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Verbandsnachrichten - 20.05.05

„Mit der Reichsbahn in den Tod“, Ein zu realisierendes Erinnerungsprojekt

Udo Kauß

Mitteilungen Nr. 189, S.6

Am 4.5.2005 fand in Freiburg in den Räumen des mittelalterlichen Kaufhaussaales eine denkwürdige Veranstaltung statt. Dass der übliche Kreis gesellschaftlicher Verantwortungsträger (GEW, VVN-BdA/DGB, Gegen Vergessen Für Demokratie e.V., iz3w.org, Friedensform Freiburg und die HU) zu der von der Aktion "Stolpersteine für Freiburg" (Marlies Meckel) vorbereiteten Veranstaltung eingeladen hatten, erklärt wohl nicht die für Freiburger Verhältnisse enorme Zahl von gezählten 320 Teilnehmern. Es war eher der Name der Referentin des Abends, Beate Klarsfeld, die das Thema der Vernichtung von Juden und Andersdenkenden einer erneuten Aktualisierung und Begreiflichkeit zuführte. Für mich und nicht wenige meiner Altersgenossen war der Knall der Ohrfeige der jungen Beate Klarsfeld für das NSDAP-Mitglied und Kanzler der Großen Koalition Kiesinger im Jahre 1968 der Eingang zum Erinnerungskanal unserer Nazi-Geschichte.
Im andauernden Bestreben, den Gemordeten Gesichter und Namen zu geben und die Mauer des Unfassbaren zu überwinden, hatte Beate Klarsfeld in Frankreich in Zusammenarbeit mit den französischen Staatsbahnen eine Wanderausstellung organisiert, die den Anteil der zivilen Eisenbahn an der Deportation und Ermordung von 11.000 Kindern aus Frankreich, davon 500 aus Deutschland und hier auch des Freiburger Raumes, darstellt und in exemplarischen Lebensläufen Kinder, deren Familien, Schicksale und Namen nennt und Fotos zeigt. Diese Ausstellung wird gegenwärtig in französischen Bahnhöfen gezeigt und die Eröffnung fand als Zeichen dessen Unterstützung durch den französischen Ministerpräsidenten Chirac statt. Das Bestreben, auch in deutschen Bahnhöfen eine solche Wanderausstellung zu ermöglichen, scheiterte bisher am kategorischen Nein der Deutschen Bahn AG und ihres Vorstandes. Rüdiger Minow, Schriftsteller und Filmer, zitierte aus dem unsäglichen Briefwechsel zwischen der deutschen Initiativgruppe und dem Vorstand der Bahn AG. Diese will die Bahnhöfe denk-, erinnerungs- und damit auch verantwortungsfrei erhalten und jede Konfrontation der Reisenden mit der Deutschen Reichsbahn als Teil der Nazi-Mordmaschine vermeiden. Das sollte nicht gelingen.
Die Initiative hat einen Flyer vorbereitet, der darauf wartet, massenhaft in den Zügen der Bahn verteilt zu werden. Die Initiative verdient jede Unterstützung, damit nicht dem historischen Skandal durch die bisherige Weigerung der Deutschen Bahn AG ein aktueller Skandal nachfolgt.