Fritz-Bauer-Preis 2004 an die Frauenrechtlerin Dr. Susanne von Paczensky

Laudatio für Susanne von Paczensky

von Heide Hering

 

Kennen Sie eine Frau, die kämpferisch und humorvoll, charmant und durchsetzungsfähig ist? Eine Frau, die keine Angst vor Tabus hat, klug und strahlend? Tough and Tender? Ja? Richtig, es handelt sich um Susanne von Paczensky, die heute den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union verliehen bekommt.

Liebe Freundinnen und Freunde!

Geboren wurde diese erstaunliche Person 1923 als Susanne Czapski. Dass der Vater Volkswirt und die Mutter Lyrikerin war, wusste das Kind. Aber dass die Mutter zu den Ariern zählte und ihr Vater als Jude galt, war ihr nicht bewusst. Das erfuhr sie erst, als 1933 die ersten Hetzparolen gegen Juden am Straßenrand auftauchten.

In der Schule gab es jetzt das neue Fach Rassenkunde. Zur Illustration mussten drei Mädchen nach vorne kommen und sich vermessen lassen. Links stand die blondbezopfte Arierin mit schmalem Kopf, rechts musste sich die Jüdin eine krumme Nase und einen runden Rücken zuschreiben lassen. Und in der Mitte stand Susanne, mit rundem Kopf und dunklerer Haut - laut Lehrerin typisch für einen Mischling. Die Jüdinnen verschwanden eine nach der anderen aus der Klasse. Susanne blieb in der Schule, aber für sie gab es keine Einladung zum Kindergeburtstag und keinen Tanzstundenpartner. Susanne spürte, wie sie mehr und mehr gemieden wurde. Sie nahm sich vor, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Aber ihre Schulzeit hat sie als dunklen Schatten in ihrem Leben in Erinnerung.

Nach dem Abitur gab es für eine Halbjüdin keinen Studienplatz. Das Fräulein Czapsky - ja damals ! Fräulein - zog nach Freiburg und fälschte sich kurzentschlossen, um studieren zu können, einen Ariernachweis. Juristin wollte sie werden.

1943 meldete sich die Studentin zu einem Arbeitseinsatz nach Litauen. Eigentlich sollte sie dort Deutsch unterrichten, aber in Wahrheit wollte sie nach Familienmitgliedern forschen, die nichts mehr von sich hören ließen. Vor Ort fand sie heraus, dass der Onkel verschollen und die geliebte Kusine erschossen worden war. Diese Nachricht, die Bilder vom Ghetto in Wilna, die zerlumpten Gestalten, die aufgehängten Juden - all das hat sie tief erschüttert und ihr Leben verändert. Noch kurz vor Kriegsende flog die Arierfälschung auf und sie musste in einem Dorf untertauchen. Endlich kamen die Besatzer und Susanne Czapski ging freudig auf die fremden Soldaten zu. Für sie waren es die Befreier. Sie wurde von den drei marokkanischen Soldaten in den Dorfgraben gezerrt und vergewaltigt. Zwei Wochen später wusste sie, dass sie schwanger war. Für vergewaltigte Frauen wurde damals Abtreibung ausnahmsweise genehmigt - ihr aber verweigerte der Krankenhausarzt diese Genehmigung. Die Sondererlaubnis galt nur "zum Schutz des deutschen Blutes". Und das, obwohl das Dritte Reich vorbei war. Jetzt war sie so verzweifelt, dass sie ihr Leben beenden wollte. Nur der Trost einer fremden Frau hat sie gerettet. Schließlich landete Susanne Czapski bei einem Kurpfuscher - eine grausame Prozedur - monatelanges Leiden danach. Im Laufe ihres Lebens hatte sie noch mehrere Abtreibungen, sie waren in diesen Zeiten alle illegal und alle lebensgefährlich.

Warum muss ich in einer Laudatio so schreckliche Dinge berichten? Warum kann ich sie nicht einfach übergehen und Sie und mich hier mit Lob erfreuen?

Ich denke, diese Jugend und diese Ereignisse sind das Fundament, auf dem diese bewundernswerte Frau fest steht. (Für sie wird das ganz Persönliche später ganz politisch.) Diese Erfahrungen sind ihr zum lebenslangen Antrieb geworden für ihren leidenschaftlichen Einsatz für die Menschenrechte.

Jetzt, nach 1945, beginnt ein neues und freies Leben für Susanne Czapski.

An Studium ist erst einmal nicht zu denken (viel später, mit über 50, promoviert sie in Soziologie). Die 22-Jährige bewirbt sich bei den Amerikanern für die Nachrichtenagentur Dana - wird angenommen, und nach nur drei Monaten Journalistenlehrzeit wird sie zur Berichterstattung beim Nürnberger Prozess ausgewählt, als einzige Frau. Neun Monate lang berichtet sie täglich von den Gräueltaten der Hauptverantwortlichen. Für sie ist diese harte Aufgabe auch zugleich eine Herausforderung - sie wird sich immer dafür einsetzen, dass das nicht vergessen wird.

Nach dem Prozess geht sie zur neugegründeten Tageszeitung DIE WELT. Sie heiratet einen Kollegen und heißt jetzt Susanne von Paczensky. Gemeinsam wird das Paar als Auslandskorrespondenten nach London, später nach Paris entsendet. Sie bekommen zwei Kinder - beide sind heute hier.

Zurück in Hamburg engagiert sich Susanne von Paczensky als Beirätin in mehreren Strafanstalten und hilft mit, die erste Therapeutische Anstalt für Strafgefangene zu gründen - das war vor 40 Jahren - heute plant Ole von Beust, diese Anstalt wieder zu schließen, um Geld zu sparen.

Im Jahr 1969 hört man aus den USA von den dort rebellierenden Frauen. Susanne von Paczensky, die immer Neugierige, will dabei sein und fährt doch glatt zur ersten großen Frauendemo nach New York. Das wird die Initialzündung. Jetzt gehört sie zur beginnenden deutschen Frauenbewegung, gründet mit anderen in Hamburg die Frauengruppe F.R.A.U. Sie beteiligt sich am Bekenntnisaufruf des Stern "ich habe abgetrieben" und später bei der bundesweiten "Frauen-Initiative 6. Oktober". Natürlich spiegeln sich solche Aktivitäten in ihrer journalistischen Arbeit wieder. Mehr und mehr schreibt sie über die Themen der Frauenbewegung. Das führte nun wiederum dazu, dass sie 1978 ausgewählt wird, für den Rowohlt Verlag die Reihe rororo "Frauen aktuell" herauszugeben. Im Vorwort zu der Reihe postuliert sie das politische Motto für diese Bücher:

"Wir gehen davon aus, dass der Kampf um Menschenrechte notwendig auch ein Kampf um Frauenrechte sein muss. Wir wissen, dass Frauen speziellen Formen der Unfreiheit und der Ungerechtigkeit unterworfen sind, dass ihre Beteiligung am politischen Handeln auf besondere Hindernisse stößt. Diese Hindernisse sichtbar zu machen, wo möglich abzubauen - durch Erfahrungsberichte, Erklärungsversuche und Lösungsvorschläge - ist das Ziel von Frauen aktuell."

Im Lauf der nächsten Jahre gibt sie insgesamt 40 frauenpolitische Sachbücher heraus, Bücher über Migrantinnen, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, über Frauen und Terror, Väter als Täter oder die Hausfrauenehe, um nur einige zu nennen.

Es war ihr Ehrgeiz, einen ganz neuen Typ von Sachbüchern zu schaffen: Aei allem politischen Ernst sollten sie wenn möglich auch locker und vergnüglich zu lesen sein. Und das ist ihr immer wieder gelungen. Sie hat ihre Autorinnen sanft und erfolgreich dazu ermutigt, lebendig zu schreiben. Und wie viele Frauen hat sie angeregt, überhaupt ihr erstes Buch zu machen! Unter anderem auch mich! Eigentlich sollte es ein Buch über mein damaliges HU-Projekt, das Antidiskriminierungsgesetz, werden. Wir waren zum ersten Mal auf dem Flughafen verabredet, musterten uns von weitem und fielen uns dann gleich um den Hals - Liebe auf den ersten Blick ! Es wurde dann ein ganz anderes Buch - aber seitdem sind wir Freundinnen. Zahlreiche der damaligen Autorinnen sind noch heute mit Susanne befreundet. Das ist ja auch eine der wunderbaren Folgen der Frauenbewegung - die vielen, vielen Frauenbegegnungen!

In der Reihe erschienen immer wieder Titel zum Thema Schwangerschaftsabbruch. Einer hieß: "Die neuen Moralisten". Ja, die Moralisten! Junge Leute heute können sich wohl gar nicht mehr vorstellen, welche Feindschaft uns Frauen damals entgegen schlug, wenn wir die Abschaffung des § 218 forderten. Ich erinnere mich an Nonnen, die unser Flugblatt erst zerrissen, dann zerknüllten und dann mit ihren schwarzen Schuhen zornig darauf herumtraten, wie um es in den Boden zu stampfen.

Unsere Devise hieß: ersatzlose Streichung. Eine so klare Forderung klang für viele unglaublich radikal. Sogar auch für die HU. Eine Reform - ja. Eine Fristenregelung - ja. Aber Abschaffung? Ersatzlose Streichung? Im Bundesvorstand stritten wir erbittert. Ich sehe noch die beiderseitige Fassungslosigkeit, als mir entgegengehalten wurde, man könne doch nicht im Ernst den Frauen ganz allein diese Entscheidung überlassen. Ich war über solche Vorstellungen der Vorstandskollegen oft ganz verzweifelt. Wenn nicht Helga Killinger, die damalige Geschäftsführerin, eine überzeugte Mitstreiterin gewesen wäre! Unter den Männern der HU war immer Klaus Waterstradt die einzige rühmliche Ausnahme - ich möchte ihm an dieser Stelle meine Hochachtung aussprechen.

Der Gegenwind war stark. In der Öffentlichkeit kam der Widerstand vor allem von der Kirche. Das katholische Frauenbild und dazu das Mutterideal des Dritten Reiches - eine unheilige Allianz. Uns wurde Leichtfertigkeit vorgeworfen, bis hin zum Vorwurf "Mörderinnen". Ich zitiere den Vorsitzenden des gesundheitspolitischen Arbeitskreises der CSU, Hartwig Holzgartner: "Wir leben in einer Gesellschaftsordnung, die einen brutalen Massenmord, nämlich die Abtreibung, einfach hinnimmt." (1979) Susanne von Paczensky greift diesen Vorwurf auf und macht ihn zum Buchtitel: "Wir sind keine Mörderinnen, Streitschrift gegen eine Einschüchterungskampagne."

Ihr Engagement bleibt nicht ohne Folgen. Susanne von Paczensky wird eine begehrte Teilnehmerin an den damals aufkommenden Talkshows. Mutig kämpft sie mit Kardinälen, Ärzten, katholischen Frauen und anderen Lebensschützern. Unermüdlich reist sie durch die Lande. Ihre Kompetenz und Bestimmtheit, gepaart mit Humor und Charme haben sicher viel dazu beigetragen, dass die Stimmung in Deutschland sich gewandelt hat, so dass im Laufe der Jahre die Mehrheit aller Deutschen zumindest eine Reform befürwortete.

Susanne von Paczensky lässt ihrer Überzeugung jetzt auch Taten folgen: 1982 plant und gründet sie - mit anderen - das Hamburger Familienplanungszentrum (FPZ). Hier können Frauen, die ungewollt schwanger sind, den Abbruch machen lassen. Zwei Dinge sind dabei revolutionär:

1.) Krankenhäuser bevorzugten damals noch die rabiatere Ausschabung und bestanden immer auf mehrtägigem Aufenthalt. Hier wurde der Abbruch legal und von Ärzten mit der schonenden Absaugmethode ambulant vorgenommen und,

2.) das scheint mir ebenso wichtig - die Frauen wurden in ihrer Entscheidung respektiert und anteilnehmend begleitet. Die freundliche Atmosphäre dort bedeutete eine ungeheure Erleichterung für Frauen, die im Krankenhaus bestenfalls feindliche Duldung erwarten konnten, wie ich sie z.B. in bayrischen Krankenhäusern erfahren habe.

Neben der praktischen Arbeit war im FPZ von Anfang an begleitende Forschung geplant. Diese führt sie vor allem mit ihrer Freundin Renate Sadrozinski durch. Daraus erwachsen zwei wichtige Bücher zum Thema:

"Gemischte Gefühle - von Frauen, die ungewollt schwanger sind." Ich zitiere daraus: "Wer schwanger ist, soll sich freuen. Eine Geburt ist das ‚freudige Ereignis' schlechthin und so wird auch von jeder werdenden Mutter erwartet, dass sie von positiven Gefühlen erfüllt ist. Tatsächlich löst die Nachricht von ihrer Schwangerschaft bei mancher Frau zunächst einen tiefen Schrecken aus oder wandelt sich nach einer ersten Freude in Bestürzung. Doch diese Gefühle scheinen ihr unerlaubt." Über diese - eben gemischten - Gefühle berichtet das Buch, und es ist erleichternd für eine Betroffene zu lesen, dass sie nicht allein damit ist, dass es vielen Frauen ebenso ergeht.

Der zweite Forschungsbericht heißt: "Das hätte nicht noch mal passieren dürfen! Wiederholte Schwangerschaftsabbrüche und was dahintersteckt." Hier wird von Susanne von Paczensky ein Tabu gebrochen. Mehrfache Abtreibungen? Das darf es doch nicht geben. Lassen Sie mich einen Absatz daraus vorlesen: "Eine ungewollte Schwangerschaft, die durch Abbruch beendet wird, schützt nicht vor weiteren Schwangerschaften, denn an den Gründen, die zur Schwangerschaft und zum Schwangerschaftsabbruch führten, ändert auch ein Abbruch nichts. Für uns ist ein Schwangerschaftsabbruch, genauso wie mehrere, die Folge von Sexualität, die Folge von fehlgeschlagener Verhütung, die Folge der Entscheidung, kein Kind oder zu diesem Zeitpunkt kein Kind zu wollen. Eine ungewollte Schwangerschaft ist ein Problem, das einer Lösung bedarf. Tatsächlich führen die meisten ungeplanten Schwangerschaften nicht etwa zur Abtreibung, sondern zur Geburt eines Kindes. ... Nur wo diese Entscheidung nicht möglich ist, wird der Abbruch erwogen, der von manchen Frauen als schwere Schuld oder bedrohlicher Eingriff, von anderen als notwendiges Übel oder Befreiungsschritt erlebt wird. Doch jede von ihnen - wenn sie sich nicht zu dem radikalen Schritt der Sterilisation entscheidet - kann wieder in die gleiche Lage kommen. - Keine Frau soll durch ungewollte Schwangerschaft gesundheitlichen oder seelischen Schaden nehmen. Egal, wie viele Abbrüche sie hat, sie hat jedes Mal Anspruch auf Unterstützung und Hilfe."

Über den Vorgang selbst, über den Abbruch, gab es damals keinerlei Dokumentation, außer den von der katholischen Kirche verbreiteten Hetzfilmen mit zerstückelten Babybeinchen. Susanne von Paczensky initiierte den ersten sachlichen Aufklärungsfilm, er wurde im FPZ gedreht. Er heißt "Ein kurzer Film über den Schwangerschaftsabbruch".

In all ihren Büchern, in allen Diskussionen, in diesem Film - immer wieder hat Susanne von Paczensky ihre Überzeugung vertreten: Der Mensch beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Noch heute wird viel Verwirrung gestiftet, indem man für den Embryo dieses neblige Wort vom menschlichen Leben benutzt, um zu suggerieren, es sei eben doch schon ein Mensch. Damals spricht Susanne von Paczensky ganz sachlich von einem "Löffelchen Schleim", das bei einem rechtzeitigen Abbruch abgesaugt wird. In diesem Sinne ist der Film ein Schritt zur Entdämonisierung eines Abbruchs.

Inzwischen war die Preisträgerin zu einer so prominenten Frau geworden, dass ihr von Otto Schily - damals noch bei den Grünen - die Kandidatur zur Bundespräsidentin vorgeschlagen wurde. Sie hat das nicht gewollt, schade.

Und nun komme ich am Schluss noch zu einer direkten Verbindung zwischen Susanne von Paczensky und der Humanistischen Union. Es war 1989, die Vereinigung mit der DDR stand vor der Tür. In der Präambel des Grundgesetzes war festgelegt, dieses - provisorische - Grundgesetz gilt nur, bis die beiden deutschen Staaten vereinigt sind. Erst dann soll es eine deutsche Verfassung geben. Uns war klar, dass sich jetzt die einmalige Chance bot, in eine neue Verfassung endlich die Forderungen der Frauen an die Grundrechte einzufügen. Stellen Sie sich vor, am Frühstückstisch stecken drei Frauen die Köpfe zusammen, um diese Forderungen auszuhecken: Susanne von Paczensky, Renate Sadrozinski und ich. Für unsere Forderungen fanden wir auch gleich den zündenden Titel: Frauen in bester Verfassung.

Die Humanistische Union übernimmt unsere Forderungen und trägt durch eine breite Öffentlichkeitsarbeit wesentlich dazu bei, dass - immerhin - eine Forderung auch tatsächlich in das Grundgesetz übernommen wurde - die Ergänzung des Artikel 3 Absatz 2 Grundgesetz. "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." Allzu eifrig hat sich der Staat in dieser Beziehung allerdings seitdem noch nicht gezeigt.

Die wichtigste Forderung konnten wir nicht durchsetzen. Das Recht der Frau auf freie Entscheidung bei einer Schwangerschaft. Dieses Grundrecht als das eigentliche Menschenrecht speziell für Frauen, das gibt es noch nicht. Wir dürfen es aber nicht aus dem Auge verlieren, Susanne, Du musst noch weiter wirken! Zwar ist das Thema im Moment nicht mehr in der öffentlichen Diskussion, weil bei uns die gesetzliche Regelung einer wachsweichen Duldung gleichkommt. Aber wir erfahren aus den USA, dass dort unter Bush die Abtreibungsdiskussion schon wieder aufflammt. Die Fundamentalisten sind weiterhin aktiv. Auch in Europa. Wir werden erst zufrieden sein können, wenn das Recht der Frau auf Selbstbestimmung ein für alle Mal in den Verfassungen verankert ist.

1990 sorgt Susanne von Paczensky erst einmal wieder für Überraschung: Sie packt mit 67 Jahren noch einmal ihren Hausrat zusammen und verlässt Deutschland, um nach Amerika zu ziehen. Auch in den USA sind die Menschenrechte ihr vordringliches Thema. Sie schreibt über Missstände in den Gefängnissen und über die Todesstrafe. Sie berichtet von Menschen in der Todeszelle. Zuletzt wollte sie über sexuelle Gewalt unter Männern berichten, über Vergewaltigung in den Gefängnissen. Auch vergewaltigten Männern muss Gerechtigkeit widerfahren, aber dieses Thema scheint ein Tabu zu sein. Ähnlich wie vergewaltigte Frauen schweigen diese Männer aus Scham. Vielleicht ein heißes Eisen, dessen sich die HU annehmen könnte?

Nun ist Susanne von Paczensky zurückgekehrt, nach Deutschland, nach Hamburg, in ihre Heimat, wenn es denn gilt: Heimat ist dort, wo meine Freunde - und wo meine Freundinnen sind. Dort hat sie sich schon wieder etwas Neues vorgenommen - sie hilft Immigrantinnen, Deutsch zu lernen.

In Hamburg, in ihrer neuen Wohnung, kann sie jetzt zweifach auf ihr Lebenswerk blicken: Schaut sie ins Bücherregal, dann sind da die vielen von ihr geschriebenen oder herausgegebenen Bücher, und diese Bücher bedeuten neue Themen, neue Diskussionen, neue Erkenntnisse, die es ohne sie nicht gegeben hätte. Und schaut sie aus dem Fenster, dann sieht sie gegenüber auf das Familienplanungszentrum, das es auch ohne sie nicht geben würde, und in dem so viele Frauen Rat und Hilfe gefunden haben. Glückliche Susanne!

Als Fazit möchte ich ihr Motto für die Buchreihe auf ihr eigenes Leben übertragen: Der Kampf um Menschenrechte war für Susanne von Paczensky notwendig auch ein Kampf um Frauenrechte. Frauen sind speziellen Formen der Unfreiheit und Ungerechtigkeit unterworfen, ihre Beteiligung am politischen Handeln stößt auf besondere Hindernisse. Diese Hindernisse sichtbar zu machen und wo möglich abzubauen, das war ihr Ziel - und das ist ihr gelungen.

Heide Hering
Mitglied des Beirats der Humanistischen Union

Fritz-Bauer-Preis 2004


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Eröffnung     

Laudatio     

Rede Preisträgerin

Bild von Susanne von Paczensky

Susanne von Paczensky