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	<title>vorgänge Nr. 250/51: Gibt es Ostdeutschland? Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Editorial</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 12:53:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der Schwerpunkt des vorliegenden Heftes handelt vom aktuellen Stand der deutschen Einheit. Dabei ist das Heft als Alternativbericht zu dem seit 1994 von der Bundesregierung beziehungsweise dem Ostbeauftragten des Bundes jährlich herausgegebene Bericht zum Stand der deutschen Einheit konzipiert. Im Bundestagswahlkampf 2025 hatten CDU/CSU getönt, den Ostbeauftragten und den Bericht abschaffen zu wollen. Noch ist [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/editorial-95/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">Der Schwerpunkt des vorliegenden Heftes handelt vom aktuellen Stand der deutschen Einheit. Dabei ist das Heft als Alternativbericht zu dem seit 1994 von der Bundesregierung beziehungsweise dem Ostbeauftragten des Bundes jährlich herausgegebene Bericht zum Stand der deutschen Einheit konzipiert. Im Bundestagswahlkampf 2025 hatten CDU/CSU getönt, den Ostbeauftragten und den Bericht abschaffen zu wollen. Noch ist es anders gekommen, aber die Abwendung von den Problemen der deutschen Einheit geht in Westdeutschland immer weiter. Einzig das stetige überproportionale Wachsen der AfD in Ostdeutschland zwingt herrschende Eliten, den Osten in den Blick zu nehmen. Diesen Mechanismus gilt es zu durchbrechen. Dazu müssen die andauernde soziale und ökonomische Unterlegenheit des Ostens und die Unterrepräsentanz Ostdeutscher in der bundesdeutschen Gesellschaft analysiert werden, um das damit einhergehende Macht- und Verantwortungsgefälle zu verändern. Die demokratische Entwicklung des Ostens hängt von der Überwindung dieser defizitären Zustände ab. Im Unterschied zum Regierungsbericht ist unser Alternativbericht deshalb keine schnell zu vergessene Feierstunde, sondern eine sachliche Analyse des Unerreichten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wir sammelten keine pathetischen Jubelartikel zum 35. Jahrestag der Wiedervereinigung von einflussreichen politischen Personen, sondern versuchen, die ostdeutsche Entwicklung seit der friedlichen Revolution 1989 an Hand von Daten und Fakten möglichst systematisch zu skizzieren.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dazu beginnt dieses Heft notwendiger Weise mit der ökonomischen Entwicklung von Ostdeutschland. Unerlässlich ist es dabei, den Ausgangspunkt der ökonomischen Umgestaltung Ostdeutschlands zu erläutern, weil dieser bis heute die wirtschaftliche Entwicklung im Osten scheinbar alternativlos prägt. Die ökonomischen Umwälzungen im Osten begannen mit der Wirtschafts- und Währungsunion und wurden durch die Privatisierungen durch die Treuhandanstalt in den 1990ern vollendet. <i>Ulrich Busch</i> beschreibt in seinem Eingangsartikel eindringlich, welche Folgen die am 1. Juli 1990 in Gang gesetzte Währungsunion für die DDR-Wirtschaft hatte. Den schockartigen Modus der Einführung der kapitalistischen Markt- und Geldwirtschaft durch die Währungsunion hält er nicht nur für den Untergang der DDR-Betriebe für ursächlich, sondern auch dafür, dass die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland an jene des Westens bis heute nicht gelingt. Zu den Privatisierungen durch die Treuhand können wir nach dem 2020 erschienenen Standardwerkwerk <i>Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990-1994</i> von Marcus Böick nichts grundsätzlich Neues präsentieren. Wir haben deshalb einen Beitrag von <i>Paul Seibicke</i> über die Treuhand als der Untoten in der ostdeutschen Erinnerungspolitik aufgenommen. Darin wird gezeigt, wie die Treuhand im Bewusstsein der Ostdeutschen als Gespenst umgeht und immer wieder den politischen Diskurs prägt. Kontrastierend dazu wird anhand aktueller Wirtschaftsdaten von <i>Oliver Holtemöller</i> beschrieben, wie sich die ostdeutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung entwickelt hat. Er vergleicht die ostdeutsche Wirtschaft mit der Westdeutschlands und der restlichen EU. Für ihn ist der Aufholprozess Ostdeutschlands eine Erfolgsgeschichte, die jedoch hinter den Erwartungen und Versprechungen der Wiedervereinigungszeit zurückgeblieben ist.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">An diesen Block zur wirtschaftlichen Entwicklung schließt ein Block zur Sozialstruktur und Bevölkerungsentwicklung an. <i>Karin Lohr</i> zeigt auf, wie sich die Sozialstruktur Ostdeutschlands in Folge der erwähnten ökonomischen Umwälzungen verändert hat. Deutlich arbeitet sie die sozialstrukturellen Unterschiede zu Westdeutschland heraus und verdeutlicht, wie sich Ostdeutschland noch lange von Westdeutschland unterscheiden wird. Ein besonderes Kapitel innerhalb der ostdeutschen Sozialstruktur ist die von <i>Hildegard Maria Nickel</i> beschriebene Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit. Der „Gleichstellungsvorsprung“ Ostdeutschlands in Sachen Geschlechtergerechtigkeit hat heute trotz seiner Ambivalenzen teilweise Modellcharakter. Das Gegenteil gilt für den von <i>Jochen Fleischhacker </i>analysierten demografischen Wandel von 1990 bis 2023 in den neuen Bundesländern. Dieser verlief strukturell entgegengesetzt und negativ im Vergleich zu den alten Bundesländern.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Daran anschließend befassen sich eine Reihe von Artikeln mit den daraus resultierenden politischen Entwicklungen. <i>Frank Decker</i> betrachtet die Entwicklung der Parteiendemokratie und des Parteiensystem in Ostdeutschland. Trotz oder wegen der der Übernahme des westdeutschen Parteiensystems im Osten unterscheide sich das Wahlverhalten im Osten stark von dem des Westens, aber auch von anderen postsowjetischen Systemen. <i>Julia Brade</i> stellt die These auf, dass es eine strukturelle Diskriminierung Ostdeutscher und der ostdeutschen Erfahrungen im gesamtdeutschen Diskurs gibt und plausibilisiert dies soziologisch. Zu einer solchen Diskriminierung gehört auch die Unterrepräsentation von Ostdeutschen in Elitepositionen. Das ist Thema des neuen Standardwerks <i>Ferne Eliten</i> von 2024, herausgegeben von Raj Kollmorgen, Lars Vogel und Sabrina Zajak. <i>Rosemarie Will</i> liefert in ihrem Beitrag eine Langrezension des Sammelbandes. Auch neueste Zahlen ändern nichts an der Repräsentationslücke, die in der Rezension vorgestellt wird. <i>Dieter Segert</i> resümiert zusammenfassend die Besonderheiten der Transformation des deutschen Ostens im Vergleich zu den anderen osteuropäischen Staaten. Den Anfangsvorteilen Ostdeutschlands stellt er den gravierenden Nachteil gegenüber, dass – durch den umfassenden Eigentumstransfer von Ost nach West – in Ostdeutschland keine starke einheimische Eigentümerklasse entstanden ist, sondern die ökonomisch Mächtigen des Westens den Osten dauerhaft dominieren. <i>Philip Dingeldey</i> behandelt die umstrittene Frage, inwieweit Ostdeutschland eine eigenständige analytische und soziale Kategorie ist, ob Ostdeutschland von Westdeutschland überhaupt unterschieden werden kann oder muss. Er rezensiert dazu das 2024 von Lars Vogel, Astrid Lorenz und Rebecca Pates herausgegebene Buch <i>Ostdeutschland: Identität, Lebenswelt oder politische Erfindung?</i> und untersucht dabei auch die unterschiedlichen, teils sehr divergierenden Antworten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Den Abschluss bildet ein historischer Block. <i>Rosemarie Will</i> interviewt <i>Dieter Grimm</i> und <i>Hubert Rottleuthner</i> zur Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. <i>Wolfram Grams</i> wirft ost- und westdeutsche Blicke auf den Umgang mit der faschistischen Vergangenheit nach 1945. Er erklärt damit nicht nur viele Unterschiede beider deutscher Teilgesellschaften bis zur Wiedervereinigung, sondern zeigt auch ihre Folgen für das wiedervereinigte Deutschland. <i>Werner Koep-Kerstin</i> rezensiert den bislang international erfolgreichste Roman über das Ende der DDR: Jenny Erpenbecks <i>Kairos</i>. Abgerundet wird dies durch <i>Klaus Wolframs</i> Rede zur Wiedervereinigung in der Akademie der Künste zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung. Wir wissen, dass sie 2019 mehrere westdeutsche Zuhörer*innen und kurz danach Leser*innen verstört hat. Gleichwohl ist sie für uns eine der bis heute authentischen Reden über das Glück der Wiedervereinigung. Wolfram war Mitbegründer des Neuen Forums und musste mit der Abwicklung der Akademie der Wissenschaften der DDR seine wissenschaftliche Tätigkeit beenden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Neben diesem umfangreichen Schwerpunkt bietet die vorliegende Ausgabe der <b>vor</b><i>gänge</i> wie immer auch Beiträge, die sich mit aktuellen bürgerrechtlichen und gesellschaftspolitischen Themen beschäftigen. Für den Bundesvorstand der Humanistischen Union kommentieren <i>Stefan Hügel, Johannes Feest</i> und <i>Wolfram Grams</i> den neuen Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD in Hinblick auf bürgerrechtliche Problemstellungen. Dabei konzentrieren sie sich insbesondere auf die Aspekte Bildung, Innere Sicherheit, Kriminalpolitik und Friedenspolitik. <i>Clemens Arzt</i> analysiert das jüngste Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin zu polizeilichen Schmerzgriffen gegen einen Aktivisten der „Letzten Generation“. <i>Franz Segbers</i> prognostiziert unter dem Stichwort <i>Butter oder Kanonen?</i> einen sich abzeichnenden Verteilungskampf im Angesicht des exorbitanten Militäretats und stellt dabei auch die soziale Frage. <i>Lucian Krawczyk</i> kritisiert die geplante Einführung der Strafbarkeit nichtkörperlicher sexueller Belästigungen in Bezug auf die Opferorientierung des Strafrechts. <i>Karl-Martin Hentschel</i> befasst sich mit Klaus Michael Kühne, dem reichsten Deutschen, woher sein Vermögen kommt und warum eine Vermögenssteuer für Milliardär*innen nötig ist. <i>Johann- Albrecht Haupt</i> zeigt die Staatsleistungen der Bundesländer an die Kirchen im Jahr 2025 auf und kritisiert ihren starken Anstieg sowie den mangelnden politischen Willen den Verfassungsauftrag nach Ablösung der Staatsleistungen zu verwirklichen. Hinzu kommen noch eine Rezension von <i>Wolfram Grams </i>zu Reinhard Stählings Buch <i>Schule im Brennpunkt </i>und <i>Johannes Feests</i> Nachruf auf Monika Frommel.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wir wünschen Ihnen im Namen der Redaktion eine anregende Lektüre der neuen Ausgabe der <b>vor</b><i>gänge</i>. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Kritik.</p>
<p class="v-absatz-ohne-western" style="text-align: right;"><i>Rosemarie Will und Philip Dingeldey</i></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/editorial-95/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion 1990 als strategische Weichenstellung für Wirtschaft und Gesellschaft</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 13:02:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Einleitung In der Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland ist zu lesen, die Deutschen hätten 1990 „die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet“. Tatsächlich aber steht die Vollendung der Einheit, sofern sie als Garantie gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Landesteilen und der gleichberechtigten Teilnahme Ost- und Westdeutscher an der Repräsentation und demokratischen Machtausübung begriffen wird, bis [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Einleitung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">In der Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland ist zu lesen, die Deutschen hätten 1990 „die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet“. Tatsächlich aber steht die Vollendung der Einheit, sofern sie als Garantie gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Landesteilen und der gleichberechtigten Teilnahme Ost- und Westdeutscher an der Repräsentation und demokratischen Machtausübung begriffen wird, bis heute aus. Die Bundestagswahl 2025 hat dies durch ihr in Ost und West erheblich voneinander abweichendes Ergebnis klar belegt. Damit wurde zugleich deutlich, dass die Einschätzung einer allmählichen Angleichung des Ostens an den Westen, wie sie alljährlich in den Berichten der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit behauptet wird, nicht zutrifft. Hinter den Wahlergebnissen – insbesondere dem in allen ostdeutschen Flächenländern auffallend hohen Stimmenanteil der AfD – verbergen sich nicht nur ein (auch im Westen zu findender) ideologischer Rechtsruck und die Ablehnung der Politik der ehemaligen Ampelkoalition, sondern ebenso Enttäuschung, Frustration, Wut und Resignation vieler Ostdeutscher über den Stand der deutschen Einheit.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ein wichtiger Grund dafür ist offenbar die andauernde ökonomische Diskrepanz zwischen Ost und West. Die hier üblicherweise ins Feld geführte Argumentation, der zufolge die Diskrepanz im wirtschaftlichen Niveau, in der Wirtschaftsstruktur, bei den Einkommen, dem Konsum, den privaten Vermögen etc. allein der ökonomischen Hinterlassenschaft der DDR geschuldet sei, greift entschieden zu kurz. Mit der Zunahme des zeitlichen Abstandes zur DDR wächst die Einsicht, dass hierfür auch die Modalitäten der Vereinigung selbst eine gewichtige Ursache sind. Dies gilt ganz besonders für die <i>Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion</i> (WWSU) als der entscheidenden Weichenstellung für den ökonomischen Einigungs- und Zukunftsprozess (vgl. die umfangreichen Analysen und Kommentare von Grosser 1998; Sarrazin 1994; Hickel/Priewe 1994; Streit 1998; Sinn 2004; Paqué 2009; Busch 2015).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Dr. habil. Ulrich Busch</strong> geb. 1951, ist Finanzwissenschaftler. Bis 1992 war er im Bankwesen der DDR und als Hochschullehrer an der Humboldt Universität zu Berlin tätig, danach bis 2009 u.a. Dozent an der Frankfurt School of Finance and Management, der TU Berlin und der Wirtschaftsuniversität Budapest. Er ist Redakteur des sozial- und geisteswissenschaftlichen Journals Berliner Debatte Initial, Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. und der AG Alternative Wirtschaftspolitik. Publikationen zur Geld- und Finanzpolitik sowie zur Transformation in Ostdeutschland, u.a. Am Tropf. Die ostdeutsche Transfergesellschaft (2002), Teilhabekapitalismus (2013) (mit R. Land), Ein Vierteljahrhundert Deutsche Einheit (2015) (mit M. Thomas), Die Welt des Geldes (2016), Geldkritik. Theorien – Motive – Irrtümer (2020), Streitfall Ostdeutschland. Grenzen einer Transformationserzählung (2021) (mit M. Thomas).</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Treuhandanstalt – der Untote der ostdeutschen Erinnerungspolitik</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-treuhandanstalt-der-untote-der-ostdeutschen-erinnerungspolitik-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 13:17:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem Ende ist vor der Erinnerung An Silvester 1994 entfernte die letzte Präsidentin der Treuhandanstalt, Birgit Breuel, medienwirksam das Behördenschild vom Detlev-Rohwedder-Haus und beendete symbolisch das Wirken dieser Institution. Das Ziel der Treuhandanstalt habe darin bestanden, die Kombinate und Volkseigenen Betriebe der DDR in die Organisationsformen der sozialen Marktwirtschaft zu überführen (vgl. Seibel 1998: [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Nach dem Ende ist vor der Erinnerung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">An Silvester 1994 entfernte die letzte Präsidentin der Treuhandanstalt, Birgit Breuel, medienwirksam das Behördenschild vom Detlev-Rohwedder-Haus und beendete symbolisch das Wirken dieser Institution. Das Ziel der Treuhandanstalt habe darin bestanden, die Kombinate und Volkseigenen Betriebe der DDR in die Organisationsformen der sozialen Marktwirtschaft zu überführen (vgl. Seibel 1998: 57f.). Resultat dessen war ein Defizit in dreistelliger Milliardenhöhe gewesen (Goschler/ Böick 2017: 27/40). Von den rund vier Millionen Arbeitsplätzen, die die Treuhandanstalt verwaltete, blieben nur 1,5 Millionen (Wissenschaftliche Dienste des Bundestages 2019: 10). Ihren Kritiker*innen zufolge war die Treuhandanstalt eine westdeutsch dominierte und von Skandalen und Korruption durchzogene Institution, die vor allem dem Vermögenstransfer von Ost nach West diente. Aus diesem Grund bezeichnet Kellermann (2021: 1) die „Treuhand“ als ein kollektives „Trauma“ der Ostdeutschen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Paul Seibicke,</strong> M.A. Politikwissenschaft, M.A. Kulturwissenschaften, promoviert an der Universität Leipzig zu kollektiven Erinnerungs- und Vergessensprozessen am Beispiel ostdeutscher Transformationserfahrungen und der Treuhandanstalt.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="sdendnote2">
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Unio</a>n erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Die ostdeutsche Wirtschaft 35 Jahre nach der Deutschen Einheit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-wirtschaft-35-jahre-nach-der-deutschen-einheit-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 13:33:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Einleitung Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 lag die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands deutlich unter derjenigen Westdeutschlands. Die Berichterstattung des Statistischen Bundesamtes zu den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen für das Gebiet der ehemaligen DDR beginnt mit dem zweiten Halbjahr 1990. Zunächst war davon ausgegangen worden, dass das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im Gebiet der ehemaligen DDR in diesem [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-wirtschaft-35-jahre-nach-der-deutschen-einheit-2/">Die ostdeutsche Wirtschaft 35 Jahre nach der Deutschen Einheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Einleitung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 lag die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands deutlich unter derjenigen Westdeutschlands. Die Berichterstattung des Statistischen Bundesamtes zu den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen für das Gebiet der ehemaligen DDR beginnt mit dem zweiten Halbjahr 1990. Zunächst war davon ausgegangen worden, dass das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im Gebiet der ehemaligen DDR in diesem Zeitraum 12.490 DM (6.386 Euro) in jeweiligen Preisen betrug beziehungsweise 29 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im Früheren Bundesgebiet (Statistisches Bundesamt 1991). Allerdings zeigte sich bei den Revisionen der Statistik, dass das Bruttoinlandsprodukt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR deutlich niedriger war als zunächst geschätzt; im Jahr 1993 wurden für das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im zweiten Halbjahr 1990 nur noch 11.649 DM (5.956 Euro) angesetzt, und die Relation zum Früheren Bundesgebiet lag demnach bei 27 Prozent (Statistisches Bundesamt 1993).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. Oliver Holtemöller</strong> ist stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und dort Leiter der Abteilung Makroökonomik. Zudem ist er Professor für Volkswirtschaftslehre  an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind quantitative Makroökonomik, Konjunkturzyklen und Prognose, angewandte Ökonometrie und Zeitreihenanalyse, monetäre Ökonomik, makroökonomische Politik und ökologische Makroökonomie.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="sdendnote1">
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 14.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 5.- €.</em></p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-wirtschaft-35-jahre-nach-der-deutschen-einheit-2/">Die ostdeutsche Wirtschaft 35 Jahre nach der Deutschen Einheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die ostdeutsche Sozialstruktur</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-sozialstruktur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 13:47:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die seit Mitte der 2010er Jahre wieder aufgeflammte Debatte um die Besonderheiten von „Ostdeutschland“ und den „Ostdeutschen“ (Oschmann 2023; Hoyer 2023; Mau 2024; Vogel et al. 2024; Kowalczuk 2024 etc.) zeichnet verschiedene Bilder darüber, was Ostdeutschland ausmacht. Dahinter steht die Frage, ob es eine Angleichung an „den Westen“ gibt. In der frühen wissenschaftlichen Diskussion um [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-sozialstruktur/">Die ostdeutsche Sozialstruktur</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">Die seit Mitte der 2010er Jahre wieder aufgeflammte Debatte um die Besonderheiten von „Ostdeutschland“ und den „Ostdeutschen“ (Oschmann 2023; Hoyer 2023; Mau 2024; Vogel et al. 2024; Kowalczuk 2024 etc.) zeichnet verschiedene Bilder darüber, was Ostdeutschland ausmacht. Dahinter steht die Frage, ob es eine Angleichung an „den Westen“ gibt. In der frühen wissenschaftlichen Diskussion um die deutsche Einheit waren insbesondere Modernisierungstheorien prominent, die davon ausgingen, dass Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft und Wohlfahrtsstaat universell für moderne Gesellschaften gelten und entsprechend Transformationsprozesse im Zuge der deutschen Einheit in diese Richtung zu gehen haben. Das Schlagwort der <i>nachholenden Modernisierung</i> prägte die Debatte. Als das Mittel galt der vollständige Institutionentransfer. Die Herstellung eines einheitlichen Rechtssystems und Institutionengefüges, die Etablierung einer Solidargemeinschaft, die Ausbildung einer Zivilgesellschaft, die proportionale Beteiligung der Ostdeutschen an Führungspositionen, gemeinsame Grundwerte und politische Kultur, eine gleichwertige materielle Infrastruktur, vergleichbare Gelegenheitsstrukturen von Ausbildung und Beschäftigungschancen, ähnliche Mentalitäten und Sozialcharaktere, kollektive Identitäten, gleichartige Besitzverhältnisse und Lebensstandards (Mayer 1994: 307) galten als Messlatte für den Vollzug der deutschen Einheit. Politisch wurde argumentiert, dass der Modernisierungsrückstand der DDR schnell aufgeholt werden kann. Auch die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung teilte die Losung „Wiedervereinigung-Wirtschaftsunion-Sozialunion-Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse“ (Lötsch 1991: 200), so „dass sich die ostdeutsche Sozialstruktur in vielen Sektoren weitgehend der westdeutschen anpassen wird“ (Geißler 1991: 192). Allerdings verwiesen kritische Stimmen aus der Wissenschaft bereits früh auf längerfristige mentale Anpassungsprozesse (Pollack 1991), auf eine Segmentierung und Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen (Zapf 1991), auf Differenzierungstendenzen durch Verwerfungen in der Einkommensstruktur, Differenzierungen im Vermögen, eine Zunahme geschlechtsspezifischer Ungleichheit (Geißler 1991: 178ff.) sowie Verunsicherungen und ein Gefühl des Ausgeliefertseins (Zapf 1994). Einig war man sich im wissenschaftlichen Diskurs darin, dass eine Angleichung der Lebensverhältnisse und sozialen Strukturen einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen würde.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Aber wurden hier nur Übergangsphänomene beschrieben? Nach nunmehr fast 35 Jahren stellt sich die Frage erneut, inwieweit sich seit dem Beitritt Ost- und Westdeutschland sozialstrukturell angenähert haben, welche Unterschiede nach wie vor existieren sowie ob oder inwiefern diese weiterhin relevant für das Leben, die sozialen Identitäten und das politische Handeln im Osten sind. Die Sozialstruktur einer Gesellschaft gibt Auskunft über das soziale Beziehungsgefüge, die Verteilung von Ressourcen und Positionen (Einkommen, Vermögen, Bildung, Macht), aber auch über zentrale Normen, Werte und Handlungsmuster von Bevölkerungsgruppen. Verbunden damit ist zugleich die Frage nach sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft. Gemeint ist damit, inwiefern Bevölkerungsgruppen gleichen oder ungleichen Zugang zu sozialen Positionen und Ressourcen haben, die ihre Lebensbedingungen und Handlungsmöglichkeiten beeinflussen. Dabei ist davon auszugehen ist, dass Gleichheit weder erreichbar noch ein gesellschaftliches Ziel ist. Da es Differenzierungen immer geben wird, geht es in erster Linie um Chancengleichheit (Erlinghagen 2024; Hradil 2023).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Sozialstrukturforschung ist ein weites Feld. Unterschiedliche Konzepte der soziologischen Sozialstrukturforschung stehen dabei nebeneinander: Klassen- und Schichtanalysen fokussieren auf unterschiedliche Lebenslagen und die Verteilung verschiedener Güter wie Bildung, Einkommen, Eigentum, Prestige, Macht und Stellung im Produktionssystem und sortieren diese nach Ober-, Mittel- und Unterschicht. Im Ansatz der sozialen Milieus werden neben gruppenspezifischen objektiven Faktoren auch subjektive Wertorientierungen untersucht und Milieus mit ähnlichen Mentalitäten, Werthaltungen, Lebensführungen und Sozialkontakten identifiziert, die subkulturelle Gruppen repräsentieren, aber durchaus mit schichtspezifischen sozialen Lagen in Verbindung stehen (Geißler 2014; Hradil 2024). Diskutiert wird auch, inwiefern objektive Soziallagen gruppen- oder schichtspezifische Wahrnehmungen, Mentalitäten und Handlungsorientierungen erklären können.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Unter&shy;schied&shy;liche Gesell&shy;schafts&shy;mo&shy;delle als Ausgangs&shy;punkte im Verei&shy;ni&shy;gungs&shy;pro&shy;zess</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung trafen zwei unterschiedliche Gesellschaftsmodelle aufeinander. Die Sozialstrukturforschung im Westen Deutschlands beschrieb die BRD – ausgehend von den grundsätzlichen Prinzipien der Konkurrenzdemokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der sozialen Marktwirtschaft und des Wohlfahrtsstaats – in den 1990er Jahren als Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft, in der zwar soziale Ungleichheiten nach wir vor existierten, aber durch den Sozialstaat abgefedert wurden. So dominierte in den 1990er Jahren das Schlagwort von einer „nivellierten mittelständischen Gesellschaft“ (Zapf 1989: 19). Gleichzeitig wurden eine Individualisierung und Pluralisierung von Lebenslagen und Lebensstilen, die auch mit neuen sozialen Ungleichheiten verbunden war, sichtbar. Bildungsexpansion, neue Möglichkeiten der vertikalen Mobilität und ein postmaterieller Wertewandel unterstützten neben dem wirtschaftlichen Strukturwandel den Übergang in eine „tertiäre Zivilisation“ (Zapf 1989: 29), eine postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In der DDR wurden die Begriffe <i>Arbeiter- und Bauern-Staates</i>, <i>Diktatur des Proletariats</i> und <i>Prinzip des demokratischen Zentralismus</i> politisch-ideologisch zur Selbstcharakterisierung verwendet. Das Ziel, sich durch Annäherung der Klassen zu einer „klassenlosen Gesellschaft“ zu entwickeln, die soziale Gleichheit in den Mittelpunkt rückt, war ein zentrales ideologisches Argument. Wirtschaftlich galt die DDR als „moderne Industriegesellschaft“ (Pollack 1991; Voigt 2013: 324), in welcher allerdings ein Widerspruch zwischen funktionaler Differenzierung und politisch-ideologischer Entdifferenzierung diagnostiziert wurde (Pollack 1991: 453). Sozialstrukturell wurde die DDR im Endstadium als „extensive Arbeitsgesellschaft“ (Adler 1991: 168) oder als „nivellierte Großgruppengesellschaft“ (Hauser et al. 1996: 235) beschrieben. Die Lebensbedingungen waren relativ gleich. Unterschiede im Einkommen, Vermögen und etwa den Wohnbedingungen waren gering, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und andere soziale Risiken unbekannt, aber auch Mobilitätschancen gering. Erwerbsarbeit war die wichtigste Quelle persönlichen Einkommens, Arbeit und Betrieb zugleich ein zentraler Ort des Lebens (Betriebskindergärten, kulturelle Einrichtungen, medizinische Betreuung etc.). Innere soziale Spannungen wurden repressiv oder auch durch Kompensationsmechanismen stillgelegt und Fähigkeiten zur Selbstorganisation verkümmerten (Adler 1991: 168), sodass die politisch gewollten „Gleichheitsziele“ in einem Spannungsverhältnis zu wirtschaftlichen Effizienzerfordernissen standen (Lötsch 1988).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Sozial&shy;struktur im Wandel: Ein Versuch der Rekon&shy;struk&shy;tion von Entwick&shy;lungs&shy;ver&shy;l&auml;ufen</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Während in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Beitritt der DDR zum Bundesgebiet recht umfangreiche sozialwissenschaftliche Analysen zu den Ost-West-Unterschieden und Angleichungsprozessen durchgeführt wurden, scheint das Thema nun weitgehend vom Tisch. Weder die offizielle Statistik noch umfangreiche sozialwissenschaftliche Studien widmen sich seit nunmehr circa zehn Jahren diesem Thema. Stattdessen ist gegenwärtig vor allem eine Debatte um „ostdeutsche Identitäten“ prominent. Daher können in diesem Beitrag nur einige Schlaglichter auf wesentliche besonders relevante Aspekte sozialstrukturellen Wandels geworfen werden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In der Sozialindikatorenforschung werden verschiedene Aspekte der Lebenslagen, das heißt unterschiedliche Lebensbedingungen als Indikatoren für soziale Ungleichheit analysiert. Dabei geht es im Kern um die „objektiven“ Möglichkeiten, bestimmte Lebensziele zu erreichen. Hierbei werden eine Vielzahl von Indikatoren zu Rate gezogen: Bildung, Einkommen, Vermögen, Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung, Wohnbedingungen etc. Betrachtet man die Einkommensentwicklung, so wurden im Ost-West-Vergleich zum Ende der 1980er Jahre große Unterschiede bezüglich des Einkommens festgestellt: Betrug das Bruttomonatseinkommen in der DDR durchschnittlich 1.100 DM (ohne Berufsausbildung 863 DM, mit Hochschulabschluss 1.489 DM), so waren es in der BRD 3.561 DM (ohne Berufsausbildung 2.600 DM und mit Hochschulabschluss 5.345 DM) (Geißler 1991: 179). Nicht nur in der Höhe der Einkommen, sondern auch bezüglich der Spannbreite gab es deutliche Unterschiede. Allerdings fielen die Unterschiede zwischen den oberen und den unteren Einkommensklassen im Osten wesentlich geringer aus. Dies sprach für mehr „Gleichheit“ im Einkommen im Osten zu Beginn des Vereinigungsprozesses (Hauser et al. 1996: 136). Ein „Wohlstandsgefälle“ zwischen Ost und West war die Folge, welches sich auch in der Ausstattung mit Konsumgütern, den Wohnbedingungen etc. zeigt. Die Effizienzprobleme und der Produktivitätsrückstand des sozialistischen Wirtschaftssystems, die ungleichen Startbedingungen nach 1945 (Reparationszahlungen, Rohstoffmangel, fehlende Schwerindustrie) und die begrenzten Möglichkeiten durch die Einbindung in das osteuropäische Wirtschaftsbündnis können zur Erklärung herangezogen werden (Geißler 2011: 74). Dieses Wohlstandsgefälle spiegelt sich zu Beginn der 1990er Jahre auch in der allgemeinen Lebenszufriedenheit wider. Nach dem Zusammenbruch und den ersten Ansätzen des Umbaus der ostdeutschen Wirtschaft durch die Treuhandanstalt sahen sich verständlicherweise vor allem die Arbeitslosen (meist aus der Gruppe der einfachen Arbeiter*innen) als Verlierer*innen der Vereinigung, als Gewinner*innen die Selbstständigen und qualifizierte Arbeiterberufe (Landua/Zapf 1991).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Bereits Mitte der 1990er Jahre hatte sich das Bild gewandelt. Hinsichtlich des Einkommens wurde für Ostdeutschland eine Ausdifferenzierung festgestellt, die zu mehr Ungleichheit geführt hat. Die Gruppe der Einkommensarmen (gemessen am Nettoäquivalenzeinkommen unter 50 Prozent) hatte sich vergrößert, lag aber noch unter der in Westdeutschland. Besonders Haushalte, die von Arbeitslosigkeit betroffen waren, sowie Familien und Alleinerziehende mit Kindern gehörten zu dieser Gruppe. Positiv hat sich das Einkommen von Rentner*innen entwickelt (Hauser 1995). Mitte der 2000er Jahre stellte Geißler (2014: 87) fest: „[D]ie sozialen Abstände zwischen oben und unten werden auf einem insgesamt höheren Niveau größer.“ Daran hat sich kaum etwas verändert. So verdienten Voll- und Teilzeitbeschäftigte in Westdeutschland im Jahr 2023 durchschnittlich 24,41 Euro brutto. Ihr Verdienst lag damit um 17,7 Prozent über dem in Ostdeutschland (Destatis/WZB/BiB 2024: 147). Auch der Anteil von Beschäftigten im Niedriglohnbereich liegt im Osten mit 16,8 Prozent zwei Prozentpunkte über dem im Westen (Destatis/WZB/BiB 2014: 152). Erklärt wird das mit dem Produktivitätsrückstand im Osten (86,7 Prozent im Osten gegenüber 100 Prozent im Westen). Deutliche Einkommensunterschiede werden auch bei Spitzenverdiener*innen festgestellt, die im Osten nur etwa die Hälfte erreichen (Bartels/Neef 2024: 48). Insgesamt betrachtet haben sich die Einkommen in Ostdeutschland jedoch über den Zeitverlauf schrittweise in allen Einkommensgruppen angenähert und erreichen inzwischen um die 90 Prozent der Westeinkommen (Sozialbericht 2024: 209). Es finden sich aber auch Hinweise darauf, dass die soziale Ungleichheit in den östlichen Bundesländern geringer ist als in den westlichen, allerdings ist auch der Lebensstandard im Osten niedriger und das Armutsrisiko höher (Kiy 2024: 35). So lag die Quote hier bei 19,4 Prozent (Destatis/WZB/BiB 2024: 211). Ein drastischeres Bild zeigt sich bei den Vermögen: Das ostdeutsche Nettovermögen erreichte 2021 43 Prozent des Durchschnitts westdeutscher Haushalte und diesbezüglich wird nur eine geringe Angleichung über die Jahre hinweg festgestellt (Destatis/WZB/BiB 2024: 222). Die niedrigeren Einkommen, die ungünstigere demografische Struktur und die historischen Enteignungen erklären das.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Nach Phasen der Arbeitslosigkeit, des Vorruhestandes und der Rückkehr von Frauen in die Hausfrauenrolle haben sich die Beschäftigtenstrukturen zwischen Ost- und Westdeutschland angenähert, so dass auch in Ostdeutschland Angestellte und Beamt*innen dominieren, aber in allen sozialen Lagen (gemessen am Einkommen und Wohneigentum) bleiben Ostdeutsche schlechter gestellt. Das wird auch in der Bewertung der eigenen wirtschaftlichen Lage sichtbar, die insbesondere von Arbeitslosen, Vorruheständler*innen und Rentner*innen als schlechter bewertet wird. Über alle sozialen Lagen hinweg wird insgesamt der Lebensstandard von Ostdeutschen seltener als gerecht eingeschätzt. Bei einer Einordnung in eine „Oben-Unten-Skala“ sowie bei der Bewertung der allgemeinen Lebenszufriedenheit lassen sich jedoch kaum Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen feststellen. Allerdings ist der Zukunftspessimismus in Ostdeutschland größer. (Bünning 2021: 274-276).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Bei der Analyse der <i>sozialen Schichtung</i> einer Gesellschaft wird danach gefragt, welche soziale Gruppen mit ähnlichen sozialökonomischen Lebenslagen und schichtspezifischen Lebenschancen zu identifizieren sind. 1990 stand einer individualisierten Mittelstandsgesellschaft in der BRD eine nivellierte Arbeitsgesellschaft in der DDR gegenüber. Blickt man auf einige Daten und Fakten zu Beginn der 1990er Jahre, so lassen sich nicht nur diese Einschätzungen belegen, sondern es werden auch die Unterschiede zu westdeutschen Schichtstrukturen deutlich. Eine Studie zur Sozialstruktur und Lebensweise in Städten und Dörfern der DDR von 1987, die 1997 aufgearbeitet wurde (Grundmann 1997), berichtet über eine Schichtstruktur, in der 18,3 Prozent der Oberschicht (Funktionär*innen in Staat, Partei und Wirtschaft), 73,2 Prozent der Mittelschicht (Fachschulabsolvent*innen ohne Leitungsfunktion, Meister*innen und Facharbeiter*innen) und 8,5 Prozent der Unterschicht (ohne Berufsausbildung) zugeordnet werden. Betont wird, dass die Mittelschicht in sich differenziert war, insbesondere was die Qualität der Arbeitsbedingungen, Haushaltseinkommen, Besitz, Ausstattung mit Konsumgütern, Wohnqualität anbelangt (obgleich die Differenz eher gering war). Auch bezüglich der Gleichstellung der Geschlechter werden Differenzen festgestellt: Frauen waren in der Oberschicht unter- und in der Unterschicht überrepräsentiert. Angestellte ohne Leitungsfunktionen waren meist Frauen. Männer hingegen waren unter Produktionsarbeitern überproportional vertreten (Grundmann 1997: 55f.). Allerdings war im Vergleich zu Westdeutschland der Beschäftigungsgrad von Frauen deutlich höher. Das betrifft ebenso das formale Ausbildungsniveau.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Schichtungsmodelle für die Bundesrepublik etwa zur gleichen Zeit rechnen etwa 19 Prozent der Bevölkerung der Unterschicht, 50 Prozent der Mittelschicht und 22 Prozent der Oberschicht zu (Hradil 1987: 131). Im Vergleich scheint es so, als sei die DDR ebenso eine Mittelschichtgesellschaft gewesen. Zu vermuten ist, dass die Mehrheit der Arbeiter*innen allein auf Grund ihrer beruflichen Position der Mittelschicht zugeordnet wurde. Es hat aber in der DDR keine ausgeprägte Unterschicht gegeben.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Studien zur subjektiven Schichteinstufung im Ost-West-Vergleich von 1991, die Auskunft über die subjektiven Wahrnehmungen geben, zeigten ein ähnliches Bild und starke Differenzen zwischen Ost und West. So stuften sich 60 Prozent der ostdeutschen Befragten in die Unter- und Arbeiterschicht (Westdeutsche: 24 Prozent), 36 Prozent der Ostdeutschen ordneten sich gegenüber 62 Prozent der Westdeutschen der Mittelschicht zu, und nur zwei Prozent der Ost-, aber 13 Prozent der Westdeutschen sahen sich in der Oberschicht (Noll 1996: 492). Überraschend ist, dass sich Ostdeutsche subjektiv häufiger der Unter- und Arbeiterschicht zuordneten, was auf ein anderes Verständnis von sozialer Schichtung verweist. Soziale Ungleichheit wurde von den Ostdeutschen nur mit zwölf Prozent gegenüber den Westdeutschen mit 45 Prozent als gerecht empfunden (Noll 1996: 496).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es große Unterschiede bezüglich der subjektiven Schichteinstufung. So stuften sich 2018 nur fünf Prozent der Ostdeutschen (1990: zwei Prozent) in die Oberschicht ein (Westdeutsche 2018: 14 Prozent), in die Mittelschicht 56 Prozent (Westdeutsche: 61 Prozent) und in die Arbeiterschicht 36 Prozent (Westdeutsche: 23 Prozent). Bezüglich der Unterschicht (zwei Prozent West und drei Prozent Ost) waren kaum Unterschiede festzustellen (Bünning 2021: 276). Im Vergleich zu 1990 wird beschrieben, dass wahrgenommene Aufstiege von der Arbeiterschicht in die Mittelschicht in Ostdeutschland besonders relevant sind, während in Westdeutschland kaum Veränderungen festgestellt wurden. Auch wenn sich 2018 Ostdeutsche „subjektiv niedriger“ auf einer Statusleiter einstufen (Delhey et al. 2024: 10), weichen die Statusängste kaum noch von Westdeutschen ab. Da diese Unterschiede in der Schichteinstufung nur bedingt auf soziale Lagen zurückzuführen sind, wird geschlussfolgert: „Es ist vielmehr davon auszugehen, dass sich die ostdeutsche Bevölkerung innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Schichtungsgefüges deshalb tendenziell niedriger einstuft, weil sie sich nach wie vor mit der westdeutschen vergleicht und aus dieser Perspektive Statusdefizite wahrnimmt“ (Bünning 2021: 277). Dies scheint ein deutlicher Verweis darauf, dass sich objektive Lagen und subjektive Wahrnehmungen unterscheiden können. Hinzu kommt, dass sich durch den politisch gewollten, aber auch aufgrund fehlender Qualifikationen und Erfahrungen notwendigen Elitentransfer aus Westdeutschland in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen der Weg Ostdeutscher in höhere gesellschaftliche Positionen versperrt blieb. Die aus dem wirtschaftlichen Umbau resultierende Unterschichtung wurde so ergänzt durch eine Überschichtung durch westdeutsche Eliten. Daran hat sich offenbar bis heute trotz nachfolgender Generationen wenig geändert. Studien, die sich auf Daten von 2019 beziehen, zeigen, dass gemessen am Bevölkerungsanteil Ostdeutschlands von 17,8 Prozent nur 11,2 Prozent Ostdeutsche in Elitepositionen sind (Vogel 2024: 43).<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a> Im Zeitverlauf hat sich zwar der Anteil Ostdeutscher in der Verwaltung und Wirtschaft erhöht, ist aber in der Politik, den Medien und der Justiz zurückgegangen. Als Ursachen werden Prozesse der sozialen Schließung, Netzwerke, die Abwanderung qualifizierter Ostdeutscher, aber auch ein „Anti-Elitismus“ und geringere Karriereambitionen der nachfolgenden ostdeutschen Generation vermutet (Kollmorgen 2024). Ob sich das über die Zeit auswächst, ist eine offene Frage.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Im Entwicklungsverlauf seit 1990 wird deutlich, dass sich die Schichtstrukturen in beiden Gesellschaftsteilen tendenziell angenähert haben (Lengfeld/Ordemann 2020). Die Mittelschicht ist prägend für beide Landesteile, aber in Ostdeutschland bleibt die Oberschicht dünn besetzt und wird eine „Persistenz der gering qualifizierten Arbeiter (untere Schicht)“ (Lengfeld/Ordemann: 2020: o.S.) mit etwa 20 Prozent festgestellt. Erklärungen für diese hohe Zahl werden in der demografischen Struktur, der Abwanderung Qualifizierter in Richtung Westen und den wirtschaftlichen Strukturen Ostdeutschlands gesucht.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Bei der Analyse <i>sozialer Milieus</i> rücken neben den objektiven Merkmalen der Lebenslage und Schichtzuordnung vor allem gruppenspezifische Mentalitäten, kulturelle Orientierungen und Lebensstile in den Blickpunkt, die ihren Ausdruck in einen bestimmten Habitus, Konsumgewohnheiten und Geschmacksrichtungen finden (Band/Müller 2001; Hradil 2024). In den 1980er Jahren wird für die Bundesrepublik eine Differenzierung und Pluralisierung der Lebensstile und Milieus diagnostiziert, die mit einer „Entschichtung“, aber gleichzeitig mit einer Differenzierung nach Merkmalen wie Region, Alter, Geschlecht und Familienverhältnisse einhergehen (Geißler 2014: 112ff.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In einer Studie von 1991 zu sozialen Milieus in Ostdeutschland wird argumentiert, die DDR sei ein „nur begrenzt verformtes Abbild der industriellen Klassengesellschaft“ (Vester 1995: 16) mit den Besonderheiten eines Wasserkopfes oben, einer Modernisierungslücke in der Mitte und einer großen traditionellen Arbeiterklasse. 1991 werden in Westdeutschland das „Aufstiegsorientierte Milieu“ mit 24 Prozent, das „Kleinbürgerliche Milieu“ mit 22 Prozent und Arbeitermilieus mit insgesamt 22 Prozent identifiziert. In Ostdeutschland nahmen ein „Traditionsverwurzeltes Arbeiter- und Bauernmilieu“ mit 27 Prozent (Arbeitermilieus insgesamt: 37 Prozent) und ein „Kleinbürgerlich materialistisches Milieu“ mit 23 Prozent den größten Raum ein (Vester 1995: 15). Westdeutschland wird als „facettenreiche Gesellschaft“, die sich immer stärker ausdifferenziert, beschrieben. Im Osten hingegen „dominieren traditionelle Lebenswelten“ (Becker et al. 1992: 103). Daran scheint sich auch bis in die 2000er Jahre nicht viel geändert zu haben, auch wenn die Benennung der Milieus differiert (und kleine Vergleiche zu Westdeutschland zu finden sind). Hofmann beschreibt, dass traditionelle Lebenswelten im Osten (Arbeitermilieus und kleinbürgerliche Milieus) zwar von 58 auf 39 Prozent geschrumpft sind, aber immer noch 35 Prozent der Milieus der Unterschicht zugeordnet werden können, nur eine schwache bürgerliche Mitte existiert, sich kein eigenständiges Oberschichtmilieu herausgebildet hat, aber mit der jüngeren Generation ein hedonistisches Milieu entstanden ist. In der jüngeren Generation finden sich Angleichungen, aber traditionelle Lebenswelten sind überrepräsentiert. „Die bürgerliche Mitte, liberale, sozial-ökologische und expeditive Lebenswelten sind in Ostdeutschland eher dünn besiedelt“ (Hofmann 2020: o.S.). So bleibt Ostdeutschland eher eine „einfache Arbeitsgesellschaft“ (Mau 2024: 22).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western " align="left">Sozial&shy;struk&shy;tu&shy;relle Angleichung, aber (kollektive) ostdeutsche Identi&shy;t&auml;&shy;ten?</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Das Interesse an sozialstrukturellen Entwicklungen in Ostdeutschland – auch im Vergleich zu Westdeutschland – scheint deutlich zurückgegangen zu sein. Diskutiert werden jedoch intensiv „Ostdeutsche Identität(en)“. Der bislang dominante Rekurs auf Daten und Fakten zu Einkommen, Vermögen, Lebenslagen, Beschäftigtenstruktur, Wohnbedingungen, soziale Schichten und Milieus sagen offenbar relativ wenig über das subjektive Befinden, die Wahrnehmungen, das Denken, Fühlen, Handeln und die Gesellschaftsvorstellungen von Ostdeutschen, die ebenso, aber nicht nur durch objektive Bedingungen zu erklären sind. Inspiriert durch mediale Diskurse, ein vom Durchschnitt abweichendes Wahlverhalten und insgesamt kritischere Einstellungen zur Demokratie (Destatis/WZB/BiB 2024: 352f) wird die Frage aufgeworfen, ob und warum „Ostdeutsche anders“ sind (Pollack 1998; Rippl et al. 2018; Kubiak 2020; Vogel et al. 2024). Dabei geht es in erster Linie nicht um subjektive Identitäten, sondern darum, ob es eine kollektive ostdeutsche Identität gibt. Gemeinsam geteilte Sinnzusammenhänge und Wahrnehmungen mit Folgen für das individuelle Handeln zeichnen solche Identitätskonstrukte aus. Sie entstehen in Abgrenzung zu anderen sozialen Gruppen auf Basis von Selbst- und Fremdbeschreibungen. Individuen können auf diese „Identifizierungsangebote in Abhängigkeit von ihren Interessen und den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen reagieren“ (Vogel/Leser 2020: 175). In einer umfangreichen Studie von 2004 wurden so sieben verschiedene Typen identifiziert (Vogel/ Leser 2020: 178ff.). Hier finden sich erste Hinweise darauf, dass es „die“ ostdeutsche Identität nicht gibt. Allerdings wird in den vorliegenden Studien weniger klar, ob und inwiefern tatsächlich unterschiedliche Handlungsorientierungen dominant sind. Lediglich bezüglich politischer Kulturen (Wahlverhalten, Einstellungen zur Demokratie) finden sich Hinweise. Mau (2024: 72) schlägt daher als Minimaldefinition vor: „Ostdeutsche Identität bezieht sich auf den Osten als spezifischer Erfahrungs-, Sozial- und Kulturraum, der als subjektiv erlebter und gedeuteter kollektiver Zusammenhang zum Thema wird.“ Erfahrungen der symbolischen Abwertung, Gefühle der Andersartigkeit, der Inferiorität, des Verlustes einer kollektiven Zusammengehörigkeit und ökonomische Deprivation sind die Phänomene, die am häufigsten als Merkmale ostdeutscher Identitäten genannt werden. Diese werden vor allem von der älteren Generation thematisiert. Aber Jüngere nehmen die noch existierende Benachteiligungen deutlicher wahr (etwa bezüglich der Besetzung von Elitepositionen), schreiben sich selbst eine „Transformationskompetenz“ (Kubiak 2020: 195) zu, sehen sich als „Quelle alternativer Erfahrungen und Weltsichten“ (Vogel et al. 2024: 5) und wollen den Osten sichtbarer machen. Interessant in diesem Zusammenhang ist der Vergleich verschiedener Alterskohorten sowie ost- und westdeutscher Wahrnehmungen. So wird herausgearbeitet, dass Ostdeutsche häufiger Unterschiede und Konflikte zwischen Ost- und Westdeutschen wahrnehmen – und das über die Alterskohorten hinweg (Mau et al. 2024). Die soziale Lage spielt dabei keine Rolle, lediglich der Bildungsstand beeinflusst die Wahrnehmungen. Höher Gebildete nehmen weniger Unterschiede und Konflikte war. Die Autor*innen argumentieren, dass sich „ostdeutsche Bewusstseins- und Identitätsformen verstetigen“ (Mau et al. 2024: 17). Dies begründe sich jedoch weniger auf Grund sozialstruktureller Unterschiede, als damit, dass sich ein „eigenständiger Kultur- und Deutungsraum Ostdeutschland“ herausgebildet hat (Mau 2024: 31). Ostdeutsche Identität sei „alive and kicking“ (Mau 2024: 69), aber mit neuen und unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Auch hier wird deutlich, dass es „die eine“ ostdeutsche Identität nicht gibt und von einer „kollektiven Identität“ nur bedingt die Rede sein kann, Identität aber als analytische Kategorie interessant ist (Vogel et al. 2024: 2). Mau weist darauf hin, dass es sich um „verschachtelte Identitäten“ handelt, die in sich heterogen sind und wo das „ostdeutsch sein“ eine Facette unter anderen (wie „europäisch-sein“) ist und es mit unterschiedlichen Bedeutungsinhalten gefüllt wird (Heimat- und Regionalverbundenheit, Selbstvergewisserung, Trotz etc.) (Mau 2024: 73).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zur Erklärung werden verschiedene Hypothesen in Anschlag gebracht. Vor allem im politischen Diskurs ist die Sozialisationshypothese sehr präsent. Eine Sozialisation in der DDR hat demzufolge dazu geführt, dass Bewusstseinsformen und Orientierungen nachwirken und teils auch auf nachfolgende Generationen übertragen werden. So wird bezüglich der Herkunft Ostdeutscher argumentiert: „Innerhalb der Lebensbiografie ihrer Bürger sind in den circa 40 Jahren Wertorientierungen entstanden, die eine relative Konsistenz aufweisen und vielfach erst nach der Wende – im Vergleich zum jetzt ‚Neuen‘ bewusst erlebt werden“ (Voigt 2013: 329f.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Situationshypothese stellt auf objektive Merkmale sozialer Ungleichheit ab, eine spezifische Identität erscheint als Reaktion auf gegenwärtige Problemlagen und rückt eine relative Deprivation in den Mittelpunkt (Vogel/Leser 2020). Argumentiert wird aber – im Unterschied zur Sozialisationshypothese – , dass den noch existierenden Ost-West-Unterschieden keine ostspezifischen Ursachen zugrunde liegen, „sondern sie können unter Rückgriff auf die universelle Wirkung ökonomischer, sozialer und politischer Merkmale erklärt werden, die in Ostdeutschland lediglich häufiger (z.B. Arbeitslosigkeit) oder seltener (z.B. Vermögen) vorkommen“ (Vogel et al. 2024: 10).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Für die Othering-Hypothese steht das viel diskutierte Buch von Oschmann, indem er argumentiert, dass in einer spezifischen Weise über den Osten geredet werde und dieser politisch, wirtschaftlich und sozial benachteiligt werde. Der Westen gelte als Maßstab und der Osten als Abweichung (Oschmann 2023: 12). Die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft betrachte Ostdeutsche als „Fremde“ und schreibe ihnen bestimmte Merkmale zu, sodass sich Ostdeutsche in Reaktion darauf eben als „ostdeutsch“ identifizieren. „Ganz unabhängig von tatsächlichen materiellen Lagen und ökonomischer (Un-)Zufriedenheit wird hier angenommen, dass sich Ost-West-Zuschreibungen und Differenzempfindungen immer wieder erneuern“ (Mau et al. 2024: 7).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die These der Persistenz geht davon aus, dass sich kulturelle und soziale Formen durch „die narrative Weitergabe sozialer Erfahrungen, kollektiver Bewusstseinsformen und historischer Traumata“ verfestigt haben und so ein „soziokultureller Eigensinn“ weiterlebt (Mau et al. 2024: 8). Erklärt wird dies aber nicht nur aus einer „DDR-Sozialisation“, sondern auch aus den Erfahrungen im Prozess der Transformation, wobei offenbar sozialstrukturelle Faktoren nur eine untergeordnete Rolle spielen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zu entscheiden, welche dieser Hypothesen ostdeutsche Identitäten zu erklären vermag, fällt schwer – auch weil unterschiedliche Methoden und Datensätze herangezogen werden. Jede dieser Hypothesen scheint zur Erklärung beizutragen. Zu erwarten ist, dass sich Sozialisationseffekte über einen längeren Zeitraum auswachsen. Ob es aber in überschaubarer Zeit zu einer Angleichung ökonomischer, sozialer und politischer Strukturen kommt, ist fraglich. Selbst die Othering-Hypothese ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Das belegen aktuelle Debatten in den Medien und wissenschaftlichen Analysen, beispielsweise zum Wahlverhalten (Spissinger et al. 2024: 340f.). Perspektivisch sieht Mau diese Verfestigung ostdeutscher Mentalitäten kritisch: „Die Herstellung eines identitären und selbstbezüglichen Ostens führt in Sackgassen, aus denen man nicht so leicht wieder herauskommt“ (Spissinger et al. 2024: 88). Ob das von Mau vorgeschlagene „Labor der Partizipation“ (Mau 2024: 125ff.) ein Ausweg aus der Sackgasse ist, bleibt offen. Die vorgeschlagenen neuen Elemente demokratischer Partizipation sind ein Ansatzpunkt, um Menschen im Osten stärker an politische Entscheidungsprozesse zu beteiligen, das Demokratieverständnis und auch das Selbstbewusstsein zu stärken. Ergänzt durch eine gezielte Wirtschaftsförderung und Infrastrukturentwicklung könnte dies zu einem sozialstrukturellen Wandel beitragen und über den Osten hinaus wirken.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Fazit: Ann&auml;herung, aber soziale Differenzen</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Nach nunmehr fast 35 Jahren deutscher Einheit bleibt festzuhalten, dass die institutionelle Transformation bereits Mitte der 1990er Jahre weitgehend abgeschlossen war, aber sozialstrukturelle Unterschiede nach wie vor Bestand haben. Bereits 1996 war eine Diagnose „Getrennt vereint“ (Hauser et al. 1996: 488), und noch 2024 betitelt Mau seine Publikation mit <i>Ungleich vereint</i>. Im Kern haben wir es mit einer Ausdifferenzierung der ostdeutschen Gesellschaft (wenn man von einer solchen sprechen kann) und De-Egalisierung von Lebenslagen und -chancen bei gleichzeitiger Anpassung an westdeutsche Sozialstrukturen zu tun. Auch im Osten hat sich eine Mittelschicht herausgebildet, die zugleich mit sozialen Ausdifferenzierungen nach oben und unten verbunden ist. Durch die Umschichtung nach unten sind vertikale Ungleichheitsstrukturen entstanden (Geißler 2014: 269). Neue soziale Problemgruppen werden sichtbar, und Armut bleibt in Ostdeutschland ein besonderes Problem. Auch haben sich geschlechtsspezifische Ungleichheiten verstärkt, und Einkommensunterschiede sind nach wie vor beständig. Begleitet wurde eine Unterschichtung durch eine Überschichtung durch westdeutsche Eliten in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Insbesondere, was die Wirtschaft anbelangt, hat sich keine tragende Oberschicht ausgebildet. Auf diesem Befund basiert auch die These, dass Ostdeutschland immer noch eine arbeiterliche Gesellschaft ist und unter einer „Elitenschwäche“ (Mau 2024: 44) leidet. Auch wenn das Wohlstandsniveau insgesamt angestiegen ist, bleibt eine Beständigkeit von Unterschieden in Lebenslagen und Milieus, wobei nach wie vor arbeiterliche und kleinbürgerliche Milieus wesentlich bleiben. Ebenso erkennbare Tendenzen der Pluralisierung und Individualisierung sind verbunden mit neuen Möglichkeiten der individuellen Entwicklung von Lebensstilen. Beständigkeit scheint es insbesondere bezüglich soziokultureller Phänomene in Ostdeutschland zu geben, wie die Debatte um ostdeutsche Identitäten zeigt.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen, ob es ein „Ostdeutschland“ oder die „Ostdeutschen“ noch gibt, fällt die Antwort ambivalent aus. Zwar ist institutionell und gemessen an objektiven sozialstrukturellen Daten eine Angleichung an Westdeutschland erkennbar, aber der Blick auf soziale Schichten, Milieus, sozialen Identitäten und die damit verbundenen Mentalitäten und Handlungsorientierungen offenbart nach wie vor existierende Unterschiede. Allerdings muss es – abgesehen von den objektiven Lebensbedingungen – nicht in allen diesen Punkten um eine „Angleichung“ an den Westen gehen. Unterschiedliche Mentalitäten, Kulturen und Lebensstile zeichnen eine pluralistische Gesellschaft aus. So steht die bundesrepublikanische Gesellschaft insgesamt gegenwärtig vor neuen Herausforderungen (wirtschaftlicher Strukturwandel, Klimapolitik, geopolitische Herausforderungen, Demokratieunzufriedenheit, demografische Probleme etc.) und nur mit Bezug auf beide Landesteile scheinen diese lösbar.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. Karin Lohr</strong> geboren 1954, Prof. Dr. sc. oec. (APL), i. R., ehemals Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften, Lehrbereich Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse, Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Arbeits- und Organisationssoziologie, Industrielle Beziehungen, Geschlechter- und Transformationsforschung.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p align="justify"><em>Adler, Frank</em> 1991: Ansätze zur Rekonstruktion der Sozialstruktur des DDR-Realsozialismus; in: <em>Berliner Journal für Soziologie</em>, Jg. 1, H. 2, S. 157-176.</p>
<p align="justify"><em>Band, Henri/Müller, Hans-Peter </em>2001: Lebensbedingungen, Lebensformen, Lebensstile; in: Schäfers, Bernhard/Zapf, Wolfgang (Hrsg.): <em>Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands</em>, 2. Aufl., Opladen, S. 427-435.</p>
<p align="justify"><em>Bartels, Charlotte/Neef, Theresa</em> 2024: Einkommens- und Vermögensunterschiede drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung: Die anhaltende wirtschaftliche Teilung zwischen Ost- und Westdeutschland; in: Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West (Hrsg.): <em>Ost und West. Frei, vereint und unvollkommen. Bericht zum Stand der deutschen Einheit 2024</em>, Berlin, S. 47-53, <a href="https://www.publikationen-bundesregierung.de/resource/blob/2277952/2310968/34e86346b0ef75cd501c5890e4ae8515/zum-stand-der-deutschen-einheit-2024-download-bkamt-data.pdf?download=1">https://www.publikationen-bundesregierung.de/resource/blob/2277952/2310968/34e86346b0ef75cd501c5890e4ae8515/zum-stand-der-deutschen-einheit-2024-download-bkamt-data.pdf?download=1</a>.</p>
<p align="justify"><em>Becker, Ulrich et al. </em>1992: Zwischen Angst und Aufbruch: Das Lebensgefühl der Deutschen in Ost und West nach der Wiedervereinigung, Düsseldorf/Wien/New York/Moskau.</p>
<p align="justify"><em>Bünning, Mareike</em> 2021: Soziale Lagen und soziale Schichtung; in: Statistisches Bundesamt (Destatis)/Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)/Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) (Hrsg.): <em>Datenreport 2021. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland</em>, Bonn, S. 271-285, <a href="https://www.bib.bund.de/Publikation/2021/pdf/Datenreport-2021-Ein-Sozialbericht-fuer-die-Bundesrepublik-Deutschland.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2">https://www.bib.bund.de/Publikation/2021/pdf/Datenreport-2021-Ein-Sozialbericht-fuer-die-Bundesrepublik-Deutschland.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2</a>.</p>
<p align="justify"><em>Delhey, Jan et al. </em>2024: Die Wahrnehmung sozialer Ungleichheit; in: Böhnke, Petra/Konietzka, Dirk (Hrsg.): <em>Handbuch Sozialstrukturanalyse</em>, Wiesbaden, S. 1-31.</p>
<p align="justify"><em>Erlinghagen, Marcel </em>2024: Sozialstruktur; in: Kopp, Johannes/Steinbach, Anja (Hrsg.): <em>Grundbegriffe der Soziologie</em>, 4. Aufl., Wiesbaden, S. 471-474.</p>
<p align="justify"><em>Geißler, Rainer</em> 1991: Transformationsprozesse in der Sozialstruktur der neuen Bundesländer; in: <em>Berliner Journal für Soziologie</em>, Jg. 1, H. 2, S. 177-194.</p>
<p align="justify"><em>Geißler, Rainer </em>2011: Die Sozialstruktur Deutschlands, 6. Aufl., Wiesbaden.</p>
<p align="justify"><em>Geißler, Rainer</em> 2014: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Zwischenbilanz zur Vereinigung, Wiesbaden.</p>
<p align="justify"><em>Grundmann, Siegfried</em> 1997: Die Sozialstruktur der DDR. Versuch einer Rekonstruktion auf Basis einer 1987 durchgeführten soziologischen Untersuchung, Berlin, <a href="https://bibliothek.wzb.eu/pdf/1997/iii97-402.pdf">https://bibliothek.wzb.eu/pdf/1997/iii97-402.pdf</a>.</p>
<p align="justify"><em>Hauser, Richard </em>1995: Die Verteilung der Einkommen in den neuen Bundesländern wird ungleicher, in: <em>Berliner Journal für Soziologie</em>, Jg.5, H. 4, S. 463-474.</p>
<p align="justify"><em>Hauser, Richard et al.</em> 1996: Ungleichheit und Sozialpolitik. Berichte zum sozialen und politischen Wandel in Ostdeutschland, Opladen.</p>
<p align="justify"><em>Hoffmann, Michael</em> 2020: Soziale Strukturen in Ostdeutschland, in: <em>Bundeszentrale für politische Bildung</em> vom 04.02.2020, <a href="https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/303482/soziale-strukturen-in-ostdeutschland/#node-content-title-1">https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/303482/soziale-strukturen-in-ostdeutschland/#node-content-title-1</a>.</p>
<p align="justify"><em>Hradil, Stefan</em> 1987: Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft. Von Klassen und Schichten zu sozialen Milieus, Opladen.</p>
<p align="justify"><em>Hradil, Stefan</em> 2023: Alte und neue Ungleichheiten. Zum gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Wandel in den letzten Jahrzehnte; in: <em>sozialpolitik.ch</em>, Jg. 9, H. 8, S. 1-16.</p>
<p align="justify"><em>Hradil, Stefan</em> 2024: Milieus, soziale; in: Kopp, Johannes/Steinbach, Anja (Hrsg.): <em>Grundbegriffe der Soziologie</em>, 4. Aufl., Wiesbaden, S. 361-366.</p>
<p align="justify"><em>Hoyer, Katja</em> 2023: Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949-1990, Hamburg.</p>
<p align="justify"><em>Kiy, Manfred</em> 2024: Soziale Ungleichheit in Deutschland: Einkommens- und Vermögensverteilung, <a href="https://epb.bibl.th-koeln.de/frontdoor/deliver/index/docId/2851/file/Kiy_Soziale_Ungleichheit.pdf">https://epb.bibl.th-koeln.de/frontdoor/deliver/index/docId/2851/file/Kiy_Soziale_Ungleichheit.pdf</a>.</p>
<p align="justify"><em>Kollmorgen, Raj</em> 2024: Die Unterrepräsentation von Ostdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund in den Eliten. Eine Einführung; in: Kollmorgen, Raj et al. (Hrsg.): <em>Ferne Eliten: Die Unterrepräsentation von Ostdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund</em>, Wiesbaden, S. 1-68.</p>
<p align="justify"><em>Kowalczuk, Ilko-Sascha </em>2024: Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute, München.</p>
<p align="justify"><em>Kubiak, Daniel</em> 2018: Der Fall Ostdeutschland, in: <em>Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft</em>, Jg. 12, H. 1, S. 25-42.</p>
<p align="justify"><em>Kubiak, Daniel</em> 2020: Ostdeutsche Identität im Wandel der Zeiten. 30 Jahre und noch kein Ende, in: Becker, Sören/Naumann, Matthias (Hrsg.): <em>Regionalentwicklung in Ostdeutschland. Dynamiken, Perspektiven und der Beitrag der Humangeographie</em>, Wiesbaden, S. 189-198.</p>
<p align="justify"><em>Landua, Detlef/Zapf, Wolfgang</em> 1991: Deutschland nach der Wiedervereinigung: zwei Gesellschaften, eine Nation: zum Stand des gesellschaftlichen Transformationsprozesses; in: <em>Informationsdienst Soziale Indikatoren</em>, H. 6, S. 10-13.</p>
<p align="justify"><em>Lengfeld, Holger/Ordemann, Jessica</em> 2020: Soziale Schichtung und die Entwicklung der gesellschaftlichen Mitte in Ost- und Westdeutschland nach 1990, in: <em>Bundeszentrale für politische Bildung</em> vom 14.09.2020, <a href="https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/314255/soziale-schichtung-und-die-entwicklung-der-gesellschaftlichen-mitte-in-ost-und-westdeutschland-nach-1990/">https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/314255/soziale-schichtung-und-die-entwicklung-der-gesellschaftlichen-mitte-in-ost-und-westdeutschland-nach-1990/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Lötsch, Manfred</em> 1988: Sozialstruktur der DDR – Kontinuität und Wandel, in: <em>Aus Politik und Zeitgeschichte</em>, H. 32, <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/534551/sozialstruktur-der-ddr-kontinuitaet-und-wandel/">https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/534551/sozialstruktur-der-ddr-kontinuitaet-und-wandel/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Lötsch, Manfred</em> 1991: Konturen einer Theorie der Sozialstruktur, in: <em>Berliner Journal für Soziologie</em>, Jg. 1, H. 2, S. 195-202.</p>
<p align="justify"><em>Mau, Steffen</em> 2024: Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Mau, Steffen et al.</em> 2024: Ost- und Westdeutsche für immer? Zu Wahrnehmungen von Unterschieden und Konflikten zwischen Ost und Westdeutschen, in: <em>Kölner Zeitschrift für Soziologie</em>, Jg. 76, S. 1-23.</p>
<p align="justify"><em>Mayer, Karl-Ulrich</em> 1994: Vereinigung soziologisch: Die soziale Ordnung der DDR und ihre Folgen; in: <em>Berliner Journal für Soziologie</em>, Jg. 4, H. 3, S. 307-321.</p>
<p align="justify"><em>Noll, Heinz-Herbert</em> 1996: Ungleichheit der Lebenslagen und ihre Legitimation im Transformationsprozess: Fakten Perzeption und Bewertungen, in: Clausen, Lars (Hrsg.): <em>Gesellschaften im Umbruch. Verhandlungen des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle an der Saale 1995</em>, Frankfurt am Main/New York, S. 488-503.</p>
<p align="justify"><em>Oschmann, Dirk</em> 2023: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Pickel, Susanne/Gert Pickel</em> 2023: The Wall in the Mind – Revisited Stable Differences in the Political Cultures of Western and Eastern Germany; in: <em>German Politics</em>, Jg. 32, H. 1, S. 20-42.</p>
<p align="justify"><em>Pollack, Detlef</em> 1991: Von der Organisationsgesellschaft zur Risikogesellschaft. Soziologische Überlegungen zu den gesellschaftlichen Transformationsprozessen in Ostdeutschland, in: <em>Berliner Journal für Soziologie</em>, Jg. 1, H. 3, S. 451-455.</p>
<p align="justify"><em>Pollack, Detlef</em> 1998: Ostdeutsche Identität – ein multidimensionales Phänomen: in: Meulemann, Heiner (Hrsg.): <em>Werte und nationale Identitäten im vereinten Deutschland</em>, Wiesbaden, S. 301-318.</p>
<p align="justify"><em>Rippl, Susanne et al.</em> 2018: Ostdeutsche Identität. Zwischen medialen Narrativen und eigenem Erleben, in: <em>Bundeszentrale für politische Bildung</em> vom 16.05.2018, <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/269349/ostdeutsche-identitaet/">https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/269349/ostdeutsche-identitaet/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Spissinger, Florian et al.</em> 2024: Das Ringen um die Ostdeutschen – über die Beharrlichkeit einer Identitätskonstruktion; in: Vogel, Lars et al. (Hrsg.): <em>Ostdeutschland. Identität, Lebenswelt oder politische Erfindung?</em> Wiesbaden, S. 337-353.</p>
<p align="justify"><em>Statistisches Bundesamt (Destatis)/Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)/Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)</em> 2024: Sozialbericht 2024. Ein Datenreport für Deutschland, Bonn, <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Sozialbericht_2024_bf_k2.pdf">https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Sozialbericht_2024_bf_k2.pdf</a>.</p>
<p align="justify"><em>Vester, Michael</em> 1995: Milieuwandel und regionaler Strukturwandel in Ostdeutschland; in: Vester, Michael et al. (Hrsg.): <em>Soziale Milieus in Ostdeutschland: Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung</em>, Köln, S. 7-50.</p>
<p align="justify"><em>Vogel, Lars/Leiser, Julia</em> 2020: Ostdeutsche Identität(en) im Wandel? Perspektiven für Intra- und Interkohortenvergleiche; in: <em>Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft</em>, Jg. 14, H.3, S. 171-197.</p>
<p align="justify"><em>Vogel, Lars et al.</em> 2024: Ostdeutschland als umstrittene analytische Kategorie und kollektive Identität; in: Vogel, Lars et al. (Hrsg.): <em>Ostdeutschland: Identität, Lebenswelt oder politische Erfindung?</em> Wiesbaden, S. 1-26.</p>
<p align="justify"><em>Vogel, Lars</em> 2024: Ausmaß und Persistenz personeller Unterrepräsentation in den Eliten Deutschlands; in: Kollmorgen, Raj et al. (Hrsg.): <em>Ferne Eliten: Die Unterrepräsentation von Ostdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund</em>, Wiesbaden, S. 107-148.</p>
<p align="justify"><em>Voigt, Peter</em> 2013: Gesellschaft der deutschen Demokratischen Republik (DDR) von 1949-1990; in: Mau, Steffen/Schöneck, Nadine M. (Hrsg.): <em>Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands</em>, 3. Aufl., Wiesbaden.</p>
<p align="justify"><em>Zapf, Wolfgang</em> 1989: Sozialstruktur und gesellschaftlicher Wandel in der Bundesrepublik; in: Weidenfeld, W./Zimmermann, H. (Hrsg.): <em>Deutschland Handbuch</em>, Bonn.</p>
<p align="justify"><em>Zapf, Wolfsgang</em> 1991: Die DDR 1989/1990 – Zusammenbruch einer Sozialstruktur? In: <em>Berliner Journal für Soziologie</em>, Jg. 1, H 2, S. 147-155.</p>
<p align="justify"><em>Zapf, Wolfgang</em> 1994: Die Transformation in der ehemaligen DDR und die soziologische Theorie der Modernisierung; in: <em>Berliner Journal für Soziologie</em>, Jg. 4, H. 3, S. 295-305.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Anmerkungen</h3>
<div id="sdendnote1">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">i </a>Viel diskutiert wird in der Forschung allerdings, wie eigentlich „ostdeutsch“ zu definieren ist. Das Geburtsjahr, der Geburtsort, der Sozialisations- und Erfahrungsraum oder auch die Identifikation mit Ostdeutschland werden als Kriterien angeführt (vgl. Kollmorgen 2024).</p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-ostdeutsche-sozialstruktur/">Die ostdeutsche Sozialstruktur</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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            	</item>
		<item>
		<title>Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit – Der „Modernisierungsvorsprung“ und seine Herausforderungen</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/gleichstellung-und-geschlechtergerechtigkeit-der-modernisierungsvorsprung-und-seine-herausforderungen-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 13:59:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensweisen / Pluralismus]]></category>
		<category><![CDATA[BRD]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipationsvorsprung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlecht]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichstellungsvorsprung]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vorbemerkung „Wir müssen nicht mehr aufholen, wir sind in vielen Dingen Vorreiter“ (Schneider 2023) und die „ostdeutsche Herkunft ist kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West 2024) – diese markigen Worte des Ostbeauftragten der Bundesregierung spiegeln wohl kaum die realen Erfahrungen vieler Ostdeutscher wider. Wie auch sollten sie [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Vorbemerkung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">„Wir müssen nicht mehr aufholen, wir sind in vielen Dingen Vorreiter“ (Schneider 2023) und die „ostdeutsche Herkunft ist kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West 2024) – diese markigen Worte des Ostbeauftragten der Bundesregierung spiegeln wohl kaum die realen Erfahrungen vieler Ostdeutscher wider. Wie auch sollten sie sich als „Vorreiter“ wahrnehmen, wenn ihre Lebensverhältnisse auch nach 35 Jahren noch nicht denen der Westdeutschen angeglichen sind? Was sollte ihr „Qualitätsmerkmal“ sein, wenn es sich bis heute nicht in der Repräsentanz von Ostdeutschen in Spitzenpositionen und Ämtern zeigt? Der jüngste Bericht zur deutschen Einheit verzichtet auf eine vergleichende Analyse der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland, wie sie beispielsweise im Jahresbericht zur deutschen Einheit von 2020 noch vorgelegt wurde. Stattdessen werden einzelne ausgewählte Vorhaben der Bundesregierung „mit Bezug zu aktuellen Herausforderungen in Ostdeutschland“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Ost und West 2024) präsentiert; was daraus wird, bleibt abzuwarten. Ganz anders hatte beispielsweise Manuela Schwesig, Herausgeberin des Berichts zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit, agiert. Sie hat ein Thema zum Gegenstand des Berichtes gemacht, Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Ost- und Westdeutschland, und dabei einen zentralen Befund des auf umfangreichen Daten basierenden Berichts herausgestellt: „Positive Impulse der DDR für die Gleichstellung in ganz Deutschland“ (BMFSFJ 2015: 16). Die Anerkennung dieses Ost-West-Transfers sei ein wesentlicher Beitrag zum weiteren Zusammenwachsen beider Teile Deutschlands. Diesen wertschätzenden Bezug auf ostdeutsche Lebensleistungen lassen andere Berichte zur deutschen Einheit vermissen, mehr noch, sie scheinen Themen und Bereiche dezidiert auszusparen, mit denen gezeigt werden könnte, dass in der DDR oder in Ostdeutschland zum Teil auch etwas gelungen zu sein scheint, das als „Modernisierungsvorsprung“ gedeutet werden kann. Dass der „Gleichstellungsvorsprung“ (Geißler 1992) Ostdeutschlands in Sachen Geschlechtergerechtigkeit heute teilweise gar Modellcharakter für die am „adult worker model“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a> orientierte Arbeits- und Wirtschaftspolitik der Europäischen Union hat, ist allerdings nicht in jeder Hinsicht ein Grund zum Jubeln, sondern impliziert Ambivalenzen, die gleichfalls zu diskutieren sind. Der in der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts hervorgebrachte „Modernisierungsvorsprung“ (Hradil 1992) wirft heute auch Fragen hinsichtlich seiner Anschlussfähigkeit im 21. Jahrhundert auf und impliziert Herausforderungen, die systematischer herausgearbeitet werden müssen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. </strong><strong class="western">Hildegard Maria Nickel</strong> war bis 2015 Professorin für Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Soziologie der Geschlechterverhältnisse, Soziologie der Arbeit/Dienstleistungsgesellschaft und gesellschaftliche und betriebliche Transformationsprozesse.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="sdendnote11">
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Demografischer Wandel im vereinten Deutschland im Zeitraum 1990 bis 2023</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/demografischer-wandel-im-vereinten-deutschland-im-zeitraum-1990-bis-2023-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 14:37:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensweisen / Pluralismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bevölkerung]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Demografie]]></category>
		<category><![CDATA[demografischer Wandel]]></category>
		<category><![CDATA[Demographie]]></category>
		<category><![CDATA[demographischer Wandel]]></category>
		<category><![CDATA[Maskulinisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Ostdeutschland]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/?post_type=publikation&#038;p=20157</guid>

					<description><![CDATA[<p>Im 35. Jahr der deutsch-deutschen Vereinigung unterscheiden sich Ost- und Westdeutschland auch demografisch voneinander. Im Osten haben sich in den vergangenen 35 Jahren dramatische demografische Veränderungen vollzogen. Dieser Wandel lässt sich mit ausgewählten demografischen Indikatoren belegen. Dazu werden zunächst die Entwicklung der Gesamtbevölkerung und deren strukturelle Veränderungen in den alten und neuen Bundesländern zwischen 1990 [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/demografischer-wandel-im-vereinten-deutschland-im-zeitraum-1990-bis-2023-2/">Demografischer Wandel im vereinten Deutschland im Zeitraum 1990 bis 2023</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">Im 35. Jahr der deutsch-deutschen Vereinigung unterscheiden sich Ost- und Westdeutschland auch demografisch voneinander. Im Osten haben sich in den vergangenen 35 Jahren dramatische demografische Veränderungen vollzogen. Dieser Wandel lässt sich mit ausgewählten demografischen Indikatoren belegen. Dazu werden zunächst die Entwicklung der Gesamtbevölkerung und deren strukturelle Veränderungen in den alten und neuen Bundesländern zwischen 1990 und 2023 skizziert. Danach werden die Geburten- und Sterblichkeitsentwicklung und die Binnenmigration zwischen den neuen und alten Bundesländern dargestellt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Dr. </strong><strong class="western">Jochen Fleischhacker</strong> geb. 1951, Dr. oec., Mitglied der Leibniz Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. Wichtigste Buchveröffentlichung: Bevölkerungsvorausberechnungen in den 1920er Jahren, in: Populations, Projections and Politics. Critical and Historical Essays on Early Twentieth Centruy Population Forecasting, hrsg. von Jochen Fleischhacker, Henk A. de Gans und Thomas Burch, Rozenberg Publishers, 2003.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="sdendnote9">
<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift</em><strong> vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
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		<title>Parteiendemokratie und Parteiensystem in Ostdeutschland: Eine Bilanz seit 1989</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 14:45:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine vertrackte Geschichte: Sozial&#173;de&#173;mo&#173;kratie und PDS nach dem Mauerfall Obwohl man keine kontrafaktische Geschichtsschreibung betreiben soll, ist es für einen kurzen Moment reizvoll sich vorzustellen, was hätte passieren können, wenn der Prozess der deutschen Vereinigung ab 1989 anders verlaufen wäre. Analysiert man die Entwicklung in den neuen Bundesländern, so wird bis heute – auch in [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Eine vertrackte Geschichte: Sozial&shy;de&shy;mo&shy;kratie und PDS nach dem Mauerfall</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Obwohl man keine kontrafaktische Geschichtsschreibung betreiben soll, ist es für einen kurzen Moment reizvoll sich vorzustellen, was hätte passieren können, wenn der Prozess der deutschen Vereinigung ab 1989 anders verlaufen wäre. Analysiert man die Entwicklung in den neuen Bundesländern, so wird bis heute – auch in der Politikwissenschaft – zu wenig berücksichtigt, dass es sich bei der ehemaligen DDR um eine postkommunistische Gesellschaft handelt. Anstatt deren Transformationsprozess mit anderen postkommunistischen Systemen zu vergleichen, dominierte von Beginn an die Ausrichtung auf den „großen Bruder“ im Westen, an dessen Standards es schnellstmöglich anzuschließen gelte. Die wissenschaftliche Betrachtung ist dem realen politischen Handeln hierin gefolgt.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Welche Vor- und Nachteile sich aus der Existenz dieses Bruders für den Osten ökonomisch und kulturell ergeben haben, wurde zunächst nicht und später eher zögerlich erforscht. Es könnte sich nur in einem systematischen Vergleich mit den Neudemokratien in Mittelosteuropa belegen lassen, die bei der Umgestaltung ihrer gesellschaftlichen und politischen Ordnung weitgehend auf sich gestellt waren.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a> Die Entwicklung der Parteiensysteme bietet dafür ein treffendes Beispiel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. Frank Decker</strong> ist Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Jüngste Buchveröffentlichungen: Freiheit – Gleichheit – Vertrauen, Bonn 2025 (hrsg. mit Thomas Hartmann-Cwiertnia und Jochen Dahm); Handbuch der deutschen Parteien, 4. Aufl., Wiesbaden 2025 (hrsg. mit Viola Neu) und Politik in stürmischer Zeit, Bonn 2023 (zusammen mit Eckhard Jesse und Roland Sturm).</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><em>Dieser Artikel steht nur in der Kaufversion der Zeitschrift </em><strong>vor</strong><em>gänge zur Verfügung. Sie können das Heft hier im <a href="https://www.humanistische-union.de/service/shop/vorgaenge">Online-Shop der Humanistischen Union</a> erwerben: die Druckausgabe für 28.- € zzgl. Versand, die PDF-/Online-Version für 10.- €.</em></p>
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		<title>Die Unterpräsentation von Ostdeutschen: Eine Rezension</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 14:50:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensweisen / Pluralismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Sammelband behandelt die Unterrepräsentation von Ostdeutschen und von Menschen mit Migrationshintergrund und präsentiert auf der Grundlage von langjährigen Forschungen und Datensammlungen wichtige Aussagen dazu. In der vorliegenden Rezension werden aber nur die Teile des Buches besprochen, die Ostdeutsche betreffen. Ferne Eliten ist in neun Kapitel gegliedert, denen ein Vorwort vorangestellt ist. Aus ihm erfährt [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-unterpraesentation-von-ostdeutschen-eine-rezension/">Die Unterpräsentation von Ostdeutschen: Eine Rezension</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">Der Sammelband behandelt die Unterrepräsentation von Ostdeutschen und von Menschen mit Migrationshintergrund und präsentiert auf der Grundlage von langjährigen Forschungen und Datensammlungen wichtige Aussagen dazu. In der vorliegenden Rezension werden aber nur die Teile des Buches besprochen, die Ostdeutsche betreffen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western"><i>Ferne Eliten</i><i> </i>ist in neun Kapitel gegliedert, denen ein Vorwort vorangestellt ist. Aus ihm erfährt man, wie die Herausgeber*innen und Autor*innen sich seit vielen Jahren mit der sozialwissenschaftlichen Erforschung von Eliten der Bevölkerungsgruppen der Ostdeutschen und der Menschen mit Migrationshintergrund befassen. Seit etwa 2009/2010 haben sie den Bedarf einer systematischen Analyse dieser Unterrepräsentationen artikuliert, konnten aber erst 2018 das Projekt <i>Soziale Integration ohne Eliten? Ausmaß, Ursachen und Folgen personeller Unterrepräsentation der ostdeutschen und migrantischen Bevölkerung in den bundesdeutschen Eliten</i> unter Leitung und Trägerschaft von Naika Foroutan und Sabrina Zajak (DeZIM-Institut, Berlin), Lars Vogel (Universität Leipzig) und Raj Kollmorgen (Hochschule Zittau/Görlitz) starten. Bis 2021 wurde das Projekt umgesetzt und der vorliegende Band präsentiert dessen Ergebnisse.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Im ersten Kapitel führt Kollmorgen in das Problem der Unterrepräsentation Ostdeutscher in den Eliten übersichtlich ein. Er zeigt, dass eine deutliche Mehrheit der politischen Klasse in der Bundesrepublik erst die sozialen Ungleichheiten, die soziokulturellen Asymmetrien und das Anerkennungsgefälle zwischen Ost und West für Probleme von abnehmender gesellschaftspolitischer Relevanz hielt, da sie sich mittelfristig von selbst erledigen würden. Erst mit der Fluchtmigration 2015/2016 und der in Ostdeutschland anschwellenden Fremdenfeindlichkeit änderte sich dies. Angesichts der Wahlerfolge der AfD wurde gefragt, ob dies mit der Unterrepräsentation Ostdeutscher in den Eliten der Bundesrepublik zu tun habe und ob es ostdeutsche Eliten braucht, damit ostdeutsche Interessen durchgesetzt werden (können).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dann werden begriffliche und konzeptuelle Grundlagen der Repräsentation, Rekrutierung und Integration von Eliten behandelt. Die Autor*innen wollen Eliten aus den Perspektiven von Herrschaft, Repräsentation und sozialer Ungleichheit untersuchen. Folgt man Kollmorgen, so hat die Unterrepräsentation Ostdeutscher in den Eliten für das demokratische System folgende vier Wirkungen:</p>
<ol>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Unterrepräsentation stelle die Repräsentation und damit die Wahrnehmung, Vermittlung und Durchsetzung der besonderen Ideen und Interessen der Ostdeutschen in Frage oder beschränke sie.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Sie unterminiere die symbolische Repräsentation der Ostdeutschen und damit deren Identifikationschancen mit den herrschenden Eliten und sozialen Ordnungen.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Sie führe hinsichtlich der Funktionalität demokratischer Eliten nach innen (a) für ostdeutsche Eliteangehörige zu sozialisatorischer Anverwandlung an die dominierenden Eliten. Nach außen (b) steige mit der Unterrepräsentation das Risiko gesellschaftlicher Desintegration.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Dadurch würden die Ressourcen, Ideen und Gestaltungsvorschlägen von Ostdeutschen marginalisiert. Zudem münde deskriptive Unterrepräsentation in die Schwächung der Legitimität sozialer Ordnungen.</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Diese Wirkungen von Unterpräsentation sind einleuchtend und scheinen auf der Hand zu liegen. Allerdings wird die darin liegende Dramatik von Kollmorgen stark versachlicht, sodass Lesende das Gefühl beschleicht, sie wird heruntergespielt. Hinzu kommt, dass die von ihm beschriebenen Wirkungen zwar alle für Ostdeutschland im Vergleich zu Westdeutschland nachweisbar sind, man fragt sich aber, wie der behauptete Kausalzusammenhang bewiesen werden kann.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zum Abschluss des Einleitungskapitels werden die empirische Forschungslage und die Ursachenforschung zur Eliteunterrepräsentation skizziert. Dabei erfährt man, dass sektorenübergreifende repräsentative Erhebungen zu den deutsch-deutschen Eliten nach 1995 – sprich nach der Potsdamer Elitestudie (Bürklin et al. 1997) – lange nicht mehr realisiert wurden. Erst 2011/2012 gab es eine neue Repräsentativerhebung am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin, die allerdings nur eine kleinere, wirtschaftslastige Stichprobe aufwies und sich auf selektive Wert- und Einstellungsprobleme konzentrierte (Bunselmeyer et al. 2013). Die Ursachenforschung zur Unterrepräsentation Ostdeutscher wird nur kurz referiert. Sie werden auf die hegemonialen theoretischen Ansätze in der Ostdeutschland- und Vereinigungsforschung zurückgeführt, die mit der Hegemonie westdeutscher Eliten in den Sozialwissenschaften einhergehen. Für diese Akteure sei die Beschäftigung mit der eigenen Rolle im akademischen Vereinigungsgeschehen und der sozialen Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschen bei der Besetzung von Spitzenpositionen schwierig. Dass die Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschen auch Herrschaftsverhältnisse zwischen ihnen bei der Besetzung von Elitepositionen erzeugt, leuchtet ein, und es stellt sich hier die Frage, wie dieses Herrschaftsverhältnis westdeutscher Akteure durchbrochen werden kann.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Kapitel zwei von Katharina Heger und Lars Vogel zur Positionsauswahl in der Elitenstudie ist der sogenannte Sample Report, der die Erhebungslogik beschreibt. Er beginnt damit, die vorgenommene Positionsauswahl zu begründen. Untersucht wurden (in zwölf gesellschaftlichen Teilbereichen): Politik, staatliche Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften, Justiz, Militär, Sicherheit, Medien, Kultur, Zivilgesellschaft und Religion. Es wurden sowohl der soziodemographische Hintergrund als auch die Karrierebiografien von insgesamt 3.541 Personen in 3.966 Führungspositionen analysiert. Die verwendeten Elitebegriffe werden erläutert, und die Erhebungssystematik für die einzelnen gesellschaftlichen Teilbereiche wird aufgeschlüsselt. Die Studie versteht Eliten hauptsächlich als Positionseliten (Abschn. 1.2.1). Informeller Einfluss außerhalb dieser Positionen bleibt unberücksichtigt. Zentral für die Identifikation dieser Eliten ist deren Position oder das Amt, die oder das zu einem besonderen Einfluss befähigt. Damit orientiert sich Erhebung der Elitepositionen an der Erhebungslogik vorangegangener Elitestudien, insbesondere der Potsdamer Elitestudie.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Daneben konzentriert sich die Studie auf Subeliten (siehe Abschn. 1.2.3), die einflussreiche Führungspositionen unterhalb der Ebene der Positionseliten bekleiden, weil sie meist die Ausgangsbasis für einen Aufstieg in Spitzenpositionen sind. Das Kapitel erläutert dann, die Erhebungssystematik für alle gesellschaftlichen Teilbereiche. Für alle Zwölf wird die Auswahl der Positionseliten und Subeliten übersichtlich vorgestellt.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In Kapitel drei – <i>Ausmaß und Persistenz personeller Unterrepräsentation in den Eliten Deutschlands</i> – gelingt es Vogel, die Unterrepräsentation Ostdeutscher, auf Grundlage von Biografieerhebungen umfänglich und überzeugend darzustellen. Ost- und westdeutsche Eliten werden dabei primär auf Basis ihrer Herkunft unterschieden. Ostdeutsche sind demzufolge jene, die in der DDR oder in Ostdeutschland geboren sind, und Westdeutsche sind die, die in Westdeutschland geborenen sind. Von den 83,4 Millionen Einwohner*innen Deutschlands im Jahr 2019 waren nach ihrem Wohnort circa 14,9 Prozent Ostdeutsche. Die Einwohner*innen Berlins wurden dabei nicht als Ostdeutsche gezählt. Wegen der innerdeutschen Wanderungen und dem Sonderfall Berlin muss Vogel den Anteil der gebürtigen Ostdeutschen schätzen und kommt dabei auf circa 19,4 Prozent der gesamtdeutschen Bevölkerung. Ausgangspunkt dafür ist die Repräsentativbefragung des Forschungsprojekts <i>Soziale Integration ohne Eliten?</i> von 2019.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Im folgendem weist Vogel hinsichtlich der einzelnen Sektoren (Politik, Wirtschaft, Recht etc.), der Ebenen (Bund/Länder) und Elitetypen (Positions- und Reputationselite) differenziert die Unterrepräsentation aus. In den Positionseliten sind Ostdeutsche dann personell unterrepräsentiert, wenn ihr Anteil an den Inhaber*innen von Elitepositionen unter 17,8 Prozent liegt. Das geht auf die Minimalschätzung des Anteils der in Ostdeutschland geborenen Menschen zurück.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Da Ostdeutsche nur einen Anteil von 11,2 Prozent der Positionseliten in Deutschland stellen, sind sie personell unterrepräsentiert. Unterschieden nach politischer Ebenen ergibt sich folgendes: „Der Anteil an Ostdeutschen in Elitepositionen auf Landesebene entspricht mit 18,5 % nahezu ihrem Bevölkerungsanteil. Auf der Bundesebene fällt er mit 8,1 % hingegen deutlich geringer aus, noch einmal weniger Ostdeutsche finden sich auf der EU- (6,7) oder der internationalen Ebene (1,3)“ (S. 128).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Noch stärker unterrepräsentiert sind Menschen mit Migrationshintergrund, die nur 8,9 Prozent der höchsten Führungspositionen in Deutschland einnehmen. Das entspricht nur einem Drittel ihres Anteils in der Bevölkerung.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Für alle Sektoren wird gezeigt, in welchem Maße Ostdeutsche personell unterrepräsentiert sind. Zweistellig ist ihr Anteil in Staat, in Zivilgesellschaft, Sicherheit, Gewerkschaften und Verwaltung, weshalb dort von nur geringer Unterrepräsentation gesprochen werden kann. Im oberen einstelligen Bereich finden sich Ostdeutsche in Kultur, Medien, Religion und Wirtschaft. Den niedrigsten Anteil an Ostdeutschen weisen die Sektoren Wissenschaft, Justiz und Militär auf. Die Differenzen ergeben sich, so Vogel, aus sektorspezifischen Rekrutierungsmechanismen. Universell wirkende Exklusions- oder allgemeine Diskriminierungsmechanismen reichen dem Autor zur Erklärung nicht aus. Gleichwohl ergibt sich aus den Zahlen eine strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen, die aber weder thematisiert noch bearbeitet wird.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Eine Ausnahme von der Unterrepräsentation bilde der Politiksektor. Dass Ostdeutsche im Staat mit 19,8 Prozent gemäß ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung vertreten sind, beruhe auf der Besetzung von Elitepositionen durch Ostdeutsche in den ostdeutschen Ländern auf Landesebenen.</p>
<blockquote class="western">
<p>„Dass die Ostdeutschen innerhalb des politischen Bereichs i. e. S. nicht personell unterrepräsentiert sind, ist [&#8230;] wesentlich ein Ergebnis der föderalen Grundstruktur Deutschlands, die über die Bundesländer einen regionalen Handlungsrahmen bereitstellt, innerhalb dessen regionale Anbindung als Rekrutierungsmerkmal eine größere Rolle als auf Bundesebene spielt.“ (S. 128; vgl. auch das Fazit auf S.143)</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Diese Wertung verblüfft sehr. Denn gerade die Besetzungen von ostdeutschen politischen Elitepositionen vor Ort, in den ostdeutschen Ländern und Kommunen durch Westdeutsche ist jedem Ostdeutschen ein geläufiges Problem, und sie bildet den für jede*n sichtbaren Kern der ungleichen Repräsentations- und Herrschaftsverhältnisse zwischen Ost und West. Ostdeutsche in westdeutschen Ländern auf Elitepositionen gibt es praktisch nicht, hingegen werden in ostdeutschen Bundesländern nach wie vor Elitepositionen mit Westdeutschen besetzt. Dass der Anteil Ostdeutscher an den politischen Eliten auf Landesebene an ihrem Anteil an der deutschen Gesamtbevölkerung gemessen wird, ist falsch, denn es wird ein falscher Maßstab zu Grunde gelegt. Damit werden die Verhältnisse nicht offengelegt, sondern verzerrt. Man würde für kein westliches Bundesland die Besetzung der politischen Landeselitepositionen danach beurteilen, welchen prozentualen Anteil dieses Land an der Gesamtbevölkerung hat. Vielmehr gilt für das einwohnerschwächste (Saarland) wie das einwohnerstärkste Land (Nordrhein-Westfalen) gleichermaßen, dass seine Identität auch durch eine Mehrheit von Landeskindern in Elitepositionen gewährleistet wird. Grob geschätzt wären dafür jeweils circa 60 Prozent (das heißt deutlich mehr als die Hälfte) der zu besetzenden Landespositionen durch Landeskinder erforderlich. Stattdessen wäre zu ermitteln gewesen, wie stark auf Landesebene in den Eliten jeweils Landeskinder vertreten sind und in welcher Weise sich dabei ostdeutsche Länder von westdeutschen unterscheiden. Erst durch diesen Vergleich wäre beurteilbar, was in Ostdeutschland auf Landesebene tatsächlich geschehen ist.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der Anteil Ostdeutscher an politischen Elitepositionen in den Ländern kann deshalb nicht nach ihrem prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung bewertet werden. Vielmehr müssen die in den 5,5 Ländern (fünf neue Bundesländer und knapp die Hälfte des Landes Berlin) vorhandenen politischen Elitepositionen ins Verhältnis zur Gesamtzahl aller zu besetzenden politischen Elitepositionen im Bund <i>und</i> in den 16 Bundesländern gesetzt werden. Insgesamt werden im Sektor Politik 717 Elitepositionen, besetzt von 619 Personen, und 480 Subelitepositionen, besetzt von 390 Personen, identifiziert und untersucht. Abzüglich von 19 EU-Führungspositionen gehören davon 379 zum Bund und 627 zu den Ländern. Aufgeteilt auf 16 Länder sind das für jedes Land 23,6 Positionen im Bund, und in den 16 Ländern jeweils etwa 39 Positionen. Im Bund könnte man eine Vertretung Ostdeutscher nach ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung für richtig halten, nicht aber auf Landesebene. Hier muss anders gerechnet werden, und es müssen die ostdeutschen Länder in ihrem Umgang mit den Landeskindern mit den westdeutschen Ländern verglichen werden. Insbesondere für politischen Elitepositionen auf Landesebene kann nicht einfach vom ostdeutschen Bevölkerungsanteil an der deutschen Gesamtbevölkerung ausgegangen werden. Von 39 Positionen wären das etwa 21 Positionen, die mit Ostdeutschen zu besetzen sind. Für 5,5 Länder wären das 115,5 Positionen. Durch die von Vogel angewandte Berechnung wird aber die Beherrschung durch Westdeutsche in den ostdeutschen Bundesländern gerade nicht offengelegt. Stattdessen wird im entscheidenden Politikbereich suggeriert, Ostdeutsche seien auf Elitepositionen adäquat vertreten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Das vierte Kapitel von Lars Vogel, Volker Brandy und Justus Junkermann zu <i>Bildung und Beruf in der Elitenrekrutierung als Ursache für personelle Unterrepräsentation</i> analysiert die Bildungsniveaus und -wege sowie die Berufsprofile der ostdeutschen Eliteangehörigen. Der These vom nachholenden Aufstieg zufolge soll mit bildungs- und berufsbezogener Anpassung der Ostdeutschen die personelle Unterrepräsentation abgebaut werden. Die vorgelegten Analysen zeigen einen geringeren Akademisierungsgrad der ostdeutschen (altersadjustierten) Bevölkerung und eine stärkere Verbreitung mittlerer Schulabschlüsse. Auch das Berufsprofil späterer Eliten unterscheide sich bereits frühzeitig von dem der (altersadjustieren) Bevölkerung. Die ostdeutsche Bevölkerung ist eher in technischen Bereichen (MINT) als (Fach-)Arbeiter*in oder in beruflichen Laufbahnen tätig, die üblicherweise nicht zu Führungspositionen in Management und Verwaltung führen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Ursachen dafür verorten die Autoren in der Bildungs- und Berufsstruktur der DDR, den ökonomischen Unsicherheiten nach 1990, den geringeren finanziellen Ressourcen, der Sozialstruktur in Ostdeutschland und der kulturellen Tradierung von Bildungs- und Berufsorientierungen, die an die Facharbeiterkultur der DDR angelehnt sind. Die These des nachholenden Aufstiegs besitze eine gewisse Gültigkeit, da Westdeutsche durch ihre Bildung und ihren Beruf auch gegenwärtig und mittelfristig noch Vorteile für den Aufstieg in Elitepositionen besitzen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auf der empirischen Basis von 2.783 Biografien zeigt sich, dass Ostdeutsche ebenso wie Menschen mit Migrationshintergrund in den bundesdeutschen Positionseliten rund dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung weiterhin seltener in Elitepositionen vertreten sind als nach ihrem jeweiligen Bevölkerungsanteil zu erwarten wäre. Wiederholt wird, dass sektorale Unterschiede zu beobachten sind, die auf bereichsspezifische Rekrutierungsmechanismen, Aufstiegskriterien und -hindernisse verweisen. Eine einfache und universelle Erklärung (wie gruppenspezifische Diskriminierung) sei damit weder belegt noch ausgeschlossen. Sie sei aber als einziger Erklärungsfaktor unplausibel, weil sonst keine ausgeprägten sektorspezifischen Unterschiede erkennbar sein dürften. Künftig müssten die Rahmenbedingungen untersucht werden, unter denen eine solche Diskriminierung und andere Exklusionsmechanismen wirksam sind.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zum nachholenden Aufstieg wird zusammengefasst: Der Vergleich mit früheren Studien zeige keinen systematischen Anstieg des Anteils der Ostdeutschen in Elitepositionen, vielmehr Schwankungen und teilweise sogar Rückgänge. Ein nachholender Aufstieg, der zu einem Abbau der Unterrepräsentation führe, sei auf Ebene der Positionseliten bisher nicht zu erkennen. Zudem setzt ein nachholender Aufstieg voraus, dass die Ostdeutschen das für einen baldigen Einstieg notwendige Kompetenz- und Qualifikationsprofil seit 1990 erworben haben. Auch diese Vermutung können die Autoren nur für den politischen Sektor bestätigen. Sie resümieren: „Insgesamt sprechen damit wenige Anhaltspunkte für die These, dass sich die personelle Unterrepräsentation der Ostdeutschen in naher Zukunft von allein verringert“ (S. 144.). Ein Zusammenhang zur unterscheidbaren Sozialstruktur zwischen Ost und West wird leider nicht hergestellt. Ein solcher könnte aber überzeugend erklären, warum die Unterrepräsentation fortbesteht und nur schwer überwunden werden kann.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Kapitel fünf von Katharina Heger und Kathleen Heft untersucht nur das intersektionale Geschlechterverhältnis von Personen mit und ohne Migrationshintergrund in den höchsten Führungspositionen. Das ist schade, weil hier hätte gezeigt werden können, was aus dem Emanzipationsvorsprung ostdeutscher Frauen nach der Wiedervereinigung geworden ist.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Kapitel sechs von Kathleen Heft, Susanne Lerche und Jan Schaller – <i>Ich guck mir den Chef an und denke: Was der kann, kann ich auch!</i> – beschreibt auf Basis von 16 leitfadengestüzten Interviews, wie Eliteangehörige ihre Rekrutierungswege und -mechanismen wahrnehmen und beurteilen und welche Voraussetzungen und Hindernisse sie dabei beschreiben. Von den 16 Personen sind sieben aus Ostdeutschland, die selbst als junge Erwachsene die DDR miterlebt haben. Für die Autor*innen ist die soziale Herkunft der wichtigste Grund für die Eliterekrutierung. Damit folgen sie den letzten beiden großen Elitestudien. Diese hätten gezeigt, dass „höhere soziale Herkunftsgruppen überproportional, niedere soziale Herkunftsgruppen unterproportional vertreten [sind]“ (S. 237). Dies gelte auch für die Unterrepräsentation Ostdeutscher.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In einer theoretisch-konzeptuellen Einleitung wird primär auf Pierre Bourdieus Kapital-, Habitus- und Sozialraumtheorie verwiesen. Sie ermögliche, die Erzählungen der Interviewten in die strukturelle Ungleichverteilungen von Ressourcen und Chancen einzuordnen und zu analysieren. Der Schwerpunkt wird dabei auf das soziale und kulturelle Kapital der Interviewten gelegt, dessen Vorhandensein oder Fehlen. Das wird ausführlich erläutert und ergänzt mit Ansätzen der Milieuforschung.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Daran anschließend werden die Auffassungen zur Legitimität dieser Ressourcen, des sozialen Kapitals, durch die Interviewten vorgestellt. Die Kritik an der Abgeschlossenheit von Netzwerken für Ostdeutsche und Frauen sowie die Infragestellung von (familiären) Beziehungen als Grundlage und Treiber von Karrieren bemängele vor allem die Aussetzung des „meritokratischen Versprechens“ und der meritokratischen Legitimation von Eliten. Wenn Elitepositionen über (familiäres) soziales Kapital und Beziehungen, statt persönliche Leistung rekrutiert werden, bleibt Chancengleichheit ein leeres Versprechen. In diesen Kritiken trete zutage, dass und wie Chancen entlang von Zugehörigkeiten und Herkünften ungleich verteilt sind. Auch wenn soziale Herkunft und Geschlecht nach wie vor zentrale Faktoren in der Eliterekrutierung darstellen und es typisierbare Merkmale von Elitekarrieren gibt (Abschn. 6.4), greife eine Beschränkung darauf als Erklärung zu kurz und werde auch durch die Interviewten teils abgelehnt. Es gäbe Elitekarrieren „entgegen aller Wahrscheinlichkeit“ (Abschn. 6.5). Sagt das mehr als die Volksweisheit, dass Ausnahmen die Regel bestätigen?</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In Kapitel sieben von Vogel und Zajak zur <i>Eliten und Unterrepräsentation aus Sicht der Bevölkerung – Wahrnehmung, Bewertung, Folgen</i> wird auf Grundlage einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage beschrieben, welches Wissen, welche Einschätzungen und Beurteilungen der Unterrepräsentation bei Ostdeutschen und Personen mit Migrationshintergrund vorliegen und ob diese mit politischen Einstellungen zu Demokratie und Institutionenvertrauen korrelieren. Zunächst geht es um die Wahrnehmung und Bewertung personeller Unterrepräsentation von Ostdeutschen in Elitepositionen. Die Befragungen zeigen, dass die Unterrepräsentation mehrheitlich von Ostdeutschen wahrgenommen wird.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Aussage, dass personelle Unterrepräsentation kein Problem ist, weil Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund ja gar nicht aufsteigen wollten, lehnten über 80 Prozent ab. Von den Befragten sehen 64 Prozent Ostdeutsche als unterrepräsentiert an. Sie schätzen ihren Anteil sogar auf nur 10,4 Prozent, während die Westdeutschen die Unterrepräsentation der Ostdeutschen mit 13,5 Prozent weniger ausgeprägt wahrnehmen. Fast drei Viertel der Befragten halten den geringen Anteil an den Eliten für problematisch, weil Ostdeutsche die Interessen und Bedürfnisse der eigenen Gruppe am besten vertreten können. Die Autor*innen betonen zu Recht, dass damit die eingeschränkte substanzielle und inhaltliche Repräsentation von den meisten Befragten als Folge personeller Unterrepräsentation beurteilt wird. Weniger, aber immer noch etwa 60 Prozent, halten Unterrepräsentation für ein Problem der Funktionalität und der Legitimität von Eliten. Die Gesellschaft könnte von ostdeutschen Ideen und Erfahrungen profitieren (Funktionalität), und die unzureichende Vertretung einzelner Bevölkerungsgruppen in den Eliten sei ungerecht (Legitimität). Noch weit über die Hälfte problematisieren das Ostdeutsche Bürger*innen zweiter Klasse seien (symbolische Repräsentation).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Gegenmaßnahmen wurden wie folgt befürwortet: Mit 68,4 Prozent befürworten die meisten Befragten Maßnahmen, die den Stimmen von Ostdeutschen mehr Gehör in der öffentlichen Debatte verschaffen sollen. Eine Mehrheit ist ebenfalls dafür, dass Menschen mit Migrationshintergrund in der Öffentlichkeit stärkere Aufmerksamkeit zuteilwird. Dieser Wunsch fällt jedoch signifikant geringer aus als für Ostdeutsche. Die Autor*innen halten fest, dass die politische Unterstützung der Befragten vor allem dann geringer ist, wenn sie Unterrepräsentation der Ostdeutschen als Probleme von Legitimität und symbolischer Repräsentation wahrnehmen. Dem gegenüber spielten Aspekte eingeschränkter Funktionalität der Interessenvertretung (substantielle Repräsentation) kaum eine Rolle. Dieses Kapitel ist eines der aufschlussreichsten, liest sich aber wegen der soziologischen Fachsprache schwer.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Das achte Kapitel – <i>Elitenskepsis im Osten. Befunde einer Distanz</i> – von Lerche und Schaller untersucht, wie Ostdeutsche Eliten wahrnehmen, bewerten und welche Assoziationen damit verbunden sind. In neun Gruppendiskussionen in Berlin, Görlitz und Magdeburg hinterfragten die Autor*innen simplifizierende Vorstellungen ostdeutscher Elitefeindschaft. Auch dieses Kapitel beginnt mit semantisch-historischen Einordnungen des Elitebegriffs. Dabei wird auf die besondere Verwendung des Begriffs in der ehemaligen DDR eingegangen (Abschn. 8.1). In der Folge wird berichtet über die Assoziationen und Bewertungen des Elitebegriffs durch die Befragten (Abschn. 8.2). Leben in der DDR und Ablehnung des Elitebegriffs sei kein Automatismus: Etwa wird Wissenschaftler*innen und Sportler*innen ein Status als positive oder „echte“ Elite zugestanden. Die Autor*innen gehen so weit festzustellen, dass neutrale und positive Äußerungen nur dann überraschen, wenn man simplifizierenden Vorstellungen über „die Ostdeutschen“ anhänge. Sodann werden Ansprüche an die Eliten beziehungsweise Konzeptionen einer Idealelite der Befragten vorgestellt und verdeutlicht, dass es eine pauschale Eliteablehnung nicht gibt. Die Bewertungen sind vielfältig, ambivalent und unterscheiden sich stark. Es zeige sich zudem, dass Ostdeutsche in einigen Bereichen höhere Erwartungen und stärker idealisierte Vorstellung davon haben, wie Eliteangehörige agieren und sein sollten. Hier klaffe – im Vergleich zu Westdeutschen – eine größere Lücke für potenzielle Enttäuschung und Entfremdung. Für den Politiksektor sei nachgewiesen, dass eine als nicht ausreichend wahrgenommene Responsivität und Repräsentativität politischer Entscheidungsträger*innen dazu führe, dass deren Legitimität infrage gestellt wird. In der Konsequenz könne das zu einer Distanzierung vom politischen System per se, mindestens aber von den als etabliert geltenden Organisationen und Institutionen führen (Abschn. 8.3). Als eine wichtige Ursache für diese Ambivalenzen werden hohe Ansprüche seitens der Befragten (insbesondere der Ostdeutschen) an eine Idealelite, bei gleichzeitig wahrgenommenen Mängeln hinsichtlich Responsivität und Legitimation angeführt (Abschn. 8.4).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In Kapitel neun, <i>Wege aus der Unterrepräsentation: Resümee und gesellschaftspolitische Handlungsempfehlungen,</i> von Kollmorgen, Vogel und Zajak werden acht Thesen beziehungsweise Handlungsempfehlungen aufgestellt, die zwar überzeugen, aber sehr verklausuliert formuliert sind:</p>
<ol>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Relevanz des Elitethemas</i>: Es beginnt banal: „Die (personelle) Repräsentation wichtiger sozialer Großgruppen in den bundesdeutschen Eliten stellen ein hochrelevantes gesellschaftspolitisches Thema und Handlungsfeld dar“ (S. 360). Für die Autor*innen heißt dies, dass sich darüber, welche sozialen Gruppen und Personen, mit welchen Herkünften und unter welchen Aufstiegsbedingungen oder -chancen in den (sektoralen) Eliten überhaupt oder überwiegend vertreten sind, demokratische Teilhabe, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Akzeptanz der politischen Ordnung und Zukunftsfähigkeit des Landes entscheiden.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Deskriptive Unterrepräsentation – differenzierte Befundlage und komplexe Herausforderungen</i>: Für beide Bevölkerungsgruppen, Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund, bestehe über alle Sektoren hinweg eine signifikante deskriptive Unterrepräsentation in den bundesdeutschen Eliten. Dieser Befund müsse aber gruppen- und sektorbezogen differenziert werden.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Die Unterrepräsentation wächst sich nicht einfach aus:</i> Die personelle Unterrepräsentation der Ostdeutschen hat sich zwischen 1995 und 2022 nicht verringert. Zuwächsen, etwa in den Bereichen Verwaltung und Justiz, stehen gleichbleibende oder sogar sinkende Anteile in den Bereichen Wirtschaft und Medien gegenüber.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Die Wahrnehmung und Beurteilung der Unterrepräsentation in der Bevölkerung erzeugt einen politischen Handlungsdruck: </i>Die Bevölkerung nimmt mehrheitlich die Formen der Unterrepräsentation wahr – etwas häufiger die der Menschen mit Migrationshintergrund. Die Wahrnehmung der deskriptiven Unterrepräsentation der Ostdeutschen sei dabei nicht ein Vorurteil, das aus einer distanzierten bis feindseligen Haltung gegenüber der Demokratie entsteht, sondern eine Wirklichkeitswahrnehmung. Die Unterrepräsentation von Ostdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund wird ähnlich negativ beurteilt. Einzig den Handlungsdruck zum Abbau der Unterrepräsentation stuft die Bevölkerung für Menschen mit Migrationshintergrund ein wenig geringer ein. Die Bevölkerung beurteile mögliche Gegenmaßnahmen sehr unterschiedlich, mache aber zwischen beiden Gruppen keine Unterschiede. Eine gesetzliche Quote, um den Anteil unterrepräsentierter Gruppen in Elitepositionen zu erhöhen, findet wenig Anklang. Maßnahmen, die auf individuelle Förderung und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Unterrepräsentation beider Gruppen zielten, fänden dagegen breite Unterstützung.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>K</i><i>omplexe soziale Mechanismen als Ursachen für die Unterrepräsentation</i>: Für die Ostdeutschen handele es sich einerseits um eine Langzeitwirkung des DDR-Staatssozialismus, der demokratisch eingestellten Ober- und Führungsschichten aus dem Land trieb und zugleich die Entwicklung und Formung elitären Bewusstseins konsequent bekämpfte. Andererseits sei die Marginalisierung eine langfristige Folge der Art und Weise der deutschen Vereinigung. Diese wurde als „Beitritt“ (nach Artikel 23 des alten Grundgesetzes) realisiert und hatte die Übernahme der Legalinstitutionen und organisierten Akteur*innen der alten Bundesrepublik zur Folge. Für deren Eliten kamen Ostdeutsche nur selten infrage. Sie hätten weder über das notwendige Fachwissen noch über adäquate formale Berufsqualifikationen und -erfahrungen verfügt. Insofern sei der massive Elitetransfer in den 1990er Jahren durch den Staatssozialismus vorbereitet und mit dem Modus des Beitritts gesetzt gewesen.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Folgen der Unterrepräsentation</i>: Die gesellschaftliche und politische Relevanz deskriptiver respektive personeller Unterrepräsentation könne sich in den vier Problembereichen Legitimität, Funktionalität, substanzielle (Interessen-)Repräsentation und symbolische Repräsentation zeigen. Da die Legitimität von Demokratien in modernen Gesellschaften auf politischer Gleichheit beruhe, würden nur Status- und Positionszuweisungen auf Basis meriokratischer Verfahren als legitim gelten. Personelle Unterrepräsentation in Elitepositionen deutet daher auf eine Verletzung dieser Prinzipien hin.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Wie kann die Unterrepräsentation </i><i>ü</i><i>berwunden werden?</i> Ob und inwieweit Repräsentationsdefizite und gegebenenfalls in welchen Sektoren als kritisch und zu überwinden angesehen werden, bleibe umstritten und müsse politisch entschieden werden. Quotierungen in der Eliterekrutierung seien grundsätzlich denkbar. Sie bedeuteten – wie die meisten positiven Diskriminierungen – nicht nur kollektive, sondern individuell einklagbare Anspruchsrechte. Das werfe die Frage auf, wer heute im juristischen Sinne ostdeutsch ist. Rechtlich lasse sich wohl nur das Wohnort- oder Standortprinzip anwenden. Förderprogramme zur Unterstützung der ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitalbildung für Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund seien zwar partiell mit vergleichbaren Problemen wie die Quotierung beladen, ließen sich aber offener und insofern vermutlich auch rechtssicher organisieren und umsetzen, könnten aber erst mittel- und langfristig wirken.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Forschungsbedarf – Monitoring und Vertiefung</i>: Wenn man die Entwicklung der personellen Unterrepräsentationen beobachte und regelmäßig berichte, hätte man ein Instrument zur Sensibilisierung von Öffentlichkeit und (Personal-)Entscheider*innen, um die Wirkung möglicher Maßnahmen sichtbar zu machen.</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Nicht alle Thesen sind gleichgewichtig, und nicht alles wird nachvollziehbar argumentiert. Dennoch gelingt eine informative und überzeugende Zusammenfassung zur Unterpräsentation Ostdeutscher. Damit ist ein Standard gesetzt, an dem sich jede weitere Berichterstattung über die Unterrepräsentation Ostdeutscher messen lassen muss.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Prof. Dr. Rosemarie Will</strong> studierte Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der sie von 1989 bis 2014 eine Professur Öffentliches Recht, Staatslehre und Rechtstheorie inne hatte. Sie war von 1996 bis 2006 Richterin am Landesverfassungsgericht Brandenburg. Außerdem arbeitete sie am Verfassungsentwurf des Zentralen Runden Tisches der DDR mit. Zudem war sie von 2005 bis 2013 Vorsitzende der Humanistischen Union. Sie ist Mitglied des Beirats der Humanistischen Union und der Redaktion der <b>vor</b>gänge.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Zus&auml;tzlich verwendete Literatur</h3>
<p align="justify"><em>Bunselmeyer, Elisabeth et al.</em> 2013. Projektbericht Entscheidungsträger in Deutschland: Werte und Einstellungen, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Bürklin, Wilhelm et al.</em> 1997. Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/die-unterpraesentation-von-ostdeutschen-eine-rezension/">Die Unterpräsentation von Ostdeutschen: Eine Rezension</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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            	</item>
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		<title>Verborgene Wunden: Strukturelle Diskriminierung und die ostdeutsche Erfahrung im gesamtdeutschen Diskurs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 15:00:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensweisen / Pluralismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Einheit]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
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		<category><![CDATA[Ostdeutschland]]></category>
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		<category><![CDATA[Wiedervereinigung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Reaktionen auf die Frage, ob es strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen gibt, die ich zu Beginn meiner Recherchen für diesen Artikel gestellt habe, waren sehr unterschiedlich: Von Zustimmung und Bestärkung („Das ist so wichtig!“) über neutrales Schulterzucken („Das ist für mich kein Thema mehr.“) bis hin zu Unverständnis („Wozu jetzt noch?“) oder latenter Genervtheit („So [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/verborgene-wunden-strukturelle-diskriminierung-und-die-ostdeutsche-erfahrung-im-gesamtdeutschen-diskurs/">Verborgene Wunden: Strukturelle Diskriminierung und die ostdeutsche Erfahrung im gesamtdeutschen Diskurs</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-absatz-ohne-western">Die Reaktionen auf die Frage, ob es strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen gibt, die ich zu Beginn meiner Recherchen für diesen Artikel gestellt habe, waren sehr unterschiedlich: Von Zustimmung und Bestärkung („Das ist so wichtig!“) über neutrales Schulterzucken („Das ist für mich kein Thema mehr.“) bis hin zu Unverständnis („Wozu jetzt noch?“) oder latenter Genervtheit („So wird das ja nie was mit der Einheit.“ oder „Ich bin Europäer!“). Ich versuche in diesem Beitrag erstens zu zeigen, dass die Frage zu bejahen ist. Zweitens erläutere ich, welche Perspektiven es dazu im wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs gibt. Ausblickend möchte ich Ansätze zur Diskussion stellen, die diese spannungsgeladene Debatte (Sichtbarmachen der Benachteiligung versus Relativierung/Opfervorwurf) entschärfen können. Dabei geht es mir darum, Verständnis für den jeweils anderen Standpunkt zu schaffen und Verständigung möglich zu machen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Woran zeigt sich struk&shy;tu&shy;relle Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung von Ostdeut&shy;schen?</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die Kategorie <i>Diskriminierung von Ostdeutschen</i> kommt weder im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) noch in der Charta der Vielfalt noch in den Fortbildungskatalogen zu Diversität oder Diskriminierung vor. Zu Recht? Kategorien wie Neurodiversität werden immer prominenter, aber Diversity beziehungsweise Diskriminierung Ost – dafür gibt es wenig Aufmerksamkeit. Woran liegt das, und worum geht es hier <i>wirklich</i>? Mir geht es weder um Identitätspolitik noch darum, in der Vergangenheit zu stochern. Der Ansatz, nach der strukturellen Diskriminierung von Ostdeutschen zu fragen, ist vielmehr <i>ein</i> Mosaikstein, um die aktuellen gesellschaftspolitischen Erscheinungen und Prozesse in Ostdeutschland zu verstehen und zu verändern. Wo Wut, Aggressionen oder auch Schweigen sind, sind offene Wunden. Nur wenn diese gesehen und die Stimmen dazu gehört werden, können Wunden heilen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Um welche <i>Wunden</i> geht es? Der Historiker Jörg Ganzenmüller (2025) spricht von drei Erfahrungsebenen, um die Zeit der Wende bis hin zur Gegenwart zu beschreiben: Verlusterfahrungen, Entwertungserfahrungen und Ohnmachtserfahrungen. Alle drei Ebenen sind von einem Dominanzverhältnis geprägt, von einem Gefühl nicht auf Augenhöhe zu sein. Dieses Gefühl hat sich tief in das kollektive Gedächtnis vieler Ostdeutscher gegraben. Die Wucht an Erfahrungen, die von einem Großteil als überfordernd und ungerecht erlebt wurde, prägt die heutige Gesellschaft inklusive der Nachwendegeneration.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Um Missverständnisse zu vermeiden: Wenn es im Folgenden um „Ostdeutsche“ und „Westdeutsche“ geht, geht es nicht um Aussagen über Identitätsaspekte einzelner Menschen, sondern um „strukturelle Aussagen über und zwischen sozialen Gruppen, die notwendigerweise analytische Abstraktionen und Generalisierungen bedeuten“ (Miethe 2019: 6).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Stimmungs&shy;bild durch Umfrage</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die zitierten Reaktionen aus meinem Umfeld sind das Ergebnis einer anonymen Online-Umfrage, die ich im Frühjahr 2025 per Mail und Nachrichten-App verschickt habe, mit der Bitte, sie an weitere Bekannte aus ganz Deutschland weiterzuleiten. Damit konnte ich ein Stimmungsbild einfangen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Den Begriff <i>Diskriminierung</i> habe ich durch den weniger akademisch klingenden Ausdruck <i>Benachteiligung</i> ersetzt. Die Fragestellung lautete: „Nimmst du eine Benachteiligung Ostdeutscher wahr?“ Begründungen zur jeweiligen Antwort konnten zusätzlich formuliert werden. Von 127 Befragten stimmten circa 60 Prozent mit „Ja“ und 40 Prozent mit „Nein“.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Interessant ist, dass die Begründungen der Nein-Antworten fast ausschließlich subjektive Empfindungen darstellten, während die Ja-Antworten fast ausschließlich mit objektiven, strukturellen Faktoren begründet wurden. Außerdem waren die Ja-Begründungen bedeutend länger. Die Begründungen habe ich jeweils in Kategorien geclustert und quantifiziert. Für einen Eindruck hier die Kategorien und zusätzlich einige Begründungen, die so oder so ähnlich besonders häufig vorkamen:</p>
<p class="v-absatz-einzug-western"><i>Kategorien der Ja-Begründungen und einige Beispiele (O-Töne):</i></p>
<ul>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Ungleichverteilung von Vermögen, Löhnen und Renten</i>: „staatliche Subventionen gehen hauptsächlich in Großunternehmen, die mehrheitlich in Westdeutschland ihren Firmensitz haben“, „Ostdeutsche haben deutlich weniger Einkommen trotz höheren Arbeitspensums, sie haben sehr viel weniger Vermögen, vor diesem Hintergrund wirkt sich auch das Steuersystem (relativ hohe Besteuerung von Arbeit und relativ geringe Besteuerung von Vermögen) nachteilig auf Ostdeutsche aus”, „Fehlende finanzielle Ressourcen aus Familienbesitz, Gewerbe etc. (kaum Privateigentum vor der Wende, kaum Erbschaft, akkumulierter Besitz oder Finanzen, die an Folgegenerationen vererbt werden können) führt zu weniger Kapital im Osten, zu Benachteiligung (nach der Wende konnten ostdeutsche Personen kaum Immobilien am eigenen Wohnort erwerben, hatten kaum Startkapital, damit weniger Ressourcen um zu investieren, zu sparen, anzulegen oder zu erwerben.“, „keine Anerkennung von Berufs- oder Studienabschlüssen – heißt – weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Rentenberechnung.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">50 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Unterrepräsentation in Führungspositionen sowie Einfluss auf Entscheidungen</i>: „Ostdeutsche sind in allen relevanten Bereichen (Wirtschaft, Politik, Medien, Justiz und Wissenschaft) unterdurchschnittlich oft in Führungspositionen vertreten und haben daher weniger Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten.“, „bei der Besetzung hochrangiger Positionen im universitären Kontext, auch Uniklinikum“, „Politik wird im Westen gemacht. Die Probleme der Ossis werden nur als rechts, links oder rückwärts gerichtet und deshalb kaum beachtet.“, „Ostdeutsche sind unter leitenden Funktionsträgern in Verwaltung, Ministerien, Hochschulen und großen Firmen deutlich unterrepräsentiert. Selbst in Ostdeutschland sind z.B. heute noch über die Hälfte der Staatssekretäre aus Westdeutschland.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">21 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Abwertende Darstellung in den Medien oder durch Äußerungen, Dialekte, Witze, Klischees</i>: „Diffamierung als Rechtsradikale, Stasi“, „Man wird anders wahrgenommen, als ob man die Welt erklärt bekommen muss.“, „Kulturell gelten ostdeutsche Eigenschaften und Verhaltensweisen als weniger angesehen.“, „Wenn im öffentlichen Raum, einschl. von Medien, über deutsche Geschichte oder Politik und andere Themen von vor 1989 gesprochen wird, wird meist nur die westdeutsche Geschichte/Politik/Leben dargestellt. Dann denke ich mir häufig, in Ostdeutschland war das anders, das ist nicht meine Geschichte. Ich fühle mich nicht zugehörig und angesprochen.“, „Medien sind in westdeutscher Hand.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">24 Mal erwähnt.</p>
</li>
</ul>
<p class="v-absatz-einzug-western"><i>Kategorien der Nein-Begründungen und einige typische Beispiele:</i></p>
<ul>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Betrifft mich nicht</i>: „bin ausreichend gut situiert.“ „Betrifft mich nicht persönlich“, „Ich werde nicht benachteiligt.“ „da sich in den letzten Jahren sehr viel entwickelt hat. Z.B. beim Gehalt. Und daraus heraus empfinde ich auch keine Benachteiligung.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">14 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Herkunft beziehungsweise O/W hat keine Relevanz oder ist kein Thema</i>: „…die Herkunft wurde nie zum Thema, da ich auch keinen Dialekt spreche.“; „Spielt im Alltag keine Rolle, woher ich komme. Fühle mich auch als Gesamtdeutsche.“, „Ich denke nicht mehr in diesen Kategorien Ost- bzw. Westdeutsch.“, „Weil ich in Westdeutschland lebe und ich oft gar nicht weiß, wer ost- oder westdeutsch ist.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">10 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Chancengleichheit/individuell</i>: „Gleiche Chancen vorhanden bei gleicher Qualifikation.“, „Es gibt überall Benachteiligung, aber nicht speziell, weil man aus dem Osten stammt“, „Ostdeutsche haben die gleichen Rechte und Möglichkeiten wie Westdeutsche. Alles andere ist rein individuell.“, „Benachteiligt wird, wer sich benachteiligen lässt. Dies entsteht u.a. durch fehlendes oder kleineres Selbstbewusstsein bzw. Selbstwertgefühl.“, „Jeder hat die Möglichkeit sich zu entwickeln. Die meisten Unzufriedenen wollen sich nur nicht die Mühe machen und suchen deshalb einfache Ausreden und geben anderen die Schuld.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">10 Mal erwähnt.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Mediengemacht</i>: „Ich halte eine angebliche Diskriminierung von Medien gemacht.“, „Ich fühle mich als Deutscher und finde die Ost-West Spaltung des Volkes durch Medien und solche Umfragen das letzte.“</p>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">2 Mal erwähnt.</p>
</li>
</ul>
<p class="v-absatz-einzug-western">Etwa zwei Drittel der Befragten sind oder fühlen sich eher Ostdeutsch. Die große Mehrheit derer nimmt eine Benachteiligung Ostdeutscher wahr, und begründet dies mit strukturellen Faktoren. Diese Texte waren im Schnitt mehr als doppelt so lang.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Anzunehmen ist, dass hinter den längeren Antworten nicht nur ein Mitteilungsbedürfnis steht, sich etwa den als ungerecht empfundenen Verhältnissen (Lohngefälle bei gleicher Arbeitsleistung etc.) oder über ungerechte Behandlung bei Bewerbungsprozessen Luft zu machen (wie Bewerbung in Stuttgarter Unternehmen mit Leipziger Adresse – abgelehnt; gleiches Bewerbungsschreiben mit Adresse der Eltern aus Bremen – erfolgreich) oder: „Wenn man in der Firma [in Ostdeutschland] mal anspricht, dass Führungspositionen nur westdeutsch besetzt sind, wird mit den Augen geleiert – frei nach dem Motto: Nicht das Thema schon wieder […]“. Vor allem aber lässt sich ein Erklärungsbedürfnis vermuten. Es gab viele Begründungen, die mehrere Absätze einnahmen, eine sogar anderthalb DIN-A-4-Seiten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dieses Bedürfnis nach Mitteilung oder Erklärung ist bei den Nein-Antworten nicht zu erkennen, sondern eher die subjektive Einschätzung, dass es nicht (mehr) wahrgenommen beziehungsweise eher eine indifferente Position eingenommen wird.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Mehr westdeutsch als ostdeutsch Sozialisierte haben mit „Nein“ geantwortet, aber auch viele Ostdeutsche (insbesondere Männer). Und einige Westdeutsche antworteten auch mit „Ja“. Es ist also nicht nur eine West-Ost-Unterteilung, aber die Tendenz, dass Ostdeutsche eher als Westdeutsche eine Benachteiligung sehen, ist deutlich erkennbar.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Bemerkenswert waren die Reaktionen auf die Frageform zu Benachteiligung (Ja oder Nein) und vor allem auf die Entscheidungsfrage, ob sich die Person „eher Ostdeutsch“ oder „eher Westdeutsch“ einordnen würde (persönliche Angabe). Nicht Wenige meinten, dass sie sich weder als „eher Ostdeutsch“ noch „eher Westdeutsch“ fühlten oder schrieben Ähnliches in die Kommentare. Bei etwa einem Fünftel lässt sich das Bedürfnis erkennen, nicht in das Ost-West-Schema eingeordnet zu werden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Hier zeigt sich, was im öffentlichen Diskurs momentan heiß diskutiert wird – die Frage nach einer ostdeutschen Identität und Selbstidentifikation: Wer fühlt sich wann mit wem als Ostdeutsch? Und von welchen Akteuren wird dies gegebenenfalls instrumentalisiert? (Vgl. Spissinger et al. 2024; Mau 2024: 72f.)</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch sonst spiegeln die Ergebnisse dieser Umfrage insofern den öffentlichen Diskurs wider, als dass die unterschiedlichen Ansichten auch dort zu beobachten sind: einerseits die Akteure, die auf Benachteiligung und Abwertung aufmerksam machen und auf deren Sichtbarkeit drängen; andererseits die Akteure, die sich teils dagegen, meist eher relativierend zum Sichtbarmachen in der Benachteiligungsfrage äußern.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die in den Ja-Begründungen genannten Antworten und deren Kategorien finden sich auch in einschlägigen Quellen wieder. Aus Platzgründen kann hier nur auf diese verwiesen werden: Foroutan (2021: 194f.) geht auf die ökonomischen, sozialen und symbolischen/kulturellen Faktoren ein und konstatiert in den Bereichen Armut, Erwerbslosigkeit, Überalterung ein deutliches Gefälle zwischen Ost und West (vgl. auch Ganzenmüller 2025). Neueste Zahlen zur Unterrepräsentanz in Elitenpositionen finden sich beim Forschungsprojekt Elitenmonitor 2025 (Lorenz et al. 2025) oder auch bei Kollmorgen et al. (2024). Forschungsanalysen zur westdeutsch dominierten Presselandschaft und entsprechende Deutungsmacht über das Bild „der Ostdeutschen“, über Stereotype werden in der Dokumentation <i>Es ist kompliziert. Der Osten in den Medien</i> (MDR 2024) dokumentiert. Weitere Analysen dazu bieten Lutz Mükke (2021) und Thomas Ahbe (2024).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western " align="left">Was bedeutet struk&shy;tu&shy;relle Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung?</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Um die Frage nach der strukturellen Diskriminierung Ostdeutscher beantworten zu können, braucht es einen Blick auf die verschiedenen Bedeutungen von <i>Diskriminierung</i>. Wenn im öffentlichen Diskurs von Diskriminierung gesprochen wird, stecken dahinter meist unterschiedliche Konzepte. Grob zusammengefasst: Ich kann unter Diskriminierung eher Einzelereignisse verstehen, beispielsweise, wenn jemand aufgrund seiner Hautfarbe, seines Geschlechts oder Alters etc. beleidigt oder angegriffen wird, oder eher als ein komplexes Phänomen, das solche Einzelereignisse – auch in subtiler Form – in einem umfassenden gesellschaftlichen Kontext und primär unter der Prämisse eines Herrschafts- und Machtgefälles begreift.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Relevant wird dies für unsere Ausgangsfrage zum Beispiel bei der Aussage des Soziologen Steffen Mau, wenn er über „Ostdeutsche Identität“ schreibt. Dort heißt es etwa: „Einen ‚Ossismus‘ als gruppenbezogene Diskriminierung gibt es bis auf wenige Ausnahmen nicht.“ Er begründet dies damit, „dass ‚das Ostdeutsche‘ kein äußerlich sichtbares Merkmal ist, auf das man gewollt oder ungewollt, immer wieder zurückgewiesen wird“ (Mau 2024: 81). Trotzdem gibt es, so Mau, „extrem starke Ungleichheiten, Benachteiligung oder Unterprivilegierung von Ostdeutschen“ (Hoffmann 2024).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ist Diskriminierung also eine Frage der Definition? Analog zur Formulierung in meiner Umfrage wird Diskriminierung häufig auch synonym mit <i>Benachteiligung</i> benutzt: „Alltagsprachlich wird unter Diskriminierung ein abwertendes Sprechen und benachteiligendes Handeln verstanden, dem negative Emotionen und Stereotype zu Grunde liegen“ (Scherr 2023: 18f.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dem Diskriminierungsforscher Albert Scherr (2023: 19) zufolge, sind die Ursachen von Diskriminierung nicht die Vorurteile selbst. Es muss vielmehr berücksichtigt werden, „wie dies mit den jeweiligen Macht- und Ungleichverhältnissen verschränkt ist“.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">In den meisten Ansätzen der Diskriminierungsforschung ist die strukturelle Ebene entscheidend. Für Czollek et al. (2019: 803f.) nimmt sie deshalb eine zentrale Stellung ein, weil, „bestimmte Menschen nicht ausschließlich Alltagsdiskriminierung erfahren, sondern diskriminierende Praxen tief in gesellschaftlichen Feldern verankert sind”. „Strukturell“ bezeichnet im Konzept <i>Social Justice und Radical Diversity</i> die Verwobenheit und das Zusammenwirken der individuellen, institutionellen und kulturellen Ebene von Diskriminierung.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Neben den Ebenen individuell, institutionell und strukturell verstehe ich Diskriminierung als ein komplexes Phänomen mit vielen offenen, subtilen und versteckten Aspekten. Zudem sind bei Diskriminierung zwei Achsen in den Blick zu nehmen: die horizontale Achse (der kulturellen Differenz) und die vertikale Achse (der strukturellen Ungleichheiten (Vermögen, Status etc.) (Miethe 2019: 7, in Anlehnung an das Konzept der Dominanzkultur von Rommelspacher).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ob es Diskriminierung von Ostdeutschen gibt, entscheidet sich damit, wie ich <i>Diskriminierung</i> definiere. In der oben zitierten Äußerung von Mau bezieht sich Diskriminierung primär auf die individuelle Ebene. Ob der Diskriminierung zwingend ein äußerlich sichtbares Merkmal zugrunde liegen muss, klärt sich im Abschnitt zu Intersektionalität, ebenso die Frage, ob „die ostdeutsche Erfahrung […] gleichberechtigt ins Register anderer Diskriminierungskategorien einzutragen“ ist (Mau 2024: 85).</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">In welchem Ma&szlig;e ist die struk&shy;tu&shy;relle Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung von Ostdeut&shy;schen erforscht?</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Für die Diskriminierungsforschung kann man das <i>Handbuch Diskriminierung</i> für diese Frage heranziehen, da in ihm der aktuelle Forschungsstand in zahlreichen Kapiteln und aus zahlreichen Perspektiven abgebildet wird (Scherr et al. 2023).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Hier lassen sich allerdings nur drei Erwähnungen zu „Ost“/“Ostdeutsch/e“ finden:</p>
<ol>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">In einer Aufzählung von „verschiedenen statusniedrigen Gruppen“ (Alleinerziehende, Ostdeutsche, ethnische Minderheiten etc.) (El-Mafaalani et al. 2023: 207).</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Im Kapitel zu <i>Klassistischer Diskriminierung von Armen und sozial Ausgegrenzten</i>, wo die in Ostdeutschland im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt höher liegenden Armuts- und SGB-II-Quote verdeutlicht wird (übrigens neben „viele[n] Städte[n] im Ruhrgebiet, Bremen, Berlin“) (Chassé 2023: 473).</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Im Kapitel zum Ansatz <i>Social Justice und Radical Diversity</i> (Czollek et al. 2023: 803), wo zahlreiche Diversitykategorien und entsprechende Diskriminierungsformen aufgezählt werden, auch „Diskriminierung Ost“.</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Somit gibt es keine nennenswerte Auseinandersetzung mit der Kategorie Ost im Handbuch. Angesichts der Brisanz des Themas wäre eine Erweiterung um ein Kapitel dazu nötig. Die Analyse empirisch nachweisbarer Diskriminierungseffekte, sprich der konkreten Ungleichbehandlung von Ostdeutschen im Gegensatz zu subjektiv wahrgenommener Benachteiligung, ist bisher ein Forschungsdesiderat, das bearbeitet werden muss, um Aussagen über das Ausmaß von struktureller Diskriminierung für Ostdeutsche treffen zu können. Für den Bereich Arbeitsmarkt wären quantitative Studien zu Bewerbungsprozessen nötig. Hierbei wäre die Manipulation des Geburtsorts (DDR/Ostdeutsch) und des Vornamens (stigmatisierte ostdeutsche Vornamen) möglich. Effekte ließen sich auch über Experimente wie „Lost Letters“ analysieren (Zick 2023: 44).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Erkenntnisreich wäre ebenso die Erforschung eventueller Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt aufgrund von Stereotypisierung von Dialektsprecher*innen. Drei Erkenntnisse, die den Anlass für eine solche Erhebung deutlich machen und die als Standards der Regio- oder Soziolektforschung gelten:</p>
<ol>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Dialektsprecher*innen werden meist negativer bewertet als Sprecher*innen des Standarddeutschen, ihnen wird ein niedrigeres Bildungsniveau zugesprochen (Trillhaase 2021).</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">Sächsisch liegt auf der Beliebtheits- oder Prestigeskala seit Jahrzehnten mit Abstand am untersten Ende (Adler/Plewnia 2019; Hundt 2012; Anders 2010). Vor allem (ober-)sächsisch sprechenden Männern werden signifikant häufiger Attribute wie bildungsfern und einfältig zugeschrieben.</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">„Zudem könnten sich Stereotype zu Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR auf sächsisch sprechende Personen übertragen haben, da sich Ansichten über das ‚Sächsische‘ und ‚Ostdeutsche‘ teilweise überlagern.“ Daraus folgt die Empfehlung: „Für das praktische Leben bedeuten die Befunde, dass sich Dialektsprecher dieser Wahrnehmungsverzerrungen bewusst sein sollten – zum Beispiel im Bewerbungsprozess oder im beruflichen Alltag. Das gelte auch für Personalmanagerinnen und Personalmanager, um sich vom Dialekt nicht zu Fehlurteilen verleiten zu lassen.” (Terp 2021)</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch zu diesem Diskriminierungsmerkmal (Sächsisch/Ostdeutsch als stigmatisierter Dialekt) wären quantitative Untersuchungen möglich, etwa durch Experimente mit indirekten Methoden aus der Sozialpsychologie: Hörproben mit verschiedenen Dialektsprecher*innen in Bewerbungssituationen werden abgespielt; Proband*innen bewerten die Hörproben nach Kompetenz, Sympathie etc. (Brade 2010: 437f.).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dass Stigmatisierungen und Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt oder in Bewerbungsprozessen aufgrund ostdeutscher Stigmata (insbesondere Geburtsort, Sächsisch als Dialekt) realistisch sind, zeigen Arbeiten wie die von Liebscher (2022)<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a> oder Porsch (2012). Ob sie auf individueller Ebene – als Einzelereignisse im Unterschied zur strukturellen Dimension von Diskriminierung – auch tatsächlich Alltag sind, kann nur durch quantitative Erhebungen herausgefunden werden. Diese gibt es bisher kaum.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Im nächsten Schritt gehe ich deshalb auf Forschungsarbeiten ein, die die strukturelle Ebene der Diskriminierungskategorie Ostdeutsch in den Fokus nehmen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung Ost als Kategorie und Inter&shy;sek&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;lit&auml;t</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Czollek et al. (2019: 118) bieten eine umfängliche Definition für die Kategorie Ostdeutsch an:</p>
<blockquote class="western">
<p>„Diskriminierung Ost beschreibt die Strukturelle Diskriminierung von Menschen, die eine biographische DDR-Geschichte haben oder zugeschrieben bekommen. Ferner bedeutet sie die soziale, ökonomische und kulturelle Benachteiligung von Menschen, deren Arbeits- und Lebensmittelpunkt in den Neuen Bundesländern liegt. Neben der materiellen Diskriminierung (Einkommen, Rente) wirkt Diskriminierung Ost über Stereotypisierungen, die Menschen der Gruppe Herkunft Ost zuordnen und diese gesellschaftlich abwerten.“</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch im Konzept der <i>Dominanzkultur</i> mit horizontaler Differenzachse und vertikaler Hierarchieachse spielt der Einfluss der materiellen und sozioökonomischen Faktoren eine bedeutende Rolle. Miethe (2019) geht davon aus, dass nicht nur in den Kategorien Geschlecht, soziales Milieu, Migrationshintergrund etc., sondern auch im Ost-West-Vergleich eine Dominanzkultur vorliegt.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>ii</sup></a> Gründe dafür liegen in der Ungleichheit auf ökonomischer Ebene, im ungleichen Zugang zu Elitepositionen sowie im hegemonialen westdeutschen Mediendiskurs.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Über die soziologischen Analysen marginalisierter Gruppen hinaus werden in diesem Konzept auch die <i>psychologischen Mechanismen</i> herausgearbeitet, sprich die subtilen Mechanismen der Dominanz:</p>
<ol type="a">
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Leugnen der Ungleichheit und Erhaltung der Privilegierung:</i> Dieses Phänomen wird eindrücklich dokumentiert und analysiert im Beitrag des MDR (2024). Naika Foroutan stellt außerdem fest, dass Westdeutsche das „Deprivationsgefühl der Ostdeutschen kaum ernst [&#8230;] nehmen“ und „die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar anerkennen. Sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung“ (zit. nach Miethe 2019: 13). Neben der Leugnung gibt es auch den Mechanismus der Bagatellisierung (Miethe 2019: 14).</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Problemverschiebung und Umkehrung</i>: Demzufolge seien das Problem „nicht massive Transformationsprozesse, wie sie ansonsten selten Menschen zugemutet werden, oder fehlende Wertschätzung und Respekt in Gesamtdeutschland, sondern die fehlende Fähigkeit der Ostdeutschen, damit umzugehen. […] Der Osten und die Ostdeutschen“ sind das Problem, das einer Lösung bedarf – nicht das westdeutsche Wirtschaftssystem, Fehler der Vereinigung oder der Transformationsprozess.“ (Miethe 2019: 14)</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify"><i>Internalisierung von Dominanz und Diskriminierung</i>: Eine typische Umgangsstrategie von sozial stigmatisierten Gruppen besteht in der Assimilation (Miethe 2019: 16). Im Ost-West-Kontext bedeutet das die Verleugnung der eigenen DDR-Identität im Zusammenhang mit Scham. Das kann sich etwa im Aufgeben von eigenen Symbolen (Kleidung, Verhalten, Sprache/Dialekt etc.) ausdrücken und mit Anpassung oder Übernahme der Symbole der dominanten Gruppe kompensiert werden.</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Diese subtilen, meist unbewussten psychologischen Mechanismen stehen im Widerspruch zu Maus oben zitierter These, dass es gruppenbezogene Diskriminierung Ostdeutscher bis auf wenige Ausnahmen nicht gibt (Mau 2024: 81). Ebenso kann Mau darin widerlegt werden, dass „die ostdeutsche Erfahrung [nicht] gleichberechtigt ins Register anderer Diskriminierungskategorien einzutragen“ ist (Mau 2024: 85). Dem Konzept der <i>Intersektionalität</i> zufolge gibt es eine wechselseitige Beeinflussung einzelner Unterdrückungs- und Diskriminierungskategorien, die der Dominanzkultur zugrunde liegen (Miethe 2019: 6). So können „Ostdeutsche als Angehörige der nicht-dominanten Gruppe im Verhältnis zu Westdeutschen als Angehörige der dominanten Gruppe beschrieben werden“. Gleichzeitig können „Ostdeutsche gegenüber anderen Personengruppen, z.B. Migranten, durchaus in einer dominanten Rolle“ sein (Miethe 2019: 6). Das Konzept der Intersektionalität sagt auch aus:</p>
<blockquote class="western">
<p>„Eine Person kann aus der einen Machtposition heraus diskriminiert und aus einer anderen heraus privilegiert sein. Im Kontakt mit anderen Machtachsen, etwa der von Klasse oder […] Rassismus, kann eine ostdeutsche Person Privilegien besitzen, die einer westdeutschen Person unzugänglich sind. Das hebt die West-Ost-Machtachse [Herrschaftskategorie] zwar nicht auf, krümmt sie aber. So kann es zu Konstellationen kommen, in denen etwa eine ostdeutsche Frau* Macht und Privilegien gegenüber einem afrodeutschen westdeutschen Mann* hat.“ (Arndt 2021: 154)</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der Ansatz der <i>O</i><i>st-m</i><i>igrantischen Analogien</i> von Foroutan et al. (2019) geht in eine ähnliche Richtung: Sie vergleicht Stigmatisierungserfahrungen von (muslimischen) Migrant*innen und Ostdeutschen, betont aber auch, dass eine Gleichsetzung nicht möglich sei, denn:</p>
<blockquote class="western">
<p>„Die Erfahrungen von Ostdeutschen und Migrant*innen ähneln sich nicht, wenn es um die Erfahrung von Rassismus geht. Im Vergleich der Strukturdaten zu Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsnähe, Gesundheit usw. ist die soziale Gruppe der Muslim*innen in Deutschland eindeutig und objektiv schlechter gestellt. Ostdeutsche müssen im Vergleich dazu nicht fürchten, von physischer Gewalt bedroht zu werden und gehören in weiten Teilen des Landes selbst zur Dominanzgesellschaft. […] Dennoch sind in spezifischen Stereotypen, die gegenüber beiden Gruppen existieren, Analogien erkennbar, die es lohnt, weiter in den Blick zu nehmen. Denn: Finden sich Ähnlichkeiten in der Abwertung sozialer Gruppen, die maximal distinkt sind – sich also stark voneinander unterscheiden –, dann kann dies ein Hinweis auf systematische Abwertungsprozesse und Privilegiensicherung von dominanten Gruppen sein.“ (Foroutan 2021: 191f.).</p>
</blockquote>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zwei zentrale Ergebnisse der Analogien sind (Foroutan et al. 2019: 37):</p>
<ol>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">„Ostdeutsche sind mit ähnlichen Abwertungen konfrontiert wie Muslim*innen. Westdeutsche werfen beiden Gruppen vor, sich zum Opfer zu stilisieren, nicht genug vom Extremismus zu distanzieren und noch nicht im heutigen Deutschland angekommen zu sein, womit beide Gruppen stereotypisiert und migrantisiert werden.“</p>
</li>
<li>
<p class="v-absatz-einzug-western" align="justify">„Ostdeutsche zeigen zwar Anerkennung für die Lage der Muslim*innen, sehen sich aber auf gleicher (unterer) Stufe wie Muslim*innen als Bürger zweiter Klasse benachteiligt und mit Leistungshürden und Positionsschranken konfrontiert. Westdeutsche erkennen die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar an: sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung.“</p>
</li>
</ol>
<p class="v-absatz-einzug-western">Somit geht es nicht darum, die ostdeutsche Erfahrung gleichberechtigt mit Rassismus etc. zu setzen, sondern darum, die Mechanismen von dominanten und nicht-dominanten Gruppen offen zu legen und dadurch möglicherweise Empathie und Koalitionsmöglichkeiten der intersektionalen Praxis zu erzeugen.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung unein&shy;ge&shy;schr&auml;nkt sichtbar machen? Der gesell&shy;schafts&shy;po&shy;li&shy;ti&shy;sche Diskurs</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Es ist deutlich geworden, dass es unterschiedliche Perspektiven auf die Frage gibt, ob Diskriminierung und Benachteiligung Ostdeutscher vorliegt. Dies zeigt sowohl meine kleine Umfrage als auch der wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Diskurs:</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">So gibt es die deutliche Forderung vieler Autor*innen, die Benachteiligung in ihrer ganzen Wucht sichtbar zu machen, um auf systemische Strukturen und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten aufmerksam zu machen: erwähnt wurde bereits Foroutan, die zusammen mit Hensel öffentlich über die „Gesellschaft der Anderen“ (2020) diskutiert hat. Engagiert schreibt auch Petra Köpping (2018), die unter anderem auf die gravierenden Folgen der Treuhandzeit aufmerksam macht und auf eine umfassende Aufarbeitung der Fehler der Transformationszeit drängt<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>iii</sup></a>; so übrigens auch jüngere Akteure wie die Initiative #Wir sind der Osten, 3te Generation Ost oder Autorinnen wie Erler (2025) oder Zepter (2022: 163). Letztere hat ähnlich wie Oschmann (2023), allerdings aus westdeutscher Sicht, auf vermeintlich witzig gemeinte, aber verletzende Abwertungen sowie auf Alltagsdiskriminierung aufmerksam gemacht.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Oschmann hat 2023 diesen Diskurs mit seinem Buch <i>Der Osten: eine westdeutsche Erfindung</i> in hohem Maße angefeuert, indem er sich in bewusst zugespitzter Weise zu den in der Einleitung erwähnten drei Erfahrungsebenen von Verlust, Entwertung und Ohnmacht äußert sowie auf systemische Schieflagen hinweist, die bis heute anhalten. Dies hat in den Feuilletons und unter Expert*innen eine hitzige Debatte entfacht. Zahlreiche Gegenstimmen haben reagiert. Kowalczuk befürchtet „Ostdeutschtümelei“ und den Verfall der Ostdeutschen in die Opferrolle, statt in die Eigenverantwortung zu gehen (Wolf 2024). Kollmorgen (2025) mahnt unter anderem an, dass Oschmann pauschalisierend von „den“ Ostdeutschen und „den“ Westdeutschen spricht und all die nicht mit einbezieht, die sich nicht in das „Ost-West-Schema“ pressen lassen wollen. Und Mau (ähnlich wie Kowalczuk und Kollmorgen) benennt zwar Phänomene wie Benachteiligung, Unterprivilegierung und Deklassierungserfahrungen (Hoffmann 2024), stellt aber Oschmanns These um, so dass nicht der Westen den Osten als anders begreife, „sondern der Osten sich selbst“ (Mau 2024: 77), da der Westen dem Osten in einer „Egalhaltung“ gegenübertrete. Dies belegt Mau mit seiner Studie (Mau/Lux/Heide 2024), in der jüngere und ältere Ost- und Westdeutsche nach Unterschieden und Konflikten zwischen Ost und West befragt werden. Während bei jüngeren Ostdeutschen die Differenz- und Konfliktwahrnehmung überraschenderweise ganz leicht zunimmt, nimmt sie bei jüngeren Westdeutschen deutlich ab (und ist bei Westdeutschen generell viel geringer), was Mau als Beweis sieht, dass kein <i>Othering</i> (und damit keine Diskriminierung aufgrund von Fremdmachung) vorliegen kann. (Mau 2024: 77f.; Mau/Lux/Heide 2024: 12).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Dies möchte ich infrage stellen, insofern dass die mit einer direkten Methode abgefragte „Egalhaltung“, also das geringe Wahrnehmen von Unterschieden und Konflikten, nicht heißen muss, dass auch keine Negativ-Stereotypisierung und Diskriminierung geschieht. Mir kann jemand „völlig egal“ sein, und gleichzeitig kann ich mich ihm überlegen fühlen und ihn abwertend behandeln. Prominente Beispiele gibt es zuhauf. Am einflussreichsten erscheinen mir zwei Personen: Zum einen der milliardenschwere Springer-Chef Matthias Döpfner, dessen Äußerungen über „Ossis“ als „Kommunisten oder Faschisten“ laut des Journalisten Hajo Schumacher kein Einzelfall sind, sondern eine westdeutsche Denkschule beschreiben (MDR 2024). Zum anderen Friedrich Merz, der abweichende Meinungen von Ostdeutschen zur Ukraine-Politik nicht als gleichwertige Stimmen sieht, sondern ihnen pauschal Wissenslücken attestiert, die er gönnerhaft schließen will (Focus 2024), womit er seiner Deutungsmacht Ausdruck verleiht.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>iv</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Es geht also nicht um den westdeutschen Durchschnittsbürger oder eventuelle Schuldzuschreibungen Westdeutschen gegenüber, sondern um die problematische Dynamik, in der einflussreiche Eliten tradierte negative Stereotype über Ostdeutsche perpetuieren und diese somit als negativ anders oder abweichend stigmatisieren. Die Einwände gegen Oschmanns provokante Thesen, etwa die Befürchtung, Ostdeutsche könnten in die Opferrolle abdriften und ihre Eigenverantwortung vernachlässigen, sind einerseits verständlich, gehen aber an der Sache vorbei:</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der Kernpunkt ist die immense Deutungsmacht des Westens, die von politischen und medialen Influencer*innen <i>gemacht</i> wird. Oschmann zielt darauf ab, diese Dominanzachse sichtbar zu machen. Der Kern der Diskussion sollte daher in der Notwendigkeit liegen, die realen Ereignisse und gegenwärtigen Verhältnisse ungeschönt darzustellen und systemische Probleme offen zu legen. Dieses Sichtbarmachen der Missstände ist essenziell, bildet aber nur den ersten Schritt. Daran anschließend ist es unabdingbar, einen konstruktiven Dialog zu fördern. Die Herausforderung liegt darin, die Erfahrungen und politischen Perspektiven Ostdeutscher vollständig anzuerkennen, statt sie unter Verweis auf die Wende als Glück und Freiheitsgewinn zu relativieren.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>v</sup></a> Die dahinterstehenden Befürchtungen – eine Verfestigung der Opferrolle, Verstärkung von Ressentiments und die politische Instrumentalisierung von Ostalgie – sollten ernst genommen werden, aber nicht dazu führen, notwendige Diskurse zu vermeiden oder zu dämpfen. Bei Menschen, die sich marginalisiert fühlen, stoßen solche Relativierungen und Verweise auf taube Ohren, mehr noch: Es verstärkt die Reaktanz.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Ausblick</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Wie kann man Menschen, die sich marginalisiert fühlen, zumindest auf kommunikativer Ebene erreichen? Dazu müssen die Perspektiven von Ostdeutschen, die sich benachteiligt oder deklassiert sehen, diskursiv anerkannt werden. Dies muss uneingeschränkt geschehen, auch wenn man die Perspektive womöglich nicht teilt. Vor allem braucht es eine offenere und multiperspektivische Streitkultur (vgl. Flaßpöhler 2024).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Konkret gibt es dafür erprobte Dialogformate, die nach dem Prinzip des offenen Sprechens und bewertungsfreien Zuhörens sogar in Kommunen, etwa in Brandenburg, umgesetzt werden (Mehr Demokratie 2025). Dort kommt das Thema Ost-West immer wieder zur Sprache und wird in Dialogveranstaltungen umgesetzt. In kleineren Gruppen werden diese tiefen persönlichen und kollektiven Erfahrungs- und Aufarbeitungsprozesse auch in der Bildungs-, Traumaarbeit oder in Erzählcafés durchgeführt (momentan in Thüringen in der Pilotphase; auch beschrieben bei Miethe 2014).</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Uneingeschränkt Perspektiven anerkennen heißt auch, das Bedürfnis nach Aufarbeitung der als schmerzhaft und ungerecht empfundenen Transformationszeit ernst zu nehmen und zu erforschen, und zwar auch hier nicht relativierend oder in Konkurrenz zur historischen und individuellen Aufarbeitung der DDR-Geschichte (wie bei Mau 2024: 84), sondern im Prinzip des „Sowohl als auch“. Soziohistorische Großprojekte, wie das gerade im Entstehen begriffene Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle haben nur eine Chance tatsächlich zukunftsweisend zu sein, wenn sie die Vielzahl an Geschichts- und Gegenwartsnarrativen zulassen und möglichst wertfrei nebeneinander stehen lassen. Eine besondere Rolle kommt dabei auch den öffentlich-rechtlichen und Leitmedien zu, mit Berichten, die sowohl die Probleme als auch die vorhandenen (geschichtlichen) Errungenschaften des Ostens beinhalten, idealerweise erzählt von Journalist*innen, die die spezifischen Narrative und Perspektiven von Ostdeutschen gleichwertig darstellen.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wenn „der Osten“ also merkt, dass „der Westen“ seine Wunden und Errungenschaften anerkennt, dann gibt es eine reelle Chance, dass Ostdeutsche ihre Ressentiments nicht nur Westdeutschen, sondern auch anderen marginalisierten Gruppen gegenüber abbauen. Aber das ist eine andere Geschichte …</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><em><strong class="western">Julia Brade</strong> leitet das Thüringer Zentrum für Interkulturelle Öffnung. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind diversitätsorientierte Personal- und Organisationsentwicklung (Beratung, Coaching, Training, Moderationen, Workshops und Seminare).</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p align="justify"><em>Adler, Astrid/Plewnia, Albrecht</em> 2019: Die Macht der großen Zahlen. Aktuelle Spracheinstellungen in Deutschland, Mannheim.</p>
<p align="justify"><em>Ahbe, Thomas</em> 2024: Warum wandelt sich das Bild vom Osten kaum? Die identitätsstiftenden Narrative der alten Bundesrepublik als Konstante bei der diskursiven Konstruktion Ostdeutschlands und der Ostdeutschen, in: Roth, Kersten S./Pappert, Steffen (Hrsg.): <em>Ost-West-Konflikte. Interdisziplinäre Perspektiven auf den Diskurs über Deutschland und die Welt</em>, Hamburg, S. 51-71.</p>
<p align="justify"><em>Anders, Christina A.</em> 2010: Wahrnehmungsdialektologie. Das Obersächsische im Alltagsverständnis von Laien, Berlin/New York.</p>
<p align="justify"><em>Arndt, Susan</em> 2021: Ostdeutschland inmitten intersektioneller Zukünfte, in: Kowalczuk, Ilko-Sascha et al. (Hrsg.): <em>Ostdeutschlands Weg. Teil II: Gegenwart und Zukunft</em>, Bonn, S. 149-169.</p>
<p align="justify"><em>Brade, Julia</em> 2010: (Sprach)einstellungen in Mexiko. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, in: Krefeld, Thomas/Pustka, Elissa (Hrsg.): <em>Perzeptive Varietätenlinguistik</em>, Frankfurt am Main, S. 431-455.</p>
<p align="justify"><em>Chassé, Karl August</em> 2023: Klassistische Diskriminierung von Armen und sozial Ausgegrenzten, in: Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin (Hrsg.): <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden, S. 459-482.</p>
<p align="justify"><em>Czollek, Leah C. et al.</em> 2019: Praxishandbuch Social Justice und Diversity, Weinheim.</p>
<p align="justify"><em>Czollek, Maximilian et al.</em> 2023: Social Justice and Radical Diversity, in: Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin (Hrsg.): <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden, S. 799-818.</p>
<p align="justify"><em>El-Mafaalani, Aladin et al. </em>2023: Tatsächliche, messbare und subjektiv wahrgenommene Diskriminierung, in: Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin (Hrsg.): <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden, S. 195-213.</p>
<p align="justify"><em>Erler, Laura</em> 2025: Eine ostdeutsche Herkunft darf kein Karrierenachteil sein, in: <em>Neue Narrative</em>, H. 23, <a href="https://www.neuenarrative.de/magazin/eine-ostdeutsche-herkunft-darf-kein-karrierenachteil-sein/#fn2">https://www.neuenarrative.de/magazin/eine-ostdeutsche-herkunft-darf-kein-karrierenachteil-sein/#fn2</a>.</p>
<p align="justify"><em>Focus </em>2024: Nach erstem Satz von ARD-Frau fängt Friedrich Merz an, herzlich zu lachen. Interview mit Friedrich Merz, in: <em>Focus</em> vom 09.05.2024, <a href="https://www.focus.de/kultur/kino-tv/in-den-tagesthemen-nach-erstem-satz-von-ard-frau-faengt-friedrich-merz-an-herzlich-zu-lachen_id_259917809.html">https://www.focus.de/kultur/kino-tv/in-den-tagesthemen-nach-erstem-satz-von-ard-frau-faengt-friedrich-merz-an-herzlich-zu-lachen_id_259917809.html</a>.</p>
<p align="justify"><em>Flaßpöhler, Svenja</em> 2024: Streiten, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Foroutan, Naika </em>2021: Sind Ostdeutsche auch Migranten? Über Sinnhaftigkeit und Grenzen des Vergleichs von Ostdeutschen und Migrant*innen in Deutschland., in: Kowalczuk, Ilko-Sascha et al. (Hrsg.): <em>Ostdeutschlands Weg. Teil II Gegenwart und Zukunft</em>, Bonn, S. 191-205.</p>
<p align="justify"><em>Foroutan, Naika et al.</em> 2019: Ost-Migrantische Analogien I. Konkurrenz um Anerkennung. Unter Mitarbeit von Daniel Kubiak und Sabrina Zajak, Berlin; <a href="https://www.dezim-institut.de/publikationen/publikation-detail/ost-migrantische-analogien-i/">https://www.dezim-institut.de/publikationen/publikation-detail/ost-migrantische-analogien-i/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Foroutan, Naika/Hensel, Jana</em> 2020: Die Gesellschaft der Anderen, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Ganzenmüller, Jörg</em> 2025: Lebensweltliche Umbrüche in der Vereinigungsgesellschaft. Die erfahrungsgeschichtliche Dimension der Transformation Ostdeutschlands nach 1990, in: Ganzenmüller, Jörg (Hrsg.): <em>Transformationserfahrungen. Lebensweltliche Umbrüche in Ostdeutschland nach 1990</em>, Köln, S. 11-33.</p>
<p align="justify"><em>Hoffmann, Tim</em> 2024: Bestseller-Autor Steffen Mau: Der Osten wird nicht diskriminiert &#8211; er ist unterprivilegiert, Interview mit Steffen Mau, in: <em>Freie Presse</em> vom 26.06.2024; <a href="https://www.freiepresse.de/kultur/bestseller-autor-steffen-mau-der-osten-wird-nicht-diskriminiert-er-ist-unterprivilegiert-artikel13427329">https://www.freiepresse.de/kultur/bestseller-autor-steffen-mau-der-osten-wird-nicht-diskriminiert-er-ist-unterprivilegiert-artikel13427329</a>.</p>
<p align="justify"><em>Hundt, Markus</em> 2012: Warum gibt es eigentlich beliebte und unbeliebte Dialekte? In: Hünecke, Rainer/Jakob, Karlheinz (Hrsg.): <em>Die obersächsische Sprachlandschaft in Geschichte und Gegenwart</em>, Heidelberg, S.175-222.</p>
<p align="justify"><em>Kollmorgen, Raj</em> 2025: Zerrbilder. Dirk Oschmanns Erfindung des Ostens. Eine Entgegnung, in: <em>Bundeszentrale für politische Bildung</em> vom 01.02.2025; <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/558993/zerrbilder-dirk-oschmanns-erfindung-des-ostens-eine-entgegnung/">https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/558993/zerrbilder-dirk-oschmanns-erfindung-des-ostens-eine-entgegnung/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Kollmorgen, Raj et al.</em> (Hrsg.) 2024: Ferne Eliten. Die Unterrepräsentation von Ostdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund, Wiesbaden.</p>
<p align="justify"><em>Köpping, Petra</em> 2018: Integriert doch erstmal uns! Eine Streitschrift für den Osten, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Liebscher, Doris</em> 2022: Ethnizität oder Klassismus? Von den Schwierigkeiten und Möglichkeiten, die Benachteiligung Ostdeutscher antidiskriminierungsrechtlich zu fassen, in: Aleksander, Karin et al. (Hrsg.) <em>Feministische Visionen vor und nach 1989: Geschlecht, Medien und Aktivismen in der DDR, BRD und im östlichen Europa</em>, Opladen et al., S. 315-332.</p>
<p align="justify"><em>Lorenz, Astrid/Kollmorgen, Raj/Vogel, Lars/Reiser, Marion</em> (Hrsg.) vls 2025: Die Unterrepräsentation Ostdeutscher in Spitzenpositionen. Muster, Ursachen, Handlungsmöglichkeiten, Wiesbaden; <a href="https://research.uni-leipzig.de/elitenmonitor/">https://research.uni-leipzig.de/elitenmonitor/</a>.</p>
<p align="justify"><em>Mau, Steffen</em> 2024: Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Mau, Steffen/Lux, Thomas/Heide, Julian</em> 2024: Ost- und Westdeutsche für immer? Zu Wahrnehmungen von Unterschieden und Konflikten zwischen Ost- und Westdeutschen, in: <em>Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie</em>, Jg. 76, H. 1, 1-23; <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11577-024-00949-z">https://link.springer.com/article/10.1007/s11577-024-00949-z</a>.</p>
<p align="justify"><em>MDR </em>2024: Es ist kompliziert. Der Osten in den Medien, in: <em>MDR </em>vom 10.10.2024; <a href="https://www.ardmediathek.de/video/mdr-dok/es-ist-kompliziert-der-osten-in-den-medien/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MjA0MC80NzEyNjItNDUxNTY1">https://www.ardmediathek.de/video/mdr-dok/es-ist-kompliziert-der-osten-in-den-medien/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MjA0MC80NzEyNjItNDUxNTY1</a>.</p>
<p align="justify"><em>Mehr Demokratie</em> 2025: Sprechen und Zuhören, in: <em>YouTube</em> vom 27.01.2025; <a href="https://www.youtube.com/watch?v=LMmod29KiS0&amp;t=10s">https://www.youtube.com/watch?v=LMmod29KiS0&amp;t=10s</a>.</p>
<p align="justify"><em>Miethe, Ingrid</em> 2014: Dominanz und Hierarchien begegnen. Interkulturelle Dimensionen deutsch-deutscher Biografiearbeit, in: Ernst, Christian (Hrsg.): <em>Geschichte im Dialog? ‚DDR-Zeitzeugen‘ in Geschichtskultur und Bildungspraxis</em>, Schwalbach am Taunus, S. 128-141.</p>
<p align="justify"><em>Miethe, Ingrid</em> 2019: Dominanzkultur und deutsche Einheit, in: <em>Berliner Debatte Initial</em>, Jg. 30 H. 4, S. 5-19.</p>
<p align="justify"><em>Mükke, Lutz</em> 2021: 30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung: Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest? Frankfurt am Main.</p>
<p align="justify"><em>Oschmann, Dirk</em> 2023: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Porsch, Peter</em> 2012: Warum die sächsische Sprache laut einem Gerichtsurteil kein Kündigungsgrund sein darf? Zu den politischen Dimensionen eines bundesrepublikanischen Sprachkonflikts, in: Hünecke, Rainer/Jakob, Karlheinz (Hrsg.): <em>Die obersächsische Sprachlandschaft in Geschichte und Gegenwart</em>, Heidelberg, S. 341-361.</p>
<p align="justify"><em>Rehberg, Karl-Siegbert </em>2006: Ost-West, in: Lessenich, Steffen/Nullmeier, Frank (Hrsg.): <em>Deutschland – eine gespaltene Gesellschaft</em>, Frankfurt am Main/New York, S. 209-233.</p>
<p align="justify"><em>Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin </em>(Hrsg.) 2023: Handbuch Diskriminierung, Wiesbaden.</p>
<p align="justify"><em>Scherr, Albert</em> 2023: Soziologische Diskriminierungsforschung, in: Scherr, Albert / Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin 2023: <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden., S. 17-42.</p>
<p align="justify"><em>Spissinger, Florian et al.</em> 2024: Das Ringen um ‚die Ostdeutschen‘ – über die Beharrlichkeit einer Identitätskonstruktion, in: Vogel, Lars/Lorenz, Astrid/Pates, Rebecca (Hrsg.): <em>Ostdeutschland. Identität, Lebenswelt oder politische Erfindung?</em> Wiesbaden, S. 337-357.</p>
<p align="justify"><em>Terp, Stefanie </em>2021: Dialekte beeinflussen die Wahrnehmung der Persönlichkeit, in: <em>IDW </em>vom 09.08.2021; <a href="https://idw-online.de/en/news775384">https://idw-online.de/en/news775384</a>.</p>
<p align="justify"><em>Trillhaase, Kerstin</em> 2021: Der Einfluss der deutschen Dialekte Obersächsisch und Mittelbairisch auf die Wahrnehmung der Persönlichkeit, in Sendlmeier, W. (Hrsg.): <em>Mündliche Kommunikation</em>, Bd. 11, Berlin.</p>
<p align="justify"><em>Wolf, Tobias </em>2024: Historiker zu Wahlergebnissen: „Mehrheit der Ostdeutschen tut so, als würden sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet“. Interview mit Ilko-Sascha Kowalczuk, in: <em>Freie Presse</em> vom 13.06.2024; <a href="https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/historiker-zu-wahlergebnissen-mehrheit-der-ostdeutschen-tut-so-als-wuerden-sie-unentwegt-untergebuttert-und-ausgebeutet-artikel13411457">https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/historiker-zu-wahlergebnissen-mehrheit-der-ostdeutschen-tut-so-als-wuerden-sie-unentwegt-untergebuttert-und-ausgebeutet-artikel13411457</a>.</p>
<p align="justify"><em>Zepter, Nicole </em>2022: Wer lacht noch über Zonen-Gaby? Ein Vorschlag zur Versöhnung, Stuttgart.</p>
<p align="justify"><em>Zick, Andreas </em>2023: Sozialpsychologische Diskriminierungsforschung, in: Scherr, Albert/Reinhardt, Anna C./El-Mafaalani, Aladin 2023: <em>Handbuch Diskriminierung</em>, Wiesbaden, S. 43-68.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Anmerkungen</h3>
<div id="sdendnote1">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">i </a>Liebscher geht auf mehrere Diskriminierungsfälle von Menschen mit DDR-Biografie ein; etwa auf den Fall einer Klage, wo eine Bewerberin in Stuttgart aufgrund ihrer DDR-Biografie abgelehnt wurde (Randnotizen in der Bewerbung: Minus-Zeichen hinter „Ossi – “, sowie die Notiz „DDR“). Auch die darauffolgende Klage über die Kategorie „Ethnische Herkunft“ im AGG wurde in mehreren Instanzen abgewiesen. Liebscher diskutiert, wie die Benachteiligung Ostdeutscher unter Rechtsschutz gestellt werden könnte, ob über das AGG oder offene Listen von Diskriminierungskategorien (soziale Herkunft; Weltanschauung), wie es bereits im Berliner Landesantidiskriminierungsgesetzes ermöglicht wurde (Liebscher 2022).</p>
</div>
<div id="sdendnote2">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">ii </a>Miethes Argument für eine Ost-West-Kategorie respektive ihr Ansatz, dass Hierarchie- und Machtverhältnisse einen bedeutenden Einfluss haben, werden im Großen und Ganzen auch von den hier zitierten Autor*innen geteilt. Sie alle beschäftigen sich hauptsächlich mit Diskriminierungskategorien wie Soziales Milieu, Migrationshintergrund, Geschlecht etc. und widmen sich in einzelnen Aufsätzen der Diskriminierungsachse Ost-West (Liebscher 2022; Miethe 2019; Arndt 2021). Foroutan (2021) und Kolleg*innen hatten mit Ost-migrantischen Analogien ein groß angelegtes Forschungsprojekt.</p>
</div>
<div id="sdendnote3">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">iii </a>Zur Rolle der Treuhand in Bezug auf Abwertungsprozesse und Empfindungen siehe auch den Beitrag von Paul Seibicke in diesem Heft.</p>
</div>
<div id="sdendnote4">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">iv </a>Bereits 2001 machte Merz mit negativen Äußerungen über Ostdeutsche auf sich aufmerksam und wollte nach den Wahlerfolgen der PDS „dem trotzig-pubertären Lümmelvolk im Osten das Taschengeld entziehen“ (Rehberg 2006: 223).</p>
</div>
<div id="sdendnote5">
<p class="sdendnote-western"><a class="sdendnotesym" href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">v </a>Kowalczuk: „Viele tun so, als wären ihre Erfahrungen einzigartig, als wäre nur ihnen etwas geschehen. Dabei hatten die Ostdeutschen vor allem Glück. Sie sind in einem der reichsten und einem der zehn freiesten Länder der Welt ohne eigenes Zutun wach geworden und sozial abgefedert wie 95 Prozent der Weltbevölkerung es nicht sind. Und trotzdem tut eine Mehrheit von ihnen immer so, als wenn sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet würden.“ (Wolf 2024)</p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-250/publikation/verborgene-wunden-strukturelle-diskriminierung-und-die-ostdeutsche-erfahrung-im-gesamtdeutschen-diskurs/">Verborgene Wunden: Strukturelle Diskriminierung und die ostdeutsche Erfahrung im gesamtdeutschen Diskurs</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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