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Verbandsnachrichten - 15.12.05

Krise und Neuanfang der vorgänge

Rosemarie Will

Mitteilungen Nr. 191, S.24

Eigentlich dachten wir, dass die schwierige Situation der vorgänge überwunden sei, weil sich die Zeitschrift nach der Redaktionsübernahme durch Thymian Bussemer und Alexander Cammann inhaltlich stetig verbessert hatte. Aber schon in den letzten Mitteilungen hatten Alexander Cammann und Jochen Goerdeler über die Verlagskündigung und die darauf folgende Suche nach einem neuen Verlag berichtet. Nach der Übernahme von Leske und Budrich durch den VS-Verlag konnten wir dort nur für kurze Zeit verbleiben. Die wirtschaftliche Kalkulation des Verlages für die vorgänge hätte zu einer unvertretbaren Erhöhung der Abo-Preise und damit zum absehbaren Ende der traditionsreichen Zeitschrift geführt.

Probleme in der Redaktion

Zu dieser prekären Verlagssituation kam für uns überraschend eine Krise der Redaktion hinzu. Das zweite Jahresheft 2005 erschien erst vor 14 Tagen. Die Hefte 3 und 4 aus 2005 werden als Doppelheft Ende Januar erscheinen. Dieser Verzug resultierte aus einer persönlichen Krise des seit 1 ½ Jahren allein verantwortlichen Redakteurs Alexander Cammann. Eine Aussprache darüber kam unsererseits zu spät, weil Alexander seine Schwierigkeiten nicht offen gelegt hatte. Es ist vor allem Thymian Bussemer und Jutta Roitsch zu verdanken, dass die Arbeit dann doch weiterging, das Heft 2/2005 erschienen und zumindest wirtschaftlich erfolgreich ist und die fehlenden beiden Ausgaben (171/172) als Doppelheft unter dem Titel „Die Zukunft der Linken" Ende Januar erscheinen werden.

Als wir im Vorstand der Humanistischen Union die Redaktionskrise bemerkten, haben wir Hilfe angeboten und mehrmals mit Alexander gesprochen. Als die Forderung laut wurde, ihn als Redakteur abzulösen, haben beide Geschäftsführer, Fredrik Roggan als mein Stellvertreter und ich, Alexander zu den Vorwürfen lange und ausführlich angehört. Auch im Ergebnis unserer Aussprachen hat dann der vorgänge-Verein in seiner Sitzung am 26. November Alexander angeboten, seine Arbeit als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift fortzuführen und gleichzeitig Thymian Bussemer als ehrenamtlichen Chefredakteur mit Weisungsbefugnis einzusetzen. Dieses Angebot hat Alexander Cammann abgelehnt; er beendet zum 31. Dezember 2005 seinen Vertrag mit dem vorgänge-Verein. Der Verein wird in den nächsten Tagen einen neuen Redakteur auswählen. Über den möglichen Kreis der Bewerber hat er sich bereits verständigt. Beginnend mit Heft 1/2006 „Rückkehr der Religion?" wird es dann nicht nur einen neuen Verlag, sondern auch einen neuen Redakteur geben. Das wird für die vorgänge ein Neustart.

Die Verlagssuche

Nach längerer Suche lagen uns zwei Verlagsangebote für die vorgänge vor, vom LIT-Verlag und vom Berliner Wissenschafts-Verlag. Beide Angebote waren interessant und annehmbar und versprachen eine Produktion der Zeitschrift zu den bisherigen finanziellen Konditionen. Das von uns ins Spiel gebrachte Eigenverlagsmodell erwies sich nach längerer Beratung und genauer Kalkulation als zu unsicher und wurde deshalb verworfen. Nach einer Diskussion auf der Mitgliederversammlung des vorgänge e.V. fiel die endgültige Entscheidung nach einem Gespräch mit Herrn Schwarz vom Berliner Wissenschaftsverlag. Die vorgänge werden ab dem nächsten Jahr in diesem Verlag erscheinen.

Neuanfang auch im Redaktionsbeirat

Auf der Mitgliederversammlung wurde auch ein neuer Vorstand des vorgänge-Vereins und ein neuer Redaktionsbeirat gewählt. Im Vereinsvorstand sind jetzt Werner Koep-Kerstin [Vorsitz], Michael Greven, Rosemarie Will und Dieter Wunder. Ulrich Finckh ist aus dem vorgänge e.V. ausgeschieden, bleibt aber im Redaktionsbeirat. Der Redaktionsbeirat wurde nach dem Tod Jürgen Seiferts zum Teil neu besetzt. Für die Humanistische Union ist unser Vorstandsmitglied Jochen Goerdeler eingetreten.

Im Anschluss an die Mitgliederversammlung hat bereits die erste Sitzung des Redaktionsbeirates stattgefunden. Neben der Heftkritik zur Ausgabe 170 („Rückkehr der Bürgerlichkeit") wurde Heftplanung für 2006 betrieben. Im ersten Heft 2006, das den Arbeitstitel „Rückkehr der Religionen" trägt, wird es Beiträge aus den Berliner Gesprächen von Ernst-Gottfried Mahrenholz, Bertolt Sommer und Jürgen Kühling geben. Weitere Hefte werden sich den Themen Europa und Rechtsstaat widmen, auch ein interdisziplinäres Folterheft ist in der Diskussion. Sowohl bei der Heftkritik als auch bei der Planung wurde versucht, kritisch mit dem immer feuilletonistischer werdenden Grundzug der vorgänge umzugehen. Es sollen künftig weniger wissenschaftsinternen Debatten reflektiert, vielmehr zentrale Punkte der politischen Diskussion aufgegriffen werden. Dies entspricht auch unserem Wunsch, die vorgänge stärker in unsere Bürgerrechtsarbeit einzubeziehen. Von daher ist der Neuanfang mit neuem Redakteur, neuem Verlag und verjüngtem Redaktionsbeirat auch eine Chance.