zunächst skizziert werden. Es folgen Überlegungen zur Position der &#132;68er&#148; im Generationsgefüge ihrer</p>
<p>Zeit, bevor abschließend ein Synthesevorschlag er-läutert wird, demzufolge die 68er-Bewegung als generationelle Sozialbewegung begriffen werden kann.&#8216;</p>
<p>Der 68er-Protest als soziale Bewegung</p>
<p>Die Versuche, ,1968` mit der Methodik der Sozialbewegungsforschung zu erfassen, sind in der Geschichtswissenschaft erst in jüngerer Zeit auf Widerhall</p>
<p>gestoßen.2 Eigentlich ist dieser Ansatz jedoch so alt wie der Untersuchungsgegenstand, denn schon in der Selbstbezeichnung der Protestierer als ,Bewegung`</p>
<p>war ein solches konzeptionelles Verständnis angelegt. Insofern überrascht es nicht, dass bereits 1968 ein französischer Soziologe hinsichtlich der Mai-</p>
<p>Unruhen in seinem Land von der &#132;Geburt einer neuen sozialen Bewegung&#148; (Touraine 1968: 12) sprach und in diesem Sinne einen umfassen-den Deutungsvorschlag</p>
<p>entwarf.<br />Was ist nun genauer unter einer Sozialbewegung zu verstehen? Nach Joachim Raschke handelt es sich um einen &#132;mobilisierenden kollektiven Akteur, der mit einer</p>
<p>gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das</p>
<p>Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen.&#148; (Raschke 1988: 77) Der Knackpunkt liegt dabei in der</p>
<p>Verknüpfung des Protests mit ,sozialem Wandel&#8216;, der &#132;Ursache und Funktion sozialer Bewegung&#148; (ebd.: 18). Mit Blick auf die 68er-Bewegung ist gegen eine</p>
<p>solche Zielzuschreibung angeführt<br />worden, dass von damaligen führenden Akteuren keineswegs nur gesellschaftliche Re-formen, sondern eine Revolution erstrebt wurde (Kraushaar 2000: 266f.).</p>
<p>Ferner könnte<br />man zu bedenken geben, dass typische Single-Purpose-Movements häufig ganz bewusst<br />keine grundlegenden Ziele formulieren, die über ihr konkretes Anliegen hinausgehen. Raschke nimmt jedoch mit einem weit gefassten Verständnis von ,sozialem</p>
<p>Wandel&#8216; der Kritik größtenteils den Wind aus den Segeln. Ihm zufolge können Aspekte wie Wertewandel oder der &#132;Wandel der Lebenspraxis&#148; ebenso zum</p>
<p>Sozialwandel gezählt werden wie staatlich angeregte Reformen, fernerhin Separation oder Revolution (Raschke 1988: 389).<br />Als Erweiterung des skizzierten Bewegungsbegriffs erscheint es im Rahmen einer historischen Anwendung sinnvoll, den Terminus ,soziale Bewegung&#8216; stärker in</p>
<p>das Begriffsfeld des ,kollektiven Handelns&#8216; einzubetten (Heinz/Schöber 1973: 9). Statt ein statisches Bewegungsmodell zu konstruieren, lässt sich so die</p>
<p>Bandbreite des Protesthandelns wie auf einer Skala anordnen und damit ein dynamisches Konzept entwickeln, das gerade mit Blick auf die vielfältigen Vorgänge</p>
<p>in den 1960er Jahren hilfreich ist: An-gefangen bei unkoordinierten kollektiven Handlungen (etwa spontanen Demonstrationen) über kollektive Episoden &#150; wozu</p>
<p>auch noch die &#132;Schwabinger Krawalle&#148; von 1962 zu rechnen wären (Hemler 2003) &#150; finden sich Ansätze zu sozialen Bewegungen in sich verstetigenden</p>
<p>Protestformen (oft noch ohne weiterreichende Zielsetzungen, wie etwa bei den studentischen Aktionen für Bildungsreformen seit Mitte der 60er Jahre),</p>
<p>schließlich die voll ausgebildeten Sozialbewegungen als Reformunternehmungen sowie die Separations- oder Revolutionsbewegung.<br />Das Sozialbewegungskonzept vermag auf diese Weise als relativ breit angelegtes Modell der Vielfalt der historischen Wirklichkeit durchaus gerecht zu werden.</p>
<p>Allerdings bedarf es einer flexiblen Anwendung, um unnötige Verengungen zu vermeiden, wie sie dem Bielefelder Kreis um Ingrid Gilcher-Holtey bei der</p>
<p>Übertragung des Ansatzes auf die 68er-Bewegung z.T. unterlaufen sind. Wie Detlef Siegfried (2003: 20) bemerkt hat, ist hier ist zum einen eine Überschätzung</p>
<p>der Prägekraft der &#132;kognitiven Konstitution&#148; (Gilcher-Holtey 1995: 44) festzustellen; zum anderen besteht die Gefahr einer zu starken Fixierung auf wenige,</p>
<p>als zentral angesehene Trägerorganisationen der Bewegung (vgl. z.B. Richter 1998). Für die Bundesrepublik droht die Thematik auf eine Art &#132;Ideengeschichte</p>
<p>des SDS unter besonderer Berücksichtigung der ,Antiautoritären&#148; zusammenzuschrumpfen. Erkenntnisse, wie meinungsführende Gruppen vor der Aktionsphase der</p>
<p>68er-Bewegung intern funktionierten, sind zwar durchaus von Interesse, aber die entscheidende Frage, warum sie nun, anders als zu früheren und späteren</p>
<p>Zeiten, auf eine derartige Resonanz stoßen konnten, wird so schwerlich zu beantworten sein. Die 68er-Bewegung war eben keineswegs nur der SDS, und ,1968`</p>
<p>erschöpfte sich nicht allein in der 68er-Bewegung.<br />Trotz dieser Kritik bleibt es sinnvoll, bei der Untersuchung der 68er-Bewegung auf das Instrumentarium der Sozialbewegungsforschung zurückzugreifen. In der</p>
<p>historischen Darstellung können auf diese Weise ausgearbeitete Kategorien verwendet wer-den, und es lassen sich zahlreiche Aspekte der Bewegung, insbesondere</p>
<p>das &#132;Funktionieren&#148; der Mobilisierung von Sympathisanten, besser verstehen. Allerdings scheint<br />dieser Ansatz nicht auszureichen, um ,1968` umfassend, einschließlich seiner vielfältigen, über die 68er-Bewegung hinaus verweisenden Wirkungsweisen, zu</p>
<p>erklären. Weiterhelfen kann hier eine Verknüpfung mit der Generationstheorie.</p>
<p>Karl Mannheims Generationsmodell</p>
<p>Hinsichtlich des &#132;Problems der Generationen&#148; empfiehlt sich immer noch der Rückgriff auf die gleichnamige Konzeptskizze, die Karl Mannheim 1928 als Aufsatz</p>
<p>publizierte (Mannheim 1964 [1928]). Von zentraler Bedeutung ist dort die Begriffsunterscheidung zwischen Generationslagerung, -zusammenhang und -einheit, aus</p>
<p>der sich ein &#132;Stufenmodell unterschiedlicher Intensitäten von Verbundenheit innerhalb einer Generation&#148; erschließt (Lucke 1998: 7).<br />Die generationelle Lagerung ist in Analogie zur Klassenlage gedacht, als &#132;bloße Präsenz in einer bestimmten historisch-sozialen Einheit&#148; (Mannheim 1964:</p>
<p>542). Damit ist mehr gemeint als die kohortenbezogene Zugehörigkeit zu einer biologischen Generation, denn es besteht bereits eine gemeinsame</p>
<p>gesellschaftlich-politische Ausgangssituation. Zur Herausbildung der zweiten und dritten Stufe seines Modells schreibt Mann-heim (ebd.: 544): &#132;Dieselbe</p>
<p>Jugend, die an derselben historisch-aktuellen Problematik orientiert ist, lebt in einem ,Generationszusammenhang`, diejenigen Gruppen, die innerhalb</p>
<p>desselben Generationszusammenhanges in jeweils verschiedener Weise diese Erlebnisse verarbeiten, bilden jeweils verschiedene ,Generationseinheiten` im Rahmen</p>
<p>desselben Generationszusammenhanges.&#148;<br />Bei der Frage nach dem Entstehungshintergrund einer Generation wird dem Tempo des sozialen Wandels ein erhebliches Gewicht zugemessen. Ein zweiter wichtiger</p>
<p>Entstehungsfaktor ist die &#132;Ergebnisschichtung&#148;: Für die Bewusstseinsformierung spielt eine entscheidende Rolle, &#132;welche Erlebnisse als ,erste Eindrücke&#8216;,</p>
<p>,Jugenderlebnisse` sich niederschlagen, und welche als zweite, dritte Schicht usw. hinzukommen&#148; (ebd.: 536). Nicht unumstritten ist ferner die Annahme</p>
<p>Mannheims, es komme hierbei vor allem auf die Ereigniswahrnehmung in der für das persönliche Weltbild präformierende Zeit zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr</p>
<p>an (ebd.: 538f.) &#150; mit Blick auf die Vorverlagerung der Pubertät und Verlängerung der Postadoleszenz ist eher von einer etwas größeren Zeitspanne auszugehen.</p>
<p>Die &#132;68er&#148; im Generationsgefüge ihrer Zeit</p>
<p>Angesichts der weitreichenden Wirkung der Protestbewegung der späten 1960er Jahre sollte die hier nun zu erörternde jahrgangsbezogene Ausdehnung der 68er-</p>
<p>Generation relativ breit angesetzt werden. Zwar dürfte die Zuordnung der Jahrgänge 1940-50 für den Großteil der Teilnehmer der Protestbewegung zutreffen</p>
<p>(Leggewie 1995: 90), so dass im engeren Sinne die &#132;68er&#148; mit dieser Altersklassifizierung bezeichnet werden<br />können. Soll allerdings der Generationszusammenhang jahrgangsmäßig vollständig er-fasst werden, sind darüber hinaus auch die bis zu fünf Jahre jüngeren und</p>
<p>älteren Kohorten noch zu berücksichtigen. Aus der Gruppe der ca. 1935-40 Geborenen kamen zwar nur wenige Bewegungsaktivisten, aber doch Sympathisanten des</p>
<p>außerstudentischen Bereichs, so z.B. Hochschulassistenten, jüngere Journalisten oder Lehrer. Für den jüngsten Teil der Protestgeneration, die Jahrgänge 1950</p>
<p>-55, wurden dann die Ereignisse um 1968 selbst zu einer prägenden Erfahrung, was sich zum einen in einer etwas zeitversetzt einsetzenden Schülerbewegung</p>
<p>niederschlug (Heider 1984) und zum anderen die Linksbewegung an den Hochschulen radikalisieren half.<br />Aufgrund der Möglichkeit, dass Generationen als &#132;komplizierte Gewebe gegenseitiger Abhängigkeit&#148; in Interaktion treten (Moses 2000: 263), erscheint es bei</p>
<p>der Anwendung des Generationsansatzes sinnvoll, nicht nur isoliert die &#132;68er&#148;, sondern das gesamte Generationsgefüge ihrer Zeit in den Blick zu nehmen.</p>
<p>Hinsichtlich der 1960er Jahre ist hierbei vor allem auf die globale Unterschiedlichkeit der Erfahrungswelten hin-zuweisen, die sich durch die</p>
<p>Aufeinanderfolge der krisenreichen Zwischenkriegsjahre, der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und dem Nachkriegsboom ergaben. Zwar sollten die &#132;68er&#148;</p>
<p>generationell &#8211; entgegen der Thesen von Heinz Bude3 &#8211; keineswegs als massenhaft traumatisierte &#132;Kriegskinder&#148; verstanden werden. Jedoch wurden die</p>
<p>vorgelagerten Generationen durch ihre Krisen- und Kriegseindrücke in den 1930er und 1940er Jahren dauerhaft geprägt und altersübergreifend miteinander</p>
<p>verbunden.<br />Die 68er-Generation war nun die erste Altersgruppe, die in keinem für generationelle Prägungen relevanten Lebensabschnitt Kriegs- und Krisenzeiten noch</p>
<p>miterleben musste. Die hieraus resultierende Unterschiedlichkeit der Erfahrungswelten zwischen &#132;68ern&#148; und den Älteren verstärkte sich dann noch weiter durch</p>
<p>den beschleunigten Modernisierungsprozess: Während der wachsende Wohlstand das bisherige &#132;Streben nach Sicherheit&#148; (Braun 1978) in den älteren Generationen</p>
<p>nur allmählich zu neutralisieren vermochte, konnte des Nachkriegsbooms für die damalige Jugend zu einer quasi voraussetzungslosen Grunderfahrung werden, die</p>
<p>zu weitreichenden neuen Wünschen zu berechtigen schien. Der von Eckert für Westdeutschland konstatierte, aber auch in anderen Industrieländern feststellbare</p>
<p>&#132;Bedürfniswandel&#148; (Eckert 1973: 27), der sich hierzulande messbar auch in einem Wertewandelsschub niederschlug (Klages 1992), betraf dabei in erhöhtem Maß</p>
<p>die jüngeren Altersgruppen. Erst vor diesem Hintergrund konnte es in den 1960er Jahren zu der &#132;enormen historischen Kluft&#148; (Hobsbawm 1995: 412) im</p>
<p>Generationsgefüge kommen, die eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung der 68er-Protestgeneration darstellte.<br />In Deutschland trug zur Verschärfung dieses geschichtlich bedingten Generationskonfliktes die NS-Belastung der Elterngenerationen bei. Konstituierend für die</p>
<p>hiesigen &#132;68er&#148; &#8211; wie auch für ihre Altersgenossen anderer Länder &#8211; war aber auch das konkurrierende Verhältnis zu den &#132;45ern&#148; (Moses 2000), Schelskys</p>
<p>&#132;skeptischer Generation&#148;. Unter den veränderten politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erschien der Konsensliberalismus, der die ideelle Basis</p>
<p>für die Verwestlichungsbestrebungen der &#132;45er&#148; dargestellt hatte, den jungen Linksintellektuellen der 68er-Zeit nicht mehr modern, sondern wie ein Relikt des</p>
<p>Kalten Krieges (Poiger 2001: 259-63). Die Ideologiebezogenheit kann.so auch als bewusste Abgrenzung zum Pragmatismus der skeptischen &#132;Große-Brüder-</p>
<p>Generation&#148; (Husche 2003: 46) verstanden werden.<br />Generationsgeschichtlich wurde bisher auf Faktoren abgehoben, die im Sinne Mannheims für die Entstehung einer Generationslagerung bedeutsam sind. Die</p>
<p>Ausbildung eines Generationszusammenhangs ist dabei nach 1945 allein bei den &#132;68ern&#148; klar erkennbar, in den anderen Fällen &#150; einschließlich der &#132;45er&#148; &#150;</p>
<p>hingegen nur in schwachen, historisch weniger wirksamen Umrissen. Wie Helmut Fogt in seinen vertiefenden Überlegungen zu Mannheims Ideen festgestellt hat,</p>
<p>entstehen Generationszusammenhänge &#132;primär durch die kollektive Verarbeitung spezifischer Ereignisse&#148; (Fogt 1982: 104). Mit Blick auf den</p>
<p>Generationszusammenhang der &#132;68er&#148; sind hier zeitgeschichtliche Fakten zu nennen, die auch im Rahmen von anderen Erklärungsansätzen als &#132;Auslöser&#148; diskutiert</p>
<p>worden sind. Aufgrund seiner weltweiten Wirkung ist zuerst der Vietnamkrieg hervorzuheben, sodann im Bereich der Bundesrepublik besonders die Bildung der</p>
<p>Großen Koalition 1966. Ferner fallen hierunter Ereignisse, die in direktem Zusammenhang mit der 68er-Bewegung selbst stehen, wobei nicht selten die</p>
<p>fortschreitende generationelle Solidarisierung durch die staatlichen Reaktionsweisen angefacht wurde. Zu erwähnen wären hier die Osterunruhen 1968 in der</p>
<p>Bundesrepublik und natürlich besonders der Pariser &#132;Mai ,68&#148;, der weltweit die Hoffnungen der Protestierer beflügelte.</p>
<p>Die generationelle Sozialbewegung der 68er-Zeit: ein Synthesevorschlag</p>
<p>Wie könnte nun ein umfassender Erklärungsversuch für ,1968` konzipiert sein? Im Falle der altershomogenen, studentisch dominierten, global auftretenden</p>
<p>68er-Bewegung er-scheint die Mannheimsche Generationstheorie hierfür als Basis besonders geeignet (Fogt 1982: 135-160; Rabehl et al. 1986; Kimmel 1998: 127-</p>
<p>131; Fietze 2000). Wie Lothar Müller festgestellt hat, zeigt der Mannheimsche Ansatz &#132;Möglichkeiten auf, zu einer ins-gesamt mikro- und makrostrukturelle</p>
<p>Elemente zusammenfügenden Theorie zur Erklärung des Studentenprotests zu gelangen.&#148; (Müller 1992: 173) Entsprechend einer solchen Zielsetzung werden</p>
<p>abschließend Verknüpfungen des Generationsmodells mit an-deren Ansätzen zur Diskussion gestellt.<br />Besonders wichtig ist eine sinnvolle Verbindung mit der oben vorgestellten Theorie sozialer Bewegungen. Fogt und Kimmel schlugen hier vor, von einer</p>
<p>Generationseinheit als Träger der 68er-Bewegung auszugehen (Fogt 1982: 137; Kimmel 1998: 128). Durch eine solche Verknüpfung gelingt es, den Protest in</p>
<p>mehreren Punkten überzeugender zu erklären, als dies beim Sozialbewegungs- oder Generationsmodell für sich der Fall wäre: Die Verbindung zu den</p>
<p>Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit ist nun besser fundiert, da ja in beiden Ansätzen der soziale Wandel eine wichtige Bedeutung als Hintergrundursache</p>
<p>spielt &#150; zum einen bei der Ausprägung von Generationslagerungen, zum anderen bei der Entstehung sozialer Bewegungen. Eine sich schon seit den 1950er Jahren</p>
<p>bildende Generationslagerung könnte sich folglich für die 68er-Bewegung bereits in deren Anfangsphase begünstigend ausgewirkt haben. Das Aufkommen eines</p>
<p>Generationszusammenhangs in den mittleren 1960er Jahren erklärt die Dynamik der weiteren Bewegungsentwicklung, die eben durch den Generationsbildungsprozess</p>
<p>mit-bedingt war. Umgekehrt stärkte die sich konstituierende Sozialbewegung den Generationszusammenhang und lieferte die Plattform für die dominierende Generationseinheit. Die schrittweise Verschränkung von Bewegung und Generation erleichterte</p>
<p>so maßgeblich die Ausbildung kollektiver Identitäten. Werden die Entstehung der 68er-Bewegung und die Generationsbildung in diesem Sinne als zunächst</p>
<p>weitgehend parallel verlaufende, in zunehmendem Maße sich aber dann gegenseitig beeinflussende Entwicklungen gesehen, fällt es leichter, die Breitenwirkung</p>
<p>von ,1968` zu erklären: Sie kann &#150; über die Trägerorganisationen des Protests hinausgreifend &#150; innerhalb des neu entstandenen Generationszusammenhangs</p>
<p>verortet werden.<br />Als Akteur der 68er-Ereignisse kann folglich von einer generationellen Sozialbewegung gesprochen werden. Die Bezeichnung ,68er-Bewegung` ist somit in der</p>
<p>Bedeutung als ,Bewegung der 68er&#8216; angemessen, wobei nicht die gesamte Generation, sondern nur die &#132;protestbewegte&#148; Generationseinheit als Träger fungierte.</p>
<p>Da sich aber nach Mannheims Stufenmodell auch &#132;mehrere, polar sich bekämpfende Generationseinheiten&#148; innerhalb eines Generationszusammenhangs bilden können</p>
<p>(Mannheim 1964: 547), stellen APO-Aktivisten keineswegs die 68er-Generation dar, sofern man darunter einen Generationszusammenhang versteht. Dieser ist viel</p>
<p>weiter gespannt und umfasst neben SDS-Mitgliedern auch dem Protest bisweilen distanziert gegenüberstehende, aber dennoch durch die Ereignisse mitbeeinflusste</p>
<p>junge Sozialliberale in der SPD oder FDP und sogar die konservative Gegenbewegung. Sie alle bilden einen Zusammenhang, der von denselben Rahmenereignissen</p>
<p>geprägt worden ist; sie sind aber unterschiedliche Strömungen &#150; oder in der Mannheimschen Terminologie: Einheiten &#150; derselben 68er-Generation.<br />Anhand der obigen Überlegungen wird deutlich, dass sich das Generationsmodell für synthetisierende Theorieverbindungen besonders eignet, weil seine Erklärung</p>
<p>von Gruppenbildungsprozessen auf einer mittleren Ebene ansetzt und mit seiner relativen Offenheit genug Raum für die Integration anderer Erklärungsvorschläge</p>
<p>lässt. Da der Generations- und der Sozialbewegungsansatz von unterschiedlichen Richtungen an die 68er-Bewegung herangehen, bieten sie weniger konkurrierende</p>
<p>als überwiegend komplementäre Deutungen. Die von der Sozialbewegungstheorie erfassten konkreten Mobilisierungsvorgänge können so als funktionale Erklärungen</p>
<p>für die Entstehungsbedingungen der 68er-bewegten Generationseinheit begriffen werden. Auch andere Forschungsthesen zu Mobilisierungsprozessen, wie z.B.</p>
<p>Annahme einer hervorgehobenen Rolle der ,antiautoritären` &#132;Provokationselite&#148; bei der Entstehung der 68er-Generation (Rabehl et al. 1986: 35f.) oder die</p>
<p>Befunde zum liberalen Sozialisationshintergrund von Protestakteuren oder zur Totalität der studentischen Rolle (Allerbeck 1973: 221-232), sind als</p>
<p>Erklärungsbausteine aufzufassen, die den Prozess der Verfestigung des 68er-Generationszusammenhangs und die Entstehung der Protest-Generationseinheit genauer</p>
<p>verstehen lassen.<br />Überlegungen zur Modernisierung sowie zu anderen politisch-gesellschaftlichen Basistrends der Nachkriegszeit (Verwestlichung, wachsende Bedeutung von</p>
<p>Jugendkulturen, Wertewandel) tragen zur Erklärung der Entstehungsumstände der 68er-Generationslagerung bei. Modernisierungsschübe begünstigen als besondere</p>
<p>Temposteigerungen des sozialen Wandels die Entstehung einer Generationslagerung. Dabei kann mit Hilfe<br />des Konzepts der reflexiven Modernisierung (Ulrich Beck) die spezifische Situation des Entstehungs- und Wirkungszeitraums der 68er-Bewegung mit seinen</p>
<p>Ungleichzeitigkeiten im gesellschaftlichen Wandel charakterisiert werden. Die prekäre Umbruchsituation im spannungsreichen Modernisierungsgeschehen der</p>
<p>1960er Jahre war der Nährboden für die konfliktlose politisch-gesellschaftliche Ereigniskonstellation, die dann die Ausbildung des 68er-</p>
<p>Generationszusammenhangs förderte.<br />Die zeitgeschichtlichen Diskussionen über den Zäsurcharakter verschiedener Einzelereignisse hat für die Mannheimsche Generationstheorie insofern einen</p>
<p>besonderen Stellenwert, als den Ereignissen im Rahmen des Konzepts der Erlebnisschichtung eine wichtige Rolle für die Entstehung eines</p>
<p>Generationszusammenhangs zukommt. Der Bezug auf den gesellschaftlich-politischen Rahmen und die Ereignisse der Zeit ist dabei subjektiv gewendet:</p>
<p>Entscheidend für das Zustandekommen generationeller Prägungen sind weniger die &#132;objektiven&#148; Verhältnisse als deren Wahrnehmung durch die Altersgruppe einer</p>
<p>Generationslagerung. Das Synchronisationsmodell von Pierre Bourdieu ist dabei geeignet, nicht nur die Krisendynamisierung und &#150; wie von Gilcher-Holtey</p>
<p>hervorgehoben (Gilcher-Holtey 1995: 232f.) &#150; die bewegungsmobilisierende Wirkung zu erklären, sondern es ermöglicht ebenso ein besseres Verständnis der</p>
<p>generationsprägenden Kraft von einschneidenden Ereignissen (Bourdieu 1998: 254-303).<br />Die Sicht der 68er-Bewegung als generationelle Sozialbewegung in einer Zeit gesellschaftlich-politischer Umbrüche lässt schließlich auch verstehen, warum der</p>
<p>Protest einerseits &#132;global und miteinander verbunden&#148; und andererseits doch &#132;disparat&#148; und auf engere Kontexte bezogen erscheint (Fink et al. 1998: 20):</p>
<p>Während die Makrobedingungen der Nachkriegszeit, welche die 68er-Generationslagerung hervorbrachten, weltweit ähnlich gerichtet (Fietze 2000: 23f.) und in</p>
<p>der westlichen Hemisphäre sogar gleichartig waren, galt dies für die Umstände, die für die Bildung von Generationszusammenhängen und -einheiten maßgeblich</p>
<p>waren, nicht im gleichen Maße. Hier kam es, trotz international rezipierter Anstöße, zu länderspezifischen Ereigniskonstellationen und demzufolge auch bei</p>
<p>der 68er-Bewegung zu unterschiedlichen Entwicklungs- und Mobilisierungsverläufen. Aufgrund der starken Ausgangsprägung der Generationslagerung sowie der</p>
<p>wechselseitigen, medial begünstigten Beeinflussungen der Bewegungen drifteten die Entwicklungen jedoch nicht in völlig verschiedene Richtungen, sondern</p>
<p>behielten eine gewisse Ähnlichkeit. Generationstheoretisch betrachtet kann daher ,1968` trotz seiner erstaunlichen lokalen, regionalen und nationalen</p>
<p>Vielfalt durchaus als ein globales Phänomen angesehen werden.</p>
<p>1  Mit der ,sozialen Bewegung&#8216; war im 19. Jahrhundert zunächst die Arbeiterbewegung gemeint. In der Nachkriegszeit entstand dann ein von der ursprünglichen  </p>
<p> Trägerschaft abstrahierender Sozialbewegungsbegriff, der im folgenden Abschnitt erläutert wird. Synonym wird dabei von ,sozialen Bewegungen&#8216; oder  </p>
<p>,Sozialbewegungen` gesprochen.<br />2  Zu nennen ist hier vor allem die Bielefelder Arbeitsgruppe um Ingrid Gilcher-Holtey (vgl. Gilcher-Holtey 1995; Gilcher-Holtey 1998; Kurz 2001; Tolomelli  </p>
<p> 2001, Schmidtke 2003), auf deren Herangehensweise weiter unten noch eingegangen wird.<br />3  Bude sieht die 68er-Generation zum einen besonders durch die Bombennächte in den allerersten Lebensjahren unbewusst gezeichnet, zum anderen greift er auf </p>
<p>  die &#132;Kontroll-Loch&#8220;-These zurück<br />   (Preuss-Lausitz et al. 1983: 13 u. 21): In der unmittelbaren Nachkriegszeit seien viele Kinder, bedingt durch die Notsituation, fast ohne elterliche   </p>
<p>Kontrolle aufgewachsen. Die Rückkehr zur innerfamiliären Normalität der 1950er Jahre hätten sie als besonders schroffen Kontrast erfahren, was eine   </p>
<p>rebellische Vorprägung erzeugt habe (Bude 1995: 34ff. u. 53ff.). Solche Deutungen sind je-doch nicht vereinbar mit der Tatsache, dass die   </p>
<p>Studentenbewegung kein deutsches Spezifikum darstellt: Ebenfalls aufbegehrende Altersgenossen aus den USA wurden in ihrer Kindheit weder von      </p>
<p>Bombennachts-Traumata noch von &#132;Kontroll-Löchern&#148; vorgeprägt, und auch in Großbritannien oder Frankreich unterschieden sich die frühkindlichen Kriegs- und   </p>
<p>Nachkriegserfahrungen deutlich von denen in Deutschland. Natürlich ist es unstrittig, dass Kindheitserfahrungen Einfluss auf die   </p>
<p>Persönlichkeitsentwicklung nehmen, jedoch zeigt gerade das Beispiel der &#132;68er&#148;, dass derartige frühe Prägungen nur individuell und eben nicht kollektiv &#151;   </p>
<p>und damit auch nicht für die Konstituierung einer Generation &#151; von Bedeutung sind.</p>
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		<title>Provokation als Emanzipation</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:57:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>1968 und die Emotionen In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 41ff Neuere Studien über die &#132;Neue Linke&#148; in den 1960er Jahren sowie über die nachfolgen-den Bewegungen beurteilen, anders als viele frühere Arbeiten, deren Originalität zu-meist kritisch-distanziert, gerade was die Formen des Protests angeht (vgl. Koenen 2001; Wesel 2002; Gester/Hajek 2000; Busche 2003). Diese Distanz in [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/provokation-as-emanzipation/">Provokation als Emanzipation</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>1968 und die Emotionen</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 41ff</p>
<p>Neuere Studien über die &#132;Neue Linke&#148; in den 1960er Jahren sowie über die nachfolgen-den Bewegungen beurteilen, anders als viele frühere Arbeiten, deren Originalität zu-meist kritisch-distanziert, gerade was die Formen des Protests angeht (vgl. Koenen 2001; Wesel 2002; Gester/Hajek 2000; Busche 2003). Diese Distanz in den Sozialwissenschaften wird von ehemaligen Protagonisten der Bewegung vielfach geteilt. Gegen diese Sichtweise wendet sich der vorliegende Beitrag. Im Folgenden sollen jene Merk-male, vor allem des &#132;Provo&#8220;-Aktivismus, im Mittelpunkt stehen, die eine positivere Bewertung dieser Protestform zulassen. Es soll gezeigt werden, wie wichtig diese Formen des Aktivismus damals waren, um alte, überholte Grenzen der Öffentlichkeit zu verschieben, die Politik für eine nachhaltige Demokratisierung der Bundesrepublik zu öffnen und am Ende sogar eine Transformation des hergebrachten Verständnisses von Politik und Demokratie zu ermöglichen.</p>
<p>Frühformen des Provo-Aktivismus</p>
<p>Die Entstehungsgeschichte des &#132;Provo&#8220;-Aktivismus wurde schon mehrfach untersucht (Langguth 1976; Albrecht 1994; Mosler 1977; Böckelmann 2002; Miermeister/Staadt 1980). Meist setzt die Geschichtsschreibung, bezogen auf die Bundesrepublik, bei der Münchner Spur-Gruppe an, die in der ersten Hälfte der 1960er Jahre zuerst die Idee der Provokation in die Praxis umsetzte. Die Spur-Mitglieder beriefen sich ihrerseits auf die Dadaisten und Surrealisten, auf die französischen Situationisten und Existentialisten, auf holländische und italienische &#132;Provo&#8220;-Aktivisten, auf den provokativen Humor des Kabaretts und ähnliche Formen der Performance-Politik. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre inspirierten dann auch amerikanische Yippies (Anhänger der 1968 entstandenen Youth International Party, die Politik und &#132;persönliche Befreiung&#148; verbinden wollten) oder Guerilleros aus Lateinamerika die deutschen Aktivisten. Gegen Mitte des Jahrzehnts schloss sich Spur-Mitglied Dieter Kunzelmann der Gruppe Subversive Aktian (später Gruppe Viva Maria), der u.a. Dagmar Seehuber, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl angehörten, an. Diese Gruppe übte ihrerseits auf den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) an der Freien Universität in Berlin einen starken Einfluss aus. In Frankfurt übernahmen die SDS-Führer Hans-Jürgen Krahl und K.D. Wolff &#132;Provo&#8220;-Formen in ihr Protest-Repertoire, später begleitet von Daniel Cohn-Bendit. Viele Frankfurter Aktivisten sahen in &#132;Provo&#8220;-Aktionen den besten Weg, die anti-autoritären und befreienden Ziele zu verwirklichen, die von den Theoretikern der Frankfurter Schule diskutiert worden waren. Vor allem die Kommune 1 in Berlin und später die Gruppe Revolutionärer Kampf in Frankfurt wurden mit &#132;Provo&#8220;-Politik assoziiert, auch wenn es sehr viel mehr Gruppierungen dieser Art gab. Es gehörte nicht viel dazu, um als Anhänger eines &#132;provokativen&#148; Protestmilieus wahrgenommen zu werden: So genügte bei Männern schon das Tragen langer Haare oder Gitarrenspiel im öffentlichem Raum, um der Störung der öffentlichen Ordnung bezichtigt zu werden (Reinders/Fritsch 1995; Kätzel 2002; Cohn-Bendit 1975).<br />Die Aktivisten entwickelten während der 1960er und 1970er Jahren eine bemerkenswerte Formenvielfalt. Zu nennen ist zunächst die &#132;literarische&#148; Produktion: Die kaum zu überblickende Fülle an Zeitungen (beispielsweise Extra-Blatt, Oberbaumblatt und Agit 883, Pflasterstrand und discus, Frauen auf die Barrikaden, UKZ, S036 und Autonomie) gehörten dazu, aber auch die allgegenwärtigen Flugblätter und Transparente, Graffitis, Buttons und Aufkleber. Daneben spielte auch das gesprochene Wort eine zentrale Rolle: bei Happenings und in der Vielzahl politischer Theater. Kombiniert wurde dies mit anderen Protestformen. Für diese standen Begriffe wie direkte Aktion und demonstrative Aktion (Koopmans 1995; Balistier 1996; Pross 1992). Körper, die an Orten saßen oder standen, wo sie normalerweise nicht hätten sein sollen, waren Provokation; umgesetzt in unzähligen Sit-ins, Go-ins, Teach-ins &#8211; und Love-ins, Smoke-ins, Die-ins und ein Verwechslung-Go-Out. Kunsthappenings waren ebenfalls eine bedeutende Form der Provokation, von scheinbar simplen Karikaturen bis zu hochkomplexen Fotomontagen; man denke beispielsweise an die Werke von Wolf Vostell, Klaus Staeck, Dieter Kunzelmann, Elke Begehr und Sarah Haffner. Filmemacherinnen wie Rosa von Praunheim, Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder und auch Holger Meins verwendeten &#132;Provo&#8220;-Techniken.</p>
<p>Kritik und Erfolg von Provokationen</p>
<p>Die &#132;Provo&#8220;-Politik wird in neueren Studien vor allem aufgrund ihrer Verknüpfung mit gewalttätigem Aktivismus kritisiert, der für die Verengung von an sich produktiven politischen Diskussionen in der Bundesrepublik zumindest mitverantwortlich gemacht werden kann (vgl. Fels 1998). Tatsächlich betont ein ehemaliger SDS-Aktivist an der FU-Berlin, provokative Aktionen wären nicht mit der Absicht erfolgt, das westdeutsche Publikum aufzuklären: &#132;Denn es ging auch nicht darum, die zu überzeugen, sondern es ging einfach darum, die zu ärgern.&#148; (Interview Nr. 9, 7/02).&#8216; Ein anderer ehemaliger prominenter SDSIer und &#132;Provo&#8220;-An%ihrer in Frankfurt/Main meint im Rückblick, solche &#132;IVadelstichaktionen&#148; hätten notwendigerweise zum Terrorismus der RAF gefiihrt. Die Aktionen seien demnach gewiss kein Weg zur Demokratisierung und zu einer offeneren Kommunikation gewesen (Interview Nr. 1, 7/02). Trotzdem kann man argumentieren, dass diese Aktionen ohne Wirkung geblieben wären, hätten sie sich nicht auch darum bemüht, die Kommunikation zu öffnen, zu den Grenzen der vorgegebenen öffentlichen Sphäre vorzudringen und dabei neue Möglichkeiten für demokratische Willensbekundungen innerhalb der bestehenden politischen Grenzen zu erschließen. In der Konsequenz ergab sich so eine eigentümliche Dialektik: Die Protestaktionen führten zu positiven Effekten, auch wenn diese Aktionen oft nicht ihrem Inhalt oder den formulierten Absichten der Beteiligten entsprachen. Daniel Cohn-Bendit schrieb schon 1988 über die Möglichkeiten, die für die Aktivisten im provokativen Protest steckten: &#132;Zum einen brachte er ihnen die langersehnte Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit, wenn auch überwiegend negativ [&#8230;]; zum anderen entdeckten sie selbst neue Möglichkeiten [&#8230;] (Cohn-Bendit/Mohr 1988: 36). Rudi Dutschke meinte, &#132;eine Ebene von aufklärenden Gegensignalen durch sinnlich manifeste Aktionen produzieren können&#148;, um den &#132;langen Marsch&#148; fortzuführen &#150; in Kontrast zu traditionellen Formen der politischen Auseinandersetzung. Dabei fände die Aktion zwar innerhalb der gegebenen Kanäle statt, aber die existierenden Grenzen sollten zukünftig durch Provokation überwunden wer-den (Dutschke 1980). Und die Herausgeber von Agil 883 sahen ihre Arbeit als einen &#132;praktischen Beitrag zu einer Gegenöffentlichkeit&#148; (13. März 1969).<br />Die Erfolge der &#132;Provo&#8220;-Aktionen beruhten auf zwei Grundlagen: erstens auf der Fähigkeit einer kleinen Anzahl früher Machtloser, eine spezielle Botschaft machtvoll durch-zusetzen, und zweitens darauf, gerade durch die Reichweite der Kommunikation über die spezifischen Ziele der Aktion hinaus wirksam zu werden. Für Peter Handke bestand die Wirkung solcher Aktionen darin, in der Brecht&#8217;schen Tradition auf neue Weise zu denken, &#132;bis auch die Wirklichkeit ein einziger Spielraum geworden ist.&#148; (zit. n. Protest 2000: 197) Peter Brückner hat schon 1966 die &#132;Nutzbarkeit provokativer Aufklärung&#148; beschrieben (Brückner 1973). Als die Kommune I in einer der bekanntesten &#132;Provo&#8220;-Aktionen ein Flugblatt verteilte, das mit dem Ausruf Burn, warehouse, burn! endete, beklagten einige Aktivisten, dass viele Leute, die das Flugblatt und vor allem die Berichterstattung der Bild-Zeitung darüber lesen würden, meinen könnten, es wolle die Westdeutschen dazu aufrufen, die Kaufhäuser wirklich in Brand zu stecken. Gleichwohl ließe sich mit guten Gründen argumentieren, dass dieses &#150; durchaus vorhandene &#150; Risiko lohnte, um die Deutschen aus ihrem selbstgefälligen Konsumdunst aufzurütteln und sie auf die Gewalt in Vietnam aufmerksam zu machen. Die Leser wurden gerade durch die emotionale Sprache und die dazugehörige Ironie stark angesprochen. Das Flugblatt war deshalb so schwer zu ignorieren &#151; und wurde deshalb so berühmt. Auch wenn der Text bei den Westdeutschen nicht unmittelbar eine breite Aufmerksamkeit und Empathie mit dem Los der nordvietnamesischen Bauern erweckte, erzeugte diese Art der Emotionalisierung bei vielen Westdeutschen eine Betroffenheit, die mit konventionellen Mitteln kaum ausgelöst worden wäre.<br />Trotz der offiziellen Kommentare und der schreienden Schlagzeilen der Springer-Presse, die ein tiefes Zerwürfnis einer &#132;kleiner Minderheit&#148; mit dem Rest der westdeutschen Gesellschaft zu belegen schienen: Die Protestaktionen wurden oftmals auch von Unbeteiligten positiv aufgenommen. Annette Schwarzenau berichtete zuletzt in Ute<br />Kätzels Buch Die 68erinnen vom legendären &#132;Kinderkackeattentat&#148;: Zornige Mitglieder des Zentralrats des Berliner Kinderläden stürmten 1969 aus Protest gegen den Bericht über Kinderläden in der Illustrierten Stern das Berliner Pressehaus. Sie schmierten die Kackwindeln der Kinder auf die Wände. Damit sollte sowohl Wut demonstriert als auch die Aufmerksamkeit des Chefredakteurs erregt werden. In diesem Fall &#150; wie in vielen anderen, weniger spektakulären &#150; war die Aktion relativ erfolgreich. Es hinderte den Stern zwar nicht daran, weiterhin Sensationsberichte über die &#132;Neue Linke&#148; zu veröffentlichen. Letztlich erwies es sich jedoch als ein wichtiger Kommunikationsakt &#150; was in der Absicht der Aktivisten gelegen hatte. Eine ganz ähnliche mediale Wirkung hatten die zahlreichen Hausbesetzungen der 1970er und frühen 1980er Jahre: Die Öffentlichkeit wurde auf die Wohnungsnot in Frankfurt, Berlin, Hannover und anderen Städten aufmerksam gemacht; die vielfach erweckte Sympathie führte anschließend oft zu den erwünschten gesetzlichen Maßnahmen (Rucht 2001; Koopmans 1995; Karapin 1993). &#132;Es gab da immer sehr viel Unterstützung, gerade für die Hausbesetzer-Bewegung, so von allen&#148;, stellte eine ehemalige Hausbesetzerin in Berlin-Schöneberg rückblickend fest (Interview Nr. 8, 7/2002). Den Aktivisten gelang es trotz der üblichen vereinfachten medialen Gegenüberstellung von &#132;Studenten&#148; und &#132;Arbeitern&#148;, &#132;Kleinbürgern&#148;, &#132;alten Leuten&#148; usw., größere Kreise der Bevölkerung von der Richtigkeit ihrer Anliegen zu überzeugen &#150; oder zumindest von ihrem Anspruch, im öffentlichen Raum gehört zu werden.</p>
<p>Befreiung durch Aktion und schlechtes Benehmen</p>
<p>Die neuen Protestformen waren für die Aktivisten nicht nur wegen ihrer größeren Wirkung wichtig. Sie waren für die Protestpraktiker der westlichen Welt auch persönlich und politisch befriedigend. Westdeutschland war da keine Ausnahme. Die &#132;Provo&#8220;-Aktionen linderten das weitverbreitete Gefühl, nicht gehört zu werden: Bilder von jungen Leuten mit zugenähten oder mit Reißverschluss versehenen Lippen (vorzugsweise von Frauen) schrien dieses Gefühl paradoxerweise lauthals hinaus. Mehr noch: Die endlosen Theoriedebatten gaben vielen überdrüssigen Aktivisten das Gefühl, in ein langwieriges oder nutzloses Spiel verwickelt zu sein. Diese Aktivisten verlangten da-nach, etwas zu tun, &#132;[&#8230;] nicht diese theoretischen Dinger, sondern etwas Praktisches unternehmen&#148;, wie eine Aktivistin bekannte (zit. n.</p>
<p>Kätzel 2002: 42). Wiederum war die Form mindestens so wichtig wie der Inhalt. Dieses Erlebnis der Ermächtigung durch die Aktion, das Gefühl, sich mit ihrer Hilfe ebenso Gehör zu verschaffen wie die politische Elite, gehört zu den politischen Errungenschaften dieser Zeit &#150; wichtiger als viele der damals postulierten theoretischen Ziele des Protests. Solcherart befreiende Macht erfuhren die Aktivisten auch beim &#132;Sich schlecht benehmen&#148;: Das war eine Form des zivilen Ungehorsams, verstanden als eine legitime Interpretation der gegebenen politischen Rechte. Beispielhaft dafür stehen die bekannten Handzettel von 1967 mit der Überschrift &#132;Organisieren wir den Ungehorsam gegen die Nazi-Generation&#148; (Miermeister/<br />Staadt 1980: 54) oder Peter Schneiders &#132;Wir haben Fehler gemacht&#8220;-Rede im Mai 1967 vor der Vollversammlung der Fakultäten der FU Berlin: &#132;[&#8230;] wir legen ein volles Geständnis ab: Wir sind nachgiebig gewesen, wir sind anpassungsfähig gewesen, wir sind nicht radikal gewesen&#148;, meinte Schneider (Schneider 1970: 7). Solche Aktionen gaben den Aktivisten das Gefühl, überhaupt irgendeine Änderungen herbeizuführen (Brückner 1983; Baier 1988; Schütte 1980). Dieses Gefühl allein &#150; damals oft als &#132;voluntaristisch&#148; abgelehnt oder sogar als &#132;faschistischer&#148; Versuch angeprangert, anderen etwas aufzuzwingen &#150; wäre tatsächlich ohne seinen emanzipatorischen Ideenhaushalt negativ zu bewerten. Es entstand ein dialektisches Paradoxon: Solche Aktionen bewirkten Änderungen innerhalb des Systems, obwohl sie dessen revolutionäre Transformation an-strebten. Es waren radikale Formen, die gleichzeitig an das existierende System angepasst waren. Sie ermächtigten jene, die sich selbst als entmündigt wahrnahmen. Dies waren durchaus befreiende Konsequenzen für viele Tausende in dieser Generation (Brückner 1983; Baier 1984; Davis 2003).<br />Der neue Zugang zur politischen Sphäre durch provokative Strategien bedeutete weiterhin, dass die Politik aufhörte, ein exklusives Privileg nicht nur der &#132;Politiker&#148;, sondern auch der APO-Anführer zu sein: Jeder konnte solche Taktiken übernehmen, was sich dann auch in heftigen internen Kämpfen bemerkbar machte.<br />Die &#132;Provo&#8220;-Politik verlangte keine großen Teilnehmerzahlen und ermöglichte so-gar den Dissens von wenigen und/oder der weniger Mächtigen. Provokative Aktionen gaben auch innerhalb der Neuen Linken Minderheiten eine Stimme: An frühe Aktionen der Kommune I gegen SDS und AStA an der FU erinnert etwa die Broschüre Studenten, Lahmärsche! (Miermeister/Staadt 1980: 11) und die Aktion der neuen Kommune-Gruppe, die, mit Mao-Plakaten und &#132;Fachidioten&#8220;-Flugblättern in der Hand, eine Diskussion des FU-AStA mit Rektor Lieber über Studienreformen gestört hatte (ebd.: 19-20). Man denke auch an den spontanen Tomatenwurf von Sigrid Rüger auf Hans-Jürgen Krahl bei der SDS-Bundeskonferenz 1968 in Frankfurt/Main und an den &#132;Rechenschaftsbericht&#148; der SDS-Frauen Schwanz ab!, in der Mitgliederinnen ironisch forderten, die &#132;sozialistischen Eminenzen&#148; von ihren &#132;bürgerlichen Schwänzen&#148; zu befreien. Auch die satirischen Anklagen und Gegenanklagen von Gruppen und Personen im Pflasterstrand, Agit 883, Autonomie, Linkeck, usw. zählen dazu. Solche Aktionen hinderten Vertreter mancher Organisationen daran, einen dogmatischen Kurs zu verfolgen bzw. einer verknöcherten Institutionalisierung zu verfallen. Sie trugen ebenfalls dazu bei, den Kult um manche Anführer der Bewegung zu relativieren; erinnert sei an das verwelkte Abendmahlsbild mit den &#132;Aposteln&#148; Dutschke, Gaston Salvatore, Christian Semler, Hans-Jürgen Krahl und anderen Revoluzzern, versammelt um einen Jesus gleichenden Che. Zwar erzeugten die Star-Qualitäten führender Aktivisten bei manchen eine emotionale Bindung, durch die sie in die Politik hineingezogen wurden. Andererseits wurde durch ironische Kommentierung des Personenkults der anti-autoritäre Charakter der Bewegung gestärkt.<br />Diese Beispiele belegen recht gut, dass Absichten und vor allem Wirkungen der Protestpraktiker eher als &#132;kommunikativ&#148; und weniger als destruktiv oder respektlos gekennzeichnet werden müssen. Provokative Aktionen konnten zwar Diskussionen auch<br />frühzeitig und abrupt beenden, trotzdem trugen sie, so meine These angesichts der breiten Skala solcher Aktionen, sehr viel häufiger dazu bei, Debatten zu öffnen oder gar erst zu ermöglichen.</p>
<p>Protesterfolge &#8211; Kommunikationserfolge</p>
<p>Die &#132;Provo&#8220;-Politikformen waren verblüffend effektiv, wenn es darum ging, die westdeutsche Öffentlichkeit auf die Vielfalt der Positionen innerhalb der APO aufmerksam zu machen. Zudem regten sie innerhalb nur weniger Jahre Hunderttausende Bürger auf unterschiedlichen Ebenen dazu an, politisch aktiv zu werden. Damit bewirkten sie einen gewaltigen Aufbruch aus einer bis dato passiven politischen Kultur. Gerd Koenen hat auf die kleine Anzahl der APO-Aktivisten vor 1968 verwiesen und sie der großen Zahl der Aktivisten seit den 1970er Jahren gegenübergestellt; die wenigen Protestler von 1968 hätten, nicht ganz gerechtfertigt, den ganzen Ruhm geerntet. Gerade das spricht jedoch für den Erfolg der politischen Strategien der frühen Aktivisten und für ihre neuen politischen Ausdrucksformen: Sie waren erstens in der Lage, große Aufmerksamkeit auf wenige Aktivisten und deren Botschaften zu lenken. Zweitens wurden ihre Anliegen so stark rezipiert, dass in späteren Jahren viele ihrem Beispiel folgten. Viele der neu hinzustoßenden Aktivisten haben die Bedeutung von Emotionen und des Spielerischen als Erklärung für ihre Hinwendung zum politischen Aktivismus betont, was nicht unbedingt einer herkömmlichen, eher vernunftzentrierten Auffassung von Politik entspricht. Hunderte von Briefen an Mitglieder von Kommune 1 und 2, an Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit und andere offenbaren zwar oftmals falsche Vorstellungen vom neuen, selbstbestimmten Leben als politische Aktivisten, doch zugleich zeigen sie trotz bemerkenswerter Unterschiede hinsichtlich Alter, Wohnort und sozialer Herkunft der Schreibenden, wie stark fast alle in ihren Aktionen von den &#132;großen Vorbildern&#148; inspiriert worden seien (vgl. entsprechende Akten beim Hamburger Institut für Sozialforschung).<br />Mehrere 68erinnen berichten, dass sie in die Politik durch die aufregenden und faszinierenden Vorbilder von Sigrid Fronius, Hannah Kröger, Sigrid Rüger und andere kamen: Sie waren beeindruckt von deren wirkungsvollen provokativen Aktionen (Kätzel 2002; Wie weit 1999). So versammelten sich Tausende zur Unterstützung der Hausbesetzer in Frankfurt und Berlin; als virtuelle &#132;Pilgerschaften&#148; beschrieb es eine Hausbesetzerin im 1970er-Jahre-Frankfurt (Interview Nr. 5, 7/02; vgl. Interview Nr. 9, 7/02; Kraushaar 2001). Die Wirkung, die von bestimmten Personen ausging, ist in manchen Fällen geradezu alarmierend. Einige der damaligen Aktivisten beschuldigten die Medien, &#132;Stars&#148; zu kreieren, und das trotz scheinbar dafür nicht gerade kompatibler Persönlichkeitsmerkmale: Frank Böckelmann wunderte sich z.B., wie eine so langatmig, abstrakt und pedantisch sprechende Figur wie Rudi Dutschke zum Promi werden konnte (Cohn-Bendit/Mohr 1988: 44). Die Anziehungskraft, die von einigen prominenten Aktivisten ausging, basierte zum großen Teil auf ihrer Rolle als &#132;Lebenskünstler&#148;: Sie schienen allen gesellschaftlichen Hemmnissen zum Trotz sich zu dem zu machen, was sie sein wollten; sie verkörperten ein scheinbar authentisches, gänzlich unangepasstes Leben, das vielen als Ziel vor Augen schwebte. Sie gestalteten ihr eigenes Dasein neu als Teil eines politischen Projekts &#150; das machte sie attraktiv und zu Vorbildern (vgl. Protest 2000; Interview Nr. 8, 7/2002).</p>
<p>Die Emotionalisierung des Protests</p>
<p>Diese Romantisierung neuer politisch-privater Existenzformen verweist auf einen anderen Faktor, der erst allmählich von der Forschung erkannt wird: die Bedeutung von Fantasie, Imagination, Lust und anderen starken Emotionen, auf die sich die Aktivisten einließen. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung waren die 68er eine außerordentlich heterogene Gruppe. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten von vielen war allerdings ihre Herkunft: Zumeist stammten sie nicht aus wohlhabenden Familien, sondern waren eher Leute mit einem nicht ganz einfachen sozialen, recht &#132;unromantischen&#148; Hintergrund. Die &#132;Provo&#8220;-Politik &#150; samt Rock-Musik, sexueller Revolution, Filmen wie Viva Maria, das Szene-Leben im Allgemeinen, ein Gefühl, mit der ganzen Welt verbunden zu sein &#150; bewirkte ei-ne Ausstrahlung, die diesen Aktivisten Wirkung und Stimme verlieh. Das machte es &#132;wunderschön&#148;, auf das Berliner Amerika-Haus Eier zu schmeißen (Susanne Schunter-Kleemann, zit. n. Kätze12002: 108). Eine 1985 von Daniel Cohn-Bendit produzierte französische Fernseh-Dokumentation machte die Stärke dieser Emotion in den unterschiedlichen nationalen Bewegungen zum Titel: Wir haben sie so geliebt &#150; die Revolution (Cohn-Bendit 1987). Die Zeitschrift Autonomie zitierte die Bemerkung Jerry Rubins, Mitgründer der Yuppies, es hätte mehr &#132;Spaß&#148; gemacht, die Revolution zu praktizieren als zuzuschauen (Autonomie 4/1977). Die Kulturprodukte jener Zeit sind durchzogen von einer emotionalen Sprache und zugleich mit der Diskussion über diese Emotionen beschäftigt: &#132;Lustigkeit&#148;, &#132;Gaudi&#148;, Aufregung, das Gefühl, an etwas beteiligt zu sein sowie ein immer wiederkehrendes tiefes Kommunikationsbedürfnis, das Verlangen gehört, verstanden und an-erkannt zu werden &#150; auf all das stößt man immer wieder. &#132;Provo&#8220;-Aktionen trugen dazu bei, diese Bedürfnisse zu erfüllen; sie als politisch irrelevant oder vorwiegend gefährlich zu kennzeichnen, wäre eine unzulässige Verengung.<br />Dies soll gleichwohl keine &#132;Siegergeschichte&#148; sein, so als ob heute die Ziele von damals erreicht worden seien. Zudem sollen die negativen Neben- und Begleiteffekte der &#132;Provo&#8220;-Politik durch bestimmte Praktiken, wie z.B. offensiver physischer Gewalt, destruktiver Provokation als Selbstzweck, nicht kleingeredet werden. &#132;Positive Provo-Politik&#148; und physische Gewalt sind manchmal schwer voneinander zu trennen. Viele interviewte Zeitzeugen haben z.B. damals nicht zwischen der &#132;Gewalt gegen Sachen&#148; und der &#132;Gewalt gegen Menschen&#148; unterscheiden wollen, denn eine Stimme könne in Verbindung mit dem geworfenen Stein &#132;lauter&#148; werden. Andere wiederum entwickelten durchaus ein Sensorium für die Risiken dieser Politikformen. &#132;Provo&#8220;-Politik kann je-doch letztlich nicht ausschließlich aufgrund ihres Missbrauchs bewertet werden, wie auch immer wir diesen definieren wollen; ebenso wenig aufgrund ihrer spezifischen In-halte. In diesem Beitrag standen funktionale Aspekte im Vordergrund: Die demokratisierenden Potenziale dieser Politikform sollten betont werden.<br />Sibylla Flügge und andere haben die Grenzen des Wandels, den die Politik der 68er bewirkt hat, beschrieben (vgl. Flügge 2002). Die volle Bedeutung dieser Öffnung der politischen Formen für die deutsche Gesellschaft ist jedoch vielleicht am besten von außen zu erkennen. In den Vereinigten Staaten gilt Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ein schmutziges Wort, konnotiert mit vielerlei Machenschaften von Politikern. Für die große Mehrheit der Amerikaner ist die demokratische Aktion auf die Wahl beschränkt &#150; oder auch auf die Entscheidung, nicht zu wählen. Ähnliches kann man zwar auch in Deutschland beobachten. Gleichwohl gilt: Wenn amerikanische Aktivisten früher für die westdeutsche APO eine wichtige Quelle der Inspiration waren, könnte nun-mehr umgekehrt die deutsche Protestkultur in ihrer gegenwärtig vergleichsweise aktiven Form als Modell für andere Länder gelten. Und auch wenn sie damals nur eine winzige Fraktion innerhalb der Linken ausmachten (vgl. Langguth 1976): Innerhalb Deutschlands lebt am stärksten das Erbe dieser undogmatischen Aktivisten aus den 1970er Jahren weiter &#150; aktivierbar immer dann, wenn es um eine Politik außerhalb des Mainstream geht.</p>
<p>0 Übersetzt von Christophe Kotanyi. Ich danke Wilfried Mausbach fiir seinen hilfreichen Kommentar.</p>
<p>1 Die in diesem Beitrag zitierten Interviews sind Bestandteil meiner laufenden Forschung und wurden im Juli 2002 geführt. Die Interviewten sind zum einen ehemalige SDS-Führer sowie andere Führungspersönlichkeiten der Bewegung; zum anderen gehören vor allem typische, &#132;normale&#148; Aktivisten aus der Zeit zwischen Mitte der 1960er Jahre und den frühen 1980er Jahren dazu.</p>
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		<title>Umweltprotest und Verhaltensstile</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:56:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Bausteine zu einer vergleichenden Untersuchung von Protestbewegungen In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 50ff Ist von Protest in der Geschichte der Bundesrepublik die Rede, gehört nach dem mythisch überhöhten &#132;1968&#148; der Umwelt- und Antiatomkraftprotest der 1970er Jahre zu den meist zitierten Beispielen. Für diese Prominenz gibt es viele Gründe. Die sozial-und politikwissenschaftliche Forschung mit ihrem [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Bausteine zu einer vergleichenden Untersuchung von</p>
<p>Protestbewegungen</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 50ff</p>
<p>Ist von Protest in der Geschichte der Bundesrepublik die Rede, gehört nach dem mythisch überhöhten &#132;1968&#148; der Umwelt- und Antiatomkraftprotest der 1970er Jahre zu den meist zitierten Beispielen. Für diese Prominenz gibt es viele Gründe. Die sozial-und politikwissenschaftliche Forschung mit ihrem ausgeprägten Interesse für die &#132;Neuen sozialen Bewegungen&#148; trug dazu ebenso bei wie der gute Leumund der Umweltaktivisten, die sich bis auf wenige Fälle gewaltfrei verhielten und deren politisches Erbe die mittlerweile bis zur Regierungspartei aufgestiegenen Grünen angetreten haben.<br />Unbestritten ist, dass die Umweltaktivisten ähnlich wie die Protagonisten der Studentenproteste politische Aktionsformen wählten, die in den vorangegangenen Jahrzehnten noch weitgehend unbekannt waren. Der Siegeszug dieser Protestformen ging einher mit der politischen Sozialisation einer neuen Generation. Er bewirkte, dass Proteste mit der Zeit als legitime, ja alltägliche Formen der politischen Auseinandersetzung Anerkennung erlangten. Zeitgleich verloren hierarchieorientierte Modelle des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens deutlich an Akzeptanz (Barnes 1979, insbes. 31, 135; Rucht 2001; Herbert 2002).<br />Während diese allgemeinen Interpretationen weitgehend unstrittig sind, steckt der forschungspraktische Teufel wie so oft im Detail. Zum einen ist die Zahl der Untersuchungen von Historikern zur jüngsten Protestgeschichte nach wie vor begrenzt. Zum anderen besteht Bedarf nach Kategorien, in denen Protestphänomene vergleichend untersucht werden können.<br />Das Ziel dieses Beitrags ist es, ein Instrumentarium zu skizzieren, das dabei hilft, einzelne Elemente politischen Verhaltens zu identifizieren und vergleichend zu beschreiben. Insbesondere die Bedeutung der Handlungsroutinen und der unausgesprochenen Botschaften soll dabei berücksichtigt werden &#8211; jene Aspekte politischen Verhaltens, die auf den ersten Blick schwer greifbar erscheinen, aber dennoch einen großen Anteil an der Formung und Wirkung von Protest besitzen. Hierfür verwende ich den Begriff politischer Verhaltensstil.<br />Das Ausgangsmaterial für diese Überlegungen stellt der Umwelt- und Naturschutzprotest zwischen 1950 und den 1970er Jahren dar. Dies hat den Vorteil zeitlich über-greifender Vergleichbarkeit, denn entgegen gängigen Annahmen waren Umweltkontoversen mit protestförmigen Auseinandersetzungen auch vor der &#132;ökologischen Wende&#148; keine Seltenheit (Bergmeier 2002; Simon 2003; Chaney 1996; Dominick 1992). Der Ansatz ist jedoch offen genug, auch auf andere Phänomene bewegungsförmigen Protests oder verbandlich organisierten politischen Handelns angewandt zu werden.</p>
<p>Politischer Verhaltensstil &#151; eine Begriffsklärung</p>
<p>Der Begriff politischer Verhaltensstil lehnt sich an ein Konzept von Martin Dinges an, das Handlungsroutinen in frühneuzeitlichen Gesellschaften beschreibt. &#132;Verhaltensstil&#148; meint bei Dinges stabile, aber nicht vollkommen fixierte Verhaltensweisen angesichts eines eingrenzbaren Problems (Dinges 1997). Wie bei Dinges basiert der Begriff auf den sozialwissenschaftlichen Forschungen zum Habitus sowie zum Lebensstil. Diese beiden Forschungsrichtungen, häufig verbunden mit den Namen Pierre Bourdieu und Gerhard Schulze, sehen Handlungsroutinen und ästhetische (Selbst-)Stilisierung als wichtige Faktoren gesellschaftlicher Abgrenzung und sozialer Identität an. Kontrovers bleibt die Frage, ob eher voluntaristische Selbststilisierung (Schulze 1992) oder eine Art Gefangenschaft in einem starren, durch die Klassenlage festgelegten Habitus dominieren (Bourdieu 1992: 91-115; Willems 1997: 94).<br />Beschäftigt man sich nicht mit alltäglichen Handlungen, sondern mit dem (in der Regel) außergewöhnlichen politischen Protest, sollte die Frage präzisiert werden: Welche Anteile am politischen Handeln eines Akteurs oder einer Protestgruppe resultieren aus habitualisierten, unhinterfragten Routinen und welche sind als Ergebnis kreativer und eher situativer Prozesse zu betrachten? In der Praxis wird man wohl häufig Mischungen antreffen, zumal menschliche Routinen bekanntermaßen selten mit der Stetigkeit eines Uhrwerks ablaufen (näher dazu Lüdtke 1993, insbes. l lf., 380)<br />Andererseits ist zu beachten, dass sich auch innerhalb einer Bewegung, so kurzlebig sie auch sei, Handlungsweisen verfestigen können. Protestformen, aber auch weiter angelegte Strategien können, wenn sie Erfolg gezeitigt haben, den Status routinierter, fast automatisierter Antworten auf bestimmte Herausforderungen durch den politischen Gegner erhalten. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an die sich ab Mitte der 1970er Jahre häufenden Bauplatzbesetzungen bei geplanten Kernkraftanlagen und der Startbahn West, auf denen sich fast identische Soziabilitätsformen rund um Hüttendörfer ausbildeten. Fast seriellen Charakter haben Aktionen gegen Castor-Transporte, die mit schöner Regelmäßigkeit Bilder von an Bahngleise geketteten Kernkraftgegnern via Fernsehen liefern, wo-bei das Reaktionsschema in diesem Fall der Serialität des Anlasses (Bahntransporte von Brennstäben) entspricht und in fester Beziehung zu anscheinend unverrückbaren infrastrukturellen Rahmenbedingungen (Beschaffenheit der Eisenbahntechnik) steht.<br />Ein weiterer, wichtiger Aspekt der Lebensstilforschung betrifft den unausgesprochenen Bedeutungsgehalt von Handlungsweisen. Neben den Inhalten politischer Forderungen gehört auch die Art und Weise ihrer Artikulation zu den Bedeutungen des Protests. Stilistische Kontextualisierungen verändern eine politische Aussage: Es macht einen Unterschied, ob lodengewandete Jäger oder langhaarige Parkaträger den Schutz der Brandgans fordern. Auftreten und Handlungsrepertoire der Protestierenden beschwören Assoziationsketten herauf, die von den Rezipienten oft nicht bedacht werden. Sie strukturieren nicht nur das Verhalten, sondern auch die Normen und Gefühle der Handelnden. Aus dem Ensemble der Handlungsweisen politischer Akteure lässt sich ablesen, welche Vorstellungen von der Welt, insbesondere von Politik, ihnen zugrunde liegen (Willems 1997; Rohe 1990: 333f.). Geben sich Protestierende als Mitglieder eines Stilmilieus zu erkennen, verknüpfen sie ihr Anliegen zudem mit der Ästhetik und Gefühlswelt ihres lebensweltlichen Universums.<br />Aus historischer Sicht ergeben sich daraus zwei Erkenntnismöglichkeiten. Zum Einen lassen sich Aussagen über sich wandelnde ästhetische und normative Hintergründe und Motivationen für politischen Protest treffen. Zum Anderen wird deutlich, dass die Reaktionen der Zeitgenossen auf eine bestimmte Form politischen Protests nicht allein, vielleicht sogar nur zum geringen Teil mit dem sachlichen Kern des Konfliktanlasses zu tun haben. Vielmehr sind es immer auch Reaktionen auf die unausgesprochene Formulierung von (politischen) Weltbildern, Verhaltensregeln und Lebensmodellen seitens der Protestierenden. So sind auch die aus den 1960er und 1970er Jahren hinlänglich bekannten Einwände gegen protestierende Studenten zu verstehen, diese sollten erst ein-mal richtig arbeiten, bevor sie auf die Straße gingen.<br />Der Bedeutungstransfer zwischen Lebenswelt und politischem Raum im engeren Sinne funktioniert aber auch umgekehrt in dem Sinn, dass ein stilisiertes Alltagsverhalten auf bestimmte politische Weltbilder verweist. Als die post-68er Jugend- und Popkultur in vielfacher Weise Implikationen der Emanzipationsbewegung zitierte, erlaubte sie es vielen Menschen, sich zu deren Werten und Forderungen zu bekennen, auch ohne davon mehr als nur eine vage Ahnung zu haben (Herbert 2002: 43).<br />Der politische Verhaltensstil verdichtet Ästhetik, Emotionen, Normen. Dabei sendet er gleichsam beiläufig Informationen über das Weltbild der Akteure aus. Er oszilliert zwischen eingefahrenen Routinen und zielgerichteter Stilisierung.</p>
<p>Betrachtungsebenen und Elemente des Verhaltensstils</p>
<p>Träger des Verhaltensstils sind Einzelpersonen oder Gruppen. Dabei kommen formal verfasste Organisationen wie Vereine und Bürgerinitiativen ebenso in Frage wie informelle Zusammenschlüsse und in Einzelfällen ganze &#132;Bewegungen&#148;. Es ist sinnvoll, drei analytische Ebenen zu unterscheiden, die in der Praxis allerdings ineinander übergehen. Sie dienen daher vor allem als forschungspragmatische Orientierungshilfen.</p>
<p>1. Ziele und Interessen</p>
<p>Politische Akteure verfolgen in der Regel mehr oder weniger klare Ziele, die meist bestimmten Interessen entsprechen (Rohe 1990). Im Fall von Protestbewegungen sind die<br />Ziele scheinbar vergleichsweise leicht zu bestimmen. Doch bei genauem Hinsehen verschwimmen auch hier die vermeintlich klaren Abwehrziele oft; zudem verändern sie sich meist im Lauf einer Auseinandersetzung. Im Streit um die Nutzung von Uranvorkommen im südbadischen Menzenschwand zwischen 1960 und 1990 kann man gar mehrere 180-Grad-Wendungen der lokalen Eliten feststellen: von radikaler Ablehnung eines Abbaus über die Bereitschaft zu einer tourismusverträglichen Nutzung des Gesteins wieder hin zum Kampf gegen alle Uranprojekte (Simon 2003).<br />Meist findet sich ein Konglomerat von Zielen und Interessen, die sich häufig sogar widersprechen (Mergel 2002: 604f.). Trotz dieser Vorbehalte lohnt es, nach möglichen Interessen in politischen Auseinandersetzungen zu fragen. Insbesondere beim Vergleich von Umweltkonflikten lassen sich Muster erkennen, in denen ökonomische Erwägungen der Betroffenen eine größere Rolle spielen, als man zunächst annehmen würde (Bergmeier 2002; Engels 2004). Zwischen den Zielen und Interessen sowie dem Verhaltensstil besteht ein wechselseitiges Verhältnis. Interessen bilden nicht einfach die Basis politischen Verhaltens. Vielmehr lässt sich häufig beobachten, wie die Elemente eines eingefahrenen Verhaltensstils erheblichen Einfluss auf die Ziele einer Gruppierung nehmen.<br />Ein Beispiel: In den öffentlichen Auseinandersetzungen um die Einrichtung des ersten Nationalparks der Bundesrepublik im Bayerischen Wald zwischen etwa 1965 und 1970 spaltete sich das Lager der Naturschutzverbände in Befürworter und Gegner (Sperber 2001; Chaney 1996). Dies überrascht angesichts der oft sehr alten Nationalparkpläne aller beteiligten Verbände. Zudem glichen sich die Schutzkonzepte beider Lager: Alle setzten darauf, den Naturschutz als Zugpferd für den lokalen Tourismus zu &#132;verkaufen&#148;. In dieser Hoffnung unterstützten auch die betroffenen Kreise und Kommunen das Projekt. Kritiker eines Nationalparks gab es kurioserweise fast nur in der Forstverwaltung und bei einem Teil des Naturschutzes. Wichtigster Gegner war der Verein Naturschutzpark, der ein eigenes Schutzkonzept entwickelt hatte. Man fürchtete offenbar die Konkurrenz eines Nationalparks. Dies kann aber nicht der einzige Grund für die naturschutzinterne Konfrontation gewesen sein, denn der Verein unterstützte durchaus andere Nationalparkvorhaben. Wichtiger war die stilistische Entfremdung zu den Nationalparkbefürwortern um Bernhard Grzimek. Setzte der Verein Naturschutzpark in seinen politischen Aktionen auf lautlose Verhandlungen mit staatlichen Stellen, oftmals auf der Grundlage persönlicher Verflechtung im Geist der Einvernehmlichkeit und Diskretion, starteten die Nationalparkadepten eine aggressive Medienkampagne, die Politiker und Gegner mit Beschuldigungen, aber auch Meinungsumfragen und Kundgebungen massiv unter Druck setzte. Solches Verhalten war in den Augen des Vereins Naturschutzpark und anderer Verbände untragbar; 1968 zwangen sie Grzimek zum Rücktritt vom Amt als Präsident des Deutschen Naturschutzrings. Hier erwies sich der Verhaltensstil mitsamt seinen kulturellen Signalen als entscheidender Grund dafür, dass ein Teil der Naturschutzverbände sich gewissermaßen dysfunktional verhielt (Bourdieu 1992; Willems 1997: 94). Nach 1970 häuften sich ähnliche interne Konflikte an vielen anderen Stellen (Reichelt 1992). Dabei ging es stets um konkurrierende Vorstellungen nicht nur von Taktik, sondern ganzer politischer Weltbilder.</p>
<p>2. Handlungspraxis</p>
<p>Den Schwerpunkt bei der Untersuchung von politischen Verhaltensstilen bilden die Handlungsweisen der Akteure. Man könnte auch von einer charakteristischen Handlungspraxis sprechen, die häufig auch einer bestimmten Ästhetik entspricht. Hier sind verschiedene Elemente zu beachten, von denen ich die wichtigsten stichwortartig aufliste. Alle politischen Aktionen mit dem Ziel, das (politische) Anliegen zu Gehör zu bringen, bilden die Handlungspraxis.<br />Dabei interessiert besonders die Strategie, die den Aktionen zugrunde liegt. Beim Nationalparkkonflikt wurde bereits auf den Unterschied zwischen öffentlichkeitsorientierten Modellen und Lobbying hinter verschlossenen Türen verwiesen.<br />Nicht nur die Handlungsweisen &#132;nach außen&#148;, sondern auch die innere Verfasstheit von Gruppierungen sind Teil des Verhaltensstils. Im Wesentlichen ist dabei an die Entscheidungsabläufe innerhalb einer Gruppierung zu denken sowie an die identitätsstiftenden Geselligkeitsformen. Eine Kundgebung hat die Dimension der Außenwirkung, aber wirkt auch gemeinschaftsbildend &#132;nach innen&#148;. Es ist ein Unterschied, ob sich diese Gemeinschaftsbildung in Form geführter Wanderungen in einem bedrohten Naturschutzgebiet vollzieht oder ob die emotional überkochende Stimmung auf einer Demonstration sich anschließend in einer spontanen Bauplatzbesetzung entlädt (vgl. Linse 1988).<br />Wichtige Bedeutungsträger sind auch die Rhetorik bzw. die Sprache der Handeln-den. So besteht ein deutlicher Kontrast nicht nur im Inhalt, sondern auch hinsichtlich der pathetischen Färbung kulturkonservativ argumentierender Heimatschützer der 1950er Jahre sowie dem Pathos von Antikernkraftinitiativen der 1970er, die vor dem drohenden quasi faschistischen Atomstaat warnten.<br />Insbesondere Protestbewegungen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, eine politische Ikonographie zu entwickeln. Kennzeichnend für Protestgruppen der 1950er Jahre ist offenbar das Mitführen von Totenkopfsymbolen, um auf die möglichen Folgen durch Eingriffe in die Umwelt hinzuweisen. Jedenfalls finden sie sich bei zwei der Aufsehen erregendsten Umweltproteste jener Zeit, nämlich im Widerstand gegen die Nutzung des sogenannten Knechtsands im Wattenmeer nördlich von Bremerhaven als Bombenübungsgelände durch die Britische Luftwaffe sowie in den Protesten gegen Rauch und Rußschäden im saarländischen Kleinblittersdorf. Zum Untersuchungsgebiet Ikonographie gehört grundsätzlich das gesamte sichtbare Formenvokabular politischer Aktionen bis hin zur Choreographie eines Protestzuges.<br />Jenseits der politischen Aktionen im landläufigen Sinne gehört zum politischen Verhaltensstil die gesamte lebensweltliche Stilisierung und Rollenverhaltung der Protestierenden, etwa in Kleidung, Sprache, Konsumverhalten, Sozialverhalten, zumindest so weit sie im Rahmen des Protests sichtbar wird. Diese selbst können wiederum vom Protest beeinflusst werden. In den 1970er Jahren stellt man bei ländlich verorteten Pro-testen häufig fest, dass &#132;Protesttouristen&#148; aus den urbanen Zentren versuchen, sich den lokalen Lebensstilen zumindest symbolisch anzupassen, um an deren Protestlegitimation gleichsam teilzuhaben &#151; etwa bei den Konflikten um die Startbahn West und die großen Kernkraftvorhaben.</p>
<p>3. Bedeutungsgehalt</p>
<p>Auf einer dritten, resümierenden Ebene sollte man den über den Einzelfall hinaus weisenden impliziten, oft nicht bewussten Bedeutungsgehalt des Verhaltensstils bestimmen. Dabei kann man zum einen versuchen, das politische Weltbild der Akteure zu rekonstruieren, also in erster Linie das von ihnen favorisierte Modell legitimer politischer Auseinandersetzung &#150; das sich natürlich auch im Lauf der Auseinandersetzung ändern kann. Auf einer höheren Abstraktionsebene scheinen dabei auch allgemeinere Normen für das gesellschaftliche Zusammenleben, Moralvorstellungen etc. auf. Diese lassen sich nicht auf eine kognitive Ebene beschränken, sondern haben meist eine emotionale Dimension, in die der Gefühlshaushalt der Akteure mit einfließt, soweit er in der Handlungspraxis zum Ausdruck kommt. So schwierig es im Einzelnen auch sein mag, politisch relevante Gefühle zu beschreiben ohne in Klischees zu verfallen, so wichtig ist es aber, deren Bedeutung als wirksame politische Größe ernst zu nehmen.<br />Zum anderen sollte auf dieser Ebene die soziale Selbstverortung der Akteure unter-sucht werden. Inwieweit öffnet oder schließt sich eine Protestgruppe gegenüber bestimmten stilistischen Milieus? Mundartlich vorgetragene Protestlieder schließen tendenziell alle &#132;Zugezogenen&#148; aus, studentisches &#132;Räuberzivil&#148; schließt jene aus, die zum Establishment gehören. Andererseits sind Protestveranstaltungen mit lokaler politischer Prominenz dazu angetan, zumindest regional integrierend zu wirken; von professionellen Graphikern gestaltete Plakate sprechen tendenziell größere Gruppen an als eng betippte, hektografierte Flugblätter. Gerade unter dieser Fragestellung spielen schwer artikulierbare Bindungen und Abwehrreaktionen eine gewichtige Rolle.</p>
<p>Profilbildungen als Vergleichsmethode</p>
<p>Strebt man einen Vergleich verschiedener Gruppierungen an, ist es sinnvoll, die Einzelelemente ihres jeweiligen Verhaltensstils zu einem Profil zu verdichten. Zwar besteht die Gefahr, mit der schlagwortartigen Benennung eines Verhaltensstilprofils die Komplexität einer Gruppierung nur ungenügend zu berücksichtigen. Doch ergeben sich auf der anderen Seite Beschreibungsmöglichkeiten, die flexibler sind als starre Kategorien, wie sie etwa gelegentlich fiir die Einordnung von Protestformen vorgeschlagen werden, etwa als &#132;konventionell&#148; versus &#132;unkonventionell&#148; (Barnes 1979: 35-39). Grundsätzlich ist zu beachten, dass derartige Profile von der Fragestellung abhängig sind, und sich bei verändertem Erkenntnisinteresse auch andere Charakterisierungen ergeben können.<br />Besonders hilfreich ist es, wenn man für einzelne Elemente oder Ebenen polare Bewertungsschemata entwickelt. Bei Kleidungsstil und Sozialverhalten etwa ist eine Bewertung zwischen &#132;formell&#148; und &#132;informell&#148; denkbar, wobei die formelle Kleidung im traditionellen Naturschutz uniform- oder trachtenähnliche Elemente aufweisen kann oder sogar Anklänge an die VJandervogelkluft enthält. Auch die scheinbar informelle Kleidung jüngerer Protestakteure seit den 1970er Jahren richtete sich nach bestimmten Codes und schloss bestimmte Kleidungsstücke aus oder verlangte nach anderen &#150; Differenzierungen sind also unerlässlich. Politische Strategien können mit Blick auf die Bedeutung der Öffentlichkeit zwischen &#132;diskret&#148; und &#132;öffentlich&#148; skaliert werden, wobei in der Regel Mischungsverhältnisse vorliegen und nur die Tendenz zu bestimmen ist. Die Bewertung der Öffnung bzw. Schließung wäre zwischen den Polen &#132;Exklusivität&#148; und &#132;Offenheit&#148; angesiedelt. Dabei kann sich im Übrigen die vermeintliche Offenheit mancher Bürgerinitiative als Illusion erweisen, die ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre stilistisch zunehmend exklusiv auf die junge, gut ausgebildete und &#132;antietablierte&#148; Generation zielte. Je nach Fragestellung können auch die Vorstellungen von politischer Auseinandersetzung auf einer Skala zwischen &#132;Harmonie&#148;- und &#132;Konkurrenz&#8220;-Modellen angeordnet werden.<br />Wählt man eine zusammenfassende Betrachtungsebene von Umweltprotest zwischen etwa 1950 und 1980, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die Protestformen der wichtigsten Akteure vor der ökologischen und gesellschaftlichen Wende um 1970 tendenziell darauf setzten, sich möglichst unauffällig, &#132;verträglich&#148; und nahe am stilistischen Mainstream des konservativen Gravitationszentrums der Republik zu orientieren. Seit 1970 verlagerte sich die stilistische Verortung in Richtung junger, sich progressiv und antietabliert gebender Eliten, deren Umgangsformen eher konflikthaft waren und auf Veränderungspathos setzten. Zugleich wandelte sich auch die soziale Zusammensetzung der Akteursgruppen, wozu auch ein deutlicher Verjüngungsprozess gehörte. Auf diese Weise verlor der Naturschutz zumindest teilweise sein &#132;konservatives&#148; Image und wurde in Gestalt des erweiterten Umweltschutzes zunehmend als genuin &#132;progressives&#148; An-liegen kontextualisiert &#150; obwohl der Ideengehalt sich deutlich weniger veränderte als die Stilformen.</p>
<p>Genbrationenfolge und Stilwandel</p>
<p>Die Untersuchungsebenen und ihre Elemente bilden kein erschöpfendes Untersuchungsraster. Vielmehr verstehen sie sich gewissermaßen als Denkanstöße für die Entwicklung von Forschungsstrategien. Diese könnten etwa einen Beitrag zur Untersuchung des &#132;Generationenwandels&#148; liefern. Ein wichtiger Baustein in unserem Verständnis von politischen Generationen ist sicherlich ihr stilistisches Profil. Eine detaillierte Untersuchung des Stilwandels könnte nach den einzelnen Elementen wie Strategie, Sprache, Kleidung etc., differenzieren. Dabei könnte untersucht werden, wie der Stil einer neuen Generation sich historisch formiert &#150; auf welchem Wege sich eine neue Generation also bildet oder &#132;erfindet&#148;. Dies mag auch unterschiedliche Geschwindigkeiten und Ungleichzeitigkeiten hinsichtlich der biologischen Zusammensetzung der Kategorie Generation zutage fördern: Mit Blick auf ausgewählte Elemente seines politischen Verhaltensstils etwa lag Bernhard Grzimek, Jahrgang 1909, sehr nah an der &#132;Protestgeneration&#148;, deren Mitglieder nach gängigen Darstellungen in der Regel etwa zwischen 1940 und 1950 geboren wurden (vgl. dazu, wenn auch ohne expliziten Hinweis auf das Generationenproblem, Engels 2003).<br />Im Rahmen der Protestforschung scheint mir eine zweite Perspektive interessant. Mit Hilfe der Verhaltensstilanalyse könnte man klären, in wie weit die Stabilität einer (Protest-) Bewegung von einem gemeinsamen Stil und einem gemeinsamen Gefiihlshaushalt abhängig ist, oder ob Stilpluralismus die Langlebigkeit einer Bewegung vergrößert oder verkleinert. Möglicherweise hat die stilistische Gemeinschaftsbildung in Protestbewegungen eine analoge Bedeutung wie die hinlänglich bekannte Neigung zur Selbsterhaltung und Kompetenzerweiterung bei (staatlichen) Institutionen. Die Folgen des &#132;Alterns&#148; eines stark habitualisierten Verhaltensstils im Vergleich zu einer im Wandel befindlichen Gesellschaft habe ich bereits am Beispiel des Wandels um 1970 angedeutet. Es gibt gerade im Umweltprotest der 1970er Jahre auch Beispiele dafür, wie einzelnen Verbänden eine Stilmodernisierung gelang, ein Verhaltensstil also den anderen ersetzte und die Bewegung dadurch &#132;aktualisierte&#148;. Ein interessantes und erfolgreiches Beispiel ist in diesem Zusammenhang der B.U.N.D., der 1975 gegründet wurde. Zu den wichtigsten Impulsgebern und späteren Landesverbänden gehörte der Bund Naturschutz in Bayern, eine klassische traditionelle Naturschutzorganisation, deren Wurzeln am Beginn des 20. Jahrhunderts liegen. Unter seinem jungen Vorsitzenden Hubert Weinzierl hatte der Bund Naturschutz schon seit Ende der 1960er Jahre neue Wege beschritten und sich beispielsweise um eine professionalisierte, aggressive Öffentlichkeitsarbeit bemüht. Der B.U.N.D. sollte eine neue umweltpolitische Kraft auf Bundesebene werden und der traditionellen Spitzenorganisation, dem Deutschen Naturschutzring, das Wasser ab-graben. Auf der Suche nach Verbündeten in anderen Bundesländern ging der Bund Naturschutz Koalitionen mit deutlich &#132;alternativ&#148; geprägten Kräften ein. Stilistische, aber auch ideologisch-inhaltliche Unterschiede traten zwar zu Tage; wurden aber letztlich erfolgreich ausgeglichen. Es gelang dem B.U.N.D., sowohl für das traditionell bayerische Naturschutzmilieu als auch für junge, &#132;alternativ&#148; und urban geprägte Umweltschützer eine attraktive Anlaufstelle zu werden (vgl. Stiftung Naturschutzgeschichte 2003).<br />Generell dürften Untersuchungen zum stilistischen Überaltern des modernen Umweltschutzmilieus spätestens dann auf der Tagesordnung stehen, wenn seine Träger das Rentenalter erreichen &#150; folglich eher morgen als übermorgen.<br />Herzlich danken möchte ich Franz-Josef Brüggemeier, Martin Dinges, Ulrich Eith, Ulrike Krampl, Alf Lüdtke, Lutz Sauerteig und Hillard v. Thiessen, die mir auf der Grundlage eines anderen Textes wichtige Hinweise zum &#132;Verhaltensstil&#148; gegeben haben.</p>
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		<title>Die Macht der Geschichte</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/de-macht-der-geschichte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:55:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Was APO und Attac wirklich trennt In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 59ff Internet statt Flüstertüte, reformerischer Pragmatismus statt revolutionärem Utopismus: auf diesen Nenner lassen sich die gängigen Antworten bringen, die man auf die oft gestellte Frage nach den Unterschieden zwischen Attac und APO bekommt. Regelmäßigwird auf die Diskrepanzen zwischen angestrebten Zielen und angewandten Methoden [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Was APO und Attac wirklich trennt</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 59ff</p>
<p>Internet statt Flüstertüte, reformerischer Pragmatismus statt revolutionärem Utopismus: auf diesen Nenner lassen sich die gängigen Antworten bringen, die man auf die oft gestellte Frage nach den Unterschieden zwischen Attac und APO bekommt. Regelmäßig<br />wird auf die Diskrepanzen zwischen angestrebten Zielen und angewandten Methoden hingewiesen, die beide Bewegungen kennzeichnen. Dabei wird jedoch der entscheiden-de, wesentlich gravierendere Unterschied zwischen beiden außer acht gelassen: Anders als &#8211; gerade von Vertretern der 68er &#8211; zumeist behauptet, handelt es sich bei der APO um ein in seinen tragenden Wurzeln deutsches Phänomen. Dagegen haben wir es bei Attac tatsächlich mit der ersten internationalen sozialen Bewegung zu tun. Daher rühren Stärken und Schwächen von Attac.</p>
<p>Die APO als letzte Nationalbewegung</p>
<p>Gegen die gängige und grundsätzlich zutreffende multidimensionale Wertung der APO &#150; als Jugendprotest, Generationenkonflikt und Modernisierungsbewegung &#8211; soll hier ihr zutiefst deutscher Charakter beleuchtet werden. Sieht man von Norbert Elias ab, der in seinen Studien über die Deutschen schon früh auf die zentrale Bedeutung der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer mentalen Prägungen für die Revolte hinwies, wird, insbesondere von den Protagonisten der Bewegung, all das hervorgehoben, was die APO zum internationalen, -jugendrevolutionären Bruch mit nationalen Traditionen macht. Allzu gerne wird der Mythos der globalen Bewegung gepflegt.<br />Die Ursache der spezifisch deutschen Radikalisierung in den 1960er und vor allem 70er Jahren wird dabei geflissentlich übersehen: Die APO speiste sich vor allem aus nationalen mentalitätsgeschichtlichen Motiven. Natürlich geht es hier nicht um die seit geraumer Zeit von Bernd Rabehl und anderen verfochtene These, wonach es sich bei der APO in Wahrheit um eine nationalrevolutionäre Bewegung gehandelt habe. Den-noch lassen sich die Wurzeln dieser Bewegung wie ihre bis heute anhaltende Wirkmächtigkeit ohne Krieg und Nachkriegszeit gar nicht erklären.<br />Mitte der 1960er Jahre lag das Ende des Nationalsozialismus gerade einmal zwei Jahrzehnte zurück. In noch viel stärkerem Maße als heute waren sämtliche gesellschaftlichen Diskurse, waren alle politischen Positionen und Anschauungen mit den Erblasten der deutschen Geschichte kontaminiert. Natürlich galt dieses Nachwirken auch für die 68er-Bewegung.<br />Schon allein phänotypisch deutet sich dies in der gängigen Bezeichnung der Protagonisten der Bewegung als Studentenführer an; ebenso in deren Vergottung innerhalb der Bewegung, ein Ausfluss des damals nach wie vor herrschenden reaktionären Autoritarismus. Aber auch in der Motivation der Bewegungsaktivisten wirkten die Prägungen der Väter nach. Noch die vermeintlich internationalen Ursachen für das Aufflammen der Proteste, die Politik der USA in Vietnam und anderswo, wurden durch die nationale Brille gesehen. Im gängigen revolutionären Slogan &#132;Kapitalismus führt zum Faschismus, Kapitalismus muss weg&#148; spiegelt sich das untergründige deutsche Motiv: Auf der Suche nach der Erklärung für das deutsche Jahrhundertverbrechen wird die vermeintliche Unfassbarkeit und Unerklärbarkeit der NS-Zeit dingfest gemacht, indem der Faschismus auf den Kapitalismus projiziert und damit gleichsam gebannt wird. In dieser Hinsicht agierten die 68er allenfalls getarnt als Marxisten; in Wahrheit fungierten sie eher als Exorzisten, die dem Land den Faschismus nachträglich austreiben wollten. Antikapitalismus wurde zum Entlastungsdiskurs für die &#132;Bewältigung&#148; von Auschwitz. Auch die gängige Demo-Parole &#132;USA-SA-SS&#148; illustriert dies. Odo Marquardt erkannte darin nachholenden Widerstand gegen die bereits geschlagenen Nationalsozialisten, der sich &#150; paradoxerweise &#150; gegen die amerikanischen Befreier richtete. Die 68er entpuppten sich also auch in dieser Hinsicht als echte &#132;Kriegskinder&#148; (Heinz Bude). 1968, genauer: 1968 in Deutschland, ist deshalb auch und gerade im antikapitalistischen Protest &#132;Bewältigung&#148; der jüngsten deutschen Vergangenheit.<br />Erst aus diesem spezifisch deutschen Motiv erklärt sich der in Deutschland besonders dramatische Generationenkonflikt. Wenn es in der Bundesrepublik hieß: &#132;Traue keinem über dreißig&#148;, hatte das eine völlig andere Bedeutung als in den USA oder in Frankreich. Schon die wenig älteren Geschwister konnten, wie Uwe Timm in seinem jüngst erschienenen autobiographischen Zeugnis Am Beispiel meines Bruders anschaulich schildert, den Krieg noch als Soldat erlebt haben. Die Über-Dreißig-Jährigen: sie waren in der Freund-Feind-Semantik Gudrun Ensslins &#132;die Generation von Auschwitz&#148;.<br />Jugendlichkeit fungierte als Auszeichnung &#150; insofern &#132;genossen&#148; die 68er tatsächlich die Gnade der späten Geburt. Diese Gnade war zugleich ein ausgezeichnetes Kampfinstrument. Noch in der Dämonisierung der Elterngeneration war bereits die zwei-fache Nobilitierung der eigenen Generation enthalten: erstens zu generationell unbelasteten Opfern, zweitens zu gleichwertigen Gegnern, die den Kampf mit den faschistischen Eltern aufnehmen wollen und können. Für die 68er kam zudem erleichternd hinzu, dass die Haltung der Eltern, so diese in der in weiten Teilen vaterlosen Generation überhaupt noch vorhanden waren, in hohem Maße ambivalent war. Einerseits war sie durch große Irritation oder gar echte Angst vor den Nachwachsenden gekennzeichnet. Schon als die sogenannten Halbstarken sich in den 1950er Jahren mit Verhaltensweisen der Renitenz Luft machten, die man heute allenfalls als jugendtypisch bezeichnen würde, sorgte sich ein ganzes Land, soeben noch barbarisch in ganz Europa wütend, um die vermeintliche Verrohung seiner Jugend. Andererseits genossen gerade die Studenten einen enormen Erwartungsvorschuss der Eltern. In einem Land, das sich nach dem zehnjährigen Produktivismus der Vernichtung unreflektiert in den Produktivismus des Wiederaufbaus stürzte, mental zusammengeschweißt durch das &#132;kommunikative Beschweigen&#148; (Hermann Lübbe) der Tätergeneration, war großer Bedarf nach intellektueller Modernisierung durch eine junge Generation. Diese Generation bekam folglich viel Raum, vor allem im Überbau, wo sich bis dato nur wenige &#132;Pinscher&#148; als krittelnde Kläffer aufhielten. Sie bekam den Raum auch, um die eigene deutsche Geschichte ins Visier zu nehmen. Nirgends ist die grundsätzliche Gewogenheit der Älteren der Jüngeren gegenüber deutlicher zu sehen als in dem legendären Gespräch von Günter Gaus mit Rudi Dutschke: Der Ältere geht dort, bei aller Skepsis, voller Interesse und Sympathie auf die verqueren Argumente des revolutionären Charismatikers ein. Zwanzig Jahre nach dem Krieg war die Bundesrepublik &#150; trotz aller Widerstände &#150; reif und bereit für die kommende Bewegung.<br />Charisma und Karriere: von Dutschke zu Fischer<br />Das auffällige Charisma der 68er speist sich bis heute aus diesen nationalhistorischen Motiven; es ist also im Grunde immer noch zutiefst national geprägt. Jede Politik war für diese Generation auch Arbeit an der deutschen Geschichte, also Geschichtspolitik. Einerseits von den Vätern gleichsam beauftragt, gleichzeitig aufgrund des eigenen familiären Hintergrunds tief verstrickt in den Gedankenhorizont der Vätergeneration, suchten sie, nach der vollkommenen Delegitimierung des Nationalen durch den Nationalsozialismus, nach einer politischen Ersatzidentität. Sie fanden sie zunächst im Sozialismus, später, wenn auch in abgeschwächter Form, in Europa. Die eigene Generation blieb jedoch stets der Bezugspunkt; die vermeintlich globale Generation der Gleichaltrigen ersetzte die vormals nationale Identität. Faktisch wurden die 68er damit zu einer Generation mit paradoxaler Struktur: Sie bildeten die letzte von der katastrophalen deutschen Nationalgeschichte entscheidend geprägte Generation, die gleichzeitig den Keim zur Überwindung des Nationalstaats bereits in sich trug.<br />Keiner personifiziert diesen Willen zur Geschichtspolitik stärker als Joschka Fischer. Vom Studentenführer Dutschke zieht sich ein unsichtbares Band zum Weltendenker und Europagestalter Fischer. Der grüne Außenminister weiß, weshalb er auf sein Label des &#132;notorischen 68ers&#148; (Fischer über Fischer) nicht verzichten mag. Obwohl als 1948 Geborener viel zu jung, um ein 68er-Führer gewesen zu sein, wuchert er bis heute gekonnt mit seinem stärksten Pfund: &#132;der Last der deutschen Geschichte&#148;. Er hat erkannt, dass sich sein Charisma vor allem aus seiner virtuosen Geschichtspolitik speist, aus seinem demonstrativ bis in die Gesichtsfalten gelebten Leiden an und für Deutschland. Den Umfragewerten zufolge erkennt sich mittlerweile ein ganzes Land in Fischers Irrungen und Wirrungen wieder. Anders wäre auch die ausdauernde Hingabe kaum zu erklären, mit der die Republik den Werdegang des einstigen Revoluzzers seit seinem ersten Einzug in den Bundestag vor genau 20 Jahren verfolgt. Fischer hat sich im Laufe der Jahre eine erstaunliche politische Deutungshoheit über die deutsche Geschichte verschafft. Anders als der in dieser Hinsicht gänzlich unambitionierte Gerhard Schröder scheint der historische Autodidakt Joschka Fischer oft als erster Historiker der Republik zu sprechen &#150; und das längst nicht mehr nur für die 68er-Generation. Fischer spricht für Deutschland und als &#132;der Unvollendete&#148; (Bernd Ulrich/Mathias Geis) und Mann des Übergangs fast schon für Europa. Erstaunlicherweise wird seinem offensiven Machtanspruch auf die Geschichtsdeutung spätestens seit seinem Sieg in der Debatte um seine eigene Straßenkämpfer-Vergangenheit kaum mehr widersprochen. Bis heute lebt das Pathos seiner Generation, lebt das Pathos Joschka Fischers von der verinnerlichten Gewissheit, immer die richtigen Konsequenzen aus der deutschen Unglücksgeschichte zu ziehen. Aus diesem Erbe speiste und speist sich das Charisma von 68, von Dutschke bis Fischer. Und daraus erklärt sich die besondere Durchschlagskraft dieser deutschen Generation, die sie von ihren Altersgenossen in den anderen westlichen Industriegesellschaften unterscheidet.</p>
<p>Attac &#150; Pragmatismus statt Pathos</p>
<p>Das alles fehlt der globalisierungskritischen Bewegung um Attac. Nationale Geschichtslast kann die internationale Protestgemeinschaft mit Anhängern von Schweden bis Neuseeland ohnehin kaum beschweren. Aber auch im innerdeutschen Diskurs erscheint die verbrecherische deutsche Vergangenheit des 20. Jahrhunderts tatsächlich als vergangen und verbraucht. Auch wenn Deutschland 1989 seine volle Souveränität und damit neue Macht erlangt hat: die alte postnationale Bundesrepublik fungiert als entlastender, zivilisierender Puffer zum &#132;Dritten Reich&#148;. Und an der Bonner Republik wird &#150; wie spätestens das letzte Scharmützel um Fischers Schläger-Episode bewiesen hat &#150; kaum noch etwas wahrgenommen, was zu &#132;bewältigen&#148; wäre. Das Deutschland, in dem Attac heute agiert, ist also weitaus unbelasteter als das von 68. Der Bewegung fehlt damit aber auch jene Hypothek der Geschichte, die für die Generation Fischer zum wichtigsten Schauplatz wie Kampfmittel wurde. Paradoxerweise stellt sich die fehlende historische &#132;Belastung&#148; von Attac somit als Beschränkung ihrer Schlagkraft dar: Attac verfügt damit nicht über das Charisma, das aus der vermeintlichen Bewältigung der Vergangenheit durch 68 resultierte.<br />Das hat Konsequenzen, im guten wie im schlechten: Attac muss auch in Zukunft ohne das Pathos und den Personenkult der APO auskommen. Statt Charisma hat Attac nur Pragmatismus zu bieten &#150; und bis heute auch kein als repräsentativ wahrgenommenes Gesicht. Ganz anders die APO: Bereits vor der Bewegung gab es einzelne Gesichter, beispielsweise die der Kommune 1. BaId danach wurde Rudi Dutschke zur Inkarnation der Rebellion. Der Begriff APO blieb dagegen eine Verlegenheitslösung, zumal er in seiner Bedeutung stets zwischen Außer- und Antiparlamentarischer Opposition changierte. Zunächst war ohnehin von Jugendrevolte oder Studentenbewegung die Rede gewesen. Erst nachträglich wurde APO dann doch noch zum Markenzeichen. Bei Attac ist es genau andersherum: Vor den Gesichtern war und ist bis heute das Label. Attac ist<br />damit im Grunde eine höchst virtuelle Angelegenheit. Einerseits ist dieser Auftritt beispiellos modern: Eine Bewegung ohne körperliche Repräsentanz wird allein durch ein Label repräsentiert. Außer der Marke Attac ist alles nichts. Zugleich ist es höchst unmodern, zumindest was die modernen Formen populistischen Personenkults betrifft: Denn bis heute ist es keinem einzigen Akteur von Attac gelungen, sich selber zur Marke zu machen. Während Rudi Dutschke mit Marx&#8216; Kapital unter dem Arm sogar auf der Zeitschrift Capital posierte und eine ganze Republik, inklusive seines späteren Attentäters, ihn via Bild-Zeitung kannte, ist Sven Giegold, der protestantisch-asketische Aktivist, noch immer bloß der heimliche Macher von Attac. Selbst wenn der weitgehend unbekannte Stern-Ableger Neon sich jüngst den Spaß erlaubte, ihn bei der Präsentation der hundert wichtigsten jungen Deutschen auf Platz 1 zu setzen: Attac bleibt hinsichtlich seines deutschen Personals ein unbeschriebenes Blatt.<br />Für Attac resultieren aus dieser divergierenden Startposition Chancen und Probleme zugleich. Zunächst scheidet der Populismus charismatischer Führer und Demagogen unter diesen Voraussetzungen aus. Attac ist in seiner Arbeit weit mehr auf sachliche Überzeugungskraft angewiesen. Themen statt Personen werden auch weiter im Mittelpunkt stehen. Allein die Bedeutung der von Attac aufgegriffenen Inhalte wird letztlich über die Zukunftsfähigkeit der Bewegung entscheiden &#150; wobei die Möglichkeit von Populismus nicht der Person, sondern in der Sache um so mehr eine Versuchung bleiben wird. Maßgeblich wird zudem sein, ob es Attac als ihrem Anspruch nach globaler Bewegung tatsächlich gelingt, im Zuge der Herausbildung einer europäischen und globalen Öffentlichkeit die bisherigen nationalen Grenzen für die Wirksamkeit von Protest dauerhaft &#150; und vielleicht auch institutionell &#150; zu überwinden. Auch wenn die Erfolge der jüngsten Vergangenheit, insbesondere auf den letzten WTO-Gipfeln von Seattle bis Cancun, positive Ansätze der Konsolidierung einer internationalen Gegenöffentlichkeit zeigten, wird die globalisierungskritische Bewegung in den nächsten Jahren den Nachweis ihrer Tauglichkeit erst erbringen müssen. Immer wieder wird sich dabei auch die Frage stellen, ob es der Personalisierung der Bewegung bedarf und wie eine solche auf europäischer oder globaler Ebene demokratisch vonstatten gehen sollte. Bisher scheint die Bewegung jedenfalls noch weitgehend ohne Promis auszukommen &#150; sieht man von ihren wenigen Stars ab, wie dem französischen Bauernaktivisten Bove oder, in einem weiteren Sinne, dem Subcommandante Marcos.</p>
<p>Markenpolitik statt Geschichtspolitik</p>
<p>Eine andere, wenn auch unwahrscheinliche Möglichkeit gibt es dagegen dennoch: Vielleicht wird der deutsche Ableger von Attac doch noch von der deutschen Geschichte eingeholt. Eine Marke ist bekanntlich ein empfindliches Gut und bedarf der sorgsamen Pflege, um nicht an Marktwert zu verlieren. Wenn, wie vor kurzem, antisemitische Strömungen bei Attac von sich reden machen, läuft die Marke Gefahr, ihren guten Leumund zu verlieren. Dieses Problem stellt sich umso mehr bei einer Bewegung, die wie Attac über kein öffentlich bekanntes Personal verfügt, das für die Glaubwürdigkeit der Bewegung gleichsam bürgen könnte. Es wird sich zeigen müssen, ob die Marke Attac schon über soviel Substanz verfügt, dass sie dieser Belastung standhält und sich weiter stabilisiert. Die augenblickliche, gleichwohl weitgehend positive Medienpräsenz spricht durchaus dafiir, die Stagnation der im Vergleich zu Frankreich noch weitaus niedrigeren Beitrittszahlen eher dagegen. Denn eine Bewegung ohne Bewegung, genau-er: ohne Wachstum, bekommt irgendwann ein Problem.<br />Eines dürfte den Aktivisten von Attac dagegen wohl erspart bleiben, gerade aufgrund ihrer Unterschiede zur APO: nämlich die Versuchung, den Weg ihrer Vorgängerbewegung zu beschreiten. In der historisierenden Rückschau, 35 Jahre nach 68, sieht man klarer, was von den Protagonisten der 68er-Generation nach ihrem langen Marsch durch die Institutionen bleibt. Und das ist wesentlich profaner als der ursprüngliche utopische Anspruch. Diese Bewegung war vor allem eins: Katalysator für biographischen Aufstieg, kollektiv und individuell. Historisch bedingtes Charisma wurde in Karriere umgemünzt. Die 68er haben größtenteils ihre beruflichen Chancen gut genutzt &#151; Chancen, die den nachwachsenden Generationen schon lange nicht mehr offen stehen. Und anders als ihre Vorgänger werden die Attac-Aktivisten nicht mit generöser Duldsamkeit der Altvorderen zu rechnen haben. Die 68er an der Macht haben nach Attac jedenfalls nicht gerufen. Im Gegenteil: Bisher hat die 68er-Generation ihre Pfründe stets massiv gegen die Ansprüche der Nachwachsenden verteidigt. In diesem Sinne spricht einiges dafür, dass der Kampf von Attac weiter gehen wird, weiter auch als bis in die nächste Regierungslimousine.</p>
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		<item>
		<title>Massenmedien und soziale Bewegungen</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/massenmedien-und-soziale-bewegungen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:54:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Entwicklung der Medienstrategie von Attac 2000 bis 2002 In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 65ff Der Aufgabe, die Entstehung und den Verlauf sozialer Bewegungen zu erklären, hat sich die Bewegungsforschung bisher am intensivsten gewidmet. Dabei wurde die Rolle von Massenmedien bisher nur unzureichend und zudem meist unsystematisch in die zentralen Erklärungsansätze integriert (vgl. Rucht [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Entwicklung der Medienstrategie von Attac 2000</p>
<p>bis 2002</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 65ff</p>
<p>Der Aufgabe, die Entstehung und den Verlauf sozialer Bewegungen zu erklären, hat sich die Bewegungsforschung bisher am intensivsten gewidmet. Dabei wurde die Rolle von Massenmedien bisher nur unzureichend und zudem meist unsystematisch in die zentralen Erklärungsansätze integriert (vgl. Rucht 1994). Dieser Mangel überrascht, denn spätestens seit der Veröffentlichung von Todd Gitlins wegweisender Studie über<br />das making and unmaking des amerikanischen SDS ist die zentrale Rolle der Massen-<br />medien für die Entwicklung sozialer Bewegungen bekannt (1980). Da die globalisierungskritische Organisation Attac, wie Albrecht von Lucke provozierend formulierte, vor allem ein Produkt für und durch die Massenmedien ist (2002), kann ihr schneller Aufstieg als Folie für die Ergründung dieses vernachlässigten Verhältnisses dienen. An anderer Stelle wurde bereits ausführlich dokumentiert, dass Attac Deutschland seinen öffentlichen Durchbruch im Sommer 2001 der plötzlich einsetzenden Medienberichterstattung zu verdanken hatte (Kolb 2003a). Im Folgenden soll die Analyse der Bewegungsmobilisierung durch Massenmedien vertieft werden; daher stehen Entwicklung und Inhalt der Medienstrategie von Attac im Mittelpunkt.</p>
<p>Medienstrategien sozialer Bewegungen: das Beispiel Attac</p>
<p>Bei jedem Versuch, die Medienstrategie einer Bewegungsorganisation in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen, werden die Schwierigkeiten, die aus dem fehlenden systematischen Wissen über die Interaktion von Massenmedien und sozialen Bewegungen resultieren, durch das ebenso lückenhafte Wissen über die Rolle von Strategie in Bewegungen verschärft. Dieter Rucht hat einen wichtigen Beitrag zur Schließung dieser doppelten Lücke geleistet, indem er eine grundlegende Typologie der Medienstrategien sozialer Bewegungen vorgestellt hat (Rucht i.E.). Er unterscheidet dabei zwischen Apathie, Angriff, Anpassung und Alternativen.<br />Apathie ist die Reaktion auf das Desinteresse, dass die Massenmedien manchen sozialen Bewegungen entgegenbringen und führt zur Beschränkung auf nach innen gerichtete Kommunikation.<br />Angriff meint die explizite Kritik der Massenmedien, die als Teil der herrschenden Verhältnisse begriffen und deshalb im Extremfall auch mit gewalttätigen Aktionen angegangen werden.<br />Anpassung bedeutet den Versuch, durch das aktive Eingehen auf die Spielregeln der Massenmedien die Berichterstattung derselben zu beeinflussen und zu nutzen. Alternativen meint den Versuch sozialer Bewegungen, ihre Abhängigkeit von den Massenmedien durch den Aufbau eigener Medien zu reduzieren.<br />Attac Deutschland lässt sich, wie noch ausführlich dargestellt werden wird, eindeutig als Bewegungsorganisation charakterisieren, die auf anfängliche Misserfolge in der Medienresonanz nicht mit Apathie, Angriff oder Alternativen, sondern mit Anpassung reagiert hat. Warum und wie kam es zu dieser Reaktion? Welche Bestandteile hatte die Anpassungsstrategie von Attac? Warum war die Strategie so erfolgreich? Wie hat sich die Medienstrategie über die Zeit hinweg verändert? Um Fragen wie diese zu beantworten, wird im Folgenden die Entwicklung und Veränderungen der Medienstrategie von Attac Deutschland in vier Phasen unterteilt.&#8216;</p>
<p>Phase I: Medienarbeit ohne Strategie (1/2000-1/2001)</p>
<p>Im Januar 2000 wurde Attac Deutschland auf Initiative verschiedener entwicklungspolitischer Organisationen unter dem Namen Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte in Frankfurt am Main gegründet; erst im November 2000 erfolgte die offizielle Umbenennung in Attac. Die Gründungsversammlung richtete per Akklamation einen bundesweiten Koordinierungskreis als Arbeits- und Leitungsgremium ein, und beauftragte ihn mit der Erarbeitung einer inhaltlichen Plattform für die zu-künftige Arbeit des Netzwerkes. Am 3 1. Mai stellte das Netzwerk die Erklärung zur Kontrolle der internationalen Finanzmärkte auf einer Pressekonferenz in Berlin der Öffentlichkeit vor. Bis dahin war diese von ca. 50 kleineren Organisationen und Einzelpersonen unterzeichnet worden. Das Medienecho war enttäuschend &#150; selbst die taz handelte das Ereignis mit 72 Worten ab. Wie in Tabelle 1 dargestellt, blieb mit nur neun Artikeln in der taz das Presseecho auf die Aktivitäten von Attac während des gesamten Jahres 2000 minimal.</p>
<p>Tab. 1. Berichterstattung über Attac in der taz, 2000-2002 2</p>
<p>               2000                                2001                           2002 <br />          Anzahl Prozent                Anzahl Prozent             Anzahl Prozent<br />1.Quartal 2          0,9                        4       1,9                   36     16,9<br />2.Quartal 4          1,9                        7       3,3                   37     17,4<br />3.Quartal 1          0,5                      36       16,9                  28    13,1<br />4.Quartal 2          0,9                      31       14,6                  25    11,7<br />Summe:  9          4,2                      78       36,7                  126   59,1</p>
<p>Diese bescheidene Berichterstattung über Attac im ersten Halbjahr 2000 ist durch den Mangel an mediengerechten Ereignissen zu erklären. Die ersten kampagnenartigen und somit medientauglichen Aktivitäten entwickelte das Netzwerk erst in der zweiten Jahreshälfte im Zusammenhang mit der damals aktuellen Debatte um die Teilprivatisierung der Altersversorgung &#150; der sogenannten Riester-Rente. Aber weder die inhaltlich fundierten Presseinformationen noch die anderen Aktivitäten fanden ein Medienecho, von drei kurzen Erwähnungen in der taz einmal abgesehen. Ähnlich schleppend und frustrierend verlief die Suche nach weiteren Unterzeichnern der Erklärung &#150; Ende des Jahres belief sich deren Zahl auf nur 250. Mit mindestens drei Faktoren lässt sich das verschwindend geringe Medieninteresse im Jahr 2000 erklären (vgl. Ryan 1991). Erstens: Die An-zahl der medientauglichen Aktivitäten von Attac war sehr gering. Zweitens: Attac wurde weder von Journalisten noch von Politikern eine inhaltliche Kompetenz zugestanden. Drittens: Der Mangel an einer bewussten Medienstrategie machte sich bemerkbar. Das Fehlen eines Pressesprechers und unzureichendes Wissen über die Arbeitsweise von Journalisten führte dazu, dass insgesamt sehr wenig zielgerichtete Medienarbeit durch-geführt wurde.</p>
<p>Phase II: Anfänge einer Medienstrategie (1/2001-5/2001)</p>
<p>Die zunehmende Frustration über die ausbleibende öffentliche Resonanz und die ebenso schleppende Mitgliederentwicklung führten im Januar 2001 schließlich zu Änderungen, die die Entwicklung einer Medienstrategie möglich machten und einleiteten. Der Koordinierungskreis nahm das Angebot der sechs Mitarbeiter von Share, einer der Gründungsorganisationen, an, sich zukünftig in ihrer Arbeitszeit ausschließlich dem Aufbau von Attac zu widmen. Innerhalb des so entstandenen Büro-Teams wurde ein Pressesprecher bestimmt; zudem wurden zwei Mitglieder des Koordinierungskreises als ständige Ansprechpartner benannt. Ihre Tätigkeit bestand in der Unterstützung der Arbeit des Sprechers und in der Autorisierung von Pressemeldungen. Die Grundzüge einer Medienstrategie wurden auf einem Treffen mit einem sympathisierenden Journalisten entwickelt. So sollten zukünftig journalistische Standards wie die Länge und das Format von Presseinformationen eingehalten sowie der Rhythmus der Nachrichtenproduktion berücksichtigt werden. Auch der Aufbau eines umfassenden Presseverteilers wurde beschlossen. Außerdem sollte durch die bewusste Inszenierung von Protestaktionen das Interesse der Medien an Attac geweckt werden, um hiermit eine Grundlage für die zu-künftige Berücksichtigung der inhaltlichen Positionen von Attac zu schaffen. Diese Maßnahmen wurden in den folgenden Wochen und Monaten umgesetzt. Im April pro-testierten Attac-Aktivisten beispielsweise in der Bundespressekonferenz gegen die Steuerpolitik der Bundesregierung und im Mai eröffnete Attac Hamburgs erste Steueroase auf der Alster. Diese und weitere Aktionen erzeugten trotz guter Vorbereitung und intensiver Pressearbeit kaum öffentliche Resonanz (vgl. Tab. 1). Das (vorläufige) Scheitern der Medienstrategie lässt sich damit erklären, dass die Berücksichtigung des Nachrichtenrhythmus und die Inszenierung von medientauglichen Ereignissen nicht ausreicht, um das Interesse der Medien zu wecken. Ebenso zentral für die Auswahl von Nachrichten ist der sogenannte Medienaufmerksamkeitszyklus, der beeinflusst, welche Themen und Akteure gerade als aktuell und berichtenswert eingestuft werden (Oliver und Maney 2000). Dazu zählte damals die Globalisierungskritik trotz der Proteste in Seattle im Dezember 1999 nicht.</p>
<p>Phase IIL&#149; Die mediale Aneignung von transnationalen Protesten (6/2001-8/2001)</p>
<p>Nur wenige Wochen nach den oben skizzierten erfolglosen Versuchen, journalistisches Interesse zu wecken, änderte sich der Medienaufmerksamkeitszyklus. Ereignisse außer-halb Deutschlands katapultierten die globalisierungskritische Bewegung in das Bewusstsein der deutschen Massenmedien. Im Juni 2001 fand in Göteborg ein EU-Gipfel statt, der wie schon zuvor in Nizza von Protesten der globalisierungskritischen Bewegung begleitet wurde. Während die Proteste überwiegend friedlich verliefen, kam es zu einzelnen Ausschreitungen, in deren Rahmen die hoffnungslos überforderte schwedische Polizei scharfe Munition einsetzte und mehrere Demonstranten verletzte. Zahlreiche Festnahmen und der Überfall auf ein Schlafquartier der Protestler folgten. Die Schockwellen dieser Ereignisse erreichten Deutschland, weil sich unter den Festgenommenen auch viele Deutsche befanden. Plötzlich sahen sich Journalisten mit der Aufgabe konfrontiert, ihrem Publikum erklären zu müssen, um wen es sich bei diesen Globalisierungskritikern eigentlich handelt. Und als sie sich in ihrer Suche auf Antworten an Attac wandten und bereitwillig Auskunft erhielten, begann sich die Medienarbeit der vergangenen Monate doch noch auszuzahlen.3<br />Bereits im Frühjahr 2001 hatte Attac entschieden, sich am sogenannten Kasseler Bündnis zu beteiligen, das die Mobilisierung zu den Protesten gegen den Weltwirtschaftsgipfel koordinierte, der im Juli 2001 in Genua stattfinden sollte (vgl. Andretta et al. 2003). Durch die Ereignisse und Erfahrungen von Göteborg nahm die Strategie, durch die geplanten Proteste in Genua die Aufmerksamkeit der Medien auf Attac zu lenken und hierdurch eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, Gestalt an. Das vom Büro erarbeitete Pressekonzept hatte folgenden Kern:<br />Journalisten wurde angeboten, in den von Attac organisierten Bussen mit nach Genua zu fahren und ca. 15 Journalisten machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Attac richtete einen speziellen Email-Verteiler und einen SMS-Verteiler ein, um Journalisten zeitnah über alle Entwicklungen in Genua informieren zu können. Vom Bundesbüro in Verden aus vermittelte Attac während der Proteste kontinuierlich mediengerechte Interviewpartner für Rundfunk, Presse und Fernsehen.<br />Die friedlichen Massenproteste von Hunderttausenden, Ausschreitungen kleiner Gruppen von Demonstranten und das extrem gewalttätige Verhalten der Polizei, das in der Erschießung eines Demonstranten gipfelte, machten Genua in ganz Europa zum politischen Großereignis des Sommers 2001. Damit erreichte die Existenz der globalisierungskritischen Bewegung über den Umweg Italien&#149; auch endlich die bundesdeutsche Öffentlichkeit. Die Strategie von Attac ging in einem Maße auf, wie es sich selbst die Aktivisten nicht hätten träumen lassen. Wie in Tabelle 1 zu sehen, schnellte der Umfang<br />der Berichterstattung über Attac im 3. Quartal 2001 in die Höhe. Dies war ausschließlich eine Folgeerscheinung der Proteste in Genua und der sich daran anschließenden Debatte über die globalisierungskritische Bewegung, die fälschlicherweise bald mit Attac gleichgesetzt wurde. Doch nicht nur die taz berichtete &#150; auch in anderen Zeitungen und mit etwas Verzögerung im Rundfunk erlangte Attac große Aufmerksamkeit. Diese enorme Medienpräsenz ließ Mitgliederzahlen und lokale Gruppengründungen in die Höhe schnellen (Kolb 2003a).4 Die sich daraus ergebenden Aktivitäten, die vor wenigen Wochen und Monaten keine Zeile wert gewesen wären, konnten sich jetzt journalistischer Aufmerksamkeit sicher sein.</p>
<p>Phase IV.&#149; Erfolgreiche und gescheiterte Adaptionen der Medienstrategie (9/2001-12/2002)</p>
<p>Die Ereignisse des 11. September 2001 durchbrachen jäh die oben skizzierte Entwicklung und von mancher Seite wurde vorschnell das Ende der globalisierungskritischen Bewegung verkündet. Attac ließ sich jedoch nicht in die Defensive drängen, sondern verstand es, das Ende globaler ökonomischer Ungerechtigkeiten als wichtigen Bestandteil jeder wirkungsvollen Strategie der Terrorismusbekämpfung in den öffentlichen Diskurs zu integrieren (Kolb 2003b). Zudem beteiligte sich Attac aktiv an der Friedensbewegung und gehörte zu den profilierten Gegnern des Afghanistan-Krieges. Dass diese inhaltliche Anpassung erfolgreich war, lässt sich u.a. daran erkennen, dass die Berichterstattung über Attac im 4. Quartal nur geringfügig abgenommen hat (vgl. Tabelle 1).<br />Während Attac und die gesamte globalisierungskritische Bewegung durch den 11. September ein weiteres Thema bedienen mussten, bestand im Koordinierungskreis von Attac der Konsens, die alten Themen dabei nicht übermäßig zu vernachlässigen. Attac Deutschland versuchte deshalb systematisch, das Genua-Erfolgsmodell bei weiteren internationalen Gipfeltreffen zu wiederholen, darunter die EU-Ministerpräsidententreffen in Brüssel im Dezember 2001 und der EU-Gipfel in Sevilla im Juni 2002. Während an den entsprechenden Demonstrationen jeweils weit über 100.000 Menschen teil-nahmen, war die öffentliche Resonanz jedoch enttäuschend gering. Hierfür lassen sich einige Gründe anführen. Attac verfügte zu den Themen beider Gipfel über keine originären inhaltlichen Positionen. Hinzu kam das eigentlich erfreuliche Faktum, dass die Proteste, sowohl von Seiten der Demonstranten als auch von Seiten der Polizei, bis auf kleinste Zwischenfälle friedlich verliefen. Außerdem wurde die Möglichkeit, Gipfel-Treffen zu öffentlichkeitswirksamen Protesten zu nutzen, von den Regierungen der Industrieländer aktiv unter minimiert. Das 3. WTO-Ministertreffen fand in Quatar und damit buchstäblich in der Wüste statt, und der Weltwirtschaftsgipfel flüchtete sich 2002 in die kanadischen Rocky Mountains. Attac war zu diesem Zeitpunkt (vgl. Tabelle 2) jedoch schon nicht mehr auf transnationale Proteste angewiesen, um Medienaufmerksamkeit zu erregen. Das Konzept, auf dem dieser Erfolg beruhte, lässt sich in den Worten der taz-Redakteurin Katharina Koufen zusammenfassen, also einer Adressatin der Attac-Medienstrategie:<br />&#132;Die Presseleute von Attac wissen, wie man Pressemitteilungen verschickt und wie man sich in Szene setzt. Sie wissen, dass Pressemitteilungen nie am Nachmittag ver-<br />schickt werden dürfen, dass sie nie zu lang und vor allem nie zu klein gedruckt sein dürfen, sonst liest sie niemand. [&#8230;] Gute PR-Leute wissen, dass man Gehör findet, wenn man seine Forderungen passend zu solchen Anlässen lanciert, die Medienmenschen wichtig finden. [&#8230;] Die Medien mögen Attac, weil sie hinter kritischen 0-Tönen ihre eigene Meinung verstecken können. Weil Attac so kurz und griffig klingt und außerdem wie ,Attacke!`. Und weil Attac greifbare Forderungen stellt.&#8220; (taz vom 28. September 2002)<br />Doch auch die Einhaltung dieser Prinzipien garantieren keinen Erfolg, wie Attac im Frühsommer 2002 mit seiner Kampagne zur Reform der Gesundheitsversicherung fest-stellen musste. Egal, ob die Kampagne Gesundheit ist keine Ware es mit Positionspapieren, Aktionskonferenzen, Anzeigenaktionen oder einem bundesweiten Aktionstag versuchte, das Medienecho war mit Ausnahme der taz (was allein der zuständigen Redakteurin zu verdanken war) vernichtend gering. In Zeitungen wie der Zeit, der Frankfurter Rundschau oder der Süddeutschen Zeitung, in der über die Positionen und Aktivitäten von Attac zu Finanzmärkten, Steueroasen und Welthandel ausführlich berichtet wurde, fand sich kaum ein Wort hinsichtlich der Aktionen und Positionen von Attac in Sachen Gesundheitspolitik. Die Ursache für dieses Schweigen im Blätterwald beruht auf verschiedenen Faktoren. Die gewohnten Ansprechpartner für Attac in den Medien sind für Gesundheitspolitik nicht zuständig und waren deshalb für die Kampagne weitgehend nutzlos. Der Versuch, relativ kurzfristig entsprechende Kontakte zu den Gesundheitsjournalisten aufzubauen, scheiterte weitgehend, weil Attac in diesem etablierten Politikfeld nicht als legitimer und kompetenter Akteur anerkannt wurde. Erschwerend kam hinzu, dass Attac es versäumte, das Bündel seiner Reformvorschläge mit einem eingängigen Label zu versehen, obwohl die Forderungen im Kern einer &#132;Bürgerversicherung&#148; entsprachen. Die gewohnten Ansprechpartner dagegen kommentierten den Schwenk von Attac zur Innenpolitik teilweise spöttisch: Ihnen war die Verbindung zur Globalisierung nicht plausibel; sie erschien weit hergeholt. Und sogar innerhalb von Attac gelang es der Kampagne nicht, viel Begeisterung und Unterstützung für das Thema Gesundheitspolitik zu mobilisieren.</p>
<p>Tab. 2: Anlässe der Berichterstattung über Attac in der taz in Prozent; in Klammern die Artikelanzahl</p>
<p>                         1/2000   2/2000  1/2001  2/2001   1/2002   2/2002<br />Attac-Aktivitäten 50,0 (3) 66,7 (2) 27,3 (3) 20,9 (14) 38,4 (28) 24,5 (13)<br />Politisches Zeitgeschehen 50,0 (3) 33,3 (1) 36,4 (4) 44,8 (30) 34,2 (25) 49,1 (26) 36,4 (4) 23,9 (16) 17,8 (13) 15,1 (8) Transnationaler Protest       Nationaler Protest    10,4(7) 9,6(7) 11,3(6) Summe: 100, 0(6) 100,0 (3) 100, 0(11) 100, 0(67) 100, 0(73) 100, 0(53) Quo vadis Attac?</p>
<p>Die Entwicklung der Medienstrategie von Attac kann als exemplarisch für das ambivalente Verhältnis von sozialen Bewegungen und Massenmedien gelten. Zwar kann es Bewegungsorganisationen durch eine professionelle und flexible Pressearbeit gelingen, die Massenmedien für ihre Ziele zu nutzen, indem sie ihnen das Material für spannende<br />Nachrichten liefern. Aber das Abhängigkeitsverhältnis zwischen sozialen Bewegungen und Massenmedien ist trotzdem asymmetrisch: Letztere können soziale Bewegungen ohne nennenswerte Kosten ignorieren, während Bewegungen, die politische Veränderung wollen, auf Öffentlichkeit angewiesen sind (Gamson und Wolfsfeld 1993).<br />In jüngster Zeit lassen sich drei Trends in der Berichterstattung über Attac erkennen. Erstens hat sich die Häufigkeit und der Umfang der Berichterstattung insgesamt reduziert, verblieb aber, verglichen mit anderen Bewegungsorganisationen, weiter auf ho-hem Niveau. Da Attac mittlerweile seinen Neuigkeitswert weitgehend verloren hat, handelt es sich dabei gewissermaßen um eine Normalisierung der Berichterstattung. Zweitens gibt es eine relevante Anzahl von Berichten, die sich kritisch mit Attac auseinandersetzen. Exemplarisch dafür ist das Interesse, mit dem die in Attac geführte Antisemitismus-Debatte begleitet wurde.b Da Journalismus aber von Negativnachrichten lebt und zudem das Innenverhältnis von Organisationen grundsätzlich auch einen Nachrichtenwert hat, ist dies ein weiterer Beleg für die Normalisierung der Berichterstattung und zugleich für die politische Bedeutung, der Attac beigemessen wird. Drittens scheint es Attac in einem erneuten Anlauf geschafft zu haben, mit einem innenpolitischen Thema als Akteur wahr- und ernst genommen zu werden: Im Herbst 2003 startete Attac eine Kampagne gegen die Agenda 2010. Während die ersten Aktionen weitgehend unbeachtet blieben, wurde über den Ratschlag zum Thema Sozialabbau und über einen bundesweiten Aktionstag am 20. Oktober gegen die Umsetzung der Agenda 2010 in Presse und Fernsehen berichtet. Allerdings ist es noch zu früh, um zu beurteilen, ob es sich da-bei um einen &#132;Ausrutscher&#148; handelte, oder um einen wirklichen Durchbruch für Attac.<br />* Dieser Text basiert auf einem Forschungsprojekt, das ich während eines Aufenthaltes am Institute for European Studies der Cornell University, Ithaca, NY durchgeführt habe. Für hilfreiche Kommentare zu früheren Versionen des Textes möchte ich mich bei Corinna Blanck, Marianne Koch, Malte Kreutzfeldt und Jörg Rohwedder bedanken.<br />1 Meine Analyse basiert auf internen Dokumenten, einer quantitativen Analyse der Berichterstattung in der taz und auf meinem Hintergrundwissen als Gründungsmitglied und Pressesprecher (1/2001-7/2002) von Attac Deutschland.<br />2 Anzahl bezeichnet alle im Untersuchungszeitraum in der taz erschienenen Texte, die die Geschichte, die Positionen oder die Aktivitäten von Attac behandeln oder in denen Attac als politischer Akteur Erwähnung findet. Prozent verweist auf den Anteil der im jeweiligen Quartal erschienenen Attac-Artikel an allen 213 im Untersuchungszeitraum erschienen Artikeln.<br />3 Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Medienstrategie, auf die ich hier nicht näher ein-gehen kann, war die Positionierung von Attac in der durch Göteborg ausgelösten Gewaltdebatte. Attac gelang es, in der Öffentlichkeit glaubhaft seinen gewaltfreien Charakter zu kommunizieren, ohne sich direkt von anderen Gruppen zu distanzieren.<br />4 Auch andere Gruppen der globalisierungskritischen Bewegung bekamen durch die von den Protesten hervorgerufene Öffentlichkeit neuen Zulauf. Aber obwohl viele zum Zeitpunkt der Proteste wesentlich größer waren, konnten weder die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) noch Peoples&#8216; Global Action (PGA) im gleichen Masse von dem Boom in Genua profitieren, weil sie in der Medienberichterstattung wenn überhaupt, dann nur am Rande erwähnt wurden.<br />5 Die Rubrik Attac-Aktivitäten bezeichnet Artikel, die ausschließlich über Attac und seine Aktivitäten berichten. Politisches Zeitgeschehen bezeichnet Artikel, die über internationale Institutionen, politische Parteien, Regierungen etc. berichten und in denen die Positionen und Forderungen von Attac zitiert werden.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/massenmedien-und-soziale-bewegungen/">Massenmedien und soziale Bewegungen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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