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Ein Vorschlag zur Wieder­her­stel­lung von Gesund­heit

03. August 2020
Datum: Montag, 03. August 2020

Klaus Water­stradt

aus: vorgänge Nr. 61 (Heft 1/1983), S. 4/5

In der augen­blick­li­chen Situa­tion der unzurei­chenden Finanzen auf fast allen Gebieten (Rüstung im wesent­li­chen ausge­nommen), hervor­ge­rufen nicht zuletzt durch kritik­lose Forts­chritts­gläu­big­keit und Wissen­schafts­gläu­big­keit (Motto: Wachstum, Wachstum über alles), bemühen sich kompe­tente und inkom­pe­tente Geister um das Aufzeigen einzu­schla­gender Schritte, um das Vorbringen von Vorschlägen zu Auswegen aus dieser Sackgasse.

Die meisten von ihnen kurieren wie immer am Symptom und nicht an der Wurzel des Übels, denn dazu wäre ja die ideolo­gisch so berüch­tigte „System­ver­än­de­rung“ vonnö­ten.

Aller­dings scheinen sich auch hier inzwi­schen grund­le­gende Denkver­än­de­rungs­pro­zesse einzu­lei­ten. Immerhin ist es heute schon nicht mehr ganz einfach, neue Techno­lo­gien mit großzügig zukunfts­wei­senden“ und sogar „arbeits­platz­schaf­fenden“ Perspek­tiven einer begeis­tert konsum­be­reiten Öffent­lich­keit anzudie­nen. Selbst die publi­ci­ty­-träch­tigen Automa­ti­onen und Ratio­na­li­sa­ti­onen der Glasfa­ser­ver­ka­be­lungen, Teletext­pro­jekte und BIGFON-­Ma­ni­pu­la­ti­onen stoßen auf zuneh­mende kriti­sche Bewer­tungen vielfäl­tiger Initia­ti­ven.

Geistige Umwelt­ver­schmut­zung ist hier das Schlag­wort in Analogie zu der heute von allen Bürgern bereits als Bedro­hung empfun­denen Umwelt­ver­schmut­zung durch Produk­ti­ons­er­geb­nisse von techni­schem „Fort­s­chritt“ und von Indus­tri­a­li­sie­rung mit allen ihren krank­ma­chenden Folgen.

Nicht nur die Vielzahl der krebs­er­zeu­genden Stoffe, nicht nur die Hautschä­di­gungen, die Beein­träch­ti­gung der Atmungs- und Sinnes­or­gane, des Herz-­Kreis­lauf­sys­tems oder der Verdau­ungs­or­gane, des Knochen- und Gerüst­ap­pa­rates, auch die unüber­seh­bare Gefähr­dung der Nachkom­men­schaft, der folgenden Genera­ti­onen, auch die Aufrüs­tung mit atomaren, biolo­gi­schen und chemi­schen Kriegs­kampf­mit­teln (A-B-C Waffen), all dies liegt im Blick­feld einer wachsenden Zahl mehr ökolo­gisch als ökono­misch denkender Menschen und führt zu Gegen­druck und zur Forde­rung, den Frieden zu sichern ohne Rüstung.

Dessen ungeachtet gibt es natür­lich eine große Anzahl von Menschen, die einfach den Kopf in den Sand stecken angesichts der massen­haften Einwir­kungen, weil sie glauben, doch nichts mehr ändern zu können und es gibt eine beträcht­liche Zahl von unauf­ge­klärten Mitmenschen, die mangels einschlä­giger Infor­ma­ti­onen meinen, die da oben machen trotz einiger Fehler schließ­lich doch alles zum besten.

Die sogenannten denkenden Menschen finden sich zu öffent­li­chen Anhörungen und Diskus­si­onen zusam­men. Sie üben zum Teil auch positive Kritik und machen dabei Vorschläge, wie schon gesagt, zur Minde­rung der Übel und zur Verbes­se­rung der Fehler.

Auf einer solchen Veran­stal­tung hörte ich gerade wieder die bekannten Empfeh­lungen zur Kosten­dämp­fung im Gesund­heits­wesen, nämlich die sogenannte „Selbst­be­tei­li­gung“ im System der kassen­ärzt­li­chen Versor­gung. Dies werde schon – und eigen­tüm­li­cher­weise nicht das ärztliche Handeln – dazu beitragen, daß nicht über das Maß des Notwen­digen hinaus die Mittel der Versi­che­rungs­ge­mein­schaft in Anspruch genommen werden. Daß dabei manchmal auch das Notwen­dige außer­acht gelassen wird, ist nur ein Aspekt. Erfah­rungen in anderen Ländern zeigen, daß auch dort die Koste­n­aus­wei­tung im Gesund­heits­wesen durch „Selbst­be­tei­li­gung“ nicht verhin­dert wird. Und ist bei uns etwa neben den Kosten für Arbeits­lo­sen- und Renten­ver­si­che­rung eine 13% vom Lohn betra­gende Beitrags­s­umme zur Kränken­ver­si­che­rung noch nicht Selbst­be­tei­li­gung genug?

Die Monopol­mittel etwa, die der Staat einnimmt aus der syste­ma­ti­schen Vergif­tung der Bevöl­ke­rung durch den Konsum von Alkohol und Nikotin, der mit meter­hohen Rekla­me­ta­feln angeheizt wird, reichen bei weitem nicht aus, um die Entzie­hungs- und Rehabi­li­ta­ti­ons­folgen der dadurch entstan­denen Körper- und Geistes­schäden zu finan­zie­ren.

1976 habe ich in vorgänge 21 geschrie­ben: „Wir müssen einsehen lernen, daß das Anreizen zum Konsum bestimmter Güter, die zum Teil als Status­sym­bole anzusehen sind, die primären mensch­li­chen Bedürf­nisse verdrängt und eine gesund­heits­schä­di­gende Lebens­weise herbei­führt, die im Zusam­men­wirken mit anderen Schädi­gungen und Umwelt­ein­flüssen eine krank­ma­chende Wirkung ausübt.“

Und an anderer Stelle: „Im übrigen sollte in einem Sozial­staat auch nicht mit dem Versuch gespielt werden, den Versi­cherten, der durch eine mit Milli­arden steuer­be­güns­tigte Werbung für gesund­heits­schä­di­gende Produkte, durch raffi­nierte psycho­lo­gi­sche Konsu­m­an­reize zu gesund­heits­wid­rigen Verhalten veran­laßt wurde, danach zu diszi­pli­nieren, indem die eintre­tenden Folgen durch Selbst­be­tei­li­gung mit Strafen belegt werden.“

Nun, heute, nach sechs Jahren, kann man lange suchen, um in unserer Umwelt noch Dinge auszu­ma­chen, die wir zu uns nehmen oder mit denen wir umgehen, und die keine krank­ma­chenden Auswir­kungen haben.

Und so kam ich in der genannten Veran­stal­tung auf eine Idee, die ich hier wieder­holen möchte.

Wie wäre es denn, wenn man den Gedanken der Selbst­be­tei­li­gung so nachdrü­ck­lich, wie er immer verfochten wird, auf das Verur­sa­cher­prinzip anwenden würde. Wenn der Gesetz­geber also jedem Hersteller von Stoffen, die sich in irgend­einer Form umwelt- und damit gesund­heits­schä­di­gend auswirken können, die Auflage verordnen würde, (natür­lich unter angemes­sener Straf­an­dro­hung bei Nicht­be­ach­tung), in seinem Etat einzu­planen, bzw. von seinem Umsatz abzuführen einen gewissen auszu­han­delnden Prozent­satz an Finanz­vo­lumen, der zweck­ge­bunden dem Gesund­heits­wesen zur Aufklä­rung, Verhü­tung, Behand­lung und Rehabi­li­ta­tion zur Verfü­gung steht.

Ich werde diesen Vorschlag den zustän­digen Gremien, den Parla­men­ta­riern und den Bürger­in­itia­tiven zur Diskus­sion zugäng­lich machen und bin der festen Überzeu­gung, daß so nicht allein eine deutliche Vermin­de­rung der Ausgaben der bishe­rigen sogenannten Kosten­träger eintritt, sondern langfristig auch eine Vermin­de­rung der Ausbrei­tung umwelt- und gesund­heits­schä­di­gender Produkte.

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