Themen / Sozialpolitik

Armut - Zwang zur Kinder­a­r­beit

24. Februar 1985

aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 46-15

Im Dunkeln der » Wohlstands­ge­sell­schaft«

Nur selten gelangt das an das Licht der Öffent­lich­keit, wovon manche meinen: »So lernen sie am schnellsten, was sie im Leben erwartet«, wie z.B. Arthur Laffer, Berater des US-Prä­si­denten Ronald Reagan, ein Freund der Kinder­a­r­beit (Plus. Jg. 1980, H.52, S. 17) oder »Kinder­a­r­beit gibt es bei uns nicht, denn sie ist verboten« – wie z.B. der zustän­dige Minis­te­ri­alrat für Arbeits­recht und Arbeits­schutz im Bundes­a­r­beits­mi­nis­te­rium, Dr. Zmarzlik (Die Welt vom 07.11.80). Im Schatten der sogenannten Wohls tands­ge­sell­schaft müssen Kinder, die zur Schule gehen und außerdem hart arbeiten — in der Bundes­re­pu­blik etwa 300 000 — einen Acht- bis Zehnstun­dentag bewäl­tigen — mehr als das, was manche Erwach­senen leisten müssen.
Unter »Kinder­a­r­beit« wird hier die Erwerbs­tä­tig­keit von Kindern zum Zwecke der Gewinn­er­zie­lung seitens der Unter­nehmer verstanden, und zwar unabhängig davon, wie lange die Kinder­a­r­beit dauert, wie oft sie statt­findet und ob sie verboten ist oder nicht.  Zur Kinder­a­r­beit zählt nicht die Mitar­beit im elter­li­chen Haushalt sowie die Arbeits­lehre einschließ­lich des Betrieb­sprak­ti­kums. Nach dem Jugend­a­r­beits­schutz­ge­setz gilt das Beschäf­ti­gungs­verbot für Kinder unter 14 Jahren und ältere, soweit diese noch vollzeit­schul­pflichtig sind. Mit der Einfüh­rung der 10jäh­rigen Schul­pflicht gelten also auch 15-und evtl. 16jäh­rige als Kinder im Sinne des Jugend­a­r­beits­schutz­ge­set­zes. Seitens der Kinder ist die familiäre Armut einer der wesent­li­chen Gründe der Kinder­a­r­beit neben anderen – wie z.B. der Angst um einen Ausbil­dungs­platz bei der »Probe­a­r­beit«.

Kinder­a­r­beit für den Lebens­un­ter­halt der Familie

Kinder­a­r­beit gibt es in der Bundes­re­pu­blik seit Beginn ihrer Existenz. In den 50er Jahren stand bei der Kinder­a­r­beit aufgrund der Arbeits­lo­sig­keit, Obdach­lo­sig­keit, Eltern­lo­sig­keit usw. das nackte Überleben im Vorder­grund. Für Hunger­löhne — überwie­gend zwischen 15 und 75 Pfennigen pro Stunde —schuf­teten die Kinder vielfach aus bitterer Not für die einfachsten Lebens­be­dürf­nisse. In den 60er Jahren spielte die Kinder­a­r­beit aufgrund des gestie­genen Wohlstands eine teilweise gerin­gere und teilweise verän­derte Rolle: Zum Ausgleich des zuneh­menden Arbeits­kräf­teman­gels werden Kinder vielfach als feste Hilfs­a­r­beits­kräfte in den Produk­ti­ons­prozeß einge­setzt —soweit die schnelle techni­sche Entwick­lung das noch zuläßt, und zwar besser bezahlt. Im Vorder­grund der öffent­li­chen Diskus­sion steht der »Taschen­gel­d­er­werb« für die Finan­zie­rung eines Fahrrads, der Kleidung, der Ferien­reise, eines Fotoap­pa­rates usw.. Die Kinder­a­r­beit für unmit­tel­bare Lebens­mittel, für die Wohnungs­miete usw. spielte jedoch nach wie vor eine – wenn auch unter­ge­ord­nete – Rolle.

Mit der zuneh­menden Verar­mung vieler Arbei­ter- und Angestell­ten­fa­mi­lien seit der Krise 1974/75 werden immer mehr Kinder genötigt, zum Lebens­un­ter­halt der Familie beizu­tra­gen. Inzwi­schen hat die Hälfte aller Familien mit vier oder mehr Kindern ein Einkommen unter dem Existenz­mi­ni­mum. Andau­ernde Arbeits­lo­sig­keit, vermehrte  Obdach­lo­sig­keit, Reallohn­ver­lust, Sozia­l­abbau, drasti­sche Mietstei­ge­rungen usw. sind die Gründe, die den Zwang zur vermehrten Lohna­r­beit von Kindern – auch aus nicht kinder­rei­chen Familien – für den Lebens­un­ter­halt verstär­ken. Das gelegent­liche Jobben zur Erfül­lung von ein paar Kinder­träumen ist noch das geringste Übel. Diese Kinder hören meist dann auf, wenn die Arbeit zu viel, die Bezah­lung zu niedrig ist oder wenn das begehrte Fahrrad oder der Fußball erarbeitet sind. Viel schlimmer ist die Kinder­a­r­beit, wenn damit der Lebens­un­ter­halt der Familie gesichert werden muß, wenn der geringe Verdienst der Eltern die Kinder regel­recht zur Arbeit zwingt. Der Zusam­men­hang zwischen niedrigem Famili­enein­kommen und der daraus für die einzelnen Familien resul­tie­renden Notwen­dig­keit, die Kinder auch zum Unter­halt beitragen zu lassen, wird in vielen Einzel­fällen deutlich. Dies macht die Handlungs­weise der Eltern verständ­lich und wirft gleich­zeitig ein bezeich­nendes Licht auf die kapita­lis­ti­schen Produk­ti­ons­ver­hält­nisse, die die Eltern mehr oder weniger zwingen, ihre Kinder zur Lohna­r­beit zu nötigen. In zahllosen Einzel­bei­spielen wird deutlich, daß Kinder direkt für den Lebens­un­ter­halt der Familie arbei­ten:

Ein 12jäh­riger Junge arbeitet täglich 12 Stunden in den großen Ferien in einer Autowasch­an­lage. Seine Eltern  kassieren die Hälfte des verdienten Geldes (vgl. Semmler 1974, 24).
So zeigt sich auch in den Gewer­be­auf­sichts­be­richten, daß insbe­son­dere Sonder- und Haupt­schüler bei verbo­tener Kinder­a­r­beit angetroffen werden – wie z.B. im folgenden Fall: »In einem Betrieb wurde ein 14jäh­riger Junge beschäf­tigt, den seine Eltern von der Schule abgemeldet hatten, um sich durch die Arbeit des Kindes eine zusätz­liche finan­zi­elle Einnah­me­quelle zu verschaffen« (Jahres­be­richt der Gewer­be­auf­sicht (JdG) Baden-Würt­tem­berg 1972, 41).

So muß sich z.B. das Jugendamt in München mit einem 12jäh­rigen türki­schen Trebe­gänger befassen, aus dessen Lebens­ge­schichte hervor­geht, daß er bereits vier Jahre zuvor, als damals achtjäh­riger Junge, seiner Familie beim Geldver­dienen helfen mußte. Sein älterer Bruder brachte ihn zur Zeitungs­aus­trä­ger-­A­r­beit mit. In der kinder­rei­chen Familie habe damals ein fürch­ter­li­ches Elend geherrscht, so schlimm, daß sich einem das Herz umdrehen müßte (vgl. Frank­furter Rundschau vom 27.04.81).

Die durch­schnitt­liche Entloh­nung beträgt – obwohl die Kinder teilweise schon wie Erwach­sene arbeiten — im Durch­schnitt zwischen 2 und 3 DM die Stunde. Diese niedrigen Löhne werden nicht nur im Handel oder in der Landwirt­schaft gezahlt. So haben z.B. etwa 30 Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren – teilweise mit Lohnsteu­er­karten — ca. 5 000 Stunden in einer Spiel­wa­ren­fa­brik für durch­schnitt­lich 2 DM pro Stunde  gearbeitet (JdG Bayern 1974, 66). Der »Spiegel« verkennt daher die Situa­tion der Kinder, wenn er zu dem abenteu­er­li­chen Schluß kommt, daß nicht nur die Unter­nehmer, sondern auch die Kinder selbst Schuld an ihrer verhee­renden Lage trügen: »Verstoßen wird gegen das Verbot der Kinder­a­r­beit gleicher­maßen durch gewinn­süch­tige Arbeit­geber wie geldhung­rige Kinder« (Kinder­a­r­beit 1972, 63 und 65).

Kinder­a­r­beit für das Existenz­mi­nimum

Die Krisen­folgen zeigen sich in einer Reihe von unter­schied­li­chen Formen und Anlässen  der famili­ären Armut, die zur Kinder­a­r­beit führen: Dazu gehören neben der Arbeits­lo­sig­keit, der Heimar­beit und der Ruinie­rung von Klein­bauern insbe­son­dere

– Reallohn­sen­kung,
– Schei­dung der Eltern,
– Krank­heit eines Eltern­teils,
– Kinder­reichtum,
– frühzei­tige Arbeits­un­fä­hig­keit, usw.,

wozu im folgenden einige Beispiele zur Illus­tra­tion angeführt werden:

Auf dem Frank­furter Flughafen passiert jeden Abend eine Frau in Beglei­tung ihrer 12jäh­rigen Tochter die  Sicher­heits­kon­trollen, um von 23 Uhr bis 4 Uhr früh die Maschinen zu säubern. Das zu bewäl­ti­gende Arbeits­pensum ist so gewaltig, daß sie ohne die Mithilfe ihrer Tochter nicht zurecht käme. Das Flugha­fen­per­sonal nimmt keinen Anstoß an dem unglei­chen Duo. Die Mutter, die von ihrem geschie­denen Mann nur unregel­mäßig Unter­halt bezieht, ist auf diesen nächt­li­chen Job angewiesen — der Arbeit­geber spart eine zweite Arbeits­kraft. Nach getaner Arbeit kann die 12jäh­rige Tochter gerade drei Stunden schlafen, ehe sie dann müde und unkon­zen­triert zur Schule geht (vgl. Körner 1984, 14).

In einem Super­markt arbeiten die noch schul­pflich­tigen Zwillinge, Kinder eines ehema­ligen Mitar­bei­ters, über mehrere Monate lang täglich nach der Schule im Waren­la­ger. Der Vater der Zwillinge war nach einem  Herzin­farkt frühzeitig Rentner gewor­den. Nach Aussage der Perso­nal­chefin wollte die Firma der Familie mit der Beschäf­ti­gung der Kinder finan­ziell helfen (JdG Nordrhein-West­falen 1981, 181).

Für die 13jäh­rige Beate Petri beginnt der Tag nicht wie für ihre Klassen­ka­me­raden um sieben Uhr, sondern schon gegen fünf Uhr. Dann ist Beate bereits auf den Beinen und trägt Brötchen aus. Den Vertrag mit dem Bäcker­meister hat ihre Mutter unter­schrieben, den Lohn liefert das Kind zu Hause ab. Wenn Beate nach Früha­r­beit und Schule endgültig gegen Mittag nach Hause kommt, warten neue Pflichten auf sie. Dann muß das Mädchen auf ihre beiden jüngeren Geschwister aufpassen und den Haushalt versorgen, während ihre Mutter als Verkäu­ferin arbei­tet. Wenn Beate schließ­lich ihre Geschwister zu Bett bringt, ist es 18.30 Uhr. Wenn sich die kleine Schwer­a­r­bei­terin dann endlich über ihre Schul­a­r­beiten beugt, hat sie einen 13-Stun­den­-Tag hinter sich. Meist ist sie viel zu erschöpft, um noch Lernstoff in sich aufzu­neh­men. Im Leben der 13jäh­rigen wird sich sobald nichts ändern, denn ihre Mutter ist auf den Zusatz­ver­dienst von 100 DM angewie­sen. Frau Petri ist geschieden, Beates Vater zahlt nur unregel­mäßig Unter­halt (vgl. Plus. Jg. 1980, 17) Die 10- und 12jäh­rigen Söhne einer allein­ste­henden Frau »helfen dem Bauern, der ihrer Mutter sein ehema­liges Gesin­de­haus vermietet hat, täglich 2 1/2 Stunden…. Jeder … bekommt dafür in der Woche 10 Mark, das sind 60 Pfennig für die Stunde. In Nieder­sachsen bekommen Hilfs­a­r­beiter in der Landwirt­schaft sonst einen Stunden­lohn von 3 Mark. Doch die Arbeit dieser beiden Jungen wird haupt­säch­lich als Gegen­leis­tung für eine billige Wohnung bewertet« (Richter 1973, 5).

Gerade bei kinder­rei­chen Arbei­ter­fa­mi­lien und bei den ärmere Familien auf dem Lande führt die schlech­tere materi­elle Situa­tion dazu, daß die Kinder arbeiten oder mitar­beiten müssen, damit die Familien sich das Lebens­not­wen­dige leisten können. Insbe­son­dere Sonder- und Haupt­schüler werden bei der Kinder­a­r­beit angetrof­fen. Dieser Druck zur Kinder­a­r­beit nimmt in der Krise zu, obwohl die Kinder­a­r­beit sich jetzt schlechter reali­sieren läßt. Zahlreiche Familien sind bereits bei normaler Konjunktur auf die Neben­a­r­beit ihrer Kinder angewiesen, noch mehr Familien sind es in Krisen­zei­ten. Niedrige Löhne, Kinder­reichtum und Obdach­lo­sig­keit führen auch infolge des Sozia­l­ab­baus vermehrt zur Kinder­a­r­beit.

Kinder­a­r­beit und Arbeits­lo­sig­keit

Kinder­a­r­beit mit ihren negativen Folgen trifft in erster Linie die materiell schwächsten  Gruppen der Gesell­schaft, die auf einen Zusatz­ver­dienst angewiesen sind. Dies zeigt sich insbe­son­dere bei Arbei­ter­fa­mi­lien, Heimar­bei­ter­fa­mi­lien, Familien, in denen der Vater oder die Mutter arbeitslos ist und obdach­losen Familien. Für Kinder aus Arbei­ter­fa­mi­lien gilt generell, daß in Krisen­si­tua­ti­onen die Arbeits­lo­sig­keit viele un- und angelernte Arbei­ter­fa­mi­lien zwingt, ihre Kinder arbeiten zu lassen. Nach Berech­nungen des IAB sind gegen­wärtig weit über 1 Million Kinder von der Arbeits­lo­sig­keit in ihren Familien mitbe­trof­fen. Für viele Kinder, die in der eigenen Familie erleben, wie drückend sich die Arbeits­lo­sig­keit des Vaters oder der Mutter auswirkt, hat die Arbeit einen so hohen Wert bekommen, daß sie bereit sind, vieles dafür in Kauf zu nehmen.

»Bei uns zu Hause wird eigent­lich nur über Arbeit geredet, wie froh man sein darf, wenn man welche hat,  wie schlimm es ist, wenn man keine hat« berichtet die 11jäh­rige Martina, deren Vater seit drei Jahren vergeb­lich auf Arbeit­suche ist. »Wenn Vater sich wünscht, endlich wieder arbeiten zu können, wieso soll dann Arbeit für mich etwas Schlechtes sein?«, fragt das Mädchen, das seit zwei Jahren regel­mäßig in einer Gaststätte beim Gläser­spülen hilft (Körner 1984, 169).

Gerade in Wirtschafts­krisen wirkt sich das materi­elle Elend eines Teils der Arbeitneh mer verschärft auf die Lebens­lage ihrer Kinder aus. Zuneh­mende Kinder­a­r­beit als Folge von Verar­mung durch Arbeits­lo­sig­keit? Der Trend, das Jugend­a­r­beits­schutz­ge­setz den wirtschaft­li­chen Inter­essen zu opfern, macht auch denkbar, Kinder­a­r­beit zu erlauben, mit der Begrün­dung »schließ­lich hänge die Existenz tausender Familien daran«. Horror­vi­sion? Nein. Schon die sogenannte Reform des Jugend­a­r­beits­schutz­ge­setzes von 1976 hat weite Teile vorher verbo­tener Kinder­a­r­beit legali­siert. Das Unter­binden der Kinder­a­r­beit allein aller­dings schafft noch keine Lösung der famili­ären Existenz­pro­bleme. Nicht nur die Kinder­a­r­beit muß gänzlich verboten und verhin­dert werden, sondern auch die Arbeits­lo­sig­keit wie die Armut generell: Der Schaf­fung und auch politi­schen Förde­rung eines großen Arbeits­lo­sen- und Armen­heeres seit Mitte der siebziger Jahre als Druck­mittel gegen soziale Reformen muß nachdrü­ck­lich begegnet werden.

Kinder­a­r­beit im Rahmen der Heimar­beit

Die Löhne sind beson­ders in der Heimar­beit für die mehr als 200000 Heimar­beiter mit  ca. 50000 heimar­bei­tenden Kindern niedrig. Kinder werden hier extrem massiv ausge­beu­tet. Während andere spielen, müssen sie daheim hart arbei­ten: kleben, flechten, häkeln, sticken usw. Die Schul­a­r­beiten können oftmals nur »schnell, nebenbei« erledigt  werden. Zeit ist Geld. Und die Familie braucht Geld. Das Einkommen reicht nicht aus. Oder der Vater ist arbeits­los. Die Gewer­be­auf­sicht ist macht­los. Aber einer profi­tiert: der Unter­neh­mer. Denn Heimar­beit ist billig. Vor allem die Schwächsten dieser Gesell­schaft, kinder­reiche Familien, sind bei den Unter­neh­mern beson­ders beliebt: Ihre Heimar­beits­pro­duk­ti­vität ist hoch, das Entgelt gering, sozialer Schutz bei Krank­heit, Unfall oder Auftrags­mangel weitge­hend unbekannt. In der Heimar­beit spielt vielfach bei der materi­ellen Not der Familie die Mitar­beit der Kinder eine entschei­dende Rolle: Da heute noch in der Heimar­beit der Stunden­lohn teilweise unter der Zweimark­grenze liegt, könnten viele Familien auch gar nicht existieren, »wenn nicht selbst der Kanari­en­vogel Zwirn­fäden mitzöge« — wie man im Bayeri­schen Wald, dem klassi­schen Heimar­bei­ter­ge­biet, zu sagen pflegt. Wo Mütter Papier­blumen drehen oder Schmuck­käst­chen falten, kleben und beziehen, packen die Kinder fleißig zu:

Die Mutter des 9jährigen Gerd R. fertigt Knöpfe. Gerd: »Mein Vater hilft auch mit. Der ist Soldat und geht zur Bundes­wehr­schule. Meine Schwester ist 13, und die hilft fast jeden Tag. Und wenn sie nicht will, dann muß sie halt ins Bett, genau wie ich, wenn ich nicht arbeiten will« (Deutsche Zeitung vom 22.3.74). In der süddeut­schen Stadt Altöt­ting knüpfen Hunderte von Heimar­bei­te­rinnen — zusammen mit ihren Kindern — Rosen­kränze für 1,30 DM (durch­schnitt­li­chen) Stunden­lohn. Andere Kinder stellen mit ihren Müttern dort Topfrei­niger her, und zwar in der Stunde etwa 100 Stück für 1,05 DM Stunden­lohn (Merse­burger in: »Panorama«-Fern­seh­sen­dung im März 1971; vgl. auch: Arbeit­neh­mer. Heimar­bei­ter: Fäden zieht der Vogel 1971, 84).

»Ich fertige in Heimar­beit Topfrei­niger und kann aber nur ausrei­chend verdienen, wenn ich ein ungeheu­eres Pensum schaffe. Das geht eben nur, wenn alle Kinder mithelfen, und zwar ohne Pause den ganzen Nachmittag lang«, erzählt eine Mutter, die sich und die vier Kinder fast ausschließ­lich über Heimar­beit ernähren muß. Für sie ist unbegreif­lich, weshalb die Gewer­be­auf­sichts­ämter oder Pädagogen die Kinder­a­r­beit als »moralisch verur­tei­lens­wert und gesund­heits­schäd­lich« hinstellen und verbieten wollen. Sie sieht den Sachver­halt ganz anders. »Verur­teilt werden müßten die Ausbeuter, die uns wenig Lohn für die monotone Arbeit geben, keine Sozial­leis­tungen zahlen, und genau wissen, daß wir es nur durch die Mithilfe der Kinder schaffen, die sind verant­wort­lich, nicht ich als Mutter«, argumen­tiert sie verbit­tert (vgl. Körner 1984, 16).

Ein Beispiel aus Fried­richs­koog in Schles­wig-Hol­stein. Für Sophie Jäger, Mutter von neun Kindern, ist das Krabben­pulen eine Erwerbs­quelle, auf die sie angewiesen ist, ebenso wie Karl-Heinz Söhl, Vater von acht Kindern. Der gelernte Maurer ist arbeits­los. Für den Krabben­haufen braucht Familie Söhl etwa vier Stunden — dafür gibt es ganze 9 Mark. Frau Söhl: »Mein Mann ist Schäfer von Beruf und die Schäferei geht jetzt ganz schlecht, die Wolle kostet nichts. Die Schafe sind im Preis gesunken, also muß ich schon das als Heimar­beit annehmen«. Die Kinder, »die kriegen jeden Tag 50 Pfennig, wenn Badewetter ist … ein bißchen mehr. …, die kriegen kein Taschen­geld, Anziehs­a­chen kauf ich dafür«. Ab dem 5. oder 6. Lebens­jahr arbeiten die Kinder mit. »Puhlen alle, die hier in Fried­richs­koog wohnen, praktisch Krabben?« »Alle, ich tät sagen, doch zum größten Teil«. »Und überall helfen auch die Kinder mit?« »Ja, das ist hier überhaupt, das ist hier so Brauch und Sitte, daß die Kinder mit ran müssen«. Für ein Kilo Krabben­fleisch müssen drei Kilo Krabben entschält werden. Die Fischer bekommen 4,50 DM, die Heimar­beiter 3 DM. Der Konsu­ment zahlt im Laden für das Kilo Krabben­fleisch 28 DM (vgl. Schrö­der-Jahn 1976, 4 f.).

Zusam­men­fas­send ist hervor­zu­heben, daß angesichts wirtschaft­li­cher Krisen die Verar­mung vieler Familien dazu führt, daß die billige Arbeits­kraft von Kindern wieder Konjunktur hat. In der Bundes­re­pu­blik, einem der reichsten Länder der Welt, arbeiten wieder zigtau­sende Kinder aus Armut. Ohne Rücksicht auf körper­liche und seeli­sche Belas­tungen der Kinder machen die Unter­nehmer Sonder­ge­winne. Bei zustän­digen Regie­rungs­stellen wird das Problem nicht zur Kenntnis genom­men. Im Gegen­teil: Die Strei­chungen und Kürzungen bei der Sozial­hilfe, der Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung, dem Bafög usw. verstärken den Druck zur Kinder­a­r­beit mit all den bekannten verhee­renden Folgen. In erster Linie sind wieder Arbei­ter­kinder betroffen, die materiell, sozial und bildungs­mäßig sowieso schon beson­ders benach­tei­ligt sind.

Literatur:

Arbeit­neh­mer. Heimar­bei­ter: Fäden zieht der Vogel. In: Der Spiegel.  25. Jg. 1971, H. 13, S. 84-90
Jahres­be­richte der Gewer­be­auf­sicht (JdG)
Körner, Irmela: Kinder­a­r­beit. In: Sozial­ma­ga­zin.  9. Jg. 1984, H. 6, S. 12-17
Richter, Bernt: Kinder­a­r­beit in der Bundes­re­pu­blik. Manuskript einer Sendung des NDR vom  21.6.73
Schrö­der-Jahn, Jürgen: Kinder­a­r­beit. Infor­ma­ti­onen über ein altes Übel. Manuskript einer Fernseh­sen­dung des NDR vom 28.2.76
Semmler, Nortrud: Der 12-Stun­den­-Tag des Oliver T. Kinder­a­r­beit 74: Das große Geschäft mit den kleinen Helfern. In: Deutsche Zeitung, 22.3.74
Stark-von der Haar, Elke: Stich­wort »Kinder­a­r­beit«. In: Auern­heimer, Georg (Hrsg.): Handwör­ter­buch Auslän­der­a­r­beit. Weinheim-­Basel 1984, S. 211-215
Stark-von der Haar, Elke/ von der Haar, Heinrich: Kinder­a­r­beit in der Bundes­re­pu­blik und im Deutschen Reich. Eine Bestands­auf­nahme über Ausmaß und Folgen der Beschäf­ti­gung von Kindern und über den gesetz­li­chen Kinder­a­r­beits­schutz. Berlin  1980