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	<title>vorgänge Nr. 176: Die fragmentierte Gesellschaft Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/editorial-7/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jan 2007 17:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 176 (Heft4/2006): Die fragmentierte Gesellschaft, S. 1-4 Das Fortschrittsgefühl der postmodernen Gesellschaft hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal als die Empfindung von Passanten auf einer Rolltreppe beschrieben, auf der man automatisch vorankommt. Es ist ein Fortschritt im Stillstand, der jedem seinen Aufstieg garantiert und bei dem jedes individuelle Vorwärts drängeln, das darüber [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/editorial-7/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 176 (Heft4/2006): Die fragmentierte Gesellschaft, S. 1-4</p>
<p><b>Das Fortschrittsgefühl der postmodernen Gesellschaft hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal als die Empfindung von Passanten auf einer Rolltreppe beschrieben, auf der man automatisch vorankommt. Es ist ein Fortschritt im Stillstand, der jedem seinen Aufstieg garantiert und bei dem jedes individuelle Vorwärts drängeln, das darüber hinausgeht, als eine Störung der gesellschaftlichen Choreografie angesehen werden muss.</b></p>
<p>Die Rolltreppe ist schon vor einiger Zeit ins Stocken geraten. Der Schaden wird als irreparabel angesehen. Das gemeinsame Gleiten ist einem drängelnden Stolpern gewichen. Die hohen Stufen, die zuvor noch dem Fortschritt seine soziale Ordnung gaben, erweisen sich nun als hinderliche Barrieren, an deren Überwindung der Einzelne seine Stärke erweist. Bei vielen hat sich das Gefühl breit gemacht, dass ohne Rolltreppe das Vorwärtskommen einfacher wäre. Aber einige sind auf ihrer Stufe einfach stehen geblieben und nicht wenige im allgemeinen Gedrängel zurückgefallen. Dort harren sie nun darauf, dass es noch einmal vorwärts geht und hadern mit sich und der Mechanik. Doch sie sind abgehängt, weil es den Fortschritt für alle nicht mehr gibt.</p>
<p>Als die Friedrich-Ebert-Stiftung vor wenigen Wochen eine Studie über die sozialdemokratischen Wählermilieus verbreitete und jeden zwölften Deutschen zum &#8222;abgehängten Prekariat&#8220; zählte, da staunte die Öffentlichkeit, wie groß das Unten der Gesellschaft mittlerweile geworden ist. Und fing sogleich an, darüber zu streiten, ob dieses<br />Unten auch Unterschicht genannt werden dürfe. Ganz so, als bürge ein anderer Name bereits für eine bessere Lage.</p>
<p>Nun ist das Unterschichten-Problem nicht neu. Wer die Daten des Statistischen Bundesamtes aufmerksam studiert, konnte es Jahr für Jahr wachsen sehen. Und es ist nicht mehr allein ein Problem der unteren Schichten. Die Angst vor sozialen Abstieg ist längst in die höheren Etagen der Gesellschaft gekrochen. Die Furcht, nicht mehr mithalten zu können, den Anschluss zu verlieren und am Ende zu den Ausgeschlossenen zu gehören, grassiert auch dort. Neben &#8222;Oben&#8220; und &#8222;Unten&#8220; sind &#8222;Drinnen&#8220; und &#8222;Draußen&#8220; zu entscheidenden Koordinaten der Selbstverortung in der Gesellschaft geworden. Doch diese neuen Koordinaten beschreiben keine gemeinsame soziale Lage, sie bergen keine kollektiven Handlungsoptionen. Solidarität ist zu einer knappen Ressource geworden, die sich vornehmlich im Nahbereich entfaltet. Die Gesellschaft als Ganzes zerfällt in Teilgesellschaften, sie ist fragmentiert, es exitiert kein einheitlicher Begriff von ihr.</p>
<p>Die Vorgänge werfen in dieser Ausgabe einen Blick auf die Fragmente, auf ihre jeweilige Eigenheit, aber auch auf das nach wie vor Verbindende zwischen ihnen. Frank Nullmeier und Frauke Hamann haben den Versuch unternommen, die grundlegenden<br />Entwicklungen auf einen Begriff des Ganzen zu bringen. Es sind genau genommen zwei Begriffe geworden: eine in Teilgesellschaften fragmentierte Konkurrenzgesellschaft, die jeweils und als Ganzes nach den Prinzipien des Wettbewerbs funktionieren und die ihr<br />entsprechende Herrschaftsform, die Postdemokratie, welche zwar noch den formalen Kriterien parlamentarischer Demokratie gehorcht, in ihrem Wesen aber auf den akklamatorischen Nachvollzug von Reformnotwendigkeiten geschrumpft ist. Eine solche Gesellschaft<br />bietet nur noch einen geringen Resonanzboden für die überkommenen, den Zusammenhalt stiftenden Vorstellungen von Gerechtigkeit. Was an deren Stelle die gesellschaftliche Kohäsion gewährleisten kann, ist einstweilen noch offen.</p>
<p>Diese pessimistische Aussicht wird bekräftigt durch die Ergebnisse einer Untersuchung, die Klaus Dörre der Dimension und den subjektiven Verarbeitungsformen des Prekariats widmet. Das Prekariat wirkt weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen<br />hinaus. Die Herausbildung einer Zone unsicherer Beschäftigungsverhältnisse forciert die Umstellung auf einen neuen gesellschaftlichen Integrations- und Herrschaftsmodus. An die Stelle einer Einbindung durch Teilhabe treten disziplinierende, marktförmige Integrationsformen. Diese generieren offenkundig einen Zwang zum Selbstzwang, der tendenziell auf die gesamte Persönlichkeit ausstrahlt. In unterschiedlicher Weise bringt dieser Modus der Selbstzuschreibung in allen Zonen der Arbeitsgesellschaft Formen der Überanpassung hervor, die &#150; wenn auch nicht zwangsläufig &#8211; in rechtspopulistische Orientierungen einmünden können.</p>
<p>Kein anderer Begriff hat in der Politik wie in der Soziologie in den letzten Jahren einen solchen Aufschwung erlebt, wie derjenige der Exklusion. Sina Farzin sieht diese Erfolgsgeschichte kritisch, denn die Popularisierung ging und geht auf Kosten der wissenschaftlichen<br />Aussagekraft. Ein Jenseits der Gesellschaft, wie es manche Verwendung des Begriffs nahe legt, gibt es nicht. Die Angst, durch die Maschen zu fallen und nirgends dazu zu gehören, beschreibt<br />Sigrun Anselm als das treibende Motiv einer Gesellschaft, in der &#8222;Erfolg und Überlegenheit&#8220; sakrosankte Werte darstellen. In ihr wird Unterlegenheit zu einem Mangel schlechthin, denn wird das Erfolg haben selbst zum alleinigen Motiv, dann trifft einen die Scham des Unterlegenen doppelt, dann nämlich quält nicht nur der Misserfolg hinsichtlich des angestrebten Ziels, sondern genauso die Tatsache, dass einen der Misserfolg quält. In dieser Scham wird offenbar, dass gerade diejenigen, die man überflügeln wollte, nun den Maßstab der eigenen Niederlage abgeben. Die Bedrohung durch Beschämung ist insofern allgegenwärtig, als jeder ehrgeizige Konkurrent einen ohne eigenes Zutun zum Verlierer machen kann. Die Grenzen werden immer wieder neu gezogen, das ist das Schicksal des flexiblen Menschen.</p>
<p>Dass nichtsdestotrotz von einer gewissen Stabilität der sozialen Milieus und einer Kontinuität der sie prägenden Einstellungen auszugehen ist, verdeutlicht der Beitrag von Heiko Geiling, der sich seit Jahren forschend mit diesen Milieus befasst. So lassen sich auch heute noch sechs relativ konstante gesellschaftspolitische Lager beschreiben und bestimmten Milieus zuordnen. Diese Stabilität von Lage und Einstellung ist für Geiling auch der Grund, weshalb alle an die unteren Schichten gerichteten Appelle für mehr Flexibilität und Mobilität nicht fruchten können. In einer Lebenswelt, die nach wie vor von traditionellen Pflicht- und Akzeptanzwerten geprägt, deren Status zugleich aber massiv bedroht ist, erscheinen solche Parolen als unzulässige Verhaltenszumutungen und markieren eher die eklatanten Milieudifferenzen zwischen jenen Parteivorsitzenden<br />und Feuilletonisten, welche diese Flexibilität predigen und denen, die ihnen nicht folgen wollen.</p>
<p>Die da Flexibilität predigen, leben selbst in stabilen Verhältnissen. Michael Hartmann macht bei den deutschen Eliten einen wachsenden Trend zur Homogenisierung aus. Man bleibt sozial lieber unter seinesgleichen und allem Gerede von Leistungsgerechtigkeit<br />zum Trotz selektiert man den Nachwuchs der Führungsetagen weniger nach den Fähigkeiten der Aspiranten als vielmehr nach den habituellen Gemeinsamkeiten. Dass sich dieses Closed-shop-Prinzip auch in der für soziale Aufsteiger vermeintlich offenen politischen Elite Geltung verschafft, sollte zumindest den Teilen dieser Elite,<br />die gerne Gegenteiliges behaupten, zu denken geben. Mit dem Andauern der Krise der Arbeitsgesellschaft werden die Stimmen lauter, die in sich von einem garantierten Grundeinkommen eine Besserung der Lage versprechen. Katrin Mohr gibt einen profunden Überblick über die verschiedenen Modelle, die derzeit in der Diskussion sind und warnt angesichts knapper Finanzlagen davor, den Kreis der Berechtigten zu weit zu fassen. Diese Warnung dürfte den Vorschlag des Thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus nicht berühren. Er ist solide durchgerechnet, verspricht dafür aber auch nicht für jeden eine Besserung seines sozialen Standards. Althaus ist derzeit einer der prominentesten Verfechter einer garantierten Grundsicherung, von Gewerkschaften deshalb ebenso angegriffen wie in seiner eigenen Partei.</p>
<p>Während die Klage über die neuen Formen sozialer Ungleichheiten noch einen Adressaten sucht, ist Benachteiligung, wenn sie im Gewand der Diskriminierung einher kommt, eindeutig sanktioniert. Wer aufgrund von Rasse, Geschlecht, Religion oder sexueller<br />Identität eine Schlechterstellung erfährt, kann sich in seinem Widerstand auf ein umfassendes Regelwerk stützen. Allerdings, das macht der Beitrag von Albert Scherr deutlich, ist diese Eindeutigkeit trügerisch. Denn Diskriminierung ist gerade keine von sozioökonomischen Ungleichheiten eindeutig und trennscharf unterscheidbare soziale Tatsache. Sie stehen vielmehr historisch und systematisch in einem engen, in einigen Fällen konstitutiven Zusammenhang mit sozioökonomischen Ungleichheiten sowie mit<br />politischen Herrschaftsverhältnissen.</p>
<p>Mit der Parallelgesellschaft wurde ein Begriff gefunden, auf den eine gleichermaßen kulturell wie sozial definierte Exklusion in Migrantenmilieus gebracht werden kann. Dirk Halm und Martina Sauer haben dieses Schreckensbild gesellschaftlicher Desintegration auf seinen empirischen Gehalt hin abgeklopft. Ihr Befund ergibt ein höheres Maß an Integration, als es die öffentliche Berichterstattung vermuten lässt. Allerdings konstatieren sie auch eine Tendenz zum Religiösen.</p>
<p>Menschen ohne Papiere bilden noch nicht einmal eine Parallelgesellschaft, sie leben in einer Schattenwelt. Selbst ihre genaue Zahl ist unbekannt. Gerd Pflaumer kritisiert, dass ihnen aufgrund ihrer klandestinen Lebensweise elementare Hilfen, auf die sie einen menschenrechtlichen Anspruch haben, verwehrt sind.<br />Eine aktuelle Literaturschau gibt Anregungen zur vertiefenden Lektüre.</p>
<p>In seinem luziden Essay arbeitet der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit auf, und kommt auf diese Weise zu einer geradezu salomonisch zu nennenden Interpretation der aktuellen, von den Ergebnissen der Sabrow-<br />Kommission ausgelösten Kontroverse um dieses Thema. Statt um die Deutungshoheit zu ringen, sollte die der bürgerrechtlichen Tradition verpflichtete gesellschaftlich Aufarbeitung der und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in<br />eine fruchtbare Kooperation treten. Denn die Geschehnisse dem Vergessen zu entreißen und sie historisch zu kontextualisieren sind beides notwendige Weisen der Bewältigung.</p>
<p>Eine Würdigung einer der letzten Basisdemokratien in Europa und eine Polemik gegen die eklatanten Mängel des US-amerikanischen Wahlsystems sowie die Rezension des Buches von Hartmut Rosa über sozialen Beschleunigung runden diese Ausgabe der Vorgänge ab, zu der ich Ihnen eine anregende Lektüre wünsche.</p>
<p>Ihr Dieter Rulff</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/editorial-7/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Die Konkurrenzgesellschaft</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/die-konkurrenzgesellschaft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zu Wandel von Sozialstruktur und Politik in Deutschland, aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 5-12 Soziale Gerech&#173;tig&#173;keit ist wieder Thema in Deutschland Zwei Momentaufnahmen aus dem November 2006 markieren eine wachsende Beunruhigung über den Mangel an Gerechtigkeit in der Gesellschaft: Einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie zufolge gehören acht Prozent der Deutschen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/die-konkurrenzgesellschaft/">Die Konkurrenzgesellschaft</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zu Wandel von Sozialstruktur und Politik in Deutschland,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 5-12</p>
<h2 class="auto-created">Soziale Gerech&shy;tig&shy;keit ist wieder Thema in Deutschland</h2>
<p>Zwei Momentaufnahmen aus dem November 2006 markieren eine wachsende Beunruhigung über den Mangel an Gerechtigkeit in der Gesellschaft: Einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie zufolge gehören acht Prozent der Deutschen einer &#8222;Unterschicht&#8220; an &#8211; 20 Prozent im Osten und vier Prozent im Westen. Der Bildungsgrad der überwiegend Arbeitslosen sei zumeist niedrig, ihre berufliche Mobilität und ihr Aufstiegswillen nur gering ausgeprägt. Die Umfrage von Infratest dimap für die ARD &#8222;Geht es in Deutschland gerecht zu?&#8220; beantworteten 66 % mit &#8222;ungerecht&#8220;,     27 % mit &#8222;gerecht&#8220;. <br />Das Bewusstsein, keine zusammengehörende Gesellschaft mehr zu sein, bricht durch &#8211; als ein Erschrecken, dass dies tatsächlich eine denkbare Deutung des gegenwärtigen Zustandes sein könnte. Diese Diagnose für wahr zu halten, hieße jedoch, alle bisherigen Politikansätze und reformerischen Konzepte zu Makulatur zu erklären. Da das von den politischen Eliten nicht akzeptiert werden kann, folgt auf das Erschrecken der normative Reflex, dass nicht sein dürfe, was doch alle wissen. Und so versteift sich Arbeitsminister Franz Müntefering zu der Äußerung &#8222;Es gibt keine Schichten in Deutschland&#8220;.</p>
<h2 class="auto-created">Konflikt-Interpretationen</h2>
<p>Aber vielleicht hat Franz Müntefering in anderer Hinsicht Recht. Die alten Kategorien von Schicht, Klasse oder auch Milieu sind oft nicht hinreichend, um die Veränderungen in der bundesdeutschen Sozialstruktur zu erfassen. Immer weniger bündeln sich die gesellschaftlichen Spannungslinien in Deutschland in einem zentralen Thema, einem großen Konflikt, einer großen Gerechtigkeitsfrage. Neben die klassischen Arbeit/Kapital-Konflikte treten die Auseinandersetzungen zwischen Generationen, Altersgruppen, Bildungsschichten, Haushaltstypen, Lebensformen und -stilen, zwischen Bundesländern und Berufsgruppen wie die zwischen Steuerzahlern und Transferbeziehern. Entsprechend durchziehen neben Überlegungen zur traditionellen Verteilungsgerechtigkeit Konzepte der Generationen -, Geschlechter-, Bildungs- und Arbeitsgerechtigkeit, der Teilhabe -, Teilnahme &#8211; und Befähigungsgerechtigkeit die gesellschaftlichen Debatten. Doch werden all diese vielfältigen Konfliktherde sehr stark ökonomisch betrachtet: Die Generationenfrage beispielsweise ist keine Frage von kulturellen Ansprüchen, wie es für den Generationenkonflikt in den 1960er Jahren gelten kann, als umfassende Lebens- und Gesellschaftsentwürfe aufeinander prallten. Konflikte zwischen gänzlich unterschiedlichen Lebenszielen und Weltverständnissen spielen heute kaum eine Rolle. Es geht um Geld, um die Verteilung der Lasten für die Versorgung der heute Älteren und die zukünftige eigene Altersvorsorge. Selbst da, wo die jungen Alten entdeckt werden, interessiert vorrangig die Konsumkraft dieser Gruppe. So wundert es nicht, dass eine zunehmend lange Lebensdauer vor allem als Kostenproblem der Kranken- und Pflegeversicherung begriffen wird. <br />Der generationelle Verteilungskonflikt beruht gerade darauf, dass sich die Werte zwischen den Generationen angenähert und die ökonomischen Sicherungs- oder Steigerungslogiken alle Generationen ergriffen haben. Auch der Streit um die geringen Geburtenraten und die Anlage einer geburtenförderlichen Familienpolitik lebt vom Ressentiment gegen jene, die sich dadurch ökonomische Vorteile verschaffen, dass sie keine Kinder in die Welt setzen und erziehen. Auf der anderen Seite beruht die neue Kinder- und Familienfreundlichkeit auf einem ökonomischen Kalkül, dass nur mit vielen, möglichst gut ausgebildeten Kindern die Bundesrepublik in der Weltmarktkonkurrenz der Wissensgesellschaften bestehen kann &#8211; und ihre sozialen Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten vermag. <br />Dennoch &#8211; eine Wiederkehr der Klassengesellschaft als Gesellschaft sich gegenüberstehender Großgruppen vollzieht sich derzeit sicherlich nicht. Dagegen unterschätzt die Interpretation, es handele sich um nebeneinander existierende Spaltungen, die sich in ihrer politischen und sozialen Sprengkraft eher neutralisieren, die Wirkungen wachsender sozialer Ungleichheit. Die Sozialstruktur Deutschlands weist Kontinuitäten auf, die dramatisierende Deutungen nicht stützen. Aber es zeichnen sich Tendenzen ab, die skeptisch stimmen gegenüber Diagnosen einer bloßen Vielfalt unverbundener und hierarchiefreier Spaltungen. Deutschland erlebt derzeit die Zersplitterung einer von Konkurrenzen durchzogenen Gesellschaft, in der jede Lage, jede Gruppe ihr Heil und Wohl in kompetitiver Entgegensetzung zu anderen Gruppen sucht und suchen muss.<br />Der Blick zurück ergibt, dass sich das soziale Bild der Bundesrepublik seit den 1960er und 1970er Jahren grundlegend verändert hat. In dem &#8222;Goldenen Zeitalter&#8220; einer Mittelschichtgesellschaft waren Arbeitsplätze und auskömmliches Einkommen für alle vorhanden, Wohlstandssteigerung, Bildung und beruflicher Aufstieg bildeten für viele die zentrale Orientierung. Trotz beträchtlicher Vermögens- und Einkommensunterschiede wies die Gesellschaft ein hohes Maß an sozialer Kohäsion auf, schien kaum jemand von Armut, Ausgrenzung und Marginalisierung betroffen. Anders die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2006: Es handelt sich um eine vielfach gespaltene Gesellschaft. Das zeigt eine Fülle von Fakten zu Konfliktlinien, gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten und sich auseinander entwickelnden Lebensweisen.</p>
<h2 class="auto-created">Spaltungs-Vielfalt</h2>
<p>Statt des einen einzigen großen Risses, der durch die Gesellschaft geht, haben wir es mit sich überlagernden Konflikten zu tun, statt der bloßen Pluralität der Lebenslagen mit klaren vertikalen Abstufungen und Abspaltungen. Statt des in den 1980er Jahre proklamierten Endes der Verteilungskonflikte werden alle, auch tiefgehende kulturelle Differenzen in ökonomische Verteilungskonflikte überführt, Gruppendifferenzen als materielle Gerechtigkeitsfragen (statt als Lebensziel- und Lebensstilfragen) erlebt und das Bewahren gegen das Modernisieren &#8211; immer im Sinne der Befähigung zum Wettbewerb &#8211; ausgespielt. Die vielfachen Spaltungen sind Kennzeichen einer in Konkurrenzgrüppchen zerfallenden und sich immer wieder neu gruppierenden Gesellschaft. Die Allgegenwart der Konkurrenz erstreckt sich dabei nicht nur auf die Privatwirtschaft, sondern auch auf alle Felder des Politischen als Konkurrenz um Fördermittel, Sozialtransfers oder begünstigende rechtliche Regulationen. Mag die eigene Lage mehr vom Markteinkommen oder stärker von staatlichen Transferzahlungen abhängen, immer werden Belastungen und Begünstigungen aus der Perspektive der jeweils eigenen Gruppenbetroffenheit beurteilt. Die Gruppen, die als Bezugsgröße dienen, werden dabei immer kleiner: Statt der Gruppe der Arbeiter mit mittlerem Einkommen wird nun die Gruppe der Industriefacharbeiter mit Mittlerer Reife und einem Einkommen zwischen 2500 bis 3000 &#8364; in der Altersklasse über 50 in einer dreiköpfiger Familie zugrunde gelegt. Dass sich bei dieser Betrachtungsweise für jede politische Maßnahme Gewinner &#8211; und vor allem Verlierergruppen ausweisen lassen, liegt nahe. Aber es sind nicht die gewachsenen statistischen Möglichkeiten, die zu dieser Verfeinerung führen, es ist die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft, in der jeder sich in einer sehr speziellen Konkurrenzlage wähnt, aber keine Identifikation mit Großgruppen mehr existiert.<br />Gerade die vorherrschende Wettbewerbslogik trägt dazu bei, dass sich die vielen Spaltungen nicht zu der einen großen Spaltung verdichten. Marktlagen hängen nicht mehr von lebenslanger beruflicher Anstrengung im Rahmen einer zielstrebig und ausdauernd verfolgten Karriere ab, sie werden angesichts rasch wechselnder Konjunkturen, technologischer Innovationen und Unternehmensfusionen als Zufall oder Glückssache erlebt, als Ergebnis günstiger Umstände. Erfolg stellt sich ein &#8211; oder auch nicht. Anstrengung ist die Eintrittskarte, um überhaupt dabei zu sein. Ebenso schnell wie die Marktlagen ändern sich die &#8222;Sozialstaatslagen&#8220;: Was am Markt die Konjunktur, das ist auf politisch-sozialstaatlicher Ebene die neueste Reform. Gesetzgeberische Akte, die die soziale Lage einzelner Gruppen recht grundlegend verändern können, folgen fast im Jahresrhythmus aufeinander. Was gestern noch galt, ist bereits heute Gegenstand parlamentarischer Beratungen oder gerichtlicher Überprüfung und morgen womöglich &#8211; und durchaus durch dieselbe Regierung &#8211; wieder aufgehoben, erneuert, reformiert. So trägt auch der Sozialstaat nicht dazu bei, dass sich stabile Klassenlagen auf der Basis staatlicher Zahlungen herausbilden, so genannte Versorgungsklassen. Ebenso wenig entstehen aus den fluiden Marktbewegungen eines dynamisierten Kapitalismus stabile Marktlagen, die die Basis von Marktklassen bilden könnten.</p>
<h2 class="auto-created">Wettbewerbs-Bewu&szlig;tsein</h2>
<p>Auf diesen erheblich beschleunigten Wechsel der Parameter, die die Einkommens- und Lebenssituation beeinflussen, reagieren die jeweils Betroffenen weitgehend ähnlich, gleich, ob sie zum oberen oder unteren Ende der Einkommenspyramide gehören oder sich im mittleren Bereich befinden: Sie nutzen alle Möglichkeiten, die günstigere Marktlage zu erhalten oder zu erreichen, verteidigen hartnäckig den Bestand, versuchen alle Aufstiegs- und Gewinngelegenheiten zu nutzen &#8211; oft auch jene, die illegal sind,     aber ins Legitime uminterpretiert werden. Sie reagieren mit der Verkürzung des Zeithorizontes, der Selbst-Reduktion aufs Eigeninteresse, dem schnelleren Umsteigen auf neue Chancen einer neuen Marktlage, sind strukturell illoyal und identifizieren sich rein instrumentell mit Kollektiven oder Gruppen, die als Unterstützer für die eigenen Marktambitionen fungieren können. <br />Diese Anpassung an die Konkurrenzlagen geht mit einer gleichsam naturalistischen Perspektive auf das soziale Geschehen einher. Es wird schlicht als Selbstlauf und Wettbewerbs-Schicksal erlebt. Zwar muss man seine &#8222;Fitness&#8220; in jeder Hinsicht steigern,    aber ob jene Gelegenheiten auftreten, die das eigene Können zur Geltung bringen lassen, ist eine Sache des Glücks oder der Umstände, hängt von sich öffnenden Nischen oder den jeweils aktuell vorherrschenden Entwicklungen ab. All das ist unberechenbar und ungestaltbar. Die Gesellschaft zerfällt in Markt- und Sozialstaatslagen, die bei einzelnen Gruppen bereits als so instabil erlebt werden, dass keine dauerhafte Identifikation mit einer Rolle und Gruppe gelingt. Statt stabiler sozialer Klassen mit relativ klar geschnittenen Klasseninteressen bestimmt das soziale Geschehen eine Fülle schnell wechselnder Markt- und Sozialstaatslagen mit entsprechend situativen Interessen. <br />Die Konkurrenz wird zum Lebenselixier wie zur permanenten Drohung. Sie erzeugt hohes Selbstbewusstsein, wo Positionsgewinne erreicht werden, und intensiviert die Anstrengungen, wo Aussichten auf Wettbewerbsvorteile bestehen. Sie erzeugt aber auch permanenten Druck bei denen, die um ihre Position fürchten müssen. Subjektiv kann diese neue Marktgesellschaft als fortwährende Angst vor dem Scheitern und Verlieren des sozialen Status erlebt werden. Bei den Abgehängten, den an den Rand der Konkurrenz Gedrängten, entsteht dagegen ein Selbstbewusstsein, das sich gegen eine völlige Marginalisierung sperrt und zur Ausbildung eigener Sub-Kulturen mit subtilen Taktiken des alltäglichen Durchkommens führt. Die Marktgesellschaft mobilisiert ihre Mitglieder, sie produziert aber auch immer &#8222;Überflüssige&#8220;, die weder vom Arbeitsmarkt noch von einem Familienzusammenhang wirklich &#8222;gebraucht&#8220; werden. Der Verlust einer realen Funktion, das Überflüssigwerden, schafft eine wachsende Zahl von Menschen, die aus den Netzen der angeblichen Leistungsgesellschaft fällt und von sozialen Zusammenhängen ausgeschlossen ist.</p>
<h2 class="auto-created">Vergangenheits-Sehns&uuml;chte</h2>
<p>Angesichts dieser Gegenwartsbeschreibung verwundert nicht, dass die Vorstellung eines zurückliegenden Goldenen Zeitalters, mögen es für die einen die 1950er Jahre, für die anderen eher die späten 1960er und 1970er Jahre gewesen sein, für die heutige Selbstverständigung eine große Rolle spielt. Weiß man doch im Rekurs auf diese Jahrzehnte, wie eine &#8222;gute Gesellschaft&#8220; aussehen kann: kapitalistisch, aber sozial, nicht von sozialer Gleichheit geprägt, aber doch Mittelschichtzentriert, nicht wirklich partizipatorisch, aber immerhin institutionell durchaus demokratisch. So hat die heutige Gesellschaft zwar ein konkretes Vergangenheitsideal, das als &#8211; unwiederbringlich &#8211; verloren gelten muss. Es fehlt jedoch an Vorstellungen eines konkreten Zukunftsideals, das es mit dieser &#8222;wunderbaren&#8220; Vergangenheit auch nur halbwegs aufnehmen könnte. Zukunft wird allein als Negativum mit der vagen Aussicht auf bessere Zeiten beschrieben: als ein Mehr an Eigenverantwortung, ein Mehr an Wettbewerb, ein Weniger an Sicherheit, ein Weniger an Wohlstand für alle. Entsprechend mag man sich Zukunft nur als Einfügung in Notwendigkeit, als Nach &#8211; und Mitmachen in einem weltweiten Wettbewerbsrausch vorzustellen. Die Anpassungsleistung an einen anonymen Prozess überwiegt die Vorstellung einer gestaltbaren Zukunft. Der Verlust der Berechen &#8211; und Gestaltbarkeit leistet einer metaphysisch-psychologischen Sicht Vorschub, die Erfolg, d.h. ökonomisches Glück, nur den Glücklichen zuschreibt. Optimismus und ausgeprägtes Selbstbewusstsein, Zukunftsvertrauen und Angstresistenz, freudig-freundliches Auftreten und unbezweifelte Ich-Identität werden zu Markern des Erfolges.<br />Der Grundimpuls eines Zurück mag zwar verständlich sein, ist aber unproduktiv. Selbst Gerechtigkeitsappelle scheinen hinfällig in Zeiten fehlender Kohäsion. Denn die soziale Spaltung übersetzt sich in dem Maße in eine politische, in dem wechselnde Konkurrenzen das politische Gewebe einer Gesellschaft porös werden lassen. Das politische Pendant zur gespaltenen Gesellschaft wäre demnach die Postdemokratie &#8211; jene Entwicklung moderner Demokratien, bei der die Kerninstitutionen allgemeine Wahlen, die politische Gleichheit des &#8222;one man, one vote&#8220;, die Ablösbarkeit der Regierung und das Wechselspiel von Regierung und Opposition weiterhin funktionieren, eine Gestaltung der Politik durch die Bevölkerung im Sinne einer substantiellen Mitwirkung jedoch weitgehend ausgeschlossen ist. Es sind keineswegs nur die gern genannten Tendenzen Richtung Mediendemokratie, die die formalen Verfahren zu inhaltsleeren Ritualen werden lassen. Demokratie wird zur Postdemokratie, wenn die Politik zum Nachvollzug von Reformnotwendigkeiten degradiert, die Bevölkerung nicht mehr als Auftraggeber der Politik verstanden wird und die Handlungschancen aller Beteiligten soweit reduziert sind, dass politische Gestaltung nicht mehr möglich ist.</p>
<h2 class="auto-created">Kooperations-Niedergang</h2>
<p>Gerechtigkeitsappelle werden aber auch aus einem anderen Grunde problematisch. Gerechtigkeitsvorstellungen setzen die Existenz eines Kooperationszusammenhangs voraus. Nur wenn Gesellschaft als Gemeinschaft der sozial und politisch Zusammenarbeitenden verstanden werden kann, gibt es überhaupt eine Instanz, an die appelliert werden kann. Bisher war diese Kooperationsgemeinschaft die Gesellschaft des Nationalstaats. Man nahm bisher auch an, dass allein unter dieser Voraussetzung der Gerechtigkeitsmaßstab zur Anwendung gebracht werden kann, dass Ungleichheit nur dann zulässig ist, wenn die Erträge der Leistungsstarken die Situation der Schlechtestgestellten verbessern. Existiert die Gesellschaft als Kooperationszusammenhang nicht mehr, läuft die Gerechtigkeitstheorie ebenso wie eine moralische Anrufung ins Leere. Denn nur in einem nationalen Rahmen, der zugleich als kooperativer Zusammenhang gedacht wird, kann man die Unternehmer zumindest moralisch verpflichten, im eigenen Land Arbeitsplätze zu schaffen, die Kapitalgeber zu investieren und Steuern zu zahlen, die hoch qualifizierten WissenschaftlerInnen zu bleiben und zu forschen und Immigranten einen bestimmten Wertekanon anzunehmen. Entfällt der Bezugspunkt einer als Einheit gedachten Gesellschaft, die ihrerseits das Pendant in einem politisch verfassten Nationalstaat besitzt, entfällt die Basis des tradierten Gerechtigkeitsdenkens. <br />Gesellschaft wie Politik ordnen sich aber längst nicht mehr entlang territorialer Markierungen. Wir leben nicht in einer Welt, in der Nationalstaaten von nationalen Gesellschaften als kooperativen und integrierten Formen sozialen Handelns getragen werden. Die sektorale oder funktionale Dimension steht heute im Vordergrund. Und jeder dieser Sektoren oder Funktionssysteme ist seinerseits globalisiert. Das gilt für die Ökonomie, die Medienöffentlichkeit, die Wissenschaft, für Musik und Künste und auch für Politik und Recht &#8211; in unterschiedlicher Geschwindigkeit und je eigener Ausprägung von globalisierten Zentren und im Internationalisierungsprozess randständigen Peripherien. Wer im Zentrum und wer in der Peripherie landet, ist nur zum Teil von der nationalstaatlichen Zugehörigkeit abhängig. Der (National-)Staat wird in einer globalisierten Welt, die sich entscheidend auch sektoral organisiert, und in einer sich ihm nicht mehr unterordnenden Gesellschaft zu einem Akteur unter vielen. Und tendenziell zu einem weniger wichtigen, wenn internationale Organisationen, große Konzerne und NGOs, institutionelle Kapitalanleger, Region- verbünde, private Rechtssetzungsinstanzen und lokale Akteure mit ihm konkurrieren und um Kooperationsnetzwerke streiten. Der Nationalstaat ist unter den Bedingungen eines weltweiten Wettbewerbs um Anlage- und Investitionsmöglichkeiten nur noch ein &#8222;Territoriumsunternehmer&#8220;. Er wird Anbieter einer räumlich bestimmten Einheit mit all dem, was sich in diesem Raum befindet. Als Territoriumsunternehmer muss er diesen Raum nach außen lockend präsentieren für all jene Raum-ungebundenen Akteure, die sich vorrangig aufgrund sektoral (z.B. ökonomisch) bestimmter Motive entscheiden. <br />Begreift sich die politische Elite als Anbieter eines Territoriums &#8211; zunächst durchaus zum Wohle aller Bewohner desselben &#8211; wird sie in der Konsequenz dieses Verständnisses ihrer Politik zu weiteren Spaltungen beitragen. Denn nunmehr muss der wettbewerbsgeschulte Blick auf alle Faktoren fallen, die die Standortattraktivität erhöhen oder senken können. Das betrifft auch die Bevölkerung: In welchem Umfange ist sie produktiv und ein wie großer Teil muss aus dem Steuer- und Beitragsaufkommen per Sozialtransfer unterstützt werden? Ist sie hoch qualifiziert und damit tauglich für den internationalen Arbeitsmarkt? Ein Territorialunternehmer wird Politik auch als Personalpolitik verstehen und die eigene Bevölkerung nach dem Grad der Wettbewerbsfähigkeit einstufen. Daraus resultiert die aktuell beobachtbare Politik der Familienförderung, der Schaffung kinderfreundlicher Bedingungen, eine neue Betonung der Bildungspolitik als Arbeitsmarkt- und vorbeugende Sozialpolitik. Das führt aber auch zu starken Einschnitten bei den Alterseinkünften aus der gesetzlichen Rentenversicherung und einer speziell auf Hochqualifizierte ausgerichteten Zuwanderungspolitik. Fragen der sozialen Gerechtigkeit geraten hier sehr leicht in den Hintergrund. Was zählt, ist die Anpassungsfähigkeit auf Weltmärkten und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes, seiner Institutionen und auch der Wettbewerbsfähigkeit eines jeden Bürgers in diesem Land. Aktivierung und Mobilisierung, Befähigung und Qualifizierung, vorsorgende und investive Sozialpolitik heißen die entsprechenden Vokabeln.</p>
<h2 class="auto-created">Konkurrenz-Perspektiven</h2>
<p>Dieser böse Blick auf die Wettbewerbsqualifikation der Staatsbürger ist keineswegs eine reine Elitensicht &#8211; er ergreift auch die Bevölkerung. Die sich als wettbewerbstauglich ansehenden Bürger erhoffen sich als Mitglieder neuer globaler Ober- und Mittelschichten überleben zu können und sehen nicht ein, dass sie auf nationalstaatlicher Ebene (finanziell) mitverantwortlich sein sollen für jene, die keinerlei Chance haben, im Globalisierungsprozess mitzuspielen. Sie missbilligen, dass sie jene staatlichen Apparate stützen sollen, die dieses Ausscheiden abfedern und verwalten. Verachtung und Empörung bestimmen ihre Sicht auf jene, die vermeintlich zu langsam, zu unbeweglich, zu wenig eigen bestimmt, zu wenig bemüht sind, um in diesem täglichen Kampf zu bestehen und Anschluss zu gewinnen. Sie bestimmt die Vorstellung, dass alle sich wie sie selbst den Anforderungen zu unterwerfen hätten. Alles wird zu einer Frage eigener Anstrengung und individuellen Geschicks. Leistungsgerechtigkeit in Anlehnung an die Erfordernisse globalisierter Funktionssysteme bildet entsprechend das gerechtigkeitstheoretische Fundament. Dass die Bedingungen erfolgreichen Bemühens auf keinen Fall für alle gegeben ist, wird dabei geflissentlich übersehen. Die global Integrierten entfernen sich zunehmend von den stark national gebunden sozialen Gruppen und jenen, die schon jetzt aus allen Märkten herausfallen. So werden auch jene zunehmend ängstlich, die noch in den lokalen Feldern funktionierender nationaler, regionaler oder lokaler Märkte, in halbwegs integrierten Wohn-, Arbeits- und Beziehungsverhältnissen leben. Doch die Gruppe dieser Traditionalisten schrumpft, und ist gerade dort in Gefahr, wo sie von einer gut situierten Industriefacharbeiterschaft getragen wurde. Denn diese traditionalistischen Milieus mit Vorstellungen von der Kontinuität ihres Lebensstils sehen sich von den neuen Anforderungen, der neuen Wettbewerbssituation, den veränderten Unternehmenskulturen und den neuen Arbeitsmarktgesetzen bedroht. Kommt der Arbeitsplatzverlust im Lebensjahrzehnt nach dem fünfzigsten Geburtstag, erfolgt der schnelle Abstieg Richtung ALG II samt Bedürfnis- und Vermögensprüfung. Hartz IV ist Symbol des jederzeit möglichen Abstiegs ohne soziale, berufs- und einkommensbezogene Auffanglinie. Es wird für jedermann vorstellbar, innerhalb kurzer Zeit &#8222;durchgereicht&#8220; zu werden von einer auskömmlichen Mittelschichtsposition zu einer sozialhilfeanalogen Transferabhängigkeit mit der Verpflichtung, jegliche Arbeit annehmen zu müssen. Die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe hat gerade in den Mittelschichten die Frage auftauchen lassen, wie lange &#8211; gemessen an Lebensjahren &#8211; sie es schaffen können, im intensiver und globaler werdenden Wettbewerb &#8222;mitzuhalten&#8220;. Wenn nicht, was dann? Hier wird Bestandssicherung und Wiedergewinnung einer Status sichernden Sozialpolitik zur obersten politischen Maxime.</p>
<h2 class="auto-created">Politik-Aussichten</h2>
<p>Die gegenwärtige Entwicklung wird in der politischen Öffentlichkeit als Zuwachs an Ungleichheit und Ungerechtigkeit begriffen. Kein Wunder, denn die Interessen und Gerechtigkeitskonzepte der gesellschaftlichen Gruppen streben auseinander, und die Basis einer nationalen Kooperationsgemeinschaft als Grundlage einer jeden bisherigen Gerechtigkeitspolitik schwindet. So bleibt wenig mehr als ein düsterer Ausblick: Eine Politik der Wettbewerbsbefähigung muss an berechtigten oder auch nur bornierten Statussicherungsinteressen scheitern, vor allem aber an der Unmöglichkeit, die gesamte Bevölkerung am Wettbewerb erfolgreich teilhaben zu lassen. Eine traditionelle Gerechtigkeitspolitik findet kaum mehr Hebel zur Realisierung. Und auch die Europäisierung der Sozialpolitik &#8211; wenn sie denn Aussicht auf Erfolg hätte &#8211; verspricht, wenn überhaupt, erst in ferner Zukunft Abhilfe zu schaffen. Sozialpolitik wird sich also bestenfalls als Balance zwischen den Forderungen der Bessergestellten, der Sicherung des Status Quo für diverse Konkurrenzlagen sowie einer höheren Teilhabe der bereits Ausgeschlossenen realisieren lassen. <br /> </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/die-konkurrenzgesellschaft/">Die Konkurrenzgesellschaft</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Prekäre Arbeit und soziale Desintegraton</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/prekaere-arbeit-und-soziale-desintegraton/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 10:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anmerkungen zu den subjektiven Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigung*, aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 13-22 Nachfolgend möchte ich über eine grundlegende Veränderung im System der Erwerbsarbeit sprechen, die ich als Prekarisierung bezeichnen will. Begünstigt durch die außergewöhnlich lange Nachkriegsprosperität ging die gesellschaftliche Verallgemeinerung von Lohnarbeit über Jahrzehnte mit einer Tendenz zur sozialen und politischen Einhegung [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/prekaere-arbeit-und-soziale-desintegraton/">Prekäre Arbeit und soziale Desintegraton</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Anmerkungen zu den subjektiven Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigung*,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 13-22</p>
<p>Nachfolgend möchte ich über eine grundlegende Veränderung im System der Erwerbsarbeit sprechen, die ich als Prekarisierung bezeichnen will. Begünstigt durch die außergewöhnlich lange Nachkriegsprosperität ging die gesellschaftliche Verallgemeinerung von Lohnarbeit über Jahrzehnte mit einer Tendenz zur sozialen und politischen Einhegung von Einkommens-, Armuts- und Beschäftigungsrisiken einher. Lohnarbeit wurde zu einer Institution, gekoppelt mit &#8222;sozialen Eigentum&#8220; &#8211; einem Eigentum zur Existenz- und Statussicherung, das sich u. a. in garantierten Rentenansprüchen, Mitbestimmungsrechten oder in verbindlichen tariflichen Normen manifestierte. Erst die enge Koppelung mit sozialem Eigentum verwandelte Lohnarbeit in ein zentrales gesellschaftliches Integrationsmedium. Geschützte, halbwegs sichere Lohnarbeit war die Basis für einen Bürgerstatus, der &#8211; gleichsam als Klammer zwischen System- und Sozialintegration &#8211; zuvor besitzlosen Klassen und Gruppen trotz fortbestehender Ungleichheiten zu einem respektierten Status in der Gesellschaft verhalf.<br />Wenn nicht alles täuscht, so erleben wir seit den 1980er Jahren eine Umkehrung dieser Entwicklung. Dafür gibt es vor allem zwei Ursachen. Erstens drängen die neuen Formen von &#8222;immaterieller&#8220; Dienstleistungs- und Informationsarbeit nach einem flexibleren Arbeitsmanagement, das in einem Spannungsverhältnis zu Regelungsformen des fordistischen Nachkriegskapitalismus steht (Castells 1996). Zweitens &#8211; und das ist für den hier interessierenden Kontext entscheidend &#8211; kommt es unter dem Druck eines internationalisierten Finanzmarktkapitalismus (Windolf 2005) zur Ausweitung prekärer Beschäftigung und damit zu einer &#8222;Rückkehr der Unsicherheit&#8220; in die historisch gesehen reichen und überaus sicheren Gesellschaften des Westens (Castel 2005: 54 ff.). Obwohl &#8222;diese Gesellschaften von Sicherungssystemen umgeben und durchzogen sind&#8220;, bleibt die Sorge &#8222;um die Sicherheit allgegenwärtig&#8220;, sie &#8222;beschäftigt weite Teile der Bevölkerung&#8220; (ebd.: 8). Robert Castel hat diese Diagnose auf die französische Lohnarbeitsgesellschaft bezogen. <br />Darüber, ob sie auf Deutschland übertragbar ist, wird in den Sozialwissenschaften gestritten (vgl. Brinkmann u. a.). Meine These ist, dass ein Empfinden sozialer Unsicherheit, welches sich wesentlich aus prekären Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen speist, auch hierzulande wegen der noch immer hohen Sicherheitsstandards zu massiven gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen führt. Zur Begründung dieser Sichtweise will ich auf Ergebnisse einer eigenen empirischen Studie [1]zurückgreifen, die sich mit der Ausbreitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse und deren subjektiver Verarbeitung befasst. <br />Als heuristische Folie dient die Castelsche Zentralhypothese (Castel 2000). Danach spalten sich die Lohnarbeitsgesellschaften in drei große &#8222;Zonen&#8220;. Die &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; umfasst die von regulärer Erwerbsarbeit dauerhaft Ausgeschlossenen. Die oberen und mittleren Ränge der Arbeitsgesellschaft sind noch immer in einer &#8211; allerdings schrumpfenden &#8211; &#8222;Zone der Integration&#8220; mit formal gesicherten Normbeschäftigungsverhältnissen angesiedelt. Dazwischen expandiert eine &#8222;Zone der Prekarität&#8220; mit heterogenen Beschäftigungsformen, die sich allesamt dadurch auszeichnen, dass sie oberhalb eines kulturellen Minimums nicht dauerhaft Existenz sichernd sind. Dazu gehören Leih- und Zeitarbeit, niedrig entlohnte Beschäftigung, erzwungene Teilzeitarbeit und befristete Stellen ebenso wie Mini- und Midi-Jobs, abhängige Selbstständigkeit oder sozialpolitisch geförderte Arbeitsgelegenheiten. Wie sich die Ausbreitung unsicherer Beschäftigungsformen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirkt, lässt sich angemessen nur erfassen, wenn man die subjektiven Verarbeitungsformen von Prekarisierungsprozessen in die Analyse einbezieht.</p>
<p>    </p>
<h2 class="auto-created">1. Typische Verar&shy;bei&shy;tungs&shy;formen unsicherer Besch&auml;f&shy;ti&shy;gung</h2>
<p>Anhand von empirischem Material, das ausgewählte Problemkonstellationen aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft erfasst, können wir neun typische Formen der (Des)-Integration unterscheiden (Schaubild 1). Arbeitskraft- (reproduktive Dimension) und Tätigkeitsperspektive (arbeitsinhaltliche, professionsbedingte Ansprüche) beinhalten die primären Integrationspotentiale einer Erwerbstätigkeit. In der &#8222;Zone der Integration&#8220; bilden drei Typen (1, 3, 4) die Integration in formal gesicherte Normbeschäftigung ab. Im Fall der &#8222;Selbstmanager&#8220; dominiert das Integrationspotential der Tätigkeitsperspektive (inhaltliches Interesse an der Tätigkeit, Streben nach Professionalität) über den unsicheren Beschäftigungsstatus. In der &#8222;Zone der Prekarität&#8220; sind unstete Beschäftigungsverhältnisse angesiedelt, die jedoch subjektiv höchst unterschiedlich bewertet werden. In der &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; befinden sich Erwerbs- und Langzeitarbeitslose mit ebenfalls divergierenden subjektiven Orientierungen. Unsicherheitsempfinden kann insbesondere bei den &#8222;Abstiegsbedrohten&#8220; (Typ 4) deutlich ausgeprägter sein als bei Befragten, die aufgrund der Struktur ihres Beschäftigungsverhältnisses der &#8222;Zone der Prekarität&#8220; zuzurechnen sind (Typ 5, 7). Selbst bei den Veränderungswilligen (Typ 8) in der &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; besteht noch die Hoffnung, die eigene Lage über kurz oder lang deutlich verbessern zu können. Im Falle der &#8222;Abstiegsbedrohten&#8220; (Typ 4) erscheinen Brüche in der beruflichen Biographie und sozialer Abstieg hingegen fast schon als Gewissheit. Der Neigungswinkel individueller Biographien zeigt bei dieser Gruppe nach unten und es sind nicht genügend Ressourcen vorhanden, um diese Abwärtsbewegung grundlegend korrigieren zu können. Daher nehmen Bedrohungsgefühle nicht linear zu, je weiter man in der Hierarchie der Typen nach unten steigt. Vielmehr sind Abstiegsängste bei jenen Gruppen besonders präsent, die noch etwas zu verlieren haben. Die Angst vor Statusverlust ist ein wichtiger Ursachenherd für Prekarisierungsängste und soziale Desintegration, der innerhalb der &#8222;Zone der Normarbeit&#8220; angesiedelt ist.           </p>
<table cellspacing="0" cellpadding="0" border="1">
<tbody>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"> <strong>Schaubild 1: (Des-)Integrationspotentiale von Erwerbsarbeit &#8211;                                                 eine Typologie [2]</strong></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td align="left">
<p class="bodytext">                           <strong> Zone der Integration (67,7 %) </strong></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"><strong> </strong><em>1. Gesicherte Integration (&#8222;Die Gesicherten&#8220;; 31,5%)</em></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"> <em>2. Atypische Integration (&#8222;Die Unkonventionellen&#8220; oder &#8222;Selbstmanager&#8220;; 3,1%)</em></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"> <em>3. Unsichere Integration (&#8222;Die Verunsicherten&#8220;; 12,9%)</em></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"><em> 4. Gefähdete Integration (&#8222;Die Abstiegsbedrohten&#8220;; 33,1%)</em></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td align="left">
<p class="bodytext">                          <strong>  Zone der Prekarität (13,8 %)</strong></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"><em> 5. Prekäre Beschäftigung als Chance/temporäre Integration (&#8222;Die Hoffenden&#8220;;3,1%)</em></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"> <em>6. Prekäre Beschäftigung als dauerhaftes Arrangement (&#8222;Die Realistischen&#8220;; 4,8%)</em></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"><em> 7. Entschärfte Prekarität (&#8222;Die Zufriedenen&#8220;; 5,9%)</em></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td align="left">
<p class="bodytext"><strong>                                    Zone der Entkoppelung (1,7 %)</strong></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"> <em>8. Überwindbare Ausgrenzung (&#8222;Die Veränderungswilligen&#8220;)</em></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
<p class="bodytext"><em> 9. Kontrollierte Ausgrenzung / inszenierte Integration (&#8222;Die Abgehängten&#8220;)</em></p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p> <br /><b>2. Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit</b></p>
<p>Diese Feststellung ist wichtig, weil sich Desintegrationserfahrungen nicht auf die &#8222;Zone der Prekarität&#8220; beschränken lassen. Unsere Studie liefert viele Hinweise, die für einen sozial gestuften, letztlich aber zonenübergreifenden Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit sprechen. In großen gesellschaftlichen Gruppen beginnt abhängige Erwerbsarbeit ihre zentrale Funktion als Bindemittel der Gesellschaft zu verlieren. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse bedeuten nicht allein Unsicherheit und materiellen Mangel, vielfach bewirken sie Anerkennungsdefizite und eine Schwächung der Zugehörigkeit zu sozialen Netzen, die eigentlich dringend benötigt würden, um den Alltag einigermaßen zu bewältigen. Leiharbeiter, Befristete, aber auch Projektarbeiter (Typ 5, 6, 2) sehen sich gezwungen, die Anerkennung ihres wechselnden Umfeldes beständig neu zu erwerben. Je mehr Energie sie darauf verwenden, diesen symbolischen Zyklus der Anerkennung (Kraemer/Speidel 2005: 367 ff.) zu bewältigen, desto problematischer wird es mitunter für sie, soziale Netze außerhalb der Arbeit zu stabilisieren. <br />Arbeitslosen oder prekär Beschäftigten, die sich unter die &#8222;Grenze der Respektabilität&#8220; gedrängt sehen, fällt es generell schwer, gesellschaftliche Anerkennung zu erwerben. Insofern trifft die castelsche Diagnose (2005: 38), wonach soziale Unsicherheit &#8222;demoralisierend, als Prinzip sozialer Auflösung&#8220; wirkt, auch auf viele unserer Befragten zu. Gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, dass sich Lohnarbeit für sie nicht mehr als stabile Basis einer geplanten Zukunft eignet. <br />Unabhängig von der konkreten Beschäftigungsform beklagen die &#8222;Prekarier&#8220; mehr oder minder alle, dass sie im Vergleich zu den Stammbeschäftigten über weitaus geringere Möglichkeiten verfügen, eine längerfristige Lebensplanung zu entwickeln. Befristete, niedrig entlohnte Beschäftigung blockiert &#8222;die Ausarbeitung eines rationalen Lebensplans&#8220; (Bourdieu 2000: 109) allerdings nicht vollständig. Auch bei den &#8222;Prekariern&#8220; findet sich noch immer das Bemühen, der eigenen Lebensplanung Kohärenz zu verleihen. Bei Teilzeitarbeiterinnen mit unbefristeten Arbeitsverträgen (Typ 7) gelingt das noch einigermaßen, sofern die Partnerschaften stabil sind. Im Falle von Leiharbeitern und befristet Beschäftigten (Typ 5, 6) sind die Bemühungen um einen kohärenten Lebensplan spürbar, aber weitaus weniger erfolgreich. Es ist nicht allein die Unsicherheit als solche, sondern auch der soziale Abstand zur angestrebten Normalität, der eine Mischung aus Verunsicherung, Scham, Wut und Resignation erzeugt. <br />Überraschend ist, dass wir in der &#8222;Zone der Integration&#8220; auf ähnliche Verarbeitungsformen stoßen. Bei den &#8222;Verunsicherten&#8220; (Typ 3) und den &#8222;Abstiegsbedrohten&#8220; (Typ 4) ist das Vermögen zu einer längerfristig ausgerichteten Lebensplanung noch nicht verloren gegangen; aber es besteht die mehr oder minder begründete Befürchtung, dass die für eine realistische Zukunftsplanung notwendige Kalkulationsgrundlage abhanden kommen könnte. Abstiegsängste sind auch in diesen Gruppen kein unmittelbarer Reflex auf reale Bedrohungen. Selbst die bevorstehende Betriebsschließung kann je nach Lebensalter, Qualifikation und Ressourcenausstattung höchst unterschiedlich verarbeitet werden. Für jüngere Arbeiter z. B. wirkt sie mitunter als Antrieb, individuelle Weiterbildungspläne vorzuziehen. Ältere und weniger qualifizierte Befragte befürchten hingegen einen nur schwer korrigierbaren Knick in ihrer beruflichen Laufbahn. <br />Was die noch Integrierten als Befürchtung umtreibt, ist bei den Langzeitarbeitslosen in der &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; längst Lebensrealität. Sowohl bei den &#8222;Veränderungswilligen&#8220; (Typ 8) als auch bei den &#8222;Abgehängten&#8220; (Typ 9) kann von einem über den Tag hinausreichenden Lebensplan im Grunde keine Rede sein. Während die &#8222;Veränderungswilligen&#8220; die Hoffnung auf eine Normalisierung ihrer Biographien aber noch nicht aufgegeben haben, richten sich die &#8222;Abgehängten&#8220; bereits in einem Leben jenseits regulärer Erwerbsarbeit ein. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass sich ohne festen Arbeitsplatz und ein halbwegs sicheres Einkommen allmählich eine Desorganisation des Raum- und Zeitempfindens einstellt.</p>
<h2 class="auto-created">3. Sekund&auml;re oder kompen&shy;sa&shy;to&shy;ri&shy;sche Integration</h2>
<p>Allerdings, das bleibt in der Castelschen Hypothese unterbelichtet, nehmen selbst Langzeitarbeitslose soziale Desintegration nicht passiv hin. Unter Bedingungen, die sie zu struktureller Benachteiligung verdammen, entwickeln Ausgegrenzte und prekär Beschäftigte eigene Überlebensstrategien. Das ist der Grund, weshalb es nicht zu sich beständig verstärkenden, letztlich die Systemreproduktion gefährdenden Desintegrationsprozessen kommt. <br />In der &#8222;Zone der Prekarität&#8220; und der &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; erfolgt Einbindung allerdings nicht mehr über primäre (reproduktive und qualitative) sondern über tradierte oder neu erzeugte sekundäre, häufig kompensatorische Integrationspotentiale. Von sekundären Integrationspotentialen kann gesprochen werden, wenn junge Leiharbeiter ihr prekäres Beschäftigungsverhältnis als Sprungbrett in eine Normbeschäftigung betrachten und dabei auf den &#8222;Klebeffekt&#8220; ihrer Tätigkeit hoffen (Typ 5). Um sekundäre Integration handelt es sich bei älteren Leiharbeitern, die sich pragmatisch mit ihrer Lage arrangieren, indem sie beständig zwischen Arbeitslosigkeit und Leiharbeit pendeln (Typ 6). Sekundäre Integrationspotentiale verschaffen sich auch Geltung, sofern sich Verkäuferinnen scheinbar vorbehaltlos in ihre Rolle als mehr oder minder zufriedene Zuverdienerinnen (Typ 7) fügen und damit eine stabile Partnerschaft und ein Existenz sicherndes Einkommen des Lebenspartners zur stillen Voraussetzung ihres Arrangements machen. Und selbst bei den &#8222;Abgehängten&#8220; (Typ 9) zeigt sich die Wirksamkeit sekundärer Integrationsmechanismen, wenn sich jugendliche Erwerbslose als &#8222;arbeitende Arbeitslose&#8220; definieren, weil sie ihr Einkommen in der Schattenwirtschaft verdienen und dabei auf die informellen Netze von Familie, Nachbarn und Freunden setzen. <br />Die Orientierung auf Teilhabe an regulärer Erwerbsarbeit haben die Betreffenden aufgegeben. Sie richten sich auf ein Leben in Subgesellschaften mit eigenen informellen Strukturen und Integrationsmechanismen ein. Ausgegrenzte Jugendliche z. B. setzen alles daran, ihre verbliebenen sozialen Kontakte zu stabilisieren, um so zumindest ein Minimum an Selbstbestätigung zu erfahren. Häufig ist ihnen das Risiko, diese Kontakte wegen der vagen Aussicht auf einen unsicheren Job aufzugeben, einfach zu hoch. Daher tendieren subgesellschaftliche Orientierungen, die sich im Osten gerade erst herauszubilden beginnen, zur Selbstreproduktion.       <br />Schon aus diesem Grund nimmt die Wirksamkeit sekundärer Integrationspotentiale den Prekarisierungserfahrungen nichts von ihrer Brisanz. Im Grunde handelt es sich um schwache, kompensatorische Formen der Integration, die entweder auf Fiktion, auf der Hoffnung, irgendwann doch noch Anschluss an die Normalität regulärer Beschäftigung zu finden, oder auf einer Mobilisierung quasi-ständischer Zugehörigkeiten und Ressourcen beruhen. Sofern dies in Handlungsstrategien mündet, die ein Überleben in prekären Verhältnissen sicherstellen sollen, ist Integration in normativer Hinsicht gerade kein &#8222;Erfolgsbegriff&#8220; (Peters 1993: 92). Dass sekundäre Integrationspotentiale überhaupt wirksam werden können, hängt wesentlich mit der disziplinierenden Wirkung von Arbeitsmarktrisiken zusammen. Die Disziplin des Marktes kann z. B. dazu führen, dass tradierte Formen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung revitalisiert werden. So definieren sich Verkäuferinnen mitunter auch dann als Zuverdienerinnen, wenn ihr Einkommen aufgrund der Arbeitslosigkeit des Lebenspartners längst den Lebensunterhalt der Familie sichert (Typ 7). Als Hysteresis-Effekte über ihre Erzeugungsbedingungen hinaus wirksam, illustrieren derartige Haltungen die Verfestigung einer sozialen Lage, die sich über eine dauerhafte Betätigung in prekären Beschäftigungsverhältnissen konstituiert. Zufrieden sind diese Befragten nur insofern, als sie sich als Teilzeitarbeiterinnen gesellschaftlich durchaus integriert fühlen. Diese Zufriedenheit ändert nichts daran, dass die Betreffenden ihre Berufstätigkeit überaus kritisch beurteilen. Teilweise werden sie in Interessenvertretungen und Gewerkschaften aktiv, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. In diesen Fällen handelt es sich um eine Variante der Integration durch &#8222;Streit&#8220; (Simmel 1903), die allerdings an der grundsätzlichen Akzeptanz des Zuverdienerinnen-Status nichts ändert. </p>
<h2 class="auto-created">3. Unter&shy;schiede zwischen flexibler und prek&auml;rer Arbeit&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</h2>
<p>              <br />Ein bekannter Einwand gegen die Desintegrationshypothese lautet, Prekarität stelle allenfalls eine Facette flexibler Beschäftigung dar, einer Flexibilität, die im Großen und Ganzen der Interessenlage vieler Beschäftigter entgegen komme (Kronauer/Linne 2005). Und in der Tat, &#8222;manche Gruppen von Arbeitnehmern profitieren zweifellos&#8220; von einem Arbeitsmanagement, das sie &#8222;zur Freiheit verdammt&#8220;. Sie &#8222;maximieren ihre Chancen, bauen ihr Potential aus, entdecken an sich ungeahnte unternehmerische Fähigkeiten, die unter bürokratischen Zwängen und strengen Regelungen bisher verkümmerten&#8220; (Castel 2005: 63 f.). Doch der Lobgesang auf positive Seiten der Flexibilisierung ignoriert die neuen &#8222;Trennlinien&#8220;, die Arbeitswelt und Gesellschaft durchziehen. <br />Diese Trennlinien werden in unserer Typologie abgebildet. So unterscheidet sich die Selbstwahrnehmung der prekär Beschäftigten gravierend von den subjektiven Verarbeitungsformen flexibler Beschäftigung, wie sie sich in der &#8222;Zone der Integration&#8220; finden. Das zeigt sich besonders deutlich bei den &#8222;Selbstmanagern&#8220; (Typ 2), zu denen in unserer Untersuchung u. a. Freelancer aus der IT-Industrie und Werbefachleute zählen. Für diese Befragten wird das Sicherheitsrisiko, das in den Beschäftigungsverhältnissen angelegt ist, subjektiv durch den Freiheitsgewinn kompensiert, den sie mit der Abwesenheit hierarchischer Zwänge verbinden. Zudem vertrauen sie auf ihre Qualifikation und ihre materiellen Ressourcen, mit denen sie Phasen der Beschäftigungsunsicherheit einigermaßen gut überbrücken können. Integrationsstiftend wirkt in diesen Gruppen die    Identifikation mit der eigenen Tätigkeit, das Streben nach Professionalität. Das ist bei den prekär Beschäftigten grundsätzlich anders. Hier kann die Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse kaum positiv erlebt werden. <br />Damit ist nicht gesagt, dass eine individuelle Positionierung in der &#8222;Zone der Integration&#8220; mit Problemfreiheit gleichzusetzen sei. Selbst in Segmenten &#8222;immaterieller&#8220; Angestellten- und Informationsarbeit können massive Desintegrationseffekte auftreten. Letztere werden allerdings nicht primär durch unsichere Beschäftigungsverhältnisse verursacht. Sie resultieren ganz im Gegenteil aus einer Identifikation mit der Arbeitstätigkeit, die mit Arbeitswut, Leistungsdruck, Stress, Beeinträchtigung des Privatlebens, Entspannungsunfähigkeit, blockierten Aufstiegsmöglichkeiten und Diskontinuitätserfahrungen bei der Projektarbeit einher geht. Solche Desintegrationseffekte können sich dramatisch zuspitzen und eine zuvor stabile Beschäftigung in ein heikles Arbeitsverhältnis verwandeln &#8211; ein Prozess, der dann wegen der &#8222;Fallhöhe&#8220; subjektiv als besonders schmerzlich empfunden wird.</p>
<p>Dennoch sind flexible und prekäre Beschäftigungsverhältnisse nicht identisch. Manche Formen flexibler Beschäftigung können mit gesicherter Integration einhergehen. Das gilt z. B. für verschiedene Varianten von Projektarbeit, die Boltanski/Chiapello (2003) zum Charakteristikum eines &#8222;neuen kapitalistischen Geistes&#8220; stilisieren. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind stets flexibel; doch längst nicht alle Formen flexibler Beschäftigung erweisen sich zugleich als prekär. Die &#8222;Selbstmanager&#8220; (Typ 2) agieren allesamt oberhalb einer &#8222;Schwelle der Berechenbarkeit&#8220;, welche von der Verfügung    über Einkünfte und Ressourcen abhängt, die von der Sorge um die Subsistenz dauerhaft entlasten (Bourdieu 2000: 92). Bei den prekär Beschäftigten, die sich an der Schwelle der Respektabilität, gekennzeichnet durch eine feste Arbeitsstelle und ein regelmäßiges Einkommen, bewegen, ist das so nicht der Fall.</p>
<h2 class="auto-created">5. Prekarit&auml;t als Herrschafts- und Kontroll&shy;system </h2>
<p>Allerdings wirkt prekäre Beschäftigung auf die &#8222;Zone der Integration&#8220; zurück. Im Unterschied zu den subproletarischen Existenzen des 19. Jahrhunderts verursacht sie weder vollständige Entwurzelung noch absolute Pauperisierung. Vielmehr befinden sich die &#8222;Prekarier&#8220; in einer eigentümlichen &#8222;Schwebelage&#8220;. Einerseits haben sie den Anschluss an die &#8222;Zone der Normalität&#8220; noch immer vor Augen und müssen alle Energien mobilisieren, um den Sprung vielleicht doch noch zu schaffen. Andererseits sind permanente Anstrengungen auch nötig, um einen dauerhaften sozialen Abstieg zu vermeiden. Wer in seinen Anstrengungen nachlässt, dem droht der Absturz in die &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220;. Aufgrund der Diskontinuitäten des Beschäftigungsverhältnisses besitzen die modernen &#8222;Prekarier&#8220; keine Reserven, kein Ruhekissen. Sie sind die ersten, denen in Krisenzeiten Entlassungen drohen. Ihnen werden bevorzugt die unangenehmen Arbeiten aufgebürdet. Sie sind die Lückenbüßer, die &#8222;Mädchen für alles&#8220;, deren Ressourcen mit anhaltender Dauer der Unsicherheit allmählich verschlissen werden. <br />Gerade weil sich die prekär Beschäftigten im unmittelbaren Erfahrungsbereich der über Normarbeitsverhältnisse Integrierten bewegen, wirken sie als ständige Mahnung. Festangestellte, die Leiharbeiter zunächst als wünschenswerten &#8222;Flexibilisierungspuffer&#8220; betrachten, beschleicht ein diffuses Gefühl der Ersetzbarkeit, wenn sie an die Leistungsfähigkeit der Externen denken. Sie sehen, dass ihre Arbeit zu gleicher Qualität auch von Personal bewältigt werden kann, das für die Ausübung dieser Tätigkeit Arbeits- und Lebensbedingungen in Kauf nimmt, die in der Stammbelegschaft kaum akzeptiert würden. Wenngleich Leiharbeiter und befristet Beschäftigte betrieblich meist nur kleine Minderheiten sind, wirkt ihre bloße Präsenz disziplinierend auf die Stammbelegschaften zurück. In Bereichen mit hoch qualifizierten Angestellten produzieren Freelancer und neuerdings auch Zeitarbeitskräfte einen ähnlichen Effekt. So finden sich im Grunde in allen Beschäftigungssegmenten Wechselbeziehungen zwischen Stammbelegschaften und flexiblen Arbeitskräften, die den &#8222;Besitz&#8220; eines unbefristeten Vollzeiterwerbsverhältnisses als verteidigenswertes Privileg erscheinen lassen.        </p>
<p>Dieser disziplinierende Effekt lässt sich nur mit einer Verallgemeinerung sozialer Unsicherheit erklären, die längst auch die &#8222;Zone der Integration&#8220; erreicht hat. Dies erklärt das Integrationsparadoxon nachfordistischer Arbeitsgesellschaften. Die Herausbildung einer Zone unsicherer Beschäftigungsverhältnisse forciert die Umstellung auf einen neuen gesellschaftlichen Integrations- und Herrschaftsmodus. An die Stelle einer Einbindung, die nicht ausschließlich, aber doch wesentlich auf materieller und demokratischer Teilhabe beruhte, treten Integrationsformen, in denen die subtile Wirkung markförmiger Disziplinierungsmechanismen eine deutliche Aufwertung erfährt (Heitmeyer 1997: 27). <br />Die Disziplinierung durch den Markt kann, zumal in einer reichen Gesellschaft, eine Vielzahl an Hoffnungen, Ängsten und Traditionen funktionalisieren. Auf diese Weise sorgt die Konfrontation mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen nicht nur für eine &#8222;Destabilisierung des Stabilen&#8220; (Castel 2000: 357). Indem sie die einen diszipliniert und den anderen elementare Voraussetzungen für Widerständigkeit nimmt, fördert sie zugleich eine eigentümliche &#8222;Stabilisierung der Instabilität&#8220;. Auch deshalb ist die Prekarisierung kein Phänomen an den Rändern der Arbeitsgesellschaft. Sie bewirkt eine allgemeine subjektive Unsicherheit, die bis tief hinein in die Lebenslagen der formal Integrierten reicht. Prekarität wirkt desintegrierend und zugleich als disziplinierende Kraft. Zunehmende Marktsteuerung erzeugt Flexibilitätsanforderungen und produziert doch auch neue Abhängigkeiten. Insofern stützt die Prekarisierung ein Kontrollsystem, dem sich auch die Integrierten kaum zu entziehen vermögen. <br />Diese disziplinierende Wirkung ist im Übrigen für Gruppen folgenreich, die &#8211; wie eine große Zahl von Frauen und Migranten &#8211; auch während der Blütezeit des fordistischen Kapitalismus allenfalls partiell an einem durch Normarbeit konstituierten Bürgerstatus partizipieren konnten. Wenn die &#8222;Sorge um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes, so widerwärtig er auch sein mag&#8220; (Bourdieu 2000: 72), zunehmend auch das Handeln der Integrierten bestimmt, geraten selbst in den Stammbelegschaften qualitative Arbeitsansprüche unter Druck. Je weiter die Schwelle für &#8222;zumutbare Arbeit&#8220; sinkt, desto größer wird die Konkurrenz um prekäre Jobs und umso wahrscheinlicher sind Verdrängungseffekte, die vor allem Frauen und Migranten treffen.      </p>
<h2 class="auto-created">6. Politische Verar&shy;bei&shy;tungs&shy;formen von Preka&shy;ri&shy;sie&shy;rung</h2>
<p>Diese Feststellung ist auch für die Frage nach den politischen Verarbeitungsformen sozialer Unsicherheit bedeutsam. Prekarisierung korrespondiert offenbar mit unterschiedlichen Formen des Selbstregierens und der Selbstdisziplinierung. Die Übersetzung entsprechender Erfahrungen in ausgrenzende Integrationsvorstellungen und deren Aktivierung in einer bipolaren Logik, die sich gegen stigmatisierte Outsidergruppen wendet, stellt ein zentrales Bindeglied zu rechtspopulistischen Orientierungen dar. <br />Wir haben solche Orientierungen bei mehr als einem Drittel unserer Befragten aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft gefunden. Unweigerlich drängen sich Parallelen zur klassischen Autoritarismus-These Fromms (1983) und Adornos (1973) auf. Der neue Autoritarismus lässt sich indessen wohl kaum auf eine Ich-Schwäche zurückführen, die in Defiziten frühkindlicher Sozialisation wurzelt.</p>
<p>Vielmehr werden Überanpassung und Autoritätshörigkeit durch Mechanismen und Erfahrungen mit erzeugt, die auf direkten oder indirekten Wirkungen von Prekarisierungsprozessen beruhen. <br />Aber auch dort, wo moderne, partizipative Arbeitsformen existieren, gibt es offenbar einen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Marktsteuerung von Arbeit, Formen des &#8222;Selbstregierens&#8220; (Foucault 2000: 41 ff.) und einer Art Selbstinstrumentalisierung, die nicht nur Leidensdruck erzeugt, sondern auch nach &#8222;Druckventilen&#8220; sucht. Marktförmige Steuerungsmechanismen generieren offenkundig einen Zwang zum Selbstzwang, der tendenziell auf die gesamte Persönlichkeit ausstrahlt. In unterschiedlicher Weise bringt dieser Modus der Selbstzuschreibung in allen Zonen der Arbeitsgesellschaft Formen der Überanpassung hervor, die &#8211; wenn auch nicht zwangsläufig &#8211; in rechtspopulistische Orientierungen einmünden können. Je nach Position in der Arbeitswelt besitzen diese Orientierungen eine &#8222;konformistische&#8220;, eine &#8222;konservierende&#8220; oder eine &#8222;rebellische&#8220; Ausprägung (Dörre 2006). Gemeinsam ist ihnen indessen, dass sie eine Form der &#8222;imaginären Integration&#8220; in die Gesellschaft darstellen, die auf Kosten von Anderen, Schwächeren, Ausländern, eben von Outsidergruppen vollzogen werden soll. Mit diesem Befund wird die Castelsche Befürchtung, der zu Folge Gruppen im sozialen Abstieg ihre eigene soziale Position zu verteidigen suchen, indem sie Ressentiments als Triebfeder &#8222;gesellschaftlicher und politischer Aktion&#8220; nutzen (Castel 2005: 67 f.), im Grunde noch überboten. Denn offenkundig ist das Ressentiment auch ein Mittel, das integrierte Gruppen nutzen können, um Wohlfahrtsansprüche der &#8222;Prekarier&#8220; und &#8222;Entkoppelten&#8220; zu delegitimieren. Allerdings gibt es auch Gegentendenzen. Sofern Prekarisierung aktiv-partizipatorisch bearbeitet wird, wächst die Chance, einen durch schwindendes &#8222;soziales Eigentum&#8220; gefährdeten Bürgerstatus zu revitalisieren. <br />In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass partizipative und ressentimentgeleitete Verarbeitungsformen von Prekarität häufig dicht beieinander liegen. Die gleichen Leiharbeiter, die sich in heftigen ausländerfeindlichen Attacken ergehen, gründen eine Tarifkommission und erkämpfen einen Tarifvertrag, sobald sie eine realistische Möglichkeit zur kollektiven Verbesserung ihrer Situation sehen. Um partizipatorische Verarbeitungsformen zu fördern, bedürfte es indessen einer mutigen &#8222;Politik der Entprekarisierung&#8220;, die neue Sicherheiten (z. B. gesetzlicher Mindestlohn, Grundsicherung) mit einer konsequenten Förderung von Selbstorganisation der &#8222;Prekarier&#8220; (vgl. Brinkmann u. a. 2006, Kap. 7) und Ansätzen einer &#8222;solidarischen Ökonomie&#8220; (Altvater 2006: 5 ff.) zu kombinieren hätte. Aus Sicht vieler von uns Befragter sind solche Ansätze seitens der politischen Parteien und Gewerkschaften jedoch allenfalls schwach entwickelt. Aktuell dominiert offenbar eine Grammatik sozialer Auseinandersetzungen, die eine Überlagerung klassenspezifischer Verteilungskonflikte durch entsolidarisierende Konkurrenzen um das &#8222;Drinnen&#8220; und &#8222;Draußen&#8220; verursacht. Diese Konflikte sind, wie gezeigt, durchaus mit Formen einer partikularen Sozialintegration vereinbar. Um &#8222;gehegte Konflikte&#8220; (Dubiel 1995), die gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern könnten, handelt es sich bei diesen Gruppenkonkurrenzen jedoch nicht. Einstweilen scheinen Prekarisierungsprozesse die systemische Reproduktion westlicher Arbeitsgesellschaften nicht zu gefährden; dass die Sozialintegration intakt sei, wird man indessen kaum behaupten können. </p>
<p>* Es handelt sich um eine bearbeitete Fassung meines Vortrages auf dem Soziologiekongress in Kassel am 11. Oktober 2006.</p>
<p>1    Es handelt sich um das Projekt &#8222;Prekäre Beschäftigung &#8211; Ursache von sozialer Desintegration und Rechtsextremismus&#8220;, das ich gemeinsam mit Klaus Kraemer und Frederic Speidel durchgeführt habe. Das Vorhaben ist im vom BMBF geförderten Forschungsverbund &#8222;Integrationspotentiale moderner Gesellschaften&#8220; (Leitung: W. Heitmeyer/Universität Bielefeld). Es basiert auf knapp 100 halbstrukturierten Interviews, Gruppenbefragungen und mehr als 30 Expertengesprächen, die anhand ausgewählter Problemkonstellationen quer durch die &#8222;Zonen&#8220; der Arbeitsgesellschaft geführt wurden.  </p>
<p>2    Die Typologie basiert auf einer qualitativen Erhebung mit ca. 100 Befragten aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft, die ich gem. mit Klaus Kraemer und Frederic Speidel durchgeführt habe. Die Prozentzahlen stammen aus einer quantitativen Befragung des INIFES Stadtbergen, die auf einer geschichteten, zufällig ausgewählten Stichprobe (n=5.388) basiert. Tatjana Fuchs hat versucht, mit unserer Typologie zu rechnen. Die Prozentangaben müssen insofern relativiert werden, als die Zuordnung des repräsentativen Materials zu unseren Typen nur annähernd erfolgen konnte. 3,9 % der quantitativ Befragten waren nicht zuzuordnen.</p>
<p><b>Literatur</b>  </p>
<p>Adorno, Th. W. u.a. (1973, Original 1950): The Authoritarian Personality, New York.<br />Altvater, E. (2006): Solidarische Ökonomie. In: Widerspruch 50. Zürich: 5-16.<br />Boltanski, L./Chiapello, È. (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz. Frz. (1999): Le nouvel Ésprit du Capitalisme. Paris.<br />Bourdieu, P. (2000) Die zwei Gesichter der Arbeit. Konstanz.<br />Brinkmann, U./Dörre, K./Röbenack, S. (2006): Prekäre Arbeit. Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und politische Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Eine Expertise. Bonn.<br />Bröckling, U./Krasmann, S./Lemke, Th. (Hrsg.) (2000): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M.<br />Castel, R. (2005): Die Stärkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat. Hamburg.<br />Castel, R. (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz.<br />Dörre, K. (2006): The increasing precariousness of the employment society &#8211; driving force for a new right-wing populism? Paper prepared for presentation at the 15th Conference of Europeanists. Chicago, March 30 &#8211; April 2, 2006.<br />Dubiel, H. (1995): Gehegte Konflikte. In: Merkur, Heft 12/1995: 1095-1106. <br />Foucault, M. (2000): Die Gouvernementalität, in: U. Bröckling u.a., a.a.O., S. 41-67.<br />Fromm, E. (1983): Arbeiter und Angestellte am Vorabend des dritten Reiches. Frankfurt/M. <br />Heitmeyer, W. (1997): Einleitung: Sind individualisierte und ethnisch-kulturell vielfältige Gesellschaften noch integrierbar? In: Ders. (Hrsg.): Was hält die Gesellschaft zusammen? Frankfurt/M.: 23-65.<br />Heitmeyer, W./Imbusch, P. (Hrsg.): Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration. Wiesbaden.<br />Kraemer, K./Speidel, F. (2005): Prekarisierung von Erwerbsarbeit &#8211; Zur Transformation des arbeitsweltlichen Integrationsmodus. In: Heitmeyer/Imbusch (Hrsg.), a.a.O.: 36-390. <br />Kronauer, M./Linne, G. (Hrsg.) (2005): Flexicurity. Die Suche nach Sicherheit in der Flexibilität. Berlin.<br />Simmel, G. (1903/1992): Der Streit. In: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Frankfurt/M.: 284-382.<br />Windolf, P. (Hrsg.) (2005): Finanzmarkt-Kapitalismus. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen. Wiesbaden.</p>
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		<title>Ausgeschlossen, aber nicht draußen</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 10:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zum gesellschaftstheoretischen Aussagewert der Kategorien Inklusion und Exklusion. aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 23-31 Kaum eine Unterscheidung der soziologischen Theorie ist in den letzten Jahren mehr diskutiert worden, als diejenige der sozialen Inklusion und Exklusion. Es ist besonders die Vokabel der Exklusion, die zunehmend prominent in einer sowohl wissenschaftlichen als auch öffentlichen Debatte [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zum gesellschaftstheoretischen Aussagewert der Kategorien Inklusion und Exklusion. aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 23-31</p>
<p>Kaum eine Unterscheidung der soziologischen Theorie ist in den letzten Jahren mehr diskutiert worden, als diejenige der sozialen Inklusion und Exklusion. Es ist besonders die Vokabel der Exklusion, die zunehmend prominent in einer sowohl wissenschaftlichen als auch öffentlichen Debatte um Fragen neuer sozialer Ungleichheit, Armut und Ausgrenzung Verwendung findet. Umstritten ist dabei in der sozialwissenschaftlichen Diskussion der analytische Gewinn der neuen Kategorie gegenüber etablierten Ansätzen der Ungleichheits- oder Ausgrenzungsforschung. Wird mit dem Begriff der Exklusion unbesehen eine Dramatisierungsvokabel aus dem öffentlich-politischen Diskurs kopiert? Oder entspricht die scheinbar auf eine eindeutige Grenze verweisende Unterscheidung von Inklusion und Exklusion einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung, die in eine vertikale oben/unten Ordnung der gesellschaftlichen Positionen sprengt? Die Diskussionen um diese Fragen sind, wie man an der Vielzahl der aktuellen Publikationen zur Thematik leicht ablesen kann (zuletzt Bude/Willisch 2006), in vollem Gange und werden immer wieder durch aktuelle tagespolitische Debatten &#8211; zuletzt über die Frage nach der Existenz einer &#8222;neuen Unterschicht&#8220; &#8211; eingeholt.<br />Der vorliegende Beitrag möchte die zentralen Herausforderungen dieser Debatte verdeutlichen, die zwischen theoretischem und sozialpolitischem Anspruch schwankt. Für eine (noch immer eingeforderte, vgl. Steinert 2006) sozialtheoretische Ausarbeitung sozialer Exklusion ist dabei entscheidend, inwiefern es gelingt, Exklusion als einen stets über die ihn konstituierende inklusive Ordnung der Gesellschaft verlaufenden Prozess zu theoretisieren. Denn nur in dieser konsequent paradoxen Anwendung kann vermieden werden, Exklusion als einen außergesellschaftlichen Sachverhalt auszuweisen und damit die soziologisch kaum zu rechtfertigende Rede von Parallelgesellschaften oder Exklusionszonen jenseits von Gesellschaft zu reproduzieren.<br />Im Folgenden soll daher zunächst kurz in die diese Spannungen begründende Begriffsgeschichte der Unterscheidung von sozialer Inklusion und Exklusion eingeführt werden, um dann die gesellschaftstheoretischen Ansätze zu einer Ausarbeitung der Exklusionskategorie  vorzustellen. Kritisch zu bewerten ist dabei besonders die aktuelle Tendenz der Debatte, die prozessorientierte Kategorie der Exklusion mit einer sozialen Gruppe der &#8222;Überflüssigen&#8220; kurzzuschließen und zu personalisieren, wie abschließend gezeigt wird. </p>
<h2 class="auto-created">Soziale Inklusion und soziale Exklusion:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; zur Karriere eines Begriffs&shy;paares</h2>
<p>Unter sozialer Inklusion fasst man in der Soziologie seit Talcott Parsons einen Prozess zunehmender Partizipation aller Gesellschaftsmitglieder an allen Subsystemen der Gesellschaft. Als eine Grundlage der Evolution moderner Gesellschaften sichert Inklusion dem Einzelnen soziale, politische und rechtliche Teilhabemöglichkeiten ungeachtet seines sozialen Status zu und löst damit eine schichtspezifische Ordnung dieser Teilnahmerechte ab (Parsons 1976, S. 146). Niklas Luhmann knüpft an dieses evolutionstheoretische Konzept von Inklusion im Rahmen seiner Theorie funktionaler Differenzierung an und löst es aus der Anbindung an das nationalstaatliche Rahmenmodell, das Parsons Konzept bestimmt (Luhmann 1975). Aus beiden Modellen kann man plausibel begründen, warum soziale Exklusion in der Moderne zum gesellschaftlichen Problem wird, sobald sie als dauerhafte und nicht funktional legitimierte Verwehrung von Teilnahmemöglichkeiten identifiziert wird, da sie den Kern der gesellschaftlichen Forderung nach Partizipation und Chancengleichheit trifft. <br />Umso überraschender ist es, dass in beiden Ansätzen kein korrespondierender Begriff der Exklusion Verwendung findet. Weder Parsons noch &#8211; zumindest anfänglich &#8211; Luhmann beschäftigt die Frage nach Exklusion unter modernen Bedingungen, da das Problem der Exklusion in dieser evolutionären Logik temporalisiert werden kann. Zunehmende gesellschaftliche Differenzierung ist dann gleichzusetzen mit zunehmender Inklusion aller in alle Funktionssysteme. Damit wird deutlich, dass das Konzept der sozialen Inklusion aller analytischen Schärfe zum Trotz erhebliche modernisierungsoptimistische und normative Erwartungen transportiert, die den gesamtgesellschaftlichen Vorstellungen über soziale Integration in den westlichen Wohlfahrtsstaaten nach dem  2. Weltkrieg entsprechen. <br />Erst im Moment der Enttäuschung dieser Erwartungen tritt der Begriff der Exklusion als &#8222;Krisensymptom par excellence&#8220; aus dem Schattendasein und verdeutlicht, wie stark &#8211; selbst im Fall der &#8222;nüchternen&#8220; Systemtheorie &#8211; Inklusion mit Integration gleichgesetzt und positiv bewertet wird (Nassehi 2006, S. 47). [1]<br />Das Schlagwort der sozialen Exklusion gehört seit ungefähr 15 Jahren zu den zentralen Begriffen einer soziologischen Debatte um Fragen sozialer Ungleichheit oder Ausgrenzung in der modernen Gesellschaft. Anders als im Fall des Gegenbegriffs der Inklusion handelt es sich bei Exklusion also um ein relativ neues Konzept, das sich zudem nicht aus einer genuin fachlichen Begriffsgeschichte entwickelt. Als Erstbelege werden in der einführenden Literatur zuerst außerwissenschaftliche Quellen genannt, die der politisch-öffentlichen Sphäre entspringen; Stichweh (2005, S. 47) verweist auf einen 1972 in Frankreich erschienen Band unter dem Titel &#8222;Les exclus. Un Francais sur dix&#8220;, der von einem &#8222;Secretaire d&#8217;État à l&#8217;Action Sociale&#8220; namens René Lenoir verfasst wurde. Bude (2004, S. 7) verfolgt die (französischen) Wurzeln des Begriffs als &#8222;Appellwort im republikanischen Diskurs&#8220; zurück bis in die Tage der französischen Revolution und Steinert (2006, S. 561) nennt als entscheidende Ereignisse zur Durchsetzung des Exklusionsbegriffs die Aufnahme eines Forschungsfeldes &#8222;Soziale Exklusion&#8220; in das fünfte EU Rahmenprogramm der Europäischen Forschung (1994-98) sowie die Einrichtung einer &#8222;Social Exclusion Unit&#8220; durch die Regierung Tony Blair in Großbritannien 1997 (dazu detailliert: Fairclough 2000, S. 51-65).  <br />Aus diesem normativ hoch aufgeladenen Kontext einer politisch-öffentlichen Debatte um Fragen der sozialen Partizipation und Integration wird der Begriff dann schließlich in den 1990er Jahren in den sozialwissenschaftlichen Diskurs übernommen, zunächst in der französischen Soziologie (Castel 2000a; Paugam 1996), dann auch verstärkt in Deutschland (Berger/Vester 1998). Ohne sich von diesem Hintergrund zu lösen, besetzt er dort sehr erfolgreich die Funktion einer unscharfen Sammelkategorie, welche die Schnittstelle zwischen ökonomischen Armuts-, sozialen Ungleichheits- und soziologischen Marginalisierungstheorien besetzt. <br />Exklusion bezeichnet einen integrierten Ausschluss einzelner Personen oder Personengruppen aus verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten. Entscheidend ist, dass Exklusion dabei immer als mehrdimensionaler Prozess konzipiert wird und nicht durch einzelne Mechanismen definiert werden kann. Nicht allein Arbeitslosigkeit, nicht allein ökonomische Armut führen zu Exklusion, sondern die wechselseitige Verkettung und Verstärkung verschiedener Faktoren, zu denen ebenso Aspekte familiärer und schulischer Einbindung sowie politische und rechtliche Einflüsse zählen (Kronauer 2002, S. 9 ff.). Im Fahrwasser einer &#8222;Wieder-Entdeckung&#8220; der sozialen Frage (Volkmann 2002) innerhalb westlicher Sozial- und Wohlfahrtsstaaten entwickelt die neue Kategorie der Exklusion eine erstaunliche Gravitationskraft: Langzeitarbeitslose, Migranten, Behinderte, Alleinerziehende oder Drogensüchtige sind von sozialer Exklusion bedroht oder betroffen. Ihre Lage ist nicht durch eine ungünstige Platzierung innerhalb einer wie auch immer strukturierten vertikalen sozialen Ordnung gekennzeichnet, sondern gleichsam horizontal abzulesen. Sie befinden jenseits jeder sozialen Hierarchie und verschwinden in &#8222;schwarzen Löchern&#8220; (Stichweh 2005, S. 48). Als eine Population von &#8222;Unsichtbaren&#8220; treten sie in den Wahrnehmungsbereich der Soziologie, nachdem sie aus dem Relevanzbereich der Gesellschaft ausgeschlossen wurden (Bude 1998).<br />Bereits in dieser knappen Einführung wird deutlich, dass die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Konzept der Exklusion stark durch das Dramatisierungs- und Politisierungspotential der ursprünglich öffentlichen Debatte geprägt ist (Nassehi 2000). Das hat mehrfach zu dem Vorwurf geführt, dass mit sozialer Exklusion lediglich eine bestimmte Ausprägung gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung mit soziologischen Mitteln rekonstruiert würde, ohne dass analytische Gewinne gegenüber etablierten Ansätzen der Ungleichheitsforschung vorzuweisen wären (Bude 2004). Zum anderen wird angemerkt, dass eine gesellschaftstheoretische Anbindung und Ausarbeitung des Begriffs der sozialen Exklusion noch nicht hinreichend fortgeschritten ist (Schwinn 2000). <br />Besonders in diesem Punkt zeigt sich die zentrale Herausforderung einer Theorie sozialer Exklusion: der stets auf seinen (positiven) Gegenbegriff der Inklusion verweisende Begriff der Exklusion suggeriert eine eindeutige Grenzziehung zwischen einem Innen- und einem Außenbereich der Gesellschaft (Castel 2000 b). Soziale Exklusion ist aber kein außergesellschaftlicher Tatbestand, sondern ein direktes Resultat der inklusiven Ordnung der Gesellschaft. Dieser vielleicht zentralste &#8222;Fallstrick&#8220; des Exklusionsbegriffs stellt die gesellschaftstheoretische Ausarbeitung sozialer Inklusion und Exklusion vor erhebliche Schwierigkeiten. Denn auch wenn im strikten Sinne kaum von Exklusionszonen außerhalb des Sozialen gesprochen werden kann, führt die Rede von sozialer Exklusion stets den impliziten Verweis auf &#8222;die Gesellschaft&#8220; als Referenzwert sozialer Exklusion mit (Hark 2005).</p>
<p> <br /><b>(Gesellschafts-)Theorie der Exklusion?</b></p>
<p>In der deutschsprachigen Diskussion um eine angemessene Theorie sozialer Exklusion lassen sich seit Anfang der Debatte zwei Hauptstränge unterscheiden: zum einen eine an der kritischen Gesellschaftstheorie und soziologischen Ungleichheitsforschung orientierte Richtung, in der Exklusion als Konsequenz fortgeschrittener kapitalistischer Wirtschafts- und Arbeitsarrangements gedacht wird (Kronauer 2002, Steinert 2000). Zum anderen eine systemtheoretisch orientierte Konzeptualisierung, die Exklusion als Folge funktionaler Differenzierung entwirft (Luhmann 1996, Stichweh 2005). In beiden Fällen bezeichnet der Exklusionsbegriff die Kopplung und wechselseitige Verstärkung vielschichtiger Erfahrungen sozialer Ausgrenzung und Irrelevanz, mit denen sich Individuen im Verlauf von &#8222;Exklusionskarrieren&#8220; konfrontiert sehen. Im Folgenden soll nun zunächst aufgezeigt werden, auf welche Weise die genannten Ansätze sich der Problematik stellen, Exklusion als einen innerhalb der Gesellschaft stattfindenden Prozess zu theoretisieren, also letztlich als Teil einer gesellschaftlichen Inklusionsordnung zu begründen. <br />In Anlehnung an die französische Diskussion um die Kategorie der Exklusion, die stark am Leitbild einer nationalen Kohäsion geprägt ist, unterscheidet Kronauer (2002) zunächst zwei zentrale Dimensionen der Inklusion: zum einen die Zugehörigkeit durch Interdependenz, die auf formalisierten (gesellschaftliche Arbeitsteilung) und informellen (soziale Netze) wechselseitigen Beziehungsverhältnissen beruht, sowie zum anderen die Zugehörigkeit durch Partizipation, die sich aus (sozialstaatlich garantierten) politischen, materiellen und sozialen Teilhaberechten zusammensetzt. Anhand dieser beiden Dimensionen bestimmt Kronauer den Prozess der Exklusion als eine zunehmende Ausgrenzung der Gesellschaftsmitglieder von zentralen Teilhabemöglichkeiten. Solche Ausgrenzungen können dann sowohl als Situationen individueller Macht- und Chancenlosigkeit erfahren werden als auch &#8211; solange sie etwa auf einzelne Aspekte beschränkt bleiben &#8211; durch die Inklusion in anderen Dimensionen kompensiert werden. Erst die Kumulation von Ausgrenzungserfahrungen führt zu einer schrittweisen Exklusion der Einzelnen. Diesen Prozess der gesellschaftlichen Degradierung, der innerhalb der Gesellschaft verschiedene Grade der Exklusion sichtbar werden lässt, strukturiert sich als ein Kontinuum von Positionen, die vom Zentrum der Gesellschaft auf deren Rand verweisen. Das so aufgespannte Kontinuum unterteilt Kronauer in Anschluss an Castel (2000a, S. 13 ff.) in die Zone der Integration, der Verwundbarkeit und schließlich der Entkopplung. Diese Aufteilung verdeutlicht die inklusive Ordnung, durch die das Zentrum der Gesellschaft mit dem Rand, der Zone der Entkopplung, verbunden ist. Ungeklärt bleibt dabei die Frage der Zuordnung und des Übergangs von einer Zone in die andere sowie das Verhältnis der verschiedenen Achsen (Kronauer 2006, S. 37). Deutlich wird aber, dass die Erfahrung der Entkopplung auf gesellschaftlichen Inklusionsidealen beruht, die in der Zone der Integration formuliert werden. Exklusion bezieht sich dann nicht auf einen objektiven Ausschluss (die Aberkennung gesellschaftlicher Zugehörigkeit), der dann eine positive soziale Identität begründen könnte, sondern auf die subjektive Erfahrung, den eigenen und gesellschaftlichen Ansprüchen an ein &#8222;gutes&#8220; Leben nicht mehr genügen zu können.  <br />Während in dieser kritischen Tradition zumeist die Prekarisierung der Bedingungen von Erwerbsarbeit als Auslöser zunehmender Exklusionserfahrungen benannt wird, setzt die systemtheoretische Konzeption sozialer Exklusion auf Ebene der allgemeinen Theorie funktionaler Differenzierung ein(2). Ganz in der Tradition Parsons beschreibt Luhmann die Inklusionsordnung der Moderne zunächst als eine universale Zugangsoption aller Gesellschaftsmitglieder zu dem Kommunikationszusammenhang der funktionalen Teilsysteme, die über die Ausdifferenzierung generalisierter Publikumsrollen wie Wähler, Patient oder Konsument gesichert wird (Luhmann 1975, S. 160). <br />Diese Vollinklusionssemantik auf Ebene der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung schrumpft jedoch für Luhmann mit Blick auf Phänomene extremer Armut und Ungleichheit unter modernen Bedingungen in seinen späten Schriften zum reinen &#8222;Postulat&#8220; zusammen (Luhmann 1995c, S. 148). Exklusion, so Luhmann, sei gekennzeichnet durch den integrierten Ausschluss von Personen aus dem Relevanzbereich der Funktionssysteme. <br />Eine solche Definition gerät nicht nur in Konflikt mit der systemtheoretischen Grundannahme der autopoietischen Operationslogik von Systemen, sondern suggeriert auch eine klare Innen-/Außen- Spaltung der Gesellschaft. Luhmanns Beschreibung von &#8222;Exklusionsbereichen&#8220; als räumlich umgrenzte Sektoren völliger Abkopplung von funktionssystemischer Kommunikation entspringen einem solchen Zwei-Welten-Denken (Luhmann 1995 b, S. 261).<br />Beide Aspekte, darauf haben Systemtheoretiker in Anschluss an Luhmann wiederholt hingewiesen, lassen sich vermutlich auf die implizite normative Überforderung des Inklusionsbegriffs zurückführen, der stärker der parsonschen Tradition verhaftet  ist, als Luhmann selbst offen legt (Nassehi 2004). Der komplette Ausschluss einzelner Personen aus den teilsystemischen Kommunikationszusammenhängen ist theoretisch als &#8222;Spezialfall&#8220; zwar denkbar, trifft jedoch nicht den Kern der Phänomene, auf die Luhmanns Exklusionsbegriff zielt (Stichweh 2004, S. 355). Denn die binäre Codierung der Kommunikationssysteme ist nicht gleichzusetzen mit der Unterscheidung von Inklusion und Exklusion: auch Armut ist eine Form der Inklusion in das Wirtschaftssystem und dessen Codewert zahlen/nicht-zahlen, auch die Negativ-Karriere eines Schulabbrechers verläuft innerhalb des Bildungssystems und nach dessen Gesetzmäßigkeiten (Nassehi 2000, S. 21). So kann gerade die von Luhmann beschriebene Mehrdimensionalität als zentrales Kennzeichen sozialer Exklusion als Akkumulation spezifischer Inklusionsformen der Funktionssysteme beschrieben werden. Durch diese paradoxe Definition, die Exklusion auf der Inklusionsseite der Unterscheidung von Inklusion/Exklusion verortet, können verschiedenste sozial Ungleichheitslagen als Resultat multipler inklusiver Arrangements in einer funktionalen Differenzierungsordnung analysiert werden. <br />Ab wann eine solche Inklusionsordnung als gesellschaftliche Exklusion wahrgenommen wird und sich für die Betroffenen in der Erfahrung der Irrelevanz niederschlägt, ist dann abhängig von herrschenden Normalitätsmustern und kann theoretisch &#8211; wie im Fall der Zuordnung zu den drei Zonen Castells &#8211; nicht beantwortet werden.<br />In dieser kurzen Zusammenfassung wird der wesentliche Gewinn einer Umstellung von traditionellen Armuts- und Ungleicheitskategorien auf eine Theorie sozialer Inklusion und Exklusion deutlich. Sie schärft den Blick für die multiplen Dimensionen, in denen soziale Ausgrenzungsprozesse als Bestandteil inklusiver Ordnungen verlaufen und sensibilisiert für die Kontingenz gesellschaftlicher Normalitätsfiktionen. Zugleich zeigt sich aber in den angesprochenen Schwierigkeiten auch die Gefahr eines Exklusionsmodells, in dem die konstitutive Verknüpfung von Inklusion und Exklusion sowie der prozesshafte Charakter von Exklusionsverläufen aus dem Blick geraten. Anstelle einer Rekonstruktion verschiedener Ereignisse, in denen sich die Selbst- oder Fremdzuschreibungen der Individuen als sozial irrelevant oder ausgegrenzt ablesbar zu einem Exklusionsprozess verdichten, wird die analytische Kategorie der Exklusion umgewandelt in eine Topologie der Exklusionsbereiche und deren Bewohner. Dadurch gerinnen Dynamik und Verknüpfung von Inklusions- und Exlusionskarrieren in der Diskussion zu einer Quasi-Phänomenolgie der &#8222;Überflüssigen&#8220;, wie im Folgenden verdeutlicht werden soll.</p>
<h2 class="auto-created">Die &Uuml;berf&shy;l&uuml;s&shy;sigen</h2>
<p>Die bisherige Argumentation hat gezeigt, dass gesellschaftstheoretisch abgesichert nicht von Exklusion im Sinne eines strukturellen Ausschlusses aus der sozialen Ordnung gesprochen werden kann. Jedoch ist es genau die Erfahrung einer solchen Ausgrenzung, die sich in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Beschreibung neuer sozialer Ungleichheiten durchsetzt. Im Anschluss an die differenzierungstheoretischen Überlegungen im letzten Abschnitt könnte man formulieren, dass die etablierten und sozial abgesicherten Formen des Individuum-Gesellschafts-Arrangements zunehmend brüchig werden und traditionelle sinnstiftende Inklusionsordnungen errodieren (Nassehi 2006). Gerade dieser Aspekt der Exklusionsdebatte führt jedoch häufig zu einem &#8222;Kurzschluss&#8220; zwischen der analytischen Kategorie der Exklusion und der Personalisierung der vermeintlich &#8222;Exkludierten&#8220;. Die Rede ist dann von &#8222;Ausgegrenzten, Entbehrlichen, Überflüssigen&#8220;, die in einer paradoxen Figur zugleich sozial unsichtbar und dennoch super &#8211; evident erscheinen (Bude/Willisch 2006). Zum einen beschreiben die betreffenden theoretischen Arbeiten häufig einfach das &#8222;Personal&#8220; des Exklusionsbereichs, zum anderen werden gerade dadurch Analogien zu vormodernen Ungleichheitsformen evoziert, obwohl die Diskussion doch gerade beansprucht, auf neue Qualitäten sozialer Ausgrenzung in hochmodernen Kontexten zu reagieren (Hark 2005).<br />Anstelle einer gesellschaftstheoretischen Angabe des sozialen Ortes von Exklusion oder einer Rekonstruktion der Prozesse, die in Exklusionslagen führen, fungieren fiktive Beispiele und Einzelfallbeschreibungen als Repräsentanten für Exklusionsphänomene. Luhmann schreibt von einer &#8222;(&#8230;) aufs Körperliche reduzierte(n) Existenz, die den nächsten Tag zu erreichen sucht.&#8220; (Luhmann 1995 b: 228). Bude formuliert: &#8222;Der Nachbar, der vom vielen Weißbrot, der fettigen Wurst und den gezuckerten Getränken außer Fasson gerät, weil er die meiste Zeit des Tages vor dem Fernsehgerät verbringt, ist die Figur des &#8218;Überflüssigen&#8216;, an welcher der deutschen Gesellschaft das andere ihrer selbst vor Augen tritt.&#8220; (Bude 2004: 15). <br />Auffällig ist dabei in vielen Texten, dass als eigentliches Kriterium für Exklusion ein auf den Körper des Exkludierten fixiertes Beobachtungsverhältnis angegeben wird. Ähnlich wie Luhmann formuliert auch Bude, dass für den Ausgegrenzten ein &#8222;bestimmter phänomenologischer Befund entscheidend (sei), der etwas mit einem Körperausdruck von Müdigkeit, Abgestumpftheit und Apathie&#8220; zu tun habe (Bude 1998: 377) Damit wird soziale Exklusion nicht als analytische Kategorie eingeführt, die gesellschaftsstrukturelle Veränderungen fasst, sondern vielmehr als ein heterogen besetzter Bereich konstruiert, in dem sich &#8222;die Gesellschaft&#8220; ihrem Außen in Verkörperung von paradigmatischen Einzelfiguren oder Gruppen gegenübersieht (Hark 2005). Anstatt eine theoretischen Analyse von Ausgrenzungsprozessen anzustoßen verbleiben die Texte so häufig bei einer &#8222;Diagnostik der Überflüssigen&#8220;, (Steinert 2000) indem sie die Aufmerksamkeit von der &#8222;Innenseite&#8220; gesellschaftlicher Ordnungs- und Zuschreibungsmechanismen auf die Seite der exkludierten Subjekte oder Gruppen lenken.<br />Diese Tendenz zur Personalisierung eröffnet einen Assoziationskontext, der die geschilderten Phänomene in ein Bezugsverhältnis zu vor- oder frühmodernen Ausgrenzungsfiguren setzt. So wird häufig auf Marx&#8217; Schilderungen der &#8222;Surplusarbeiterpopulation &#8220; bzw. des &#8222;Lumpenproletariats&#8220; als analoge Figuren zu den heutigen &#8222;Exkludierten&#8220; verwiesen, ohne dieselben Mechanismen kapitalistischer Akkumulation für deren Lage verantwortlich machen zu können, die Marx an diesen Gruppen ablas (Kronauer 2002:86). Auch mittelalterliche und frühneuzeitliche Exklusionsfiguren wie die Vogelfreien oder die Vaganten werden herangezogen, um an ihnen die aussichtslose soziale Lage der aktuell &#8222;Ausgegrenzten&#8220; zu verdeutlichen (Fuchs 1997: 2001). Konsequent wird dann ein Phänomen, dass zunächst als radikal neue Herausforderung für die moderne Gesellschaftswissenschaft auftritt &#8211; nämlich die Zunahme von sozialen Ausgrenzungserfahrungen oder &#8211;wahrnehmungen in hochmodernen Kontexten &#8211; umformuliert zu einer &#8222;Rückkehr der Überflüssigen&#8220; (Kronauer 2002: 96). Nicht was soziale Exklusion ist scheint in diesen Texten beantwortet, sondern wer exkludiert ist. Gesellschaftstheoretisch enttäuschen diese Argumentationsmuster. Sie zeugen eher von der massenmedial-politischen Instrumentalisierung eines Sozial-Voyeurismus mit Hang zum Spektakel als von wissenschaftlicher Analysekompetenz und leisten damit einen Beitrag zur Reproduktion öffentlicher Stereotype. <br />Die bisherigen Ansätze, einen gesellschaftstheoretisch informierten Begriff der sozialen Exklusion zu entwickeln, sind also in zweifacher Weise herausgefordert: zum einen muss die analytische Kapazität des Exklusionsbegriffs in Abgrenzung zu alltäglicher oder massenmedialer Überbietungsrhetorik verdeutlicht werden, zum anderen muss das eindeutige Grenzverläufe suggerierende Begriffspaar Inklusion/Exklusion in eine Gesellschaftstheorie jenseits jeder Zwei-Welten-Metaphorik integriert werden.<br /> <br /> <br />1    Dabei kennt die Soziologie spätestens seit den Analysen von Goffmann zu den totalen Institutionen des Strafvollzugs oder der Psychatrie die Problematik einseitiger und vereinnahmender Inklusionsformen. Vgl. Goffmann 1972.<br />2    Bereits in früheren Arbeiten entwickelt Luhmann das Konzept der Exklusionsindividualität, auf das hier nicht eingegangen, sondern nur verwiesen werden kann. Zur Rekonstruktion der beiden (teilweise widersprüchlichen) Aspekte sozialer Exklusion im systemtheoretischen Verständnis vgl. Farzin 2006.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur&nbsp;&nbsp;</h2>
<p>Berger, Peter/Michael Vester (Hrsg.) (1998): Alte Ungleichheiten, neue Spaltungen. Opladen. <br />Bude, Heinz (1998): Die Überflüssigen als transversale Kategorie. In: Peter A. Berger/ Michael Vester (Hrsg.): Alte Ungleichheiten, neue Spaltungen. Opladen, S. 363-382. <br />Bude, Heinz (2004): Das Phänomen der Exklusion. Der Widerstreit zwischen gesellschaftlicher Erfahrung und soziologischer Rekonstruktion. In: Mittelweg 36, H. 4, S. 3-15.<br />Castel, Robert (2000a): Die Metamorphosen der sozialen Frage: eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz.<br />Castel, Robert (2000b): Die Fallstricke des Exklusionsbegriffs. In: Mittelweg 36, H. 3, S. 11-25.<br />Fairclough, Norman (2000): New Labour, New Language? London.<br />Farzin, Sina (2006): Inklusion/Exklusion. Entwicklungen und Probleme einer systemtheoretischen Unterscheidung. Bielefeld.<br />Fuchs, Peter (1997): Weder Herd noch Heimstatt &#8211; Weder Fall noch Nichtfall. Doppelte Differenzierung im Mittelalter und in der Moderne. In: Soziale Systeme 3, S. 413-437.<br />Fuchs, Peter (2001): Von Jaunern und Vaganten &#8211;  Das Inklusions-/Exklusions-Schema der &#8211;Sozialität unter frühneuzeitlichen Bedingungen und im Dritten Reich. In: Soziale Systeme 7, S. 350-369.<br />Goffman, Ervin (1972): Asyle. Frankfurt a. M.<br />Hark, Sabine (2005): Überflüssige. Deutungsbegriff für neue gesellschaftliche Gefährdungen? In: Transit &#8211; Europäische Revue, Nr. 29, S. 125-141.<br />Kronauer, Martin (2002): Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus. Frankfurt a. M..<br />Kronauer, Martin (2006): &#8222;Exklusion&#8220; als Kategorie einer kritischen Gesellschaftsanalyse. Vorschläge zu einer anstehenden Debatte. In: Heinz Bude / Andreas Willisch (Hg.): Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige. Hamburg, S. 27-45.<br />Luhmann, Niklas (1975): Evolution und Geschichte. In: ders.: Soziologische Aufklärung 2. Opladen, S. 150-169.<br />Luhmann, Niklas (1995a): Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Opladen.<br />Luhmann, Niklas (1995b): Inklusion und Exklusion. In: Ders.: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Opladen. S. 237-265.<br />Luhmann, Niklas (1995c): Jenseits von Barbarei. In: Ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik, Band 4, S. 138-150.<br />Nassehi, Armin (2000): »Exklusion« als soziologischer oder sozialpolitischer Begriff? In: Mittelweg 36, S. 18-31.<br />Nassehi, Armin (2004): Inklusion, Exklusion, Ungleichheit. Eine kleine theoretische Skizze. In: Thomas Schwinn (Hrsg.): Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei Soziologien und ihre Verknüpfung. Frankfurt a. M., S. 323-352.<br />Nassehi, Armin (2006): Die paradoxe Einheit von Inklusion und Exklusion. Ein systemtheoretischer Blick auf die &#8222;Phänomene&#8220;. In: Heinz Bude / Andreas Willisch (Hg.): Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige. Hamburg, S. 46-69.<br />Paugam, Serge (Hrsg.) (1996): L&#8217;exclusion, l&#8217;etat des savoirs. Paris.<br />Parsons, Talcott (1976): Zur Theorie sozialer Systeme. Opladen.<br />Schwinn, Thomas(2000): Inklusion und soziale Ungleichheit. In: Berliner Journal für Soziologie, S. 471-483.<br />Steinert, Heinz (2000): Die Diagnostik der Überflüssigen, in: Mittelweg 36, Heft 5/2000, S. 9-17.<br />Steinert, Heinz (2006): Social Inclusion and social exclusion, in: Austin Harrington / Barbara L. Marshall / Hans-Peter Müller: Encyclopedia of Social Theory. New York, S. 561-562.<br />Stichweh, Rudolf (2004): Zum Verhältnis von Differenzierungstheorie und Ungleichheitsforschung: Am Beispiel der Systemtheorie der Exklusion. In: Thomas Schwinn (Hrsg.): Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei Soziologien und ihre Verknüpfung. Frankfurt a. M., S. 353-367.<br />Stichweh, Rudolf (2005): Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschaftstheorie. Bielefeld.<br />Volkmann, Ute (2002): Soziale Ungleichheit: Die &#8222;Wieder-Entdeckung&#8220; gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. In: Ute Volkmann / Uwe Schimank (Hrsg.): Soziologische Gegenwartsdiagnosen II &#8211; Vergleichende Sekundäranalysen. Opladen, S. 227-256.</p>
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		<title>Die Angst vor dem sozialen Tod</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 09:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wo Erfolg zur Bedingung von Anerkennung wird, ist die Angst vor der Scham seine Begleiterin. aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 32-38) Derzeit leben wir in einer nicht abreißenden Kette von Angstszenarien. Sie reicht von der Angst vor Krieg und Terror bis zur Angst vor der Vogelgrippe, also eine facettenreiche Ausgestaltung der Todesangst. Daneben [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wo Erfolg zur Bedingung von Anerkennung wird, ist die Angst vor der Scham seine Begleiterin.</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 32-38)</p>
<p>Derzeit leben wir in einer nicht abreißenden Kette von Angstszenarien. Sie reicht von der Angst vor Krieg und Terror bis zur Angst vor der Vogelgrippe, also eine facettenreiche Ausgestaltung der Todesangst. Daneben aber gibt es individuelle Ängste, genauso verbreitet und für den einzelnen genauso bedrohlich, ohne sich generalisiert artikulieren zu können: es ist die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor dem Verlust von Status, Position und sozialer Anerkennung, es ist die Angst vor dem sozialen Tod. Um die ausgesprochenen Todesängste kann ich mich hier nicht detailliert kümmern, obwohl es sich fast ausschließlich um menschengemachte Bedrohungen handelt, die man zum größten Teil als kapitalistische Begleitprodukte betrachten kann, wie alle die Luft-, Wasser und Lebensmittelvergiftungen. Auch die modernen Mittel des Kriegshandwerks dienen nicht zuletzt einem hegemonialen Interesse, in dem die Ökonomie keine untergeordnete Rolle spielt. Günther Anders hat den Begriff &#132;prometheische Scham&#147; erfunden, mit dem er deutlich macht, dass die Menschheit bislang nicht in der Lage ist, die Bedeutung der Atombombe zu begreifen. Heute könnte man den Gedanken von Anders variieren, wenn man sich die Möglichkeiten des modernen Terrorismus vor Augen führt. All diese Bedrohungen machen dem Einzelnen mehr oder weniger Angst, werden durch soziale und psychische Bedingungen relativiert oder radikalisiert, führen zu kollektiven Hysterien und Apathien. Jedenfalls haben die konkreten Ängste und die realen Bedrohungen meist keine notwendige Verknüpfung. Wie das Vertrauen in die Welt aussah, als es noch keine Atombomben gab, ist heute schwer vorstellbar. <br />Was für die Todesangst gilt, macht auch vor den Ängsten nicht halt, die das Misslingen des Lebensentwurfs betreffen. Angst vor Anerkennungs- oder Liebesverlust hat latent jeder, und mit Recht. Und zugleich sind gerade die sozialen Aspirationen des Einzelnen das paradigmatische Feld, in das auch alle die Angstprojektionen hineinschießen, die aus anderen Lebenssphären stammen, natürlich auch die neurotischen. Die aktuelle Aufkündigung solidarischer gesellschaftlicher Beziehungen, die, von der Politik befördert, zu einer latenten Zerstörung von Sozialität überhaupt führt, löst bisher unbekannte Ängste aus, da nicht mehr Schichten und Klassen die Leidtragenden sind, sondern Millionen von isolierten Individuen und Familien. Ob der große pauperisierte Teil dieser riesigen Gruppe den Namen &#132;neue Unterschicht&#147; verdient, muss offen bleiben. Jedenfalls wäre es ein Begriff, der, gegen den Strich gelesen, Identifikationen erlauben würde. Dann könnte die diffuse, allgegenwärtige Angst vielleicht, aber nur vielleicht, zum Motor einer neuen Politisierung werden.<br />In seinem vorletzten Buch: &#132;Respekt im Zeitalter der Ungleichheit&#147; beschäftigt sich Richard Sennett mit den Chancen gegenseitigen Respekts unter Bedingungen sozialer Ungleichheit. Er geht davon aus, dass Ungleichheit immer und in allen Gesellschaften vorhanden ist, dass folglich Neid und Konkurrenz zur Gesellschaftlichkeit überhaupt gehören. Dem kann man kaum widersprechen. Umso wichtiger wird es, wie die Gesellschaft mit dieser Tatsache umgeht, ob sie die Ungleichheit thematisiert oder kompensiert und wie sie sie rechtfertigt. Unsere Gesellschaft will die traditionell festgeschriebenen Status- und Rangunterschiede, also die traditionellen Formen sozialer Ungleichheit durch die so genannte Chancengleichheit überwinden; nicht mehr die Herkunft sondern Begabung und Leistung sollen heute in die oberen Etagen der Gesellschaft führen. Wie schwierig es ist, Chancengleichheit auch nur für den Hochschulzugang herzustellen, kann man an der PISA-Studie sehen. <br />Dass Chancengleichheit selbst da, wo sie halbwegs existiert, nichts an der Hierarchisierung der Gesellschaft ändert, wird leicht vergessen. Die bürgerliche Idee der Gleichheit ist hinter dem Postulat der Chancengleichheit fast verschwunden. Ihre Bedeutung lag ja gerade darin, dass sie vom Einzelnen und seiner Individualität absah. Ursprünglich formal konzipiert kann sie sich nur unter Bedingungen sozialer Gleichheit realisieren, die in einer dynamischen Gesellschaft von der Politik immer neu geschaffen werden muss. Davon ist kaum noch etwas übrig geblieben. Die heutige Individualisierung, die jeden zu seines Glückes Schmied erklärt, macht die Ungleichheit der sozialen Chancen unsichtbar. Der misslungene gesellschaftliche Aufstieg wird dann leicht als individueller Mangel interpretiert. Zur bloßen Ideologie verkommen ist das Gleichheitspostulat heute daher ein zweifelhafter Ansporn, es wirkt sich allzu leicht zerstörerisch auf Selbstachtung und Selbstvertrauen aus. Mehr noch: es spielt mit der Angst vor Unterlegenheit, die im Konkurrenzkampf hervorgelockt und als Mittel der Beschämung benutzt werden kann.<br />Adorno hatte bei der Analyse bürgerlicher Deklassierungsängste davon gesprochen, dass die Angst, durch die Maschen zu fallen und abzusinken, mittlerweile als zweite Natur anstelle der Existenzangst ums &#132;natürliche Dasein&#147; getreten sei. Als unmittelbaren Grund hatte Adorno die Krisen des Kapitalismus im Auge, allgemeiner jedoch die Tatsache, dass Deklassierung als Bedrohung der Selbstachtung empfunden wurde, als radikaler Ehr- und Anerkennungsverlust.<br />Adorno war einer der Ersten, der die Rolle dieser diffusen Dauerängste um Erfolg oder Misserfolg zum Thema gemacht hat. Er hielt sie für das Einfallstor einer auf Angst bauenden, politischen Manipulation. Und das umso mehr, wenn die Angst vor dem sozialen Makel und das Gefühl dauernder Unsicherheit mit einer realen ökonomischen Bedrohung zusammenkommen. Daraus entsteht ein Amalgam aus vielfältigen Existenzängsten, die &#8211; mit einem Wort von Bourdieu &#150; &#132;im Rahmen von Prekarisierungsstrategien systematisch ausgenutzt&#147; werden. Und genauer: &#132;Die Prekarität ist Teil einer neuartigen Herrschaftsform, die auf der Errichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmer zur Unterwerfung (&#133;) zu zwingen.&#147; Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese gemeinsame Unsicherheit und die gleichartigen sozialen Ängste könnten zur Solidarisierung führen. Doch die Klassenunterschiede und die Stufe auf der Leiter der gesellschaftlichen Hierarchie, auf der die Einzelnen stehen, vertiefen die Gräben zwischen den sozialen Gruppen eher. Schließlich hängt vom sozialen Ort ab, was die Einzelnen zu verlieren haben. Daher verbindet diese Unsicherheit nicht, im Gegenteil. Ideologisch geschönt bekommt sie ein positives Vorzeichen als Lust zum Risiko, so geht sie unmittelbar als Treibsatz in den Kampf um Erfolg und Aufstieg ein.<br />Deklassierung droht heute allen, auf allen Rängen der Hierarchie, eine Gefahr, die es in traditionellen Gesellschaften nicht geben konnte. Ihr Pendant ist der soziale Aufstieg, der als Phantasma die Sozialpsychologie unserer Gesellschaft prägt. Da nun alle virtuell aufsteigen können und es auch phasenweise tun, ändert sich an der Hierarchie prinzipiell nichts. In diesem Zerrbild einer egalitären Gesellschaft findet niemand einen sicheren Ort, daher die nie zu besiegende Angst vor dem Abstieg. Heute findet dieser Abstieg wirklich massenhaft statt, aber schon in den Jahren zuvor hat die latente Angst davor die Selbstachtung der Subjekte ausgehöhlt, da das Selbstbild an den sozialen Status geknüpft ist. Um es deutlich zu machen: da ging es noch nicht um: Angst vor Inflation, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor der Wirtschaftskrise. Bevor das alles so manifest drohte wie heute, war es trotzdem diese Angst, die den Konkurrenzkampf um Status und Position so erbittert macht. Auf den Punkt gebracht: Angst vor Deklassierung signalisiert einen Mangel an Selbstachtung, der, so Adorno, ein Kennzeichen unserer Gesellschaft ist.<br />In seiner Abhandlung zur &#8222;Politik der Würde&#8220; gibt der israelische Sozialphilosoph Avishai Margalit der Selbstachtung das zentrale Gewicht für ein menschliches Zusammenleben, das im besten Falle solidarisch geregelt wird, in jedem Falle aber nicht zerstörerisch sein darf. Wie Gesellschaften beschaffen sind, deren Mitglieder immer Gefahr laufen, ihre Selbstachtung zu verlieren, ist daher die zentrale Frage des Buches, das im Untertitel &#132;Über Achtung und Verachtung&#147; heißt. Demütigung ist für ihn die Erfahrung, an der Selbstachtung zerbricht. Man kann sich durch die Umstände, unter denen man lebt, gedemütigt fühlen, vorausgesetzt, sie sind von Menschen gemacht. So etwa, &#132;wenn die Institutionen einer Gesellschaft bewirken, dass sich Menschen für ein identitätsstiftendes Zugehörigkeitsmerkmal schämen&#147;, wie Hautfarbe, Geschlecht oder auch Religion. Heute kommt die Unterschicht dazu. Selbstachtung setzt demnach voraus, dass die identitätsstiftende Gruppe, der man selbstverständlich und ohne eigene Entscheidung angehört, sozial nicht gedemütigt wird. Selbstachtung ist also primär mit Zugehörigkeit, und erst in zweiter Linie mit Leistung verknüpft.<br />Der demütigende Ausschluss ganzer Gruppen ist ein sozialer Modus, der sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen reproduziert. Am deutlichsten wird dieser Modus in Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Beides sind in Europa Randphänomene, die in Wellen kommen und gehen. Am untersten Rand der Gesellschaft ist diese Art von Demütigungen eine Praxis der Gruppen, die ihrerseits von Ausschluss bedroht sind. Und dieser Mechanismus des Ausschließens setzt sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen fort. Deutsche wie amerikanische Soziologen haben beobachtet, dass so genannte askriptive Merkmale, wie Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht, Alter, wieder mehr denn je als Kriterien gelten, die beim Statusgewinn zählen. Es sind genau die Identitätskriterien, die nicht abstreifbar sind. Die quasinatürlichen Stigmata, um die es sich hier ja handelt, pflanzen sich fort in soziale Stigmata. Und noch in der sozial anerkanntesten Gruppe finden sich im Falle der Statuskonkurrenz subtile Ausschlussmechanismen, und wenn es die uneheliche Geburt ist. Die Gesellschaft besteht nicht mehr aus Gruppen, denen man einfach angehört und aus denen man nicht herausfallen kann, es sei denn die Familie. Fehlt jedoch diese Basis jeden Anerkennungsmodells, dann sind die Subjekte immer von Ausschluss und Beschämung bedroht. Die Angst, durch die Maschen zu fallen und nirgends dazu zu gehören, gehört zu den treibenden Motiven, von denen diese Gesellschaft in Atem gehalten wird.<br />Der Fortschritt der bürgerlichen Gesellschaft, die sozialen Unterschiede durch Rang, Stand und Herkunft abzuschaffen, hat sich schließlich an ihrem vorläufigen Ende als Schimäre erwiesen. An der sozialen Ungleichheit, um deren Überwindung es ging, hat sich nichts geändert, lediglich ist sie heute nicht mehr rechtlich und politisch festgeschrieben, wohl aber sozial-strukturell verankert. Daraus erwächst die Paradoxie, dass der Einzelne für sein Schicksal verantwortlich gemacht wird, und es doch aus strukturellen Gründen nur wenige gibt, die ihr Klassenschicksal verlassen. Für alle anderen wird der scheiternde Versuch des Aufstiegs zur demütigenden Erfahrung, eine Erfahrung, die mitunter mit Rache und Gewalt beantwortet wird.<br />Aus alledem soll nicht der Schluss gezogen werden, dass es früher besser war. Die Enge, die Armut, die brutalen Herrschaftsverhältnisse waren sicher grauenhaft. Und trotzdem muss man festhalten, dass die bürgerlich intendierte und kapitalistisch radikalisierte Emanzipation die Subjekte in eine Selbstbezüglichkeit zwingt, die zerstörerisch ist. Früher blieb dem Einzelnen das Milieu, der Kietz, das Dorf oder die religiöse Gemeinde, in die er hineingeboren wurde. Sein sozialer Ort war nicht selbst gewählt oder erworben, sondern mit der Geburt gegeben. Das hat nicht nur beengt und geknechtet, sondern auch Distanz erlaubt. Den sicheren sozialen Ort gibt es für die meisten heute nicht mehr, sondern nur noch den sozialen Status. Nicht die Herkunft sondern einzig seine Kompetenzen, also Bildung, Titel, Auftreten werden dafür verantwortlich gemacht. Objektiv könnte jeder dasselbe erreichen, wenn er nur könnte. Deshalb wird derjenige, der dieses alles nicht erreicht hat, seinen minderen sozialen Status als persönlichen Mangel interpretieren. Daraus erwächst ihm ein Unterlegenheitsgefühl, das ihn beschämt.<br />Nach Günther Anders ist unser soziales Leben von der Schamangst durchwebt, weil das permanente Messen und Vergleichen den nie befriedigten Drang nach Überlegenheit hervorbringt, um der Gefahr des Unterliegens zu entkommen. Kaum jemand wird von der Erfahrung verschont, dass diese Gefahr nie gebannt ist, sobald man sich auf das Messen und Vergleichen eingelassen hat. Scham, so nochmal Anders, ist ein scheiternder Selbstbezug, eine Störung der Selbstidentifizierung, die ohne Selbstachtung nicht vorstellbar ist. Gelingen kann der Selbstbezug nur, wenn die verinnerlichte Norm sich in der Lebenspraxis gewährt. Je mehr im heutigen Wirtschaftsleben der Konkurrenzgewinn in den Vordergrund als einziges Ziel rückt, desto sicherer werden Normen, die dem nicht zuarbeiten, als dysfunktional verworfen. Es ist daher kein Zufall, dass der Sport zum Vorbild der Gesellschaft wird. Hier geht es um siegen, um sonst nichts. Alles andere wird dem untergeordnet. Auch das fair-play, die Moral des Sports, wird gerne zum Vergleich herangezogen; es setzt die Anerkennung von Regeln voraus und impliziert einander ebenbürtige Konkurrenten. Die Konkurrenz von Gleich zu Gleich hat in unserer Gesellschaft einen hohen ideologischen Wert; mit ihrer Stilisierung kann die strukturelle Ungleichheit überblendet werden. Daher die Betonung des Sportiven auf allen sozialen Ebenen. <br />Ob der besiegte Spitzensportler sich schämt, weiß ich nicht. Ich denke, eher nicht. Er hat gezeigt, was er kann und jeder hat es gesehen. Er läuft nicht Gefahr, die faktische Unterlegenheit als moralische Unterlegenheit zu empfinden. Er hat einen Rahmen, der unverrückbar ist, in dem agiert er. Das berufliche Scheitern hat der Scheiternde immer weniger in der Hand, es hat keinen Rahmen, auf den bezogen der Einzelne handeln und sein Handeln reflektieren könnte. Seine Fähigkeiten spielen selten eine Rolle. Selbst die Chance, sich zu vergleichen, ist vielen heute genommen, sie sind der Konkurrenz einfach ausgeliefert. Eine Situation, die sich zunehmend radikalisiert. Das Scheitern ist heue meist ein Absturz in die Arbeitslosigkeit, und nicht einfach nur der etwas schlechtere Job. Die Angst davor wird derzeit allenthalben weidlich ausgenutzt.<br />Bei Bourdieu steht das interessante Wort: Flexploitation, zusammengesetzt aus Flexibilität und Ausbeutung. &#132;Dieser Begriff veranschaulicht sehr treffend den zweckrationalen Gebrauch, der von der Unsicherheit gemacht wird.&#147; Die aktuelle Flexibilisierung der Arbeit, die jeden kollektiven Arbeitsrhythmus über Bord wirft, hat die Selbstbezüglichkeit der individuellen Berufs- und Lebensplanung radikalisiert. Schon in den 50er Jahren hatte Adorno von Atomisierung gesprochen, um die Situation der Subjekte im Spätkapitalismus zu kennzeichnen. Im Begriff Individualisierung wird der Gedanke von Adorno aufgegriffen und weitergeführt. Dabei geht es nicht um mehr Freiheit und Individualitätschancen, sondern um die Auflösung aller Milieus und Traditionen, die mit Berufskarrieren und Modellen der Lebensführung verknüpft waren, so dass der Einzelne sein Leben in allen Facetten planen muss und doch eingeengt bleibt von den Grenzen seiner Ausbildung und den Angeboten des Marktes. &#132;Hochgradig durch den Markt vergesellschaftet, findet der Einzelne jene soziostrukturellen Bindungen nicht mehr vor&#147; (Neckel), in denen er Schutz und Solidarität finden konnte. Individualisierung suggeriert mehr denn je die Chance des sozialen Aufstiegs, weil Individuen und nicht mehr soziale Klassen ins Blickfeld geraten. Sie zwingt den Subjekten einen Konkurrenzkampf auf, der langsam alle Lebenssphären ergreift. Die persönlichsten Attribute werden zum Tauschobjekt, dessen Einsatz soziale Vorteile verschaffen soll. Erfolg wie Misserfolg erscheinen unmittelbar als Ausdruck der Persönlichkeit, während das ehedem Persönliche einem Prozess der Selbstdestruktion zum Opfer fällt.<br />In seinem bereits erwähnten Buch über Respekt angesichts von Ungleichheit spricht Sennett über den Neid, der in unserer Gesellschaft gefördert werde, und der Neidische, dies ist das Problem, verliere seine Selbstachtung. Sennett geht es weniger um den Neid auf den besseren sozialen Status, sondern um den Neid auf das Können eines andern. Sein Beispiel ist der Musiker, weil er selbst ein begabter Musiker war, bevor er wegen einer Handverletzung seine Musiker-Karriere aufgeben musste. Sennett kennzeichnet das Können als etwas, was gerade deshalb Neid erregt, weil es jenseits aller Beziehungen und Anerkennungsformen für den Könner etwas Befriedigendes hat. Am Neid gegenüber dem Musiker wird das Dilemma des Statusneids besonders deutlich. Der Statusneid gilt einem gesellschaftlichen Vorsprung, der Künstlerneid gerade der Freiheit von Statusproblemen. Und je mehr die Statuskonkurrenz alles in ihren Sog hineinzieht, desto seltener wird es ein Können unbelastet von Statusproblemen geben, ein Können also, das bei sich bleibt, weil die Tätigkeit das ist, was befriedigt.<br />Neid kann sich auf alles richten, auch auf Schönheit und Bildung. Im Statusneid tritt der Neid um Anerkennung, der nirgends fehlt, quasi nackt hervor. Die Individualisierung der Ungleichheit treibt den, der sich aus dem Gefühl der Unterlegenheit beschämt fühlt, in einen infiniten Regress der Anpassung, ja der Unterwerfung unter die herrschende Ordnung, um anerkannt zu werden. Die Scham, im beruflichen Leben unterlegen zu sein, weitet sich aus auf alles, was man ist. Durch die Flexibilisierung der Berufsbiographie lassen sich berufliche Normen nicht mehr eindeutig eingrenzen. Der Unterlegene glaubt sich an der herrschenden &#132;Identitätsnorm&#147; (Goffman) gescheitert, und schämt sich umso mehr. Deshalb wird er alle Fähigkeiten, die sich nicht in einen Anerkennungsgewinn ummünzen lassen, über Bord werfen. Je flexibler die Subjekte werden müssen, um am Ball zu bleiben, desto geringer wird die Befriedigung aus der Qualität der Arbeit, es zählt eigentlich nur noch der Positionsgewinn.<br />Jetzt darf man nicht übersehen, dass Statusgewinn meist auch mit besseren Lebenschancen verknüpft ist, mehr Geld, mehr Verfügung über die eigene Zeit. Wer möchte das nicht. Und doch ist es das Erfolghaben, das attraktiver ist, als alles andere. Um seinetwillen sind viele bereit, weitaus mehr von ihrem Leben zu opfern, als sie faktisch bekommen. Was man in den Augen anderer ist, erscheint als das, was man auch für sich selbst ist. Die Relativierung aller sozialen Positionen lässt kein Berufsziel mehr zu, daher wird der Aufstieg zum einzigen Ziel. Angesichts gesellschaftlicher Hierarchien führt die Gleichheitsnorm dazu, sich nur im Aufstieg als jemanden zu wissen, der anerkannt ist. Da die Anerkennung, die im Statusgewinn liegt, immer mit vermehrtem Erwartungsdruck einhergeht, verwandelt sie sich leicht in einen Pyrrhussieg. Die Spiegelung im Anderen, die alle suchen, um sich als anerkannt zu wissen, steht immer an der Grenze zur Unterwerfung. Wo diese Grenze überschritten wird, hat der temporär im Konkurrenzkampf Überlegene sich im selben Moment an das System verloren, ohne das er nichts ist, und die Angst vor drohender Unterlegenheit sitzt ihm quälend im Nacken. &#132;Niemals in der Geschichte konnten Unterlegenheitsgefühle (&#133;) subkutan derart anwachsen, wie in einer Gesellschaft, wo &#132;Erfolg und Überlegenheit&#147; sakrosankte Werte darstellen.&#147; (Neckel). Über- wie Unterlegenheit vermitteln sich hier nicht mehr über ein Normengefüge, sondern werden selbst zur Norm. Zu Subjektivitätskriterien gemacht, also ohne Bezug auf ein Tertium, fungieren sie wie moralische Alternativen. Deshalb kann der Versuch, überlegen zu sein, sich in der Abwertung des Anderen bestätigen. Der Unterlegene dagegen, der ja die Normen des Anderen teilt, muss sich als soziales Mängelwesen empfinden. <br />Wenn Unterlegenheit als Inbegriff subjektiven Mangels erscheint, wird die Scham als Indiz für Unterlegenheitsgefühle selbst bedrohlich. Es gibt eine Angst vor der Scham, man schämt sich seiner Scham. Die Scham signalisiert ja nicht mehr, dass man verpönte Begierden hat, die um der Geselligkeit willen preisgegeben werden müssen, weil es die Gesellschaft von Gleichen, die Elias gerade auch durch die Erhöhung der Schamgrenzen kommen sah, nie wirklich gab. Heute signalisiert die Scham, dass man mit seinem Überlegenheitswunsch gescheitert ist. Im Erfolg fühlt man sich frei und unabhängig, im Misserfolg glaubt man, dass alle Augen auf einen gerichtet sind. Das war immer so. Wird aber das Erfolghaben selbst zum alleinigen Motiv, dann trifft einen die Scham des Unterlegenen doppelt, dann nämlich quält nicht nur der Misserfolg hinsichtlich des angestrebten Ziels, sondern genauso die Tatsache, dass einen der Misserfolg quält. In dieser Scham wird offenbar, dass gerade diejenigen, die man überflügeln wollte, nun den Maßstab der eigenen Niederlage abgeben. In der Negation tritt das düpierte Anerkennungsbedürfnis wieder qualvoll hervor. Daher also die große Angst vor der Scham. Hier schützt die Scham nicht die soziale Form, wie das in so genannten Schamgesellschaften der Fall ist, wo die Beschämbarkeit auch als Tugendbeweis gilt, da die Angst vor der Scham das Einhalten der Formen garantiert.</p>
<p>Hier gibt es keine Gesellschaft, der man fraglos angehört, und deren Anerkennung man folglich nur durch den eigenen Missgriff verlustig gehen kann. Hier ist die Bedrohung durch Beschämung insofern allgegenwärtig, als jeder ehrgeizige Konkurrent einen ohne eigenes Zutun zum Verlierer machen kann. Die Grenzen werden immer wieder neu gezogen, und alle müssen schauen, dass sie nicht unversehens auf der falschen Seite gelandet sind.<br />Auf den letzten Seiten seiner &#132;Geschichte der Kindheit&#147; spricht Philippe Ariès darüber, dass soziale Ungleichheit nicht immer schon mit Unter- oder Überlegenheit assoziiert wurde, sondern erst seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft. &#132;Das Nebeneinander des Ungleichen, das einst selbstverständlich war, wurde (dem Bürgertum) unerträglich: der Widerwille der Reichen ist der Scham der Armen vorausgegangen. Die neue Gesellschaft stellte (&#133;) jeder Lebensform einen gesonderten Raum zur Verfügung, innerhalb dessen ausgemacht war, dass die dominierenden Merkmale respektiert werden mussten, man sich einem konventionellen Modell, einem Idealtypus anzugleichen hatte und sich bei Strafe der Ausstoßung niemals von diesem entfernen durfte.&#147;<br />Diese Angst vor der &#132;Strafe der Ausstoßung&#147; hat nun in unserer Gesellschaft eine neue Dimension dazu gewonnen. Nicht nur droht Deklassierung, nicht nur Verarmung, vielmehr gibt es einfach nicht mehr für alle Platz. Derzeit funktioniert unsere Gesellschaft wie die Reise nach Jerusalem, dieses Kinderspiel, wo bei jeder Runde einer auf der Strecke bleibt. Da alle mit allen konkurrieren, bis sie ausgeschieden sind, kann es Solidarität in einem solchen Szenario nicht geben. Die Ängste, die in dieser Konstellation entstehen, sind allgegenwärtig, sie gehören zum Triebgrund unserer Gesellschaft. In der Schuldangst, die über Jahrhunderte ein Motor unserer Zivilisation war, steckte immer eine moralische Verpflichtung. Schamangst ist nie produktiv, in ihrer Latenz nie besiegbar, und am Ende selbstzerstörerisch. Um ihr zu entkommen wären neue Bündnisse nötig, ob es die in absehbarer Zeit gibt &#150; ich weiß es nicht.</p>
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		<title>Weder freelancer noch free-rider</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 09:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Unterschicht aus der Perspektive der Milieuforschung, aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006) S. 39-49 Die Rede von der &#8222;Fragmentierung&#8220; und von der &#8222;Desintegration&#8220; der Gesellschaft wird lauter. Sogar von der &#8222;Klassengesellschaft&#8220; im Sinne Max Webers wird hin und wieder gesprochen, von für soziale Ungleichheit ursächlichen &#8222;ökonomischen Klassenlagen&#8220;. Noch in den 1980er Jahren war dies [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Unterschicht aus der Perspektive der Milieuforschung,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006) S. 39-49</p>
<p>Die Rede von der &#8222;Fragmentierung&#8220; und von der &#8222;Desintegration&#8220; der Gesellschaft wird lauter. Sogar von der &#8222;Klassengesellschaft&#8220; im Sinne Max Webers wird hin und wieder gesprochen, von für soziale Ungleichheit ursächlichen &#8222;ökonomischen Klassenlagen&#8220;. Noch in den 1980er Jahren war dies kein Thema. So wurde damals in den Sozialwissenschaften zwar über &#8222;neue soziale Formationen und Ungleichheiten&#8220; diskutiert, allerdings eher akademisch selbstreferenziell mit Blickrichtung auf bildungs- und geschlechtsspezifische oder auf risiko- und weltgesellschaftliche Kontexte (vgl. Kreckel 1983). Grundlegende soziale Ungleichheiten oder gar klassenspezifische Trennlinien, wie sie seinerzeit insbesondere von Pierre Bourdieu in Frankreich und Europa geltend gemacht wurden (Bourdieu 1982), blieben abseits der öffentlichen Agenda. Sie waren &#8222;out&#8220;. Das sieht mittlerweile ganz anders aus.<br />Selbst die Politik der &#8222;Berliner Republik&#8220; hat nach einigem Hin und Her wieder die &#8222;Unterschicht&#8220; entdeckt. Der Tunnelblick politischer Betriebsamkeit, in der die gesellschaftlichen Realitäten häufig nur als fachspezifisch aufbereitete Szenarien wahrgenommen werden, scheint sich ein wenig geweitet zu haben. Offenbar hat sich die gesellschaftliche Realität skandalöser sozialer Ungleichheiten Ausdrucksformen gesucht, die zunehmend den Nerv der politischen Klasse treffen: Dramatisch sinkende Quoten bei der Beteiligung an Wahlen, Stimmenverluste zu Gunsten kleiner Parteien und vor allem auch Wegbrechen der Mitgliederbasis in den beiden großen Volksparteien. <br />Reaktionen auf diese nicht mehr zu leugnende Krise der politischen Repräsentation erfolgen allerdings zumeist reflexartig. Bemüht wird dabei das immer wiederkehrende Muster von Verelendung und Modernisierung bzw. von Masse und Elite. Soziale Verwerfungen und Polarisierungen werden entweder mit verelendungs- und anomietheoretisch angereicherten Bildern des 19. Jahrhunderts wahrgenommen oder mit aus der selben Zeit stammenden Modernisierungs- und Disziplinierungsvorstellungen, nach denen die Menschen nur hinreichender Anreize bedürfen, um den Anforderungen der &#8222;Globalisierung&#8220; genügen zu können. In beiden Fällen wird über die betroffenen Menschen hinweg gedeutet. Sie kommen gar nicht erst zu Wort. Sie haben keinen Akteursstatus, sondern sie sind Objekte oder gar Opfer. Im öffentlichen Diskurs werden ihnen politischer Beteiligungswille und Bereitschaft im Sinne von Umstellungs- und Bewältigungsstrategien ihrer Lebensführung von vornherein abgesprochen. Aus der Perspektive der in dieser Weise zum Schweigen Verurteilten &#8211; und das reicht von Arbeitslosen und anderen Ausgegrenzten weit in die respektablen sozialen Milieus der gesellschaftlichen Mitte hinein &#8211; findet eine Entwürdigung bisheriger Lebensleistungen statt. Mühsam in  langfristiger Arbeit erworbene Ressourcen und Kompetenzen zur Bewältigung unterschiedlichster sozialer Probleme sind nicht gefragt, weil weitgehend unerkannt.</p>
<h2 class="auto-created">Soziale Milieus und politische Lager in Deutschland</h2>
<p>Auf Abqualifizierungen der Alltagserfahrungen und Potenziale der Menschen in den unterschiedlichen sozialen Milieus und auf deren damit verbundene Demütigungen und politische Verarbeitungsformen aufmerksam zu machen, gehört zu den zentralen Erkenntnisinteressen der in Hannover entwickelten politischen Soziologie der Milieuforschung (vgl. Vester u.a. 2001). Deren Ergebnisse verweisen darauf, dass die gegenwärtig wieder offensichtlicher gewordenen Klassenspaltungen der Gesellschaft sich nie erledigt hatten und insbesondere auch unter wohlfahrtsstaatlichen Bedingungen fortexistierten. Allerdings waren sie materiell wie alltagskulturell pluralisiert und überformt &#8211; um nicht zu sagen übertüncht &#8211; und konnten mit den Variablen und Indikatoren üblicher Schichtungssoziologie kaum entschlüsselt werden, zumal das gesellschaftliche Interesse daran ohnehin äußerst beschränkt war. Spätestens mit der durch PISA skandalisierten Bildungsmisere gelangte die These von nach wie vor klassenspezifischen Ungleichheiten wieder auf die Tagesordnung (vgl. Abb.1 sowie Bremer/Lange-Vester 2006).<br />Soziale Milieus aus dieser Perspektive sind nun nicht zu verwechseln mit in der Tendenz beliebigen bzw. frei wählbaren ästhetischen Lebensstilen oder &#8222;Bastelidentitäten&#8220;. Sie sind mehr. Emile Durkheim (1988) hatte bereits 1893 &#8222;Milieu&#8220; als zentrales Konzept für gesellschaftliche Akteursgruppen in die Diskussion eingebracht. Ähnlich wie Max Weber hatte er &#8222;Milieu&#8220; als Ausdruck von sozialer Kohäsion bzw. sozialem Zusammenhalt definiert: auf Grund von Beziehungen der Verwandtschaft, territorialer Nachbarschaft oder Berufsgruppen und auf Grund damit verbundener Herausbildung eines gemeinsamen &#8222;Korpus moralischer Regeln&#8220; und deren Verinnerlichung in einem gemeinsamen &#8222;Habitus&#8220;. Wenn darüber hinaus  berufliche Milieus in einem Herrschaftsverhältnis zueinander stehen, nennt Durkheim sie &#8222;Klassen&#8220;. Pierre Bourdieu (1982) hat mit seinen Studien an Durkheim angeknüpft. Auf der Grundlage umfassender Berufsgruppen- und Lebensstiluntersuchungen wies er eine relativ enge Verbindung von Klassenfraktion und Habitustypus nach. Dazu gehört, dass der &#8222;Klassenhabitus&#8220; nicht allein bestimmte Bewertungs- und Orientierungsschemata des Geschmacks und der Alltagspraxis beinhaltet. Insbesondere auch generiert er bestimmte Strategien der Bildungs- und Berufswege, die nicht nur zur Reproduktion der jeweiligen Klassenstellung, sondern auch zu Umstellung taugen müssen, wenn das angestammte Berufsfeld eines Milieus sich wandelt. Alltagsverhalten und Berufsfelder sind also auf dynamische und flexible Weise miteinander verkoppelt.<br />Die hannoversche Milieuforschung hat den Ansatz Bourdieus mit dem der frühen englischen Cultural Studies (Williams 1972; Clarke, Hall u.a. 1979) verbunden, weil dieser nicht allein wie Bourdieu die Reproduktion, sondern auch den durch den Generationenwechsel bedingten Wandel der Kultur und des Habitus von Klassenmilieus erklären kann. Dabei konnte für die deutsche Gesellschaft empirisch &#8211; mit den von Jörg Ueltzhöffer, Ulrich Becker und Berthold Bodo Flaig vermittelten innovativen Methoden des &#8222;Sinus&#8220;-Instituts &#8211; nachgewiesen werden, dass die historischen Traditionslinien der Alltagskulturen der sozialen Klassen weiter bestehen. Und zwar gerade dadurch, dass die jüngeren Generationen, im Konflikt mit der Kultur ihrer Eltern und herausgefordert durch neue gesellschaftliche Erfahrungen, ihre Herkunftskultur immer wieder flexibel weiter entwickeln. Neu entstandene soziale Milieus konnten als die jüngeren Zweige der älteren Milieus identifiziert werden, die sich horizontal in die moderneren Berufsfelder im linken Teil des sozialen Raums bewegten. Trotz dieses Gestaltwandels der jüngeren sozialen Milieus war alltagspraktisch eine hohe, über soziale Kontrolle reproduzierte Wirksamkeit der im Habitus verfestigten Klassenkulturen festzustellen. Dazu gehören spezifische Klassifikations- und Orientierungsschemata, Geschmacks- und Umgangsformen sowie Strategien des Bildungserwerbs, der Berufswege und der Umstellungen, die sich nach dem jeweiligen Ort im sozialen Raum unterscheiden.</p>
<h2 class="auto-created">Soziale Milieus</h2>
<p>Demnach gab und gibt es in Deutschland eine relativ hohe Konstanz von fünf großen, an die alten Klassenmilieus anschließenden Traditionslinien sozialer Milieus, die sich wie Familienstammbäume nach Generationen und sozialen Erfahrungen differenzieren und in der Gesamtbetrachtung das Bild von immer noch wirksamen vertikalen Klassenstufungen bestätigen (vgl. Abb.1). Dazu gehören mit &#8222;Besitz&#8220; und &#8222;Bildung&#8220; sowie entsprechend distinktiven Lebensstilen die zwei Traditionslinien der gesellschaftlichen Oberklassen mit etwa 20% der Bevölkerung. Bis auf das &#8222;gehobene Dienstleistungsmilieu&#8220;, in dem sich Aufsteiger der technischen Expertenberufe und der sozialen Dienstleistungen befinden, haben sie ihre obere soziale Stellung seit Generationen gegen Neuzugänge gesichert. Auch die kulturelle Avantgarde im Raumschema links oben rekrutiert sich überwiegend aus jüngeren Oberklasseangehörigen. Die beiden Traditionslinien der &#8222;Facharbeit&#8220; bzw. &#8222;Praktischen Intelligenz&#8220; und des &#8222;Ständisch-Kleinbürgerlichen&#8220; repräsentieren die respektablen Volksklassen mit einer Größenordnung von etwa 70%. Respektable Lebensführung und eine sichere und anerkannte Berufsstellung sind ihre Abgrenzungsmerkmale nach unten. Als Arbeitnehmer und &#8222;kleine Leute&#8220;, die es durch eigene Leistung zur Respektabilität gebracht haben, grenzen sie sich auch nach oben ab. Gegenüber Privilegienwirtschaft, welche die Grundsätze der Leistungsgerechtigkeit und Statussicherung verletzen, zeigen sie sich als äußerst sensibel.</p>
<p>Abb. 1<br /> </p>
<p>Dabei zeigt die kleinbürgerliche Traditionslinie im Raum rechts mit ihrer Bereitschaft zur Anerkennung gesellschaftlicher Hierarchien ständisch-konservative Züge. Dagegen setzt die moderne Traditionslinie im Raum links auf relative Autonomie, die von einer systematischen Lebensführung, guter fachlicher Arbeit, Ausbildung, Leistung und gegenseitiger Hilfe geprägt ist. Im weiteren Raum links schließt sich eine jugendspezifische Milieufraktion an, die sich gegen die Pflicht- und Arbeitsethik der beiden Traditionslinien ihrer Eltern abgrenzt. In dieser großen Mitte hat sich die horizontale Bildungs-, Berufs- und Lebensstildynamik erheblich ausgeprägt. Diese Milieus sind alles andere als bildungsfern, sondern bereits zur Hälfte über die Hauptschule hinausgelangt. Allerdings sind sie auf dem weiteren Weg in die höhere Bildung abgebremst worden. Gleichzeitig ist aber deren untere Hälfte in den letzten Jahren in ihren sozialen Stellungen bedroht. <br /> Die etwa 10% der Traditionslinie der &#8222;Unterprivilegierten&#8220; haben seit Generationen die Erfahrung sozialer Ohnmacht gemacht und setzen weniger auf planvolle Lebensführung als auf die flexible Nutzung von &#8222;günstigen&#8220; Gelegenheiten und auf Anlehnung an Stärkere. In der alten Bundesrepublik wie auch in der DDR hatten diese Milieus erstmals dauerhafte, wenn auch körperlich belastende, Beschäftigungen finden können. Weil ein Großteil ihrer Arbeitsplätze heute jedoch abgebaut sind, sind viele Angehörige dieser Milieus wieder in prekären sozialen Stellungen zurückgestuft.</p>
<h2 class="auto-created">Politische Lager</h2>
<p>Problematisch wird es, wenn politische Ordnungsvorstellungen und Wahlverhalten direkt aus der skizzierten Milieustruktur abgeleitet werden sollen. Zwar neigen die Angehörigen einzelner Milieus mit hohen Wahrscheinlichkeiten auch bestimmten Gesellschaftsbildern und politischen Parteilagern zu. Beispielsweise wählen Menschen der neuen Experten- und Dienstleistungsberufe deutlich seltener konservativ als die Angehörigen der oberen administrativen Dienstklasse. Aber Minderheiten in beiden Milieus wählen eben doch auch anders. Dies beruht auf spezifischen Eigenheiten des politischen Feldes, das sich über öffentliche Diskurse, Kämpfe und Kompromisse nach Koalitionen bzw. politischen &#8222;Lagern&#8220; strukturiert, die jeweils auch vertikale Gesellschaftsstufen bzw. Klassen überschneiden. <br />Die Lager-Koalitionen, die sich in oft weit zurückliegenden historischen Großkonflikten gebildet haben, haben in der Regel eine lange Lebensdauer, da sie sich in den politischen Kämpfen institutionell über die intermediäre Klientelfürsorge und ideologisch über die publizistische und erzieherische Sozialisation verfestigen. Unter besonderen Bedingungen der Entfremdung zwischen Führungs- und Klientelgruppen bzw. zugespitzter Krisen  politischer Repräsentation, wie die Beispiele der Bewegungen des Faschismus und Rechtspopulismus einerseits und der &#8222;Achtundsechziger&#8220; und des Postmaterialismus andererseits, können sich die Lager auch teilen und umgliedern. Ihre Orientierungen basieren auf gesamtgesellschaftlichen Ordnungsbildern. Sie entsprechen den klassischen konservativen, liberalen, sozialdemokratischen, rechtspopulistischen und heute auch postmaterialistischen Vorstellungen, nach denen die gesellschaftliche Ordnung sowie das jeweils daran geknüpfte Bild sozialer Gerechtigkeit geordnet sein soll. Dabei kommen soziale, konfessionelle, regionale und andere Dimensionen zusammen, die schon von der klassischen Wahlforschung (vgl. Lazarsfeld u.a. 1969) als &#8222;cleavages&#8220; geltend gemacht worden sind und eine bis in die Gegenwart reichende historische Kontinuität der jeweiligen Gesellschaftsbilder bewirken, auch wenn viele intermediäre, kohäsionsstiftende Institutionen nicht mehr direkt und formell an die einzelnen politischen Lager gebunden sind.<br />So können wir in Deutschland zwischen sechs gesellschaftspolitischen Lagern unterscheiden, die zwar Schwerpunkte in bestimmten sozialen Milieus haben, aber mit diesen nicht deckungsgleich sind. Die Lager verteilen sich jeweils vertikal bzw. diagonal über verschiedene Milieus, was bestätigt, dass es sich um Koalitionen verschiedener Milieufraktionen über die Milieugrenzen hinweg handelt (vgl. Abb. 2). <br /> Im rechten Teil des sozialen Raums liegt eine noch relativ intakte Formation von zwei konservativen Lagern, die Hochburgen der CDU/CSU und des rechten Flügels der SPD sind. Nach dem konservativen Modell sozialer Gerechtigkeit können alle sozialen Gruppen Solidarität beanspruchen, aber nicht in gleichem Maße, sondern hierarchisch abgestuft nach Besitz, Bildung, Geschlecht und Ethnie. Das Modell folgt dem Patron-Klient-Muster: Loyalität muss durch paternalistische Fürsorge vergolten werden. Das Lager der &#8222;Gemäßigt Konservativen&#8220; (ca. 18%), mit Schwerpunkt bei den kleinbürgerlichen Arbeitnehmern, legt das Modell eher arbeitnehmerisch aus. Verletzt z.B. der Patron seine Fürsorgepflicht, so sind u.a. auch gewerkschaftliche Kampfmittel berechtigt. Auch hat sich ein Drittel dieses Lagers moderneren und toleranteren Lebensstilen zugewandt. Dies übt Druck aus auf das Lager der &#8222;Traditionell-Konservativen&#8220; (ca. 14%), das die Position des &#8218;Patrons&#8217; einnimmt.<br />Im linken Teil des sozialen Raums finden sich zwei etwas heterogenere arbeitnehmerische Lager, die Hochburgen der SPD und des sozialen Flügels der CDU/CSU sind. Das Lager der &#8222;Sozialintegrativen&#8220; (ca. 13%) tritt für gleiche Rechte aller sozialer Gruppen ein, d.h. sowohl für die materielle Verteilungsgerechtigkeit für Arbeitnehmer und Unterprivilegierte als auch für die postmateriellen Rechte der Zivilgesellschaft, der Frauen, Ausländer, der Natur usw. Das Lager stützt sich vor allem auf die moderne Reformintelligenz, die nicht nur oben, sondern auch in den mittleren Milieus der Sozialberufe, der Gewerkschaften und der Kirchen verankert ist. Damit ist es räumlich und moralisch einem anderen Lager nahe, den &#8222;Skeptisch Distanzierten&#8220; (ca. 18%), die vor allem aus den Volksmilieus der Facharbeit kommen und ein Modell der Solidarität auf Gegenseitigkeit vertreten. Wer zu Produktivität und Sozialstaat beiträgt und wer unverschuldet in Not ist, soll auch daran teilhaben. Beide Lager sind in ihren Vorstellungen von Solidarität von der Politik der Volksparteien stark enttäuscht. Ein drittes Paar von komplementären Lagern entspricht besonders dem ideologischen Gegensatz von &#8218;Elite&#8217; und &#8218;Masse&#8217; oder &#8218;ideell&#8217; und &#8218;materiell&#8217;. Das Lager der &#8222;Radikaldemokraten&#8220; (ca. 11%), links oben im sozialen Raum, vertritt emphatisch die postmateriellen Ideale, während es für materielle Ungleichheiten eher unsensibel ist. Wirtschaftsliberale Akzente sind hier stärker als sozialliberale. Das Lager ist daher eine Hochburg der Partei der Grünen und eines gewissen progressiven Neoliberalismus.</p>
<p>Abb. 2</p>
<p>  <br />Dass das Lager kaum Anhänger unterhalb der oberen und aufsteigenden Milieus hat, liegt offensichtlich an einer elitistischen Ideologie, die die eigene höhere Position mit einer puritanischen Arbeitsethik rechtfertigt, die den Volksmilieus abgesprochen wird. Ihm entgegengesetzt ist das Lager der &#8222;Enttäuscht Autoritären&#8220;, mit beklemmenden 27 %. Es vereint Verlierer der ökonomischen Modernisierung, insbesondere ältere, aber teilweise auch jüngere Milieus mit wenig Bildungskapital und unsicheren Zukunftsperspektiven. Sie verarbeiten ihre Ausgrenzung &#8211; anders als die demokratische Mitte &#8211; nach autoritärem Muster, mit Ressentiments gegen Ausländer, alles Moderne und die Politiker, die ihre Fürsorgepflichten vernachlässigen. Sie wollen gegen die Risiken des Strukturwandels durch eine protektionistische Wirtschaftspolitik und eine restriktive Zuwanderungspolitik geschützt werden. Aus Realismus wählen sie traditionell meist CDU/CSU und SPD. Regionalwahlen zeigen aber, dass &#8211; wie in anderen Ländern Europas &#8211; rechtspopulistische Parteien vor allem aus dieser Basis den größten Teil ihrer bis zu 20 % Proteststimmen gewinnen können.<br />Die zunächst unübersichtlich erscheinende Vielfalt alltagskultureller Dispositionen und ihrer gesellschaftlich-politischen Symbolik strukturiert sich entlang der Kategorien &#8222;soziales Milieu&#8220; und &#8222;politisches Lager&#8220; zu einem durchaus systematischen Bild der Gesellschaft. Allein am Beispiel soziale Gerechtigkeit bzw. soziale Ordnungsmodelle offenbart sich ein Muster mit recht deutlicher Mehrheit für wohlfahrtsstaatliche Strukturen. Bei aller Differenz zwischen konservativen Solidaritätsvorstellungen des &#8222;gemäßigt-konservativen&#8220; Lagers, progressiv-solidarischen Vorstellungen des &#8222;sozialintegrativen&#8220; Lagers und mutualistischen bzw. auf Gegenseitigkeit ausgerichteten Vorstellungen des &#8222;skeptisch-distanzierten&#8220; Lagers, in der Summe repräsentieren sie Solidaritätsmodelle, die mehr oder minder zur Identität des deutschen Wohlfahrtsstaats gehören. Sie repräsentieren eine eindeutige gesellschaftliche Mehrheit, insbesondere wenn darüber hinaus die 27 % des &#8222;enttäuscht-autoritären&#8220; Lagers mit seinen protektionistischen Dispositionen durch eine Politik sozialer Mindestgarantien integriert werden können. Die im Aufwind des Neoliberalismus gehandelten progressiv-liberalen Vorstellungen des &#8222;radikaldemokratischen&#8220; Lagers wie auch die konservativ-fürsorglichen des &#8222;traditionell-konservativen&#8220; Lagers erweisen sich als Elitemodelle sozialer Ordnung, die mit etwa 25 % in der Bevölkerung nicht mehrheitsfähig sind.</p>
<h2 class="auto-created">Syste&shy;ma&shy;ti&shy;sche Missver&shy;st&auml;nd&shy;nisse als soziale Verken&shy;nungen</h2>
<p>Die nun in diesen Strukturen gelebten Erfahrungen, Orientierungen und Handlungsmuster zusammenzufassen, gehört zu den grundlegenden, aber nicht unproblematischen Aufgaben der Politik. Insbesondere da Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit sich immer empirisch aus alltagsweltlichen Erfahrungen sozialer Milieus erklären, stellt sich die Frage, wie diese gedeutet und politisch integriert werden können. Auch die im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche mehr oder minder erfolgreichen Umstellungs- und Bewältigungsstrategien in den einzelnen sozialen Milieus zu erkennen, wie andererseits auch die aus Sicht der Betroffenen unverhältnismäßigen Zumutungen und Überforderungen, scheint nicht ganz einfach zu sein. So kommt es in den öffentlichen Diskursen, an denen die Volksklassen nicht beteiligt sind, immer wieder zu bezeichnenden Missverständnissen bzw. sozialen Verkennungen, wenn aus verelendungs- oder modernisierungstheoretischer Perspektive geplante politische Maßnahmen von betroffenen sozialen Milieus plötzlich als unzulässige Verhaltenszumutungen zurückgewiesen werden. <br />Die aktuelle Debatte um den Begriff der &#8222;Unterschicht&#8220; lädt dazu ein, etwas über milieuspezifische Prozesse sozialer Verkennung zu erfahren. So kritisiert der aus der respektablen Volksklasse (&#8222;Traditionslinie der Facharbeit&#8220;) stammende und unter gesellschaftlich-politischen Bedingungen eines funktionierenden Sozialstaats erst zum Gewerkschafts-, dann zum Parteivertreter aufgestiegene Kurt Beck den mangelnden Aufstiegswillen in der &#8222;Unterschicht&#8220;. Von einem Parteivorsitzenden, der Begriffe prägen und besetzen muss, ist zu erwarten, dass er dabei wohlüberlegt vorgeht, und sei es mit Hilfe von Beratern, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, in dem sie die Problematik der &#8222;Unterschicht&#8220; mit einem erklärenden Gesellschaftsbild und insbesondere mit einer schlüssigen politischen Konzeption verbinden. Doch weder das eine noch das andere geschieht. Stattdessen dominiert das medial vermittelte Alltagsverständnis von &#8222;Unterschicht&#8220;, und Kurt Beck versteht das kritische Echo nicht, das er mit seiner Bemerkung auslöst. <br />Er versteht offenbar nicht, dass er sich mit seinem völlig unspezifischen Gebrauch des Begriffs  der &#8222;Unterschicht&#8220; genau in jenen öffentlichen neoliberalen Diskurs einreiht, der seit Jahren die Ursachen sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung negiert, deren für den Zusammenhalt der Gesellschaft negative Folgen individualisiert und diese &#8211; begleitet von Drohungen und Klagen angesichts vermeintlicher Antriebslosigkeit der Betroffenen &#8211; mittlerweile als gesellschaftlichen Normalzustand akzeptiert. Und in der Konsequenz muss wohl auch angenommen werden, dass Beck als Vorsitzender der SPD es kaum verstehen kann, warum seine Partei seit dem Jahr 2000 nahezu jede Wahl verloren hat. Offensichtlich ist ihm und seinen Parteistrategen mit der gewachsenen sozialen Distanz zur eigenen Klientel verborgen geblieben, dass nicht allein die so genannte &#8222;Unterschicht&#8220;, sondern zunehmend auch die sozialen Milieus der respektablen Volksklasse der permanenten Versprechen von Chancen- und Leistungsgerechtigkeit überdrüssig sind. Sie sind mittlerweile in einer Weise desillusioniert, dass sie jede symbolische und materielle Abwertung der &#8222;Unterklasse&#8220; immer auch als eigene Demütigung wahrnehmen müssen.<br /> Wenn wir die soziale Verortung der am Diskurs über die &#8222;Unterschicht&#8220; Beteiligten unter die Lupe nehmen, wird verständlich, wie über klassenkulturelle Distanzen entsprechende soziale Verkennungen zustande kommen. So gibt es in der Topologie des hier abgebildeten sozialen Raums kaum größere Distanzen als die zwischen den Diskursproduzenten des Massenjournalismus und des Marketing links oben im sozialen Raum und der von dort oben thematisierten so genannten &#8222;Unterschicht&#8220; ganz unten am Rand. Was oben heißt, wie dort gedacht und agiert wird, ist 2005 von einem Veteran der taz in einem Genrebild der neuen Berliner Mitte skizziert worden: &#8222;Die Friedrichstraße ist die Schleimscheißermeile von Mitte, die Magistrale der &#8218;Messagemacher&#8217;, dieser Kamarilla der Lobbyisten, Werber, Marketingprofis, Public-Relations-Strategen, Kommunikationschefs und Eventmanager. (&#8230;) Wer sich in den Dschungel der Marktwirtschaftsguerilla von Mitte begibt, staunt über das rege Zusammenspiel. Die &#8218;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&#8217; (INSM) hat Kooperationen mit vielen Zeitungen und TV-Anstalten. Man lässt Lectures halten, wo zum Beispiel ein Lord Ralf Dahrendorf verkünden darf, dass die &#8218;alte soziale Marktwirtschaft&#8217; nun &#8218;am Ende&#8217; sei. Man verleiht Preise wie den &#8218;Reformer des Jahres&#8217; und den &#8218;Blockierer des Jahres&#8217;. Man organisiert Symposien, sponsert Filme und Publikationen. Das Ziel: ein Maximum an Showtime ergattern.&#8220; (Schimmeck 2005) Einer der in diesem Milieu erfolgreichen Strategen des politischen Marketing, u.a. auch im Dienst der INSM stehend, wird dabei wie folgt zitiert: &#8222;&#8217;Florida-Rolf&#8217;, der Sozialschmarotzer in Bild, sagt er, &#8218;hat die öffentliche Wahrnehmung gedreht&#8217;. Und verweist kühl darauf, &#8218;dass die rot-grüne Bundesregierung im Jahre 2003 eine Fast-180-Grad-Wende der eigenen Politik gemacht hat, mit der Agenda 2010&#8217;.&#8220; (Ebd.)  <br />Um nun die manipulativen Fähigkeiten dieser sich als &#8222;freelancer&#8220; verstehenden Kommunikationsstrategen nicht moralisch oder verschwörungstheoretisch deuten zu müssen, ist erneut an die sozialräumliche Distanz der hier Beteiligten zu erinnern. Denn diese Elite-Masse-Distanz macht es völlig unwahrscheinlich, dass kenntnisreiche Kontakte oder gar soziale Beziehungen das oben gemalte Bild der Menschen von unten prägen. Dies kann bedeuten, dass die Kommunikationsstrategen vordergründig sogar davon überzeugt sein können, mit &#8222;Florida-Rolf&#8220; ein typisches Exemplar dieser ihnen unbekannten Spezies vor sich zu haben und diese mehr oder minder guten Gewissens für die Missbrauchsdebatte vernutzen zu können. Dies gelingt nur, weil es offenbar soziale Milieus gibt, die an Kunstfiguren wie den als &#8222;free rider&#8220; gehandelten &#8222;Florida-Rolf&#8220; erinnern und immer wieder als Projektionsfläche für Ressentiments herhalten müssen. Sie sind Teil einer sehr kleinen Milieufraktion der traditionslosen Unterprivilegierten, die auf ihre Weise schon immer das praktiziert haben, was seit Jahren in Deutschland gepredigt wird: mit wenig materiellen Ressourcen, dafür aber mit ausgeprägter Flexibilität und Mobilität ein Auskommen finden. <br />Es handelt sich um eine Gruppe, die über ausgeprägte Beziehungsnetze verfügt, in denen Grauzonen einer Ökonomie des Tausches und des &#8218;Besorgens&#8217; existieren, wie sie komplementär durchaus auch in einigen Fraktionen der Oberklassenmilieus zu beobachten sind. Ihre Lebensstrategie funktioniert nicht ohne erheblichen Aufwand mehrerer kleiner und ständig wechselnder Jobs und Deals und bedarf bei hoher sozialer Aufmerksamkeit permanenter Beziehungspflege. Diese Form von Arbeit wird zunehmend anstrengender, weil deren Basisfinanzierung in Gestalt der alten Garantien sozialstaatlicher Transferleistungen wegen strengerer Kontrollen und Einsparungen wegzubrechen droht. Nach außen versucht diese kleine Fraktion der &#8222;unangepassten Statusorientierten&#8220; sich noch in aller Respektabilität darzustellen, auch wenn ihre großen Autos und ihre überdurchschnittlich erscheinenden übrigen Konsumgüter den mittlerweile angesetzten Rost kaum noch verbergen können. Sich ständig am Rand der Legalität und Respektabilität bewegend, liefern sie den Stoff für Phantasien über das vermeintliche Schmarotzertum der Unterschicht und tragen indirekt dazu bei, die große Mehrheit der sozial Unterprivilegierten zu stigmatisieren. Einen wiederum geringeren Teil dieser großen Mehrheit stellen die &#8222;resigniert Apathischen&#8220; dar, jene an soziale Deprivation seit längeren Zeiträumen &#8222;angepasste&#8220; Fraktionen, die weitgehend ohne jede Ressource in Sozialhilfekarrieren gefangen sind und realistischer Weise nahezu jede Hoffnung, sich jemals der Respektabilitätszone nähern zu können, aufgegeben haben. <br />Der weitaus größere Teil der gegenwärtigen &#8222;Unterschicht&#8220; bewegt sich jedoch mittlerweile im Umfeld der so genannten &#8222;Modernisierungsverlierer&#8220; mit relativ einfachen Bildungs- und Qualifikationsstandards, welche bis vor einigen Jahren immer noch ausgereicht haben, mit ehrlicher eigener Hände Arbeit ein halbwegs anerkanntes Leben zu führen. Mit diesen älteren wie auch jüngeren, relativ bildungsfernen Fraktionen aus den unterschiedlichen Arbeitnehmermilieus sind die traditionellen Trennlinien der Respektabilität in Bewegung geraten. Wenn allein zwischen 1999 und 2004 etwa 40% aller Erwerbstätigen in Deutschland ein- oder sogar mehrmals Entlassungen aus dem Arbeitsverhältnis zu verkraften hatten (vgl. Struck u.a. 2006), und wenn darüber hinaus 29% aller Arbeitsplätze schon zu den &#8222;atypischen Arbeitsverhältnissen&#8220; &#8211; befristet, ABM, Teilzeit, Minijobs usw. &#8211; zu zählen sind (vgl. Brinkmann u.a. 2006), zeichnet sich die Größenordnung potenzieller &#8218;Unterschichtangehöriger&#8217; ab. Und wenn dann noch mit Hartz IV nach einjähriger Arbeitslosigkeit das Niveau der Sozialhilfe in Aussicht steht, müssen die Bedingungen der Prekarität als Bedrohung der respektablen sozialen Standards und als Abwertung der eigenen Lebensleistungen wahrgenommen werden. <br />Hinzu kommt, dass in den geringer modernisierten Arbeitnehmermilieus die traditionellen Pflicht- und Akzeptanzwerte auf Grund der in diesen sozialen Milieus begrenzten sozialen und kulturellen Ressourcen nach wie vor höher geschätzt werden als die mit Flexibilität und Mobilität konnotierten Formen der Selbstverwirklichung und Eigenverantwortlichkeit (vgl. Weber-Menges 2004). Dies wiederum bedeutet, dass die Schwächung der gerade für diese Bevölkerungsgruppen existenziell notwendigen sozialstaatlichen Sicherungssysteme nicht einfach kompensiert werden kann mit Appellen und Drohungen, sich künftig flexibel, mobil und auf mehr Selbstvorsorge ausgerichtet zu verhalten. Entsprechende Aufforderungen, sich gegen die eigene Identität zu orientieren, müssen aus der Perspektive dieser &#8222;Unterschicht&#8220;, deren Biographien ja maßgeblich von den nicht Selbstverwirklichung, sondern soziale Ungleichheit produzierenden Bildungs- und Ausbildungssystemen geprägt sind, dahingehend interpretiert werden, sich den von ihnen als weitgehend &#8222;ehrlos&#8220; wahrgenommenen Strategien der &#8222;unangepassten Statusorientierten&#8220; anzugleichen. Ganz auszuschließen ist ein solcher Strategiewechsel allerdings nicht &#8211; es sei denn, ihnen werden gesellschaftlich-politische Rahmenbedingungen angeboten, in denen ihre Ressourcen und Kompetenzen gewürdigt werden können.   <br /> <br /> </p>
<h2 class="auto-created">Literatur&nbsp;&nbsp;</h2>
<p>Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. (frz.: 1979)<br />Bremer, Helmut/Lange-Vester, Andrea (Hrsg.) (2006): Soziale Milieus und Wandel der Sozialstruktur. Die gesellschaftlichen Herausforderungen und die Strategien der sozialen Gruppen, Wiesbaden<br />Brinkmann, Ulrich/Dörre, Klaus/Röbenack, Silke (2006): Prekäre Arbeit &#8211; Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, Bonn<br />Durkheim, Émile (1988): Über soziale Arbeitsteilung, Frankfurt/M. (frz.: 1893)<br />Kreckel, Reinhard  (Hrsg.) (1983): Soziale Ungleichheiten, Göttingen ( = Soziale Welt, Sonderband 2)<br />Lazarsfeld, Paul F./Berelson, Bernard/Gaudet, Hazel (1969): Wahlen und Wähler, Neuwied/Berlin (engl.: 1944)<br />Schimmeck, Tom (2005): Arschlochalarm!, in: taz Magazin Nr. 7771, 17.9.2005, Seite I-II<br />Struck, Olaf/Stephan, Gesine/Köhler, Christoph/Krause, Alexandra/Pfeifer, Christian/Sohr, Tatjana (2006): Arbeit und Gerechtigkeit &#8211; Entlassungen und Lohnkürzungen im Urteil der Bevölkerung, Wiesbaden<br />Vester, Michael/von Oertzen, Peter/Geiling, Heiko u.a. (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt/M.<br />Weber-Menges, Sonja (2004): &#8222;Arbeiterklasse&#8220; oder Arbeitnehmer? Vergleichende empirische Untersuchung zu Soziallagen und Lebensstilen von Arbeitern und Angestellten in Industriebetrieben, Wiesbaden</p>
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		<title>Eine geschlossene Gesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 08:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eliten in Deutschland, aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 51-59 Jahrzehntelang beherrschte das Bild von der &#8222;nivellierten Mittelstandsgesellschaft&#8220; (Schelsky) oder der individualisierten Gesellschaft mit Fahrstuhleffekt (Beck) die öffentliche wie die sozialwissenschaftliche Wahrnehmung der bundesdeutschen Wirklichkeit. Die deutsche Gesellschaft hatte den Ruf, keine allzu großen sozialen Unterschiede mehr zu kennen, sich durch eine vergleichsweise hohe [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Eliten in Deutschland,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 51-59</p>
<p>Jahrzehntelang beherrschte das Bild von der &#8222;nivellierten Mittelstandsgesellschaft&#8220; (Schelsky) oder der individualisierten Gesellschaft mit Fahrstuhleffekt (Beck) die öffentliche wie die sozialwissenschaftliche Wahrnehmung der bundesdeutschen Wirklichkeit. Die deutsche Gesellschaft hatte den Ruf, keine allzu großen sozialen Unterschiede mehr zu kennen, sich durch eine vergleichsweise hohe soziale Mobilität auszuzeichnen und im Grundsatz jedermann die Chance zu bieten, sich durch individuelle Leistung nach oben zu arbeiten. Dieser Eindruck galt auch bezüglich der deutschen Eliten. Auch sie galten als im internationalen Vergleich sozial sehr offen, der Zugang zu ihnen als ganz überwiegend oder gar ausschließlich leistungsbasiert. Mit hinreichender Anstrengung und angemessener Ausbildung könne es prinzipiell ein jeder bis an die Spitze schaffen, so die herrschende Vorstellung. <br />Dass die deutschen Eliten in ihrer sozialen Rekrutierung kein repräsentatives Abbild der Gesellschaft boten, wurde in der öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskussion nicht als Widerspruch wahrgenommen. Soweit das mehr oder minder deutliche Übergewicht der in bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien aufgewachsenen Personen und das weit gehende Fehlen vor allem von Arbeiterkindern in den deutschen Eliten    überhaupt thematisiert wurden, begründete man sie mit der &#8222;Bildungsferne&#8220; der Arbeiterschaft und der unteren Mittelschicht. Typisch für diese Sichtweise ist Dahrendorf, der die Ursachen der &#8222;Sozialschichtung der Bildungschancen&#8220; und damit der &#8222;höchst unrepräsentativen Herkunftsschichtung der deutschen Führungsgruppen&#8220; vor allem in der &#8222;sozialen Distanz der Arbeiter von den Bildungsinstitutionen&#8220; ortete. Finanzielle Aspekte spielten in seinen Augen dagegen nur eine untergeordnete Rolle. In der Bundesrepublik könne sich jede Arbeiterfamilie das Universitätsstudium mindestens eines Kindes leisten&#8220; (Dahrendorf 1962: 22), so seine Worte schon vor über vier Jahrzehnten, also noch vor dem massiven Ausbau des deutschen Bildungssystems und der Einführung des BAFöG. Damit waren Anspruch und Realität in den Augen der meisten Betrachter versöhnt. Die soziale Offenheit der deutschen Gesellschaft und ihrer Eliten war gegeben, zumindest &#8222;prinzipiell&#8220;.</p>
<h2 class="auto-created">Die Wirtschaft&shy;s&shy;e&shy;lite &ndash; b&uuml;rgerlich bis gro&szlig;b&uuml;r&shy;ger&shy;lich</h2>
<p>Mit der Wirklichkeit hatte die Vorstellung von den offenen Funktionseliten schon in der alten Bundesrepublik nur relativ wenig zu tun. Das galt vor allem für die Wirtschaft. So rekrutiert sich die deutsche Wirtschaftselite seit Jahrzehnten zu über vier Fünfteln aus dem Bürger- und Großbürgertum. Ungefähr jeder zweite Spitzenmanager kommt aus dem Großbürgertum, [1] den oberen 5 Promille der Bevölkerung, ein weiteres gutes Drittel aus dem übrigen Bürgertum, [2] weiteren 3 Prozent der Bevölkerung, und gerade einmal ca. 15 Prozent aus der Arbeiterschaft und den Mittelschichten, den unteren 96,5 Prozent der Bevölkerung. Die Veränderungen in den vergangenen fast 40 Jahren blieben insgesamt gering und folgen auch keinem durchgängigen Muster, mit einer Ausnahme. Der Anteil der aus großbürgerlichen Familien stammenden Spitzenmanager nahm langsam, aber kontinuierlich zu. Er liegt mittlerweile bei genau 50 Prozent, berücksichtigt man nur die deutschen Vorstandsvorsitzenden, und bei 51,7 Prozent, nimmt man die neun Ausländer in einer solchen Position dazu. <br />In der Öffentlichkeit wurde diese Tatsache nicht zur Kenntnis genommen. Die sozialwissenschaftliche Forschung interessierte sich entweder nicht für die Wirtschaftselite bzw. die Eliten im Allgemeinen oder aber bekam nur unzureichende Daten [3] und die Medien konzentrierten sich fast ausschließlich auf die spektakulären Fälle, das heißt in erster Linie auf die Ausnahmen von der Regel. Typisch ist die Berichterstattung über die in den letzten drei Jahren neu berufenen Vorstandsvorsitzenden in den 30 DAX-Unternehmen. Man erfuhr fast ausschließlich etwas über Klaus Kleinfeld, den neuen Siemens-Chef. Sein Vater war Arbeiter und arbeitete sich dann mühsam innerbetrieblich zum Betriebsingenieur hoch. Kleinfeld bildete damit einen scharfen Kontrast zu seinem Vorgänger Heinrich von Pierer, der aus einer alten KuK-Offiziersfamilie kam. Das machte seine Person für die Medien so interessant. Sie schien exemplarisch zu zeigen, dass es wirklich jedermann bis an die Spitze eines deutschen Großkonzerns schaffen kann. Dass dieser Eindruck mit der Realität wenig gemein hat, hätte schon ein einfacher Blick auf die zwölf anderen neuen Vorstandschefs zeigen können. Sie kommen nämlich mit Ausnahme des neuen BMW-Chefs Reithofer, der in einem Metzgerhaushalt groß geworden ist, zu jeweils der Hälfte aus bürgerlichen und großbürgerlichen Verhältnissen. Chefredakteur, Richter und Diplomingenieur, so lauten die väterlichen Berufspositionen mit dem geringsten Status. Mit elf von dreizehn Vorstandsvorsitzenden liegt der Anteil der Bürgerkinder hier wie in der Gesamtgruppe der Spitzenmanager bei ca. 85 Prozent. <br />Diese exklusive soziale Rekrutierung lässt sich weder mit Leistung noch vorrangig mit den strukturellen sozialen Auslesemechanismen im deutschen Bildungssystem begründen. Das zeigen die Bildungswege und Karriereverläufe von 6.500 promovierten Ingenieuren, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern der Jahrzehnte zwischen 1955 und 1999 deutlich (Hartmann 2002). In den 400 größten deutschen Unternehmen waren die Aussichten auf eine Position in der ersten Führungsebene (Vorstand oder Geschäftsführung) für die Kinder des Großbürgertums bei vollkommen gleicher Qualifikation (Studiendauer, Promotionsalter, Auslandssemester etc.) durchschnittlich dreimal, für die des Bürgertums immerhin noch doppelt so gut wie für ihre Kommilitonen aus der restlichen Bevölkerung. In den jüngeren Jahrgängen reicht die Differenz sogar bis zum Fünffachen. Wenn man einzelne Berufsgruppen betrachtet, zeigen sich noch sehr viel krassere Unterschiede. Wer von den Promovierten zum Beispiel aus dem Haushalt eines leitenden Angestellten kam, hatte bereits eine zehnmal so große Chance, in die erste Führungsebene eines Großkonzerns zu gelangen, wie sein fachlich gleich guter Kommilitone aus einer Arbeiterfamilie. Wer einen Geschäftsführer oder ein Vorstandsmitglied zum Vater hatte, dessen Aussichten waren sogar siebzehnmal besser.</p>
<p>Tabelle 1: Die soziale Herkunft der deutschen und ausländischen Vorstandsvorsitzenden der 100 größten deutschen Unternehmen 1970, 1995 und 2005 (in Prozent)</p>
<p>Quelle: Eigene Recherchen</p>
<h2 class="auto-created">Der klassen&shy;spe&shy;zi&shy;fi&shy;sche Habitus als ausschlag&shy;ge&shy;bender Karrie&shy;re&shy;faktor</h2>
<p>Die hohe Selektivität in der sozialen Rekrutierung der deutschen Wirtschaftselite hat   eine wesentliche Ursache. Für die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft ist nicht, wie von ihren Repräsentanten immer wieder betont wird, die Leistung ausschlaggebend, sondern der klassenspezifische Habitus der Kandidaten. Die für die Auswahl zuständigen Eigentümer, Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder oder sonstigen Vertreter der Unternehmensführungen suchen im Kern jemanden, der ihnen in Persönlichkeit und Werdegang ähnelt. Zwar müssen auch die Leistung und der Bildungsabschluss stimmen, letztlich entscheidend aber sind sie nicht. <br />Entscheidend ist vielmehr der Habitus der Bewerber. Wer in die Vorstände und Geschäftsführungen großer Unternehmen gelangen will, der muss vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die dort schon sitzen. Da die Besetzung von Spitzenpositionen in großen Unternehmen von einem sehr kleinen Kreis von Personen entschieden wird und das Verfahren nur wenig formalisiert ist, spielt die Übereinstimmung mit den sog. &#8222;Entscheidern&#8220;, soweit es Verhalten und Einstellungen betrifft, die ausschlaggebende Rolle. Es wird bei solchen Besetzungsprozessen sehr viel weniger nach rationalen Kriterien entschieden, als man angesichts der umfangreichen Kriterienkataloge, die es in den meisten Großkonzernen gibt, annehmen sollte. <br />Für eine solche Vorgehensweise spricht aus Perspektive der Entscheider ein wesentlicher Grund. Man kann davon ausgehen, dass jemand mit einem der eigenen Person vergleichbaren Persönlichkeitsprofil und Werdegang als Kollege im Vorstand oder in der Geschäftsführung auch ähnlich agieren wird wie man selbst. Aus eigener Sicht wird damit nicht nur das Risiko einer Fehlbesetzung minimiert, denn man hält sich persönlich ja für den richtigen Mann an der richtigen Stelle. Etwas anderes ist noch wichtiger. Der Druck, unter dem Topmanager bei ihren Entscheidungen stehen, und die häufig äußerst unsichere Informationsbasis, aufgrund derer sie diese Entscheidungen treffen müssen, lässt sie nach Männern &#8211; Frauen gibt es in diesen Etagen so gut wie nicht &#8211; suchen, denen sie glauben vertrauen zu können oder deren Persönlichkeit sie zumindest gut einschätzen können. Mit Vertrauen ist dabei nicht das persönliche Vertrauen wie unter Freunden gemeint, sondern gemeinsame Denk- und Verhaltensmuster, das, was man gemeinhin mit &#8222;die Chemie muss stimmen&#8220; oder &#8222;auf gleicher Wellenlänge liegen&#8220; bezeichnet. Eine gleiche oder zumindest ähnliche soziale Herkunft und der damit verbundene Habitus garantieren all das am ehesten. <br />Man wählt in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft dementsprechend in erster Linie nach vier persönlichkeitsgebundenen Kriterien aus: intime Kenntnis der dort gültigen Regeln, breite bildungsbürgerliche Allgemeinbildung, unternehmerisches Denken und Souveränität. Intime Kenntnis der herrschenden Regeln bedeutet, dass man weiß, wie die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze in den Chefetagen lauten, wie die Dress- und Verhaltenscodes dort aussehen. Obwohl in den Medien wohl am ausführlichsten erörtert, haben die richtige Kleidung und das perfekte Benehmen, d.h. die in den letzten Jahren wieder in Mode gekommene Etikette, unter den vier erwähnten Anforderungen das geringste Gewicht. Eine breite bildungsbürgerliche Allgemeinbildung ist weit bedeutsamer. Man sollte sich, will man in diesen Kreisen akzeptiert werden, in Fragen der Musik, der Malerei, der Literatur, aber auch der Geschichte oder der Politik zumindest so weit auskennen, dass man zum Beispiel die Gotik von der Romanik unterscheiden, die Unterschiede zwischen Impressionismus und Expressionismus benennen oder den hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England im zutreffenden Zeitraum verorten kann.<br />Unternehmerisches Denken heißt im Kern vor allem, bereit zu sein, Risiken einzugehen. Das macht sich gerade dann bemerkbar, wenn es um Entscheidungen von größerer Tragweite geht. Eine Führungskraft, die aus einer Arbeiterfamilie stammt und mit einer die Karriere zwar fördernden, zugleich aber auch sehr risikoreichen Aufgabe konfrontiert wird, wird eher zögern, weil sie schon Erreichtes aufs Spiel setzen muss. Jemand, dessen Vater größerer Unternehmer, Geschäftsführer oder renommierter Wirtschaftsanwalt ist, weiß demgegenüber, dass es für ihn immer mehrere Chancen gibt, ein Scheitern also kein Drama darstellt, und wird dementsprechend risikofreudiger vorgehen. Das ist sein entscheidendes Plus. Er fällt Vorgesetzten genau durch diese Eigenschaft auf, macht sie auf sich aufmerksam.<br />Der wichtigste Punkt von allen aber ist Souveränität. Durch den souveränen Umgang mit den gültigen Regeln und Maßstäben demonstriert man, dass man sich seine Verhaltens- und Denkweisen nicht mühsam antrainiert, sondern sie als selbstverständlichen Bestandteil der eigenen Persönlichkeit gleichsam nebenbei in Kindheit und Jugend erworben hat. Die wichtigen Persönlichkeitsmerkmale aufzuweisen, ohne den Prozess des Erwerbs erkennen zu lassen, darauf kommt es an (Bourdieu 1982). Sich so in den Vorstandsetagen bewegen, als sei einem das Gelände seit jeher vertraut, können selbstverständlich am einfachsten die, die in diesem oder einem vergleichbaren Milieu aufgewachsen sind. Persönliche Souveränität macht daher die entscheidende Differenz aus zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die nur dazu gehören möchten. Norbert Elias hat diese Differenz in seinem Klassiker &#8222;Über den Prozess der Zivilisation&#8220; mit den Worten beschrieben: &#8222;Bei den meisten Menschen der aufstiegsbegierigen Schichten führt das Bemühen darum zu ganz spezifischen Verkrümmungen des Bewusstseins und der Haltung (&#8230;) als &#8218;Halbbildung&#8217;, als Anspruch etwas zu sein, was man nicht ist, als Unsicherheit des Verhaltens und des Geschmacks (&#8230;)&#8220; (Elias 1997: 436).<br />Wer wirklich souverän ist, der geht mit den herrschenden Regeln und Gepflogenheiten selbstbewusst und locker um. Wenn man beispielsweise aus seiner Abneigung gegenüber Schiller oder Wagner keinen Hehl macht und zugleich seine Vorliebe für Manga-Comics oder Punkrock bekennt, so wirkt das positiv, als Demonstration von Unabhängigkeit und eigenem Geschmack, wenn Reden und Handeln gleichzeitig signalisieren, dass man den bildungsbürgerlichen Kanon durchaus kennt, ihn aber bewusst ignoriert. Man kann diesen Kanon verletzen, wenn man weiß, dass man es tut, und wenn man, falls gewünscht, auch begründen kann, warum man es tut. Es geht stets darum, die Codes souverän zu behandeln, und souverän agieren kann in erster Linie derjenige, der das Terrain, auf dem er sich bewegt, genau kennt. Je detaillierter die Kenntnis, umso souveräner kann man sich bewegen. Wer sich als sozialer Aufsteiger hochgearbeitet hat, wird dagegen zumindest eines immer im Hinterkopf haben, das Gefühl, dass es da vielleicht irgendein letztes Geheimnis gibt, das er nicht kennt, weil man es nicht erlernen kann. Und allein dieses Gefühl verunsichert.</p>
<h2 class="auto-created">Die sozial&shy;struk&shy;tu&shy;relle Verb&uuml;r&shy;ger&shy;li&shy;chung der politischen Elite</h2>
<p>Da auch die Eliten aus Justiz und Verwaltung mit ungefähr drei Fünfteln weit überproportional aus dem Bürgertum stammen, entsprach über lange Jahrzehnte nur eine Elite dem Bild der sozial offenen Mittelstandsgesellschaft wenigstens halbwegs, die politische Elite. Zwar waren Bürgerkinder auch in ihr überdurchschnittlich repräsentiert, dennoch war sie traditionell bis auf die FDP, deren Spitzenpersonal sich mit wenigen, nach außen hin aber auch deutlich erkennbaren Ausnahmen wie Möllemann oder Bangemann schon immer aus den Familien von Akademikern, Unternehmern und Adligen rekrutierte, überwiegend kleinbürgerlich, und zwar auf Bundes- wie auf Landesebene. Deutlich wird das z.B. bei den ehemaligen Bundeskanzlern. Aus den Reihen des Bürgertums kam nur ein einziger, Helmut Schmidt. Er wuchs auf als Sohn eines Studienrats, der wiederum das uneheliche Kind eines Kaufmanns war. Schmidt hat also bildungs- wie wirtschaftsbürgerliche Wurzeln. Das verlieh ihm über Jahrzehnte eine Sonderstellung. Er gilt bis heute als die perfekte Verkörperung des &#8222;Elder statesman&#8220;. Wer kann sich Männer wie Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Helmut Kohl oder Gerhard Schröder, die Kinder von Arbeitern, mittleren Angestellten und Beamten sowie kleinen Selbständigen, in dieser Rolle oder gar als Mitherausgeber der ZEIT vorstellen. <br />Die kleinbürgerliche Prägung der Politik war im Kern auf die Dominanz der beiden großen Volksparteien CDU/CSU und SPD zurückzuführen. Diese beiden Massenparteien boten mit ihrer großen und sehr breiten Mitgliedschaft, in der die un- und angelernten Arbeiter allerdings stets weit unter- und die Mittelschichten deutlich überrepräsentiert waren, ein vergleichsweise getreues Abbild einer bundesdeutschen Gesellschaft, die im Kern kleinbürgerlich war. Das galt mit Abstrichen auch für ihre Spitzenpolitiker; denn wer in der CDU/CSU oder der SPD ganz nach oben kommen wollte, der musste die berühmte Ochsentour machen, den langwierigen Prozess des allmählichen Aufstiegs von der kommunalen über die regionale bis hin zur Bundesebene auf sich nehmen. Das sicherte der Parteibasis durch die Kandidatenaufstellung für öffentliche wie für Parteiämter einen spürbaren Einfluss auf die Karriereverläufe. Der kleinbürgerliche Charakter der Parteien setzte sich auf diesem Wege bis hinein in die Führungspositionen durch.<br />Das hat sich in den letzten Jahren tief greifend geändert. Mit der Regierung von Angela Merkel hat die Bundesrepublik Deutschland nun zum zweiten Mal nach 1966 eine große Koalition der beiden Volksparteien CDU/CSU und SPD. Ein Vergleich der beiden großen Koalitionen, der unter Kurt Georg Kiesinger in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre und der aktuellen unter Angela Merkel zeigt überaus deutlich, wie sehr sich die politische Elite des Landes in ihrer sozialen Zusammensetzung gewandelt hat. 1966 wurde die Regierung geführt von dem Sohn eines kaufmännischen Angestellten, Kanzler Kiesinger, und dem unehelichen Kind einer Verkäuferin, Außenminister Brandt. Die anderen zentralen Ressorts Inneres, Finanzen, Wirtschaft und Justiz leiteten Männer, die je zur Hälfte aus kleinbürgerlichen und aus bürgerlichen Verhältnissen stammten. Lücke und Strauß als Söhne eines Steinbruchmeisters und eines Metzgers zählten zur ersten Kategorie, Schiller und Heinemann als Kinder eines Ingenieurs und eines Krankenkassendirektors zur zweiten. Von den sechs wichtigsten Ämtern wurden also nur zwei von Ministern aus bürgerlichen Familien besetzt. <br />Welch ein Unterschied zu heute. In der jetzigen Regierung ist es genau umgekehrt. Gerade noch eines der sechs entscheidenden Ministerien wird von jemand geführt, der nicht aus bürgerlichen Verhältnissen stammt. Es ist das Außenministerium. Dessen Chef, Steinmeier, ist der Sohn eines Tischlers. Die anderen fünf Spitzenpositionen sind in bürgerlicher Hand. Bundeskanzlerin Merkel kommt aus dem bildungsbürgerlichen Haushalt eines Pfarrers und einer Lehrerin. Innenminister Schäuble hat einen Steuerberater zum Vater und eine Landtagsabgeordnete zur Mutter. Finanzminister Steinbrück stammt aus einer Architektenfamilie. Justizministerin Zypries ist die Tochter eines Unternehmers und Wirtschaftsminister Glos der Sohn eines Mühlenbesitzers und Landwirts. Bei den Ministerpräsidenten ist vergleichbares zu beobachten, am deutlichsten in den drei großen süddeutschen Bundesländern. Dort sitzen heute mit Koch, Oettinger und Stoiber die Söhne eines Ministers, eines Wirtschaftsprüfers und eines Kaufmanns an der Regierungsspitze. Früher waren es mit Wallmann, Teufel und Strauß die Söhne eines Realschullehrers, eines Bauern und eines Metzgers. Auch hier haben Bürgerkinder Kleinbürgerkinder ersetzt.  <br />Die massive Änderung in der sozialen Rekrutierung der deutschen politischen Elite hat seine Wurzeln in den Umstrukturierungen und der Erosion der beiden großen Volksparteien. Deren Mitgliederzahl ist von Höchstständen um 1980 herum bei der SPD von über 1 Million auf inzwischen nur noch 565.000 gesunken, bei der CDU (trotz eines zwischenzeitlichen Zugangs von circa 110.000 Mitgliedern aus den ehemaligen DDR-Blockparteien) von fast 750.000 auf gut 560.000. Die übrig gebliebenen Mitglieder sind zudem erheblich überaltert und in hohem Maße inaktiv. Auch bei Wahlen haben beide Parteien massive Verluste zu verzeichnen. Konnten sie früher zusammen stets um die 90 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen, kamen sie bei der letzten Bundestagswahl auf weniger als 70 Prozent, bei den letzten Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus noch gerade auf die Hälfte. Von den Wahlberechtigten erreichten sie statt der früher üblichen vier Fünftel schon bei der Bundestagswahl nur noch jeden zweiten, bei den Berliner Wahlen nicht einmal mehr jeden dritten. Die tiefe Krise der Volksparteien ist ein Ausdruck der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft, die ihre traditionelle Basis, die Mittelschichten und die Facharbeiterschaft, weitaus stärker bedroht als die Klientel der FDP oder der Grünen. <br />Dieser Erosionsprozess sorgt auch für eine spürbare Veränderung der klassischen Karrierewege. Die traditionelle Ochsentour hat erheblich an Bedeutung verloren. Dass im letzten Bundestag erstmals kein einziger Abgeordneter mehr saß, der zuvor in einem Sozialverband oder einer Gewerkschaft gearbeitet hatte, ist ein sichtbares Anzeichen für diese Entwicklung. Wenn die Parteibasis an Einfluss verliert und gleichzeitig weniger repräsentativ ist, dann steigt fast parallel dazu der Anteil von Politikern mit bürgerlicher Herkunft und von Quereinsteigern. So erfolgt auch die Berufung in ein Ministeramt in zunehmendem Maße unmittelbar aus Spitzenpositionen anderer Sektoren, vor allem aus der Verwaltung. Charakteristisch für diesen Trend ist der Berufsweg von Justizministerin Zypries. Sie wechselte nach einer kurzen Tätigkeit an der Universität zunächst als Referentin in die hessische Staatskanzlei, von dort dann als Mitarbeiterin an das Bundesverfassungsgericht, darauf als Referatsleiterin an die Staatskanzlei in Niedersachsen und schließlich als Staatsekretärin in das Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales in Hannover und ins Bundesinnenministerium. Wer aber aus einer Spitzenposition in der Verwaltung, der Justiz oder der Wirtschaft kommt, der hat seinen Aufstieg den vom Bürgertum geprägten Karrieremustern dieser Sektoren zu verdanken. Die veränderten Aufstiegspfade begünstigen also in jeder Hinsicht eine sozialstrukturelle Verbürgerlichung der Volksparteien.</p>
<h2 class="auto-created">Fazit</h2>
<p>Die hinsichtlich ihrer sozialen Rekrutierung unübersehbare Annäherung der politischen Elite an die anderen wichtigen Eliten entspricht einer Entwicklung, die auch für die übrige Gesellschaft charakteristisch ist. Die &#8222;Gewinner der Globalisierung&#8220; schotten sich zunehmend ab. Aufstiegswege werden immer mehr blockiert, und das stärker als früher auch durch institutionelle Regelungen. So sollen z.B. durch die Etablierung von Eliteuniversitäten im deutschen Hochschulsektor spezielle Elitebildungsinstitutionen nach dem Vorbild der USA  geschaffen werden. Derartige Einrichtungen, das zeigen die Erfahrungen in den USA, aber auch in Frankreich, Großbritannien und Japan deutlich, haben vor allem eine Aufgabe. Auf ihnen wird der Nachwuchs der bürgerlich-großbürgerlichen Kreise schon frühzeitig vom Rest der Bevölkerung getrennt ausgebildet und auf seine zukünftigen Machtpositionen vorbereitet (Bourdieu 2004; Hartmann 2004, 2006; Karabel 2005). <br />Die Verlierer, und das sorgt ganz wesentlich für die ideologische Rechtfertigung der zunehmenden Unterschiede zwischen &#8222;oben und unten&#8220;, werden gleichzeitig als die Hauptverantwortlichen für ihre Lage dargestellt. Typisch für diese Haltung ist der Leiter des Hauptstadtbüros des Spiegel, Gabor Steingart. In seinem neuen Buch &#8222;Weltkrieg um Wohlstand&#8220; zeichnet er (unter Missachtung aller aktuellen Forschungsergebnisse über &#8222;Underclass&#8220; und Armut) ein Bild der neuen Proleten bzw. der neuen Unterschicht, das dieses Argumentationsmuster sehr deutlich macht. Sie seien im Unterschied zu ihrem historischen Pendant früherer Tage nicht durch materielle Armut vom Rest der Bevölkerung getrennt, sondern durch &#8222;geistige Verwahrlosung&#8220;. Ihr mangelndes Bildungsinteresse mache die entscheidende Differenz sowohl zum eigenen geschichtlichen Vorgänger als auch zu den anderen Teilen der Bevölkerung aus.(4) Letztlich wiederholt sich hier eine Grundmelodie, die Dahrendorf schon vor über vier Jahrzehnten intoniert hat, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Die Verlierer sind selbst schuld. Deshalb müssen sich die Eliten, so der Umkehrschluss, für ihre Privilegien auch nicht rechtfertigen. Sie haben sie verdient. So einfach kann das sein, vorausgesetzt, man will sich mit der Wirklichkeit nicht ernsthaft auseinandersetzen.<br /> </p>
<p>1   Zum Großbürgertum zählen Großunternehmer, Vorstände oder Geschäftsführer größerer Unternehmen, Spitzenbeamte und Angehörige von Generalität und Admiralität.<br />2   Zum übrigen Bürgertum gehören größere Unternehmer, leitende Angestellte, akademische Freiberufler und höhere Beamte sowie Offiziere. Dabei ist immer zu beachten, dass es sich bei diesen Managern um Personen handelt, die bis spätestens Anfang der 1960er Jahre geboren sind. Ihre Väter hatten ihre beruflichen Positionen also in einer Zeit inne, in der im Unterschied zur heutigen Zeit sowohl die höheren Beamten als auch die akademischen Freiberufler noch fast ausnahmslos zum Bürgertum zu zählen waren.<br />3    In den großen Elitebefragungen fällt die Antwortquote bei den Angehörigen der Wirtschaftselite mit circa einem Drittel immer besonders niedrig aus.<br />4     Zitiert nach Auszügen aus dem Buch in Spiegel online vom 16.9.2006</p>
<p>  <br /><b>Literatur  </b></p>
<p>Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M.<br />Bourdieu, Pierre  (2004): Der Staatsadel. Konstanz<br />Dahrendorf, Ralf  (1962): Eine neue deutsche Oberschicht. Notizen über die Eliten der Bundesrepublik. Die neue Gesellschaft, 9, 18-31<br />Elias, Norbert (1997): Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychognetische Untersuchungen. Bd. 2: Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Frankfurt a. M.<br />Hartmann, Michael (2002): Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt a. M.<br />Hartmann, Michael (2004): Elitesoziologie. Eine Einführung. Frankfurt a. M.<br />Hartmann, Michael (2006): Die Exzellenzinitiative &#8211; ein Paradigmenwechsel in der deutschen Hochschulpolitik. Leviathan, 34 (im Erscheinen)<br />Karabel, Jerome (2005): The Chosen. Boston</p>
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		<title>Für ein bedingungsloses Grundeinkommen</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 08:25:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Krise der Arbeitsgesellschaft erfordert eine neue Politik der Inklusion, aus: vorg&#228;nge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 60-67 Unsere Arbeitsgesellschaft befindet sich in einer paradoxen Situation. W&#228;hrend sich ihr Integrationsversprechen f&#252;r immer weniger Menschen erf&#252;llt, wird das Festhalten an der Integration durch Erwerbsarbeit politisch verzweifelt verteidigt. Wo millionenfach Arbeitspl&#228;tze fehlen werden Erwerbslose immer st&#228;rker unter [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Krise der Arbeitsgesellschaft erfordert eine neue Politik der Inklusion,</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 60-67</p>
<p>Unsere Arbeitsgesellschaft befindet sich in einer paradoxen Situation. W&auml;hrend sich ihr Integrationsversprechen f&uuml;r immer weniger Menschen erf&uuml;llt, wird das Festhalten an der Integration durch Erwerbsarbeit politisch verzweifelt verteidigt. Wo millionenfach Arbeitspl&auml;tze fehlen werden Erwerbslose immer st&auml;rker unter Druck gesetzt, sich um Arbeit zu bem&uuml;hen. Erwerbst&auml;tige werden zu immer gr&ouml;&szlig;eren Konzessionen gen&ouml;tigt, um ihren Arbeitsplatz behalten zu k&ouml;nnen. Das klassische Normalarbeitsverh&auml;ltnis &ndash; abh&auml;ngige Vollzeitbesch&auml;ftigung f&uuml;r einen einzigen Arbeitgeber ohne zeitliche Befristung mit regelm&auml;&szlig;igen Arbeitszeiten, umfassenden gesetzlichen Schutz- und Teilhaberechten sowie Tarifleistungen &ndash; besitzt zwar nach wie vor f&uuml;r die Mehrheit der Erwerbst&auml;tigen G&uuml;ltigkeit. Es erodiert aber in rasantem Tempo und die Gruppe der Prek&auml;ren w&auml;chst. <br />Mittlerweile arbeiten weit &uuml;ber 6 Millionen Menschen in Deutschland zu Niedrigl&ouml;hnen, rund 10 Prozent aller Besch&auml;ftigten sind &bdquo;working poor&ldquo; &ndash; arbeitende Arme. Gut 32 Prozent arbeiten Teilzeit, gut vier Prozent oder 6,5 Mio. in geringf&uuml;gigen Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei knapp vier Million. 1,6 Millionen Menschen befinden sich in arbeitsmarktpolitischen Ma&szlig;nahmen &ndash; sind also nach wie vor erwerbslos, werden aber in der Statistik nicht mitgez&auml;hlt. Vom derzeitigen Sinken der offiziellen Arbeitslosenquote profitieren in erster Linie die kurzzeitig Erwerbslosen, an den Heerscharen der arbeitslosen Hartz IV-Bezieher geht der Aufschwung weitgehend vor&uuml;ber. Ihre Zahl liegt weiterhin bei knapp 2,7 Mio. Z&auml;hlt man ihre Familienangeh&ouml;rigen mit, sind es fast 7 Million Menschen, die in Deutschland von den Leistungen der Grundsicherung f&uuml;r Arbeitsuchende leben m&uuml;ssen. Die Zahl der Armen w&auml;chst rapide, Lohnspreizung und soziale Polarisierung nehmen zu. Da der deutsche Sozialstaat immer noch stark auf das m&auml;nnlich gepr&auml;gte Normalarbeitsverh&auml;ltnis ausgerichtet ist, verliert er gegen&uuml;ber den Gruppen, die dieser Normalit&auml;tsannahme nicht mehr entsprechen, zunehmend seine Schutzfunktion.<br />Arbeitslosigkeit und Prekarisierung f&uuml;hren zu Verunsicherung bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein. F&uuml;r die Betroffenen bedeuten sie h&auml;ufig Armut und Ausgrenzung von gesellschaftlicher Teilhabe und Anerkennung. Die Politik der letzten Jahre hat auf diese Krise vor allem mit Leistungsk&uuml;rzungen, der Deregulierung des Arbeitsmarktes und dem in den Hartz-Gesetzen formulierten Programm zur Aktivierung Erwerbsloser&nbsp; reagiert. Diese Ma&szlig;nahmen haben vor allem mehr Druck auf Arbeitslose entfaltet, sozialstaatliche und arbeitsrechtliche Standards unterh&ouml;hlt und die soziale Verunsicherung verst&auml;rkt, die Krise der deutschen Arbeitsgesellschaft haben sie nicht gel&ouml;st. Innerhalb des Arbeitsmarktes und au&szlig;erhalb leiden die Menschen millionenfach an dieser Krise. Wo die einen immer mehr Kontrollen, Schikanen und Sanktionen ausgesetzt sind und von staatlichen Leistungen leben m&uuml;ssen, die nicht geeignet sind, ein Leben in W&uuml;rde und gesellschaftliche Teilhabe zu gew&auml;hrleisten, steigt der Druck auf die, die noch Arbeit haben, immer mehr an. Sie werden erpressbar und zu immer gr&ouml;&szlig;eren Konzessionen hinsichtlich der Entlohnung und der Bedingungen, zu denen sie arbeiten, gen&ouml;tigt. Diese Entwicklungen gef&auml;hrden den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft und die Demokratie.</p>
<h2 class="auto-created">Das Grund&shy;ein&shy;kommen als Ausweg aus der Krise der Arbeits&shy;ge&shy;sell&shy;schaft</h2>
<p>W&auml;re es angesichts dieser Situation nicht vern&uuml;nftiger, der Staat zahlte allen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern ein bedingungsloses Grundeinkommen? Es w&uuml;rde die Menschen vom existenziellen Druck befreien, ihre Arbeitskraft am Markt verkaufen zu m&uuml;ssen, und gew&auml;hrte ihnen eine Existenzgrundlage, auf deren Basis sie selbst bestimmt t&auml;tig werden k&ouml;nnen. Ja, sagen die Bef&uuml;rworter dieser Idee, die aus so unterschiedlichen Spektren wie der Wissenschaft, der Erwerbslosen- und Armenbewegung, kirchlichen Verb&auml;nden sowie aus verschiedenen Parteien stammen und im Juli 2004 das deutsche Netzwerk Grundeinkommen (<a href="http://www.grundeinkommen.de/" target="_blank" rel="noopener">www.grundeinkommen.de</a>) gegr&uuml;ndet haben, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens(1) in Gesellschaft und Politik zu bef&ouml;rdern. Sie wollen, dass jedem Mitglied der Gesellschaft ein Existenz sicherndes Grundeinkommen als individueller Rechtsanspruch, ohne Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung und Zwang zur Arbeit gezahlt wird. Ein solches Grundeinkommen w&uuml;rde sich von den gegenw&auml;rtigen Sozialsystemen dadurch unterscheiden, dass es nicht wie bei den Sozialversicherungen an vorherige Beitragszahlungen gekn&uuml;pft und nicht wie die existierenden Grundsicherungssysteme an die Verf&uuml;gbarkeit f&uuml;r den Arbeitsmarkt gebunden ist.<br />Jenseits dieser geteilten Definition werden in der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen eine ganze Reihe unterschiedlicher Modelle und Ausgestaltungsformen vertreten, die sich hinsichtlich der H&ouml;he, der Finanzierungsform und der Stellung zu den anderen Sozialsystemen teilweise deutlich voneinander unterscheiden. Wollen die einen etwa ein armutsfestes und Teilhabe sicherndes Grundeinkommen &ndash; im Gespr&auml;ch sind hier 950 Euro (Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen in und bei der Linkspartei), 800 Euro plus 260 Euro durchschnittliche Wohnkosten (Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und Sozialhilfeinitiativen) oder auch mal 1.200 bis 1.500 Euro (G&ouml;tz Werner, Chef der Drogeriekette dm) &ndash;, geben sich andere mit einem Satz in der H&ouml;he der heutigen Hartz IV-Leistungen zufrieden oder gehen sogar darunter, wie z.B. der th&uuml;ringische Ministerpr&auml;sident Dieter Althaus, bei dessen B&uuml;rgergeldmodell von 800 Euro noch 200 Euro Kopfpauschale zur Krankenversicherung zu leisten sind. Will G&ouml;tz Werner das Grundeinkommen allein &uuml;ber eine 50-prozentige Mehrwertsteuer finanzieren und alle anderen Abgaben abschaffen, wollen andere die Ressourcenbasis f&uuml;r ein bedingungsloses Grundeinkommen durch eine zus&auml;tzliche h&auml;lftige Abgabe auf alle Einkommen oder durch einen Mix von Besteuerungsformen, der vor allem hohe Einkommen und Unternehmensgewinne belastet, schaffen. Wo die einen die anderen sozialen Sicherungssysteme durch das Grundeinkommen ersetzen wollen, begreifen die anderen das Grundeinkommen als Erg&auml;nzung und Unterbau der Sozialversicherungen.<br />Grunds&auml;tzlich lassen sich zwei Varianten des bedingungslosen Grundeinkommens unterscheiden: die Sozialdividende, bei der jedem Mitglied der Gesellschaft unabh&auml;ngig von seinem bzw. ihrem Einkommen und Verm&ouml;gen ein Grundeinkommen gezahlt wird &ndash; also auch den Reichen, die aber bei der Besteuerung entsprechend zur Finanzierung herangezogen werden. <br />Der Charme dieses Modells besteht darin, dass eine Einkommenspr&uuml;fung bei der Auszahlung des Grundeinkommens entf&auml;llt, jedem Mitglied der Gesellschaft das Grundeinkommen als universelles soziales Menschenrecht zukommt und eine offensichtliche Spaltung in Zahler und Empf&auml;nger vermieden wird. Bei der negativen Einkommenssteuer erhalten dagegen nur diejenigen ein Grundeinkommen, deren Einkommen unterhalb einer bestimmten Grenze bleibt. Geringf&uuml;gige Einkommen werden bis zu dieser Schwelle durch eine steuerliche Gutschrift aufgestockt. Da das Grundeinkommen nicht an alle ausgezahlt wird, f&auml;llt in diesem Modell das zu bewegende Finanzierungsvolumen deutlich geringer aus als bei der Sozialdividende. Wie die Sozialdividende wird das bedingungslose Grundeinkommen nach der negativen Einkommenssteuer aber individuell, also nicht an Familien oder Bedarfsgemeinschaften, gezahlt und ist &ndash; im Gegensatz zu anderen negativen Einkommenssteuermodellen wie etwa dem B&uuml;rgergeld der FDP &ndash; nicht an Arbeitsbereitschaft gekn&uuml;pft.<br />Ein bedingungsloses Grundeinkommen &ndash; ob in Form der Sozialdividende oder der negativen Einkommenssteuer &ndash; w&uuml;rde, so die &Uuml;berzeugung der Bef&uuml;rworter, Armut verhindern, gesellschaftliche Teilhabe sicherstellen und familiale Abh&auml;ngigkeiten vermindern. Es w&uuml;rde die Abh&auml;ngigkeit von Erwerbsarbeit verringern &ndash; ein Umstand der in der sozialpolitischen Fachsprache als &bdquo;De-Kommodifizierung&ldquo; bezeichnet wird &ndash; und den Zwang zur Unterwerfung unter staatlich verordnete Ersatzma&szlig;nahmen au&szlig;er Kraft setzen. <br />Entgegen dem herrschenden Reformtrend w&uuml;rde die &bdquo;Reservearmee&ldquo; nicht in eine immer h&auml;rtere Konkurrenz um immer unattraktivere Jobs getrieben. Stattdessen h&auml;tten die Menschen die M&ouml;glichkeit, Arbeit auch abzulehnen und sich in verschiedenen Bereichen jenseits der Erwerbsarbeit &ndash; in Familienarbeit, gemeinn&uuml;tziger Arbeit, Ausbildungs- und Mu&szlig;ezeiten &ndash; zu bet&auml;tigen (oder auch nicht), ohne um ihre Existenz f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen. Damit w&uuml;rden neue M&ouml;glichkeiten der Bet&auml;tigung, der Integration und Anerkennung geschaffen, die geeignet w&auml;ren, den gegenw&auml;rtigen Gef&auml;hrdungs- und Fragmentierungstendenzen, die aus der Krise der Arbeitsgesellschaft erwachsen, solidarische und zukunftsweisende Alternativen entgegen zu setzen.</p>
<h2 class="auto-created">Vollbe&shy;sch&auml;f&shy;ti&shy;gung als Illusion</h2>
<p>Nicht allen scheint diese Perspektive jedoch einleuchtend. So lehnen neoliberale wie gewerkschaftlich und sozialdemokratisch orientierte Akteure das bedingungslose Grundeinkommen in seltener Einigkeit ab, weil sie glauben, den beschriebenen gesellschaftlichen Fragmentierungstendenzen durch die Wiederherstellung von Vollbesch&auml;ftigung begegnen zu k&ouml;nnen und den programmatischen Abschied von der alleinigen Integration durch Erwerbsarbeit f&uuml;r falsch halten. Das Ziel gesellschaftlicher Integration &uuml;ber Vollbesch&auml;ftigung wollen sie auf sehr unterschiedlichen Wegen erreichen. <br />Die Neoliberalen wollen eine h&ouml;here Nachfrage vor allem nach gering qualifizierter Arbeit schaffen, indem sie den Preis der Ware Arbeitskraft reduzieren, sozialstaatliche Dekommodifizierungspotenziale zur&uuml;cknehmen und Unternehmen finanziell entlasten. Die Ausweitung von Prekarit&auml;t und &bdquo;Armut trotz Arbeit&ldquo; nehmen sie dabei billigend in Kauf und preisen Niedriglohnjobs als Einstiegschance f&uuml;r diejenigen, die derzeit drau&szlig;en stehen. Sozialdemokratische und gewerkschaftliche Akteure glauben dagegen, dass Vollbesch&auml;ftigung auf Basis einer nachfrageorientierten Lohn- und Besch&auml;ftigungspolitik und eines starken &ouml;ffentlichen Sektors unter Aufrechterhaltung sozial- und arbeitsrechtlicher Standards m&ouml;glich ist. Sie sagen: &bdquo;Vollbesch&auml;ftigung ist machbar, Herr Nachbar&ldquo; und blicken dabei nach Schweden oder D&auml;nemark, die als exemplarische Vorbilder der Synthese eines starken Wohlfahrtsstaats mit einer erfolgreichen Besch&auml;ftigungspolitik gelten.<br />Sie folgen damit der auch in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung verbreiteten Einsch&auml;tzung, dass es den skandinavischen Wohlfahrtsstaaten auf eindrucksvolle Weise gelungen ist, wirtschaftliche Effizienz und gesellschaftliche Wohlfahrt miteinander zu verbinden (Esping-Andersen 1999). An dieser Diagnose ist zwar manches richtig. In der Tat weisen die skandinavischen L&auml;nder (heute wieder) eine vergleichsweise geringe Arbeitslosenquote von 4 bis 5 Prozent und hohe Besch&auml;ftigungsraten auf. Das Niveau der sozialen Sicherung ist im internationalen Vergleich immer noch hoch, auch wenn es hier in den letzten Jahren ebenfalls zu K&uuml;rzungen und Einschr&auml;nkungen gekommen ist. Die Armutsquoten sind gering. Erzielt werden diese Ergebnisse zum einen durch eine international hochgradig wettbewerbsf&auml;hige Industrie, zum anderen verf&uuml;gen die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten aber &uuml;ber einen stark ausgebauten &ouml;ffentlichen Sektor, der vor allem Frauen Arbeitspl&auml;tze bietet und so f&uuml;r hohe weibliche Besch&auml;ftigungsquoten sorgt, was wiederum die Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen erh&ouml;ht. Der besch&auml;ftigungspolitische Erfolg ist also zu einem nicht unwesentlichen Teil einer starken staatlich geleiteten Nachfragepolitik mit sich selbst verst&auml;rkenden Effekten geschuldet. <br />Allerdings muss diese skandinavische Erfolgsstory kritisch hinterfragt werden. Denn die offiziellen Arbeitslosenzahlen zeigen nur die halbe Wahrheit. In Skandinavien &ndash; wie auch in anderen besch&auml;ftigungspolitisch vermeintlich erfolgreichen L&auml;ndern wie den Niederlanden oder Gro&szlig;britannien &ndash; befindet sich eine gro&szlig;e Zahl von Menschen, die nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen, nicht im ersten Arbeitsmarkt, sondern in arbeitsmarktpolitischen Ma&szlig;nahmen, in Fr&uuml;hverrentung, im Krankengeldbezug oder in Systemen f&uuml;r Erwerbsunf&auml;hige. So ist zwar in D&auml;nemark die Arbeitslosigkeit um einiges niedriger als in Deutschland, insgesamt befinden sich aber deutlich mehr Menschen im Erwerbsalter im Leistungsbezug verschiedener staatlicher Sicherungssysteme (Knuth/Schweer/Siemes 2004: 91). Gleiches gilt f&uuml;r Schweden, wo fast vier Prozent mehr Menschen im erwerbsf&auml;higen Alter von sozialstaatlicher Unterst&uuml;tzung leben als in Deutschland (OECD 2003). Das skandinavische &sbquo;Besch&auml;ftigungswunder&lsquo; beruht also zu einem nicht unerheblichen Teil auf der Verschiebung von Arbeitslosen in andere Sicherungssysteme, die Wiederherstellung von Vollbesch&auml;ftigung ist auch nach skandinavischem Rezept nicht gelungen. Das skandinavische Modell eignet sich daher nur bedingt als &sbquo;role model&rsquo; f&uuml;r die &Uuml;berwindung der deutschen Arbeitsmarktkrise und als Kronzeuge gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen.</p>
<h2 class="auto-created">Bedin&shy;gungs&shy;loses Grund&shy;ein&shy;kommen als Mittel gegen&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; soziale Ausgrenzung</h2>
<p>Ein zweiter Einwand der den Bef&uuml;rwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens von seinen Gegnern immer wieder entgegen gehalten wird, ist die Behauptung, ein Grundeinkommen k&ouml;nne Probleme der Armut und sozialen Ausgrenzung nicht l&ouml;sen, da es allein am Individuum ansetze und den Kampf gegen soziale Benachteiligung auf monet&auml;re Transfers verk&uuml;rze. Materielle Armut sei gar nicht das Problem der heutigen Unterschicht, sondern &bdquo;Armut im Geiste&ldquo;, &bdquo;mangelnde Lebenschancen und Lebensanleitung&ldquo; (Miebach 2005) oder wie der Vorsitzende der SPD, Kurt Beck, k&uuml;rzlich meinte, &bdquo;mangelnder Aufstiegswille&ldquo;. Daher k&ouml;nne es nicht darum gehen, mehr Geld zu verteilen, es m&uuml;ssten vielmehr Teilhabechancen verbessert werden &ndash; so das Mantra der neuen Sozialdemokratie(2). Au&szlig;erdem seien die sozial Benachteiligten gar nicht in der Lage, die Autonomie produktiv zu nutzen, die ein bedingungsloses Grundeinkommen biete.<br />An dieser Argumentation, die sowohl in der neu-sozialdemokratischen Aktivierungs- und Unterschichtendiskussion als auch in der Grundeinkommensdebatte eine prominente Rolle spielt, ist mehrerlei problematisch. Erstens beruht sie auf einem dichotomischen Verst&auml;ndnis sozialer Ausgrenzung, bei dem der stabilen Kerngesellschaft ein problematischer &sbquo;Rand&rsquo; gegen&uuml;ber gestellt wird, der als ganz anders und negativ portr&auml;tiert wird. Damit werden Verursachungszusammenh&auml;nge von Armut und Ausgrenzung, die im Zentrum der Gesellschaft angesiedelt sind, ausgeblendet und die Suchscheinwerfer nach den Schuldigen auf diejenigen an der Peripherie gerichtet. Nicht in den strukturellen Bedingungen werden die Ursachen sozialer Ausgrenzung gesucht, sondern im Verhalten und den vermeintlich abweichenden Werten der Armen. <br />Zweitens blendet ein solch dichotomischer Begriff sozialer Ausgrenzung Zonen des &Uuml;bergangs und der Gef&auml;hrdung (Castel 2000), ebenso wie soziale Ungleichheiten innerhalb der Zone der Inklusion, systematisch aus. Das &sbquo;Drinnen&rsquo; wird als unproblematisch betrachtet, Formen des &sbquo;Drinnen und doch Drau&szlig;en&rsquo; &ndash; wie &bdquo;Armut trotz Arbeit&ldquo; &ndash; geraten aus dem Blick. In der Re-Integration der &sbquo;Ausgegrenzten&rsquo; in den ersten Arbeitsmarkt wird der K&ouml;nigsweg zur Integration gesehen. Arbeit f&uuml;r alle &ndash; egal zu welchem Preis &ndash; wird damit zur gebotenen Politik im Namen der Inklusion. Dass Lohnarbeit immer auch Ausbeutung bedeutet, mehr oder weniger entfremdet und in vielen F&auml;llen noch nicht einmal existenzsichernd ist, spielt aus einer solchen Perspektive kaum mehr eine Rolle. Schlie&szlig;lich werden aus einem solchen Verst&auml;ndnis sozialer Ausgrenzung heraus soziale Schutzrechte gegen andere Ma&szlig;nahmen zur Verbesserung der Lebenschancen benachteiligter Bev&ouml;lkerungsgruppen ausgespielt.<br />Au&szlig;erdem verkennt diese Argumentation, dass ein Grundeinkommen zentrale Ursachen sozialer Ausgrenzung tats&auml;chlich &uuml;berwinden kann. Ein Grundeinkommen &ndash; oder auch nur eine bedarfsorientierte soziale Grundsicherung &ndash;, die im Gegensatz zu den heute bestehenden letzten Netzen sozialer Sicherung Armut tats&auml;chlich verhindert, w&uuml;rde Teilhabem&ouml;glichkeiten in vielen gesellschaftlichen Bereichen verbessern. Zwar gibt es in der &sbquo;Grundeinkommensszene&rsquo; keinen Konsens &uuml;ber die H&ouml;he eines Grundeinkommens, in der Regel wird aber ein Satz gefordert, der deutlich &uuml;ber dem heutigen Sozialhilfeniveau liegt. <br />F&uuml;r diejenigen, die mit wenig leben m&uuml;ssen, machen aber auch schon 100 oder 200 Euro einen signifikanten Unterschied und erm&ouml;glichen ein deutliches Mehr an sozialer und kultureller Teilhabe. Als Beispiele seien hier nur das Zeitungsabonnement, der Sportverein, der Kinobesuch, Klassenfahrten und Kindergeburtstage genannt, die unter den Bedingungen von &sbquo;Hartz IV&rsquo; zu unerf&uuml;llbaren W&uuml;nschen werden. Aber nicht nur aktuell, auch auf l&auml;ngere Sicht verbessert ein Grundeinkommen gesellschaftliche Teilhabem&ouml;glichkeiten, indem es eine verl&auml;ssliche Lebensgrundlage bietet und so auch den Benachteiligten erm&ouml;glicht, Lebenspl&auml;ne zu verfolgen, die individuelle Entwicklung bef&ouml;rdern und Lebenschancen verbessern.<br />Ein bedingungsloses Grundeinkommen, das universell, unabh&auml;ngig von Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fungen und Arbeitspflichten gew&auml;hrt wird, bricht au&szlig;erdem mit den ausgrenzenden bzw. ausgrenzungsversch&auml;rfenden Logiken gegenw&auml;rtiger Sozialpolitik (vgl. hierzu Mohr 2007). Der gegenw&auml;rtige Wohlfahrtsstaat sortiert seine Klienten fein s&auml;uberlich nach Anspruchsbedingungen, betreibt Leistungssysteme erster Klasse (die Sozialversicherungen), in denen sich die Anspruchsberechtigten ihre Leistung durch Beitr&auml;ge verdient haben, und residuale, bed&uuml;rftigkeitsgepr&uuml;fte Systeme zweiter Klasse f&uuml;r den Rest. Diese sind mit einem Stigma verbunden, das die soziale Ausgrenzung der Hilfebed&uuml;rftigen noch versch&auml;rft und dazu f&uuml;hrt, dass Menschen ihr Recht auf staatliche Unterst&uuml;tzung teilweise gar nicht erst in Anspruch nehmen. <br />Da bed&uuml;rftigkeitsgepr&uuml;fte staatliche Leistungen bei Arbeitsf&auml;higkeit immer unter dem Vorbehalt der Arbeitsbereitschaft stehen und mit Pflichten verbunden sind, die der Staat im Zweifelsfall mithilfe der Drohung des Entzugs der Existenzmittel durchsetzen kann, sind Hilfebed&uuml;rftige schlie&szlig;lich immer auch Objekte staatlicher Kontrolle und Disziplinierung mit allen negativen Konsequenzen wie Ausgeliefertsein gegen&uuml;ber den Beh&ouml;rden, Ohnmachtsgef&uuml;hlen, negativen Auswirkungen auf Motivation und Kreativit&auml;t, etc. Ein universell gezahltes, bedingungsloses Grundeinkommen er&ouml;ffnet dagegen allen Menschen ein Recht auf soziale Teilhabe unabh&auml;ngig von Aufenthaltstitel, sozialrechtlichen Anspruchsbedingungen und Arbeitspflichten. Es r&auml;umt mit dem Stigma des Leistungsbezugs auf und erm&ouml;glicht Selbstbestimmung und freie Entfaltung.</p>
<h2 class="auto-created">Das Grund&shy;ein&shy;kommen ist ein wichtiger Schritt, aber kein Allheil&shy;mittel</h2>
<p>Das bedingungslose Grundeinkommen ist damit geeignet zentrale Ausgrenzungsfaktoren &ndash; materielle Armut, Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und sozialstaatliche Ausgrenzung und Stigmatisierung &ndash; zu &uuml;berwinden. Ist es auch dazu geschaffen, Arbeitslosigkeit als eine zentrale Ursache sozialer Ausgrenzung zu eliminieren oder dient es, wie manche Gegner bef&uuml;rchten, nur der Entsorgung der &Uuml;berfl&uuml;ssigen (Schlecht 2006)?<br />Der Verlust von Erwerbsarbeit &ndash; und dies wird auch unter Bef&uuml;rwortern des bedingungslosen Grundeinkommens niemand bestreiten &ndash; bedeutet unter den herrschenden Bedingungen f&uuml;r die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Betroffenen nicht nur den Verlust der Einkommensquelle, sondern auch von gesellschaftlicher Integration und sozialer Anerkennung. In einer Gesellschaft, die nicht nur G&uuml;ter, sondern auch soziale Wertsch&auml;tzung nach wie vor im Wesentlichen &uuml;ber den Allokationsmechanismus Arbeitsmarkt verteilt, ist es ungemein schwer, &bdquo;gl&uuml;cklich arbeitslos&ldquo; (Paoli 2002) zu sein. <br />Allerdings w&uuml;rde Erwerbsarbeit an symbolischer Bedeutung verlieren, wenn das Einkommen auch unabh&auml;ngig von ihr gesichert w&auml;re. Um mehr als eine Stillhaltepr&auml;mie f&uuml;r die Opfer der Arbeitsmarktkrise sein und seine integrativen Wirkungen entfalten zu k&ouml;nnen, m&uuml;sste das Grundeinkommen aber zudem von einer Neuordnung der gesellschaftlichen Anerkennungsordnung von Arbeit begleitet sein. Andere Formen der T&auml;tigkeit, jenseits der Erwerbsarbeit, m&uuml;ssten mehr materielle und symbolische Wertsch&auml;tzung erfahren und Hierarchien zwischen Erwerbsarbeit und anderen T&auml;tigkeiten abgebaut werden. Au&szlig;erdem m&uuml;sste die Durchl&auml;ssigkeit zwischen den verschiedenen Sph&auml;ren gesellschaftlich notwendiger Arbeit gew&auml;hrleistet sein, damit die Spaltung der Gesellschaft in &sbquo;Arbeitsmarktinsider&rsquo; und &sbquo;Arbeitsmarktoutsider&rsquo; mit einem Grundeinkommen nicht perpetuiert wird. Dazu m&uuml;ssten Menschen ohne Verlust k&uuml;nftiger Chancen auf einen Widereinstieg in den Arbeitsmarkt, zwischen verschiedenen Sph&auml;ren gesellschaftlicher T&auml;tigkeit wechseln k&ouml;nnen. Gesellschaftlich m&uuml;sste sich ein neuer Arbeitsbegriff durchsetzen, der alle gesellschaftlich notwendige und n&uuml;tzliche Arbeit als solche anerkennt.<br />Damit das Grundeinkommen seine integrativen Wirkungen entfalten kann, bedarf es zudem der Einbettung der individuell garantierten Existenzsicherung in eine soziale Infrastruktur und der Begleitung durch eine Bildungspolitik, die die Menschen bef&auml;higt, mit den neuen Autonomiepotenzialen umzugehen. Das Bildungssystem &ndash; so der Soziologe Wolfgang Engler &ndash; m&uuml;sste sich &bdquo;von seiner monokausalen Abh&auml;ngigkeit vom Erwerbsleben als einzig legitimer Existenzform des Menschen l&ouml;s[en]&ldquo; und den Menschen beibringen, &bdquo;[d]em eigenen Leben Sinn und Bewandtnis zu vermitteln, wenn der Absprung ins Berufsleben oder in weiterf&uuml;hrende Ausbildungsprozesse mi&szlig;lingt&ldquo; (Engler 2005: 150). <br />Damit T&auml;tigsein jenseits der Erwerbsarbeit nicht zur einsamen, allein in die eigene Hand zu nehmenden Angelegenheit wird, bedarf es schlie&szlig;lich sozialer R&auml;ume und einer Infrastruktur sowie der Organisation kollektiver Projekte und Aktivit&auml;ten (Gorz 2000). Kontaktb&ouml;rsen, Agenturen f&uuml;r gemeinn&uuml;tzige Arbeit, H&auml;user der Eigenarbeit und Begegnung sowie die professionelle Betreuung von Projekten w&auml;ren die Voraussetzung daf&uuml;r, dass das Grundeinkommen auch seine kollektivistisch-integrativen Potenziale entfalten kann.<br />Und wer macht dann bittesch&ouml;n noch die &bdquo;Drecksarbeit&ldquo; und wie soll das Ganze finanziert werden? Hierzu sei gesagt: Unabh&auml;ngig vom Modell bietet das Grundeinkommen nur eine bescheidene Basisabsicherung. Den meisten Menschen wird diese nicht ausreichen, um ihre Bed&uuml;rfnisse zu befriedigen. Erwerbsarbeit als Einkommensquelle wird damit weiterhin attraktiv bleiben, insbesondere da das Erwerbseinkommen nicht auf das Grundeinkommen angerechnet wird. Unattraktive T&auml;tigkeiten m&uuml;ssten aber&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; eventuell deutlich besser bezahlt werden als heute, damit sich jemand findet, der sie verrichtet. Denn das Grundeinkommen gibt auch die Freiheit, nein zu sagen.<br />Und die Finanzierung? Hier liegt in der Tat ein Knackpunkt der Grundeinkommensdiskussion. Denn w&uuml;rde jedem Einwohner und jeder Einwohnerin Deutschlands unabh&auml;ngig vom Einkommen ein Grundeinkommen in H&ouml;he von 800 bis 1.000 Euro gezahlt, beliefen sich die Kosten auf 650 bis 850 Mrd. Euro. Will man zur Gegenfinanzierung nicht den kompletten Rest-Sozialstaat abrei&szlig;en und auch noch Geld f&uuml;r eine soziale Infrastrukturpolitik &uuml;brig behalten, stellt sich in der Tat die Frage, woher die riesigen Summen, die f&uuml;r ein bedingungsloses Grundeinkommen nach dem Modell der Sozialdividende gebraucht werden, kommen sollen. <br />Zwar liegen verschiedene in sich schl&uuml;ssige Finanzierungskonzepte &ndash; etwa von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen, der Ulmer Arbeitsgruppe f&uuml;r ein B&uuml;rgergeld und der Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen in und bei der Linkspartei &ndash; vor. Sie alle leiden jedoch daran, dass sie mit hohen zus&auml;tzlichen steuerlichen Belastungen einhergehen und damit kaum gesellschaftlich durchsetzungsf&auml;hig sein d&uuml;rften. Angesichts dieser Problematik und eines wahrscheinlichen Trade-offs zwischen der H&ouml;he des Grundeinkommens und der Gr&ouml;&szlig;e des Berechtigtenkreises, w&auml;re es daher aus meiner Sicht angezeigt, als Einstieg in eine Gesellschaft mit Grundeinkommen, zun&auml;chst einmal f&uuml;r eine bedingungslose Basisabsicherung f&uuml;r diejenigen zu streiten, die sie wirklich n&ouml;tig haben, statt auch den Ackerm&auml;nnern dieser Republik ein Grundeinkommen zu zahlen. <br />Denn auch ein einkommensgepr&uuml;ftes Grundeinkommen kann eine ganze Reihe sozialer Probleme l&ouml;sen und gesellschaftlichen Fragmentierungs- und Ausgrenzungstendenzen entgegen wirken &ndash; ganz abgesehen davon, dass auch beim Modell der Sozialdividende schnell klar sein d&uuml;rfte, wer &bdquo;Nettozahler&ldquo; und &bdquo;Nettoempf&auml;nger&ldquo; ist.</p>
<p>1&nbsp;&nbsp; Zur Einf&uuml;hrung in Theorie und Konzeption des bedingungslosen Grundeinkommens vgl. Opielka/Vobruba 1986 sowie Vanderborght/Van Parijs 2005. Zu Mindestsicherungsmodellen siehe Blaschke 2006.<br />2&nbsp;&nbsp; Zur Kritik am verk&uuml;rzten Ausgrenzungsbegriff der neuen Sozialdemokratie vgl. Mohr/Riedmann 2005</p>
<p><b>Literatur&nbsp;</b>&nbsp;</p>
<p>Blaschke, Ronald (2006): Garantierte Mindesteinkommen. Modelle von Grundsicherungen und Grundeinkommen im Vergleich, Mei&szlig;en/Dresden, hrsg. vom DGB Bezirksverband Sachsen und der&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Evangelischen Akademie Mei&szlig;en<br />Castel, Robert (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz: UVK<br />Engler, Wolfgang (2005): B&uuml;rger, ohne Arbeit. F&uuml;r eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft, Berlin: Aufbau-Verlag<br />Esping-Andersen, G&oslash;sta (1999): Social Foundations of Postindustrial Economies, Oxford: Oxford University Press<br />Gorz, Andr&eacute; (2000): Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp<br />Knuth, Matthias /Schweer, Oliver /Siemes, Sabine (2004): Drei Men&uuml;s &ndash; und kein Rezept? Dienstleistungen am Arbeitsmarkt in Gro&szlig;britannien, in den Niederlanden und in D&auml;nemark, Gelsenkirchen: Institut f&uuml;r Arbeit und Technik/Wissenschaftszentrum Nordrheinwestfalen<br />Miebach, Michael (2005): Die armen Reichen. Das Konzept der relativen Armut hat sich &uuml;berholt. Deutschland hat das noch nicht begriffen, Ausgerechnet Gro&szlig;britannien zeigt, wie gut neue Ideen weiterhelfen k&ouml;nnen, in: die tageszeitung vom 11. M&auml;rz 2005, S. 11<br />Mohr, Katrin (2007): Soziale Exklusion im Wohlfahrtsstaat. Arbeitslosensicherung und Sozialhilfe in Gro&szlig;britannien und Deutschland, Wiesbaden: VS &#8211; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften (i.E.)<br />Mohr, Katrin/Riedmann, Erwin (2005): Armut der Sozialdemokratie. Wer kein Geld hat, hat in der Gesellschaft kaum Chancen. Der Ausgrenzungsbegriff von New Labour ist verk&uuml;rzt und spielt Armut gegen andere Formen der Benachteiligung aus, in: die tageszeitung vom 22. M&auml;rz 2005, S. 12<br />OECD (2003): Employment Outlook 2003, Paris: OECD<br />Opielka, Michael/Vobruba, Georg (1986): Das garantierte Grundeinkommen. Entwicklung und Perspektiven einer Forderung, Frankfurt a.M.: Fischer Verlag<br />Paoli, Guilluame (Hrsg.) (2002): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Gl&uuml;cklichen Arbeitslosen, Berlin: Edition Tiamat<br />Schlecht, Michael (2006): Die &Uuml;berfl&uuml;ssigen entsorgt, in: die tageszeitung vom 2.11.2006<br />Vanderborght, Yannick/Van Parijs, Philippe( 2005): Ein Grundeinkommen f&uuml;r alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags, Frankfurt a.M./New York: Campus</p>
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		<title>800 Euro für jeden</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/800-euro-fuer-jeden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 08:20:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das heutige Sozialsystem muss durch ein solidarisches Bürgergeld abgelöst werden, aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 69-74 Islamischer Terrorismus und Dschihad-Totalitarismus sind die größte Herausforderung der freien Welt seit Nationalismus und Kommunismus. Unsere Freiheit ist bedroht. Wir können diese Herausforderung nur bestehen, wenn wir zusammenhalten. Niemand bestreitet, dass Sicherheit eine Voraussetzung dafür ist, in [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/800-euro-fuer-jeden/">800 Euro für jeden</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das heutige Sozialsystem muss durch ein solidarisches Bürgergeld abgelöst werden,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 69-74</p>
<p>Islamischer Terrorismus und Dschihad-Totalitarismus sind die größte Herausforderung der freien Welt seit Nationalismus und Kommunismus. Unsere Freiheit ist bedroht. Wir können diese Herausforderung nur bestehen, wenn wir zusammenhalten. Niemand bestreitet, dass Sicherheit eine Voraussetzung dafür ist, in Freiheit leben zu können. <br />Doch die Aufgabe ist umfassender: Freiheit und Sicherheit zu garantieren, verlangt auch nach einer nachhaltigen Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt und nach Vertrauen in den Sozialstaat.<br />Angesichts des dramatischen demographischen Wandels, der Erosion der sozialen Sicherungssysteme und der gigantischen Staatsverschuldung scheint es mir zwingend, das Bedürfnis nach Sicherheit auch auf das Soziale zu erweitern. Nur in Sicherheit ist Freiheit möglich.<br />Ich will innere und äußere Sicherheit nicht mit der sozialen Sicherheit gleichsetzen, aber ich will deutlich machen, dass die Sozialstaatsphilosophie der letzten 50 Jahre an ihre Grenzen stößt. Mit rund 26 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei rund 82 Mio. Einwohnern lassen sich die sozialen Versicherungssysteme auf Dauer nicht mehr aufrechterhalten. Schon heute werden diese Systeme zu etwa 40 Prozent mit Steuergeldern finanziert, von reinen Versicherungsleistungen kann schon lange nicht mehr gesprochen werden. <br />Die Diskussion, ob Konrad Adenauer in den 1950er Jahren mehr auf Ludwig Erhard und Helmut Kohl in den 1980er und 1990er Jahren mehr auf Kurt Biedenkopf hätten hören müssen, bringt uns heute nicht weiter. Wir müssen heute Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geben: den demographischen Wandel, den mit steigenden Steuermilliarden hinausgeschobenen Kollaps der Sozialversicherungssysteme, die Massenarbeitslosigkeit, die steigende Zahl der  nicht mehr existenzsichernden Einkommen, die geringe Wertschätzung der Familie und der Familienarbeit und die Notwendigkeit, ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement zu stärken. <br />Der Vorwurf steht im Raum: Die Deutschen seien reformunwillig, ängstlich, jammerten immer auf hohem Niveau, seien zu egoistisch für Kinder und hätten die Zeichen der Zeit verschlafen.  Zwar ist eine große Mehrheit der Deutschen grundsätzlich für Reformen, wenn es dann aber um die konkreten Maßnahmen geht, schwindet die Zustimmung und echte Reformen müssten, das hat in Deutschland eine lange Tradition, gegen Stimmungsmehrheiten in der Bevölkerung durchgesetzt werden. <br />Angst vor der Zukunft oder aber wenigstens Unsicherheit zu empfinden, scheint zur Lebenswirklichkeit vieler in Deutschland zu gehören. Auch jene, denen es eigentlich objektiv gut geht, sind nicht wirklich zufrieden oder fürchten, dass es schlechter werden könnte. Diese Stimmung wird dokumentiert durch zunehmende Zukunftsverweigerung. Nicht nur bei der Anzahl der tatsächlichen Geburten pro Frau sind wir weltweit bei den Schlusslichtern, auch der Wunsch nach Kindern ist in Deutschland niedriger als anderswo. Manchem mag sich der Eindruck aufdrängen, viele lebten nach dem Motto: »Nach mir die Sintflut« oder übersetzen das wesentliche Sozialstaatsprinzip &#132;Gemeinwohl&#147; lieber als &#132;mein Wohl&#147;. Was ist nur mit uns Deutschen los? <br />Ich halte eine solche Diskussion für nicht zielführend, weil ich davon überzeugt bin, dass es nicht darum gehen kann, einen neuen Menschen zu schaffen. Stattdessen müssen wir einen Systemwechsel in der Steuer- und Sozialpolitik auf den Weg bringen, der den Bedürfnissen der Menschen &#150; nicht zuletzt auch im Blick auf die Auswirkungen der Globalisierung &#150; gerecht wird. <br />Ein solcher Systemwechsel muss sich an drei Prämissen orientieren:</p>
<p>1. Die Würde des Menschen muss unter allen Umständen garantiert sein, das schließt den bedingungslosen Anspruch auf ein soziokulturelles Existenzminimum ein.<br />2. Das System muss marktwirtschaftlich sein, denn die Marktwirtschaft  ist das einzige Wirtschaftssystem, das Freiheit nicht nur sichert, sondern auch die Chancen der Freiheit nutzt. Daran, dass sich Leistung lohnt, erkennt man ein marktwirtschaftliches System. Daran, dass sie eine marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung hat, erkennt man eine freie Gesellschaft.<br />3. Ein solidarisches und freiheitliches Steuer- und Sozialrecht muss gerecht sein. Das gilt sowohl im Bezug auf das Verhältnis zwischen den heute Lebenden als auch im Bezug auf das Verhältnis zwischen den heutigen und zukünftigen Generationen. Nur ein nachhaltig gerechtes Steuer- und Sozialsystem hat Zukunft.</p>
<p>Wir können die Soziale Marktwirtschaft mit dem Steuer- und Sozialsystem des Solidarischen Bürgergeldes erneuern. <br />Deren Eckpfeiler stelle ich mir so vor:</p>
<p> 1. Jeder Bürger hat nach seinem 18. Lebensjahr Anspruch auf ein Bürgergeld  in Höhe von monatlich 800 Euro. Diese 800 Euro sind das  garantierte, bedingungslose Grundeinkommen. Es deckt, auch nach Abzug einer Gesundheits- und Pflegeprämie in Höhe von maximal 200 Euro monatlich, das soziokulturelle Existenzminimum ab.<br />2. Jeder zusätzlich eingenommene Euro, sei er aus Erwerbsarbeit, selbstständiger Tätigkeit, Mieterlösen, Zinseinkünften etc., wird fiktiv zu 50 Prozent versteuert. Tatsächlich entsteht also bei Einkommen unter 1.600 Euro überhaupt keine Steuerschuld. Anders ausgedrückt: Das Bürgergeld verringert sich mit zunehmendem Einkommen (Bürgergeld = 800 Euro &#8211; ½ Einkommen).<br />Die Steuerschuld wird vom bedingungslos zustehenden Bürgergeld abgezogen und die Differenz ausbezahlt. Beispiel: 300 Euro Job im Monat, 150 Euro Einkommensteuer werden vom Bürgergeld in Höhe von 800 Euro abgezogen, zu den selbst verdienten 300 Euro bezahlt das Finanzamt 650 Euro aus, von den 950 Euro müssen 200 Euro als Gesundheitsprämie an eine Krankenkasse abgeführt werden, 750 Euro bleiben übrig.<br />3. Ab einem Einkommen von 1.600 Euro fällt, ebenfalls nach Abzug des Bürgergeldes, überhaupt eine Steuerschuld an. Man erhält ein &#132;kleines Bürgergeld&#147; in Höhe von 400 Euro, das mit der Steuerschuld, 25 Prozent des Einkommens, verrechnet wird (Steuerschuld = ¼ Einkommen &#150; 400 Euro). Beispiel: 10.000 Euro Job im Monat, minus 2.500 Euro Einkommensteuerpflicht, die sich durch das Bürgergeld von 400 Euro auf 2.100 Euro reduziert, das tatsächliche Nettoeinkommen schmälert sich noch um die 200 Euro Gesundheitsprämie, 7.700 Euro bleiben übrig.<br />4. Für Kinder bis zum vollendeten 18.Lebensjahr erhalten die Eltern ein Bürgergeld von 500 Euro. Auch in diesem Betrag ist eine Gesundheitsprämie von 200 Euro enthalten. Nach Abzug der Gesundheitsprämie ist das Bürgergeld für Kinder immer noch doppelt so hoch wie heute.<br />5. Jeder Bürger muss eine Kranken- und Pflegepflichtversicherung abschließen. Er kann frei wählen, bei welcher Kasse er das macht. Die Kassen müssen einen Grundtarif anbieten, der nicht teurer als 200 Euro im Monat sein darf und der gesetzlich festgelegte Standards garantiert. Teurere Tarife mit verbesserten Leistungen sind ebenso möglich wie bessere Standards zum Grundtarif. Selbst wenn alle Bürger nur den Grundtarif wählen, fließen rund 200 Mrd. Euro ins System.</p>
<p>Das Solidarische Bürgergeld macht einen beachtlichen Verwaltungsapparat überflüssig und der Arbeitsmarkt wird wieder ein echter Markt. Die Lohnnebenkosten durch Sozialversicherungsbeiträge fallen ganz weg, das verbessert die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft deutlich, macht Schwarzarbeit unattraktiv und beendet Kombi- und Mindestlohndebatten.<br />Die tatsächlichen Gesamtkosten des Bürgergeldes liegen nach Berechnungen einer von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie bei 310,6 Mrd. Euro. Das Bürgergeldsystem rechnet sich. Es ist günstiger als andere Modelle, weil Bezieher mittlerer und hoher Einkommen nur das halbe Bürgergeld erhalten. <br />Wer in die Sozialversicherungssysteme einbezahlt hat, genießt Ansprüche, die ihm niemand streitig macht. Besitzstandswahrung und Vertrauensschutz müssen gewährleistet sein, sonst leidet auch die Glaubwürdigkeit des Neuen. Genauso gehört zur Glaubwürdigkeit aber auch, dass der desolate Zustand der Sozialsysteme (40 Prozent müssen bereits über Steuern finanziert werden) und der öffentlichen Haushalte (über 1,5 Billionen Euro Schulden) nicht ignoriert wird. Im bisherigen System wird die Rentenhöhe auf Dauer dem Grundsatz »Arbeitslohn für Lebensleistung« nicht mehr gerecht werden. Darauf  aufmerksam zu machen und den Bürgerinnen und Bürgern finanzielle Gestaltungsspielräume zur privaten Altersvorsorge zu eröffnen, verlangt die Redlichkeit. <br />Ich bin dafür, dass der Systemwechsel sofort für alle gilt. Um die Anpassungszuschläge, die die Rente auf das nach bisherigem Recht berechnete Niveau bringen, bezahlen zu können, wird eine 12 prozentige Lohnsummensteuer eingeführt.<br />Ab 67 Jahren stockt ein Rentenzuschlag bis zur Höhe des Netto-Bürgergeldes (bis zu 600 Euro), der sich an der Summe der vom Arbeitgeber abgeführten anteiligen Lohnsummensteuer und der im Bezugsjahr eingenommenen Lohnsummensteuer orientiert, das große Solidarische Bürgergeld bis zu 1.400 Euro auf.  <br />Das Solidarische Bürgergeld garantiert das soziokulturelle Existenzminimum für diejenigen, die Familienarbeit leisten, Angehörige pflegen, ehrenamtlich engagiert sind, keine Erwerbsarbeit finden, sich in einer Ausbildung befinden oder es als Grundsicherung im Alter nutzen. Das Solidarische Bürgergeld schafft eine bedingungslose Grundsicherung. <br />Niemand wird stigmatisiert, jeder weiß sein Existenzminimum gesichert. Alle Bürger können ihre Mündigkeit ohne existenzielles Risiko nutzen. Sie entscheiden, ob sie eine Stelle annehmen wollen oder nicht, wann sie »Rentner« sein wollen, ob sie sich selbstständig machen und welche Krankenversicherung sie abschließen. Auf das Solidarische Bürgergeld können sich alle Bürger verlassen. Es schafft ein System gegenseitigen Vertrauens, weil es jedem etwas zutraut. <br />Bafög, Kindergeld, Freibeträge etc. fallen weg. An ihre Stelle tritt das Solidarische Bürgergeld. Jeder kann sich darauf verlassen. Die Autoren der von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie sehen hier ein Einsparpotenzial von 204 Mrd. Euro.<br />Es fördert die Schwächeren, weil sie ein dreimal so hohes Netto-Bürgergeld erhalten wie die Stärkeren in der Gesellschaft. Es fördert jeden Arbeitssuchenden, weil sich die Arbeitsaufnahme in jedem Fall lohnt.<br />Es fordert und motiviert die Stärkeren, weil sie zwar nur das halbe Bürgergeld erhalten, dafür aber auch einen geringeren Einkommensteuersatz haben. Leistung lohnt sich wieder. Mehr Leistung lohnt sich mehr. <br />Viele machen immer wieder die Erfahrung, dass das, was sie leisten oder leisten wollen, nicht anerkannt oder gar nicht gebraucht wird. Das Wachpersonal in meiner Staatskanzlei verdient 4,40 Euro die Stunde. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass das, insbesondere in den jungen Ländern, keine Ausnahme ist. Ich weiß, dass mancher ALG II-Bezieher sich besser stellt.<br />Viele Löhne werden der traditionellen politischen Formel, &#132;Arbeit muss sich lohnen&#147;, nicht mehr gerecht. Der Transferentzug beim ALG II von 80 Prozent bis 90 Prozent bei Zuverdiensten motiviert auch nicht gerade zu Mehrarbeit über die Freibetragsgrenze von 100 Euro hinaus. Jeder sagt, dass das, was da gemacht wird &#150; ob nun z. B. für Ordnung und Sauberkeit sorgen, Jugendliche trainieren oder Kinder betreuen &#150; sehr, sehr wichtig ist. Doch wir erliegen immer wieder der Gefahr, den Wert einer Arbeit, davon abhängig zu machen, wie sie bezahlt wird.<br />Dabei hat jeder von uns bereits die Erfahrung gemacht, wie unendlich wichtig gerade die Arbeiten sind, die unentgeltlich geleistet werden. Mit keinem Geld der Welt lässt sich zum Beispiel die Liebe und die Zuwendung bezahlen, die Kinder durch ihre Eltern erfahren. Vieles weitere fällt uns noch ein, was unentgeltlich geleistet wird und letztlich unbezahlbar ist. Wer den Wert einer Arbeit nur davon abhängig macht, wie man sie entlohnt, wird demjenigen, der die Arbeit leistet, nicht gerecht. Für mich ist es der Kern des christlichen Menschenbildes, dass die einmalige und unveräußerliche Würde jedes Menschen unabhängig von seinen Eigenschaften und Leistungen gilt. Sie gründet in der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Wir sind zur Freiheit berufen und aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen. In der Verantwortung des Einzelnen bleibt, was er aus eigener Initiative und mit eigenen Kräften leisten kann und die Allgemeinheit hilft, damit er diese Verantwortung wahrnehmen kann. <br />Nur wem man vertraut, überträgt man Verantwortung. Eine freie Gesellschaft dient der Entfaltung der menschlichen Person in selbstverantworteter Freiheit. Der Mensch ist nach Nell-Breuning Träger, Schöpfer und Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen. Jeder ist gefordert, seine Einzigartigkeit, seine Talente, seine Ideen, sein Geschick, seine Ausdauer, seinen Fleiß und seine Kraft einzubringen. <br />Jeder hat ein Recht und, soweit er kann, auch die Pflicht, zu arbeiten. Arbeit ist weit mehr als Broterwerb. Dabei definiert Erwerbsarbeit nur einen Teil der Arbeit, ehrenamtliche Arbeit und Familienarbeit sind ebenso wichtige und unverzichtbare Arbeitsfelder. Neben der Familienarbeit und dem Ehrenamt, die traditionell nicht finanziell vergütet werden, gibt es &#8211; wie schon erwähnt &#8211; zunehmend auch Beschäftigung im Sinne von Erwerbstätigkeit, die nicht mehr zu einem existenzsichernden Einkommen führt.<br />Wer Arbeit umfassend wertschätzen und diejenigen, die sie ausführen, würdigen will, muss über den Tellerrand des gegenwärtigen Sozial- und Steuersystems hinausdenken. Die Soziale Marktwirtschaft setzt sowohl auf die positive Kraft des Marktes als auch auf die soziale Sicherheit für jeden Bürger. <br />Das Grundrecht Menschwürde und das Sozialstaatsprinzip in unserem Grundgesetz garantieren jedem Bürger das Existenzminimum. Manche Politiker appellieren, die Bürger sollten die Sozialleistungen nicht ausnutzen. Mich ärgern solche Phrasen. Schon die Meinungen, ab wann Hilfe des Staates zwingend geboten ist und ab wann sie ausgenutzt wird, gehen sicher weit auseinander.<br />Ein Systemwechsel hin zum Solidarischen Bürgergeld, das, im Sinne einer Negativsteuer, Bürgern mit keinen oder geringeren Einkünften etwas auszahlt, das aber darüber hinaus jedem Erwerbstätigen mindestens die Hälfte dessen, was er verdient, belässt, ist das Gebot der Stunde.<br />Der Sicherheitsmann in der Thüringer Staatskanzlei steht dann unter dem Strich besser da als derjenige, der keiner Erwerbsarbeit nachgeht. Die Nachbarin, die sich voll ehrenamtlich engagiert, muss nicht rechtfertigen, warum sie nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht und erhält trotzdem ein bedingungsloses, existenzsicherndes Grundeinkommen. Das ist es keine Faulenzerprämie, sondern die Basis für die marktwirtschaftliche Freiheit, welche zu den Staatseinnahmen führt, ohne die der Sozialstaat nicht finanzierbar ist.<br />Das Solidarische Bürgergeld ist ein Sprungbrett zum Mitmachen, kein bequemes Sofa zum Faulenzen.<br />Aus eigener leidvoller DDR-Erfahrung weiß ich, wie das SED-Regime seinen Bürgern misstraut hat. Deshalb entschied man sich auch für die Plan- statt für die Marktwirtschaft. Den Menschen etwas zuzutrauen, ihnen zu vertrauen, das ist das Erfolgsrezept der Sozialen Marktwirtschaft. Vertrauen schafft Vertrauen. <br />Eine Aufgabe zu haben, etwas Sinnvolles zu tun, etwas zu leisten, Erfolg zu haben, das gehört seit Menschengedenken zu unserer Motivation. Das kann man nicht verordnen. Lenin hat gesagt: &#132;Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.&#147; Im Sinne von Ludwig Erhard ist aber Vertrauen besser als Kontrolle. Mit dem  Solidarischen Bürgergeld zeigen wir nicht nur Vertrauen in die Menschen, wir schaffen auch Anreize, etwas zu leisten.  Die Soziale Marktwirtschaft setzt auf den Ehrgeiz der Menschen, nicht auf die Bürokratie. <br />Trotz des Scheiterns des realexistierenden Sozialismus, gibt es immer noch ein großes Misstrauen gegenüber der Freiheit und der Eigenverantwortung des Einzelnen. Die Alternative Freiheit oder Sozialismus entscheidet sich nur dann zugunsten der Freiheit, wenn es gelingt, die Soziale Marktwirtschaft zu erneuern. Das Solidarische Bürgergeld ist im Sinne von Solidarität und Subsidiarität die bedingungslose Hilfe zur Selbsthilfe.   <br />Das Solidarische Bürgergeld schafft soziale Sicherheit und Verlässlichkeit für jedermann, so dass die Marktwirtschaft nicht als Bedrohung empfunden wird. Solidarisches Bürgergeld und Soziale Marktwirtschaft gehören zusammen. Ausgehend vom christlichen Menschenbild setzen wir auf Freiheit und Eigenverantwortung der Bürger. Freiheit und Sicherheit sind für das Gedeihen unseres Gemeinwesens unverzichtbar. Es sind die zwei Seiten einer Medaille. <br /> </p>
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		<item>
		<title>Der kleine Unterschied</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/der-kleine-unterschied/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 08:15:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Diskriminierung und soziale Ungleichheit. aus: vorg&#228;nge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 75-83 Soziale Ungleichheiten die dazu f&#252;hren, &#8222;dass einzelne Individuen oder Gruppen in dauerhafter Weise beg&#252;nstigt oder benachteiligt&#8220; (Kreckel 1992: 17) werden, sind auch in modernen, sich als demokratisch verfasster politischer Zusammenschluss freier und gleicher B&#252;rgerInnen verstehenden Gesellschaften, der empirische Normalfall. Die Abschaffung der hinreichend [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Diskriminierung und soziale Ungleichheit. aus: vorg&auml;nge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 75-83</p>
<p>Soziale Ungleichheiten die dazu f&uuml;hren, &bdquo;dass einzelne Individuen oder Gruppen in dauerhafter Weise beg&uuml;nstigt oder benachteiligt&ldquo; (Kreckel 1992: 17) werden, sind auch in modernen, sich als demokratisch verfasster politischer Zusammenschluss freier und gleicher B&uuml;rgerInnen verstehenden Gesellschaften, der empirische Normalfall. Die Abschaffung der hinreichend dokumentierten sozio&ouml;konomischen Ungleichheiten zwischen sozialen Klassen, Schichten und Milieus ist gew&ouml;hnlich auch keineswegs Bestandteil staatlich-politischer Programme. Gegenstand von Auseinandersetzungen sind vielmehr nur die Erfordernisse einer wohlfahrtsstaatlichen (De-)Regulierung von Armut und Arbeitslosigkeit, ihre direkten und indirekten Folgen. Dies geschieht historisch und aktuell aber unter der erkl&auml;rten Pr&auml;misse, dass Nicht-Erwerbst&auml;tige gegen&uuml;ber Erwerbst&auml;tigen weiterhin benachteiligt werden sollen und m&uuml;ssen. Denn auch schlecht bezahlte Erwerbsarbeit soll immer noch die bessere Alternative zur Existenzsicherung durch Arbeitslosen- und Sozialhilfe sein. <br />Im Unterschied dazu ist die Verhinderung bzw. &Uuml;berwindung von &bdquo;Benachteiligungen aus Gr&uuml;nden der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identit&auml;t&ldquo; (AGG &sect;1) mit dem Aktionsprogramm &bdquo;For Diversity &ndash; Against Discrimination&ldquo; der Europ&auml;ischen Kommission (<a href="http://www.stop-discrimination.info/" target="_blank" rel="noopener">www.stop-discrimination.info</a>), der Antirassismus-Richtlinie der EU (Richtlinie 2000/43/EG) und dem bundesdeutschen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) als Ziel staatlicher Politik anerkannt. Dabei betrachtet die Gesetzeslage nicht nur solche F&auml;lle als problematische Diskriminierung, in denen Benachteiligung Folge einer direkten, auf Stereotype und Vorurteile zur&uuml;ckf&uuml;hrbaren Ungleichbehandlung ist. Aufgegriffen wird vielmehr auch die in der angels&auml;chsischen Rassismusforschung entwickelte Unterscheidung zwischenunmittelbarer und mittelbarer Diskriminierung (vgl. Feagin/Feagin 1998; Richtlinie 2000/43/EG &amp; 13; AGG &sect; 3). Damit wird geltend gemacht, dass Benachteiligungen auch durch die Anwendung von &bdquo;dem Anschein nach neutrale(n) Vorschriften, Kriterien oder Verfahren&ldquo; (AGG &sect; 3) zu Stande kommen k&ouml;nnen. Die erw&auml;hnte EU-Richtlinie l&auml;sst dabei auch die M&ouml;glichkeit zu, nicht nur justiziable Einzelf&auml;lle in den Blick zu nehmen, sondern fordert die Einzelstaaten dazu auf, &bdquo;mittelbare Diskriminierung mit allen Mitteln, einschlie&szlig;lich statistischer Beweise, festzustellen&ldquo; (RICHTLINIE 2000/43/EG, Art. 15). Dem wird in der bundesdeutschen Rechtsprechung durch die im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (&sect; 26) vorgesehene Einrichtung einer &bdquo;Antidiskriminierungsstelle des Bundes&ldquo; Rechnung getragen. Diese soll nicht nur eine Beschwerde- und Konfliktschlichtungsinstanz&nbsp; sein, sondern ist auch f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung wissenschaftlicher Untersuchungen &bdquo;zu diesen Benachteiligungen&ldquo; und f&uuml;r &Ouml;ffentlichkeitsarbeit zust&auml;ndig.<br />Damit gewinnen die Fragen, was Diskriminierungen kennzeichnet, sowie ob und wie Diskriminierungen von anderen Formen sozialer Benachteiligung de jure unterschieden werden k&ouml;nnen bzw. nach wissenschaftlichen Ma&szlig;st&auml;ben unterschieden werden sollten, politische und rechtliche Relevanz. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, dass diese Fragen nicht nur auf fragw&uuml;rdige politische Festlegungen, sondern auch auf eine Problematik der sozialwissenschaftlichen Diskussion verweisen, die nicht durch einfache definitorische Setzungen aufgel&ouml;st werden kann: Diskriminierungen, so die im Folgenden zu erl&auml;uternde These, sind gerade keine von sozio&ouml;konomischen Ungleichheiten eindeutig und trennscharf&nbsp; unterscheidbare soziale Tatsache. Sie stehen vielmehr historisch und systematisch in einem engen, in einigen F&auml;llen konstitutiven Zusammenhang mit sozio&ouml;konomischen Ungleichheiten sowie mit politischen Herrschaftsverh&auml;ltnissen, der im gegenw&auml;rtigen politischen und rechtlichen Antidiskriminierungsdiskurs der EU verdeckt wird. [1]</p>
<h2 class="auto-created">1. Sind alle Formen von Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung unzul&auml;ssig?</h2>
<p>Der politische und rechtliche Antidiskriminierungsdiskurs der EU geht &ndash; und dies ist symptomatisch &ndash; nicht von einer formalen Kl&auml;rung des Diskriminierungsbegriffs aus, sondern fasst als Diskriminierung solche F&auml;lle von &bdquo;Benachteiligungen&ldquo;, denen bestimmte Kategorien zu Grunde liegen (&bdquo;Rasse&ldquo;, &bdquo;ethnische Herkunft&ldquo;, &bdquo;Geschlecht&ldquo;, &bdquo;Religion&ldquo;, &bdquo;Weltanschauung&ldquo;, &bdquo;Behinderung&ldquo;, &bdquo;Alter, &bdquo;sexuelle Identit&auml;t&ldquo;). Diese Zusammenstellung diskriminierungsrelevanter Kategorien ist aber weder theoretisch noch empirisch zwingend und sie kann auch nicht den Anspruch erheben, vollst&auml;ndig zu sein. <br />Dies wird schon daran deutlich, dass &ndash; und dies in &Uuml;bereinstimmung mit den einschl&auml;gigen Konventionen der Vereinten Nationen &ndash;&nbsp; ein unstrittig hoch relevanter Fall von diskriminierender Ungleichbehandlung explizit zugelassen wird, die Ungleichbehandlung von Staatsangeh&ouml;rigen gegen&uuml;ber Nicht-Staatsangeh&ouml;rigen: <br />&bdquo;Dieses Diskriminierungsverbot sollte auch hinsichtlich Drittstaatsangeh&ouml;rigen angewandt werden, betrifft jedoch keine Ungleichbehandlungen aufgrund der Staatsangeh&ouml;rigkeit und l&auml;sst die Vorschriften &uuml;ber die Einreise und den Aufenthalt von Drittstaatsangeh&ouml;rigen und ihren Zugang zu Besch&auml;ftigung und Beruf unber&uuml;hrt.&ldquo; (EU Richtlinie 2000/43/EU, Art. 13).<br />Faktisch wird damit nicht nur die nationale und eu-europ&auml;ische Institutionalisierung einer Grenzziehung nach au&szlig;en, die nicht zuletzt als Absicherung der Binnenstrukturen wohlfahrtsstaatlich moderierter Ungleichheiten gegen die externen weltgesellschaftlichen Ungleichheiten und den dadurch mit bedingten Migrationsdruck bedeutsam ist, legitimiert [2]. In der Folge wird zudem zum einen auch das Faktum, dass sich in Folge der seit den 1990er Jahren vorgenommenen Einschr&auml;nkung des Asyl- und Zuwanderungsrechts eine mehrfach benachteiligte &bdquo;Unterklasse&ldquo; illegalisierter Migranten herausgebildet hat, die nicht &bdquo;nur&ldquo; &ouml;konomischen, sondern auch massiven rechtlichen Benachteiligungen unterliegt und von politischer Interessenvertretung weitgehend ausgeschlossen ist, aus dem Antidiskriminierungsdiskurs ausgeblendet [3]. Zum anderen d&uuml;rfen Arbeitsmigranten und Fl&uuml;chtlinge aus Nicht-EU-L&auml;ndern auch dann weiterhin legal benachteiligt werden, wenn sie &uuml;ber einen legalen Aufenthaltsstatus verf&uuml;gen. Sozio&ouml;konomische Ungleichheiten zwischen Arbeitskr&auml;ften mit unterschiedlichen Rechten werden also durch komplex ausdifferenzierte politisch-rechtliche Regulierungen mit hergestellt. <br />Dies ist erstens Teil einer Bedingungskonstellation, die manifeste fremdenfeindliche und rassistische Diskriminierung insofern bef&ouml;rdert, als sie f&uuml;r Forderungen nach weitreichender Bevorzugung Einheimischer gegen&uuml;ber Migranten einen Ausgangspunkt bietet. Entsprechend stellt Justin Akers Chac&oacute;n (2006: 175) im Hinblick auf die USA fest, dass Einwanderungspolitik dazu beigetragen hat, &bdquo;to atomize the working class along racial and national lines and to encourage separate planes of consciousness, such as being &sbquo;American&rsquo;, &sbquo;white&rsquo;, or a &sbquo;citizen&rsquo; versus being &sbquo;Mexican&rsquo;, an &sbquo;immigrant&rsquo;, or an &sbquo;illegal&rsquo;&ldquo;. <br />Dies f&uuml;hrt zweitens zu einer als absurd qualifizierbaren Situation, in der erlaubte und nicht-erlaubte Ungleichbehandlung schwer zu unterscheiden sind:&nbsp; So sind &ndash; etwa im Fall eines anerkannten Asylbewerbers mit Arbeitserlaubnis &ndash; die zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden und Arbeitgeber gesetzlich aufgefordert, diesen gegen&uuml;ber konkurrierenden Bewerbern mit deutscher und eu-europ&auml;ischer Staatsangeh&ouml;rigkeit zu benachteiligen, da letztere vorrangig zu vermitteln sind. Gleichzeitig sind sie aufgefordert nachzuweisen, dass bei dieser Benachteiligung keine rassistischen oder ethnisierenden Vorurteile bedeutsam waren. [4]<br />Auch andere als die bereits genannten Ausklammerungen des politischen und rechtlichen Antidiskriminierungsdiskurses lassen sich ohne weitere theoretische Umwege begr&uuml;ndet problematisieren: So sind Benachteiligungen in Folge vorg&auml;ngiger Kriminalisierung oder Psychiatrisierung, die dann erwartbar sind, wenn ein vorg&auml;ngiger Gef&auml;ngnisaufenthalt oder Psychiatrieaufenthalt in der Biografie nicht verdeckt werden kann, im Gesetzestext nicht vorgesehen. Gleiches gilt auch f&uuml;r empirisch evidente F&auml;lle solcher Diskriminierungen, die ein direkter oder indirekter Grund sozio&ouml;konomischer Benachteiligungen sind: Nicht nur Berufsberater und Sozialarbeiter wissen, dass es ggf. schon gen&uuml;gt, die falsche Adresse zu haben, um als BewohnerIn eines benachteiligten Wohngebiets identifiziert, mit Stereotypen gegen&uuml;ber sog. &sbquo;sozial schwachen Familien&rsquo; und f&uuml;r diese vermeintlich typische Erziehungs- und Sozialisationsdefizite belegt und in der Folge in der Konkurrenz um Ausbildungs- und Arbeitspl&auml;tze aus dem Kreis der interessanten Kandidaten ausgeschlossen zu werden. Die neuere Armutsforschung hat zudem nachgewiesen, dass ein &bdquo;Leben in benachteiligten Wohngebieten&ldquo; (Friedrichs/Blasius 2000) selbst wiederum weitere Benachteiligungen nach sich zieht.<br />Die bislang genannten Ausklammerungen sind zun&auml;chst durchaus plausibel als ein Effekt staatlich-politischer Interessenlagen erkl&auml;rbar, die dazu gef&uuml;hrt haben, dass nur die als &ouml;konomisch dysfunktional geltenden und/oder vorherrschenden politischen Interpretationen menschenrechtlicher Prinzipien widersprechenden Benachteiligungen als problematische und zu &uuml;berwindende Diskriminierung gefasst wurden. Aber selbst innerhalb der so vorgenommenen Einschr&auml;nkungen diskriminierungsrelevanter Kategorien gilt, dass die unterstellte Abgrenzbarkeit potentiell justiziabler Formen direkter und indirekter Diskriminierung von rechtlich und politisch als hinnehmbar geltenden Formen sozio&ouml;konomischer Benachteiligung keineswegs trennscharf ist: Diskriminierende Praktiken und diese erm&ouml;glichende Strukturen, Diskurse, Ideologien und Vorurteile sind weder in ihrer Entstehung noch in ihrer sozialen Relevantsetzung voneinander unabh&auml;ngig.<br />So ist es, um dies zun&auml;chst exemplarisch zu verdeutlichen, eher unwahrscheinlich, dass ein leitender Angestellter einer in Deutschland ans&auml;ssigen international operierenden Bank mit z.B. japanischer Staatsangeh&ouml;rigkeit bei der Wohnungssuche auf Grund ethnisierender oder rassistischer Zuschreibungen benachteiligt wird. Denn sein Einkommen erlaubt es ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit, sich auf solchen Sektoren des Wohnungsmarktes zu bewegen, f&uuml;r die gilt, dass die H&ouml;he der zahlungsf&auml;higen Nachfrage solche Kriterien au&szlig;er Kraft setzt. Gleiches gilt nicht f&uuml;r einen deutschen Studenten schwarzer Hautfarbe, der auch dann, wenn er sich selbst als ethnischer bzw. nationaler Deutscher definiert, mit h&ouml;herer Wahrscheinlichkeit mit Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche konfrontiert ist, da in diesem Fall erwartbar ist, dass Annahmen &uuml;ber die Unsicherheit der Zahlungsf&auml;higkeit bedeutsam werden, die sich mit rassistischen Vorurteilen vermischen k&ouml;nnen bzw. von diesen schwer zu unterscheiden sind.<br />Um die Problematik einer von sozio&ouml;konomischen Ungleichheiten abstrahierenden Antidiskriminierungsperspektive etwas genauer in den Blick nehmen zu k&ouml;nnen, wird im Weiteren knapp auf einige Aspekte der theoretischen Verortung und der begrifflichen Bestimmungen des Ungleichheits- und des Diskriminierungsbegriffs in den Sozialwissenschaften eingegangen.&nbsp;</p>
<h2 class="auto-created">2. Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung oder soziale Ungleich&shy;heit?</h2>
<p>Soziale Ungleichheiten und Diskriminierungen werden auch in g&auml;ngigen sozialwissenschaftlichen Analysen als zwar zusammenh&auml;ngende, aber gleichwohl zu unterscheidende Sachverhalte in den Blick genommen. Von Diskriminierung ist insbesondere dann die Rede, wenn spezifische Benachteiligungen von Migranten und Minderheiten thematisiert werden, von denen angenommen wird, dass sie in einem Zusammenhang mit Vorurteilen stehen. Im Kontext der Ungleichheitsforschung werden Benachteiligungen zudem dann als Diskriminierung thematisiert, wenn in Kritik tradierter Klassen- und Schichtungsmodelle darauf hingewiesen werden soll, dass ein &uuml;ber die sozio&ouml;konomischen Kernstrukturen der Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheiten hinausgehender Aspekt erg&auml;nzend in den Blick genommen werden soll. So hei&szlig;t es etwa bei Kreckel (1992: 17): Von sozialen Ungleichheiten seien &bdquo;regelm&auml;&szlig;ig &#8230; die Mitglieder von unterschiedlichen Klassen und Schichten&ldquo; betroffen, &bdquo;aber nicht nur &#8230; diese: Ebenso sind davon die Angeh&ouml;rigen diskriminierter (oder privilegierter) gesellschaftlicher Teil- und Randgruppen betroffen, in unserer Gesellschaft z.B. Frauen, Ausl&auml;nder, Farbige, Bewohner r&uuml;ckst&auml;ndiger Wohngebiete usw.&ldquo; (Hervorhebungen d. Verf.) Diskriminierung wird auch hier nach Ma&szlig;gabe der davon spezifisch betroffenen Gruppen von klassen- und schichtenspezifischer Benachteiligung unterschieden. Dies ist schon deshalb problematisch, weil alle diejenigen, die hier als &bdquo;Angeh&ouml;rige&ldquo; gesellschaftlicher Teil- und Randgruppen benannt werden, zugleich immer auch &bdquo;Mitglieder&ldquo; sozialer Klassen und Schichten und folglich zugleich als solche von Privilegierungen und Benachteiligungen betroffen sind. Eine Begriffsstrategie, die den Unterschied von Diskriminierungen und sonstigen Benachteiligungen &uuml;ber unterschiedliche Adressatengruppen auszuweisen versucht, ist insofern nicht trennscharf und bestreitet zudem implizit die M&ouml;glichkeiten klassen- und schichtenbezogener Diskriminierung. Letzteres ist, wie im neueren Diskurs &uuml;ber die sog. &sbquo;Unterklassen&rsquo; erneut deutlich wird, nicht zuletzt deshalb fraglich, weil stigmatisierende Eigenschaftszuschreibungen sich wiederkehrend auch an Angeh&ouml;rige sozio&ouml;konomisch benachteiligter Gruppen richten (vgl. Scherr 2000).<br />Zudem wird hier, wie auch andernorts vielfach &uuml;blich, nicht hinreichend zwischen den grundlegenden und folgenreichen Differenzen des jeweiligen Mitgliedschaftsstatus unterschieden: Zum &bdquo;Mitglied&ldquo; einer sozialen Klasse oder Schicht wird man in Folge sozialwissenschaftlicher Klassifikation, die auf der Grundlage empirisch festzustellender objektiver Unterschiede der Lebenslage von Individuen oder Familien &ndash; insbesondere hinsichtlich der Verf&uuml;gung &uuml;ber &ouml;konomisches, kulturelles und soziales Kapital &ndash; , Klassen- und Schichtenmodelle entwirft, die typische Unterschiede ausweisen sollen und Individuen einer Position in diesen Modellen zuordnen. Es handelt sich also um wissenschaftliche Klassifikationen, die keineswegs die Unterscheidungen sozialer Gruppen abbilden m&uuml;ssen, die Individuen, Familien, Organisationen und Institutionen im Sinne einer Selbst- und Fremdeinordnung verwenden (s. dazu grundlegend Bourdieu 1985). <br />Dagegen sind Selbst- und Fremdeinordnungen f&uuml;r die Zugeh&ouml;rigkeit zu einer ethnisierend oder rassialisierend verstandenen Gruppe konstitutiv: Denn ethnisierende und rassialisierende sowie auch geschlechtsbezogene Zuordnungen und Eigenschaftszuschreibungen bilden nicht einfach vorg&auml;ngige, objektiv gegebene Unterschiede der Lebenslage oder der individuellen Eigenschaften und F&auml;higkeiten ab, sondern verleihen diesen eine bestimmte Bedeutung oder bringen diese bzw. einschl&auml;gige Stereotype und Vorurteile erst hervor und f&uuml;hren so ggf. zu wirklichkeitsm&auml;chtigen sozialen Konstruktionsprozessen (s. Hormel/Scherr 2003). Erst durch solche Prozesse wird aus etwa einem Menschen mit schwarzer Hautfarbe ein &bdquo;Neger&ldquo; oder ein &bdquo;Afrikaner&ldquo;, der sich vermeintlich von &bdquo;normalen Deutschen&ldquo; auch dann unterscheidet, wenn er einen deutschen Pass besitzt, oder aus einem Menschen mit t&uuml;rkischer Staatsangeh&ouml;rigkeit der Angeh&ouml;rige eines Kollektivs mit vermeintlich gemeinsamen, dieses von &bdquo;uns Deutschen&ldquo; oder &bdquo;uns Europ&auml;ern&ldquo; unterscheidenden ethnisch-kulturellen Eigenschaften. [5] <br />Folglich sind Unterschiede zwischen Klassen- und Schichten von Diskriminierungen als spezifische Formen der Hervorbringung sozial relevanter Ungleichheiten&nbsp; nicht im Hinblick auf davon betroffene Gruppen, sondern dahingehend zu unterscheiden, was die jeweiligen strukturellen Bedingungen und die Prozesse sind, die jeweilige Differenzen hervorbringen. Diskriminierung ist dabei zudem nicht als ein von sozio&ouml;konomischen Ungleichheiten sowie politischen Macht- und Herrschaftsbeziehungen abzugrenzendes Ph&auml;nomen zu fassen, sondern als eine mit deren (Re-) Produktion eng zusammenh&auml;ngende Form der Unterscheidung und Klassifikation.</p>
<h2 class="auto-created">3. Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rungen als ungleich&shy;heits&shy;be&shy;zo&shy;gene Klassi&shy;fi&shy;ka&shy;ti&shy;onen,&nbsp;&nbsp;&nbsp; Begr&uuml;n&shy;dungen und Legiti&shy;ma&shy;ti&shy;onen</h2>
<p>Diskriminierung kann vor diesem Hintergrund als eine sozial folgenreiche Unterscheidungspraxis zwischen realen oder imagin&auml;ren sozialen Gruppen von (Re-) Produktionsprozessen sozialer Ungleichheiten in Folge der direkten oder indirekten Vererbung von Verm&ouml;gen, Einkommen, formellen und informellen Qualifikationen, sozialen Beziehungen und Prestige innerhalb von Familien und Verwandtschaften unterschieden werden. Grundlage und Operationsmodus von Diskriminierungen sind asymmetrische &ndash;&nbsp; d.h. mit Annahmen &uuml;ber ungleiche Eigenschaften und/oder F&auml;higkeiten und/oder Rechte verbundene &ndash; Unterscheidungen von &bdquo;Personenkategorien&ldquo;, mit denen diejenigen bezeichnet werden, die &bdquo;in unerw&uuml;nschter Weise anders&ldquo; sind, als &bdquo;die Normalen&ldquo; (Goffman 1967: 11) resp. diejenigen, denen gleichberechtigte Interaktions- und gesellschaftliche Teilhabechancen zustehen. Es handelt sich um &bdquo;Konstruktionen einer Realit&auml;t&ldquo;, die sich &bdquo;nicht aus der Sache selbst ergeben&ldquo;, sondern die Realit&auml;t erst hervorbringen, die sie abzubilden beanspruchen (Luhmann 1996: 111). [6] Weiter kann in Anschluss an Herbert Blumers Analyse von Race-Relations mit einiger Plausibilit&auml;t davon ausgegangen werden, dass f&uuml;r Konstruktionen diskriminierungsrelevanter Personenkategorien ein &bdquo;sense of social position&ldquo; bedeutsam ist, d.h. Annahmen &uuml;ber den legitimen Ort der Eigen- und der Fremdgruppe in Strukturen sozialer Ungleichheit und in Herrschaftsverh&auml;ltnissen. Blumer akzentuiert, dass Vorstellungen &uuml;ber- soziale Positionen nicht nur empirisch, sondern auch normativ zu verstehen sind: &bdquo;Sociologically it is not a mere reflection of the objective relations between racial groups. Rather, it stands for ,what ought to be&lsquo; rather than for &sbquo;what is&lsquo;. It is a sense of where the two racial groups belong.&ldquo; (Blumer 1955/1975: 221).<br />Diskriminierende Kategorierungen haben jedoch keinen zuf&auml;lligen Charakter. Sie entstehen historisch und aktuell, wie insbesondere die Rassismusforschung gezeigt hat (s. etwa Priester 2003), vielfach als Deutungen der Situation untergeordneter und benachteiligter Gruppen und tragen zur Begr&uuml;ndung und Legitimation von Herrschaftsbeziehungen und Benachteiligungen bei. Sie f&uuml;hren dann zur Hervorbringung oder Verfestigung von Ungleichheiten, wenn sie Strukturen und Praktiken erm&ouml;glichen oder legitimieren, durch die die &bdquo;Lebenschancen&ldquo; derjenigen, die diesen Personenkategorien zugeordnet sind, &bdquo;wirksam, wenn auch oft gedankenlos&ldquo; (Goffmann 1967: 11) beeintr&auml;chtigt werden. <br />In Rechnung zu stellen sind dabei zumindest drei, in Hinblick auf ihre gesellschaftsstrukturelle Verankerung systematisch zu unterscheidende Dimensionen von Diskriminierung:</p>
<p>(1)&nbsp; Diskriminierung im Kontext von Beziehungen und Konflikten zwischen realen Gruppen, die eine begrenzte Zahl von Individuen umfassen, die in einem Interaktions- und Kommunikationszusammengang stehen;<br />(2) Diskriminierung im Kontext von Beziehungen zwischen imagin&auml;ren Gruppen und Gemeinschaften, z.B. national oder ethnisch definierten Kollektiven, deren &bdquo;Angeh&ouml;rige&ldquo; nicht in einem realen Interaktions- bzw. Kommunikationszusammenhang stehen, sondern deren Identit&auml;t auf Fremd- und/oder Selbstzuschreibungen vermeintlicher Gemeinsamkeiten beruht;<br />(3) Diskriminierung auf der Grundlage einer Unterscheidung von Kollektiven, die auch durch diskriminierenden Zuschreibungen vorg&auml;ngige gesellschaftsstrukturelle Differenzen (insbesondere Staatsangeh&ouml;rigkeit und Klassenlage) voneinander unterschieden sind.</p>
<h2 class="auto-created">4. Class, Gender, Race?</h2>
<p>Der m&ouml;gliche analytische Gewinn einer eigenst&auml;ndigen sozialwissenschaftlichen Diskriminierungsforschung liegt so betrachtet darin, dass sie die gesellschaftliche Bedeutung von Unterscheidungen und Klassifikationen in den Blick r&uuml;ckt, die zu heterogenen (auch klassen- und schichtenspezifische Zuschreibungen einschlie&szlig;ende) Konstruktionen von Personenkategorien f&uuml;hren, deren Ungleichbehandlung sie als gerechtfertigt darstellen. <br />F&uuml;r eine auf die Analyse und Kritik von Diskriminierungen &ndash; einschlie&szlig;lich der Problematik politischer und rechtlicher Antidiskriminierungsstrategien &#8211; ausgerichtete Forschung ist es dabei m.E. von zentraler Bedeutung, nicht von starren, historisch und/oder gesellschaftstheoretisch deduzierten Vorannahmen dar&uuml;ber auszugehen, welche sozialen Gruppen tats&auml;chlich oder potentiell von Diskriminierung betroffen sind. Im Unterschied also zu g&auml;ngigen Vorschl&auml;gen, neben Klasse auch Geschlecht,&nbsp; &bdquo;Race&ldquo; und &bdquo;Ethnizit&auml;t&ldquo; als diskriminierungs- und ungleichheitsrelevante Strukturkategorien gesellschaftstheoretisch zu reklamieren (s. etwa Balibar/Wallerstein 1990;&nbsp; Weiss 2001),&nbsp; ist es dazu erforderlich, empirisch zu rekonstruieren, in welchen sozialen Kontexten welche Unterscheidungen wie verwendet und relevant gesetzt werden sowie welche privilegierenden oder benachteiligenden Effekte dies nach sich zieht. Denn es kann nicht davon ausgegangen werden, dass in unterschiedlichen sozialen Kontexten, etwa in Betrieben, Schulen und Hochschulen gesellschaftlich zirkulierende, etwa ethnisierende oder rassialisierende Konstruktion direkt und in einheitlicher Weise aufgegriffen und verwendet werden. In Rechnung zu stellen sind nicht nur kontextspezifische Modifikationen, sondern auch je spezifische &Uuml;berlagerungen und Verschr&auml;nkungen. <br />Erforderlich ist es also, differenziert zu untersuchen, wie soziale Ungleichheiten durch eine potentiell komplexe Verschr&auml;nkung von sozio&ouml;konomischen Merkmalen (Verm&ouml;gen, Einkommen, Qualifikationen, soziales Kapital) und rechtlichen Unterscheidungen (insbesondere: Staatsb&uuml;rgerschaft, Aufenthaltsstatus) einerseits mit rassialisierenden, ethnisierenden und geschlechtsbezogenen, aber auch mit auf sozio&ouml;konomische Lebenslagen, Wohngebiete, familiale Lebensverh&auml;ltnisse usw. bezogenen Konstruktionen andererseits hervorgebracht und reproduziert werden.<br />Die wissenschaftliche Herausforderung liegt so betrachtet darin, das komplexe Zusammenwirken von sozio&ouml;konomischen, politischen und rechtlichen Benachteiligungen mit diskriminierenden Gruppenkonstruktionen zu untersuchen; die politische und p&auml;dagogische darin, Strategien zu entwickeln, die sich nicht auf die Skandalisierung justiziabler F&auml;lle von Diskriminierung beschr&auml;nken und sozio&ouml;konomische, sowie legale Bedingungen und Formen von Diskriminierung nicht ausblenden.</p>
<p>&nbsp;<br />1&nbsp;&nbsp;&nbsp; Der vorliegende Text ist Ergebnis zahlreicher Diskussionen mit Ulrike Hormel und verdankt diesen vielf&auml;ltige Anregungen.&nbsp; In der demn&auml;chst erscheinenden Dissertation von Ulrike Hormel wird &uuml;ber&nbsp; gemeinsam entwickelte Aspekte (s. auch Hormel/Scherr 2004 und 2006) hinausgehend eine weiterf&uuml;hrende Diskussion sozialpsychologischer und soziologischer&nbsp; Diskriminierungstheorien vorgelegt.<br />2&nbsp;&nbsp;&nbsp; Mike Davis (2006) kommentiert die diesbez&uuml;gliche Entwicklung wie folgt: Mit dem Ende des Kalten Kriegs und dem Fall der Mauer sei keineswegs &bdquo;eine &Auml;ra grenzenloser Freiheit&ldquo; ausgebrochen; vielmehr habe &bdquo;der globale Triumph des Kapitalismus die gr&ouml;&szlig;te Welle von Grenzbefesti&shy;gungen in un&shy;serer Geschichte&ldquo; ausgel&ouml;st.<br />3&nbsp;&nbsp; Zur Situation illegalisierter Migranten s. Alt (2003); vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass sog. illegale Arbeitskr&auml;fte in einigen Sektoren der eu-europ&auml;ischen &Ouml;konomie de facto als unverzichtbares Arbeitskr&auml;ftepotential&nbsp; vorgesehen sind, formuliert Castells (2005: 31) den folgenden Verdacht: &bdquo;Politiken, die angeblich undokumentierte Arbeiter ausschlie&szlig;en wollen, k&ouml;nnen oft in Wirklichkeit dazu da sein, sie durch Seiten- und Hintert&uuml;ren&nbsp; auszuschlie&szlig;en, um sie leichter ausbeuten zu k&ouml;nnen.&ldquo; (Castells 2005: 31). <br />4&nbsp;&nbsp; Auch von nationalistischer Benachteiligung ist im Gesetzestext nicht die Rede, was aber wahrscheinlich durch einen diffusen Begriff von Ethnizit&auml;t bedingt ist, der nationalistische Stereotype mit umfasst. Das werden k&uuml;nftige Gerichtsverfahren ggf. zu kl&auml;ren haben.<br />5&nbsp;&nbsp;&nbsp; Davon wiederum zu unterscheiden sind Mitgliedschaftsregulierungen von Organisationen, die mit je spezifischen Leistungserwartungen und Motivunterstellungen einhergehen (s. Luhmann 2000: 110). Die einschl&auml;gige Forschung &uuml;ber &bdquo;institutionelle Diskriminierung&ldquo; (s. als &Uuml;berblick Gomolla 2005) untersucht im Kern, ob und wie organisatorische Mitgliedschaftskonstrukte diskriminierende Effekte haben. <br />6&nbsp;&nbsp;&nbsp; Luhmann (1996: 125) formuliert in seiner Diskussion der M&auml;nner-Frauen-Unterscheidung die These, dass &bdquo;die Asymmetrien die Brauchbarkeit einer Unterscheidung erst konstituieren&ldquo;. So betrachtet ist die Verwendung einer Unterscheidung nicht unabh&auml;ngig von ungleichheitsbezogenen Annahmen zu denken und eine Kritik kann sich nicht auf den diskriminierenden Gebrauch beschr&auml;nken, sondern muss die Unterscheidung selbst zum Gegenstand machen. Dies ist nicht nur in Hinblick auf Geschlecht, sondern auch in Hinblick auf die Unterscheidung von &bdquo;Rassen&ldquo; und &bdquo;Ethnien&ldquo; bedeutsam.<br />&nbsp;</p>
<p><b>Literatur&nbsp;</b>&nbsp;</p>
<p>Alt, J. (2003): Leben in der Schattenwelt. Problemkomplex &bdquo;illegale&ldquo; Migration. Karlsruhe<br />Balibar, E./Wallerstein, I. (1990): Rasse, Klasse, Nation. Hamburg<br />Bourdieu, P. (1985): Sozialer Raum und &lsquo;Klassen&rsquo;. Lecon sur la lecon. Frankfurt<br />Blumer, H. (1955/1975): Reflections on Theory of Race Relations. In: Lind, Andrew W. (ed.): Race Relations in World Perspective. Papers read at the conference on race relations in world perspective. Honolulu 1954, S. 3-19<br />Blumer, H./Duster, T. (1980): Theories of Race and Social Action. In:&nbsp; Sociological Theories: Race and Colonialism. Paris: Unesco<br />Chacon, J. A. (2006): Mexico: Caught in the Web of U.S. Empire. In: Chacon, J.A./Davis. M.: No one is illegal. Zuma Press<br />Feagin, J. R./Booher Feagin, C. (1998): Racial and Ethnic Relations. Prentice Hall<br />Friedrichs, W./ Blasius, J. (2000): Leben in benachteiligten Wohngebieten. Opladen<br />Goffman, E. (1967): Stigma. Frankfurt<br />Gomolla, M./Radtke, F.-O. (2002): Institutionelle Diskriminierung. Opladen<br />Gomolla, M. (2005): Schulerfolge in der Einwanderungsgesellschaft. M&uuml;nster<br />Hormel, U./Scherr, A. (2003): Was hei&szlig;t &bdquo;Ethnien&ldquo; und &bdquo;ethnische Konflikte&ldquo; in der modernen Gesellschaft? In: A. Groenemeyer/J. Mansel (Hg.): Die Ethnisierung von Alltagskonflikten. Opladen 2003, S. 47-68 <br />Hormel, U. /Scherr, A. (2004): Bildung f&uuml;r die Einwanderungsgesellschaft. Perspektiven der Auseinandersetzung mit struktureller, institutioneller und interaktioneller Diskriminierung. Wiesbaden (2. Auflage Berlin 2005)<br />Hormel, U./Scherr, A. (2006): Ungleichheiten und Diskriminierung. In: Scherr., A. (Hg.): Soziologische Basics. Wiesbaden, S. 181-186<br />Luhmann, N. (1996): Frauen, M&auml;nner und George Spencer Brown. In: Ders.: Protest. Frankfurt, S. 107-155<br />Luhmann, N. (2000): Organisation und Entscheidung. Wiesbaden<br />Scherr, A. (2000c): Randgruppen und Minderheiten. In: B. Sch&auml;fers &amp; W. Zapf (Hg.), Handw&ouml;rterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Opladen 2000, S. 514-523<br />Hormel, U. (2007): Sozialwissenschaftliche Begr&uuml;ndungsprobleme einer kritischen P&auml;dagogik in der Einwanderungsgesellschaft. Freiburg (in Vorbereitung)<br />Weiss, A. (2001): Rassismus wider Willen. Ein anderer Blick auf eine Struktur sozialer Ungleichheit. Wiesbaden</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/der-kleine-unterschied/">Der kleine Unterschied</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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