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Rezension, vorgänge: Artikel - 17.07.19

Achte auf Deine Privatsphäre

Dirk Schaarenberg

in: vorgänge Nr. 225/226 (1-2/2019), S. 145-148

Katharina Nocun: Die Daten, die ich rief. Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen. Bastei Lübbe, Paperback Politik und Gesellschaft Köln 2018, 347 S., 18,00 €

 

Für ihr erstes Buch hat sich die Netzaktivistin Katharina Nocun mühsam durch die AGBs ihrer Online-Dienste gekämpft – und trotz traumatisierender Erfahrungen einen unterhaltsamen Weckruf in Sachen Datenschutz geschrieben. „Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen“ lautet der Untertitel des Buches, und genau das wollte die Autorin in ihrem Buch herausfinden. Die Ergebnisse sind erstaunlich bis erschreckend. Nocun zeigt anhand vieler Beispiele, warum wir uns vor der Geldgier der Konzerne und dem Überwachungswahn staatlicher Behörden schützen müssen.

Wem ist schon bewusst, dass Facebook jedes Bild samt Breiten- und Längengrad speichert – auch wenn man angibt, der Standort solle nicht angezeigt werden? Wen kümmert es, wenn ein Konzern viel zu weitreichende Datenauskünfte verlangt? Wer hat sich ernsthaft mit der neuen EU-Datenschutzgrundversordnung (DSGVO) befasst? Wer liest schon Allgemeine Geschäftsbedingungen? Da lassen wir uns doch lieber Bücher, Reisen und potenzielle Partner vom Internet empfehlen und pfeifen auf unsere Datenspur. Großkonzerne wie Amazon, Google und Facebook nutzen unsere Daten, um Millionen-Umsätze zu generieren. Banken, Firmen und Behörden nutzen Algorithmen, um unsere Zukunft vorherzusagen. Und Geheimdienste wetteifern darum, wer uns am effektivsten überwacht und durchleuchtet. Denn wer uns am besten kennt, kann uns manipulieren und uns das Geld aus der Tasche ziehen.

Katharina Nocun, Jahrgang 1986 und studierte Ökonomin, ist eine erfahrene Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin. Sie leitete bundesweit Kampagnen zum Thema Datenschutz, Whistleblower und Bürgerrechte u.a. für die Bürgerrechtsbewegung Campact, für Mehr Demokratie und den Verbraucherzentrale Bundesverband und ist Beirat im Whistleblower-Netzwerk. Nocun klagte gegen mehrere Überwachungsgesetze vor dem Bundesverfassungsgericht und erzwang mit einer Beschwerde bei der EU-Kommission gegen die Bundesregierung ein neues Bundesdatenschutzgesetz. 2013 wurde sie als politische Geschäftsführerin in den Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland gewählt. Nocun ist seit 2012 regelmäßig als Expertin für Datenschutz und digitale Demokratiebewegungen Gast im Fernsehen. Sie ist aktive Bloggerin, macht „Politik in der vernetzten Welt“ auf kattascha.de und veröffentlicht regelmäßig Beiträge zum Thema. [19]

Jeder, der regelmäßig auf Facebook, Google, Amazon, Instagram oder Twitter unterwegs ist, ist von fehlender Datensicherheit betroffen. Die Internetkonzerne machen gigantische Geschäfte, denn ihre Kunden bezahlen für die „kostenlosen“ Dienste, indem sie den Anbietern ihre persönlichen Daten überlassen. Im ersten Kapitel „Mein Datenschatten“ untersucht die Autorin, wie viel wir von uns täglich online preisgeben. Die nüchterne Antwort: so ziemlich alles. Anhand persönlicher Erfahrungen und Recherchen stellt Nocun amüsant und beiläufig dar, welche Unmengen an Daten die großen Internetkonzerne über sie gesammelt haben: Von Amazon erhält die Autorin (erst nach hartnäckigem Nachfragen) eine eindrucksvolle Tabelle mit allen jemals betrachteten Seiten, die ein präzises Bild von ihren Interessen und Bedürfnissen zeichnet. 15.000 Blatt Papier! Nocun erklärt, welche Analysewerkzeuge zur Verfügung stehen, welche Erkenntnisse damit gewonnen werden und wie leicht unvorsichtige Verbraucher zum „gläsernen Menschen“ gemacht werden können. Sie weist darauf hin, wie schlecht Chats, persönliche Informationen und sonstige Kommunikationen in den sozialen Netzwerken vor Zugriffen gesichert sind, wie Unternehmen wie Google oder Facebook ihre Nutzer überwachen. Die Autorin hat viele Beispiele gesammelt, von der Supermarkt-Kasse mit den beliebten Payback- oder Gewinnspiel-Aktionen über personalisierte Werbung, die Marketing-Kniffe beim Online-Handel (Amazon) bis zur Preisgestaltung für die Urlaubsplanung (Flugsuche) oder individualisierten Versicherungstarifen; als stolperten wir von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen.

Die scheinbar harmlose Fitnessuhr, die Nocun ausprobiert, misst und speichert ununterbrochen hochsensible Gesundheitsdaten wie Puls, Gewicht oder Bewegung, mit denen Erkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes oder Rückenprobleme prognostiziert werden könnten. Mit den Daten, die Facebook sammelt, könnte der Konzern angeblich selbst die sexuelle Orientierung Jugendlicher voraussagen, noch bevor sie sich selbst darüber klar werden. Und der treffendste Satz zu Google lautet: „Wir sind, was wir suchen“. Oder, wie es der Google-Chef Eric Schmidt einmal ausdrückte: „Wenn es irgendetwas gibt, was man nicht über Sie wissen sollte, dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst [online] tun.“ Auch auf den staatlichen Datenhunger geht Nocun am Ende des Kapitels ein, der dagegen ein wenig harmlos wirkt.

Die Netzaktivistin und Ex-Piratin erzählt locker und unterhaltsam, verwebt kleine Anekdoten wie jene von den Überwachungskameras in Umkleideräumen ihrer Sauna mit großen Datenskandalen wie Cambridge Analytica und verbindet das Ganze verständlich mit der aktuellen Rechtslage.

Besonders spannend ist da natürlich, dass Nocun selbst Web-Junkie ist: Die Begeisterung für Internet und soziale Medien ist bei ihr immer zu spüren. Onlineshopping und digitale Dienstleistungen sind Teil ihres Lebens. Sie will darauf nicht verzichten und spricht keine Verbote aus. Für die Recherche zum Buch durchforstete sie ihren eigenen Datendschungel, fragte bei Amazon, Facebook und deutschen Polizei- und Verfassungsschutzbehörden ab, was über sie gespeichert ist, las sich tagelang durch sämtliche Geschäftsbedingungen und Datenschutzhinweise all der Dienste, die sie nutzt. Dieser Aufwand und ihre Beharrlichkeit zeigen die uns eigene Naivität und Bequemlichkeit – es bleibt das Gefühl, im Netz allzu leichtfertig auf „Okay“ zu drücken. „Ich habe die Datenschutzbestimmungen gelesen“ ist die wohl meistverbreitete Lüge im Netz.

Dabei lässt die Autorin das viel gebrachte Argument „Ich habe ja nix zu verbergen“ nicht gelten – weil man dann genauso gut die Meinungsfreiheit damit hergeben könnte, dass man ja gerade nichts zu sagen hat. „Jeder hat etwas zu verbergen“, schreibt Nocun. „Und wenn es nur der heimliche Wunsch ist, ein glücklicheres Leben als das jetzige zu führen.“

Geradezu erschreckend ist, welche Macht sich mit diesen Daten ausüben lässt. Das ist Thema des zweiten Kapitels „Wie wir konditioniert werden“. Basierend auf Gesundheitsdaten könnten Krankenversicherer Tarife so individuell auf den Kunden zuschneiden, dass das Solidarprinzip abgeschafft wird. Würde dies zum Standard, dann würden datensparsame Kunden tariflich wie Hochrisikogruppen behandelt, nur weil sie nicht ständig alle Gesundheitsdaten preisgeben wollen. Beängstigend wird es auch bei den Newsfeed-Filtern, die Facebook einsetzt. Nocun beschreibt, wie diese als Verstärker für schockierende und angsteinflößende Nachrichten wirken und Facebook von dieser „Schreispirale“ profitiert, weil sie die Aufmerksamkeit der Nutzer stärker und länger bindet, was zu mehr Werbeeinnahmen führt. Die Folgen staatlicher Überwachung nehmen im zweiten Kapitel größeren Raum ein. Einerseits stellt die Massenüberwachung (statt zielgerichteter Ermittlungen) alle Bürger unter Generalverdacht.

Andererseits beschreibt der „Chilling-Effekt“ schon: Wer weiß, er wird überwacht, ändert vorsorglich sein Verhalten. Wohin dies führen kann, zeigt Nocun am Beispiel China, wo heute schon ein „Social Score“ getestet wird. Jeder Mensch wird einem Punktesystem unterworfen, dessen Basis privatwirtschaftlich und staatlich erhobene Daten sind. Von seinem „Score“ soll künftig abhängen, ob er einen Kredit bekommen, Sozialleistungen erhalten oder welche Schulen er für seine Kinder wählen darf. Die „Smart City“, der urbane Überwachungsstaat ist nicht mehr weit.

Im dritten Kapitel „Es ist fünf vor zwölf“ beschreibt sie, wie wir weniger von uns preisgeben und unsere Daten schützen können. Hier ruft uns die Aktivistin zum Handeln auf. „Tuwat“ ist Credo des Kapitels und Quintessenz des Buches. Hier zieht sie die Konsequenz aus dem, was sie in den ersten Kapiteln ermittelt hat. Sie ist überzeugt: Der technologische Fortschritt führt nicht automatisch zu einer besseren Welt und die Marktwirtschaft nicht zum Schutz der Privatsphäre. Darum fordert sie eine bessere Regulierung disruptiver Technologien und einen stärkeren Datenschutz, kurz: Eine Digitalisierung, die der Gesellschaft nützt und nicht dem Profitinteresse einiger weniger Konzerne. Die DSGVO sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber auch nicht mehr. Vieles liege noch im Argen und der Staat alleine wird es ihrer Ansicht nach nicht richten. Sie ruft dazu auf, die digitale Zukunft selbst neu zu bauen - „nur besser“. Schließlich kommt Nocun zur „Ersten Hilfe für mehr Privatsphäre“ – kurz und prägnant.

Nocun ist ein eindrückliches, anschauliches Plädoyer für mehr Datenschutz gelungen, ohne das Netz zu verteufeln. Sie hat ein leicht verständliches Buch geschrieben, das die Leser/innen durch lebendige Sprache und die vielen persönlichen Schilderungen direkt anspricht und mitnimmt. Das Buch ist Menschen, die sich bisher wenig mit dem Datenschutz auseinandergesetzt haben, ein Augenöffner. Wer die Verantwortung für seine Spuren im Netz nicht ernst nimmt, dem wird es wie Goethes Zauberlehrling ergehen: er wird die Kontrolle verlieren über jene Geister, die er rief.

[19] S. auch ihren Beitrag mit Patrick Breyer in diesem Heft.