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Glücklich in Lambarene – Das Leben der Helene Schweitzer Bresslau

Johannes Glötzner

Mitteilung Nr. 164, S. 121

Ich kann mich nicht erinnern, in einer Biographie so oft das Wort „Glück“ gelesen zu haben. Je mehr ich aber in diesem Buche las, je mehr ich durch Verena Mühlstein über das Leben dieser ungewöhnlichen Frau des ungewöhnlichen Mannes Albert Schweitzers erfuhr, desto selbstverständlicher wurde mir dieses Glück: Die beiden waren glücklich miteinander, glücklich in ihrer gemeinsamen Arbeit, glücklich in ihrer gemeinsamen Sendung, glücklich vor allem in ihrer Wirkungsstätte Lambarene.
Frau Mühlstein faßt im Vorwort gut zusammen, was diese Biographie bietet: „Sie zeigt eine Frau, die an Vielseitigkeit ihrem berühmten Ehemann kaum nachstand. Sie hat nicht nur mit ihm das Urwaldspital in Lambarene gegründet, sie war ihm auch in den 55 Jahren ihrer Freundschaft und Ehe eine unentbehrliche Hilfe bei seinen philosophischen und theologischen Arbeiten. Sie hatte einen ganz bedeutenden Anteil an seiner geistigen Entwicklung und war die erste, und lange Zeit die einzige, die ihn in seinem Entschluß unterstützte, auf eine wissenschaftliche Karriere zugunsten eines Lebens als Arzt im Urwald zu verzichten.[...] Trotz ihrer engen Beziehung verdient Helene Schweitzer Bresslau nicht nur als Partnerin Albert Schweitzers, sondern auch als eigenständige Persönlichkeit Aufmerksamkeit. Sie begnügte sich nicht mit der Rolle, die die damalige Gesellschaft einer Frau zugestand. Nach Abschluß des Lehrerinnenexamens gehörte sie zu den ersten Studentinnen; doch als ihr das Studium der Kunstgeschichte zu lebensfern erschien, engagierte sie sich in der Sozialarbeit. Als hauptamtliche Waiseninspektorin war sie eine der ersten weiblichen Angestellten in der Gemeindeverwaltung und setzte sich mit der Gründung eines Mütterheims für die Rechte unehelicher Mütter ein. Im Mittelpunkt ihres Lebens stand immer das gemeinsame Werk in Lambarene. Auch als es ihr wegen ihrer schweren Erkrankung nicht mehr möglich war, so mitzuarbeiten, wie sie es sich gewünscht hätte, unterstützte sie Albert Schweitzer als unermüdliche Weberin und Spendensammlerin für das Urwaldhospital. Auch wenn Helene Schweitzer Bresslau eine große Individualistin war, so ist ihr Leben doch paradigmatisch für eine junge Frau aus dem assimilierten jüdischen Bürgertum der Jahrhundertwende.“
Es ist das Verdienst Verena Mühlsteins, gerade die jüdische Herkunft ausführlich zu behandeln und auch das leidvolle Schicksal vieler jüdischer Bekannten und Verwandten nicht zu vergessen.
Unbeirrt auch durch das selbst Erlittene hielt das Ehepaar Schweitzer unerschütterlich an ihrer pazifistischen Grundhaltung fest. Und eigentlich hätte es Helene Bresslau verdient, zusammen mit ihrem Mann den Friedensnobelpreis (den er 1954 erhielt) zu bekommen. Helene Schweitzer Bresslaus soziale Einstellung und Toleranz ist beispielhaft. Über das von ihr gegründete Mütterheim schrieb sie selbst: „Ohne Unterschied des Bekenntnisses oder der Staatsangehörigkeit und ohne Rücksicht auf Zahlungsfähigkeit wird hier jede aufgenommen, die in Not ist.“
In vielen Punkten war sie ihrer Zeit weit voraus, so auch in ihrer Einstellung zur Sterbehilfe: 1904 schrieb die 25jährige Krankenpflegeschülerin ihrem späteren Mann: „Ich habe den Saal mit den alten Frauen - den meisten wünsche ich einen sanften, raschen Tod, und ich finde es fast unmoralisch, ein Leben zu erhalten, das ihnen nur noch Leiden bringen kann.“ – Ihr eigener Tod? Albert Schweitzer beschrieb ihn einige Tage später: „Am 1. Juni 1957, gegen 11 Uhr entschlief sie sanft, ohne gelitten zu haben. Wäre sie länger gelegen, hier oder dort, wäre ihr das Leiden des Wundliegens beschieden gewesen, das ich so fürchtete. Sie war ja furchtbar mager. Aber so hat sie ihren Lauf eigentlich ohne Leiden beenden dürfen, das soll für uns alle ein Trost sein.“

Johannes Glötzner

Verena Mühlstein: Helene Schweitzer Bresslau –
Ein Leben für Lambarene. C.H. Beck Verlag, München 1998